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DIE VERFÜHRUNG

         R o m a n

              von

     Claus H. Stumpff

 

 

Hinweise des Autors

 Dieser Roman für Jugendliche und Erwachsene fällt nicht unter die Genres Science Fiction, Fantasie, Horror und Erotik. Er spielt in Deutschland, alle Handlungen sind fiktiv, wie auch die Namen einiger Ortschaften. Ähnlichkeiten oder namentliche Übereinstimmung mit lebenden oder verstorbenen Personen, Firmen und sonstigen staatlichen oder privaten Institutionen wären also unbeabsichtigt.

 

Der Bericht über den Franzosen Pascal Triomphe, der sein Gedächtnis verloren hatte (Kapitel "Auf Spurensuche") wurde auszugsweise der Süddeutschen Zeitung Nummer. 285/57.Jahrgang, Seite V2/12, entnommen. (Verfasser: Joachim Laukenmann)

 

Vorliegendes Werk wurde auch als 267-seitiges Taschenbuch veröffentlicht. (ISBN 978-1542418591)

 

Sämtliche eBooks sowie Taschenbücher des gleichen Autors siehe unter www.chsautor.de.

 

 

Zum Inhalt

 Der pensionierte Biologe Dr. Curtius überredet ein junges Geschwisterpaar, sich an einer naturkundlichen Exkursion auf einem bislang nur wenig erforschten Gebiet zu beteiligen. Aber das geplante Vorhaben scheitert. Stattdessen packt beide Jugendliche die Neugier, allerdings mit fatalen Folgen, denn sie machen eine verhängnisvolle Entdeckung. Alles in diesem Roman dreht sich nun um ihr tragisches Schicksal.

Eine Kleinstadt auf der Schwäbischen Alb wird plötzlich zum Austragungsort krimineller Aktivitäten. Deren Mittelpunkt ist die Ruine von Schloss Hohenburg, eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten Herrensitzes. Darin macht ein entflohener Strafgefangener einen sensationellen Fund, was den Auftakt zu einer höchst dramatischen Entwicklung bildet.

Viele spannungsgeladene Episoden sowie ereignisreiche Familiengeschichten mit jeweils eigenem Hintergrund ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman bis zum völlig überraschenden Finale, wobei auch Gefühle nicht zu kurz kommen.

ERSTER TEIL - Kapitel 1 - Der Geisterfahrer

Rechtsanwalt Frank Seiffert brach zusammen mit seiner Frau Almut und dem zwölfjährigen Christian schon lange vor Sonnenaufgang zur jährlichen Urlaubsfahrt in den Süden auf. Sie alle fühlten sich noch unausgeschlafen und verließen bereits gegen zwei Uhr morgens – mit verdrießlichen Gesichtern – ihr Haus im schwäbischen Burgstadt, konnten deshalb München noch vor Einsetzen des morgendlichen Berufsverkehrs umfahren. Um diese Zeit herrschte nur wenig Verkehr auf der A8 in Richtung Salzburg, sodass sie mit ihrem Wohnmobil zügig vorankamen. Kurz hinter München dämmerte bereits der neue Tag, und die rötliche Färbung des Himmels im Osten kündigte den baldigen Sonnenaufgang an.

 

Als der Wecker ertönte, hatte sich Christian mit ärgerlichem Schwung nochmals auf die andere Seite gedreht. Sonst war er in den Ferien morgens immer als Erster im Bad und hatte sich auf jeden Tag gefreut. Aber heute? Warum mussten seine Eltern regelmäßig in den Schulferien in den Urlaub fahren? Schon das Wort Urlaub konnte er nicht ausstehen. Die 7. Gymnasialklasse hatte er geschafft, und als Belohnung für seine überdurchschnittlich guten Noten hatten ihm seine Eltern ein supermodernes Mountainbike versprochen. Aber erst nach der Rückkehr aus dem verhassten Urlaub wollten sie es ihm schenken. Nun musste er sich in Geduld üben. Das bedeutete aber drei Wochen stinklangweiliges Herumliegen am Strand oder stundenlange Besichtigungen alter Städte und ähnlich geisttötende Vorhaben. Und dann diese quälend langen Autobahnfahrten, das ständige Schimpfen seines Vaters über die undisziplinierten Autofahrer – nein, das war nichts für ihn. Er hätte sich viel lieber auf sein altes Fahrrad geschwungen und wäre mit den daheim gebliebenen Freunden umher geradelt.

Widerwillig und mürrisch war Christian erst nach mehrmaligen Zurufen seiner Mutter aufgestanden. Auch sie und sein Vater wirkten unausgeschlafen und schienen sich gar nicht auf die Fahrt in den Urlaub zu freuen, denn während des Frühstücks hatte bleiernes Schweigen geherrscht.

Nachdem die letzten Gepäckstücke im Auto verstaut waren, machte es Christian sich auf der Bank hinter dem Beifahrersitz des Wohnmobils bequem. Von diesem Platz aus konnte er seinen Vater nicht sehen, andererseits auch von ihm nicht im Rückspiegel beobachtet werden, was ihm ganz lieb war.

»Also bleibt es dabei und wir fahren nach Italien an die Adria, nach Rimini oder Cattolica? Oder habt ihr es euch anders überlegt? Wir könnten auch ins Salzkammergut an einen der vielen Seen fahren. In ein paar Stunden wären wir schon dort! Gleich kommen wir an das Inntal-Dreieck, bis dahin müssen wir uns entschieden haben.«

Frank Seiffert lachte und musste fast schreien, denn sie fuhren gerade den Irschenberg hinauf und das laute Dröhnen des Diesels übertönte jedes normale Gespräch. Er hatte sich erst kürzlich dieses riesige Wohnmobil gekauft und genoss die Tatsache, kurz entschlossen und ohne lange Vorplanungen überall hinfahren zu können, unabhängig von Reisebüros und Hotels.

»Bitte nach Italien!«, rief Christian in der gleichen Lautstärke zurück. »Denkt nur mal an den vielen Regen, den wir letztes Jahr in Österreich hatten.« Die Adria mit der Aussicht auf Baden im Meer und das gute italienische Eis waren seiner Meinung nach das kleinere Übel.

»Ich meine auch, dass wir lieber in den sonnigen warmen Süden fahren sollten!«, brüllte seine Mutter.

»Okay, war ja nur ’ne Frage. Wir sind dann eben bis spätabends unterwegs«, schrie Frank und versuchte die Motorgeräusche zu übertönen. »Da kommt auch schon die Abzweigung nach Kufstein, hier müssen wir raus!«

›Wären wir doch nur geradeaus weitergefahren, von mir aus auch nach Salzburg‹, so dachte Christian viele Wochen später, ›dann wäre alles anders gekommen und uns allen ein grausames Schicksal erspart geblieben‹.

 

Sie fuhren schon eine ganze Weile auf der Inntal-Autobahn und näherten sich gerade Kufstein, als Frank in einer Rechtskurve und auf seiner Überholspur ein Auto auf sich zurasen sah. Er versuchte noch, durch Herumreißen des Lenkrads dem entgegenkommenden Wagen auszuweichen, aber alles ging zu schnell. Der Mercedes des Geisterfahrers prallte mit der Wucht eines Geschosses schräg auf die Fahrerseite des Wohnmobils. Es gab einen kurzen, ohrenbetäubenden Knall, Metall- und Holzteile flogen durch die Luft, dann hüllte eine riesige Staubwolke den Ort der Kollision ein. Das zur Hälfte eingedrückte Wohnmobil schleuderte nach rechts, durchbrach die Leitplanke hinter der Standspur und zerbarst danach an dem mächtigen Stamm einer Fichte. Der Mercedes überschlug sich mehrmals, schlitterte einige hundert Meter weit auf dem Dach und kam schließlich an der Mittelleitplanke zum Stillstand. Für Sekundenbruchteile trat eine atemberaubende Stille ein – wie nach einem Donnerschlag – dann schlugen Flammen aus dem Wageninnern. In allen regionalen Zeitungen konnte man am nächsten Tag lesen:

 

Ein schwerer Verkehrsunfall führte gestern Vormittag zu einer mehrstündigen Sperre der Inntal-Autobahn. Ein Geisterfahrer war aus Richtung Kufstein kommend mit seinem Mercedes auf die Überholspur der anderen Fahrbahnseite geraten und frontal mit einem Wohnmobil zusammengestoßen. Der Mercedesfahrer kam in seinem brennenden Fahrzeug ums Leben.

Aus den Trümmern des Wohnmobils konnte nur noch der zwölfjährige Christian S. mit lebensgefährlichen Verletzungen geborgen werden. Ein ADAC-Hubschrauber brachte ihn ins Unfallkrankenhaus Murnau, sein Zustand ist bedenklich. Für die Eltern des Kindes kam jede Hilfe zu spät, beide waren sofort tot. Wie die Polizei mitteilte, wurde bei dem Geisterfahrer, dem 41-jährigen Viehhändler Sepp R. aus Rosenheim, ein Blutalkoholgehalt von 1,8 Promille festgestellt.

Christian überlebte wie durch ein Wunder. Er wurde mit seinem Sitz bis an die Windschutzscheibe geschleudert. Dabei erlitt er Frakturen an der Wirbelsäule sowie schwerste innere Verletzungen. Im Unfallkrankenhaus Murnau wurde er sofort operiert.

Wochenlang schwebte er zwischen Leben und Tod. Erst als sich sein Zustand etwas stabilisiert hatte, ließ man ihn wissen, was passiert war. Jetzt erfuhr er, dass seine Eltern bei dem Autounfall ums Leben gekommen waren und er selber schwerste Verletzungen erlitten hatte. Die Ärzte erklärten ihm, dass die Verletzung seiner Wirbelsäule so kompliziert sei, dass er voraussichtlich von der Hüfte abwärts gelähmt bleiben würde. Eine Aussicht auf Heilung bestünde kaum, es sei denn, dass noch ein Wunder geschähe.

Wenn die Schmerzen einmal nachließen, verblieb Christian viel Zeit zum Nachdenken. Er konnte sich noch nicht an den Gedanken gewöhnen, dass er weder Vater noch Mutter jemals wiedersehen sollte. Er machte sich daher Vorwürfe, doch recht oft unleidlich gewesen zu sein. Und wie egoistisch hatte er sich benommen! Sein Vater hatte oft bis in die späten Abendstunden in seiner Kanzlei gearbeitet oder mehrmals in der Woche schwierige Fälle vor Gericht zu vertreten gehabt. Da war ihm ein Urlaub doch wohl zu vergönnen gewesen. Und dass er so oft auf die anderen Autofahrer, besonders auf die Alkoholiker und die Rücksichtslosen geschimpft hatte, kam Christian jetzt wie eine späte Rechtfertigung vor. Und seine Mutter? Wie hat sie sich um ihn gesorgt! Ihr hatte er es doch zu verdanken, dass er ein so guter Schüler war. Sie hatte auf alles eine Antwort gehabt und ihm immer geduldig zugehört. Wen sollte er nur in Zukunft fragen, wenn ihm bei seinen Hausaufgaben etwas unklar war?

Je länger Christian darüber nachdachte, desto verzweifelter war er. Als dauerhaft Behinderter wollte er nicht mehr leben, er musste nach einem Ausweg suchen, es würde ihm schon noch etwas einfallen. Aber hätte er geahnt, eines Tages trotz des Rollstuhls zum Lebensretter zu werden, dann hätten ihn wohl kaum solch trübe Gedanken geplagt.

So vergingen viele Wochen, und ein Jugendpsychologe half dem Jungen bei der Bewältigung seiner Trauer und der Sorge um sein zukünftiges Leben als Behinderter. Allmählich kehrten auch seine Lebensgeister zurück und das war gut so.

Endlich kam der Tag der Entlassung. Aber wohin sollte man den auf einen Rollstuhl und ständige Hilfe angewiesenen Jungen bringen? Zum Glück fand sich seine ebenfalls in Burgstadt lebende Tante Veronika bereit, den Vollwaisen bei sich aufzunehmen.

Christian musste sich wohl oder übel mit einem Leben im Rollstuhl abfinden. Seine Tante bemühte sich, ihm die Eltern zu ersetzen. Er besuchte jetzt die 10. Klasse seines Gymnasiums und galt als sehr guter Schüler. Trotz seiner schweren Behinderung versuchte er sein Leben zu meistern und wurde Mitglied im Deutschen Behinderten-Sportbund; seine ganze Leidenschaft gehörte dem Bogenschießen. In dieser Disziplin hatten er und seine nichtbehinderten Kameraden schon etliche Medaillen gewonnen. Das Bogenschießen verschaffte ihm noch einen weiteren Nutzen: Seine Muskulatur wurde durch die zweimal pro Woche stattfindenden Trainingsstunden gekräftigt, er wurde nach und nach breitschultriger und sein athletischer Oberkörper konnte sich sehen lassen. Seinen Rollstuhl bediente er wie andere Burschen das Fahrrad, und wenn er seine tägliche Trainingsstrecke zur oberhalb von Burgstadt befindlichen Schlossruine Hohenburg hinauf absolvierte, würde das manchen Radsportler in Staunen versetzen. Bei seinen Mitschülern war er beliebt, trotzdem war er ihnen gelegentlich etwas lästig, weil er nicht so schnell und beweglich war wie sie.

 

Eine schmale, kurvenreiche Forststraße führt von der Ruine Hohenburg steil bergab nach Burgstadt. Gleich vor dem ersten Haus nach Ortsbeginn – da passierte es:

Christian verlor infolge zu hohen Tempos die Beherrschung über seinen Rollstuhl. Das Gefährt geriet ins Schlingern und kippte schließlich um. Er konnte sich nicht allein aus seiner misslichen Lage befreien und rief laut um Hilfe.

Eine junge Frau, die seine Schreie gehört hatte, eilte herbei. Er erschrak mächtig, als er das stark gerötete, verquollene Gesicht seiner Retterin erblickte. Die half ihm, unter dem umgestürzten Rollstuhl hervorzukriechen, richtete ihn wieder auf und nach gemeinsamen Anstrengungen saß Christian wieder fest in seinem fahrbaren Untersatz. Dann sagte die Frau mit tröstender Stimme:

»Ich heiße Claudia Berger, wohne dort drüben im Haus Nr. 14. Komm erst mal rein zu mir und erhole dich etwas von dem ganzen Schrecken! Der Eingang ist ebenerdig, du kannst also problemlos hineinrollen.«

Christian hatte zum Glück nur ein paar Hautabschürfungen erlitten und der Rollstuhl war nur leicht beschädigt.

»Diese kleinen Blessuren kann mein Bruder Max leicht beheben,«, sagte sie, »der ist nämlich Kfz-Mechaniker.«

Während Christian durch die Haustür rollte, wunderte sich Claudia über ihren Mut, diesen Jungen ganz spontan zu sich eingeladen zu haben. Denn sonst übte sie Fremden gegenüber äußerste Zurückhaltung.

»Ich stand vor der Haustür und hatte gerade einige Seifenblasen in die Luft gepustet, als ich deinen Unfall sah«, erklärte sie, während sie den Jungen ins Wohnzimmer schob. »Aber nun verträgst du gewiss eine kleine Stärkung«. Mit diesen Worten verschwand sie in der Küche.

Als  Christian aus ihrem Mund das Wort Seifenblasen vernahm, da überkam ihn die Erinnerung an ein schon lange zurückliegendes Ereignis:

Mit seinen Eltern hatte er eine Verbrauchermesse in Tübingen besucht. Dort kamen sie auch in eine Halle, wo die neuesten Caravans ausgestellt waren. An einem riesigen Wohnmobil sah man die Abbildung einer jungen Schönheit, deren Gesicht fast hinter einer Wolke unzähliger bunter Seifenblasen verschwand. Darunter prangte der Werbetext:

 

»Treten Sie nur ein. Lassen Sie sich verführen, aber nicht von mir, sondern von dem bezaubernden Interieur dieses Wohnmobils«.

 

Sein Vater hatte sich tatsächlich von diesem reizvollen Mädchenfoto verführen lassen, denn es hatte seine Neugier geweckt und schließlich hatte er einen Kaufvertrag für das riesige Fahrzeug unterzeichnet. Hätte sein Vater darauf verzichtet, dann würde er, Christian, jetzt nicht in diesem Rollstuhl sitzen.

Kapitel 2 - Leidensgenossen

 Nach und nach entwickelte sich zwischen Christian Seiffert und Claudia Berger eine herzliche Freundschaft. Er leistete ihr Gesellschaft, so oft er konnte. Eines Tages erklärte sie ihm:

»Du darfst Claudia zu mir sagen, das klingt doch nicht so förmlich wie ›Frau Berger‹ und ich bin ja auch noch nicht so alt wie ich vielleicht aussehe.«

Christian schaute sie neugierig an: »Wie alt bist du denn?«

»Ich bin jetzt zwanzig«, gab sie zur Antwort. »Und ich schätze dich so um die fünfzehn, ist das richtig?«

»Beinahe erraten. Ich bin fast sechzehn. Und nenne mich bitte ›Chris‹, wie alle meine Freunde.«

»Abgemacht, Chris, also auf eine weitere gute Freundschaft!«

 

Georg Berger, Claudias Vater, war der vormalige Eigentümer der Schloss-Apotheke in Burgstadt, seine Frau Henriette Lehrerin an der dortigen Grundschule. Beide hatten immer nur wenig Zeit für ihre noch unmündigen Kinder. So hatten Claudia und ihr Bruder Max frühzeitig gelernt, auch allein gut zurecht zu kommen.

Wenn Christian hin und wieder vorbeischaute, dann hatten sie sich immer viel zu erzählen. So erfuhr Claudia schon bald von dem schrecklichen Autounfall und dem Tod seiner Eltern. Mit Anteilnahme hörte sie ihm zu und sagte dann:

»Ja, Chris, so ist das Leben, jeder hat sein Packerl zu tragen. Unsere Schicksale scheinen sich zu ähneln. Mein Bruder Max und ich waren gesunde und fröhliche Jugendliche, bis uns ein grausames Missgeschick widerfuhr. Du siehst ja, wie grässlich ich aussehe. Das ist die Folge sträflicher Neugier, die Max und mich in diesen erbärmlichen Zustand versetzte. Unsere Eltern sind tot und seitdem unser Erbe aufgebraucht ist, leben wir recht und schlecht von der Sozialhilfe. Aber wir haben die Hoffnung auf Besserung unserer Lebensumstände noch nicht ganz aufgegeben.«

»Habt ihr denn keine Arbeit?«, wollte Christian wissen.

»Schön wär’s! Ich hatte einige Semester Biologie studiert, das Studium aber geschmissen, weil ich von meinen Studienkollegen immer so angegafft wurde, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Darum suchte und fand ich auch keine Arbeit; ich war völlig mut- und kraftlos. Und mein Bruder verlor wegen seines rotfleckigen Gesichts seinen Job als Kfz-Mechaniker; keine andere Firma wollte ihn wegen seines Aussehens einstellen.

»Was war euch denn geschehen?«, hakte Christian nach.

»Ach, das ist eine lange Geschichte.« Claudia zögerte. »Um alles zu erfahren müsstest du schon ein wenig Zeit aufbringen.«

»Die habe ich doch immer. Also, schieß schon los!«, ermunterte sie Christian.

 

Claudia ließ sich das nicht zweimal sagen. Sie sprach über ihre Kindheit und Jugend, ihre Eltern und ihren Bruder Max. Auch über ihren einstigen Nachbarn ließ sie sich aus, den schrulligen Dr. Curtius, der sich mit allerlei biologischen Experimenten befasste. Und dann berichtete sie von dem tragischen Vorfall, in den sie und ihr Bruder hineingeschlittert waren. Sie beschwor Christian, mit niemandem darüber zu sprechen.

»Es liegt jetzt acht Jahre zurück. Ich war damals ein hübsches Mädchen von zwölf Jahren mit langen blonden Zöpfen. Das sage ich nicht etwa aus Eitelkeit, sondern du musst wissen, dass ich nicht immer so scheußlich aussah wie jetzt. Ich war Schülerin des hiesigen Gymnasiums, meine Lieblingsfächer waren Sport und Biologie.

Mein Bruder Max dagegen war schon fünfzehn und hatte eine Lehre als Kfz-Mechaniker begonnen. Dass er einen technischen Beruf erlernen würde, stand außer Frage. Sein einziges Handikap war, dass ihm an der linken Hand der Mittelfinger fehlte. Er war schon immer ein ziemlicher Draufgänger. So hatte er einmal – unvorsichtig wie er war – mit Schwarzpulver experimentiert, zum Glück draußen im Garten. Dabei kam es zu einer heftigen Explosion, wobei ihm dieser Finger zerfetzt wurde und amputiert werden musste. Aber Max war ein Fatalist und betrachtete das als Schicksalsfügung.

Wenn unsere Eltern verreist waren, dann trieben wir uns im Garten des Doktor Martin Curtius herum, der das Nachbarhaus bewohnte.«

 Christian unterbrach sie: »Hattet ihr denn keinen eigenen Garten?«

Claudia lachte. »Na klar, dort spielten wir oft mit unseren Freunden Beate und Thomas Herzog, die schräg gegenüber wohnten, allerdings viel jünger waren als mein Bruder und ich. Die hatten zwar keinen Garten, aber ihre und unsere Eltern waren befreundet. Den Herzogs gehörte damals die Burg-Apotheke in Waldnitz. Nun aber zurück zu diesem Dr. Curtius.

Der Typ war so um die fünfundfünfzig und von kleiner, rundlicher Gestalt, hatte eine ausgeprägte Glatze, eine dicke Knollennase und wulstige Lippen. Eine Schönheit war er wirklich nicht, weshalb er wohl auch keine Frau gefunden hatte. Aber unter seinen dichten Augenbrauen schauten lustig blickende Augen hervor. Er verfügte über ein kleines Chemie-Labor im Keller seines Hauses. Darin will er eine Methode zur Steuerung des Pflanzenwachstums entwickelt haben. Falls seine Erfindung zum Einsatz käme – das behauptete er – würde man doppelt so dicke Kartoffeln und kürbisgroße Kohlköpfe wie normalerweise ernten. Auch Äpfel und alle anderen Obstsorten würden dann um ein Vielfaches größer werden. Er hatte auch eine Substanz zur Herstellung von riesigen, vielfarbigen Seifenblasen entwickelt. Ein Fläschchen mit dieser Flüssigkeit hatte er mir sogar geschenkt, es ist noch immer halbvoll.«

Claudia holte tief Luft und sprach dann weiter:

»Dieser seltsame Mensch war früher Fachlehrer für Biologie und Chemie an einem Gymnasium bei München gewesen. Wie er uns erzählte, führte er nach dem Unterricht auch solche Experimente durch, die in keinerlei Bezug zum schulischen Lehrstoff standen. Dadurch handelte er sich einigen Ärger mit Kollegen ein und war deswegen auch vom Direktor gerügt worden. Aber das kümmerte ihn wenig, sogar einen Käfig mit weißen Mäusen stellte er auf der Fensterbank des Biologie-Labors ab; mit den Nagetierchen wollte er irgendwelche Versuche durchführen. Das verriet er natürlich keinem, um nicht der Tierquälerei bezichtigt zu werden. Als wir ihn an einem Nachmittag in dem Labor aufsuchten und er mal kurz hinausging, entdeckte ich hinter dem Papierkorb einen von ihm beschriebenen, zerknüllten Zettel, der wohl versehentlich daneben gefallen war. Ich steckte ihn ein, um später zu lesen, was draufstand.«

Claudia ging kurz hinaus und kehrte mit dem zusammengefalteten Notizzettel zurück. Sie gab ihn Christian, der das Papier glatt strich und kopfschüttelnd las, was Dr. Curtius einst aufgeschrieben hatte:

 

Kürzlich war eine der Putzfrauen unvorsichtig an den Mäusekäfig gestoßen und hatte wohl nicht bemerkt, dass sich dabei die Gittertür einen Spalt weit geöffnet hatte. Als ich am nächsten Morgen, wie immer schon eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn in den Biologie-Vorbereitungsraum kam, suchte ich vergeblich nach den Mäusen. Alle waren weg bis auf eine, die es offenkundig genoss, nun das ganze Futter für sich allein zu haben. Aber wo waren die anderen? Plötzlich entdeckte ich eine winzige Maus, deren Körperlänge vielleicht gerade mal einen Zentimeter maß, dann eine weitere, und dann noch eine und noch eine. Was war hier bloß passiert? Ich hegte einen schrecklichen Verdacht, hatte ich doch längere Zeit mit Substanzen experimentiert, die bestimmte Pflanzen zu größerem Wachstum anregen sollten. Damit hatte ich bereits einige Erfolge gehabt und hoffte, auf meine Erfindung eines Tages ein Patent zu erhalten. Auch hatte ich schon darüber nachgedacht, ob ich nicht das Wachstum auch umkehren, also Pflanzen verkleinern könnte. Das wäre für die Unkrautbekämpfung von Interesse, denn wenn es mir gelänge, ein Mittel zu finden, das auf das Wachstum bestimmter Unkräuter einwirken würde, dann wäre ich wohl ein gemachter Mann. Dabei gab es aber noch große Probleme hinsichtlich der Wirksamkeitsdauer, denn ich wollte diese Pflanzen nicht auf Dauer verkleinern, sondern nur für die Zeit der Wachstumsperiode bis zu ihrer Ernte. Das Wort ›Unkraut‹ verwendete ich gar nicht gern und betonte immer wieder gegenüber meinen Schülern, dass alle Pflanzen gleiches Lebensrecht hätten und es in Wirklichkeit gar keine ›Unkräuter‹ gäbe sondern alle Pflanzen eigentlich von Nutzen seien, weil sie im Kreislauf der Natur einen festen Platz hätten.

Ich vermutete nun, dass die Mäuse an diese Substanz geraten sein könnten. Tatsächlich entdeckte ich einen umgekippten Messzylinder, den ich am Vorabend versehentlich auf dem Labortisch hatte stehen lassen. Normalerweise verschloss ich alle Chemikalien und Lösungen vor dem Weggehen in einem Giftschrank, aber diesmal hatte ich es vergessen.

 

»Toll, was?« Claudia schaute ihren jungen Freund fragend an. »Einmal erzählte uns der Doktor, dass er eine Substanz hergestellt habe, die es sogar ermöglichte, einen Menschen so klein wie eine Ameise zu machen oder noch kleiner, je nachdem, wie viel er davon schluckt. Er selber habe bereits mit zwei Schülern eine Exkursion in den Mikrokosmos unternommen, sogar in den Stängel einer Pflanze seien sie mit einer Art Mini-Fahrstuhl hineingefahren. Wir hielten das allerdings für ein Märchen und nannten ihn seitdem respektlos Doktor Hokuspokus. Doch dann schlug er vor, uns einmal auf seine nächste Tour – die in einen Hummelbau gehen sollte – mitzunehmen. Nun hegten wir keinen Zweifel mehr an der Echtheit seiner Erlebnisberichte. Doch leider blieb es bei diesem Vorschlag, denn Dr. Curtius verstarb überraschend an Herzversagen. Bis kurz vor seinem Tod waren wir noch in seinem Garten herumgetollt. Da hatten wir wohl etwas zu viel Lärm gemacht, jedenfalls kam er auf uns zu und sagte: ›Nun aber genug. Kommt, setzt euch ein bisschen zu mir!‹

Wir saßen dann neben ihm auf einer Gartenbank. Gespannt hörten wir den Schilderungen seines letzten Abenteuers zu. Vieles habe ich wieder vergessen. Aber angeblich hatte er sich und zwei Schüler auf Zentimetergröße verkleinert. Mit einem von ihm eigens dafür konstruierten, winzigen Fahrzeug wären sie zu dritt bis weit unter die Erdoberfläche gefahren, um dort die ihnen nun wie gewaltige Ungeheuer erscheinenden Kleinlebewesen aus nächster Nähe zu betrachten.«

Christian zog die Stirn kraus und sah Claudia skeptisch an, die dann fortfuhr:

»Ich erinnere mich noch gut an die Frage des Doktors: ›Na, was sagt ihr nun? Das war also meine letzte Exkursion.‹ Da hatte mein Bruder gelästert. ›Nicht übel, aber das haben Sie doch nicht wirklich erlebt!‹

›Aber gewiss doch, so wahr ich Martin Curtius heiße!‹, hatte er gesagt.

›Und was wurde aus den beiden Schülern?‹, fragte ich. Daraufhin sah er mich etwas verlegen an:

›Also, das waren die Abel-Kinder, ein Zwillingspaar. Ihr Vater war ein berühmter Schauspieler, die Mutter eine begnadete Pianistin. Hm, ja, hm, ich habe den Ro-ro-bert, – alle nannten ihn ‹Robby›, leider aus den Augen verloren‹, begann er auf einmal zu stottern. ›Aber der wird mal ein guter Biologe werden. Von seiner Schwester, der ‹Franzi›, sie hieß eigentlich Franziska, habe ich ebenfalls nichts mehr gehört. Ich gab nämlich nach unserer letzten gemeinsamen Unternehmung den Schuldienst aus gesundheitlichen Gründen auf und wandte mich der privaten Forschung zu.‹

›Aber Sie machen doch auch mit uns mal eine solche Exkursion, nicht wahr?, wollte mein Bruder wissen.

›Na klar, versprochen ist versprochen‹, gab ihm Dr. Curtius zu verstehen. ›Habt ihr beide vielleicht nächste Woche Zeit? Dann könnten wir was unternehmen.‹ Dabei schaute er uns über seine Brille hinweg mit seinen lustigen Augen an. Wir verabredeten uns dann für die darauffolgende Woche, aber leider ist Dr. Curtius kurz davor gestorben. Nun konnte er sein Versprechen nicht mehr einlösen; wir waren deswegen sehr traurig.«

»Das ist wirklich schade! Aber nun muss ich gehen, meine Tante erwartet mich zum Essen. Aber ich hoffe, dass du mir noch mehr über diesen komischen Vogel erzählen wirst«, erklärte Christian begeistert.

»Mach ich, sobald du wieder mal vorbeischaust.«

Kapitel 3 - Der Erfinder

Doktor Martin Curtius war von München ins schwäbische Burgstadt umgezogen. Die Familie Berger mit Claudia und Max wohnten im Nachbarhaus und so entwickelte sich ein herzlicher Kontakt zwischen dem Pensionär und den beiden Kindern. Der alte Herr überließ ihnen sogar einen Hausschlüssel, so konnten sie ihn jederzeit besuchen, ohne erst klingeln zu müssen.

Mit der Erledigung aller anfallenden Hausarbeiten hatte er eine junge Frau namens Julia Millert betraut. Diese wurde einmal von den Berger-Kindern dabei überrascht, wie sie im Arbeitszimmer des Doktors etwas aus einer Schublade herausnahm und in ihre Schürzentasche steckte. Dabei grinste sie etwas verlegen, machte sich dann wieder an ihre Arbeit.

 

Eines Tages bekam Dr. Curtius Besuch einer korpulenten, sich herrisch aufführenden Frau, die nervös durch das Haus lief und überall herumschnüffelte, als ob sie nach etwas suche.

»Das ist meine Zwillingsschwester Martina«, erklärte Dr. Curtius den Kindern, die in seinem Arbeitszimmer staunend vor einem der vielen Bücherregale standen.

Frau Curtius blickte die Kinder naserümpfend an und bemerkte spitz: »Habt ihr denn kein eigenes Zuhause, dass ihr hier herumlungern müsst?«

Als Dr. Curtius das vernahm, wurde er zornig: »Das sind die Kinder des Apothekers Berger, die habe ich gerne um mich und sie dürfen mich besuchen, wann immer sie Lust dazu haben!«

Wenig später beobachteten Claudia und Max Frau Curtius dabei, wie sie die Glasscheiben eines Bücherregals zur Seite schob und eine silberne Schatulle herausnahm. Dr. Curtius schoss auf seine Schwester zu und schnauzte sie wütend an:

»Stell das augenblicklich hin, das geht dich wirklich nichts an!«

»O, du hast also Geheimnisse vor deiner Schwester, sieh mal einer an!« Sie lachte hysterisch.

»Ja, denk mal an! Damit du es genau weißt: Darin bewahre ich mein Barvermögen und alle Wertpapiere auf!«, schrie sie der Doktor an und zwinkerte dabei den Kindern zu. Claudia und Max hatten sofort kapiert, dass er seine anscheinend ungeliebte Schwester an der Nase herum führen wollte. Beleidigt war Frau Curtius daraufhin im Gästezimmer verschwunden und am nächsten Tag wieder abgereist.

 

Solange der Sarg mit Dr. Curtius’ Leichnam in seinem Arbeitszimmer aufgebahrt stand, zündeten Claudia und Max dort mehrmals neue Kerzen an. Sie waren die einzigen Menschen, die um ihn trauerten; er hatte außer seiner in Norddeutschland lebenden Schwester keine weiteren Verwandten oder Freunde. Allerdings wunderten sie sich, dass sich Julia Millert, die Haushälterin, gar nicht mehr blicken ließ.

Als der Leichenwagen eintraf, nahmen sie endgültig Abschied von ihrem Doktor Hokuspokus. Die Urne mit seiner Asche sollte in der Nordsee versenkt werden; dieser letzte Wunsch stand auf einem Zettel, den man in seiner Brieftasche fand.

Da sie noch den Hausschlüssel besaßen, sahen sie sich noch eine ganze Weile im Haus um. Dabei fiel Claudias Blick auf die in einem Regal stehende silberne Schatulle. Das antike Gefäß hatte einen Deckel mit dem eingravierten Namen Curtius. Schon mehrmals hatten sie ihren väterlichen Freund nach dem Inhalt dieser Schatulle gefragt. ›Das ist so‹ –  hatte er ihnen erklärt – ›hierin bewahre ich die verschiedenen Substanzen auf, die ich für meine Versuche an Pflanzen, Tieren und auch an Menschen benötige. In der Schatulle ist alles gut versteckt, denn kein Mensch würde annehmen, dass ich darin das Ergebnis meiner langjährigen Forschungsarbeit aufbewahre.‹ Dabei hatte er verschmitzt gelächelt und dann noch bemerkt: ›Aber ich weiß, dass mein Geheimnis bei euch gut aufgehoben ist.‹

»Was mag da wohl drin sein?«, sagte Max. »Wir könnten sie doch mitnehmen, denn wer sonst außer uns beiden weiß von ihrer Existenz? Und die dämliche Frau Curtius hat sich nicht mehr blicken lassen. «

»Gute Idee«, stimmte Claudia zu. »Wenn die Eltern mal wieder verreist sind, könnten wir uns den Inhalt der Schatulle ganz in Ruhe ansehen. Komm, lass uns abhauen, hier haben wir nichts mehr zu suchen!«

Max klemmte sich die silbern glänzende Schatulle unter den Arm und Claudia warf den Schlüssel in den Briefkasten. Zuhause versteckten sie ihre Beute im Heizungskeller hinter den Leitungsrohren. Ihren Eltern erzählten sie nichts davon.

Kapitel 4 - Gefährliche Neugier

An einem Nachmittag, wenige Tage nach Dr. Curtius’ Tod, läutete es an der Haustür. Als Frau Berger öffnete, stand vor der Tür eine korpulente Dame, neben ihr ein untersetzter, streng dreinblickender Mann, der mit knarrender Stimme sagte: »Sie sind Frau Henriette Berger, nicht wahr?«

»Ja, natürlich, das bin ich. Und was wollen Sie von mir?«

»Das ist so.« Der Mann hüstelte verlegen. »Mein Name ist Gregor Kienzle von der Kanzlei Doktor Kienzle und Doktor Gruber in Tübingen. Ich bin Rechtsanwalt, und diese Dame hier« – er deutete auf die dicke Frau an seiner Seite – »ist die Schwester des kürzlich verstorbenen Doktor Martin Curtius, Frau Martina Curtius. Sie ist die einzige Erbin und gerade dabei, den Nachlass ihres Bruders zu sichten. Frau Curtius hat mich als Testamentsvollstrecker eingesetzt und gibt nun an, dass der Verblichene eine silberne Schatulle besessen habe, in der er alles Bargeld sowie seine Wertpapiere aufbewahrte. Seltsamerweise war diese Schatulle bei unserer gestrigen Hausbesichtigung nicht mehr vorhanden.«

»Und was geht das mich an?«, fragte unsere Mutter verwundert. »Was habe ich damit zu tun?«

Nun meldete sich Frau Martina Curtius zu Wort, holte tief Luft und sagte:

»Ihre Kinder sind doch ständig um meinen Bruder herumgeschwänzelt, die können sicher bestätigen, dass in dem einen Regal so eine auffällige Schatulle stand. Dann könnte mein Anwalt in dieser Richtung ermitteln und eventuell einen Diebstahl anzeigen.«

Doktor Gregor Kienzle hüstelte wieder:

»Wir meinen, dass uns Ihre Kinder vielleicht weiterhelfen können. Sie müssen verstehen, dass meine Mandantin großes Interesse daran hat, das Erbe ihres Bruders antreten zu können, denn bisher entstanden ihr nur Kosten, so für die Einäscherung und die Urnenbestattung auf See. Besteht vielleicht die Möglichkeit, dass Ihre Kinder die Schatulle mitgenommen haben, ich meine so aus Spaß, ohne zu wissen, was sich darin befand?«

»Na hören Sie mal, Sie werden doch meine Kinder nicht verdächtigen! Die haben bestimmt kein Interesse an so einem komischen Kasten. Und stehlen tun die schon ganz und gar nicht!«

Frau Berger rief nun Claudia und Max herbei, die gerade über ihren Hausaufgaben saßen. Natürlich hatten sie gelauscht und mitbekommen, um was es da ging. Aufgeregt hatte Max seiner Schwester zugeflüstert:

»Um Gottes Willen, wir dürfen ja nichts verraten! Diese Frau könnte uns des Diebstahls bezichtigen.«

So gingen beide mit Herzklopfen an die Tür und versicherten, noch nie ein solches Silbergefäß gesehen zu haben.

»Na, komisch ist das schon – so eine auffällige Schatulle kann sich doch nicht einfach in Luft auflösen!«, lamentierte Frau Curtius, der man die Enttäuschung ansah.

»Für alle Fälle haben Sie hier meine Visitenkarte, sollte sich die Schatulle doch noch irgendwo auffinden«, bemerkte Doktor Kienzle und übergab Frau Berger sein Kärtchen. »Möglich ist ja alles. Grüß Gott!«

Mit hochrotem Kopf stapfte die füllige Dame in Begleitung ihres Anwalts zu ihrem vor der Tür stehenden Mercedes. Dann fuhren sie ab, ohne sich noch einmal umzusehen, und die Geschwister waren heilfroh, dass die Sache so glimpflich ausgegangen war.

 

Die Berger-Kinder wurden schon früh zur Selbstständigkeit erzogen. Deshalb konnten die Eltern bedenkenlos für einige Wochen verreisen. Claudia verstand schon gut zu kochen und Max als der Ältere fühlte sich für seine Schwester voll verantwortlich.

In den Sommerferien – schon bald nach dem Tod von Dr. Curtius – waren ihre Eltern für kurze Zeit verreist. Endlich konnten sie ihre Neugier befriedigen und nach dem Inhalt der Schatulle sehen. Sollten sich darin die von Dr. Curtius entwickelten Verkleinerungs-Substanzen befinden, müsste ihnen auch ohne den Doktor die Kleinschrumpfung gelingen. Was sollte da schief gehen? Wenn es tatsächlich klappte, würden sie nach einer Weile wieder normalgroß werden. Dr. Curtius hatte ihnen ausdrücklich versichert, dass seine Mixturen ungefährlich seien. Max erinnerte sich noch deutlich an dessen Erklärung:

 

›Man darf nur nicht zu viel davon einnehmen. Auf die Dosis kommt es an. Schon der alte Paracelsus, mit richtigem Namen ‹Theophrastus von Hohenheim›, ein Naturforscher und Arzt aus dem 16. Jahrhundert, hatte darauf hingewiesen, dass jeder Stoff, im Übermaß genossen, für den Körper schädlich ist. Manche Gifte dagegen wirken wie Medizin, wenn man sie in der genauen und somit ungefährlichen Dosis zu sich nimmt.‹

 

Beide gingen in den Keller und Max holte die hinter Heizungsrohren gut versteckte Schatulle hervor. Aber sie ließ sich nicht öffnen. Erst jetzt bemerkte er das kleine Schloss. Er überlegte kurz, griff in seine Hosentasche, zog ein Drahtstück heraus und formte daraus eine Schlinge. Damit stocherte er solange in dem Schloss herum, bis er den Deckel aufklappen konnte. Zuoberst lag ein Stück weißer Pappe mit dem in dicken Blockbuchstaben geschriebenen Text:

 

ACHTUNG: GEFÄHRLICHER INHALT !VERWENDUNG NUR für EXPERIMENTE !

KINDERSICHERE AUFBEWAHRUNG !

NICHT BERÜHREN !

 

Als Max die Pappe anhob, kamen mehrere mit farbigen Flüssigkeiten gefüllte Glasampullen zum Vorschein, die die Bezeichnung K1 trugen. Außerdem eine kleine Dose mit gelblichen Kapseln, die mit K2 beschriftet war, ein silberner Teelöffel, eine Lupe und ein angeknabberter Bleistift. Schließlich entdeckte er noch winzigkleine, zylindrische Metallkörper. Einen davon untersuchte er mittels der Lupe; unter der mehrfachen Vergrößerung zeigte er die Form eines Zeppelins. ›Ob das wohl die Miniaturfahrzeuge sind, die der Doktor immer erwähnte und mit denen er angeblich seine Exkursionen in den Mikrokosmos unternahm?‹, dachte er bei sich.

Eigentlich hatten sie die Reiseerzählungen des Doktors für spannende Märchen gehalten. Aber anscheinend hatte es sich um Tatsachenberichte gehandelt. Vermutlich sollte der Warnhinweis unbefugte Personen davon abhalten, vom Inhalt der Ampullen zu kosten. Aber sie waren ja keine ›Unbefugten‹, sondern Partner des Doktors. Wäre er nicht gestorben, hätten sie ihn bestimmt auf seiner nächsten Exkursion begleitet.

»Warum sollten wir nicht einen Selbstversuch wagen?«, meinte Max und hielt eine Ampulle mit der Aufschrift K1 hoch. »Jeder schluckt zunächst fünf Tropfen, das ist nur eine winzige Menge. Und falls wir keine Wirkung feststellen, nehmen wir halt mehr davon. Vielleicht ist nur gefärbtes Zuckerwasser oder so was drin.«

Claudia war damit einverstanden.

Jeder ließ nun fünf Tropfen auf den silbernen Löffel fallen und würgte die gallebittere Substanz hinunter.

»Igittigitt!«, rief Claudia. »Ist das ein widerliches Zeug!«

»Ja, pfui Teufel!«, bestätigte Max. »Darauf müssen wir viel Wasser trinken.«

»Und was machen wir mit den andern Ampullen?« Claudia schüttelte sich noch immer vor Ekel.

»Die können wir später immer noch ausprobieren«, meinte Max.

Dann gingen sie wieder nach oben.

 

Als Claudia über ihren Hausaufgaben saß, überfiel sie plötzlich eine sonderbare Hitzewallung. Ihr Gesicht quoll so stark auf, dass sie kaum aus den Augen schauen konnte. Gleichzeitig entwickelten sich auf dem gesamten Körper großflächige, rote und stark juckende Quaddeln. Claudia war entsetzt und rief ihren Bruder, der gerade mit der Reparatur seines Fahrrads beschäftigt war. Aber auch Max klagte über dieselben, seltsamen Symptome. Natürlich führten sie das auf die aus Leichtsinn eingenommenen Tropfen zurück.

»Bestimmt ist das eine allergische Reaktion«, sagte Claudia, »die sich wieder legt. Dr. Curtius hatte mal von einer Diskussion gesprochen, die er mit einem Schüler – der hieß Robby oder so ähnlich – wegen der Harmlosigkeit dieser Substanzen geführt hatte.«

»Ja genau«, sagte Max. »Erst als er diesem Robby versichert hatte, dass sie absolut unschädlich seien, hatte der sich zum Mitmachen bereit erklärt. Er durfte sogar seine Zwillingsschwester mitnehmen. Nur schade, dass wir nie erfahren haben, ob die Aktion tatsächlich stattfand.«

Kopfschüttelnd schaute Max seine Schwester an: »Und wir sind noch genauso groß wie vorher, nur haben wir jetzt diese eklige Juckerei. Vielleicht erwischten wir vorhin ’ne falsche Substanz, denn unser lieber Doktor machte auch Versuche mit Kleintieren und Pflanzen.

Sie stiegen wieder in den Keller hinab. Dort öffnete Max nochmals die Schatulle, aber außer den Ampullen K1, der Dose K2 und den übrigen Utensilien lag nichts drin. Am Boden der Schatulle entdeckte er jetzt ein weißes Bändchen, das er vorher übersehen hatte. Er zog daran und der Boden klappte hoch. Ganz unten befanden sich weitere Ampullen mit den Bezeichnungen D1 und D2, sowie ein gelber Notizzettel mit einer Kombination aus Buchstaben und Ziffern.

»Ein sonderbarer Zettel, was mag das darauf bedeuten«, wunderte sich Max.

»Ist vielleicht nicht so wichtig. Wenigstens haben wir jetzt auch die anderen Stoffe gefunden. Kosten wir doch mal von der Substanz D1«, schlug Claudia vor, »vielleicht ist das die Richtige.«

Max schüttelte den Kopf. »Ach, ich weiß nicht so recht. Was passiert, wenn wir tatsächlich die Verkleinerungstinktur erwischen und dann winzig klein werden? Wir wären als Winzlinge doch ganz nackt, unsere Kleidung kann ja wohl nicht mitschrumpfen. Und würden wir jemals wieder normalgroß? Stell dir vor, wir blieben lebenslang so winzig wie Ameisen. Nein, Claudia, wir sollten diesen verrückten Gedanken endgültig fallen lassen. Das alles kommt mir vor wie eine Seifenblase, die zerplatzt, wenn man sie nur anhaucht.«

»Vielleicht hast du recht. Aber trotzdem möchte ich einen nochmaligen Versuch wagen«, sagte Claudia trotzig.

»Na gut, wenn du unbedingt das Risiko eingehen willst! Ich will dir den Spaß nicht verderben und mache mit. Ich hoffe nur, dass wir das nie bereuen müssen.«

Jeder schluckte nun fünf Tropfen der violetten Flüssigkeit aus der Ampulle D1.

»Pfui«, rief Claudia entsetzt, »das ist ein genauso widerliches Zeug! Brrh!«

Auch Max verzog sein Gesicht zu einer Grimasse und sagte: »Ich möchte wissen, was sich der Doktor dabei gedacht hat. Das stinkt wirklich wie Scheiße!«

Aber auch nach der Einnahme dieser Tropfen geschah nichts. »Das hatte ich mir gleich gedacht, dass so etwas nicht funktionieren kann  und bin wirklich froh deswegen«, sagte Max.

»Ich eigentlich auch«, meinte Claudia.

 

Schon nach wenigen Tagen – kurz bevor die Eltern von einer Reise zurückkehrten – verschwanden alle Krankheitssymptome so plötzlich wie sie aufgetaucht waren. Es war wie ein Wunder. Max allerdings war der Meinung, dass ihr Immunsystem allein mit den Giftstoffen aus der Ampulle K1 fertig wurde.

Heimlich deponierten sie die Schatulle in der Dachkammer. Dort fanden sie ein besseres Versteck als im Keller, nämlich oberhalb eines Dachquerbalkens. Später einmal wollten sie sich intensiv mit den Hinterlassenschaften des Dr. Curtius befassen. Den kleinen gelben Zettel mit den sonderbaren Buchstaben und Zahlen verwahrte Claudia in ihrer Geldbörse. Aber im Laufe der Zeit vergaßen sie den Doktor und seine silberne Schatulle.

Kapitel 5 - Die beiden Waisen

Georg und Henriette Berger verbrachten einen Kurzurlaub in der Karibik. Claudia und Max hatten es abgelehnt, sie zu begleiten, sie fühlten sich nicht mehr wie kleine Kinder, die noch mit Erwachsenen verreisen. Und das war ihr Glück: Der Lufthansa-Airbus, mit dem die Eltern den Rückflug antraten, stürzte unmittelbar nach dem Start über der Karibik ab. Doch davon später mehr.

 

Für die Großeltern Ernst und Maria Berger war der Tod ihres einzigen Sohnes ein schwerer Verlust. Die alten Leute besaßen zwar ein eigenes Haus, hatten aber darauf gebaut, später in die geräumige Mansardenwohnung im Dachgeschoss oberhalb der Apotheke einzuziehen, um ihre letzten Lebensjahre unter Kindern und Enkeln zu verbringen. Diese Hoffnung war nun wie eine Seifenblase zerplatzt. Beide starben kurz hintereinander; der

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Claus H. Stumpff - www.chsautor.de
Bildmaterialien: clipdealer
Cover: Claus H. Stumpff
Tag der Veröffentlichung: 10.03.2019
ISBN: 978-3-7438-9929-2

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