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Scherbenpfad

 

Scherbenpfad

Krimi

 

Dörte Jensen

 

Copyright © 2019

Dörte Jensen

c/o Booklover Autorenservice

Am alten Bahnhof 3

50354 Hürth

 

 

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Facebook: Dörte Jensen Autorenseite

Website: Dörte Jensen

Lektorat: Satz & Silbe, Zwickau

Korrektorat: Marie Weißdorn, Münster

Covergestaltung: ©authors-assistant

(Britt Toth http://authors-assistant.com) unter Verwendung von Bildern von

https://www.shutterstock.com (P.K. Phuket studio)

 

Alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung oder andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen und Lieder werden in einem fiktiven Kontext verwendet. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in dieser Geschichte verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

 

Rosenliebe

 

 

Oldenburg, Oktober 2017

 

„Hast du schon eine Nachricht von der Agentur bekommen?“ Celine strich sich eine Strähne ihres langen blonden Haares aus dem Gesicht und sah ihre Freundin erwartungsvoll an.

„Noch nicht. Im Gegensatz zu dir rechne ich auch nicht mit einer Hauptrolle in der neuen Fernsehserie »Rosenliebe«. Damit wirst du sicher berühmt werden“, antwortete Emily kopfschüttelnd. In Gegenwart der hübschen Arzttochter wurde ihr wieder einmal bewusst, dass sie neben der Achtzehnjährigen immer nur eine Krähe sein würde, die sich in einem Schönheitswettbewerb mit einem Papagei messen wollte.

„Noch habe ich sie nicht. Außerdem werden wir bei deinem Talent sicherlich bald gemeinsam vor der Kamera stehen. Wäre es nicht toll, wenn wir bei den Filmfestspielen in Cannes von den Fans begeistert empfangen werden und es hinter den Kulissen mit Schampus und knackigen Kerlen so richtig krachen lassen?“ Celine klatschte begeistert in die Hände, als wollte sie sich selbst applaudieren.

„Dagegen hätte ich nichts einzuwenden. Leider wird es immer nur ein Traum bleiben.“ Emily senkte den Kopf.

„Du musst positiver denken“, ermahnte sie Celine. „Mit deiner hellen Haut und den Sommersprossen hast du eines der Gesichter, nach denen die Agenturen neuerdings suchen. Immerhin hast du dich im Casting gegen mehr als siebenhundert Bewerberinnen durchgesetzt! Neben drei weiteren Kandidaten sind nur noch wir in der Endrunde.“

Emily seufzte. „Ich möchte mir keine falschen Hoffnungen machen. Du bewegst dich viel eleganter als ich. Neben dir fühle ich mich immer wie ein Trampeltier.“

„Das ist Blödsinn!“, entgegnete Celine energisch. „Schau doch mal in den Spiegel. Die gestreifte Bluse steht dir super. Dazu solltest du allerdings eine andere Hose tragen. Wo hast du den Gürtel eigentlich gekauft? Der ist total stylish.“

„Den habe ich in einem Onlineshop gefunden. Dafür habe ich meine Trinkgeldkasse geplündert.“

Emily betrachtete die Schnalle in Form eines Schmetterlings in dem großen Wandspiegel von Celines Zimmer. In manchen Momenten wollte sie auch so unbeschwert durch ihr Leben flattern können. Aber diese Leichtigkeit war Menschen wie Celine vorbehalten, die von ihrem Vater schon als Kind wie eine Prinzessin behandelt worden war. Emily hingegen jobbte seit zwei Jahren in einem Eiscafé, da ihre Mutter als Hebamme gerade genug verdiente, um irgendwie über die Runden zu kommen.

Celine ging zu ihrem Kleiderschrank, der die ganze Wandbreite des Zimmers einnahm, und öffnete die weißen Holztüren. Mit den Fingern strich sie über die Kleidungsstücke, die sich darin stapelten. Kurz darauf zog sie eine Designerjeans heraus und warf sie Emily zu.

„Die ist mir nicht eng genug, aber dir könnte sie passen.“

Emily zuckte unter den Worten wie unter Stromschlägen zusammen, denn im Gegensatz zu Celines war ihr Körper an einigen Stellen vielleicht etwas zu rundlich geworden. Emily zog ihre Hose aus, schlüpfte in die Jeans und zog den Gürtel durch die Schlaufen.

„Die passt perfekt!“, stellte sie nach der Anprobe fest.

„Du kannst sie behalten. Als angehender Filmstar musst du doch passend gekleidet sein.“ Celine lächelte wohlwollend.

„Das Geschenk kann ich unmöglich annehmen. Weißt du, wie teuer diese Dinger sind?“

„Ich kenne die Preise.“ Celine schüttelte den Kopf, als hätte ihre Freundin eine besonders dämliche Frage gestellt.

„Na gut. Danke. Das ist echt nett vor dir.“

Emily drehte sich vor dem Spiegel einmal um die eigene Achse. In der Markenkleidung fühlte sie sich wie Cinderella. Leider hatte sie keinen Schuh, mit dem sie einen Prinzen auf sich aufmerksam machen konnte.

„In der Hose kommt die Gürtelschnalle erst richtig zur Geltung und …“ Celine verstummte, als sie der Laptop mit einem Pling auf eine neue Nachricht aufmerksam machte. Zeitgleich vibrierte Emilys Smartphone, das sie gerade in die neue Hosentasche gesteckt hatte. Die beiden Freundinnen sahen sich erwartungsvoll an.

„Ist das eine Nachricht von der Agentur?“, wollte Emily wissen.

Ihre Hände zitterten vor Aufregung, als sie das Gerät aus der Hosentasche zog.

Celine ging zum Schreibtisch und starrte gebannt auf den Monitor ihres Laptops. „Ja, ist es! Eine Mail. Wollen wir sie gleichzeitig öffnen?“

Zu ihrer Verwunderung bemerkte Emily eine leichte Unsicherheit in Celines Stimme. Rechnete sie doch nicht mit einem Sieg? Aber wer sollte die Rolle sonst bekommen? Etwa diese eingebildete Schnepfe aus Frankfurt oder das aufgetakelte Modepüppchen aus München? Die fette Kuh aus Düsseldorf hatte ihrer Meinung nach auch keine Chance. „In Ordnung“, bestätigte sie.

„Bist du bereit?“ Celine legte die Hand auf die Computermaus.

„Ja“, antwortete Emily, deren Herz nun wie verrückt klopfte.

„Bei drei öffnen wir die Mail. Eins, zwei und … drei!“, zählte Celine, wobei ihre Stimme am Ende leicht hysterisch klang. Die beiden tippten auf die Mail, die sich quälend langsam öffnete, bis Emily plötzlich frustriert schimpfte.

„So ein Mist! Ausgerechnet jetzt macht mein Akku schlapp.“ Wütend starrte die Siebzehnjährige auf den schwarzen Bildschirm. „Ich habe kein Aufladekabel dabei und …“ Emily verstummte, als sie Celines versteinertes Gesicht sah. Wenige Sekunden später griff sie nach dem Laptop und warf ihn mit einem Aufschrei gegen die Wand. Dort hinterließ das Gerät eine hässliche Schramme, bevor es zu Boden fiel. Dabei krachte es auf eine Ecke. Der Bildschirm wurde dunkel.

Emily sah ihre Freundin entgeistert an. „Hast du die Rolle nicht bekommen?“

„Frag nicht so dämlich!“, giftete sie.

„Wer hat das Casting denn dann gewonnen?“

„Keine Ahnung“, zischte Celine wütend. „Ich weiß nur, dass ich der Siegerin am liebsten den Hals umdrehen würde.“

„Stand der Name denn nicht in der Mail?“

„Deine blöde Fragerei geht mir auf die Nerven. In meiner Nachricht steht nur, dass ich die erste Anwärterin auf die Rolle bin, wenn die Gewinnerin ablehnt oder aus gesundheitlichen Gründen verhindert ist. Aber das wird wahrscheinlich niemals passieren.“ Celine verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die Emily ängstigte. So wütend hatte sie ihre Freundin noch nie erlebt.

„Ich bin sicher, dass du bald andere Rollen bekommen wirst“, versuchte sie daher zu beschwichtigen. „Ich werde meine Mail leider erst zu Hause öffnen können. Ich rufe dich danach sofort an.“

„Du kannst doch mein Ladekabel benutzen. Irgendwo müsste ich noch so ein Ding für die älteren Modelle haben.“ Celine zog eine Schublade auf und wühlte darin herum. „Das hier müsste das Richtige sein.“ Sie reichte Emily ein dünnes Kabel. Diese verband es mit ihrem Smartphone. Kurz darauf war das Gerät wieder betriebsbereit.

Mit vor Aufregung zitternden Fingern gab sie den Sperrcode ein und klickte erneut auf die Mail. Jetzt schien sich die Nachricht noch langsamer zu öffnen, als wollte sie ihr Geheimnis wie einen wertvollen Schatz bewahren. Dann hatte Emily den Text endlich vor sich. Nachdem sie ihn gelesen hatte, schüttelte sie zunächst den Kopf. Dann liefen Tränen über ihre Wangen, auch wenn sie sich mit aller Kraft dagegen wehrte.

Celine legte ihr beruhigend eine Hand auf den Unterarm. „So eine Absage ist wirklich bitter. Wir waren schon fast am Ziel. Ich würde zu gerne wissen, welche Bitch …“ Sie spie das Wort aus, als würde es sich dabei um ein ekelhaftes Insekt handeln. „… die Rolle bekommen hat. Ich werde ihr so lange die hässliche Visage zerkratzen, bis sie nur noch in Horrorfilmen spielen kann. Als Leiche.“

„Das kann ich dir sagen“, flüsterte Emily. „Ich verstehe es nur nicht.“

„Was verstehst du nicht?“ Celine stemmte die Hände in die Seiten.

„Warum ich als Hauptdarstellerin ausgewählt wurde.“

Du?“ Celine dehnte das Wort wie Kaugummi. „Das ist unmöglich!“

Sie riss Emily das Smartphone aus der Hand. Dabei verhakte sich die Steckverbindung des Kabels und es fiel zu Boden. Ein hässlicher Riss zog sich quer über das Display, aber das schien Celine kein bisschen zu interessieren. Ungläubig las sie die Nachricht wieder und wieder, während Emily danebenstand und sich nicht rührte.

„Das kann einfach nicht wahr sein!“, schrie Celine plötzlich wie von Sinnen. „Das war meine Rolle! Keine andere …“ Sie verstummte und sah Emily an, als würde sie ihre Anwesenheit erst jetzt bemerken. Sekundenbruchteile später lächelte Celine unbeholfen. „Entschuldige, ich hätte mich nicht so gehen lassen dürfen. Ich freue mich für dich! Komm, lass dich drücken!“ Celine nahm sie in den Arm. Zum ersten Mal fühlte sich Emily in ihrer Nähe unwohl, auch wenn sie keine Erklärung dafür hatte. Schließlich konnte sie die Frustration ihrer Freundin gut verstehen.

„Das ist eine Riesensache“, bestätigte Celine wenig später. Emily nickte, da sie noch immer nicht wusste, was sie sagen sollte. Die Schülerin hatte auch keine Ahnung, wie sie ihrer Mutter erklären sollte, dass sie während der Dreharbeiten oft unterwegs sein würde und ihr im Haushalt nicht mehr helfen könnte. Zudem musste sie sich nun Gedanken über das Abitur im nächsten Frühjahr machen. Wann sollte sie dafür lernen?

Emilys Gefühle fuhren Achterbahn. Auf der einen Seite fühlte sie sich Celine gegenüber schuldig, auch wenn es keinen Grund dafür gab. Zum anderen freute sie sich unbändig über die Möglichkeit, ihren Lebenstraum zu verwirklichen.

„Ich bin sicher, dass dir die Agentur bald ein anderes Engagement vermitteln wird“, versuchte sie ihre Freundin zu trösten.

„Ich werde schon bekommen, was mir zusteht!“ Celine nickte ihr zu. „Jetzt sollten wir aber feiern. Ich hole schnell eine Flasche Schampus aus dem Keller.“

„Haben deine Eltern denn nichts dagegen?“

„Die werden das wahrscheinlich nicht einmal merken. Außerdem kann ich sie gar nicht fragen, weil sie heute Morgen für ein verlängertes Wochenende nach Rom geflogen sind. Sie wollen sich Ruinen und anderen historischen Kram ansehen.“

„Aber ich muss gleich nach Hause“, wandte Emily ein. „Meine Mutter hat heute Spätschicht. Bis zu ihrem Feierabend wollte ich mich noch um die Wäsche kümmern, und ich möchte ihr zur Feier des Tages ein ganz besonderes Abendessen kochen.“

„Wie uncool ist das denn?“ Celine schüttelte entrüstet den Kopf. „Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zum letzten Mal mit meinen Eltern zu Abend gegessen habe.“

„Wir feiern ein anderes Mal. Versprochen.“

„Wie du willst.“

Emilie umarmte Celine zum Abschied. Dann ging sie in Begleitung ihrer Freundin über die Holztreppe in den großzügigen Eingangsbereich des restaurierten Resthofes, der außerhalb der Stadtgrenze lag. Sie zog ihre Jacke an, schlüpfte in die Schuhe und öffnete die Haustür. An diesem wolkenverhangenen Oktobertag war es am frühen Abend bereits dunkel. Zu allem Überfluss begann es nun auch noch zu regnen. Emily setzte die Kapuze auf und trat aus der Tür. „Toll. Bis zur Bushaltestelle bin ich bestimmt triefend nass und durchgefroren.“

„Auf dem Weg kannst du dir warme Gedanken machen, schließlich stehst du nun auf der Sonnenseite des Lebens.“ Celine winkte ihr zum Abschied zu und schloss die Tür.

Emily ging über die geschwungene Einfahrt zur Straße. Das Schmuddelwetter störte sie bei dem Fußmarsch nicht. Im Gegenteil. Emily breitete die Arme aus und legte den Kopf in den Nacken. Dann drehte sie sich im Kreis und lachte wie schon lange nicht mehr.

Der Fahrer des Wagens, der ihr entgegenkam, hielt sie sicherlich für verrückt. Aber das war Emily egal. Ausgelassen tanzte sie im Regen, bis ein Auto hinter ihr hupte. Erschrocken kehrte Emily auf den Gehweg direkt neben der Straße zurück. In ihrem Übermut hatte sie nicht einmal bemerkt, dass sie auf die Fahrbahn getreten war. Sie durfte nicht so leichtsinnig sein. Auf der schmalen Landstraße war es in der Vergangenheit immer wieder zu Unfällen gekommen.

Als sie kurz darauf den Motor eines weiteren Fahrzeugs hinter sich hörte, achtete sie deshalb darauf, den unkrautüberwucherten Weg nicht zu verlassen. Doch zu ihrer Verwunderung verringerte der Wagen sein Tempo und blieb hinter ihr. Vielleicht suchte er nach einer Parkmöglichkeit.

Aber … bis zur Bushaltestelle gab es nur Äcker und Felder.

Möglicherweise gab der Fahrer etwas in sein Navi ein oder telefonierte mit seinem Handy. Auch wenn es viele Gründe geben konnte, warum das Fahrzeug hinter ihr blieb, ging Emily etwas schneller. Mit jedem Schritt wich die Freude weiter einem unbehaglichen Gefühl. Sie steckte die Hände in die Taschen, senkte den Kopf und beschleunigte ihre Schritte weiter. Obwohl es bis zur Bushaltestelle nur noch wenige hundert Meter waren, schien diese plötzlich unendlich weit entfernt zu sein. Sie schloss die Finger um das Smartphone in der Jackentasche. Einen Augenblick überlegte sie, damit Hilfe zu rufen. Aber selbst wenn der kaum aufgeladene Akku lange genug durchhielt, würde sie sich mit einem Anruf bei der Polizei nur lächerlich machen. Was sollte sie schon sagen?

 

Hinter mir fährt ein Wagen. Können Sie schnell kommen? Ich habe Angst.

 

Emily zwang sich zur Ruhe. Es gab mit Sicherheit eine harmlose Erklärung für das Verhalten des Fahrers. Aber … wenn nicht?

Das tuckernde Geräusch des Motors erinnerte Emily an den Film Christine, den sie vor einigen Wochen im Fernsehen gesehen hatte. Dort ging es um ein selbstfahrendes Auto, das Menschen tötete. Nach dem Abspann hatte sie den Kopf über die unrealistische Schauergeschichte geschüttelt. Trotzdem warf sie jetzt einen Blick über die Schulter.

Das Licht der Scheinwerfer brach sich in den immer dichter fallenden Regentropfen, sodass Emily in eine gleißend helle Wand sah. Das Motorengeräusch vermischte sich mit dem Prasseln des Regens zu der Kakophonie, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken laufen ließ. Plötzlich schoss der Wagen vorwärts wie ein hungriges Raubtier.

Für einen Moment war Emily wie gelähmt. In letzter Sekunde versuchte sie, sich mit einem Sprung in Sicherheit zu bringen. Aber sie war nicht schnell genug.

Der Wagen erfasste sie frontal. Ihr Körper drehte sich in der Luft, als würde Emily in einem Zirkus Kunststücke vorführen. Dann krachte sie auf die Straße.

Das Fahrzeug bremste. Die Rücklichter starrten sie an wie die Augen eines Dämons. Zu ihrer Verwunderung spürte Emily keinen Schmerz. Auf dem nassen Asphalt liegend wartete sie darauf, dass jemand ausstieg und ihr half. Stattdessen fuhr der Wagen einfach weiter. Mit einem verzweifelten Schrei auf den Lippen kippte sie Sekundenbruchteile später in eine abgrundtiefe Dunkelheit.

 

 

 

 

 

 

 

 

Oldenburg, Oktober 2017

 

„Melanie, ein Anruf für dich.“

Die Hebamme sah ihre Kollegin auf dem Flur der Oldenburger Klinik St. Marienstift fragend an. „Annette, ist es wichtig?“, fragte sie gestresst. „Ich habe gleich eine Geburt. Die zukünftige Mutter wartet schon auf mich.“

„Ich werde das für dich übernehmen.“

„Warum das denn?“ Die Fünfundvierzigjährige runzelte die Stirn.

„Es ist … wegen deiner Tochter.“ Die Krankenschwester mit den kurzen schwarzen Haaren sah verlegen zu Boden.

„Ist etwas passiert? Los, sag schon.“

„Es tut mir leid“, murmelte sie kaum hörbar.

Melanie drehte sich um und eilte zum Schwesternzimmer. Dort war niemand. Der mobile Telefonhörer lag neben der Basisstation. Sie griff so vorsichtig danach, als wäre er eine heiße Kohle, an der sie sich die Finger verbrennen konnte.

„Schwester Melanie.“

„Spreche ich mit Frau Rohde, der Mutter von Emily Rohde?“

Die Hebamme nickte. Als sie bemerkte, dass diese Geste am Telefon vollkommen sinnlos war, antwortete sie kaum hörbar: „Was ist mit meiner Tochter?“

„Sie hatte einen Unfall.“

„Ist sie …“ Melanie verstummte.

„Sie wird gerade operiert.“

„Hier im Marienstift?“

„Ja. Die Notärzte …“

„Ich bin sofort da“, unterbrach sie den Anrufer und beendete das Telefonat. Dann lief sie so schnell durch die Gänge, dass ihre Füße den Boden nicht einmal zu berühren schienen.

„Wo ist Emily?“, wollte sie von einem Pfleger wissen, der ihr auf dem Flur der Notaufnahme entgegenkam. Er sah sie verwirrt an.

„Wen meinen Sie?“

Melanie zwang sich zur Ruhe. Die Klink war so groß, dass die Mitarbeiter der einzelnen Stationen kaum Kontakt miteinander hatten und sich daher oft nicht kannten.

„Emily Rohde“, antwortete sie atemlos. „Sie hatte einen Unfall. Mehr weiß ich nicht.“

„Den Namen habe ich nie gehört und …“

„Frau Rohde!“, unterbrach sie eine bekannte Stimme. Emilys Mutter sah sich um.

„Celine, was machst du denn hier?“

Die Freundin ihrer Tochter kam auf sie zu. Ihre Augen waren gerötet. „Der Unfall geschah in der Nähe unseres Hauses. Emily war gerade gegangen, da habe ich die Sirenen gehört. Ich habe sie gleich angerufen, aber … sie ging nicht an ihr Handy. Ich bin rausgelaufen und dann habe ich … habe ich …“ Ihre Lippen bebten. Sie wischte sich mit den Handrücken über die Augen. „… sie gesehen. Auf der Straße. Sie lag da … wie eine … kaputte Puppe.“ Celine schlug die Hände vor das Gesicht. „Ich wollte … zu ihr“, schluchzte sie. „Aber die Polizisten haben mich … zurückgedrängt. Ist sie … tot?“ Das letzte Wort war kaum mehr als ein Flüstern. Bei der Frage sah sie Melanie angsterfüllt an.

Das Herz schlug ihr zum Hals, als sie sich zur Ruhe zwang. „Sie wird gerade operiert. Hast du gesehen, was passiert ist?“

Celine schüttelte den Kopf. „Sie hatte anscheinend einen Autounfall. Einen Wagen habe ich nicht gesehen. Der Fahrer ist wahrscheinlich einfach abgehauen.“ Erneut wischte sie sich über die Augen.

„Wer hat denn den Notruf alarmiert?“

„Ein junger Mann. Er hat Emily auf der Straße liegen sehen. Als ich gekommen bin, hat er gerade mit einem Polizisten geredet. Ich mache mir schreckliche Vorwürfe. Sie hätte bei dem Wetter bei mir bleiben müssen.“

„Der Regen hat Emily noch nie etwas ausgemacht“, murmelte die Hebamme. „Im Gegenteil. Als Kind hat sie oft darin getanzt. Ich muss unbedingt wissen, was mit ihr geschehen ist.“

„Darf ich hierbleiben?“

„Hier kannst du nichts für sie tun. Ich rufe dich an, sobald ich etwas weiß.“

„Ich möchte bei Emily sein. Bitte.“ Celine sah die Mutter ihrer Freundin flehentlich an.

„Wie du willst. Setz dich da hin.“ Melanie deutete auf drei verschrammte Plastikstühle, die an der Wand standen. „Ich komme später wieder.“

Während sich Celine setzte, ging Melanie zum Schwesternzimmer. Dort sortierte eine Kollegin, die sie im letzten Jahr auf einer Fortbildung gesehen hatte, Medikamentenpackungen.

„Hallo. Mein Name ist Melanie Rohde. Haben Sie mich angerufen?“

Die ältere Frau nickte. „Das habe ich, aber Ihre Tochter ist noch im OP. Ich werde Sie benachrichtigen, sobald wir neue Informationen haben.“

„Gut. Dann werde ich solange hier warten.“

Drei Stunden später saß die Hebamme in sich zusammengesunken auf einer der unbequemen Sitzgelegenheiten. Sie hatte Celine versprochen, sich sofort zu melden, also war die Freundin ihrer Tochter vor wenigen Augenblicken nach Hause gegangen. Die Zeit wollte einfach nicht vergehen, als hätte sie sich in Sirup verwandelt. Melanie starrte auf die gegenüberliegende Wand, ohne etwas zu sehen. Alles kreiste um einen einzigen Gedanken, wie die Planten um die Sonne.

Wird Emily überleben?

Melanie war so sehr in ihrer eigenen Welt gefangen, dass sie erst aufsah, als ihr jemand eine Hand auf die Schulter legte.

„Frau Rohde?“ Ein übernächtigt aussehender Arzt blickte sie sorgenvoll an.

Sie nickte schwach. „Was ist mit meiner Tochter?“

„Ich bin Dr. Medner“, stellte er sich vor. „Kommen Sie bitte in mein Sprechzimmer. Dort können wir ungestört reden.“

Bei der Antwort schien sich ein unsichtbares Gewicht auf ihre Schultern zu legen, unter dem sie eines Tages unweigerlich zusammenbrechen würde. Sie kannte die unausgesprochene Botschaft der Worte »Dort können wir ungestört reden« nur zu gut. Der Mediziner wollte sie auf eine schlimme Nachricht vorbereiten. Wie ferngesteuert folgte sie ihm durch den Gang des Krankenhauses, der mehr als jemals zuvor nach Tod und Verzweiflung stank. Wenig später öffnete er eine Tür und bat sie hinein. „Setzen Sie sich.“

Melanie sank auf den Stuhl gegenüber des mit Papieren übersäten Schreibtisches. Dr. Medner nahm ihr gegenüber Platz und sah sie ernst an.

„Die gute Nachricht zuerst: Ich denke, dass sie es schaffen wird. Emily ist eine echte Kämpferin. Aber ihr Leben wird nie wieder wie vorher sein.“

„Ist sie … gelähmt?“

„Das hatten wir zunächst befürchtet, aber glücklicherweise ist das nicht der Fall. Wegen der Schwere ihrer Verletzungen mussten wir allerdings das linke Bein amputieren. Außerdem ist der Oberschenkelknochen des rechten Beins gebrochen, deshalb wird es eine Weile dauern, bis sie damit wieder auftreten kann. Nach ihrer Entlassung wird sie einige Zeit im Rollstuhl sitzen. Wenn das rechte Bein wieder belastbar ist, muss sie sicherlich einige Wochen in einer Rehabilitationseinrichtung verbringen.“

„Wird Emily jemals wieder richtig laufen können?“

„Das kommt auf die Prothese an. Es gibt inzwischen künstliche High-Tech Gliedmaßen, die sich mit unglaublicher Präzision bewegen. In einem Fachmagazin habe ich in der letzten Woche von einer Neuentwicklung der Firma Gerber Robotics gelesen, deren Prothesen in einer aufwändigen Operation mit den Nerven verbunden werden und später wie natürliche Körperteile funktionieren. Dieser Eingriff wird derzeit aber nur in Spezialkliniken in New York und Los Angeles durchgeführt und natürlich nicht von den

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: © Dörte Jensen
Bildmaterialien: https://www.shutterstock.com (P.K. Phuket studio)
Cover: © authors-assistant
Lektorat/Korrektorat: Lektorat: Satz & Silbe, Zwickau; Korrektorat: Marie Weißdorn, Münster
Tag der Veröffentlichung: 08.01.2019
ISBN: 978-3-96465-102-0

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