Cover

Blindes Vertrauen

 

 

 

 

Blindes Vertrauen

Pension Friesenbrise

 

 

 

Dörte Jensen

Copyright © 2017

Dörte Jensen

c/o Booklover Autorenservice

Am alten Bahnhof 3

50354 Hürth

 

 

 

Mailkontakt: Dörte Jensen

Facebook: Dörte Jensen Autorenseite

Website: Dörte Jensen

Lektorat u. Korrektorat: Satz & Silbe, Zwickau

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Webdesign: Nadine Kapp, Hürth

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung oder andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen und Lieder werden in einem fiktiven Kontext verwendet. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in dieser Geschichte verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

 

Ein mörderischer Plan

 

 

Berlin, Juli 2016

 

Richard Zinser sah seinen Mithäftling Arno Zech prüfend an.

„Kann ich mich auf dich verlassen?“, wollte er von dem ehemaligen Boxer wissen.

„In meiner Branche ist Zuverlässigkeit lebenswichtig.“

„Das ist richtig. Du wirst dich am Tag nach deiner Entlassung um neunzehn Uhr mit dem Kontaktmann am Potsdamer Platz treffen. Von ihm bekommst du neben den Informationen zu deinem Auftrag auch das Geld. Er muss sterben. Hast du das verstanden?“

„Bei mir steht niemand wieder auf. Schließlich war ich nicht im Knast, weil ich einer Oma die Handtasche geklaut habe.“

„Das ist mir bekannt. Ich habe dich auch wegen deiner ...“, Richard verstummte, als suche er nach der richtigen Bezeichnung. „... schlagkräftigen Argumente ausgewählt“, beendete er den Satz wenige Augenblicke später. „Mir gefällt die Vorstellung, dass du Saskias privates Paradies in die Hölle der Verzweiflung verwandelst.“

„Wenn ich meinen Job auf Norderney erledigt habe, wird deine Exfrau in einem Tränenmeer ertrinken.“

Richard lachte dreckig. Seine Rache würde fürchterlich sein.

Am Tag seiner Entlassung wurde Arno Zech von drei Mitgliedern der Rockergang »Boneshaker«, der er sich vor vielen Jahren angeschlossen hatte, vor der Justizvollzugsanstalt Tegel erwartet. Jeder Biker trug voller Stolz die Tätowierung mit gekreuzten Knochenarmen und einem »Boneshaker« Schriftzug auf einem der muskelbepackten Oberarme.

Gemeinsam fuhren sie zu einer Absteige in der Nähe des Rotlichtviertels Oranienburger Straße. Das Haus gehörte zu den Immobilien, die der zwielichtige Club von seinen früheren Besitzern nach Drohungen und Einschüchterungen günstig erworben hatte. Dort bezog Arno ein heruntergekommenes Zimmer.

Am nächsten Abend traf er sich mit dem Kontaktmann. Arno hatte keine Ahnung, woher der Schnösel in seinem teuren Designeranzug die Informationen über seinen Auftrag hatte. Wahrscheinlich hatte Richard ihn zuvor mit einem der begehrten Prepaid Handys, die immer wieder ins Gefängnis geschmuggelt wurden, angerufen.

„Auf Norderney kannst du dich aber unmöglich mit den Lederklamotten und der Kutte sehen lassen“, meinte dieser, mit Blick auf die Kleidung des Rockers. „Bei deinem Aufenthalt solltest du dich wie ein Urlauber kleiden. In der Pension Friesenbrise ist auf den Namen Peter Cowald ein Zimmer reserviert. Wenn du deinen Auftrag nicht zu unserer Zufriedenheit erledigst, werden wir dich erledigen. Ist das klar?“

Arno nickte. Dann sah er in den braunen Umschlag, den ihm sein Gegenüber in einer Zeitung verborgen gegeben hatte. Mit einem kurzen Blick vergewissert er sich, dass darin auch wirklich Geldscheine und keine Zeitungsschnipsel waren.

„Das sind die vereinbarten fünftausend Euro. Wenn die Zeitungen über das Verbrechen auf Norderney berichten, gibt es die andere Hälfte. Ich will dein Opfer auf der Titelseite sehen!“

„Das wird kein Problem sein.“

Arno verstaute das Geld in der Innentasche seiner Lederjacke. Wenig später fuhr er mit seinem Motorrad durch die Straßen Berlins.

Am nächsten Morgen machte er sich mit seiner Harley Davidson auf den Weg nach Norddeich Mole. Im Frisia Gebäude zog er sich in einer Toilettenkabine um und verstaute seine Vereinskutte zusammen mit dem Helm in den Satteltaschen.

Als er danach den Wartebereich betrat, wirkte er mit der verwaschenen Jeans, dem ärmellosen T-Shirt und den schwarzen Sneakers wie einer der zahlreichen Touristen, die sich an den Fahrkartenschaltern drängten, um eine der begehrten NorderneyCards zu kaufen.

Das Wetter zeigte sich an diesem Sommertag von seiner schönsten Seite. Die Sonne brannte von einem blassblauen Himmel. Ein leichter Wind wehte über der Nordsee.

Nach seiner Ankunft im Hafen von Norderney schlenderte Arno inmitten der fröhlichen Urlauber zu einem der dort bereitstehenden Busse. Während er die Fahrgäste mit einem abschätzenden Blick musterte, kramte er eine Blechdose mit Salmiakpastillen aus der Hosentasche und steckte sich eine davon in den Mund.

An der Haltestelle »Milchbar« stieg er aus dem Bus und legte den Rest des Weges zu Fuß zurück. Vor der Pension Friesenbrise sah er einen Mann, der wütend auf seine Begleiterin einredete. Dem verbitterten Gesichtsausdruck der Frau nach zu urteilen, würde sie ihren Gegenüber in diesem Moment am liebsten umbringen. Vielleicht würde er ihr den Gefallen tun.

 

Norderney, August 2016

 

Georg Sanders war sauer. Das Verhalten seiner Frau Britta ging ihm wieder einmal gehörig auf die Nerven. Wahrscheinlich war er bis zum Ende des dreiwöchigen Urlaubs an Langeweile gestorben. Beim Anblick des Gebäudes schüttelte er ungläubig den Kopf.

„Warum musstest du ausgerechnet ein Zimmer in dieser Pension buchen?“

„Wir können uns doch keine luxuriöse Unterkunft leisten“, versuchte Britta ihn zu besänftigen.

„Du hättest dich wenigstens um ein vernünftiges Hotel kümmern können.“

„Die Friesenbrise hat im Internet nur die allerbesten Kritiken bekommen. Ich bin sicher, dass wir hier einen wundervollen Sommer verleben werden.“

„Ich wäre besser mit meinen Kumpeln nach Mallorca geflogen“, seufzte Georg. „Dort ist jedenfalls immer was los.“

„Hast du etwa schon vergessen, warum wir diesen Urlaub machen?“, wollte sie von ihm wissen.

„Weil mir die Therapeutin gemeinsame Tage mit dir verordnet hat“, entgegnete er grimmig.

„Du weißt doch, dass es in den letzten Monaten zwischen uns nicht mehr so gut gelaufen ist. Hier können wir wieder zueinander finden.“

„Worüber sollen wir denn reden? Du hängst als Hausfrau doch den ganzen Tag nur vor der Glotze.“

„Das stimmt nicht“, verteidigte sie sich. „Ich kümmere mich seit sieben Jahren um die Gemeindebibliothek.“

„Ehrenamtlich!“

Georg spie ihr das Wort ins Gesicht.

„Ich möchte jetzt nicht mit dir streiten“, lenkte Britta ein. „Schließlich ist heute unser erster gemeinsamer Tag seit langer Zeit.“

„Wahrscheinlich ging es mir in den letzten Wochen deshalb so gut“, gab er sarkastisch zurück.

Seltsamerweise spürte Britta bei seinen Worten keinen Schmerz mehr.

Zu Beginn ihrer Ehe war jeder Buchstabe noch wie eine scharfe Klinge gewesen, mit der er ihr Selbstbewusstsein filetiert hatte. Früher hatte er sich für seine Wutausbrüche und gehässigen Sticheleien zumindest noch entschuldigt und Besserung gelobt. Inzwischen schien ihm ihr Gefühlsleben vollkommen gleichgültig zu sein. Für Britta war dieser Urlaub der letzte Versuch etwas zu retten, das vielleicht niemals existiert hatte.

Ihre Liebe zu Georg.

Als das Taxi auf der Fahrt vom Hafen zur Pension an einem halbrunden Café namens »Milchbar« vorbeigefahren war, wäre sie am liebsten ausgestiegen und hätte es sich dort mit einem Kaffee gemütlich gemacht. Statt entspannt in der Sonne zu dösen, stand sie nun mit einem nörgelnden Ehemann und drei Koffern vor der Pension Friesenbrise.

„Wenn es dir ohne mich bessergeht, kannst du gerne wieder nach Hause fahren“, konterte sie auf seine gehässige Bemerkung.

„Das ist eine gute Idee. Ich weiß sowieso nicht, was wir hier machen sollen.“

„Wie wäre es, wenn uns erst einmal das Zimmer ansehen?“

Ohne seine Antwort abzuwarten, ging Britta zur Eingangstür und öffnete diese. Georg schlurfte mürrisch hinter ihr her. Als er die leere Rezeption sah, hämmerte er wie ein trotziges Kind auf die dort stehende Klingel. In seiner Wut bemerkte er den Gast, der die Friesenbrise nur wenige Augenblicke nach ihm betrat, nicht.

 

***

 

Hauke de Vries stand am Fenster der Friesenbrise und sah hinaus. Die Strandpromenade war an diesem strahlenden Sommertag voller Urlauber. Auf der Kaiserwiese waren alle Strandkörbe belegt. In der Milchbar gab es bestimmt keinen freien Platz mehr.

Die Pension war seit acht Wochen restlos ausgebucht. Freie Zimmer gab es erst Ende September wieder. Seit dem Frühsommer hatten Saskia und er kaum noch Zeit füreinander gehabt. Im Juni war die Sängerin Madame, die mit »Sonne, Sand und Sehnsucht« einen Riesenhit gelandet hatte, wie ein Wirbelwind durch die Friesenbrise gefegt.

„In wenigen Wochen ist mein Trennungsjahr mit Richard vorbei.“ Saskia ergriff Haukes Hand. „Danach ist die Scheidung endlich rechtskräftig.“

„Ich würde dich lieber heute als morgen heiraten.“

„Das sagst du doch nur wegen der Hochzeitsnacht“, neckte ihn Saskia.

Hauke grinste. „Bin ich so leicht zu durchschauen?“

Statt einer Antwort schlang sie die Arme um seinen Nacken und küsste ihn.

„Wir können heute doch etwas früher zu Bett gehen. Was hältst du davon?“

„Wie wäre es mit jetzt gleich?“

Hauke drückte Saskia liebevoll an sich. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte die lebensfrohe Berlinerin nicht nur die Liebe, sondern auch das Lachen zurück in sein Leben gebracht.

„Wir müssen uns zuerst um die neuen Gäste kümmern. Danach sollten wir direkt das Abendessen vorbereiten und ... jetzt sieh’ mich nicht so an! Du weißt genau, dass ich bei diesem Blick immer schwach werde. Wenn Vorfreude wirklich die schönste Freude ist, hast du bis heute Abend vergnügliche Stunden vor dir.“

Saskia küsste Hauke noch einmal. Dann ging sie zur Rezeption. Wenige Sekunden später stürmte Ben ins Wohnzimmer.

„Darf ich heute wieder den Milchreis machen?“

„Natürlich! Ohne deine Hilfe würde ich die Arbeit in der Friesenbrise doch niemals schaffen!“

Hauke bückte sich und nahm seinen Sohn in die Arme.

„Du bist ganz schön schwer geworden“, stellte er fest. „Wahrscheinlich naschst du zu viel von dem Milchreis, den du eigentlich den Gästen servieren sollst.“

Ben lachte. „Ein guter Koch muss das Essen doch probieren!“

„Damit hast du natürlich vollkommen recht“, pflichtete ihm Hauke bei.

Als Vater und Sohn wenig später aus der Wohnung im zweiten Stock ins Erdgeschoss gingen, stand Saskia gerade hinter der kleinen Rezeption und händigte einem Paar die Zimmerschlüssel aus. Als diese ihnen entgegenkamen, sah der Mann Hauke mit einem mürrischen Gesicht an.

Saskia begrüßte nun einen muskulösen Mann in einem ärmellosen T-Shirt.

„Moin, Herr Cowald. Herzlich willkommen in der Friesenbrise. Sie haben das Zimmer mit der Nummer 4. Das ist gleich hier im Erdgeschoss. Abendessen gibt es ab sechs Uhr. Sie sollten sich den Milchreis nicht entgehen lassen!“, fügte sie mit einem Schmunzeln hinzu.

„Das werde ich ganz bestimmt nicht“, bestätigte dieser und nahm den Zimmerschlüssel entgegen.

„Waren das alle Gäste für heute?“, wollte Hauke wissen. Saskia, die sich um die Zimmerreservierungen und die Buchhaltung der Friesenbrise kümmerte, nickte.

„Während ihr den Milchreis kocht, decke ich die Tische im Speiseraum ein.“

Als sie bei einem Blick durch das Fenster die fröhlichen Menschen auf der Kaiserstraße sah, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht.

Saskia konnte sich noch gut an den Juli des letzten Jahres erinnern. Damals war sie im Auftrag ihres Ehemannes Richard Zinser nach Norderney gekommen, um Hauke zu einem Verkauf der Friesenbrise zu drängen. Die Liebe für den Insulaner war wie ein Orkan durch ihr Gefühlsleben getobt. Inzwischen brauchte sie zu ihrem Glück nur noch die Wellen, den Wind und ... Hauke.

In ihrer Liebe schienen sie wie zwei Puzzleteile zu sein, die nur zusammen ein stimmiges Bild ergaben. Wenn es sein musste, würde sie Hauke auch in Badehose heiraten.

Gegen sechs Uhr war der Speiseraum von fröhlichem Stimmengewirr und Gelächter erfüllt. Die Männer hatten beim Servieren des Milchreises alle Hände voll zu tun. Als sie wieder mit vollen Tabletts aus der Küche kamen, stolperte Ben über die Holzschwelle im Türrahmen. Mit einem überraschten Aufschrei fuchtelte er mit den Armen. Dabei ließ er das Tablett los.

Einer der beiden Teller fiel zu Boden.

Der andere landete auf der Hose von Georg Sanders.

Einen Moment lang betrachtete dieser fassungslos das verdreckte Kleidungsstück. Dann funkelte er Ben, der ihn ängstlich ansah, wütend an. Bevor der Junge eine Entschuldigung stammeln konnte, zerrte Georg ihn zu sich und gab ihm eine schallende Ohrfeige. Das klatschende Geräusch ließ alle Gespräche sofort verstummen.

Nachdem Hauke sein Tablett auf den nächsten Tisch gestellt hatte, nahm er seinen Sohn, dem inzwischen Tränen über die gerötete Wange liefen, in den Arm.

„Warum können Sie sich kein anständiges Personal leisten?“, beschwerte sich Georg währenddessen. „Ich will diesen Rotzbengel hier nicht mehr sehen. Haben Sie das verstanden?“

Saskia, die den Tumult gehört hatte, eilte in den Speiseraum.

„Keine Sorge!“ Haukes Stimme war kalt wie Eis. „Sie werden meinen Sohn niemals wiedersehen. Morgen verschwinden Sie aus der Friesenbrise.“

„Sie können mich nicht einfach aus der Pension werfen.“

Georgs Kopf hatte inzwischen die Farbe einer reifen Tomate angenommen.

„Das ist doch nicht so schlimm“, wisperte seine Frau mit leiser Stimme. „Du kannst dir doch einfach eine frische Hose anziehen und…“

„Halt die Klappe“, herrschte er sie an. Dann wandte er sich wieder an Hauke. „Dafür werden Sie bezahlen!“

„Ich werde selbstverständlich für die Reinigung aufkommen“, zischte dieser zwischen zusammengepressten Lippen hervor. „Nach dem Frühstück werden Sie aus der Friesenbrise verschwinden, sonst ...“

„... was?“ Georg Sanders baute sich drohend vor Hauke auf. Dieser ließ Ben los, der sofort zu Saskia lief und sich in ihre Arme schmiegte. Einen Moment lang sah es so aus, als wollte der Ostfriese den Mann mit beiden Händen am Hemdkragen packen und ordentlich durchschütteln. Dann aber ballte er seine Hände nur zu Fäusten. „Sonst werden Sie mich kennenlernen“, knurrte er. „Niemand schlägt meinen Sohn. Haben Sie das verstanden?“

„Jemand muss dem Bengel doch Manieren beibringen!“

„Georg, bitte beruhige dich. Es ist doch nichts passiert. Was hältst du davon, wenn wir gleich ins »Surfcafè« gehen? Dem Reiseführer nach soll das eine tolle Bar sein. Ein Drink wird dir bestimmt guttun.“

„Ich gehe doch nicht mit dir in eine Kneipe!“, schrie er seine Frau an.

Im Speisesaal war es nun so ruhig wie auf einem Friedhof. Jeder verfolgte den Streit. Auch wenn es Hauke offensichtlich schwerfiel, verließ er nun den Speiseraum. An der Türschwelle drehte er sich noch einmal zu seinem Widersacher um.

„Morgen will ich Sie hier nicht mehr sehen.“

Saskia und Ben folgten ihm in die Küche. Der Junge sah ihn mit verweinten Augen an.

