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Das Verschwinden der Liebe

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Dr. Nicole Klemm ist die hübsche neue Assistenzärztin in der Kinderabteilung des Hafenkrankenhauses. Frau Dr. Ina Bender findet die dunkelhaarige Kollegin sehr sympathisch. Und auch der gut aussehende Herzensbrecher, Stationsarzt Dr. Hansjörg Heinzberg, zeigt ein besonderes Interesse für die junge Ärztin – die seine Gefühle erwidert. Die Tatsache, dass Nicole aus reichem Hause stammt und ihr Vater ihr jeden Wunsch erfüllt, ist anfangs bedeutungslos für das junge Glück. Ihre Liebe, so scheint es, trägt sie über alle Klippen hinweg. Doch dann schlägt Nicoles Schicksal mit ganzer Macht zu und die Leidenschaft der beiden füreinander wird auf eine harte Probe gestellt ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Ina hatte ihren Dienst angetreten und wollte mit der Stationsschwester über die anstehenden Dinge dieses Vormittags sprechen, als sie auf dem Gang mit Oberarzt Dr. Kiesewetter zusammentraf.

„Das ist gut, dass ich Sie jetzt schon habe. Ich wollte Sie schon ausrufen lassen, Frau Bender“, sagte Kiesewetter mit seiner schnarrenden, unpersönlichen Stimme. „Wir werden im OP gebraucht.“

„Im OP? Das hätte man mir doch gestern sagen müssen“, erwiderte Ina und sah den Oberarzt überrascht an. Heute kam er ihr wieder besonders arrogant vor. Sie hatte seine Art noch nie sehr geschätzt, wusste aber doch, dass es bei ihm auch ein paar gute Seiten gab. Als Mann interessierte er sie überhaupt nicht. Im Gegenteil. Er war ja auch alles andere als eine Schönheit. Was sie aber mehr abstieß als sein Äußeres, waren sein Ehrgeiz, seine herablassende Art und die Besserwisserei.

„Es ist ein Notfall“, sagte Kiesewetter spöttisch. „Glauben Sie, dass sich so etwas vierundzwanzig Stunden vorher anmeldet? Also, gehen Sie schon! Man braucht Sie als Internistin. Die Kinderärzte sind auch schon da.“

„Ein Kind?“, fragte Ina, der sich jedes Mal das Herz umdrehte, wenn Kinder operiert werden mussten.

Kiesewetter nickte. Er war ernst geworden. Offenbar waren ihm solche Fälle auch nicht gleichgültig. „Beckenbruch und innere Verletzungen, Verkehrsunfall“, sagte er. „Also, gehen Sie schon!“

„Sagen Sie dem Kollegen Breitenbacher Bescheid?“, fragte Ina noch.

„Natürlich. Nun machen Sie schon, dass Sie hinkommen!“

Dann im OP die üblichen Vorbereitungen. Und während sie sich die Hände schrubbte, stand eine junge Frau mit dunklem Haar neben ihr, die sie gar nicht kannte.

Sie begrüßten sich, und die Dunkelhaarige sagte:

„Mein Name ist Klemm. Ich bin Assistentin in der Kinderabteilung. Ich bin richtig aufgeregt. Doktor Haber wollte, dass ich dabei bin.“

Dr. Haber, das wusste Ina, war der Oberarzt der Kinderabteilung. „Sie sind wohl noch nicht lange in der Facharztausbildung?“, erkundigte sich Ina.

Frau Klemm schüttelte den Kopf. „Nein, erst seit einem halben Jahr. Ich war als Medizinalassistentin in Eppendorf in der Uni-Klinik.“

Ina hatte großes Verständnis für Anfängerinnen. Sie wusste, wie es ihr damals ergangen war, als sie in derselben Phase steckte wie diese junge Frau.

Irgendetwas gefiel Ina an der dunkelhaarigen Assistentin. Inas Schätzung nach war die nicht älter als fünfundzwanzig. Die Frauen, dachte Ina, kommen immer etwas früher ins Geschäft. Sie brauchen zu keinem Wehrdienst und auch nicht zum Zivildienst. Damit gewinnen sie mindestens anderthalb Jahre.

Der an den Schläfen schon ergraute Oberarzt Dr. Haber gesellte sich zu ihnen, schrubbte ebenfalls die Hände. „Die Chirurgen sind schon drinnen“, sagte er zu Ina. Sie kannten sich, und er lächelte ihr aufmunternd zu. „Nicht gerade ein schöner Fall. Wir müssen uns beeilen. Wahrscheinlich haben die schon angefangen.“

„Wer macht die Anästhesie?“, wollte Ina wissen.

„Der Kollege Fink. Und die Operation“, erklärte Dr. Haber weiter, „macht Höfermann selbst.“

Höfermann, das war Professor Dr. Höfermann, wie Ina wusste, der Chefarzt der Chirurgie. Ein hervorragender Chirurg, aber ein barscher, mitunter sehr laut werdender Mann. Aber eben ein großer Operateur, der sich leisten konnte, mit den meisten umzuspringen wie er wollte.

Dr. Haber fuhr fort: „Er hat sogar seinen Oberarzt mitgebracht. Es scheint wirklich eine sehr schwierige Sache zu sein.“

Ina wandte sich Habers Kollegin Dr. Klemm zu und sah die junge Frau beinahe mitleidig an. Wenn das gleich eine so schwierige Sache war, wurde das für eine Anfängerin zur Belastung.

„Nur Mut“, sagte Ina und lächelte aufmunternd.

Die junge, dunkelhaarige Frau schluckte, versuchte sehr tapfer zu sein und sagte: „Ich werde es schon schaffen. Für das Kind ist es viel schlimmer, sehr viel schlimmer.“

„Höfermann ist ein hervorragender Chirurg, und sein Team ist erstklassig.“ Ina wandte sich wieder Haber zu: „Ist auch Heinzberg dabei?“

Der nickte. „Ja, die erste Mannschaft, ist angetreten. Das wird wohl auch nötig sein, soviel ich weiß. Ich habe das Kind schon gesehen. Aber ich wollte unbedingt, dass mein Nesthäkchen auch einmal dazu kommt.“ Er blickte an Ina vorbei auf die junge Frau.

Kurz darauf waren Ina, Haber und Frau Klemm ebenfalls im OP. Und jetzt war keine Zeit mehr für lange Gedanken und große Reden. Der Ernst des Augenblicks nahm sie gefangen, und Ina hatte anderes zu tun, als sich um die junge Frau zu kümmern. Das war ja auch Habers Sache und nicht die ihre. Als Internistin musste Ina zusammen mit dem Anästhesisten die Funktionsfähigkeit dieses kleinen Körpers überwachen und gegebenenfalls eingreifen.

Professor Höfermann war schon bei der Arbeit. Ina kannte ihn seit drei Jahren, die Zeit, die er am Hafenkrankenhaus wirkte. Ein Mann Mitte vierzig, ungeheuer energisch und eben ein großartiger Chirurg. Das musste er auch jetzt unter Beweis stellen.

Es war eine langwierige, äußerst schwierige Operation, die sich über Stunden hinziehen würde. Das erkannte Ina sofort. Eigentlich gab es für die Kinderärzte nichts zu tun. Höfermann war viel zu erfahren, um nicht auch so einen kleinen Körper operieren zu können. Eher hatte Ina etwas zu tun. Bei den inneren Verletzungen wurde ihr Rat gebraucht. Innere Organe fielen in ihr Fachwissen.

So hatte Ina kaum Gelegenheit, nur einen Blick auf die junge Kollegin Klemm zu werfen. Das war fast fünf Stunden lang so, dann hatte es Höfermann geschafft. Der Kreislauf des Kindes hatte durchgehalten. Die Atmung war zwar unterstützt worden, doch mehr bedurfte es nicht. Und dann, als Höfermanns Assistenten, Oberarzt Happling und der Stationsarzt der Chirurgie Heinzberg, das Operationsfeld schlossen, stand fest, dass die Operation gelungen war.

