Cover

Eine Kinderärztin mit Herz

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 137 Taschenbuchseiten.

 

Als Axel, der schon seit einiger Zeit auffallend bedrückt wirkt, eines Tages nicht aus der Schule nach Hause kommt, fürchten seine Eltern, dass etwas geschehen ist. Sie bitten auch die Kinderärztin Dr. Monika Lohmann um Hilfe. Zufällig weiß sie, wo Axel und seine Freunde sich meist aufhalten. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens versucht sie, den Jungen zu retten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen dieses Romans:

Axel Windmöller – der 12jährige hat große Schwierigkeiten in der Schule. Als er erfährt, dass er nicht versetzt wird, beschließt er in panischer Angst, sich das Leben zu nehmen

Anni Hentrich – Axels Mutter, leidet darunter, dass sich ihr Sohn und ihr zweiter Mann nicht verstehen. Auch sie findet keinen Zugang mehr zu ihrem Kind und kann ihm deshalb nicht helfen

Bernd Hentrich – der Maschinenbauingenieur liebt seine Frau über alles. Er versucht immer wieder, auch das Herz des Jungen zu erobern. Er ahnt nicht, dass ihm dies nicht gelingen kann, weil Axel die Liebe seiner Mutter nicht teilen will

Hinketatsch und Mäusebär – die besten Freunde von Axel, die nicht nur die Nachhilfe fest in die eigenen Hände nehmen

Herr Klausner – ein unsympathischer Zeitgenosse, der Kinder und kleine Hunde zu hassen scheint

Dr. Fechner – Mathematiklehrer und der strengste Lehrer der Schule

Dr. Monika Lohmann – die sympathische Kinderärztin erforscht stets einfühlsam die Seele eines Kindes


1

Wehmütig blickte Axel durch die verschmutzten Scheiben nach draußen. Am blauen Himmel stand eine prächtige Frühsommersonne und schien auf die blühenden Kastanien auf dem Schulhof. Schwalben segelten dicht am Fenster vorüber.

Der Zwölfjährige beneidete sie um ihre Freiheit. Sie konnten herumfliegen, sie mussten nicht wie er und die anderen in der Klasse eine Mathematikarbeit schreiben.

Fünf Aufgaben hatte er gelöst. Aber da waren noch weitere drei. Und er kam und kam nicht weiter. Zu dumm, dass sein Nebenmann krank war. Der schaffte Mathematik spielend. Von dem hätte er abschreiben können.

Er versuchte nach links zu schielen. Da saß die Beate. Die war auch gut in Mathematik. Aber zwischen ihm und ihr war der Gang. Und wenn er den Hals noch weiter in Beates Richtung reckte, dann würde Krümel ihn sehen.

Krümel, das war der Mathematiklehrer. Eigentlich hieß er Dr. Fechner. Krümel nannten sie ihn, weil er so klein war. Aber der Name täuschte. Krümel war der strengste Lehrer in der Schule. Er konnte gnadenlos sein, und sie wussten das. Sie hatten Angst vor ihm. Auch Axel.

Er blickte wieder nach draußen. Ein Segelflieger war aufgetaucht. Ganz oben am Himmel zog er seine Kreise. Ich wünschte, dachte Axel, ich könnte da oben in der Kabine sitzen, könnte einfach so dahinsegeln und brauchte nicht diese verdammte Mathearbeit zu schreiben.

Ich muss es schaffen! Wenn die Arbeit daneben geht, bleibe ich kleben: Mutti würde es nicht begreifen. Und dann ist ja auch noch der Herr Hentrich da. Sie hat ihn geheiratet. Vati ist erst zwei Jahre tot. Und sie hat diesen Hentrich geheiratet. Ich hasse ihn! Wie konnte sie das nur tun?

Seine Gedanken kreisten jetzt ganz und gar um seinen frischbackenen Stiefvater. Seit vierzehn Tagen erst waren sie verheiratet. Mutti hat gesagt: „Ich liebe ihn.“

Wie kann sie einen Menschen lieben, der nicht Vati ist? Vati ist tot ....

„Windmöller“, kam die schneidende Stimme von Krümel. „Wenn du deine Arbeit schon fertig hast, dann gib sie ab, statt in der Weltgeschichte herumzuschauen.“

Auch das noch, dachte Axel. Am Ende nimmt er mir die Arbeit weg, und ich habe drei Aufgaben noch nicht gelöst. Wenn die ungelöst bleiben, bekomme ich ungenügend. Er zensiert immer härter als die anderen. Mein Gott, was mache ich nur, wenn die Arbeit verpfuscht wird? Wenn sie daneben geht? Und ich bringe das nicht. Ich weiß einfach nicht, was ich schreiben soll. Wie ich diese verdammte Aufgabe lösen soll. Ich hätte doch besser aufpassen sollen. Hentrich wollte es mir erklären. Aber von dem will ich keine Hilfe. Nicht von dem. Vielleicht hätte es mir der Hinketatsch erklären können. Ich bin sicher, der Hinketatsch schon. Der ist in Mathematik nicht so schlecht wie ich. Der Mäusebär ist auch nicht gut. Vom Mäusebär hätte ich nicht einmal abschreiben können. Der bekommt sicherlich auch mangelhaft oder ungenügend. In Mathe bringt der nichts.

Axel versuchte sich nun, auf die Arbeit zu konzentrieren. Es fiel ihm wahnsinnig schwer, zumal jetzt die Sonne direkt in die Klasse hineinschien, ihm aufs Gesicht. Und wieder irrte sein Blick ab durch die Scheiben nach draußen zum blauen Himmel. Der Segelflieger war nicht mehr da. Aber noch immer die Schwalben, die blühenden Kastanien. Und irgendwo in der Ferne heulte ein Martinshorn.

Jetzt draußen sein, am Rutzebuck Weiher, im Schilf, zusammen mit Mäusebär und Hinketatsch. Statt dessen sitz’ ich in dieser verdammten Schule. Warum müssen Kinder in eine Schule? Die Erwachsenen haben es gut. Die brauchen nicht in die Schule. Die brauchen nicht zu pauken, die brauchen nicht vor den Zensuren zu zittern und ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn sie pfuschen.

Warum bin ich nur noch nicht erwachsen? Warum dauert das so lange? Bei den Tieren geht es viel schneller. Die sind gleich groß. Ein Pferd ist in drei Jahren erwachsen. Und ich? Jetzt bin ich zwölf. Ich werde bald dreizehn. Aber erwachsen bin ich dann noch lange nicht …

„Windmöller, willst du dich nun an dieser Arbeit beteiligen oder weiter in der Weltgeschichte herum gucken?“

Das war wieder Krümel. Immer hat er etwas an mir auszusetzen. An der Brigitte und an Mäusebär auch. Den Mäusebär kann er auch nicht leiden. Aber Mäusebär ist mein Freund, genau wie Hinketatsch.

Axel versuchte es jetzt mit der siebten und achten Aufgabe, ließ die sechste einfach ungelöst. Aber selbst die beiden anderen gingen ihm sehr schwer von der Hand. Und als er fertig war und die Pausenklingel sie alle von dieser Arbeit erlöste, da hatte Axel nicht das Gefühl, diese beiden letzten Aufgaben richtig gelöst zu haben.

Die Sonja und der Herbert sammelten die Arbeiten ein, Krümel saß indessen vorn hinter seinem Katheder und blickte über die Köpfe der zweiunddreißig Jungen und Mädchen hinweg. Dann nahm er den Stoß der Hefte und ging mit seinen typischen kurzen Trippelschritten zur Klassentür. Dort wandte er sich noch einmal um und rief: „So, Herrschaften, das war die Stunde der Wahrheit. Wer von euch auf der Kippe steht und diese Arbeit verdorben hat, sollte seine Eltern jetzt schon darauf hinweisen, dass in Kürze ein blauer Brief kommt. Das gilt auch besonders für dich, Windmöller,“

Axel zuckte zusammen, und Hinketatsch, der seinen Platz verließ und zu ihm trat, meinte: „Hast du sie verrissen, Kung Fu?“

Axel zuckte die Schultern. Sie nannten ihn hier in der Klasse und auf der Straße Kung Fu. Die meisten der Jungen hatten einen Spitznamen. Aber er dachte nicht daran, warum er Kung Fu genannt wurde. Seine Gedanken kreisten ausschließlich um die Mathearbeit.

„Hast du die Ergebnisse?“ Hinketatsch, der eigentlich Rudi hieß, nickte. „Klar. War doch eine astreine Sache. Kinderleicht.“

„Für dich vielleicht, Hinketatsch“, meinte Axel. „Zeig mir die Zahlen!“

Hinketatsch hatte sie sich auf einem kleinen Zettel notiert und gab sie Axel. Der brauchte nur einen kurzen Blick darauf zu werfen, um zu erkennen, dass er gerade eine einzige Aufgabe richtig gelöst hatte, und zwar die erste.

„Ich habe nur eine richtig, Hinketatsch.“

„O heiliger Strohsack. Und warum? Hast du das nicht geschnallt?“

Axel schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht.“

„Welche hast du denn?“

„Die erste.“

„Mein Gott, das ist die leichteste gewesen. Der gibt dir glatt eine Fünf. Dann stehst du bis zu den Ohren im Schnee. Menschenskind, Kung Fu! Du kriegst die Kurve nicht. Der lässt dich hängen. Wie ist denn das mit der Ausgleichszensur? “

„Da ist doch nichts. Die brauch ich doch für Latein.“

„Oh, das ist ein Mist! Mensch, Kung Fu. Jetzt machst du aber eine Bauchlandung. Wir müssen miteinander pauken. Aber ich glaube, das reicht nicht. Du musst einen richtigen Nachhilfelehrgang haben. Irgendeinen, der dich von Grund an neu aufbaut. Ich würde das nicht schaffen. “

Axel dachte daran, dass sich Hentrich, der ja immerhin Ingenieur war, oft genug angeboten hatte, ihm zu helfen Aber nein, nicht von Hentrich! Dann lieber kleben bleiben. Wieso musste er auf diese verdammte höhere Schule gehen? In der Hauptschule wäre es nicht so schwer gewesen. Das hätte er gepackt. Aber Mutti wollte ja um Biegen und Brechen, dass er in die höhere Schule ging. Und am Anfang, da hatte es ihm ja sogar Spaß gemacht. Aber jetzt …

„Jetzt bin ich im Eimer“, meinte Axel.

„Mensch, Kung Fu, lass doch die Ohren nicht hängen! Du musst eben ein bisschen pauken“, meinte Hinketatsch. „Komm, die nächste Stunde ist Bio! Das reißen wir noch ab. Und dann reden wir über alles. “

Hinketatsch humpelte wieder zu seinem Platz zurück. Er hatte vor Jahren einen Verkehrsunfall gehabt, und seitdem konnte er mit dem damals schwerverletzten Bein nicht mehr richtig gehen. Vom Sport war er befreit. Aber Axel wusste, wie gut er klettern konnte. Wenn sie am Nachmittag am Rutzebuck Weiher spielten, da war der Hinketatsch nicht zu schlagen. Er war ein Jahr älter als Axel und hatte von ihnen immer die besten Einfälle. Auch in der Schule war er besser als die meisten. Dabei hatte er zu Hause niemanden, der ihm hätte helfen können. Sein Vater und seine Mutter arbeiteten beide in der Fabrik. Er musste sogar noch die jüngeren Geschwister versorgen. Aber Zeit zum Spielen hatte er außerdem.

Nun kam der Mäusebär. Uwe hieß er eigentlich. Der war im Grunde der allerbeste Freund von Axel. Mäusebär hatte struppiges rotes Haar, das Gesicht voller Sommersprossen, eine freche Stupsnase. Und der Nase und der struppigen Haare wegen hatte einmal eine Lehrerin gesagt, er sehe wie ein Mäusebär aus. Damals hatten sie alle gelacht. Und Uwe würde den Spitznamen nicht mehr los. Doch es machte ihm nichts. Uwe war ein Draufgänger, genau wie Axel. Beide prügelten sich für ihr Leben gern. Und von den Prügeleien hatte Axel auch seinen Spitznamen weg. Irgendwann einmal hatte er ein paar Judogriffe gelernt und bei den Keilereien in der Straße immer angewendet. Seither nannten sie ihn Kung Fu. Doch ihm wäre jetzt lieber gewesen, diesen zweifelhaften Ruhm nicht zu genießen, sondern stattdessen wenigstens sechs der acht Matheaufgaben gelöst zu haben, und zwar richtig.

Die Wirklichkeit sah aber ganz anders aus. Die Stunde der Wahrheit, wie Krümel gesagt hatte, war also gekommen. Und Kung Fu, den sonst so leicht nichts erschrecken konnte, war das Herz in die Hose gerutscht.

„Was machst du nun?“, fragte Mäusebär, der immerhin eine Ausgleichszensur in Deutsch hatte. Auch in Latein war er ganz gut.

„Ich weiß nicht. Hentrich versteht keinen Spaß. Das hat er mir gesagt. Er mischt sich in alles ein.“

Mäusebär sagte nichts. Er kannte ja den Hass seines Freundes auf den Stiefvater. Er selbst fand Hentrich gar nicht so schlecht. Auch Hinketatsch hatte nichts gegen Herrn Hentrich. Im Gegenteil. Aber sie respektierten, dass Kung Fu den Stiefvater nicht leiden konnte.

„Weißt du was?“, sagte Axel. „Ich haue ab! Bio ist sowieso stinklangweilig. Die merkt das doch nicht, wenn ich weg bin.“

„Wo willst du hin?“

„Ich werde nachdenken“, erwiderte Axel auf die Frage des Freundes. „Unheimlich nachdenken.“

„Mensch, mach bloß keinen Mist! Wenn die merkt, dass du weg bist, bekommst du Ärger. “

„Mehr Ärger als ich habe?“, fragte Axel und lachte. „Also, ich bin weg.“

Er verließ tatsächlich die Schule und irrte erst einmal in den Straßen herum. Schließlich aber fasste er einen Entschluss. Er machte sich auf den Weg zum Rutzebuck Weiher, zu dem Fleck, wo er und seine Freunde immer unter sich gewesen waren, wo kein Erwachsener störte, wo Hentrich noch nie hingekommen war. Der wusste überhaupt nichts vom Rutzebuck Weiher. Der nicht. Und auch solche Teufel wie der Krümel nicht. Am Rutzebuck Weiher war höchstens Klausner. Aber der konnte nicht immerzu dort sein und seine Jagd ausüben. Klausner, das war auch ein schlimmer Finger. Axel schwoll der Kamm, wenn er nur an den Pferdemetzger dachte. Dem gehört die ganze Jagd am See. Und da ballerte er auf alles, was sich bewegte. Ihm passte es nicht, dass die Jungen dort eine Hütte hatten. Aber er konnte nichts machen. Er versuchte, sie nur dauernd zu ärgern, zu schikanieren, hetzte ihnen sogar seinen Hund nach.

An den Klausner dachte er im Augenblick aber weniger. Er hatte Angst vor Hentrich. Den Stiefvater nannte er grundsätzlich Hentrich. Und dass seine Mutter den Mann so vergötterte, dass sie so an ihm hing, stachelte seinen Hass nur noch mehr auf. Wie kann sie nur? Sie hat Vati völlig vergessen. Sie hat ihn einfach aufgegeben. Zwei Jahre ist es erst her, und sie heiratet Hentrich. Immer hängen sie zusammen, wenn man sie sieht. Kleben aneinander. Dann gibt sie sich Mühe, zu mir besonders nett zu sein. Er auch. Er spielt den Verständnisvollen. Ich hasse sie! Ich hasse sie alle beide.

Es war Mittagszeit, als er die Hütte am Rutzebuck erreicht hatte. Sie lag mitten im Schilf. Aus alten Brettern und Spanplatten hatten die Jungen die Hütte gebaut. Im Schilf gab es eine Insel. Sie blieb immerzu trocken. Aber man musste den Weg zur Insel kennen. Im Schilf war das schwierig. Wenn man daneben trat, steckte man sofort mit den Beinen im Wasser.

Aber da drüben der Bagger des Kieswerks schepperte und brummte. Durchs Schilf hindurch konnte Axel sehen, wie die Lastwagen vorfuhren, und wie der Kies auf die noch leere Ladefläche prasselte.

Dann auf einmal tauchte die Hütte auf. Das Dach hatten sie neuerdings aus Blech. Seitdem war es dicht. Die eine Seite, die zum See hin ungedeckt war, hatten sie mit einer Plastikfolie abgedeckt und Zweige darüber geflochten. Dieses Flechten, das konnte der Hinketatsch so gut. Selbst vom Wasser her sah man wegen der Zweige die Hütte kaum. Manchmal, da fuhren die Jungen mit dem Boot des Baggerunternehmers. Er hatte nichts dagegen. Er mochte die Jungen. Wenn er sie traf, dann bekamen sie immer irgend etwas. Einen Kaugummi oder einen Apfel, manchmal auch ein Butterbrot. Hier draußen an der frischen Luft bekam man Hunger. Einige Male durften sie ihm helfen. Da drückte er jedem von ihnen eine Ölkanne in die Hand, und sie mussten diese riesige Raupe des Baggers schmieren. Es machte ihnen großen Spaß. Der dicke Baggerunternehmer war ein freundlicher Mann, und er hatte ein Herz für die Buben. Das Blech vom Dach hatten sie auch von ihm.

Axel dachte daran, dass auch Klausner schon einmal versucht hatte, bis zu ihrer Hütte zu kommen. Er wollte sie vertreiben. Aber auf dem Weg hatte er den Pfad verfehlt und war ins Wasser gestürzt. Die Jungen hatten es gesehen und schallend gelacht. Seitdem hasste er sie wie die Pest. Aber zur Hütte und der Insel wagte er sich nicht mehr. Selbst sein Hund hatte Angst.

In der Hütte standen zwei uralte Bettgestelle. Axel und Hinketatsch hatten die aus dem Wasser gezogen, danach angestrichen, aber sie fingen schon wieder an zu rosten. Axel achtete aber nicht darauf, sondern verteilte das Schilf, das sie wie eine Decke darauf liegen hatten, und legte sich hin. Die Hände unter dem Kopf gefaltet, starrte er zur Decke und beobachtete eine Spinne, die dort ihr Netz baute. Aber seine Gedanken irrten von der Spinne weg zur vertuschten Mathearbeit, und das drohende Damoklesschwert des Sitzenbleibens versetzte Axel nun doch in Angst und Schrecken. Er hatte nicht nur Furcht vor Hentrich oder vor den anklagenden Augen seiner Mutter. Es war einfach die Blamage und die Tatsache, dass er nicht mehr mit Hinketatsch und Mäusebär in eine Klasse gehen würde, seine beiden Freunde, an denen er hing. Diese Freundschaft, so sagte er sich, würde darunter leiden. Und eine Klasse tiefer, bei diesen Kleinen ... Nein! Dann lieber tot sein.

„Eher sterben als kleben bleiben“, hörte er sich selber sagen, und er erschrak. Er erschrak vor dem Gedanken, den er bisher noch gar nicht gedacht, aber eben ausgesprochen hatte.

Sterben! Einfach nicht mehr leben. Die Schule, die Versetzung, Prügel und Latein, das er auch nicht mochte, das alles wäre dann vergessen. Das gäbe es nicht mehr.

Sie sagen ja, dachte er, dass man nach dem Tode weiterlebt in einer anderen Welt, die viel schöner ist. Warum geh’ ich nicht hin in diese Welt? Hier ist es nicht schön. Nachmittags ist es schön. Aber in der Schule …

„Zu Hause ist es auch nicht schön“, murmelte er. „Zu Hause ist es mies. Warum hat sie nur den Hentrich genommen? Vorher, bevor er kam, da war es viel besser. Sie hat nicht mal ein Jahr gewartet. Gekannt hat sie ihn schon früher.“ Vielleicht, überlegte er plötzlich, waren sie schon die dicksten Freunde, als Vati noch lebte.

„Ich werde nicht mehr zu ihnen zurückkehren“, sagte er vor sich hin. „Ich werde nicht mehr nach Hause gehen, zu Hentrich und zu Mutti, die Vati verraten hat. Und ich werde nicht mehr zu Krümel in die Schule gehen. Zu ihm nicht, und zu den anderen nicht. Es tut mir leid um Hinketatsch und um Mäusebär. Sie sind wirklich gute Freunde. Auch die Beate war immer nett. Aber man kann nicht alles haben im Leben, hat Vati immer gesagt. Ich werde in diese andere Welt marschieren, die besser sein soll. Sie haben es immer gesagt in der Schule, sogar Vati hat das gesagt! Vati hat auch daran geglaubt. Er ist in dieser besseren Welt. Vielleicht seh’ ich ihn da wieder, dann können wir in Ruhe über alles reden. Mit Vati habe ich immer über alles reden können.“

Ich werde in diese andere Welt gehen. Zurück zu Hentrich, zurück zu Krümel möchte ich nie mehr …



2

Anni Hentrich war das, was man eine bildhübsche Frau nennt. Die sechsunddreißig Jahre sah man ihr keinesfalls am Sie hatte dunkles Haar, sanft geschwungene schöne Augenbrauen und ein schmales Gesicht mit einem sehr ansprechenden Profil. In einem seltsamen Kontrast zu dem dunklen Haar standen die leuchtend blauen Augen. Fast grau waren sie. Und das gab ihrem Äußeren etwas Apartes. Auch sonst war ihre Figur noch wie die eines jungen Mädchens.

Dass Männer ihr nachsahen, war für sie nichts Besonderes mehr. Aber sie hatte nur Augen für einen einzigen. Dass sie so jugendlich wirkte, lag vielleicht auch an ihrer großen Liebe zu dem zweiundvierzigjährigen Maschineningenieur Bernd Hentrich. Er war ein robuster breitschultriger Typ, energisch, was man ihm auch ansah. Seine ausgeprägte Stirnglatze, und dass sein übriges Kopfhaar ebenfalls schon sehr spärlich zu werden begann, störte Anni Hentrich so wenig, wie ihn selbst.

Hentrich war nicht nur ein dynamischer Typ, er war vor allen Dingen ein leidenschaftlicher und sehr zärtlicher Liebhaber. Anni Hentrich fand bei ihm die Erfüllung ihrer Wünsche, ihrer Sehnsüchte, und sie liebte ihn mehr, als sie jemals einen anderen Menschen zuvor geliebt hätte. Ihr verstorbener Mann Bruno Windmöller, der bei der Feuerwehr Dienst getan hatte, war gut zu ihr gewesen und auch gut zu seinem Jungen. Als Vater war er Anni immer vorbildlich erschienen. Aber in ihrer Ehe hatte sich sehr rasch tiefe Langweile eingestellt. Anni hatte nie darüber gesprochen. Es lag einfach daran, dass sie das Andenken an einen Toten nicht schmälern wollte. Doch mit Bernd Hentrich hatte sie zum ersten Mal erlebt, was man als große Liebe bezeichnet.

Hentrich war genau der Typ, der eine Frau auf Händen trug, und der für sie kämpfte. Und zum Kampf war er auch für Annis Sohn bereit. Doch da war er auf Widerstand gestoßen. Trotzdem war Hentrich der Meinung, dass Axel schon begreifen würde, wie gut er es mit ihm meinte.

Bernd Hentrich hatte sogar die Adoption eingeleitet, damit Axel auch seinen Namen tragen konnte. Doch das dauerte noch an. Er und Anni waren erst vierzehn Tage verheiratet. Aber nun, nach vierzehn Tagen, war zum ersten Mal die Stimmung gereizt.

„Der Junge hätte längst da sein müssen“, sagte Anni und warf einen verzweifelten Blick auf die Standuhr in der Ecke. Das war noch ein Relikt aus ihrer Ehe mit Bruno. Immer wenn sie die Standuhr sah, musste sie an ihn denken.

„Er wird noch irgendwo spielen. Du weißt doch, wie Jungs so sind“, erwiderte Bernd Hentrich. „Da sehen sie irgend etwas, da laufen sie hin. Das ist doch alles kein Beinbruch.“

„Aber Bernd, es ist schon zwei. Halb eins hätte er hier sein müssen.“

„Also, wenn du willst, dann geh ich mal zu seinem Freund, den er Hinketatsch nennt.“

„Ach, fang du nicht auch an, solche Namen zu sagen. Der Junge heißt Rudi. Es sind grässliche Spitznamen, die sie sich gegenseitig geben. “

„Ich finde das nicht so schlimm. Ich hatte als Junge auch einen Spitznamen.“

Anni schüttelte verständnislos den Kopf. „Wenn man sich überlegt, wie sehr du ihn immer wieder in Schutz nimmst, und er ist so garstig zu dir, so gemein. Ich möchte nur einmal wissen, warum er so ist. Dafür muss es doch eine Erklärung geben. “

Hentrich zuckte die Schultern. „Mit der Zeit kommt das alles noch. Du musst nur abwarten. Der Junge ist zwölf. Er hat sehr an seinem Vater gehangen.“

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 27.07.2017
ISBN: 978-3-7438-2501-7

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /