Cover

Willi, der beste Mann aller Zeiten

Wenn ich an Willi dachte, fragte ich mich manchmal ob es möglich war, als lebenserfahrende Frau die Anfang Vierzig war, plötzlich und unkontrolliert in ein pubertäres Verhalten zurückzufallen? War es möglich, die Vernunft, das erdrückende Einerlei und die zuweilen belastenden Sorgen einer Alleinerziehenden einfach abzustreifen wie eine zweite Haut? Ich vermutete: Es war war irgendwann unumgänglich. Willi traf mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Von Romantik gab es keine Spur, als ich ihn kennenlernte. Ich war lange alleine mit meinen Kindern gewesen, und wohnte nun mit meinem ebenfalls alleinstehenden Bruder in einem Haus. Meine Tochter war schon ausgezogen, und stand auf eigenen Beinen. Mein Sohn wohnte noch bei mir. Jeden Tag trottete ich zur Arbeit. Ich war die nette, fürsorgliche Mutter für meinen Sohn, die rechtschaffene Schwester für meinen Bruder, und eine fleißige Altenpflegerin. Ich arbeitete bei einem Pflegedienst. Da blieb nicht viel Spielraum für Phantastereien oder das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit. Manchmal dachte ich über mein bisheriges Leben nach, und zog Bilanz, als ob es keine Zukunft mehr gäbe.  Als ich bewusst wahrnahm, dass Willi mich auf sich aufmerksam machen wollte, konnte ich das nicht verstehen. Die einfachste Erklärung: Ein Mann interessiert sich für eine Frau, kam mir zuerst nicht in den Sinn. Er fuhr den Bus, der mich jeden Tag zur Arbeit brachte. Eine Alltagsgestalt. Groß, schlank, dunkelhaarig, einige Jahre älter als ich. Ich konnte noch nicht wissen, dass seine Frühlingsgefühle in den letzten Zügen lagen. Immerhin war es Mai, und ein wenig sprossen sie noch bei ihm. Es war mir nie aufgefallen, dass er mich beobachtete. Doch eines Tages, als ich als letzter Fahrgast aus dem Bus aussteigen wollte, sprach er mich an:“ Wollen Sie mit mir einen Ausflug machen?“ Fragte er mit entschlossener Mine. Seine braunen Augen funkelten hinter den Brillengläsern, und seine Mundwinkel verzogen sich zu einem freundlichen Lächeln. Verblüfft starrte ich ihn an. Für mich war er der Busfahrer, na, der Busfahrer eben, nicht mehr und nicht weniger. „Ich muss in nächster Zeit viel arbeiten. Zeit für einen Ausflug habe ich im nächsten Monat. Schicken Sie mir das Ausflugsprogramm Ihres Busunternehmens zu, ich melde mich bei Ihnen“, sagte ich. Ich verstand weder, warum er mich irritiert anschaute, noch warum sich plötzlich Schweißtropfen, auf seiner Stirn ausbreiteten. Erst später, als ich ihm arglos meine Adresse und meine Telefonnummer gegeben hatte, kam mir der Gedanke, dass er Interesse an mir haben könnte. Solche Gedanken und Gefühle hatte ich in eine Schublade in meinem Gehirn verstaut, die lange Zeit fest verschlossen war. Vorsichtig begann ich, nach dem Schlüssel für die Schublade zu suchen. Ich konnte nicht verstehen, warum ein älterer Brillen, und faltenreicher Busfahrer Interesse an mir hatte. Auch ein Blick in den Spiegel gab mir keine Antwort darauf. Ich sah eine Frau Mitte vierzig, mit halblangen braunen Haaren, und ein paar Sorgenfalten auf der Stirn. Das war ich. Und Willi war nichtmehr der Jüngste. 

„ Das Auto ist ganz neu, vor zwei Monaten habe ich es gekauft. Ist es nicht ein Prachtstück?“ Willi reckte stolz den Kopf. Ich, die ich weder einen Führerschein hatte, noch etwas von Autos verstand, nickte. „Es sieht wirklich toll aus, und es fährt so ruhig“, sagte ich. Zögernd sah ich Willi an. In jener Schublade zu der ich den Schlüssel noch nicht gefunden hatte, war, das wusste ich noch, registriert, dass Männer gerne über Autos reden. Nun gut, ich hatte etwas gesagt. Nervös nestelte ich in meiner Handtasche. Aber auch darin waren keine passenden Worte zu finden. Irgendwie musste ich die Unterhaltung in Gang bringen. Schließlich hatte sich Willi ganz nach meinen Wünschen gerichtet, mich nach exakt vier Wochen angerufen, und um ein Treffen gebeten. Vor einer halben Stunde hatte er mich an einer Ecke, ungefähr zweihundert Meter von unserem Haus entfernt, abgeholt. „Es müssen nicht sofort alle sehen, dass ich Sie abhole, vielleicht würde es Ihrem Bruder nicht gefallen“, hatte er gesagt. Ja, man musste nicht alles an die große Glocke hängen.

Nun sauste das schmale grau- weiße Band der Straße am Autofenster vorbei, und der Himmel lächelte blau und sonnig auf uns herab. Willi erzählte von seinem Auto. Er erklärte, wo er es gekauft habe, wie viele PS es habe, und warum er es sich leisten konnte. „Ich bin seit zehn Jahren geschieden, habe keine Kinder, und habe das Geld fürs Auto zusammengespart“, sagte er.  „Ich bin auch geschieden“, antwortete ich, froh darüber, eine Gemeinsamkeit gefunden zu haben. Trotzdem stockte die Unterhaltung. Es gab keinen Grund, über die Vergangenheit zu reden. „Fahren wir an den Bodensee?“ Fragte Willi nach längerem Schweigen. Ich lächelte gezwungen, und suchte in meiner Schublade nach den Begriffen: „Mann“ und „Bodensee.“ Aber es fiel mir nichts dazu ein als: „Prima, da wollte ich schon lange wieder mal hinfahren.“ Willi trat das Gaspedal durch. „Am Bodensee möchte ich nach meiner Pensionierung wohnen“, sagte er. „Ah ja, das ist schön, “ etwas anderes fiel mir auch dazu nicht ein. Während der Wagen ruhig und gleichmäßig brummend, Kilometer um Kilometer hinter sich brachte, breitete sich zwischen uns Schweigen aus.  

Willis Gesicht glänzte vor Eifer. Endlich, nach mehreren Ausflügen, war ich mit ihm in seine Wohnung gekommen. „Komm doch einfach zu mir, ich habe genug zu essen zuhause. Wir müssen nicht immer in eine Wirtschaft gehen, “ sagte er. Die Schublade in meinem Kopf hatte bei diesen Worten geknirscht, und beim Versuch, daran zu rütteln, waren ein paar Splitter abgefallen. Aber der Schlüssel war noch nicht zu finden. Willi war ein netter älterer Herr von sechzig Jahren, der Gesellschaft suchte. Man hatte sich auch ausgetauscht, über das Leben im Allgemeinen, und im Besonderen. Das genügte mir. . „Darf ich hier rauchen?“ Ich suchte in meiner Handtasche nach den Zigaretten. „Bitte nicht, ich bin Nichtraucher. Ich rauche seit acht Jahren nichtmehr. Meine Frau hat gequalmt wie ein Schlot. „ „Ich verstehe.. kann ich auf den Balkon gehen?“ “Ja, aber mach die Tür zu, damit der Rauch nicht ins Wohnzimmer zieht.“ . Vorsichtig zog ich den schneeweißen Vorhang zur Seite, öffnete die Tür und ging auf den Balkon.  Willi wohnte in einem Hochhaus, umgeben von Rot-grüne Betonbauten die die verzweigten Straßen säumten. In der Ferne der Wald, der Himmel war graublau. Ich schaute in den Himmel, sah die Vögel, die mühelos durch das Firmament flogen, und wünschte mir, ebenso unabhängig zu sein, wie sie.  „Bitte werfe die Kippen nicht über die Balkonbrüstung, die Nachbarn mögen das nicht. Wenn du fertig bist, komm herein, „sagte Willi hinter mir. Die ehemaligen Raucher sind die schlimmsten Nichtraucher, dachte ich. Aber ich respektierte es. Es war ja seine Wohnung. „Seit meine Frau mich verlassen hat, wohne ich allein, und rauche auch nichtmehr. Ich bin total selbstständig, und auf keine Frau angewiesen, “ sagte er stolz, als ich ins Wohnzimmer zurückkam.

Wir saßen nebeneinander auf der Couch. Aus dem Radio krächzten die Oberkrainer. Sie sangen über Berge, Seen, und Sonnenaufgang. Der Schlüssel in meiner Schublade begann sich heftig zu drehen… Ich überlegte, ob ich einen Mann gern haben könnte, der diese Musik hörte. Ich mochte diese Musik nicht. Willi war nett, aber warum erzählte er mir nun wie sein Kontostand war? Vielleicht war er ja einfach nur altmodisch, und dachte ich wolle das wissen? Mein eigener Kontostand war zu dieser Zeit nicht erwähnenswert. Aber an seinem war ich deshalb noch lange nicht interessiert.

Wir trafen uns danach regelmäßig. Willi kannte Wanderwege, die ich nicht kannte. Die Wälder der Alb bieten viele geheimnisvolle Pfade. Drei Monate lang war es ein fester Bestandteil unserer Beziehung, dass wir durch die Wälder streiften, und Natur pur genossen. Dann gestand er mir, dass er nicht sechzig, sondern zweiundsechzig Jahre alt sei. Eine Woche danach war er schon sechsundsechzig, und sagte, er bereite seinen Ruhestand vor. Und er wolle, wenn er Rentner sei, aus seiner Wohnung ausziehen, er habe sich eine neue Wohnung am Bodensee gekauft. „ Ach, wie schnell die Zeit vergeht“, antwortete, ich. In diesem Moment öffnete sich endlich die Schublade in meinem Gehirn. Der Schlüssel knirschte heftig. . Es ruckelte, ich sah meine Zukunft mit diesem Mann bildlich vor mir. Eine Stimme, die meiner eigenen sehr ähnlich war, sagte:  „Willst du wirklich so weitermachen? Dein Freund ist ein fast pensionierter Busfahrer. Er hat dich über lange Zeit belogen.  Er bevorzugt die Oberkrainer und will dich mit seinem hohen Kontostand beeindrucken. Er sucht vermutlich eine Frau , die ihn im Alter pflegt. Gut ist für ihn, dass du dich in der Altenpflege auskennst. Willis Gesicht lief rot an, er stammelte:  "Ich muss mir eine ältere Frau suchen, du hast noch lange zu arbeiten, und keine Zeit, mit mir nach meiner Pensionierung in mein Ferienhäuschen zu ziehen." Sein Kopf sank auf dei Brust, sein Toupe rutschte nach vorne. "Respekt, du hast mich lange zum Narren gehalten. Warum hast du meine Bekanntschaft gesucht? "Du hast mir gefallen," "Und da dachtest du, probieren kann ich es mal ? " "Na ja, ich...Willi machte einen Schritt zurück, und tappte in eine Pfütze. Seine Schuhe und Socken waren sofort durchnässt. "Ich werde mich erkälten," stammelte er. Es begann zu regnen. "Wir passen nicht zusammen, ich danke dir für die schönen Spaziergänge, zieh du mal an den Bodensee… “ Sagte ich, froh darüber, dass ich endlich erkannt hatte, um was es ihm ging. … "Du willst mich doch nicht hier im Regen stehen lassen? " Ich gab keine Antwort. Ich spannte meinen Schirm auf und ging weiter. Warum er mir nicht gesagt hat, dass er schon im Rentenalter war, weiß ich nicht. Ich bekam nie eine Erklärung dafür. Ich denke, er war selbst sehr unsicher, wollte sich mir gegenüber nicht outen. Vor einiger Zeit habe ich ihn wiedergesehen….bei einem Waldspaziergang mit meinem Mann. Eine nett aussehende junge Frau begleitete ihn. Vielleicht war es seine Pflegerin. Kinder hatte er keine. Er schaute mich an, erkannte mich offenbar nichtmehr. Aber vielleicht wollte er mich nichtmehr erkennen.  Mein Mann fragte mich: „Warum hat dich dieser Zwerg so angestarrt?“ Und ich antwortete: „Weiß auch nicht genau, vielleicht hat er sich an mich erinnert.“ Und dann erzählte ich meinem Mann diese Geschichte, über die Schublade, die ich nun auch euch erzählt habe. Er lachte und sagte: "Das ist schön, dass sich die Schublade bei dir geöffnet hat. Auch bei mir hat sich eine Schublade geöffnet, als ich dich kennengelernt habe, wenn man das so sieht."  

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 29.11.2019

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /