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DAS MÄDCHEN UND DER EINBRECHER

Kriminalerzählungen

von WALTER G. PFAUS

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 91 Taschenbuchseiten.

 

...der Tresor war offen. Ein leiser Pfiff kam über seine Lippen.

Rasch nahm er eine große Stofftasche aus der Mappe und stopfte das ganze Geld hinein. Der Geldschrank war angefüllt mit Scheinen. Lohngelder! Einige Päckchen musste er noch in der Aktentasche unterbringen.

Dann tat der Mann etwas Seltsames. Er zog einen Fotoapparat aus der Aktentasche, schraubte ihn auf ein Stativ und stellte ihn auf den aufgebrochenen Tresor ein. Er drückte auf den Auslöseknopf und setzte sich dann vor den Geldschrank.

Ein kurzer greller Blitz erleuchtete das Zimmer.“

 

Ein neuer Band mit kurzen und längeren, knackigen und pointierten Krimi-Erzählungen von Walter G. Pfaus in der Edition Bärenklau.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Der Fotomörder

Der Mann beobachtete das Pförtnerhäuschen. Es war kurz vor Mitternacht. Gleich müsste der Pförtner seine Runde machen.

Dann war es soweit. Der Pförtner verließ sein Häuschen, schloss es sorgfältig hinter sich ab und machte dann seine Runde durch das Werk.

Langsam trat die Gestalt ins Mondlicht hinaus. Er überquerte die Straße, schaute sich sichernd nach allen Seiten um und kletterte dann wie eine Katze über den hohen, aus Holzlatten bestehenden Zaun.

Auf leisen Sohlen ging er über den Hof und schritt zielbewusst auf ein kleines Fenster zu. Er nahm die Aktentasche von seinem Rücken, die prall gefüllt war, nahm Sauggummi und Glasschneider heraus und schnitt ein Stück aus der Fensterscheibe.

Ohne den geringsten Lärm verursacht zu haben, stieg er dann ein und schloss hinter sich das Fenster. Er eilte in den zweiten Stock des Bürogebäudes hinauf und öffnete mit einem Dietrich eine Tür. Drinnen setzte er sich auf den Boden und wartete, bis der Wächter vorbei war.

Es war fünfzehn Minuten nach Mitternacht.

Voll konzentriert begann er mit der Arbeit. Er nahm aus seiner Tasche eine Bohrmaschine, einen Satz Bohrer, ein Lineal, ein Maßband und einen Zirkel. Damit begab er sich zum Tresor, maß einen bestimmten Punkt aus, setzte seinen Zirkel an und machte einen Kreis von etwa sieben Zentimeter Durchmesser.

Nun kam die Hauptarbeit. Er suchte eine Steckdose für die Bohrmaschine und fing an zu bohren. Die Maschine machte nur wenig Lärm. Er arbeitete ohne Unterbrechung.

Genau nach einer Stunde unterbrach er seine Arbeit, setzte sich neben die Türe und wartete auf die Schritte des Wächters. Nach zehn Minuten kam er. Nach weiteren zwei Minuten setzte der Mann seine Arbeit wieder fort.

Eine halbe Stunde später hatte er es geschafft. Der Tresor war offen. Ein leiser Pfiff kam über seine Lippen.

Rasch nahm er eine große Stofftasche aus der Mappe und stopfte das ganze Geld hinein. Der Geldschrank war angefüllt mit Scheinen. Lohngelder! Einige Päckchen musste er noch in der Aktentasche unterbringen.

Dann tat der Mann etwas Seltsames. Er zog einen Fotoapparat aus der Aktentasche, schraubte ihn auf ein Stativ und stellte ihn auf den aufgebrochenen Tresor ein. Er drückte auf den Auslöseknopf und setzte sich dann vor den Geldschrank.

Ein kurzer greller Blitz erleuchtete das Zimmer. Der Mann wartete kurz neben dem Apparat und zog dann das fertige Bild heraus. Es war sein Gesicht und seine Schultern zu sehen.

Mit einem schadenfrohen Grinsen heftete er das Foto an den Tresor, packte alles ein, verwischte seine Spuren und verließ das Werk so unbemerkt, wie er gekommen war.

Als er nach Hause kam, stellte er sich vor den Spiegel, grinste und sagte: „Das war Nummer sechs. Ich werde die Kripo noch zur Verzweiflung bringen.“ Sprach’s und zog sich dann die glänzend gemachte Maske vom Gesicht.


*


Bei Oberinspektor Baumgard klingelte morgens um acht Uhr das Telefon.

„Baumgard!“, meldete er sich.

Sein Gesicht wurde während des Gesprächs immer länger.

„Wir kommen sofort“, sagte er eilig und knallte den Hörer auf die Gabel. Er stand auf und ging ins Vorzimmer.

„Kreck, verständigen Sie sofort die Spurensicherung. Sie sollen zur Firma Breitenauer & Co. kommen. Der Tresor wurde aufgebrochen. Wieder von unserem Tresorfotografen. Wenn wir den Kerl nicht bald schnappen, bin ich reif fürs Sanatorium.“

Inspektor Kreck informierte die Spurensicherung und fuhr mit Baumgard zu Breitenauer & Co.

Kurz darauf standen sie kopfschüttelnd vor dem aufgebrochenen Tresor und starrten auf das Foto, das der Einbrecher hinterlassen hatte.

„Schon wieder ein anderes Gesicht! Dieser Mann muss ein Meister der Maske sein. Sechs Einbrüche, sechs Fotos und jedes Mal ein anderes Gesicht. Es ist zum Verrückt werden!“

„Er muss Nerven aus Stahl haben“, sagte Kreck.

„Aber wieder die gleiche herunterhängende linke Schulter.“

„Wie Rainer Buffke!“

„Ja, wie Rainer Buffke! Wir müssen ihn endlich finden. Aber warten wir mal, was unsere Spurenexperten finden.“

Doch die fanden nichts. Wie schon bei den anderen fünf Einbrüchen auch. Keine Fingerabdrücke. Nicht der geringste Hinweis auf den Täter war zu finden.

Als Baumgard das hörte, nickte er nur mit dem Kopf, als hätte er nichts anderes erwartet. Er hatte inzwischen erfahren, dass achtzigtausend Mark an Lohngeldern geraubt wurden.

„Komm Hartmut, gehen wir! Ich glaube, ich habe eine Idee.“

Als sie im Büro ankamen, fragte Baumgard seine Sekretärin: „Haben Schäfer und Braun schon angerufen?“

„Ja!“

„Und?“

„Beide sagte, dass die Personen, die sie zu überwachen hatten, ihr Haus nicht verlassen hätten.“

„Bleibt also Buffke. Wir müssen ihn finden“, sagte er zu Kreck gewandt. „Alle Fahndungen waren bis jetzt erfolglos. Heute Abend werden wir Razzien durchführen. Außerdem habe ich da noch eine Idee. Hör zu! Ich habe bis jetzt festgestellt, dass dieser Tresorfotograf nur drei Arten von Tresoren knackt. Von jeder Sorte sind es jetzt zwei. Das nächste Mal ist bestimmt wieder ein Schindler Modell dran. Stell fest, wie viele von diesen Modellen es in der Stadt gibt.“

Kreck begab sich ans Telefon, während Baumgard sich die Genehmigung für eine Razzia holte.

Als Kreck nach einigen Stunden zurückkam, sah Baumgard schon seinem Gesicht die schlechte Nachricht an.

„Es gibt genau zweiundfünfzig Tresore dieser Bauart in unserer Stadt sind?!“

„Verfluchte Scheiße! Auch das noch!“, donnerte Baumgard los, „Wieso gibt es gerade von diesem Modell so viele?“

„Als dieses Modell vor vier Jahren herauskam, galt es als besonders einbruchsicher. Aber ich habe auch noch nach den anderen Modellen geforscht. Vom Kalinke Modell gibt es noch sieben und von dem anderen noch fünf Stück in der Stadt.“

„Dann bleibt uns also nur noch die Razzia“, sagte Braungard. „Es gibt nur vier Männer, die so exakt arbeiten und soviel Kenntnisse über Tresore haben. Das sind Hartmann, Schleicher, Markwitz und Buffke. Schleicher sitzt im Gefängnis. Der scheidet also aus. Hartmann und Markwitz werden schon seit Wochen überwacht. Nur Buffke! Als er vor einem Vierteljahr aus dem Gefängnis entlassen wurde, haben die Einbrüche angefangen. Und man hat ihn seit seiner Entlassung nicht mehr gesehen. Wir müssen ihn finden!“

„Glaubst du, dass Buffke in der Lage ist, derart gute Masken zu machen, wie sie unser Tresorfotograf nun mal hat?“

„Nein, das kann er bestimmt nicht. Aber er kann ja so einen Mann zur Hand haben. Bestimmt läuft er mit einer Maske herum, deshalb können wir ihn nicht finden. Wir sollten mal im Gefängnis nachfragen, mit wem Buffke Kontakt hatte.“

Die Nachfrage ergab, dass nur seine Freundin ihn ab und zu im Gefängnis besuchte. Auch die Razzia endete ergebnislos, was Buffke anbelangte.

Sechs Tage später wurde wieder ein Tresor aufgebrochen. Fünfundzwanzigtausend Mark war die Beute. Wieder mit Foto am Tresor erneut mit einem anderen Gesicht. Und die linke Schulter hing etwas nach unten.

Der aufgebrochene Tresor war, wie Baumgard es schon voraussagte, ein Schindler Modell. Natürlich fand man auch diesmal wieder keine Fingerabdrücke und keine sonstigen Spuren.

„Ich glaube, das nächste Mal können wir ihn schnappen“, sagte Baumgard zu Kreck, „wenn er seine Reihenfolge fortsetzt, dann ist ein Kalinke Modell dran. Davon haben wir sieben Stück in der Stadt.“

„Heißt das, dass du vor jeden Betrieb, Sparkasse oder im Geschäft einen Mann aufstellen willst?“

„Genau das heißt es!“

„Das können ja lange Nächte werden.“

„Das müssen wir nun mal in Kauf nehmen. Das ist unsere einzige Chance.“

Drei Tage später stellte Baumgard zum ersten Mal die Posten auf. Von abends 23.OO Uhr bis morgens 5.00 Uhr. Sie hatten die Aufgabe, ein bestimmtes Fenster, das Baumgard zuerst aussuchte, zu überwachen.

Die ersten zwei Nächte standen die Wachposten umsonst. Am Morgen nach der dritten Nacht bekam Baumgard gegen neun Uhr einen Anruf. In der Villa des Großindustriellen Karl Wechsler wurde eingebrochen. In seinem Arbeitszimmer stand ein Tresor Marke Kalinke.

„Wer hatte dort Wache?“, fragte er Kreck.

„Der junge Hans Kuster.“

Sie fuhren sofort hinaus zu der Villa. Baumgard steuerte als erstes auf eine Buschgruppe zu, die im großen Garten des Hauses stand. Er hatte Kuster geraten, von dort aus das Haus zu beobachten. Eine dunkle Ahnung trieb ihn dort hin.

Sie fanden Kuster sofort. Tot! Er hatte eine Kugel in der Schläfe. In der Hand hielt er ein Foto, das einen Mann vor einem aufgebrochenen Tresor zeigte. Der Tresorfotograf! Der achte Einbruch. Diesmal sogar noch ein Mord. Der Mann schien vor nichts zurückzuschrecken.

Baumgard war fix und fertig, als er Kuster so daliegen sah. Er war nicht mehr fähig, sich um die Tresorsache zu kümmern. Kreck übernahm es für ihn. War er schuld am Tod des jungen Kuster? Er machte sich heftige Vorwürfe. Hätte er die Wachen nicht aufstellen dürfen? War Kuster zu unaufmerksam gewesen und wurde deshalb von dem Verbrecher bemerkt?

Baumgard schwor sich, diesen Mörder mit allen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen, zu verfolgen.

„Ich werde dich erwischen!“, murmelte er vor sich hin.

Doch als es in der Öffentlichkeit bekannt wurde und die Presse die ganze Sache noch aufbauschte, machte ihm sein Chef einen Strich durch die Rechnung.

Er ließ ihn zu sich rufen.

„Baumgard“, empfing er ihn, „Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass ich Ihnen den Fall wegnehmen muss. Ich kann mir zwar keinen besseren Mann für den Fotomörder vorstellen, aber ich habe ja auch noch einen Chef und der hat mir befohlen, einen anderen Mann einzusetzen.“

Baumgard starrte ihn fassungslos an.

„Sie wollen mir den Fall wegnehmen! Gerade jetzt, wo ich so nah dran bin.“

„Durch Ihre Methode musste immerhin ein junger Beamter dran sterben. Inspektor Bracke wird den Fall bearbeiten. Er ist jung und ehrgeizig und er hat bis jetzt noch nie versagt. Ich halte ihn für ein kriminalistisches Genie.“

„Habe ich schon mal versagt?“, fragte Baumgard erregt.

„Das habe ich nie behauptet. Aber ich muss nun mal den Fall Bracke übergeben. Befehl vom Chef. Tut mir Leid für Sie. Machen Sie einfach mal ein paar Tage Urlaub. Fahren Sie mit Ihrer Frau weg. Sie wird sich bestimmt freuen.“

Ohne ein weiteres Wort verließ Baumgard verließ das Büro.

Inspektor Bracke, der den Fall von Baumgard übernommen hatte, verwarf dessen Theorie, die dieser aufgestellt hatte. Er glaubte nicht daran, dass der Verbrecher die Reihenfolge fortsetzen würde. Er sagte, das wäre nur Zufall gewesen. Und er behielt recht.

Eine Woche später wurde wieder ein Schindler Tresor aufgebrochen. Achttausend Mark waren die Beute.

Eine weitere Woche später, war es wieder ein Schindler Modell. Es war der zehnte Einbruch. Vom Täter fehlte noch jede Spur. Nur das Foto war jedes Mal an den Tresor geheftet. Immer ein anderes Gesicht.


*


Wachtmeister Scharer hatte Nachtdienst und war auf Streife. Die Nachtstreifen durch die Stadt waren verstärkt worden, seit der Fotomörder sein Unwesen trieb. Es war morgens gegen drei Uhr dreißig. Er kam gerade an einem Juwelierladen vorbei. Er prüfte die Türe nach, ob sie verschlossen war und ging dann weiter. Zwischen dem Juwelierladen und dem anschließenden Haus war eine kleine Gasse.

Scharer wusste selbst nicht was ihn dazu bewog, in diese Gasse hineinzugehen. Vielleicht aus Langeweile. Jedenfalls betrat er die Gasse und leuchtete mit seiner Taschenlampe die Wände ab.

Plötzlich stutzte er. Der Schein seiner Lampe war auf ein Fenster gerichtet, in dessen Scheibe sich ein kreisrundes Loch befand. Sein erster Gedanke galt dem Fotomörder. Es war seine Methode. Sofort schaltete er seine Taschenlampe aus. Er stand neben dem Fenster und überlegte, ob er nun auf die Straße hinausrennen sollte, um Hilfe zu holen. Aber dann könnte ihm der Verbrecher entwischen. Doch bevor er zu einem Entschluss kam, hörte er, wie leise das Fenster geöffnet wurde.

Er drückte sich neben dem Fenster eng an die Wand. Zuerst kamen eine Aktentasche und ein Stoffbeutel, prall gefüllt, zum Vorschein. Dahinter kam der Mann.

Scharer wartete, bis der Mann beide Füße auf dem Boden hatte. Dann packte er zu. Mit einem Polizeigriff drehte er ihm den rechten Arm auf den Rücken. Der Verbrecher war so erschrocken, dass er nicht fähig war, sich zu wehren. Völlig erstarrt stand er da.

„Hab ich dich endlich erwischt!“, knurrte Scharer zwischen den Zähnen durch. „Jetzt werden wir schön brav aufs Revier marschieren.“

Das löste die Starrheit des Fotomörders. Jetzt kam Bewegung in ihn. Wie eine Schlange wand er sich aus dem Griff. Kurz darauf wälzten sich die zwei Männer auf dem Boden. Nur das Keuchen und der schwere Atem der Männer erfüllte die Gasse.

Scharer kam in die Oberlage und da beging er einen großen Fehler. Er wurde neugierig. Er wollte das Gesicht des Fotomörders sehen.

Er griff unter das Kinn des Mannes, merkte den kleinen Absatz, fasste mit den Fingerspitzen hinein und zog die Maske mit einem Ruck herunter.

Erstaunt riss er die Augen auf und lockerte unbewusst ein wenig seinen Griff. Er wollte noch etwas sagen, aber er brachte nichts mehr heraus. Ein furchtbarer Handkantenschlag traf seine Schlagader.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 04.06.2017
ISBN: 978-3-7438-1726-5

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