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Mein Name ist Lhan

Mein Name ist Lhan. Ich bin die Wintermaid.

Zu Ehren der Götter wurde ich in die Berge entsendet.

Ich soll den Kampf gegen die finsteren Mächte des Winters aufnehmen, auf dass der Frühling Einzug ins Tal halten kann.


Mein Name ist Lhan.

Ich bin ganz allein.



Viele Jahre zuvor

     
Zue rannte zur Wassermühle. Sie rannte so schnell, dass ihr beinahe die Zöpfe vom Kopf flogen. Dors war da und sie wollte ihn unbedingt sehen.

Endlich erreichte sie die Mühle. So laut, wie das Mühlrad klapperte, versuchte sie erst gar nicht, nach ihrem Lehrer Dors und ihrem Bruder Fran zu rufen. Die beiden schienen sich im Wohnhaus aufzuhalten und konnten sie ohnehin nicht hören. Ein letztes Mal schnappte sie nach Luft, die heute seltsam verräuchert roch. Sie riss die schwere Holztür auf und stolperte über die Schwelle.

»Dors?«, rief sie atemlos in die dunkle Stube hinein. »Ist Dors noch da?«

»Du kommst zu spät.« Fran gab sich keine Mühe, den Spott in seiner Stimme zu verbergen. »Dein geliebter Lehrer ist schon abgezischt. Den sehen wir so schnell nicht wieder.«

»Bitte sag, dass das nicht wahr ist.« Zue sackte in sich zusammen. »Außerdem ist er nicht mein geliebter Lehrer.« Die Enttäuschung, Dors verpasst zu haben, fühlte sich wie ein Tritt in die Magengrube an. »Und ich habe mich so beeilt.«

Erschöpft ließ sie sich auf einem der Stühle niedersinken, die Fran erst neulich gebaut hatte. Sie atmete tief durch. In der Luft lag das vertraute Aroma von Äpfeln und Holz.

»Draußen riecht es so seltsam, als ob was verbrannt wird«, sagte sie.

»Und es ist ungewöhnlich ruhig. Totenstille sozusagen.« Fran saß am Küchentisch. Die Ärmel hochgekrempelt und das verschwitzte Gesicht mit Staub verschmiert, schnitzte er an einem hölzernen Verbindungsstück. Nach seiner Lehre bei den Meistern der Wissenden war aus ihm ein passabler Tischler geworden.

›Eigentlich sogar ein richtiger Baumeister‹, dachte Zue. Im Moment versuchte er sich mit Dors’ Hilfe an einem Windrad, um die Kraft der Mühle ihrer Eltern zu steigern. Wobei sie auf Dors’ Wissen wohl für längere Zeit verzichten mussten.

»Er schließt sich dem Drohnenheer der Ewigen Königin an«, sagte Fran. Für den Bruchteil eines Augenblicks legte sich etwas Dunkles über sein fröhliches Gesicht. »Aber er lässt dich schön grüßen. Und er hat ein Geschenk für dich dagelassen.« Er grinste und die Sommersprossen leuchteten mit seinem roten Haar um die Wette.

»Ein Geschenk?« Zues Wangen begannen zu glühen. »Für mich?«

»Dieses Jahr ist dein vierzehnter Sommer. Eigentlich solltest du mit Dors und seinen Leuten mitgehen. Zum Studieren.« In seinen Worten schwang so etwas wie Bedauern mit. »Aber da wird ja nichts draus in diesen unsicheren Zeiten.« Fran unterbrach die Schnitzarbeit und rieb sich die Hände an der Hose ab. Er stand auf und ging zum Vorratsschrank. Auf dessen Ablage entdeckte Zue ein Päckchen, das in ein Tuch eingeschlagen war. Fran nahm es in die Hand und brachte es zum Tisch. »Bitte schön. Mit den besten Grüßen von …« In gespielter Anstrengung verzog er das Gesicht. »… von Dorsendriondarilobarnar-Selodirmen–Serband.« Er verdrehte die Augen. »Oh Mann, diese Namen. Keine Ahnung, wie die sich solch lange Namen merken können. Mich würde das irremachen.«

»Keine abfälligen Bemerkungen über die Götter!«, donnerte eine strenge Stimme hinter ihnen.

Zue erstarrte, ebenso wie Fran, der sein schelmisches Grinsen nur unzulänglich hinter einer schuldbewussten Miene verbarg.

»Ich dulde es nicht, wenn in unserem Haus über die Götter gespottet wird«, schimpfte Urgroßvater Kolb, der von ihnen unbemerkt die Stube betreten hatte. »Ihr jungen Leute habt ja keine Ahnung, was wir ihnen alles verdanken.« Mehlstaub überzog sein Gesicht, als hätte er sich gepudert. Ein urkomischer Anblick, der die Strenge seiner Worte zunichtemachte.

»Aber sie sind gar keine Götter«, erwiderte Zue hastig, um ihren Bruder zu verteidigen.

»Sagt wer?« Der alte Mann funkelte sie zornig an.

»Dors sagt das und all die anderen Wissenden, die zu uns ins Dorf kommen.«

»Das sagen sie nur, weil sie so anständig sind.« Urgroßvater Kolb lächelte verschmitzt. Offenbar war sein Ärger über die ach so freche Jugend verflogen. »Seid dankbar, dass wir derart freundliche Götter haben. Götter, die für uns sogar in den Krieg ziehen.«

»Wird es wirklich Krieg geben?« Zue wurde es ganz eng in der Brust bei dem Gedanken an die bärtigen Reiter, die seit einiger Zeit die Täler am Nordhang des Grauen Seng durchstreiften. Keiner wusste, woher sie kamen. Und dann die Gerüchte! Sie erschauerte.

»Erst mal wird es ein Geschenk geben«, sagte Fran. »Hier bitte. Von Dors. Du sollst ihn nicht vergessen, hat er gesagt.« Er wickelte das Tuch ab und ein mit kunstvollen Schnitzereien verziertes Holzkästchen kam zum Vorschein. »Er beschützt unser Walnusstal. Und wenn er damit fertig ist, kommt er wieder und begleitet dich in die Stadt der Ewigen Königin zum Studieren. Soll ich dir ausrichten.« Fran strahlte über das ganze Gesicht. »Das wird so wunderbar, Schwesterherz. Freu dich schon mal auf die beste Zeit deines Lebens!«

»Da hat dein Bruder ausnahmsweise recht.« Etwas Schwärmerisches legte sich über das von Falten zerfurchte Gesicht des Urgroßvaters. »Weißt du schon, was du lernen willst?«

»Ich?« Immer diese Fangfragen. Zue verzog den Mund. Mit einem Mal kreisten wieder all die Möglichkeiten durch ihren Kopf und vermischten sich mit den Erwartungen ihrer Familie. »Ich habe mich noch nicht entschieden.« Zumal im Moment etwas anderes viel interessanter erschien. Nämlich das, was sie in den Händen hielt. Zue öffnete das Kästchen und ein freudiger Schreck durchfuhr sie. »Ach, Dors.« Ein paar vorwitzige Tränen schlichen sich in die Augen, als ihr Blick auf die Haarsträhne fiel, zusammengehalten von einem Band aus schwarzem Samt.

»Gib’s zu, du bist verknallt.« Fran lachte.

»Gar nicht!« Fieberhaft suchte Zue nach einer Möglichkeit, von diesem überaus peinlichen Thema abzulenken. »Wie ist sie eigentlich, die Ewige Königin? Habt ihr sie damals gesehen?« Fragend schaute sie ihren Bruder und den Urgroßvater an. Schließlich hatten beide schon für eine Weile in der Stadt unter dem Berg gelebt. Vielleicht hatten sie einen Blick auf das Herz von Dors’ Volk werfen können.

»Sie ist unbeschreiblich«, antwortete Fran und seine Augen wurden glasig, als würde er träumen.

»Du kannst sie mit nichts vergleichen, was du jemals in deinem Leben gesehen hast«, ergänzte der Urgroßvater.

»Isst sie denn keine rohen Eier?«

»Rohe Eier?« Fran und der Urgroßvater glucksten vor Lachen. Anscheinend hatte sie etwas sehr Dummes gefragt. Dabei hieß es doch immer, es gäbe keine dummen Fragen.

»Habt ihr all das wirklich gesehen?«, bohrte Zue nach. »Die Königin, die Stadt unter dem Berg? Den Saal der singenden Kristalle?«

»Wir haben sie gesehen«, sagte der Urgroßvater und zwinkerte Fran verschwörerisch zu. »Und auch du wirst das alles sehen – und noch viel mehr. Sobald dieser verdammte Krieg …« Er brach mitten im Satz ab und ein bitterer Zug legte sich um seinen Mund.

Seit die Krieger über die Berge kamen, herrschte oft erdrückende Stille in den Häusern des Walnusstals. Zue verstand nicht, was diese Männer hier wollten, die Ketten mit Knochenfingern um den Hals trugen und mit Armbrüsten zum Vergnügen auf harmlose Bauern schossen. Und wenn sie die Erwachsenen fragte, erhielt sie nur betretenes Schweigen als Antwort. Vermutlich, weil sie es selbst nicht wussten.

Ratlos musterte Zue Urgroßvater Kolb, dem die Sorgen ins Gesicht geschrieben standen. Den alten Mann so verzweifelt zu sehen, versetzte ihr einen Stich. Schnell wand sie die Augen ab und ließ die Blicke durch den Raum schweifen. In Gedanken versunken schaute sie aus dem Fenster. Da war etwas, das sich zu schnell für einen Dorfbewohner in der drückenden Mittagshitze bewegte. Zue kniff die Augen zusammen und das Etwas nahm Form an.

»Da draußen ist ein Reiter.« Zue blinzelte. »Wie seltsam. Er trägt eine Fackel, obwohl es helllichter Tag ist.«

»Ein Reiter mit einer Fackel? Wo?« Fran ließ die Schnitzerei auf den Tisch fallen und eilte zur Tür.

»Bleib hier!«, rief Urgroßvater Kolb. Panik schrillte in seiner Stimme.

Zu spät. Fran hatte die Haustür bereits geöffnet. Es gab ein zischendes Geräusch, kurz bevor der Pfeil ihn traf. Fran brach noch auf der Türschwelle zusammen.

Es ging alles so schnell. Menschen schrien. Der Gestank von Rauch lag in der Luft. Zue rannte aus der Mühle. Und dann sah sie, dass es mehr als nur ein einzelner Reiter war. Die Krieger hatten das Dorf überrannt und die Flammen der brennenden Häuser loderten bis in den Himmel.

 

Ein hoffnungsloser Fall

    
Draußen fauchte der Schneesturm. In der Höhle rasselte der Atem des sterbenden Widders. Lhan konnte sich kaum entscheiden, welches Geräusch das schlimmere war.

Nein, vor der Höhle gab es ein viel schlimmeres Geräusch. Unmittelbar nach dem Erdrutsch, hatte es begonnen, und erst der Schneesturm hatte es fortgeweht: der Schrei des Eisgeistes.

Für eine erfahrene Jägerin hätte der Schrei Musik in den Ohren sein müssen. Mit ihren siebzehn Sommern war Lhan jedoch alles andere als erfahren, auch wenn draußen vor der Höhle der Kadaver der riesigen Schneekatze lag, die sie geschossen hatte. Es war ihr erster und ihr letzter Jagdausflug, der sie in die verschneiten Hänge des Grauen Seng geführt hatte. Die Menschen im Dorf zählten auf sie. Dabei ging es nicht allein um die Medizin, welche die Quacksalber aus der Schneekatze gewinnen konnten. Es ging um mehr. Um viel mehr.

»Ich bin die Wintermaid«, flüsterte Lhan trotzig in die dunkle Kälte. Ihr heiliger Auftrag lautete, die Macht des Winters zu brechen. Schon deshalb musste sie es bis nach Hause schaffen.

Lhan hockte auf dem Höhlenboden, die Knie umklammert, als könnten sie ihr Halt geben. Sie starrte ins Feuer, das sich vergeblich mühte, der feucht-kalten Höhlenluft Wärme aufzuzwingen. Bis vor wenigen Stunden war ihr der weitere Verlauf des Jagdausflugs noch als ein Kinderspiel erschienen: Sobald der Schneesturm nachließ, die Schneekatze auf den Widder schnallen und den zugegeben recht beschwerlichen Weg zurück ins Dorf auf sich nehmen. Wäre alles glatt gelaufen, hätte der Abstieg ins Tal etwa zwei Tage gedauert, und sie hätte wieder bei Großmutter Zue am Herdfeuer sitzen können.

›Hätte, hätte, Bernsteinkette‹, dachte sie verbittert.

Lhan stocherte in der Glut. Wenigstens zehn Silberblatt zahlten die Quacksalber für den Schneekatzenkadaver. Für einen lebenden Eisgeist gäbe es mehr als mickriges Silber. Da rückten die Quacksalber sogar Gold heraus. ›Fünfzehn oder zwanzig Goldbatzen, je nachdem, ob es ein Weibchen oder ein Männchen ist‹, schätzte Lhan.

Mit einem verächtlichen Schniefen blies sie die Tagträume davon. Sie würde weder die Schneekatze ins Tal schaffen, noch einen Eisgeist erbeuten. Spätestens morgen wäre der Widder krepiert und sie musste zu Fuß den Abstieg ins Tal wagen. Mit ihrem verstauchten Knöchel, dick wie eine Sumpfrübe, dauerte das mindestens eine Woche. Wenn sie es denn überhaupt schaffte, derart geschwächt den Schneekatzen, Mondhunden und vor allem den verfluchten Eisgeistern aus dem Weg zu gehen.

Es half alles nichts. Sie musste das Beste aus der Misere machen, in die sie sich hineinmanövriert hatte. Lhan legte einen Ast ins Feuer, das mit gieriger Hast das wenige Holz aufzehrte, das sie hatte finden können. Der Schneesturm kam rasend schnell über die Berge gezogen, weshalb ihr kaum Zeit geblieben war, Holz zu sammeln. Zumal hier oben nur kniehohe Büsche wuchsen und auch die nur an den geschützten Stellen, die der ewige Eiswind mied.

Der Widder, der ein paar Schritte von ihr entfernt lagerte, tat einen tiefen Atemzug, der einem schmerzerfüllten Stöhnen glich. Lhan kam es so vor, als ob sie selbst die Schmerzen spürte, die in dem verzweifelten Ringen nach Luft nachhallten. Das Tier musste sich eine Rippe gebrochen haben, als der Steinschlag es traf, und die schien sich in seine Eingeweide zu bohren. Es kam einem Wunder gleich, dass Lhan genau in dem Moment, als sich Felsbrocken groß wie Häuser vom Hang direkt vor ihr lösten, den Höhleneingang gefunden hatte. Und kaum hatte sich das Beben ausgetobt, heulte schon der Wind los, um den Schneesturm anzukündigen.

»Keinen Hund jagen sie zu dieser Jahreszeit ins Gebirge, aber ein kleines Mädchen«, hatte Großmutter Zue anstatt eines Abschiedsgrußes gemurmelt.

›Von wegen kleines Mädchen‹, dachte Lhan trotzig. Sie würde es schaffen. Sie war die Wintermaid, die tapfere Maid, die den Winter besiegte und den Frühling ins Tal brachte. Alle würden sie feiern, wenn sie mit der erlegten Schneekatze zurückkehrte. Sie dachte an das Fest mit Unmengen von Essen, Rübenwein, der in Strömen floss und das große Feuer mitten auf dem Dorfplatz, das bis in den Himmel loderte. Fast war es, als könnte sie die Musik hören, mit der die Spielleute zum Tanz aufspielten, der bis in die Morgenstunden andauern würde. Es wäre ein noch viel größeres Fest als bei ihrem Auszug aus dem Dorf. Da hatten sich die Kinder um die Ehre gestritten, den Widder der Wintermaid bis zum Pfad ins Gebirge zu führen. Und bei so manch gestandenem Jäger schwammen Tränen der Rührung in den Augen. Wenigstens an diesem einen Tag hatte sie die Königin der Berge sein dürfen.

Heute, kaum sieben Tage später, hatte sie sich von einer Königin in ein Häufchen Elend verwandelt. Die Finger steif gefroren, der geschwollene Knöchel ein einziger Schmerz, hockte sie auf dem kalten Boden der Höhle. Sie kämpfte gegen die Angst vor einem der gefährlichsten Raubtiere des Gebirges an, dessen Schrei ihr noch immer in den Ohren schrillte, obwohl ihn der Sturm längst geschluckt hatte.

Misstrauisch musterte Lhan den Höhleneingang, der sie mit grausamer Schwärze angähnte. Ob der Schneesturm den Eisgeist zurück in seinen unterirdischen Bau getrieben hatte? So ein Sturm musste selbst ein mächtiges Raubtier wie einen Eisgeist abschrecken. Sicher hielten die eisigen Böen das Monster davon ab, draußen herumzuschleichen.

