Cover

Überrollt

Krimi von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 178 Taschenbuchseiten.

 

Hans Masuch, Wachmann bei einem großen Kaufhauskonzern, wird auf dem Hof des Zentrallagers von einem Sattelschlepper überrollt und stirbt kurz darauf. Die Polizei ermittelt wegen Mordes, da Masuch zuvor niedergeschlagen worden war. Freund und Kollege des Opfers Lothar Veith, ein ehemaliger Polizeibeamter, stößt auf Hinweise im Zusammenhang mit unaufgeklärten Warendiebstählen innerhalb des Zentrallagers. War sein Freund darin verwickelt? Veith versucht, Licht ins Dunkel zu bringen - zumal der ermittelnde Beamte Pauly ihn für den Mörder hält ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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I

Veith, du bist betrunken, dachte er und fragte sich, warum er sich schon hier in der Firma den Kanal vollgoss, statt nachher zu Hause, wenn er allein war und sich verkriechen konnte. Verdammt, Veith, du kannst es einfach nicht lassen.

Als Masuch gegen sein Glas stieß, hob er es mechanisch und kippte den Schnaps.

»Was für eine fabelhafte Fete!«, kreischte Barbara hinter ihnen. Dann krachte ihr Stuhl gegen die Wand. »Kinder, ich muss mal.«

Sie stakste zwischen den Schreibtischen her und ging nach draußen. Die Tür knallte in den Rahmen.

»Mensch, kannste die Tür nicht festhalten?«, brüllte Sporkert hinter ihr her.

Veith sah sein Gesicht in der Fensterscheibe. Draußen war es dunkel, und es regnete immer noch. Die Lichter drüben an den Tankstellen und Autobahnauffahrten sprühten Funken wie Wunderkerzen, bevor sie auf dem nassen Asphalt versickerten.

Barbara Nießen kam wieder herein. Sie Lächelte ihn kokett an. Er sah es in der Scheibe. Er wusste, was jetzt kam. Sie würde um seinen Schreibtisch herumgehen und ihre dralle Hüfte an seiner Schulter reiben. Dann würde sie kichern und sich, weil er keine Reaktion zeigte, hinten auf Sporkerts Schreibtisch setzen.

Sporkert kam mit der Flasche herüber. Er klammerte sich mit einer Hand an der Schreibtischkante fest und hielt den Flaschenhals über Masuchs Glas.

»Ich darf doch?«, fragte er.

Veith wandte sich um. »Er hat genug«, sagte er.

Masuch starrte ihn an. Seine blassen Augen waren blutunterlaufen. »Wie meinst du das?«, fragte er böse. »Meinst du, ich kann keinen mehr vertragen? Oder meinst du, du hättest genug von dem Fusel verteilt?«

»Du hast schon genug«, sagte Veith.

In seinem Schädel dröhnte es. Er hielt die Hand über sein Glas, als Sporkert ihm die Flasche hinhielt.

»Stell das Zeug weg!«, sagte er. »Wir haben noch zu tun!«

Sporkert hob die Schultern. »Ich dachte immer, ihr Sheriffs wärt die harten Burschen ...«

»Verzieh dich, Kleiner!«, sagte Masuch rau. Er machte eine heftige Armbewegung. Sein Ellbogen stieß gegen das Glas. Es kippte um, und der Schnaps tränkte einige Formulare.

Veith schob die Papiere zurück, und er versuchte, die Lache zu verdecken, als er durch die Glaswand Lorsbachs hagere Gestalt im Gang entdeckte. Lorsbach stieß die Tür auf.

Er schob den Kopf vor und blähte die großen Nasenlöcher, wobei er gleichzeitig angewidert das Gesicht verzog.

Masuch stand auf und trat ans Fenster. Seine breiten Schultern, er hatte Schultern wie ein Bulle, wölbten sich unter der abgetragenen Cordjacke.

Die Fensterscheibe klirrte, als unten ein Lastzug in den Hof fuhr.

»Das ist die Spedition Rütt«, sagte Lorsbach. »Sporkert, Sie nehmen die Ladung in Empfang.« Er machte einen Schritt in den Raum hinein und stützte sich mit den Fäusten auf Sporkerts Schreibtisch. »Oder sind Sie etwa auch betrunken, Herr Sporkert?«, fragte er.

Sporkert wischte sich über den Mund und schüttelte dann den Kopf. Er nahm ein Klemmbrett, lachte, als er sich hinter Lorsbach herschob, und ging hinaus.

Lorsbach richtete sich wieder auf. »Man hört Ihr Gejohle im ganzen Haus!«, sagte er missbilligend. »Und es stinkt hier wie in einer Kneipe! Warum gehen Sie nicht in die Kantine, wenn Sie unbedingt einen zwitschern müssen?«

Barbara kicherte. »Da gibt's keinen Alkohol, und weil Veith doch Geburtstag hat ...«

»Gratuliere«, sagte Lorsbach steif. Er nickte in Veiths Richtung.

Veith grinste und deutete auf den Aktenschrank. Auf der heruntergeklappten Abstellfläche standen ein paar Flaschen, und auf einem Teller gammelten die übrig gebliebenen Mett- und Käsebrötchen vor sich hin.

»Greifen Sie zu, Herr Lorsbach«, sagte Veith.

Lorsbach schüttelte unwillig den Kopf. »Masuch!«, sagte er barsch. »In dem Hänger sind italienische Kleiderstoffe. Sehen Sie zu, dass die Ladung unter Verschluss kommt. Bauer hat mich gestern wieder angemacht, weil die Menge bei der letzten Lieferung nicht stimmte. Und die Filiale in Wiesbaden reklamiert zum zweiten Mal fehlende Kisten im Food-Bereich. »Kisten!«, wiederholte er laut. »Plural!«

»Die können eben nicht zählen«, meinte Veith wegwerfend.

Lorsbach fuhr herum. Sein Gesicht überzog sich mit roten Flecken.

»Das sagen Sie! Ich bin es satt, mir dauernd Fehlmengen vorhalten zu lassen! Jeder Idiot glaubt, er könnte mich anscheißen! Wofür sind Sie da? Können Sie mir das sagen?«

Veith griff nach seinem Funkgerät und stand mit einer abrupten Bewegung auf. Er wandte sich zur Tür.

Masuch hielt ihn am Arm fest.

»Lass man, Junge«, sagte er gemächlich. »Ich schaffe das schon noch.«

Er steckte sein Funkgerät ein. Er schwankte nur leicht, als er zur Tür ging.

»Sorgen Sie dafür, dass der Hänger gesichert wird!«, rief Lorsbach. Die zufallende Tür schnitt ihm das Wort ab. Er sah Veith an. Sein Mund wirkte verkniffen. »Hören Sie, Veith, Masuch begreift es vielleicht nicht mehr. Sorgen Sie dafür, dass er sich zusammennimmt. Die Sauferei hier im Betrieb kann ich nicht dulden!«

»Ich habe Geburtstag«, sagte Veith steif.

»Immer hat irgendwer Geburtstag! Veith, ich weiß, dass Sie zu Masuch stehen, weiß der Teufel, weshalb. Aber ich kann ihn nicht ewig halten. Wir alle müssen Leistung bringen. Wir alle!«

»Masuch bringt seine Leistung ...«

»Die Statistiker in der Zentrale reiben mir jeden Monat die Fehlmengen unter die Nase! Im letzten Monat waren es zwei Pelzmäntel, ein Videorecorder, ein Kühlschrank, Teppiche ... Mann, Veith, von dem Kleinkram rede ich gar nicht! Ich bin für das Zentrallager verantwortlich, Herr Veith, aber Sie sind für die Sicherheit zuständig. Und sagen Sie mir jetzt nicht, dass Masuch der Boss von Ihnen beiden ist! Mir ist scheißegal, wer dafür sorgt, dass die Klauerei in Grenzen gehalten wird. Ich habe nämlich nicht die Absicht, immer meinen Kopf für andere hinzuhalten, Herr Veith. Und glauben Sie bloß nicht, Herr Veith, dass ich nicht bereit wäre, mal jemanden rauszuschmeißen! Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Herr Lorsbach«, sagte Veith, »Sie sind ein Scheißer!«

Lorsbachs Lippen zitterten. Seine Haut wurde grau.

Veith schluckte. Du bist selbst ein Schwein, Veith, dachte er. Wenn du nicht so besoffen wärst, würdest du dem Mann so etwas nicht sagen.

»Wir sprechen uns noch!«, stieß Lorsbach hervor. Was wie eine Drohung klingen sollte, wirkte aber nur lächerlich, mitleiderregend.

»Und lassen Sie Masuch in Frieden!«, schrie Veith.

Lorsbach ging steifbeinig hinaus. Barbara kicherte unbehaglich, und um irgendetwas zu tun, begann sie, die Flaschen wegzuräumen.

Er schob sich ans Fenster und sah auf die feucht glänzende Plane des Hängers hinab. Der Fahrer rangierte den Hänger behutsam rückwärts an die Rampe.

Masuch hatte den langen Gummimantel und seinen Schlapphut angezogen. Regenwasser tropfte von der Krempe, während er um den Hänger herumging und die Verschnürung und Plomben kontrollierte.

Ergab das Zeichen zum Entladen und zog sich unter das schützende Dach zurück.

Veith wandte sich ab. Zu Barbara sagte er: »Halte mal die Stellung, Mädchen, ich bin gleich zurück.«

»Ich hab' längst Feierabend«, maulte sie.

»Und ich hab' Geburtstag!«

Er ging in den Waschraum. Er spritzte kaltes Wasser in sein Gesicht und betrachtete es dann im Spiegel. Die Augen waren klein und an den Rändern gerötet.

Veith, warum säufst du wie die anderen?, dachte er.

Gut, er war heute fünfunddreißig Jahre alt geworden. Das war durchaus ein rundes Alter und konnte als Entschuldigung herhalten. Und mit wem hätte er zu Hause saufen sollen?

Er trocknete das Gesicht ab, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen. Er fixierte sich wie einen Feind.

Du kannst saufen, bis du umfällst, dein Gespenst wirst du doch nicht los.

Es war immer bei ihm. Lauernd wie ein Wolf außerhalb des Lagerfeuers.

Was kann Lorsbach dazu, du Schwein? Lorsbach hat nichts damit zu tun. Aber du legst es darauf an, dass er dich feuert. Warum? Lorsbach wird Masuch feuern.

Vor sieben Jahren, als das Gespenst geboren wurde, als er, Veith, am Boden lag, hatte Masuch ihm den Job im Zentrallager für die Region Südwest des Kaufhauskonzerns besorgt. Hier wurden nahezu alle Waren angeliefert, die in den abgeschlossenen Filialen benötigt wurden. Von hier aus wurden die Waren nach den Dispositionen der einzelnen Häuser an die Filialen verteilt.

Es war seine Chance gewesen. Eine angenehme Arbeit, einigermaßen selbständig, gut bezahlt, geregelte Arbeitszeit, mehr Urlaub als vorher, mehr Weihnachtsgeld, verbilligter Einkauf in den 32 Kaufhausfilialen zwischen Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden. Ein guter Job für ihn, ein guter Job für Johann Masuch.

Masuch war jetzt dreiundfünfzig oder vierundfünfzig Jahre alt, aber er soff. Das taten hier fast alle. Doch Masuch vernachlässigte deshalb nicht seine Arbeit. Er war immer pünktlich, drückte sich nie.

Aber irgendetwas war mit ihm geschehen, das war offensichtlich. Selbst Veith konnte es sehen. Doch Masuch war ein sturer Ostpreuße. Ein Mann wie er sprach nicht über seine Probleme.

Und ein Mann wie Veith fragte andere nicht nach ihren Schwierigkeiten.

Zum Teufel, dachte er, wenn Masuch Probleme hatte, dann mit Vera.

Veith warf das nasse Papierhandtuch in den Korb und ging ins Büro zurück.

Sporkert saß schon wieder an seinem Schreibtisch, als Veith ins Büro zurückkehrte. Praktischerweise teilte die Warenannahme ihre Räume mit dem Wachdienst. Die Büros der Disposition, der Lager und Fuhrparkverwaltung, der Auslieferung und Tourenplanung lagen in den anderen Stockwerken.

Sporkert ergänzte die Lieferscheine und warf sie auf Barbaras Schreibtisch. Barbara Nießen übertrug die Daten in den Computer.

Sporkert sah Veith an. »Ich habe Lorsbach gesehen. Mann, der macht ein Gesicht ...«

Veith hob nur die Schultern. Barbara ließ ihren Stuhl zurückrollen.

»Fertig«, sagte sie. »Gott sei dank!« Sie schaltete den Bildschirm aus und zog die Plastikhaube darüber. »Tschüs denn, und schönen Abend noch.«

Sporkert stellte sich ihr in den Weg. »Du nimmst mich doch mit, Süße! Du hast es versprochen! Ich fahre lieber nicht mehr.«

»Sie ist selbst beschickert«, sagte Veith. »Eins Komma und ... Promille.«

»Da hört man wieder den Polizisten raus«, meckerte Sporkert. »Du hast ja auch zugeschlagen! - He, Barbara! Zehn Minuten!«

Barbara verdrehte die Augen. »Nachher werde ich dich nicht mehr los. Ich kenne das doch!«

»Und wie soll ich von hier wegkommen?«

»Fahr doch mit Herrn Veith!«

»Der ist selbst besoffen.«

Veith trat gegen Sporkerts Schreibtisch. »Halt dich bedeckt, mein Junge«, sagte er warnend. »Aber ich werde lieber auch nicht mehr fahren«, fügte er unvermutet milde hinzu. »Sie können mich auch mitnehmen, Barbara, und Masuch.«

»Masuch hat seine Frau angerufen«, sagte Sporkert. »Vorhin schon, bevor die Schluckerei losging. Sie holt ihn ab.«

Veith nahm sein Funkgerät und drückte die Sprechtaste.

»Hallo, Masuch?«

Er ließ die Sprechtaste los. Das Gerät blieb stumm. Er versuchte es noch einmal, bekam aber wieder keine Antwort.

»Wahrscheinlich ist er im Keller«, vermutete Sporkert.

Veith nickte. »Ich sehe mal nach. Gute Nacht, Leute, und viel Spaß noch.«


*


Mit dem kleinen Personenfahrstuhl fuhr Veith direkt ins Kellergeschoss hinunter.

Dort befanden sich die Sicherheitsräume. In geheizten oder klimatisierten Abteilungen wurden teure optische und elektronische Geräte, Schmuck, Pelze und hin und wieder Antiquitäten eingelagert. Die Betonwände ließen eine Verständigung mit den Handfunkgeräten nicht zu.

Als die Kabine unten aufsetzte, schluckte Veith die aufsteigende Übelkeit wieder hinunter. Im Vorraum brannte die Notlampe. Veith hatte Mühe, den Sicherheitsschlüssel ins Schloss der Tür zum Hauptgang zu praktizieren. Als die Tür zurückschwang, lag der Gang dunkel vor ihm.

»Masuch!«, rief er. »He, Masuch!«

Er bekam keine Antwort. Er ließ seine Batterielampe aufleuchten und schaltete dann die Deckenbeleuchtung ein.

Der Gang war leer. Veith ging an den verschlossenen Stahltüren zu den einzelnen Abteilungen vorbei, zu denen weder er noch Masuch allein Zutritt hatten.

Veith schaltete die Lampen wieder aus, verschloss die Tür und fuhr ins Erdgeschoss hinauf.

Die große Halle lag jetzt verlassen da. Die Rolltore waren heruntergelassen. Nur die Nachtbeleuchtung brannte. Und durch die breite Glasscheibe im Büro des Lagerleiters fiel ein gelber Lichtfleck auf den grauen Zementboden. Jürgen Hilgers, der Lagerleiter, war wie immer der Letzte. Veith sah seinen gebeugten Rücken und den grauen Haarkranz auf dem Hinterkopf.

Er trat ans Fenster und klopfte. Hilgers drehte sich um. Als er Veith erkannte, stand er auf und schob das Schalterfenster zur Seite.

»Hallo, Herr Veith! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!« Er streckte seine Hand durch die Öffnung und schüttelte Veiths Hand. »Ich konnte nicht raufkommen, tut mir leid. Die haben mich mal wieder mit Arbeit zugeschüttet.«

»Macht nichts«, sagte Veith. »Haben Sie Masuch gesehen?«

»Der war vorhin doch im Stofflager, aber wo er jetzt ist, weiß ich nicht. Keine Ahnung. Vielleicht bei den Teppichen?«

»Ich gehe noch mal durch«, sagte Veith.

Er ging an den hohen Regalen entlang, die nummeriert und in Zonen aufgeteilt waren, um das Einlagern und Auffinden der Waren zu erleichtern.

Das Stoff- und Teppichlager war vom übrigen Teil mittels einer Lattenwand abgetrennt. Hinter den Latten war es dunkel, die Tür verriegelt und abgeschlossen.

Veith rüttelte an den Stäben. »Masuch!«, schrie er. »He, verdammt, wo steckst du?«

Seine Stimme verhallte ohne Echo und Antwort.

Veith fluchte. Ihm fiel der Kühlraum ein. Die dicke Tür war nicht verriegelt. Er öffnete sie.

Helles Licht stach in seine Augen, kalte Luft wehte über sein Gesicht.

»Masuch! Verdammt, wo steckst du?«

Er ging zwischen den Paletten her, auf denen ganze Käselaibe, Schinken in Folie, verpacktes Fleisch, Feinkostartikel, Margarine, Fette und Butter zur Auslieferung am frühen Morgen bereitstanden.

Auch hier entdeckte er keine Spur von Masuch. Aber wahrscheinlich war er hier drin gewesen, denn der für diesen Abschnitt verantwortliche Abteilungsleiter hatte bestimmt das Licht ausgeschaltet und die Tür von außen verriegelt.

Veith schaltete das Licht im Kühlraum aus und knallte die Tür zu.

Ratlos sah er sich um. Noch war er wütend.

Bis ihm eine kalte Hand den Brustkorb zusammenpresste. Das Gespenst war da. Vertraut wie der nächtlich wiederkehrende Alptraum.

»Masuch!«, brüllte er in die riesige, schwach erhellte Halle. »Masuch!« Es klang wie ein Hilfeschrei.

Wenn Masuch nicht draußen war, blieben eigentlich nur noch die Wasch- und Umkleideräume der Lagerarbeiter und Fahrer im Obergeschoss. Dort lag auch die Kantine.

Veith riss die Tür zum Treppenhaus auf. Auch hier brannte Licht.

»Masuch!«, schrie er. »Masuch!«

Er rannte die Stufen hinauf. Er lief durch den Waschraum, sah in jeden Winkel, kontrollierte die Toilette.

Keine Spur von Masuch.

»Masuch! Masuch!«

Die Wirkung des Alkohols war längst verflogen. Veith lehnte sich gegen die Wand. Es blieben noch die Toiletten der Kantine. Die Kantine schloss um 19 Uhr. Aber die Toiletten lagen außerhalb der Kantinenräume am oberen Treppenabsatz.

Er rannte hinüber und riss die Tür auf.

Er roch es sofort. Masuch war da. Er hing mit dem Kopf über dem Waschbecken, das von seinem Erbrochenen verschmiert war. Er würgte hilflos.

Veith atmete flach, als er Masuch zurückzog. Das Gespenst verschwand und ließ nur Wut und grenzenlose Erleichterung zurück.

»Verdammt«, sagte er mit kratzender Stimme. »Ich habe dir ja gesagt, dass du den Kanal voll hast!«

Er setzte Masuch auf den kalten Boden und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Masuch sah ihn aus verquollenen Augen an.

»Mensch, deine Jacke stinkt ja!«, schimpfte Veith. Er machte ein paar Papierhandtücher nass, wischte über Masuchs Gesicht und die Jacke. »Du hättest besser deinen Gummimantel anbehalten!«

»Kümmere dich gefälligst um deinen Scheiß«, sagte Masuch undeutlich. Er versuchte, Veith zurückzustoßen.

»Sei vernünftig«, sagte Veith. »Steh auf und komm mit runter.« Er zerrte an Masuchs Arm, aber der schwere Mann rührte sich nicht. »Stimmt es, dass Vera kommen wollte?«

Masuch murmelte nur vor sich hin.

»Hast du sie angerufen, Mann?«

»Wie spät ist es?«

»Neun durch. Los, Mann, steh auf. Was hattest du hier überhaupt zu suchen?«

»Kannst du dir immer aussuchen, wo du hinkotzt?« Masuch stöhnte, als er sich endlich von Veith hochziehen ließ, aber er musste sich an der Wand abstützen.

»Du hast unten im Kühlraum die Lichter angelassen«, sagte Veith. »Müller hätte morgen den Hals bis zum Anschlag aufgerissen!«

»Ich war nicht im Kühlraum«, grunzte Masuch. »Was sollte ich da überhaupt? He, spionierst du mir nach?«

Masuch starrte Veith aus kleinen wässrigen Augen an.

»Red keinen Unsinn. Komm jetzt.«

Widerwillig ließ sich Masuch nach unten schleppen. In der Halle gingen sie langsam auf die kleine Eisentür am Ende der Reihe mit den Rolltoren entlang. Hilgers hörte ihre schlurfenden Schritte. Er presste sein Gesicht gegen die Scheibe und schirmte seine Augen gegen das helle Licht auf einer Seite der Scheibe mit einer Hand ab.

An der Tür blieb Veith stehen. Er stemmte Masuch gegen den Rahmen und steckte den Schlüsselschalter in einen graulackierten Steuerkasten. Mit einer Umdrehung aktivierte er die Alarmanlage. Wenn Hilgers später die Außentür abschloss, setzte er sie automatisch in Betrieb. Nachts wurde nur das Außengelände von einer Wach- und Schließgesellschaft aus Mainz kontrolliert.

»Gute Nacht, Herr Hilgers!«, rief Veith laut.

Hilgers nickte und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.


*


Veras Peugeot stand draußen am Ende der Rampe neben dem Eingang, der zu den Büros führte.

Vera Masuch stieß die rechte Vordertür auf, als sie die beiden über die Rampe torkeln sah. Doch sie stieg nicht aus.

Veith half Masuch die nassen Stufen hinunter. Masuch prallte mit der Hüfte gegen die Wagentür. Veith bückte sich. Undeutlich erkannte er Veras helles Gesicht mit dem vollen schwarzen Haar, und er roch ihr Parfüm. Es war schwer und betäubend.

»Ich setze ihn besser hinten rein«, sagte er.

Er öffnete die Tür. Masuch kletterte unbeholfen hinein. Veith schlug die Tür zu.

»Danke«, sagte Vera.

Veith setzte sich einfach neben sie. Er spürte ihren Blick, und er sah sie an.

Der Regen auf der Frontscheibe streute das Licht und warf Schattensprenkel über Veras Gesicht. Die Augen hatten sich in das Dunkel der tiefen Höhlen zurückgezogen, aber Veith wusste genau, wie sie aussahen.

Es waren glänzende graugrüne Augen, die ihren Ausdruck blitzschnell wechseln konnten. Jäh konnte ein verheißungsvoller Schimmer erscheinen und wieder verschwinden. Der Blick wurde dann unvermittelt abweisend und kalt.

Er hätte einiges dafür gegeben, wenn er jetzt in ihre Augen hätte sehen können.

Den Mund konnte er dagegen genau erkennen. Die Lippen waren voll und weich, und die fein gezeichneten Mundwinkel verzogen sich ein wenig, als sie die Lippen öffnete.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, sagte sie. Ihre Stimme klang kehlig, aber seltsam unbeteiligt. Ihre Hände blieben auf dem Lenkrad liegen. Es waren zarte Hände mit feinen geraden Fingern und glatter geschmeidiger Haut. »Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte sie, ohne in den Spiegel oder über die Lehne nach hinten zu blicken.

Masuch lag schräg auf der Rückbank. Seine Augen waren geschlossen, das Kinn hing herab, und er begann zu schnarchen.

»Ich bin nicht für ihn verantwortlich«, sagte Veith aufbrausend.

»Ist ja schon gut«, meinte Vera beschwichtigend.

Er lehnte sich zurück und knallte die Tür ins Schloss.

»Setz mich in Hochheim ab«, sagte er. »Und bring ihm morgen früh bei, dass er mich abholt. Oder kann er den Wagen nicht haben?« Er starrte sie an.

Masuchs alter Rekord war in der Werkstatt, weil der Anlasser ausgefallen war. Gestern und heute hatte Veith Masuch abgeholt und mitgenommen, weil Vera nicht ohne ihren Wagen auskam.

»Natürlich kann er den Wagen haben! Warum bist du so aggressiv?«

Er antwortete nicht. Vera startete und setzte zurück.

»Sei vorsichtig, da stehen jede Menge unbeleuchteter Fahrzeuge rum«, sagte er.

»Willst du fahren?«, schnappte sie.

»Jetzt bist du aggressiv«, stellte er fest.

Sie fuhr zur Autobahn. Er spürte wieder die Wirkung des Alkohols, aber Veras Nähe hielt ihn in einem Zustand gespannter Erregung. Er beobachtete ihre Hände, die jetzt ruhig und kraftvoll das Lenkrad hielten.

»Du hast dich lange nicht mehr sehen lassen«, sagte sie.

Er antwortete nicht.

»Nie kommst du mit rein, wenn du ihn absetzt. Warum nicht?«

»Ich habe keinen besonderen Grund«, antwortete er. Außer dass du ein geiles Luder bist und ich verdammt gern mit dir ins Bett steigen würde.

»Mareike lässt dir jedes Mal Grüße bestellen, wenn sie ihn besucht«, sagte Vera. »Richtet er es dir aus?«

Veith brummte, was sie als Zustimmung auffassen mochte.

Masuch hatte ihm vor zwei Jahren zuletzt von Mareike erzählt. Vorher hatte er über den Taugenichts hergezogen, auf den sie reingefallen war.

Mareike war Masuchs Tochter aus erster Ehe. Seine erste Frau war jung gestorben. Vor sieben Jahren, als Veith am Boden lag und Masuch sich um ihn kümmerte, hatte Masuch kurz zuvor Vera kennengelernt. Vera war 17 Jahre jünger als er. Veith, der zu der Zeit mit Mareike ging, hatte sich Hals über Kopf in Vera verknallt.

Es war eine brennende, unvernünftige Leidenschaft gewesen. Sie hätte ihn vollends zerstört, wenn er ihr nachgegeben hätte.

Aber er hatte Mareike verloren. Die kleine stolze Mareike. Sie hatte einen Halunken geheiratet. Den erstbesten hergelaufenen Kerl.

Masuch hatte ihm heute noch nicht verziehen, dass er Mareike hatte laufen lassen.

Dabei hatte sie ihm, Veith, den Laufpass gegeben.

Das allerdings hatte weder er noch Mareike ihm je erzählt. Masuch war fast übergeschnappt vor Glück gewesen, weil Vera ihn geheiratet hatte.

»Ich setze dich zu Hause ab«, sagte Vera. »Du musst mir nur sagen, wo's langgeht. Oder willst du nicht, dass ich erfahre, wo du wohnst?«

Sie bedachte ihn mit einem schrägen, herausfordernden Blick.

»Die Adresse steht im Telefonbuch«, sagte er abweisend.

Ihr Lachen spürte er wie eine warme Hand, die über sein Rückgrat strich.



II

Sein Unterbewusstsein spürte längst, dass es Morgen wurde.

Lange bevor er schweißgebadet erwachte, trug der Wind das anschwellende Brausen des Verkehrs von den Autobahnen herüber, und unten auf der Straße pulsierten im schnellen Wechsel die aufheulenden und davonbrummenden Motoren.

Er hatte bohrende Kopfschmerzen. Der Kater heute war besonders bösartig. Dabei, so glaubte er sich zu erinnern, hatte er angenehm geträumt. Von Vera. Er schnupperte unwillkürlich, weil der Traum ihm auch den schweren Duft ihres Parfüms vorgegaukelt hatte, aber seine Nase nahm nur das dumpfe, erstickende Geruchsgemisch aus abgestandener Luft, Bier und den Ausdünstungen seines eigenen Körpers wahr. Er hatte vergessen, das Fenster zu öffnen, bevor er ins Bett fiel.

Er wälzte sich herum. Durch die Ritzen im Rollo sickerte das blau-weiße Licht der hoch angebrachten Straßenbeleuchtung.

Sein Zimmer war der reinste Saustall. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er ins Bett gekommen war. Wahrscheinlich hatte er in der Kneipe gegenüber noch ein paar gezischt, nachdem Vera ihn vorm Haus abgesetzt hatte, und wahrscheinlich hatte er ein paar Flaschen Bier mitgenommen, denn zwei leere standen auf dem Tisch, und eine andere lag am Boden.

Er machte die Augen wieder zu, aber die Kopfschmerzen ließen ihn nicht mehr einschlafen. Er war beinahe froh, als das Telefon schrill klingelte.

Er setzte die Fuße auf den Boden und stakte zwischen herumliegenden Wäschestücken her, stieß mit einem Zeh gegen ein Tischbein, stöhnte und nahm den Hörer ab.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Masuch.

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich beschissen.«

Veith kniff die Lider zusammen, um die Zeiger der Uhr erkennen zu können, aber der Blick war verschwommen.

»Wie spät ist es?«, fragte er.

»Viertel vor sieben«, antwortete Masuch. »Du, es tut mir leid. Ich habe verschlafen. Ich war wohl ziemlich hinüber.«

Veith fluchte. Nicht, weil er Lorsbachs Missbilligung fürchtete. Die war ihm scheißegal. Aber Lorsbach würde wahrscheinlich wieder über Masuch herfallen.

Er fluchte lautlos, als er seinen Wecker aufnahm und ihn schüttelte. Er hatte vergessen, das Ding einzustellen.

»Wenn du Gas gibst, bist du vielleicht noch vor Lorsbach da«, meinte Veith.

»Und wie kommst du hin?«

»Kümmere dich nicht um mich«, sagte Veith. »Mach bloß, dass du zum Dienst kommst. Ich komme schon hin.«

»Das finde ich anständig von dir«, sagte Masuch schwer. »Lorsbach, dieses Arschloch, hat es irgendwie auf mich abgesehen.«

»Vergiss ihn«, sagte Veith.

»Klar, tu ich.« Masuch schwieg, aber er legte nicht auf.

»Ist doch was?«, fragte Veith, der mit seinem Kater kein Gefühl dafür hatte, dass der andere vielleicht noch etwas sagen wollte.

»Nichts«, sagte Masuch. »Bis nachher.«

Veith ging ins Bad. Er ließ sich Zeit mit dem Rasieren und Anziehen. Er kam ohnehin zu spät. Da spielte eine halbe Stunde keine Rolle.


*


Es war noch dunkel, als er in den nassen unfreundlichen Wintermorgen hinaustrat. Er fand kein Taxi. Morgens zwischen sieben und acht schien es in Hochheim niemanden zu geben, der eins benötigte. Zu spät fiel ihm ein, dass er hätte telefonieren und sich einen Wagen vors Haus bestellen können.

Veith sprang in den Bus nach Rüsselsheim. Er sah in Gesichter, die genauso grau aussahen wie seins. Wie im Schlaf stieg er um in den Bus, der in das Rhein-Main-Industriezentrum fuhr. Das letzte Stück musste er zu Fuß gehen. Mit hochgezogenen Schultern trottete er an endlos langen Zäunen entlang.

Er sah sich um, als er die Polizeisirene hörte. Ein Streifenwagen fegte mit Höchstgeschwindigkeit an ihm vorbei. Das Blaulicht auf dem Dach blitzte in den grauen Morgen hinein. Mit wimmernden Reifen schlitterte der Wagen in die Einfahrt des Zentrallagers.

Er keuchte. Die Angst presste ihm wieder den Brustkorb zusammen. Er hatte keine Alpträume gehabt in dieser Nacht, aber jetzt war das Gespenst wieder da. Seine Sohlen schlugen hart aufs Pflaster. Er bekam Seitenstiche, und seine Kehle schmerzte.

Das Tor war wie immer um diese Zeit ganz zurückgefahren. Vor den Rolltoren warteten die Lieferwagen. Auf der Rampe, über die sonst in den frühen Morgenstunden Kisten und Rollen, beladene Körbe und Paletten geschoben wurden, standen jetzt die Gabelstapler, als seien sie von den Fahrern aufgegeben worden.

Sie alle, die Staplerfahrer, Lagerarbeiter und Büroangestellten bildeten einen Halbkreis um die bullige Zugmaschine eines Lastzugs. Scharf hoben sie sich gegen das Licht der aufgeblendeten Scheinwerfer ab.

Der Streifenwagen hatte bereits angehalten. Die Polizisten gingen mit schnellen Schritten auf die Gruppe zu, teilten sie und verschwanden im Kreis.

Atemlos kam Veith näher. Mit der Schulter warf er sich zwischen die Gaffer. Sporkert starrte ihn an mit Augen, die vor Entsetzen leer waren. Veith sah ihn gar nicht.

Er hatte nur Augen für die Gestalt am Boden. Sie lag da wie etwas Weggeworfenes. Die Beine bis hinauf zur Hüfte waren nur eine breiige Masse aus Stoff, Blut, Fleisch und Knochen.

Veiths Knie begannen haltlos zu zittern, als sein Blick auf die derbe, abgetragene Cordjacke fiel, die Masuch immer im Dienst trug.

Die beiden Polizisten standen ratlos da. Sie waren sehr jung. Einer bückte sich endlich und versuchte, den Körper in die Seitenlage zu drehen.

Masuchs Hand glitt über den nassen Asphalt. Die Finger krümmten sich.

Mein Gott, er lebt! Dieser zerquetschte Überrest von einem Menschen lebte noch!

Veith packte den Polizisten an der Schulter, schleuderte ihn zur Seite und ließ sich auf die Knie fallen.

Masuchs Augen waren geöffnet, die Pupillen geweitet. Die Zunge bewegte sich in der dunklen Mundhöhle.

Behutsam schob Veith eine Hand über Masuchs Hinterkopf und bettete ihn auf seine Schenkel. Das graue Borstenhaar war nass vom feinen Regen.

»Masuch, was machst du?«, krächzte Veith. »Masuch ...«

Ein Paar derbe Stiefel kratzten neben Veith. Dann war da eine Stimme.

»Er lag da ... Ich habe ihn nicht gesehen ... Oh Gott, ich habe nur etwas gespürt, als ...«

Die Stimme klang jämmerlich, das Deutsch schwerfällig.

Veith blickte auf. Das unrasierte Gesicht des belgischen Fahrers spiegelte den Schock wider.

»Ich kann nichts dafür ...«

»Halten Sie das Maul!«, schrie Veith.

Das Gesicht zuckte wie unter einem Schlag, prallte vor dem Zorn in Veiths Augen zurück.

Veith beugte sich über Masuchs Kopf. Masuchs Hand kroch an Veiths Arm hinauf, die Finger krallten sich im Stoff der Jacke fest. Der Blick klärte sich ein wenig.

»Vera ...«

Der Name kam wie ein Hauch über die blutleeren Lippen.

»Ja?«, sagte Veith sanft. »Was ist mit Vera?«

Seine Hand stützte Masuchs Kopf im Nacken, drückte ihn gegen seinen Bauch. Veith wiegte den grauen Schädel wie den eines Kindes. Seine Finger in der faltigen Haut des Nackens spürten warme, klebrige Nässe. Er zog die Hand hervor und hielt sie ans Licht.

Hellrot schimmerte das Blut an seiner Haut.

»Masuch, was hast du gemacht?«, fragte Veith.

»Sie reden jetzt besser nicht mit ihm«, sagte einer der Polizisten.

Veith blickte an dem Mann hinauf. »Was verstehen denn Sie davon?«, stieß er rau hervor.

Er schloss die Augen. Sie brannten. Wieder starb ein Mann in seinen Armen. Alpträume sind hartnäckig. Er hatte es gewusst. Er riss die Augen wieder auf. Der Polizist trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

»Sie sollten auf den Notarzt warten«, sagte der andere Polizist lahm.

»Schicken Sie die Leute weg!« Veiths Stimme quoll wie ein tiefes böses Knurren aus seiner Kehle. »Und wann legen Sie endlich eine Decke über seine Beine? Sie haben doch eine im Streifenwagen! Holen Sie sie, Mann!«

Der jüngere Polizist hastete davon. Augenblicke später kam er zurück. Umständlich schüttelte er die Decke auf, bevor er sie über das warf, was von Masuchs Beinen noch übrig war.

Veith sah in Masuchs Gesicht. »Mann, Masuch, was ist passiert?«

»Mir ist so kalt ... Veith, ich weiß nicht, was aus Vera werden soll ... Die Versicherung ... Sie muss die Versicherung kriegen!« Der Druck der breiten Finger auf Veiths Arm nahm zu.

»Mach dir wegen Vera keine Sorgen«, sagte Veith. Vera kommt zurecht.

»Und Mareike ... Sie ...« Masuch hustete plötzlich. »Schade um euch beide. Sie ... liebt dich immer noch. Weißt du das, Veith?«

»Sei ruhig, Mann.«

»Der Heinz ...« Masuch hustete wieder, schluckte dann. Die Haut seines Gesichts schien nach innen zu fallen.

»Ruhig«, stieß Veith zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Masuchs Finger gruben sich tief in seine Muskeln.

Heinz, Heinz Firmenich war Mareikes Mann.

»Pass auf, dass der Heinz sie jetzt nicht ... nicht ...« Masuch suchte nach dem richtigen Wort. »Kaputt macht, verstehst du, Veith? Er ... wird sie jetzt... er braucht sie nicht mehr, verstehst du?«

»Ja«, sagte Veith.

Er verstand nicht, was Masuch meinte. Was hatten Heinz oder Mareike mit Masuchs Unfall zu tun?

Das auf- und abschwellende Heulen einer Sirene kam rasch näher.

»Jetzt wird alles gut«, sagte Veith. »Der Arzt ist gleich da.«

Masuch schloss erschöpft die Augen. Veith schüttelte in hilflosem Zorn den Kopf. Er sah auf den dunklen Fleck auf der Decke, wo sich der Stoff langsam mit Masuchs Blut vollsaugte.

Masuchs Finger bewegten sich erneut, seine Stimme kam flach und tonlos aus dem schmerzverzerrten Mund.

»Sie verstehen es nicht, weißt du? Sie verstehen keinen Spaß. Ich hätte gestern nicht so viel saufen dürfen ...«

»Es hat nichts damit zu tun, Masuch.«

Es hatte gottverdammt sehr wohl etwas damit zu tun! Wenn er nicht den ganzen Schnaps mitgebracht hätte. Wenn er seinen verdammten Hintern heute Morgen rechtzeitig aus dem Bett bekommen hätte. Dann läge Masuch jetzt nicht hier.

Das schrille Heulen klang jetzt ganz nah, erstarb in einem Jaulen. Der Kreis öffnete sich. Scheinwerferlicht stach in Veiths Augen, fiel über Masuchs Gesicht. Die Lippen bewegten sich. Veith beugte sich tiefer, brachte sein Ohr an Masuchs Mund.

»Sie haben es missverstanden«, murmelten die blutleeren Lippen undeutlich. Die Finger lösten sich aus Veiths Jacke. »Leg dich ... nicht ... mit ihnen an ...«

»Von wem redest du?«, fragte Veith.

Wild wandte er den Kopf, als ihn jemand an der Schulter berührte. Der Mann im weißen Kittel nickte ihm zu. Widerstrebend räumte Veith seinen Platz. Steifbeinig ging er über den Hof.

Lorsbach stand unten in der Tür. Seine Augen blickten stumpf.

»Herr Veith«, stammelte der schlaffe Mund, »ich weiß nicht, was ich sagen soll ...«

»Dann halten Sie doch Ihr Maul«, sagte Veith. Er schob den Mann zur Seite wie einen leeren Karton.


*


Mit dem Fuß stieß er seinen Stuhl ans Fenster und ließ sich darauf fallen. Seine Knie zitterten. Er presste die Hände darauf, aber das Zucken der Muskeln war stärker. Er wischte über sein Gesicht. Es war nass. Es war der feine Regen, da war er sicher. Er würde nicht weinen. Er hatte auch damals nicht geweint. Sondern nur den erstickenden Zorn gespürt, die nagenden Zweifel, die Schuldvorwürfe, die er sich selbst gemacht hatte.

Er zerrte die feucht gewordene Jacke von den Schultern und warf sie achtlos irgendwo hin.

Warum hat Masuch seinen Gummimantel nicht getragen? Den zog er doch immer über, wenn es regnete und er draußen sein musste.

Er brauchte doch nur auf der Rampe zu stehen.

Was hatte er dann vor dem anfahrenden Lastzug zu suchen?

Er hörte ein unterdrücktes Schluchzen. Hinten im Büro brannte kein Licht, aber er konnte Barbara sehen. Sie saß an ihrem Platz. Ihr Kopf wurde halb von dem Terminal verdeckt, aber an ihren zuckenden Schultern konnte er erkennen, dass sie weinte.

Er blickte wieder nach unten. Eben wurden die Türen des Notarztwagens geschlossen. Hinter dem Milchglas brannte helles Licht. Die Schatten des Arztes und seines Helfers fielen groß und formlos über die Scheiben.

Der Wagen fuhr nicht ab.

Lagerarbeiter, Fahrer und Büroleute standen in kleinen Gruppen herum, fröstelnd im grauen Morgen. In der heller werdenden Dämmerung verblassten die Lichter am Unglückswagen.

Der Fahrer stand wie verloren neben seiner Zugmaschine, bis einer der Polizisten ihm bedeutete, mit zum Streifenwagen zu kommen.

Wenn du die Scheinwerfer nicht ausschaltest, wirst du den Motor nachher nicht mehr ankriegen, dachte Veith.


*


Der Notarztwagen stand mitten auf dem Hof. Die ersten Lieferwagen rangierten um ihn herum und bogen in die Straße zum Verteiler ab.

Auch damals war der Rettungswagen nicht sofort abgefahren. Der Arzt hatte versucht, Wielands zerrissene Adern an Ort und Stelle zu vernähen und die Blutung zu stoppen. Veith sah auf seine Hose. Das war Masuchs Blut. Masuchs Beine waren zerquetscht gewesen, aber er hatte auch eine Wunde im Nacken.

Wieland war von drei Kugeln getroffen worden. Zwei in die Brust, eine in den Hals. Nachher war sein ganzes Uniformhemd und die Hose voll von Wielands Blut gewesen.

Nur weil er ein paar lumpige Minuten für sich selbst gebraucht hatte, hatte Harald Wieland sterben müssen.

Veiths Mund war trocken. Abrupt stand er auf. Barbara sah ihm stumm entgegen, als er an ihr vorbeimarschierte. Er ließ die Rolltür des Büroschranks herunterkrachen und durchstöberte die Fächer.

»Wo haben Sie die Flaschen hingetan?«, knurrte er.

»Aber, Herr Veith, Sie wollen doch jetzt nicht trinken?«, sagte Barbara weinerlich.

Er wirbelte zu ihr herum. »Wenn ich Ihren Rat brauche, werde ich es Ihnen sagen. Jetzt will ich nur eine Flasche, die nicht leer ist.«

»Unten, Herr Veith.«

Er bückte sich. Das Blut stieg ihm in den Kopf, und der pochende Schmerz setzte wieder ein wie ein Warnsignal.

Er nahm eine Flasche, packte sie am Hals, schwang sie wie eine Keule, als er zu seinem Platz am Fenster zurückkehrte.

Der Notarztwagen fuhr gerade an. Langsam, ohne Blaulicht und Sirene, rollte er durch das Tor. Hinter dem Milchglas war es jetzt dunkel.

Veith drehte sich nicht um, als hinter ihm die Tür geöffnet wurde.

»Er ist gestorben«, sagte Lorsbach.

Veith rührte sich nicht. Die Flasche entglitt seinen Fingern und fiel auf den Boden. Die Rücklichter des davonfahrenden Notarztwagens verloren sich im Dunst.

»Wo waren Sie, Herr Veith?«, fragte Lorsbach hämisch.


III

In Veith lief ein Film ab.

»Wo waren Sie, Veith?«

Wieland hätte nicht allein in den Laden stürmen dürfen, ganz gleich, aus welchen Gründen sein Partner nicht bei ihm war.

»Wo waren Sie, Veith, als der Einsatzbefehl an Ihre Streife erging?«

»Ich bin kurz in meine Wohnung gegangen.«

Er hatte schnell vorankommen wollen und sich deshalb gleich nach der Polizeischule für den Dienst im Frankfurter Bahnhofsrevier gemeldet, das von den Kollegen nach Möglichkeit gemieden wurde. Und weil er unabhängig war, hatte er mitten im Viertel eine Wohnung genommen. Er war der einzige Deutsche in dem Haus gewesen, in dem sonst nur Griechen wohnten. Er hatte sich dort wohl gefühlt.

»Sie waren zu Hause? Sie befanden sich im Dienst, Herr Veith. Hatten Sie einen zwingenden Grund, Ihre Wohnung aufzusuchen?«

»Mir war nicht gut. Ich wollte mir eine Tablette holen.«

Am Vorabend war er mit Mareike zusammen gewesen. Sie wollte nicht mit in seine Wohnung kommen. Er hatte einen hässlichen Streit provoziert und sie gehen lassen. Unten im Haus, in der griechischen Kneipe, hatte er sich mit Uzo volllaufen lassen.

»Warum haben Sie sich nicht krank gemeldet, wenn Sie sich nicht wohl fühlten?«

»Ich habe es nicht so wichtig genommen. Ich dachte, eine Tablette genügt.«

»War es nicht eher so, dass Sie einen Kater hatten, Herr Veith?«

Pauly hatte also hinter ihm hergeschnüffelt.

»Nein, ich hatte keinen Kater.« Er hatte nur eine halbe Nacht gekotzt.

»Sie haben Ihrer Einsatzzentrale nicht gemeldet, dass Ihre Einheit nicht einsatzbereit war. Als der Dienstältere waren Sie der Streifenführer, Veith!«

»Wie schon gesagt, ich hielt es nicht für der Rede wert. Es waren nur ein paar Minuten.«

»Wie kam es, dass Sie das Hupen überhörten?« Polizeiobermeister Wieland hat lange und anhaltend gehupt.

Der Verkehrslärm ...

Er wollte Mareike nicht verlieren. Er war in seine Wohnung gegangen, um sie anzurufen. Er hatte dagesessen und gewartet, weil man sie erst an den Apparat holen musste. Und während er dann mit ihr sprach, war Harald Wieland endlich losgefahren, weil er den Auftrag der Einsatzzentrale bereits bestätigt hatte und der Einsatzort, ein kleiner Laden an der Moselstraße, nur ein paar hundert Meter entfernt um die Ecke lag.

Polizeiobermeister Harald Wieland hatte seinen Kameraden decken wollen. Wegen ein paar lumpigen Minuten ...

Er sprang aus dem Wagen und rannte in den Laden, als der Gangster gerade hinter dem Tresen hervorkam, in einer Hand ein Bündel Geldscheine, in der anderen eine Pistole.

Polizeiobermeister Harald Wieland rannte genau in die Kugeln des Räubers hinein.

Als er, Lothar Veith, auf die Straße hinaustrat und den Streifenwagen nicht mehr an seinem Platz vorfand, war er nicht einmal beunruhigt gewesen.

Erst, als er die Schüsse hörte. Drei kurze, trockene Detonationen ...


IV

Und jetzt hatte es Masuch erwischt, dachte Veith.

Seine Augen brannten, seine Kehle brannte. Sein Inneres verbrannte.

»Wo waren Sie, Herr Veith?«

Mit einem tierischen Laut fuhr Veith herum. Sein Stuhl krachte an den Schreibtisch. Er stieß mit dem Fuß gegen die Flasche, als er aufsprang. Er bückte sich, nahm die Flasche, und aus der Bewegung des Aufrichtens heraus schleuderte er sie nach Lorsbach.

Lorsbach rührte sich nicht. Er war vor Schreck erstarrt. Die Flasche prallte über seinem Kopf gegen den Rahmen. Sie zerplatzte, überschüttete ihn mit einem Scherbenregen und tränkte sein Haar mit Wacholderschnaps.

»Wagen Sie es nicht, mich noch einmal anzusprechen, Sie Ratte!«, zischte Veith. »Wagen Sie es nicht ...«

Lorsbach schnappte nach Luft, wahrend der scharfe Alkohol aus seinen Haaren tropfte und über sein graues Gesicht rann.

»Wenn Sie es nicht auf Masuch abgesehen hätten, hätte er sich heute Morgen nicht den Arsch aufgerissen, um pünktlich herzukommen!«

Der schlaffe Mund zuckte. »Das werden Sie bereuen, Veith. Bei Gott, das werden Sie bereuen!«


*


Veith streifte durch die große Lagerhalle. Die üblichen Arbeitsgeräusche schienen heute gedämpft zu klingen. Die Fahrer, Hilgers und die Lagerarbeiter gingen ihm aus dem Weg.

Masuchs Gummimantel hing in der Nische hinter dem Büro des Lagerleiters, wo auch die gelben Wetterumhänge der Staplerfahrer aufbewahrt wurden.

In den letzten Tagen hatte es morgens häufig geregnet. Masuch hatte immer als Erstes seinen Gummimantel angezogen, auch wenn es nur so leicht nieselte wie heute.

Warum hatte er heute seinen Gummimantel nicht angezogen, wenn er draußen herumgelaufen war?

Und wie, zum Teufel, war er diesem verdammten Belgier vor die Räder gekommen?

Veith trat auf die Rampe hinaus. Er fröstelte. Der Lastzug stand noch so auf dem Hof, wie der Fahrer ihn nach dem Unfall angehalten hatte. Allerdings hatte inzwischen jemand die Scheinwerfer ausgeschaltet.

Der Streifenwagen hatte Gesellschaft bekommen. Ein älterer Beamter betrachtete die Stelle, wo Masuch gelegen hatte.

Veith zog sich wieder in die Halle zurück. Die dicke Tür zum Kühlraum stand jetzt offen. Zwei Gabelstapler schafften Paletten mit Frischwaren auf die Rampe.

Veith lief die Treppe zur Kantine hinauf. Oben brannte Licht, und es roch nach Kaffee.

Die Kantine wurde morgens schon um sechs Uhr geöffnet. Während ihre Fahrzeuge unten be oder entladen wurden, tranken die Fahrer schnell einen Kaffee oder frühstückten.

Veith frühstückte nie zu Hause. Wenn unten alles glatt lief, ließ er Masuch für eine halbe Stunde allein und ging in die Kantine hinauf.

»Morgen, Frau Thomanek«, sagte er zu der grauhaarigen Frau hinter dem Tresen. »Kaffee, bitte.«

Sie sah ihn mitleidig an. »Sie sehen fürchterlich aus, Herr Veith«, sagte sie. »Zwei Brötchen wie immer?«

»Nur Kaffee.« Er hätte keinen Bissen hinunterbekommen.

»Ich habe ihn noch gesehen«, sagte Helga Thomanek, während sie den Kaffee aus der Maschine in eine Tasse laufen ließ.

»Er war hier oben?«, fragte er stirnrunzelnd.

»Nicht hier drin«, erklärte sie. »Er kam aus der Toilette und ging nach unten.«

Veith runzelte die Stirn. Unten in der Halle gab es Toiletten, es gab Toiletten im Bürotrakt, und es gab welche vorne bei den Waschräumen.

Auch gestern war Masuch in die Toilette an der Kantine gegangen. Sie lag weiter als alle anderen von Masuchs Aufgabenbereich entfernt.

Veith hob die Schultern. Er nahm die Tasse und sah sich um. Der Belgier saß allein an einem Tisch in der hintersten Ecke. Veith ging auf ihn zu. Der Fahrer sah ihm entgegen, und Furcht kroch in seine Augen. Veith stellte die Tasse auf den Tisch und setzte sich.

»Wann bist du angekommen, was hast du gebracht, wann warst du mit dem Entladen fertig?«, fragte Veith.

Der Belgier hatte gewelltes rotblondes Haar. Seine Augen unter den starken Stirnhöckern zuckten unruhig. Er nestelte eine Zigarette aus einer zerdrückten Packung und steckte sie zwischen die Lippen.

»Bist du von der Polizei?«, fragte der Fahrer. »Bist du nicht. Also lass mich ...«

Veith schlug dem anderen die Zigarette aus dem Mund, als der gerade das Feuerzeug aufflammen ließ. Er beugte sich über den Tisch.

»Riskier hier bloß keine Lippe«, sagte er flach. »Du hast hier keine Freunde, Käsefresser. Du hast einen von uns umgebracht. Er war zufällig mein Freund.«

Der Belgier ballte die Fäuste.

»Ich habe meine Firma in Lüttich angerufen. Ich soll nix sagen, bevor ich meine Rechte kenne.«

»Also hast du Dreck am Stecken, Käsefresser!«

»Nein ...«

»Du hast geschlafen.«

»Nein.«

»Du hast gesoffen? Bist die Nacht durchgefahren? Was?«

»Nein, ich habe auf der Autobahn geschlafen ...«

»Hast du einen Fahrtenschreiber?«

»Ja, ja ...«

»Was hattest du geladen?«

»Glaswaren. Acht Paletten für euch. Die anderen sind für Süddeutschland bestimmt. Hören Sie, ich kann nix dafür ...«

»Du hättest ihn sehen müssen!«

»Ich habe ihn nicht gesehen!«

»Wir setzen uns in deinen Wagen. Ich beweise dir, dass du ihn hättest sehen müssen! Du hast ihn mit dem rechten vorderen Rad überrollt.« Der Zorn schnürte Veith die Kehle zu.

»Er hat nicht vor meiner Maschine gestanden!“ Beschwörend hob der Belgier beide Hände. »Versteh doch! Ich habe die Scheinwerfer eingeschaltet, bevor ich losgefahren bin. Wo war sein Schatten? Und warum ist er nicht weggegangen? So ein Lastzug fährt langsam an. Das weißt du.«

Veith starrte den Fahrer grimmig an.

»Er ist vielleicht hingefallen«, meinte der Belgier hilflos. »Genau vor den Reifen. War er krank?«

Veith leerte seine Kaffeetasse wie ein Verdurstender. Die heiße Flüssigkeit brannte in seinem Mund. Er stieß den Stuhl zurück und ging.

Sein Blick fiel auf die Toilettentür auf dem Treppenvorplatz. Er öffnete die Tür.

Eine Putzfrau war dabei, das Becken zu reinigen, in das Masuch sich übergeben hatte. Veith hatte es nur notdürftig ausgespült, bevor er Masuch hinausbugsiert und die Treppe hinuntergeschleppt hatte.

»So eine Sauerei«, schimpfte die Putzfrau, ohne Veith anzusehen.

Veith sagte nichts. Wahrscheinlich hatte Masuch heute Morgen nur sehen wollen, was er angerichtet halte.


*


»Veith!«

Sporkert kam auf den Gang hinaus, als Veith oben über den Büroflur ging.

»Veith, du sollst zu Lorsbach kommen! Er hat dich schon überall gesucht.«

»Wenn er mich überall gesucht hätte, hatte er mich gefunden«, knurrte Veith.

»Was will er von dir?«, hechelte Sporkert.

»Mich rausschmeißen«, vermutete Veith.

Lorsbachs Büro lag im zweiten Obergeschoss am Ende des Flurs. Frau Brackmann, seine Sekretärin, hatte verquollene Augen, und Tränen hatten ihr Make-up verschmiert.

»Oh, Herr Veith ...«

»Was haben Sie?«, fragte er.

»Der arme Herr Masuch ...« Sie tupfte vorsichtig ein Taschentuch gegen ein Auge.

»Ihr Chef hat den armen Herrn Masuch so lange schikaniert, bis er sich vor den Laster gelegt hat«, sagte Veith böse.

»So etwas dürfen Sie nicht sagen!«, protestierte die Brackmann. Sie war genauso alt und genauso hager wie ihr Chef.

Veith riss die Tür zu Lorsbachs Büro auf. Drei Köpfe fuhren herum, drei Augenpaare starrten ihn an. Veith spürte, wie ihm das Blut aus dem Gesicht lief.

»Da sind Sie ja endlich«, sagte Lorsbach in nörgelndem Ton. Er hatte eine kleine rote Schramme auf der Stirn, wo ein Glassplitter die Haut angeritzt hatte. Seine öden Augen blickten feindselig.

Veith sah nur Pauly. Pauly schien kaum älter geworden zu sein in den sieben Jahren. Damals war er Oberkommissar in der Inspektion 1 in Frankfurt. Zuständig für Tötungsdelikte.

Pauly hatte den Mann, der Harald Wieland erschossen hatte, innerhalb weniger Stunden gestellt. Anschließend hatte er sich mit Veith beschäftigt und ihm, unabhängig vom Disziplinarausschuss, die Schuld an Wielands Tod anlasten wollen.

Pauly hatte ihm zugesetzt und die Hetzjagd zum Alptraum gesteigert. Er, Veith, hatte dem Druck nicht standgehalten und die Brocken hingeschmissen.

Er war geflohen. Er hätte wissen müssen, dass man seinen Alpträumen nicht entrinnen konnte. Sie sind geduldig und hartnäckig. Und immer gegenwärtig.

Paulys kalte Fischaugen betrachteten ihn, wie man einen Haufen Abfall betrachten mochte, den jemand einem vor die Haustür geschüttet hatte. Falten durchzogen das eckige Gesicht wie Messernarben.

Pauly trägt einen besseren Anzug als er ihn sich damals hätte leisten können, stellte Veith fest. Pauly war etwas fülliger geworden. Veith hatte gehört, dass Pauly nach Rüsselsheim gegangen war, als dort die Planstelle eines Ersten Hauptkommissars frei wurde. Er leitete dort die Kriminalabteilung.

Wegen eines Betriebsunfalls kam er jetzt nach Hüttenheim ins Industriegebiet raus.

Weil er, Veith, hier arbeitete.

Um ihm den Todesstoß zu versetzen?

Die lähmende Starre wich. Veith trat in den Raum hinein. Bedächtig schloss er die Tür. Die Brackmann war eine geschwätzige Ziege.

Den Mann neben Pauly kannte Veith ebenfalls. Bodo Eckersdorfer und er waren zusammen auf der Landespolizeischule gewesen. Sogar im selben Jahrgang. Später hatten sie sich aus den Augen verloren. Veith fiel wieder ein, dass Eckersdorfer aus Rüsselsheim stammte.

»Was ist es diesmal?«, fragte Pauly mit kultivierter Stimme. »Genau wie damals? Haben Sie wieder getrunken?«

Veith spürte, wie seine Lippen steif wurden. »Das Disziplinarverfahren gegen mich wurde eingestellt!«, stieß er hervor. »Wieland hätte nicht allein in den Laden gehen dürfen, nicht ohne Rückendeckung ...«

»Ich bin nicht hier, um die alte Geschichte aufzuwärmen, Veith«, sagte Pauly, der sich nie aus der Ruhe bringen ließ.

»Dann reden Sie gefälligst auch nicht darüber!«

»Erzählen sie mir Ihre Version«, sagte Pauly, der erreicht hatte, was er wollte - sein Gegenüber war wütend und ließ sich vielleicht zu unbedachten Äußerungen hinreißen.

»Ich habe keine Version«, sagte Veith feindselig. Er sah Lorsbach an. »Dann kann ich wohl wieder gehen?«

Lorsbach wich Veiths Blick aus. Er machte ein verkniffenes Gesicht.

Pauly stand auf. Er war etwas kleiner als Veith. Er baute sich vor ihm auf und wippte auf den Fußballen.

»Wo waren Sie, als es passierte?«, fragte er.

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich noch im Bus.«

Pauly zog die Brauen hoch. »Sie waren dieses Mal nicht zu Hause?«, fragte er mit beißendem Spott.

Veith holte scharf Luft. »Ich bin heute später gekommen. Ich habe meinen Wagen gestern hier stehen lassen. Masuchs Frau hat mich mitgenommen ...«

»Das war gestern. Ich rede von heute.«

»Ich auch. Ich musste den Bus nehmen. Ich wohne jetzt in Hochheim. Ich bin mit dem 16er Richtung Rüsselsheim gefahren und an der Kreuzung in die Linie 33 umgestiegen.«

Pauly fixierte ihn kalt. »Warum lügen Sie?«

»Ich lüge nicht!«, sagte Veith aufbrausend.

»Warum geben Sie nicht zu, dass Sie irgendwo im Lager gepennt haben, weil Sie noch zu betrunken waren, um Ihrem Dienst nachzugehen?«

»Ich war nicht hier.«

Pauly kniff die Lider zusammen. Der Ausdruck der Augen hinter den schmalen Schlitzen verursachte Veith Übelkeit. Er hatte plötzlich das deutliche Empfinden, dass etwas nicht stimmte.

»Sie haben getrunken«, sagte Pauly. Die Winkel des arroganten Mundes zuckten. »Man riecht Ihre Fahne ja jetzt noch. Sie waren hier. Davon gehen wir aus.« Pauly wandte kurz den Kopf. »Herr Lorsbach?«

Lorsbachs Vogelkopf zuckte auf und nieder. »Stimmt«, bestätigte er eifrig.

Veith lachte lautlos. »Haben Sie mich gesehen?«

»Herr Masuch hat es mir gesagt«, erwiderte Lorsbach steif.

»Was hat Masuch gesagt?«, fragte Veith.

»Dass er Sie mitgebracht hätte und dass Sie im Lager wären.«

Masuch wollte ihn decken.

Wie damals Wieland.

Veith schüttelte den Kopf. »Er hat mich nicht abgeholt. Er wollte mich abholen und mitnehmen, das hatten wir gestern verabredet, aber er hat mich angerufen, weil er verschlafen hat. Und weil wir nicht noch mehr Zeit verlieren wollten, sollte jeder machen, dass er zum Betrieb kam.«

»Wann war das?«

»Viertel vor sieben.«

Pauly riss die Augen auf. »Was? Ihr Dienst beginnt doch um sechs!«

»Ja, um sechs«, bestätigte Lorsbach.

»Dann haben Sie also auch verschlafen«, stellte Pauly fest.

Veith antwortete nicht.

Pauly wandte sich an Eckersdorfer. »Ich weiß nicht, ob es eine Rolle spielen wird, aber gehen Sie der Aussage nach.« Er ließ Veith nicht aus den Augen, während er weiter zu Eckersdorfer sprach. »Stellen Sie fest, ob ihn jemand gesehen hat - bevor der Unfall geschah.«

»Er sollte die beiden Busfahrer ermitteln, mit denen ich gefahren bin«, sagte Veith. »Wahrscheinlich hat mich sogar jemand auf der Straße gesehen. Der Streifenwagen ist an mir vorbeigefahren.«

»Überlassen Sie uns, was wir zu tun haben«, sagte Eckersdorfer.

»Darf er den Mund aufmachen, ohne gefragt worden zu sein?«, höhnte Veith.

Pauly stopfte die Fäuste in die Taschen. »Veith, vielleicht kriege ich Sie dieses Mal.« Er fletschte die Lippen. »Sie stehen ganz allein da, Veith. Ein Mann, dessen Kameraden und Kollegen umkommen, hat keine Freunde mehr. Nur noch Feinde.«

Veith drehte sich um. Mit zwei langen Schritten war er an der Tür. Eckersdorfer kam ihm nach.

»Einen Moment noch«, sagte Pauly. Veith drehte sich um. »Legen Sie Wert darauf, es seiner Frau zu sagen?«

Veith lachte böse. »Das überlasse ich Ihrem Bullencharme, Pauly! Oder dem da.« Er deutete auf Lorsbach. »Er war Masuchs Chef.«

Veith stürmte hinaus.


*


Der Aufzug rumpelte langsam abwärts. Eckersdorfer sah Veith unverwandt an. Sein Haar war dünn geworden, überlegte Veith, die Taille dafür dicker.

»Was bist du jetzt?«, fragte Veith.

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Na, ich erinnere mich, dass es bei euch Dienstbezeichnungen gibt. Hampelmann, Oberhampelmann, Haupthampelmann.«

»Machen Sie ruhig Ihre Späße, Veith!« Eckersdorfer schnaubte. »Ich bin Kriminalobermeister.«

Veith grinste. »Viel ist aus dir nicht geworden in all den Jahren.«

»Jedenfalls mehr als aus Ihnen, Veith.« Die Kabine setzte unten auf, und Eckersdorfer ging voraus. »Wissen Sie, wie man über Sie denkt, Veith?«

»Du wirst es mir sicher sagen, Bodo. Von mir aus kannst du übrigens Sie zu mir sagen, bis du schwarz wirst.«

»Sie sind schuld am Tod eines Kameraden, das denken wir«, sagte Eckersdorfer. Er schlug den Kragen seines Mantels hoch, als er den Schutz des vorspringenden Daches verließ. »Einer, der einen Kameraden umkommen lässt, ist für uns der letzte Dreck. Das wissen Sie doch.«

»Du warst schon damals eine großmäulige Niete, Bodo, und du hast dich nicht geändert. Dann schnüffel mal schön, Oberhampelmeister.«

Veith drehte sich um. Er wollte allein sein. Er konnte plötzlich keinen Menschen mehr sehen.

»Veith!«, schrie Eckersdorfer ihm nach.

Mit der Tür in der Hand drehte Veith sich um. »Wenn du was von mir willst, besorg dir was Schriftliches. Ansonsten wage es nur nicht, mich noch mal anzuquatschen, wenn du nicht im Dienst bist. Nun geh und wein dich bei deinem Hauptobermacher aus!«



V

Eckersdorfer ist doch nur ein Würstchen, dachte Veith.

Warum bist du dann so bitter zu ihm? Trauerst du etwa dieser Uniform nach? Oder der Dienstbezeichnung?

Herr Polizeiobermeister. Nicht Kriminalobermeister. Er wäre nicht zur Kripo gegangen. Schnüffeln, andere Menschen in die Enge treiben, ihnen nachstellen, das alles lag ihm nicht. Die Uniform tragen, offen und ehrlich, das war in Ordnung.

Wahrscheinlich wäre er inzwischen längst Polizeikommissar. Er hatte alle Voraussetzungen mitgebracht und die 1. Fachprüfung mit gut abgeschlossen.

Er war nur einmal leichtsinnig gewesen.

Oder nein, nicht einmal das. Das taten doch alle im Dienst. Mal für ein paar Minuten verschwinden, irgendwas erledigen, während der Partner die Stellung hielt.

Verdammt, Wieland, du Idiot, warum hast du nicht gewartet!

Veith schlug mit dem Handballen auf das Lenkrad. Der Scheibenwischer schmierte. Der Behälter für die Waschanlage war leer. Er fuhr am Main entlang. Das riesige Werksgelände der Farbwerke lag hinter ihm, aber immer noch schien der giftige Geruch im Wageninneren zu hängen.

Er nahm das Gas zurück, als er nach Höchst hineinfuhr, hielt nach Straßenschildern Ausschau. Niemand schien sich mehr um die schönen alten Häuser aus der Gründerzeit zu kümmern. Woanders restaurierte man die Fassaden liebevoll. Hier zerfraßen Abgase die Stückarbeiten, bedeckte zäher schwarzer Schmutz, was einmal weiß oder gelb geleuchtet hatte.

Türkenfrauen gingen über die Straße, ohne den Verkehr zu beachten. Veith bremste, wich einer Frau aus, die ihn aus dunklen, unergründlichen Augen ansah. Er fuhr weiter, bog ab, als er glaubte, seinem Ziel nahe zu sein.

Er hatte nur Sporkert Bescheid gesagt, dass er wegführe. Einen Anlass dafür hatte er nicht genannt. Sollte Lorsbach ruhig einen Grund mehr bekommen, ihn zu feuern.

Er stellte seinen Volkswagen in eine Einfahrt und stieg aus. Die Scheibe des kleinen Lebensmittelladens war über und über mit weißer Plakatfarbe bemalt.

Heute im Angebot - Bauchspeck Kilo 7,90. Gouda 100 Gramm 79, Marmelade Glas 1,49. Grüne Bohnen Dose 79.

War das Mareikes Schrift? Wahrscheinlich. Er stieg die beiden Stufen zur Ladentür hinab, öffnete sie, ließ

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Steve Mayer
Tag der Veröffentlichung: 14.07.2017
ISBN: 978-3-7438-2284-9

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