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Waschküche

  
Im Augenblick des Todes soll angeblich das ganze Leben an einem vorbeiziehen. Jan gingen nur die letzten Monate durch den Kopf. Wieder und wieder. Eine Dauerschleife des Glücks, das sich in Entsetzen verwandelte.

Da gab es den Garten. Die Ziegelwand. Und den Anruf. Warum nur hatte er diesen Arzt angerufen?

Jan kniff die Augen zu und zwang sich, ruhig zu atmen. Vergeblich. Die Panik peitschte die Luft aus den Lungen, drückte sie durch die Nasenlöcher, die sofort gierig frischen Nachschub einsogen. Durch den mit Paketband verklebten Mund konnte er nicht atmen. An Händen und Beinen mit Kabelbindern gefesselt lag er, mit bloßen Füßen und im Pyjama, auf dem kalten Estrichboden einer Waschküche und wartete auf den Tod.

Das Wasser im Kessel erhitzte sich langsam. Neben dem Kessel stand der Eimer. Der Eimer mit der Asche. Jetzt fehlte nur noch eine Zutat, um das Aschenblut-Ritual perfekt zu machen – und das war Blut. Sein Blut.

Jan wimmerte vor Angst. Soeben hatten die beiden Männer die Waschküche betreten. Männer, die sich geschmeidig wie Raubkatzen bewegten und die nichts Menschliches mehr an sich hatten. Ihnen folgte ein dritter Mann. Einer, der eine alte Hebammentasche aus braunem Leder mit sich führte, und den Jan an der Stimme erkannte. Er hatte diese Stimme schon einmal am Telefon gehört: der Anruf bei Doktor Siebold. Die Stimme, die den Albtraum wahr gemacht hatte, der an einem Morgen im Mai als Traum begann.

Haus und Garten

    
Wie jeden Tag fuhr Jan an diesem Frühlingsmorgen mit dem Pendlerzug in die Großstadt. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück und zwischendurch acht Stunden Langeweile, wenn er über den Akten brütete, die sich auf dem Schreibtisch im Grünflächenamt stapelten. Und am Wochenende würde er, wie jedes Wochenende, vor dem Fernseher sitzen und von einem anderen Leben träumen. Geschieden, die Kinder längst ausgeflogen, fast dreißig Jahre im selben Job – mit Anfang fünfzig hatte es sich ausgeträumt.

Auf der Heimfahrt rauschte die Außenwelt am Zugfenster vorbei. Angesichts der grünen Fülle da draußen überkam ihn so etwas wie ein Glücksgefühl. Und gleichzeitig machte ihn der Anblick traurig, denn er sehnte sich nach einem Garten. Seine Wohnung im Zentrum der Kleinstadt besaß nicht einmal einen Balkon.

Eigentlich pure Ironie, dachte er. Keinen Garten haben, aber im Grünflächenamt arbeiten. Er verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen.

Jan stieg aus dem Zug und sog die frische Luft ein. Eine Wohltat nach dem säuerlichen Dunst im Zugabteil. Die Aktentasche baumelte locker zwischen den Fingern. Wie immer am Freitagnachmittag fühlte sie sich viel leichter an. Auf dem Weg nach Hause lief er wie jeden Abend die Siedlungsstraße mit ihren luxuriösen Einfamilienhäusern entlang. Eine der Parzellen schien sich dem Wettbewerb zwischen Protz und Einfallslosigkeit zu verweigern. Sie glich einer Wildnis, in deren Zentrum ein baufälliges Häuschen stand. Im letzten Jahr hatte hier noch Friedrich Jäger gewohnt, der inzwischen zu seiner Familie in die Großstadt gezogen war. Der schrullige Alte gehörte einer streng religiösen Gemeinschaft an. Angeblich praktizierten sie sogar Teufelsaustreibungen, munkelten die Leute in der Stadt. Was für ein absurder Gedanke. Jan schmunzelte.

Der Nachbar, Jans ehemaliger Schulkamerad Ingolf Schröter, kümmerte sich ein wenig um das Jägergrundstück. Gerade mähte er die Wiese, als Jan vorbeischlenderte. Der Frühpensionär legte die Sense aus der Hand und winkte Jan heran.

„Hast du schon gehört?“, raunte er verschwörerisch, „Die Kinder vom alten Jäger suchen immer noch einen Käufer.“ Er drehte sich um und nickte in Richtung des Wildwuchses. „Hoffentlich finden die bald einen Dummen. Lange mache ich das nicht mehr mit.“ Er rieb sich den Rücken und ächzte, als hätte er Schmerzen. Die Gartenarbeit bekam ihm offenbar schlecht.

Jan schaute in das Grün und dachte an nackte Füße, die über weiches Gras liefen. Und wenn er einfach die Sache übernahm? Vorausgesetzt Ingolf meinte es ernst mit seinem Gejammer.

„Ich mach’s“, hörte er sich sagen, ohne zu wissen, ob er es wirklich wollte. „Ich spiele so lange Gärtner, bis einer das Grundstück kauft.“

„Echt jetzt?“ Ingolf sah in fragend an.

„Warum nicht? Ein bisschen Bewegung an der frischen Luft.“ Jan stellte die Aktentasche ab und schlenkerte mit den Armen. „Das tut mir sicher gut.“

„Ich nehme dich beim Wort!“ Ingolfs Augen leuchteten auf. „Ich rufe gleich bei den Jägers an.“ Er zog das Handy aus der Jackentasche. „Ach, was rede ich! Die heißen gar nicht Jäger, sondern irgendwie italienisch, glaube ich.“ Ungelenk wischte er auf dem Display herum. „Das sind ja nicht die Kinder vom Alten, sondern der Sohn der Schwester und die Tochter eines ...“ Er brach mitten im Satz ab und begann ins Handy zu sprechen.

Jan stützte sich auf den morschen Holzzaun. Angespannt fieberte er der Antwort entgegen.

„Du hast den Job!“, sagte Ingolf nach wenigen Augenblicken und steckte das Handy weg. „Ab morgen kannst du dich hier herumplagen.“

„Mensch, klasse!“ Jan grinste. „Bis morgen in alter Frische!“ Er nahm die Aktentasche auf, straffte die Schultern und

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Copyright Texte: Klara Bellis
Copyright Bildmaterialien: Klara Bellis
Tag der Veröffentlichung: 20.10.2017
ISBN: 978-3-7438-3720-1

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Beere und Schrumpel

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