Cover

Die Zwillinge von Station 6

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Ina Bender, Stationsärztin im Hamburger Hafenkrankenhaus, soll vertretungsweise die Innere Abteilung einer Kinderklinik in der Lüneburger Heide übernehmen. Die Klinikverwaltung und leitenden Ärzte waren abgesetzt worden wegen Unregelmäßigkeiten mit den Krankenkassenabrechnungen. Um die Behandlung der kleinen Patienten sicherzustellen, soll Frau Dr. Bender und ihre neuen Kollegen die Aufgaben übernehmen. Zwar könnte die vorübergehende Chefarztstelle ein mögliches Sprungbrett für die sympathische Ärztin sein, wenn ihr Vorgesetzter Dr. Hammerstein nicht wäre, der ihr das Leben schwer macht ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

„Mögen Sie Kinder?“, fragte Professor Gött seine Stationsärztin.

Der bullig wirkende Chefarzt sah Dr. Ina Bender gespannt an.

„Natürlich, das wissen Sie doch, Herr Professor. Ich liebe sie sogar sehr.“

Er lehnte seinen massigen Körper im Sessel zurück und nickte mit befriedigtem Lächeln. „Also gut. Ich habe es eigentlich auch nicht anders erwartet. Dann bekommen Sie eine Sonderaufgabe.“

„Eine Sonderaufgabe?“, fragte die junge sympathische Ärztin. Sie war mit Professor Gött allein in seinem Arbeitszimmer. Er hatte sie eben kommen lassen, und sie war schon darauf gefasst gewesen, für irgendeinen Fehler eine Standpauke zu erhalten. So genau wusste man es bei ihm nie. Der Zweiundsechzigjährige konnte mitunter auf die verschrobensten Ideen kommen. Aber alles verzieh ihm Ina deshalb, weil er ein großartiger Arzt war und im Grunde seiner Seele ein guter Kerl.

Er beugte sich wieder vor und stützte meinen massigen Oberkörper auf die Ellenbogen, sah Ina ernst an und sagte:

„Der Senat der Stadt hat eine Privatklinik übernommen, die durch leichtfertigen Umgang mit Geld seitens der Verwaltung in erhebliche Schwierigkeiten geraten ist. An diesen Unregelmäßigkeiten war aber nicht nur die Verwaltung beteiligt, sondern auch der bisherige Chef und sein Oberarzt. Das war zufällig seine eigene Ehefrau. Die beiden sind abgesetzt. Drei weitere Mitglieder seines Ärztekollegiums wurden vorläufig bis zur Klärung der ganzen Angelegenheit suspendiert. Es handelt sich da um Unregelmäßigkeiten im Zusammenhang mit den Krankenkassen. Da sind wohl verschiedene Sachen doppelt und dreifach berechnet worden oder überhaupt Rechnungen ausgestellt für Dinge, die gar nicht geleistet wurden. Kurzum, das geht uns nichts an. Aber in dieser Klinik liegen Kinder, nur Kinder, alle möglichen Fälle. Es ist eine Spezialklinik, die medizinisch bisher einen guten Ruf hatte. Die Stadt will kurzfristig und vorübergehend das Ärztekollegium neu besetzen. Und da sofort etwas geschehen muss, denn die Patienten sind ja noch dort und bedürfen der Betreuung, ist angeordnet worden, dass verschiedene, dem Senat unterstehende Kliniken entsprechende Fachärzte für eine gewisse Zeit an diese Klinik überstellen. Es gibt eine innere Abteilung, eine Chirurgie mit Spezialzweig Orthopädie, und es gibt eine urologische Abteilung. Die innere Abteilung soll von Ihnen geleitet werden.“

„Von mir geleitet? Das würde ja bedeuten?“, sagte Ina verblüfft, „dass ich die Rolle einer Chefärztin hätte.“

Er nickte. „Genau das ist es. Und ich wüsste, verdammt noch mal, niemand Besseren als Sie, speziell wenn es um Kinder geht. Breitenbacher macht dann Ihre Arbeit hier mit. Kiesewetter hat nicht viel mit Kindern im Sinn. Und damit ist mein Reservoir schon erschöpft. Ich gebe Sie nicht gern her, aber ich bin gezwungen, voll ausgebildete Fachärzte zur Verfügung zu stellen. Und die Leitung einer inneren Abteilung erfordert schon etwas mehr als nur den Namen Internist. Sie werden also hingehen, die Abteilung übernehmen, die übrigens 172 Betten umfasst. Es ist nicht so viel wie hier, aber genug. Sie haben vier Assistenten, alles Leute, die noch nicht mit der Facharztausbildung fertig sind, und ausreichend Schwestern.

Die Assistenten wurden nicht ausgetauscht, es sind noch Leute, die von dort sind und Ihnen vielleicht mit diesem oder jenem Tipp bei Besonderheiten dieses Hauses helfen könnten. Ich gehöre zu dieser Kommission, die der Senat eingesetzt hat, die Dinge dort, soweit es medizinische Fragen angeht, zu untersuchen, darüber hinaus über das Schicksal der Ärzte mitzubefinden. Auch die Kammer hat mich dazu bestellt. Ich habe mir die Leute, die noch dort verblieben sind, angesehen. Ich glaube nicht, dass Sie Schwierigkeiten bekommen.“

„Das ist ja ein Schlag ins Kontor. Und wann soll das sein?“, fragte Ina.

„Eigentlich sofort“, meinte er. Und als sie etwas sagen wollte, hob er abwehrend die Hände. „Nun lassen Sie mich ausreden, Frau Bender. Sofort, weil wir die ganzen Chefs herausgezogen haben, das musste sein. Die Leute hatten Schmutz am Stecken oder zumindest sind sie verdächtig. Auch wenn es nichts mit unserer ärztlichen Aufgabe zu tun hat, hört es sich nicht gut an, wenn man erfährt, der oder jener wird des Betruges verdächtigt. So etwas färbt auch auf den medizinischen Bereich ab.“ Er lehnte sich wieder zurück. „Die Klinik liegt übrigens sehr hübsch. Am Nordrand der Lüneburger Heide auf einem Areal, das der Stadt Hamburg gehört. Und aus diesem Grunde ist ja auch die Intervention erfolgt.“

„Ach, deshalb waren Sie in der letzten Woche kaum noch hier!“, meinte Ina.

Er nickte. „Das hat mir viel Zeit gestohlen; und jetzt muss ich Sie auch noch hergeben. Aber ich glaube, dass es auch eine Ehre für Sie ist, dort zumindest vorübergehend eine Abteilung zu leiten. Das ist mal etwas Vorgeschmack auf Ihre Zukunft, liebe Frau Bender. Denn irgendwann werden Sie ja mal Oberärztin, und irgendwann werden Sie mal Chefärztin sein.“

„Nur keine Vorschusslorbeeren“, meinte sie spöttisch.

„Die können Sie sich selbst ums Haupt schlingen“, meinte er und lächelte mokant. „Sehen Sie sich das aber erst einmal an. Es ist eine Art Probe für Sie. Keine Probe, die ich Ihnen stelle, eine Probe, die Sie sich selbst stellen werden. Und Ihre Patienten sind Kinder. Wenn ich mich recht erinnere, haben Sie mir mal erzählt, Sie wären auch sehr gerne Kinderärztin geworden.“

„Das ist richtig“, gab sie zu. „Es haben sich bloß damals, als ich mit der Facharztausbildung begann, keine freien Stellen finden lassen.“

„Dann erweitern Sie Ihren Erfahrungsbereich in puncto Kindermedizin. Ich würde sagen, wenn es halbwegs geht, fahren Sie morgen oder übermorgen dahin.“

„Wie weit ist das genau von hier weg?“

„Etwas mehr als sechzig Kilometer. Sie fahren nicht länger als eine Stunde. Breitenbacher weiß schon Bescheid. Sprechen Sie sich mit ihm ab, er muss ja Ihre Arbeit mit fortführen. Und sagen Sie mir Bescheid, wann Sie frühestmöglich loskönnen.“

Sie musste daran denken, dass sie sich am Abend mit einem Bekannten verabredet hatte. Das musste sie abblasen. Denn jeden Tag dort hinzufahren, das kam sicherlich nicht in Frage. Blieb ihr nur, dort zu wohnen. Und sie fragte, ob es da eine Wohnmöglichkeit gäbe.

Er nickte. „Ja, dafür ist gesorgt. Am besten, Sie fahren, sobald es geht, einmal hin und sehen sich alles an. Ich würde auch nicht jeden Tag dahinfahren, das ist etwas umständlich. Und mit Zug und Busverbindung sieht es nicht besonders rosig aus. Sie müssten schon den Wagen nehmen. Da ist es wohl besser, Sie bleiben die Woche über dort und fahren nur nach Hause, wenn Sie mal einen Tag dienstfrei haben. Aber das können Sie ja selbst bestimmen. Immerhin sind Sie jetzt der Chef dort von Ihrer Abteilung.“

„Und wer führt die anderen Abteilungen?“, fragte sie.

„Die Chirurgie wird von einem gewissen Doktor Hammerstein geführt. Kennen Sie den?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nie gehört.“

„Das ist ein Oberarzt der Chirurgie und Orthopädie der städtischen Kinderklinik, dem Vernehmen nach ein tüchtiger Marin. Wie es üblich ist, wird er auch die Rolle des Primarius übernehmen, also gewissermaßen auch Ihr Sprecher sein, wenn es um die gesamte Klinik geht. Der Chef der Anästhesie ist eine Ärztin, die Sie vermutlich auch nicht kennen, und die bisher in den Universitätskliniken gearbeitet hat, sie war dort wohl Oberärztin. Und was die Urologie angeht, weiß ich nicht richtig Bescheid. Sie werden schon mit denen zurechtkommen. Also, wenn Sie wollen, können Sie jetzt gleich Schluss machen und sich darauf vorbereiten. Und sprechen Sie mit dem Kollegen Breitenbacher.“ Als Ina ging und sich verabschiedet hatte, meinte sie zu träumen. Das ist ja wieder ein Schlag!, dachte sie. Aber gut, dass es wenigstens jetzt ist, wo Bernd für einen Monat in München ist. Ich sitze ja sowieso meistens nur herum, wenn ich Zeit habe, und das Treffen mit der Freundin ist ja letztlich auch ein Verzweiflungsunternehmen gewesen, um nicht nur zu Hause bei Tante Hilde und Opa zu sein.

Als sie zur Station zurückging, musste sie an den Brief ihres Bruders Thomas denken. Seine Frau Maria erwartete das zweite Kind.

Und der Kerl hat einmal gar keine Kinder haben wollen, sagte sie sich, bevor sie ins Arztzimmer ging, wo ihr Kollege Dr. Breitenbacher auf sie wartete und aufstand, als sie eintrat.

Er war ein großer, breitschultriger Mann mit bereits schütterem Haar und einer drohenden Stirnglatze. Aber er bedeutete ihr mehr als nur ein Kollege.

Ein guter Freund war er. Ein Freund, wie seine Frau Marina seit Jahren schon zur besten Freundin Inas zählte.

„Na, kann man dir gratulieren, freust du dich?“, fragte er.

„Ich weiß nicht, ob man da gratulieren soll.“

Voller Anerkennung meinte er: „Na hör mal, immerhin bist du da eine Chefärztin.“

„Hör schon auf!“

„Ich freue mich jedenfalls, dass er dich ausgewählt hat.“

„Warum hat er dich denn nicht genommen?“

„Ich weiß nicht. Ich hätte wohl auch abgelehnt“, erklärte er. „Nein, ich möchte Marina nicht so lange allein lassen.“

„Sie hätte doch mitkommen können.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Für mich ist das nichts. Und Kiesewetter hätte er gar nicht erst gewollt. Er meint, der könne es nicht gut mit Kindern.“

„Wollen wir hoffen, dass ich es kann“, erwiderte Ina lächelnd, setzte sieh hin und fuhr sich mit beiden Händen über ihr dunkles Haar.

Er sah sie lächelnd an. „Vielleicht bleibst du auch dort. “

„Wieso das? Er hat gesagt vorübergehend!“, rief Ina bestürzt. Beschwichtigend erwiderte er: „Nun hab dich mal nicht so, das war ja nur eine Idee von mir. Wäre doch auch nicht schlecht. Wie geht es übrigens daheim?“

„Langweilig“, entgegnete sie. „Opa knurrt immer nur herum, Tante Hilde geht mir mit ihrer Fürsorge und Liebe auf den Wecker, und Thomas hat mir geschrieben, dass er sein zweites Kind erwartet, beziehungsweise Maria erwartet es.“ Sie lachte.

„Du hast einen Fehler gemacht, aber er lässt sich gutmachen“, sagte Breitenbacher. „Du solltest Bernd heiraten. So wie ihr das macht, das ist doch, kein Leben. Er fährt in der Weltgeschichte herum und du hockst da und wartest auf ihn. Er wiederum tut das alles nur, weil du dich geweigert hast, ihn zu heiraten.“

„Hör bloß auf!“, sagte sie unfreundlich. „Das sind Töne, die ich nicht ausstehen kann. Wenn du Wert darauf legst, dass wir uns weiter unterhalten, dann fang nicht wieder von solchem Zeug an. Ich kann das nicht hören. Das geht schließlich nur mich etwas an. Ich glaube nicht, dass wir beide für eine Ehe taugen. Ich will Bernd nicht unterstellen, dass er neben mir andere Freundinnen hat, aber er ist ein unruhiger Typ. Ihn in die Fesseln einer Ehe zu legen, wäre für ihn fast so etwas wie Gefangenschaft. Er war mal beschwipst und hat mir das selbst gesagt. Du weißt ja, Kinder und Betrunkene sagen oft die Wahrheit. Ich glaube, dass er mir da die Wahrheit gesagt hat. Und mir selbst geht es ähnlich. Nicht, dass ich ein so unruhiger Typ wäre wie er, aber ich hätte das Gefühl, irgendwie nicht mehr weiterzukommen, dass dann, ob ich will oder nicht, das meiste zu Ende wäre.“

„Zu Ende was?“

„Zum Beispiel mit dem Beruf.“

Breitenbacher lachte. „Du spinnst! Du spinnst wirklich, Ina.“

„Ich spinne nicht, Hans!“, widersprach sie.

„Und doch spinnst du“, behauptete er. „Das ist doch Quatsch. Wie viele Arztehepaare kennst du? Mindestens so viele wie ich. Leute, mit denen wir beide bekannt sind, und die Ehen gehen famos. Denk doch mal an Steiner, der hat auch eine Ärztin zur Frau. Sie verstehen sich fantastisch. Nein, das ist es doch nicht. Es liegt ganz einfach daran, dass du Angst hast.“

„Angst, wovor, vielleicht vor Bernd?“, rief sie herausfordernd.

Er schüttelte den Kopf. „Ich meine es nicht so, wie du es darstellen willst. Du hast Angst vor der Ehe, vor alldem, was da auf dich zukommt, und du fürchtest um deine Freiheit. Du bildest dir ein, du gibst etwas ab. Und ich weiß, dass du keine Kinder willst.“

„Es ist nicht so“, klärte sie ihn auf, „dass ich etwas gegen Kinder hätte, nein, ich, möchte gerne ein Kind haben. Ich möchte auch die Erfahrung, wie es ist, schwanger zu sein und ein Kind zu bekommen, gewinnen. Aber, was ist mit dem Kind? Entweder gebe ich den Beruf dran und widme mich dem Kind, darauf hat es einen Anspruch, aber ich liebe meinen Beruf. Ich kann aber das Kind nicht sich selbst überlassen. Und deshalb, weil ich meinen Beruf liebe, möchte ich keine Kinder. Außerdem gibt es so viele. Kinder, die keine Eltern haben. Und sollte ich in der Lage sein oder es mir anders überlegen, wäre es ja auch möglich, ein Kind zu adoptieren. Ich bin sogar der Überzeugung, dass es nicht immer ein Säugling sein muss, den man adoptiert. Es könnte auch ein älteres Kind sein. Wenn man mit sehr viel Liebe an solche Dinge geht, lässt sich das genauso durchführen, als würde man einen Säugling adoptieren, glaubst du nicht auch?“

„Da haben wir wieder ein Thema drauf“, meinte er lachend. „Wenn ich das Marina erzähle ...“

„Das ist etwas anderes. Marina sollte keine Kinder haben. Sie hat eine Leukämie überwunden, und du weißt selbst, dass es ein Glücksfall war, wie alles abgegangen ist. Wir kennen genug Leukämiefälle, wo es nicht so ausgegangen ist und nicht so ausgehen wird wie bei euch. Aber wenn sie jetzt Kinder hätte, würde das ihren noch immer von damals geschwächten Körper unendlich belasten.“

„Und du weißt ja, dass sie gar keine Kinder haben kann. Schließlich hat sie eine Totaloperation hinter sich.“

„Ja natürlich, das sowieso. Aber wenn das nicht wäre, sollte es auch nicht sein. Du kannst das nicht zum Vergleich heranziehen.“ Sie erhob sich. „Was gibt es noch zu besprechen? Du machst meine Arbeit mit, und ich beneide dich keine Sekunde. Du wirst genug zu tun bekommen.“

„Er stellt mir zwei Assistenten mehr zur Verfügung“, sagte Breitenbacher lächelnd. „Das war meine Bedingung dazu.“

„Wie schlau von dir. Hoffentlich können die was und belasten dich nicht noch mehr.“

„Beide haben schon drei Jahre Facharztausbildung hinter sich, da müssten sie wirklich eine Menge können. Und sie kommen beide von der Universitätsklinik. Die hat schließlich auch einen Ruf zu verteidigen, wenn sie uns Leute schickt.“

„Ein Hin und Her ist das! Hätte man denn nicht für diese Klinik, von der ich nicht einmal genau weiß, wo sie ist, keine anderen Leute finden können?“

„Es muss schnell gehen“, sagte Breitenbacher. „Im Grunde hätte schon seit Anfang der Woche jemand dort sein müssen. Da ist so herumgewurschtelt worden mit Belegärzten und allen möglichen Leuten. Aber jetzt soll Ordnung in den Betrieb.“

„Was ist denn da nur genau passiert?“, wollte Ina wissen.

Er zuckte die Schultern. „So genau weiß ich es nicht. Nur das, was in der Zeitung stand.“

„Es stand in der Zeitung?“, fragte Ina überrascht.

Er nickte. „Die haben irgendwie falsch mit den Kassen abgerechnet. Die Verwaltung hat’s gemacht, die Ärzte haben’s gedeckt, und irgendwer ist dahintergekommen. Es geht insgesamt um einige Hunderttausend Mark, und das ist schon ein Happen. Kannst dir denken, wie die im Senat getobt haben. Und die Krankenkassen natürlich auch, ein Rattenschwanz von Prozessen. Aber wie gesagt, für dich ist es ein Sprung nach vorn. So etwas zählt, wenn es darum geht, eine Beförderung auszusprechen. Und schließlich bist du nicht mit dem Hafenkrankenhaus verheiratet. Du könntest dich mal woandershin bewerben.“

„Ich? Niemals! Mir gefällt es hier großartig. Ich würde am liebsten gar nicht dahinfahren und all das machen, was man von mir verlangt. Aber das würde der liebe Gott ja nie verstehen.“

Breitenbacher nickte. „Da hast du recht. Im Gegenteil, das würde er dir sogar sehr übel nehmen. Also, dann gehen wir mal durch die Station, und du sagst mir, worauf ich mich konzentrieren muss.“

Der Rundgang dauerte fast eine Stunde und entsprach beinahe einer gründlichen Visite. Breitenbacher schrieb sich dies und jenes auf, und Schwester Heidemarie, die Stationsschwester, war die meiste Zeit auch dabei. Immer wieder beteuerte sie, dass sie den Herrn Stationsarzt dann schon erinnern werde, wenn er wirklich dieses oder jenes übersähe.

Ina hatte jedenfalls nachher das Gefühl, alles bei ihrem Freund und Kollegen Hans Breitenbacher in den besten Händen zu wissen.

Danach verließ sie die Klinik und fuhr erst mal nach Hause. Schon auf dem Weg musste sie daran denken, was Tante Hilde für ein Gesicht machen würde, wenn, sie ihr von diesem neuen Auftrag erzählte. Und inzwischen kannte sie auch den Namen der Klinik und erinnerte sich schwach, tatsächlich vergangene Woche etwas in der Zeitung gelesen zu haben. Wo das genau war, musste sie sich noch auf der Karte ansehen. Aber das hatte Zeit bis später. Im Augenblick hatte sie andere Sorgen.

Als sie nach Hause kam in das kleine hübsche Einfamilienhaus in Blankenese, empfing Tante Hilde sie voller Aufregung.

Die Mittfünfzigerin war Ina so etwas wie eine zweite Mutter gewesen. Nach dem Unfall ihrer Eltern hatte sich Tante Hilde um Ina und ihren Bruder Thomas gekümmert, aber auch um ihren einundachtzigjährigen Vater, Inas Opa, ein ehemaliger Gymnasialdirektor, der noch sehr vital und geistig ungebrochen wirkte.

Auch jetzt war er da und trank seinen Kaffee, als Ina eintrat.

Sie grüßte ihn, und er erwiderte ihren Gruß, las dann aber weiter in der Zeitung, während er im Kaffee rührte. Tante Hilde trippelte hinter Ina her und sagte: „Du, hör mal, Ina, da ist so ein Wahnsinniger mit einem Lieferwagen da gewesen, der wollte Sachen von dir holen. Ich habe ihn gefragt, was denn für Sachen, und er meinte, die sollten zu einer anderen Klinik gebracht werden. Irgendwo in der Lüneburger Heide. Ich hab’ den Namen ganz vergessen, das ist auch zu dumm! Der ist ja verrückt geworden, davon müsste ich ja was wissen. Weißt du etwas?“

Auch das noch!, dachte Ina. Dann bat sie ihre Tante, sich zu setzen. Sie erklärte ihr, um was es ging, aber das brachte Tante Hilde erst recht aus dem Häuschen.

„Wie denn, da bist du völlig weg? Und ich habe für morgen einen so schönen Braten, hab’ ich mir extra beschafft! Weißt du nicht, was morgen ist?“ Ina fiel es siedend heiß. ein. Sie blickte Opa an, er schaute über seine Brille hinweg zu ihr hin und schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Ich weiß“, sagte Ina zu Tante Hilde. „Opa bat Geburtstag. Ich habe es völlig vergessen.“

„Papperlapapp!“, meinte der alte Mann. „Ich halte es wie die Franzosen, bis zum dreißigsten Geburtstag wird gefeiert, und dann noch die großen Jubiläen, fünfzig, fünfundsiebzig, habe ich alles hinter mir. Wenn ihr wollt, könnt ihr meinen neunzigsten feiern. Aber den erlebe ich bestimmt nicht mehr.“

„Du schon, Vater, du schon!“, rief Tante Hilde. Es klang fast wie ein Vorwurf.

Opa Bender blickte über den Brillenrand in Tante Hildes Richtung. ;,Na, so viel Arbeit mache ich dir doch nicht. Und überhaupt, wenn Ina dahin muss, muss sie hin. Das geht vor. Mein Geburtstag

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: edhar yuralaits 123 rf durch Jörg Munsonius
Tag der Veröffentlichung: 24.01.2018
ISBN: 978-3-7438-5209-9

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /