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Sammelband 3 Krimis: Mord vor Schönheit/Mord mit kreativer Note/Mord vor Schönheit

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

Manfred Weinland: Mord mit kreativer Note

Manfred Weinland: Mord vor Schönheit

Manfred Weinland: Bombe im Kopf

 

Drei verschwundene Kinder legen den Verdacht nahe, dass es sich um einen Fall von Kinderhandel handeln könnte. Die Spur führt zu einer Schönheitsfarm, und dort treffen die FBI-Agenten auf ein Nest von unglaublichen Verbrechen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Mord mit kreativer Note

Krimi von Manfred Weinland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.


Ein Mann tötet den bekannten Lokalpolitiker Alex Torrens und wird wenig später aufgefunden – tot und nass. Als das mehrmals passiert, setzt sich das FBI auf die Spur der mysteriösen Killer, die man für eine Art Club hält. Alle Spuren führen zum Paten von Italian Harlem, doch niemand kann ihm etwas beweisen. Ein Mordanschlag auf die FBI Agents Trevellian und Tucker lässt die Suche noch intensiver werden. Doch ohne die Hilfe einer Zeugin gibt es keine Chance auf Erfolg.


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Alex Torrens hatte Angst. Todesangst. Die Alpträume, die seit sechs Wochen sein Leben bestimmten, hatten den einstigen Kämpfer mürbe gemacht. Seit ein Stück heißes Blei, eingedrungen hinter dem rechten Ohr, seine glänzend gestartete Karriere in einen abrupten tiefen Fall verwandelt hatte, pochte von Tag zu Tag stärker ein Gefühl durch sein angeschlagenes Gehirn, das bleierne Furcht hieß.

Seltsamerweise sah ihn die Öffentlichkeit ganz anders. Dort war er der Märtyrer, der nicht aufgab in seinem Kampf gegen das organisierte Verbrechen.

Der Mann, dessen Frau und Kind bei dem brutalen Attentat ausgelöscht worden waren, und der selbst dadurch nur noch verbissener in seiner selbst gestellten Aufgabe aufgegangen war.

Alex Torrens war allein in seinem kleinen Apartment in Manhattan Süd, und er spürte, saß sein Leben nach dem Attentat nur eine Galgenfrist gewesen war. In Wirklichkeit hatte nur jemand Atem geholt. Die Ruhe vor dem Sturm.

Alex Torrens wusste es, als er den warmen Luftzug spürte, der seinen Nacken streifte.

Er selbst hatte kurz zuvor alle Türen und Fenster verschlossen und sich an seinen Schreibtisch gesetzt, wo er Worte in das kleine, duldsame Ohr des Bandgeräts gesprochen hatte, die ihm selbst fremd und unfassbar vorgekommen waren.

Sein Herz krampfte sich zusammen, als hinter ihm ein hartes, metallisches Klicken ertönte und eine Flüsterstimme raunte: »Du hast noch zehn Sekunden für ein letztes Gebet, Torrens – nutze sie!«

Er vereiste förmlich. Seine Hände senkten sich kraftlos und schwer auf die Lehnen des Stuhles, und das Mikrofon entfiel ihm, während er, ohne sich dessen richtig bewusst zu werden, innerlich den gerade festgelegten Countdown abzuzählen begann.

… 9 … 8 … 7 …

Nie zuvor hatte er die Dunkelheit um sich herum bedrückender empfunden. Er verfluchte seinen Mörder.

… 6 … 5 …

Alex Torrens drehte sich langsam mitsamt dem Rollstuhl herum. Eine sinnlose Bewegung. Denn die Schwärze, in der er, von der Tageszeit unabhängig, seit sechs Monaten dahinvegetierte, änderte sich dadurch keine Spur. Aber er wollte wenigstens das Gefühl haben, seinem unsichtbaren Feind Auge in Auge gegenüberzusitzen.

»Was zahlt man Ihnen dafür?«, krächzte er rau.

… 3 … 2 … 1 …

Die Antwort war so leise wie eine Flüsterstimme des Killers. Ein kurzes, schmatzendes Geräusch, das Alex Torrens schon nicht mehr hörte, weil seine Welt gerade in einer Explosion verging.

Zero.


2

Die Lady neben mir schnarchte wie ein ganzer kanadischer Holzfällertrupp. Ich ließ das Telefon absichtlich lange klingeln, um sie vielleicht auf diese Weise aus ihrem gesundheitsgefährdenden Schlaf zu reißen.

Gesundheitsgefährdend für mich.

Denn ich hätte eine längere Tiefschlafphase und ein paar ungestörte Träume dringend nötig gehabt. Es war spät geworden diese Nacht. Ich hatte als einzigen Trost, dass es Milo wohl nicht viel besser erging. Der hatte sich um die andere Hälfte des attraktiven Zwillingsgespanns kümmern dürfen, das wir in Cookie’s Bar aufgelesen hatten.

Meine – ihr Name war Wendy, wenn mir die Erinnerung keinen Streich spielte – hatte überdies einen dem Wetter draußen angepassten, katastrophalen Schnupfen, so dass sie nur durch den Mund atmen konnte.

Wovon sie auch ausgiebig Gebrauch machte.

Nicht einmal das Telefonklingeln schaffte es, die Kettensäge zum Verstummen zu bringen.

Ich hob ab.

Die Zeiger des Weckers schienen auf 6 Uhr früh festgenagelt zu sein – an einem Tag, den Milo und ich leichtsinnigerweise bereits im Voraus als frei verbucht hatten.

Unser Chef, Jonathan D. McKee, hatte offenbar andere Pläne mit uns, wie ich jetzt durch Linda, unser Mädchen in der Telefonzentrale, erfuhr.

»Nimm’s leicht, Jesse«, wisperte sie mir zum Schluss mit ihrer erotischen Altstimme ins Ohr, »auch wenn du nicht allein aufgewacht bist.«

»Hast du plötzlich hellseherische Fähigkeiten entwickelt?«, fragte ich missmutig.

Alles, was ich mir von der Fortsetzung der Nacht noch versprochen hatte, war mit einem Schlag im Eimer.

»Nicht nötig. Habe nur gerade mit Milo telefoniert und mich über ein mysteriöses Störgeräusch in der Leitung gewundert. Bis er mich aufgeklärt hat, was und mit wem ihr zwei Hübschen es bis in die Puppen getrieben habt. Übrigens das gleiche Geräusch wie jetzt. Nur eine Spur eindrucksvoller. Seid ihr in die Holzbranche gewechselt?«

Ich legte den Hörer auf.

Was ich wissen musste, wusste ich. Die trügerische Ruhe der letzten Tage war vorbei. New York hatte sich als das zurückgemeldet, was es in Wirklichkeit ist: Ein Moloch.

Eine nicht selten tödliche Maschinerie, in der sich Jäger und Gejagte tummelten. Oben wurden Verbrechen reingeschmissen – unten kamen gelöste Fälle heraus.

Manchmal.

Manchmal kam auch nichts.



3

Der Himmel hatte seine Schleusen geöffnet. Die Scheibenwischer meines roten Flitzers wurden kaum noch Herr der Lage. Draußen war es noch fast dunkel, und so lenkte ich den Sportwagen durch einen gespenstischen Glitzervorhang aus Regen und tausendfältigen Lichtreflexen.

Mein Freund und Kollege kauerte neben mir, nass bis auf die Knochen. Sein Regenschirm hatte, kurz bevor ich Milo an der üblichen Ecke aufgabeln konnte, den Geist aufgegeben. Fünf Sekunden Vollkörperkontakt mit der Flut hatten genügt, um ihn endgültig aus Orpheus’ Armen zu reißen und mit der härteren Seite der Wirklichkeit zu konfrontieren.

Seitdem war er sauer wie eine unreife Zitrusfrucht.

Aber im Moment schätzte ich sein verbissenes Schweigen sogar, weil ich selbst noch nicht ganz auf dem Damm war. Eine heiß-kalte Wechseldusche, sonst ein probates Hausmittelchen in solchen Fällen, hatte versagt. Und Wendy hatte den unerschütterlichen Schlaf einer Toten besessen. Sie war durch nichts und niemanden zu erwecken gewesen. Ich hatte ihr eine Nachricht hinterlassen.

Nach etwa halbstündiger Fahrt erreichten wir das Apartmenthaus am Courthouse Square.

Die Szenerie war bereits in Bewegung. Cops in dunklen Regencapes huschten wie aufgescheuchte Hühner zwischen blinkenden Einsatzwagen und dem Portal hin und her. Gaffer hatten sich eingefunden. Nicht einmal die sintflutartigen Regenfälle konnten sie von ihrem liebsten Freizeitspaß abhalten.

Wir rannten zum Eingang und schüttelten uns wie die Hunde, als wir trockenere Regionen erreichten.

Milos Mimik hatte sich verbessert.

Er grinste schon wieder.

Schadenfroh.

»Jetzt sind wir wieder Freunde«, erklärte er großzügig.

»Nass, aber Freunde – na, wenn das nichts ist!«, knurrte ich.

Wir bahnten uns einen Weg durch vorgelagerte Reporterbastionen. Unbekannte Gesichter zogen wie Streiflichter an uns vorbei. Freund Prewitt war nirgends auszumachen. Hätte mich nicht gewundert, wenn er längst jene Bilder im Kasten gehabt hätte, nach denen die Meute noch lechzte. Er war ein flinker Bursche – als Polizeireporter Extraklasse.

Der Aufzug war blockiert.

In Rekordzeit erreichten wir das fünfte Stockwerk über die Nottreppe. Hier hielt sich der Rummel in Grenzen. Die City Police hatte offenbar die komplette Etage abgeriegelt und kontrollierte sie weitgehend.

Der erste, der uns entdeckte, war Detective Lieutenant Harry Easton, von uns liebevoll ,Cleary‘ genannt. Er war der Leiter der Mordkommission Manhattan Süd, und seine Aufklärungsquote war ebenso phänomenal, wie in Kollegenkreisen gefürchtet.

Er winkte uns zu sich. Im Hintergrund bewegte sich die über zwei Meter große, kräftige Gestalt von Detective Sergeant Ed Schulz.

»Auf euch zwei habe ich schon sehnsüchtig gewartet«, empfing uns Cleary. »Der Fall fällt eindeutig in die Zuständigkeit des FBI.«

Das hatte uns schon Mr. McKee ausrichten lassen.

Und ein bisschen mehr.

»Wo liegt dieser Torrens?«

Er führte uns ins Apartment Nr. 5.1.

Dort lag es in einem Nebenzimmer: Das ärmste Schwein unter der Sonne.

Fast auf den Tag genau vor sechs Monaten war man schon mal drauf und dran gewesen, ihm das Lebenslicht auszublasen. Wie durch ein Wunder hatte er die Kugel überlebt. Sechs Wochen hatten sie im Krankenhaus an ihm herumgeschnipselt. In dieser Zeit war seine Familie beerdigt worden. Sie hatte weniger Glück gehabt als er. Aber was hieß schon Glück. Nach drei Operationen war er immer noch stockblind und an den Rollstuhl gefesselt gewesen.

Irgend jemandem hatte das offensichtlich noch nicht genügt.

Jetzt hing dieser Alex Torrens, den Witzbolde von der schreibenden Zunft vorschnell als das »Gewissen New Yorks« apostrophiert hatten, sehr stumm und sehr tot über der Lehne seines Rollstuhls vor einem mit technischen Spielereien vollgepackten Schreibtisch.

»So haben wir ihn gefunden«, erklärte Ed Schulz, der lautlos hinter uns getreten war. Er ließ die Worte wirken. »Nichts wurde verändert. Mal was ganz Neues. Das hatten wir noch nie.«

Milo schien ihn genauso wenig zu verstehen wie ich.

»Was meint er damit?«, wandte er sich an den Leiter der Mordkommission.

So neu war diese traurige Sache nun wirklich nicht für uns.

Doch Cleary hatte die besseren Argumente. Er zog eine Polaroidaufnahme aus der Tasche und reichte sie uns.

»Was ist das?«, fragte ich, während sich mir bereits der Magen leicht zusammenzog.

Neben mir stöhnte Milo.

Das Sofortbild zeigte den toten Alex Torrens aus fast dem gleichen Blickwinkel, wie wir ihm gerade gegenüberstanden. Mit einem Unterschied.

»Was ist das?«, wiederholte Milo meine Frage.

Detective Lieutenant Harry Easton tippte mit der Fingerspitze auf den deutlich sichtbaren Mann hinter Torrens.

»Der Killer«, sagte er rau und fuhr sich durch den blonden Bürstenschnitt. »Ein Bild des Killers – offenbar von ihm selbst für uns am Tatort hinterlassen.«



4

Alex C. Torrens war ein Vollblut-Politiker gewesen. Anfang 40, verheiratet, wahrscheinlich glücklich, ein Kind – bis zu jenem schwarzen Tag vor rund sechs Monaten, als ihn die Kugel des bis heute nicht ermittelten Attentäters traf und seine Familie ausgelöscht wurde.

Seit damals waren wir dran an diesem Fall. Das heißt: Hauptsächlich hatten sich unsere Kollegen Jay Kronburg und Medina darin verbissen. Es gab viele Spuren, sogar einige direkte Tipps aus der Unterwelt und nicht zuletzt die Aussagen von Torrens selbst – zu Lebzeiten, versteht sich – , aber immer noch nichts, was man dem Staatsanwalt hätte präsentieren können.

Und nun war Alex C. Torrens, der mehr als einem Mafiosi auf den Schlips getreten war, so, wie ihn seine Feinde schon lange hatten sehen wollen: Tot!

Kein Wunder, dass uns Jonathan D. McKee, unser Chef in der FBI-Zentrale an der Federal Plaza, eine gehörige Standpauke hielt. Eine, die uns unter die Haut ging, ohne dass er auch nur die Stimme zu erheben brauchte. Er ist eine Autoritätsperson, die ohne Brecheisen-Methoden auskommt, um sich Respekt zu verschaffen. Der geborene Stratege. Um so schmerzlicher musste er eine Panne empfinden, wie sie in diesem Fall passiert war.

Am liebsten hätten wir uns in ein Mauseloch verkrochen: Milo, Jay, Orry, Clive Caravaggio, Jennifer Johnson und ich – alle, die irgendwann einmal mit dem Torrens-Fall in Berührung gekommen waren.

Mr. McKee schien es selbst am meisten zu bedauern, wie er uns auf Taschenformat zurechtstutzte. Seine Künstlerhände ruhten auf der Schreibtischplatte, während er sich in seinem Stuhl zurücklehnte und uns, die wir Spalier vor ihm standen, der Reihe nach musterte.

»Und nun, meine Special Agents, möchte ich gerne hören, was Sie zu der Sache zu sagen haben. Mister Zeerokah?«

Amerikas bestangezogener indianischer G-man nestelte eher verlegen an seinem feinen Zwirn, ehe er kaum hörbar herausquetschte: »Torrens stand unter unserer Beobachtung. Schutzobservation …«

»Schutzobservation? Was Sie nicht sagen!« Ein undefinierbarer Ausdruck huschte über Mr. McKees nun wieder vollkommen väterliches Gesicht. »Darf man erfahren, wie es trotzdem soweit kommen konnte?«

»Torrens war erst kürzlich in dieses Apartment eingezogen, weil er eine kleine Wohnung gesucht hatte, in der er sich trotz seiner Behinderungen einigermaßen ohne fremde Hilfe zurechtfinden konnte.«

»Vor einer Woche«, bestätigte unser Chef, der ohne Zweifel inzwischen alle verfügbaren Akten studiert hatte. »Sie sagen es. Wer war für die Überwachung abgestellt?«

»Das … äh … ist der Knackpunkt, Sir …« Orry drehte und wand sich, so gut er eben konnte, aber es half alles nichts. Er musste es ausspucken. »Gestern … niemand, Sir. Irgend etwas lief da wohl ziemlich schief. Ich …«

»Wer hat die Observierungspläne erstellt?«

»Donnegan, Sir.«

Mr. McKees Gesicht überschattete sich. Alle Strenge entwich daraus.

Donnegan hatte Mist gebaut, soviel war klar.

Aber Donnegan war nicht mehr zu belangen.

Unser irischer Kollege war vor drei Tagen, kurz nach Fertigstellung des kompletten Wochenplanes, bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Heute Nachmittag war seine Beerdigung.



5

Der Regen hämmerte ein Stakkato auf unsere Regenschirme. Das Sprichwort, wonach man bei solchem Wetter keinen Hund vor die Tür jagt, mochte auf Vierbeiner vielleicht zutreffen. Wir waren freiwillig hinausgegangen, um Dick Donnegan die letzte Ehre zu erweisen.

Über dem offenen Grab war ein provisorisches Gerüst mit einer Plastikplane errichtet worden, die verhindern sollte, dass das Erdloch voll Wasser lief, noch ehe der schlichte Holzsarg darin versenkt war.

Es hatte nicht viel geholfen. In der Tiefe blubberte und platschte es, dass empfindsamere Seelen schon mal das Nervenflattern kriegen konnten.

Was man Toten nicht alles zumutete!

Donnegan war Junggeselle gewesen. Anfang Vierzig. Vor Jahren war er aus Irland eingewandert. Lebende Verwandtschaft war nicht aufzutreiben gewesen, und Freunde außerhalb des Kollegenkreises schien er nicht besessen zu haben. Er war ein verschlossener, introvertierter Typ gewesen. Aber einer, der dich nie hängen ließ, wenn du ihn brauchtest.

Deshalb waren Milo, ich und ein paar andere trotz dieses Mistwetters gekommen, um ihm das letzte Geleit zu geben.

Es war die seltsamste und schnellste Bestattung, der wir je beigewohnt hatten.

Der Pfarrer schien ein Verfechter unkonventioneller Ideen zu sein. Das Blatt, auf dem seine kurze Predigt niedergeschrieben stand, hatte er in wasserabweisende Folie eingeschweißt. Ebenso war er bei ein paar losen Bibelseiten verfahren, aus denen er zitierte.

Unkonventionell, aber wirkungsvoll.

Was er sagte, verstand kaum jemand. Aber darauf kam es gar nicht so sehr an. Wir kannten Dick Donnegan ohnehin am besten, und ich denke, jeder von uns, der dieses Unwetter über sich ergehen ließ, machte sich im Stillen seine eigene passende, kleine Predigt zurecht.

Nach höchstens zehn Minuten war der ganze Spuk vorüber.

Der Sarg verschwand wie bei einer Seebestattung in dunklen Fluten, und zwei triefende Totengräber schütteten schaufelweise Erdreich hinterdrein.

Milo und ich setzten uns noch auf einen Drink in Cookie’s Bar. Von den Zwillingen, die wir hier kennengelernt und im Morgengrauen etwas überstürzt alleingelassen hatten, hatten wir noch nicht wieder etwas gehört.

Daran sollte sich vorläufig auch noch nichts ändern.



6

Ich habe mich oft gefragt, was diesen speziellen Durst nach einer Beerdigung hervorruft – ohne je dahinterzukommen.

Die Bar wirkte regelrecht entvölkert, als wir eintraten. Nur am Tresen lümmelten die Überreste eines Kerls, der mir schon letzte Nacht an gleicher Stelle aufgefallen war. Mittlerweile musste der Alkohol mehr Aktien in seinem Körper besitzen als sein Blut. Aber er wirkte glücklich. Sein Mona-Lisa-Lächeln rundete die melancholische Stimmung, in der wir uns befanden, auf passende Weise ab.

Cookie bediente uns höchstpersönlich.

»Wie immer?«, fragte er.

Wir nickten. Er grinste und brachte uns wenig später das, was wir jetzt am nötigsten brauchten.

»Ich kann immer noch nicht fassen, dass einem alten Hasen wie Dick so ein dicker Fehler unterlaufen ist«, sprach Milo nach dem ersten, kräftigen Schluck Bier das aus, was mir längst auf der Seele brannte.

»Im Leben passieren die verrücktesten Dinge«, meinte ich. »Nimm diesen Killer zum Beispiel, der da draußen herumläuft, einen an den Rollstuhl gefesselten Blinden abknallt – und dann seinen eigenen Steckbrief zurücklässt, der ihn wie einen aufgeblasenen afrikanischen Großwildjäger vor erlegter Beute zeigt. Abartig!«

»Pervers!«, stimmte mir Milo kopfschüttelnd zu.

Wir versuchten, die Erinnerung daran wie einen schlechten Geschmack hinunterzuspülen.

Es klappte nicht.

»Was ist mit dem Foto passiert?«, erkundigte sich mein Freund.

»Ging ins Labor. Man arbeitet an einer Ausschnittvergrößerung, die uns den Killer näherbringen soll. Auf dem Polaroid war nicht genügend zu erkennen.«

»Hat man auf dem Bandgerät etwas gefunden, das auf dem Tisch stand? Lief es zufällig, als der Mörder zuschlug?« Ich schüttelte den Kopf. »Das wäre zu schön gewesen. Aber die Kassette fehlte. Torrens’ Mörder muss sie mitgenommen haben. Es ist ohnehin zweifelhaft, ob überhaupt eine Unterhaltung zwischen Opfer und Täter stattgefunden hat.«

»Du glaubst es nicht?«

Ich zuckte die Achseln. »Hier war ein Profi am Werk. Das Ganze war eine verspätete Hinrichtung.«

Ich merkte, dass Milo diese Version nicht so ohne weiteres schlucken wollte.

»Ein Profi hinterlässt doch keine Spur so breit wie der Hudson River!«, wandte er ein. »Dieses Foto ist doch Ausdruck reinster Paranoia. Mit etwas Glück finden wir den Typ in unserer Kartei. Er liefert sich damit selbst ans Messer!«

»So könnte man meinen. Ich bin sicher, so soll man auch meinen. Und gerade das ist es, was mich stutzig macht. Der Killer ist nicht dumm. Die Aktion war minutiös geplant. Das ist es, was ich nicht kapiere: Donnegan unterläuft einmal im Leben ein drastischer Fehler bei der wöchentlichen Einsatzplanung – und der Killer nutzt diese Chance sofort kaltschnäuzig, um sein Ding durchzuziehen. Etwas viel der Zufälle, meinst du nicht auch?«

»Was wäre die Alternative zu Zufällen?«, fragte Milo.

Ich schwieg.

Wir sahen uns an und wussten, dass wir beide an das Gleiche dachten.

Das Bier, das vor uns stand, schmeckte uns plötzlich nicht mehr.



7

»Nikos Effinger«, erklärte Clive Caravaggio und heftete ein Hochglanzfoto an die Pinnwand des Besprechungsraumes. »Alter unbekannt. Verwitwet. Sechs Kinder. Der Pate von Italian Harlem. Grieche.«

»Grieche?«, echote eine Stimme aus dem Hintergrund.

Clive nickte. »Ein Eisenschädel. Muss schon so um ein halbes Dutzend schwerster Anschläge aus den Reihen konkurrierender Syndikate überstanden haben. Böse Zungen munkeln, an ihm sei nichts mehr echt bis auf das verbrecherische Hirn. Ein Cyborg, wenn man so will, zusammengesetzt aus künstlichen Transplantaten, und am Leben erhalten von den Wundermitteln modernster Biochemie. Wenn sie den mal beerdigen, liegt in dem Sarg kein Mensch, sondern eine Maschine.«

Clive fütterte uns mit weiteren Fakten, die wir größtenteils kannten. Nikos Effinger hieß in Wirklichkeit Nikos Kanelakis. Aber in der nicht immer rühmlichen amerikanischen Kriminalgeschichte hatte es einen Mann gegeben, den sich der Pate von Italian Harlem früh zum Vorbild erkoren hatte. Sein Name: Alfred Effinger, seines Zeichens Waffenschieber, Alkoholschmuggler und Massenmörder. Dieser Alfred Effinger starb Weihnachten 1938 im Kugelhagel eines blutigen Bandenkrieges. Das Zuchthaus hatte er zeitlebens nur von außen gesehen; ihm war nie auch nur das kleinste Verbrechen nachzuweisen gewesen.

»Seit wir im Fall Torrens ermitteln – also ein halbes Jahr«, schloss Clive, »haben wir diesen Nikos Effinger bereits im Visier. Einige Hinweise nennen ihn als Drahtzieher, der schon hinter dem ersten Anschlag auf Alex Torrens steckte, weil dieser ihn in aller Öffentlichkeit aufs Schärfste attackierte – mit Behauptungen, die Torrens bis heute nicht mit Fakten erhärtet hat, obwohl er sich bis zuletzt damit brüstete, über hieb- und stichfeste Beweise zu verfügen, dass Effinger bis zum Hals im illegalen Wettgeschäft und anderen einträglichen, gleichfalls verbotenen Spielchen steckt!«

»Vielleicht liegen die Beweise bei ihm zu Hause im Safe und warten nur darauf, herausgenommen zu werden«, warf Milo ein.

Clive blickte ihn an und erklärte trocken: »Er hat keinen Safe.«

»Schade. Die Idee war gut, finde ich.«

Clive fuhr fort: »Es gäbe zwei Wege, im Fall Torrens endlich, wenn auch zugegebenermaßen für Torrens selbst etwas spät, den entscheidenden Durchbruch zu schaffen. Erstens: Wir finden den Täter, der vor sechs Monaten seinen Job versiebte. Oder zweitens: Wir entdecken in Torrens’ Hinterlassenschaft die Beweise, mit denen wir Effinger an den Kragen können – und über ihn finden wir letztlich auch den Kerl, der das erste Blutbad vor einem halben Jahr veranstaltete.«

»Es gibt noch eine dritte Möglichkeit«, sagte ich.

Alle blickten mich an.

»Und die wäre?«

»Dass wir Torrens’ jetzigen Mörder ausfindig machen. Das Fahndungsfoto hat er uns immerhin frei Haus geliefert!«

Clive wühlte eine Weile in seinen Unterlagen und heftete schließlich eine mittels Computertechnik in beeindruckender Qualität hoch vergrößerte Schwarzweißaufnahme neben Effingers miese Visage.

Ein Raunen lief durch den Raum.

Der ältliche, zur Korpulenz neigende Spießer schien uns vom Foto herunter auszulachen. Sein Gesicht war käsig weiß, glattrasiert und von einem schwabbeligen Doppelkinn geprägt, das jede exakte Definition, wo der Hals aufhörte und der Kopf begann, verbot.

Der Typ wirkte wie der freundliche, dicke Onkel um die Ecke. Einer, von dem manches Kleinkind Bonbons angenommen hätte.

Eine widerliche Vorstellung.

»Du meinst also, der erfolgreiche Killer von Torrens ist nicht mit dem Täter vor sechs Monaten identisch?«, hakte Clive nach.

»Würdest du einem Versager die Chance geben, es nochmal zu vermasseln, wenn einiges auf dem Spiel steht?«, stellte ich die Gegenfrage.

»Wahrscheinlich nicht«, sagte er nach kurzem Zögern.

»Eben. Ist das Foto schon in der Fahndung?«

»Seit einer Stunde. Jeder von euch erhält einen Abzug.«

»Wie schön. Hoffentlich wird da mein Freund nicht eifersüchtig!«, ulkte Milo mit verstellter Stimme.

»Bestimmt nicht«, beruhigte ich ihn.



8

Der seltsame Wagen stand seit einem halben Tag auf einem Privatparkplatz nahe dem East River in der Lower East Side.

Mrs. Elsa Pompadou war eine im Allgemeinen recht tolerante Lady von sechsundneunzig Jahren, die zwei Weltkriege, ihren Mann, drei Söhne, zwei Töchter und sieben Katzen überlebt hatte und das Leben, das Universum und den Rest seither von einer erhöhten Warte aus betrachtete.

Ein widerrechtlich auf ihrem Grundstück abgestelltes Fahrzeug brachte sie nicht gleich in Rage.

Dieses Gefährt jedoch – ein pechschwarzer Dodge Shadow, Baujahr ’80 – versetzte ihre kleinen grauen Zellen in Aufruhr.

Etwas, das spürte sie mit der ganzen Reife ihres biblischen Alters, stimmte damit nicht. Denn jemand hatte alle Scheiben mit giftgrüner, sicherlich nicht gerade umweltfreundlicher Farbe übersprüht, so dass nicht das kleinste Guckloch ins Innere übriggeblieben war.

Der Wagen kauerte da wie ein plötzlich verendetes, stählernes Monstrum.

Ein schöner Anblick war das nicht.

Außerdem fehlten die Nummernschilder.

Deshalb – wirklich nur deshalb – rief Mrs. Pompadou die Polizei.

Und die rief uns.

Und kurz darauf hatten wir Torrens’ Killer.


9

Mein sechster Sinn meldete sich.

Leider zu vage, um ihn zu verstehen.

Wir standen vor dem gewaltsam geöffneten Dodge und starrten auf die darin befindliche Leiche.

Zum ersten Mal bekamen wir den Allerweltsmörder in natura zu Gesicht.

Der Killer war tot. Er hatte sein Opfer um höchstens ein paar Stunden überlebt.

Jemand hatte ihm die Kehle durchgeschnitten.

Dafür, dass er nicht in diesem Wagen getötet worden war, sprach die geringe Menge Blut, die wir fanden. Also war er bereits tot in den Dodge verfrachtet und hierher gefahren worden. Vor mindestens sechs Stunden – da war der Zeugin das hässliche Grün zum ersten Mal aufgefallen.

Mrs. Pompadou wartete in der Nähe. Sie unterhielt sich mit den beiden Streifencops, die den Wagen schließlich geknackt und uns informiert hatten.

Sie wirkte nicht im geringsten schockiert. Eher interessiert.

Ein bisschen kam sie mir vor wie eine verstaubte Wissenschaftlerin, die ein kompliziertes Experiment überwachte, bei dessen Rollenverteilung wir nicht sehr gut abgeschnitten hatten.

Ich muss gestehen, ich kam mir etwas sonderbar vor.

Milo ging es nicht besser.

Das Sonderbarste aber war der tote Killer selbst.

Er war klitschnass.

Dennoch konnte er nicht allzu lange im Wasser zugebracht haben. Leichen dieser Art sehen anders aus. Nämlich noch sehr viel unappetitlicher.

»Verstehst du das? Kommt das vom Regen? War das Wagendach undicht?« Milo trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Warum, zum Teufel, kann ich mich eigentlich nicht freuen, dass wir ihn haben?«

Ich lächelte grimmig. »Weil er uns so nichts nützt. Wir hätten ihn lebend gebraucht. Immerhin wollen wir nicht nur ihn, sondern auch seinen Auftraggeber. Also Effinger, falls der die Finger im Spiel hat. Und wir wollen wissen, wer den heißen Tipp verriet, dass Alex Torrens gestern ohne Schatten war.«

Ich dachte an Dick Donnegan. Den Mann, den wir heute beerdigt hatten.

Auch wenn wir es immer noch nicht wahrhaben wollten: Die Möglichkeit, dass er selbst die undichte Stelle gewesen war, ließ sich nicht mehr einfach übergehen.

Milo nickte.

Er fischte eine Brieftasche aus der Jacke des Toten. Total durchweicht, aber die Papiere waren noch leidlich lesbar.

»John Mensini … Freier Handelsvertreter …«

»Lass überprüfen, ob der Ausweis echt ist oder zur Tarnexistenz eines Profis gehört«, sagte ich.

In diesem Moment erschien Doc Howard auf der Bildfläche.

Wir hatten ihn gerufen.

Er sah etwas mitgenommen aus, als er aus dem Polizeiwagen stieg. Für ihn waren die letzten Tage weniger geruhsam als für uns verlaufen, wie er uns bereits am Telefon erklärt hatte. Bei ihm stapelten sich nach eigenen Angaben die Leichen auf den Seziertischen bereits bis unter die Decke, und er schien richtig froh zu sein, mal wieder an die Luft zu kommen.

»Tag, Jungs!«, begrüßte er uns, klappte sein Köfferchen auf und machte sich an dem Toten zu schaffen. »Hat sich aber ’ne böse Erkältung zugezogen, der Ärmste. Kein Wunder, wenn man in solch nassen Klamotten ’rumläuft.«

»Können Sie den genauen Zeitpunkt des Todes benennen?«, fragte ich.

Er lachte. »Ein bisschen Zeit müsst ihr mir schon geben!«

Er hatte recht, natürlich. Milo warf mir auch schon komische Blicke zu. Ganz zu schweigen von Mrs. Pompadou. Aber in mir rumorte etwas, das sich nicht in Worte fassen ließ.

Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Der Doc ließ sich Zeit. Schließlich meinte er: »Zwölf Stunden … Minimum. Eher mehr. Genaues lässt sich erst nach der Obduktion sagen.«

Ich rechnete die Angaben überschlägig durch und kam zu dem Schluss, dass sie sich in etwa mit dem deckten, was wir über Alex Torrens Todeszeitpunkt wussten. Seinen Killer musste es folglich nur wenig später selbst erwischt haben. Und das konnte wiederum eigentlich nur bedeuten, dass sein Auftraggeber ihn aufs übelste gelinkt hatte.

»Lass uns einen Besuch abstatten«, sagte ich zu Milo.

Seine Augen funkelten. »Nikos Effinger?«, fragte er.

»Nikos Effinger!«, nickte ich.


10

Das vermeintlich schäbigste Haus am Platze war Effingers Residenz. Hier hielt der Pate von Italian Harlem Hof.

Das gewaltige, alleinstehende Gebäude aus roten Backsteinen erschlug einen fast, wenn man davor stand und hochschaute. Hinter den Fenstern war nichts zu erkennen. Die Scheiben waren ausnahmslos mit Spezialfolie beklebt, die zwar den Blick von drinnen nach draußen gestattete, nicht aber umgekehrt.

Clever.

Aber so etwas erwartete man auch von einem Mann, der schon zu Lebzeiten eine Legende war.

»Big Daddy lebt immer noch so bescheiden, wie ich es in Erinnerung habe«, meinte Milo ironisch.

Er wusste, wovon er sprach. Wir hatten Effinger vor längerer Zeit schon einmal besucht – und uns waren fast die Augen herausgefallen, als wir den Prunk gesehen hatten, der sich hinter dieser Armenhausfassade verbarg.

Effinger gab sich in der Öffentlichkeit gern als ein Mann des Volkes. Dem kleinen Mann auf der Straße hätte aber gewiss der Erlös des popeligsten Originalgemäldes auf Effingers Klo genügt, um für den Rest seines Lebens ausgesorgt zu haben.

Nikos Effinger dachte in anderen Maßstäben.

Wie lange noch?

Sein wahres Alter schien niemand zu kennen. Doch es gab Schätzungen, von denen keine unter 60 und die gewagtesten um die 80, 85 Jahre lagen.

Ich persönlich tippte auf tot. Der Kerl bestäubte sich mit einem widerlich süßen Parfüm, das den Verdacht auf fortgeschrittene Verwesung nicht ganz abwegig erscheinen ließ, auch wenn sich Effinger selbst scheinbar noch den Lebenden zurechnete.

Wir klopften gegen das riesige Holztor, in das zusätzlich eine kleinere Durchgangstür eingelassen war. Eine Klingel gab es nicht, nur rohe Gewalt, aber wir konnten darauf wetten, dass man uns nicht nur hörte, sondern auch sah. Im Zeitalter der Videotechnik war das das kleinste Problem.

Den Beweis dafür erhielten wir, als sich eine Luke öffnete und ein drogenzerfressener Totenschädel sichtbar wurde.

Aber egal, wie der Knabe aussah – er hatte Manieren.

»Sie wünschen, Mr. Trevellian, Mr. Tucker?«

In diesem Augenblick ertönte ein anderes, auch nicht gerade wohltönendes Organ aus einem unsichtbaren Lautsprecher.

»Lass sie herein, Costas! Ich erwarte die Herren G-men im Blauen Salon!«



11

Costas verabschiedete sich stumm, nachdem er uns in einen Raum gebracht hatte, bei dem es sich nur um den bezeichneten ›Blauen Salon‹ handeln konnte.

Blau war die vorherrschende Farbe.

Das kälteste Blau, das ich je gesehen hatte. Es war von ähnlicher Qualität, wie es Industriefotografen manchmal benutzen, um einen sogenannten High-Tech-Touch bei Betrachtern ihrer Bilder rüberzubringen.

Auch Milo lief es kalt den Rücken hinunter.

»Stimmungsvoll«, lästerte er und widmete sich mit Hingabe dem Inhalt eines Plexiglaskastens, der auf einer Vorrichtung auf und nieder wippte und in dessen Innern eine intensiv blaue Woge unbekannter Zusammensetzung abwechselnd nach links oder rechts rollte.

Ein faszinierender Anblick, zumal die sirupzähe Flüssigkeit aus dem Podest heraus noch hart angestrahlt wurde.

»Das gefällt dir wohl?«, fragte ich Milo.

Er nickte begeistert, breitete die Arme aus, um den gesamten Raum einzubeziehen, und meinte: »Genau mein Geschmack. Ich überlege, ob ich meine kleine Wohnung nicht von Grund auf in diesem Stil renoviere.«

Ich wollte gerade auf das Geflachse eingehen, als sich die zweiflügelige Tür, durch die wir hereinkomplimentiert worden waren, mit Schwung und nicht gerade geräuschlos auftat.

Mir blieben die Worte im Halse stecken.

Nikos Effinger hatte sich seit unserem letzten Besuch sehr krass und gewiss nicht zu seinem Vorteil verändert!

Er stakste herein wie eine Marionette, deren Führungsfäden sich verheddert hatten. Jede Bewegung wirkte zufällig, schlecht kontrolliert und fahrig.

Effinger war ein Riese von knapp zwei Metern, was alles noch ungelenker wirken ließ. Schlank wie eine Tanne ragte er empor, und erst sein Gesicht machte deutlich, dass er einer dreitausend-jährigen, vertrockneten Mumie ähnlicher war als einem lebendigen Menschen. Sein quietschender Atem hörte sich an wie ein löchriger Blasebalg. Beim letzten Mal hatte er eisgraues, streng nach hinten gekämmtes Haar besessen; nun schimmerte es wie hauchdünn aufgespulter blauer Draht.

Aber das Wahnsinnige von allem war seine Haut.

»Blau!«, flüsterte mir Milo zu und stieß mir den Ellbogen in die Seite. »Großer Himmel, er ist blau!«

Ich sah es selbst – und glaubte dennoch zuerst an eine durch die Beleuchtung hervorgerufene Halluzination.

»Michael Jackson ist ein Waisenknabe gegen den!«, zischte ich genauso leise zurück.

»Ah, die Herren G-men!«, hallte es uns metallisch entgegen. Effinger war drei Schritte vor uns zum Stehen gekommen und hielt uns etwas entgegen, was wie eine Robothand aus dem »Krieg der Sterne« aussah.

Wir übersahen die Höflichkeitsfloskel, die bei Effinger so falsch wie der Name in seinem Pass war.

Beeindrucken konnten wir ihn durch unsere Verweigerung nicht.

»Was führt Sie zu mir?«

Er kommunizierte über eine Art Kehlkopfmikrofon, das uns bei jedem anderen Mitleid abgenötigt hätte. Aber der Pate von Italian Harlem brauchte unser Mitgefühl nicht. Mittlerweile gab es über ihn einen etwa zehn Zentimeter dicken Aktenordner, in dem sich alles sammelte, was man ihm über die Jahre hinweg zur Last gelegt hatte – ohne ihm je auch nur das Geringste beweisen zu können. Wenn auch nur ein Prozent von allem stimmte, dann war er kein Mensch, sondern vielleicht tatsächlich ein solcher Alien, wie seine außerirdische Hautfärbung vorgaukeln wollte.

Ich gab Milo ein Zeichen, mir das Gespräch zu überlassen, und sagte: »Torrens ist tot. Ich dachte, es würde Sie interessieren. Falls Sie es nicht längst wissen.«

Effinger mimte den Betroffenen.

»Wie sollte ich?«

Er quetschte sich eine Krokodilsträne aus dem Auge, das beim letzten Mal noch dunkelbraun gewesen war. Die jetzige Farbe war – wie auch anders – blau.

»Aber seit wann betätigt sich das FBI als Überbringer guter Nachrichten?«

»Seit wir auf dem besten Weg sind, Ihnen das dreckige Handwerk zu legen, Effinger! Ein für allemal. Und glauben Sie mir: Im Knast werden Sie Schwierigkeiten haben, Ihre morbiden Schönheitsoperationen durchzusetzen!«, sagte ich kalt.

»Wovon reden Sie?«, fragte er unbeeindruckt. Er öffnete eine Glasvitrine und nahm eine Flasche und eine Schale mit Konfekt heraus. »Möchten Sie auch einen Drink? Blue Cyrtaki. Eigens nach meinen Wünschen gekeltert.«

»Ersticken Sie daran!«, empfahl ihm Milo, der sich nicht länger zurückhalten mochte. »Seit wann vergreifen Sie sich an Behinderten, Effinger? Hat es Ihnen nicht genügt, Torrens’ Familie auszulöschen? Waren Sie es Ihrem Stolz schuldig, das Begonnene zu Ende zu führen, ganz gleich, wie mies es sein würde? War es so, Sie Scheißkerl?«

»Aber Mister Tucker …« Nikos Effinger nippte an seinem Drink, schob sich gleichzeitig eine der Pralinenkugeln in den Mund, und spielte den Beleidigten. »Wovon reden Sie überhaupt? Natürlich kenne ich Alex Torrens. Was ist ihm zugestoßen? Was auch immer es ist, ich bedauere es, glauben Sie mir. Ich mag Gegner mit Format. Torrens hat mich in dieser Hinsicht nie enttäuscht.«

»Ob Sie das auch noch sagen, wenn wir Ihnen Torrens’ Vermächtnis vor den Latz knallen?«, sagte ich wie beiläufig.

Effingers Lippen klebten einen Sekundenbruchteil wie festgefroren am Rand des Glases. Er trat einen Schritt auf mich zu und taxierte mich mit Röntgenblick.

»Ich verstehe immer noch nicht.«

Ich zuckte die Achseln und gab Milo ein Zeichen. »Denken Sie darüber nach«, empfahl ich. »Sie sind ein kluger Mann. Ich bin sicher, Sie werden dahinterkommen.«



12

Als sich die Tür hinter den beiden G-men geschlossen hatte, huschte ein falsches Lächeln über Effingers Gesicht. Er ließ eine weitere Praline im Mund verschwinden und trat dann mit schwankenden Bewegungen zu der Glasvitrine, auf der das Telefon stand. Die Nummer, die er wählte, kannte er auswendig.

Sein Gedächtnis war phänomenal. Und gefährlich außerdem. Denn gepaart mit einer seiner ausgeprägtesten Charaktereigenschaften, nämlich der, sehr nachtragend zu sein, hatte es sich schon häufig als tödliches Grab für Leute herausgestellt, die sich seinem Wort nicht beugen wollten.

Das Rufsignal läutete dreimal klar durch, ehe Effinger den Hörer wieder auflegte und wartete.

Sekunden später schrillte sein Telefon.

Er hob ab und sprach in kehligem Ton mit dem Unbekannten am anderen Ende der Leitung.

Seine Befehle waren unmissverständlich und wurden sorgfältig notiert.



13

»Und nun?«, fragte Milo, als wir Effingers Festung verlassen hatten und uns im Auto durch den zähen Nachmittagsverkehr quälten.

»Wir haben den Köder ausgelegt«, sagte ich. »Wir werden sehen, ob er ihn schluckt. Eigentlich glaube ich es nicht. Effinger steht nicht umsonst an der Spitze des Syndikats, das Italian Harlem kontrolliert. Er ist schlau wie ein Fuchs und kalt wie ein Fisch.«

»Heb’ ihn nur nicht zu hoch in den Gangster-Himmel.«

Ich lachte. »Keine Bange. Jeder macht Fehler. Effinger braucht vielleicht etwas länger. Aber ich schwöre dir, wir kriegen ihn!«

»Dein Wort in Gottes Ohr.«

Wir fuhren zum FBI-Gebäude, stellten den Sportwagen in der Tiefgarage ab und sausten mit dem Lift in den 26. Stock des Hochhauses.

Als wir im Büro ankamen, empfing uns Clive mit der Nachricht, dass wir uns sofort beim Chef sehen lassen sollten. Er zwinkerte uns dabei zu, was soviel heißen mochte wie: Zieht euch warm an, Jungs.

Wir taten unser Bestes.

Mandy sah bezaubernd aus wie immer, als sie uns bei Mr. McKee meldete.

»Kaffee?«, rief sie uns nach, noch ehe wir im Allerheiligsten verschwanden.

»Immer!«, antworteten wir unisono. Mandys Kaffee ist ein Gedicht. Und wahrscheinlich das einzig wirksame Aufputschmittel bei diesem Mistwetter überhaupt.

Mr. McKee winkte uns herbei und bot uns Platz an. Er wirkte etwas müde, aber souverän wie immer.

Und er war nicht allein.

Doc Howard war bei ihm.

»Hallo Jesse, Milo …« Jonathan D. McKee strich sich mit den feingliedrigen Künstlerhänden durch das graue Haar. »Der Doc hat ein paar Fragen an Sie. Und ich auch.«

Unsere Aufmerksamkeit konzentrierte sich sofort auf Howard.

»Nur zu«, erklärte Milo lässig. »Wollen Sie unser Gesundheitsattest? Zugegeben, der letzte Check liegt Monate zurück. Aber ich fühle mich fit wie ein Turnschuh.«

»Niemand zweifelt daran«, sagte der Doc sanft. »Aber die Fragen, die ich stellen muss – eigentlich ist es nur eine -, betrifft nicht Sie, sondern den Toten, den ich heute untersucht habe.«

»Mensini?«, erkundigte ich mich. »Den Killer?«

»Den Toten im Dodge … ja. Vielleicht erinnern Sie sich. Er war klitschnass …«

»Die Regenfälle der letzten Tage«, sagte Milo.

Aber Howard schüttelte entschieden den Kopf. »Etwas stimmt mit diesem Toten nicht – und das liegt gewiss nicht am Regen!«

»Ich verstehe nicht«, wandte ich ein.

»Ich auch nicht«, knurrte Howard. »Ich auch nicht! Verdammt, ich wollte Sie fragen, ob Ihnen nicht auch etwas spanisch vorgekommen ist an der ganzen Sache.«

Ich überlegte kurz, ob es Sinn machte, von den Warnsignalen meines Instinktes zu sprechen, der beim Anblick des Toten deutlich angeschlagen hatte. Doch ich entschied mich dagegen.

»Nichts Greifbares«, hielt ich mich bedeckt. »Worauf wollen Sie hinaus? Was passt Ihnen an der Leiche nicht?«

Howard wiegte bedächtig den Kopf. »Wenn ich das so genau wüsste. Ich habe diesen Mensini obduziert und nichts Überraschendes dabei gefunden. Das einzige, was mir schwerfällt, ist, den genauen Todeszeitpunkt festzulegen.«

»Jeder hat so seine Sorgen«, spöttelte Milo. »Wenn Sie sonst keine Probleme haben … Und deshalb sind Sie persönlich gekommen?«

Doc Howard zuckte die Achseln. Er schien nicht sehr glücklich darüber zu sein, dass ihm ein Toter Probleme bereitete, die er noch nicht einmal exakt definieren konnte.

Nach ein paar belanglosen Wortwechseln verabschiedete er sich mit dem Versprechen, Mr. McKee über neue Erkenntnisse sofort zu unterrichten.

Mandy brachte den Kaffee. Ihre Erscheinung hellte den Raum für kurze Zeit auf. Draußen waren wieder schwere Wolken aufgezogen, die bald ihre Wassermassen auf die City abregnen würden.

Wir erzählten von unserer Stippvisite bei Effinger, über die unser Chef noch gar nicht Bescheid wusste.

Sorgenfalten gruben sich in seine Stirn, als ich den Bericht abschloss.

»War es klug, dem Paten gleich aufs Fell zu rücken?«, fragte er.

»Wir wollten Bewegung in dieses miese Spiel bringen«, erklärte ich fest. »Mit Höflichkeit und Abwarten allein kommen wir nicht weiter.«

»Da mögen Sie recht haben. Aber das mit Torrens’ Vermächtnis klingt für mich wie ein phantastisches Märchen. Die Realität macht selten solche Geschenke.«

Milo und ich nickten.

Mehr gab es dazu nicht zu sagen. Es blieb abzuwarten, wie Effinger diesen Punkt einschätzte.



14

Meg Cyrian hielt kurz in der Bewegung inne. Durch das Rauschen des heißen Duschstrahles drangen alle Geräusche von außen wie durch einen dicken nassen Schwamm zu ihr vor.

»Stormy!«, rief sie und drehte mechanisch den Wasserhahn zu. Der Strahl versiegte. Durch den Dunst, der sich wie Nebelschwaden über das winzige Badezimmer gelegt hatte, lauschte sie auf eine Antwort.

Aber es blieb still.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie nicht durch ein Geräusch aufmerksam geworden war, sondern durch die völlige Abwesenheit solcher.

Es war totenstill in der Wohnung. Nur die Tropfen, die über Megs Körper liefen und sporadisch gegen den Boden der Duschwanne trommelten, waren zu hören.

»Stormy?« Megs Stimme zitterte leicht.

Verdammt – spielte er ein Spiel mit ihr?

Sie langte nach dem riesigen Badetuch, das sie bereitgelegt hatte, und schlang es um ihren dampfenden Körper.

Plötzlich fror sie. Von irgendwoher drang ein kalter Luftzug.

Mit steifen Bewegungen kletterte Meg aus der Duschkabine. Irgendwo in ihrem Hirn hatte sich ein schwer zu beschreibendes Gespinst aus Besorgnis ausgebreitet.

Der beschlagene Badezimmerspiegel gab ihr Bild nur unvollkommen wieder. Flüchtig dachte Meg an Stormys Worte, dass sie der heißeste Feger sei, der dieses Apartment je betreten hatte. Komplimente dieser Art kamen bei ihr an.

Doch die Erinnerung daran war nur ein kurzes gedankliches Intermezzo.

Sie erreichte die Tür, die einen Spalt offenstand, und schlüpfte lautlos hinaus.

Der Flur lag im matten Streulicht aus Bad und Schlafzimmer.

Meg unterdrückte das Verlangen, ein weiteres Mal nach Stormy zu rufen. Ihr Hals war pulvertrocken. Ein leichtes Erstickungsgefühl schlich sich zaghaft hinter ihren Kehlkopf und setzte sich fest.

Meg hinterließ eine deutliche Spur auf den Holzdielen, als sie zum Schlafzimmer wechselte, aus dem weiterhin kein einziges Geräusch drang.

Streiflichter der Angst blitzten auf dem kurzen Weg durch Megs Bewusstsein. War Demis hinter ihr sorgsam gehütetes Geheimnis gekommen? Hatte etwa der Alte Lunte gerochen?

Das, gestand sie sich ein, wäre gleichbedeutend mit ihrem Todesurteil gewesen.

Aber vielleicht war Stormy – entgegen seiner Gewohnheit – auch nur eingenickt.

Endlich erreichte sie die offene Tür, hinter der das breite französische Bett stand, in dem sie sich vor Minuten noch stürmisch geliebt hatten.

Die Erinnerung daran schuf neue Beklemmung bei Meg. Der Kontrast zwischen dem besten Sex seit Jahren und der jetzt herrschenden Grabesstille hätte nicht schrecklicher sein können.

Etwas stimmte ganz einfach nicht!

Solange sie Stormy kannte – intim kannte – war es

Impressum

Verlag: Vesta

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 10.09.2018
ISBN: 978-3-7476-0039-9

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