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Todesfalle Marrakesch: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Klaus Tiberius Schmidt

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Ein scheinbar einfacher Auftrag führt Bount Reiniger nach Marrakesch. Er soll den Neffen eines schwerreichen Klienten aufspüren und nach New York geleiten, wo der junge Mann das Vermögen erben soll. Aber Mike Braccalante ist spurlos verschwunden, und nicht nur Reiniger sucht ihn. Was hat der dubiose Araber el Taleb damit zu tun, welche Rolle spielt seine bildschöne Tochter, und warum versuchen alle möglichen Leute, Bount zu töten? Der Detektiv gerät an seine physischen und psychischen Grenzen, um diesen Fall zu lösen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Hauptpersonen:

Mike Braccalante – steht vor einem Millionenerbe und soll deshalb mit seinem Truck in die Wüstenluft gefetzt werden.

Alida el Taleb – ist ein rechter Pulswärmer für alles, was Hosen trägt.

Said Abdul el Taleb – scheffelt Geld, nimmt es aber mit dessen Herkunft nicht so genau.

Claude Poitier – zählt als Ex-Legionär zur absoluten Killer-Elite.

Pierre Soudana – versteht sich auf den Umgang mit Skorpionen.

June March – ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger – ist Privatdetektiv.



1

Dabei beförderten sie in ihrem MAN340PSTanklaster eine tödliche Fracht durch die Gluthitze der marokkanischen Wüste.

Gleich würden sie Col de Khaloua erreichen, den Pass. Danach war es nur noch ein Katzensprung bis Rabat.

Im mächtigen Tank hinter der Zugmaschine schwappten dreißigtausend Liter Benzin.

Ihr Truck war eine rollende Bombe.

Der nächtliche Sturm hatte Sand auf die Piste geweht, dabei zum Teil kniehohe Dünen hinterlassen. Luftspiegelungen gaukelten weite Wasserflächen vor, wo sich doch nur Wüste ausbreitete.

Ein Blubbern riss Mike aus den Gedanken. Trotzdem hielt er das Lenkrad locker. »Was ist das?« John saß bolzengerade neben ihm.

Mike bremste den bockenden Truck auf der leicht ansteigenden Straße ab und hielt an.

»Das fehlt uns gerade noch«, maulte Blacksmith. »Hört sich an, als ob die Einspritzpumpe Luft ansaugt. Verdammter Mist.«

»Das glaube ich nicht.« Mike öffnete die Tür und sprang aus dem Fahrzeug. »Ich tippe eher auf einen zugesetzten Luftfilter oder verrußte Einspritzdüsen.«

Er ging an die Arbeit und begann das Vorsatzgitter über der Stoßstange abzubauen. Mit wenigen Handgriffen hatte er die Verkleidung beseitigt und spähte in den Innenraum.

Was er sah, hatte nichts mit Aussetzern zu tun.

Er begriff sofort, was dieses Bündel rotbrauner Stangen, die zwischen Innenwandung und Wassertank klemmten, bedeuteten.

Dynamit.

Das Herz drohte ihm stehenzubleiben, dann aber reagierte er. Aus der Hocke schoss er hoch, stürmte auf die linke Seite des Trucks und riss die Tür auf.

»Raus, weg hier!«

Er zerrte den verblüfften Blacksmith vom Sitz, so dass er beinahe aus dem Wagen fiel. Mit den Händen musste sich John abfangen.

»Was hast du?« Er fluchte und riss sich los.

»Lauf!«, schrie Mike. »Der Wagen fliegt jeden Moment in die Luft!« Er warf sich herum und raste los.

So schnell er konnte, spurtete er über das sandige Gelände, das mit Felsgestein übersät war. Ringsum gab es keine genügende Deckung. Jeder Schritt wurde zur Ewigkeit, und der Instinkt sagte ihm, dass er noch nicht weit genug weg war.

Keuchend hetzte er weiter. In seinen Lungen begann es zu stechen und zu hämmern, doch er blieb nicht stehen. Vor ihm tauchte eine Senke auf. Mit letzter Kraft warf er sich nach vorn.

In derselben Sekunde wurde die Erde von einer gewaltigen Explosion in ihren Grundfesten erschüttert. Die Druckwelle riss Mike Braccalante mit sich und schleuderte ihn gegen einen Felsen.

Überall herrschte nur noch gleißende Helligkeit. Ihm war, als explodierte die Sonne über ihm. Ein gigantischer Feuerball stand über der Wüste und breitete sich blitzschnell aus.

Glühende Hitze raste über ihn weg, und er hatte das Gefühl, verbrennen zu müssen.

Dann war alles vorbei. Plötzlich herrschte Totenstille.

Vom enormen Druck der Explosionswelle fast betäubt, versuchte er aufzustehen. Er schaffte es erst beim zweiten Mal.

Eine gewaltige Staubwolke hing über der nahen Unglücksstelle. Vom Tanklaster war nur noch ein Haufen glühendes Blech übriggeblieben. Eine pechschwarze Rauchsäule quoll aus dem Wrack, das Geräusch von knisternden Flammen war zu hören.

»John!«

Ein siedend heißer Schreck durchfuhr Mike, als er wieder klar denken konnte. Blacksmith antwortete nicht. Die Wüste schwieg.

Mikes Körper schmerzte bei jeder Bewegung, sein Hemd hing ihm in Fetzen am Leib, und er blutete aus unzähligen, kleinen Wunden. Die Haut brannte.

Plötzlich wurde ihm schwarz vor Augen. Hilflos ruderte er mit den Armen, ohne Halt zu finden.

Wie tot brach er zusammen.



2

Ausgeschlafen und gut gelaunt tauchte Bount Reiniger erst gegen Mittag in seinem Büroapartment auf.

»Guten Morgen, mein Engel«, grüßte er seine Assistentin June March und betrachtete sie wohlgefällig.

Wie immer sah die Blondine hinreißend und zum Anbeißen aus. June lächelte und zeigte ihr schneeweißes Gebiss, das für jede Zahnpastareklame ein Gewinn gewesen wäre.

»Guten Tag, Chef«, erwiderte sie und schielte auf die Wanduhr. »Verschlafen?«

»Mitnichten, schönes Kind.« Bount Reiniger winkte mit Schalk in den Augen ab. »Ich habe mir nur erlaubt, einmal ein wenig zu trödeln. Ist Post oder ein wichtiger Anruf gekommen?«

»Vor etwa zwei Minuten rief ein gewisser Mister Peckinpah an und wollte dich sprechen«, erwiderte June March. »Mister Peckinpah möchte, dass du persönlich bei ihm vorbeischaust. Um was es genau geht, und um wen es sich handelt, weiß ich nicht. Er verhielt sich sehr reserviert und irgendwie bedrückt.«

»Soll ich zurückrufen?«

»Nein, nein«, sagte June und suchte in ihren Unterlagen nach einer Notiz, fand den Zettel und reichte ihn ihrem Chef.

»Das ist die Adresse. Mister Peckinpah selbst kann aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich erscheinen.«

Bount Reiniger las die Anschrift laut vor und stieß ein leises Pfeifen aus. »Crown Heights, Utica Avenue 125. Nicht gerade eine Gegend, wo Sozialhilfeempfänger wohnen. Sieht nach einem dicken Fisch aus.«

Er steckte den Zettel ein und verkündete: »Wenn etwas Wichtiges sein sollte, kannst du mich über das Autotelefon erreichen.«

Wenig später saß er in seinem silbergrauen Mercedes und fuhr Richtung Brooklyn. Als er den Kreisverkehr auf der Grand Army Plaza hinter sich gelassen hatte und nach Westen abgebogen war, trennten ihn nur noch zwei Meilen vom Stadtteil Crown Heights.

Bald schon ließ sich erahnen, dass dieses Fleckchen Erde den Reichen vorbehalten war. Die tristen Mietshäuser fehlten. Stattdessen flankierten Alleebäume die Straßen, und hohe Hecken verbargen große und teure Grundstücke mit vornehmen Villen und alten, restaurierten Herrenhäusern.

Das Haus seines vermutlich neuen Auftraggebers war rasch gefunden.

Eine weißgekalkte Mauer mit Efeubewuchs und ein schmiedeeisernes Tor, flankiert von zwei steinernen Löwen auf gemauerten Podesten, verhinderten die Weiterfahrt.

Bount Reiniger stieg aus. An der rechten Mauerseite fand er einen Klingelknopf und drückte ihn.

»Sie wünschen? «

Bount fuhr zusammen.

Erst jetzt sah er das Fernsehauge und den Lautsprecher im Wirrwarr der Efeublätter unterhalb der einen Löwenstatue.

»Mein Name ist Bount Reiniger«, sagte er, zückte seine Lizenz und hielt sie vor die Fernsehkamera. »Ich hoffe, Sie können alles genau erkennen.«

Statt einer Antwort ertönte ein leises Summen. Das schmiedeeiserne Tor schwang wie von Geisterhand auf. Bount stieg in den Wagen und fuhr weiter. Kaum hatte er passiert, schloss sich das schwere Tor hinter ihm.

Auf der Treppe der Villa wartete bereits ein Butler im Smoking.

»Herzlich willkommen, Sir!« Der alte Mann im schwarzen Smoking verbeugte sich. »Wenn Sie so freundlich wären, mir zu folgen. Mister Peckinpah erwartet Sie bereits im Arbeitszimmer.«

Das Innere der Villa hielt, was das Äußere des Hauses versprach. Schwere Perserläufer auf marmornen Böden dämpften die Schritte. An den teakholzvertäfelten Wänden hingen alte Gemälde oder mittelalterliche Waffen. Wie es schien, liebte Mr. Peckinpah das Nostalgische.

»Bitte einzutreten!« Der Butler blieb vor einer dunklen Eichentür stehen und öffnete sie.

Bount trat in einen Raum, der alles das vermissen ließ, was ihn draußen so gefangengenommen hatte. Das Zimmer war fast spartanisch eingerichtet. Einziges Schmuckstück war ein samtbezogener Schaukelstuhl vor dem Fenster.

Darin saß ein alter Mann mit blassem Gesicht und glänzenden Augen, die tief in den Höhlen lagen. Ein Lächeln umspielte die fast blutleeren Lippen, als Bount eintrat und sich die Tür hinter ihm schloss.

»Vielen Dank, dass Sie mich so rasch aufgesucht haben«, begrüßte ihn Henry Peckinpah. »Verzeihen Sie bitte, wenn ich mich nicht erhebe, aber ...«

»Bitte, bleiben Sie sitzen«, unterbrach ihn Bount Reiniger. Schon auf den ersten Blick hatte er bemerkt, dass er es mit einem sterbenskranken Mann zu tun hatte.

»Setzen Sie sich dort in den Sessel«, sagte der alte Peckinpah. »Wie Sie sehen, steht alles für Sie bereit.«

Bount war ein wenig verwundert. Sein Gastgeber schien bestens über ihn informiert zu sein. Auf dem Tisch stand eine Silberdose mit Pall Mall-Zigaretten, und auch eine Flasche vom besten Scotch fehlte nicht.

»Bedienen Sie sich bitte«, sagte Peckinpah. »Ich darf leider beides nicht mehr. Die Ärzte glauben, Sie könnten mich so noch ein paar Wochen länger am Leben erhalten. Quacksalber!« Das letzte Wort klang sehr verächtlich, obwohl der alte Mann lächelte.

Bount nahm eine Zigarette aus der Silberdose und zündete sie an. Er fühlte sich irgendwie beklommen und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte.

»Was kann ich für Sie tun, Sir?«, fragte er höflich.

»Ich bin ein todkranker Mann, Mister Reiniger. Magenkrebs im letzten Stadium. Nicht mehr zu heilen. Wie Professor Hawkins vom Jewish Medical Center erklärt – und er als Kapazität auf diesem Gebiet muss es wissen – ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe. Na gut. Wie Sie sehen, habe ich Vermögen. Das meiste stammt von meinem Vater, dieses schreckliche Haus mit seinen Kunstwerken und seinem Kitsch. Dazu noch Bankkonten, Aktien und so weiter. Geld, Mister Reiniger, Geld in Hülle und Fülle, doch Glück hat es mir nicht gebracht. Kann es Krebs heilen? Nein!«

Bount Reiniger zog es vor, nichts zu sagen. Welcher Art sein Auftrag war, würde er noch früh genug erfahren.

»Das alles hier brauche ich bald nicht mehr. Doch ich will nicht, dass das Peckinpahsche Vermögen und die Firma, die ich leite, in fremde Hände geraten. Mein Geschäftsführer Frank Krug und der Prokurist der Finanzabteilung Herbert Moore werden alles daransetzen, die Macht an sich zu reißen, wenn ich tot bin. Deshalb soll Mike alles übernehmen. Er ist der einzige, der es schaffen könnte, diesen Geiern das Handwerk zu legen und die Firma weiterzuführen.«

»Mike?«, fragte Bount Reiniger. »Wer ist das?«

Peckinpah atmete tief durch, griff neben sich, und brachte einen Umschlag zum Vorschein. »Hier ist alles drin, Mister Reiniger. Ein Foto von ihm und seinem Freund John Blacksmith und die letzte Karte, die ich von ihm erhalten habe. Sie stammt aus Marrakesch und ist mehrere Wochen alt. Seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört. Es ist sowieso ein Wunder, dass er sich überhaupt gemeldet hat, denn wir sind mehr oder weniger im Streit auseinandergegangen. Wahrscheinlich wollte er mich mit diesen Zeilen nur ärgern.«

Bount nahm das Kuvert und öffnete es.

Auf dem Foto sah er zwei junge Männer, etwa Anfang Dreißig. Arm in Arm standen sie vor einem chromblitzenden Scania-Truck, umringt von kleinen, ärmlich gekleideten Berberkindern. Wenn er sich nicht täuschte, war die Aufnahme mit einer Polaroidkamera geschossen worden.

»Der Blonde ist Mike, Mike Braccalante, der einzige Sohn meiner Schwester Phyllis. Sie ist vor acht Jahren mit ihrem italienischen Mann Francesco bei einem Autounfall umgekommen. Mike hat danach bei mir gelebt, doch verstanden haben wir uns nie. Er wollte frei sein und ich aus ihm einen Geschäftsmann machen. Sie können sich denken, was das für Reibereien gab.«

Reiniger ahnte es. Dafür brauchte man nicht allzu viel Phantasie.

Er betrachtete die Postkarte, die den Märchenmarkt von Marrakesch auf dem Place Djemaa el Fna zeigte. Er wendete sie und las die wenigen Zeilen.

»Viele Grüße aus Marokko. Hier gibt es das, was ich immer gesucht habe und Du nie finden wirst: Freiheit und Weite. Trucks fahren, ist das Größte für uns geworden. Grüß mir das spießige und geldgierige New York und achte darauf, dass Du nicht in deinem Geld erstickst. Mike«

Das waren nicht gerade freundliche Worte, die der Neffe an seinen Onkel geschrieben hatte.

»Seit wann ist Ihr Neffe in Marokko?«, fragte Bount Reiniger, ohne sich anmerken zu lassen, was er dachte.

»Seit knapp zwei Jahren«, entgegnete Peckinpah. »Wo er genau ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Ihre Aufgabe soll sein, ihn zu finden und wieder zurück in die Staaten zu bringen. Und das am besten, bevor man mich einsargt.«

Alle Not und Qual der Ungewissheit lag in diesen Worten. Bount spürte, was in diesem Mann, der den Tod vor Augen sah, vor sich ging.

»Ich kann Ihnen nichts versprechen, Mister Peckinpah«, sagte er und erhob sich. »Aber ich werde alles tun, um Ihren Neffen zu finden. Darauf haben Sie mein Wort.«

Der Körper des alten Mannes straffte sich. Dankend streckte er Bount die Hände entgegen. Bount ergriff sie und erschrak, als er merkte, wie kalt sie waren.

»Ich danke Ihnen, Mister Reiniger«, sagte der alte Mann. »Wir haben aber noch nicht über den finanziellen Teil dieses Auftrages gesprochen.«

Reiniger schüttelte den Kopf. Männer wie Peckinpah würden wohl selbst am Rand des Todes noch an Geld, Aktien und Gewinne denken.

»Ich dachte, dass dies das Unwichtigste sei«, sagte er nicht ohne Vorwurf in der Stimme. »Sind Sie mit fünfhundert Dollar pro Tag plus Spesen einverstanden? Gültig für drei Wochen, auch bei Versagen. Sollte ich Erfolg haben, erhalte ich fünftausend Dollar extra.«

Peckinpah nickte. »Geht klar, Mister Reiniger. Mein Butler hat übrigens schon alles vorbereitet und Ihr Flugticket besorgt. Die Concorde fliegt in acht Stunden Richtung Paris ab. Auch die Verbindungen nach Marrakesch sind bereits reserviert.«

Bount Reiniger musste lächeln. Peckinpah hatte noch alles im Griff.



3

Gähnend griff Bount Reiniger zum Whiskypott, der neben ihm auf einem kleinen Tisch stand. Seit mehr als vierundzwanzig Stunden verweilte er bereits in Marrakesch, doch die Zeitverschiebung setzte ihm nach wie vor zu.

Mit der Concorde war er in wenigen Stunden über den Atlantik in die alte Welt geflogen. Von Paris aus hatte er mit der Air Maroc Tanger und schließlich Casablanca erreicht. Die Strecke von Casablanca nach Marrakesch hatte er mit einer zweimotorigen Piper Cherokee hinter sich gebracht.

Bount war im Es Saadi, einem teuren Luxushotel in der Nähe der Medina, abgestiegen. Es war ihm erspart geblieben, ein Hotel suchen zu müssen. Alles war von seinem Auftraggeber organisiert worden. Diesmal hatte June March keinen Handschlag zu tun brauchen.

Bisher hatte er nicht sehr viel von dieser orientalischen Stadt gesehen. Seit er in Marrakesch war, versuchte er, eine Spur von Mike Braccalante zu finden. Es war wie die berühmte Stecknadel im Heuhaufen.

Stundenlang hatte er telefoniert und versucht, etwas Näheres über Braccalantes Verbleib zu erfahren. Leicht war es nicht gewesen. Das Ausländeramt hatte ihm lediglich mitgeteilt, dass sich ein Mike Braccalante vor zwei Jahren gemeldet und die nötigen Formalitäten eingereicht hätte.

Zum Glück war auch eine Adresse angegeben worden. Bount hatte sie sich notiert. Braccalante sollte angeblich im Hotel Ibn Salaah in der Rue Bab Ahmed wohnen.

Gähnend schaute er auf die Uhr. Es war kurz vor Mittag, doch er verspürte noch keinen Hunger. Die Reise saß ihm noch in den Knochen. Wieder griff er zum Whisky und trank einen kleinen Schluck. Dann nahm er den Notizblock und überflog, was er niedergeschrieben hatte.

Viel war es nicht, aber zumindest hatte er eine Adresse, wo er Mike Braccalante oder vielleicht eine Spur finden konnte. Das Hotel Ibn Salaah lag in der Altstadt, östlich vom berühmten Place Djemaa el Fna, dem Touristenmagnet.

Sich jetzt auf den Weg zu begeben, war heller Wahnsinn. Die Hitze lastete wie ein schweres Tuch über der Stadt, so dass man kaum atmen konnte. Er musste warten, bis sich der Tag zu Ende neigte und es kühler wurde.



4

Der Place Djemaa el Fna präsentierte sich wie ein Platz aus einem Märchen aus 1001 Nacht. Nur eins störte diese farbenprächtige, fremdländische Vision, die keine war: Die Touristen.

Überall zwischen den Händlern, die ihre Ware auf Decken und Ständen ausgebreitet hatten, wimmelte es von Männern und Frauen, die, mit Fotoapparaten und Filmkameras bewaffnet, über den Platz schwärmten.

Bount hatte Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Immer wieder wurde er von Einheimischen angehalten. Man pries ihm von kunstvoll gearbeiteten Blechtellern bis zu Gewürzen alles an. Aber auch Kinder mit großen, traurigen Augen umlagerten ihn und streckten ihre kleinen Hände hoch, um ein paar Centimes zu erbetteln.

Bount Reiniger strebte dem Ostteil des Platzes zu. Bis zur Rue Bab Ahmed konnte es nicht mehr weit sein. Kaum hatte er die erste Biegung der Gasse hinter sich gelassen, als ihn Stille umgab. Hier war vom lebhaften Treiben auf dem Platz nichts mehr zu bemerken.

Drei Männer in leinenen Kapuzenmänteln gingen ihm entgegen. Fast erschrocken blieben sie stehen, und Bount wusste, dass es wohl sehr selten war, einen Touristen in diesem Teil der Souks zu sehen.

»Rue Bab Ahmed?«, fragte er und wartete geduldig, bis einer der Männer die Richtung zeigte. Er verstand nicht, was der Berber sagte, doch seine Gesten waren klar.

Bount Reiniger setzte sich wieder in Marsch. Die Gasse endete an einer Straße, die höchstens fünf Schritte breit war und lediglich einem Auto die Durchfahrt gestattete.

Er hatte die Rue Bab Ahmed gefunden, und auch das Hotel, das er suchte, war nicht weit entfernt. Das Wort »Hotel« war etwas übertrieben. Der Empfangsraum war nicht mehr als ein großes Zimmer mit gekalkten Wänden. In einer Ecke standen vier klapprige Stühle und ein altersschwacher Tisch.

Hinter der Rezeption, die mehr einer alten Theke glich, stand ein Mann mit faltigem Gesicht. Auf dem Kopf trug er ein gestricktes Käppchen. Das Gesicht des Alten war von der Sonne gegerbt. In seinen Augen blitzte es auf, als er den gutgekleideten Mann eintreten sah. Er grinste und präsentierte dabei seinen letzten Zahnstummel.

»Bonjour, guten Tag, hallo«, sprudelte es fast schon automatisch aus ihm heraus. »Germaniko? Amerikano?«

»Ich bin Amerikaner«, erklärte Bount. »Verstehen Sie meine Sprache?«

Der Alte drehte sich um und rief etwas in den Raum, der hinter der schmierigen Rezeption lag.

Sekunden später tauchte ein junger Mann auf und lächelte Bount freundlich an.

»Guten Tag, Sir. Mein Name ist Hassan Muchtar«, sagte er in einem akzentreichen Englisch, das jedoch ziemlich gut zu verstehen war. »Was kann ich für Sie tun?« Er schaute Bount erwartungsvoll an.

»Ich suche einen Freund.« Bount Reiniger hatte das Foto gezückt und legte es auf die Rezeption. Mit dem Finger zeigte er auf Mike Braccalante. »Ist er Ihnen bekannt?«

Der Berber begutachtete das Bild.

»Kann schon sein«, sagte er vage. »In Marrakesch gibt es viele Touristen. Gäste kommen, Gäste gehen. Man kann nicht alle kennen, Sir.«

Die mehr als unbefriedigende Antwort entlockte Bount einen Stoßseufzer. Wie hatte er auch vergessen können, diese Frage mit dem entsprechenden Bakschisch zu verschönern! Ein Dirham-Schein wechselte den Besitzer, und plötzlich kehrte die Erinnerung bei dem Sohn des Hotelbesitzers zurück.

»Moment«, sagte er, griff in eine Schublade und holte ein schwarzes, abgewetztes Buch hervor. Nach einigem Blättern fand Hassan Muchtar, was er suchte. »Mister Braccalante ist vor fast zwei Jahren hier eingezogen. Eine lange Zeit, Sir!«

Bount konnte sich ausmalen, dass die weiteren Informationen noch eine Menge Geld kosten würden, wenn es so weiterging. Zum Glück verfügte er über ein Spesenkonto. Als weitere zwei Dirham über die Theke gewandert waren, kam Muchtar zur Sache.

»Mister Braccalante wohnt oben im ersten Stock im Zimmer 21, Sir«, sagte er.

»Ist er da?«

»Nein, Sir«, erwiderte der junge Mann. »Mister Braccalante ist seit über zwei Wochen nicht mehr aufgetaucht. Seine Sachen sind noch alle da, aber niemand holt sie ab. Ich wollte schon die Polizei informieren. Vielleicht ist Mister Braccalante etwas zugestoßen.«

Bount Reiniger winkte ab. »Das wird nicht nötig sein. Kann ich das Zimmer mal sehen?«

Draußen fuhr ein Wagen vor, stoppte kurz und rollte dann weiter. Bount nahm es nur beiläufig wahr. Er hatte lediglich das unangenehme Knirschen vernommen, das entsteht, wenn ein Gang eingelegt wird, ohne die Kupplung richtig durchzutreten.

Unbewusst drehte er sich um und sah die Limousine, die sofort weiterfuhr. Zwei Männer mit Sonnenbrillen saßen in dem Fahrzeug. Wenn er sich nicht getäuscht hatte, war es ein Simca gewesen.

»Na, was ist nun? Kann ich das Zimmer sehen?« Als er sich wieder Muchtar zuwandte, erschrak er.

Der Berber starrte an Bount vorbei nach draußen, wo eben der Wagen vorbeigefahren war. Unter seiner braunen Gesichtshaut war er bleich geworden. In seinen schwarzen Pupillen glitzerten Unruhe und Angst.

»Was ist los?«, fragte Bount.

Muchtar erwachte wie aus einem bösen Traum und erschrak regelrecht, als Bount ihn ansprach.

»Nein, nein, es ist nichts«, stotterte er. Mit fahrigen Fingern griff er an das Hakenbrett hinter sich und gab Bount den Schlüssel. »Zimmer 21, wie ich schon sagte.«

Bount wunderte sich. Der junge Mann war völlig verändert.

Rechterhand führte eine hölzerne Treppe in den ersten Stock. Kaum hatte Bount die ersten Stufen hinter sich gebracht, als der Berber ihn noch einmal zurückhielt.

»Bitte bleiben Sie nicht so lange in dem Zimmer, Sir«, sagte er. »Wenn Sie gehen, hängen Sie den Schlüssel wieder an den Haken. Ich muss jetzt fort und stehe leider nicht mehr zu Ihrer Verfügung, und es ist keiner im Haus, der Ihre Sprache versteht.«

Ehe Bount etwas entgegnen konnte, war er im Zimmer hinter der Rezeption verschwunden. Gedankenvoll stieg Bount in den ersten Stock. In seinem Job wurde man mit vielen Situationen konfrontiert und erwarb sich Menschenkenntnis.

Es war nicht schwer zu erraten, dass Muchtar Angst vor den Männern im Wagen gehabt hatte und sich jetzt verdrücken wollte, um ihnen zu entwischen.

Das Zimmer Braccalantes war genauso verwahrlost wie das ganze Haus. Von Wand und Decke bröselte der Kalk. Vor dem Fenster hing eine Strohmatte, die die Hitze abhalten sollte. Es war ihr nicht gelungen. Im Raum herrschte stickige Luft, die das Atmen erschwerte.

Bount Reiniger ging im Halbdunkel des Zimmers an die Arbeit. Er suchte etwas, ohne sagen zu können, was es eigentlich war.

Auf der klapprigen Liege, dessen Matratze mit einem fleckigen Laken bespannt war, lag eine graue Decke und darunter ein benutzter Schlafanzug. Im Schrank neben dem Fenster stand ein leerer Koffer. Wäsche und Kleidung befanden sich unangetastet in den Fächern.

Bount suchte alles ab, doch er fand nichts Aufschlussreiches, das ihm weitergeholfen hätte. Nachdenklich ließ er seinen Blick noch einmal durch das karge Zimmer schweifen und wollte sich eine Pall Mall anzünden. Die Zigarette entfiel ihm und rollte vor den Schrank.

Als er sie vom Fußboden aufheben wollte, sah er den kleinen Papierzipfel neben dem hölzernen Schrankfuß.

Neugierig kniete er nieder und strich mit der flachen Hand über die Unterseite des Möbelstücks. Er fühlte etwas Kühles, Glattes und zog es hervor.

Es war ein Reisepass, den man zwischen zwei Holzstücke geklemmt hatte. Er gehörte Braccalante. Auf dem Foto, das schon viele Jahre alt sein musste, war er dennoch deutlich zu erkennen.

Für Bount Reiniger stand fest, dass Mike Braccalante wirklich etwas zugestoßen sein musste. Kein Ausländer lief längere Zeit ohne Ausweis herum, schon gar nicht in einem Land wie Marokko.

Bount musste an den alten Peckinpah denken. Der kranke Mann wartete voller Hoffnung auf eine gute Nachricht. Nur das hielt ihn noch am Leben. Er versteckte den Ausweis wieder und verließ das Zimmer.

Draußen bei der Treppe vernahm er ein dumpfes Poltern. Jemand schrie unterdrückt auf, dann gab es einen Laut, als sei ein Stuhl oder ein Tisch umgestürzt.

Bount stieg die knarrende Treppe hinunter. Irgendwo jaulte ein Motor auf, und ein Wagen entfernte sich.

Wie ihm aufgetragen worden war, hängte er den Schlüssel ans Hakenbrett und wollte gehen. Das Stöhnen, das aus dem Nebenzimmer drang, stimmte ihn neugierig.

Als er hineinblickte, sah er das Chaos.

Tische und Stühle waren umgerissen worden. Kohl, Tomaten und Datteln lagen verstreut auf dem steinernen Boden. Mittendrin hockte der alte Mann und hielt seinen blutenden Sohn in den Armen.

Hassan Muchtar keuchte. Er hatte die Augen geschlossen. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, als kriege er keine Luft mehr. Aus einer Platzwunde am Kopf sickerte Blut. Sein Gesicht war von blauen Flecken und Abschürfungen übersät.

Bount Reiniger kannte diese Art »Handschrift«. Hier waren Schläger der übelsten Sorte am Werk gewesen.

Hassan Muchtar öffnete die Augen. Er sah Bount im Türrahmen stehen und versuchte, sich aufzurichten. Die Angst in seinen Augen war alles beherrschend.

»Gehen Sie!«, forderte er mit matter Stimme. »Lassen Sie uns allein!«

Bount fragte: »Was ist passiert?«

»Das geht Sie nichts an«, keuchte Muchtar. »Bitte gehen Sie!«

Der alte Mann legte seinen Sohn sanft auf den Boden und rückte auf Bount Reiniger zu. Mit kehligen Lauten schimpfte er auf ihn ein und fuchtelte mit den dürren Händen.

Reiniger verstand kein Arabisch, doch er begriff, dass er unerwünscht war. Der Alte drängte ihn aus dem Zimmer und aus dem Hotel. Selbst als sie schon auf der Straße standen, zeterte er derart laut, dass die Nachbarn aufmerksam wurden und aus den Häusern traten.

Bount zog es vor, das Weite zu suchen. Die feindlichen Blicke der Berber verhießen nichts Gutes.

Er verließ die Rue Bab Ahmed und tauchte in das Halbdunkel einer überdachten Gasse. Dann durchquerte er die Rue Douar Graoua und passierte weitere Gassen Richtung Westen, ohne anzuhalten oder sich umzudrehen.

Endlich tauchte der Place Djemaa el Fna mit seinem bunten Treiben wieder vor ihm auf. Erleichtert atmete er durch, während er sich das erste Mal umschaute.

Niemand war ihm gefolgt, glaubte er.

Als er weiterging und sich unter das Volk mischte, glitten zwei Gestalten aus dem Schutz eines Hauseinganges. Einer von ihnen war bullig, der andere hager, aber muskulös.

Beide waren europäisch gekleidet, obwohl Hautfarbe und Kopfform auf arabische Herkunft schließen ließen. Dunkle Brillen schützten ihre Augen gegen die tiefstehende Sonne.

»Ein unbequemer Bursche«, murmelte einer der beiden und kaute an einer Dattel.

»Vor allen Dingen zu neugierig«, ergänzte der andere rau. »Wir sollten dem Boss Bescheid sagen. Pass auf, dass er nicht noch mehr herumschnüffelt. Ich telefoniere mal eben kurz bei Mustafa. Verliere ihn bloß nicht aus den Augen.«

»In Ordnung«, sagte sein Kumpan. »Aber ich glaube, dass er jetzt auf direktem Weg ins Es Saadi geht.«

Der Araber blickte zum Place Djemaa el Fna hinüber, wo Reiniger bei einem Pulk Menschen, die einem Märchenerzähler lauschten, stehengeblieben war.

»Du sollst nicht glauben, Omar«, zischte der andere wütend und blickte über den Rand der Sonnenbrille. »Nachdenken wäre besser. Dieser Amerikaner könnte eine Gefahr für unseren Boss sein.«



5

Die Ermittlungen dieses Tages waren mehr als unbefriedigend gewesen. Braccalante war wie vom Erdboden verschwunden, und nur die Eintragung beim Ausländeramt und sein Pass waren Beweise dafür, dass es ihn überhaupt gab oder gegeben hatte.

Nachdenklich stand Reiniger auf dem Balkon und schaute nach Westen. Ein leichter Wind strich über die Stadt, ohne Kühle oder Linderung zu bringen.

Er überlegte, wie er am nächsten Tag weiter recherchieren sollte. Er spürte, dass die Zeit drängte, obwohl ihm Mr. Peckinpah drei Wochen genehmigt hatte.

Bount wohnte im zweiten Stock des First Class Hotels am Rand der Medina. Direkt unter ihm lag der große Swimmingpool, der von hohen Dattelpalmen und blühenden Blumenhainen umsäumt und von der Straßenseite aus nicht einsehbar war. Wohlproportionierte Girls tummelten sich im Wasser oder lagen auf bequemen Liegen und genossen die letzten Sonnenstrahlen.

Man kann nicht nur arbeiten, dachte er und beschloss, an diesem Abend nicht zu früh zu Bett zu gehen. Er brauchte ein bisschen Ablenkung.

Ein leises Klopfen verriet, dass der Etagenkellner mit seinem Essen vor der Tür stand. Bount bat ihn herein. Der junge Mann war höchstens fünfzehn Jahre alt, aber er verstand seine Sache.

»Sprichst du Englisch?«, fragte Bount.

»Ja, Sir, natürlich. Kein Problem. Achmed spricht viele Sprachen.«

Reiniger zückte seine Brieftasche und drückte dem jungen Burschen ein paar hundert Centimes in die Hand.

»Wann hast du Dienstschluss?«, fragte er, während der Kellner das Geld grinsend in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

»In einer Stunde, Sir«, erwiderte Achmed.

»Kennst du dich in Marrakesch aus?«

»Ich bin hier geboren, Sir«, entgegnete der Junge stolz. »Brauchen Sie einen Führer?«

Bount Reiniger winkte ab. »Nein, ich brauche ein paar Adressen. Wie viele Transportunternehmen gibt es in Marrakesch und Umgebung?«

Der junge Berber überlegte nur kurz. »Ich denke, so ein paar Dutzend. Sie meinen doch Speditionen, nicht wahr?«

Reiniger nickte. »Richtig! Kannst du mir die Adressen bis morgen früh besorgen?« Er winkte mit einem Dirham.

»Aber natürlich, Sir«, erwiderte der Kellner und grinste breit. »Wenn Sie noch zwei Dirham drauflegen ...«

»Du erhältst sogar drei Dirham, wenn du gute Arbeit leistest.«

»Dann haben Sie die Adressen sogar noch kurz vor Mitternacht«, versprach Achmed. Er ging, den Dirham schon in der Tasche, und er kehrte bereits wenige Stunden später wieder zurück.

Es war kurz vor Mitternacht, als er in Zivilkleidung auftauchte und Bount einen Zettel überreichte.

»Du bist schneller als ein Blitz«, lobte Bount seinen jungen Gehilfen und gab ihm die vereinbarten drei Dirham. »Ich danke dir.«

»Es sind achtzehn Speditionen, Sir«, sagte Achmed.

Bount zählte nach. Es stimmte. Morgen würde es viel Arbeit geben.

»Eine Adresse habe ich allerdings nicht aufgeschrieben«, sagte Achmed, als er schon an der Tür stand und das Zimmer gerade verlassen wollte.

»Warum nicht?«, Bount wurde hellhörig.

»Weil die Tekzini-Transportations vor einigen Wochen völlig abgebrannt sind. Der Inhaber und zwei seiner Mitarbeiter sind bei dem Feuer umgekommen. Die meisten LKWs wurden ebenfalls ein Opfer der Flammen. Wie ich hörte, wurde die Firma aufgelöst.«

In Bount rasselte eine Alarmglocke. Aus einem Instinkt heraus spürte er, dass das eine Spur war, die er verfolgen, oder zumindest untersuchen würde. Damit waren die anderen Adressen hinfällig. Jedenfalls vorläufig.

»Wo lag die Spedition?«

»An der Avenue Yacoub el Mansour, direkt an der Kreuzung des Boulevard de Sati. Jeder Taxifahrer kennt die Brandruinen«, entgegnete Achmed.

Bount entließ ihn, trat an den kleinen Sekretär, und notierte, was ihm der junge Berber über die abgebrannte Spedition gesagt hatte.

Dort würde er morgen früh zuerst anfangen, denn er ahnte, dass er an dieser Stelle fündig werden und eine Spur von Braccalante finden konnte. Zuerst galt es, die Ursache für den Brand zu erfahren und möglicherweise einen Menschen zu finden, der für die Tekzini-Transportations gearbeitet hatte und ihm Auskünfte geben konnte.

Bis zum nächsten Morgen war noch genug Zeit. Bount zog sich um und begab sich in die Bar am Swimmingpool. Dienst war Dienst und Schnaps war Schnaps.



6

Eine kalte Dusche und ein kräftiges Frühstück halfen Bount am Morgen wieder auf die Beine. Von der Rezeption aus bestellte er ein Taxi.

»Sie brauchen einen Führer, der Ihnen Marrakesch zeigt, Monsieur Reiniger?«, fragte der Portier freundlich.

»Wäre wohl nicht schlecht, wenn er sich ein bisschen auskennt«, erwiderte Bount. »Vielleicht in den nächsten Tagen. Im Moment habe ich noch etwas Geschäftliches zu tun.«

»Ganz wie Sie wünschen, Monsieur«, sagte der Portier und griff zum Telefon. »Wenn Sie wollen, können Sie schon nach draußen gehen, oder dort hinten in der Sitzecke warten. Das Taxi kommt sofort.«

Er hatte recht. Entgegen Bounts Befürchtungen, dass in diesem Teil der Welt alles etwas langsamer als gewöhnlich geht, fuhr der Wagen bereits drei Minuten später vor. Reiniger stieg in den grauen Fiat, der schon bessere Zeiten erlebt hatte.

»Wohin Sie wollen?«, radebrechte der Fahrer. Ein mächtiger Schnauzbart verzierte die Oberlippe.

»Sie sprechen Englisch?« Bount freute sich. Das erleichterte die Sache ungemein.

»Amerikanisch«, verbesserte der Taxidriver beleidigt. »Ich nix sprechen Englisch. Nur Amerikanisch. Monsieur Al Afni von Hotel mich angerufen und mir gesagt, er brauchen Fahrer, der gut sprechen kann diese Sprache. Und hier ich sein.«

»Gut, dann fahren wir mal los. Kennen Sie die ehemalige Spedition Tekzini-Transportations an der Avenue Yacoub el Mansour?«

»Ich kennen«, erklärte der Berber und legte den ersten Gang ein. Bount saß kaum, als er schon losfuhr und wie der Teufel durch die Straßen raste.

Nach wenigen Meilen waren sie am Ziel.

»Da die Trümmer.« Der Fahrer zeigte durch die Windschutzscheibe nach vorn. »Alles verbrannt.«

Von dem langgestreckten Gebäude standen nur noch die Außenmauern. Die Wände waren rußgeschwärzt. Zeugen eines verheerenden Brandes, der nichts verschont hatte. Im Hof standen verglühte LKWs.

»Da nix mehr heil«, erklärte der Berber.

»Kennen Sie jemanden, der für diese Spedition gearbeitet hat?«, fragte Bount Reiniger.

»Da drüben in Haus wohnen Jean Moussa. Er und Bruder für Firma arbeiten, bis Feuer alles zerstört. Du ihn fragen, wenn zu Hause.«

In Bount breitete sich eine undefinierbare Unruhe aus. Jetzt hing alles davon ab, ob dieser Mann oder sein Bruder Mike Braccalante kannte, oder er völlig falsch lag. »Kann der Mann mich verstehen?«

Der Taxifahrer verneinte. »Jean Moussa nur sprechen arabisch und ein wenig französisch. Er nix viel klug in Kopf. Du verstehen, Mister? Aber ich spielen Dolmetscher, wenn du wollen.«

Und ob Reiniger wollte.

Sie stiegen aus, überquerten die Straße und gingen gemeinsam auf eine Ansammlung flacher Häuser zu, deren Wände weiß gekalkt waren.

Der Berber blieb vor einer niedrigen Hütte stehen und rief Jean Moussa. Es dauerte nicht lange, und ein breitschultriger, hochgewachsener Mann erschien.

Wie der Berber schon angekündigt hatte, sah der Mann nicht gerade intelligent aus. Trotzdem hoffte Bount, etwas zu erfahren.

Als er Reiniger entdeckte, wurde sein dunkles Gesicht misstrauisch. Sehr begeistert schien er von dem unerwarteten Besuch nicht zu sein.

Er fragte den Taxifahrer etwas, das ziemlich schroff klang. Die Erwiderung war nicht wesentlich sanfter, und für einen Augenblick sah es so aus, als ob sich die beiden in die Haare geraten würden.

»Moussa sein großer Esel«, schimpfte der Berber. »Aber nun er sein bereit, zu sagen, was du wissen wollen. Er verlangen jedoch fünf Dirham.«

Bount zahlte.

»Frage ihn, ob er diesen Mann kennt.« Er hatte das Foto gezückt und hielt es Jean Moussa entgegen.

In den Augen des Mannes blitzte es auf, und sofort sprudelte ein Redeschwall über seine Lippen. Mehrmals wies er dabei auf das Bild.

Bount verstand kein Wort. Nur einmal glaubte er, den Namen John Blacksmith und Braccalante verstanden zu haben. Sein Herz vollführte einen Freudensprung. Ungeduldig wartete er, bis Moussa zu Ende geredet hatte und der Berber zu übersetzen begann.

»Ja, Jean Moussa kennt beide Männer. Sie für Achmed ben Youssef gearbeitet und Truckrouten nach Casablanca und Tanger gehabt. Vor zwei Wochen, kurz vor Brand, aber sie nach Rabat gefahren mit Tanklaster. Seitdem nix mehr gesehen von ihnen, und niemand wissen, wo sie sind.«

»War dieser Achmed ben Youssef

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Steve Mayer
Tag der Veröffentlichung: 12.07.2017
ISBN: 978-3-7438-2245-0

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