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Von der Kunst zu leben




„Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“
Aurelius Augustinus




Paul hatte heute etwas zu Fila gesagt.
Das war im ersten Moment nichts Besonderes.
Er sagte öfter etwas zu Fila.
Sachen wie: „Verpiss, Dich!“, oder: „Ihr könnt euch nur Lumpen leisten!“
Aber heute hatte Paul etwas gesagt, das Fila traurig gemacht hatte.
Sonst versuchte sie immer, in sich selbst zu horchen, wenn er sie ansprach, so als wuerde sie seine Stimme leise drehen, wie am Knopf ihres Kassettenrecorders.
Dann hörte sie nur ihren Atem oder das Kreischen der anderen Kinder auf dem Flur, das Knallen der Türen.
Die stechenden Worte blieben nur ein Wispern, wie der Wind es im Herbst in der Kastanie vor ihrem Fenster sang, oder wie die Stimme des Schlagersängers, die bis in den Sonntag hinein über ihrem Kopf durch die Decke dröhnte und von der sie immer nur den Refrain verstand: „Komon zawa, komzie, komzie, komzie kommza!“
Filas Mutter nannte es gute Laune Musik für Knallköpfe. Wenn der Nachbar vor der Tür stand, um sich wegen Unzels Wachhundsattitüden zu beschweren, dann nannte sie ihn, Herr Böllwiegel.
Wachhundsattitüden war eines der tollen Wörter, die Filas Mutter öfter benutzte. Sie sagte auch Sachen wie Gruppenzwang und präpubertäre Hahnenkampfentgleisung. Sie redete wie die wichtigen Leute in den Talkshows, die sie sich immer ansah, während sie sich die Fußnägel schwarz lackierte, mit der anderen Hand in die Chipstüte griff und dabei mehr krümelte, als Fila es jemals zustande gebracht hätte.
Wenn Herr Böllwiegel klingelte, schickte Filas Mutter Unzel in die Küche und strich sich das Haar glatt hinter die Ohren. Meistens sah sie noch mal in den Spiegel und schob die Tür nur einen Spalt auf, gerade so, dass der Nachbar über ihre Schulter in den Flur schielen konnte. „Ja, Herr Böllwiegel, ich weiß! Das tut mir sehr leid! Ich werde meine Tochter darauf hinweisen!“, sagte sie dann, und wenn die Tür ins Schloss gefallen war: „Du sollst nicht mehr vor dem Haus mit Kreide malen!“, oder: „Du sollst im Hausflur nicht mehr hüpfen: “, manchmal auch: „Du hast das Müllhaus wieder nicht abgeschlossen!“
Dass Fila wegen Herrn Böllwiegels Knallkopfmusik manchmal nicht schlafen konnte, dazu sagte sie nichts. Der Nachbar hatte nämlich eine Eigentumswohnung. Das hieß, das ganze Haus gehörte eigentlich ihm und es gab da mal eine Unterschriftensammlung, auf der alle unterschrieben hatten, alle außer der Mietpartei Schrier.
„Manchmal muss man seinen Ärger einfach runterschlucken, Fila! Man muss eben nachgeben“, hatte ihre Mutter gesagt und Fila hatte gemerkt, dass sie irgendwie zu der Sorte Menschen gehörten, bei denen das nicht nur manchmal der Fall war.
Wenn sie die Einzige aus ihrer Klasse war, die nicht zum Schwimmkurs durfte, weil es in jedem Schuljahr aufs Neue zu wenig Plätze hatte, dann gab ihre Mutter nach.
Wenn Frau Schmidthuber sich über die riesigen Haufen beschwerte, die niemals aus Unzels kleinem Dackelkörper kommen konnten, dann gab ihre Mutter nach. Wenn das komische Amt, dass ihre Miete bezahlte, nur so viel Geld übrig hatte, dass Fila drei Wochen lang bei Tante Kolli essen musste, dann gab ihre Mutter nach. Und wenn ihre Mutter mit zerzausten Haaren und leerem Blick die Tür öffnete und dann den ganzen Abend auf der Wohnzimmercouch lag und weinte, dann gab Fila nach, machte für sie beide Butterbrote und deckte ihre Mutter mit der löchrigen Wolldecke bis zur Nasenspitze zu.
An solchen Tagen hatte ihre Mutter oft eines der gruseligen Bilder gemalt.
Fila bekam Albträume von ihnen. Man sah gesichtslose Menschen darauf oder riesige, zu Schreien verzerrte Münder, die aussahen, als kämen sie aus der Leinwand heraus, um alles zu verschlingen.
„Sei froh, dass du nicht in meinen Kopf gucken kannst“, sagte ihre Mutter, wenn Fila, wie gebannt vor der Staffelei stand. „So sieht es darin aus.“
Fila hatte keine Vorstellung davon, wie es im Kopf ihrer Mutter wirklich aussah. Sie war sich nur ziemlich sicher, dass darin ein unglaubliches Durcheinander herrschte.
Es gab Tage, da putzte ihre Mutter bis hinter die Schränke und dann gab es Tage, da hatte Fila keine sauberen Socken mehr im Schrank.
Und dann gab es auch Tage, da fragte Fila Tante Kolli, warum sie nicht bei ihr bleiben konnte.
Fila liebte ihre Mutter, wie man nur jemanden lieben konnte.
Und wenn Tante Kolli dann sagte, das wäre, weil Filas Mutter ihre Tochter so dringend bei sich brauchte, weil sie vielleicht nichts mehr essen und trinken würde, und dass Fila schon so groß und vernünftig sei, dass sie das verstehen müsste, dann glaubte Fila, in ihrer Brust steckte eines der schreienden Münder und würde ihr Herz verschlingen.
Sie wusste nicht, ob sie wirklich so groß und vernünftig war.
Manchmal da wachte sie auf ihrer Matratze auf und die Wände erschienen ihr so hoch, als läge sie in einem tiefen Tal und der Kleiderschrank war ein monströses Holzhaus, in dem ein Riese wohnte.
Manchmal da fühlte sich Fila kleiner als Unzel und versteckte sich im Dackelfell.
Filas Mutter sagte, dass die Kunst ein brotloser Beruf sei. Die Leute bezahlten nur für das, was sie verstanden, für das, was in ihre Schubladenköpfe hineinpasst. Und dass die Leute Schubladenköpfe hatten, das war auch der Grund, warum sie und Fila zu den Menschen gehörten, die immer nachgeben mussten.
Fila verstand nicht viel von diesen Überlegungen. Sie stellte sich vor, wie die Leute mit Schubladenköpfen wohl aussehen würden, ob sie dann drei hätten, eine für das Essen, eine für die Luft und eine für die Gedanken und dann musste Fila lachen, weil das Bild in ihrer Vorstellung so komisch aussah, und dann lachte auch ihre Mutter und drückte ihren Mund in Filas Halsbeuge und prustete da so kitzelig rein, dass Fila mit dem Po fast von der Couch rutschte.
Fila liebte ihre Mutter, wie man nur jemanden lieben konnte, und ihre Mutter liebte sie.
Als Frau Kelber zu ihr sagte: „Deine Mama soll doch mal zur Elternversammlung kommen!“, da hatte Fila artig genickt, obwohl sie wusste, dass ihre Mutter ein Problem mit Uhren hatte.
Sie sagte, die Uhren wären wie Diktatoren, die sie beherrschen wollten. Der freie Geist funktionierte nicht nach Terminen.
Sie war so spät gekommen, dass die anderen Eltern die Schubladenköpfe geschüttelt hatten und dass Paul am nächsten Tag das Wort asozial gesagt hatte.
„Deine Mutter ist asozial! Du bist asozial!“
Er hatte ihre Brotdose unter den Tisch gekickt und sie war kaputtgegangen. Und als Frau Kelber in den Klassenraum kam, da hatte sie geschimpft, dass Filas Sachen schon wieder überall herumliegen würden.
Es war so ein Moment gewesen, in dem Fila nachgeben musste.
Tante Kolli sagte immer, das Leben würde einem zurückgeben, was man ihm selbst gab und dass jeder irgendwann bekam, was er verdiente.
Aber Paul war ein hundsgemeiner Angeber, fand Fila, und er bekam immer alles, was er wollte.
