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Die Operation über den Wolken

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Alena Bärwald soll ihren Professor Dr. Felix Mohnhaupt bei einem Kongress vertreten, da er selbst eine wichtige Operation durchführen muss. Alena hätte sich jedoch nie träumen lassen, dass das Flugzeug, in dem sie sich befindet, gekidnappt wird. Zu allem Unglück kommt es zu einer Schießerei, wobei ein Passagier und einer der drei skrupellosen Verbrecher schwer verletzt werden. Während der verletzte Passagier bei einer Zwischenlandung in ein Krankenhaus gebracht wird, hält man Alena im Flugzeug fest, denn die Kidnapper verlangen von ihr, dass sie ihren Komplizen operieren muss. Und sollte sie sich weigern oder die OP nicht erfolgreich sein, dann wird sie sterben ...

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Linchen war außer sich. Die Frau, die Alena Bärwald von Kind an wie eine Mutter betreut hatte und nun den Haushalt führte, lief nervös auf dem Korridor herum, fuhr sich mit fahrigen Bewegungen immer wieder an ihren grauen Haarknoten und rief schließlich: „Du kommst zu spät, Alena. Das Flugzeug wartet doch nicht auf dich. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Was treibst du nur so lange da drinnen?“

Die hohl klingende Stimme von Dr. Alena Bärwald drang durch die verschlossene Tür.

„Was werde ich hier schon treiben? Das ist das Badezimmer, und ich habe geduscht. Wenn du erlaubst, Linchen, zieh’ ich mich auch noch an. Du wirst doch wohl nicht erwarten, dass ich halbnackt herumrenne.“

„Aber das hättest du alles viel früher tun können. Du hast nur noch eine Stunde Zeit. Du sollst doch eine Stunde vorher bei der Maschine sein.“

„Das ist graue Theorie, Linchen. Ich komme sicher früh genug zu spät. Mach dir doch keine Gedanken! Im Übrigen bin ich gleich fertig. Wenn du willst, kannst du schon mal das Taxi bestellen.“

„Das habe ich längst getan. Es wartet draußen“, empörte sich Linchen. „Wenn ich es jetzt erst bestellte, wer weiß, ob ich dann überhaupt eins bekäme. Du bist nicht der einzige Fahrgast für die Taxis. Nun beeil dich endlich!“

„Du kannst einen wirklich verrückt machen“, rief Alena von drinnen. „Man könnte meinen, du fliegst nach Nizza und nicht ich.“

Linchen hätte sich am liebsten die Haare gerauft. Die resolute und doch so liebenswerte Haushälterin stand kopfschüttelnd da und meinte: „Es ist so eine hohe Ehre, dass der Professor dich an seiner Seite zu diesem Kompossum ...“

„Symposium, Linchen, Symposium!“ Alena lachte unterdrückt, aber Linchen hörte es trotzdem.

„Jedenfalls ist es eine Ehre, dass du für ihn dahin reisen darfst, und du tust, als wäre dir das vollkommen schnurz, lässt dir noch Zeit, verpasst am Ende noch das Flugzeug.“

„Und wenn ich es schon verpasse! Mein Gott, dann fliege ich mit dem nächsten. Das fängt doch erst morgen an. Und überhaupt, so schön, wie du dir das denkst, ist es noch lange nicht.“

Die Tür ging auf, und Alena kam heraus. Linchen trat überrascht einen Schritt zurück und sagte: „Ah, wunderschön siehst du aus!“ Sie betrachtete Alena, deren Haar wie Gold schimmerte, was besonders durch das dunkelblaue Kostüm zur Geltung kam.

„Na, endlich hast du wieder mal das schöne Kostüm angezogen.“

Alena fühlte sich darin gar nicht so wohl.

„Es ist furchtbar steif“, sagte sie. „Wenn das Graue aus der Reinigung dagewesen wäre, hätte ich das angezogen.“

„Aber es ist ja viel zu überraschend gekommen. Wer konnte das denn wissen“, meinte Linchen, die sich sofort wieder persönlich angegriffen fühlte. „Aber du siehst wirklich blendend aus. Ach Gott, könnte ich doch noch mal so jung sein wie du und so schlank und hübsch. Eine wunderbare Figur hast du, und in diesem Kostüm kommt das so richtig zur Geltung.“

„Also jetzt bist du es, die mich aufhält“, stellte Alena fest. „Wo ist denn meine Tasche?“

„Na, hier ist sie ja schon! Du brauchst sie ja bloß aufzuheben. Und dort, deine Tickets, und den Mantel! Willst du den Staubmantel nicht mitnehmen? Alena, du wirst dich erkälten.“

„Um Gottes willen, wir haben August. Und in Nizza ist es noch wärmer als hier.“

Alena nahm ihre Sachen zusammen, überlegte noch, ob sie noch etwas brauchte, da sagte Linchen: „Ich habe die Liste gesehen mit den Gästen, die dort alle versammelt sind. Das sind ja ganz berühmte Leute, lauter Professoren. Und du bist auch dabei.“

„Aber ich bin nicht berühmt, Linchen“, wehrte Alena ab. „Im Übrigen muss ich mich einen Moment konzentrieren, ob ich nichts vergessen habe. Halt! Die Einladung! Wo habe ich denn die Einladung?“

„Von der rede ich doch. Die liegt doch auf dem Tisch.“

„Aber die muss ich mitnehmen, sonst lassen die mich gar nicht rein, weil ich nämlich nicht so berühmt bin wie all die anderen, die dort hinkommen.“ Sie lief in ihr Arbeitszimmer zurück, holte die Einladung und sagte dann: „Linchen, ich muss jetzt gehen. Alles Gute.“ Sie umarmte Linchen.

„Denk an deine Gesundheit, Alena! Gesundheit kann man nicht im Laden kaufen.“

Alena lachte. „Was du nicht sagst, Linchen! Aber gut, dass du mich als Ärztin daran erinnerst.“ „Der Schneider hat immer den schlechtesten Anzug. Das ist ja das Problem. Du denkst immer an andere, nie an dich selber. Also, Alena, pass gut auf, pass gut auf dich auf!“

Alena war schon aus der Tür, drehte sich noch einmal um, winkte Linchen zu, dann lief sie zum Taxi hin, dessen Fahrer schon ausgestiegen war und ihr den Schlag öffnete.

„Hoffentlich passiert dir nichts! Ich habe immer solche Angst, wenn du fliegst“, rief Linchen.

Alena war schon eingestiegen, hatte das Fenster heruntergedreht, winkte Linchen noch einmal zu und rief: „Unkraut geht doch nicht kaputt, Linchen. Das weißt du doch.“

Das Taxi fuhr an, und Linchen sagte, ohne dass es Alena nur hören konnte: „Wenn du nur wüsstest, Kind, welche Sorgen ich mir immer um dich mache. Und diesmal ganz besonders. Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich habe so gar kein gutes Gefühl, aber so gar kein gutes!“

Dann dachte sie aber an all die berühmten Leute, die dort auf diesem Symposium der Chirurgen in Nizza versammelt waren, und ihr Gesicht hellte sich wieder auf. Es erschien ihr als eine kolossale Ehre, dass Alena dort Professor Mohnhaupt vertreten sollte. Sie, eine junge Ärztin unter lauter Koryphäen, unter lauter Spitzenchirurgen Europas.

In dieses erhebende und stolze Gefühl, das sie für Alena empfand, mischte sich mit einem Male eine brennende Angst. Sie konnte nicht erklären, was es war. Sie wusste es nicht einmal. Aber irgendetwas erfüllte sie mit einer bedrückenden Furcht. Weil sie aber für alles eine Erklärung brauchte, weil sie wissen wollte, was es sein könnte, was sie da bedrückte, begann sie zu grübeln. Aber schließlich tröstete sie sich damit, dass es bestimmt wieder eine Erkältung war. Immer war Alena so leichtsinnig, riskierte es, sich zu erkälten, auch jetzt im Sommer.

„Sommererkältungen“, murmelte Linchen vor sich hin, „wird man ewig nicht los.“ Und damit wandte sie sich wieder ihrer Hausarbeit zu.

Was ihren Schützling Alena aber in Wirklichkeit erwartete, hätte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen ausgedacht.


2

Die Maschine kam aus Oslo und hatte Verspätung. Als sie in Wahn zwischenlandete, warteten die etwa fünfundzwanzig Passagiere bereits über eine Dreiviertelstunde.

Alena war es gewohnt, auf Flughäfen zu warten, und sie hatte immer irgendetwas bei sich, um sich die Zeit zu vertreiben. Sie hatte so viele Bücher und Mitteilungen aus Ärztekreisen, die sie alle noch lesen musste, dass sie sich ohnehin freute, wenn sie dazu zwangsläufig einmal eine Gelegenheit bekam.

Dann aber war die Maschine gelandet und stand bereit, dass die Passagiere an Bord gehen konnten. Alena betrat sie als eine der letzten, und deshalb saß sie ziemlich weit hinten auf einem Platz am Zwischengang, neben ihr eine alte Dame und am Fensterplatz ein etwa neun- oder zehnjähriger Junge mit blondem Wuschelkopf, der die ältere Dame liebevoll mit „Oma“ ansprach und ihr unentwegt Fragen stellte, die die alte Dame geduldig und ausführlich beantwortete. Alena war sicher, dass der Junge zum ersten Mal im Leben flog.

Direkt hinter ihnen befand sich der hintere Ausgang. Gegenüber war die Bordküche. Das fesselte besonders den Jungen, der hineinsehen konnte, wo die andere Stewardess bereits Vorbereitungen für einen Imbiss traf, der offensichtlich den Passagieren serviert werden sollte.

Direkt vor Alena saß ein junger Mann mit dunklem Haar, der mit einer Blondine tuschelte, die links neben ihm saß. Die beiden bemühten sich, so zu sprechen, dass niemand sonst sie verstehen sollte, und dennoch fing Alena ungewollt Gesprächsfetzen auf. Sie entnahm ihnen, dass die beiden offensichtlich gegen den Willen der Eltern des Mädchens zusammen wegflogen. Alena interessierte so etwas weniger, und sie vertiefte sich wieder in ihre Fachlektüre.

Sie war schon so oft geflogen, dass sie der ganzen Zeremonie des Anschnallens und der üblichen Hinweise der Stewardessen mit Gelassenheit begegnete und das fast automatisch tat, was getan werden sollte. Allerdings amüsierte sie sich über den Jungen. Er kam mit dem Gurt noch nicht zurecht, aber seine offensichtlich schon viel gereiste Großmutter half ihm dabei. Der quirlige Kleine war aufgeregt, fragte und redete in einer Tour. Er hatte Mühe, ruhig zu sitzen. Ingo hieß er, wie Alena hörte, und sie musste besonders die Großmutter bewundern, die sich durch den kleinen Quälgeist nicht mehr aus der Ruhe bringen ließ.

Auf dem Fensterplatz vor dem Jungen saß ein dunkelblonder schlanker Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, der sich manchmal nach dem Jungen umdrehte und dabei herzlich lachte, wenn Ingo gerade wieder eine seiner Fragen gestellt hatte. Dieser Fluggast, das hatte Alena bemerkt, war vorhin schon in der Maschine gewesen. Sie hatte ihn auch unter den Wartenden nicht gesehen.

Auch jene drei Männer, die auf der anderen Reihe direkt vor der Pantry saßen, mussten schon von Oslo her in der Maschine gewesen sein. Die drei sprachen italienisch miteinander, aber Alena bemerkte, dass einer von ihnen der Sprache nach ganz sicher kein Italiener sein konnte. Dazu sprach sie selbst viel zu gut Italienisch. Diese Tatsache lenkte ihren Blick auf diesen Mann, der ganz außen auf der anderen Seite am Fenster saß. Er war relativ schmal im Gesicht. Er konnte auch nicht allzu alt sein, aber sein Gesicht wirkte faltig und verbraucht. Unruhig sah er sich um, da begegnete sein Blick dem Alenas. Einen Augenblick lang starrte er Alena an, dann senkte er die Lider und wandte sich wieder ab.

Die beiden anderen neben ihm war offensichtlich echte Italiener. Der eine saß außen am Gang und musste nach Alenas Schätzung Ende Dreißig sein. Der in der Mitte wirkte breitschultrig und gesetzt und war nach Alenas Schätzung an die Fünfzig. Sie sprachen halblaut, und Alena konnte aufgrund ihrer guten Sprachkenntnisse jedes Wort verstehen. In der Unterhaltung ging es um ein Fußballspiel, über das sie debattierten.

Alena widmete sich wieder dem Bericht über eine Gehirnoperation, als die Maschine startete.

Ohne den geringsten Zwischenfall hob die zweistrahlige Kurzstreckenmaschine ab und zog rasch hoch in die Wolken.

Die Erlaubnis kam, sich wieder abschnallen zu können und die beiden Stewardessen, die blonde und die dunkelhaarige, begannen damit, die Imbissbestellungen aufzunehmen und Getränke zu servieren.

„Bekomme ich ein richtiges Mittagessen?“, fragte der kleine Ingo seine Großmutter.

„Aber nein, Kind. Du hast doch vorhin gegessen. Auf so einem kurzen Flug gibt es nur einen ganz kleinen Happen. Etwas trinken kannst du, wenn du willst.“

Die Stewardess kam und fragte Ingo, was er haben wollte. Aber Ingo war offensichtlich sehr gut erzogen und sagte: „Ich bin Ingo, und wer sind Sie?“

„Ich heiße Siw“, sagte die dunkelhaarige Stewardess und lachte. Sie sprach mit einem reizend klingenden skandinavischen Akzent. „Was möchtest du denn trinken?“

„Ein richtiges großes Glas Cola!“, bat Ingo.

„Ich werde dir das größte Glas Cola bringen, das wir haben“, versicherte ihm Siw und fragte nun die Großmutter, aber die lehnte ab und bedankte sich. Auch Alena wollte weder etwas trinken noch etwas essen, sondern las wieder in ihrem Fachbuch, und sie hoffte, noch recht viel lesen zu können, aber sie fürchtete insgeheim, dass Ingo ihr einen Strich durch die Rechnung machen würde. Denn ob sie nun wollte oder nicht, sie konnte das helle, alles durchdringende Organ nicht überhören.

Einer der vermeintlichen Italiener war jetzt aufgestanden und ging auf die Toilette zu. Es fiel Alena auf, dass er seinen Aktenkoffer mitnahm, aber sie dachte sich weiter nichts dabei.

Ingo wollte wissen, wie weit es von Oslo bis Köln-Wahn sei und wie lange sie denn jetzt noch bis nach Nizza fliegen würden.

Während die Großmutter ihm so genau wie möglich zu antworten versuchte, geschah es plötzlich.

Die Stewardess Siw kam gerade mit dem Tablett, auf dem sich auch das große Cola Ingos befand, da sagte plötzlich eine Stimme in schauderhaftem Englisch hinter ihr: „Steh ganz still! Nicht bewegen!“

Alena hörte sofort, dass es die Stimme des Mannes war, der eben mit dem Aktenköfferchen auf die Toilette gegangen war. Sie fuhr herum, sah auf und entdeckte, wie dieser Mann mit einer Pistole hinter der Stewardess stand, und er presste ihr die Mündung der Pistole ins Genick.

Die Stewardess stand leicht vorgeneigt, noch immer das Tablett in den Händen, hatte die Augen entsetzt aufgerissen und schien jeden Augenblick das Tablett fallenlassen zu wollen.

Auch die Großmutter von Ingo hatte den Vorfall bemerkt und sah nach rechts, ebenso der Mann, der vor Ingo am Fenster saß.

Jetzt standen die beiden anderen auf, die sich ebenfalls auf italienisch unterhalten hatten.

„Keine Aufregung!“, sagte der Untersetzte, den Alena so um die fünfzig Jahre schätzte. „Wenn irgendwer etwas versucht, stirbt die Stewardess.“ Und damit ging er nach vorn, während der dritte, von dem Alena wusste, dass er keinesfalls ein Italiener war, zu seinen Kumpanen ging und sich dann vor die Pantry stellte, in der die zweite Stewardess war.

Dort lehnte das Aktenköfferchen. Der kleine, hagere Mann, der viel kleiner war als sein Kumpan, der die Stewardess bedrohte, hob das Köfferchen auf, öffnete es und entnahm ihm eine zweite Pistole. Er richtete sie auf die andere Stewardess, die gerade die Gegensprechanlage in der Pantry bedienen wollte.

„Sprich mit dem Kapitän!“, sagte der Kleine, und Alena fiel auf, dass sein Englisch sehr viel besser war als das jenes Kumpans, von dem sie bedroht wurde.

Mittlerweile hatte mehr als die Hälfte der Passagiere begriffen, was hier geschah.

„Sag dem Flugkapitän, dass er zu uns kommen soll!“, befahl der Kleine der anderen Stewardess, die schluckte und dann kreidebleich an die Sprechanlage trat und etwas auf schwedisch nach vorn sprach, das Alena nicht verstand. Sie konnte zwar ein paar Brocken Schwedisch sprechen, aber nicht so perfekt, dass sie die schnell ausgesprochenen Worte der Stewardess verstanden hätte.

Der etwa Fünfzigjährige, der zu den dreien gehörte, kam zurück und verlangte in ebenfalls sehr schlechtem Englisch von der Stewardess, dass sie die Bordsprechanlage einschaltete, damit er mit den Passagieren reden konnte. Sie tat es, und er sagte dann auf deutsch, wohl in der Annahme, dass die meisten Fluggäste Deutsche seien: „Behalten Sie die Ruhe! Es geschieht Ihnen nichts. Wir wollen nur zwei von Ihnen, und die wissen genau, worum es geht. Alle anderen interessieren uns nicht. Wenn die Flugbesatzung alles tut, was wir verlangen, wird keiner von Ihnen das Geringste zu befürchten haben. Bewahren Sie die Ruhe, lassen Sie sich nicht zu Dummheiten hinreißen! Wir würden Sie sonst erschießen müssen.“

In diesem Augenblick tauchte der Flugkapitän auf. Er war ein großer blonder Mann, etwa Mitte Vierzig, mit leuchtend blauen Augen, eigentlich nach Alenas Meinung das Urbild eines Skandinaviers. Er blickte aus schmalen Augen über die Fluggäste hinweg zu jenen drei Männern, von denen einer die Stewardess Siw mit der Pistole bedrohte.

„Kommen Sie her, Kapitän!“, verlangte der Untersetzte, und er sprach deutsch.

Der Flugkapitän kam näher, und dann stand er vor seiner Stewardess, die ihn ängstlich anschaute.

„Nehmen Sie die Pistole von Siw weg! Weg mit der Waffe!“, sagte der Flugkapitän schroff.

Der Kleine, der die zweite Pistole hatte, trat jetzt direkt hinter den Sitz von Ingo.

Alena ahnte schon, was kommen würde, da geschah es schon. Der Verbrecher hielt seine Waffe auf Ingos Kopf. Ingo hatte das noch gar nicht bemerkt, aber seine Großmutter sah es mit furchtbarem Entsetzen.

„Um Gottes willen, lassen Sie doch den Jungen! Was wollen Sie dem Jungen tun?“, schrie sie mit überschnappender Stimme. Der kleine Gangster grinste sie belustigt an und zeigte dabei eine Reihe schadhafter gelber Zähne.

„Es geschieht ihm nichts“, erklärte er. „Gar nichts geschieht ihm, wenn die hier alles tun, was wir wollen.“ Er sprach einwandfreies Deutsch, wie Alena bemerkte.

„Was wollt ihr?“, fragte der Flugkapitän. Er sprach nun ebenfalls deutsch, und tat es mit einem starken skandinavischen Akzent.

„Sie werden in Rom landen, Kapitän, nicht in Nizza. Sie werden dort auftanken, und wir werden Ihnen vorn einige Bedingungen nennen. Wenn die erfüllt werden, können in Rom, bis auf die Besatzung, alle Passagiere von Bord der Maschine gehen, vorausgesetzt, niemand macht Schwierigkeiten.“

„Und dann?“, fragte der Flugkapitän.

„Dann werden wir wieder aufsteigen, und ich werde Ihnen sagen, wohin Sie fliegen müssen.“

„Das ist ein Kurzstreckenflugzeug. Wir können keine weiten Distanzen zurücklegen“, erklärte der Kapitän. „Die Boeing 737200 ist eine absolute Kurzstreckenmaschine. Die maximale Reichweite beträgt 3400 km bei völliger Ausladung. Und das ist der Fall.“

„Das wird völlig genügen, Kapitän“, sagte der Untersetzte. „Übrigens können Sie mich Luigi nennen. Wenn Sie alles tun, was wir verlangen, Kapitän, passiert Ihrer Maschine so wenig wie Ihnen selbst, und

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: edhar yuralaits 123 rf durch Jörg Munsonius
Tag der Veröffentlichung: 15.01.2018
ISBN: 978-3-7438-5076-7

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