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Herbststurm

 

 

 

Die Sonne stand hoch am Himmel, aber sie hatte nicht mehr die Kraft, des Sommers. Bleigraue Wolkenwände zogen auf. Ein stürmischer Wind strich über den See. Die Bäume am Ufer schwankten. Bunte Blätter fielen auf das Wasser.

Ein heftiger Windstoß brauste durch das offene Fenster der alten Villa, die dicht am See stand.

„Schließ das Fenster Anne, mir wird kalt,“ sagte der alte Mann, der im Lehnstuhl vor seinem Schreibtisch saß. Weiße Haare umrahmten sein faltendurchzogenes Gesicht, seine Hände zitterten, als er die Wolldecke von seinen Knien bis zum Kinn hochzog.

 

Anne, seine Haushälterin trat aus der Dunkelheit des großen Raumes hervor, und schloss das Fenster. „Zieh auch die Vorhänge zu, Ich kann heute das Licht nicht ertragen,“ ergänzte der alte Mann.

Nun war der Raum in rötliches Dunkel gehüllt, und die großen Bücherregale an der Wand warfen mächtige Schatten.

 

Anne räusperte sich und schaute auf die alte hölzerne Wanduhr, deren glänzendes metallenes Pendel unermüdlich hin und her sprang.

„Es ist vierzehn Uhr, ich mache Ihnen Kaffee,“ sagte sie.

„Nein, heute keinen Kaffee, bitte setz dich zu mir, ich möchte reden, ich muss mit Jemandem reden,“ sagte der alte Mann. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, doch sein Blick war stumpf.

Anne setzte sich auf einen der lederbezogenen Stühle und sah ihn aufmerksam an.

„Fünfundachtzig Jahre alt bin ich heute geworden, aus diesem Geburtstag sollte ein großes Fest werden. Alle meine Freunde sollten dabei sein. Aber es ist niemand gekommen.“ Klagte er.

„Aber Ihre Freunde sind tot,“ stammelte Anne verstört.

Der alte Mann schien nicht zu verstehen, was sie sagte.

 

„Warum lassen sie mich allein? Hinter mir liegt ein langes Leben, ich habe viel erreicht, und doch nichts..“

„Ihre Bücher werden in aller Welt verkauft, Sie sind ein bedeutender Schriftsteller, Sie werden geachtet und anerkannt,“ wandte Anne ein.

“Hörst du den Ruf der Vögel draußen im Wald ?“„Hörst du das Rauschen der Blätter? Siehst du die rotgoldene Sonne, die hinter den Bergen untergeht? Ich habe mir keine Zeit genommen, zu lauschen und die Augen zu öffnen. Ich habe die wichtigsten Kleinigkeiten des Lebens übersehen. Keiner hat mich aufgehalten, und mir gesagt, „bleib stehen.“ Die Menschen, die ein Stück meines Weges mit mir gegangen sind, haben sich von mir abgewandt. Denn ich interessierte mich nicht für das, was in ihren Herzen vorging. Sie alle sollten mein Können bewundern. Ich gab ihnen nie das Gefühl, willkommen zu sein.“ Seine Stimme zitterte und seine Augen suchten einen Ort, den es nur noch in seiner Vergangenheit gab.

„ Ein prachtvolles Haus habe ich mir bauen lassen. Es gab große Feste. Mit allen Delikatessen dieser Erde konnte ich meine Gäste bewirten. Aber es ist nicht das, was in eines Menschen Magen kommt, was ihn unrein macht, sondern das, was in seinem Herzen vorgeht.“ „Sicher haben Sie jemanden geliebt,“ versuchte Anne einzuwenden. „Irgendwann, ja, aber ich kann mich nur vage daran erinnern. Als ich jung war, schien mir die Liebe nur Verpflichtung und Last zu sein.“

 

„Ich mag Sie,“ sagte Anne. Der alte Mann drückte ihre Hand und sah sie anerkennend an. „Du bist wie ein Vogel, du kannst dich frei in die Luft erheben und dir trotzdem ein Nest bauen. Ich beneide dich.“

„Das Wichtigste im Leben ist Hoffnung, „ warf Anne energisch ein. „Mach uns Kaffee, mir ist kalt,“ sagte der alte Mann.

Zufrieden sah er Anne hinterher, die mit schnellen Schritten und einem Lächeln auf den Lippen in die Küche ging.

 

Draußen brauste der Wind heulend über den See. Die Bäume schwankten heftig, und ihre Blätter starben im Wasser. Die Sonne war von Wolken verhüllt. Große Regentropfen klatschten auf die Erde.

„Das Wichtigste im Leben ist Hoffnung. In ein paar Monaten wird wieder Frühling sein.“ Murmelte der alte Mann im Haus.

Nochmal zog er die Decke bis zum Kinn hoch. Auch um seine Lippen spielte ein Lächeln, während er die Augen schloss.

 

  

 

 

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 16.06.2015

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Veröffentlicht in der Anthologie: Die Farben des Herbstes https://www.amazon.de/Die-Farben-Herbstes-Natur-Lebenszeiten/dp/1536837806/ref=sr_1_4?s=books&ie=UTF8&qid=1495377445&sr=1-4

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