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Die Legende von San Raphael

Western von Glenn P. Webster

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Während Holly Millard mit der Schuld am Tod ihres Mannes kämpft, erzählt der greise Padre Sebastian von einem großen Kampf um Land und Liebe, der an genau dieser Stelle schon einmal stattgefunden hat. Wird Holly gestärkt von der ungewöhnlichen und gewaltreichen Geschichte, oder zerbricht sie an der Schuld und den Nachstellungen ihres Schwagers, der sie tot sehen will?

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Keuchend folgte Holly Millard dem steil ansteigenden Pfad. Der Bergwind zerrte an ihrer Kleidung und ließ den Hut an der Windschnur flattern.

Auf einem Plateau stieß Holly unvermittelt auf die einsame Gestalt des alten Mönches. Erschrocken prallte sie zurück, als er sich zu ihr umdrehte. Das eisgraue Haar und der ebenso graue Bart ließen ihn unheimlich wirken.

»Du erhoffst dir Hilfe vom Heiligen Berg«, sagte der Mönch. »Der Berg wird dir helfen, wie er einst ihnen half.« Der Klosterbruder deutete auf zwei leuchtende Kaktusblüten. »Doch du musst glauben, meine Tochter. An den Berg und an die Legende von San Raphael. Dann wirst du Hilfe finden.«

Wie gebannt hing Hollys Blick an den beiden Blüten, die aus dem kargen Stein zu wachsen schienen. Der alte Mönch aber begann zu erzählen.

Damals …

Die ersten Streifen der Morgenröte durchdrangen das Grau des morgendlichen Himmels über den Berggipfeln. Über den schimmernden Fluten des Colorado River waberten bleiche Nebelschleier. Die Töchter des Wassergottes tanzen zur Begrüßung der Königin des Tages, sagten die Pima-Indianer, die in den Flussniederungen und den angrenzenden Ebenen am Fuß des mächtigen, über siebentausend Fuß hohen Massiv des Castle Dome Rock ihre Dörfer errichtet hatten.

Leonard Forrest hatte keinen Sinn für die Schönheit der Flussebenen, als er an der Spitze einer Kolonne entschlossener Männer am Ufer des Stroms entlang ritt. Im Frühnebel wirkten die schnaubenden Pferde und ihre Reiter wie Ungeheuer, die erwacht waren, um diesem Land seinen einzigartigen Zauber zu rauben.

Der Rancher war ein großer, stattlicher Mann, dessen kantiges Gesicht selten von einem Lächeln erhellt wurde. Die Ladys aus der Umgebung schätzten ihn als galanten Begleiter, der sie zum Abendessen oder zu Tanzveranstaltungen ausführte, doch keine von ihnen würde sich jemals in ihn verlieben.

Leonard Forrest war der King des Dome Rock Valley.

Lange genug hatte er tatenlos zugesehen, wie die Indianer durch das Tal zogen, wie sie im Fluss fischten und in den Wäldern jagten. Die Rothäute waren ihm ein Dom im Auge. Sein Vater hatte ihn immer ermahnt, mit den Indianern eine gute Nachbarschaft zu pflegen, doch nun hatte der alte Mann nichts mehr zu sagen. Ein Schlaganfall hatte Harris Forrest ans Bett gefesselt. Er konnte das Unheil nicht aufhalten.

»Temper! Cale! Ihr wisst, was ihr zu tun habt«, schnappte Leonard Forrest, als der Reitertrupp die Pferde auf einer Anhöhe verhielt.

»Wenn wir das hier durchziehen, wird sich einiges im Tal ändern«, gab Vic Dobey zu bedenken. Forrest hatte ihn vor ein paar Monaten als Vormann eingestellt, weil Dobey die Mannschaft mit harter Hand zu führen verstand und außerdem wie kaum ein zweiter mit dem Schießeisen umgehen konnte.

»Na, hoffentlich!«, schnarrte Forrest.

»Es wird Ihrem alten Herrn nicht gefallen.«

»Kümmern Sie sich nicht um meinen Alten, Dobey«, entgegnete Forrest heiser, »sondern tun Sie, wofür ich Sie bezahle!«

Dobey zog die dünnen Handschuhe über den Fingern straff und legte eine Hand auf den Griff seines Sechsschüssers. Mit einem Kopfnicken wies er Temper und Cale an, in die Senke hinabzureiten.

Dorthin, wo ein Indianerdorf halb verborgen in den Nebelschwaden lag.

Das Dorf der Pima bestand aus Tipis und halbrunden Hütten, deren Wände von gegerbten Hirschfellen gebildet wurden. Rund um das Dorf hatten die Indianer aus dünnen Baumstämmen Palisaden errichtet. Dieser Zaun konnte zwar einem Ansturm von Feinden nicht lange Stand halten, doch die Pima setzten auf eine abschreckende Wirkung.

Temper und Cale ließen sich von den Palisaden nicht beeindrucken. Kein Wachtposten ließ sich blicken, als sich die beiden Cowboys aus den Nebelschleiern schälten. Kein Laut war zu hören. Nicht einmal ein Brachvogel ließ seinen Ruf vernehmen. Es war, als sei die Natur angesichts der drohenden Gefahr verstummt.

Temper lenkte sein Pferd zum Eingang des Dorfes. Unvermittelt standen die beiden Indianer vor ihm, reglos, abwartend. Sie sprachen kein Wort und überließen es dem weißen Eindringling, das Schweigen zu brechen.

Temper betrachtete die beiden Krieger, die nur mit Messern und Lanzen bewaffnet waren. Er beugte sich vor und zauberte ein hässliches Grinsen auf seine Lippen. »Ein schöner Morgen«, sagte er leise. Die stille Morgenluft trug seine Worte weit.

Die Pima-Krieger antworteten nicht.

»Ein wirklich schöner Morgen«, wiederholte Temper, zog seinen Colt und schoss einen der Krieger über den Haufen. Der zweite Wachtposten überwand seine Überraschung und stieß eine gellende Warnung aus, die jedoch abrupt verstummte, als Cale ihm eine Gewehrkugel in den Rücken jagte.

Augenblicklich wurden die Indianer wach. Sie stürzten aus ihren Hütten und schauten sich verwirrt um. Durch den Nebel drang das dumpfe Dröhnen der Hufe zu ihnen hin, als die Kavalkade heranpreschte. Squaws pressten ihre Kinder gegen die Brust und rannten zum hinteren Teil des Dorfes, wo ihnen ein Durchschlupf im Zaun die Flucht in die Bergwälder ermöglichen sollte. Männer eilten zu ihren Waffen. Nur wenige Pimas verfügten über Revolver oder Gewehre.

Sie waren die ersten, die unter den Schüssen der weißen Angreifer fielen.

Die Reiter zogen ein Netz rund um das Dorf. Frauen kreischten, als hinter ihnen die Todesschreie ihrer Männer im Peitschen der Schüsse untergingen und vor ihnen die Angreifer aus dem Zwielicht des anbrechenden Morgens tauchten. Wie verschreckte Rehe stoben die Squaws auseinander. Die Angreifer feuerten wild um sich und gerieten in einen wahren Blutrausch.

Forrest und Vic Dobey schossen unablässig. Weit hinten sahen sie, wie sich Männer auf die Squaws stürzten. Eine Indianerin rannte schreiend herbei, verfolgt von vier oder fünf Häschern. Einer der Männer brachte sie zu Fall, stolperte über seine heruntergelassenen Hosen und brach kreischend zusammen, als ihm die Squaw zwischen die Beine trat.

Der anklagende Blick der fliehenden Squaw, als zwei, drei Kugeln ihre Brust zerrissen, grub sich tief in Forrests Gehirn, ehe er gequält die Augen schloss.

Dobeys Stimme riss ihn in die grausame Wirklichkeit zurück. »Lasst keinen entkommen!«, brüllte der Vormann. Er galoppierte davon, und Forrest folgte ihm. Er entdeckte eine Squaw, die von mehreren Männern bedrängt wurde. Raue Hände griffen nach ihren Brüsten. Kratzer verliefen auf der bronzefarbenen Haut.

Forrest stockte der Atem. Diese Squaw war wunderschön! Ihr langes, pechschwarzes Haar umrahmte das von hohen Wangenknochen und vollen Lippen geprägte Gesicht. Die festen, runden Brüste wippten, Männer hielten die Arme und Beine der Squaw umklammert. »Das Prachtstück ist für dich, Vormann!«, schrie jemand.

Hütten gingen in Flammen auf. Aus dem Innern der lodernden Behausungen erklang Wehklagen. Keiner der Angreifer machte sich die Mühe, die Indianer mit gnädigen Schüssen vor einem qualvollen Flammentod zu bewahren. Der Feuerschein zitterte über die Gesichter der weißen Männer, als sich Dobey der Squaw näherte. Er trat zwischen ihre Schenkel und schnallte den Hosengurt auf.

»Nicht!«, schrie Forrest und trieb sein Pferd nach vom. »Ich verbiete es Ihnen, Dobey!«

»Wollen Sie die Kleine zuerst?« Grinsend trat der Vormann zurück. »Bedienen Sie sich, Boss.«

Unschlüssig wechselten die Männer Blicke und ließen in ihrer Wachsamkeit nach. Auf diesen Moment hatte die schöne Squaw gewartet. Sie rammte ihren Fuß in Dobeys Leib, schlug und kratzte, bahnte sich einen Weg zum Zaun und scheuchte einen Jungen und ein verängstigtes Mädchen zu dem Durchschlupf in der Palisade.

Die Kinder schafften es gerade noch, das Dorf zu verlassen. Die Squaw konnte ihnen nicht mehr folgen. Ein halbes Dutzend Männer fiel über sie her. Die Squaw gab keinen Schmerzenslaut von sich. Ihr Blick folgte den beiden Kindern, die zwischen den reglosen Körpern von Frauen, Männern und Kindern hindurch zum Fuß des Gebirgszuges liefen.

Der Vormann und sein Rancher preschten hinter den Kindern her, die bereits einen schmalen Pfad emporkletterten, um im dichten Unterholz des Bergwaldes zu verschwinden.

»Schießen Sie!« Dobey zog eine Winchester aus dem Scabbard. »Wenn wir sie entkommen lassen, haben wir die ganze rote Sippschaft auf dem Hals!«

Ein kleiner Junge, kaum zwölf Jahre alt. Ein Mädchen, nur wenige Jahre jünger. Kinder, die sich in verzweifelter Hoffnung an einen Strohhalm klammerten, den ihnen das Schicksal entgegenhielt. Forrest hob den Colt, zögerte aber. Er konnte auf Indianer schießen, aber nicht auf Squaws. Und schon gar nicht auf Kinder.

»Verflucht, Boss, gleich haben sie es geschafft!«, schrie Dobey. »So eine verfluchte Scheiße!« Er hieb seinem Pferd die Sporen in die Weichen. Direkt am Fuß des Berges riss er das Pferd in den Stand, hob die Winchester und …

Das Indianermädchen drehte sich um! Nie würde Forrest den Blick aus diesen großen, dunklen Augen vergessen. Keine Anklage lag darin, und keine Angst. Kein Hass, keine Wut. Sie waren völlig ausdruckslos.

Dobeys zog den Stecher durch.

Als die Flammenzunge aus der Mündung stach und tödliches Blei auf die Reise schickte, warf sich der Indianerjunge über das Mädchen. Dobey grunzte befriedigt, als die Kugel in den Rücken des Jungen fetzte und beide Kinder von der Wucht des Einschlages zu Boden gerissen wurden. Sie rollten seitlich weg, brachen durch das Unterholz und verschwanden über den Rand einer tiefen Bodenspalte.

Forrest zog sein Pferd herum und sah, wie die Squaw an den rauen Palisaden lehnte und eine blutverschmierte Hand nach den beiden Kindern ausstreckte, die so jäh verschwunden waren. Die Rinde der Palisadenstämme riss die Haut über den nackten Brüsten auf, doch die Squaw achtete nicht darauf.

Es tut mir Leid, zuckte es durch Forrests Kopf. Einen flüchtigen Moment lang war er versucht, die Worte auszusprechen, doch er brachte keinen Ton über die Lippen. Verbittert bog er den Hammer zurück und tat das einzige, was er für diese schöne Squaw tun konnte.

Dobey jagte in die Mitte des brennenden Dorfes und repetierte die Kugeln aus seinem Gewehr. In Leonard Forrest aber zerbrach etwas, als er die blutbesudelten Körper sah und die Schreie der gepeinigten Indianer hörte. Seine Männer erwarteten von ihm, dass er keine Schwäche zeigte. Mit fast mechanischen Bewegungen stieg er aus dem Sattel, schritt über dieses Schlachtfeld und teilte das grausige Vergnügen seiner Mannschaft.

Als die Morgensonne den Nebel vertrieb, hoben sich die ersten Aasgeier in die Lüfte, um mit ihren scharfen Augen nach einem Lebenszeichen im Dorf der Pima zu suchen. An der Spitze seiner Männer ritt Leonard Forrest davon und fror trotz der wärmenden Sonnenstrahlen. Wie Eiswasser rann das Blut durch seine Adern. Er versuchte, das Zittern und Zähneklappern vor seinen Männern zu verbergen.

An diesem Morgen war etwas tief in Leonard Forrests Inneren erstarrt. Etwas, das man Menschlichkeit nannte.



2

Ihr Blick verlor sich in der dunklen Mündung der Winchester. Die hervorstechende Feuerlanze wurde von einem peitschenden Knall begleitet, und die junge Frau fuhr schweißgebadet in die Höhe.

Kalter Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn und dem Hals. Das Nachthemd klebte an ihrem Körper. Deutlich zeichneten sich die dunklen Brustknospen unter dem hellen Stoff ab.

Schwerfällig kam die Indianerin auf die Beine. Sie schaute durch das kleine Fenster in die Nacht hinaus. Keuchend lehnte sie ihre Stirn gegen die Wand. Nie würde sie jenen Augenblick vergessen, als der weiße Mann sein Gewehr abgefeuert hatte. Nur Bernardos rasches Eingreifen hatte sie vor dem Tod bewahrt.

Bernardo.

Sie erinnerte sich daran, wie sie in dem Felseinschnitt aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht waren. Bernardos Hemd war blutgetränkt gewesen. Doch der Indianerjunge war tapfer gewesen – wie die Krieger, die er sich stets zum Vorbild genommen hatte. Er hatte sich zusammen mit dem kleinen Mädchen den Berg emporgekämpft, hatte durch ein zerklüftetes Land die Flucht nach Süden angetreten. Kräuter hatten die Blutung zum Stillstand gebracht, doch nur eine Hoffnung verlieh den beiden Kindern die Kraft, ihren Weg fortzusetzen.

Die Hoffnung, dass die Götter auf dem Castle Dome Mountain ihnen wohlgesonnen waren. Oft hatten sie Kraft aus dem Anblick des majestätischen Berges geschöpft. Nur wenige Meilen vom Fuß des Berges waren sie zusammengebrochen und hatten sich in einfachen, aber weichen Betten wiedergefunden. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sie verstanden hatten, wo sie sich befanden.

In einem Haus des weißen Mannes. In einem ganz besonderen Haus. Sie hörten den Klang einer Glocke, sahen ein hölzernes Kruzifix an der Wand über der Tür und begriffen nicht, dass es das Symbol jenes Gottes war, den der weiße Mann anbetete. Noch begriffen sie es nicht.

Sie hatten den gutmütigen, bärtigen Mann, der dieses seltsame braune Gewand trug, als ihren Feind angesehen. Pater Sebastian nannte er sich und versicherte ihnen immer wieder, dass sie nichts von ihm zu befürchten hatten. Sie verstanden seine Sprache nicht. Doch ganz allmählich fassten sie Vertrauen zu ihm. Er konnte ihre indianischen Namen nicht aussprechen und nannte den Jungen Bernardo. Das Mädchen erhielt den Namen Celia.

Und so wuchsen sie heran – zwei indianische Zöglinge in der Mission von San Raphael, am Fuß des Castle Dome Mountain. Am Ufer des Gila River, der das fruchtbare Land von der tödlichen Wüste trennte. Celia und Bernardo lernten die Sprache des weißen Mannes und seine Gebete. Oft wachte Celia auf, weil sie vom Tod ihrer Mutter träumte. Dann war Pater Sebastian da, um ihr Trost zu spenden.

Mit der Zeit hatte Celia den Tod der Mutter akzeptiert. Sie hatte viele Schicksale in der Mission kennengelernt. Ehen waren geschlossen worden. Siedler hatten Zuflucht gesucht. Kinder waren innerhalb der Klostermauern zur Weit gekommen, und Menschen waren gestorben und auf dem kleinen Friedhof beigesetzt worden. Celia war zu einer bildschönen jungen Frau herangewachsen und hatte im Garten und in der Küche der Mission gearbeitet. Sie hatte eine Heimat gefunden und die Geborgenheit der Mission nicht verlassen wollen.

Dann war Bernardo gegangen. Ohne Abschied hatte er San Raphael verlassen.

»Er wird keine Heimat finden«, hatte Padre Sebastian gesagt. »Solange Tod und Verderben seine Begleiter sind, wird er keine Ruhe finden.«

Schließlich war auch der Tag gekommen, als der Padre Celia aus San Raphael wegschickte. »Ich möchte, dass du mit einer Botschaft nach Kalifornien reitest«, hatte er gesagt.

»Du hast große Sorgen, Padre.«

Sebastian schaute zum Sternenhimmel empor. »Es ist nichts«, sagte er.

»Darf ein Padre lügen?« Ihre Blicke hatten sich getroffen. »Du hast mich viele Jahre lang gelehrt, aufrichtig zu sein und niemals die Unwahrheit zu sagen. Du bist ein Diener deines Gottes und hast mir beigebracht, dass er dich bestraft, wenn du lügst. Warum lügst du mich an, Padre?«

»Ich liebe dich wie meine eigene Tochter, Celia. Manchmal muss ein Vater mit der Wahrheit hinter dem Berg halten, um sein Kind zu schützen.«

»Bin ich in Gefahr?«

»San Raphael ist in Gefahr, mein Kind.«

»Dann werden wir kämpfen!«

»Und dabei sterben wie jene tapferen Männer, die bei Alamo für eine verlorene Sache gefallen sind, ja? Glaubst du, es ist der Wille des Herrn, dass du dein junges Leben wegwirfst, um ein paar Adobemauern zu schützen? Du wirst nach Stockton reiten und meine Bittschrift überbringe. Mit etwas Glück wird man mir Unterstützung schicken. Du aber wirst in Kalifornien bleiben, Celia! Ich bitte dich nicht darum. Ich verlange es!«

»Ist es so schlimm?«

»Meine Brüder und ich, wir stehen allein, mein Kind. Über Jahre hinweg war San Raphael ein Zufluchtsort für jene, die der Hilfe des Herrn bedurften. Doch nun scheint die Mission überflüssig geworden zu sein. Man will dieses Land, auf dem die Mission errichtet wurde. Nur wenige Morgen von Gottes Erdboden, doch die Habgier des Menschen ist stärker als seine Ehrfurcht vor dem Herrn.«

»Also müssen wir doch kämpfen! Niemand wird dir das Land wegnehmen, Sebastian!«, ereiferte sich Celia. »Ich werde zu den umliegenden Stämmen reiten. Die Yuma. Die Maricopa. Die Yaqui. Sogar die Apachen werde ich aufsuchen, um sie für dich in den Kampf zu führen!«

»Nein!« Padre Sebastian war sichtlich entsetzt. »Es wäre dein Tod! Kein Apache würde einer Pima-Squaw folgen, die noch dazu bei den Weißen aufgewachsen ist. Du musst nach Stockton reiten. Dies ist eine Angelegenheit der Kirche. Wenn man mir Hilfe schickt, ist es gut. Wenn nicht, ist es der Wille des Herrn, dem ich mich zu beugen habe. Wie es auch ausgehen mag, du wirst in Stockton bleiben. Leb wohl, meine Tochter.«

Celia hatte sich dem Wunsch des Padre gebeugt. Allmählich hatte sie sich beruhigt. Wochen waren zu Monaten geworden. Celia hatte eine Anstellung im Hospital von Stockton gefunden. Sie bewohnte ein winziges Zimmer in einem Haus, das man den Schwestern zur Verfügung gestellt hatte, und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Ihre Gedanken kreisten nicht mehr um San Raphael; und selbst die Albträume, in denen sie die schrecklichen Momente aus ihrer Jugend erlebte, blieben aus.

Bis vor einer Woche.

In jener Nacht war sie spät nach Hause gegangen. Sie war einem Betrunkenen begegnet, der ihr mit einer halbvollen Flasche billigen Fusels in der Hand entgegen wankte und etwas Unverständliches vor sich hin lallte. Er rutschte aus und prallte gegen eine Hauswand, schlug sich die Stirn auf, und Blut schoss über sein stoppelbärtiges Gesicht.

Celia hatte ihre Schürze in Streifen gerissen und dem Mann einen Verband angelegt. Er hatte sich nicht bedankt, sondern stieß sie weg und torkelte weiter. Celia hatte ihren Weg fortgesetzt und …

Die Hand packte sie!

Celia wurde herumgerissen. Kein Muskel regte sich in ihrem schönen Gesicht, als ihr stinkender Brandyatem entgegen schlug.

»Auswischen wird man sie!«, lallte der Betrunkene. »Ausradieren wird man sie. Weg von der Landkarte. Niemand wird sie jemals wiederfinden.«

Celia verstand die Bedeutung seiner Worte nicht. »Lassen Sie mich gehen«, bat sie. »Es ist besser, wenn Sie Ihren Rausch ausschlafen.«

Der Branntweinbruder blinzelte. »He, weißt du, an wen du mich erinnerst?«, nuschelte er. »An die schönste Frau, die ich jemals im Bett hatte. Springendes Reh hieß sie, und sie war eine Cherokee-Squaw. Eine verdammte Rothaut war sie, aber sie verstand es, einen Mann glücklich zu machen, jawoll. He, bist du eine ... Squaw?«

Der Mann hatte Celia an den Schultern gepackt und schüttelte sie durch, bis sie unter einer Laterne stehen blieb. Das bleiche Licht beleuchtete ihr bronzefarbenes Antlitz. »Jawoll, das ist ’ne Squaw. Ha, da belohnt mich der Himmel ja direkt, dass ich für die Pfaffen hierher geritten bin!«

In Celia kochte die Wut hoch. Sie stieß ihren Bedränger gegen die Wand, drückte ihm mit dem Unterarm die Luft ab.

»Such dir ein Bett und schlaf dich aus, Mister. Du hattest Glück. Wenn ich eine weiße Lady wäre, würdest du für dein Benehmen im Gefängnis landen. Wäre ich nicht mit dem Leben der Weißen vertraut, würdest du für dein Benehmen sterben!«

Der Betrunkene brach auf die Knie und erbrach sich. »Du hast aber Feuer im Blut, mein Kätzchen!«, krächzte er und rieb seinen ungewaschenen Hals. »Bleib bei mir. Ich erzähle dir auch ...«

Celia wandte sich zum Gehen, blieb aber stocksteif stehen, als sie die krächzenden Worte des Brandyschluckers vernahm. »Man wird sie in den Boden

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Cover: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 29.09.2017
ISBN: 978-3-7438-3444-6

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