Cover

DIE JAGD NACH DEM GEHEIMNISVOLLEN MEDAILLON

 

Eine abenteuerliche Reise

durch die schottischen Highlands

 

K r i m i n a l r o m a n

von

Claus H. Stumpff

 

 

 Dieser Titel ist auch als 398-seitiges Taschenbuch

erschienen unter ISBN 978-1517585396

Zum Inhalt

 Im Innern eines antiken Medaillons befindet sich Filmmaterial mit Hinweisen auf ein Geheimversteck. In dieses wurde im letzten Kriegsjahr 1944 wertvoller Schmuck einer jüdischen Familie vor den Nazis in Sicherheit gebracht.

Nach Jahrzehnten gelangt das Medaillon in den Besitz einer jungen Schottin, die es ahnungslos einem Juwelier überlässt. Zu spät erfahren die ehemaligen Eigentümer von dem brisanten Inhalt ihres ehemaligen Erbstücks und wollen sich den plötzlich so bedeutsam gewordenen Anhänger zurückholen. Unverzüglich machen sie sich auf die Reise, die sie von Oberbayern bis hin zu den schottischen WESTERN HIGHLANDS und den Hebriden-Inseln MULL und IONA führt. Dort wird der Protagonist in einen Aufsehen erregenden Kriminalfall verwickelt und des zweifachen Mordes bezichtigt.

Atemberaubende Action, feinfühlige Erotik, eine folgenschwere Testamentseröffnung sowie das überraschende Finale bilden einen höchst dramatischen Plot.

Darüber hinaus verleihen die vielen Landschaftsbeschreibungen und Hintergrundinformationen zur Kultur und Geschichte Schottlands diesem Thriller den ›Touch‹ eines Reiseführers. Ein echter Leckerbissen – nicht nur für Schottland-Fans.

 

Das Coverbild zeigt den Jacobite Steam Train der West Highland Railway Line auf der Harry-Potter-Brücke, dem berühmten Glenfinnan Viaduct am Loch Shiel. Diese Region mit der wohl einzigartigen Eisenbahnbrücke ist mir wohlvertraut, denn die schottischen WESTERN HIGHLANDS und die Inseln der INNEREN NHEBRIDEN sind aus familiären Gründen zu meiner zweiten Heimat geworden. Der Handlungsablauf des Romans findet also überwiegend in Örtlichkeiten statt, die ich selber aufgesucht und näher kennengelernt habe. Die Beschreibung der vielen Sehenswürdigkeiten, der landestypischen Eigenarten wie auch der schottischen Landesgeschichte basiert auf persönlichen Erkenntnissen.

 

Ich wünsche spannende Unterhaltung

Claus H. Stumpff

 

 

 

PROLOG

Man verlässt die nach Garmisch-Partenkirchen führende Autobahn südlich des Starnberger Sees und fährt nun auf Nebenstraßen in südöstlicher Richtung weiter durch die voralpine Moränenlandschaft. Nach wenigen Kilometern erreicht man die in einer Talsenke liegende, durch Bauernhöfe und Viehweiden geprägte Marktgemeinde Miersbach,, deren Mittelpunkt der hoch aufragende, graugrüne Zwiebelturm der Pfarrkirche St. Bonifaz bildet. Von der zur Dorfmitte hinabführenden Straße fällt der Blick über die mit roten und braunen Ziegeln eingedeckten Hausdächer hinweg auf zwei am jenseitigen Ortsrand liegende, weiße Gebäude. Diese schmiegen sich harmonisch an eine sanft ansteigende, mit Mischwald bewachsene Anhöhe. Ein Leuchttransparent auf dem Flachdach eines der beiden Bauwerke verkündet den Standort einer namhaften Produktionsfirma für Naturkosmetika, die unter dem Markennamen BARGOSAN weltweiten Ruf genießt. Sobald man das Ortsschild hinter sich gelassen hat, fallen die asphaltierte Hauptstraße mit den breiten Gehsteigen, sowie die beidseitig in gepflegten Gärten stehenden, überwiegend in oberbayrischem Stil errichteten Gebäude auf, was auf den Wohlstand ihrer Besitzer schließen lässt. Der große, von schmucken Giebelhäusern umgebene Marktplatz mit seiner kunstvoll ausgeführten Bepflasterung, seinen zahlreichen Geschäften und Marktständen strahlt etwas von jener Gediegenheit aus, nach denen man in anderen Orten dieser Größe oft vergeblich sucht. Doch das ist kein Wunder, denn Miersbach ist eine reiche, mit Leben erfüllte Gemeinde, was man an dem geschäftigen Treiben auf Straßen und Plätzen erkennt.

 

BARGOSAN ist ein mittelständischer, hochmoderner Betrieb zur Herstellung von Naturkosmetika und hat sich durch die ausschließliche Verwendung natürlicher Wirkstoffe und Verzicht auf jegliche Tierversuche weltweites Ansehen erworben. Derzeit beschäftigt BARGOSAN etwa vierzig Mitarbeiter, die alle entweder aus Miersbach oder der näheren Umgebung stammen. Die Philosophie des alleinigen Firmeninhabers Andreas Barghoff war es seit jeher, dass sich alle Mitarbeiter in seinem Betrieb nicht nur wohl fühlen, sondern mit ihm auch identifizieren sollten. Diese Denkweise hat sich seit Gründung des Unternehmens als der richtige Weg zum Erfolg erwiesen.

 

Bislang steht BARGOSAN auf einem soliden finanziellen Fundament, und trotz eines auch in der Kosmetikbranche bestehenden, harten Wettbewerbs darf die Auftragslage immer noch als sehr günstig beurteilt werden. Schon mehrfach wurde Andreas Barghoff von einem Großunternehmen die Fusion oder Übernahme schmackhaft gemacht, was dieser aber stets abwies. Andreas hatte sich geschworen, seiner Firma auch weiterhin die Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu bewahren. Er wollte unbedingt vermeiden, sich sein unternehmerisches Denken und Handeln von ausschließlich Aktionären verpflichteten, nicht selten überbezahlten oder sogar unfähigen Vorständen vorschreiben zu lassen. Außerdem fühlte er sich emotional Miersbach und seiner oberbayrischen Heimat verbunden und war ausgesprochener Gegner einer ausufernden Globalisierung.

 

Gleich nach Umfahrung der Ortsmitte und der Fußgängerzone weist ein Schild nach rechts in den Jakob-Barghoff-Weg. Diese Straße trägt den Namen des Firmengründers und Vaters des jetzigen Inhabers. Im Gegensatz zu den bereits in manchen kleineren Dörfern existierenden uniformen Gewerbegebieten gelangt man hier in eine fast ländliche Idylle. Das BARGOSAN-Werk erreicht man über eine von gewaltigen Kastanienbäumen flankierte Zufahrt. Man vermutet dort eher einen alten Herrensitz als einen modernen Produktionsbetrieb, dessen Gebäude sich deutlich von den heute überall anzutreffenden Industriebauten aus Betonfertigteilen unterscheiden. Vor dem linken der beiden Bauten – hier befinden sich im Erdgeschoss die Büros der Firmenverwaltung, direkt darüber die Wohnung der Familie Barghoff – erstreckt sich eine kleine Grünanlage, deren Mittelpunkt ein von zahlreichen Wasservögeln besiedelter Teich bildet. An die hausnahe Seite des von einem Bach durchflossenen und dadurch sehr klaren Gewässers wurden in Halbkreisform Bänke aufgestellt. Dort dürfen sich die Mitarbeiter der Firma während der Pausenzeiten aufhalten.

 

Andreas Barghoff ist wegen seiner sozialen Einstellung bei der gesamten Belegschaft hoch angesehen. Als es vor Jahren um die Erweiterung des damals noch eingeschossigen Produktionsgebäudes ging, riet ihm sein Architekt, hierfür den Teich zuschütten zu lassen und auch den größten Teil der Grünanlage zu opfern. Andreas lehnte diesen Vorschlag vehement ab, denn er vertrat die Ansicht, dass er seinen Mitarbeitern den Erhalt dieser Erholungsflächen schuldig wäre und wechselte den Architekten. Die Erweiterung der Betriebsstätten wurde daraufhin durch eine Aufstockung des bestehenden Gebäudes um eine weitere Etage – allerdings mit Flachdach – ermöglicht. Diese Entscheidung trug ihm von allen Seiten viel Lob ein, zumal sich das nun zweigeschossige Haus mit den Labors und Produktionseinrichtungen durchaus harmonisch in das Landschaftsbild einfügt.

 

Im Alter von fünfzig Jahren steht Andreas Barghoff noch mitten im Leben und wirkt durch seine kräftige, etwas untersetzte Statur nicht wie ein moderner Unternehmensführer; in seinem graugrünen Trachtenanzug könnte man ihn eher für einen Metzger oder Gastwirt halten. Sein etwas behäbiges Äußeres, seine grauen, um eine Glatze herum gekräuselten Haare und eine durchaus altmodisch wirkende Hornbrille täuschen jedoch darüber hinweg, dass er ein Mann von außergewöhnlicher Tatkraft ist. Er hat das Unternehmen vor sechsundzwanzig Jahren von seinem Vater Jakob Barghoff übernommen. Dieser starb unerwartet, als Andreas knapp fünfundzwanzig Jahre alt war und gerade sein Studium als Diplom-Chemiker abgeschlossen hatte. Nun liegt das Wohl dieses Unternehmens schon viele Jahre ausschließlich in seinen Händen, wobei ihm Tochter Corinna als Produktionsassistentin eine wertvolle Hilfe ist. Seine Frau Katharina, eine geborene Schweizerin, ist Lehrerin an der Grundschule eines Nachbarortes, denn Miersbach verfügt seit Jahren über keine eigene Schule mehr. Obwohl Katharina eine sehr engagierte Lehrerin ist, hilft sie ihrem Mann in der Verwaltung, soweit es ihre knapp bemessene Zeit zulässt. Denn auch BARGOSAN muss wegen der Kostenreduzierung Personal einsparen.

