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Er gehört nur mir

Mit einem Ruck fuhr Lisa aus dem Schlaf hoch. Sie lauschte in die Stille, und obwohl sie nicht hatte, sagen können, was sie geweckt hatte, brach ihr plötzlich der Schweiß aus.
»Lisa?«
Die Stimme ließ sie herumfahren.
Im Dämmerlicht, das durch die halb heruntergelassenen Jalousien fiel, erkannte Lisa einen Mann in der Ecke ihres Schlafzimmers.
»Justin!«, entfuhr es ihr. »Was machst du hier?«
Sie riss die Augen auf und zog ihre Bettdecke bis zum Halsansatz, sodass ihr Oberkörper völlig verborgen war. Sie schauten sich lange schweigend an. Dann sagte sie so sachlich wie möglich: »Er schläft nebenan.«
Justin rührte sich nicht, sondern sah sie nur weiter unverwandt an. Endlich gab er sich ein Ruck und ging aus dem Zimmer, so leise, dass Lisa ihn kaum hörte. In den fünf folgenden Minuten war es im Haus totenstill. Sie hatte sich einen Bademantel übergezogen und wartete im Flur auf ihn. Dabei wurde sie von den Erinnerungen aus der Vergangenheit übermannt. Sie hatten sich in Bagdad kennengelernt. So wie er als Kriegsberichterstatter liebte auch Lisa ihren Beruf als Fotojournalistin, der sie beide oft in den Kriegsgebieten in gefährliche Situationen brachte. Was viele Frauen am anziehendsten an Justin fanden, war seine Männlichkeit, seine überwältigende erotische Ausstrahlung, der auch sie damals nicht hatte widerstehen können. Obwohl Lisa jede Menge Auszeichnungen und Preise für ihre Fotoreportagen bekam, hatte sie nie versucht, in derselben Liga zu spielen wie Justin. Er ging ständig volles Risiko, um eine gute Story zu bekommen. Sie dachte an den Tag als sie ihm auf einer staubigen Piste, wo Soldaten zusammenstanden und redeten und in einiger Entfernung Sanitätszelte aufgebaut wurden mitteilte, dass sie und ihr kleiner Sohn diesen Ort, der für sie nach Tod stank für immer verlassen würden.
»Kaffee?«
»Gern.«
»Hast du heute Abend was gegessen?«
»Und wenn ich deine Frage mit Nein beantworte?«
»Ich habe so viel im Haus, um alle streunenden Katzen in der Stadt versorgen zu können.«
»Wenn du zu Hause bist.«
»Falls du auf meinen Sohn anspielst: Ich bin zu Hause, wenn er mich braucht.«
»Ich habe noch nicht zu Abend gegessen. Auch das Mittagessen fiel flach.«
Er folgte ihr in die riesige, modern eingerichtete Küche. Die über dem Kochherd hängenden Kupferkasserolen spiegelten sich im Fenster. An den Türrahmen gelehnt, beobachtete er sie, während sie den Inhalt des Kühlschrankes musterte. Lisa wirkte völlig gelassen, obwohl Justin intensiver, harter Blick, der jede ihrer Bewegung registrierte, ihr nicht verborgen bleiben konnte. Bevor er in das Zimmer zu seinem schlafenden Sohn gegangen war, musste er sich eingestehen, dass diese Frau ihn immer noch faszinierte. »Ich kann dir ein Steak braten.«
»Nein danke. Nur Kaffee.«
Sie drehte sich kurz um, hielt einen Augenblick lang seinem Blick stand und bereitete dann den Kaffee zu.
»Hast du für unseren Sohn kochen gelernt, Lisa?«
»Um eins gleich klarzustellen. Er ist mein Sohn. Und was das Kochen betrifft. Für wen denn sonst?« Plötzlich sah Lisa Verständnis in seinen Augen.
»Erzähl mir von Bagdad«, forderte Lisa ihn auf, um das Schweigen zu brechen, das sich in der Küche ausbreitete.
Justin erfüllte ihren Wunsch und schilderte in Kurzfassung seine Tagesabläufe in Bagdad, und berichtete ihr alles Wissenswerte über ihre gemeinsamen Kollegen, die noch dort waren und trank seinen Kaffee. Er saß ihr gegenüber und sie hatten beide Schwierigkeiten, auf das Wesentliche zu sprechen zu kommen, sodass jeden Moment das Gespräch zu verstummen drohte, wovor sie beide Angst hatten.
»Wie lange hast du eigentlich draußen im Garten gewartet?«
»Ungefähr eine halbe Stunde.«
»Warum hast du dich nicht vorher bemerkbar gemacht?«
»Kannst du dir das nicht denken, Lisa? Ich wollte sichergehen, dass er schläft.«
Justin wollte seinen Sohn nicht in ihre Schwierigkeiten einbeziehen und noch weniger auf die Zuneigung und Liebe spekulieren, den ein plötzlich auftauchender Vater, der nicht in den Alltag integriert war, bei einem Kind erwecken würde. Hätte sein Sohn ihrer ersten Begegnung nach so langen Jahren beigewohnt, wäre sie sicher anders verlaufen, und Lisa hätte sich vielleicht überrumpelt gefühlt, während sie in der jetzigen Situation Justin jederzeit bitten konnte, ihr Haus zu verlassen. Sie wusste, dass er ihrem Wunsch umgehend entsprechen würde.
Und sein Sohn hätte nichts von dem Besuch seines Vaters erfahren.
»Danke«, sagte sie.
Sie dachten beide an ihren Abschied in der Abflughalle. Er hatte sie gegen alle Logik zum Flughafen begleitet. Eine bizarre, höchst merkwürdige Szene.
»Niemand hat dich gezwungen, mich an diesem Tag zum Airport zu begleiten.«
Justin war keineswegs erstaunt, dass sie sich plötzlich an ihre letzte Begegnung erinnerte, und nickte schweigend mit dem Kopf.
»Ich erinnere mich noch an jedes Wort«, meinte Justin.
Lisa saß aufrecht auf einem Stuhl die Beine seitlich angebeugt und hielt mit einer Hand ihren Bademantel zu, während ihre Augen Justins Lippen keine Sekunde verließen.
»Der Charme unserer Beziehung besteht glaube ich ganz einfach darin, dass wir uns wie ausgemachte Vollidioten benehmen können«, meinte Justin bedächtig.
»Es gibt keine Beziehung mehr«, kommentierte sie. »Warum tauchst du ohne Voranmeldung mitten in der Nacht wie ein Dieb aus dem Nichts einfach so auf?«
»Ich wollte ihn sehen. Er ist immerhin mein Sohn.«
»Vier Jahre lang hast du dich nicht um ihn gekümmert.«
»Jetzt vertausch bitte nicht die Rollen. Du hast mich schließlich in Bagdad verlassen und ihn mitgenommen. Was hast du mir sonst noch vorzuwerfen?«
»Du bist Kriegsreporter schon vergessen? Jeden Tag lauert der Tod …«
»Sollten wir nicht besser das Thema wechseln?«, fiel er ihr ins Wort.
»Ich habe keine Lust, das Thema zu wechseln. Ich habe Lust zu schreien!«
»Dann schrei doch«, sagt Justin ruhig.
»Justin kannst du dir überhaupt vorstellen, was es heißt, die Verantwortung für ein Kind zu haben? Nein«, sie schüttelt bedauernd den Kopf, » du brauchst nicht zu antworten. Du weißt es nicht.«
»Ich frage mich heute, warum«, sagte er fast unhörbar.
Während der darauf folgenden Gesprächspause schauten sie sich lange und intensiv an. Lisa schloss als Erste die Augen.
»Geh Justin! Das bringt doch alles nichts.«
Justins Augen hingen an ihrem Gesicht. »Denkst du jemals an mich?«
Lisa blickte ihn an und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Ob sie je an ihn dachte? Jeden Tag sah sie ihn, wenn sie ihren Sohn anschaute, jeden Tag erinnerte sie sein Gesicht, seine Stimme und seine Art, sich zu geben, an ihn.
»Was hast du erwartet, als du vorhin in meinem Schlafzimmer aufgetaucht bist. Dass ich dich mit offenen Armen empfange. Du hättest wirklich lieber weiter nach Somalia oder gleich zum Teufel gehen sollen! Aber nein, du musstest ja unbedingt kommen. Und mitten in der Nacht wie ein verhungerter Kater auftauchen, der sich wer weiß wo herumtreibt.« Sie verschränkte die Arme vor ihrer Brust. »Behaupte bloß nicht, dass du gekommen bist, um … er gehört nur mir. Dann kommst du, trittst durch die Schlafzimmertür, mit seinen Augen, seiner Stimme, seinem Mund. Die Ähnlichkeit zwischen euch ist wirklich zum Schrein! Ich habe manchmal schon gedacht, dass du das ganz bewusst inszeniert hast, und fing an dich zu hassen! Wenn ich meinen Sohn anschaue, schaue ich Justin an! Justin verlässt mich nie.«
»Zu keinem Zeitpunkt, seit du mit unserem Kind aus Bagdad fortgegangen bist, hast du mich folglich nie gebraucht.«
»Wärst du gekommen? Ach, vergiss es, natürlich nicht.«
»Ich habe mir Zeit gelassen, du hast recht. Es tut mir leid«, sagte er sarkastisch.
»Justin, du tust dir weh und du tust mir weh!«
»Und wenn schon! Wir beide sind doch hart im Nehmen. Ich wollte zu dir und unserem Sohn zurückkehren, nichts weiter. Ich sagte mir, es müsse doch Mittel und Wege geben, um zusammenleben zu können. Und wenn ich bei einer Zeitung am Schreibtisch versauern müsste. Und mit der Zeit könnten wir vielleicht …«
»Was? Zusammen picknicken«, brach es plötzlich aus Lisa heraus. »Vater, Mama, Junior auf einer karierten Wolldecke sitzend und Papa wird mit dem Sohnemann Drachen steigen lassen, während die Mama gerührt zuschaut. Ist es das?«
Er stand auf und ging wie ein wildes Tier in einem zu kleinen Käfig in der Küche mit weit ausholenden Schritten auf und ab. Sie zuckte zusammen, als sie ihn in ihrem Rücken spürte, drehte sich aber nicht um. Justins lange, braun gebrannte Hände lagen auf der Lehne, nur wenige Zentimeter von Lisas Nacken und Hals entfernt; beide schwiegen. Als seine rechte Hand über ihren Nacken strich, stöhnte sie leise auf. Sie schloss die Augen. Die Hand wurde kühner, erforschte den Hals und den Brustansatz, zwang Lisas Hand, die immer noch den Bademantel zuhielt, sich zu lösen und glitt dann tiefer. Justin hielt den Amethyst, der an einer dünnen Goldkette um Lisas Hals hing, in der Hand.
»Du trägst ihn immer noch.«
»Ja. Du hast ihn mir am Flughafen geschenkt, nachdem du gesagt hast, du würdest nie aufhören mich zu lieben.«
»Richtig.«
Seine Stimme klang ruhig und ausgeglichen. Nur seine zitternden Finger verrieten die ungeheure Spannung, unter der er stand. Er wartete auf einen Kommentar. Doch Lisa schwieg. Sie versuchte seinen Gesichtsausdruck zu deuten, versuchte herauszufinden, welche Erwartungen sich dort spiegelten.
Er stand vor ihr. »Ich nehme an, es hat keinen Sinn, wenn ich dir meine Handynummer gebe, nur für den Fall, dass du dich irgendwann entschließen solltest …«
Seine Stimme verebbte, als sie den Kopf schüttelte.
»Du bist sicher das du das willst?«
»Ja.« Der Ton ihrer Stimme war klar und fest; nicht einmal Tränen waren in ihrem Blick zu erkennen. Sie hatte ihm so viel zu sagen, diesem Kerl, den sie immer noch abgöttisch liebte. Sie wollte ihm sagen, dass es zu spät für sie beide war. Dass er niemals sein Nomadenleben für eine Familie aufgeben würde, auch wenn er das zu glauben schien und doch wollte sie ihn drängen, eine engere Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen, um dort etwas Normalität und Glück zu finden. Doch sie sagte nichts davon. Denn ein Teil ahnte, dafür kannte sie ihn zu gut, dass er es längst wusste. Und ein anderer Teil von ihr erkannte, dass er es sich selbst eingestehen musste.
Er ging Richtung Tür, drehte sich ein letztes Mal um und sagte leise: »Werde glücklich, Lisa.«
Dann schloss er leise die Tür hinter sich, um seinen Sohn nicht zu wecken.
»Leb wohl, Justin«, flüsterte sie.

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Copyright Texte: Christine Lawens
Tag der Veröffentlichung: 12.04.2012

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