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Versicherung in Sachen Mord: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Klaus Tiberius Schmidt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Bob Seager, ein reicher Versicherungsagent aus New York, ist mit seiner Piper Cherokee in den Rocky Mountains abgestürzt. Doch seine Witwe Phyllis glaubt nicht daran, dass ihr Mann tot ist. Deshalb beauftragt sie den bekannten Privatdetektiv Bount Reiniger, die näheren Umstände des Flugzeugabsturzes zu klären. Sie behauptet, ihr Mann habe eine Geliebte und sie sei der Grund, warum Seager abgetaucht sein könnte. Reiniger nimmt den Auftrag an, doch spürt der clevere Privatschnüffler, dass seine Auftraggeberin ihm nicht die ganze Wahrheit sagt. Als June March, Reinigers Assistentin, die Geliebte des angeblich Toten, Sarah Patterson, beschattet, wird diese entführt ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Bob Seager - Seine Privatmaschine ist über den Rocky Mountains abgestürzt. Im Wrack findet man eine verkohlte Leiche. Ist es Bob Seager?

Sarah Patterson - Die Geliebte des Toten weiß nicht, welche Rolle sie in diesem Drama spielt. Sie wird das Opfer einer Entführung.

Phyllis Seager - Sie glaubt nicht an den Tod ihres Mannes und beauftragt Bount Reiniger, die wahren Hintergründe des Absturzes zu klären.

Jeremy Palcot - Für ihn zählt nur ein Wort: Geld. Er geht sogar über Leichen, wenn er nur seine Dollars vermehren kann.

June March - unterstützt Bount Reiniger bei seinen Ermittlungen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.




1

„Mayday, Mayday. Hier Flug HC ...!“

Das widerliche Knattern in der Leitung ließ den Lotsen im Tower von Mercons Chambers zusammenzucken.

Wie aus weiter Ferne, zerrissen von atmosphärischen Geräuschen, wiederholte sich der Hilferuf.

„Triebwerk A ausgefallen ... Trudeln ... Steuerung inaktiv ... Feuer in ...“

Ein helles Zischen unterbrach den Kontakt.

„Verdammt! Das ist ja nicht auszuhalten!“ Mit schmerzverzerrtem Gesicht riss sich der Lotse den Kopfhörer herunter und massierte die Ohrläppchen, als könne er so den pochenden Schmerz lindern.

„Komm her, Toby!“, brüllte er Sekunden später. „Notfall!“

„Was ist los, Harold?“, fragte sein Kollege.

„Geh auf Frequenz 245. Mayday-Durchsage. Da hat wohl jemand ziemliche Probleme mit seiner fliegenden Kiste. Genaues war nicht zu verstehen. Diese verfluchten atmosphärischen Störungen ...“

Der junge Thomas Hellington schaute seinen Kollegen entsetzt an. Er arbeitete noch nicht lange im Tower, und dies war seine erste Mayday-Meldung.

„Woher kam der Ruf?“, wollte er erregt wissen. „Vielleicht kann ich ihn lokalisieren.“

„Bin ich der liebe Gott?“, fauchte ihn Harold Dalgasso übermüdet an. „Wenn ich nicht ganz taub bin, hörte es sich nach Seager an. Der ist auf dem Weg nach Frisco. Eine halbe Stunde vor deinem Schichtbeginn ist er mit seiner Piper Cherokee gestartet. Hat sich von mir noch kurz zuvor den Wetterbericht geben lassen.“

„Mayday, Mayday!“

Der Hilferuf drang diesmal noch verzerrter durch den Äther. Ein Rauschen und Knistern folgte, dann herrschte wieder absolute Stille im Kopfhörer.

„Hast du ihn noch auf dem Radar?“, wollte Dalgasso wissen. „Los, schau nach!“

Hellington stellte die Konturen auf größtmögliche Schärfe und beobachtete eine Weile das grün-schwarze Bild, das durch einen schmalen, rotierenden Strich Hell und Dunkelzonen bildete.

„Ja, da ist er! Gerade noch im Grenzbereich. Das muss wirklich dieser Seager sein.“

Hellington zeigte auf einen kleinen Flecken am Rande des Monitors.

Plötzlich verlosch der Punkt.

„He, der ist plötzlich weg!“, stieß Hellington aufgeregt hervor.

Das konnte nur zweierlei bedeuten. Entweder war die Maschine in der Luft explodiert, oder sie hatte die Mindesthöhe unterschritten. Das bedeutete in diesem Felsengebiet den sicheren Absturz.

„Verflucht!“, stieß Dalgasso unterdrückt hervor. „Der ist garantiert in den Rockys abgeschmiert.“

Eine Weile schauten sich die beiden Männer schweigend an, dann lief Hellington zum Telefon.

Es gab keinen Irrtum in diesem Fall.

Die Cherokee von Bob Seager, einem schwerreichen Versicherungsagenten aus New York, war abgestürzt.



2

Durch die Koordinatenbestimmung des Radarschirmes konnten die Suchmannschaften ein nicht allzu großes Gebiet einkreisen. Die Höhen und Wälder von Shermans Ground waren fast noch unberührt und schlecht erreichbar.

Dunkelheit und schlechtes Wetter beeinträchtigten die Suche nach einem abgestürzten Privatflugzeug, das nach Rückfrage weder in San Francisco noch auf einem anderen Flughafen in der Nähe gelandet war.

Der vermisste Bob Seager hatte beabsichtigt, eine Konferenz zu besuchen. Auch dort war er nicht erschienen.

Man musste mit dem Schlimmsten rechnen.

Fast zwölf Stunden suchten die Männer jeden Winkel, jedes Tal und jede Schlucht ab. Hubschrauber und Maschinen des Woodfire Brandschutzdepartments wurden eingesetzt und flogen jeden Flecken Wald ab.

Die Piper Cherokee blieb verschwunden.

Weitere zwölf Stunden vergingen. Ohne Erfolg.

Sie alle wussten, dass die Maschine irgendwo in der Gegend lag. Fragte sich nur, wo.

Frank Mellis, ein Waldarbeiter aus dem kleinen Ort Peeks Pine, fand das Sportflugzeug schließlich weit außerhalb des abgesteckten Gebietes.

Fast senkrecht hatte sich die Blechschnauze der Piper in den weichen Boden einer kleinen Lichtung gebohrt und war in der Mitte auseinandergerissen worden.

Viel war von dem teuren Stahlvogel nicht übrig geblieben. Man fand nur noch Schrott. Nichts erinnerte mehr an ein Flugzeug.

Überall lagen verglühte Teile in weitem Umkreis verstreut. Es musste eine gewaltige Explosion und einen großen Brand gegeben haben.

Aus der Luft hätte man die Absturzstelle nur sehr schwer entdecken können. Das abschüssige Gebiet war durch die dunklen Tannen, die sehr dicht standen, kaum einzusehen.

Auf der Lichtung selbst wiesen kleine Brandkreise darauf hin, dass das Feuer nicht allzu viel Nahrung gefunden hatte. Man konnte trotz aller Tragik von Glück sagen, dass durch den Absturz kein verheerender Waldbrand ausgelöst worden war.

In Goodin Valley, kaum drei Meilen weiter südlich, lebten zwanzig Holzfällerfamilien in einem Camp. Der Regen der letzten Tage hatte eine Katastrophe verhindert, denn Laub, Nadelwerk und Holz waren von Nässe durchtränkt.

Wenige Stunden nach dem Fund wurde die Absturzstelle hermetisch abgeriegelt. Die Männer vom Erkennungsdienst begannen ihre Arbeit.

Auch sie fanden nicht mehr als Trümmer, die meterweit durch die Luft geflogen waren. Die Propeller der Piper hatten sogar mehrere Bäume regelrecht gefällt.

Bob Seager selbst war bis zur Unkenntlichkeit verkohlt. Eingeklemmt hing er noch angegurtet in der rußgeschwärzten Kanzel.

„Die Pathologen werden einige Arbeit bekommen“, meinte Sergeant Brommer und presste das Taschentuch fester vor die Nase. Der penetrante Gestank verbrannten Dieselöls peinigte seine Nasenschleimhäute.

„Die Jungs werden sich wohl nicht darum kümmern“, erwiderte sein Kollege Turnman. „Die Lotsen vom Airport sagen eindeutig aus, dass Seager allein in der Maschine gesessen habe. Der Siegelring an seiner linken Hand und der Talisman werden gewiss von seiner Verwandtschaft identifiziert werden.“

„Und wenn Sabotage im Spiel sein sollte?“

„Dann werden uns die Techniker von der Spurensicherung schon Bescheid geben.“

„Okay“, meinte Brommer näselnd. „Lass uns hier abhauen, sonst kriege ich noch eine Allergie. An Sabotage glaube ich aber nicht. Die Kiste ist nur eine Stunde vor dem Start durchgecheckt worden.“

Mit diesen Worten war das Thema polizeilich abgeschlossen. Für die Beamten des kleinen Bezirks lagen die Fakten klar auf der Hand. Daran gab es nichts zu rütteln.

Bob Seager war das tragische Opfer eines Flugzeugabsturzes geworden.

Privatmaschinen stürzten fast jede Woche irgendwo ab. Meistens war es menschliches Versagen. Warum nicht auch in diesem Fall?



3

Es gab nur wenige Tage im Monat, an denen Bount Reiniger die Zeit fand, ein geruhsames Mittagessen zu sich zu nehmen. Meistens begnügte er sich mit Hamburgern, Pommes frites oder einem anderen Schnellimbiss in irgendeinem Hotdog-Laden.

Heute sollte das nicht der Fall sein. Er wollte endlich mal wieder in aller Ruhe essen.

An diesem trüben Novembertag jagte er keinem Verbrecher nach oder stellte Recherchen an, die keinen Aufschub duldeten. Auch der ganze Papierkram, der sonst seinen Schreibtisch in ein fast künstlerisches Stillleben verwandelte, war aufgeräumt.

Sein Ziel stand schon seit den frühen Morgenstunden fest.

Das „Golden Ox“ in der 52. West nahe dem Broadway galt als Steakhouse erster Klasse. Damit waren allerdings nicht die Preise, sondern Qualität und Quantität gemeint.

Vom Büro in der 54. West Ecke 7. Avenue aus war es nur ein Katzensprung bis dahin.

Zum Genuss wurde der kurze Spaziergang allerdings nicht. Es war kalt und windig. Langsam, aber sicher meldete sich der Winter an.

Bount dachte mit Schrecken an die nächsten Wochen und Monate.

Bald würden die ersten Blizzards von Norden her über New York fegen und alles in Eis und Schnee erstarren lassen. Wenn die Temperaturen weiterhin so fielen, musste man in wenigen Tagen mit den ersten Flocken rechnen.

Im „Golden Ox“ herrschte nicht allzu viel Betrieb. Die Hauptmittagszeit war allmählich vorbei, da es in wenigen Minuten halb zwei Uhr war.

Reiniger wählte einen Platz am Fenster. Von hier aus konnte er das Lokal überschauen und hatte auch die Eingangstür im Blickfeld. Eine Vorsichtsmaßnahme, die er sich angeeignet hatte, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.

Draußen hetzten die Menschen vorbei. Jeder hatte es eilig und war mit sich selbst beschäftigt. Nur wenige schlenderten ohne Hast durch die Häuserschlucht der 52. West.

Das konnten nur Touristen aus dem alten Europa oder Asien sein. Man erkannte sie schon von weitem an ihren umgehängten Fotoapparaten.

„Was darf ich Ihnen bringen, Mister Reiniger?“

Die freundliche Stimme riss Bount aus seinen Gedanken. Als er aufblickte, schaute er in ein dunkelhäutiges Gesicht mit kohlschwarzen Augen und einem strahlend weißen Gebiss.

„Ein großes, saftiges T-Bone-Steak, einen knackigen Salat und einen gerösteten Maiskolben“, bestellte Reiniger bei der hübschen Bedienung.

Billie, wie sie sie alle nannten, arbeitete schon lange im „Golden Ox“ und war eine ausgezeichnete Kraft. Wie Bount vom Besitzer wusste, hatte er nie eine bessere gehabt.

Das Steak dauerte ganze fünf Minuten. Wenige Sekunden später stand es mit den anderen Sachen vor Bount auf dem Tisch.

Er ging an die Arbeit und schaffte alles spielend. Ein doppelter Scotch rundete das ganze Mahl ab. Anschließend ließ er sich die Rechnung geben und wunderte sich immer noch, dass es ihm wirklich vergönnt gewesen war, in aller Ruhe zu speisen.

Eine Viertelstunde blieb er noch sitzen und rauchte eine Verdauungszigarette, ehe er ins Büro zurückkehrte.

Kaum hatte er das Vorzimmer, über das seine blonde Assistentin June March herrschte, betreten, als er ahnte, dass der Tag im weiteren Verlauf nicht so ruhig und besonnen dahinplätschern würde, wie er gehofft hatte.

June strich sich eine Locke aus der Stirn und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung seines Büros. Ihr Augenaufschlag sagte genug.

„Eine gewisse Mrs Seager wartet seit einer halben Stunde auf dich“, erklärte sie. „Sie hat sich bereits zweimal bei mir beschwert, dass du noch nicht aufgetaucht bist.“

Reiniger grinste in sich hinein. Er konnte sich vorstellen, dass June innerlich kochte.

„Warum hast du die Sache nicht übernommen?“, fragte er.

„Mrs Seager wünscht dich“, erwiderte die Blondine etwas gekränkt. „Sie gab mir sehr offen und klar zu verstehen, dass sie nicht die Absicht hege, mit Sekretärinnen zu verhandeln.“

Bount Reiniger zwinkerte ihr zu und trat in sein Büro.

Er war gewillt, diese Mrs Seager erst einmal ein wenig zurechtzustutzen. Arroganz und Überheblichkeit konnte er auf den Tod nicht ausstehen.

Als er die Frau sah, musste er sich ernsthaft zusammennehmen, um seine Bewunderung nicht durch seine Mimik zum Ausdruck zu bringen.

Mrs Seager zählte zu der Sorte Frauen, die man nicht hübsch, attraktiv oder bezaubernd fand. Sie war schlichtweg alles. Eine wahre Schönheit.

„Reiniger“, stellte er sich vor und begab sich zu der kleinen Sitzecke. Die Frau hatte sich in einen der weichen Sessel gesetzt.

Es fiel Bount schwer, sich von diesem Anblick zu lösen.

Die Lady war schlank und wohl proportioniert. Das fast engelhafte, ein wenig blass wirkende Gesicht wurde von glatten, schwarzen Haaren umrahmt. Die Linie ihrer schön geschwungenen Lippen konnte keinem Mann entgehen, ebenso der fast schon hypnotische Blick, der trotz allem etwas Unschuldiges ausstrahlte.

„Das wurde aber auch Zeit!“

Die Schwarzhaarige ignorierte Bounts dargereichte Grußhand und schaute einfach zur Seite.

Der plötzliche Zauber verflog augenblicklich. Derart arrogante Bemerkungen ärgerten Bount ganz gewaltig. Solche Typen waren bei Reiniger gerade an der richtigen Stelle.

Er beschloss, das Spielchen mitzuspielen und war gespannt, wie diese eingebildete Person reagieren würde, wenn er ihr, symbolisch gesehen, die Zähne zeigte.

Er ließ sich nicht ihr gegenüber auf einem der Sessel nieder, wie er es gewöhnlicherweise bei Besuch tat, sondern setzte sich hinter seinen Schreibtisch.

„Kommen wir zur Sache“, sagte er desinteressiert und notierte sich etwas auf einem Stück Papier. „Meine Zeit ist knapp bemessen. Es wäre wirklich besser gewesen, Ihre Wünsche meiner Assistentin Miss March mitzuteilen. Als rechte Hand hat sie genauso viele Befugnisse wie ich und hätte Ihnen während Ihrer langen Wartezeit gewiss schon helfen können.“

„Aber ich wollte Sie sprechen“, entgegnete Mrs Seager trotzig.

„Nun gut, Lady! Hier bin ich. Wenn man mich sprechen will, muss man eben Geduld haben“, erwiderte er ebenso arrogant. „Ich fliege nicht, wenn man pfeift.“

Einen Augenblick schien es so, als ob sich die Frau entrüstet beschweren wollte, doch sie besann sich offenbar eines Besseren.

Langsam erhob sie sich aus dem Sessel und trat zum Schreibtisch hinüber.

Bount Reiniger hatte nicht die Absicht, die Lady näher zu betrachten. Als Mann aber wurde man regelrecht dazu gezwungen.

Die Natur hatte dieses arrogante Geschöpf zumindest äußerlich mit allen Tugenden und weiblichen Reizen überreich beschenkt. Gewiss gab es Männer, die bei dieser Frau den Verstand verloren.

Ungeniert setzte sie sich auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand.

„Tut mir leid“, entschuldigte sie sich. „Ich bin ein wenig nervös. Haben Sie eine Zigarette für mich?“

Zufrieden erfüllte Reiniger ihr den Wunsch und bot ihr eine seiner Pall Mails an, die sie dankend annahm.

Sie hatte ihre Lektion offenbar gelernt. Wie ein Schleier fiel die Überheblichkeit von ihr ab.

„Um was geht es?“, wollte Bount Reiniger wissen, nachdem er sich ebenfalls eine Zigarette angezündet hatte.

Es mochte sein, dass Mrs Seager Theater spielte und ihm etwas vormachte, doch ihre Hände zitterten gewiss nicht umsonst.

Bount bildete sich ein, Menschenkenner genug zu sein, um festzustellen, dass diese Frau wirklich um Fassung rang.

„Es geht um meinen Mann Bob“, begann sie und räusperte sich. „Vor ein paar Tagen ist er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.“

Sie legte eine kleine Sprechpause ein.

Reiniger hatte Gedanken, die für diesen Fall eigentlich ohne Belang waren.

Deswegen also trug sein reizvolles Gegenüber Schwarz. Allerdings passte die Form des Kleides nicht so richtig zum traurigen Anlass. Irgendwie musste sich der Hersteller dieses Kleidungsstückes verschnitten haben.

Die Taille wurde regelrecht eingeschnürt und betont, die Hüften dagegen herausgehoben. Am meisten aber hatte der Schneider wohl beim Ausschnitt weggeschnitten und seinen Fehler mit ein wenig Spitzenbesatz kaschiert.

„Herzliches Beileid“, sagte Bount Reiniger.

„Nein, nein!“ Mrs Seager winkte ab. „Bemühen Sie sich nicht. Wie Sie sehen, trage ich Schwarz, doch das tue ich nur, weil es die Gesellschaft aus sogenannten Pietätsgründen von mir verlangt. In Wirklichkeit sehe ich das anders.“

Bount Reiniger musste sich eingestehen, dass ihn diese Worte schockten. So sprach nur eine Witwe, die ihren Mann nie geliebt hatte.

„Ich glaube, ich kann Ihnen nicht ganz folgen“, sagte er ehrlich. „Wie man trauert, ist doch jedem selbst überlassen, oder?“

Die Schwarzhaarige nickte.

„Es gibt dabei nur einen Haken“, führte sie weiter aus. „Ich trauere gar nicht um meinen Mann, denn er ist nicht tot.“

Einen Augenblick hatte Bount Reiniger den Eindruck, sich verhört zu haben.

„Wie bitte?“, fragte er vorsichtshalber noch einmal nach.

„Ich bin die Witwe eines nicht Toten“, wiederholte Mrs Seager bestimmt. „Bob ist nicht tot!“

Bount drückte die Handflächen gegeneinander und stellte die Ellenbogen auf den Schreibtisch. Er blickte seine bildschöne Gesprächspartnerin fragend an.

Sie wich seinem Blick nicht aus. „Gehe ich recht in der Annahme, dass der Tatbestand eines Flugzeugabsturzes zwar gewährleistet ist, Sie aber glauben, dass Ihr Mann Bob nicht Opfer dieses Unglücks wurde?“, fragte er.

Die Frau bestätigte dies mit einem Nicken.

„Genauso ist es, Mister Reiniger. Ich zweifle daran, dass der verkohlte Leichnam im Cockpit der Piper mein Mann war. Und ich möchte Sie beauftragen, diesen Fall zu untersuchen und zu beweisen, dass meine Vermutung stimmt.“

„Ich werde mir überlegen, ob ich diesen Auftrag übernehme“, sagte er zögernd. „Hier geht es um eine Sache, die nicht leicht sein wird. Ich denke doch, dass die entsprechenden Behörden alles bereits abgesegnet haben und der Tod Ihres Gatten sozusagen besiegelt ist.“

Wieder traf ihn dieser unschuldig wirkende Blick, der Hilflosigkeit ausstrahlte und auf viele Männer lähmend wirken musste.

„Ja, so ist es.“ Ihre Stimme war leise, fast matt geworden. „Aber Bob lebt, und er will mich um alles bringen, was wir bisher zusammen hatten. Daran ist nur diese geldgierige Hure schuld!“

Ihr Temperamentsausbruch, gewollt oder nicht, ergab neue Perspektiven.

„Erzählen Sie mir bitte alles“, verlangte Bount Reiniger unbeeindruckt. „Wenn ich Ihnen helfen soll, muss ich jede Kleinigkeit wissen.“

Die Schwarzhaarige nickte. In ihren Augen lag plötzlich ein Ausdruck von Schmerz und Trauer. Beides hatte aber offenbar nichts mit ihrem Mann zu tun, wie Bount zu wissen glaubte.

Statt über die Hintergründe ihres Auftrages zu berichten, kramte sie in ihrer Tasche herum.

Kaum hatte sie das kleine Taschentuch herausgeholt, als sie zu weinen begann. Gewaltsam versuchte sie, ihre Gefühle zu unterdrücken, doch die Tränen rannen über ihre Wangen.

Bount Reiniger seufzte. Weinenden Frauen gegenüber fühlte er sich hilflos. Verwirrt suchte er nach den richtigen Worten. Er fand sie

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 10.08.2017
ISBN: 978-3-7438-2785-1

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