Cover

Vier Gunslinger Top Western Juni 2017

von Alfred Bekker & Pete Hackett & Larry Lash

 

Geschichten aus der wilden Zeit des amerikanischen Westens. Männer im Kampf um Recht und Rache. Atemberaubend schöne Frauen, die diese Männer um den Verstand bringen. Einsame Gunfighter auf ihrem dunklen Trail.

 

Der Umfang dieses E-Book entspricht 520 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Ebook beinhaltet folgende drei Western:

Als der Hufschlag verstummte (von Larry Lash)

Geh zur Hölle, John (von Pete Hackett)

Wie ein Rudel Bluthunde (von Pete Hackett)

Das Gesetz des Don Turner (von Alfred Bekker)

 

Larry Lash ist ein Klassiker des Western-Genres, dessen Romane schon Generationen vonn Fans begeisterten.

Pete Hackett erfand die Serien um den Kopfgeldjäger McQuade und den U.S. Marshal Bill Logan.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

 

 

 

 

Der Hufschlag verstummte...

Western von Larry Lash


Der Umfang dieses Buchs entspricht 185 Taschenbuchseiten.


Als der Hufschlag verstummte, begann für Jimmy Logan eine Kette unheimlicher Begegnungen und Abenteuer, die ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in einen Strudel rissen, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gab. Von allen Seiten tauchten die Schatten der Vergangenheit auf. Sie trieben ihn, fielen über ihn her, hetzten ihn, bis er erkannte, dass er auf einem falschen Wege trailte. Diese Erkenntnis läuterte ihn, machte aus ihm einen neuen Menschen, stählte sein Verantwortungsbewusstsein und zwang ihm den letzten Kampf auf.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach einem Motiv von F. Remmington mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1.

Windgepeitscht trieben dunkle Wolken gegen die Teton-River-Mountains, ballten sich an den steilen Hängen zuhauf, wirbelten wie irr durcheinander, schienen von der gigantischen Wand aus rotem Quarzgestein abzuprallen und zurückzutaumeln, wurden dann in wilden Kreisen über der kleinen Stadt Tompston zusammengetrieben.

Der Sturm stemmte sich gegen die Blockhäuser, fegte gewaltig über die Dächer, hohnlachte seltsam und kam gleich einer Woge immer wieder, um seine Kraft zu erproben, um die Stadt dem Erdboden gleichzumachen. Er fegte über die Mainstreet, wirbelte den Staub gegen Schwingtüren und packte in die Breitseite der Planen eines Canostagewagens hinein, warf den schweren Wagen um, stürzte ihn quer über die Fahrbahn. Für einen Augenblick hob sich hinter dem umgestürzten Wagen die in Staubschwaden gehüllte prächtige Silhouette eines Pferdes steil auf die Hinterhand, peitschte das Mähnenhaar im Sturm, das Gesicht des Reiters, der mit harter Hand den Blauschimmel dirigierte, sich fest in die Steigbügel stemmte, das Tier zur Ruhe und um das Hindernis herum zwang.

Die ganze Kraft des Orkans traf Pferd und Reiter, drohte ihnen den Atem zu ersticken.

Der Reiter, der trotz der dichten Nebelschleier die Lichtvierecke der Fenster erkennen konnte, gab dem Tier die Zügel frei, ließ es sich selbst einen Weg suchen und erreichte wenig später eine windgeschützte Stallwand, an der er breitbeinig mit hochgerissenem Kopf stehenblieb.

Jim Logan starrte in die Nacht hinein, in der sich die Kräfte der Natur ungehemmt entfalteten. Seine Augen brannten, seine Gesichtshaut war so gespannt, als wäre sie mit heißem Wasser übergossen.

Seltsam, der Sturm hatte ihn mitten in diese für ihn völlig fremde Stadt hineingetrieben. Noch nie, solange Jim Logan sich erinnern konnte, war ihm eine Stadt so gespensterhaft und unheimlich erschienen. By Gosh, leer waren die Straßen. Nur wenig Lichter kamen trüb aus dem Staubvorhang heraus, der die ganze Stadt einhüllte.

Er spürte, wie das Tier unter ihm bebte und zitterte, wie es sich Schutz suchend enger an die Wand drängte und böse gegen den Orkan schnaubte.

Über ihnen wimmerte es im Gebälk. Weiter hinten bellte der Sturm gegen ein nicht sichtbares Hindernis an, und von rechts her orgelte er in Dachsparren und Spalten eine unheimlich anzuhörende Melodie, die an Mark und Nerven riss.

Es schien, als duckten sich die morschen Häuser Tompstones, als umkrallten sie alles Lebendige, als wollten sie sich fester in den Boden verankern, und ihr Ächzen und Stöhnen mischte sich in den schaurigen Chor.

Gegen diese Naturgewalt versank alles, was ein Menschenherz bewegen konnte. Im Angesicht dieses Orkans war ein Mensch weiter nichts als ein Staubkorn, losgelöst, ohne Halt. Ein Nichts im Spiel der gigantischen Kräfte, die, wie Jim aus Erfahrung wusste, mit dem Wirbelwind ihren Anfang nahmen.

Seine Hände krallten sich um das Sattelhorn. Er versuchte, die Dunstschleier zu durchdringen. Es war jedoch vergebene Mühe. Die Szenerie, die sich hier zeigte, war grotesk und verwandelte in Sekundenschnelle Form und Gestalt. Dort, wo noch soeben das windschiefe Dach eines Abstellschuppens war, gähnte jetzt öde Leere, und im nächsten Moment prasselte es ringsumher, klatschten Bretter gegen die Schuppenwand, Holzfetzen umtanzten ihn, und er hatte das Gefühl, aus dem Sattel gehoben und durch die Luft getragen zu werden, um irgendwo wie die Bretter zu zerschellen.

Aber es war nur die Wand, gegen die ihn der Blauschimmel gedrückt hatte. Für Sekunden spürte er einen stechenden Schmerz durch seinen Körper gehen, kehrte jedoch rasch in die Wirklichkeit zurück.

Wirklichkeit? By Gosh, wer konnte das in diesem Durcheinander, diesem gigantischen Aufruhr noch unterscheiden? War es tatsächlich oder gaukelte ihm die Phantasie irgendwelche Bilder vor?

Die Hitze des Tages hatte sich in den Wolken eingefangen und strahlte aus dem Wind, der geradenwegs aus einem Glutofen zu fauchen schien, so heiß und höllisch heraus, dass einem das Hirn einzutrocknen drohte.

Jim hatte das Gefühl, als würden seine Augen jeden Moment aus dem Schädel fallen. Das Blut kochte in den Adern, der Schweiß rann in kleinen Rinnsalen über den Körper, biss und öffnete die Haut. Das Atmen war eine Qual, denn der unerhörte Druck von Hitze und Wind trieb das Blut aus dem Hirn fort.

Für einen Augenblick überlegte er, ob er weiter reiten oder die Schuppentür öffnen und bleiben sollte, bis der Orkan sich mit seiner dynamischen Gewalt von den Wänden der Teton-River-Mountains löste und gen Westen zog, wo er auslaufen und verlöschen würde.

Er kannte die Gegend hier zu wenig, um erkennen zu können, wie sich solche Stürme auflösten. Eins jedoch wusste er: Der Orkan kam in Etappen. Er wartete auf die Pause, auf die Windstille, die er benutzen wollte, um an ein Haus heranzukommen und um Obdach zu bitten. Er konnte es jetzt nicht wagen, erst lange nach einem Saloon auszuschauen. Nein, das erstbeste Haus sollte ihm kärglichen Schutz geben und ihn vor dem herab prasselnden Regen schützen. Außerdem musste er nach seiner Wunde schauen, die er sich zugezogen hatte, als der Blauschimmel ihn gegen die Schuppenwand drückte.

Schwerfällig rutschte er aus dem Sattel, stand breitbeinig, mit zusammengekniffenen Augen und vorgeschobenem Kinn neben seinem Tier.

Oh, man brauchte keine große Phantasie zu haben, um sich vorzustellen, dass die Menschen von Tompston in ängstlicher Erwartung dem Ende des Unwetters harrten und von Furcht ergriffen waren, dass sich ausgerechnet über ihnen ein Tornado bildete.

Vielleicht hatte der eine oder der andere schon erlebt, dass der Tornado im Anfangsstadium seinen Saugrüssel noch nicht so verheerend zur Erde streckte, wie er es dann später auf seiner Wanderung tun würde. Es gab für die Menschen in diesem Land nichts Schlimmeres als den Tornado, dessen Weg niemand bestimmen, dessen unheimliche Gasse niemand berechnen konnte, denn wo er seinen Rüssel über die Erde schleppte, entwurzelte er Baumriesen, warf sie wie Federbälle durch die Luft, knickte ganze Wälder, als wären es Streichhölzer, und die Häuser der Menschen verschwanden in seinem Trichter, als hätte ein Riesenhai sie verschluckt.

Gelb und schwarz, das waren seine Farben. Der Himmel verdüsterte sich immer mehr, dazu flammte es farbig in den wie wirr dahinjagenden Wolken auf... ein fahles, giftiges Gelb, das der Hölle entflohen schien und immer mehr Leuchtkraft gewann.

Das Orkangebrüll schwoll plötzlich an, um dann einer geisterhaften Stille zu weichen. Es war, als ob nach einem Inferno der unsichtbare Dirigent die Orchesterstimmen eines gigantischen Chors zum Schweigen gebracht hätte. Und was blieb, war der unheimliche Feuerhauch, der die Stadt zu versengen drohte, und plötzlich aufkommender Hufschlag wirkte im Moment tatsächlich wie aus einer anderen Welt.

Jim hob unwillkürlich den Kopf, kniff die Augen noch schmaler zusammen, so dass sie zu engen

Schlitzen wurden, zog die Zügel seines Pferdes herunter, hielt sie so, dass der Pferdekopf mit den glänzenden Augen und den weit aufgeblähten Nüstern über seine Schulter kam und er das Tier jederzeit am Schnauben hindern konnte.

Doch der Hufschlag verstummte genauso plötzlich wieder, wie er aufgekommen war, und Jim konnte nur noch sein eigenes Herz dumpf und schwer gegen die Rippen hämmern hören.

Ohne einen Laut von sich zu geben, verharrte er.

By Gosh, jetzt heulte ein Hund auf. Einige seiner Artgenossen fielen ein, verstummten aber augenblicklich, als eine wild schmetternde Detonation in das mit aller Macht einsetzende Inferno des Tornados hinein hieb und von dem gigantischen Aufbrüllen desselben verschluckt wurde.

Jim stürmte vorwärts, zog seinen Blauschimmel hinter sich her, stemmte sich gegen den Sturm.

Einen Augenblick hörte und sah er nichts, Staub und Dreck hüllten ihn ein, und der Wind verschlug ihm den Atem, drängte ihn mitsamt dem Pferd zur Seite.

Er taumelte, konnte sich soeben noch an den Zügeln halten und wurde von seinem Reittier quer über einen Hof gezerrt, kam erst wieder auf die Beine, als er vor sich den flackernden Schein einer Lampe brennen sah. Wenig später stolperte er unter dem Stirnbalken eines Stalles hinweg in die Dunkelheit des Stallganges hinein, bohrte seine Augen in die Dunkelheit und erkannte im fahlen Licht rechts und links Boxen, in denen Pferde standen, die unruhig mit den Hufen scharrten.

Ein verhutzeltes Männlein erhob sich von seinem Strohlager im Stallgang, strich sich über die Haare, blinzelte, verdrehte bei Jims Anblick die Augen und wollte in seine alte Lage zurücksinken, woran ihn jedoch Jims Worte hinderten.

„Heh, Fellow ... kann ich mein Pferd unterstellen?“

Dreimal musste er diese Frage wiederholen, bevor der Kleine ihn begriff. Jim fand währenddessen Gelegenheit, den komischen Alten zu betrachten. Er hatte Ähnlichkeit mit einem Affenmenschen, war von zwergenhaftem Wuchs und hatte lange Krallenhände, die sich nun vorsichtig tiefer zu der Waffe schoben.

Abstehende Borsten bedeckten seinen unförmigen Kopf. Verkrümmt hockte er immer noch auf dem Strohlager, gab sich plötzlich einen Ruck, stieß seine Rechte zu dem Kolben.

„Tu's lieber nicht“, forderte Jim sehr bestimmt, wobei sein, wie von Zauberhand gelüfteter Colt mit der dunklen Mündung auf den Kleinen zeigte.

„Es täte mir wahrhaftig leid, an deiner Beerdigung teilnehmen zu müssen.“

Er wusste nicht, ob der Mann ihn verstanden hatte, oder ob es lediglich seine Waffe war, die einen neuen Entschluss in ihm reifen ließ, denn nun grinste der Kerl, knurrte mit einer Stimme, die gar nicht zu seinem mikrigen Äußeren passte: „Du bist wahrhaftig kein Geist. Selbstverständlich kannst du eine Box haben. Hier ist ein öffentlicher Mietstall und für wenig Geld gibt es das beste Futter und die beste Pflege.“

Er rutschte von dem Strohballen herunter, kam mit seltsam schleppendem Schritt auf Jim zu gewatschelt, staunte: „Ein prächtiges Pferd!“

„Das habe ich oft gehört!“

„Der Kenner sieht sofort die besonderen Qualitäten, Cowboy, und es gibt Leute, die für solch einen Renner viertausend und mehr Dollar bar auf den Tisch legen.“

„Sie könnten ihn nicht für das doppelte bekommen! Doch nun sage mir, wo ich ihn einstellen kann.“

„Gleich hier rechts“, erwiderte der Kleine.

„Du hast dir kein angenehmes Wetter für deinen Ritt ausgesucht“, stellte er fest.

Seine Worte wurden durch das Heulen und Krachen des Orkans unterstrichen. Der Kleine duckte sich, schielte mit aufgerissenem Munde zur Tür. Regenfontänen prasselten herunter, zogen dichte Wasserschleier an der Stalltür entlang.

Jim stellte sein Reittier ein, sattelte und zäumte ab, hing Sattel und Zaumzeug an Holzpflöcke, die eigens zu diesem Zweck an den Boxen angebracht waren, wandte sich an den Kleinen: „Füll die Krippe nur mit Mais, Fellow ... das Beste ist für ihn gerade gut genug.“

„All right, Stranger... doch wohin so eilig?“, fragte der Zwerg lauernd, mit düster glimmenden Augen, als Jim sich in Bewegung setzte. Gleichzeitig streckte er seine Klauenhand aus und hielt Jim an der Schulter fest.

Jim blieb stehen. Seine Augen starrten auf die Klauenhand auf seiner Schulter, die der Bursche jetzt langsam zurückzog.

„Ich wollte mich nicht aufdrängen, Stranger. Aber es ist seltsam, wenn man es bei diesem Unwetter so eilig hat. Der Tornado ist zwar im Abzug begriffen, jedoch schon allein der Regen müsste genügen, um einen zurückzuhalten.“

„Ich glaube, das ist meine Sache, Buddy! Du solltest dich besser da heraushalten“, sagte Jim sanft und legte auf jedes Wort eine eigenartige Betonung.

Das Männlein sah sein Gegenüber fest an. Vielleicht sah er erst jetzt den Ausdruck der flintgrauen Augen, die unter buschigen Brauen tief aus den Höhlen brannten, sah das maskenstarre, schmale, von Blut und Schmutz starrende Gesicht, in das der Schweiß tiefe Rinnen gegraben hatte, und die schwarzen, lockigen, widerspenstigen Haare, die sich unter der Stetsonkrempe zeigten.

In diesem Lande hatte ein jeder einen Blick für Männer. Und dieser Fremde mit den athletisch breiten Schultern, den schmalen Hüften und den leicht gekrümmten Reiterbeinen gehörte zur Sonderklasse, das sah der Kleine sofort. Dabei brauchte er nicht einmal die beiden tief an den Hüften baumelnden Colts betrachten. No, es war ihm völlig klar, dieser Mann nahm keine Befehle entgegen, sondern war gewohnt, welche zu geben.

Ein Kämpfer, der durch irgend etwas in Marsch gesetzt worden war und sich auf keinen Fall aufhalten lassen würde.

„Ich möchte deinen Namen in mein Buch eintragen, Stranger. Ein Mann, der ein so kostbares Reittier hier einstellt, sollte unbedingt davon Gebrauch machen.“

„Well, schreibe irgendeinen Namen, der dir besonders gut gefällt, hinein“, warf ihm Jim über

die Schulter zu. „Damit wäre der Formalität Genüge getan ... und jetzt mach Platz!“

Der Verwachsene duckte sich wie unter einem Peitschenschlag. Dunkel glomm es in seinen Augen auf. Vielleicht dämmerte in ihm das Verständnis, dass ein solcher Gegner mit anderen Mitteln auch nicht zu halten war, da es selbst der Lauf seiner 45er nicht geschafft hatte.

Vielleicht wusste er nun, dass ein harter Mann mit dem Tornado nach Tompston gekommen war.

Er wich zur Seite und ließ Jim Logan passieren. Für einen Augenblick schien es, als wolle er im Rücken des Mannes seine Gürtelkanone aus dem Holster reißen, doch dann schien er es sich anders zu überlegen, watschelte breitbeinig hinter Jim her, der bereits durch den niederprasselnden Regen schritt und wie ein Schemen verschwand.

Rick Wall, so hieß der Kleine, stieß einen kichernden Laut aus, krallte seine langen Arme in den Türpfosten und seine bernsteinfarbenen, glimmenden Augen waren weit geöffnet.

Nein, Jim ließ sich nicht aufhalten. Seine zwingende Art hatte den Zwerg abgeschüttelt und seine Abneigung gegen den Verwachsenen wuchs. Zuerst hatte er ihn fragen wollen, ob er nicht auch den Schuss in der Stille des Tornados gehört hatte, doch da hatte er plötzlich in den Augen des Stallmannes etwas entdeckt, was ihn stutzig und vorsichtig machte. Der Mann sah nicht danach aus, als würde ihn das Grollen eines Schusses sonderlich aus der Fassung bringen.

Der Kerl musste jedoch den Schuss gehört haben, sogar noch besser als er, denn der Stalleingang lag in der Schallrichtung, aus der der Schuss gekommen war. Und sicher hatte der Verwachsene auch den verklingenden Hufschlag gehört und vielleicht sogar gesehen, wer die Windstille benutzte und wer geschossen hatte.

In einer solchen Orkanböe schoss niemand aus Jux und Tollerei, aus dem Überschwang freudiger Gefühle heraus.

Jims Stiefel patschten in Brei und Schlamm. Zugleich klatschte der Regen auf ihn nieder, als hätten sich tausend Schleusen geöffnet. Er stolperte in der Richtung vorwärts, in der der Schuss gefallen war.

Ein Mann mit seinen Erfahrungen konnte recht gut aus der Detonation eines Schusses den Standort des Schützen herausbringen. Er ging an einem Einspännerwagen vorbei, der ohne Räder in einer Wasserlache steckte, passierte einige Baumgruppen und einen Geräteschuppen, stand dann plötzlich vor einem kleinen Haus.

Eine Fensterscheibe war zerschossen. Die Tür der Hütte wurde von den Regenböen hin und her geschlagen, und ihr Knarren übertönte das Trommeln des Regens.

Es gab keine Hufspur. Der Regen hatte sie bereits verwischt und die Scherben mussten mit der Kugel nach innen getrieben worden sein. Neben der Tür hockte ein kleiner, mausfarbener Hund und winselte kläglich.

Er hielt die Rute zwischen die Hinterkeulen geklemmt, duckte sich, als Jim langsam auf ihn zutrat, und wich mit einem Jaulen zur Seite, kläffte und versuchte nach Jims Chaperals zu greifen, wich dann vor Jims Blick zurück, umkreiste ihn und hing dann an den ledernen Chaperals fest. Jim bückte sich blitzschnell, packte ihn im Nacken und riss ihn los. Der Hund heulte kläglich auf und versuchte, die spitzen Zähne so weit zu drehen, dass er sie in Jims Hand schlagen konnte. Doch Jim packte ihn mit der Linken an der Schnauze, drückte sie zu, setzte den kleinen Raufbold ab, auf die Gefahr hin, dass er ihn wieder kampfesmutig anspringen würde.

Doch der Kleine tat nichts dergleichen, sondern hob die Rute und sauste vor Jim durch die Tür und verschwand im Innern der Hütte.

Nur einen Moment zögerte Jim, dann glitt er über die Schwelle und betrat die Hütte.

Was sich seinem Auge bot, ließ ihn erstarren. Das Blut gerann ihm in den Adern, und ein kalter Schauer fegte über seinen Rücken. Seine Hände, die bereits auf den Kolben lagen, lösten sich von den glatten Walnussgriffen.

Yeah, in diesem Augenblick vergaß er seine Schmerzen in den Hüften, alles wurde bedeutungslos im Angesicht des Todes. Vor der stillen Gestalt, die mitten im Raum auf einem Lager gebettet lag, die Hände gefaltet, und deren gebrochene Augen bereits geschlossen waren.

Grausig war der Blutfleck mitten auf der Brust des Mannes, und der Blick der Frau, die neben dem Lager stand und Jim aus dunklen Glutaugen musterte, drang durch ihn hindurch.

Yeah, diesen Blick sollte Jim niemals vergessen, niemals wieder loswerden. Ein Blick, der ihn immer an den Tornado erinnerte, an die Sekunde, in der der Hufschlag verstummte.


2.

Monoton, in einem nervenaufreibenden Rhythmus trieben die Regenböen über die kleine Stadt, trommelten auf das Haus nieder, in dem ein Toter lag.

Niemand konnte diesem jungen Mann mit dem stillen, entspannten Gesicht mehr helfen. Auch die Frau nicht, die auf den Eindringling starrte und sich langsam zu ihrer vollen Größe aufrichtete.

Im Halbdunkel des Raumes erkannte Jim eine schlanke, noch junge Frau mit einem streng geschnittenen Gesicht. Das braune, volle Haar war in einem Nackenknoten aufgesteckt. Die hochgezogenen Brauen über den dunklen Glutaugen gaben ihrem Gesicht einen exotischen Reiz. Sie trug eine eng anliegende weiße Bluse, einen schwarzen Rock und rote Stiefel, an denen silberne Sporen blitzten. Ihr Mund war in einem verzehrenden Schmerz fest zusammengepresst.

„Entschuldigen Sie, Madam! Ich hörte Hufschlag und dann einen Schuss“, murmelte er, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Langsam nahm er den Stetson ab... ein Gruß für den stillen Unbekannten.

Er hielt den Stetson ein wenig ungelenk zwischen seinen Fingern und zerrte an der Krempe. Ihre Augen machten ihn irgendwie unsicher.

Ihr Blick schien ihn zu durchdringen. Es war ein Blick, der mehr offenbarte und mehr von der Tiefe ihres Schmerzes zeigte, als es Tränen und Klagen vermocht hätten.

„Nach Jahren sehe ich sein Gesicht zum ersten mal entspannt“, sagte sie mit brüchiger Stimme und machte eine Handbewegung, woraus zu ersehen war, dass er nähertreten sollte.

Jim kam dieser Aufforderung nach und trat an das Lager des Toten heran. Sein Blick fiel auf die tödliche Wunde, dann auf das Fenster, durch welches der hinterhältige Schuss gedrungen war.

Die Frau sah ihn von der Seite an. Sie hatte ihre Hände auf die Stuhllehne gelegt. Weiße, schlanke Hände, die sich fest um die Lehne spannten, als suchten sie dort einen Halt.

„Wer sind Sie eigentlich?“, flüsterte sie, als sie endlich aus dem Schock zu erwachen schien und in die schreckliche Wirklichkeit zurückfand.

„Jemand, der Ihnen gern helfen möchte“, sagte er leise.

„Helfen?“, stammelte sie. „Helfen ... wer könnte hier noch helfen? Es ist zu spät. Sie haben ihn lange genug gehetzt. Drei Jahre lang! Yeah, das ist mehr, als ein Mann ertragen kann.“

Ihr aufrichtiger Schmerz berührte Jim zutiefst. Er glaubte, sie verstanden zu haben. Gewiss war der Tote ihr Mann, und sie hatte allerlei durchgemacht. Dieses Obdach hier ließ nicht auf Wohlstand schließen, obwohl die Frau an sich nicht ärmlich aussah. Ihre Kleidung, ihr gepflegtes Äußeres redeten eine deutliche Sprache. Vielleicht gehörte sie zu den Frauen, die der Liebe wegen den Reichtum der Eltern auch hinter sich ließen, um dem Mann ihrer Wahl in ein hartes Leben zu folgen. Yeah, die Jugend hatte immer Ideale, die jedoch das Leben in den meisten Fällen zerstörte. Zurück blieb dann nur noch Kummer und Enttäuschung.

Seine Gedanken jagten sich.

„Ich will Ihnen helfen, den Mörder zu finden, Madam“, sagte er in das unheimliche Schweigen hinein und sah den Toten an. „Waren Sie anwesend, als der Schuss fiel?“

„Yeah, wir saßen hier am Tisch. Al Carson auf dem Stuhl dort und ich ihm gegenüber... doch eine Frage, Fremder, sind Sie der neue Hilfssheriff?“

Er dachte gerade darüber nach, warum sie den vollen Namen ihres Mannes genannt hatte, und bekam nun die Erklärung dafür. Sie hielt ihn für einen Mann, der das Gesetz vertrat. Ihr Blick suchte den Stern, und als sie ihn nicht an seinem Rockaufschlag sah, hoben sich ihre Augenbrauen, und ihr Blick wurde dunkel.

„Oder sind Sie etwa auch einer von denen, die hinter Al her waren, und wollen sich nur erkundigen, ob der mörderische Schuss auch voll traf?“, stieß sie hervor.

„Madam, ich gehöre weder der einen noch der anderen Partei an. Ich bin fremd in dieser Stadt und hörte zufällig den Schuss, den wahrscheinlich niemand außer mir hörte, denn ..

„Niemand hörte?“, unterbrach sie ihn aufgebracht. „Es war gerade in diesem Moment windstill, und folglich muss ihn die ganze Stadt gehört haben. Sie zogen es jedoch alle vor, in ihren Häusern zu bleiben, denn die Angst steckt ihnen noch in den Gliedern.“

Sie biss sich auf die Unterlippe, machte den Eindruck, als hätte sie dem Fremden schon zu viel erzählt. Das Dunkle in ihren Augen verschwand und sie richtete die eindeutige Frage an ihn: „Was treibt Sie dazu, sich in eine Sache einzumischen, bei der Sie nichts zu gewinnen haben?“

„Die Tatsache, es doch zu probieren, Madam!“

„Nichts geschieht von ungefähr“, entgegnete sie. „Alles hat seinen tieferen Grund und, by Gosh, Al hat es erfahren müssen! Nun ist er erlöst. Yeah, erlöst, ich kann das ruhig so nennen, ich versündige mich nicht, wenn ich das herausstelle. Al hat drei Jahre lang das Leben eines vogelfreien Menschen geführt. Wer sollte einem Geächteten helfen, wer? Und Sie wollen sich so ohne weiteres auf unsere Seite stellen? Sie tragen zwar zwei Eisen, und um ehrlich zu sein, ich habe nichts Gutes von Männern gehört, die so ausgerüstet sind. Sie haben meist ihre besonderen Preise.“

Sie trat näher auf ihn zu, sagte leise: „Verlassen Sie lieber das Haus, bevor der Sheriff kommt und Ihnen einige komische Fragen stellt, Mister!“

Sie wollte an ihm vorbei zur Tür. Er vertrat ihr den Weg.

„Madam, Sie können den Sheriff später holen.“

Er zögerte, war unschlüssig. Vielleicht gestand er sich innerlich ein, dass sie recht hatte und dass es für ihn wirklich das beste wäre, sich herauszuhalten. Bald würde der Regen vorbei sein, und er konnte weiter trailen. Oder sollte seine Fährte hier wirklich zu Ende sein?

Er hatte wahrlich genug eigene Sorgen, und trotzdem ... er konnte der Warnung einfach nicht Folge leisten. Irgend etwas in seinem Inneren wehrte sich dagegen. By Gosh, an dieser Sache war irgend etwas, was ihn magisch anzog. Einige Sekunden lang schauten sie sich in die Augen.

„Ich weiß nicht recht, Stranger“, zögerte sie.

„Himmel, nur weil ich Ihnen fremd bin, weil ich plötzlich mit Ihnen neben Al stehe, sprechen Sie mir Ihr vollstes Misstrauen aus? Das ist nicht gerecht“, sagte er bitter.

„Vor einem Jahr stand ich am Totenlager meiner Schwester“, fuhr er heiser fort, sah dabei an ihr vorbei durch das zerschossene Fenster.

„Sie war noch sehr jung und der einzige Mensch, der mir nach einem Indianerüberfall geblieben war. Ein Mann, der sehr eifersüchtig war, hat...“

Er unterbrach sich, trat ans Fenster.

Sie sah ihn mit ernsten Augen an, wusste, dass er mit diesem Bericht nicht versuchte, in ihr den Widerstand zu brechen, sondern dass er die nackte Wahrheit sagte.

„Und darum sind Sie jetzt auf dem Trail?“

Er nickte, ohne sie dabei anzusehen. Er sagte ihr nicht, dass die Spuren jenes Mannes hier in Tompston endeten. Nein, das ging vorläufig niemanden etwas an. Er hatte ihr den Grund seines Trails erklärt und damit war es genug. Hatte ihr so viel aus seinem Leben verraten, dass die Abwehr in ihr erlosch.

Sie nahm den Blick von ihm, drehte sich dem Toten zu und zog ihm die Decke über das Gesicht, forderte Jim auf, an dem Tisch Platz zu nehmen.

Nachdem er dieser Aufforderung nachgekommen war, setzte sie sich ihm gegenüber nieder und sagte ohne Übergang: „Al Carson ist mein Bruder. Vor einigen Stunden kam er nach dreijähriger Abwesenheit in Tompston an.“

Die kurze, bündige Art, wie sie das sagte, war wie eine Herausforderung. „Sie suchen doch einen Mann in Tompston, stimmt's?“

Er begriff, musste an sich halten, um nicht in Gegenwart des Toten die Faust auf den Tisch zu schmettern. Statt dessen nagte er an der Unterlippe und seine rauchgrauen Augen wirkten wie leere Grüfte, die alles Grauen und allen Kummer der Welt geschluckt hatten.

„Al ist nicht der Mann, den ich suche“, brachte er heiser heraus.

„Nicht? Vielleicht hat er doch eine gewisse Ähnlichkeit“, klang die lauernde Frage, und sie traf Jim hart, wie ein Peitschenschlag. Er ballte die Hände zu Fäusten und die Knöchel schimmerten weiß unter der Haut. Ihr Angriff stellte ihn unverhohlen als Mörder heraus oder zumindest als einen Mann, der recht gut der Mörder ihres Bruders sein konnte. Und damit hatte sie den ersten Gedankengang, den sie gleich bei seiner Ankunft verfolgte, nochmals klar zu erkennen gegeben.

Nun tat es ihm doch leid, die Sache von seiner Schwester erzählt zu haben. Ein stiller Grimm stieg in ihm auf, würgte ihn und schnürte ihm fast die Kehle zu. „Oh, die Ähnlichkeit mit einem anderen Mann hat schon manchen ins Grab gebracht.“

„Einem Killer macht das nichts!“

„Madam, es tut mir leid ...“ Er erhob sich. „Rufen Sie bitte den Sheriff! Doch bevor Sie gehen, überlegen Sie bitte eins: Ein Mörder würde wohl kaum die Dreistigkeit besitzen, erst sein Opfer zu erschießen und dann zu fragen, wie sich die Sache verhält. Der Mann, der geschossen hat, wusste genau, dass er getroffen hatte, dass seine Hand nicht fehlte. Und er wusste auch, warum er Al in den Tod schickte. Ihm war jedes Mittel recht, er kannte keinen fairen Kampf Mann gegen Mann. Und das, Madam, ist der Unterschied zwischen dem Mörder und mir... so long.“

Jetzt war sie es, die ihn daran hinderte, fortzugehen.

„Bleiben Sie, Cowboy“, flüsterte sie. „Es ist zu viel auf mich eingestürzt. Ich bin kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen.“

„Warum sind Sie nicht gleich zum Sheriff gelaufen?“

„Warum? Oh, was hätte das genützt? Der Name Als steht auf der Liste jener Männer, die der Sheriff hinter Schloss und Riegel bringen muss. Er wird nur eins tun: Al Carsons Name und Tod registrieren, damit seine Steckbriefe aus dem County verschwinden. Es kann ihm nur recht sein, dass er keine weitere Arbeit mehr mit Al hat. Yeah, das Leben eines Geächteten ist keinen Cent wert, Mister, und das wissen Sie genauso gut wie ich und jeder andere.“

„Warum kam Al denn dann zurück?“

„Er hielt es einfach nicht mehr aus in der Fremde“, stieß sie hervor. „Al gehörte zu den weichherzigen Männern, die nur in der Heimat glücklich sein können, die sich in der Fremde vor Sehnsucht verzehren und rast- und ruhelos umherziehen, bis sie wieder Heimatboden unter den Füßen haben.

Vor drei Jahren erschoss Al in der Tanzhalle der Alambra-Bar Ben Short. Man sagte, es geschah wegen eines Mädels, aber das war Lüge, Al machte sich nichts aus den leichten Mädchen in der Bar, er liebte Maud Sullwig, die Tochter eines Heimstättensiedlers im Norden. Der Kampf in der Bar war fair! Ben hatte zuerst zum Eisen gegriffen, und Al zog erst, als er bereits verwundet war.“

„Wer war Ben Short?“, warf Jim die Frage ein.

Sie schien auf diese Frage vorbereitet zu sein, denn ohne zu zögern sagte sie: „Einer der drei großspurigen Söhne, die auf der M-2-Ranch mit ihrem Schatten alle Cowboys an die Wand drücken. Einer von den Männern, die die M-2-Weide rücksichtslos vergrößerten, die Heimstättensiedler vertrieben, Kleinrancher an die Seite drängten, so dass sie verkaufen oder untergehen mussten.“

„Und trotz des fairen Kampfes musste Al in den Sattel und auf den langen Trail, wurde er zum Geächteten gestempelt?“

„Yeah, die Shorts brachten gekaufte Zeugen, die beschworen, dass Al zuerst schoss und Ben nicht einmal eine Kugel im Holster gehabt hätte.“

„Madam, die Verwundung Als hätte die zweite Behauptung doch sofort Lügen gestraft“, unterbrach er sie rau.

„Gewiss, das wäre zweifellos der Fall gewesen, wenn Al nicht auf den Rat Rick Walls gehört hätte. Der kleine Mietstallbesitzer riet ihm, lieber gleich zu verschwinden und nicht erst abzuwarten, wie die Jury entscheiden würde und die Shorts ihre Raureiter schickten.

Well, Al flüchtete. Man sagte gegen ihn aus. Er wurde verurteilt, und sein Steckbrief erschien in allen Countys. Die Short-Reiter aber suchten ihn auf eigene Faust. Der alte Short unterhielt für diesen Zweck drei Revolverleute, die nur eine Aufgabe hatten: meinen Bruder Al zu jagen, ihn aufzuspüren und ihn weiter zu jagen. Ein unmenschliches Vorgehen, das sich der alte Short ausgedacht hatte, um seinen Sohn Ben zu rächen.“

„Es ist seltsam, dass der Mietstallbesitzer in diese Sache verwickelt ist“, murmelte Jim vor sich hin.

„Ah, Wall ist ein etwas verschrobener Mensch, aber auf jeden Fall zuverlässig“, sagte sie leise.

Er zuckte die Schultern, war nicht so ganz davon überzeugt. Der Kleine hatte auf ihn einen denkbar schlechten Eindruck gemacht.

„Und hat denn niemand versucht, die Sache richtigzustellen?“

Sie sah ihn groß an.

„Nein! Wer sollte es auch schon wagen, gegen die mächtigen Shorts vorzugehen. Tompston ist von der M-2-Ranch abhängig. Es lebt von dem Vieh, von den Einnahmen, die es durch die Crew macht, vom Handel mit der Ranch. Nein, niemand würde es wagen, gegen die Shorts zu ziehen. Alles ist in ihren Händen, und jeder duckt sich vor ihnen. Die Vorwerke allein schon bilden ein Reich für sich. Man sagt, dass sie die Kopfzahl ihrer Rinder nicht kennen, und man sagt ferner, dass sie hochmütig sind und noch lange nicht genug unter ihren Fittichen haben. Im Moment sollen sie wieder dabei sein, einen Druck auf die Siedler und Kleinranchers auszuüben.“

„Sie haben auch eine raue Mannschaft, wie Sie schon andeuteten, Madam. Revolverleute, die den Shorts den Rücken stärken? Ihr Bruder hatte augenscheinlich Pech, als er mit ihnen zusammenstieß.“Pech? Nein, Al wusste zu viel, und er musste ausgeschaltet werden.“

„Hat er jemals davon zu Ihnen gesprochen?“, fragte Jim schnell, in der Hoffnung, etwas Näheres zu erfahren.

Eine zarte Röte kam in ihrem Gesicht auf.

„Als Al davon ritt, machte er mir einige Andeutungen. Die Zeit war jedoch zu knapp, und er sprach sich nicht aus.“

„Sie wissen also nicht, wer sein Mörder sein könnte? Sie haben ihn nicht gesehen?“

„Nicht deutlich“, gestand sie ein. „Aber immerhin so, dass ich ihn an einem Merkmal wiedererkennen könnte. Er hatte eine Feuernarbe im Gesicht.“

Unwillkürlich sprang Jim vom Stuhl auf. Seine Hände krallten sich um die Tischkante. Ein unheimliches Leuchten brach aus seinen Augen.

„Eine Narbe über der linken Wange?“

„Ich weiß das nicht so genau, aber es könnte sein“, gestand sie beunruhigt über seine plötzliche Verwandlung. „Kennen Sie ihn?“

„Und ob ich ihn kenne“, fetzte es abgerissen von seinen Lippen. „Wegen dieses Mannes bin ich Tausende von Meilen geritten. Es ist Joe Blondy ... ein Mann, den am Rio jedes kleine Kind kennt und schon beim bloßen Nennen seines Namens davonläuft. Ein Mann, den Statetroopers gejagt, Aufgebote über Meilen verfolgt haben, und der es versteht, wie ein Spuk unterzutauchen. Irgendwo unter einem neuen Namen ein neues Leben zu beginnen. Drei Banden hat man ihm zerschlagen, er aber lebt und ist weiter unter der Sonne. Er ist der schnellste Schießer, schleppt drei Eisen mit sich herum, doch niemand sieht dieser Mordbestie an, dass die Hölle in ihm brennt. Er hat ein an und für sich sympathisches Gesicht und bei Frauen unheimliches Glück. Yeah, er ist ein Mann, der sich durch alle Situationen wie eine Schlange hindurch windet, und er ist auch der Mann, der meine Schwester auf dem Gewissen hat.“

Jim atmete schwer.

Seltsam, er war einem Mann gefolgt, der ein Mörder war, und befand sich nun in einem Raum, wo ein Opfer dieses Mannes vor ihm lag. War es möglich, dass Al Carson irgendwie mit Joe Blondy zu tun gehabt hatte?

„Wann kam Al zurück, Madam?“, forschte er.

„Gestern Nacht“, gab sie sofort Auskunft. „Es war ihm unmöglich, in die Stadt zu gelangen, und er schickte Rick Wall, den Mietstallbesitzer, in meinen Laden an der Hauptstreet und ließ mir sagen, dass wir uns hier in diesem Hause, das, nebenbei gesagt, Rick Wall gehört, treffen wollten.

Ich war bereit und kam noch in der Nacht, musste aber warten, denn Al kam erst vor dem Tornado an. Er war sehr aufgeregt, lauschte immer wieder nach draußen. Eine Unterhaltung war wegen des Sturms nicht möglich. Al ging auf und ab, gehetzt, ruhelos, so, wie sein Leben in den letzten drei Jahren gewesen war. Er sagte mir, dass er schon bei Maud in der Heimstättensiedlung gewesen sei. Sie hatte ihn aufgenommen und ihm zu essen gegeben. Yeah, das erzählte er mir in den Pausen, wenn der Sturm sich ein wenig legte. Er machte einen niedergeschlagenen Eindruck, und noch nie habe ich einen Mann gesehen, der so gehetzt aussah wie er!

Er rauchte nervös, sah immer wieder zum Fenster hin. Yeah, dann setzte er sich. Ich nahm ihm gegenüber Platz, und er wollte mir gerade etwas Wichtiges mitteilen, da kam der Hufschlag auf und verstummte.

Allmächtiger, das Gesicht Als zerfiel, seine Augen flackerten. Er saß wie gebannt auf dem Stuhl.

,Da ist er wieder!', sagte er. Jetzt verstummt der Hufschlag, und wenn ich nicht sterben will, muss ich raus, muss ich um mein Leben rennen. Ah, ich kann nicht mehr! Drei Jahre habe ich es ertragen ... in Texas, in . .

Hier unterbrach Jim ihre Erzählung.

„Er war also auch in Texas?“

„Yeah, Al war auf seiner Flucht auch in Texas. Ich weiß es, denn er schrieb mir hin und wieder.“

„Er schrieb? Ah, ein Mann auf dem Trail sollte nicht schreiben.“

„Das habe ich ihm oft genug gesagt in meinen Briefen“, flüsterte sie. „Ich schrieb ihm auch, dass ich das Gefühl hätte, die Briefe würden gelesen.“

„Vermutlich stimmt das auch, und Ihre Warnungen haben Ihren Bruder nie erreicht“, hetzte Jim hervor.

„Diejenigen, die ihn hetzten, wussten auf diese Art immer, wo sie ansetzen und ihn hetzen konnten. Ah, ein grausames Spiel!“, pfiff es von seinen Lippen.

„Man kann es sich fast an den Fingern abzählen. Die Shorts haben Joe Blondy, oder wie der Kerl sich immer nennen mag, in ihrer Killermannschaft untergebracht. Yeah, ich beginne langsam klar zu sehen.“

Ihre dunklen Augen füllten sich mit Tränen.

„Es mag so sein“, stammelte sie.

„Und Al hat sich nicht zur Wehr gesetzt?“, erkundigte er sich weiter.

„Als der Hufschlag verstummte, zog er seine Eisen. Ich werde nie die Bewegung vergessen, mit der er die Colts anlüftete. Sie machte mich unfähig, ihm etwas zu sagen. Ich konnte nicht sprechen, Meine Kehle war mir wie zugeschnürt. Mein Bruder war kein Kämpfer. Auch der Kampf in der Alambra-Bar gegen Ben Short war nicht aus einem Kampfinstinkt heraus erfolgt, sondern aus reiner Notwehr, denn die Kugel Als kam viel zu spät. Und wenn Bens Kugel getroffen hätte, wären Al drei bittere Jahre erspart geblieben.

Yeah, er kam auch diesmal nicht dazu, seine Eisen auf die am Fenster auftauchende Silhouette des Mörders zu richten. Noch bevor er die Rechte hob, barst die Fensterscheibe und Al sackte getroffen zusammen, riss den Stuhl mit sich zu Boden. Ich konnte nur noch einen Toten zu seinem Lager schleppen...“

„Und Sie glauben fest daran, dass die Shorts dahinterstecken?“

Sie verzog Ihre Lippen, und eine Kerbe teilte ihre Stirn.

„Ich habe nichts gesagt“, entgegnete sie spröde.

„Sie haben Angst, Madam?“

„Yeah“, gestand sie erregt. „Angst, dass es kein Ende haben soll, und darum bitte ich Sie, gehen Sie, reiten Sie aus der Stadt und vergessen Sie, was ich Ihnen erzählte.“

„Madam, Sie vergessen, weshalb ich hierher gekommen bin!“

Schwerfällig erhob er sich. Draußen trommelte noch immer der Regen herab.

„Al ist in den Tod gejagt worden. Nun, meiner Schwester erging es ähnlich. Ein Grund mehr, um zu bleiben.“

Er kam um den Tisch herum, sah sie nachdenklich an.

„Wenn die Shorts daran Gefallen finden, einen Mann zu Tode zu hetzen, sollen sie dasselbe am eigenen Leibe erfahren. Vielleicht hat Al seinem Mädel etwas davon gesagt, was er weiß, oder er hat mit dem Mietstallbesitzer darüber gesprochen. Er war doch mit ihm befreundet?“

„Nun, Rick Wall verdankte Al sein Leben, und aus diesem Grunde war er immer sehr anhänglich.“

Jim dachte scharf nach, sagte dann: „Wie war der Name des Mädels, das Al liebte?“

„Maud Sullwig, warum?“

„Und sie wohnt im Norden Tompstons?“

„Yeah, etwa zehn Meilen von der Stadt entfernt am Teton-River. Aber versuchen Sie bitte nicht, an sie heranzutreten. Die Shorts haben ein Auge darauf geworfen.“

„Madam, entschuldigen Sie bitte, aber ich muss Sie jetzt verlassen.“

„Wohin, Cowboy?“

Er zuckte die Schultern, erklärte knapp: „Zur Beerdigung werde ich wieder zurück sein.“

„Sie werden außer mir sowieso der einzige sein, der hinter dem Sarg hergeht. Niemand wird es wagen, so offen gegen die Shortsippe Stellung zu nehmen. Mit einer solchen Demonstration vernichten Sie sich selbst!“

„Ich habe niemandem Rechenschaft abzulegen“, gab Jim zur Antwort, wobei er an das Lager des Toten trat, das Tuch beiseite zog, murmelte: „Vor allem nicht, wenn es sich um einen Freund handelt!“

„Um einen Freund?“, schnappte sie. „Oh, Sie lernten Al doch erst nach seinem Tode kennen.“

„Irrtum, Madam! In Texas glaubte ich, dass er mein Schwager würde“, klang es sanft zurück, ohne dass Jim den Blick von dem entspannten Gesicht des Toten nahm. „Er kam hierher, um sich endgültig von Maud zu lösen, kam, um Ihnen, Madam, mitzuteilen, dass er anderswo seinen Frieden gefunden hatte.

Es ist gut, Al“, sagte er zu dem Toten gewandt, „dass du meine Nachricht vom Tode Mercis nicht mehr hören kannst. Ihr habt euch beide auf den langen Trail gemacht, von dem es keine Rückkehr mehr gibt. Yeah, ihr konntet es beide nicht erwarten und seid nun doch für immer vereint.“

Jim hörte einen abgerissenen Atemzug neben sich, spürte plötzlich, wie sich Fingernägel tief in das Fleisch seines Handgelenkes bohrten, hörte die heiser klingende, fast unnatürliche Stimme des Mädchens: „Dann sind Sie .. Jim Logan?“

„Yeah, Madam, der bin ich“, sagte er, wobei er die Decke wieder über das Gesicht des Toten gleiten ließ, sich langsam zu ihr wandte und ihr in die weit aufgerissenen, flackernden Augen sah.

„Erschreckt Sie das, Madam?“

„Nein ... oh, nein“, schluckte sie. „In seinem letzten Brief erwähnte er den Namen Jim Logan und nannte ihn den besten Freund, den er jemals auf seinem Trail getroffen habe.“

„Er war ein zu Tode Gehetzter. Ich wollte ihn schützen, doch er war zu stolz, das anzunehmen. Yeah, zu stolz, obwohl seine Nerven so strapaziert waren, dass er beim geringsten Geräusch in seinem Rücken zusammenfuhr und herumwirbelte. Meine Schwester liebte ihn ...“

„Und Joe Blondy?“

„Madam, eine Logan kann nur einmal ihr Herz verschenken“, klang es eisig. „Blondy wusste das.“

Er schwieg erstickt und nahm sanft ihre Hand von seinem Arm, sagte leise: „Jetzt wissen Sie auch, warum Blondy hinter Ihrem Bruder her war.“

„Mit anderen Worten, Logan, Sie schalten die Shorts in diesem Falle aus?“

„No“, entgegnete er fest. „Von den Shorts kam der Plan, Al zu zermürben. Das Zwischenspiel um meine Schwester könnte die nackten Tatsachen verschleiern. Die Shorts fanden in Blondy einen Mann, der sich für diese grauenvolle Aufgabe bestens eignete. Allmächtiger, was für ein Hass muss in der Brust der Shorts wohnen? Madam, Sie hören wieder von mir, so long!“

Er ließ sich nun nicht mehr aufhalten, ging quer durch den Raum und setzte an der Türschwelle den Stetson auf.

Draußen stürmten schwarze Wolken. An einer Stelle war der Himmel aufgerissen, und der fahle Glanz der Abschied nehmenden Sonne streute ein wenig Helligkeit in den nachlassenden Regen, der über den Dächern sein Spiel trieb.

Er hörte, wie sie hinter ihm durch die Tür trat und wie gehetzt in der entgegengesetzten Richtung davonlief.

Was das zu bedeuten hatte, brauchte er nicht groß zu erraten. Sie würde den Tod ihres Bruders dem Sheriff melden. Dieser würde den Tatort besichtigen und den Totengräber ein Loch westlich des Teton-Rivers in den Stiefelhügel buddeln lassen, und dort würden die sterblichen Reste Al Carsons zur letzten Ruhe kommen.

Ein Menschenleben war ausgelöscht, als der Hufschlag verstummte. Wie Galle schluckte sich diese Tatsache hinunter. Jim würgte daran und glaubte, ersticken zu müssen.

Allein war er von der Logan-Sippe zurückgeblieben ... und allein war nun auch Als Schwester.

Etwas Gemeinsames verband sie ... der Schmerz.

Jim ging schwerfällig weiter. Seine Sporen rasselten bei jedem Schritt durch die Pfützen, und die Stiefelsohlen saugten sich in dem Schlamm fest. Seine Gedanken hetzten durcheinander. Vieles gab es zu klären, manches war noch schleierhaft und lag im Dunkeln.

Warum hatte der Mielstallbesitzer Al das Haus überlassen? Hatte Al den Zwerg zum Vertrauten? Nach der Information von Als Schwester zu schließen, musste es wohl so gewesen sein. By Gosh, wenn das den Tatsachen entsprach, war es dann nicht möglich, dass Rick Wall ihn verraten, ans Messer geliefert hatte?

Heiß durchfuhr es Jim. Er spürte, wie eisige Kälte ihn von innen herauf verhärtete. Schneller ging er durch den Schlamm. Sein Verdacht wurde mit jedem Schritt schwerer und drückte ihn wie eine Last, die er schnell abschütteln wollte.

Niemand hielt ihn auf. Er sah nicht einen Menschen an der Hinterfront der Häuser. Diese Tatsache beunruhigte ihn, beschleunigte seine Gangart, warnte ihn.

Er war also nicht unvorbereitet, als er die Stalltür mit der Stiefelspitze aufstieß und gleich einem geschmeidigen Puma seitlich in den Stallgang sprang, geduckt stehenblieb, die Hände auf die Kolben fallen ließ und im gleichen Atemzug die Eisen aus den Holstern brachte.

Jedoch nichts geschah!

War es etwa bei ihm schon so weit, dass er in jedem Schatten, in jedem Geräusch etwas Todbringendes sah? Hölle, so weit durfte es nie kommen oder er musste aufgeben und sich geschlagen zurückziehen, bevor er den Mörder gestellt hatte. Die Pferde bewegten sich scharrend und schnaubend in ihren Boxen, als witterten sie bereits Verdruss.

Wo war Rick Wall?

Seine Heugabel steckte in einem Misthaufen, die er aus einer Box in den Stallgang geworfen hatte. Die dahinterliegende Box auf der linken Seite musste seinem Blauschimmel gehören. Jedoch nichts Bewegte sich dort. Durch die schmalen Ritzen des Schlages fiel ein wenig Licht. Doch nichts war zu erkennen. By Gosh, sein Blauschimmel gehörte nicht zu den Pferden, die sich nieder taten, wenn sie ruhen wollten, er schlief im Stehen.

Jims Magen krampfte sich zusammen.

Was konnte nur geschehen sein?

Er bewegte sich einige Schritte vorwärts, und plötzlich, ohne jegliche Warnung explodierte aus der Tiefe des Stallganges heraus eine Feuerzunge, die seinen Jackenärmel streifte und mit bösem Klatschen hinter ihm in den Dachbalken hieb.

Jims Rechte zuckte vor, so schnell und gekonnt, als sei die Waffe in seiner Hand ein lebendiges Wesen, von dem grimmigen Willen erfüllt, zurückzuschlagen, bevor die Feuerblume auslöschte.

Das heiße Todeslicht hieb so schnell aus dem hochgerissenen Lauf, dass sich die Detonation mit der ersten fast vereinte und zum grollenden Donnerhall wurde, der die Pferde in den Boxen tanzen ließ. Bevor ein weiterer Schuss fiel, war Jim in eine Box, in der ein Rappe sich wie wild gebärdete, gesprungen, um hier erst einmal Deckung zu haben. Die eingetretene Ruhe währte nicht lange, denn aufs neue rasten Schüsse auf, und Jim fand heraus, dass es sich um mindestens zwei Gegner handelte.

Feuchtwarm und stickig war die Luft im Stall. Dazu der ungebärdige Rappe, der immer wieder gegen ihn anstürmte. Dann zerriss plötzlich der Riemen, mit dem das Tier angebunden war, und zur gleichen Zeit zerfetzten unter seinen trümmernden Hufen die Bretter der Seitenwand. Noch bevor Jim recht begriff, wurde er von dem durchgehenden Pferd aus der Box herausgerissen und abgeschüttelt, so dass er im Mittelgang landete. Der Rappe aber raste zum hinteren Ausgang hinaus.

In geduckter Haltung, mit der Rechten die Waffe umklammernd, lauerte er einige Sekunden. Yeah, als er sich dann aufrichten wollte, hörte er Schüsse, die draußen ihre peitschenden Detonationen in die Nacht hinein schmetterten. By Gosh, jetzt begriff er... jetzt konnte er sich ein Bild machen. Der Mietstallbesitzer steckte mit den Schurken unter einer Decke, die ein Interesse daran hatten, ihn zur Strecke zu bringen. Der Zwerg hatte sie informiert und sich mit ihnen auf die Lauer gelegt. Nun, Jim war länger ausgeblieben, als Rick es erwartet hatte. Sie hatten zu lange gezögert. Die Schwester Als hatte inzwischen den Tod ihres Bruders dem Sheriff gemeldet, und durch die Schüsse angelockt, hatte dieser sich in den Kampf eingemischt.

Yeah, nur so konnte es sein!

Jim erhob sich, rückte seinen Stetson zurecht und setzte sich in Bewegung.

Vor der Stalltür verharrte er. Draußen hinter dem Schuppen klangen schnelle Schüsse auf. Ein Pferd wieherte, dann folgte platschender Hufschlag, der schlammige Pfützen auseinandertrieb.

Himmel, in dem Moment, als sich Jim anschickte, den Stall zu verlassen, hörte er links neben sich die dunkle Stimme eines Mannes: „Beweg dich nicht!“

Diese Stimme vereitelte sein Vorhaben, ließ ihn zur Bildsäule erstarren. Er wusste genau, wenn er jetzt handeln würde, wäre ihm eine Kugel sicher. Diese Erwägung ließ ihn davon Abstand nehmen, seinen aufflammenden Gefühlen nachzugeben. Er versuchte, den Sprecher mit seinem Blick zu erfassen.

Der Schurke stand hart an der Außenwand des aus ungeschälten Baumstämmen gezimmerten Mietstalls. Er war sehnig, groß und schlank, mit einem langgezogenen Pferdegesicht und einem breiten Mund, der sich jetzt zu einem befriedigten Lächeln verzog. Dazu passten ganz und gar nicht der melancholische, sandfarbene Bart, der traurig an den Mundwinkeln niederhing, und genau so wenig die müden, resigniert dreinblickenden Augen und die Patronengurte, an denen die blanken Metallspitzen der Kugeln matt in der Dämmerung schimmerten.

„So ist es recht“, betonte der Sheriff, über die Bewegungslosigkeit des Bedrohten erfreut. „Nimm die Arme hoch, Stranger!“

„Sie haben den Falschen erwischt, Sheriff“, knurrte Jim verdrießlich.

„Den Falschen? Ah, das dürfte sich bald herausstellen.“

„Halten Sie mich lieber nicht auf, Sheriff!“

„Drohungen ziehen bei mir nicht, Freund. Weißt du, in letzter Zeit treibt sich allerhand Gesindel in Tompston herum. Vor allen Dingen Männer, die zwei Eisen im Gurt tragen. Die liebe ich an und für sich gar nicht. Los, hoch mit den Händen!“

Das war verdammt deutlich! Und wahrscheinlich würde der Mann mit dem Orden diese Aufforderung nicht zum dritten Male wiederholen.

Betont langsam krochen Jims Hände hoch. Seltsam, dass die Schüsse jetzt verstummt waren und auch der Hufschlag verwischte.

Langsam drehte er den Kopf, um den Sheriff schärfer ins Auge fassen zu können. Dieser grinste ihn jedoch nur gleichmütig an, erklärte: „In meinem Büro können Sie mir Ihre Story erzählen, Buddy. Aber versuchen Sie nicht, mir ein Märchen aufzutischen, aus dem Alter bin ich heraus und kann eine solche Kost nur noch schwer verdauen. Eine Frage jedoch jetzt schon, was hat sich hier abgespielt?“

„Man hat mir mein Pferd aus der Box geholt, dazu meinen Sattel und meinen Packen. Ich kam zu spät, um mich richtig einschalten zu können.“

„Hm, das klingt glaubhaft.“

Der Sheriff trat bei diesen Worten noch näher heran und zog Jim den linken Colt blitzschnell aus dem Futteral, forderte: „Lass fallen!“

„Sie spielen ein verdammt schlechtes Spiel, Sheriff!“

„Sie wissen nicht, wie es ausgehen wird!“

„Well, Sie hätten jedoch aufpassen müssen, wer Ihnen die Karten gab, Sheriff!“

„Was soll das, Stranger?“

„Nun, die Shorts haben besondere Karten!“

Jim hörte ein böses Zischen, einen unterdrückten Fluch.

„Ich bin neutral, Stranger! Man kann mich nicht kaufen“, klang es aufgebracht zurück.

„Möglich, aber selbst ein guter Mann kann auf eine Täuschung hereinfallen.“

„Ich verstehe das nicht, Stranger!“

„Nun, ich will gerne Ihrem Gedächtnis ein wenig nachhelfen, Sheriff. AI Carson wurde doch von Ihnen zum Geächteten gemacht, stimmt's?“

„Hölle, wer bist du?“

Jim sah, wie sich das Gesicht des Sheriffs verzerrte und seine melancholischen Augen Glanz bekamen.

„Wer ich bin? Nun, ein Mann, der nicht den Rücken vor den Shorts beugt, Mister. Und der dazu seinen gesunden Menschenverstand bewahrt hat. Die Shorts schrecken vor nichts zurück, sie sind im Stande, einem Cowboy einen Mord in die Schuhe zu schieben. By Gosh, eine verdammenswerte Sache, aber den Shorts gerade recht in ihr Spiel passend. Mit ihrem Geld schaffen sie alles, was ihnen unbequem ist, aus dem Wege. Oder sind Sie anderer Meinung, Sheriff?“

„Heben Sie Ihren Colt auf, Mister“, klang es heiser zurück. „Und hier haben Sie Ihr Eisen zurück!“

Nachdem Jim beide Waffen wieder an sich genommen hatte, steckte der Sheriff seine Feuerwaffe ein. Beide Männer standen sich gegenüber und starrten sich an.

„Ich weiß nicht, wer Sie sind, und ich will auch nicht danach fragen. Aber eins weiß ich, dass ich, wie die Dinge damals lagen, Al Carsons Steckbrief ausstellen musste. Vor einem Jahr etwa fand jedoch eine neue Verhandlung in der Sache um Ben Short statt. Sie wurde neu vor die Jury gebracht, und zwar von Maud Sullwig, der Braut Al Carsons. Sie bezichtigte die Zeugen des Meineides, und sie hatte gutes Material, brachte richtige Zeugen, die dem Kampf damals in der Alambra-Bar beigewohnt hatten. Well, ich will zum Schluss kommen, der Steckbrief wurde aufgehoben. Al war wieder ein freier Mensch!“

„Ah, und er selbst hat nie etwas von diesem Urteil erfahren?“

„Wo sollte man diesen Urteilsbeschluss hin senden? Sein Aufenthaltsort war nicht bekannt“, erwiderte der Sheriff.

„Und Als Schwester? Hat sie etwas von der Widerrufung erfahren?“

„Yeah, ich teilte es ihr schriftlich mit und ließ es zum anderen auch noch durch einen Mann übermitteln.“

„Wer war der Mann?“, fragte Jim mit eiskalter Stimme.

„Der beste Freund Al Carsons ... Rick Wall“, betonte Tom Mauxer mit scharfer Stimme. „Es gab keinen, der für die freudige Mitteilung mehr in Betracht kam, oder?“ Er kniff die Augen zusammen, sein Atem fegte Jim heiß über das Gesicht.

Jim wollte auf fahren, dem anderen etwas erwidern, doch er riss sich zusammen und lachte gequält vor sich hin, erwiderte trocken: „Dann hat Al Carsons Schwester diesen Brief, der für Al und auch für sie so bedeutungsvoll war, nie erhalten.“

„Nie erhalten?“, schnaubte Tom Mauxer. „Mann Gottes, das ist ein Irrtum, muss ein Irrtum sein! Was für ein Interesse konnte unser lieber Rick daran haben, dass Al Carson als Geächteter durchs Leben zog und dass seine Schwester nichts von der Rehabilitierung erfuhr?“

„Das, Sheriff, finden Sie nur selber heraus“, entgegnete Jim mürrisch, drehte sich scharf auf dem Absatz um, ging zurück in den Stall.

Der Sheriff kam hinter ihm her, legte ihm die Rechte auf die Schulter, hielt ihn auf.

„Sie wissen viel, Fremder“, sagte er ruhig. „Und Sie suchen nach weiterer Aufklärung. Sie wollen wissen, wie sich alles zusammenfügt. Well, Sie sollen wissen, dass ich das Gesetz vertrete und Sie bei mir jede nur mögliche Unterstützung erhalten!“

„Das macht Al Carson nicht mehr lebendig“, erwiderte Jim rau. Er wollte die Hand des Sheriffs abstreifen, doch der Druck der Hand verstärkte sich.

„Sie wissen von seinem Tod?“ Und bei diesen Worten weiteten sich seine Augen. Ablehnung kam in seinem Gesicht auf.

„Fragen Sie seine Schwester... ich bin nicht der Sheriff in Tompston“, entgegnete Jim aufgebracht.

„Cowboy, Sie sind fremd hier, und irgend jemand in dieser Stadt hat Sie gegen mich aufgebracht“, antwortete Mauxer eindringlich. „Aber nun beantworten Sie meine Frage!“

„Nun, wenn es so wäre, dass ich Al nach seinem Tode gesehen hätte?“

„Das wäre äußerst unangenehm, und es ließe Vermutungen aufkommen, die nicht leicht zu widerlegen wären. In diesem Falle müsste ich Sie sogar bitten mir Ihr Ehrenwort zu geben, diese Stadt nicht zu verlassen und sich jederzeit zu meiner Verfügung zu halten. Ah, das schmeckt Ihnen wohl nicht, Cowboy? Aber sehen Sie die Dinge einmal mit meinen Augen! Cynthia Carson meldet mir, dass ihr Bruder von einem verdammten Heckenschützen aus den Stiefeln geholt wurde, und wie die Dinge liegen, wusste sie nicht, dass Al kein Geächteter mehr war. Gleich nach dem Schuss tauchten Sie auf. Wer sah Sie? Haben Sie ein Alibi?“

„Yeah, Rick Wall sah mich. Ich habe bei ihm meinen Blauschimmel eingestellt.“

„Ich sehe keinen Blauschimmel.“

„Und ich keinen Mietstallbesitzer“, unterbrach ihn Jim aufgebracht. „Schaffe ihn herbei, und ich werde ihm die Wahrheit herauspressen!“

Er sog die Luft ein, machte eine Atempause, in der er die Hände hob, als müsse er eine unangenehme Sache hinweg wischen.

„Ah, dort kommt mein Hilfssheriff! Er bringt Rick Wall, und das dürfte wohl der beste Beweis dafür sein, dass Rick nichts mit dem Anschlag zu tun hat, Cowboy“, folgerte der Sheriff, da Rick sich ungezwungen neben dem Hilfssheriff, der einen abgekämpften Eindruck machte, bewegte. „Jetzt wollen wir sehen, ob Sie ein Alibi haben oder nicht!“

Er schwieg und nahm Jim die Hand von der Schulter, erschrak vor dem zuckenden Gesicht seines Gegenübers, vor dem Ausdruck seiner. Augen.

Noch nie hatte ein Mann jemandem so entgeistert entgegen geschaut wie Logan. Er konnte es einfach nicht fassen, dass der Verwachsene den Mut hatte, ihm vor die Augen zu treten.

Der Kleine grinste ein gemeines, verstocktes Grinsen, hielt sich etwas hinter dem Hilfssheriff, als ob er irgendwie Schutz brauchte. Er ließ dabei keinen Blick von Logan.

Sein Grinsen löschte plötzlich aus. Er schreckte zurück, hob wie in wilder Abwehr beide Hände und schrie: „Sheriff, dort haben Sie den Mann vor sich, der Al Carson umgebracht hat.“

„Warum sollte ausgerechnet ich Al Carson umbringen, Wall?“, fauchte Jim, bevor der Sheriff von der Wucht der Anklage betroffen, zur Tat schreiten konnte.

„Was weiß ich?“, keuchte Rick Wall mit überschnappender Stimme. „Willst du etwa bestreiten, dass du gleich nach dem Schuss bei mir vor der Stalltür auftauchtest und sofort wieder verschwandest?“

Hölle! Seine Darlegung konnte selbst einen sehr scharf denkenden Mann irritieren.

„Du vergisst, dass ich meinen Blauschimmel bei dir einstellte, Kleiner.“

„Er lügt, Sheriff“, kreischte der Verwachsene, „er hat kein Reittier bei mir untergestellt!“

Jim schluckte, wurde bleich. So lange er denken konnte, war ihm ein solcher Kerl nicht über den Weg gelaufen. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen, und der Blick, den er dem Zwerg zuwarf, war so eisig, dass sich Rick Wall hilfesuchend an den Sheriff wandte.

„Nehmen Sie ihn fest, Sheriff!“

„Einen Augenblick, bitte! Vermutlich kennt dieser Bursche den Mörder genau und handelt nun getreu seinem Auftrag“, pfiff es von Jims Lippen. „Wall, es gibt einige Dinge, die du mir beantworten musst!“

„Ich stehe nur dem Sheriff Rede und Antwort“, kreischte der Kleine böse. Herausfordernd sah er den Sheriff an, selbstherrlich und sich seiner Sache sicher. Und Jim erkannte, dass er einen verdammt gefährlichen Mann vor sich hatte, eine Giftnatter, mit unheimlichem Willen und Riesenkräften. Ein Mann, der so echt schauspielerte, dass Jim ein kalter Schauer über den Rücken kroch und seine Hände sich unwillkürlich ballten. Er musste an sich halten, um dem Verwachsenen nicht die Faust ins Gesicht zu schmettern, musste seine Wut hinunterwürgen, um klar denken zu können, denn die beiden Hüter des Gesetzes sahen ihn misstrauisch und zweifelnd an.

„Cowboy, Rick Wall ist ein ehrenwerter Bürger unserer Stadt!“, sagte Mauxer. „Du aber bist fremd hier. Was wir von Ricks Aussagen halten können, wissen wir! Bei dir jedoch ist das fraglich!“

„Wall half mir, den Mann zu bekämpfen, der in seinen Mietstall eingedrungen war und sicherlich dein Komplice ist“, rasselte der Hilfssheriff, ein Mann, der so mager war, dass ihm die Kleidung um den Körper schlotterte.

Das schlug dem Fass den Boden aus! Jim glaubte, ersticken zu müssen.

„Fragen Sie ihn, Sheriff, wo er den Brief gelassen hat, den Sie ihm vor einem Jahr übergaben. Fragen Sie ihn ferner, wem er außer Cynthia Carson davon Mitteilung machte, dass Al in der Nacht bei Maud Sullwig eintreffen würde, und fragen Sie ihn auch, wer der Mann mit der Feuernarbe war, den Cynthia Carson vor dem Mord durch das Hüttenfenster sah. Yeah, fragen Sie ihn das alles, Sheriff!“, forderte Jim heiser und mit düsteren Augen.

„Und dann soll er noch sagen, warum Al nicht wissen durfte, dass er kein Geächteter mehr war und weshalb er sterben musste. Vielleicht weiß er von den Plänen der Shorts und steckt mit ihnen unter einer Decke.“

„Sheriff, der Mann faselt sich da etwas zusammen, nehmen Sie ihn doch einfach fest!“, schrie der Kleine aufgebracht.

Mauxer wollte die Eisen lüften. Yeah, er wollte es tun, aber die Schnelligkeit, mit der Jim seine Eisen zog, verblüffte ihn und den Hilfssheriff derart, dass sie ihre Hände mitten in der Luft hängen ließen.

„Es tut mir leid, dass Sie nur beim Anblick dunkler Revolvermündungen zu überzeugen sind, Sheriff“, fauchte Jim. „Ich habe Ihnen gesagt, welche Fragen Sie an ihn richten sollen. Well, Sie haben es versäumt! Ich habe aber auch versprochen, dass ich die Wahrheit aus dem Burschen herauspressen würde, und ich pflege mein Versprechen zu halten, Sheriff!“

Er stand geduckt, beide Mündungen hochgerissen, mit einem seltsam fahlen Lächeln um die Mundwinkel und Augen, die tintig schwarz tief in den Höhlen lagen.

Keiner machte eine Bewegung.

Mauxer stierte Jim an, und der Hilfssheriff blickte wie gebannt in die dunkle Mündung, als wartete er auf das Aufflammen der Todeslichter.

„Wall hat euch Sand in die Augen gestreut, genauso, wie er es bei Al getan hat, den er seinen Freund nannte und den er, ohne mit der Wimper zu zucken, zugrunde richtete. Yeah, er hat nicht daran gedacht, dass Al eventuell draußen einen Freund finden würde, der seine Sache einmal vertreten würde. Yeah, der Gute scheint überhaupt ein wenig vergesslich zu sein.“

Jim senkte seine Stimme und trat einen Schritt zurück.

Rick duckte sich, sprang mit einem Kreischen hinter den Hilfssheriff, zog im Sprung und jagte sein Blei heraus.

Ungezielt, ungenau! Es grub eine Furche durch die Haut des Hilfssheriffs, der nicht, wie Rick erwartet hatte, still stehengeblieben war, sondern sich ebenfalls bewegt hatte.

Der Schmerz ließ den Hageren herum schnellen. Seine Faust traf Ricks Handgelenk und der rauchende Colt flog in den Dreck. Die Faust des Verwachsenen kam von unten herauf und prallte gegen das Kinn des Hilfssheriffs, hob ihn aus dem Stand. Ein gurgelndes Stöhnen kam aus seinem Munde, seitlich fiel er zu Boden. Der Verwachsene musste mehr Kräfte haben, als man ihm zutrauen konnte.

Keuchend, mit hoch gerissenen Armen stand der Verwachsene da. Mit blutunterlaufenen Augen sah er auf die auf ihn gerichteten Waffen, denn yeah, auch der Sheriff hatte gezogen, war kreideweiß im Gesicht und schnaufte abgerissen.

„Wall! Das hat mir die Augen geöffnet!“

Jim hätte das Ziehen des Sheriffs verhindern können, hatte es aber nicht getan, beobachtete das schmale Gesicht des Sheriffs, das vor Aufregung zuckte und mit kaltem Schweiß überdeckt war. „Ich revidiere meine Meinung, Wall. Ich glaube, du hast uns etwas zu sagen!“

„Da irrst du dich gewaltig!“, schleuderte der Verwachsene in bösem Grimm zurück. „Misch dich lieber nicht ein, das könnte deiner Gesundheit schaden, Tom!“

„Auf meine Gesundheit werde ich schon selbst achten, Rick, mach dir darum keine Sorgen!“

„Wenn du keinen Stern mehr trägst, wirst du an meine Worte denken“, drohte der Verwachsene, brach dann ab, weil sich Jim langsam auf ihn zu bewegte.

„Cowboy, versuch es nicht mit ihm“, warnte der Sheriff. „Es gibt ein besseres Mittel, ihn zur Raison zu bringen, als sich in einen Faustkampf mit diesem mörderischen Burschen einzulassen. Ich habe dir noch nicht gesagt, dass Rick Wall bisher von niemandem im Faustkampf geschlagen wurde. Seine zwergenhafte Gestalt täuscht.“

„Du hast bereits zu viel gesagt, Sheriff“, warf Jim ihm über die Schulter zu. „Jetzt bin ich am Zuge. Mach dich fertig, Rick!“

Nein, Jim konnte nicht anders, musste so handeln, stellte die Beine breit, nestelte an der Gurtschnalle.

„Zum Teufel, Cowboy“, stöhnte der Sheriff. „Rick hat sich gegen das Gesetz gestellt! Komm mir nicht zuvor, hilf lieber Dalter auf die Beine!“

„Ah, Dalter wird früh genug erwachen, um seinen Spaß zu haben, verdirb ihm nicht die Freude, Sheriff!“

„Langsam begreife ich, dass du ein wirklicher Freund Al Carsons warst!“, klang es gepresst. „Doch bevor du dich mit Rick einlässt, sag mir, wusstest du, dass Al so angeschossen war, dass er wahrscheinlich auch so seinen Verwundungen erlegen wäre?“

Jim hob überrascht den Kopf. Nein, das wusste er nicht! Die Nachricht aber entfachte seine Wut und steigerte seinen Zorn um so mehr. Allmächtiger, sie hatten einem Schwerverwundeten nicht einmal Zeit zum Sterben gelassen! Und Al? Er hatte seiner Schwester nicht gezeigt, wie's um ihn stand, hatte ihr verschwiegen, dass er sterben musste. Darum also war er so langsam! Darum also seine Worte, dass er nicht mehr weiter fliehen wollte, bereit war, zu sterben. Oh, jetzt wurde auch das klar!

Jims Gedanken wirbelten förmlich durcheinander. Vor ihm stand der Mann, der bestimmt wusste, wer Al Carson auf dem Gewissen hatte, der Mann, der seinen Blauschimmel verschwinden ließ, und auch der Mann, der manche Fragen beantworten konnte, und der sicherlich auch wusste, dass nicht allein die Rache der Shorts der Grund für Als Tod war.

„Falls du nach unserer Abrechnung noch Gelegenheit haben solltest, dein Giftmaul aufzumachen, Rick, dann bestelle Joe Blondy einen schönen Gruß von mir“, hetzte Jim zwischen den Zähnen hervor.

Der andere tat, als ob er mit dem Namen nichts anfangen könnte.

„Weißt du, Joe Blondy ist der Mann mit der Feuernarbe“, erklärte Jim heiser.

Der sture Ausdruck in dem Gesicht des Verwachsenen blieb.

„Ich warte nur, dass du deinen Gurt fallen lässt, du Großmaul“, schnarrte er plötzlich mit brüchiger Stimme.

„Cowboy!“

Die Warnung des Sheriffs kam zu spät! Jim ließ seinen Gurt einfach in den Dreck fallen, genau in dem Augenblick, als Dalter sich von dem mörderischen Kinnhaken erholte und sich aufrappeln wollte, genau in dem Moment, als sich der Verwachsene mit einem tierischen Laut auf ihn stürzte.

Jim sah die grotesk verzerrte Gestalt auf sich zukommen, spürte, wie eine Faust ihn streifte und halb um die Achse kreisen ließ.

Er war überrascht über die schreckliche Härte, die hinter den Fäusten des Verwachsenen saß.

Geschickt wich er einem zweiten Schlage aus, schnellte zur Seite und duckte sich vor zwei Schlägen, die über ihm in der Luft verpufften.

Was er bisher nicht wusste, war ihm nun klar. Rick war ein wilder, unheimlicher Kämpfer. Ein Mensch, der die Hölle selbst in sich hatte.

Er war schneller, als man es seinem verwachsenen Körper zutraute. Hemmungslos, triebhaft, von Urinstinkten geleitet, die alle Dämme niederrissen. Yeah, ein wahrhaft unheimlicher Gegner, der plötzlich zu wachsen schien, zum Giganten wurde. So schnell angreifend, dass Jim unter Luftmangel halb betäubt in eine Serie von schnellen Haken hineinlief, die ihm fast den Brustkorb eindrückten. Er stolperte, fiel über Dalter, schlug hin und rollte zur Seite, bevor der Stiefel Ricks niedersauste und ihm Schlammspritzer ins Gesicht trieb. Er rollte weiter, als Rick zum zweiten Male nach ihm trat, und kam mit katzenhafter Wendigkeit hoch, angeschlagen, halb benommen von der Atemnot.

Mit scharfen Sinnen nahm er nun wahr, warum Rick ihn nicht mit voller Wucht vernichtete, seinen Vorteil nutzte. Dalter hatte mit beiden Händen einen Stiefel des Ungetüms umklammert und zerrte daran.

By Gosh, im nächsten Augenblick würde Dalter sterben! Jim sah die Absicht des Killers und sprang, als die gespreizten Hände hoch sausten. Seine Rechte traf die Kinnspitze des Gegners so stark, dass Jim das Gefühl hatte, sie wäre ihm gesplittert und lahm geworden.

Ricks Kopf ruckte nach hinten und er ließ von Dalter ab, warf sich vor, ließ sich täuschen, und Jim konnte ihm die Linke hart auf die Herzspitze schmettern. All seine Kraft steckte in diesem Schlag, sein ganzes Körpergewicht, das er aus den Zehenspitzen heraus dem Gegner entgegenwarf.

Aber auch diesen Schlag verdaute der Gegner, wenngleich er auch etwas benommen schien und seine Hasenscharte aufgeplatzt war und grauenhaft und hässlich sein Gesicht zeichnete.

„Pass auf, Cowboy!“, hörte Jim die Stimme des Hilfssheriffs auf kreischen, der sich auf allen Vieren zu Jims Gurt hinbewegte. Wahrscheinlich, um sich der Waffe zu bemächtigen oder aber die Eisen aus dem Kampfgetümmel zu bringen.

„Gib acht!“

Die Warnung kam früh genug. Wall konnte jedoch nicht mehr stoppen. Ein fauchender Laut kam von seinen Lippen, er riss beide Arme hoch, schlug zu, traf die Luft. Wirbelte herum, und wieder gelang es Jim, unter den Fäusten des Gegners wie ein Schemen fortzuwischen.

Wieder war der Gegner schnell und Jim konnte nur durch Zurückweichen zwei Schlägen die Härte nehmen, bevor er selbst zurück kontern und Schläge an den Kopf des Gegners anbringen konnte.

Drei-, viermal versuchte er, den Kampf zu entscheiden, versuchte er, durch eine schnelle Beendigung des Kampfes den Sieg zu erringen.

Sein Zorn war verraucht, und nur seine kalte Überlegung verhinderte seinen Untergang. Und yeah, der Sheriff, der mit gezogenem Colt darüber wachte, dass Wall keine krummen Sachen drehte, keinen schäbigen Trick startete.

Noch einmal setzte Jim an, verzweifelt und mit keuchenden Lungen. Drei hoch angesetzte Schläge erschütterten Wall, aber noch im Wanken bekam Jim einen Schlag, der ihn auf die Knie zwang, ihn so fertigmachte, dass er nur mühsam den Kopf heben und nach dem Gegner Ausschau halten konnte. Und er glaubte seinen Augen nicht zu trauen.

Wall sackten die Beine fort. Er schlug lang in den aufgeweichten, schlammigen Boden.

„Dalter, leg ihm Fesseln an! Wenn er erwacht, findet er sich hinter Gittern wieder“, bestimmte der Sheriff.

Jim sah Dalter vorbei schwanken, sah dann den Sheriff auf sich zukommen, spürte, wie die Hände des Sheriffs sich unter seine Achsel drückten, und in seinem Schädel hämmerte es hinter seinen Augen so schmerzhaft, dass er sie schließen musste.

„Du hast ihn besiegt, Cowboy!“

„Ich... nun, ich habe einen anderen Eindruck“, erwiderte Jim spröde. Er wusste nun, dass man durch einen Kampf Wall nicht auspressen und erschüttern konnte. Er ekelte sich vor sich selbst, knirschte mit den Zähnen und nahm von Dalter seinen Gurt entgegen, starrte an sich herab. Dreck und Schlamm hingen an ihm, klebten an der Kleidung.

Er fühlte sich besudelt und hatte das Verlangen nach einem Bad, hatte die eigenartige Vorstellung, dass mit einem Bad auch die körperlichen Schmerzen abgespült werden konnten.

„Cowboy, ich habe noch nie einen Mann so kämpfen sehen“, gestand der Sheriff.

„Ein Mann kann nur so viel geben, wie in ihm steckt“, erwiderte Jim leise und schaute zur Seite, wo Dalter dem Verwachsenen die Arme fesselte. „Er aber ist die härteste Nuss, die ...“

„Ich werde versuchen, sie zu knacken“, unterbrach ihn der Sheriff rau.

„Brich dir keinen Zahn dabei aus, Sheriff! Du wirst nichts aus ihm herausholen. Außerdem hat er zu starke Hintermänner. Er weiß genau, dass er freikommt!“

„Nicht bei mir!“, zischte Mauxer böse. „Mag sein, dass man mich in gewissem Sinne führen kann und dass ich mich auch hin und wieder irre. Eines steht jedoch fest: Ich stehe hinter dem Gesetz, und ich lasse mich nicht beeinflussen! Er wird mir sagen müssen, wer Al Carsons Mörder ist!“

„Nun, dann viel Vergnügen, Sheriff“, grinste ihn Jim mit zerschlagenem Gesicht an, wollte sich umdrehen und gehen.

„Wohin, Cowboy?“

„Mir ein Pferd aus dem Mietstall holen, Sheriff. Oder glaubst du noch immer nicht, dass man mir meinen Blauschimmel gestohlen hat?“

„Cowboy, ich habe es geschluckt, und ich lass dir die Wahl, denn von nun an ist dieser Mietstall beschlagnahmt.“

„Beschlagnahmt? Der Staat hält seine Hand darauf?“

„Gewiss, so lange Wall bei uns essen wird, wird er bezahlen müssen.“

„All right, sobald ich meinen Blauschimmel, meinen Packen und meinen Sattel zurückhabe, bringe ich das geliehene Pferd zurück.“

„Das hat keine Eile, Cowboy. Ich würde dir raten, erst einmal wieder richtig fit zu werden. Ich habe eine gastfreundliche Frau, die sich deiner bestimmt annehmen wird. Wir könnten dann vielleicht gemeinsam arbeiten. Der Posten eines Hilfssheriffs ist noch frei!“

Jim nickte überlegend.

„Ich werde an das Angebot denken, Sheriff!“

„Ah, zum Teufel, du solltest es annehmen, Cowboy! Der Mann, der gegen Rick kämpfte, braucht mindestens vierundzwanzig Stunden, um wieder sicher auf den Beinen zu sein. Ich verstehe deine plötzliche Eile nicht! Himmel, was hast du vor?“

„Ich werde mich in die Höhle des Löwen begeben, Sheriff.“

Mauxer sah ihn mit leuchtenden Augen an, kam näher heran und sagte gedämpft: „Werde durch den Kampf mit Wall nicht unvorsichtig Ich habe eine verdammte Ahnung, als ob wir viel Überraschungen erleben würden.“

Jim machte einige Schritte zur Seite, blieb dann stehen, rückte seinen Stetson zurecht, sagte nur:

„Gib auf Wall acht! Wenn er frei ist, wird er ein Gegner sein, den man nicht unbeachtet lassen kann.“

„Es ist noch niemandem gelungen auszubrechen“, entgegnete Mauxer stolz. „No, Cowboy, mach dir in dieser Hinsicht keine Sorgen. Es wäre vielleicht doch angebracht, deinen Namen zu nennen, falls dir etwas zustoßen sollte und deine Angehörigen benachrichtigt werden müssen!“

„Tut mir leid, Fellow, bei mir gibt's nichts zu erben. Außerdem habe ich niemanden mehr, der sich um mich sorgen könnte. Aber trotzdem will ich dir meinen Namen nennen. Ich bin Jim Logan.“

„Logan? Wohl Texaner?“

„Yeah!“

„Es soll kein Verhör sein, Logan, so long. Es ist möglich, dass wir uns wiedersehen und vergiss nicht, dass du meine volle Unterstützung hast!“

„Vielleicht werde ich sie brauchen, Sheriff.“

Er winkte dem Sheriff zu und ging aufrecht zum Stall zurück, vermied es, noch einmal zurückzublicken, dorthin, wo Mauxer und sein Hilfssheriff Rick Wall zwangen, den Marsch zum Sheriffsbüro anzutreten.

Hölle, yeah, wie schnell sich doch das Glück eines Mannes wandeln konnte.



3.

Jim suchte die Stalllaterne. Er fand sie bald und zündete die Petroleumlampe an, schraubte den Docht höher und schritt von Box zu Box.

Er war noch etwas weich in den Knien und seine Arme bebten vor Schwäche. Er fühlte sich zerschlagen, müde und abgekämpft. Die Reaktion des überstandenen Kampfes machte sich nun deutlich bemerkbar.

Rick Walls Pferdestall war nicht besonders gut. Drahthaarige Broncos, magere Pintos, eine lahme Stute und ein altersschwacher Falbe waren der Bestand.

Nicht ein Reittier nach Jims Wünschen. Er dachte an den Rappen, der aus der Box ausgebrochen und sich selbständig gemacht hatte. Yeah, er mochte eventuell Ersatz für den Blauschimmel gewesen sein. Zweimal schritt er an den Boxen entlang und entschloss sich dann endlich für einen dunkelbraunen Wallach. Er legte dem Tier einen alten McCellan-Sattel auf, ein altmodisches Modell mit geflochtenen Steigbügeln, spannhohem Sattelknauf aus Büffelhorn und altem versengtem Leder. Dann prüfte er die brüchigen Gurte, sattelte und zäumte auf, führte das Tier aus der Box durch den Stallgang nach draußen, schwang sich auf den Pferderücken und trieb das leicht bockende Tier an.

Dunkle Wolken segelten am Himmel, rissen ab und zu auseinander und dann sah man den Nachthimmel, sah die Sterne blinken und den Mond, der wie eine krumme Sichel am Himmel stand und für Minuten mit seinem bleichen Licht die Häuser Tompstons in weiches Licht hüllte.

Einige Passanten bewegten sich auf der anderen Straßenseite und dort, wo die Einnahmequellen der Stadt lagen, schaukelten bereits die Karbidlampen an den Dachbalken, warfen ihre Lichtkreise auf die Fahrbahn, auf die abgestellten Pferde und die Männer, die nach dem Unwetter erneut Durst verspürten oder ihren Schrecken mit einem Whisky hinunterspülen wollten.

Geschrei, Lachen, Gesang, Frauenstimmen und Musik drangen an Jims Ohr. Bratendüfte kitzelten seine Geruchsnerven so empfindlich, dass er daran erinnert wurde, lange nichts mehr gegessen zu haben.

Er lenkte zu einem Holm, saß ab und band den Braunen fest.

Seine Sporen klirrten leise, als er die Schwingtür mit der linken Fußspitze aufstieß.

Tabakrauch schlug ihm entgegen, schaler Biergeruch und Whiskydunst.

Sein Anblick ließ die Menschen an den Tischen und an der langen Bartheke verstummen. Sie sahen ihm merkwürdig erstaunt entgegen, und jetzt erst wurde er sich bewusst, dass er nicht gerade einen salonfähigen Eindruck machte.

Gefasst und selbstsicher schritt er zur Theke und wurde auch gleich von dem Keeper, der sich ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte, angesprochen.

,,'nen Whisky, Mister?“

„Yeah und eine Mahlzeit und ein Bad dazu“, sagte Jim freundlich.

„All right, können Sie alles haben, Stranger“, dienerte der Keeper. Sind wohl aus der Stampede gekommen, wie?“

„So ähnlich muss es wohl gewesen sein“, gab Jim zu. Er langte sich die volle Whiskyflasche, die der Keeper vor sich stehen hatte.

„Ich verstehe“, grinste der Keeper. „Das Bad soll wohl innerlich sein?“

„Nicht nur, äußerlich kann ich's auch gut vertragen.“

„Nun, fürs Äußerliche müssen Sie die Regentonne im Hof benutzen. Hier hat noch keiner den Wunsch geäußert, seine Haut mit Wasser in Berührung zu bringen“, entgegnete der Keeper und schaute grinsend zu den anderen Männern hin.

Jim musste ihm recht geben, die Kerle an der Theke sahen wirklich so aus, als ob Wasser in ihrem Leben keine große Rolle spielen würde. Nachdem sie ihn eindringlich betrachtet hatten, bestand kein weiteres Interesse mehr an seiner Person, denn sie hatten sich wieder der Bühne zugewandt, wo einige Girls ihre Reize zur Schau stellten. Yeah, ein Mann, der gleich eine ganze Flasche an sich nahm, war bestimmt nach ihrem Geschmack. Ein Trinker beruhigte seine Nerven.

Jim steckte die Flasche in seine Seitentasche, schaute, nachdem er gezahlt hatte, einige Minuten zur Bühne hin, verließ dann seinen Barhocker und suchte sich an einem der Tische einen Platz, gab seine Bestellung auf. Zwischendurch erfrischte er sich draußen an der Regentonne, wusch Dreck, Blut und Schweiß von seinem Oberkörper ab. Als er sich ab trocknete, sah er zwei Männer langsam vorbeireiten. Hagere Burschen waren es, die ihn interessiert musterten.

Er wartete, bis die Reiter vorbei waren, holte die Whiskyflasche aus seiner Tasche hervor und rieb sich die Haut kräftig ein. Es brannte, stach und schmerzte. Eine Fuselwolke umgab ihn, und der Geruch begleitete ihn selbst dann noch, als er angezogen war und zur Bar zurückging, um sein Essen, das man ihm bereits serviert hatte, einzunehmen.

Ein alter Mann, an dem er vorbei schritt, sog plötzlich tief die Luft ein, grinste verschmitzt und fächelte sich mit der Hand den Wind zu, murmelte wohlgefällig: „Bleib in der Nähe, Cowboy, solch guter Duft kann einem Mann die schönsten Illusionen vorgaukeln.“

Doch dann, als er in Jims Augen sah, verstummte er jäh und drückte sich scheu beiseite.

Jim konnte ungestört seinen Hunger stillen. Er war noch nicht ganz fertig, als eine Männergruppe durch die Schwingtür trat.

Cowboys, wie er auf den ersten Blick erkannte, die ihren Durst löschen wollten. Harte, wetterbraune Gestalten, denen man das Leben im Freien ansehen konnte. Ihr Anblick schien die ausgelassene Stimmung der anderen zu dämpfen. Die lebhafte Unterhaltung flaute ab, Zurückhaltung machte sich bemerkbar.

„Ausgerechnet heute müssen die Shorts aufkreuzen“, rasselte eine unterdrückte Stimme am Nebentisch und bestätigte nur das, was sich Jim schon zurecht gereimt hatte.

„Sie scheinen nicht beliebt zu sein, die Shorts, wie?“, wandte er sich leise an den Sprecher. Dieser nickte nur heftig mit dem Kopf, ohne die neuen Gäste aus den Augen zu lassen.

„Stranger, der erste dort, der Mann, der das Genick eines Bullen hat und so düster dreinschaut, ist Tom Short. Sein Bruder Ling, der Mann mit der eingeschlagenen Nase und den Sommersprossen, geht hinter ihm. Es fehlt nur noch Ben, aber der ist bereits aus dem Kleeblatt gerissen worden. Er war der schlimmste von ihnen, ähnlich wie der alte Short, den der Teufel selbst holen sollte. Ich empfehle mich, Cowboy. Wo die Shorts mit ihrer Crew auftauchen, ist mir die Luft zu dick zum Atmen. Das muss ich als Doc doch richtig beurteilen können, wie. Lass dir sagen, ein Mann mit zwei Eisen wirkt wie ein rotes Tuch auf einen Stier auf sie. Die Shorts halten das für eine Herausforderung, ihn auszuprobieren, und Sie sehen mir nicht danach aus, es in Ihrer augenblicklichen Verfassung ertragen zu können. Kommen Sie lieber mit, Cowboy!“

Das war eine verteufelt freundliche Aufforderung von einem Mann, der aus seinem Herzen keine Mördergrube machte.

Jim sah einen gedrungenen, vierschrötigen Mann mit breiten Schultern, einem kleinen Bauch, Silberhaaren und rötlicher, von Warzen übersäter Haut vor sich. Yeah, der Doc machte einen sympathischen Eindruck. Seine hellen Augen ließen die beiden Shorts und ihre Crew nicht aus den Augen. Er setzte den doppelstöckigen Whisky langsam vom Munde ab, stellte das Glas hart auf den Tisch und schob seinen Stuhl etwas ab.

Jim erkannte sogleich den Grund. Die Shorts ließen die fünf Kerle, die mit ihnen das Lokal betreten hatten, fächerförmig ausschwärmen, so dass die Brüder Tom und Ling die Schwingtür im Rücken behielten.

„Sehen Sie, Stranger“, flüsterte der Doc recht heiser. „Es sieht wieder nach Kummer und Verdruss aus. Es wird wirklich allerhöchste Zeit zu gehen.“

Mit einem Ruck erhob er sich, nickte Jim mit verkniffenem Gesicht zu, drängte sich durch die Tischreihen hindurch und tauchte unter.

Jim sah sich indes die Cowboys an, hoffte, in einem von ihnen Joe Blondy zu entdecken, doch vergebens! Blondy war nicht dabei! Warum sollten sie ihn auch besonders herausstellen? Wahrscheinlich war er nur inoffiziell angestellt.

Jim kam nicht dazu, weitere Gedanken diesbezüglicher Art zu entwickeln, weitere Mutmaßungen anzustellen. Auf einen Wink des stoppelbärtigen, düster aussehenden Tom Short blieben die Cowboys stehen, senkten sich ihre Hände auf die griffbereiten Kolben ihrer Waffen, sahen sie sich alle im Raum um, als suchten sie etwas Bestimmtes.

Sofort verstummte das rhythmische Gehämmer des Klaviers, hörten die Tanzgirls auf, weiter ihre Beine durch die Luft zu schwingen. Sie stoben kreischend wie aufgescheuchte Hühner hinter die Kulissen, so schnell, dass in Jim unwillkürlich der Verdacht aufkam, dass die Girls jeden Tag eine Stunde Alarmbereitschaft übten. Die Bühne verödete, der Mann am Klavier wurde bleich und der Keeper schob seine Hand auffällig schnell unter dem Spültisch zur Theke hin, wo sich in Sekundenschnelle der abgesägte Lauf einer Schrotflinte über der Nickelplatte zeigte.

Auffällig war die Reaktion der Gäste, der unrasierten Männer an den Tischen. Betont langsam schoben sie ihre Hände auf die Tischplatte. Stille senkte sich herab, eine Stille, die mit Unheil geschwängert wie zur Explosion reif schien.

„Ich lasse mir meine Einrichtung nicht zerschießen“, bellte der Keeper hinter der Theke den Shorts zu.

Er stand steif und vor geneigt, hielt die Schrotflinte krampfhaft fest. Ein einsamer Mann gegen eine harte Mannschaft.

Jim

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 02.06.2017
ISBN: 978-3-7438-1698-5

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /