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Ich wünsch’ mir eine Mami!

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

In die Klinik wird die kleine Kathrin mit einer Pilzvergiftung eingeliefert. Dieses kluge und quirlige Mädchen schleicht sich nicht nur in das Herz von Dr. Ina Bender ein. Ina möchte dem Mädchen unbedingt helfen, denn es lebt in einem Waisenhaus. Ina entschließt sich sogar, das Kind zu sich mit nach Hause zu nehmen, um dann jemanden zu finden, der sie adoptiert. Das Mädchen hat nämlich einen sehnlichen Wunsch: Eine Mami für sich!

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Die Stationsschwester der inneren Abteilung wirkte nervös. Als Dr. Ina Bender ihr so gegen zehn Uhr kurz vor der Visite begegnete, sah die Schwester aus, als hätte sie bereits einen anstrengenden Tag hinter sich.

„Was ist denn los?“, fragte Ina, die sich mit Schwester Heidemarie gut verstand und die junge, resolute Stationsschwester sehr mochte.

„Los ist gar kein Ausdruck, Frau Doktor“, meinte Schwester Heidemarie, die von Kollegen Heidewitzka genannt wurde. „Auf 212 hat die alte Frau mit dem Magengeschwür alles erbrochen. Und natürlich übers Bett. Und auf 213, die Bauchspeicheldrüse, hat sich den Infusionsschlauch herausgerissen. Die Frau hat Fieber.“

„Ich war doch noch vorhin bei ihr, und erhöhte Temperatur ist normal.“

„Sie hat Fieber. Sie müssen gleich mal nach ihr sehen, Frau Doktor. Doktor Fink schickt mir von der Intensivstation ein fünfeinhalbjähriges Mädchen. Die hat da acht Tage mit Pilzvergiftung gelegen, jetzt ist wohl die Leber angegriffen und auch die Nieren. Sie muss an die Dialyse angeschlossen werden. Das war sie wohl auch schon oben bei ihm. Wo soll ich das Kind denn bloß hinlegen? Wir sind doch keine Kinderabteilung. Aber er besteht darauf, dass sie zu uns kommt.“

„Und mit welchem Grund?“, fragte Ina.

„Mit der Begründung, sie müsste genau überwacht werden, und das sei in der Kinderabteilung nicht so möglich wie bei uns. Ich kann doch so ein Kind nicht in ein Einzelzimmer geben. Das wird doch da verrückt. Und dann noch ein Waisenkind.“

„Ein Waisenkind?“, fragte Ina bestürzt.

Schwester Heidemarie nickte.

„Ja. Die Kinder sind in einem Ferienheim bei Buchholz gewesen, und da muss das Kind irgendwie vergiftete Pilze erwischt haben. Ich weiß es nicht genau. Es ist ein sehr aufgewecktes Kind. Doktor Fink meint, das Mädchen sei für sein Alter sehr weit und hochintelligent dazu. Aber im Moment nützt mir das gar nichts.“

„Haben wir nicht irgendein anderes junges Mädchen, zu dem wir es legen können?“

„Das jüngste, was wir haben, Frau Doktor, ist die Siebzehnjährige mit der Nierengeschichte. Sie wissen schon.“

Ina schüttelte heftig den Kopf.

„Nein, nein, so ein junges Mädchen passt nicht zu der Kleinen. Da weiß ich etwas Besseres. Verlegen Sie die Nierenpatientin von 233.“

„Aber die Frau ist schon Mitte Fünfzig, Frau Doktor!“, meinte die Schwester.

„Eben drum. Es ist auch eine sehr mütterliche und lebenslustige Frau. Tun Sie die beiden zusammen, zumal sie beide die Dialyse haben müssen. Das ist auch für uns einfacher. Und da ist jemand bei der Kleinen, der Kinder mag. Ich weiß, dass diese Frau Kinder sehr gern hat. Sie ist sogar schon Oma, und sie ist eine sehr begeisterte Oma. Sie bekommt auch Kinder zu Besuch, bald jeden Tag. Das wird auch der Kleinen helfen. Machen Sie das mal, ich halte das für richtig.“

„Wie Sie meinen, Frau Doktor. Und sehen Sie jetzt nach unserer Bauchspeicheldrüsen-Patientin?“

„Ja, die Pankreatitis. Ich sehe danach“, meinte Ina Bender und machte sich sofort auf den Weg.

Später dann, bei der Visite, hatte man die Fünfeinhalbjährige bereits mit der Fünfundfünfzigjährigen zusammengelegt. Und auf Anhieb hatte Ina, als sie ins Zimmer trat, das Gefühl, die beiden würden sich verstehen.

Die Nierenpatientin war schon auf dem Wege der Besserung. Ihr Gesicht wirkte beinahe gesund, und in ihren Augen strahlte Lebensfreude. Sie war eine zierliche, sehr sympathische Person, die Ina jedes Mal freundlich begrüßt hatte, wenn sie nur ins Zimmer kam. Und da war die Kleine. Das Bett stand am Fenster. Sie lag noch etwas blass in den Kissen, schaute aber interessiert und aufgeweckt in Inas Richtung.

Nachdem Ina die Frau begrüßt hatte, trat sie nun ans Bett der Kleinen.

„Hallo“, sagte sie, „mein Name ist Ina Bender, und wie heißt du?“

„Ich heiße Kathrin. Kathrin Seeberg. Sind Sie eine Ärztin?“

Ina war überrascht. Das Kind sprach so verständig, und Dr. Finks Behauptung, die Kleine sei ihrem Alter voraus und sehr intelligent, konnte sie auf Anhieb bestätigen.

„Ja, ich bin deine Ärztin, von nun an. Und ich hoffe, wir werden uns gut verstehen. Hast du etwas dagegen, wenn ich dich einmal untersuche?“

Die Kleine schüttelte nur den Kopf.

„Es geht mir schon viel besser.“

Ina sagte gar nichts, fühlte den Puls, blickte auf das Krankenblatt mit der Temperaturkurve und stellte auch fest, dass Verdauung erfolgt war. Das Kind war an eine Infusion angeschlossen, aber nicht an die eigentliche Nierendialyse. Das würde wohl erst am Nachmittag erfolgen. Die Leberwerte lagen auch vor. Sie waren nicht gerade berühmt, aber besser als die an den vorhergehenden Tagen eingetragenen. Die Kleine war wirklich auf dem Weg der Besserung.

Ein nettes kleines Wesen mit dunklem Haar, sprechenden Augen, blauen Augen übrigens, und einem volllippigen Mund. Ein hübsches kleines Mädchen, sehr sympathisch, wie Ina fand. Irgendwie hatte sie die Kleine auf Anhieb gerne. Kinder mochte sie ja ohnehin. Und manchmal hatte sie sich schon gefragt, warum sie nicht Kinderärztin geworden war. Irgendwie kam sie mit Kindern viel besser zurecht als mit Erwachsenen.

„Ja“, sagte Ina, „du bist wirklich auf dem Weg der Besserung, und wir wollen alles tun, dass du bald wieder richtig gesund wirst.“

„Wie viel fehlt noch dazu?“

Diese Formulierung überraschte Ina.

„Nicht mehr allzu viel“, erklärte sie der Kleinen. „Also, Kathrin, ich muss jetzt weiter, wenn ich aber Zeit habe, dann besuche ich dich. Und außerdem bist du ja nicht allein, Frau Solmer ist ja mit dir im Zimmer. Ich glaube bestimmt, dass du dich mit ihr gut verstehst, nicht wahr, Frau Solmer?“ Ina schaute sich nach der älteren Frau um. Die lachte.

„Ich habe mich noch immer mit Kindern gut verstanden, Frau Doktor. Machen Sie sich keine Sorgen. Und heute Nachmittag kommen wieder meine Enkel. Die beiden ältesten sind so etwa im Alter von Kathrin.“

Ina erhob sich, schaute Kathrin an und sagte: „Also, wir sehen uns später.“ Sie nickte Frau Solmer zu, dann verließ sie das Zimmer, gefolgt von ihren beiden Assistenten, der Stationsschwester und der Zimmerschwester.

Das übliche Tagespensum Inas ging weiter. So kurz vor Mittag ging sie noch einmal in Kathrins Zimmer, aber eigentlich nur, weil sie es Kathrin versprochen hatte. Die strahlte ihr schon gleich entgegen, und auch Frau Solmer schien sich zu freuen, zwischendurch einmal einen Arzt zu sehen. Auch bei dieser Unterhaltung zwischen Ina und Kathrin musste Ina feststellen, wie recht Dr. Fink gehabt hatte. Die Kleine war wirklich sehr intelligent. Und eigentlich war Ina ein wenig neugierig darauf, was die Lebensumstände der Kleinen angingen. Dass sie in einem Waisenhaus leben musste, empfand Ina mit Bestürzung.

Dann kam die Mittagspause, und da erfuhr Ina eine andere überraschende Neuigkeit. Dr. Happling, Oberarzt in der Chirurgie, setzte sich an ihren Tisch, und während des Essens sagte er plötzlich: „Da fällt mir etwas ein, Frau Kollegin. Sie erinnern sich doch noch an meinen Stationsarzt Doktor Clausberg, der vor einem halben Jahr von uns wegging, dann eine Praxis eröffnet hat und plötzlich sang und klanglos aus Hamburg verschwand.“

Ina entsann sich sehr gut. Dr. Clausberg hatte eine Kollegin von der Kinderabteilung geheiratet, eine sehr vermögende Frau, die kurzerhand den Dienst nach ihrer Heirat quittierte, um mit ihrem Mann die Praxis zu betreiben. Dabei war sie selbst mit der Facharztausbildung noch gar nicht fertig, hatte eigentlich gerade erst damit angefangen. Eine sehr junge Frau. Ina kannte die näheren Umstände. Dr. Clausberg hatte wohl den Reichtum seiner Frau und die ständigen Vorhaltungen von ihr, dass sie ihm alles ermöglicht habe, nicht mehr ertragen können. Er war dann mit einer Freundin von früher, auch eine Ärztin aus der Chirurgie, nach Kanada gegangen. So weit reichte Inas Wissen. Und sie wusste auch, dass Clausbergs Frau Nicole schwanger gewesen war, als er sie verlassen hatte.

„Und was ist mit ihm?“, fragte Ina. „Mit ihm ist nichts, da weiß ich nichts. Aber mit seiner Frau. Sie liegt hier bei uns im Haus, gynäkologische Abteilung. Man hat sie gestern gebracht. Irgendetwas mit einer Fehlgeburt.“

„Fehlgeburt? Du lieber Himmel! Sie müsste doch im fünften oder sechsten Monat gewesen sein.“

Dr. Happling nickte.

„Ist sie auch. Und es war lebensbedrohlich. Wir haben sie operiert. Von den Gynäkologen waren gleich zwei dabei. Es gab gar keine Alternative, wir mussten die Gebärmutter entfernen.“

„Du lieber Himmel!“, stieß Ina hervor. „Da wird sie ja niemals mehr Kinder bekommen.“

„Nein. Aber das war der kleinste Kummer. Sie hat enorme Mengen Blut verloren und hatte schon einen Kollaps erlitten. Wir haben schon angenommen, wir bekommen sie gar nicht lebend vom Tisch. Aber es ist dennoch gutgegangen. Die Nacht über war sie auf Intensiv. Jetzt ist sie aus der Lebensgefahr heraus, und Fink hat sie auf die Gynäkologie geschickt. Ich hoffe, es gibt keine Komplikationen. Es war ein ziemlich schwieriger Eingriff.“

„Ich werde sie mal besuchen“, sagte Ina eigentlich mehr zu sich selbst als zu Dr, Happling.

Er nickte.

„Tun Sie das. Hier im Hause ist sie ja nicht gerade ein leuchtendes Vorbild an medizinischer Kunst gewesen. Aber irgendwie ein netter Kerl. Das Verrückte ist, dass ich erst nach der Operation erfahren habe, wer sie überhaupt ist. Vielleicht ganz gut so, wenn man nicht weiß, wen man operiert. Sie haben auch nie wieder etwas von Clausberg gehört?“

Ina schüttelte den Kopf.

„Nie mehr. Ich weiß nur, dass er mit der Kollegin Schwarz nach Kanada ist. Mit ihr war er ja die allerletzte Zeit vor seiner Abreise zusammen.“

„Traurige Geschichte das“, meinte Happling, „Hätte nicht sein müssen. Ich kann Clausberg nicht verstehen. Diese Frau ist so vermögend, hat ihm diese tolle Praxis eingerichtet, hat ihm ...“

„Genau das ist es aber“, sagte Ina, ihn unterbrechend. „Das viele Geld. Sie hat ihm immer wieder gesagt, dass sie es ist, die das viele Geld hat. Vermutlich hat es daran gelegen. Er hat auch seinen Stolz, und irgendwie kann ich das verstehen. Ich habe Hansjörg Clausberg sehr gern gehabt, er war ein netter Typ.“

„Naja, ich habe ihn auch gern gehabt, das wissen Sie ja. Er war ein erstklassiger Chirurg und ein famoser Kollege. Aber in diesem Punkt konnte ich ihn nie verstehen. Eine Frau zurückzulassen, dazu noch eine schwangere, er hätte etwas mehr Nachsicht mit ihr haben müssen. Schwangere Frauen sind nun mal ...“

„Ich glaube nicht, dass wir beide da mitreden können. Am Ende geht das nur die beiden etwas an und nicht uns, meinen Sie nicht auch?“

Er lächelte.

„Sie haben recht, wie meistens, Frau Bender. Sie sind eine kluge Frau. Nun denn, vielleicht erfahren Sie von ihr, was Clausberg tut. Mich würde das interessieren, ich habe mich nämlich auch immer gut mit ihm verstanden.“ Er schob das Tablett mit dem Teller beiseite, lehnte sich zurück und meinte: „Ich habe mich schon manchmal gefragt, wie es ihm gehen wird.“

Ina schwieg dazu. An Clausberg hatte sie seit seinem überraschenden Verschwinden und einem späteren Brief von ihm aus Kanada nicht mehr gedacht, und Nicole war ihr nur noch einmal begegnet. Das war mindestens vier Monate her. Sie musste jetzt sehr an Nicole denken und beschloss, noch in der Mittagspause einmal nach ihr zu sehen. Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr.

„Ich habe noch eine halbe Stunde“, meinte sie. „Ich werde mal hinaufgehen und nach ihr gucken.“

Happling lächelte verständnisvoll.

„Grüßen Sie sie von mir. Mich hat sie ja nie so besonders gemocht.“

„Unsinn, das glaube ich nicht“, behauptete Ina. Dann nickte sie Happling zu und ging. Wenig später stand Ina an Dr. Nicole Klemms Bett.

Ina hatte sie als sehr hübsche, äußerst attraktive Frau in Erinnerung. Was sie jetzt sah, war eine ätherische Schönheit, das Gesicht wie Porzellan, so bleich. Die Augen groß, aber in fiebriger Röte. Die Wangen waren eingefallen, die Lippen beinahe weiß, statt rot. Alles wirkte wächsern, unwirklich. Sie war bei Bewusstsein, und sie erkannte Ina auch auf Anhieb wieder. Aber nur ihre Augen zeigten diese Reaktion des Wiedererkennens, das Gesicht blieb starr.

Im Vorbeigehen warf Ina einen Blick auf die vorn am Bett hängende Fieberkurve und die übrigen Daten. Die Schwester hatte diese Karten wohl noch nicht eingesammelt.

Ina lächelte, als sie ans Bett trat, streckte Nicole die Hand entgegen und sagte zu der Sechsundzwanzigjährigen: „Der Anlass ist nicht gerade nett, unter dem wir uns wiedertreffen. Aber ich freue mich dennoch, dich zu sehen.“

Nicoles Stimme klang schwach, als sie antwortete: „Es ist lieb, dass du gekommen bist. Es war furchtbar. Ich habe gedacht, ich muss sterben, Vielleicht muss ich es doch noch. Ich habe gar keine Kraft mehr in mir. Ich bin wie tot, wirklich wie tot.“

„Sprich nicht so viel! Es strengt dich an“, sagte Ina und setzte sich auf den Stuhl, der neben dem Bett stand. Nicole lag in einem Zimmer für sich. Privatstation, Chefarztbehandlung, dachte Ina. Nun gut, sie kann es sich leisten, schließlich ist sie eine mehrfache Millionärin, dank ihrem verstorbenen Vater. Aber dieses Geld scheint ihr wenig Glück gebracht zu haben. Und jetzt hat sie auch noch das Kind verloren.

„Ich bin hier“, sagte Ina, „weil ich es eben von Happling erfahren habe. Wir haben zusammen gegessen. Und da erzählte er es mir.“

Auf Nicoles Gesicht zeigte sich ein gequältes Lächeln.

„Möchtest du irgendetwas?“ fragte Ina. „Kann ich dir etwas besorgen, was du brauchst? Hast du jemanden, der sich um dich kümmert, abgesehen von den Schwestern und den Ärzten hier?“

Nicole schloss die Augen. Ihr Gesicht wirkte wie versteinert. Und Ina dachte schon, sie hätte die Frage gar nicht verstanden. Da öffnete Nicole den Mund, die Lippen bewegten sich, aber es kam kein Ton heraus. Und sie hielt die Augen weiter geschlossen. Aber dann auf einmal hörte Ina die Stimme Nicoles sagen: „Das, was mir helfen würde, ist verloren für immer. Ich bin noch nicht einmal von ihm geschieden. Ich habe nichts unternommen, gar nichts.“

Sie hatte sehr leise gesprochen, dennoch war sie von Ina gut verstanden worden. Aber Ina war jetzt der Meinung, dass ihr Besuch Nicole sehr belastete. So erhob sie sich und sagte: „Ich komme später noch mal wieder. Schlaf du jetzt! Du brauchst sehr viel Schlaf und Ruhe. Ich kümmere mich um dich. Sobald ich Zeit habe, komme ich wieder vorbei. Später können wir über alles reden. Aber jetzt strengt es dich zu sehr an.“

Nicole schien Mühe zu haben, die schweren Lider zu öffnen. Dann lächelte sie wieder, und ihr Gesicht wirkte beinahe verzerrt dabei. Ina nickte ihr zu, wünschte ihr noch alles Gute, dann ging sie.

Draußen schwand das Lächeln um ihr Gesicht, und in ihrer Mimik zeigte sich die ganze Bestürzung, die sie bei Nicoles Anblick in Wahrheit empfunden hatte. Sie ging zum Arztzimmer und traf glücklicherweise den Oberarzt der Gynäkologie an. Ein älterer Kollege, sehr erfahren und von bestem Ruf in diesem Hause.

„Herr Kollege Sperling“, sagte Ina nach der Begrüßung, „ich bin eben bei Frau Klemm gewesen. Ich kenne sie ja noch aus der Zeit, als sie hier ihre Facharztausbildung begonnen hatte, und wir haben uns ein wenig angefreundet gehabt. Wie sieht es denn aus? Ihr Zustand gefällt mir nicht.“

Er zuckte die Schultern und fuhr sich mit der rechten Hand übers ergraute Haar.

„Ach wissen Sie, Frau Bender, Sie dürfen sich vom Äußeren nicht täuschen lassen. Die Werte sind gar nicht so schlecht. Sie hat abenteuerlich viel Blut verloren, und Sie haben ja gesehen, dass sie an einer Blutinfusion hängt. Bis wir wieder alles in ihr drin haben, was aus ihr herausgelaufen ist, vergeht eine Zeit. Sie ist natürlich fix und fertig. Aber in vier Wochen ist sie wieder voll auf den Beinen, verlassen Sie sich darauf. Wie das mit dem seelischen Schock aussieht, das Kind verloren zu haben, ist eine andere Frage. Aber ich denke doch, dass sie es irgendwie schafft. Die meisten schaffen es.“

„Die Werte waren aber doch nicht so gut, wie Sie meinen. Ich habe auf die Karte gesehen“, erwiderte Ina.

Er schüttelte den Kopf.

„Ist das ein Wunder nach einer solchen Operation? Nach einem solchen Blutverlust, der der Operation vorausging? Wir mussten operieren. Es ist ein Riesenwagnis gewesen. Aber was anderes sollten wir denn tun?“

Ina nickte, sprach noch ein paar belanglose Worte mit ihm, dann ging sie. Den Rest des Tages hatte sie zu viel zu tun, um dazu zu kommen, Nicole erneut zu besuchen. Aber kurz nach Feierabend ging sie noch einmal zu ihr hinauf. Da schlief Nicole ganz fest. Ina, die nicht stören wollte und keinesfalls gewillt war, diesen Genesungsschlaf zu unterbrechen, schlich sich auf Zehenspitzen wieder hinaus. Von der Stationsschwester, die sie zufällig an der Tür traf, erfuhr sie dann, dass Dr. Sperling sehr zuversichtlich gewesen sei. Angeblich war er kurz zuvor noch bei seiner Patientin gewesen.

Ina nahm sich die Zeit und besuchte auch die kleine Kathrin noch mal. Die Kleine freute sich, lachte Ina entgegen, und auch Frau Solmer wirkte sehr fröhlich, als Ina die beiden begrüßte.

„Wissen Sie, Frau Doktor“, meinte Frau Solmer, „das ist ja ein kleiner lieber Quirl. Was die mir alles erzählt hat, was die alles weiß! Ich kann fast nicht glauben, dass sie erst fünfeinhalb ist. Meine beiden Enkel waren auch da. Aber ich muss Ihnen sagen, Frau Doktor, selbst mein siebenjähriger Enkelsohn konnte mit Kathrin nicht mithalten. Die hat ihn glatt in die Tasche gesteckt.“

Ina hätte sich gerne länger hier aufgehalten, aber ihr Freund Frank hatte Urlaub, und da war ihr Freizeit sehr kostbar. So verabschiedete sie sich nach kurzer Zeit, verließ das Haus und fuhr nach Hause. Als sie Franks Wagen vor der Tür des Einfamilienhauses sah, in dem sie mit ihrem Großvater und ihrer Tante lebte, schlug ihr das Herz vor Freude bis zum Hals. Frank, das war ihr Leben. Und es gab nichts, was ihr mehr bedeutet hätte als er.

Als sie aus ihrem Auto stieg und auf das Gartentörchen zuging, öffnete sich die Haustür, und da stand er im kurzärmligen weißen Hemd und beigefarbenen Hosen, strahlte ihr entgegen, und sie lächelte beglückt, weil sie sich freute, diesen großen, dunkelhaarigen, gut aussehenden Mann zu sehen, den sie so liebte und dem ebenfalls seine Verliebtheit aus den leuchtend hellen Augen sprang. Er breitete die Arme aus und sagte: „Na endlich bist du da, mein Heideröslein! Du kommst spät, aber du kommst.“

Als er sie in die Arme nahm und ungeachtet möglicher Zuschauer vor der Haustür küsste, da hatte sie alles vergessen, was hinter ihr lag, den Tag, die Patienten, die Probleme. Da wollte sie nur noch für ihn da sein. Es war ein herrliches Gefühl für sie, jemand zu haben, von dem sie geliebt wurde.

Zum Glücklichsein, dachte sie, braucht man keine Millionen wie Nicole, im Gegenteil ...



2

Kathrin war ein

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 15.08.2017
ISBN: 978-3-7438-2849-0

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