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Ich fühle mich verarscht von den Fleischtheken dieser Welt

Der Titel ist irreführend und ein Euphemismus. Denn in Wirklichkeit fühle ich mich gar nicht von den sanft beleuchteten Gebilden aus Glas und Stahl verarscht, sondern von den dahinter herumlungernden Matronen aus Fleisch und Blut.

Es ist mir absolut schleierhaft, warum es den Damen hinter den Fleischtheken dieser Welt offenbar widerstrebt, mich mit der gewünschten Ware in der gewünschten Menge zu versorgen. Schon oft musste ich beobachten, wie der einfache Satz „Ich hätte gern fünfzig Gramm Mailänder Salami“ nicht zum gewünschten Ergebnis (nämlich fünfzig Gramm Mailänder Salami), sondern zu zehn bis zwanzig Gramm mehr führte. Natürlich ist das zum Teil auch meine Schuld. Denn statt mich nach der Bestellung schamhaft abzuwenden oder die Augen niederzuschlagen, starre ich aus lauter Langeweile auf die Dame hinter der Theke und sehe ihr dabei zu, wie sie das von mir gewünschte Glück in Scheiben zusammensucht und abwiegt. Wie automatisch wandert mein Blick dabei auf die dem Kunden zugewandte Anzeige der Waage, die in schönster Regelmäßigkeit eine ganz andere Grammzahl anzeigt, als die bestellte. Ich starre weiter und warte darauf, dass die Fleischdame den Wurstberg auf der Waage bis auf die erforderliche Menge reduziert. Dessen ungeachtet legt sie nur die Gabel beiseite, hüllt die abgewogenen siebzig Gramm Salami in das Wursteinwickelpapier und fragt: „Darf es sonst noch was sein?“

Es ist ja nicht so, als hätte ich kein Verständnis. Manchmal ist es beim Abwiegen von Wurstwaren genauso wie beim Schuhekaufen - die 39 ist zu klein und die 40 schon zu groß. Da muss die Thekenfachkraft sich dann entscheiden, ob sie mir ein bisschen weniger oder lieber ein bisschen mehr Schuh gibt. Gegen einen Vierziger-Schuh hätte ich auch gar nichts einzuwenden, aber mir ungefragt einen Dreiundvierziger reinzudrücken - das ist dann doch ein bisschen zu viel.

Der schöne Fleischereifachverkäuferinnensatz „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ ist ja leider völlig aus der Mode gekommen. Würde mir diese Frage gestellt, könnte ich guten Gewissens sagen „Nein danke. Fünfzig Gramm reichen völlig.“ Aber da nicht mehr gefragt, sondern einfach falsch abgewogen wird, habe ich mir vor einiger Zeit eine neue Strategie überlegt. Ich bestelle nicht mehr in Gramm, sondern in Scheiben. Zählen ist einfach, und da weiß man, was man hat. Denkste! Der einzige Unterschied zwischen Gramm- und Scheibenbestellung besteht darin, dass ich mich bei der Grammbestellung schon gleich im Laden ärgere und bei der Scheibenbestellung erst zu Hause, wenn ich merke, dass die wohlmeinende Fleischfrau mir nicht die bestellen vier, sondern gleich sechs Scheiben Roastbeef eingepackt (und berechnet) hat. Sie hat es wahrscheinlich nur gut gemeint, denn das Roastbeef ist ja so lecker.

Aber wenn sie es tatsächlich gut mit mir meinen würde, warum klatscht sie die Roastbeefscheiben dann lieblos auf einen viel zu kleinen Bogen Einwickelpapier, schlägt die Papierkanten nur nachlässig um, sodass mein feines, leckeres Roastbeef an beiden Seiten heraushängt, und stopft es dann zusammen mit meinen anderen Wurstwaren lieblos in eine Papiertüte, die sie oben zutackert - mitten durch das aus dem Papier hängende Roastbeef hindurch? Bäh!

Von zu dicke geschnittenen Wurstwaren, pampigen Verkäuferinnen oder trockenen ersten Scheiben will ich hier gar nicht mehr reden. Auch von meiner Lieblingstasche, die durch gefühlte drei Liter ausgelaufenen Fleischsaft (aufgrund mangelhaft eingewickelter Schnitzel) ruiniert wurde, möchte ich schweigen, denn: Weinerliches Jammern bringt mich beim Aufschnitterwerb nicht weiter. Probate Lösungsstrategien müssen her.

Lösungsmöglichkeit Nr. 1: Vermeidung von menschbetriebenen Fleischtheken. Ausweichangebote sind in Supermärkten zahlreich vorhanden. Sie nennen sich Kühltheken und bieten der interessierten Kundschaft allerlei Fleischliches zur Selbstbedienung feil. Dagegen spricht: kein Roastbeef, kein Bierschinken mit Champignons, keine Spinata Romana, kein Lachsschinken mit Camembert-Rand ... denn all diese Spezereien gibt es in den Selbstbedienungsregalen nicht. Und wer weiß, wie lange die vorhandenen Waren da schon liegen? Die Meldungen von umetikettiertem Gammelfleisch sind schließlich auch an mir nicht spurlos vorübergegangen.

Lösungsmöglichkeit Nr. 2: Verzicht auf den Einkauf von Fleischwaren. Man könnte es Heim-Vegetarismus nennen, denn eine Bratwurst auf der Kirmes oder ein saftiges Steak beim Argentinier sind weiterhin möglich. Dagegen spricht: kein Roastbeef, kein Bierschinken mit Champignons, keine Spinata Romana, kein Lachsschinken mit Camembert-Rand ... zum heimischen Abendbrot vor dem Fernseher. Außerdem könnte es ein teures Vergnügen werden, wenn man seine Fleischeslust nur noch in auswärtigen Lokalitäten stillt.

Lösungsmöglichkeit Nr. 3: Verzicht auf den Verzehr von Fleischwaren. Das nennt man Vegetarismus oder Pescetarismus oder Veganismus und damit wären sämtliche Fleischthekenprobleme mit einem Rutsch vom Tisch. Dagegen spricht: kein Roastbeef, kein Bierschinken mit Champignons, keine Spinata Romana, kein Lachsschinken mit Camembert-Rand ... sondern nur Käse auf dem Brot. Damit würde man das Problem lediglich an einen anderen Schauplatz verlagern, denn die Situation an der Käsethekenfront unterscheidet sich nur marginal.

Bleibt mir als einziger Ausweg: Fleischthekeneinkäufe künftig nur noch in tiefenentspanntem oder tranceähnlichem Zustand zu erledigen ... und im nächsten Leben eine Metzgerlehre zu machen. Dann sitze ich direkt an der Quelle und mach mir meine Aufschnittwelt, widdewidde wie sie mir gefällt ...

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Tag der Veröffentlichung: 30.05.2015

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