Cover

Blutstropfen #6

Schattenwald

von Rowena Crane

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 720 Taschenbuchseiten.

 

Emily ist eine Pferdenärrin. Sie liebt es, mit ihrer Stute über die Wiesen zu galoppieren. Ihre Eltern besitzen ein Gestüt, wo sie sich in regelmäßigen Abständen aufhält. Rohan Gardner ist der Besitzer eines stolzen Hengstes, den er bei Emilys Eltern unterbringt. Seine Bedingung - niemand darf das Pferd ohne seine Erlaubnis reiten. Doch Emily umgeht dieses Verbot. Bei dem Zusammentreffen mit Rohan im Reitstall spürt sie mit Erschrecken, dass er ein Vampir ist. Er registriert das mit Interesse und fragt sich, was sie für ein Wesen ist. Simon, der unbelehrbar ist und sich an den Menschen nährt, sucht ebenfalls ihre Nähe. Sie weist ihn mit deutlichen Worten ab und schafft sich so einen Feind. Wer wird sie vor ihm schützen? Und was haben Dr. Thomas Morgan und die angebliche Hexe Lavinia mit ihr zu tun?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Astrid Gavini

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Vorwort

Was hält das Leben für uns bereit?

Wer weiß das schon?

Wie viele Träume und Wünsche werden wir haben?

Wie viele werden sich erfüllen?

Wer weiß das schon?

Man möchte so vieles tun, und scheut sich doch davor.

Man träumt und hofft. Man hat Wünsche.

Aber wie viel erfüllt man sich davon?


Lass es nie zu spät werden! Sonst könntest du es bereuen.

Triff deine Entscheidung!

Mach es richtig!

Lebe dein Leben!




1. Begegnung mit Folgen

Seufzend legte Emily das Buch auf ihren Nachttisch und knipste das Licht aus. Es war bereits nach Mitternacht. Sie hatte es in nur drei Tagen durchgelesen. Es war ihr egal, ob sie wie eine Nachteule aussah, wenn sie am Morgen ins Büro kam. Sie konnte einfach nie ein Ende finden. Sie verschlang die Romane der Conny Hans, denn sie waren einfach fesselnd geschrieben. In ihnen agierten Hexen, Vampire, Elfen und andere mystische Gestalten. Emily war fasziniert von ihnen. Die Hexen hatten es ihr angetan, insbesondere die männlichen dieser Art. Aber auch die männlichen Vampire waren nicht zu verachten. Natürlich nur die Guten. Sie war eine von denen, die sich nicht nur einbildete, dass es diese Wesen gab. Emily glaubte fest an ihre Existenz. Und sie wusste seit geraumer Zeit, dass es sie wirklich gab. Zumindest die Vampire.

Emily starrte im Dunkeln an die Decke ihres Schlafzimmers. Immer wieder sah sie die Bilder von Conny und diesem Prof. Dr. Carlsen in ihrem Kopf, wie sie im Büro der Firma aufgetaucht waren. Emily hatte fast der Schlag getroffen, als sie ihre ehemalige Chefin angesehen und ihre Stimme gehört hatte. Dann hatte ihr der umwerfend gut aussehende Freund die Hand gereicht. Da war sie sich sicher. Dreihundertprozentig sicher. Vor ihr standen Vampire. Sie hatte keine Ahnung, woher diese absolute Gewissheit gekommen war. Aber sie war da. Emily hatte beide mehr oder weniger geschockt mit ihrer Erkenntnis konfrontiert. Natürlich stritten sie es vehement ab. Doch als Conny zum obersten Chef gegangen war, um mit ihm über ihre Kündigung zu sprechen, hatte dieser gut aussehende Vampir namens Roger Carlsen sich verraten. Emily hatte sich absichtlich in die Hand geschnitten. Seine Augen waren bei dem Anblick, aber wohl eher wegen dem Geruch, sofort dunkel geworden. Doch er zeigte ihr nicht seine Reißzähne. Ab diesem Moment verleugnete er seine Art nicht mehr. Ganz genau erinnerte sie sich noch an seine Worte, als sie ihm ihre verletzte Hand unter die Nase gehalten hatte. Sie hallten in ihrem Kopf wider. „Es ist ein gefährliches Spiel, was Sie hier treiben. Es sind nicht alle so zurückhalten wie ich.“ Es war eine Warnung. Und es kamen wieder die Fragen, auf denen sie keine Antwort bekam. Warum er ihr nichts getan hatte, verstand sie immer noch nicht so richtig. War er nicht hungrig gewesen? Wollte er ihr nichts tun wegen Conny? Aber sie war ja auch eine von ihnen geworden. Oder konnte er sich beherrschen und ernährte sich vielleicht von Tierblut?

Ihr ging laufend das Gespräch mit ihm durch den Kopf. Gerade wieder.

„Was wollen Sie jetzt mit diesem Wissen anfangen?“, hatte er gefragt.

„Nichts. Ich weiß es nun. Meine Frage in diese Richtung ist beantwortet’, hatte sie leichthin entgegnet. ,Dieses Wissen ist gefährlich“, warnte er sie daraufhin. Doch sie widersprach ihm. „Unsinn. Wer sollte mir gefährlich werden?“

„Sie waren bis jetzt sehr leichtsinnig. Sie haben uns gezeigt, dass Sie uns erkennen können. Das macht Sie für uns gefährlich“, war seine Erklärung und sie hatte erwidert: „Ich sag es doch keinem.“ Er hatte sie daraufhin ziemlich verärgert angesehen. „Das meine ich nicht. Falls Sie noch einmal, und sei es durch Zufall, einen von uns begegnen, und Sie zeigen es nur mit dem Wimpernschlag oder einem winzigen Gedanken an, kann das Ihr Ende sein.“

Erst da hatte sie die Erkenntnis erreicht, was er ihr zu verstehen geben wollte und war entsetzt gewesen. „Man würde mich umbringen?“

„Vielleicht nicht sofort. Aber Sie wären nirgends mehr sicher“, hatte er entgegnet. Was sie dann ganz deutlich gespürt hatte, dass er in ihren Kopf eindringen wollte. Emily hatte sofort verstanden, was er zu tun gedachte. Er wollte ihr ihre Erinnerungen an das Vorgefallene nehmen und ihr neue einpflanzen. Es war merkwürdig. Ja, schon unheimlich. Sie hatte deutlich in ihrem Kopf gehört, was er ihr zusandte und sah seine versteckte Erleichterung in seinem Gesicht. Dieser Roger war sich sicher, dass er es geschafft hatte, sie auf andere Gedanken zu bringen. Doch er hatte sich geirrt. Irgendwie hatte sich in Emily ein Schutzmechanismus aufgebaut. Er ließ es nicht zu, dass ihr die Erinnerungen geraubt wurden. Aber er musste es auch verhindert haben, dass der Vampir es nicht bemerkt hatte, dass sein Bemühen umsonst gewesen war.

Emily stöhnte auf und legte sich auf die Seite. Es war eine Sache zu wissen, dass Vampire existierten und vielleicht, nein, mit Gewissheit auch andere Wesen. Aber die Sache, dass sie sie erkennen konnte, war eine ganz andere. Sollte dieser Roger Recht haben, dann war es wirklich gefährlich für sie. Doch wie konnte sie verhindern, dass sie sich nicht verriet. Wie sollte sie ihre Gedanken soweit zurückhalten können? Das ging doch gar nicht. Immer wieder redete sie sich ein, dass es vielleicht auch nur ein Zufall war, obwohl sie es tief in ihrem Innern selbst nicht glaubte. Und das beunruhigte sie. Dann drifteten ihre Gedanken zu Cornelia ab. Emily fragte sich, was sie jetzt wohl machte. Und wo sie sein könnte. Dieser Roger war ihr Freund. Nein, verbesserte sie sich. Er war ihr Verlobter. Sie hatte an Connys Hand einen Ring entdeckt. Es war ein goldener Ring mit einem Saphir so groß wie ihre Pupille. So blau, wie ihre Augen. Ja. Ihre Augen. Sie waren von einem strahlend dunklen Blau. Seltsam, dass sie jetzt daran dachte. Die von Roger waren stahlblau. Keine roten Augen. Und sie haben beide Brötchen gegessen und Kaffee getrunken. Emily warf sich auf die andere Seite. Verflixt noch mal! Sie hatte so viele Fragen, die alle beantwortet werden könnten. Und sie wusste auch von wem.

„Cornelia Hansen. Es war nicht fair, dass ihr beide so einfach abgehauen seid. Wo steckt ihr?”, murmelte sie zum wiederholten Mal seit der Zeit. Sie boxte mit der Faust auf ihr Kopfkissen und gab einen verärgerten Ton von sich. Dann stand sie frustriert auf und trabte in die Küche. Dort holte sie sich ein Glas aus dem Schrank und ließ es halb voll Wasser laufen. Langsam trank sie es aus und stellte es in die Spüle. Emily schaute auf die Uhr und verzog das Gesicht. In weniger als fünf Stunden würde der Wecker klingeln. Und gerade der Tag sollte anstrengend werden. Auf ihrem Schreibtisch lagen mehrere Aufträge, die sie für Steffen bearbeiten musste. Überstunden waren schon vorprogrammiert. Steffen war Connys Nachfolger und nun ihr neuer Chef. Er war nicht so geduldig wie Conny und wirkte meist so unterkühlt. Er lachte selten. Dabei sah er schon mit einem Lächeln jünger und attraktiver aus. Als er von Connys Kündigung und ihrer männlichen Begleitung erfahren hatte, hatte er sich seine Jacke geschnappt und war wortlos aus dem Büro gestürmt. Emily wusste, dass er sich in Conny verguckt hatte. Sie waren manchmal ausgegangen und hatten wohl auch Sex miteinander gehabt. Steffen schien sich anscheinend Hoffnungen gemacht zu haben, die er nun endlich begraben musste. Am nächsten Tag kam er wieder pünktlich ins Büro, ohne noch ein Wort darüber zu verlieren.

„Tja, Cornelia Hansen. Du hast dem lieben Steffen wohl das Herz gebrochen”, sagte sie leise und stieß sich vom Schrank ab, an dem sie sich gelehnt hatte. Dann ging sie zurück, um noch etwas Schlaf zu finden. Doch vor der Tür blieb sie abrupt stehen. Es traf sie plötzlich wie ein Blitz. „Cornelia Hansen. Conny Hans. Cornelia, Conny. Hansen, Hans”, murmelte sie vor sich hin. „Das glaub ich jetzt nicht”, flüsterte sie. „Das ist jetzt nicht wahr Verflucht!”, schimpfte sie. „Wieso komm ich jetzt erst darauf? Das ist ihr Pseudonym. Die Frau hat es gewusst. Die ganze Zeit hat sie gewusst, dass es die gibt.” Emily schlug mit der flachen Hand auf das Türblatt. Fluchend ging sie ins Bett. Aber sie fand keinen Schlaf. Sie dachte über die Möglichkeit nach, ob Conny es wirklich gewusst hat und bewusst in ihren Romanen falsche Angaben gemacht hat. Oder ob sie erst dort, wo immer sie auch während der drei Monate gewesen war, auf sie gestoßen ist. Emily kam zu dem Schluss, dass wahrscheinlich eher Letzteres zutraf. Sie stöhnte auf, als sie auf die beleuchteten Ziffern der Weckers schaute. Noch knapp vier Stunden. Dann würde er Alarm schlagen. Sie drehte sich auf die Seite und schloss ihre Augen. Allmählich fiel sie in den Schlaf, der kurz und traumlos war.


Sarah stützte ihren Kopf, in dem sie ihr Kinn auf ihre Hand legte. Dabei stöhnte sie leise. Wieder hörte sie sich das Videoband und das Tonband an. Diese Emily hatte die halbe Nacht gelesen, nachdem sie die Wohnung betreten, sich etwas zu essen und sich bettfertig gemacht hatte.

Sie las Saphiras neuesten Roman. Schnell spulte Sarah das Band vor, bis sie wieder Emilys Stimme hörte.

„Na klasse”, brummte sie. „Die Kleine hat`s herausgefunden.” Sie war an der Stelle angelangt, wo Emily für sich herausgefunden hatte, wer Conny Hansen war. Doch das bedeutete nicht in Unruhe auszubrechen und irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Sarah war Connys beste Freundin und Ärztin gewesen, als sie noch in der Firma eine leitende Position bezogen hatte. Weil sie darauf gedrängt hatte, war Conny widerwillig zu einem längeren Kuraufenthalt nach Rumänien aufgebrochen. Dort befindet sich im Norden eine geheime Kureinrichtung, die ihr Bruder Roger leitet. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Conny musste lernen, dass die mystischen Wesen existierten, über die sie in ihren Romanen schrieb. Sie musste feststellen, dass auch sie zu dieser Welt gehörte. Aus Cornelia Hansen wurde Saphira Randall, die Sarahs Bruder heiratete und nun den Namen Saphira Carlsen trägt. Doch das wusste diese Emily ja nicht. Und das sollte sie auch nie erfahren.

Kurz nach Saphiras und Rogers Besuch in der Firma und dem gescheiterten Versuch, bei Emily die Gedanken zu manipulieren, hatte Sarah den Auftrag vom Clan nach Zustimmung des Königspaar erhalten, die Frau zu überwachen. Der Clan sorgte dafür, dass in ihrer Wohnung die entsprechende Technik eingebaut wurde. Eine winzige hochmoderne Videokamera im Flur und im Wohnzimmer, sowie Wanzen in allen Räumen, außer im Bad und im Schlafzimmer. Auch in ihrem Büro wurde derartiges Material verwendet.

An den Wochenenden, wenn Sarah mal wegfuhr, waren Leute vom Bereitschaftstrupp für die Überwachung zuständig. Saphira erkundigte sich in regelmäßigen Abständen, ob alles in Ordnung war und ob es Neuigkeiten gab.

Sarah schaltete nun die Geräte ab und legte sich zur Ruhe.


Am Wochenende traf sich Emily mit ihrer Freundin Francine. Sie war ebenso eine Leseratte wie Emily, jedoch las sie mehr Utopisches. Sie glaubte, dass die Menschen nicht die einzigen intelligenten Lebewesen im Weltall sind. Sie beide trafen sich ab und zu. Manchmal nahm Emily sie mit zu ihren Eltern, die ein Gestüt unweit von München besaßen und dort Pferde der Rasse Bayrisches Warmblut züchteten. Oder sie gingen aus und amüsierten sich. Beide waren sie fast gleichalt. Emily war mit ihren siebenundzwanzig ein halbes Jahr jünger als Francine. Doch beide hatten noch keine feste Beziehung.

Emily und Francine trafen sich in einem Restaurant und aßen dort, bevor sie in den Club wollten. Emily hatte sich überreden lassen, obwohl sie gar keine Lust hatte. Die Woche war ziemlich anstrengend gewesen. Doch Francine meinte, dass es sie ablenken und die Lust dazu noch kommen würde. Aber sie kam nicht. Emily drehte das Glas in ihren Händen und schaute kurz zur Tanzfläche. Ihre Freundin tanzte wieder einmal. Sie hatte kaum eine Runde ausgelassen. Sie amüsierte sich. Schließlich war sie ja auch aus diesem Grund hier. Emily ließ einfach so ihren Blick zu den Tischen schweifen und besah sich desinteressiert die anderen Leute.

„War wohl doch keine so gute Idee, was?”, meinte Francine, als sie sich zu Emily setzte und ihr Glas leerte, in dem sich ein Longdrink befunden hatte, wo das Eis mittlerweile geschmolzen war. „Ist doch egal. Ich hätte sonst auf der Couch gegluckt und mich durch das Programm gezappt”, entgegnete Emily und winkte ab.

„Tanz doch mal! Vielleicht kommst du doch noch auf den Geschmack”, versuchte Francine sie zu überreden.