 

Als der Firmengründer Jakob Barghoff im Juni 1945 – damals erst zwanzig Jahre alt – aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte, hatte er sogleich die am Marktplatz ansässige und total abgewirtschaftete Drogerie seines Vaters Wilhelm Barghoff übernommen. Mit immensem Fleiß und durch sein fachkundiges Wissen entwickelte sich schon bald darauf aus dem ursprünglich kleinen Laden ein gut gehendes Geschäft für Drogeriewaren, Wasch- und Putzmittel, sowie für Artikel zur Körperpflege und Kosmetika. Da die nächste Apotheke weitab in der Kreisstadt lag, kaufte man in der Barghoffschen Drogerie auch Tees und sonstige rezeptfreie Heilmittel. Wiederholt musste der Betrieb durch Umbauten erweitert werden, stieß aber bereits Ende der siebziger Jahre an seine räumlichen Grenzen, als Jakob mit der Eigenproduktion von Naturkosmetika begann. Nach einiger Suche fand er am Ortsrand ein geeignetes Grundstück für den Neubau eines Wohnhauses mit Ladengeschäft. Daneben wurde ein Flachbau als Produktionsstätte für die Salben und Tinkturen unter dem Logo BARGOSAN errichtet. Schnell wurde der neue Firmensitz bekannt. Die Kunden kamen von weit her, doch binnen eines Jahres gab Jakob das Ladengeschäft auf und setzte seine Aktivitäten nun ausschließlich auf den Versand von Naturkosmetika. Das gänzlich umstrukturierte Unternehmen entwickelte sich zunächst sehr gut, doch infolge der damaligen Ölkrise blieb auch BARGOSAN nicht von einer wirtschaftlichen Rezession verschont. Jakob musste erstmals teure Kredite aufnehmen, demzufolge auch die Preise erhöhen, und geriet so allmählich in einen Strudel von Abhängigkeit gegenüber seinen Banken und konnte bald die fälligen Zins- und Tilgungsraten nicht mehr pünktlich leisten. Weitere Kredite wurden seiner Firma und ihm persönlich daraufhin nicht mehr gewährt.

Jakobs Frau und sein Sohn Andreas erfuhren erst nach seinem plötzlichen Tod von der finanziellen Misere. Dass ihr Mann sie nie über die prekäre Situation informiert hatte, konnte Josefine nicht begreifen, denn sie war in der Firma seit vielen Jahren seine rechte Hand gewesen. Allerdings hatte Andreas immer darauf bestanden, den Finanzbereich allein zu verwalten. Josefine Barghoff litt immer mehr unter den Drohbriefen der Gläubiger, sowie unter den häufigen Besuchen des Gerichtsvollziehers. Sie verstarb ein knappes Jahr nach dem Tod ihres Mannes an einer Überdosis Schlafmittel. Die Eröffnung des Konkursverfahrens hatte sie nicht mehr erleben wollen.

 

Jakobs Sohn Andreas ließ sich davon nicht beirren. Er hatte gerade sein Studium als Diplomchemiker beendet und verzichtete vernünftigerweise auf das väterliche Erbe, das nur noch aus Schuldtiteln bestand. Aus der Konkursmasse erwarb er dann zu einem äußerst niedrigen Preis die Immobilien der Firma BARGOSAN und restliche Warenbestände, wobei ihm eine ortsansässige Genossenschaftsbank mit günstigen Krediten half.

Andreas baute den Betrieb, der den Namen BARGOSAN übernahm, trotz mancher Rückschläge nach und nach zu einem florierenden Unternehmen aus. Er war gerade 27 Jahre alt, als er die damals erst 20jährige, gebürtige Schweizerin Katharina Hüberli, seine Kathi, heiratete. Sie führen seitdem eine harmonische Ehe, die beiden kurz hintereinander geborenen Kinder sind inzwischen erwachsen.

 

Martin ist zweiundzwanzig und studiert im sechsten Semester an der Universität Erlangen-Nürnberg Betriebswirtschaftslehre; er lebt derzeit in einem Nürnberger Studentenwohnheim. Martin ist kleiner geraten als seine Schwester und kommt wegen seiner untersetzten Statur ganz auf den Vater. Gegenwärtig kann man sich ihn als zukünftigen Firmenchef noch nicht vorstellen, denn seine gefärbten und zur Igelfrisur gestylten Haare lassen die erforderliche Reife und Seriosität vermissen. Vater Andreas stört das in keiner Weise, was hätte er darum gegeben, sich als Zwanzigjähriger ein solches Outfit zulegen zu dürfen; aber seine Eltern hätten das niemals zugelassen. Martin fährt nur einmal im Monat nach Hause. Er besitzt zwar ein eigenes Auto, einen ziemlich klapprigen VW Polo, muss aber trotz der Geldzuwendungen seines Vaters mit jedem Euro rechnen und sich alle nicht unbedingt erforderlichen Reisen verkneifen.

 

Corinna hat ihre Mädchenjahre längst hinter sich gelassen. Wer ihr begegnet ahnt nicht, dass sie erst 23 Jahre alt ist. Aber die Verantwortung, die sie als Diplom-Kosmetikerin in der väterlichen Firma trägt, hat ihr äußeres Erscheinungsbild geprägt. Corinna ist wie ihre Mutter hochgewachsen und von schlanker Figur. Obwohl man sie wegen einer etwas zu lang geratenen Nase nicht gerade als Schönheit bezeichnen kann, ist sie doch von natürlichem Liebreiz. Den Gang zum Friseur lehnt sie ab und trägt ihr langes, blondes Haar meist offen oder zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie strahlt Wärme und Aufrichtigkeit aus, woran man unschwer die Tochter ihrer Mutter erkennt. Bislang wohnt sie zusammen mit ihrem Freund Ronald und dem schwarzen Kater Maunzi zur Miete in einem Mehrfamilienhaus in München-Sendling.

 

Andreas Barghoff ist mächtig stolz auf seine Kinder, denen er nicht nur eine gute Schulbildung, sondern auch ein Hochschulstudium ermöglichte. Er hofft, dass beide eines Tages die Garanten für den Weiterbestand der Firma BARGOSAN als Familienunternehmen sein werden. Corinna ist bereits voll verantwortlich für den Bereich Technik und Produktentwicklung. Martin dagegen soll später einmal – nach Absolvierung seines Studiums und anschließendem Volontariat in einem Industriebetrieb – die kaufmännische Leitung und der Marketingbereich übertragen werden.

 

Doch dann kam alles ganz anders.

 

ERSTER TEIL - Kapitel 1

 Anfang Februar tauchte ein familiäres Problem im Hause Barghoff auf:

 

Wie an jedem Morgen erwarteten auch heute Andreas und Katharina ihre täglich aus München anreisende Tochter Corinna, die normalerweise pünktlich um 7:30 Uhr zum Dienst erscheint, vorher aber noch bei ihren Eltern reinschaut, um ihnen einen ›Guten Morgen‹ zu wünschen. Corinna hatte am vergangenen Wochenende im Auftrag der Firma BARGOSAN die Fachmesse COSMETICA in Hannover besucht. Den gestrigen Montag hatte sie sich frei genommen und traf nun etwas später als gewöhnlich mit ihrem VW Caddy ein, eine eigenartige Kiste in den ersten Stock hinauftragend.

Es war 7 Uhr, ihre Eltern saßen noch beim Frühstück. Nach einer wie gewohnt herzlichen Begrüßung fragte Katharina mit Blick auf das seltsame Behältnis, das Corinna neben sich hingestellt hatte: »Was schleppst du denn da mit dir herum?«

»Einen Katzenkäfig, da ist doch mein Maunzi drin.« Mit diesen Worten öffnete sie die Gittertür an dem kleinen Transportbehälter und schon sprang ein schwarzer Kater heraus, der sich zunächst ängstlich in der ihm fremden Umgebung umsah und dann unter einem Schrank verkroch. Corinna schaute mit schuldvoller Miene ihre Eltern an, die wie jeden Morgen an dem sorgfältig gedeckten, runden Tisch vor dem breiten Erkerfenster mit Aussicht auf die Grünanlagen das Frühstück einnahmen. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und wusste, dass für Erklärungen nicht mehr viel Zeit verblieb, denn Punkt halb acht begann ihr Dienst und auch ihre Mutter musste sich gleich auf den Weg zur Schule machen. »Ich kann nicht mehr zurück nach München, denn ich habe mich von Ronald trennen müssen.«

Andreas hörte auf zu kauen und sah entgeistert seine Tochter an. »Wieso? Was ist denn passiert?«
»Ach, das ist eine lange Geschichte. Heute Abend erkläre ich euch alles ausführlicher, jetzt nur soviel: Ronald hat mich betrogen, er rechnete nämlich mit meiner Rückkehr erst für gestern Morgen. Als ich unerwartet schon vorgestern, also Sonntagabend, von der Cosmetica zurückkam, lag er mit einer anderen Frau im Bett, in unserm Bett, man stelle sich das vor! Ich habe sofort kehrt gemacht und fuhr zu meiner Freundin Gerda Obermeier, durfte Gott sei Dank bei ihr übernachten. Gestern bin ich frühmorgens nochmals in unsere Wohnung gegangen, natürlich traf ich Ronald nicht mehr an. Dort sah alles wie immer aus und nichts verriet etwas von seinen nächtlichen Eskapaden. Mein Katerchen sprang mir gleich miauend entgegen, es schien Hunger zu haben und ich habe ihm erst mal was zu Fressen gegeben. Als ich die leere Katzenfutterdose in den Mülleimer tun wollte, entdeckte ich obenauf einen zerknüllten Prospekt. Ich war neugierig und strich das Stück Papier glatt. Es handelte sich um den Flyer eines Münchner Nachtclubs. Auf diesem war eine dieser orientalischen Schönheiten abgebildet, darunter stand der Hinweis ›Erleben Sie unseren Star Yasmina – die zieht auch Sie an, wenn sie sich auszieht‹ oder so ähnlich. Ich habe Ronald einen Zettel hingelegt und draufgeschrieben, dass er ab jetzt immer seine Yasmina bei sich schlafen lassen dürfe.«

Corinna durchzuckte plötzlich wieder die Erinnerung an die Situation vom Sonntagabend, als sie die Schlafzimmertür öffnete, fröhlich »Hallo, da bin ich wieder« rief und im selben Moment aus der Bettdecke auf dem breiten Futonbett zwei Köpfe herausragen sah. Sie hatte nur kurz hingeschaut, sich aber das erstaunte Gesicht ihrer Rivalin fest eingeprägt. Ronald dagegen hatte sie schreckensbleich angesehen und sich verschämt die Decke über den Kopf gezogen. »Du altes Schwein!«, hatte sie ihm zugerufen und war dann aus dem Zimmer gerannt. »Corinna, lauf doch nicht weg, lass dir das doch bitte erklären!«, hatte sie Ronald noch rufen hören. Dann hatte sie die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen. Als sie am Morgen danach den Flyer im Mülleimer entdeckte, glaubte sie nun wenigstens zu wissen, wen sich Ronald da als Bettgefährtin ausgesucht hatte. Sie wandte sich wieder ihren Eltern zu und fuhr fort:

»Umgehend habe ich meine Sachen eingepackt und bin jetzt hier. Aber ich hätte ohnehin bald ausziehen müssen. Maunzi hat nämlich während meiner Abwesenheiten alle Türen in der Wohnung zerkratzt. Der Vermieter bestand darauf, dass ich den Kater abschaffe, sonst würde er uns kündigen. Aber Maunzi gebe ich nicht her, deshalb habe ich ihn auch mitgebracht. Und die tägliche Fahrerei wird mir sowieso allmählich lästig. Ich hoffe daher, dass wir beide erst mal bei euch unterschlupfen können.«

Für Andreas und Katharina bedeutete das eine riesengroße Überraschung. Natürlich hatten sie immer genug Platz für ihre beiden Kinder, wenn diese zu Besuch kamen. Aber das waren eben nur Schlafgelegenheiten, die sich für einen dauerhaften Verbleib kaum eigneten.
Corinna hatte den Eltern bereits vor geraumer Zeit ihren Freund Ronald vorgestellt und ihn schon mehrmals übers Wochenende mit nach Hause bringen dürfen. Auf Andreas machte der groß gewachsene, blendend aussehende junge Mann, der als Finanzcontroller in einem Industrieunternehmen arbeitet, einen guten Eindruck. Im Stillen hatte er sogar gehofft, dass Corinna und Ronald bald heirateten und er dadurch einen kompetenten Partner für seine Firma gewinnen würde, denn bis Martin einmal so weit wäre, würde noch einige Zeit vergehen.

Beim Abendessen wurde die Diskussion weitergeführt. Corinna berichtete zunächst ausführlich von ihrem Messebesuch, ihren erfolgreichen Kundenkontakten und schließlich von der Rückkehr in die mit Ronald gemeinsam angemietete Wohnung. Kathi hatte Corinnas Lieblingsgericht Schwäbische Maultaschen zubereitet, dazu servierte Andreas württembergischen Rotwein. Während er einschenkte, bemerkte er mit geheimnisvoller Miene:
»Das hier ist ein guter Jahrgang. Ein halbtrockener Wein, halb Trollinger, halb Lemberger Rebe, also ein echter Genuss.« Es lag wohl an der spannungsgeladenen Atmosphäre, dass beide Frauen auf seine Weinempfehlung kaum reagierten.

»Hast du mit Ronald nun endgültig Schluss gemacht?«, wollte Katharina wissen.

»Ja, natürlich. Er verhielt sich in der letzten Zeit immer so eigenartig, so abwesend. Von seiner früheren Zärtlichkeit war auch nichts mehr zu spüren. Ich hatte bereits den Verdacht, dass eine andere Frau dahinter stecken könnte, was sich ja nun bewahrheitet hat.«

Andreas trennte mit der Gabel ein Stück von seiner Maultasche ab und führte den Bissen bedächtig zum Mund. Dabei blickte er missvergnügt erst zu Corinna, dann zu seiner Frau.

»Und wie stellst du dir deine Zukunft vor, ich meine, wo willst du jetzt wohnen? Du weißt, dass wir dich immer gern bei uns haben, aber seitdem ich dein früheres Mädchenzimmer als Büro hernehmen musste, können wir dir nicht mehr als einen guten Schlafplatz bieten.«

»Ich habe schon daran gedacht, ob man nicht den Speicher ausbauen könnte.« Corinna deutete mit ihrer Gabel nach oben, wo sich unter dem weitläufigen Satteldach der bislang unbenutzte Dachboden befand. »Ich habe einiges gespart und einen Bankkredit würde ich auch bekommen. Der kostet mich außerdem viel weniger als die horrende Miete in München. Was meint ihr dazu?«

Andreas beschäftigte sich weiter mit seinem Essen und tat so, als ob ihn das alles gar nichts anginge. Da ergriff Katharina das Wort:

»Das ist keine schlechte Idee, Andreas, meinst du nicht auch?«

Der aber schwieg weiter und schaute nicht mal von seinem Teller auf. Katharina spürte, dass ihr Mann wohl noch einige Zeit benötigen würde, um Corinnas Vorschlag zu überdenken, ließ jedoch nicht locker:
»Sie ist doch unsere Tochter, Andreas! Wäre es nicht ideal, wenn sie nicht nur in der Firma arbeitete, sondern auch bei uns wohnte? Und schließlich werden sie und Martin sowieso das Ganze einmal erben. Ich würde mich wirklich freuen, wenn Corinna wieder in unser Hause einzöge.«

Es brauchte noch längere Überredungskünste beider Frauen, aber letztlich gab Andreas seine Zustimmung.

 

Mit dem Dachausbau wurde eine örtliche Baufirma beauftragt und in einigen Wochen sollte alles fertig sein. Corinna war begeistert und konnte den Tag ihres Einzugs in die neue Mansardenwohnung kaum erwarten.

Kapitel 2

Einige Tage darauf machten Corinna und ihre Mutter eine überraschende Entdeckung. Sie hatten sich alte Kleidung übergezogen und befassten sich mit der dringend gebotenen Entrümpelung des Dachbodens, denn schon in der nächsten Woche sollte mit den Ausbauarbeiten begonnen werden. Im Laufe vieler Jahre hatte sich dort oben eine Menge Gerümpel angehäuft, das teilweise sogar noch aus dem früheren Haushalt des alten Jakob Barghoff stammte. Einige altersschwache Möbelstücke befanden sich darunter, so auch ein Schrank aus massivem, aber bereits von Holzwürmern durchlöchertem Kiefernholz. Als Katharina die Türen dieses unter der Dachschräge stehenden Möbelstücks öffnete, entdeckte sie dort zwischen verschiedenem Krempel mehrere Stapel mit alten Ansichtspostkarten, sowie ein Bündel vergilbter Briefumschläge. Während sie die darumgewickelte Kordel ablöste, fiel ihr auf dem obersten Kuvert sofort die alte Briefmarke mit dem Reichsadler und dem Aufdruck Reichspost – 5 Pfennig, sowie das Datum des Poststempels 4. 12. 1898 auf, das noch deutlich zu erkennen war. Neugierig entnahm sie dem stark verschmutzten Umschlag einen Briefbogen und rief ihrer Tochter zu:

»Bitte schau du dir das mal an, ich habe leider meine Brille unten liegen lassen.«

Corinna eilte herbei, entfaltete den Brief und las laut vor, was vor mehr als hundert Jahren geschrieben worden war:

 

Posen, den 4. December 1898

am Tag des Herrn

 

Liebster Jona!

Ich bin so unendlich traurig. Nun ist auch Mutter tot. Sie war schon immer etwas seltsam und auch ziemlich vergeßlich. Vater hatte mir vor Jahren einmal im Vertrauen gesagt – da war ich noch ein junges Mädchen – daß mit Mutter irgendetwas nicht stimme. Vorige Woche starb sie ganz unerwartet; sie war doch erst vierundfünfzig. Unser alter Hausarzt meinte, daß im Kopf eine Ader geplatzt sein könnte, sie also an einem Hirnschlag verstorben sei. So etwas hinge nicht vom Alter ab und könne jedem passieren.

Jetzt habe ich niemanden mehr außer Dir. Du hast mich einmal gefragt, ob ich Deine Frau werden will. Nun, da ich hier in Posen keine Verpflichtungen mehr habe, sage ich, ja, ich will! Und noch etwas muß ich Dir berichten: Ich habe im Wäscheschrank meiner Mutter eine Blechschachtel entdeckt, vollgepackt mit Schmuck wie Halsketten, ein mit Brillanten besetztes Diadem, goldene Ringe, Armbänder und so weiter. Ein guter Freund unserer Familie und früherer Kollege meines Vaters hat jedes einzelne Stück fachkundig überprüft und mir daraufhin erklärt, daß alles echt und sehr wertvoll sei. Mein Großvater Edzard Schimmel, also der Vater meiner Mutter, war nämlich Uhrmacher und Juwelier. Mutter hatte nach seinem überraschenden Tod das Geschäft aufgelöst, die restlichen Warenbestände verkauft und anscheinend die wertvollsten Pretiosen in eine Schachtel gepackt. Ich nehme an, daß es sich dabei um ganz besondere Erbstücke handelte. Alles das hat sie einfach ganz hinten in die unterste Schublade eines Wäscheschrankes gesteckt und dann vermutlich vergessen.

Mutter war nie besonderes ordentlich, aber vielleicht war sie tatsächlich schon damals ein bißchen verrückt. Als sie dann meinen Vater heiratete, der von seinen Eltern ein gut gehendes Bekleidungsgeschäft übernommen hatte, war genug Geld da und der wertvolle Schatz geriet wohl nach und nach in Vergessenheit. Wenn Du mich also heiratest, dann bekommst Du eine wohlhabende, wenn nicht gar steinreiche Ehefrau, denn all diese Schätze gehören jetzt mir. Bitte komme bald und hole mich zu Dir, ich warte voller Sehnsucht auf Dich.

 

Deine Dich immer liebende Esther

 

»Hast du eine Ahnung, wer das geschrieben haben könnte?« Corinna war von dem seltsamen Inhalt dieses Briefes genauso überrascht wie ihre Mutter. »Wer mag wohl diese Esther gewesen sein?«

»Fragen wir doch deinen Vater, vielleicht hat der eine Erklärung«, meinte Katharina.

 

Als sie abends den Brief Andreas vorlegten, meinte der ohne ohne lange zu überlegen:

»Das schrieb meine Urgroßmutter an ihren späteren Ehemann Jonathan.«

 

Andreas Barghoffs leidenschaftliches Hobby ist die Ahnenforschung. Hierzu hatte er sich bereits verschiedene genealogische Tafeln angelegt. Er entnahm seinem Sekretär – einem wertvollen Möbel aus dem Nachlass seines Großvaters – eine Papierrolle, breitete diese auf dem Schreibtisch aus und setzte sich davor.

»Hier, seht selbst!« – er deutete auf ein Kästchen in der entrollten Zeichnung – »das hier ist meine Urgroßmutter Esther Jablonsky. Sie hatte im März 1899 ihren Jonathan Kuhn geheiratet. Das geschah also nur wenige Monate nachdem sie diesen Brief schrieb.«

»Was mag wohl aus dem erwähnten Schmuck geworden sein?« Corinna beugte sich zu ihrem immer noch vor seinen Aufzeichnungen sitzenden Vater und schaute ihn fragend an. »Der muss doch irgendwann wieder zum Vorschein gekommen sein.«

Andreas machte eine nachdenkliche Miene:

»Esther und Jonathan Kuhn waren Juden, wie übrigens viele meiner Vorfahren. Als die Nazis mit der systematischen Judenverfolgung begannen, waren beide zum Glück schon tot. Ihre Tochter Yael, die 1922 meinen Großvater Wilhelm Barghoff heiratete, ist ihre einzige Erbin geblieben; man hat sie 1944 im KZ Theresienstadt umgebracht. Ich bin mir gewiss, dass man bei ihrer Verschleppung auch ihr persönliches Hab und Gut beschlagnahmte, folglich auch das in dem Brief erwähnte, angeblich große Vermögen aus dem Nachlass ihrer Mutter Maria Jablonsky. Mein alter Herr hat nie über diese Dinge gesprochen, ich vermute deshalb, dass er von alldem gar keine Ahnung hatte. Als er nämlich aus dem Krieg heimkehrte, war sein Vater bereits tot. Nur seine Großmutter Elisabeth Gundelach – er nannte sie ›Oma Elise‹– war zu seinem Empfang da. Und mit dem Wenigen, was ihm sein Vater an Geld und Waren hinterließ – sowie mit Oma Elises Ersparnissen – hat er dann die ziemlich marode Drogerie wieder auf Vordermann gebracht.«

Corinna fuhr mit dem Zeigefinger über die einzelnen durch Linien verbundene Rechtecke.

»Wie ich hier sehe, war Yaels Vater Jonathan Kuhn von Beruf Bankdirektor. Bestimmt hatte auch er seiner Tochter ganz schön was hinterlassen. Schade, ein solches Erbe hätte man doch gut gebrauchen können, nicht wahr?«

»Ach was!« Andreas rang sich ein Lächeln ab. »Wozu jammern, es geht uns doch blendend und wir haben alles zum Leben. Lasst uns daher schnell diesen ganzen Schmuck vergessen. Wenn der in den Besitz meines Vaters gelangt wäre, hätte er alles sofort zu Geld gemacht. Heute wäre bestimmt nichts mehr davon übrig.«

 

Katharina und Corinna sahen ein, dass es ziemlich unvernünftig wäre, einem nicht mehr vorhandenen Schatz nachzutrauern. Dagegen musste Andreas immer wieder an diesen Brief denken. Die Geschäfte liefen zwar noch recht ordentlich, aber so ein lukratives Erbe hätte er für den schon lange geplanten Erweiterungsbau ganz gut gebrauchen können.

Kapitel 3

 Es geschah am Freitag vorm Faschingswochenende, als sich Katharina gleich nach dem gemeinsamen Frühstück von Andreas verabschiedete.

»Heute komme ich etwas später nach Hause. Wir feiern in der Schule noch ein bisschen, da muss ich notgedrungen mitmachen. Ab Montag gibt's wie immer drei Tage Faschingsferien. Mein Kollege Bernd Hofmüller ist diesmal an der Reihe und bringt was zum Knabbern und ein paar Flaschen Wein mit, im letzten Jahr war ich dran.«
»Vergiss aber nicht, dass du dann noch Autofahren musst. Trinke also nicht zu viel! Und im Februar sind die Straßen oftmals noch recht rutschig.« Andreas gab seiner Frau noch einen Kuss auf die Wange und hörte sie kurz darauf wegfahren.

Das gemütliche Beisammensein des Lehrerkollegiums war gegen 15.30 Uhr zu Ende. Man verabschiedete sich und wünschte sich eine fröhliche Faschingszeit. Katharina hatte für den hierzulande üblichen Faschingsrummel nur wenig übrig, aber in einem solchen Fall durfte sie sich nicht ausschließen. Als gebürtiger Schweizerin lag ihr die allemannische, vor allem die Baseler Fastnacht näher als der bayrische Fasching, die pfälzische Fassenacht oder gar der rheinische Karneval. Zu gern erinnert sie sich in diesen Wochen an ihre Studienzeit in Basel, besonders an den ›Morgenstraich‹, und die ›drey scheenschte Dääg‹ wie man sie dort nennt. Wenn am Montag um 4 Uhr früh die Straßenbeleuchtung erlosch und damit die 72-stündige Fassnacht eingeläutet wurde, dann zogen die Tambouren und Pfeifer, in furchterregenden Masken und mit den typischen, bunten Laternen auf dem Kopf, durch die Straßen, um nach uraltem alemannischen Brauch die Wintergeister zu vertreiben. Auch an das berühmte Gebäck, die ›Basler Leckerli‹ musste sie wieder denken.

 

Joseph Haindl, von den Alteingesessenen nur ›Der Haindl-Bauer‹ genannt, besaß bis vor kurzem noch einen der ältesten Bauernhöfe Miersbachs. Er war ein Bauer vom alten Schlag und es war ihm daher recht schwer gefallen, aus gesundheitlichen Gründen seinen Hof an den einzigen Sohn abgeben zu müssen. Aber er war jetzt 65 Jahre alt und litt an Alters-Diabetes. Es hatte lange gedauert, bis die Ursache für seine Abmagerung trotz ständigen Heißhungers festgestellt wurde. Erst als er mit seinem Hausarzt über ständig quälenden Durst und nächtliche Schweißausbrüche gesprochen hatte, diagnostizierte dieser einen Diabetes mellitus. Diese Krankheit war inzwischen so weit fortgeschritten, dass ihm mit Diät und Medikamenten allein nicht mehr zu helfen war. Er musste sich daher vor jeder Mahlzeit Insulin spritzen, was er allerdings nicht konsequent durchführte, weil er seit jeher einen Horror vor Injektionen hatte und Todesängste ausstand, wenn er mit der feinen Nadel nur in die Nähe der Einstichstelle kam. Deshalb verschlechterte sich allmählich seine Sehfähigkeit und sein Hausarzt prophezeite ihm bereits, dass er außer einer totalen Erblindung auch die Amputation eines oder gar beider Füße befürchten müsse. Schließlich sah er ein, dass er die Sache nicht mehr auf die leichte Schulter nehmen durfte und hielt sich jetzt strikter an die Anweisungen seines Arztes. »Übergeben Sie den Hof doch einfach Ihrem Sohn«, hatte ihm dieser geraten. »Irgendwann wird er sowieso einmal alles erben, also warum nicht schon jetzt? Im Übrigen werden Sie mit diesen unschönen Symptomen leben müssen, vielleicht länger als Ihnen lieb ist. Aber das ist der Preis dafür, wenn man nicht an Diabetes sterben will«. Hierauf hatten beide herzhaft lachen müssen.

Sepp, wie ihn alle nannten, verspürte nun auch die Beschwerden des Älterwerdens. Die Arthrose in seinem rechten Knie bereitete ihm ständig Schmerzen und er konnte nur noch humpelnd seiner Arbeit nachgehen. Auch das Kreuz tat ihm weh, weshalb er sich eine vornübergebeugte Haltung angewöhnt hatte. Dadurch wirkte er noch kleiner, als er mit seinen 167 cm bereits war. Trotzdem verfügte er noch über ausreichende Kraft für die Bewältigung aller anfallenden Hofarbeiten.

»Lass doch den Buben ran«, musste ihn seine Frau Hedwig ständig ermahnen. »Dir kann man ja nicht mehr zuschauen, so wie du herumläufst.«

»Der versteht doch nix von der Landwirtschaft«, pflegte Sepp dann zu erwidern.

»Schorsch hat aber immerhin eine Ausbildung als Landmaschinenmechaniker und du weißt genau, wie gekonnt er mit dem Schlepper und den ganzen Gerätschaften umgeht. Nicht umsonst hat er schon vor Jahren im Pflügen den Wettbewerb der Landjugend gewonnen. Und du kannst ihm doch immer mit deinem Rat aushelfen, bis er auch alles andere beherrscht. Aber das wird kaum nötig sein, denn in seiner Freizeit habt ihr ja schon immer zusammengearbeitet. Außerdem weißt du ja, dass wir von der Landwirtschaft kaum noch leben können und du schon jetzt meistens im Wald arbeitest, seitdem wir kein Viehzeug mehr im Stall haben.«

 

Zum Jahreswechsel hatte Sepp schließlich das Anwesen schweren Herzens an seinen Sohn Georg überschreiben lassen, nur die Nutzungsrechte des seit vielen Generationen im Familienbesitz befindlichen Bauernwaldes hatte er behalten. Er ist noch am gleichen Tag als Austragsbauer mit seiner Frau ins Altenteil, nämlich in die kleine Einlieger-Wohnung unter dem Dach des alten Bauernhauses umgezogen, während der Schorsch, wie Georg von allen genannt wurde, in die Parterrewohnung einzog. Er hatte bislang in der Kreisstadt gewohnt, wo er in einer Landmaschinenwerkstatt beschäftigt war. Er freute sich riesig auf seine neue Aufgabe als Hoferbe und versprach seinem Vater, dass er als Ruheständler bestimmt keine Angst vor Langeweile zu haben brauche.

Schon nach kurzer Übergangszeit war Sepp froh über seine Entscheidung. Hatte er sich in den letzten Jahren nur sporadisch um seinen Nutzwald kümmern können, zog es ihn nun fast täglich hinaus in den nahen Forst. Trotz des Preisverfalls auf dem Holzsektor, der zum Teil auf ein Überangebot insbesondere an minderwertigen Nadelhölzern zurückzuführen war, erwirtschaftete Sepp aus seinem Wald eine gleichbleibend gute Rendite. Bereits sein Großvater und sein Vater hatten den Rat eines Forstbeamten befolgt und ihr Kalkül auf einen Mischwald aus Fichten, Weißtannen, Föhren und langsam wachsenden Hölzern wie Rotbuchen und Eichen gesetzt. Der Erfolg blieb nicht aus und so fand Sepp stets guten Absatz für seinen Holzeinschlag mit einem lukrativen Gewinn. Zum Verkaufsschlager entwickelten sich jetzt auch Kaminhölzer, für die sich ein zunehmender Bedarf abzeichnete. Hier konnte Sepp erfolgreich durch ein breites Angebot an gespaltenen und luftgetrockneten Nadelhölzern und den beliebten Birkenscheiten den Markt bedienen.

 

Jetzt war Februar, der ideale Monat für die Waldarbeit. Sepp hatte sich nach dem Verkauf einer Wiese an einen Bauträger von einem Teil des Erlöses einen gebrauchten Schlepper zugelegt, dazu eine Holzspaltmaschine, die über die Schlepperwelle angetrieben wurde. Natürlich brauchte er Unterstützung bei der Holzfällung und Entrindung; hierfür fand er im Ort bei Bedarf immer genügend Helfer. Die Abfuhr von Langholz erledigte für ihn jedoch eine Spezialfirma. Aber die Bearbeitung von Brennholz, insbesondere der Zuschnitt in Meterhölzer und deren kamingerechte Spaltung und Stapelung erledigte er mit großem Vergnügen allein. Manchmal kam sein Nachbar und Schulfreund Gustl Berghammer mit ihm und beide verbrachten im Wald – umgeben vom würzigen Duft der gefällten Bäume – viele Stunden ganz nach ihrem Geschmack. Da die Landwirtschaft im Winter ruhte, konnte er über den Schlepper und die Holzspaltmaschine – die beide nun seinem Sohn gehörten – nach Belieben verfügen.

Am Freitag vor dem Faschingswochenende hatten Sepp und Gustl sich mittags zur Waldarbeit verabredet. Auch Gustl saß jetzt auf dem Altenteil und im Gegensatz zu seinem Freund hatte er oft keine sinnvolle Beschäftigung und freute sich, als ihn Sepp um Mithilfe bat, eine größere Ladung gespaltener Fichten-Meterhölzer zum Trocknen auf den Holzlagerplatz hinter den ehemaligen Ställen des Haindlschen Anwesens zu transportieren. Dort wollte Sepp in der kommenden Woche alles in ofengerechte Stücke zersägen, denn in seinem Haus wurde seit jeher Holz als einziges Heizmaterial verwendet.

»Du hast ja noch gar nichts gegessen, obwohl du dir doch gerade Insulin gespritzt hast!«, rief ihm Hedwig nach. Aus ihrer Stimme klang große Besorgnis. »Ich weiß gar nicht, warum du es so eilig hast, in den Wald zu kommen. Das Mittagessen ist doch schon fertig und auf eine halbe Stunde kommt es doch sicher nicht an.«

»Hast schon recht, Frau, aber der Gustl bringt eine gute Brotzeit mit, da machen wir uns im Wald ein kleines Feuer und genießen das bisschen Freiheit und Spaß an der Arbeit, die uns Alten noch geblieben sind. Mache dir keine Sorgen, ich bin rechtzeitig zum Abendbrot zurück.«

Als er am Berghammerschen Haus vorfuhr, teilte ihm Gustls Frau mit, dass ihr Mann mit Fieber zu Bett läge, er hätte sich am Abend zuvor auf dem Heimweg vom Wirtshaus wohl erkältet. Sepp zeigte sich enttäuscht. Ausgerechnet heute musste das passieren, wo er dringend Hilfe gebraucht hätte, denn das Aufladen der schweren Stämme war für einen Mann seines Alters und mit seinen Beschwerden keine leichte Arbeit. Mit seinem Sohn durfte er auch nicht rechnen, denn der hatte nach wie vor seine Stellung als Landmaschinenmechaniker behalten und betrachtete wie so viele Jungbauern die Landwirtschaft nur noch als Nebenerwerbsjob.

So machte sich Sepp allein auf den Weg. Er brauchte mehrere Stunden, bis er den Anhänger voll beladen und gesichert hatte. Es war bald 15 Uhr und er fühlte sich zerschlagen und müde und freute sich schon jetzt auf das gute Abendessen, das ihm seine Hedwig zubereiten würde. Als er mühsam auf den Fahrersitz geklettert war, überkam ihn auf einmal ein starkes Schwindelgefühl. Trotzdem startete er den Motor des großen Traktors, der den schwer beladenen Anhänger langsam über die vom aufgetauten Schnee durchweichten Feldwege zog. Dass die Landschaft vor seinen Augen wie verschwommen wirkte, hielt er zunächst für die Folge eines plötzlich herabsinkenden Nebels. Doch dann verspürte er ein seltsames Kribbeln in Armen und Beinen und seine Hände begannen unkontrolliert zu zucken. Auch sein Kopf vollzog ruckartige Bewegungen und er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Der Zucker! – es ist wieder so weit!, dachte er bei sich und während er das Gefährt mühsam und mit zittrigen Händen durch die vielen Schlaglöcher steuerte, kam ihm die Erinnerung an einen ähnlichen Vorfall vor einigen Wochen. Das war an einem Sonntag kurz nach dem Mittagessen gewesen. Er hatte an diesem Tag wegen einer leichten Magenverstimmung nur wenig Appetit gehabt, sich vor dem Essen aber die übliche Dosis Insulin gespritzt. Als er vom Tisch aufstand, war ihm so seltsam schwindelig geworden und sein ganzer Körper war in einen krampfartigen Zustand geraten. Dann hatte sein Gedächtnis ausgesetzt und er war in ein tiefes Koma gefallen. Als er aus der Ohnmacht erwachte, hatte man ihm gesagt, dass er eine Hypoglykämie gehabt hätte und nur durch die Injektion einer Traubenzuckerlösung wieder zum Leben erweckt werden konnte. »Vergessen Sie nie die ausreichende Nahrungsaufnahme nach der Insulingabe!«, hatte ihm der Notarzt mit erhobenem Zeigefinger gedroht. »Und für den Notfall halten Sie immer schnell anflutende Kohlehydrate parat.« Sepp hatte das alles nicht verstanden und erst sein Hausarzt klärte ihn dann über die Gefahren auf, die jedem Diabetiker bei einem Insulinüberschuss durch Unterzuckerung des Blutes drohen. »Glukosesirup oder noch besser Traubenzuckertabletten sollten Sie immer dabei haben!«

Aber heute Mittag hatte er mit seinem Freund Gustl in freier Natur Brotzeit machen wollen, vielleicht eine halbe Stunde nachdem er sich die Spritze gab. Doch Gustl lag zu Bett und er selber hatte noch nichts gegessen. Er hätte sofort umkehren müssen, hatte aber nicht mehr an die bei Unterzuckerung bestehende Lebensgefahr gedacht. Und Traubenzucker hatte er auch nicht dabei.

Derzeit war noch nicht viel Verkehr auf der Staatsstraße und so hoffte Sepp, mit seiner Holzladung noch rechtzeitig den heimischen Lagerplatz zu erreichen. Denn falls er jetzt schlapp machte, würde das seinen sicheren Tod bedeuten. Doch auf einmal wurde ihm schwarz vor den Augen, sein Kopf sank vornüber auf das Lenkrad und der rechte Fuß drückte mit voller Kraft auf das Gaspedal. Das Gefährt nahm an Geschwindigkeit zu und steuerte, seine tonnenschwere Last ziehend, quasi führerlos direkt auf die Staatsstraße zu.

Katharina hatte nur wenig getrunken, vielleicht ein Glas Sekt und etwas Weißwein. Als eine der Ersten verabschiedete sie sich gegen 15 Uhr von ihren Kolleginnen und Kollegen und freute sich auf den weiteren Nachmittag und Abend, denn auch ihr Sohn Martin war schon gestern angereist und sie wollten es sich daheim auch heute Abend wieder gemütlich machen. Sie fuhr mit ihrem Fiat Punto auf der nach Miersbach führenden Staatsstraße und beschleunigte ihren Wagen nach Verlassen des Ortes auf die ab hier nur geltenden 80 km/h. Bis nach Hause hatte sie nur noch gut fünf Minuten zu fahren, trotzdem beugte sie sich leicht zu dem eingebauten CD-Player, um die schon am Morgen eingelegte Disk erneut zu starten. Ein weißer Nebelschleier hatte sich inzwischen über die Landschaft gelegt, daher hatte sie bereits das Abblendlicht eingeschaltet. Den unbeleuchteten Traktor mit Anhänger, der – ohne auf den vorfahrtberechtigen Verkehr zu achten – hinter einer leichten Kurve aus einem Feldweg kommend auf die Staatstraße zuschoss, bemerkte sie zu spät. Sie trat mit ganzer Kraft auf das Bremspedal, aber der Bremsweg war zu lang. Den ohrenbetäubenden Knall vernahm sie darum nicht mehr.

 

Am nächsten Tag las man in allen regionalen Tageszeitungen folgenden Bericht:

Miersbach/Obb.


In den späten Nachmittagsstunden des gestrigen Freitags ereignete sich auf der Staatsstraße östlich von Miersbach ein folgenschwerer Unfall. Der 65-jährige Landwirt J. H. fuhr mit seinem Traktorzug aus einem Feldweg kommend mit hohem Tempo auf die Staatsstraße, ohne auf den fließenden Verkehr zu achten. Die Lenkerin eines Fiat Punto konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und raste mit ihrem kleinen Wagen voll in die Breitseite des Traktors. Dieser kippte durch die Wucht des Aufpralls um und begrub seinen Fahrer unter sich. Auch der mit Brennholz beladene Anhänger fiel dabei auf die Seite, ein Großteil der Ladung wurde dadurch über Straße und Böschung verteilt. Der kleine PKW wurde bei der Kollision völlig zusammengedrückt, für die Fahrerin, die 43-jährige Lehrerin K. B., kam jede Hilfe zu spät. Die Feuerwehr konnte mit dem Rettungsspreizer nur noch ihre Leiche bergen. Der Unfallverursacher wurde mit schwersten Verletzungen unter seinem Traktor hervorgezogen, er verstarb aber auf dem Weg ins Krankenhaus. Ob der tragische Unfall auf Alkoholgenuss zurückzuführen ist, können erst weitere Ermittlungen ergeben.Die Staatsstraße war für mehrere Stunden gesperrt, die Polizei musste den Feierabendverkehr umleiten.

 

Die Kunde von diesem schrecklichen Unglück verbreitete sich rasch in der ganzen Gegend. Wie die Laboranalysen ergaben, hatte Katharina nur 0,3 Promille Alkohol im Blut, also weit unterhalb des maximal zulässigen Grenzwertes. Der Landwirt Joesph Haindl dagegen hatte den ganzen Tag im Wald Holz geschlagen und war total nüchtern gewesen.

»Er war sogar zu nüchtern«, hatte der in diesem Fall ermittelnde Staatsanwalt der Presse gegenüber erklärt. »Haindl war Diabetiker und muss auf seinem Traktor kurz vor dem Unfall infolge eines lebensbedrohlichen Blutzuckermangels das Bewusstsein verloren haben. Er hatte seit dem Frühstück keine Nahrung mehr zu sich genommen. Trotzdem hatte er sich gegen Mittag die übliche Dosis Insulin gespritzt und danach schwere körperliche Arbeit verrichtet. Er hätte gleich darauf etwas essen müssen, dann wäre dieses furchtbare Unglück nicht passiert. Ein wirklich tragischer Vorgang, der zwei Menschen das Leben gekostet hat.«

Zu der feierlichen Beisetzung Katharinas auf dem Miersbacher Friedhof waren alle ihre Schüler und das gesamte Lehrerkollegium gekommen, außerdem viele Freunde der Familie Barghoff, die der Toten die letzte Ehre erweisen wollten.

Joseph Sepp Haindl, der Unfallverursacher, wurde am darauffolgenden Tag bestattet. Auch zu seinem Abschied waren viele Trauernde erschienen und Schorsch musste seine verzweifelte Mutter am Grab stützen.

 

Für die Barghoffs begann jetzt eine Zeit tiefster Depression. Andreas war mehr als 23 Jahre mit seiner Kathi verheiratet gewesen, ihre Ehe war sehr glücklich und es hatte zwischen den beiden nie ernsthafte Probleme gegeben. Auch für Corinna und Martin bedeutete der Tod der Mutter ein unfassbares Ereignis und einen tiefen Einschnitt in ihr Leben.

Corinna war erst vor wenigen Tagen in ihre neue Mansardenwohnung eingezogen. Die ganze Familie hatte am Abend vor dem schrecklichen Ereignis gemeinsam bei Raclette und dem von Andreas wie immer stolz angepriesenen Rotwein die Einweihung gefeiert. Darum war auch Martin bereits am Donnerstag, dem sogenannten Weiberfasching, nach Hause gekommen. Wie vergnügt waren sie noch an diesem Abend gewesen. Es kam recht selten vor, dass alle wieder einmal beisammen saßen, das letzte Mal war es an Weihnachten gewesen. Niemand von ihnen hätte auch nur ahnen können, dass einen knappen Tag später ein erbarmungsloses Schicksal den Mittelpunkt einer glücklichen Familie auslöschen würde.

Wenige Tage nach dem Begräbnis saß die kleiner gewordene Familie noch eine Weile beim Nachmittagskaffee zusammen, bevor Martin wieder seine Rückreise nach Nürnberg antrat. Andreas sah man seine Trauer deutlich an, seine Wangen waren schlaff und seine Augen wirkten matt und glanzlos. Er klagte über Störungen des Herzrhythmus und dass er nachts kaum Schlaf finden könne.

»Ich habe noch etwas für dich, Corinna.« Mit diesen Worten stand er auf und ging in sein angrenzendes Arbeitszimmer. Als er zurückkam, wog er etwas in seiner rechten Hand und bemühte sich um ein Lächeln, als er hinter Corinna trat. »Mach mal die Augen zu!«, sagte er. Dann legte er behutsam eine goldene Kette mit einem daran hängenden Medaillon um ihren Hals, dessen Deckel mit einer aus Elfenbein geschnitzten weiblichen Reliefbüste verziert war. »So, nun darfst du wieder schauen«, sagte er dann und bemühte sich, seiner Stimme einen feierlichen Klang zu geben. Corinna spürte das kühle Metall an ihrem Hals und sah zu dem vor ihrem Busen baumelnden Medaillon hinunter.

»Das ist doch Mamas Medaillon, nicht wahr?« Sie blickte zu ihrem Vater auf.

»Ja, die Totenfrau brachte es mir, es wäre beinahe im Sarg verblieben. Es ist ein altes Erbstück, es stammt noch von deiner Großmutter Anna Goldmann.« Andreas betätigte einen kleinen, seitlich angebrachten Mechanismus, wodurch der Deckel aufklappte und das winzige Porträt einer bildhübschen jungen Frau zum Vorschein kam.

»Wer ist das eigentlich?«, wollte Corinna wissen. »Mama hat mir dieses Bildnis früher schon mal gezeigt, aber ich hatte sie leider nie danach gefragt, wen es darstellt.«

»Auch deiner Mutter war die genaue Identität dieser Frau nicht bekannt. Als sie das Medaillon von ihrer Mutter zum Schulabschluss geschenkt bekam, wollte sie gleich danach das Bildchen dieser Unbekannten durch ein Foto ihrer Mutter ersetzen. Aber dann fand sie das alte Porträt doch so seltsam schön, dass sie es an seinem Platz beließ. Deine Mutter trug dieses Schmuckstück, als ich sie kennenlernte. Obwohl derartige Preziosen längst aus der Mode waren, trug sie es beinahe täglich zum Andenken an deine Großmutter. Sie hing sehr daran und ich bitte dich herzlich darum, es immer in Ehren zu halten. Gib es später einmal an deine Kinder weiter, ich hoffe doch sehr, dass ein Mädchen darunter sein wird.« Erstmals seit dem Tod seiner Frau lächelte er wieder. Corinna sah ihren Vater dankbar an.

»Ich muss ehrlich gestehen, ich liebe dieses Medaillon. Schon immer hatte ich es an Mama bewundert. Als kleines Mädchen durfte ich es manchmal in die Hand nehmen und die Konturen der Frauenbüste darauf ertasten. Auch wenn so etwas heutzutage total unmodern ist, ich werde es bei festlichen Anlässen bestimmt gern tragen.«

Kapitel 4

 Seit Katharinas Tod ist ein halbes Jahr vergangen. Mittlerweile hat Andreas Barghoff seine tiefe psychische Krise gemeistert, aber der Verlust seiner Frau hat auf seinem Antlitz deutliche Spuren hinterlassen. Zusätzlich belastet ihn nun auch noch die ganze Haushaltsführung. Corinna hatte gemeint, dass er sich allmählich nach einer Haushälterin umsehen müsse, weil sie selbst sich auf Dauer nicht in der Lage fühle, neben einem ganztägigen Beruf auch noch die Arbeit einer Hausfrau zu erledigen. Insgeheim fragte sie sich, wie es ihre Mutter schaffen konnte, zusätzlich zum Lehrerberuf den Haushalt zu versorgen und sogar noch ihrem Mann im Büro zu helfen. Andreas meinte zwar, die Putzfrau, die zweimal in der Woche käme, würde vorerst genügen, versprach aber, sich bald nach einer geeigneten Haushaltshilfe umzusehen. Doch bei diesem Versprechen blieb es.

Corinna hatte die anfangs recht schmerzliche Trennung von ihrem Freund Ronald Cammann endlich überwunden. Inzwischen genoss sie richtig ihre wiedergewonnene Unabhängigkeit. Daher hatte sie im Augenblick kein Interesse an einer neuen Beziehung, obwohl sie kürzlich einen netten Kommilitonen ihres Bruders kennen lernte, als sie anläßlich eines Kundenbesuches in Nürnberg auch einen Abstecher ins dortige Studentenwohnheim machte. Aber sie war jetzt vorsichtiger geworden und wollte ihre Freiheit vorerst nicht mehr aufs Spiel setzen. Allerdings gab es schon Augenblicke, wo sie Ronald wirklich vermisste. Erst vor einigen Tagen hatte er wieder angerufen und um eine Aussprache gebeten, aber sie war stur geblieben und hatte ihm erklärt, dass es ein und für alle Male aus sei zwischen ihnen. Aber hinterher hatte ihr das wieder leidgetan.

Es war der erste Sonntag im August. Der Wetterbericht hatte bereits am Vorabend einen wolkenlosen Himmel und wegen der Fönlage eine erstklassige Fernsicht prophezeit. Corinna hatte schon seit langem eine gemeinsame Bergtour mit ihrer Freundin Gerda Obermeier geplant, aber es kam immer wieder etwas dazwischen. Da Gerda auch an diesem Wochenende verhindert war und Corinna diese besonders schöne Wetterlage ausnutzen wollte, brach sie allein zu einer Wanderung ins Karwendelgebirge auf.

Sie war bereits in der Morgendämmerung aufgestanden, hatte schnell gefrühstückt und weil sie schon am Vorabend ihren Rucksack gepackt hatte, konnte sie gleich nach Sonnenaufgang losfahren. Kurz vor Betriebsbeginn erreichte sie den Parkplatz an der Mittenwalder Karwendelbahn. Mit ihr stiegen einige andere Frühaufsteher in die etwa 35 Personen fassende Gondel. Die auf dicken Stahlseilen rollende, steil aufwärts strebende Seilbahn beförderte die Touristen in nur sechs Minuten bis zur 2.244 Meter hoch gelegenen Bergstation unterhalb der Westlichen Karwendelspitze. Von dort aus wollte Corinna eine Gipfelwanderung in südlicher Richtung unternehmen und abends wieder mit der Seilbahn zurückfahren, denn für den beschwerlichen Auf- oder Abstieg fühlte sie sich derzeit nicht fit genug.

Die Morgensonne tauchte die Berge in ein glänzendes, grelles Licht. Von der Bergstation aus hatte Corinna einen fantastischen Ausblick über Mittenwald, das Wettersteingebirge mit der Zugspitze und weit hinein in die Allgäuer und Schweizer Alpen. Wie gerne hätte sie jetzt einen Begleiter gehabt, um mit diesem ihre Begeisterung über die Schönheit dieser Bergwelt teilen zu können. Erstmals wurde ihr bewusst, dass sie im Grunde genommen recht einsam war. Das fiel ihr besonders in dem Moment auf, als sich einige ihrer Mitreisenden nach Verlassen der Gondel gruppenweise auf den Weg machten und sie allein auf der großen Aussichtsplattform zurückblieb.

Der schmale Bergpfad zur Tiroler Hütte unterhalb der Rotwandlspitze ist für ungeübte Bergsteiger sehr beschwerlich und erfordert größte Aufmerksamkeit, insbesondere wenn man innehält, um den Blick auf die Hochalpen zu genießen. Nach einer guten Stunde erreichte Corinna eine Weggabelung, von der aus der als Heinrich-Noe-Steig bezeichnete Bergpfad steil abwärts zu der in nur 1.523 Meter Höhe gelegenen Brunnsteinhütte führte. Corinna war sich im Klaren darüber, dass sie diese Höhendifferenz hinunter und dann wieder zurück nicht schaffen würde, wollte aber wenigstens ein kurzes Stück diesen äußerst reizvoll wirkenden Steig gehen. Doch nach wenigen hundert Metern passierte ihr ein folgenschweres Missgeschick: Auf einem glitschigen Felsstück glitt sie aus, konnte sich nicht mehr halten und rutschte zunächst auf dem Hosenboden, danach sich mehrmals überschlagend einen etwa hundertzwanzig Meter langen Geröllhang hinunter und blieb erheblich verletzt, aber noch bei Bewusstsein, mit ihrem rechten Arm an einer Latschenkieferngruppe hängen. Das war ihr Glück, denn nur wenige Meter dahinter verliefen die Felswände mehr als tausend Meter nahezu senkrecht ins Tal hinunter. Zu ihrem Entsetzten stellte sie fest, dass ihr rechter Arm nur unter großen Schmerzen zu bewegen war; er schien gebrochen zu sein. Ihre Hose und ihr Anorak waren voller Blutflecken und zum Teil aufgerissen. Sie fühlte etwas Nasses auf ihrem Gesicht und als sie sich mit dem linken Handrücken darüber fuhr, klebte dieser voller Blut. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie völlig hilflos in diesem unwegsamen Gelände lag und wohl verloren war, wenn nicht vor Einbruch der Dunkelheit noch Hilfe käme. Sie lag mit dem halben Oberkörper quer vor einer verzweigten Latschenkiefer und sah schaudernd, dass sich gleich dahinter nichts mehr befand als Luft und Himmel. Daher durfte sie sich nur geringfügig bewegen, um ihren immer noch am Rücken hängenden Rucksack abzustreifen, denn jede falsche Bewegung hätte unweigerlich ihren Absturz in die Tiefe zur Folge gehabt. Nach einigen Bemühungen hatte sie endlich den Rucksack zwischen ihre Knie klemmen können und versuchte nun mit der blutverschmierten linken Hand den Reissverschluss zu öffnen, um ihr Handy herauszufischen. Dabei machte sie eine ungeschickte Bewegung, wodurch ein stechender Schmerz in den verletzten Arm fuhr. Sie schrie laut auf und streckte reflexartig beide Arme von sich. Unbeabsichtigt öffneten sich dabei die um den Rucksack zusammengepressten Beine und das unentbehrliche Gepäckstück rutschte zwischen ihren Füßen hindurch, kam ins Trudeln und fiel neben der äußersten Latschenkiefer in die Tiefe.

Nun erfasste sie völlige Verzweiflung. Wie konnte ihr das nur passieren? Warum hatte sie den Rucksack nicht festgehalten? Da erinnerte sie sich an eine Begebenheit aus ihrer Kindheit. Sie mochte sieben oder acht Jahre alt gewesen sein und saß mit ihrem Bruder Martin auf einer Gartenbank hinter dem Haus. Ihr Vater war mit einem Korb Äpfel aus dem Obstgarten auf sie beide zugegangen. »Wer fängt ihn?«, hatte er mit fröhlicher Stimme gerufen und ihrem Bruder ganz fix einen Apfel zugeworfen. Martin konnte ihn zwar nicht fangen, aber der Apfel landete irgendwo zwischen seinen geschlossenen Beinen oder Knien. »Jetzt du!«, hatte er ihr zugerufen. Reflexartig spreizte sie die Beine auseinander und der Apfel fiel auf den Boden. »Typisch Weibsbild!« hatte der Vater lachend gerufen. »Wieso typisch Weibsbild?«, hatte Corinna dann gefragt und der Vater hatte ihr daraufhin erklärt, dass Mädchen ja zumeist Röcke oder Kleider trügen und wenn sie etwas fangen wollten, automatisch die Beine spreizten, weil dann der darübergespannte Stoff wie ein Fangnetz wirkte. Bei den Buben sei es umgekehrt, sie würden schnell die Knie zusammenpressen, um dadurch auffangen zu können, was sonst auf die Erde hinuntergefallen wäre. Damals hatte Corinna anstatt eines Rocks erstmals eine Jeans angehabt, sonst wäre sie von ihrem Vater nicht ausgelacht worden. Aber jetzt hätten ihr weder Rock noch Hose genützt, sie war einfach unvorsichtig gewesen.

Dieses Ereignis fiel ihr wieder ein und sie begann zu lachen, erst leise, dann immer heftiger, bis daraus ein lautes Weinen wurde, das schließlich in ein gewaltiges, nicht enden wollendes Schreien überging. Erschöpft und unter Weinkrämpfen fiel sie in ihrer unbequemen Körperhaltung auf den Rücken. Sie musste befürchten, durch eine nur kleine, falsche Bewegung genau wie ihr Rucksack in die Tiefe zu stürzen, sah sich aber wegen ihres nun stark schmerzenden Armes nicht in der Lage, ihre Position zu verändern. Sie mochte etwa eine halbe Stunde unbeweglich vor dem Abhang gelegen haben, als sie eine weibliche Stimme vernahm:

»Bleiben Sie um Gottes Willen ganz ruhig liegen, ich verständige sofort die Bergwacht!«

Die zufällig vorbeigekommene Frau kramte hastig ihr Handy aus dem Rucksack hervor und Corinna vernahm gerade noch, wie die Fremde mit leicht englischem Akzent telefonierte. Krampfhaft versuchte Corinna trotz rasender Schmerzen ihren Kopf in Richtung ihrer Retterin zu drehen, doch dabei wurde ihr schwarz vor den Augen.

Corinna war zu erschöpft gewesen und auch der Blutverlust hatte wohl dazu geführt, dass sie den Abtransport durch die Bergwacht, die von der zweieinhalb Kilometer entfernten Dammkarhütte herbeigerufen wurde, nur wie durch einen Schleier wahrnahm. Auch die Überführung mit dem Rettungshubschrauber ins Krankenhaus nach Garmisch-Partenkirchen erlebte sie nur im Unterbewusstsein. Dort wurden zunächst die zahlreichen Schürf- und Schnittwunden versorgt, die sie sich an dem scharfkantigen Felsgestein zugezogen hatte. Dann wurde der Arm geröntgt, wobei ein komplizierter Bruch des Unterarmes festgestellt wurde. Eine sofortige Operation wurde daher notwendig.

Erst am nächsten Morgen wachte Corinna zu ihrer Überraschung in einem Krankenbett auf. Der auf einer gekrümmten Schiene liegende und bandagierte Unterarm schränkte ihre Bewegungsmöglichkeiten erheblich ein. Außerdem verspürte sie jetzt starke Schmerzen. Sie lag in einem Doppelzimmer, das Nebenbett war noch unbesetzt, worüber sie sehr dankbar war, denn sie mochte nur ungern mit fremden Menschen im gleichen Raum schlafen. Nach dem Frühstück wurden die Schmerzen unerträglich und so läutete sie nach der Schwester. Diese hängte sie an einen Tropf mit einem schmerzstillenden Mittel und bemerkte beim Hinausgehen:

»Draußen wartet eine Dame, sie möchte zu Ihnen. Darf ich sie hereinlassen?« Corinna konnte sich nicht vorstellen, wer sie da besuchen wollte und nickte mit dem Kopf.

»Good morning«, sagte die fremde Besucherin. »Wie geht es Ihnen?«

Corinna glaubte, diese Stimme mit dem englischen Akzent schon einmal gehört zu haben, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, wo das war. Sie drehte ihren Kopf zu der am Bett stehenden Besucherin und fragte mit leiser Stimme: »Wer sind Sie?«

»Ich heiße Elizabeth McQuillin. Ich bin Britin, oder besser gesagt Schottin. Gestern habe ich Sie oben im Karwendel ziemlich verletzt aufgefunden, nachdem ich Ihre Schreie hörte. Sie lagen nur wenige Meter vor einer steil abfallenden Felswand. Gut, dass Sie sich so laut bemerkbar machten, sonst hätten Sie die Nacht dort oben kaum überlebt. Ich hatte zum Glück mein Handy dabei und konnte gleich die Bergwacht anrufen, die später auch ihre Überführung per Hubschrauber hierher organisierte. Die Männer haben ganz schön geschwitzt, als Sie auf einer Tragbahre bis zur Bergwachthütte transportiert wurden. Wie geht es Ihnen heute?«

»Ach danke, es geht schon. Wie war doch gleich Ihr Name?«

»Elizabeth McQuillin, Sie dürfen mich ruhig Liz nennen, und sagen wir doch besser gleich ›du‹ zueinander, okay?«

»Natürlich. Und ich heiße Corinna. Corinna Barghoff. Du bist also meine Retterin? Ich weiß gar nicht, wie ich dir danken kann. Ich glaubte schon, dass es mit mir zu Ende ginge, als auch noch mein Rucksack mit dem Handy in den Abgrund rollte. Wie gut, dass du da oben vorbeigekommen bist.«

»Ich hatte dich schon in der Seilbahn beobachtet, wir sind miteinander hochgefahren. Ich stand dir gegenüber auf der andren Seite. Du starrtest aus deinem Fenster und ich dachte, die scheint genauso allein zu sein wie ich. Doch als wir oben ankamen, habe ich dich plötzlich aus den Augen verloren. Und dann sah ich dich dort liegen, aber in welch kritischer Situation.«

Noch eine ganze Weile unterhielten sich die beiden Frauen, bis eine Schwester hereinkam und die Besucherin zum Gehen aufforderte. Bevor Liz den Raum verließ, drückte sie der Patientin noch einen leichten Kuss auf die Stirn und sagte: »Du wirst jetzt bestimmt müde sein. Aber ich komme morgen früh wieder.«

Kapitel 5

Am nächsten Morgen trat Liz McQuillin erneut an Corinnas Krankenbett.

»Na, wie fühlst du dich heute?«, erkundigte sie sich, nachdem sie auf einem Besucherstuhl neben dem Bett Platz genommen hatte.

»Danke, ich habe ganz gut geschlafen und verspüre jetzt kaum noch Schmerzen in meinem Arm. Nur zu dumm, dass ich den blöden Schienenverband noch einige Wochen tragen muss, wo doch die Arbeit auf mich wartet!« Corinna verzog dazu eine recht verdrießliche Miene. »Aber nun verrate mir mal, wieso du so perfekt deutsch sprichst!«

»Meine Mutter ist Deutsche. Seit dem Tode meines Vaters vor einigen Jahren lebt sie wieder hier in Garmisch. Beide Eltern wohnten zuletzt in Edinburgh, aber nach Dad’s Tod hat es meine Mum in dem regenreichen schottischen Klima nicht mehr ausgehalten und ist in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Ich besuche sie jedes Jahr, auch um dabei meine Deutschkenntnisse wieder aufzufrischen.« Dann erzählte Liz, dass sie Lehrerin an einer Primary School, also einer Grundschule sei und ihren Beruf liebe. Sie sei in Schottland geboren und dort sei nun einmal ihre Heimat. Ein Leben anderswo könne sie sich gar nicht vorstellen. Dann fragte sie unvermittelt:

»Was trägst du da für eine hübsche Halskette? Die ist mir schon gestern aufgefallen, als die Helfer von der Bergwacht deinen Anorak öffneten und der wunderschöne Anhänger herausbaumelte.«

Corinna bemerkte erst jetzt, dass sie das Erbstück ihrer Mutter immer noch um den Hals trug. Das wunderte sie schon deswegen, als ja die Mitnahme persönlicher Dinge in den OP-Saal unzulässig ist. Aber vielleicht hatte man ihr die Halskette vorher abgenommen, ohne dass sie es bemerkte, und danach wieder umgehängt. Andererseits war sie absolut der Meinung gewesen, den Schmuck bereits am Samstagabend abgenommen und in die Schatulle in ihrem Nachttisch zurückgetan zu haben. Sie legte diese Halskette nur noch bei besonderen Anlässen an – wie auch letzten Samstagnachmittag – da waren sie und ihr Vater bei guten Freunden zum Kaffee eingeladen gewesen. Sie musste tatsächlich vergessen haben, die Halskette danach wieder abzunehmen. Das war ihr noch nie passiert.

»Gefällt sie dir?« Fragend schaute Corinna die Besucherin an.

»Ja, ich finde sie sehr schön, es scheint sich wohl um eine antike Kostbarkeit zu handeln.«

Jetzt sah Corinna den Zeitpunkt gekommen, um sich bei ihrer Retterin durch ein ganz persönliches Geschenk zu bedanken. Ohne weiter nachzudenken bat sie Liz, ihr die Kette abzunehmen und beugte dazu ihren Kopf. Liz öffnete die grazile Schließung und hielt die Kette hoch in der Hand, wobei das Medaillon daran wie das Pendel einer Standuhr hin und her schwang.

»Sie gehört jetzt dir, bitte nimm sie an dich! Ich möchte mich damit für meine Rettung bedanken.« Auf Corinnas Gesicht lag ein fast flehender Ausdruck.

»Das kann ich unmöglich annehmen!« Liz schaute mit erstaunten Augen auf Corinna, dann wieder auf das an ihrem ausgestreckten Arm pendelnde Medaillon. Doch schließlich erkannte sie, dass es Corinna mit dem Geschenk durchaus ernst meinte und daher jeder Widerspruch sinnlos war. Sie öffnete ihre Umhängetasche, nahm ein Taschentuch heraus und wickelte das Schmuckstück darin ein. Sie wog es eine Weile in der Hand und meinte dann:
»Immer wenn ich diese Halskette anlege, werde ich an dich denken.«

Anschließend zeigte sie der Patientin ein paar Fotos aus ihrer schottischen Heimat.

»Damit du mich so schnell nicht vergisst«, sagte sie und überreichte Corinna ein Gruppenfoto, auf dem ihr Gesicht allerdings kaum zu erkennen war.

»Da, die zweite von links, das bin ich! Momentan besitze ich leider kein besseres Foto von mir.« Dabei fiel – von beiden unbemerkt – ein kleiner Zettel aus ihrer Brieftasche und landete unter dem Beistelltisch neben dem Bett.

Liz erwähnte dann nochmals, dass sie Lehrerin an einer kleinen Grundschule sei und von dort bei schönem Wetter den Gipfel des nur wenige Kilometer entfernten, höchsten Berges Großbritanniens sehen könne, der allerdings meist unter einer dicken Wolkendecke verborgen wäre. Ihre Ferien gingen jetzt leider zu Ende, sie müsse sich noch nach einem günstigen Flug umsehen, da bereits am nächsten Montag wieder der Schulunterricht begänne.
»Hoffentlich darf auch ich bald wieder arbeiten. Und ich glaube, ich habe auch ein Bildchen für dich«, sagte Corinna geheimnisvoll und zog die Schublade des Beistelltischs auf, in der ihre Brieftasche lag. Nach einigem Herumkramen fand sie darin ein Foto, das Ronald Cammann von ihr aufgenommen hatte. Sie hatte sich damals auf der Rückseite ihre eigene E-Mail-Adresse notiert, um sie jederzeit griffbereit zu haben. Als sie jetzt Liz das Bild überreichte, dachte sie nicht mehr daran.

Im selben Moment, als die beiden Frauen ihre Adressen austauschen wollten, betrat eine Krankenschwester das Zimmer, um die Visite des Chefarztes mit seinem Gefolge anzukündigen. Sie bat darum Liz mit höflichen Worten, den Raum zu verlassen.

»Ich komme morgen bestimmt wieder«, rief Liz noch beim Hinausgehen Corinna zu.

 

Elizabeth McQuillin wohnte wie immer bei ihrer Mutter, mit der sie zwei erlebnisreiche und schöne Wochen verbrachte, die nun zu Ende gingen. Gleich am nächsten Morgen suchte sie ein Reisebüro auf und erfuhr, dass sie für diesen Nachmittag noch einen preiswerten Last-Minute-Flug vom Münchner Flughafen nach Glasgow-Prestwick buchen könne. Gerade ein Platz war noch frei gewesen. Liz legte ihre Kreditkarte vor und bekam die Reservierung. Leider hatte sie nun keine Zeit mehr, Corinna zu besuchen und rief sie vom Bahnhof aus an. Sie bat um Verständnis dafür, dass sie nun nicht mehr vorbeikommen könne, denn sie müsse unbedingt den in Kürze einfahrenden Zug nach München nehmen, um den günstigen Flieger noch zu erreichen. Als Liz den Hörer aufgelegt hatte, fiel ihr ein, dass sie gestern durch die Chefarztvisite davon abgehalten wurden, ihre Namen und Adressen auszutauschen. Nun war keine Zeit mehr dazu, denn in diesem Augenblick lief der Intercity nach München ein.

Corinna war natürlich untröstlich, sich von ihrer Lebensretterin nur telefonisch verabschiedet zu haben. Dann stellte auch sie zu ihrem großen Bedauern fest, dass sie sich weder die Adresse, noch die Handynummer von Liz notiert hatte. Wie gerne hätte sie ihrer neuen Freundin nochmals persönlich für alles gedankt!

Am Abend entdeckte Corinna unter dem Nachttisch einen kleinen Zettel, den sie – ohne auf dessen Aufdruck zu achten – als Lesezeichen in ihr Buch steckte. Sie konnte dabei nicht ahnen, welche Bedeutung diesem Stückchen Papier noch zukommen sollte.

Kapitel 6

Inzwischen sind knapp sechs Monate seit Katharinas Tod verstrichen. Andreas hat sich danach immer mehr zurückgezogen. Corinna bezeichnete ihren Vater als Workaholiker, was er jedoch nicht besonders gern hörte. Er arbeitete meist bis in die Nachtstunden und sah darin die einzige Möglichkeit, über den Verlust seiner Frau hinwegzukommen. Das brachte ihm zwar zusätzlichen Umsatz, denn seine Firma erschien jetzt öfter mit neuen Produkten auf dem Markt, zehrte aber gleichzeitig an seiner Gesundheit. Er litt unter zu hohem Blutdruck, was auch eine Folge von Bewegungsmangel war. »Sie haben eine schwere Hypertonie«, hatte sein Arzt diagnostiziert. »Sie müssen unbedingt etwas für Ihre Gesundheit tun. Machen Sie doch mal einen richtigen Kurlaub!« Aber Andreas glaubte fest an seine Unentbehrlichkeit im Betrieb und erlitt in der Nacht nach einem sehr aufregenden Tag einen Herzinfarkt. Ein Zustand der Angst schnürte ihm die Kehle zu, dann spürte er ein bohrendes Stechen oberhalb des Brustbeins und sein linker Arm schmerzte bis hinauf in den Schulterbereich. Andreas ahnte bereits, dass sich hier ein Infarkt anbahnte und konnte noch selbst den ärztlichen Notdienst verständigen. Er wurde mit dem Krankenwagen auf die Intensivstation der Kreisklinik gebracht, wo ihm zunächst ein zentraler Venenkatheder angelegt wurde, durch welchen zur Blutverdünnung Heparin injiziert wurde. Gleichzeitig bekam er zur Stärkung des Herzmuskels über eine Nasensonde reinen Sauerstoff zugeführt. Außerdem wurden ihm noch Medikamente zur Regelung des Blutdrucks verabreicht. Alle diese Maßnahmen waren zum Glück erfolgreich, so dass keine Nachwirkungen mehr zu erwarten waren.

Nach dreitägiger Überwachung durfte Andreas das Krankenhaus verlassen, mit einer Überweisung an eine Herzklinik zwecks Rehabilitation. Seine Wahl fiel auf die am südwestlichen Ufer des Starnberger Sees gelegene Herzklinik Höhenried. Dort meldete er sich umgehend an und bekam wegen der Absage eines anderen Patienten einen überraschend kurzfristigen Aufnahmetermin.


Für die Dauer seines Klinikaufenthaltes war bereits alles geregelt worden. Corinna sollte in der Firma einen Teil seiner Arbeit zusätzlich übernehmen. »Mach dir bitte keine Sorgen, ich pack das schon«, hatte sie ihm noch am Abend vor ihrem Aufbruch zu der Bergtour versprochen. Nun lag sie selber im Krankenhaus. Die verschiedenen Aufgabengebiete in seiner Firma hatte Andreas vorsorglich so gut organisiert, dass man dort auch ohne sie beide einige Zeit zurechtkommen würde. Wann Corinna aus der Klinik entlassen würde, war nicht abzusehen. Daher musste er jemanden finden, der sich zwischenzeitlich um das Haus kümmerte, denn sein Klinikaufenthalt würde wohl noch einige Wochen dauern. Nur welche Person konnte er mit dieser Aufgabe betrauen? Die nächstgelegenen Nachbarn waren bereits alt und gebrechlich, schieden deswegen von vornherein aus. Und Martin wohnte zu weit weg, mit ihm durfte er also nicht rechnen. Außerdem sollte sein Sohn auf keinen Fall Vorlesungen und Seminare versäumen. Und der Putzfrau hatte er abgesagt, denn es gab derzeit nichts sauber zu machen.

 

Am Tag vor dem Kurantritt kam ihm auf dem Heimweg von einer Besorgung Lukas Danner entgegen, ein ehemaliger Mitschüler Corinnas. Andreas kannte ihn nur flüchtig von gelegentlichen Besuchen bei seiner Tochter. Eigentlich war ihm dieser Typ nie sonderlich sympathisch, obwohl er sich den Grund dafür nicht erklären konnte. Am liebsten wäre er ihm aus dem Weg gegangen. Aber dann sah er ein, dass es sich wohl um die naturgegebene Furcht des Vaters handelt, die geliebte Tochter an einen anderen Mann, gewissermaßen an eine Art Rivalen zu verlieren. Doch mit derartigen Überlegungen durfte er sich nicht lange aufhalten, denn Lukas trat direkt auf ihn zu und begrüßte ihn freundlich. Andreas erwiderte den Gruß und berichtete ihm vom Unfall seiner Tochter, dass sie noch im Krankenhaus läge und er ausgerechnet jetzt eine Kur von unbestimmter Dauer antreten müsse. Aus einer spontanen Eingebung heraus fragte Andreas den jungen Mann, ob er wohl dazu bereit wäre, sich während seiner und Corinnas Abwesenheit um die Post, die Rolläden und die Blumen im Haus zu kümmern. Auch der Kater Maunzi müsse regelmäßig versorgt werden.

Lukas freute sich über das ihm erwiesene Vertrauen und erklärte sich sofort bereit, jeweils morgens und abends nach dem Rechten zu sehen. Er hatte schon immer darauf gehofft, sich in Corinnas Elternhaus einmal näher umschauen zu können.

Gleich für den nächsten

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: © Claus H. Stumpff - www.chsautor.de
Bildmaterialien: Titelfoto by Andreas Senftleben - 791060 pixelio.de - Glenfinnan Viaduct
Cover: Claus H. Stumpff
Tag der Veröffentlichung: 25.09.2015
ISBN: 978-3-7396-1558-5

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