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Ist sie für immer nun geheilt?

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Bei einem Flugzeugabsturz verletzt sich die junge Birgit Quantius schwer am Rücken und droht, für den Rest ihres Lebens querschnittsgelähmt zu sein. Im Krankenhaus wird sie vom fürsorglichen Dr. Alexander Höhne behandelt, der alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um Birgits Wunsch nach Genesung zu erfüllen, und dabei lang vergessene Gefühle wiederentdeckt.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Birgit Quantius verstaute gerade ihre Unterlagen im Dokumentenkoffer, als ihr Bruder, Dr. Ekkehard Quantius, eintrat. Er blieb an der Tür stehen, musterte die attraktive, schlanke Erscheinung seiner blonden Schwester.

„In diesem blauen Kleid siehst du hinreißend aus. Wie viel Männer werden sich in dich verknallen bis du wieder zurück bist!“

Sie lachte verschmitzt, zwinkerte ihrem Bruder zu und sagte: „Und du, mach mir keine Dummheiten bis ich wieder da bin!“

Als er lachte, wirkte er wie ein Junge. Sie zwinkerte ihm scherzhaft zu und drohte ihm mit dem Finger.

Dr. Ekkehard Quantius war fast dreißig, aber in seinem ganzen Wesen lag eine sympathische Jungenhaftigkeit, die er auch jetzt zeigte. Er war groß, mittelblond und hatte die sportliche Figur eines passionierten Tennisspielers.

„Willst du nun wirklich fliegen?“, fragte er seine Schwester. Mit einem Male war die Jungenhaftigkeit aus seinem Gesicht wie weggewischt. „Ich weiß nicht, ob du den Wetterbericht gehört hast, aber da ist ganz schön was los.“

Sie sah auf und fragte: „Und glaubst du, auf den Straßen ist es besser? Überall ist Glatteis. Außerdem ist Härtel ein hervorragender Pilot, das weißt du doch auch.“

„Härtel läuft herum, als hätte er sein Nestei verloren. So ganz sicher scheint er sich auch nicht zu fühlen. Ich sage dir, Gitta, flieg nicht!“

Sie zuckte die Schultern. „Ich will dir etwas sagen, Hardi. Ich muss fliegen. Wenn wir diese Verträge nicht erledigen, verliert die Firma Steuervergünstigungen in Höhe von mehr als zwei Millionen. Einen solchen Verlust können wir uns nicht leisten.“

„Das bedeutet nicht, dass du selbst zu Papa fliegen müsstest. Das könnte jeder andere für dich tun, zum Beispiel ich.“

„Das könntest du“, bestätigte sie, „wenn du die Verhandlungen geführt hättest. Aber so bin ich es gewesen, die verhandelt hat, jedenfalls zusammen mit Direktor Obermeier.“

„Dann lass den Obermeier fliegen“, wandte ihr Bruder ein.

„Sei doch nicht so besorgt, Hardi.“

„Gitta, du hast nur ein Leben zu verlieren. Mir ist nicht wohl bei dem Gedanken, dass du bei einem solchen Sauwetter mit dem Flugzeug unterwegs bist, zumal ich nach wie vor behaupte, das könnte auch von jedem anderen erledigt werden. Papa braucht nur zu unterschreiben.“

„Er tut es nicht. Man muss es ihm erklären.“

„Das könnte man per Telefon oder Fernschreiber“, erwiderte ihr Bruder beharrlich.

„Mein Gott, sieh doch ein, dass ich ihm Dinge erklären muss, die man am Telefon einfach nicht erklären kann! Außerdem gibt es noch einen zweiten Grund, warum es am Telefon oder Fernschreiber nicht geht: das ist die Geheimhaltung.“

„Dann benutze den Code. Wir haben einen Code und Papa kann ihn lesen.“

„Ach, nun hör aber auf! So schlimm ist das Wetter auch nicht! Wenn es gar nicht ginge, würde es Härtel schon sagen.“

„Härtel ist ehrgeizig. Der möchte euch allen zeigen, was er für ein toller Kerl ist. Ich habe kein gutes Gefühl. Bleib hier.“

„Wenn du doch einsehen wolltest, dass es nicht geht, Hardi. Ich muss zu Papa. Und außerdem gibt es noch einen Grund.“

„Ist es die Sache mit Dr. Brandner?“

Sie senkte den Blick und nickte. „Ich muss es Papa klarmachen. Ich bin nicht bereit, mich auf eine solche Vernunftehe einzulassen, nur damit Firma zu Firma kommt, Geld zu Geld. Das ist im Mittelalter geschehen, da wurden solche Ehen geschlossen, vielleicht auch noch im vorigen Jahrhundert, aber jetzt ist das vorbei. Ich jedenfalls mache es für meine Person nicht mit.“

Er lächelte nachsichtig. „Papa ist derjenige, der das noch am wenigsten will“, erklärte er ihr. „Diejenige, die wie fanatisch diese Ehe stiften möchte zwischen euch, ist Mama.“

„Sie kann es mit sonst wem machen, aber nicht mit mir. Ich bin kein kleines Kind. Mit sechsundzwanzig Jahren weiß man, was man will. Brandner ist ein netter Kerl, aber kein Mann für mich.“

„Wenn man bedenkt, wie stinkreich die Brandners sind, benimmt er sich sogar einigermaßen normal.“

„Lieber Hardi, sei mir nicht böse, aber ich muss dringend zur Maschine.“

Er kam auf sie zu, sah sie beschwörend an, legte seine Hände auf ihre Schultern und sagte eindringlich: „Bleib, Gitta. Fliege nicht! Die Sache mit Brandner hat Zeit. Darüber kannst du später mit Mama und Papa sprechen. Fliege nicht nach Schloss Gundersleben. Bleib hier und schick einen anderen oder mach das über den Code per Fernschreiber!“

„Ach hör doch auf, den Teufel an die Wand zu malen, ich bitte dich! Ich muss jetzt! Komm, bitte, sei vernünftig!“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, gab ihm einen Kuss auf die Wange, aber seine Besorgnis schien dadurch nicht gemindert. Doch sie machte sich frei und energisch war sie schon immer gewesen. Obgleich er älter war, hatte sich Ekkehard ihr gegenüber nie durchsetzen können. So

resignierte er auch jetzt, hob nur noch beschwörend die Hände und rief Birgit nach, die schon an der Tür war: „Überleg es dir! Bleib hier!“

Sie lachte über die Schulter zurück, winkte ihm und rief: „Bleib brav, Bruderherz!“ Dann war sie schon draußen.

Ekkehard wischte sich mit der Hand über die Stirn, als könnte er so die trüben Gedanken verscheuchen, die ihn beherrschten. Er trat ans Fenster und blickte hinaus in den Regen, in dieses Grau-in-grau, das die Natur da bot, und er sah vor dem Haus seine Schwester in den Wagen steigen, diese schwere Limousine, und Maxfeld, der Fahrer, schlug den Schlag zu. Wenig später rollte der Wagen davon.

Eine furchtbare Ahnung stieg in Ekkehard auf, noch stärker als zuvor, wo es nichts als ein ungutes Gefühl gewesen war. Aber auch diesmal sah er keinen Weg, seine Schwester von dem Flug zurückzuhalten, schalt sich selbst einen Toren, dass er sich immer wieder von solchen Empfindungen beeindrucken ließ. Schließlich versuchte er damit auf andere Gedanken zu kommen, dass er in sein Büro zurückkehrte und sich mit Eifer in die Arbeit stürzte, die auf dem Schreibtisch seiner harrte.



2

Birgit Quantius saß auf dem Copilotsitz der kleinen viersitzigen Cessna. Neben ihr hielt der langjährige Firmenpilot Sigmund Härtel das Ruder.

Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren, hatte aber schneeweißes Haar. In seinem Gesicht lag eine Verwegenheit, dieser Schuss von einem Abenteurer, der er tatsächlich früher gewesen sein sollte.

Das monotone Gebrumme des Motors hatte Birgit eingeschläfert.

Draußen flogen Wolkenfetzen an der Maschine vorüber, prasselte mitunter der Regen wie ein Trommelfeuer auf die Tragflächen und den Rumpf. Unten tränkte der Regen das noch vom Frost erstarrte, schmutzige graue Land. Die Straßen glänzten wie poliert. Was dort niederkam, gefror sofort zu Eis und wurde zur Rutschbahn für die Autos. Birgit hatte auf den Straßen kaum Fahrzeuge gesehen. Selbst auf der Autobahn, die sie überquerten, bewegten sich nur wenige Autos.

Doch nun schlummerte sie, während Härtel mit der Gelassenheit eines routinierten Piloten durch die Scheibe starrte oder dann und wann Blicke auf die Instrumente warf.

Infolge der Witterung war es schon jetzt ziemlich dunkel geworden und als die Maschine ihre Nase in die Nebelbank bohrte, die sie durchqueren mussten, meinte Härtel durch die Nacht zu fliegen.

Er zog die Maschine höher in der Hoffnung, aus diesen Wolken herauszukommen, aber er irrte sich. So musste er seinen Instrumenten vertrauen und der langen Erfahrung im Schlechtwetterflug. Als er wieder mal einen Blick auf Birgit warf, sah er sie mit zur Seite geneigtem Kopf schlafend mit einem friedlichen, fast kindlichen Ausdruck im Gesicht.

Er lächelte. Er hatte Birgit gern. Von allen Mitgliedern der Familie mochte er sie am liebsten. Auch ihren Bruder Ekkehard hatte er ganz gern. Die anderen aber konnte er nicht ausstehen. Sie zeigten ihre Macht und das viele Geld, das sie besaßen, bei jeder Gelegenheit. Und die verhassteste Person bei all denen, die in dem gewaltigen Konzern der Familie Quantius mit ihr überhaupt in Berührung kamen, war Frau Luitgard Quantius, die Ehegattin des Firmeninhabers. Böse Zungen in der Direktionsetage behaupteten, der wahre Chef sei nicht ihr Mann, sondern sie.

Als Sigmund Härtel bei diesem Gedanken angelangt war, geschah etwas, das ihn jäh aus seinen Überlegungen herausriss.

Plötzlich begann der Motor zu stottern.

Härtel versuchte alles, ihn wieder zu einem normalen Lauf zu bekommen, aber es gelang nicht.

Da blieb der Motor stehen!

In der plötzlich eingetretenen Stille erwachte Birgit. Sie blickte zunächst etwas verständnislos um sich, aber nach zwei Sekunden hatte sie begriffen.

Härtel rief ihr gepresst zu: „Schnallen Sie sich an. Rasch!“

Er versuchte zu starten. Immer wieder. Doch der Motor sprang nicht an.

Sie verloren rasch an Höhe. Obgleich der Hochdecker ein relativ gutes Segelvermögen hatte, gerieten sie doch von Sekunde zu Sekunde tiefer. Und noch immer war rings um sie herum eine schier undurchdringliche Nebelwand.

„Einmal muss das doch aufhören!“, murmelte Härtel vor sich hin und versuchte, die Maschine so gut, wie es ging, im Segelflug zu halten. Aber es war nun einmal kein Segelflugzeug.

Der Fahrtwind fauchte an der stehenden Luftschraube vorbei. Die Verstrebungen der Tragfläche sangen und gaben ganz merkwürdige Töne von sich.

„Um Himmels willen! Um Himmels willen, stürzen wir ab?“, keuchte Birgit, die jetzt das Gefühl hatte, als griffe eine eisige Hand an ihr Herz. Ihr fielen die Warnungen ihres Bruders ein. Aber die Angst lähmte jetzt auch ihre Stimme. Sie starrte nur mit bangem Entsetzen nach vorn durch die Windschutzscheibe, sah nur diese Nebelfetzen, und dann ganz plötzlich waren der Nebel, waren die Wolken wie weggewischt. Der Regen prasselte wieder auf sie. Bäume unter sich, Bäume vor sich, ein Fluss, eine Straße, eine Brücke, und dann ein Feld.

Alles kam rasend schnell näher.

Härtel zog die Maschine etwas nach links, versuchte, diagonal in dieses Feld hineinzuschweben, um eine möglichst flache Landefläche zu haben. Und dann, als sie eine quer verlaufende Straße überflogen, lag dieses Feld vor ihnen... und die Miete, dieser vielleicht zehn Meter lange, dachförmige Hügel, worunter der Bauer wahrscheinlich Rüben oder Silofutter eingelagert hatte, und diese Miete sah Härtel zu spät. Er versuchte alles, um die Maschine noch einmal hochzureißen, um sie, und wenn es nur wenige Zentimeter waren, über diese Miete hinwegzubringen. Doch es missglückte.

Plötzlich tat es einen Schlag, als das Fahrwerk auf diese Miete prallte. Birgit schrie gellend auf. Dann wirbelte alles um sie herum. Sie glaubte sich durch die Luft geschleudert. Dann erfolgte ein wahnsinnig schmerzhafter Schlag gegen ihren Rücken und dann an den Kopf. Sie verlor das Bewusstsein, und ihre letzte Eingebung war, dass sie glaubte, in einen tiefen Brunnen zu versinken, in dem es dunkler und dunkler wurde.



3

Das Licht der Schreibtischlampe warf einen milden, gelblichen Schein auf das hagere Gesicht von Konsul Max Quantius. Das schüttere, graue Haar war zurückgekämmt. Der buschige, graumelierte Bart gab diesem Kopf ein charakteristisches Aussehen. Ein stahlgraues Augenpaar blickte über den Rand der Lesebrille hinweg auf Ernst Heißdorf, der eben eingetreten war.

Heißdorf trat an den Schreibtisch heran, sodass er nun auch in den Lichtkreis der Lampe geriet, die seine massige, ein wenig zur Fülle neigende Figur erhellte. Sein breites Gesicht ließ den grauhaarigen Kopf wuchtig wirken. Die hellen Augen des Mannes blickten bekümmert, sodass Quantius fragte: „Ist was mit Ihnen?“

„Obermeier hat eben angerufen. Ich habe eine... eine entsetzliche Nachricht für Sie.“

Im Gesicht von Konsul Quantius regte sich kein Muskel, aber die Augen blickten Heißdorf immer noch fragend an.

„Die Maschine, von Härtel geflogen, in der sich Ihre Tochter befand, ist abgestürzt.“

Sekundenlang hörte man in diesem mit schweren Möbeln eingerichteten Zimmer nur die Standuhr ticken. Quantius öffnete den Mund wie zu einem Schrei, aber es kam kein einziger Ton heraus. Das währte nur ein paar Augenblicke, dann hatte er den Mund schon wieder geschlossen, so, als würde er die Zähne zusammenbeißen, und er sah Heißdorf starr an. „Tot?“, fragte er nur.

„Härtel ist tot. Ihr Fräulein Tochter ist schwer verletzt. Es hat offensichtlich Stunden gedauert, bis man sie gefunden hat. Die Straßen waren vereist. Ein Rettungshubschrauber hat sie nach Heidelberg in die Universitätsklinik gebracht.“

„Was ist mit ihr?“

Heißdorf zuckte die Schultern. „Etwas Genaues haben sie auch Obermeier nicht gesagt, aber so viel er herausbekommen konnte, hat sie einen schweren Schädelbruch und eine Wirbelsäulenverletzung.“

„Querschnittsgelähmt?“

„Keine Ahnung.“

„Stellen Sie eine Telefonverbindung mit Obermeier her. Und dann finden Sie heraus, wer der behandelnde Spezialist ist. Wenn Sie das wissen, rufen Sie Dr. Zimmermann an. Er soll so schnell wie möglich herkommen. Ich möchte mit ihm reden.“

„In Ordnung, Herr Konsul. Wenn ich sonst etwas für Sie tun kann...“

„Danke, mein lieber Heißdorf. Es genügt mir, wenn Sie das erledigen, worum ich Sie gebeten habe.“

Als Heißdorf hinausgegangen war, währte es nur ein paar Sekunden, und dann kam das Gespräch nach Frankfurt. Aber es war nicht Obermeier, der sich meldete, sondern Ekkehard, des Konsuls Sohn.

„Dich wollte ich eigentlich nicht haben“, sagte Quantius mit einer Schärfe in der Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.

Aus der Muschel kam: „Aber Papa! Ist das nicht entsetzlich? Ich habe es geahnt, ich habe sie beschworen, nicht zu fliegen, und sie hat es doch getan. Wenn sie doch auf mich gehört hätte!“

Ohne einen Muskel im Gesicht zu verziehen, sagte Konsul Quantius: „Mein Junge, wann wirst du endlich lernen, dass man nicht mit ,wenn‘ und ,hätte' und ,wäre‘ und ,könnte‘ denken kann. Man muss die Dinge sehen, wie sie sind. Es hilft deiner Schwester keinen Schritt weiter, wenn du die Möglichkeiten aufführst, die hätten und könnten und würden, sondern du musst Konsequenzen daraus ziehen, was jetzt ist. Du wirst dich, wo ich dich nun einmal am Telefon habe, um Härtels Frau kümmern und um seine beiden Kinder. Du wirst es in die Hand nehmen, dass sein Leichnam nach Frankfurt übergeführt wird. Du wirst für das Begräbnis und alles, was damit zusammenhängt, sorgen, und du wirst Brandner verständigen. Sag ihm, ich hätte schon mit der Klinik Verbindung aufgenommen, und wenn er etwas wissen will, soll er sich an mich wenden.“

Einen Augenblick lang war es völlig tot in der Leitung, sodass Quantius schon glaubte, die Verbindung sei unterbrochen, aber dann hörte er seinen Sohn sagen: „Es ist entsetzlich! Du bist wie eine Maschine, wie ein Roboter. Kein einziges Gefühl! Es ist deine Tochter, die da schwer verletzt wurde, meine Schwester!“

„Glaubst du“, sagte Quantius mit unbewegter Miene, „dass es ihr nur einen Millimeter weiterhilft, wenn ich jetzt wehklage oder jammere? Wenn ich den Kopf verliere und meinen Gefühlen Ausdruck verleihe wie du? Was sie braucht, das ist jemand, der den klaren Kopf behält, der jetzt im richtigen Augenblick das Richtige tut, der ihr die besten Ärzte der Welt gibt, der dafür sorgt, dass sie wiederhergestellt wird, falls das möglich ist.“ Die letzten Worte fügte er etwas leiser und gar nicht mehr so überzeugend selbstsicher hinzu.

„Weiß es Mama?“, fragte Ekkehard.

„Sie weiß es nicht. Sie wird es erfahren, wenn ich schon die notwendigen Maßnahmen habe treffen können.“

„Es hat wenig Sinn, wenn ich mit Brandner spreche. Brandner und Birgit, das ist ein Paar, das du und Brandners Vater sich ausgedacht haben. Auch Mama berauscht sich an diesem Gedanken, dass hier Geld zu Geld kommen könnte. Aber glaube mir, sie will davon nichts wissen, und Brandner auch nicht. Er liebt ein ausschweifendes Leben. Daran könnte sich Birgit nie gewöhnen. Sie möchte einen Mann für sich allein und nicht mit dreißig anderen Frauen teilen.“

„Überlass diese Dinge deiner Schwester und deinen Eltern. Kümmere du dich um das, worum ich dich bitte. Du hast einen Auftrag. Nun erledige ihn. Mein Gott, Junge, wann willst du endlich mal ein Mann werden, der in der Lage ist, einen Betrieb zu führen, wie du ihn einmal von mir in die Hände bekommen sollst.“

„Möchtest du noch Obermeier sprechen?“, fragte Ekkehard mit nüchtern klingender Stimme. „Er ist im Augenblick nicht da, aber er kommt nachher wieder.“

„Dann soll er mich anrufen, sobald er da ist. Und du sprichst mit Brandner und kümmerst dich um alles, was mit den Härtels zusammenhängt.“

Nachdem er aufgelegt hatte, erhob sich Konsul Quantius, und wenn ihn sein Sohn jetzt hätte sehen können, wäre er nicht mehr so sehr von der vermeintlichen Gefühllosigkeit und Härte seines Vaters überzeugt, wie er das eben noch am Telefon geäußert hatte. Denn Konsul Quantius zeigte auf einmal ein von Gram zerfurchtes Gesicht, als er in seinem Zimmer auf und ab ging und die Hände zu Fäusten ballte, als könnte er mit seiner körperlichen Kraft von seiner Tochter abwenden, was sie so furchtbar bedrohte.

Plötzlich hatte er eine Eingebung, ging zum Telefon, nahm den Hörer und sagte, als seine Sekretärin sich meldete: „Verbinden Sie mich sofort mit meinem Neffen, mit Dr. Friedhelm Quantius.“

Wenig später war auch diese Verbindung hergestellt. Eine etwas heisere Männerstimme meldete sich, und Konsul Quantius sagte: „Keine lange Vorrede, Friedhelm. Birgit ist zusammen mit Härtel in der Cessna abgestürzt. Sie ist schwer verletzt, Härtel ist tot. Sie liegt in Heidelberg. Es ist für dich nicht weit dahin. Du bist in Mannheim. Nimm einen Wagen und fahr zur Universitätsklinik. Ich habe noch nicht herausfinden können, wo genau sie dort liegt, aber irgendwo in der Chirurgie vermutlich und dann in der Intensivstation. Bevor ich weitere Maßnahmen treffe, wirst du veranlassen, dass sie eine Sonderbehandlung erfährt, dass sie von den allerersten Spitzenkräften betreut wird und natürlich auf eine Privatstation verlegt wird, na du weißt schon, was ich meine.“

„Ja, Onkel Max. Ich werde tun, was ich kann. Ich fahre sofort los. Mein Gott, das ist ja entsetzlich!“

Konsul Quantius unterbrach ihn. „Jammere hier nicht herum, sondern erledige meinen Auftrag. Ende.“ Und damit legte er auf. Dann erhob er sich wieder, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, strich sich den Schnurrbart glatt, seufzte tief und murmelte vor sich hin: „Er hat ja recht. Es ist wirklich entsetzlich!“



4

Professor Dr. Udo Leitz war ein großer, breitschultriger Mann, dem man den Beruf Arzt

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: edhar yuralaits 123 rf durch Jörg Munsonius
Tag der Veröffentlichung: 18.01.2018
ISBN: 978-3-7438-5119-1

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