Zusammen mit dem Anästhesisten Dr. Fink und seinen beiden Helfern blieb Ina noch einige Zeit im OP, als die Chirurgen schon das Feld geräumt hatten. Auch Haber und seine junge Assistentin Klemm waren geblieben.

Fink war noch beschäftigt. Aber Ina konnte es sich nun erlauben, einmal aufzuatmen. Ihr stand noch der Schweiß auf der Stirn. Sie trat vom Tisch zurück und blickte erst Haber und dann die junge Kollegin an. Tröstend sagte sie, als sie die Angst in den Augen der jungen Frau sah:

„Das Kind wird gesund, und eines Tages wird es auch wieder gehen können. Höfermann hat vorzügliche Arbeit geleistet.“

Ina war, als hörte die junge Kollegin gar nicht zu. In ihren Augen spiegelte sich nacktes Entsetzen. Jetzt, da alles vorbei war, schien die junge Frau die Fassung zu verlieren.

Haber bemerkte es gar nicht, aber Ina wusste, was im Inneren der jungen Kollegin geschah.

Sie nahm die junge Frau am Arm und sagte:

„Wir werden jetzt nicht mehr gebraucht. Kommen Sie, wir gehen nach draußen. Und dann trinken wir oben ein Tasse Kaffee, dann kommen Sie schon darüber hinweg.“

Als Ina den Arm der jungen Frau anfasste, spürte sie das Zittern. Hastig zog Ina ihre Kollegin aus dem OP hinaus. Als sie dann draußen waren und sich wieder umkleideten, musste sich die junge Frau setzen, schlug die Hände vors Gesicht, und ihr ganzer Körper wurde wie von einem Krampf geschüttelt.

Ina strich ihr tröstend übers Haar und sagte:

„Das geht vorbei. Das haben wir alle irgendwann einmal erlebt, ich auch. Und uns Frauen trifft es immer besonders hart, wenn es sich um Kinder handelt. Aber das Kind wird gesund, das ist beinahe sicher. Kommen Sie schon.“

Wenig später saßen sie in der Kantine. Die Chirurgen waren schon dort. Heute war eigentlich kein Operationstag. Aber diese stundenlange schwierige Operation hatte sie alle geschafft. Höfermann winkte Ina und ihrer Begleiterin, sich zu ihm zu setzen. Aber Ina spürte, dass es für die junge Frau eher eine Belastung als eine Beruhigung sein würde.

„Danke“, rief Ina, „wir holen uns nur eine Tasse Kaffee und gehen wieder nach oben.“ Sie ging zur Theke, holte ein Tablett mit zwei Tassen Kaffee und deutete der jungen Kollegin mit einer Kopfbewegung an, ihr nach draußen zu folgen.

Sie fanden dann oben auf dem Gang eine Nische mit einem Tisch und zwei Stühlen, setzten sich dorthin, um ihren Kaffee zu trinken. Hier waren sie allein.

„Danke“, sagte die junge Frau zu Ina und lächelte schmerzlich. „Es war nett, dass Sie sich nicht an den Tisch zu den anderen gesetzt haben. Ich hätte es jetzt nicht ertragen können.“

„Ich verstehe das. Ich habe ja gesagt, das habe ich auch hinter mir, was Sie jetzt durchmachen. Ich verstehe das sehr gut.“

„Entschuldigen Sie, ich habe vor der Operation, als wir uns bekannt gemacht haben, Ihren Namen nicht richtig verstanden.“

„Ich heiße Bender. Aber sagen Sie ruhig Ina zu mir. Unter uns Frauen brauchen wir ja nicht so förmlich zu sein.“

Inas Worte wirkten wie Balsam auf die wunde Seele dieser jungen Kollegin.

„Ich heiße Nicole.“

„Also, Nicole“, sagte Ina, „ich nehme an, ich bin älter, machen wir es nicht so förmlich. Unter uns Frauen sagen wir du, einverstanden?“

Ina war nicht unbedingt für Verbrüderung, aber hier konnte das vertrauliche Du etwas Positives bewirken. Und außerdem gefiel ihr Nicole.

Spontan streckte Nicole ihre Hände vor, umschlang damit die Rechte Inas, drückte sie und sagte: „Danke! Vielen Dank, Ina! Ich habe gedacht, ich werde verrückt. Natürlich habe ich während des Studiums und auch danach Operationen miterlebt. Aber noch nie so etwas, so etwas Furchtbares.“

„Auch dieses Furchtbare muss getan werden, sonst wäre dieser kleine Mensch tot. Höfermann hat es vermocht, ihn vor diesem Tod zu retten. Das Kind wird gesund, so schlimm das auch auf dem Tisch ausgesehen hat.“ Nicole trank ihren Kaffee aus und sagte: „Ich bringe das Tablett nach unten. Ich muss wieder in meine Abteilung.“

„In Ordnung“, sagte Ina. „Und wenn du ein Problem hast, dann ruf mich an oder komm zu mir. Wir reden darüber. Es werden ja nicht alle Tage solche Operationen gemacht, bei denen du dabei sein musst. Nur Kopf hoch! Es ist bestimmt nicht falsch, dass Haber dich mitgenommen hat.“

„Ich habe ihn dafür gehasst“, meinte Nicole und machte ein verzweifeltes Gesicht.

Ina schüttelte den Kopf. „Du tust ihm Unrecht. Er musste dich mitnehmen, das ist einfach notwendig, auch wenn du das im Moment nicht einsiehst. Man kann nicht immer nur die rosa Seiten von allem besichtigen, man muss auch einmal hinter die Tapete schauen, das weniger Schöne zur Kenntnis nehmen. Also, Kopf hoch! Ich weiß, dass es ein Schock war, aber ich habe diese Schocks auch erleben müssen. Und später ist es dir zwar nicht gleichgültig, aber du stehst es mit ganz anderen Gefühlen durch. Auf Wiedersehen, bis auf ein andermal.“

Sie verabschiedeten sich, und Ina hatte das Gefühl, Nicole schon ewig zu kennen, dabei hatten sie gar nicht soviel gesprochen.

Die nächsten Stunden war Ina mit anderen Dingen beschäftigt und dadurch abgelenkt. An Nicole dachte sie nicht mehr.

Erst am Nachmittag wurde sie wieder daran erinnert, und es war der Stationsarzt der Chirurgie, Dr. Heinzberg, der ein Gespräch mit Dr. Kiesewetter gehabt hatte und im Vorbeigehen bei ihr im Arztzimmer hereinschaute.

„Hallo! Nur auf eine Zigarette.“

„Oh Gott, muss das sein? Nichts gegen deinen Besuch, Hansjörg, aber das mit der Zigarette ...“

„Oh Gott, die Nichtraucher, die alle hundert Jahre alt werden wollen“, meinte er, setzte sich neben ihren Schreibtisch, schlug die Beine übereinander und lächelte sie gewinnend an. „Also gut, ich lasse die Zigarette weg.“ Ina war viele Male schon gemeinsam mit ihm zu Notarzteinsätzen unterwegs gewesen. Und sie kannte ihn ja auch von einigen Operationen, bei denen sie als Internistin zugegen sein musste. Er war ein netter Typ. Kräftig, sehr sportlich, mit wuscheligem, brünettem Haar und ausgeprägten Augenbrauen. Er hatte grüne Augen. Die Schwestern in der Chirurgie hatten ihm den Spitznamen „Kater“ gegeben, und das nicht nur der grünen Augen wegen. Von ihm hatte Ina schon manches gehört. Offensichtlich war er hinter jedem Rock her. Allerdings, das wusste Ina auch, respektierte er, wenn eine Frau verheiratet war oder ein festes Verhältnis hatte. Die Schwestern machten es ihm leicht und viele der Assistentinnen auch. Das war Ina ebenfalls zu Ohren gekommen. Doch all das kümmerte sie wenig. Sie verstand sich gut mit Hansjörg.

„Was ich dich fragen wollte“, sagte er jetzt und blickte sie aufmerksam an. „Diese Kinderärztin, wer ist das gewesen? Die kenne ich gar nicht.“

„Ich kannte sie auch nicht. Aber du willst das doch nicht bloß deshalb wissen, damit du deine Kenntnisse über das gesamte Personal erweitern kannst. Da hängt doch mehr drin in dieser Frage, oder?“ Ina lächelte.

Er lächelte zurück, kraulte sich am Kinn und sagte: „Nun ja, sie ist ganz hübsch.“

„Über dem Mundschutz siehst du nicht viel von ihr.“

„Ich hab sie doch vorher schon gesehen, und danach noch einmal, als du bei ihr warst. In der Kantine, da seid ihr doch hereingekommen.“

„Ach so, ja, stimmt. Sie heißt Nicole Klemm.“

„Nicole!“ Er sprach den Namen aus, als habe er einen Leckerbissen auf der Zunge. „Hört sich gut an“, meinte er.

Ina lachte. „Namen sind Schall und Rauch.“

„Sie sieht auch gut aus.“

„Hat der Kater ein neues Kätzchen entdeckt?“, erkundigte sich Ina spöttisch.

„Na ja, das ist doch legitim, oder? Sie gefällt mir eben.“

„Ich muss dich enttäuschen, ich weiß nichts von ihr, außer ihrem Namen.“

„Aber du bist doch mit ihr zusammen gewesen! Warum seid ihr einfach abgehauen?“

„Für sie ist die Operation ein Schock gewesen. Du bist abgebrüht, ich weiß. Aber sie hat so etwas noch nie gesehen, eine solche Operation. Andere, kleinere vielleicht, sogenannte Eingriffe. Aber das hier, das ist ihr zum ersten Male im Leben widerfahren. Und wie ihr da zumute gewesen ist, kannst du dir vielleicht denken. Ich jedenfalls kann es mir sehr lebhaft vorstellen.“

„Na ja, das stimmt. Aber bei mir ist das sehr lange her. Schließlich mache ich das schon eine ganze Weile.“

Ina wusste, was er damit meinte. Er war jetzt schon zwei Jahre Stationsarzt, hatte seine Facharztausbildung abgeschlossen, und alles, wonach er strebte, war der Posten von Happling. Aber wie die Dinge lagen, würde Happling nicht gehen. Und so war vorauszusehen, dass Hansjörg Heinzberg früher oder später vom Hafenkrankenhaus weggehen würde, um irgendwo eine Oberarztstelle zu bekommen.

Ina wusste nicht allzu viel von ihm, was über die Arbeit hinausging. Das Privatleben der Kollegen hatte sie nie sonderlich interessiert. Ihr war nur zu Ohren gekommen, dass er außer seiner Vorliebe für das weibliche Geschlecht in recht bescheidenen Verhältnissen lebte. Da war von einer alten gelähmten Mutter die Rede, die er unterstützen musste und wohl auch wollte.

Um ihn abzulenken, fragte sie: „Wie geht es eigentlich deiner Mutter?“

Er wurde sofort ernst. „Nicht sehr gut. Sie hat keinen Lebenswillen mehr. Ist ja auch kein Wunder, sie ist jetzt einundachtzig. Und das Schönste ist, dass ich der Einzige bin, der sich noch um sie kümmert. Da hat diese Frau nun vier Söhne großgezogen, und außer mir ist keiner mehr hier. Die anderen sind in alle Winde dieses Erdballs zerstreut. Mein ältester Bruder lebt in Toronto, der andere in Australien, und Martin hat es an eine Klinik in Rom verschlagen. Er lässt sich wenigstens einmal im Jahr sehen.“

Ina schaute ihn interessiert an. „Das ist ja toll! Sind das alles Ärzte?“

„Alles Ärzte. Mein Vater war ja auch Arzt. Lange Chefarzt im Stuttgart an einer großen Klinik. Nun gut, das ist vorbei: Er ist tot. Wenn man sich überlegt, woran er gestorben ist ...“

„Woran starb er?“, wollte Ina wissen.

,,An einer Infektion. Der Schneider hat den schlechtesten Anzug, sagt man. Und er, der große Chirurg, starb an einer läppischen Infektion. Da konnte ihm keiner helfen, und alles war natürlich viel zu spät.“

„Genauso wie du rauchst, und du rauchst wie ein Schlot, wie ich weiß. Du weißt genau, welche Gefahren, das in sich birgt. Aber du tust es.“

„Hör auf! Ich weiß, dass du recht hast. Auf der anderen Seite muss man sich mitunter betäuben.“

„Einbildung“, sagte Ina. Sie war froh, dass er jetzt nicht wieder von Nicole anfing, aber da hatte sie sich getäuscht. Denn jetzt war er es, der das Thema wechseln wollte, weil er sich von Inas Aversion gegen das Rauchen bedrängt fühlte.

„Diese Kinderärztin, die ist noch nicht lange da, nicht wahr?“

„Nein“, sagte Ina. „Alles, was ich weiß, ist, dass sie als Medizinalassistentin an der Uni-Klinik gearbeitet hat und seit ein paar Monaten hier ist.“

„Eine Anfängerin. Dann ist ihr Schock zu verstehen“, meinte er gönnerhaft.

Ina lachte. „Tu nicht so, als wärst du als Prinz Eisenherz auf die Welt gekommen.“

„Tu ich doch gar nicht. War auch nur eine Frage. Du weißt nicht zufällig, wo sie wohnt?“

„Ich weiß zufällig gar nichts weiter“, erwiderte Ina spöttisch. „Aber ich kann mir denken, was du vorhast. Findest du das immer richtig?“

Er tat ahnungslos, sah sie in gespieltem Erstaunen an und fragte: „Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst?“

„Du wirst noch mal an die Falsche geraten, irgendwann einmal. Und dann, mein lieber Hansjörg, verbrennst du dir die Finger, und zwar ganz gewaltig. Etwas Menschenkenntnis traue ich mir auch zu. Und Nicole Klemm ist ein sehr anständiges Mädchen, ganz gleich, ob sie die Tochter eines Straßenkehrers oder die eines Generaldirektors ist. Hast du mich verstanden?“

„Du lieber Gott, jetzt kommst du mir noch von der moralischen Seite! Sie ist doch ein freier Mensch und kann selbst entscheiden, mit wem sie sich abgibt. Die Frauen, mit denen ich es bis jetzt zu tun hatte, waren auch alle erwachsen, wenn du verstehst, was ich damit meine. Ich habe sie nicht etwa vergewaltigt oder erpresst.“

Ina lächelte versöhnlich. „Schon gut. Ich will auch nicht der Moralapostel sein, bloß manchmal mache ich mir Sorgen um junge Frauen, die solchen Aufreißertypen wie dir in die Hände geraten.“

„Nun hör aber auf!“, protestierte er. „Ich habe jedenfalls noch keiner versprochen, was ich nicht halten konnte. Und wenn andere etwas herauslesen, was ich ihnen gar nicht geben kann, sind sie selbst daran schuld. Ich habe ja gesagt, Ina, dass sie alle erwachsen waren. Und im Übrigen gehören zur Liebe immer zwei dazu. Ich nehme an, das weißt du auch.“

„Schon gut.“ Ina legte ihm begütigend ihre rechte Hand auf seinen linken Unterarm. „Schon gut, reg dich wieder ab.“

„Übrigens fällt mir ein, dass ich neulich deinen früheren Schwarm Bernd Kluge getroffen habe. Weißt du, dass er im Grunde ein prima Kerl ist?“

„Weiß ich“, sagte Ina. „Er kann nicht aus seiner Haut, er ist so wie er ist. Genau

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 23.08.2017
ISBN: 978-3-7438-2962-6

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