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Vielerlei von Norderney

 

Vielerlei von Norderney

Sammelband 1

 

 

Dörte Jensen

Copyright © 2016

Dörte Jensen

c/o Booklover Autorenservice

Am alten Bahnhof 3

50354 Hürth

 

 

 

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Website: Dörte Jensen

Lektorat u. Korrektorat: Satz & Silbe, Zwickau

Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München

Webdesign: Nadine Kapp, Hürth

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten. Eine Vervielfältigung oder andere Verwertung ist nachdrücklich nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Sämtliche Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Orte, Markennamen und Lieder werden in einem fiktiven Kontext verwendet. Alle Markennamen und Warenzeichen, die in dieser Geschichte verwendet werden, sind Eigentum der jeweiligen Inhaber.

 

Inhaltsverzeichnis

Liebelei auf Norderney

Inselleben

Friesenbrise

Milchreis

Lebenslügen

Gefühlschaos

Untreue

Todesangst

Racheengel

Abschied

Epilog

Süße Verführung

Süße Witwe

Stürmische Flucht

Friesische Verführung

Heißkaltes Willkommen

Vergiftete Liebe

Letzte Worte

Epilog

Stürmische Bescherung

Winterwunderland

Enttäuschte Hoffnungen

Lebenslügen

Weihnachten und andere Katastrophen

Weihnachtsengel

Stürmische Bescherung

Herzensangelegenheiten

Ringfeuer

Epilog

 

 

Liebelei auf Norderney

Pension Friesenbrise

 

 

 

Inselleben

 

 

Berlin, November 2014

 

Drei Männer beugten sich in einem modernen Büro am Berliner Savignyplatz über das maßstabsgetreue Modell der ostfriesischen Insel Norderney. Der Damenpfad und die Kaiserstraße wurden von Luxushotels und elitären Wohnanlagen dominiert, von denen man eine wundervolle Aussicht auf die Nordsee hatte.

Im Inselzentrum warteten sündhaft teure Bars und exklusive Restaurants auf jene zahlungskräftige Kundschaft, die sich eine Beteiligung an der Immobiliengesellschaft «Inselleben» leisten konnte.

Ein ausgebauter Flughafen und zwei Hubschrauberlandeplätze sorgten für eine schnelle Erreichbarkeit der Insel. Im erweiterten Hafenbecken konnten auch größere Jachten ankern.

„Auf Norderney sind Sie unter ihresgleichen“, erläuterte ein smarter Mittdreißiger in einem anthrazitfarbenen Maßanzug seinem Kunden die Vorteile. „Wenn wir der Insel ein neues Gesicht gegeben haben, wird der Pöbel von dort verschwinden. Auf Norderney werden Sie zukünftig alle Annehmlichkeiten ihres Jetset Lebens finden. Sie müssen auf nichts verzichten. An dieser Stelle“, der Immobilienverkäufer deutete auf einen Punkt in der Kaiserstraße, „wird das erste Hotel des Projektes «Inselleben» entstehen. Wenn Sie sich zu einer Einlage entschließen, wird es Ihnen gehören. In den nächsten Jahren werden sich namhafte Investoren aus anderen Inseln wie Sylt zurückziehen und hier investieren. Die Preise werden garantiert explodieren!“

„Ich weiß nicht.“

Vladimir Sokolow fuhr sich mit der Hand über das stoppelige Gesicht. Dabei wurde mit den drei eintätowierten Punkten zwischen Daumen und Zeigefinger die Tätowierung aus seiner Knastzeit sichtbar.

„Warum sollte ich mein Geld in Immobilien auf einer Nordseeinsel investieren, wenn ich auch Hotels in der Karibik erwerben kann?“

Der Russe trank einen weiteren Schluck von seinem Belvedere Wodka.

„Weil Sie ein Mann mit Visionen sind. Schließlich haben Sie Ihr Imperium aus dem Nichts aufgebaut“, mischte sich der Geschäftspartner, ein untersetzter Glatzkopf, in das Gespräch ein.

„Ich will keine Visionen kaufen, sondern einfach nur einen guten Deal machen.“

Vladimir Sokolow wandte sich an seine Begleiterin, die mit einer Champagnerflöte in der Hand gelangweilt aus dem Fenster sah.

„Soll ich dir das Hotel Inselleben kaufen?“

„Warum nicht?“ Die Stimme des ehemaligen Models war so gleichgültig, als ob er ihr nur einen Kaffee angeboten hätte. „Es ist aber kalt und windig auf Norderney“, gab sie zu bedenken.

„Mir gefällt das raue Klima. Es ist wie mein Leben. Ist das Objekt schon in ihrem Immobilienbestand?“

„Wir verhandeln noch mit dem Eigentümer. Der wird uns aber keine Probleme bereiten. Das garantieren wir Ihnen.“

Der Fondsmanager strich sich eine Strähne seiner gegelten Haare aus der Stirn.

„In Russland habe ich für jedes Problem eine Kugel. Sollten Sie Ihre Versprechen nicht einhalten, werde ich Ihnen also keine Anwälte auf den Hals hetzen. Diese juristischen Bluthunde kosten nur Geld. Eine Kalaschnikow ist billiger und effizienter. Meinen Sie nicht auch?“

Die Angesprochenen sahen sich einen Moment lang schweigend an. Dann nickten sie.

„Dann sind wir uns also einig! Ich liebe einfache Geschäfte ohne Verträge.“

Der Russe nahm den Koffer, der neben ihm auf dem Boden stand, und legte ihn neben das Norderney-Modell auf den gläsernen Schreibtisch.

„Darin befinden sich die vereinbarten zehn Millionen Euro. Sie können gerne nachzählen.“

„Das wird sicher unnötig sein. Wir vertrauen Ihnen.“

Vladimir Sokolow schüttelte den Kopf.

„Das ist ein Fehler. Ich vertraue niemandem. Wann wird das Hotel Inselleben eröffnet?“

„Im Mai nächsten Jahres.“

„Schicken Sie mir Fotos, wenn es fertig ist. Wenn ich keine Bilder bekomme, haben wir ein Problem. Ist das klar?“
„Selbstverständlich. Demnach werden Sie nicht zur Eröffnung kommen?“

„Was soll ich denn auf Norderney? Ich bevorzuge ein wärmeres Klima. Zur Erinnerung an unser Treffen nehme ich ihren Prospekt mit. Ich gehe davon aus, dass Sie unsere Zusammenkunft mit der nötigen Diskretion behandeln.“

„Natürlich. Das ist doch auch in unserem Sinne. Bei uns ist ihr Geld in guten Händen.“
„Das hoffe ich für Sie. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen? Mein Schätzchen langweilt sich. Komm!“ Er reichte ihr die Hand.

„Wir sind hier fertig.“

Der Glatzkopf begleitete das Paar zur Tür.

Nachdem sie verschwunden waren, grinste er seinen Geschäftspartner an. Mit der Immobilienanlage «Inselleben» würden sie sich eine goldene Nase verdienen.

Wenn sie das erste Hotel ihrer Kette erst einmal eröffnet hatten, würden andere Investoren nachziehen. Zufrieden sammelte er die restlichen Prospekte ein und verstaute sie in seiner ledernen Aktentasche.

„Bist du sicher, dass der Kerl sein Haus verkaufen will?“ Der smarte Manager sah seinen Geschäftspartner fragend an.

„Es ist mir vollkommen egal, ob er das machen will. Ich werde schon dafür sorgen, dass er es tun muss. Der macht uns keine Schwierigkeiten.“

„Das höre ich gerne. Während du dich darum kümmerst, sorge ich dafür, dass die acht Millionen auf die Nummernkonten des Fonds eingezahlt werden.“

„Eine Million Euro Provision für jeden von uns. Ist das nicht fantastisch? Warum sind wir eigentlich nicht früher auf die Idee mit der Geldwäsche gekommen?“

„Weil wir anständige Menschen sind!“

Die Männer klopften sich vor Lachen gegenseitig auf die Schulter.

 

Friesenbrise

 

 

Berlin, Juli 2015

 

„Das kann doch unmöglich dein Ernst sein?“

Fassungslos starrte Saskia auf den Monitor, auf dem der Unternehmensberater Richard Zinser per Videokonferenz zugeschaltet war.

Malte Bender, der wieder einmal mit seinem iPhone spielte, schüttelte den Kopf. Mit einem theatralischen Seufzer sah er sie an.

Saskia Tarras hasste den herablassenden Blick ihres arroganten Kollegen. Nach Meinung dieses Machos konnten Frauen nur im Bett und in der Küche gute Dienste verrichten.

„Baby, du hast den Boss doch gehört. Ich werde den Job zu Ende bringen.“

„Wenn du mich noch einmal Baby nennst, dann ...“

„Saskia, reg dich ab“, fiel ihr Richard ins Wort.

„Malte wird sich mit den Geldgebern auf Hawaii treffen. Dort wird er sich dann um die Unterschriften kümmern.“

„Er kennt die Verträge nicht einmal. Ich habe doch nicht wochenlang an der Finanzierung gearbeitet, damit du mich jetzt abservierst.“

„Dafür bin ich dir auch sehr dankbar.“

Richard schenkte Saskia jenes Lächeln, dem sie bisher nicht widerstehen konnte.

„Das ist nicht fair.“

So einfach wollte sie sich nicht geschlagen geben.

„Baby, du hast einen super Job gemacht.“

Malte dehnte das Wort super, als würde er auf Kaugummi kauen.

Dabei sah er seine Kollegin nicht einmal an, sondern starrte weiterhin gebannt auf das Handy. Wahrscheinlich machte er gerade wieder ein Date mit einem seiner Luxusweibchen klar, die den Körper einer Barbiepuppe und das Hirn eines Toasters hatten.

Er bezeichnete diese auf High Heels durch die Gegend stolzierende Spezies auch gerne als Traumfrauen.

Aus seiner Sicht war diese Kategorisierung sogar nachvollziehbar, denn bei ihnen musste er seine geistigen Fähigkeiten – die sich nach Saskias Einschätzung nur rudimentär von denen eines Neandertalers unterschieden - nicht unter Beweis stellen.

Saskia hätte ihm für sein dämliches Grinsen am liebsten ihre Tasse mit dem inzwischen kalten Kaffee ins Gesicht geschüttet.

Stattdessen presste sie die Lippen aufeinander und starrte auf die mit Kekskrümeln übersäte Untertasse. Die Finger hatte sie so fest ineinander verschränkt, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Für dich habe ich einen neuen Auftrag. Du musst unbedingt eine Pension auf Norderney unter die Lupe nehmen.“

Richards Stimme klang durch die Boxen etwas blechern.

„Aber ich ...“ Saskia hob in stiller Verzweiflung die Hände.

„Du kannst doch unmöglich von mir verlangen, dass ich dorthin gehe.“

„Dieser Auftrag ist sehr wichtig und duldet keinen Aufschub. Darum möchte ich auch, dass du den Job übernimmst.“

„Aber warum muss es denn ausgerechnet in dieser ...“, einen Moment suchte Saskia nach dem passenden Wort. „... Verbannung sein.“

„Richard hat vollkommen recht. Du bist die Richtige für diesen Job. Die Luft soll dort ganz hervorragend sein. Am Strand kannst du auch prima joggen.“

Malte, der das Gespräch mit einem hämischen Grinsen verfolgt hatte, warf einen Blick auf ihre etwas zu rundlichen Kurven. Dann stand er auf und winkte in die integrierte Kamera des Monitors.

„Ich muss jetzt leider los. Der Flieger geht in drei Stunden und ich will vorher noch mein Surfboard einchecken. Wir sehen uns, wenn ich zurück bin. Bis dahin wünsche ich dir noch viel Spaß in Paris.“

Malte winkte seinem Vorgesetzten lässig zu. Dann ging er zur Tür und schloss sie geräuschvoll hinter sich.

Saskia kochte vor Wut. Das durfte doch wohl nicht wahr sein!

Während sich der Wichtigtuer mit den Investoren in einem Luxushotel in Honolulu traf, durfte sie die Reise zu einer schäbigen Pension auf Norderney antreten.

Warum darf Malte in diesem Ton mit mir reden? Wann wirst du diesen arroganten Mistkerl endlich feuern?“

„Ich kann doch den besten Mitarbeiter nicht vor die Tür setzen, weil meine Frau nicht mit ihm klarkommt. Hast du eine Ahnung, wie viele Kunden er mit seiner lockeren Art schon angeschleppt hat?“

Saskia seufzte resignierend. Mit diesem Argument wischte Richard jede ihrer Beschwerden seit Jahren einfach zur Seite.

„Wann soll ich denn anfangen?“

„Morgen. Wenn du früh genug losfährst, kannst du eine Nachmittagsfähre nehmen. Ich habe dir bereits telefonisch ein Zimmer reserviert.“

„Kann ich den Wagen mit auf die Insel nehmen?“

Richard schüttelte den Kopf.

„Die Pension hat keinen hauseigenen Parkplatz. Du kannst deinen Mini in Norddeich Mole auf dem Frisia Gelände abstellen. Von dort gibt es einen Zubringerdienst zum Anleger. Jetzt sieh mich nicht so vorwurfsvoll an. Auf der Insel wirst du kein Auto brauchen. Auf Norderney geht alles etwas ... wie soll ich sagen ... beschaulicher zu.

Nach deiner Ankunft wird dich ein gewisser Herr Dr. Severt abholen. Seine Nummer habe ich dir gerade auf dein Handy geschickt. Er leitet die örtliche Niederlassung der Friesenbank und wird dir alle erforderlichen Unterlagen für deine Arbeit geben.Bitte informiere mich sofort, wenn du etwas über diesen Hauke de Vries herausgefunden hast. Du darfst dich übrigens auf keinen Fall zu erkennen geben. Für ihn bist du nur eine Touristin, die ihren Urlaub auf Norderney verbringt.“

„Sollte ich nicht eine Unternehmensanalyse der Pension Friesenbrise machen?“

„Das sollst du auch. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Ruf mich an, wenn du angekommen bist.“

„Wolltest du nicht heute Abend nach Berlin zurückfliegen? Ich hatte mich so auf das Wiedersehen mit dir gefreut. Du bist bereits seit fünf Tagen in Frankreich.“

„Morgen Abend werde ich wieder in Berlin sein. Aber dann bist du leider schon auf Norderney.“

„Kann ich nicht einfach einen Tag später fahren?“

„Das geht auf keinen Fall. Die Angelegenheit ist wirklich dringend.“

„Okay. Dann werde ich jetzt mal meine Sachen packen“, seufzte Saskia.

„Das ist lieb von dir. Bis bald.“

Richard beendete die Videokonferenz. Einen Moment lang starrte Saskia auf den schwarzen Monitor. Dann packte sie den Laptop und ihr Handy in die Handtasche und stand auf. Kurz darauf quälte sie sich durch den Berliner Verkehr.

 

***

 

Drei Stunde später standen die Reisetaschen für den Aufenthalt auf Norderney im Flur ihrer Wohnung.

Saskia konnte sich nicht daran erinnern, jemals so widerwillig gepackt zu haben. Wenn sie die nächsten Tage schon auf einer ostfriesischen Insel verbringen musste, wollte sie es vor der Abreise noch einmal richtig krachen lassen.

Sie wischte über das Display des Handys und tippte auf die Kurzwahl ihrer besten Freundin, die seit vier Monaten auch ihre Kollegin war. Wenn Richard noch geschäftlich in Paris bleiben musste, würde sie sich eben mit Beatrix in das Berliner Nachtleben stürzen. Sie hatte die lebenslustige Frau während des Studiums kennengelernt.

Im Gegensatz zu ihr schien sie wie ein Schmetterling durch ein aufregendes Leben zu flattern. Mit ihrer zierlichen Figur und dem koketten Verhalten hatte sie schon einigen Männern den Kopf verdreht.

Zu ihrer Verwunderung nahm sie den Anruf nicht entgegen. Dabei war Beatrix eine jener Frauen, die das Handy immer in Reichweite hatten. Nachdem sie ihr vier Nachrichten auf die Mailbox gequatscht und sieben WhatsApp Mitteilungen geschickt hatte, legte Saskia ihr Mobiltelefon frustriert zur Seite und schaltete den Fernseher ein.

 

***

 

Hauke warf den Briefumschlag ungeöffnet in die Schublade, obwohl er wusste, dass er sich der Wahrheit eines Tages stellen musste. Aber im Augenblick fehlte ihm dazu einfach die Kraft.

Der hochgewachsene Mann ging zum Fenster und öffnete es. Eine frische Nordseebrise wehte in den Raum. Er atmete tief ein und schloss die Augen.

In Momenten wie diesen war sie wieder bei ihm. Er konnte sogar ihre Hand in der seinen spüren.

Die Erinnerungen an Frauke waren wie Flashbacks eines Drogentrips, die ihn immer wieder mit voller Wucht trafen. Sie hatten oft an diesem Fenster gestanden, sich an den Händen gehalten und hinausgesehen.

Worte waren in diesen Momenten des Glücks nur überflüssiger Ballast einer Sprache, die ihre Liebe nicht einmal ansatzweise beschreiben konnte.

An diesem Fenster hatte sie ihm auch den kleinen Schuh überreicht. Hauke erinnerte sich noch genau daran, dass er sie einen Moment lang fragend angesehen hatte.

Ihr Lächeln war Antwort genug gewesen.

Damals hatte er sie so stürmisch in seine Arme gerissen, dass sie gestolpert und auf das Sofa hinter ihnen geplumpst waren. Fraukes Schwangerschaft war das I-Tüpfelchen ihrer Liebe.

Gewesen.

Auch wenn seine Frau vor über drei Jahren gestorben war, fühlte er den Schmerz noch wie in jener Nacht, in der sie ihren wichtigsten Kampf verloren hatte.

Dieser verdammte Krebs hatte sie einfach aufgefressen. Auch wenn ihr Körper irgendwann nur noch eine leere Hülle gewesen war, hatte sie ihr Schicksal nie beklagt.

In jener stürmischen Novembernacht war er bis zum letzten Atemzug bei ihr geblieben. Als er sich nach ihrem Tod über sie beugte und ihr einen Abschiedskuss auf die noch warmen Lippen hauchte, spürte er den Verlust wie ein bleiernes Gewicht auf seinen Schultern.

Mit ihrem Tod war die Leichtigkeit des Lebens verflogen. Geblieben waren nur die Katakomben seiner Erinnerungen, in denen er seitdem ziellos umherirrte.

Und Ben.

Seine Mutter, so hatte er es seinem Sohn am Tag der Beerdigung auf dem Inselfriedhof erklärt, war nun ein Engel, der auf einem Stern lebte.

Die Vorstellung, dass sie von dort auf ihre kleine Familie herabsah und ihnen zuwinkte, hatte auch für ihn etwas Tröstliches.

In manchen Momenten ertappte er sich sogar dabei, dass er zurückwinkte.

Ben hatte ihn vor der Flasche gerettet. Ohne seinen Sohn hätte er sich längst totgesoffen.

„Papa, was ist mit dir?“

Hauke beugte sich zu seinem Sohn und hob ihn hoch. Der Kleine schlang die dünnen Ärmchen um seinen Nacken.

„Es ist alles in Ordnung“, murmelte er.

Er musste sich endlich zusammenreißen!

Schließlich durfte er die wenigen Gäste, die sich noch in die Pension Friesenbrise verirrten, nicht auch noch vergraulen.

Dabei war seine schroffe Art nur ein Kokon, mit dem er sein blutendes Herz schützte. Aber das wusste natürlich niemand von ihnen. Für die Touristen entsprach er dem Klischee des wortkargen Norddeutschen mit dem Temperament eines Eiszapfens, für den eine Unterhaltung mit Fremden so angenehm war wie eine Wurzelbehandlung.

„Ich habe gerade an Mama gedacht“, erklärte er.

„Deshalb musst du nicht weinen. Sie ist doch jetzt im Himmel. Wenn ich die Augen schließe, kann ich sehen, wie sie mit den Wolken fliegt.“

Ben kniff die Augen ganz fest zusammen.

Hauke drückte seinen Sohn an sich.

In diesem Moment wurde ihm wieder einmal bewusst, dass er die Friesenbrise niemals verkaufen durfte, um seine Schulden zurückzuzahlen.

Bei dem letzten Angebot über vier Millionen Euro wäre er beinahe schwach geworden. Mit dem Haus hätte er aber auch die Erinnerungen an Frauke verkaufen müssen. Da sie in seiner Vorstellung noch immer in dieser Pension lebte, war das vollkommen unmöglich.

Er ging in die Hocke und setzte seinen Sohn vorsichtig wieder ab.

„Es ist Zeit zum Abendessen. Was magst du?“

„Milchreis!“ Ben klatschte vor Freude in die Hände. „Mit ganz viel Zimtzucker.“

„Okay. Dann machen wir uns mal an die Arbeit.“

Hauke strich ihm liebevoll durch das flachsblonde Haar.

Dann schloss er das Fenster und folgte seinem Sohn in die Küche.

 

***

Saskia verstaute am Samstagvormittag die Reisetaschen in ihrem knallroten BMW Mini. Dann machte sie sich auf den Weg.

Als sie das Oldenburger Dreieck hinter sich gelassen hatte und weiter Richtung Küste fuhr, wurde die Landschaft immer ... flacher.

Sie hatte den Eindruck, dass sich der Horizont mit jedem zurückgelegten Kilometer um die doppelte Entfernung weiter nach hinten verschob.

Die Häuser wirkten wie rote Rechtecke in einer grünen Landschaft. Bäume reckten ihre Äste in einen blassblauen Himmel. Schafherden grasten auf saftigen Weiden. Windräder drehten sich träge in einem leichten Sommerwind.

In diesem Landstrich schien sogar die Zeit langsamer zu vergehen.

Saskia sehnte sich schon jetzt nach dem pulsierenden Leben Berlins zurück. Sie musste den Job zu Ende bringen, bevor sie in dieser Einöde an Langeweile zugrunde ging.

Als sie Norddeich Mole endlich erreichte, schüttelte sie ungläubig den Kopf. Die Parkareale waren riesig. Trotzdem fand sie erst nach längerer Irrfahrt durch geparkte Autos eine Lücke, in die sie sich mit ihrem Mini quetschen konnte.

Saskia würde nie verstehen, wie jemand seinen Urlaub an der Nordsee verbringen konnte. Hier gab es doch nichts als Wind und Wellen.

Missmutig holte sie ihre Reisetaschen aus dem Fahrzeug. Schwer bepackt machte sie sich auf den Weg zur Haltestelle. Dort setzte sie ihr Gepäck ab und wartete mit anderen Reisenden auf den Zubringer zur Fähre.

Zu ihrer Verwunderung blickte Saskia in dem kurz darauf ankommenden Bus in glückliche Gesichter.

Im Berliner Nahverkehr starrten die Fahrgäste mit versteinerter Miene auf ihre Handys oder musterten ihre Fußspitzen. In den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt sprach niemand ein Wort, keiner sah seinen Nachbarn an. Inmitten der Menschen war jeder allein.

Hier redeten und lachten Urlauber, die sich bisher offensichtlich nicht kannten, miteinander. Einige beschlossen sogar spontan, benachbarte Strandkörbe anzumieten, damit ihre Kinder miteinander spielen konnten.

Kinder!

Erst jetzt fiel Frauke auf, dass der Bus voll mit lärmenden Minimonstern war. In Berlin konnte sie den Kleinen aus dem Weg gehen. Auf Norderney schien das nicht möglich zu sein.

Die Unternehmensberaterin würde nie verstehen, was an den Quälgeistern so liebenswert sein sollte. Jedes süße Lächeln der Kleinen musste doch mit schlaflosen Nächten, nervenzerfetzenden Tobsuchtsanfällen und tonnenweise Süßigkeiten teuer erkauft werden.

Darauf konnte sie gut verzichten.

Als der Bus am Anleger seine Türen öffnete, konnte sie dem Geschrei der Nervensägen und dem Lachen der Erholungsuchenden endlich entkommen. Sie war jetzt schon vollkommen genervt.

Beim Aussteigen zerzauste eine Windböe ihre Frisur. Die halblangen rotblonden Haare wehten ihr ins Gesicht. Sie strich sich die Strähnen hinter die Ohren.

Der Wartebereich des Frisia Gebäudes war voller Menschen. Zu ihrer Verwunderung schien sich keiner der Anwesenden von den Warteschlangen vor den Fahrkartenschaltern seine gute Laune verderben zu lassen. Die Urlauber befanden sich anscheinend in einer Art emotionalem Ausnahmezustand.

Eine gefühlte Ewigkeit später war Saskia endlich an der Reihe. Ein Mann mit wettergegerbtem Gesicht und grauem Bart lächelte ihr freundlich zu. Er sah aus wie ein Schauspieler aus einer Fernsehwerbung für Fischstäbchen.

„Moin. Hin- und Rückfahrt?

„Nur Hinfahrt. Ich möchte die Insel nie wieder verlassen!“

„Das kann ich gut verstehen.“

„Das war nur ein Scherz!“

„Für viele ist ein Leben auf Norderney kein Witz, sondern ein Lebenstraum“, bemerkte er trocken. Dann händigte er ihr die NorderneyCard aus, die zugleich als Fahrschein diente.

Saskia nahm das scheckkartengroße Plastikkärtchen wortlos entgegen und schleppte ihr Gepäck zu der weiß getünchten Autofähre. Zu ihrer Überraschung handelte es sich dabei nicht um einen verrosteten alten Kahn, sondern um ein modernes Schiff mit verschiedenen Decks.

Sie hätte beim Packen berücksichtigen sollen, dass die Taschen keine Rollen hatten. Ihre Arme schienen mit jeder Sekunde einen Zentimeter länger zu werden.

Über die Passagierbrücke wurde sie von der Menschenmenge an Bord gespült. Zwischen den Urlaubern fühlte sie sich so selbstbestimmt wie mitten in einer Stampede.

Die Gepäckregale im Schiffsinneren waren natürlich alle belegt. Die meisten Feriengäste schienen, statt Freizeitkleidung und Strandspielzeug, ihren kompletten Hausstand mitgenommen zu haben.

Saskia quetschte ihre Taschen zwischen einen schrankgroßen Koffer und einen Kinderwagen, die an der Außenwand standen. Da die Plätze unter Deck des Schiffes bereits belegt waren, ging sie auf das Promenadendeck und setzte sich auf einen der wenigen noch freien Plätze.

Dort wehte ein kühler Wind. Saskia zog den Reißverschluss der Jacke zu. Gedankenverloren starrte sie auf das Fischerboot, das mit hochgezogenen Netzen durch die Fahrrinne tuckerte.

In ihrem letzten Urlaub hatte sie nicht einmal einen Pullover gebraucht. Warum konnte sie jetzt nicht auf den Malediven sein? Wenn sie das Projekt abgeschlossen hatte, würde sie sich mit Richard eine Auszeit gönnen.

Bei dem Gedanken an ihren Ehemann fischte sie das Handy aus der Handtasche und wischte über das Display. Richard hatte ihr sieben Nachrichten hinterlassen.

„Warum bist du jetzt nicht bei mir?“, flüsterte sie.

Leider war keine der Mitteilungen persönlicher Natur. Alle bezogen sich auf ihren Auftrag. Resigniert nahm sie seine Informationen zur Kenntnis.

Dabei hätte sie sich so über liebevolle Worte von ihrem Mann gefreut. Aber für ein »Ich liebe dich« oder »Du fehlst mir« hatte er wieder einmal keine Zeit gefunden.

Als die Fähre ablegte und auf das offene Wasser fuhr, frischte der Wind auf.

„Der kälteste Winter, den ich jemals erlebt habe, ist ein Sommer auf Norderney!“, ging Saskia die Abwandlung des Zitates von Mark Twain durch den Kopf.

Frierend schlang sie die Arme um den Körper und beobachtete die Möwen, die das Schiff mit lautem Geschrei begleiteten.

Als sie an einer Seehundsbank vorbeikamen, drängten sich die Fahrgäste an der Reling. Innerhalb weniger Minuten wurden die träge auf dem Sand liegenden Tiere öfter fotografiert als Schauspieler, die sich auf dem roten Teppich beim Filmfestival in Cannes die Ehre gaben. In dem Trubel wurde sie von einem Kind angerempelt.

„Tut mir leid.“ Ein Junge von vielleicht sieben Jahren blickte sie schuldbewusst an.

„Das macht doch nichts“, hörte sie sich sagen, obwohl sie ihm am liebsten ein „Verschwinde, du Rotzbengel“ entgegengeschleudert hätte.

„Kaufst du mir ein neues Eis?“

Einen Moment sah Saskia ihn irritiert an. Dann erst bemerkte sie den Eisstiel in seiner Hand und den feuchten Fleck auf ihrer weißen Hose.

Bevor sie ihm eine möglicherweise nicht ganz jugendfreie Antwort geben konnte, tauchte sein erwachsenes Ebenbild hinter ihm auf.

„Kevin, ich habe dir doch gesagt, dass du bei mir bleiben sollst!“, schalt ihn sein Vater. Dann wandte er sich an Saskia. „Bitte entschuldigen Sie das Missgeschick.“

Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, drehte er sich um und verschwand mit seinem Sohn.

Saskia stand auf und machte sich auf den Weg zur Toilette im Untergeschoss. Dort konnte sie die Sauerei vielleicht beseitigen. Aber das Vanilleeis erwies sich als hartnäckiger Gegner.

Einige Minuten später war es ihr mit flüssiger Seife, Wasser und Papierhandtüchern nur gelungen, die fettige Masse noch tiefer in den Stoff einzureiben.

Saskia wollte gerade gehen, als eine drahtige Frau die Damentoilette betrat. Sie trug Jeans und Segelschuhe. Die kurz geschnittenen weißen Haare waren zerzaust. Belustigt betrachtete sie ihre verdreckte Hose.

„Sie haben nicht zufällig eine Waschmaschine in ihrem Handgepäck?“, fragte Saskia.

„Leider nein. Lassen Sie sich Ihren Urlaub aber nicht von einem Eisfleck verderben.“

„Ich mache hier keine Ferien. Ich bin geschäftlich unterwegs.“

„Geschäftlich? Im Paradies sollte man keine Geschäfte machen.“

„Paradies?“

Saskia sah die alte Dame irritiert an. Was redete sie nur für einen Blödsinn?

„Norderney ist jenseits der Worte. Haben Sie jemals in einem Strandkorb gesessen und den Sonnenuntergang beobachtet? Haben Sie jemals bei einem Spaziergang den Nordseewind auf ihrer Haut gespürt? Haben Sie jemals in einer Düne gelegen und ihre Gedanken mit den Wolken ziehen lassen? Nein?“, deutete sie Saskias Gesichtsausdruck richtig. „Dann wissen Sie auch nicht, wovon ich rede. Nutzen Sie Ihren Aufenthalt, um sich aus der Zeit fallen zu lassen.“

„Aus der Zeit fallen zu lassen?“

„Keine Uhr. Keine Termine. Nur der Wind, der die Sorgen verweht.“

„Aus der Zeit fallen lassen. Wind, der die Sorgen verweht“, wiederholte Saskia. „Sie sind nicht zufällig Schriftstellerin?“

„Ganz sicher nicht. In den wichtigsten Momenten meines Lebens haben mich die Worte immer im Stich gelassen. Tränen waren die einzige Sprache, in der ich von meiner Vergangenheit erzählen könnte. Bitte erschrecken Sie jetzt nicht.

Ich hatte ein wundervolles Leben, denn ich habe fast nur Freudentränen geweint, wie bei meiner Hochzeit und den Geburten meiner drei Söhne. Die einzigen Tränen der Trauer habe ich nach dem Tod meines Mannes vergossen.

Auf Norderney habe ich meinen Frieden gefunden. Wissen Sie was? Besuchen Sie mich doch einfach, wenn Sie etwas Zeit haben. Dann können wir einen Ausflug mit dem Segelboot machen. Warten Sie, ich schreibe Ihnen meine Adresse auf.“

Die ältere Dame kramte einen kleinen Block und einen Kugelschreiber aus der Jackentasche. Dann kritzelte sie einen Namen und eine Anschrift darauf.

Als sie ihr den Zettel in die Hand drückte, überlegte Saskia, wann ihr jemand zuletzt ein Stück Papier überreicht hatte. Sie wusste es nicht mehr. Seit Jahren bekam sie alle Informationen nur noch online.

„Es war nett, Sie kennengelernt zu haben.“

Die ältere Lady streckte ihr die runzelige Hand entgegen. Der Händedruck war erstaunlich fest.

Ihr faltiges Gesicht war die Landkarte eines erfüllten Lebens. Ihre Krähenfüße waren Canyons, die das Lachen in ihre Haut gemeißelt hatte.

Sie strahlte eine innere Zufriedenheit aus, die Saskia noch nie bei einem Menschen gesehen hatte. Diese Frau würde niemals auf die Idee kommen, sich mithilfe eines Schönheitschirurgen in eine jüngere – und peinlichere – Ausgabe ihrer selbst zu verwandeln. Als sie sich umdrehte und in der Menge verschwand, lächelte Saskia zum ersten Mal an diesem Tag. Leider bemerkte sie es nicht.

 

***

 

„Hast du dir auch die Zähne geputzt?“

Hauke sah seinen Sohn mit einem verschmitzten Lächeln an. „Klar. Tapp hat mir dabei zugesehen.“

„Dann kann mir dein Freund doch bestimmt erklären, wie du deine Beißerchen mit einer trockenen Zahnbürste geschrubbt hast.“

Der Vater nahm den einäugigen Teddybären aus dem Bett und hielt ihn sich vor das Gesicht. „Kannst du mir das Geheimnis der trockenen Zahnbürste verraten?“

Aber der graue Bär antwortete nicht. Er brummte nur einmal laut, als Hauke ihm auf den Bauch drückte.

„Tapp ist auch der Meinung, dass du es noch einmal versuchen solltest.“

Ben zog einen Flunsch. „Das ist nicht fair. Ich habe doch ...“

„Abmarsch ins Bad.“

Das abendliche Ritual des Zähneputzens schien Ben niemals langweilig zu werden. Hauke allerdings auch nicht.

Er wusste, dass die Kindheit viel zu schnell vorbei war. Bald würde sein Sohn die Zahnbürste zu Übernachtungspartys bei Freunden mitnehmen. Danach würde er sie bei einer Freundin lassen. Später bei seiner Frau.

Dann würde er allein sein.

Hauke hatte keine Ahnung, wie er ohne Ben leben sollte. Wenn der Junge eines Tages auszog, würden die Geister der Erinnerung seine einzige Gesellschaft sein. Wahrscheinlich würde er als seniler alter Sack enden, der den ganzen Tag auf einem Stuhl saß und sinnloses Zeug vor sich hinbrabbelte.

Er fürchtete sich schon jetzt vor dem Moment, in dem er bei Ben das Licht ausmachen und sich seinen Dämonen stellen musste. Seine Peiniger steckten in den Briefumschlägen in der Tischschublade.

Die meisten Schreiben waren von der Friesenbank.

Da Hauke sich nie um die Finanzen gekümmert hatte, kannte er die Höhe seiner Schulden nicht einmal. Seit Fraukes Tod lebte er von den Rücklagen, die sie für schlechte Zeiten angespart hatten. Leider waren diese noch lange nicht zu Ende.

Das Geld schon.

Die Pension Friesenbrise warf einfach zu wenig ab, damit Ben und er davon leben konnten. Vor sechs Wochen hatte Hauke sogar dem einzigen Zimmermädchen kündigen müssen, da er ihr Gehalt nicht mehr bezahlen konnte.

Da er sich jetzt um alle anfallenden Arbeiten selbst kümmern musste, hatte er kaum noch Zeit für Ben. Darum genoss er das abendliche Ritual wahrscheinlich mehr als sein Sohn.

Früher hatte er sich die Arbeiten mit Frauke geteilt.

Früher ... immer wieder dieses Früher.

Nachdem er seinem Sohn ein Kapitel aus dem Buch Karlsson vom Dach vorgelesen hatte, machte er das Licht im Kinderzimmer aus und ging ins Wohnzimmer.

Dort öffnete er das Fenster.

Die Stimmen der Urlauber, die auf der Strandpromenade spazieren gingen, hörte er noch als leises Gemurmel. Immer wieder erklang ein Lachen.

Da Hauke die fröhlichen Laute unbeschwerter Stunden seit Fraukes Tod nicht mehr ertragen konnte, schloss er das Fenster und ging in den Speiseraum im Erdgeschoss.

Dort deckte er die zwölf Tische für das Frühstück ein. Im Moment waren alle Zimmer belegt. Im März hatte er allerdings nur zwei vermieten können.

Wie die anderen Gastronomen sollte er sich auch einen Internetauftritt mit der Möglichkeit einer Onlinereservierung zulegen. Die jungen Leute buchten ihren Urlaub doch nur noch über das Internet. Zunächst musste er sich aber um einen WLAN-Zugang für seine Gäste kümmern.

Aber was nützte ihm ein schnelles Internet, wenn die Einrichtung seiner Pension so unmodern war, dass er sie noch nicht einmal als »Retro« bewerben konnte?

Die Räume atmeten den staubigen Mief der siebziger Jahre. Die Möbel waren abgestoßen. Die Dielen verschrammt, die Teppiche abgewetzt. Bei jedem Toilettengang rumpelten die Wasserleitungen in den Wänden. Manchmal flackerte sogar das Licht.

Dabei war der fehlende Komfort nicht einmal der eigentliche Grund für die schlechten Besucherzahlen. In den letzten Jahren hatte er mit seiner schnoddrigen Art viele Gäste vergrault. Er musste endlich frischen Wind in die Friesenbrise bringen.

Aber ... das war ohne Frauke einfach unmöglich.

Als sich die Haustür mit einem Knarren öffnete, drehte er sich um. Ein übergewichtiger Mann schob eine zierliche Frau wie eine Puppe vor sich her.

Als er Hauke erblickte, polterte er sofort los: „Haben Sie endlich den Wasserhahn im Badezimmer repariert? Das ständige Tropfen macht mich noch wahnsinnig. In den letzten beiden Nächten habe ich kein Auge zugetan.“

„Ich werde mich gleich morgen darum kümmern“, versprach Hauke, der die Reparatur vollkommen vergessen hatte.

„Warum haben Sie das nicht schon heute erledigt?“, bellte der Gast.

„Ich hatte einfach keine Zeit und darum ...“

„Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass Sie keine Zeit für ihre Gäste haben?“ Der Dicke hauchte Hauke seinen nach Bier stinkenden Atem ins Gesicht.

„Ich will Ihnen jetzt mal was sagen ...“

Bei jedem seiner Worte drückte er ihm den Zeigefinger vor das Brustbein, als könnte er seinen Worten damit größere Bedeutung verleihen.

„... der Aussicht wegen verzichten wir schon auf jeden Luxus. Aber ich weigere mich, meinen Urlaub weiterhin in dieser Bruchbude zu verbringen.“
„Bitte legen Sie in dieser Nacht einfach ein Handtuch in das Waschbecken. Dann hören Sie das Tropfen doch nicht“, schlug Hauke eine Lösung vor.

Das ungleiche Paar reagierte nicht einmal auf seinen Vorschlag, sondern machte sich auf den Weg in ihr Zimmer. Die Holztreppe ächzte unter ihrem Gewicht.

Hauke hatte die Frühstückstische gerade fertig eingedeckt, als das Ehepaar mit ihrem Gepäck die Treppen runterpolterte.

„Ich habe ein wenig telefoniert. Im Komforthotel Sturmtief ist noch ein Zimmer frei. Wir werden unseren restlichen Urlaub dort verbringen.“

Der Mann zückte seine Brieftasche und hielt Hauke einen Hunderter vor die Nase. „Mehr schulde ich Ihnen nicht. Wenn Sie damit nicht zufrieden sind, können Sie ja Ihren Anwalt anrufen und mich verklagen. Ich werde nie wieder einen Fuß in diese Baracke setzen. Komm, mein Schatz!“

Mit dieser Aufforderung ergriff er die Hand seiner Frau und zog sie hinter sich her.

Kurz darauf kam ein Elektrowagen des Hotels Sturmtief. Ein junger Mann in Uniform lud das Gepäck ein. Dann waren seine Gäste verschwunden.

Hauke sah dem Gefährt nach. Das moderne Hotel verfügte über jeden nur erdenklichen Luxus. Allerdings konnte es mit seiner Lage nicht mithalten.

Die Kaiserstraße auf Norderney war wie die Schlossallee beim Monopoly. Leider hatte er seine Spielkarte bereits umgedreht und mit Schulden belastet. Wie sollte er nur jemals von der Pension Friesenbrise leben können?

 

***

 

Nach der Ankunft im Hafen von Norderney schleppte Saskia ihr Gepäck von der Fähre. Zum Glück musste sie sich mit den anderen Passagieren nicht auch noch in einen der bereitstehenden Busse quetschen, die sie zu ihren Urlaubsquartieren brachten.

Wie mit Richard vereinbart, hatte sie beim Einlaufen des Schiffes den Leiter der örtlichen Friesenbank angerufen. Nun wartete sie darauf, dass Dr. Severt sie mit seinem Wagen abholte.

Eine knappe Stunde nach ihrer Ankunft hielt ein silberner VW-Golf neben ihr. Ein untersetzter Glatzkopf stieg aus.

„Sie müssen Frau Tarras sein.“

Saskia zwang sich zu einem Lächeln, auch wenn sie den Kerl am liebsten im Hafenbecken versenkt hätte. Ihr inneres Thermometer war während der Wartezeit auf der nach oben offenen Skala von »ziemlich ärgerlich« auf »richtig wütend« geklettert.

„Bitte entschuldigen Sie. Ich hatte noch einen Termin.“

„Das macht doch nichts“, log Saskia und ergriff seine ausgestreckte Hand. Dann ging sie wortlos zu seinem Fahrzeug und stieg ein. Sollte er sich doch um das Gepäck kümmern!

„Was haben Sie denn alles eingepackt?“

Schnaufend verstaute Dr. Severt ihre Reisetaschen im Kofferraum. Als er sich auf den Fahrersitz fallen ließ, wischte er sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Ich habe nur das Notwendigste mitgenommen“, antwortete sie schnippisch. „Können Sie mich bitte direkt zu meinem Hotel fahren? Ich würde mich gerne etwas frisch machen und danach zu Abend essen. In welchem Restaurant haben Sie einen Tisch reserviert?“

„Restaurant? Tisch?“ Dr. Severt schüttelte den Kopf. „Ich sollte Sie nur abholen und Ihnen die Unterlagen der Pension Friesenbrise geben. Sie können später in der Milchbar eine Kleinigkeit zu sich nehmen. Die ist ganz in der Nähe.“

„Milchbar?“

Saskia sah den Fahrer ungläubig an.

„Ich dachte eher an ein Spezialitätenrestaurant.“

„Wenn Sie Spezialitäten suchen, kann ich Ihnen die Fischpfanne mit Bratkartoffeln empfehlen. Die gibt es im Restaurant ...“

„Vergessen Sie es einfach. Ich finde schon etwas zum Essen!“, winkte Saskia entnervt ab. Der Kerl war anscheinend kein Gourmet. Im Notfall konnte sie immer noch auf ihre eiserne Schokoladenration zurückgreifen.

Bei der kurzen Fahrt zum Gebäude der Friesenbank kamen sie am »Haus der Insel« vorbei.

Als sie ihr Ziel erreichten, war es bereits nach sieben Uhr. Saskia folgte Dr. Severt durch ein menschenleeres Gebäude in sein Büro. Der Raum wurde von einem modernen Schreibtisch aus Buchenholz dominiert. An der rechten Wand hingen zwei Kunstdrucke des Malers Ole West, der viele Jahre auf Norderney gelebt hatte. Dr. Severt öffnete die Tür eines Sideboards und nahm einen Stapel Bilanzen heraus. Diese wuchtete er auf den Schreibtisch.

„Hier sind die Unterlagen der letzten drei Jahre. In dem Umschlag sind die Kontoauszüge und die Kopien der Darlehensverträge. Als Unternehmensberaterin sollen Sie ...“

„... ein Konzept zu seiner Existenzsicherung erstellen“, unterbrach Saskia ihn. „Ich weiß, was ich zu tun habe.“

Dr. Severt sah sie einen Moment irritiert an. Dann schüttelte er den Kopf.

„Hat Richard Sie denn nicht über Ihren Auftrag informiert? Sie sollen mit diesen Unterlagen eine Analyse erstellen, nach der die Friesenbrise pleite ist. Wir haben Sie in der Pension untergebracht, damit Sie sich dort in Ruhe umsehen können. Reden Sie mit diesem de Vries. Gewinnen Sie sein Vertrauen. Tun Sie alles, was nötig ist“

„Wie meinen Sie das ... alles, was nötig ist?“

Dr. Severt seufzte. „Das besprechen Sie am besten mit Ihrem Mann. Ich erkläre Ihnen jetzt den Weg zur Pension.“

„Bringen Sie mich denn nicht mit dem Wagen?“

„Das geht leider nicht. Sie müssen ihre Rolle als Touristin überzeugend spielen. Wenn dieser Sturkopf von unserer Zusammenarbeit erfährt, wird er kein Wort mehr mit Ihnen reden.

***

 

Wenige Minuten später mühte sich Saskia wieder mit ihrem Gepäck ab, das durch die Bilanzen noch schwerer geworden war.

Im Herrenpfad traf sie auf einige Urlauber, die in aller Ruhe über die Straße schlenderten oder die Schaufensterauslagen in den Geschäften betrachteten.

Keiner schien zu einer bestimmten Uhrzeit irgendwo sein zu müssen. Niemand hetzte über die Straßen. Kein Auto hupte ungeduldig. Kein Motorrad röhrte. Es gab keinen Stau. Es gab kein Gedränge.

Es gab ... nichts.

Nur lachende Menschen.

Wahrscheinlich wurden auf Norderney geheime Drogentests oder psychische Experimente gemacht. Kein Normalsterblicher konnte auf dieser Insel wirklich glücklich sein!

Als ihr ein entgegenkommender junger Mann ein »Moin Moin« wünschte, erwiderte sie den Gruß nicht. Was hätte sie auch sagen sollen? Schließlich kannte sie die sprachlichen Besonderheiten der Insel nicht. Er blieb vor ihr stehen.

„Kann ich Ihnen helfen?“

In Berlin würde sie keinem Fremden ihr Gepäck anvertrauen. Warum sollte es auf Norderney anders sein?

„Danke. Ich komme ganz gut allein klar.“

„Das sieht aber nicht so aus.“

Er sah sie mit einem schelmischen Grinsen an.

„Haben Sie was an den Ohren? Ich will Ihre Hilfe nicht.“

„Ist ja schon gut!“

In einer abwehrenden Haltung hob er die Hände. Dann setzte er seinen Weg fort.

In der Friedrichstraße bereute Saskia ihre Entscheidung bereits. Als sie ihr Ziel erreicht hatte, seufzte sie erleichtert auf. Endlich konnte sie die verdreckte Hose ausziehen und sich frisch machen.

»Pension Friesenbrise« stand in verwitterten Lettern auf dem ehemals weiß getünchten Gebäude, das inzwischen eine gräuliche Färbung angenommen hatte. Die schwungvollen Buchstaben blätterten an einigen Stellen bereits ab.

Unkraut wucherte zwischen den Klinkersteinen des Eingangsbereichs. In dem verwilderten Vorgarten stand ein ausrangierter Strandkorb mit zerrissenem Korbgeflecht.

Saskia öffnete die Tür der Pension und trat ein. Entsetzt sah sie sich um.

Das war ja die reinste Bruchbude! Der Teppich war abgewetzt. Staubflocken tanzten in einer stickigen Luft. Eine frische Friesenbrise hatte in diesem alten Gemäuer sicherlich schon lange nicht mehr geweht. Durch eine halb geöffnete Tür konnte sie einen einfach eingerichteten Speisesaal erkennen.

Zögernd ging Saskia zu dem verschrammten Tresen, über dem ein vergilbtes Schild mit der Aufschrift »Rezeption« hing. Wenn Richard sie nicht um den Auftrag gebeten hätte, wäre sie sofort wieder verschwunden, um sich eine andere Bleibe zu suchen.

„Hallo! Ist hier jemand?“

Als niemand antwortete, drückte sie auf die Klingel, die mitten auf dem Tresen stand. Ein schrilles Geräusch zerfetzte die grabesähnliche Stille im Haus. Als es endlich verklang, schlug sie mit der flachen Hand erneut auf die Klingel.

Dabei verzog sich ihr Gesicht zu einer Grimasse, die Richard ihre »Zickenfratze« nannte. Wenn Saskia mit diesem de Vries fertig war, würde er den Kaufvertrag freudestrahlend unterschreiben. Weil das der einzige Weg war, um sie wieder loszuwerden.

 

***

 

Nach der überstürzten Abreise des nörgelnden Ehepaares war Hauke genervt in seine Wohnung geschlurft. Er hatte die Tür gerade hinter sich zugedrückt, als er die Klingel in der Rezeption hörte.

„Welcher Idiot will denn jetzt noch etwas von mir?“, schimpfte er.

In einer ersten Reaktion beschloss er, den Gast zu ignorieren. Hauke hatte keine Lust mehr, sich von einem nörgelnden Urlauber schikanieren zu lassen.

Beim dritten Klingeln ballte er die Fäuste. Die Nervensäge konnte etwas erleben!

Als er die Treppe runterpolterte, war seine Laune nicht mehr als »schlecht« zu beschreiben. »Explosiv« traf es eher.

Eine falsche Bemerkung wäre jener Funke, der das Dynamit seiner Wut zünden würde. Oder eine aufgetakelte Fregatte mit Hochsteckfrisur, die mit ihrem Gepäck vor der Rezeption stand.

„Was wollen Sie denn hier?“

„Für mich ist ein Zimmer reserviert. Auf den Namen Tarras.“

„Ich habe keine Reservierung auf diesen Namen.“

„Das kann nicht sein. Sehen Sie doch bitte noch einmal in Ihren Unterlagen nach.“

Hauke kramte in den Zetteln, die in einem der Postfächer steckte. Dort fand er die Telefonnotiz vom Vortag. Er hatte dem Anrufer eine Unterkunft zugesichert, ohne sich den Belegungsplan anzusehen. Zum Glück war gerade ein Zimmer frei geworden.

„Ich vermiete aber nur wochenweise“, brummte Hauke. Mit dieser Bemerkung hoffte er, die aufdringliche Person abweisen zu können. Diese Lady roch selbst bei einer kräftigen Nordseebrise nach Ärger. Und davon hatte er wahrlich genug!

Zudem hatte er keine Lust, heute Abend noch ein Bett zu beziehen. Er hatte sich erst am nächsten Tag um das frei gewordene Zimmer kümmern wollen.

„Das ist in Ordnung. Ich werde mich wohl ein paar Tage auf Norderney aufhalten müssen.“

„Hundertachtzig Euro pro Nacht. Mit Frühstück.“

Wenn die Lady diesen Preis zahlte, würde er auch die Scherereien, die sie ihm sicherlich machen würde, erdulden. Den anderen Gästen berechnete er nicht einmal die Hälfte. Auch wenn er den Überblick über seine finanzielle Situation längst verloren hatte, wusste Hauke doch, dass er jeden Cent brauchen konnte.

„Ich nehme es.“

„Gut. Ich werde das Zimmer sofort herrichten. Sie können dort so lange warten.“

Er deutet auf einen Sessel mit einem verblichenen Blumenmuster.

„Haben Sie einen freien WLAN-Zugang oder brauche ich ein Kennwort?“

„Das ist eine Pension und kein Hotspot. Bei mir gibt es nicht einmal Internet.“

„Kein Internet? Wie halten Sie sich denn hier auf dem Laufenden?“

„Auf Norderney reden die Menschen noch miteinander.“

Mit dieser Bemerkung ließ Hauke seinen Gast einfach stehen und machte sich an die Arbeit.

Eine halbe Stunde später drückte er ihr die Schlüssel in die Hand. Ein schwerer Messinganhänger, in den eine 7 eingraviert war, hing daran.

„Der große Schlüssel ist für die Zimmertür, der kleinere für die Haustür.“

„Schlüssel? Haben Sie denn keine Zimmerkarten? Sie wissen, schon, diese ...“

„Ich weiß durchaus, was Sie meinen“, unterbrach Hauke sie. „Ich hoffe, dass Sie mit diesen altmodischen Dingern eine Tür öffnen können.“

„Das werde ich schon hinkriegen“, antwortete Saskia kühl. „Zeigen Sie mir noch mein Zimmer?“

„Treppe rauf, erste Tür links. Können Sie nicht verfehlen.“

An der Treppe blieb Saskia stehen und sah sich um.

„Was stehen Sie da noch rum? Bringen Sie mein Gepäck nicht aufs Zimmer?“

Statt einer schlagfertigen Bemerkung schleppte Hauke ihre Reisetaschen über die Holztreppe, die bei jeder Stufe protestierend knarrte. Nachdem er die Taschen in ihrer Unterkunft abgestellt hatte, verschwand er mit einem gemurmelten »Gute Nacht«. Die sie bei dem tropfenden Wasserhahn bestimmt nicht haben würde.

 

***

 

Nachdem Saskia die Tür hinter sich geschlossen hatte, streifte sie die Jacke ab und schlüpfte aus den Pumps. Dann zog sie die verdreckte Hose aus und ließ sich auf das Bett fallen. Sie war todmüde.

Richard hätte sie jetzt bestimmt noch zum Essen ausgeführt. Allein hatte sie keine Lust dazu. Daher kramte sie die Schokolade aus der Handtasche und brach einen Riegel ab. Kurz darauf hatte sie – wieder einmal – die ganze Tafel aufgefuttert.

Wenn sie in Berlin war, musste sie wieder mehr auf ihre Ernährung achten. Schließlich missbilligte ihr Mann die süßen Sünden. Sie brauchte ihm ihre heutige Entgleisung ja nicht zu erzählen.

Saskia nahm ihr Handy und wischte über das Display. Ein Bild von Richard erschien. Sie hatte es erst vor einigen Tagen auf einem Empfang gemacht. In dem Smoking sah er einfach umwerfend aus. Seinem charmanten Lächeln hatte sie noch nie widerstehen können.

Sie scrollte zu seiner Kurzwahl und tippte auf das Symbol des grünen Hörers. Kurz darauf meldete sich die Mailbox. Saskia legte auf.

Worte der Sehnsucht verloren ihren Glanz, wenn sie nicht persönlich übermittelt wurden.

Dabei hätte sie jetzt so gerne seine Stimme gehört. Statt einer Sprachnachricht schickte sie ihm eine kurze WhatsApp Mitteilung.

Wenn Richard keine Zeit hatte, würde sie eben mit Beatrix quatschen. Mit ihrer Freundin konnte sie stundenlang telefonieren. Saskia tippte auf die entsprechende Kurzwahl und hielt sich das Handy ans Ohr. Nach viermaligem Läuten hörte sie endlich Beatrix Stimme. Im Hintergrund konnte sie leise Klaviermusik vernehmen. „Saskia, was willst du?“

„Ich wollte einfach nur mit dir reden. Ich bin heute nach Norderney gefahren und ...“

„Können wir morgen telefonieren? Im Moment ist es gerade ... “ Beatrix zögerte einen Augenblick „... nicht so gut.“ Plötzlich kicherte sie.

„Verstehe. Dann melde ich mich später wieder.“

„Das wäre toll. Bis denn.“

Saskia legte das Mobiltelefon zurück auf den Nachttisch und quälte sich aus dem Bett. Nach einer ausgiebigen Dusche kuschelte sie sich unter die Decke. Sie wollte nur noch schlafen.

Aber das war bei diesem Wasserhahn unmöglich. Die Tropfen hörten sich in der Stille wie Kanonenschläge an.

Nach einer Weile stand sie wieder auf. Entnervt schlurfte sie ins Bad und drehte den Wasserhahn mit aller Kraft zu. Aber das Tropfen ging trotzdem weiter.

Resignierend warf sie schließlich ein Handtuch in das Waschbecken und tapste zum Bett zurück. Kurz darauf war sie eingeschlafen.

In ihrem Traum lag sie nicht auf einer durchgelegenen Matratze, sondern im Schlafzimmer eines luxuriösen Anwesens in der Karibik.

Mit einem Lächeln auf den Lippen drehte sie sich zu dem Mann an ihrer Seite um. Schlaftrunken fuhr sie ihm mit einer zärtlichen Geste durch das dunkelblonde Haar. Dann öffnete sie die Augen und sah ihn an.

 

***

 

Richard legte das Handy auf den Nachttisch. Saskia hatte ihm eine kurze Meldung geschickt. »Gute Nacht, mein Schatz«. Dahinter blinkten drei rote Herzchen um die Wette.

Wurde diese Frau denn nie erwachsen?

Er drehte sich um und strich seiner Geliebten eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem fein geschnittenen Gesicht.

Aus versteckten Lautsprechern ertönte leise Klaviermusik. Eine leere Flasche Champagner stand auf dem Boden. Die Gläser auf den Nachttischen waren noch zur Hälfte gefüllt.

Als Beatrix mit seiner Frau telefonierte, küsste er sie in die Halsbeuge. Damit entlockte er ihr ein Kichern. Während er mit den Lippen über ihre zarte Haut strich, glitten seine Hände über ihren schlanken Leib.

Sie beendete das Gespräch und drehte sie zu ihm um.

„Wie lange wollen wir uns denn noch verstecken?“

Mit ihren manikürten Fingern strich sie über Richards Brust.

„Das weiß ich noch nicht. In deiner Gegenwart kann ich einfach keinen klaren Gedanken fassen. Du machst mich wahnsinnig.“

Er küsste ihre vollen Lippen.

„Das habe ich vorhin bemerkt“ gluckste sie. „Du warst ganz schön wild.“

„Hat es dir denn nicht gefallen?“

„Wäre ich sonst noch hier? Du weißt doch, dass ich ohne dich nicht mehr leben kann. Ich will aber nicht länger nur deine Geliebte sein.“

Richard nahm Beatrix in seine Arme und zog sie an sich.

„Warum hast du eigentlich Saskia und nicht mich geheiratet?“

„Saskia sie war ... ich weiß es einfach nicht. In ihrer Liebe wirkte sie so verletzlich. Verstehst du, was ich meine?“

„Saskia war immer eine unbelehrbare Romantikerin. Schon als Kind hat sie von einem Prinzen geträumt, der sie auf sein Schloss entführt.“

„Vielleicht wollte ich einmal in meinem Leben ein Prinz sein?“, neckte Richard seine Geliebte.

„Mir reicht der Prinz, der sich immer so nett aufrichtet, wenn ich in deiner Nähe bin.“

Sie zwinkerte ihm verführerisch zu.

„Du hättest mich eben nicht mit Saskia bekannt machen dürfen“, protestierte Richard.

„Ich konnte doch nicht ahnen, dass du sie gleich heiraten würdest.“

„Darf ich dich daran erinnern, dass du damals mit diesem Künstler zusammen warst? Du bist für einige Monate einfach verschwunden und hast mit diesem verrückten Rockmusiker in Los Angeles gelebt. Wie hieß er noch gleich?“

„Jason. Er war nicht verrückt. Er hatte nur ein kleines Drogenproblem.“

„Kleines Drogenproblem? Der hat sich doch nach dem Ende eurer Beziehung den goldenen Schuss gesetzt.“

Beatrix seufzte.

„Er hat die Trennung nicht verkraftet. Als du mit Saskia angebandelt hattest, wollte ich einfach nur weg. Ich musste wohl erst nach Kalifornien gehen, um zu erkennen, was ich in Deutschland verloren hatte.“

„Und was hattest du hier verloren?“

„Dich. Nach der Hochzeit glaubte ich, dich für immer verloren zu haben.“

Richard schwieg. Seine Heirat war eine Trotzreaktion auf Beatrix Verschwinden gewesen, die er inzwischen bitter bereute. Wenn Saskia aus Norderney zurückkehrte, würde er sie endlich abservieren.

Bis dahin durfte er sich nichts anmerken lassen. Im Moment war er noch auf ihre Hilfe angewiesen.

Milchreis

 

Norderney, Juli 2015

 

Als der Wecker klingelte, hatte sich der tropfende Wasserhahn in seinem Traum gerade in einen Wasserfall verwandelt, der die Pension Friesenbrise während eines Sturms in die Nordsee spülte.

Hauke stoppte das Nerven raubende Piep Piep Piep und setzte sich auf. Verschlafen rieb er sich mit den Handrücken über die Augen.

Dann nahm er das Bild vom Nachttisch und hauchte Frauke einen Kuss auf die kalten Lippen. Ohne dieses morgendliche Ritual konnte er keinen neuen Tag beginnen.

Er stellte das Bild zurück und schlurfte zur Dusche. Wenig später schlüpfte er in eine frische Jeans und zog sich ein Baumwollhemd über. Dann ging er zum Kinderzimmer und weckte seinen Sohn.

„Du bist stachelig“, beschwerte sich Ben, als er ihn auf den Arm nahm und an sich drückte. Hauke strich sich mit der freien Hand über den Dreitagebart. Bei nächster Gelegenheit sollte er wieder eine Rasur in Betracht ziehen.

„Hilfst du mir beim Frühstück?“

„Klar!“ Ben nickte. „Soll ich wie gestern die Marmelade in die kleinen Schälchen füllen?“

„Wenn du dabei nicht wieder so viel naschst.“

Wenige Minuten später waren sie im Speiseraum. Hauke sah auf die Uhr. Es war bereits nach halb sieben. Sie mussten sich beeilen.

Er öffnete die Eingangstür und holte die Brötchentüte herein, die ihm der Bäcker jeden Morgen vor die Tür stellte. Erfreut bemerkte er, dass die Backwaren noch warm waren.

In der Küche erwischte er seinen Sohn dabei, wie er seine Finger, die er zuvor bis zum Handballen in die Erdbeermarmelade getaucht hatte, abschleckte.

Als die ersten Gäste zum Frühstück erschienen, hatte Hauke gerade die Brötchenkörbe auf die Tische gestellt.

In den nächsten Stunden hatte er alle Hände voll zu tun. Bis halb zehn hatte sich Ben ein halbes Glas Erdbeermarmelade einverleibt. Es wunderte Hauke immer wieder, dass ihm davon nicht schlecht wurde.

„Können wir jetzt endlich an den Strand gehen? Du hast es mir versprochen!“

Hauke wuschelte seinem Sohn durch das flachsblonde Haar. Dabei warf er einen Blick auf den Tisch, mit der Nummer sieben, der noch immer eingedeckt war.

Wenn die Urlauberin bis um zehn Uhr nicht zum Frühstück erschienen war, würde er ihr Gedeck einfach abräumen.

„Klar gehen wir an den Strand!“, bestätigte Hauke, auch wenn er wusste, dass er dafür eigentlich keine Zeit hatte.

„Wir müssen nur noch warten, bis der letzte Gast zum Frühstück gekommen ist.“

„Meinst du den dicken Mann und die dünne Frau?“

„Nein. Die sind gestern abgereist. Wir haben jetzt eine feine Dame bei uns zu Gast.“

„Ich mag sie nicht!“

„Warum? Du kennst sie doch gar nicht.“

„Weil sie mir meinen Vater wegnimmt. Wenn sie nicht hier wäre, hättest du jetzt Zeit für mich.“

Hauke wollte zunächst protestieren. Dann aber schüttelte er nur stumm den Kopf.

„Pack deine Sachen. Wir gehen gleich an den Strand.“

„Du bist der beste Papa der Welt“, juchzte Ben.

Wenige Sekunden später polterte er die Treppe hoch.

 

***

 

Ein lautes Poltern weckte Saskia. Sie blinzelte. Durch einen verblichenen Vorhang fiel ein Lichtstreifen in das Zimmer. Sie lag in einem Doppelbett mit dunkelbrauner Holzverkleidung. An der rechten Zimmerwand stand ein dazu passender Schrank, der aussah, als würde er bei der geringsten Berührung in sich zusammenfallen. In der linken Ecke erkannte sie einen kleinen runden Tisch. Davor war ein Stuhl mit einem durchgescheuerten Stoffbezug.

Sie griff nach dem Handy auf dem Nachttisch und wischte über das Display. Niemand hatte ihr eine Nachricht hinterlassen. Zudem schien ihr Mobiltelefons ein falsches Signal aufzufangen, denn wenn die Uhrzeit stimmte, musste Norderney eine eigene Zeitzone haben. Und das war nun wirklich Blödsinn.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zum letzten Mal fast dreizehn Stunden lang geschlafen hatte. Inzwischen war es Viertel vor zehn. Hatte der mürrischen Vermieter gestern nicht erwähnt, dass es nur bis zehn Uhr Frühstück gab? Darauf konnte sie unmöglich verzichten, denn nach dem kargen Abendmahl fühlte sich Saskia vollkommen ausgehungert.

Sie stand auf und ging zum Fenster. Mit spitzen Fingern zog sie den Vorhang, der in den siebziger Jahren modern gewesen war, zur Seite.

Ihr Blick fiel auf die Nordsee. Die Sonne spiegelte sich auf dem Meer. Kleine Wellen plätscherten träge an den Strand. Schäfchenwölkchen schwebten über einem blassblauen Himmel. Die ersten Urlauber genossen den Tag bereits in ihren Strandkörben.

„Wundervoll“, dachte sie einen verträumten Moment lang. In der Aufmachung konnte sie sich aber unmöglich in der Öffentlichkeit sehen lassen. Was würden die anderen Gäste denken, wenn sie sich einfach nur ein paar Klamotten überwarf und sich mit ihrer ramponierten Frisur an den Tisch setzte?

Richard würde sie ungeschminkt nicht an seiner Seite dulden. Wenn sie sich aber zurechtmachte, war die Frühstückszeit vorbei.

Einen Moment lang war Saskia hin- und hergerissen. Dann siegte der Appetit über die Eitelkeit. Sollten sich die Gäste doch an sie erinnern! Wenn sie ihren Job erledigt hatte, würde es die Pension ohnehin nicht mehr lange geben.

„Friesenbrise, ich werde wie ein Sturm über dich kommen“, dachte sie mit einem zufriedenen Grinsen.

Wenige Minuten später wies sie zumindest eine vage Ähnlichkeit mit einem menschlichen Wesen auf.

Die rotblonden Haare hatte sie gekämmt und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. In Windeseile hatte sie sogar etwas Make-up aufgelegt. Als sie in ihre Schuhe schlüpfte war es fünf vor zehn.

Zeit für ein gutes Frühstück.

Sie öffnete die Tür in genau dem Moment, in dem ein Minimonster an ihrer Tür vorbeihuschte. In seinen Händen hielt der Junge einen Ball.

Neugierig blieb er vor ihr stehen und sah sie mit strahlend blauen Augen an.

„Bist du die feine Dame, die gestern Abend noch gekommen ist?“

Auch wenn Saskia sich nie weniger als eine feine Dame gefühlt hatte, nickte sie.

„Mein Papa hat jetzt keine Zeit für dich. Er geht mit mir an den Strand. Zum Spielen.“

Saskia atmete tief ein. Wenn ihr klar gewesen wäre, dass in dieser Pension einer jener Quälgeister lebte, denen sie bisher immer aus dem Weg gegangen war, hätte sie lieber in einem Strandkorb übernachtet.

Dort hatte sie zumindest ihre Ruhe und musste keine Wucherpreise für ein schäbiges Zimmer zahlen.

„Sag deinem Vater, dass er mir vollkommen egal ist. Ich will in Ruhe frühstücken. Dabei kann ich dich bestimmt nicht brauchen. Verschwinde jetzt.“

„Du bist eine blöde Tussi!“

Trotzig streckte ihr der Bengel die Zunge raus. Dann drehte er sich um und rannte die restlichen Stufen runter. Saskia folgt ihm kopfschüttelnd. Sie würde ein ernstes Wort mit dem Vater des Kleinen reden müssen.

Im Speiseraum stellte sie zu ihrer Verwunderung fest, dass sie der einzige Gast war.

Auf ihrem Tisch war ein Brotkorb mit zwei Brötchen und einer Scheibe Graubrot. Daneben stand ein Schälchen mit roter Zuckerpampe, die wahrscheinlich als Erdbeermarmelade verkauft wurde. Das Zeug konnte sie unmöglich essen.

„Hallo“, rief sie unwirsch. „Ist hier jemand?“

„Sie sind spät dran.“

Der Besitzer trat in den Raum. Mit seinen halblangen dunkelblonden Haaren und dem Dreitagebart sah er aus wie die Rebellen in den Liebesromanen, die sie so gerne – und heimlich - las.

Mit einem Lächeln würde er richtig hübsch aussehen. Aber seine Mundwinkel schienen von einem unsichtbaren Gewicht nach unten gezogen zu werden.

„Frühstück gibt es bis zehn Uhr. Jetzt ist es genau ...“, Saskia wischt über das Display ihres Handys „... neun Uhr und 58 Minuten. Bringen Sie mir bitte Vollkorntoast, frisch gepressten Orangensaft und einen Obstsalat. Da dürfen aber keine Kiwis drin sein. Die vertrage ich nicht. Dazu bitte einen Joghurt ...“

„Ihr Frühstück steht bereits auf dem Tisch“, unterbrach er sie barsch. „Ich bringe Ihnen gleich noch Tee und frischen Aufschnitt. “

„Das hier nennen Sie ein Frühstück?“

„Wie würden Sie es denn bezeichnen?“

„Sehe ich aus, als würde ich so etwas essen?“

„Ich habe doch gesagt, dass sie eine blöde Tussi ist.“

Das Minimonster tauchte plötzlich im Speisesaal auf und stellte sich neben den Besitzer. Dieser beugte sich zu ihm.

„So etwas sagt man nicht.“

„Dieser Rotzbengel ist Ihr Sohn?“

„Dieser Rotzbengel, wie Sie ihn bezeichnen, hat einen Namen. Er heißt Ben.“

„Kommst du jetzt mit mir zum Strand?“

Ben hielt seinem Vater den Ball entgegen.

„Heute bin ich im Tor!“

„Kleinen Augenblick noch, Sportsfreund. Ich muss unserem Gast zuerst das restliche Frühstück bringen. Danach können wir los.“

Wenig später stellte Hauke einen Teller mit Käse und Wurst auf den Tisch. Danach brachte er eine Teekanne und ein Stövchen.

„Was ist das denn?“

Saskia rümpfte die Nase.

„Das ist Ostfriesentee. In dem Schälchen finden Sie den Kluntje. Die Sahne ist in dem kleinen Kännchen.“

„Kluntje?“ Sie sah ihn fragend an.

„Das ist weißer Kandis. Der wird in die Tasse gelegt, bevor sie mit Tee gefüllt wird“, erklärte Hauke genervt.

„Das kann doch nicht Ihr Ernst sein. Ich will sofort einen Latte macchiato. Haben Sie mich nicht verstanden? Ich wünsche ein ...“

„Hören Sie, die Friesenbrise ist eine kleine Pension. Wenn Sie ein Gourmetfrühstück wollen, schlage ich das Bistro ...“

„Ich werde ganz sicher keinem Ihrer Ratschläge folgen“, unterbrach sie ihn.

„Dann wünsche ich Ihnen einen guten Appetit. Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen? Ich habe meinem Jungen versprochen, mit ihm an den Strand zu gehen. Heute ist Sonntag.“

Fassungslos sah Saskia den beiden nach. Der Junge hatte die Hand seines Vaters gegriffen und hüpfte voller Vorfreude auf die gemeinsame Zeit über den Gehweg, den sie von dem Fenster aus einsehen konnte.

Dann verschwanden sie aus ihrem Blickfeld. Saskia war allein in der Pension Friesenbrise, die sie bald durch einen finanziellen Orkan zerstören würde.

Lustlos biss sie in eines der Brötchen. Zu ihrer Überraschung schmeckten die Backwaren gar nicht mal so schlecht. Eine halbe Stunde später hatte sie das ganze Frühstück verputzt.

Nur den Tee ließ sie stehen. In der Milchbar, die schräg gegenüber war, würde sie bestimmt einen Latte Macchiato bekommen.

 

***

 

Hauke kickte den Ball am Tor vorbei, dessen Pfosten sie in der Nähe der »Giftbude« mit ihren T-Shirts markiert hatten. An dem weitläufigen West-Badestrand hatten sie schon oft gespielt.

„Papa, was ist denn heute mit dir los? Sonst hast du doch immer getroffen!“

Ben lief dem Ball hinterher.

In Momenten wie diesen fehlte ihm Frauke ganz besonders. Was würde Hauke dafür geben, wenn sie ihren Sohn beim Kicken anfeuern oder Ben nach einem geglückten Torschuss in den Arm nehmen könnte. Eine Frau wie diese Schnepfe konnte Frauke niemals das Wasser reichen. Auch wenn sie heute Morgen gar nicht mal schlecht ausgesehen hatte.

„Jetzt gehst du aber ins Tor. Ich habe keine Lust, immer wieder den Ball zu holen!“

„Ich bin der weltbeste Torwart. Wusstest du das eigentlich schon?“

„Das werden wir ja sehen“, lachte Ben und legte sich den Ball zurecht.

Hauke trottete durch den warmen Sand zwischen die beiden Stoffpfosten. An diesem Tag hielt er nicht einen einzigen Schuss.

 

***

 

Nach dem Frühstück ging Saskia wieder in ihr Zimmer. Sie öffnete das Fenster und sah hinaus. Die Nordsee glitzerte im Sonnenlicht. Kinder tobten mit ihren Vätern am Strand oder bauten Sandburgen. Die Mütter hatten sich mit einem Buch in die Strandkörbe auf der Kaiserwiese zurückgezogen. Pärchen schlenderten Hand in Hand über die Strandpromenade.

Saskia kam die Szene seltsam irreal vor. Es hatte den Anschein, als habe jemand eine Glaskugel des Glücks über Norderney gestülpt. Die ostfriesische Insel wirkte wie ein Paradies.

Plötzlich musste sie wieder an die Worte der alten Dame auf der Fähre denken. Hatte sie Norderney nicht als ihr Paradies bezeichnet?

Statt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, sollte sie sich lieber an die Arbeit machen. Saskia kramte die Bilanzen der Friesenbrise aus der Reisetasche und stapelte sie auf dem zerschrammten Tisch. Dann öffnete sie den Umschlag und legte die Kontoauszüge vor sich.

Kurz darauf war sie in ihrer Welt. Dort gab es keine Gefühle. Keine Sehnsüchte. Keine enttäuschten Hoffnungen. Dort gab es nur Zahlen, die sie auf dem wackeligen Untergrund in den Laptop hämmerte.

Nach zwei Stunden massierte sie sich die Schläfen. Sie brauchte dringend etwas frische Luft.

Bevor Saskia das Zimmer verließ, warf sie noch einen Blick auf das Handy. Richard hatte ihr eine WhatsApp Nachricht geschickt. Lächelnd öffnete sie die Mitteilung.

»Hast du schon etwas erreicht? Melde mich später wieder. Richard«

Nach dem Lesen der Nachricht verschwand ihr Lächeln so plötzlich, als hätte es jemand ausgeknipst. Saskia störte sich weniger an den Worten, die er geschrieben hatte. Sondern jenen, die er nicht geschrieben hatte.

Kein »Ich liebe dich«. Kein »Du fehlst mir«. Kein »Ich sehne mich nach dir«.

Nichts. Nada.

»Genieße deinen Tag« schrieb sie ihm zurück. Dann zögerte sie einen Moment. Eigentlich wollte sie noch ein »Ich liebe dich« und ein »Ich vermisse dich« hinzufügen. Stattdessen fügte sie nur einige blinkende Herzen ein. Sie würde Richard am Abend anrufen. Bis dahin konnte sie ihm auch die ersten Ergebnisse präsentieren.

Wenn sie diesen de Vries das nächste Mal traf, musste sie etwas freundlicher sein. Sie würde sein Vertrauen nicht gewinnen können, wenn er sie für eine arrogante Schnepfe hielt.

Saskia packte die Unterlagen zusammen und verstaute sie im Schrank. Der Eigentümer durfte schließlich nicht wissen, dass sie ihn nur ausspionierte.

Wenig später zog Saskia die Haustür hinter sich zu und stopfte den Schlüssel in ihre Tasche.

Im ersten Moment glaubte sie, aus der Wirklichkeit in einen Film zu treten. Die Welt um sie herum war einfach zu perfekt.

Die Sonne empfing sie mit wärmenden Strahlen. Die Brandung des Meeres war eine beruhigende Symphonie der Ewigkeit. Die Luft war voller Leben.

Ohne dass es ihr bewusst wurde, schloss sie die Augen und ließ sich ganz in diesen Moment fallen.

Das Klingeln des Handys beendete diesen Augenblick.

Sie kramte in der Tasche nach dem Mobiltelefon und nahm den Anruf entgegen.

„Hallo Beatrix. Hast du jetzt etwas mehr Zeit als gestern?“

„Nicht viel. Ich wollte nur wissen, wie es dir auf Norderney gefällt und wie lange du bleiben wirst.“

„Es ist ein Traum“, antwortete Saskia.

„Ein Traum? Bisher hast du über die Nordseeurlauber doch immer die Nase gerümpft.“

„Du hast mich falsch verstanden“, lachte sie. „Es ist ein Albtraum. So viel Idylle vertrage ich nicht. Zudem sind hier Kinder. Sie sind einfach überall. Wirklich gruselig. Wie lange ich bleibe? Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Eine Woche wird es bestimmt dauern. Wahrscheinlich länger. Wenn ich mit dem Projekt fertig bin, lassen wir es in Berlin wieder so richtig krachen. Bis dahin ...“

„Ich freue mich schon darauf“, unterbrach sie Beatrix. Ich muss jetzt leider Schluss machen. Wir hören

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 19.03.2018
ISBN: 978-3-7438-6205-0

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