Er zeigte sein neues I-Phone in der Klasse herum, und wenn er im Unterricht damit spielte, wollte Frau Kelber es einfach nicht bemerken.
Pauls Mutter, Frau Huber war Elternsprecherin. Einmal hatte die Klasse einen Wandertag ins Parlament gemacht. Dort arbeitete Frau Huber, in einem unheimlich aufgeräumten, weisswändigen Büro. Auf ihrem Schreibtisch stand ein Familienfoto. So eins, von dem man glaubte, es wäre gar nicht echt, so festgefroren wirkten die lächelnden Gesichter darauf. Frau Huber war jetzt im sechsten Monat schwanger. Aber der Mann auf dem Foto war nicht Pauls Vater.
Er hatte ihn einmal abgeholt und Paul hatte ihn Martin genannt.
So nannte man doch nicht seinen Vater. Wenn Filas Papa sie von der Schule abgeholt hätte, dann hätte sie ihn jedenfalls nicht Gerald genannt. Aber Gerald war auch irgendwo 3000 Meilen über dem Meer in einem Entwicklungsland und kümmerte sich dort um arme und kranke Kinder. Er war dort hingegangen, bevor Filas Mutter mit ihr schwanger geworden war, und er konnte nicht so einfach zurückkommen. Filas Mutter sagte, er wäre ein Mann der Prinzipien und nur glücklich, wenn er Anderen helfen konnte. Das fand Fila toll und sie war stolz darauf, einen Vater mit Prinzipien zu haben, aber manchmal da fragte sie sich, ob Gerald wusste, dass seine Tochter auch Hilfe hätte gebrauchen können.
Zu den Feiertagen kamen Karten von ihm und ihre Mutter machte Fotos von Fila, immer wenn sie wieder gewachsen war oder sich irgendwie verändert hatte, und schickte sie ihm dann in dieses Entwicklungsland. Da hatte er kein Telefon und keinen Computer, Nichtmal sauberes Wasser. Deswegen musste er auch dort bleiben, um den Menschen zu helfen, dass sie ein ordentliches Zuhause bekamen und die Kinder in die Schule gehen konnten.
Tante Kolli war der Meinung, wenn Filas Mutter so viel weinte und Tage lang schlief, das wäre, weil Gerald sie ganz allein mit Fila gelassen hatte und, dass er kein richtiger Vater sei.
Fila sagte nicht, dass es die Flaschen waren.
Immer wenn sie welche von ihnen in der Wohnung fand, dann war ihre Mutter so krank, dass sie nicht aufstehen konnte und nicht mal schimpfte, wenn Fila den Rest daraus einfach in die Toilette goss.
Fila hasste die Flaschen. Es kam ihr vor, als wären sie böse Geister, die einfach aus dem Nichts auftauchten. Sie ließen sich nicht vertreiben, egal wie viel Mühe Fila sich gab.
Aber Tante Kolli durfte nichts von ihnen wissen.
Filas Mutter versprach, sie nicht mehr hereinzulassen, wenn Fila dafür versprach, der Tante nichts von ihnen zu sagen.
Erwachsene hielten sich nicht an Versprechen.
Fila hatte noch nie eines gebrochen. Sie hatte noch nie die Finger gekreuzt.
Ein Versprechen war etwas Besonderes.
Je älter man wurde, umso vergesslicher wurde man wohl auch.
Frau Kelber hatte ihr fest versprochen, dass sie in diesem Schuljahr zum Schwimmkurs durfte und Tante Kolli hatte gesagt, dass sie eine Dampferfahrt machen würden. Aber Frau Kelber war sehr vergesslich und Tante Kolli war sehr beschäftigt und Filas Mutter war sehr krank.
Trotzdem würde Fila ihre eigenen Versprechen niemals brechen. Auch nichts das, das sie Paul heute Morgen gegeben hatte, als sie sah, wie sein Schlüsselband von Adidas über dem großen Papierkorb in der Aula baumelte und wie der Schlüssel geklirrt hatte, als Paul ihn fallen

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Texte: diana frank
Bildmaterialien: diana frank
Tag der Veröffentlichung: 12.11.2012

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