„Ja, vielleicht. Ich überleg es mir noch”, erwiderte sie und schaute zur Tanzfläche, wo sich mehrere Paare im Rhythmus, oder auch nicht, nach einem schnellen Song bewegten. Sie registrierte dabei, dass ihre Freundin mit einem gut aussehenden Mann wieder der Tanzfläche zustrebte. Er hatte sie bereits mehrmals aufgefordert, und er schien ihr zu gefallen. Emily beobachtete die beiden. Als sie den Mann nun gründlicher im Augenschein nahm, bemerkte sie, dass sich bei ihr ein merkwürdiges Kribbeln einstellte. Es war das gleiche Gefühl, wie damals, als Conny und ihr Freund im Büro aufgetaucht waren. Schnell sah sie weg und trank einen Schluck. Das kann doch nicht wahr sein. Das ist ein V... Sie versuchte, nicht an dieses Wort zu denken. Leise summte sie die Melodie des Songs mit, um ihre Gedanken auf eine andere Bahn zu lenken. Als sie sich wieder beruhigt hatte, warf sie einen Blick zur Tanzfläche und suchte ihre Freundin. Doch die war nicht mehr da. Vielleicht ist sie auf Toilette gegangen, dachte sich Emily und machte sich noch keine großen Sorgen. Aber als sie auch nach zehn Minuten nicht wieder auftauchte, stand Emily auf und schaute sich im Club unter den Gästen um. Sie suchte sie sogar auf der Toilette. Francine war nicht aufzufinden. Das hatte sie noch nie fertiggebracht. Wenn sie ohne sich zu verabschieden den Club verlassen hat, dann könnte sie sich noch was anhören. Emily ging zu ihrem Tisch zurück und sah mit Verärgerung, dass die verloren Geglaubte dort saß und gedankenverloren in ihr Glas schaute. „Sag mal, wo hast du gesteckt? Ich suche dich jetzt schon über eine halbe Stunde.” Francine warf ihr einen trägen Blick zu, der bei Emily sofort dafür sorgte, dass die Alarmglocken läuteten. Sie setzte sich und sah ihre Freundin prüfend an, als die sagte: „Wieso? Ich hab doch bis eben mit dem blonden Typen getanzt.”

Emily wusste es besser und schwieg. Der letzte Typ, mit dem sie getanzt hatte, war nicht blond, sondern dunkelhaarig gewesen. „Du siehst müde aus”, sagte sie stattdessen zu ihr. Sie sah nicht nur müde aus. Sie war auch ziemlich blass. Emily versuchte verräterische Spuren an ihrem Hals zu entdecken, fand aber keine.

„Ja. Ich bin auf einmal wie erschlagen. Versteh ich nicht”, erwiderte sie schleppend.

Ich schon, dachte Emily. „Wollen wir abhauen?”

„Gute Idee”, antwortete sie und stand auf. Das tat sie ziemlich langsam und schwankte leicht. Wenn sie einer beobachten würde, dachte der garantiert, dass sie zu viel getrunken hatte. Emily war sofort bei ihr und sah sie besorgt an. „Alles okay?”

„Weiß nicht genau”, murmelte sie. Emily nahm ihre Jacken und sie verließen den Club. Das Taxi fuhr sie zu Emilys Wohnung. Sie wollte ihre Freundin in diesem Zustand nicht allein lassen. Außerdem hatte sie vor, sich die Bestätigung zu holen, ob ein Vampir sich an Francine genährt hatte. Zuerst gab sie ihr etwas zu trinken. Während sie fast auf dem Sessel einschlief, funktionierte Emily ihre Couch zu einem Bett um. Sehr umständlich befreite sich Francine von ihrer Jeans und dem Shirt. Nur mit BH und Slip bekleidet krabbelte sie auf das gemachte Bett und ließ sich stöhnend auf den Rücken fallen. Sie machte ihre Augen zu und war sofort eingeschlafen. Kopfschüttelnd sah Emily auf sie herab.

„Dieser Schweinehund. Wer weiß, wie viel Blut er ihr geklaut hat. Hoffentlich nicht zu viel”, brummte sie wütend. Dann suchte sie nach dem Biss. Sie war immer noch der Meinung, dass es zwei kleine, dicht nebeneinander liegende Einstiche sein mussten. Doch die fand sie nicht. Dafür entdeckte sie einen sichelförmigen Halbkreis am Handgelenk. Er war noch dunkelrot.

„Hm. Keine Reißzähne. Aber damit hat er sich begnügt?”, murmelte Emily ungläubig und suchte weiter. Sie wurde fündig. Entsetzt schaute sie auf die Stelle an der rechten Leiste.

„Oh, mein Gott!”, hauchte sie. „Der wird sie doch wohl nicht ...“ Sie wollte diesen Gedanken nicht zu Ende denken. Francine schlief tief und fest. Emily war selbst geschafft und wollte endlich ins Bett.


Sarah prüfte wieder die Bänder. Sie hatte von dem Informanten einen Bericht erhalten, der sie beunruhigt hat. Ein Unsterblicher war ebenfalls in dem Club gewesen, den auch Emily besucht hatte. Ihr Informant hatte sie genau beobachtet und ihre Gedanken gelesen. Sie hatte gespürt, dass er ein Unsterblicher war. Wenn er auf sie geachtet hätte, wäre ihm nicht entgangen, dass sie ihn enttarnt hatte. Das Ärgerliche daran war, dass er gerade ihre Freundin gewählt hatte und nicht eine andere Frau. Besser wäre es gewesen, wenn er sich einen anderen Club ausgesucht hätte. Schließlich gab es ja in München nicht nur diesen einen. Der Informant berichtete auch, dass er ein Neuer sein musste. Er war ihm nicht bekannt und vermutete, dass er nur auf der Durchreise war. Sarah sah sich das Video an und musste feststellen, dass die Freundin sehr blass und ziemlich fertig aussah. „Da hat wohl einer etwas zu viel getrunken”, murmelte sie. Dann hörte sie das Band ab. Sie runzelte die Stirn, als sie Emilys Monolog hörte.

„Super! So kann man auch zu neuen Erkenntnissen kommen”, brummte Sarah ärgerlich. „Hoffentlich war das eine einmalige Sache. Hab schon genug mit diesen Bändern zu tun.”


Francine schlief bis in den späten Vormittag hinein. Emily ließ sie. Als sie sich endlich von der Couch gerollt hatte, kam Emily aus der Küche und wollte gerade nach ihr sehen. „Wie geht's dir?”, fragte sie und beobachtete sie kritisch.

„Als ob ich gegen einen Bus gelaufen wäre. Aber ich hab doch kaum was getrunken”, krächzte sie. „Ich muss mal ins Bad”, verkündete sie dann.

„Ich hab dir Handtücher hingelegt. Kannst duschen. Ich leih dir Sachen von mir”, sagte Emily.

„Oh, danke!”, murmelte sie und schlich ins Bad.

Als Francine endlich fertig angezogen in der Küche erschien, sah sie immer noch ziemlich blass aus. Sie ließ sich auf den Stuhl fallen und trank schweigend von dem Kaffee, den Emily ihr hingestellt hatte.

„Du solltest heute viel trinken und genug essen”, sagte Emily in das Schweigen hinein.

„Hm. Ich hab auch Hunger. Gehen wir was essen?”, fragte Francine und strich sich die Haare aus dem Gesicht.

„Ich kann uns was machen. Ich hab alles da”, schlug Emily vor. Sie hatte keine Lust, aus dem Haus zu gehen.

„Krieg ich dir das ausgeredet?“ Francine sah ihre Freundin prüfend an und kannte bereits die Antwort.

„Nein.“

„Dachte ich mir schon“, seufzte sie.

Emily bereitete Folienkartoffeln vor und holte dann die Steaks aus dem Kühlschrank. Das Essen war schnell gemacht, und sie stellte es auf den Tisch.

„Du bist immer so praktisch”, meinte Francine, die ihre Freundin bei der Zubereitung beobachtet hatte. Sie selbst hatte nämlich mit dem Kochen nicht viel am Hut.

„Mir macht es Spaß”, entgegnete Emily und zuckte mit der Achsel. „Was macht daran Spaß? Wenn ich schon an den ganzen Abwasch denke, der da folgt”, stöhnte Francine. Emily lachte. „Das ist nun mal ein notwendiges Übel. Aber nicht schlimm. Hab doch `ne Spülmaschine.“

Als sie gemeinsam aßen, stellte Francine ihre Frage, die sie beschäftigte, seit sie aufgewacht war.

„Hab ich wirklich so viel getrunken, dass es mir heute so dreckig geht?“

Emily sah sie nachdenklich an. Was sollte sie ihr antworten? Sie entschied sich für die Wahrheit.

„Nein. Nicht mehr wie ich.“

„Und wie viel hast du?“, fragte sie.

„Drei Longdrinks.“

„Mehr nicht?“ Sie war erstaunt.

„Nee, mehr nicht“, antwortete Emily. „Wir waren auch nur ein paar Stunden dort. Vielleicht steckte dir was in den Knochen.“

„Hm. Vielleicht“, entgegnete sie, glaubte es aber nicht richtig.

„Kannst du dich noch an den Typen erinnern, mit dem du laufend getanzt hast?“, fragte Emily wie nebenbei. „Warum fragst du?“, wollte Francine wissen und grinste.

„Nur so“, erwiderte Emily.

„Nicht so richtig. Interessiert er dich?“, fragte sie immer noch grinsend.

„Nein. Ich dachte, dass du ihn schnucklig fandst“, meinte Emily und schmunzelte, obwohl ihr nicht danach war. Sie beabsichtigte, sich langsam mit ihren Fragen vorzuarbeiten, um zu erfahren, ob Francine vielleicht doch noch Erinnerungen an den Vampir hatte.

„Wen?“ Francine sah ihre Freundin hilflos an.

„Na, den dunkelhaarigen Typen.“

Francine dachte nach.

„Dunkelhaariger Typ? Kann mich nicht erinnern. Hab doch mit dem Blonden paarmal getanzt. Der war nicht übel.“

„Der war blond? Ich hab`s wohl schon mit den Augen. Ist ja auch egal. Geht es dir schon besser?“, lenkte sie vom Thema ab. Der hat also ganze Arbeit geleistet, dachte sie verbittert.

„Ja. Dank deiner Fürsorge“, antwortete Francine und lächelte schief.

Am Nachmittag fuhr sie zu sich nach Hause und Emily räumte auf. Später telefonierte sie noch mit ihren Eltern, die ihr von einem neuen Untermieter in einer der Boxen im Stall berichteten. Das interessierte sie brennend und fragte, was es für ein Pferd war. Als sie hörte, dass es ein Hannoveraner Hengst war, wäre sie am liebsten sofort ins Auto gesprungen und zu ihren Eltern gefahren. Doch sie musste sich gedulden. Emily teilte ihren Eltern mit, dass sie am nächsten Wochenende vorbeikommen würde. Ihr Vater lachte auf dem anderen Ende der Leitung. Er wusste, dass seine Tochter es sich nicht nehmen lassen wollte, sich dieses stolze Tier anzusehen.



2. Black Dancer

Emily fuhr noch am Freitagabend zu ihren Eltern. Sie parkte den Wagen neben dem ihres Vaters und lief ins Haus, um ihre Eltern zu begrüßen.

„Wo ist er?“, fragte sie aufgeregt.

„He, Miss Ungeduld. Kannst du nicht bis morgen warten?“, erwiderte ihr Vater lachend.

„Papa. Nein“, rief sie mit einer Mischung aus Entrüstung und Ungeduld.

„Dritte Box links. Sei vorsichtig! Er ist ziemlich temperamentvoll“, warnte ihr Vater sie.

„Bin ich doch immer“, sagte sie und verließ das Zimmer. Sie lief schnell die Treppen hoch in ihr kleines Reich, dass die Eltern für sie immer noch bereithielten. Dort zog sie sich um und begab sich eilig zu dem Stall, in dem auch die Gastpferde untergebracht waren. Dann stand sie vor der Box und las den Namen des Pferdes, das sie so brennend interessierte. „Black Dancer“, murmelte sie und schaute dann auf das Tier. Beide sahen sich für eine Weile in die Augen und musterten sich. Black Dancer machte auf sie einen intelligenten Eindruck. Emilys Blick glitt über den Körper des schwarzen Hengstes. Sein Fell glänzte und zeugte von einer guten Pflege. Die Muskulatur war hervorragend ausgeprägt. Es war ein edles und stolzes Tier, für das der Besitzer auch einen stolzen Preis bezahlt haben musste. Der Hengst schnaufte leise und zog somit wieder ihre Aufmerksamkeit auf sich.

„Hallo, mein Schöner“, sagte sie leise und sah erneut in seine dunklen Augen. Er schnaufte wieder. Dabei hob und senkte er seinen Kopf, als würde er sie begrüßen.

„Ich bin Emily. Du hast einen schönen Namen. Black Dancer. Wir werden bestimmt Freunde werden“, sprach sie im ruhigen Ton zu ihm. Vorsichtig hob sie ihre Hand und hielt sie ans Gitter, damit er ihren Geruch aufnehmen konnte. Seine Nüstern blähten sich auf und dann senkte er seinen Kopf. Es war, als würde er ihr nun gestatten ihn zu berühren. Emily schob ihre Hand durch das Gitter und legte sie zwischen seine Ohren. Langsam ließ sie sie bis zu seinen Nüstern gleiten, die er wieder aufblähte. Der Hengst ruckte leicht mit seinem Schädel, als würde er ihr sagen wollen, dass sie ihn weiter streicheln sollte. Was sie dann auch lächelnd tat. Dabei redete sie leise auf ihn ein. Nach einer Stunde verließ sie den Stall und lief fröhlich zum Wohnhaus ihrer Eltern. Es war bereits alles dunkel. Ihre Eltern waren schlafen gegangen. Und das tat Emily nun auch.

Am nächsten Morgen hielt sie nichts mehr im Bett. Als ihre Eltern in der Küche erschienen, saß Emily bereits am gedeckten Frühstückstisch. Sie begrüßte ihre Eltern mit einem Kuss auf ihren Wangen und setzte sich wieder.

„Der Hengst ist ein schönes Tier. Da hat jemand für ihn ziemlich tief in die Tasche gegriffen. Ist er uns bekannt?“, fragte sie neugierig.

„Nein. Der Besitzer ist erst vor kurzem nach München gezogen. Er hat den Vertrag für ein Jahr unterschrieben.“

„Gab es Bedingungen?“

„Ja. Nur eine Person darf ihn ausführen und betreuen.“

„Wie soll das denn gehen? Schließlich muss der ja auch mal frei haben“, entgegnete Emily entrüstet.

„Dafür ist gesorgt, mein Schatz“, erwiderte ihr Vater mit einem amüsierten Lächeln.

„Darf man erfahren, was das für ein Mensch ist, der so ein Pferd besitzt?“

„Er ist sehr höflich und wirkte anständig. Er hatte selbst das Pferd in die Box geleitet und war erst nach einer Stunde gegangen. Und er hat bereits den ganzen Betrag für das Jahr im Voraus überwiesen“, informierte ihre Mutter sie.

„Wow! Der scheint wohl steinreich zu sein“, platzte es aus Emily heraus.

„Vielleicht. Aber er liebt dieses Pferd. Und nur das ist uns wichtig“, erwiderte ihre Mutter.

„Klar. Weiß ich doch. Kann man seinen Namen erfahren?“ Emily sah sie auffordernd an.

„Natürlich. Rohan Gardner“, verriet es ihre Mutter.

„Interessanter Name“, murmelte Emily. „Wisst ihr, wann dieser Herr Gardner wieder hier auftaucht?“

„Emily! Du darfst ihn nicht reiten. Keiner darf das.“ Ihr Vater kannte sie wirklich sehr gut.

„Will ich auch nicht. Das mache ich später mit Serina. Ich wollte ihn nur ausführen, falls er heute nicht kommt“, erwiderte sie. „Das ist Tom`s Aufgabe“, sagte ihr Vater in einem unmissverständlichen Ton.

„Papa. Tom kann doch in der Nähe bleiben“, schlug sie im bittenden Ton vor.

„Dann tu es. Herr Gardner hat sich für Morgen angekündigt. Aber geh vorher zu Tom! Ich will keinen Ärger. Und geh es ruhig an! Der Hengst hat Temperament“, wies ihr Vater sie an.

„Versprochen, Paps“, rief sie erfreut und sprang auf, um ihren Eltern noch einen Kuss auf die Wange zu drücken. Dann verließ sie im Laufschritt die Küche.

Schnell hatte Emily ihre Reitstiefel angezogen und den Rest. Dann lief sie zum Stall und suchte Tom. Sie fand ihn bei einer der hinteren Boxen.

„Hallo, Tom“, grüßte sie.

„Oh, Emily! Hallo! Willst du mit Serina ausreiten? Ich helfe dir beim Satteln“, sagte er. Emily mochte ihn. Er war immer nett und hilfsbereit. Tom arbeitete schon viele Jahre auf diesem Gestüt für ihre Eltern. Sie war noch ein kleines Kind gewesen, da war er schon hier.

„Nein, danke. Ich reite später mit ihr aus. Ich will Black Dancer ausführen“, teilte sie ihm mit.

„Was? Den Neuen? Tut mir leid, Emily. Aber da gibt es so eine Klausel im Vertrag ...“

„Ich weiß. Papa hat es mir erzählt. Ich darf, wenn du in der Nähe bleibst“, informierte sie ihn.

„Na, wenn das mal gutgeht. Der Besitzer ist ziemlich eigen. Er machte auf mich einen sehr unnachgiebigen und konsequenten Eindruck“, gab er zu bedenken.

„Wird schon. Papa sagt, dass er erst morgen kommen will“, erwiderte sie.

„Denk daran! Der Rappe hat ein anderes Temperament“, warnte Tom sie. Aber er kannte Emily. Eigentlich brauchte er sich nicht um sie sorgen. Sie war mit Pferden groß geworden. Es machte ihm mehr Sorgen, dass auf einmal der Besitzer unverhofft auftauchen würde.

„Hm. Ich weiß. Ich werde vorsichtig sein“, versprach sie auch ihm.

Emily ließ sich von Tom das Halfter und das Führseil geben und ging zu der Box, in der Black Dancer ruhig stand. Er schnaubte leise und bewegte seinen Kopf auf und nieder, als würde er sie begrüßen.

„Hallo, mein Schöner! Was hältst du davon, wenn wir beide etwas an die frische Luft gehen.” Er schnaubte erneut und schwenkte seinen Kopf. Emily legte wieder ihre Hand auf die Stirn des Pferdes und redete auf ihn ein. Als sie meinte, dass er soweit war, schob sie langsam das Gitter zur Seite und näherte sich dem Hengst. Er stand immer noch ganz ruhig da. Tom beobachtete alles genau, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Emily redete weiter ruhig und leise mit dem Tier. Dabei hauchte sie ihm mehrmals an seine Nüstern, wobei er ganz still hielt. Der Hengst bewegte nur aufmerksam seine Ohren. Sie streichelte ihn am Hals und legte ihm gelassen das Halfter an. Dann befestigte sie das Führseil. Ohne Zwischenfälle ließ sich Black Dancer zum Platz führen. Sofort wurden sie von neugierigen Blicken begleitet.

„Du bist hier ein Star. Sieh, wie sie dich alle neugierig ansehen und bestaunen”, sagte sie zu dem Hengst. Zuerst gingen sie nur langsam im Schritt. Doch dann ließ Emily ihn neben sich schneller laufen, so dass der Hengst ins Traben fiel.

Es machte sie glücklich, dass sie dieses Pferd neben sich hatte. Und sie würde ihn auch reiten. Das schwor sie sich.


Rohan Gardner war an dem Samstag selbst schon früh auf den Beinen. Da er nichts Besonderes vorhatte, setzte er sich in seinen Sportwagen und fuhr zum Gestüt. Er dachte sich, dass es Black Dancer gefallen würde, an zwei Tagen ausreichend Bewegung zu bekommen. Routinemäßig beobachtete er auch heute seine Umgebung, als er aus seinem Wagen stieg. Dass er einen schwarzen Porsche fuhr, war in dieser Gegend nichts Ungewöhnliches. Ihm fiel auf, dass nicht wenige von den Anwesenden zu der Führanlage schauten, die sich im Freien befand. Mit seinen scharfen Augen erkannte Rohan, dass es sein Pferd war, das dort am Seil geführt wurde. Zorn stieg in ihm hoch, als er erkannte, dass eine junge Frau das Seil hielt und nicht der ihm zugeteilte Pfleger Tom. Er begann bereits mit der Überlegung, den Vertrag zu stornieren und sich ein anderes Gestüt zu suchen. Doch dieses hier war ihm wärmstens empfohlen worden. Alles war erstklassig. Und es grenzte hier ein riesiges Gelände von über fünfzig Hektar an, wo man ausreiten und die Natur auch querfeldein genießen konnte. Rohan knurrte verärgert. Er sollte sofort gehen und sich beschweren. Doch dann hörte er Gesprächsfetzen von den Personen, die die Frau und das Pferd beobachteten. Das veranlasste ihn, genauer hinzuhören. Rohan stellte sich an die alte Buche und beobachtete gleichzeitig mit den anderen die beiden.

„Das ist ein rassiges Pferd. Sieh dir sein Muskelspiel an!“

„Es ist ein Hannoveraner Hengst. Einfach toll, wie der trabt.“

„Die junge Rathmann hat das Tier gut im Griff. Alle Achtung!“

Rohan musste zugeben, dass es ihn erstaunte, dass Black Dancer sich so widerstandslos von der jungen Frau führen ließ. Er war von ihm so erzogen worden, dass er nicht jeden an sich heran ließ. Sie musste etwas an sich haben, dass er es ihr erlaubte. Nun beobachtete er, dass sie mit ihm stehen blieb. Sie streichelte den Hals des Tieres. Black Dancer neigte seinen Kopf zu ihr und rieb ihn an ihrer Schulter. Rohan runzelte die Stirn, als er das sah. Das war eindeutig ein Vertrauensbeweis.

Er hörte, wie sie leise lachte und sagte: „Du bist mir schon einer. Aber du sollst deine Streicheleinheiten bekommen. Immer, wenn ich hier bin. Das verspreche ich dir.“ So standen sie noch eine Weile und der Hengst genoss ihre Fürsorge. Rohan schüttelte den Kopf. Er zollte der Frau Achtung. Aber trotzdem hatte man hier die Vereinbarung nicht eingehalten. Während Emily sein Pferd zurück in den Stall führte, ging er zu dem Eigentümer und Leiter der Einrichtung. Der sah ihn stirnrunzelnd an und ahnte Schlimmes.

„Oh! Guten Tag, Herr Gardner. Wir haben Sie erst morgen erwartet“, begrüßte Emilys Vater ihn freundlich.

Das nenn ich Timing, stöhnte er innerlich, was Rohan hörte. „Guten Tag. Das habe ich bemerkt. Und ich muss Ihnen sagen, dass es mir sehr missfällt, dass unsere Abmachung nicht eingehalten worden ist“, sagte er im harten Ton. Emilys Vater verfluchte sich gerade selbst, dass er nachgegeben hatte.

„Ich bitte vielmals um Entschuldigung. Ich weiß, es war nicht richtig. Aber meine Tochter Emily ist ganz vernarrt in Black Dancer“, begann er das Ganze zu begründen.

„Das gibt ihr aber nicht das Recht, gegen meinen Willen zu verstoßen“, entgegnete Rohan scharf.

„Sicher nicht. Aber es ist Wochenende. Da ist nicht das ganze Personal da. Und seien Sie versichert, meine Tochter ist eine ausgezeichnete Pferdeflüsterin. Sie ist mit diesen Tieren groß geworden und weiß mit ihnen umzugehen“, versuchte Herr Rathmann ihn zu besänftigen. Es wäre schade, wenn der Kunde seinen Vertrag wegen dieser Sache zurückziehen würde. Das Gestüt war zwar nicht auf das Geld angewiesen, aber vielleicht würde sein Image angekratzt werden. So etwas war nie gut. Und das nur, weil er Emily ihren Wunsch erfüllt hatte.

Rohan vernahm jeden einzelnen seiner Gedanken und musterte ihn. Er schien seine Tochter sehr zu lieben.

„Das habe ich schon beobachtet“, sagte er daraufhin. „Darf ich fragen, wie viele Töchter Sie noch haben, die sich in mein Pferd verlieben könnten?“ Es sollte ironisch klingen, aber irgendwie hatte er nicht ganz den Ton getroffen.

„Emily ist unser einziges Kind“, antwortete der Vater mit Stolz in der Stimme. Rohan rang sich zu einem Entschluss durch und teilte es ihm mit.

„Gut. Ich erwarte, dass es zu keinen weiteren Überraschungen kommt. Wenn die junge Dame während meiner Abwesenheit Black Dancer betreuen möchte, werde ich es hiermit gestatten. Doch das Reiten soll sie unterlassen. Das ist nur mir vorbehalten.“

Herr Rathmann seufzte. „Wollen Sie ihr das nicht selbst sagen? Sie hat einen ziemlich starken Willen.“

„Nein“, stieß Rohan hervor. „Das ist Ihre Aufgabe. Sie ist Ihre Tochter. Nicht meine.”

„Haben Sie Kinder, Herr Gardner?”, fragte Emilys Vater und sah ihn forschend an. Rohan wusste genau, was er mit dieser Frage bezweckte. Doch er ließ sich davon nicht beeinflussen.

„Nein. Aber ich denke, das tut nichts zur Sache. Es geht mir auch um die Sicherheit Ihrer Tochter. Black Dancer akzeptiert nicht jeden Reiter“, gab er ihm zu verstehen.

„Sie kennen meine Tochter nicht. Es gibt kein Pferd, dass sie nicht um ihren Finger wickelt“, murmelte Herr Rathmann.

„Da stimme ich Ihnen zu. Ich kenne sie nicht. Doch wie gesagt. Keine Reitstunden. Ich werde jetzt und morgen mit Black Dancer ausreiten.“ Damit war für Rohan das Gespräch beendet. „Ich denke, dass nun alles geklärt ist“, meinte er noch. Herr Rathmann nickte und sah ihm ausdruckslos hinterher. Er hoffte, dass seine Tochter in diesem Punkt einsichtig sein würde. Schließlich ging es hier um das Vertrauen eines Kunden und um das Ansehen des Gestüts.

Als Rohan dem Stall zustrebte, sah er, wie Emily ihre Stute herausführte und aufsaß. Sie wollte ausreiten. Rohan musste zugeben, dass sie eine gute Figur machte. Tom stand am Tor und sah ihr hinterher.

„Guten Tag“, grüßte Rohan.

„Ähm. Tag“, erwiderte Tom und sah ihn mit unverhohlener Überraschung an. Ob der das mitgekriegt hat, dass Emmy mit seinem Hengst draußen war?, dachte er besorgt.

„Die junge Dame hat sich bereits um Black Dancer gekümmert, wie ich es beobachten konnte. Da mir ihr Vater versichert hat, dass sie gut mit Pferden umgehen kann, werde ich es ihr weiterhin gestatten. Jedoch das Aufsitzen und Ausreiten wird nicht genehmigt“, gab er Tom zu verstehen, der erleichtert ausatmete, als er das hörte.

„Hab verstanden“, murmelte Tom.

„Gut. Ich werde mein Pferd jetzt satteln und mit ihm ausreiten“, verkündete Rohan.

„Ich hole Ihr Zeug“, erwiderte Tom dienstbeflissen und ging. Schnell war er zurück und Rohan nahm ihm alles ab. „Den Rest mache ich selbst. Danke. Ich werde eine Weile weg sein und werde Black Dancer nach unserem Ausritt selbst versorgen“, teilte er Tom mit. Der nickte und wünschte ihm noch viel Spaß, bevor er wieder seiner Arbeit nachging.

Rohan hatte Black Dancer schnell gesattelt und führte ihn aus dem Stall. Dann saß er auch schon auf und lenkte den Hengst vom Gestüt weg. Er spürte dabei die Blicke, die ihnen folgten. Und er hörte die Gedanken, vor die er sich schnell verschloss. Es waren immer die gleichen.

Rohan ritt nun über das weitläufige Gelände. Hier spornte er den Hengst zum Galopp an und fegte mit ihm über die noch grünen Flächen. Emily entdeckte ihn durch Zufall. Sie hatte eine Pause eingelegt und ließ ihre Stute traben. Danach wollte sie noch zu dem kleinen See, der sich in der Nähe befand. Emily beobachtete, wie der Reiter mit dem schwarzen Hengst über das Gelände galoppierte. Es war ein beeindruckendes Bild. Der Reiter und sein Pferd waren aufeinander abgestimmt. Sie schienen eins zu sein.

Das muss der Gardner sein, dachte sie nicht gerade positiv überrascht. Der wollte doch erst morgen kommen.

Ihr kamen nun Bedenken. Hoffentlich hatte er es nicht mitbekommen, dass sie sein Pferd am Führseil gehabt hatte. Ihr Vater würde garantiert Ärger bekommen. Das hatte sie natürlich nicht gewollt.

Emily schwang sich wieder auf ihr Pferd und galoppierte zum See. Dort ließ sie Serina grasen und hockte sich selbst am Ufer hin. Sie schaute einfach nur auf den See. Es war Ende Oktober. Die Sonne hatte nicht mehr den hohen Stand am Himmel wie im Sommer. Trotzdem hatte sie noch Kraft und wärmte Emilys Gesicht. Sie blinzelte, weil das Glitzern der Strahlen auf dem Wasser ihre Augen blendete. Emily kniff sie so zusammen, dass das Bild vor ihr verschwamm und es nun wie ein goldener Teppich aussah. Doch dann suchte sie nach einem flachen Stein im Sand und fand auch einen geeigneten. Danach richtete sie sich auf und ließ ihn mehrmals über das Wasser springen. Zufrieden schmunzelnd, dass es ihr immer noch auf Anhieb gelang, wandte sie sich zu ihrer Stute.

„Komm, meine Schöne. Wir reiten zurück.“

Emily saß auf und machte sich auf den Rückweg. Dabei bemerkte sie nicht, dass sie beobachtet wurde. Rohan hatte sie entdeckt, als er auf der anderen Seite des kleinen Sees zwischen den Bäumen hindurch geritten war. Er hatte Black Dancer gezügelt und spähte zu ihr hinüber. Wieder musste er zugeben, dass sie eine besondere Beziehung zu den Pferden zu haben schien. Ihre ganze Haltung und der Umgang wiesen darauf hin. Rohan hatte schon sehr, sehr lange mit Pferden zu tun. Sie waren sein spezielles Hobby. Er erkannte Profis auf diesem Gebiet mit Sicherheit. Und in seinen Augen war sie ein Profi. Wer Black Dancer um den Finger wickeln konnte, war es auf jeden Fall. Doch hatte er nicht die Absicht, sich dieser Frau zu nähern. Er sah dafür keinen Grund.

Emily brachte Serina in den Stall und versorgte sie. Sie stellte fest, dass Black Dancer noch nicht zurück war und ging zu ihren Eltern. Ihr Vater wartete bereits auf sie.

„Ich hoffe, dass du meinetwegen keinen Ärger bekommen hast, Paps“, sagte sie bedrückt, als sie in sein Gesicht sah.

„Es war nicht so schlimm, wie ich es erwartet hatte. Er hatte dich beobachtet, wie du sein Pferd geführt hattest. Es schien auf ihn einen guten Eindruck gemacht zu haben. Er gestattet es dir weiterhin. Du darfst ihn aber nicht reiten. Diese Bedingung bleibt. Und ich verlange, dass du dich daran hältst“, erwiderte ihr Vater streng.

„Das ist nicht gerecht. Warum?“, schmollte sie.

„Emily, sei vernünftig! Ich möchte ihn nicht als Kunde verlieren. Das könnte unserem Ansehen schaden. Du weißt, dass wir ein renommiertes Unternehmen mit einem sehr guten Ruf sind. Ich will nicht, dass dieser auf irgendeine Art angekratzt wird“, ermahnte er seine Tochter.

„Ja. Ich versteh schon. Trotzdem. Ich darf ihn streicheln, aber ausreiten darf ich mit ihm nicht“, murrte sie ärgerlich.

„Emily. Bitte.“ Ihr Vater sah sie eindringlich an. Er kannte seine Tochter nur zu gut. Sie würde einen Weg finden, wenn sie es wollte.

Emily seufzte. „Ich werde mich zurückhalten“, versprach sie, obwohl es sie wurmte.