„Es tut mir so leid. Ich… habe das … doch nicht gewollt“, schniefte er. Hauke nahm ihn fest in den Arm. „Du hast nichts falsch gemacht. So ein Missgeschick kann jedem passieren. Das ist nicht weiter schlimm.“

„Aber der Mann ist doch schrecklich wütend auf mich.“

„Keine Sorge. Der wird dir nie wieder etwas antun. Holst du schnell die Putzsachen und hilfst mir dann beim Saubermachen?“

Ben nickte tapfer. Als Hauke wenige Minuten später wieder in den Speiseraum kam, war das Ehepaar bereits verschwunden. Die anderen Gäste trösteten Ben. Einige ließen sich von ihm sogar extra eine weitere Portion Milchreis bringen.

„Ist mit dir alles in Ordnung? Ich habe dich noch nie so wütend erlebt“, wollte Saskia wissen, nachdem Hauke den Speiseraum wieder in Ordnung gebracht hatte.

„Ich kann immer noch nicht glauben, dass der Kerl Ben wirklich geohrfeigt hat. Am liebsten würde ich ihn …“

„Ganz ruhig. Ich werde das Zimmer einfach online anbieten. Während der Sommersaison dürfte es schnell wieder vermietet sein.“

„Das ist lieb von dir. Ich kümmere mich in der Zeit um Ben. Auch wenn er ein tapferer Junge ist, hat ihn der Vorfall sicherlich mitgenommen.“

Während Hauke seinen Sohn zu Bett brachte, überarbeitete Saskia am Computer den Belegungsplan der Pension Friesenbrise. Als sie in die Wohnung gehen wollte, kam ihr Hauke auf der Treppe entgegen.

„Du kannst Ben gute Nacht sagen. Ich bin noch immer stinksauer. Ist es in Ordnung, wenn ich einen Strandspaziergang mache? Danach geht es mir bestimmt besser.“

„Lass dich vom Wind ordentlich durchpusten. Wir sehen uns später.“

Wenige Minuten danach folgte Hauke der Strandpromenade Richtung Nordstrand.

An diesem lauen Sommerabend waren viele Menschen unterwegs. Da der Ostfriese mit seinem Ärger am liebsten allein sein wollte, marschierte er an der Wasserlinie Richtung Ostspitze. Nach der Gaststätte »Austernbar« kamen ihm immer weniger Urlauber entgegen. Die meisten Gäste vergnügten sich zu dieser Zeit in den Bars und Restaurants der Insel.

Eine knappe Stunde später begleitete ihn nur noch das Rauschen des Meeres und die Schreie der Möwen. Die Gischt legte sich wie ein feuchtes Tuch auf die Haut und kühlte seine Wut. Der Wind verwehte seine düsteren Gedanken.

Als Hauke in die Friesenbrise zurückkehrte, funkelten die Sterne bereits an einem wolkenlosen Nachthimmel. Er hing die Jacke an die Garderobe im Flur und zog sich die sandigen Schuhe aus. Danach ging er zu Saskia, die ihn im Wohnzimmer erwartete. Sie nahm ihn in die Arme.

„Hast du dich abreagiert?“

„Für mich ist ein Strandspaziergang besser als ein Besuch beim Psychologen.“

„Morgen früh kümmere ich mich um die Abreise der Urlauber.“

„Danke. Du bist nicht nur eine außergewöhnlich gute Geschäftsfrau, sondern auch …“

Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Lass mich einfach spüren, was ich sonst noch für dich bin.“

 

***

 

Arno Zech hatte sich nach dem Abendessen in sein Zimmer zurückgezogen. Mit etwas Glück konnte er Richards teuflischen Plan noch in dieser Nacht verwirklichen.

Nachdem er das Gespräch zwischen Hauke und Richards Exfrau auf der Treppe belauscht hatte, wartete er noch einige Minuten. Dann schlüpfte er in seine Sneakers und schlich aus dem Zimmer. An der Rezeption sah er sich um.

Da ihn niemand beobachtete, huschte er in die Küche. Wenn ihn jemand dort entdeckte, würde er einfach behaupten, dass er sich nur ein Bier holen wollte. Schließlich gab es in den Zimmern keine Minibars. Nach wenigen Sekunden entdeckte er den Messerblock auf der Arbeitsplatte. Als er eines der Schneidewerkzeuge herausziehen wollte, fiel sein Blick auf eine Außentür.

Der Schlüssel steckte darin. Direkt daneben war eine Garderobe, an der verschiedene Jacken hingen. Sandige

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 24.10.2018
ISBN: 978-3-7438-8442-7

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /