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1 | Verzweifeltes Hoffen

Ich hätte nie gedacht, dass es einmal so weit kommen würde. Die eigene Liebe zu foltern, zu quälen und ihr Wimmern zu ertragen. Kaltblütig über ihre Tränen hinweg zu sehen und das Betteln zu ignorieren. Dabei dem wichtigsten Menschen deines Lebens in die Augen zu blicken und sich einreden, man tue es nur zum Guten. Zum Besten für den Gegenüber, aber insgeheim für einen selbst.

Ich bin Skyler Hope und ich halte meine Freundin als Gefangene.

 

***

 

Nur das Knistern des Feuers durchbrach die trostlose Nacht, die nicht dunkler hätte sein können. Durch Kälte getrieben, rieb Skyler seine geschundenen Hände und versuchte, wieder einen Hauch Leben in die gefrorenen Glieder zu massieren. Sein Atem zog Schnörkel und breitete sich wie ein breiter Nebel über ihm aus, während er erneut seinen Blick auf Jamie richtete. Ihre dunkelbraunen Locken verdeckten die Stirn, welche in kaltem Schweiß stand. Ein graues Klebeband versiegelte ihren Mund, der jederzeit zu einem nach Fleisch gierenden Werkzeug mutieren konnte. Die Sicht auf ihre aufgerissenen Handgelenke versetzte ihm einen Stich ins Herz. Das Klebeband zeigte dort nicht genug Wirkung, um sie festzusetzen, und so musste ein anderes Utensil zum Einsatz kommen – Kabelbinder. Sie fraßen sich förmlich in ihre zarte Haut und zeichneten Linien aus frischem Blut, das sich bereits über nässende Schwielen zog. Skyler stieß geräuschvoll den Atem aus und vernebelte sich dadurch die Sicht. Unweigerlich dachte er an die ungewisse Zukunft, die auf seine Freundin und ihn wartete. Eine zerstörte Welt, durchzogen mit Tod und Verwesung. Gebrandmarkt durch einen Virus, der aus Menschen blutrünstige Wesen – die Beißer – formte, die nach nur vierzehn Monaten die Zivilisation aus den Städten ins Unterholz, auf Berge und in Höhlen, sowie in die Wälder gedrängt hatte. Nahrung ging zu Ende. Nicht nur für die Menschen. Die Beißer unterschieden längst nicht mehr zwischen Tieren und Personen, um ihre Gier nach Fleisch zu befriedigen. Teilweise zu reißenden, kannibalischen Einzelgängern mutiert, scheuten sie sich nicht, selbst ihresgleichen niederzumetzeln. Ob sie leblose Kreaturen oder doch eine eigene Mutation atmender Wesen waren, konnte bis heute nicht geklärt werden. Aber wen interessierte das schon? Fakt war jedoch, das der Virus hoch ansteckend war, nur der kleinste Biss, kleinste Tropfen Blut oder Speichel ausreichte, um den Körper in eine beißende Hülle zu formen. Die Erkrankung übernahm den Wirten so schnell, dass dieser meist die Kontrolle verlor noch bevor er selbst geistig und körperlich verstorben war. Die Welt, wie Skyler sie kennengelernt hatte, existierte nicht mehr. Jeder Tag konnte der letzte sein. Und jeder Morgen wurde von Neuem geboren und einen Sinn eingepflanzt. Sei es Laufen, sei es Essen, sei es Überleben.

Er rieb sich seine verschmutzten Hände über sein kurz geschorenes Haar, das einmal blond gewesen war. Penibel kontrollierte er das breit um seine Unterarme geschlungene Isolierband, das beim Kampf gegen die Beißer schützte. Es war so stramm gezogen, dass er es wohl nur noch inklusive Hautfetzen und Körperbehaarung entfernen konnte. Dasselbe Spiel spiegelte sich auf seinen Waden bis zu seinen robusten Militärstiefeln wider. Er wollte bei einem tödlichen Tritt zur Verteidigung keine verwundbare Stelle entblößen.

Als er merkte, wie seine Augenlider drohten, der Schwerkraft zu erliegen, griff er nach dem Pillenetui in seiner linken Brusttasche und warf sich zwei Aufputschtabletten ein. Ein Schluck aus der PET-Flasche, gefüllt mit Wasser aus einem der verdreckten Rinnsale, die das Land säumten, tat seinen Rest. Ein bitterer Geschmack legte sich auf seinen Gaumen und rief einen leichten Würgreiz hervor.

‚Wasser ist auch nicht mehr das, was es einmal war’, seufzte er in sich hinein. Er durfte auf keinen Fall einschlafen, denn das könnte ihrer beider Tod bedeuten. Noch vor einem Tag hatte er sich mit Jamie beim Schlafen abwechseln können, aber nun … einen unachtsamen Moment später und das Leben rannte an ihm vorbei, winkend, mit einem sarkastischen Lächeln.

Ein Rucken durch Jamies geschundenen Leib ließ ihn aufschrecken. Sie wurde wieder von einem Krampf gegeißelt, sodass sich ihr Rückgrat unnatürlich nach hinten bog. Gespannte Muskeln ließen ihre Gliedmaßen verkrampfen und schickten ein Zittern über den geknechteten Körper. Ihre Augäpfel rollten nach innen und hinterließen ein beängstigendes Weiß, das im Kontrast zu dem schwarzen, inzwischen verlaufenen Mascara stand. Seine Jamie, die trotz des Aussterbens der menschlichen Werte, wie Schönheit und Nutzen, auf dessen Gebrauch bestand. Tränen des Schmerzes kämpften sich bereits den Weg über ihre Stirn, da

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Celeste Ealain
Bildmaterialien: Rich Johnson Photography, Cover by J.K. Bloom (Plurabelle)
Tag der Veröffentlichung: 18.01.2014
ISBN: 978-3-7368-2427-0

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Cover by J.K.Bloom, Photo by Rich Johnson Korrekturen von Nicky und Uschi - vielen, vielen Dank!

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