„Braves Mädchen.“ Ihr Vater lächelte erleichtert.

Nach dem Essen ging Emily noch einmal in den Stall, um nach ihrem Pferd Serina zu sehen. Als sie an Black Dancers Box vorbeikam, stellte sie fest, dass er immer noch draußen war. Dann streifte sie durch das Gestüt und plauderte mit Tom und einigen anderen Angestellten. Einige Pferde erhielten von ihr, wie üblich, eine kleine Nascherei und eine Menge an Streicheleinheiten. Das ließ sie sich nie nehmen. Für Emily waren diese Tiere nicht nur ein Zeitvertreib. Sie liebte sie, weil sie stark und stolz sind. Für viele ist der Hund der Freund des Menschen. Für Emily war es das Pferd.

Am späten Nachmittag, nachdem sie Serina gestriegelt hatte, wollte sie gerade die Box schließen. Da sah sie, wie Black Dancer von seinem Besitzer hereingeführt wurde. Schnell zog sie sich in die Box zurück und ihr Pferd kam in den zusätzlichen Genuss des Striegelns. Emily wollte diesem Gardner nicht über den Weg laufen. Es fehlte noch, dass er ihr seinen Unmut darüber mitteilte, dass sie sein Pferd an der Führleine hatte. Auch wenn er es ihr nun gestatten würde. Doch sie mochte es gar nicht, wie eine dumme Nuss behandelt zu werden. Und sie würde sich genauso fühlen, wenn er ihr verbot, Black Dancer zu reiten. Also wollte sie abwarten, ob er sein Pferd selbst versorgte oder es von Tom machen ließ. Emily stellte fest, dass er sich selbst um das Tier kümmerte. Sie wartete noch ein paar Minuten, in denen sich bei ihr das merkwürdige Gefühl des Kribbelns auf ihrer Haut einstellte. Erschrocken hielt sie die Luft an. Das konnte unmöglich sein. Leise verließ sie die Box und verschloss sie. Schnell huschte sie auf die andere Seite hinaus aus dem Stall und lief in Richtung Haus. Sie war erst wenige Meter gelaufen, als sie auf Tom stieß, der sie stirnrunzelnd ansah.

„Was ist denn mit dir? Bist du auf der Flucht?“

„Nee, wieso?“, fragte Emily scheinheilig. „Black Dancer wurde gerade zurückgebracht“, teilte sie ihm dann mit.

„Der will ihn selbst versorgen, hat er gesagt“, entgegnete Tom.

„Macht er auch schon“, informierte Emily ihn.

„Bist etwa vor dem ausgerückt?“, vermutete Tom nun grinsend und musterte sie.

„Quatsch“, brummte sie.

„Klar. Ich kenn dich doch. Willst nicht, dass er dir Vorschriften macht“, meinte er lachend, womit er genau den Punkt getroffen hatte. Emily drehte mit den Augen und lud ihren Frust ab.

„Ich finde das bescheuert und hab das auch zu Papa gesagt. Streicheln darf ich ihn, aber ausreiten darf ich mit ihm nicht.“

„Du musst die Wünsche des Besitzers respektieren. Es wäre nicht gut, ...“

„... wenn der gute Ruf des Gestüts einen Schaden erleidet. Ja, ja. Ich weiß und versteh das auch“, unterbrach sie ihn und seufzte. „Trotzdem würde ich gern mal mit diesem schönen Tier über die Wiesen reiten.“

„Nimm`s nicht so schwer. Deine Serina ist doch auch ein schönes Tier“, versuchte Tom sie zu trösten.

„Natürlich. Auf sie lasse ich auch nichts kommen. Aber dieser Hengst reizt mich trotzdem. Wann haben wir schon mal so ein Pferd hier?“, erwiderte sie.

Tom lachte. „O, o! Ich ahne Schlimmes. Emmy, sei vorsichtig! Heute ist er auch ganz unverhofft gekommen. Fordere es nicht heraus!“, warnte er sie leise.

„Ich bin doch nicht verrückt. Von dieser Tsunamiwelle möchte ich nicht überrollt werden“, rief sie und flüsterte dann. „Nur, wenn ich ganz sicher bin. Dann werde ich meine Chance sicher nutzen. Aber nicht mal Papa darf davon erfahren. Ich will mir gar nicht ausmalen, was mir dann blüht.“

„Du bist unverbesserlich. Aber ich kann dich verstehen“, sagte Tom.

„Ich danke dir“, erwiderte sie und umarmte ihn kurz. Tom lachte wieder und schüttelte den Kopf.

„Dann werde ich mal schauen, ob meine Hilfe benötigt wird“, und ging zum Stall. Tom wusste genau, dass er eines Tages in den Stall kommen würde, und dann wäre die Box von Black Dancer leer. Er selbst fand es auch schade, das Tier nicht reiten zu dürfen. Aber er war nur ein Angestellter und wollte nicht riskieren, seine Arbeit zu verlieren. Emily war die Tochter des Hauses. Ihr drohte höchstens das Verbot, nicht mehr in die Nähe des besagten Hengstes zu kommen.

Während Emily und Tom miteinander redeten, rieb Rohan den Hengst ab. Dabei lauschte er dieser Unterhaltung. Er musste schmunzeln, dass sie es abstritt, vor ihm weggelaufen zu sein. Natürlich hatte er bemerkt, dass noch jemand im Stall war. Er hatte gesehen, wie sie versucht hatte, sich leise und ungesehen zu entfernen. Ihm war klar, dass sie ihm nicht unbedingt über den Weg laufen wollte. Doch er hätte sie nicht getadelt, weil sie seine Vereinbarung mit ihrem Vater missachtet hatte. Er hätte ihr aber unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass das Reitverbot weiter Bestand hatte. Als er ihren Unmut vernahm, dass er es nicht wünschte, dass Black Dancer von Jedermann geritten wurde, schüttelte auch er den Kopf. Sie schien eine eigensinnige Person zu sein. Doch es stellte ihn zufrieden, als er sie sagen hörte, dass sie keinen Ärger wollte. Was er nicht mithören konnte, war das leise Gesprochene. Und das war auch gut so, denn es hätte ihm gar nicht gefallen. Das hätte Rohan dann doch zum Anlass genommen, um garantiert persönlich mit der Tochter des Hauses zu sprechen, um auf die Respektierung seiner Wünsche zu pochen, mit der Androhung bei Zuwiderhandlung den Vertrag mit sofortiger Wirkung zu kündigen.




2. Begegnungen


Emily fuhr nun seit diesem besagten Wochenende jedes zweite zu ihren Eltern. Doch jedes Mal war auch der Besitzer von Black Dancer dort. Sie bekam nicht einmal die Gelegenheit, den Hengst an das Führseil zu nehmen. Darüber ärgerte sie sich sehr und erzählte ihrer Freundin von ihrem Frust. Diese bot an, Emily wieder einmal zu begleiten. Sie hatte sie neugierig gemacht. Aber Francine war auch gern bei Emilys Eltern. Ab und zu genoss sie dieses Klima. Dort befand sich genau das Gegenteil von München. Ruhe und Gelassenheit statt Hektik und Stadtlärm. Außerdem gefiel auch ihr das Reiten über die Wiesen auf dem Rücken eines Pferdes. Sie war natürlich nicht so perfekt wie Emily. Doch sie hielt sich ganz gut im Sattel.

So ritten Emily und Francine über die Wiesen. Es war ein klarer, aber frostiger Tag Anfang Dezember. Kurz vor ihnen hatte Rohan mit seinem Hengst das Gestüt verlassen und war auf das Gelände hinaus galoppiert. Tom unterrichtete Emily davon, die wieder enttäuscht war. Es war schon merkwürdig. Sie bekam das Gefühl, dass dieser Gardner genau zu wissen schien, wann sie selbst aufbrechen oder nur den Stall betreten wollte. Doch woher konnte er das wissen? Emily behielt diese Vermutung aber lieber für sich. Etwas sagte ihr, dass sie es auch lieber darauf beruhen lassen sollte. Francine war ihrerseits ebenfalls enttäuscht. Emily hatte so von Black Dancer geschwärmt, dass sie ihn auch gern gesehen hätte.

Sie waren schon über eine Stunde unterwegs, als sie beim kleinen See anlangten. Er war mit einer hauchdünnen Eisschicht bedeckt, auf der die Sonnenstrahlen tanzten. Beide Frauen saßen ab.

„Wow. Sieht toll aus“, rief Francine.

Emily nickte zustimmend. „Ja, es ist herrlich.”

Sie blieben noch eine Weile und genossen die Sonnenstrahlen, die ihre Gesichter wärmten.

Plötzlich hörten sie ein Pferd wiehern. Emilys Stute erwiderte den Ruf.

„Das ist Black Dancer“, murmelte Emily und schaute in die Richtung, aus der das Wiehern herüber geklungen war. Sie spähte zu dem Wald auf der anderen Seite des Sees, konnte aber nichts entdecken.

„Das kam von da drüben“, sagte Francine. „Lass uns dahin reiten!“

„Nein. Ich will mich nicht aufdrängen. Dieser Gardner hat sich bis jetzt nur mit meinem Vater und Tom unterhalten. Es sieht so aus, als wollte er mit keiner weiteren Person Kontakt haben“, meinte Emily nachdenklich.

„Quatsch. Du kannst doch hinreiten, wo du willst. Woher will der wissen, dass wir jetzt absichtlich um den See galoppieren?“, wandte sie ein.

„Dann mit einem Umweg“, bestimmte Emily.

„Warum das denn? Dann ist er vielleicht weg“, gab Francine zu bedenken und sah ihre Freundin mit einem Blick an, der zeigte, dass sie ihr Zögern nicht verstand.

„Das kann er auch ohne Umweg sein. Black Dancer ist schnell“, erwiderte Emily.

„Äh, das sind unsere beiden Süßen auch“, grinste sie und verzog ihr Gesicht ins Spöttische.

„Francine, bitte. Mir ist das unangenehm. Der will nicht gestört werden, also störe ich ihn auch nicht. Du kannst ja mit Adele um den See reiten. Ich werde mit Serina hierbleiben, und wir vertreten uns hier die Beine, bis du wiederkommst“, legte Emily fest. Francine wusste, dass ihre Freundin stur bleiben würde. Allein hatte sie aber auch keine Lust, um den See zu reiten.

„Spielverderberin.”, brummte sie.

„Vorschlag. Wir reiten bis zum Waldrand. Von dort aber dann zur rechten Seite noch ein paar Kilometer. Danach müssen wir eh zurück, wenn wir noch was vom Mittag abhaben wollen“, schlug Emily vor.

„Ist ja wenigstens was. Vielleicht kommt er doch noch aus seinem Versteck“, entgegnete Francine zufriedengestellt.

„Ja, vielleicht“, murmelte Emily, während sie aufsaß und Serina traben ließ. Francine folgte ihr mit Adele, ebenfalls eine Bayrische Warmblutstute mit einem sanften Gemüt. Wie vereinbart schlugen sie den Weg nach rechts ein, als sie am Rand des Waldes angekommen waren. Emily vermied es sich umzusehen. Das tat schon Francine.

„Schöner Mist. Nix zusehen“, stieß sie ärgerlich hervor. Das animierte Emily zu einem Schmunzeln.

„Hast du etwa gedacht, der wartet hier auf dich?“, spottete sie. Francine schnaubte nur und übernahm die Führung.

Als sie fast eine halbe Stunde unterwegs waren, entdeckte Emily zwei Reiter, die rechts von ihnen ziemlich weit entfernt ritten. Sie zügelte Serina und schaute genauer hin. Der eine Reiter war Rohan Gardner mit Black Dancer. Den anderen erkannte sie nicht. Aber sie glaubte zu wissen, dass das zweite Pferd vom Gestüt ihrer Eltern war. Francine hatte ebenfalls ihre Stute gezügelt und befand sich an Emilys Seite.

„Ist er das?“, fragte sie neugierig.

„Ja. Der schwarze Hengst ist Black Dancer“, antwortete Emily und spornte Serina wieder an, ohne weiter in die Richtung der entfernten Reiter zu blicken.

„He, was soll denn das?“, rief Francine aufgebracht.

„Das weißt du. Ich muss denen nicht über den Weg laufen“, erwiderte Emily scharf. „Aber ich gehe mit dir heute in den Stall, wenn der Gardner das Gestüt verlassen hat. Versprochen. Schließlich will ich den Hengst auch begrüßen“, lenkte sie ein.

Emily wollte wirklich nicht in die Nähe der beiden Reiter kommen. In ihr baute sich ein merkwürdiges Gefühl begleitet von einem feinen Kribbeln auf, das sie unruhig werden ließ. Es war bereits das zweite Mal, dass sie dieses Gefühl bekam, wenn der Besitzer von Black Dancer in der Nähe war. Eigentlich war er nicht in der Nähe. Es trennten sie mehrere hundert Meter. Das Schlimme war, dass sie dieses Gefühl nicht loswurde. Es verstärkte sich sogar noch. Emily warf einen Blick in die Richtung, in der sie die beiden Reiter vermutete. Erschrocken stellte sie fest, dass sie sich ihnen genähert hatten. Panik stieg in ihr auf. Was würde geschehen, wenn einer von ihnen oder sogar beide Vampire waren? Sie musste wieder an Rogers Worte denken. Emily wendete das Pferd und rief Francine zu. „Wir reiten zurück.” Ohne einen weiteren Kommentar abzugeben, gab sie Serina die Sporen und sie flog auf ihrem Rücken zurück zum Gestüt. Francine gab sich verständnislos und ärgerlich Mühe, der Freundin zu folgen.


Rohan und sein Begleiter hatten die beiden Frauen ebenfalls entdeckt. Während Rohan nur Emily erkannte, wusste der andere Reiter, wer die beiden Frauen waren.

„Wollen wir die beiden Schönen nicht begrüßen?“, fragte Simon.

„Vergiss es! Die mit den kurzen Haaren ist die Tochter des Besitzers des Gestüts. Die andere Frau ist wohl eine Freundin. Ich will nicht, dass du dich ihnen näherst. Ich tu es auch nicht“, knurrte Rohan.

„Spielst du den Heiligen?“, spottete Simon.

„Nein. Ich will hier keinen Ärger. Und du bringst Ärger, wo du auftauchst. Wenn du eine Weile in meiner Nähe bleiben willst, hast du dich entsprechend zu benehmen“, gab Rohan dem Jüngeren zu verstehen.

„Ich mag mich aber nicht laufend aus der Plastetüte ernähren wie du. Ich brauch mal was Frisches zwischendurch“, erwiderte Simon mürrisch und beobachtete, wie die eine Reiterin ihr Pferd zügelte.

„Du bist einfach nicht vorsichtig genug. Die Menschen glauben, dass wir Mythen sind. Und so soll es auch bleiben“, warnte Rohan ihn. „Mach nicht den Fehler, dass der Clan auf dich aufmerksam wird!“

„Pff! Der ist weit weg. Wie soll der davon erfahren?“, entgegnete Simon abfällig.

„So blöd kannst auch nur du fragen. Das geht schneller, als du meinst, denken zu können“, stöhnte Rohan verärgert. Dieser Simon war einfach zu leichtsinnig und dumm obendrein. Er meinte, dass seine Schnelligkeit und das Beeinflussen der Menschen ihn vor alles retten könnten. Wie leichtgläubig. Er war damals von Damian gewandelt worden, als dieser neue Unsterbliche schaffte, um sie für seinen Plan zu nutzen. Er war so von seinem Hass zerfressen und davon besessen gewesen, seinen Bruder Angelo und seine Frau Tina zu töten. Doch sein Plan war gescheitert. Die beiden hatten das Ritual durchlaufen und waren zu den Herrschern der Unsterblichen geworden, was Damian nicht wusste. Tina und Angelo verkündeten und vollstreckten das Urteil. Damian verlor seine Existenz. Simon war in Hamburg geblieben, weil er sich zuvor abgesetzt hatte. Er hatte Durst und war auf die Suche nach ahnungslosen Menschen gegangen. Als er zurückgekommen war, waren die anderen Unsterblichen fort. Sie kamen auch nicht wieder. Simon hatte nichts anderes gelernt, als in bestimmten Abständen nachts auf Nahrungssuche zu gehen. Da hatte Damian ihnen freie Hand gelassen. Als er gemerkt hatte, dass er allein war, ist er von Ort zu Ort gezogen. Durch Zufall hatte Rohan ihn in Venedig am Rande des Karnevals entdeckt. Er war bereits ziemlich verwahrlost. Rohan half ihm, wieder menschlich auszusehen. Simon blieb ein halbes Jahr bei Rohan, der ihn in das Leben eines Unsterblichen einführte. Leider musste sein Lehrer feststellen, dass sein Schüler nicht immer einsichtig genug war. Er pickte für sich das heraus, was ihm gefiel. Pflichten waren eher lästig für ihn. Rohan gab dem jungen Unsterblichen keine lange Lebensdauer. Er war einfach zu oberflächlich und nicht verantwortungsbewusst.

„Keine Sorge. Ich will nichts von den Frauen. Auch wenn die Gelegenheit günstig ist. Aber das Blut von der mit den braunen Haaren ist gut“, grinste Simon.

„Du kennst sie? Und hast von der einen getrunken?“, knurrte Rohan wütend.

„Ja und? Hat doch keiner gemerkt. Sie waren im selben Club wie ich. Die mit den kurzen Haaren hatte nur am Tisch gesessen und sich gelangweilt. Die hatte keinen Bock. Aber die andere war gut drauf. Es war ganz einfach, sie wegzulotsen“, erzählte er freimütig.

„Bist du dir da ganz sicher?“, hakte Rohan nach. Er traute dem Frieden nicht.

„Ja. Sie ist danach nicht mehr lange im Club geblieben. Ich bin auch gegangen“, erwiderte Simon. „Lass uns doch so tun, als würden wir in ihre Richtung reiten. Dann kann ich mir die Freundin etwas genauer ansehen. Die scheint eine tolle Reiterin zu sein“, meinte er dann lachend.

„Nein. Und wage es nicht, auch nur in ihre Nähe zu kommen. Auch die Freundin ist ab jetzt tabu für dich. Wenn du dich daran nicht halten kannst, werden wir geschiedene Leute sein“, informierte Rohan ihn im scharfen Ton.

„Reg dich ab! Ich bin auf die Hübschen nicht angewiesen. Aber sei jetzt kein Spielverderber“, entgegnete er und lenkte sein Pferd in die Richtung der Frauen. Rohan fluchte laut und ritt ihm hinterher. Zu seinem Erstaunen beobachtete er, dass Emily ihre Stute wendete und im hohen Tempo zum Gestüt galoppierte. Die Freundin tat es ihr gleich. Doch stellte er fest, dass sie nicht so sicher wie ihre Freundin war. Sie schaffte es nicht, sie einzuholen.

Rohan grübelte, was der Anlass gewesen sein könnte, dass sie so plötzlich davonstürmte. Für ihn gab es nur eine Erklärung. Sie hatte ihn und Simon entdeckt und wollte eine Begegnung vermeiden. Es war ihm ganz recht, trotzdem verstand er es nicht. Irgendetwas war merkwürdig an dieser Emily.

„Donnerwetter. Die legt aber einen Zahn zu. Die könnte glatt Rennen reiten. Die Frau ist gut“, meinte Simon anerkennend. Rohan äußerte sich nicht dazu. Er sah den davonreitenden Frauen stumm hinterher.

„Schon merkwürdig, dass die es auf einmal so eilig haben. Wir waren doch wohl nicht der Grund“, grübelte Simon laut. Rohan lenkte Black Dancer neben ihn.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Wer weiß, ob sie uns aus der Entfernung überhaupt erkannt hat. Eventuell hat sie sich über ihre Freundin geärgert.“ Er wollte, dass der Jüngere nicht weiter darüber nachdachte. Es war keine gute Idee gewesen, dass er ihn heute mitgenommen hatte. Doch dafür war es jetzt zu spät. Simon würde ihn noch den ganzen Tag begleiten. Erst wenn sie am Abend die Pferde versorgt hatten, wollten sie nach München zurück. Simon hatte die Absicht, wieder einen der Clubs zu besuchen. Was seine eigentliche Ansicht war, lag auf der Hand. Rohan hoffte nur, dass man nicht aufmerksam auf ihn wurde. Er selbst hasste Komplikationen. Vielleicht sollte er doch den Clan informieren, dass von Damians Marionetten einer übrig geblieben war. Sie konnten dann dafür sorgen, dass Simon keine Dummheiten machte. Er hatte jetzt über Jahre seinen Anteil geleistet. Nun konnten andere die Verantwortung übernehmen. Doch andererseits könnte es passieren, dass der Clan entschied, dass er ihn weiter in seine Obhut nehmen musste. Schließlich hatte er es ja nun schon eine Weile getan, ohne die Obrigkeit zu informieren. Diese Aufgabe wollte Rohan nicht übertragen bekommen. Er müsste für alles gerade stehen, wenn dieser Nichtsnutz etwas verbockte. Also verwarf er wieder einmal den Gedanken.

„Du bist so schweigsam. Denkst du etwa über die Frau mit dem Zottelkopf nach?“, grinste Simon.

„Nein. Ich habe über dich nachgedacht“, antwortete Rohan wahrheitsgetreu.

„Ich hoffe nicht, dass ich mir Sorgen machen muss“, entgegnete er nun argwöhnisch.

„Du und dir Sorgen machen? Worüber? Ich mache mir Sorgen über deine Unbesonnenheit. Du hast es bis heute nicht gelernt, dich konsequent an Regeln zu halten“, erwiderte Rohan ungehalten.

„Nun bist du ungerecht. Schließlich töte ich sie nicht mehr, und ich gebe ihnen neue Erinnerungen. Ich bemühe mich, es unauffällig zu machen. Was erwartest du noch?“, fragte er aufgebracht.

„Das Bemühen allein reicht nicht. Du musst es ständig wollen. Es muss dein ganzes Sein beeinflussen. Nur so können wir unsere Existenz geheim halten. Das ist die erste und wichtigste Regel. Und das alles hast du noch nicht ausreichend verinnerlicht“, teilte Rohan ihm seine Einschätzung mit. Simon stöhnte auf und reagierte mürrisch. „Ja, ja. Das predigst du am laufenden Band. Leg mal was anderes auf!“

„Tut mir leid. Das werde ich nicht. Ich will deinetwegen keinen Ärger mit dem Clan bekommen. Ich weiß nicht, ob sie schon etwas von deiner Existenz wissen. Aber wenn sie erfahren, wer dich gewandelt hat, wirst du garantiert seine volle Aufmerksamkeit bekommen. Auf mich wirst du dann nicht mehr zählen können. Jeder ist für sein eigenes Handeln verantwortlich. Vergiss das nicht!“, warnte Rohan ihn.

Dann gab er seinem Pferd die Sporen und fegte mit Black Dancer entgegengesetzt über die Wiesen. Er hatte keine Lust mehr, dieses Thema weiter zu diskutieren. Simon bemühte sich ihn einzuholen, was er aber nicht schaffte. Erst, als Rohan das Tempo zügelte, konnte er aufschließen. Er ärgerte sich über Rohan. Er fand, dass er mit seinen Regeln und dem Pflichtbewusstsein übertrieb. Natürlich wollte er nicht, dass man auf ihn aufmerksam wurde. Ihm lag nichts daran. Dafür würde er schon sorgen. Was ihn aber stutzig machte, dass er sich so für diese Frau einsetzte. Rohan schien ein besonderes Interesse für sie zu haben. In Simon fing seinerseits ebenfalls das Interesse für Emily an zu keimen. Aber ihrer Freundin nochmals zu begegnen, war er auch nicht abgeneigt. Er wusste sogar noch ihren Namen. Francine.


„Sag mal, spinnst du? Was ist denn in dich gefahren?“, schnauzte Francine ihre Freundin an. Die schalt sich gerade selbst, weil sie überreagiert hatte. So hatte sie garantiert die Aufmerksamkeit der beiden Reiter auf sich gezogen. Das war eigentlich das, was sie hatte vermeiden wollen. Was sollte sie nun zu Francine sagen? Dass sie dachte, dass die beiden Vampire waren? Francine würde sie glatt für verrückt erklären. Auch wenn sie meinte, dass es auf dieser Welt Dinge gab, die man nicht erklären konnte, und dass es sein könnte, dass Vampire und andere Mythen existierten. Aber dass der Gardner und sein Begleiter so etwas waren, das würde sie niemals glauben.

Emily stöhnte und rieb sich mit der freien Hand an ihrer Schläfe.

„Entschuldige. Aber ich weiß selbst nicht, was los war. Ich wollte da einfach nur weg.“

„Das war nicht zu übersehen“, grollte Francine. „Die hatten den Weg zu uns eingeschlagen. Ich hätte mir gern den schwarzen Hengst angesehen. Außerdem hättest du den mysteriösen Herrn Gardner kennenlernen können. Das wäre bestimmt nett geworden.“

„Ich lege keinen Wert auf seine Bekanntschaft“, erwiderte Emily ungehalten. Das meinte sie ernst. Sie wollte die Entfernung zwischen ihm und ihr so weit wie möglich halten. Und das sollte Francine ebenfalls tun. Ihre letzte Begegnung mit einem Vampir hätte ihr auch das Leben kosten können.

„Eigentlich schade. Wenn er dich besser kennen würde, vielleicht hätte er dir dann gestattet, mit seinem Pferd auszureiten“, warf sie ein.

Emily sah ihre Freundin mit funkelnden Augen an. Ihr Ton war hart und duldete keinen Widerspruch.

„Francine. Ich bettle nicht. Und ich werde ihn reiten. Mit oder ohne Erlaubnis. Ende der Diskussion.“

„Ja, na klar. Ich habe deinen unwiderstehlichen Drang nach selbst geschaffenen Komplikationen vergessen. Dann kann ich dir wohl nur viel Glück bei deinem Vorhaben wünschen“, erwiderte Francine ironisch.

„Danke. Kann ich brauchen“, grinste Emily. Sie brachten die Pferde in den Stall und versorgten sie. Danach gingen sie ins Haus, um sich zu waschen. Sie kamen pünktlich zum Essen, aber nur, weil Emily es plötzlich so eilig gehabt hatte.

„Wie war euer Ausritt?“, erkundigte sich Emilys Mutter.

„Och, ganz gut“, antwortete Francine und schaute zu Emily, die ihr einen bösen Blick zuwarf.

„Nanu. Ist was passiert?“, fragte die Mutter.

„Nein. Eigentlich nicht. Wir sahen von weitem zwei Reiter. Emmy erkannte Black Dancer. Als sie auf uns zuritten, hat Emmy die Flucht ergriffen“, erzählte Francine und grinste. Sie schien es lustig zu finden. Emily aber ganz und gar nicht.

„Quatsch. Ich hab nicht die Flucht ergriffen“, fauchte sie ihre Freundin an.

„Befürchtest du etwa, dass Herr Gardner dich wegen unserer Vereinbarung anspricht? Ich denke, dass er das nicht tun wird. Er hatte mich mit dieser Aufgabe betreut“, mischte sich ihr Vater schmunzelnd ein.

„Nein, das ist es nicht. Ich weiß selbst nicht, was los war. Aber ich habe Franci schon erklärt, dass ich nicht scharf darauf bin, ihn kennenzulernen“, entgegnete sie.

„Aber das wäre vielleicht gar nicht so schlecht, wenn ihr euch bekannt macht. Es könnte doch sein, dass er seine Meinung ändert in Bezug auf das Reiten“, meinte ihr Vater.

„Das hab ich ihr auch gesagt, aber sie ...“

Francine wurde wirsch von Emily unterbrochen.

„Verflixt noch mal! Gibt es denn nur dieses Thema?“, rief sie ärgerlich und schupste den Teller ein Stück von sich weg, so dass er an das Glas mit Wasser stieß, das dadurch beinahe umfiel. Sie war plötzlich nicht mehr hungrig. Ihre Eltern musterten sie überrascht, aber auch argwöhnisch. So angespannt und unausgeglichen kannten sie ihre Tochter nicht. Sie schien ein Problem zu haben.

„Schatz, ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte ihre Mutter und sah sie besorgt an.

„Alles bestens, Mutti. Ihr müsst euch keine Sorgen machen. Es nervt nur, weil man nicht verstehen will, dass ich nicht scharf darauf bin, den Gardner kennenzulernen“, antwortete sie. „Der andere, der mit ihm zusammen ist, hat der ein Pferd von uns?“, wollte sie dann aber wissen.

„Ja. Wir haben Herrn Trewin den Hengst Protox überlassen“, informierte sie ihr Vater.

„Wohnt der etwa auch in München?“

„Er ist der Gast von Herrn Gardner“, antwortete er.

„Aha“, murmelte sie. Dann würde er wohl bald wieder verschwinden. Das hoffte sie, und es würde vielleicht nur noch dieser Gardner in der Stadt sein.

Am Abend kam Tom, um sich zu verabschieden. Er informierte wie immer, dass alles in Ordnung sei. Als er schon an der Haustür war, stand Emily dort und wartete auf ihn. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, denn er wusste genau, was sie wissen wollte.

„Sie sind vorhin losgefahren. Aber er kommt morgen wieder“, informierte er sie leise.

„Mist!”, fluchte sie. „Bringt er den anderen wieder mit?“

„Das wusste er noch nicht genau“, antwortete Tom. „Du solltest mal in der Woche einen Tag frei machen. Bis jetzt war er immer nur am Wochenende hier“, riet er ihr.

Emily zog ein griesgrämiges Gesicht. „Das wird vor dem Fest nichts mehr. Außerdem habe ich zwischen den Feiertagen schon Urlaub genommen.“

„Tja dann“, murmelte er und zuckte mit der Achsel. „Aber ich werde dich informieren, wenn er sich entschließen sollte, am Wochenende mal nicht zu erscheinen.“

„Ich trau dem nicht. Vielleicht sagt er es nur so, um uns hereinzulegen. Es ist merkwürdig. Er weiß immer genau, wann ich mit Serina ausreiten will. Und das sind keine festen Zeiten gewesen. Er ist immer kurz vor mir ausgeritten, als wollte er unterbinden, dass ich mit Black Dancer Kontakt habe.“

„Emily. Das bildest du dir nur ein“, meinte er.

„Mein Gefühl sagt mir, dass ich es mir nicht einbilde. Aber ist ja auch egal. Dann könnte ich ja jetzt zu Black Dancer gehen“, erwiderte sie und sah Tom erwartungsvoll an. Der schmunzelte wieder.

„Ich denke schon. Also bis morgen“, verabschiedete er sich von ihr.

„Tschüs, bis morgen“, sagte sie und ging ins Wohnzimmer, wo Francine mit ihren Eltern saß.

„Kommst du?“, fragte sie die Freundin. Die sprang sofort auf. „Na klar!“

Ihr Vater schüttelte den Kopf. „Sei vorsichtig! Francine ist ihm fremd“, warnte er sie.

„Papa. Denkst du etwa, dass ich sie in die Box lasse? Also wirklich.“ Emily schaute ihren Vater gekränkt an.

„Ich dachte nur, weil du heute irgendwie verändert warst. Aber jetzt scheinst du wieder die Alte zu sein“, verteidigte er sich.

„War ich vorher auch“, widersprach sie.

Francine und Emily zogen sich ihre Jacken und Stiefel an. Dann liefen sie zum Stall. Vor Black Dancers Box blieb Emily stehen. Francine stellte sich in einen großzügigen Abstand ihr gegenüber und beobachtete Emily und das Pferd.

„Hallo, mein Schöner!“, begrüßte Emily ihn mit leiser und sanfter Stimme. Black Dancer schnaubte und hob und senkte seinen Kopf wie zur Begrüßung.

„Du hast uns entdeckt und gerufen. Ich habe dich gehört“, redete sie weiter und legte dabei ihre Hand auf seine Stirn. Mensch und Tier sahen sich eine Weile in die Augen. Der Hengst ruckte leicht mit seinem Kopf nach oben, als wollte er ihr ein Zeichen geben.

Emily lächelte. „Ich glaube, dass du dich über ein paar Streicheleinheiten freuen wirst.“

Während sie die Box langsam öffnete, wies sie Francine an, sich nicht vom Fleck zu rühren. Sie hatte bis jetzt auch noch kein Wort gesagt. Emily hielt wieder ihre Hand vor seine Nüstern. Sie hatte ihm eine kleine Leckerei mitgebracht, die er sofort aus ihrer Hand fraß. Black Dancer stupste an ihre Schulter und Emily gab ihm noch ein Stück. Dann tätschelte sie seinen Hals. Der Hengst wandte seinen Kopf und rieb ihn wieder an ihrer Schulter.

„Du bist mir schon einer. Scheinst mich vermisst zu haben. Aber ich habe dich auch vermisst. Ihr wart heute lange weg. Wie gern hätte ich dich einmal einen Tag für mich ganz allein. Vielleicht bekommen wir beide das mal hin. Oder dein Herrchen besinnt sich noch und gestattet es uns. Schade, dass du ihn nicht fragen kannst.“

Black Dancer schnaubte leise und legte ganz leicht seinen Kopf an ihre Schulter. Es war, als würde er sie verstehen und sich dasselbe wünschen wie sie. Emily umarmte ihn an seinem Hals und schmiegte sich an ihn. Das Pferd hielt ganz still, bis sie sich wieder von ihm löste.

„Ich habe meine Freundin mitgebracht. Sie möchte dich kennenlernen. Keine Sorge. Sie will dich nur bewundern.“ Emily gab Francine ein Zeichen und sie näherte sich langsam der halbgeöffneten Box. Ganz wagte sie sich nicht heran, weil Emily ihr ein weiteres Zeichen gab. Sie spürte, dass Black Dancer sich versteifte und mit seinem Schweif unruhig hin und her schlug. Dabei beäugte er Francine.

„Ganz ruhig, mein Schöner! Sie will dich nur ansehen“, beruhigte sie ihn und streichelte seinen Hals. Das zeigte seine Wirkung. Francine trat von selbst wieder zurück. Sie wollte nicht, dass noch etwas passierte. Man konnte ja nie wissen. Emily streichelte das Pferd noch eine Weile und redete leise mit ihm. Dann schloss sie zufrieden die Box und verließ mit Francine den Stall.

Als sie draußen waren, fing Francine an zu reden.

„Wow! Das ist ja ein stolzes Tier. Dieser Hengst sieht einfach klasse aus. Aber der Gardner hat ihn gut dressiert. Black Dancer wird wohl kaum einen Fremden an sich heran lassen. Wenn den einer versucht zu reiten, wird der wohl sein blaues Wunder erleben. Ich staune wieder einmal, wie du das fertigkriegst, so ein Tier um deinen Finger zu wickeln.“

„Weiß ich selbst nicht. Es ist eben so. Die Tiere scheinen mich zu mögen“, entgegnete Emily und lachte leise. Der Tag hatte nun doch noch ein angenehmes Ende gefunden.

„Ja, scheint so. Du hast etwas an dir, was sie alle wie Katzen schnurren lässt“, kommentierte Francine es noch.

Sie gingen ins Haus zurück und gönnten sich bei mit ihren Eltern noch ein Glas Glühwein. Als sie allein im Zimmer saßen, denn Emilys Eltern waren schlafen gegangen, beobachtete Francine ihre Freundin, wie die gedankenversunken auf der Couch saß.

„Warum färbst du eigentlich deine Haare?“, fragte sie plötzlich in die Stille hinein.

„Was?“ Emily sah sie verständnislos an.

„Ich fragte, warum du dein Haare färbst.“

„Wie kommst du denn auf einmal darauf?“

„Ich hatte heute Nachmittag ein Bild von dir gesehen. Da waren deine Haare schulterlang und tizianrot. Du hattest so schönes Haar. Das passt so wunderbar zu deinen grünen Augen. Du solltest es wieder wachsen lassen und nicht mehr färben.“

„Ich fand die Farbe doof, weil ich immer angestarrt wurde. Einige Kinder hatten mich auch gehänselt. Da kommt Pumuckls Schwester. Da hatte ich mir geschworen, wenn ich alt genug bin, werde ich meine Haare färben“, erzählte Emily ihr.

„Denk doch mal darüber nach! Jedenfalls wird dir das besser stehen, als dieses dunkle Braun“, entschied Francine.


Rohan betrat am Sonntagmorgen den Stall. Er war allein gekommen. Simon war nicht nach Ausreiten. Das war Rohan auch ganz recht. Er hatte den Sattel im Arm und öffnete die Box. Etwas ließ ihn stutzig werden, und er atmete tief durch die Nase ein.

„Na, mein Freund. Du hattest wohl Damenbesuch. Hast es bestimmt genossen, was? Die junge Dame scheint einen Narren an dir gefressen zu haben. Nicht, dass du mir noch untreu wirst.“ Black Dancer schnaubte laut und schüttelte seinen Kopf. Rohan tätschelte seinen Hals.

„Nein, das wirst du nicht. Ich weiß.“

Schnell hatte er ihn gesattelt und führte ihn aus dem Stall. Draußen saß er auf und trabte mit ihm los.

Diesmal hatte Rohan einen heimlichen Beobachter. Emily hatte bereits am Fenster gestanden und darauf gewartet, dass er mit seinem Wagen vorfuhr. Nun sah sie ihn das erste Mal aus der Nähe und musste zugeben, dass er eine auffallende Erscheinung war. Seine Beine steckten in einer engen Reithose und schwarzen Reitstiefeln. Er war groß, mindestens eins neunzig und schlank, aber er schien muskulös zu sein und hatte einen athletischen Gang. Sie konnte nur kurz sein Gesicht sehen, aber das prägte sich sofort in ihr Gedächtnis ein. Er sah auffallend gut aus, eine gerade Nase, volle Lippen, dunkle Brauen, markante Gesichtszüge. Sein mittelblondes Haar fiel ihm in leichten Wellen in den Nacken. Vor Emilys Augen schob sich ein Bild von ihm, wo er gekleidet war wie Anfang des 19. Jahrhunderts. Schneidig in einem grauen Anzug, der sich eng an seinen Körper schmiegte und seine Figur vorteilhaft betonte. Dazu trug er ein Hemd mit einem hochgestellten Kragen und ein gebundenes Tuch um den Hals.

Emily schüttelte ihren Kopf. Wie kam sie nur auf diesen Gedanken? Sie wusste sofort die Antwort, denn sie spürte plötzlich wieder dieses eigenartige Kribbeln und stöhnte auf. Also war er wirklich ein Vampir.

Klasse, dachte sie. Da kommt mal einer daher und bringt so ein tolles Pferd hierher, und dann ist dieser Kerl auch noch ein Vampir. Wirklich klasse. Also Emily, halt deine Gedanken im Zaum und halt dich von dem fern! Nicht, dass dieser Roger Carlsen doch noch Recht bekommt.

Emily verließ ihr Zimmer und lief nach unten. Schnell hatte sie sich angezogen und schlenderte in Richtung Stall. Tom kam ihr mit einem Pferd entgegen, das er an der Führleine hatte. Sie begrüßten sich und er teilte ihr mit, dass Black Dancer gerade gesattelt wurde. Emily stellte sich so zum Pferd, dass sie zum Eingang blicken konnte. Sie brauchte nicht lange zu warten, bis Black Dancer herausgeführt wurde. Nun beobachtet sie, wie Rohan mit einer geschmeidigen Bewegung aufsaß und im Trab wegritt. Emily füllte ihre Wangen mit Luft und stieß sie dann aus. Tom lachte, denn er hatte ihr bei ihrer Beobachtung zugesehen.

„Die passen gut zueinander. Der Kerl kennt sich mit Pferden aus“, grinste er.

„Dem ist wohl so“, murmelte sie.

„Übrigens. Der weiß, dass du gestern Abend bei dem Hengst warst“, teilte Tom ihr mit.

„Wie bitte? Woher kann er das wissen?“, fragte sie entsetzt und überrascht zugleich.

„Keine Ahnung. Ich hab es aufgeschnappt. Er unterhält sich mit dem Tier genau wie du.“

„Aber wer soll es ihm verraten haben?“, fragte Emily nachdenklich.

„Also, ich war es nicht. Und ich wüsste auch keinen, der es getan haben könnte. Du musst etwas verändert haben. Es muss was anders gewesen sein“, vermutete Tom.

„Ich wüsste nicht, was. War er verärgert?“, wollte sie wissen und sah ihn besorgt an.

„Nein. Es war nur eine Feststellung“, beruhigte er sie. Erleichtert atmete sie aus.

„Reitest du mit deiner Freundin wieder aus?“, fragte er.

„Ich möchte schon und hoffe, dass sie Lust hat. Doch erst will ich noch frühstücken“, verkündete sie. Tom nickte. „Dann bis nachher.“

Emily lief ins Haus zurück und fand Francine gutgelaunt am Frühstückstisch.

„Wo kommst du denn her?“, fragte sie und biss von ihrem Brötchen ab.

„Ich war draußen und hab mit Tom erzählt“, antwortete sie und nahm sich ebenfalls ein Brötchen.

„Und. Ist er schon wieder weg?“ Francine musterte sie mit einem versteckten Grinsen.

„Ja. Aber er ist allein ausgeritten“, informierte Emily sie, als würde es sie nicht interessieren.

„Wollen wir auch?“, fragte Francine mit einem Unterton, der belustigt klang. Doch Emily ging darauf nicht ein. „Wenn du Lust hast, immer. Sag Bescheid, wenn es losgehen soll!

„Na, vielleicht nach dem Mittag. Aber wir müssen pünktlich zurück sein. Deine Eltern haben uns zum Kaffee eingeladen. Es gibt diese wundervollen Plätzchen“, verriet Francine.

„Was? Mutti hat schon Plätzchen gebacken?“, rief Emily entrüstet. Das machten sie eigentlich immer zusammen, solange sie sich erinnern kann.

„Bestimmt macht sie es noch einmal mit dir“, meinte ihre Freundin, denn sie wusste, dass Emily es sich nie nehmen ließ, mit ihrer Mutter alljährlich in der Adventszeit Plätzchen zu backen.

„Das hoffe ich doch. Wollen wir nicht lieber vor dem Mittag ausreiten? Da haben wir mehr Zeit und können uns besser um die Pferde kümmern“, schlug Emily vor.

„Ist mir eigentlich egal. Dann nach dem Frühstück“, sagte sie beim Kauen.

Nach diesem Wochenende sollte endlich das neue Buch von Conny Hans in den Buchläden erscheinen. Emily hatte sich bereits vormerken lassen. Am Dienstagabend holte sie es sich nach ihrer Arbeit ab und vertiefte sich zu Hause in die ersten Seiten. Kurz vor Mitternacht musste sie sich zwingen, das Buch beiseite zu legen. Sie machte das Licht aus und schloss todmüde die Augen.

„He, Conny! Hast wohl deine Geschichte mit eingeflochten. Interessant, sehr interessant. Ich beneide dich“, murmelte sie und drehte sich auf die Seite. Emily schlief sofort ein und hatte einen merkwürdigen Traum. Zuerst befand sie sich auf einer Wiese und sah sich um. Black Dancer graste unweit von ihr. Sie ging zu ihm. Doch plötzlich saß Rohan Gardner auf dem Hengst und ritt mit ihm einfach fort. Sie lief ihm hinterher, aber jemand packte sie und zerrte sie auf sein Pferd.

„Du weißt, was wir sind. Du bist eine Gefahr für uns.“ Sie erkannte den Vampir. Es war dieser Trewin, der Francine gebissen hatte. Der Rohan Gardners Gast gewesen war. Emily schrie um Hilfe, doch niemand hörte sie.

Ihr eigener Schrei weckte sie. Emily machte das Licht an und setzte sich. Sie zitterte am ganzen Körper. Was war das nur für ein Albtraum. Sie hätte nicht so lange lesen sollen, schimpfte sie mit sich. Und das nicht gerade leise. Dann stand sie auf und schlich in die Küche, um etwas zu trinken. Als sie sich beruhigt hatte, legte sie sich wieder ins Bett.

In dieser Nacht träumte sie zum ersten Mal von einem Mann, dessen Bild sie weiter verfolgen sollte. Er war sonnengebräunt und hatte schwarzes Haar, das ihm wellig bis auf die Schulter fiel. Seine Augen waren von einem dunklen Braun, die sie wehmütig ansahen. Er war groß und athletisch gebaut. Seine Erscheinung gefiel Emily. Er stand im Traum nur vor ihr und sah sie mit diesem traurigen Blick an. Als sie ihn fragte, wer er sei, verschwand er vor ihren Augen.

Am nächsten Morgen wachte Emily mit dem Klingeln des Weckers wie gerädert auf. Sie konnte sich noch an ihr Geträumtes erinnern. Das erstaunte sie. Sogar das Bild des Mannes hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Was hatte das nur zu bedeuten? Was war mit ihr nur los?


Sarah sah sich am frühen Morgen wieder die Bänder aus Emilys Wohnung an. Sie wusste bereits, dass sie sich das neue Buch von Saphira gekauft hatte. Sarah nahm deshalb an, dass nichts Ungewöhnliches passieren würde. Es wunderte sie gar nicht, dass Emily die Vermutung äußerte, dass die Autorin etwas von ihrem Erlebten in die Handlung mit eingeflochten hatte. Dann ließ sie das Band vorspulen, als Emily das Licht gelöscht hatte. Sarah erwartete nichts mehr bis zum Morgen. Doch dann sah sie im Schnelldurchlauf, dass das Licht wieder anging. Sie stoppte das Band und spulte es ein Stück zurück. Sarah sah, dass Emily sehr unruhig schlief und plötzlich aufschrie. „Schlecht geträumt?“, fragte sie sich murmelnd. Sarah wollte das weiter beobachten. Sie hoffte nicht, dass das ein Albtraum war. Ihr Informant hatte sie informiert, dass auf dem Gestüt von Emilys Eltern einer von ihnen aufgetaucht war und dort sein Pferd untergebracht hatte. Er berichtete ihr auch, dass Emily wusste, was er war. Trotzdem versuchte sie so oft wie möglich bei seinem Pferd zu sein, ging aber dem Besitzer aus dem Weg. Und dieser tat es auch. Als der Informant Sarah den Namen mitteilte, musste sie schmunzeln.

„Der ist in Ordnung. Ich hab schon von ihm gehört.“

Als er ihr aber berichtete, dass dieser Neue vom Club bei ihm war, gefiel ihr das gar nicht. Man musste herausfinden, wer er war.

„Ich brauche Fotos von dem“, hatte sie dem Informanten aufgetragen. Der versprach dafür zu sorgen, dass Sarah welche bekam. Diese wollte sie an den Clan senden. Der sollte sich dann um diesen Neuen kümmern. Am folgenden Wochenende hatte sie die Bilder im Computer und sandte sie über eine verschlüsselte Adresse an Amatus.


Zwei Tage später hatte Emily das Buch durchgelesen. Sie klappte es zu und legte es nachdenklich auf den Nachttisch. Nun war schon über ein Jahr vergangen und sie hatte, seit dem Conny das Büro verlassen hatte, nie wieder etwas von ihr gehört. Einerseits war es ihr schon klar, dass sie sämtliche Verbindungen abbrechen musste. Aber andererseits musste das doch nicht so schnell gehen. Schließlich wusste ja niemand, was sie nun war. Emily ging auch davon aus, dass Conny und dieser Roger davon überzeugt waren, dass die Gedankenkontrolle gewirkt hatte.

Emily hätte sich so gern mit ihr über dieses neue Buch unterhalten. Es schien in ihr etwas ausgelöst zu haben. Sie hatte in der letzten Nacht wieder denselben Traum. Ihr war wieder dieser gut aussehende Mann mit den traurigen Augen erschienen. Es war genau der Typ, den Conny im Roman als Hexer beschrieben hatte, obwohl der dort langes und glattes Haar hatte und seine Augen grau waren. Der Unterschied befand sich auch noch darin, dass er dort arrogant, spöttisch und rücksichtslos auftrat, bis ihm Einhalt geboten wurde. Trotzdem brachte Emily ihr Traumbild mit der Person aus dem Roman in Verbindung. Man hatte ihm auf Grund seiner Taten seine magischen Kräfte weggenommen.

Emily fragte sich, ob er deshalb diesen wehmütigen Blick hatte. Oder ob es noch einen anderen Grund gab, denn für sie existierte dieser Hexer wirklich.

Am Freitag fuhr Emily nach der Arbeit zu der Wohnung von Conny. Es war eine spontane Eingebung, der sie folgte. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Cornelia hier noch wohnte. Aber vielleicht hatte sie diese Wohnung noch nicht aufgegeben. Man konnte ja nie wissen.

Emily parkte in der Nähe des Hauses bei einem Einkaufszentrum und lief zur Tür. Mit Erstaunen musste sie feststellen, dass dort immer noch das Schild C. Hansen neben dem Klingelknopf angebracht war. Emily war neugierig. Sie drückte einfach auf dem Knopf, um herauszufinden, was passierte. Dabei zog sie sich ihre Kapuze von der Jacke über den Kopf und drehte sich so, dass die Kamera nicht ihr Gesicht erfassen konnte.

Emily hörte es schnarren.

„Sie wünschen?“, fragte eine männliche Stimme aus dem Lautsprecher.

„Hallo, ich wollte fragen, ob Cornelia Hansen zu Hause ist“, rief sie etwas zögerlich in die Sprechanlage hinein.

„Wer sind Sie?“, fragte die Stimme, die sich mürrisch anhörte.

„Emily Rathmann, ihre ehemalige Assistentin“, antwortete sie.

„Frau Hansen wohnt schon lange nicht mehr hier. Tut mir leid“, informierte er Emily.

„Aber ihr Name ist noch auf dem Schild“, wandte sie schnell ein, weil sie befürchtete, der Sprecher könnte die Verbindung unterbrechen.

„Die Wohnung gehört ihr auch noch. Sie hat sie an mich vermietet. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen“, erklärte die Stimme ihr, was nun ungehalten klang.

„Danke. Entschuldigen Sie bitte die Störung“, sagte sie leise. Dann hörte sie das Knacken und wusste, dass die Verbindung wortlos unterbrochen worden war.

Emily ging enttäuscht zu ihrem Wagen. Was hatte sie auch erwartet? Dass Conny in ihrer Wohnung hockte und auf sie wartete?

Emily stieg ein und fuhr los. Sie lenkte das Fahrzeug an dem Haus vorbei, in der sich Connys Wohnung befand und warf noch einen Blick zur Haustür. Im selben Augenblick öffnete sich diese, und Rohan Gardner trat heraus. Fast wäre Emily auf das Fahrzeug vor ihr aufgefahren, wenn sie nicht schnell genug gebremst hätte. Dabei quietschten ihre Reifen überlaut. Das hatte zufolge, dass sie ungewollt die Aufmerksamkeit einiger Passanten auf sich zog. Aus dem Augenwinkel heraus konnte Emily erkennen, dass auch der Gardner zu ihr hinüber schaute. Es war ein Schock für sie, ihn hier zu sehen. Sofort kam ihr der Gedanke, dass er der Mieter der Wohnung war. Naja, irgendwo musste er ja wohnen. Warum nicht hier?


Rohan hatte das Klingeln gehört. Er wunderte sich. Simon hatte sich bereits auf dem Weg gemacht. Er wollte durch die Clubs ziehen und nach potenziellen Opfern für seine Ernährung suchen. Rohan hoffte, dass es dem jungen Unsterblichen hier bald zu langweilig wurde und er dann weiterziehen würde. Er war einfach nicht zu bewegen, die Blutkonserven anzunehmen.

„Hörst du den Puls rasen? Hörst du das Blut, wie es durch die Adern rauscht? Schmeckst du die Wärme und das Leben, wenn du aus diesen Plastiksäcken trinkst?“, hatte er abfällig gefragt und mit einem Beutel vor Rohans Gesicht gewedelt. Dann hatte er einfach die Wohnung verlassen.

Rohan sah auf den kleinen Monitor, konnte die dort stehende Gestalt nicht erkennen. Er überlegte schon, sich gar nicht um den ungebetenen Gast zu kümmern. Doch dann wurde er stutzig. Etwas sagte ihm, dass er die Person kannte. Als sie wissen wollte, ob Conny da wäre, fragte er sich, wer sie war und was sie von ihr wollte, denn schließlich lebte sie schon seit über einem Jahr nicht mehr hier. Doch dann beantwortete Emily freimütig seine Frage nach ihrem Namen. Es erstaunte ihn, dass sie nach so einer langen Zeit gerade jetzt die Verbindung zu ihrer ehemaligen Chefin suchte und fragte sich nach dem Grund. Er fand keinen, der plausibel genug war.

Als er das Haus verließ, konnte er noch einen Hauch ihres Geruches wahrnehmen. Dann hörte er die Räder eines bremsenden Wagens in seiner unmittelbaren Nähe quietschen und blickte in die Richtung. Er entdeckte Emily, die wohl gerade noch rechtzeitig einen Auffahrunfall vermieden hatte. Hier kannte er den Grund der Unaufmerksamkeit. Sie hatte ihn aus dem Haus kommen sehen. Das bedeutete, dass sie wusste, wer er war. Sie musste ihn auf dem Gestüt ihrer Eltern heimlich beobachtet haben, ohne dass er es bemerkt hatte. Ihm war klar, dass das sowieso irgendwann einmal geschehen wäre.

Dann kam ihm der Verdacht, dass sie ihm nachspionieren würde. Doch so richtig konnte er sich für diesen Gedanken nicht erwärmen. Es schien wohl eher ein Zufall gewesen zu sein, dass sie ihn hier entdeckt hatte auf der Suche nach ihrer ehemaligen Chefin.




3. Ein nachträgliches Geschenk

Am darauffolgenden Wochenende fuhr Emily allein zu ihren Eltern und backte fast den ganzen Samstag mit ihrer Mutter Plätzchen. Von diesen wurde immer eine kleine Dose zu den Geschenken der Mitarbeiter des Gestüts gelegt, denn sie waren auch bei ihnen sehr beliebt.

Das Weihnachtsfest verbrachte Emily ebenfalls bei ihren Eltern. Zu ihrem Ärger bot sich keine Gelegenheit mit Black Dancer auszureiten. Entweder war der Gardner da und tat es selbst. Oder das Wetter war so miserabel, dass sie es sogar unterließ mit Serina auszureiten. Dafür war sie aber oft im Stall und verwöhnte die beiden Tiere mit Leckereien und Streicheleinheiten oder führte einen von ihnen in die Halle am Seil.

Weil Emily nie wusste, wann der Besitzer auftauchen würde, wagte sie es nicht, den Hengst zu satteln und mit ihm in die Reithalle zu gehen. Das tat sie nur mit Serina. Bis zwei Tage vor Silvester.

Emily ging nach dem Mittag fest entschlossen in den Stall und nahm sich ihren Sattel. Damit begab sie sich zur Box von Black Dancer. Tom war nirgends zu sehen. Also konnte man ihn nicht mit zur Verantwortung ziehen. Sie allein wollte die Konsequenz tragen, falls der Herr Gardner urplötzlich hier auftauchten sollte. Wahrscheinlich müsste sie sich eine anständige Predigt von ihm anhören, die bestimmt nicht angenehm war. Doch das war ihr jetzt egal. Und wenn er wirklich ein Vampir war, würde er ihr nichts tun. Er durfte seine Existenz nicht gefährden. Schließlich wusste er ja nicht, dass sie ihn enttarnt hatte.

Wie immer begrüßte sie Black Dancer mit sanfter Stimme und näherte sich ihm langsam. Er verhielt sich ruhig. Ohne eine Regung ließ er sich den Sattel und das Halfter anlegen. Dann führte sie ihn zur Reithalle. Mittendrin blieb sie mit dem Hengst stehen. Emily stellte sich vor ihn und strich über seine Nüstern hoch zur Stirn.

„He, mein Schöner. Wollen wir beide es einmal versuchen? Ich vertraue dir. Vertraust du mir auch?“ Als wenn er sie verstehen würde, senkte und hob Black Dancer seinen Kopf. Emily hauchte an seine Nüstern und strich über seinen Hals. Langsam bewegte sie sich an die Seite des Tieres. Mit einem Schwung saß sie auf, hielt die Zügel fest und verharrte einen Augenblick. Erfreut, dass der Hengst immer noch ruhig dastand, tätschelte sie seinen Hals. Jetzt bewegte er unruhig seinen Schweif und schnaubte. Emily lächelte. „Du scheinst bereit zu sein. Dann lass es uns beide probieren.“ Zuerst ließ Emily es langsam angehen. Er sollte sich an sie gewöhnen. Doch damit schien er keine Schwierigkeiten zu haben. Dann steigerte sie das Tempo. Nach einer Stunde saß sie ab und umschlang von Black Dancer den Hals.

„Ich danke dir, mein Schöner“, murmelte sie. Als sie ihn wieder ansah, rieb er seinen Kopf an ihrer Schulter. Emily lachte leise.

„Gern geschehen. Ich hoffe, dass wir beide das wiederholen können. Schade, dass wir es heimlich machen müssen“, beklagte sie sich dann.

„Sie haben mein Verbot missachtet, Frau Rathmann“, hörte Emily plötzlich eine Stimme sagen. Sie war kalt und messerscharf. Vor Schreck zuckte sie zusammen und keuchte auf. Black Dancer ging ein paar Schritte zurück und schlug seinen Schweif unruhig hin und her.

„Alles in Ordnung, mein Schöner. Du bekommst keinen Ärger. Den bekomme nur ich“, seufzte sie und strich mit ihrer Hand an seinem Hals entlang.

Dann schaute Emily zum Rang hinauf, denn von dort war die Stimme gekommen. Er war nicht beleuchtet, und so konnte sie niemand erkennen.

„Ich möchte mich vielmals entschuldigen, aber ich konnte nicht anders. Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können“, sagte sie in die Richtung und spürte wieder dieses Kribbeln in sich und auf ihrer Haut. Doch sie konzentrierte sich ganz auf die unangenehme Situation, die nun eingetreten war.

„Das kann ich sehr wohl. Jedoch tut das nichts zur Sache“, erwiderte er scharf.

„Hm. Sie haben recht. Was werden Sie jetzt tun? Werden Sie den Vertrag kündigen?“ Sorge lag in ihrer Stimme, denn davor hatte Emily am meisten Angst. Ihr Vater würde ihr das so schnell nicht verzeihen. Schließlich hatte sie ihm ein Versprechen gegeben.

„Das sollte ich tun, junge Dame. Aber ich denke, dass Ihr Vater keine Kenntnis von Ihrem Tun hat.“ Seine Stimme klang nicht mehr so hart. Er war einen Schritt nach vorn getreten und Emily konnte nun seine Gestalt erkennen. Etwas irritiert starrte sie ihn an, denn seine Ausdrucksweise gehörte irgendwie nicht in dieses Jahrhundert. Sie fragte sich, wie alt er wohl war.

„Und, hat Ihr Vater Kenntnis davon?“, fragte er noch einmal, weil sie nicht antwortete.

„Ähm, nein. Keiner weiß davon. Es hat mich auch niemand gesehen“, antwortete Emily und bereute im gleichen Augenblick, was sie ihm gerade mitgeteilt hatte.

„Tun Sie immer das Gegenteil von dem, was man Ihnen sagt?“ Seine Stimme hatte einen spöttischen Klang angenommen, der sie kränkte.

„Nein. natürlich nicht“, rief sie entrüstet. Was dachte dieser Typ da von ihr? Sie war keine verantwortungslose Person.

„Dann frage ich mich, warum Sie es im Fall von Black Dancer getan haben. Und das bereits zum zweiten Mal“, hielt er ihr vor.

Emily musste gestehen, dass er völlig recht hatte. Es war schon merkwürdig, dass sie sich bei diesem Hengst nicht zurückhalten konnte. Es lag nicht an dem Verbot, das sie reizte wie eine verbotene Frucht. Es war einfach der Wunsch, der sie mit jeder Faser ihres Körpers dazu drängte und nur noch den einen Gedanken zuließ, dieses Tier reiten zu dürfen.

Sie entschloss sich, ihm eine ehrliche Antwort zu geben.

„Es ist wie ein Zwang. Ich kann einfach nicht widerstehen, wenn es um ein so schönes und stolzes Tier geht. Black Dancer ist so ein wunderbares Pferd. Sie sind sicher sehr stolz auf ihn.“

Er ging auf ihre Vermutung nicht ein. Aber er erkannte sich selbst in dem Gesagten wieder und musste unwillkürlich schmunzeln.

„Sie scheinen von Pferden viel zu verstehen“, schlussfolgerte er nicht nur aus ihren Worten. Er hatte sie nun schon mehrmals beobachten können. Und heute zollte er ihr sogar Respekt. Er hatte sich auf den Rang geschlichen, als Emily mit Black Dancer die Halle betreten hatte. Die ganze Zeit hatte er aus dem Verborgenen zugesehen, wie sie mit dem Hengst umgegangen war und mit ihm gearbeitet hatte. Es war erstaunlich.

„Ich bin mit ihnen groß geworden. Ich konnte noch nicht einmal laufen, hab aber schon auf einem Pferd gesessen.“ Emily konnte sich noch gut erinnern, wie ihre Großmutter ihr davon erzählt und sie von ihrer Angst berichtet hatte, dass sie fallen und sich das Genick brechen könnte.

„Was mache ich nun mit Ihnen?“, hörte sie ihn leise sagen. Emily glaubte etwas in seiner Stimme zu hören, was ihr gar nicht gefiel. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken, und sie schaute gebannt zum Rang hinauf. Sie konnte es nicht verhindern, dass sie sich vorstellte, wie er jetzt von dort zu ihr heruntersprang und sich vor sie stellte.

Rohan vernahm ihre Gedanken und wurde stutzig. Was hatte diese Frau nur für eine merkwürdige Fantasie?

Emily zwang sich mit aller Gewalt, an andere Dinge zu denken. Sie streichelte den Hals von Black Dancer und ging in Gedanken durch, was sie tun konnte, damit sie diese Halle lebend verließ.

Rohan schüttelte den Kopf. Es erschien ihm verrückt, was in ihrem Kopf vor sich ging. Warum dachte sie, dass sie die Halle nicht lebend verlassen könnte. War das so eine Redensart? Er musste jetzt eine Entscheidung treffen. Und die teilte er ihr nun mit. Rohan stellte sich dazu am Rand des Ranges, so dass sie ihn richtig sehen konnte.

„Frau Rathmann. Ich habe eine Entscheidung getroffen“, sagte er im harten Ton.

Emily sah ihn mit gemischten Gefühlen an. Sie hoffte inständig, dass er nicht den Vertag kündigte und ihr Vater nichts von dieser Sache erfuhr.

Rohan ging auch gleich auf ihre Ängste ein.

„Ich werde den Vertrag aufrechterhalten. Jedoch denke ich, dass eine Veränderung hinsichtlich meiner persönlichen Bedingungen notwendig sein wird. Ob ihr Vater von dieser Angelegenheit Kenntnis erlangen wird, das kann ich nicht vorhersagen. Aber ich denke, damit wäre die Sache hier geregelt. Ich hoffe nur, dass Sie ab jetzt meine Wünsche respektieren werden.“

„Ich werde mich bemühen. Danke.“ Zu gern hätte Emily gewusst, was das für Änderungen sein würden. Durfte sie nun nicht mehr in die Nähe von Black Dancer? Tja. Daran war sie dann ja wohl selbst schuld. Sie hoffte, dass er nicht zu so einer drastischen Maßnahme greifen würde. Aber eins wollte sie noch wissen.

„Eine Frage habe ich doch. Wie lange haben sie uns zugesehen?“

Sie hörte ihn leise lachen, denn er hatte sich in das Dunkle des Ranges zurückgezogen.

„Lange genug.“ Dann klappte die Tür und sie wusste, dass er gegangen war. Vielleicht war er auf dem Weg zu ihrem Vater. Sie würde es noch früh genug erfahren. Daran mochte sie gar nicht denken. Und dann schien es auch noch, als würde er sich auf ihre Kosten amüsieren. Er hatte sie also nicht nur ein paar Minuten beobachtet. Wenn Emily das richtig verstanden hatte, dann war er von der ersten Minute an ihr heimlicher Beobachter gewesen. Warum hatte er nicht schon da eingegriffen und es ihr untersagt? Neugier? Oder dachte er, dass er zusehen konnte, wie sie versagte und Black Dancer sie abwarf? Sie wollte ja nicht überheblich wirken, aber sie war bis jetzt noch nie von einem Pferd abgeworfen worden.

Emily brachte den Hengst zum Stall zurück, nahm ihm den Sattel und die Zügel ab und versorgte ihn in aller Ruhe. Das hatte er auch verdient. Zum Schluss umarmte sie ihn noch und murmelte ein Danke, das er mit einem Reiben seines Kopfes an ihrer Schulter erwiderte.

Als Emily den Stall verließ und dem Haus zustrebte, hätte sie sich in zwei Personen spalten können. Die eine war glücklich, weil sie den stolzen schwarzen Hengst geritten hatte. Die andere war voller Unruhe und Ängste. War der Gardner bei ihrem Vater gewesen? Wenn ja, was würde sie erwarten, wenn sie das Haus betrat und sie ihrem Vater gegenüberstand? Emily stöhnte laut auf. Sie überlegte schon, sich leise auf ihr Zimmer zu schleichen, die Sachen zu packen und einfach nach München zu fahren. Doch dann schimpfte sie mit sich. Sie war doch sonst nicht so feige. Da musste sie eben durch. Schließlich hatte sie sich das Ganze selbst eingebrockt.

Bevor sie hineinging, lief sie zu den Parkplätzen, um zu sehen, ob noch der Porsche von dem Gardner dort stand. Aber er war schon fort, falls er hier überhaupt gestanden haben sollte. Dann endlich betrat sie das Haus. Im Flur blieb sie stehen und horchte. Aus dem Wohnzimmer hörte sie die Töne, die aus dem Fernseher kamen. Im Büro war kein Licht mehr. Das hatte sie schon von draußen gesehen.

Emily zog ihre Jacke und die Stiefel aus. Dann ging sie sich waschen und umziehen. Als sie damit fertig war, lief sie in die Küche, denn es war Zeit, das Abendbrot vorzubereiten. Ihre Mutter war bereits dort.

„Da bist du ja“, rief sie erfreut. „Wo warst du nur den ganzen Nachmittag? Du warst doch bei diesem Mistwetter nicht ausreiten?”

„Nein, natürlich nicht. Ich war in der Reithalle“, antwortete sie wahrheitsgetreu.

„Der Herr Gardner war vorhin hier. Er wollte mit deinem Vater reden“, informierte sie ihre Tochter und sah sie prüfend an.

„Hm.”

„Ich hege den Verdacht, dass meine Tochter etwas getan hat, was sie lieber nicht hätte tun sollen“, sagte sie mit einem Unterton, der eindeutig ihr Handeln missbilligte.

„Hat Papa was gesagt?“, fragte Emily vorsichtig an.

„Nein. Er hat bis jetzt noch kein Wort darüber verloren. Er macht nur ein ziemlich nachdenkliches Gesicht“, antwortete sie und goss dabei das heiße Wasser in die Teekanne.

„Sieht er verärgert aus?“ Emily biss sich ängstlich auf ihre Unterlippe.

Ihre Mutter musterte sie und deutete ein Lächeln an.

„Hm. Verärgert? Nein.“

Diese Antwort nahm ihr trotzdem nicht ihre Angst. Emilys Mutter schien das zu spüren.

„Du warst mit dem schwarzen Hengst in der Reithalle. Vermute ich das richtig?“

Emily nickte.

„Vielleicht solltest du zu deinem Vater gehen. Herr Gardner wird den Vertrag nicht gekündigt haben. Dann wüsste ich das?“

„Das hatte er auch nicht vor. Er wollte eine Veränderung hinsichtlich seiner persönlichen Bedingungen vornehmen. Was er damit meinte, hat er mir nicht verraten“, teilte Emily ihr im leicht sarkastischen Ton mit.

„Also hat er dich auf frischer Tat ertappt.“ Ihre Mutter sah sie nun doch etwas besorgt an.

„Er hat von Anfang an vom Rang aus zugesehen“, bestätigte Emily es.

„Na, dann weiß er ja jetzt, was du kannst“, meinte ihre Mutter und widmete sich wieder der Vorbereitung des Abendbrots. Sie schien sich keine großen Sorgen zu machen.

„Das wird mir nicht viel helfen. Jetzt werde ich bestimmt nicht mal mehr in die Nähe von Black Dancer dürfen“, jammerte Emily.

„Geh zu deinem Vater und rede mit ihm!“, forderte sie ihre Tochter auf.

„Soll ich dir nicht lieber erst helfen?“ Emily fühlte sich gerade sehr unbehaglich.

„Emily. Geh!“, sagte nun ihre Mutter warnend. Sie mochte es nicht, wenn etwas unklar war und auf die lange Bank geschoben wurde.

Mit hängenden Schultern schlich Emily ins Wohnzimmer und blieb im Türrahmen stehen. Ihr Vater sah sie mit einem unergründlichen Blick an.

„Setz dich!“, forderte er sie ausdruckslos auf. Schnell kam sie seiner Bitte nach.

„Herr Gardner war vorhin bei mir und hat mich um eine Unterredung gebeten. Dann änderte er noch eine Verfügung in seinem Vertrag. Erzähl mir, was vorgefallen ist.“

Emily seufzte leise. Dann fing sie an zu berichten, was sich an diesem Nachmittag zugetragen hatte. Ihr Vater hörte die ganze Zeit schweigend zu. Kein Wort kam über seine Lippen, und er zeigte auch keine Regung. Er schmunzelte nicht und sah auch nicht verärgert aus. Als sie mit ihrem Bericht fertig war, herrschte erst einmal Stille im Raum. Doch dann fing ihr Vater an zu reden.

„Du hast dich nicht an dein Versprechen gehalten. Du weißt, dass mich das sehr enttäuscht.“

Emily nickte schuldbewusst und ärgerte sich zugleich. Dann hatte der Gardner also doch gepetzt. Doch ihr Vater ließ ihr keine Zeit länger darüber nachzudenken und sprach gleich weiter: „Herr Gardner hat dich nicht verraten, wenn du das denkst. Ich habe Eins und Eins zusammengezählt. Das war nicht schwer. Er meinte, dass er dich jetzt nun schon eine Weile beobachtet hatte und wäre positiv überrascht, wie einfühlsam du mit den Pferden umgehst und sie lenkst. Ihm gefällt zwar nicht, dass du es geschafft hast, das Vertrauen seines Hengstes zu bekommen. Aber besser eine Person, die sich mit Pferden auskennt und sie liebt, als jemand anderer. Darum gestattet er es dir, mit Black Dancer auszureiten. Einmal die Woche, wenn du möchtest und er nicht kann. Er würde uns dann die entsprechende Mitteilung zukommen lassen.“

Emily starrte ihren Vater an. Sie glaubte sich verhört zu haben. „Was?“, murmelte sie.

Ihr Vater schmunzelte und seine Augen blitzten belustigt auf. „Emily. Du hast seine Erlaubnis. Du darfst mit dem Hengst ausreiten.“

Emily sprang auf und quietschte vor Freude. Dann umarmte sie ihren Vater überschwänglich und lachte vergnügt. Ihr Vater schüttelte lachend den Kopf.

„Eigentlich müsste ich dich übers Knie legen. Du weißt, das hätte auch nach hinten losgehen können.“

„Du glaubst gar nicht, was ich für eine Angst hatte, als der auf einmal auf dem Rang auftauchte und mich zusammenstauchte. Und dann davor, was er dir erzählen würde“, gestand sie ihm. „Ich kam mir vor, wie früher, wenn ich etwas ausgefressen hatte.“

Nach dem Abendbrot ging Emily auf ihr Zimmer und streckte sich auf ihrem Bett aus. Mit einem glücklichen Lächeln schaute sie zur Decke. Es war für sie wie ein nachträgliches Weihnachtsgeschenk. Sie durfte mit Black Dancer ausreiten. Natürlich musste sie aufpassen, dass Serina nicht zu kurz kam. Aber das würde sie schon hinbekommen.

Emily schloss ihre Augen und stellte sich vor, wie sie mit dem Hengst über die Wiesen galoppierte.

Doch plötzlich schob sich das Bild des Mannes mit den dunklen Augen, die sie wehmütig ansahen, vor ihren Wachtraum.

Emily riss ihre Augen auf und stöhnte. „Wer bist du? Warum sehe ich dich immer wieder?“, murmelte sie. Nach einer Weile stand sie auf und ging ins Bad. Dort stützte sie sich auf dem Waschbecken ab und starrte in den Spiegel. Ihr fiel wieder ein, was Francine zu ihr gesagt hatte und fasste einen Entschluss. Es war Zeit für eine Veränderung. Ihrer Veränderung.

Emily sah auf die Uhr. Vielleicht hatte sie Glück und würde noch einen Termin für den nächsten Tag bei ihrem Friseur bekommen. Hexen müsste man können, dachte sie bei sich und seufzte. Sie nahm sich ihr Handy und wählte die gespeicherte Nummer.

Emily hatte Glück. Jemand hatte seinen Termin abgesagt. Aber als sie sagte, was sie sich so vorstellte, wurde es zuerst still in der Leitung. Dann sagte die Friseuse, dass sie sich nicht sicher sei, es in zwei Stunden zu schaffen. Sie würde dazu mindestens drei Stunden benötigen und bot ihr an, im neuen Jahr einen Termin zu machen. Doch Emily lehnte ab. Jetzt wollte sie diese Veränderung so schnell wie möglich. Ihre Friseuse lenkte ein und bat sie einen Augenblick zu warten. Sie wollte sich mit ihren Kolleginnen beraten. Dann sagte sie zu Emilys Erleichterung, dass sie zu der Zeit vorbeikommen sollte. Emily bedankte sich bei ihr und legte auf. Sie überlegte, wie sie den morgigen Vormittag einteilen wollte. Nach dem Mittag musste sie pünktlich von hier abfahren. Dann würde sie es bis zum Friseurtermin gut schaffen.




4. Zwischen Unsicherheit und Sicherheit

Über die Festtage hielten sich in der Kureinrichtung in der Region Maramuresch in Rumänien keine Gäste auf. Darum waren Saphira und Roger mit ihrem Sohn Darryl zu ihren Großeltern nach Ungarn geflogen, um dort gemeinsam das Weihnachtsfest zu verbringen. Dort warteten auch ihre Eltern Jessica und Xenus auf sie. Zwei Tage vor Silvester flogen sie wieder zurück, denn sie wollten mit ihren Freunden den Jahreswechsel feiern.

Wie so oft, war Doktor Thomas Morgan auch einen Tag vor Silvester ein gern gesehener Gast bei ihnen. Bevor er in sein Haus ging, um ins Bett zu gehen, hatte er mit ihnen ein Glas Wein getrunken, nachdem Saphira den kleinen Darryl ins Bett gelegt hatte. Thomas war den beiden immer noch dankbar, dass sie sich nach seiner Verurteilung um ihn gekümmert hatten. Besonders Saphira hatte sich für ihn eingesetzt. So hatte er endlich zu sich selbst gefunden und hatte wieder Freunde. Zwar vermisste er seine magischen Kräfte schmerzlich. Aber er würde sie wiedererhalten. Wenn er noch neunundfünfzig Jahre sich keines Vergehens schuldig machte, dann hatte er die Chance wieder ein Hexenmeister zu sein. Mit Hilfe seiner Freunde würde ihm das gelingen.

Seit sein Bruder Philipp verurteilt worden war und seine Existenz verloren hatte, war mit ihm etwas geschehen. Zuerst fiel er in Depressionen und wollte selbst nicht mehr existieren. Doch Saphira holte ihn aus diesem Dilemma. Er hatte durch sie erkannt, dass sein ganzes Verhalten arrogant, grob und selbstsüchtig gewesen war. Philipp hatte ihn für seine Gier nach mehr Macht ausgenutzt, ohne dass er es bemerkt hatte. Doch diese Zeit war vorbei. Thomas gestand sich ein, dass er sich nun viel wohler und ausgeglichener fühlte. Wenn da nicht in letzter Zeit laufend das gleiche Bild von einer jungen Frau in seinen Träumen erscheinen würde. Sie hatte grüne Augen und langes, tizianrotes Haar. Er fand, dass sie wunderschön war. Aber sie sah immer so verstört aus. Er verstand nicht, warum sich ihm ständig dieses Bild zeigte. Es musste etwas bedeuten.

Thomas dachte darüber nach, ob er es Saphira und Roger erzählen sollte. Doch er entschied sich dagegen. Vielleicht würde sich das Problem mit dem Bild von allein lösen. Also verbannte er es in einen Winkel seines Gehirns, den er nicht zum Lesen seiner Gedanken freigab.


Silvester war Francine mit Emily verabredet. Sie wollten sich in einem Restaurant treffen, um zu essen, bevor sie zur Party in den Club gingen. Francine war bereits dort und wartete auf ihre Freundin. Eigentlich war es meist umgekehrt. Emily musste oft warten, weil Francine diejenige war, die sich stets verspätete.

Francine sah nun des Öfteren zur Tür in Erwartung, dass Emily endlich hereinschneite. Wieder betrat jemand das Restaurant. Doch es war nicht die, die sie erwartete. Die Frau, die gerade eingetreten war, hatte langes großlockiges Haar, das tizianrot war.

Francine stöhnte auf und murrte ärgerlich vor sich hin.

„Wo bleibt die denn?“

„Grüß dich! Entschuldige, aber es hat etwas länger gedauert. Wartest du schon lange?“, sagte Emily frohgelaunt und setzte sich Francine gegenüber.

Die traf fast der Schlag, als sie ihre Freundin anblickte. Sie starrte sie nur an.

Emily fing an zu lachen, denn sie sah Francine selten sprachlos.

„He. Ich habe nur deinen Rat befolgt. Ist es so schlimm?“

Francine atmete tief ein. „Wow! Bist du das wirklich?“, hauchte sie völlig fassungslos.

„Ich denke schon“, grinste sie.

„Du siehst umwerfend aus. Jetzt fehlt nur noch, dass du zaubern kannst“, meinte Francine, immer noch überwältigt von der Verwandlung ihrer Freundin, und musterte sie nachdenklich.

„Wie kommst du denn auf so was?“, fragte Emily mit Spott in der Stimme.

„Ich weiß nicht. Du wirkst auf mich wie ein Fee oder Hexe. Bist du aus einem deiner Bücher gekrabbelt, die du immer liest?“, erwiderte Francine und sah sie immer noch staunend an.

„Ich war nur beim Friseur. Hat mich ein Vermögen gekostet. Aber wie es scheint, hat es sich gelohnt“, sagte Emily und lächelte schief.

„Und wie es sich gelohnt hat. Deine grünen Augen strahlen richtig. Man, du wirst dich heute Abend vor Verehrern gar nicht retten können“, prophezeite sie.

„Ach, Quatsch!“, winkte sie ab.

Endlich kam der Ober, und sie bestellten sich ihre Getränke.

„Das ist auch neu, was du da anhast. Sieht super aus“ Ihre Augen glitten an Emily herunter, soweit sie es am Tisch sehen konnte, als der Ober weg war.

„Danke. Ich gebe das Kompliment an dich zurück“, sagte Emily. Sie hatte nach ihrem Besuch beim Friseur noch einen Einkaufsbummel gemacht. Da sie sich für eine Veränderung entschieden hatte, wollte sie es auch gleich richtig machen. Und dazu gehörten neue Kleidungsstücke.

Neben einer Hose und zwei Pullover hatte sie sich für diesen Abend den dunkelgrünen, leicht glänzenden Overall geleistet, der sich an ihren Körper schmiegte wie eine zweite Haut. Das Oberteil war zu einem Neckholder gearbeitet, so dass ein Teil des Rückens frei von Stoff war. Alles war ziemlich teuer gewesen. Doch das war ihr egal. Viel zu selten leistete sie sich so etwas. Das Teuerste an dem Tag war natürlich der Friseur gewesen. Sie hatte gewünscht,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Astrid Gavini
Tag der Veröffentlichung: 07.06.2017
ISBN: 978-3-7438-1783-8

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