Mit klammen Fingern strich sich Lhan durchs Haar. Wie Filz fühlte es sich an. Kein Wunder nach einer Woche im Gebirge, ohne Kamm oder eine Gelegenheit, sich zu waschen. Sogar der Bund der Hose schlackerte nach den Entbehrungen des Jagdausflugs um die Taille. Dabei galt sie doch in den Augen ihrer vier Brüder als Pummelchen.

Gleich morgen, sobald die Sonne aufgegangen war, wollte sie aufbrechen. Vorausgesetzt der Sturm wäre dann vorüber. Zuerst würde sie den Widder erlösen müssen, so weh ihr das tat. Aber sie durfte ihn nicht länger leiden lassen. Außerdem lieferte ihr das Fleisch des Tieres genügend Proviant, um es ins Dorf zurückzuschaffen – ohne Beute und ohne den glorreichen Sieg über die Berge und die darin lebenden Bestien. Was das bedeutete, wusste sie.

»So wie damals bei Thran«, flüsterte Lhan. Sie fröstelte und kuschelte sich tiefer in den Lammfellmantel. Wie fröhlich das kleine Lagerfeuer flackerte, weil es nicht wusste, dass es bald erlöschen musste. Sie zog die Fäustlinge, die ihr Großmutter Zue zum Lichtwechselfest geschenkt hatte, über die steif gefrorenen Finger. »In den Bergen wirst du sie brauchen«, hatte Großmutter gesagt. Lhan dachte an das Tränenglitzern in den Augen der alten Frau. Wie sehr sie sich wünschte, die Tränen in Freudentränen zu verwandeln.

Und wenn der Eisgeist noch immer draußen herumschlich? Wenn er längst ihre Witterung aufgenommen hatte und sie im Schlaf überwältigte? Der unförmige Fäustling fühlte sich mit einem Mal falsch an, wie er die Schusshand lähmte. Sie streifte ihn ab und griff nach der Armbrust, die neben ihr auf dem Felsboden lag. In einer solchen Nacht wollte sie die Schusshand freihaben. Besser, sie döste nur ein wenig, anstatt zu schlafen.

Lhan nahm den Köcher aus gehärtetem Hirschleder und zog einen der Bolzen heraus. Es war der aus Metall. Der besondere Bolzen, ein tödliches Meisterwerk der Schmiedekunst. Selbst erfahrene Jäger führten nur zwei oder drei davon mit sich, weil sie ein halbes Vermögen kosteten. Sie spannte den Bolzen in die Armbrust. Sollte er sich in die Beute bohren, klappten Dutzende Widerhaken auf. Beim Versuch, das Geschoss herauszuziehen, drangen sie tiefer ins Fleisch ein, um dort ihr Gift zu verspritzen. »Es betäubt, aber es tötet die Beute nicht«, hatte der Zeremonienmeister erklärt. Abgesehen vom Silberhaar wäre ein toter Eisgeist keinen Kupferling wert. Und ausschließlich für Eisgeister hatte ein Meisterschmied aus der Stadt diesen Bolzen geschaffen.

Lhan zupfte die Schaffelle zurecht, die sie in der Nähe der Feuerstelle auf dem Felsboden ausgebreitet hatte. Sie richtete ihr Nachtlager so aus, dass sie den Widder und den Höhleneingang im Blick behielt, und fütterte die Flammen mit dem Rest des gesammelten Holzes. Ein letztes Mal prüfte sie, ob der Rauch auch tatsächlich aus der Höhle abzog. Anderenfalls drohte sie hier oben im Gebirge für immer zu schlafen. Erschöpft und klamm vor Kälte ließ sie sich auf dem Lager nieder. Den unnützen Handschuh der Schusshand bettete sie wie ein Kissen unter den Kopf. Angespannt lauschte sie auf das Tosen des Schneesturms, das durch die windgeschützte Lage des Höhleneingangs gedämpft an ihr Ohr drang. Nichts zu hören. Kein Eisgeist, keine Mondhunde. Eine Schneekatze hätte sie sowieso nicht hören können, so leise, wie diese Bestien schlichen. Trotzdem musste sie ruhen. Nur ausgeruht durfte sie morgen den Abstieg wagen.

Lhan schloss die Augen. Großmutter Zues Stimme flüsterte durch ihre Gedanken. Sie flüsterte von den Sorgen um das Haus, das immer baufälliger wurde, von Lhans Mutter Mina, die in der Stadt bei einem Gerber schuftete, von Lhans Großvater, der viel zu früh gestorben war, von Lhans Vater Sohr und all den anderen Männern, die nur soffen, hurten, rauften und sich ansonsten um nichts weiter scherten als das Befolgen der Traditionen. Wie Großmutter Zue geschimpft hatte, als Lhans Vater stolz von seinem großartigen Geschäft berichtet hatte, den Beutel mit den Kupferlingen wie eine Trophäe in der Hand. Er hatte Lhan an den Zeremonienmeister verkauft. Der hatte sie zwei Jahre lang zur Wintermaid ausgebildet – die einzige Jägerin des Dorfes. Die Jungfrau, die alle zehn Winter ausgesandt wurde, um den Bergen zu zeigen, wer die wahren Herrscher im Gebirge waren. Nicht die Schneestürme, Lawinen, Steinschläge oder Eisgeister. Nein, die Menschen waren es. Denn selbst ein schwaches Mädchen konnte es mit dem Winter in den Bergen aufnehmen und ihn bezwingen.

›Wenn sich der Widder nicht verletzt hätte‹, dachte Lhan. ›Und wenn der verfluchte Felsbrocken meinen Knöchel verschont hätte.‹

Sie tastete nach der gespannten Armbrust, die in Griffweite neben ihr unter einem der Felle lag, die Lhan vor der Kälte schützten. Die einsatzbereite Waffe versprach ein wenig Schutz in der lebensfeindlichen Umgebung. Hoffentlich löste sich kein Schuss, während sie döste.

Sie schloss die Augen und streichelte über das glatte Holz des Griffs. Immer tiefer versank sie in den Erinnerungen an das Dorf, den Zeremonienmeister, an ihre Familie. Am knisternden Feuer und eingekuschelt in die Felle, fühlte es sich beinahe so an, als wäre sie längst wohlbehalten zu Hause.

 

Die Jagd

    
Der Widder! Das Schnaufen fehlte. Dafür gab es ein anderes Geräusch. Lhan riss die Augen auf. Der Schock brannte sich durch ihren Körper. Ihr Reittier lag nicht am Boden, sondern stand aufrecht. Wie ein entsetzlicher Parasit hing eine Kreatur an seiner Seite, umfasste es mit spindeldürren Armen und gab dabei ein Geräusch von sich, das wie das Schnurren einer Katze klang. Der Eisgeist hatte den Höhleneingang entdeckt und machte sich über den Widder her.

»Nein!« Obwohl Lhan das Wort mehr dachte, als es auszusprechen, verriet sie sich. Die widerliche Kreatur, die bis vor einem Augenblick ihre Fratze tief in das Fell des Widders gepresst hatte, wandte sich Lhan zu.

Lhan schrie vor Entsetzen. Der Anblick der Bestie, so unglaublich nah, lähmte ihre Gedanken, ließ sie alles vergessen, was sie in ihrer Lehre beim Zeremonienmeister gelernt hatte.

Auf den ersten Blick ähnelten Eisgeister den Menschen, auf den zweiten Blick fiel der schmächtige Körperbau auf, die dürren Gliedmaßen, das seltsame Haar. Spinnengleich kroch das Biest auf sie zu. Es war bleich wie eine Leiche. Mit riesigen, dunklen Augen, in denen das Weiß fehlte, glotzte es sie an. Seine langen Haare glänzten wie flüssiges Silber. Jetzt, wo sich das Wesen aufrichtete, hatte es die Größe eines stattlichen Mannes. Über seine Leichenhaut flimmerten regenbogenfarbige Schimmer, die an das Innere einer Muschel erinnerten. Seine Nase war so schmal, dass sie kaum in dem eigenartigen Gesicht auffiel, das alle Schriftrollen als auf grausame Weise anmutig beschrieben. Ohren besaßen diese Wesen keine. Nur winzige Löcher im Kopf, so wie die Vögel. Dennoch hörten sie viel besser als ein Mensch. Vielleicht sogar besser als eine Schneekatze.

Lhan vergaß zu atmen. Gleich würde das Wesen die dünnen Lippen öffnen, entweder um derart bestialisch zu schreien, dass es Lhan auf diese Weise tötete. Oder um Laute auszustoßen, die durchaus an menschliche Sprache erinnern konnten. Wobei Eisgeister das Sprechen nur nachäfften, so wie die Kirschvögel, die im Sommer in die Obsthaine einfielen und selbst das keuchende Husten des alten Horg perfekt nachahmten.

Zwei Schritte von ihr entfernt blieb das Wesen stehen. Es ging in die Hocke, als machte es sich zum Sprung bereit, und streckte die Hand mit den dürren Fingern nach ihr aus. Das Raubtier hielt den Kopf schräg und blinzelte zweimal. Jeden Augenblick würde es sich auf sie stürzen und ihr bei lebendigem Leibe die Eingeweide herausreißen. Eisgeister ernährten sich von der Angst der Menschen und von ihren Herzen, wenn sie noch schlugen.

»Keine Angst«, knarzte die Kreatur mit einer Stimme so kalt, als glitten zwei Eisplatten übereinander. »Dein Widder …«

Lhan krümmte den Zeigefinger der Schusshand. Der Bolzen fand sein Ziel und bohrte sich tief in den Bauch des Untiers.

»Mensch …« Die Kreatur stierte Lhan an. Fast wirkte es so, als litt sie Schmerzen. Mit dürren Fingern umklammerte der Eisgeist das Geschoss und versuchte, es herauszuziehen.

»Gib dir keine Mühe.« Lhan behielt das Monster fest im Visier. Schwarzes Blut quoll aus der Wunde. Es richtete sich auf, als wollte es aufspringen, nur um sofort wieder zusammenzusacken. Sein Blick brach und es blieb reglos am Boden liegen.

War das wirklich passiert? Ungläubig starrte Lhan ihre Jagdbeute an. Es dauerte ein paar Herzschläge lang, ehe sie ihr Glück begriff: Sie hatte einen Eisgeist erlegt!

Die pure Freude wirbelte wie eine Schar wild gewordener Schmetterlinge durch ihren Bauch. Einen Augenblick lang wusste sie nicht, was sie zuerst machen sollte. Der Augenblick verflog so schnell wie die Angst, die sie eben noch gelähmt hatte.

Lhan rappelte sich vom Lager auf und hinkte zur Jagdbeute, die betäubt neben dem Feuer lag. Sie stemmte den Fuß unter das Tier und drehte es auf den Rücken. Es war ein ausgewachsenes Exemplar. Zwischen den Beinen entdeckte sie keine Spur von dem, was Großmutter Zue als »Piephahn« bezeichnete – ein Wort, bei dem die alte Frau jedes Mal bedeutungsvoll die Augen rollte, wenn sie es aussprach. Dennoch musste es ein Männchen sein, verriet der Körperbau. Das war beinahe zu viel Glück auf einmal, brachten die Männchen doch mehr Gewicht auf die Waage als die Weibchen. ›Gewicht, das mit Gold aufgewogen wird‹, jubelte Lhan innerlich. Zum zweiten Mal wirbelten die Freudenschmetterlinge durch ihren Bauch. Die Jagdbeute würde so viel Gold bringen, dass es dafür reichte, Großmutters Haus auszubessern und ihre Mutter aus der Knechtschaft in der Stadt auszulösen. Und obendrein konnte die Familie die nächsten Jahre frei von allen Sorgen leben.

Lhan beugte sich über den Eisgeist und musterte ihn eingehend. Solange das betäubende Gift wirkte, war er ungefährlich. Mit wachsendem Ekel strich sie über die unnatürlich bleiche Haut, durch die blaue Adern schimmerten. Während die Wangen des Wesens warm und trocken erschienen, fühlte sich die schillernde Haut, die unter dem Halsansatz begann, glitschig an, wie bei einer schleimigen Kröte aus dem Sumpf. Lhan schüttelte sich vor Ekel. Die seltsame Haut bedeckte das Wesen bis zu den zehenlosen Füßen. Das Haar dagegen fasste sich an wie feinstes Garn. Feiner, als es ein Mensch jemals spinnen könnte. Es glänzte, als wäre es aus purem Silber.

Der Zeremonienmeister besaß einen Mantel aus Geisterhaar. Angeblich schützte ein solches Kleidungsstück seinen Besitzer vor allen Feinden und Krankheiten. Sicher würde auch ihr so ein Mantel stehen. Vielleicht behielt sie das Haar für sich selbst und sammelte über die Jahre mehr davon, falls die Männer es erlaubten, dass sie weiterhin als Jägerin in die Berge ziehen durfte. Und in zehn oder zwanzig Sommern hätte sie so viel Eisgeisterhaar zusammen, dass es für einen eigenen Mantel reichte.

Obwohl es sie vor der glitschigen Haut ekelte, legte sie die Hand auf die Brust des Geistes. Sie musste sichergehen, dass er noch am Leben war. Der Brustkorb, schmal wie der eines Jünglings, hob und senkte sich. Der Eisgeist lebte, auch wenn er wie tot aussah. Vorsichtig zog sie an dem Bolzen, der knapp eine Handbreit aus seinem Bauch ragte. Das Monster stöhnte im Schlaf derart laut auf, dass Lhan befürchtete, es würde erwachen. Das Metallstück steckte fest. Genauso, wie es sein sollte. Erleichtert atmete sie auf.

So schnell, wie die Freude über das Jagdglück aufgeflammt war, flaute sie wieder ab. Wie sollte sie die Beute mit ihrem lädierten Knöchel ins Tal schaffen? Zumal der Geist lediglich schlief. Was, wenn er aufwachte, sie mit zauberischen Worten verwirrte und über sie herfiel, um ihr Herz zu fressen? Wenn doch bloß der Widder bei Kräften wäre. Lhan hob den Kopf und musterte das sterbende Reittier. Zum zweiten Mal in dieser Nacht zuckte sie vor Schreck zusammen.

Im vergehenden Licht des Feuers erblickte sie kein sterbendes Tier. Im Gegenteil. Der junge Widder stand auf allen Vieren vor ihr und kaute mit gesundem Appetit an dem Heu, das er vor ein paar Stunden noch verweigert hatte. Lhan rieb sich über die Augen. Das Bild blieb. Sie hinkte zu dem treuen Gefährten und versenkte die Hände tief in dessen Fell, genau an der Stelle, an der die Bestie die Wunden gerissen haben musste. Sie fand nichts als die wunderbare Wärme eines kerngesunden Tieres.

Für ein paar Augenblicke stand sie ratlos vor dem Widder, der sich das Heu schmecken ließ. Ungläubig strich sie über dessen armlange Hörner, die ihm wie gewundene Spieße aus dem Schädel wuchsen. Sie kraulte ihm hinter den Ohren. Das Tier presste den felligen Kopf gegen ihre Hand. Es schien ihre Berührung zu genießen.

Jetzt bloß keine Zeit verlieren. Solange die Glut des Feuers noch etwas Licht spendete, musste sie handeln. Erstaunlich, dass das winzige Lagerfeuer überhaupt so lange gebrannt hatte. Erst jetzt entdeckte sie den glühenden Stein inmitten der Asche, der so hell leuchtete, als wäre ein Stück von der Sonne abgebrochen und zu ihr in die Höhle gerollt.

»Seltsam«, murmelte Lhan. Anscheinend hatte sie den Stein mit den dürren Ästen des Lagerfeuers zum Glühen gebracht. ›Anders kann es gar nicht sein‹, dachte sie. Sie hielt einen Stock an den Stein. Das Holz fing sofort Feuer. Mit einem Schulterzucken tat sie die Entdeckung ab. Zumal die Zeit drängte. Schließlich galt es, eine Bestie zu fesseln.

Eilig suchte sie die Stricke zusammen, die sie in ihrer Ausrüstung mit sich führte. Das ganze Dorf hatte dafür gesammelt, um die Wintermaid mit allem auszustatten, was ein Jäger in den Bergen zum Überleben brauchte. Dazu gehörten neben der Armbrust und der Winterkleidung aus Schafsfell auch die Planen, Decken, Stangen und Seile, die sie brauchte, um sich einen Unterschlupf zu bauen oder die Beute zu transportieren. Selbst für den Widder, eine Leihgabe des Zeremonienmeisters, hatten die Menschen im Dorf gesorgt. Das Heu in den Säcken war bald aufgebraucht. Es ging ebenso zur Neige wie ihr Vorrat an Brot, Dörrobst und Trockenfleisch. Es war an der Zeit ins Dorf zurückzukehren und die Rückkehr würde dank der wertvollen Jagdbeute zu einem Triumph werden.

Mit den Seilen in der Hand beugte sie sich über die betäubte Bestie. Wie oft hatte sie zusammen mit dem Zeremonienmeister und den angehenden Jägern, die bei ihm ebenfalls

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Klara Bellis
Bildmaterialien: depositphotos.com
Cover: Yvonne Less - Art 4 Artists
Tag der Veröffentlichung: 28.04.2019
ISBN: 978-3-7487-0269-6

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Beere und Schrumpel

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