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Ein Brief an die Eiskönigin

Liebe Eiskönigin Elsa,

 

mir ist klar, dass du nur im Disney-Universum existierst. Allerdings kann ich dich gut verstehen, wie du dich fühlst. Denn der gesellschaftliche Druck, der besagt, dass man keine Gefühle zeigen darf, belastet auch mich sehr.

Vor allem im Zeitraum 2019/2020 war dieser Druck sehr heftig. Damals kam es zu einem Bruch mit meinen Kollegen und Chefs. Die autistischen Emotionen, die ich auf der Arbeit nicht zeigen durfte, manifestierten sich in Form von Aggression und Verzweiflung.

So kam es, dass ich die erste Abmahnung im Juli 2019 bekam. Wenige Monate später sollte die zweite Abmahnung samt meiner Kündigung folgen. Der Höhepunkt dieses Trauerspiels fand Ende Januar 2020 statt: Damals rief die gnadenlose Sozialpädagogin die Polizei an, obwohl ich mich in einem lauten Ton mit einer Kollegin gestritten habe. Nein, es kamen dabei keine Sachschäden oder tätliche Aggressionen auf. Trotzdem hat mich Ende Januar 2020 so behandelt, als wäre ich eine Amokläuferin.

Ich habe deinen Film „Die Eiskönigin – völlig unverfroren“ an meinem Geburtsmonat Juni angesehen und ich kann dir sagen: Ich fühle mich wegen meines Autismus auch wie ein seelenloses Monster. Aber du hast eine Schwester, die dir gezeigt hat, was Verständnis bedeutet.

Ganz im Gegensatz zu mir: Ich kenne seit den 2010er-Jahren niemanden außerhalb meiner Familie, der meinen Autismus akzeptiert. Seit 2010 denken viele außenstehende Menschen: „Die Esra ist eine psychisch gestörte Furie, die weggesperrt gehört!“

Damit komme ich zum schlimmsten Vorurteil, das man über Autismus verbreiten kann: Autisten sind in Medienberichten die besten Anwärter, um Amokläufe zu begehen. Ich habe den Verdacht, dass das Wort Autismus mittlerweile zum Synonym für Gefühlskälte und Psychopathie mutiert ist. Das finde ich verdammt traurig.

Aber auch meine Arbeitslosigkeit strapaziert mich. Somit komme ich auf Grübeleien, weil mir extrem langweilig ist. Ich versuche mich angemessen zu beschäftigen, aber das klappt nicht. Stattdessen brauche ich eine geregelte Tagesstruktur, in der jemand mich anleitet.

Ich weiß, dieser Brief klingt nach Gefühlsduselei. Allerdings habe ich niemanden, dem ich meine Gefühle ungefiltert schildern kann. Aus diesem Grund schreibe ich eine schriftliche Mitteilung an deine Wenigkeit.

Meine Geschwätzigkeit in Briefen ist das Ergebnis dafür, dass ich seit 2010 all meine Gefühle in den Stationen meines gescheiterten Arbeitslebens unterdrücken musste. Langsam kommen die Emotionen hoch.

Ich hoffe, dass ich im Gefühlschaos nicht untergehen werde. Schließlich wollte dich der Prinz namens Hans umbringen. Dieses Arschloch hat die Lüge verbreitet, die dir unterstellte, dass du ein Monster wärst. Jedoch konnte dich deine kleine Schwester Anna im letzten Moment retten. Ich wünschte, es gäbe auch jemanden in meinem Leben, der mich von meinem aktuellen Tiefpunkt befreien könnte.

 

Viele liebe Grüße

Deine Esra

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 21.06.2020

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