Cover

Ein Ranger kommt geritten...

Western von Larry Lash

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 183 Taschenbuchseiten.

 

Endlich daheim, denkt Ben Talbot, der Ranger, und freut sich schon auf den Urlaub, den er nach langer Zeit auf der kleinen väterlichen Ranch verbringen will. Doch seine Ankunft wird für ihn zu einer einzigen Kette der Enttäuschung. Schon bald erfährt er von seinem alt und mürrisch gewordenen Vater, dass man ihm das Leben auf der kleinen — wie man so sagt — Ein-Kuh-Ranch sehr sauer macht; weit schlimmer, dass sein Bruder ein Revolvermann geworden ist, der im Dienst von seines Vaters ärgstem Feind steht, ausgerechnet des Mannes, der seinen Dad in früheren Jahren in den Ruin trieb. Was Wunder, dass sein Vater den jüngeren Bruder aus dem Hause getrieben hat. Ben will es nicht wahrhaben, dass sein Bruder gegen den Vater vorging und Unruhe, Hass und Niedertracht säen soll. Er hat eine Aussprache mit ihm. Wie ganz anders liegen die Dinge, als Ben sie zunächst — mit den Augen des Vaters — gesehen hat! Nun hat er ein Ziel: Er sucht den Mann, der im Hintergrund die Fäden spinnt und mit Heimtücke oder brutaler Gewalt alles im Lande an sich zu raffen und zu beherrschen trachtet.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover nach einem Motiv von C.M.Russell, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1.

„Mein Sohn!“, sagte der alte Mann, der in der Türöffnung der kleinen Ranch stand, und seine Lippen bebten. Seine Hand krallte sich an der Türklinke fest. Er redete, und sein magerer, von schwerer Arbeit gebeugter Körper zitterte, als wollte er die Last und die Mühen der Jahre von sich schütteln. Graublau waren die altershellen Augen, lederfarbig sein Gesicht, das von einem grauweißen Bart umrahmt war.

Der alte Mann stand wie versteinert beim Anblick des Reiters da, in dem er seinen Sohn erkannt hatte. Er blickte auf den Rappwallach und dann auf den Reiter, der ganz ruhig im Sattel saß. Der Oldtimer erkannte nur zu gut den weißen Stetson und auch das Rangerabzeichen, das der Heimkehrende für jeden sichtbar auf dem Rockaufschlag trug. Die Augen des Alten bewegten sich. Sie zeigten Freude, zugleich aber auch Bestürzung.

„Du hättest nicht hierher kommen sollen“, kam es heiser über die Lippen des Alten, „nicht jetzt! Man wird glauben, dass ich dich gerufen habe.“

„Ich habe Urlaub, Dad, und habe mich auf ein Wiedersehen gefreut“, erwiderte der Reiter, der vornübergebeugt im Sattel saß. „Gibt es etwa Schwierigkeiten, Dad?“

Der Alte antwortete nicht sogleich. Die hellen Lichter in seinen Augen verstärkten sich. Er löste die Hand vom Türgriff und kam dem Reiter wie trunken entgegen.

„Willkommen, Ben!“, sagte er dann mit bebender Stimme. „Steig ab, du bist daheim. Ich bin wohl ein Narr, wenn ich annehme, dass etwas von meinen Unannehmlichkeiten zur Hauptstadt und zu euch Rangern gedrungen ist. Es ist noch nichts geschehen, noch nicht, aber alle Anzeichen deuten darauf hin. Steig ab und tritt ins Haus, Ben, ich stelle dein Pferd ein.“

Der Reiter bewegte sich nicht im Sattel. Seine Augenlider zogen sich enger. Er hatte die graublauen Augen des Vaters, das gleiche, breit geschnittene Gesicht mit den weit auseinander stehenden Augen, doch hatte seine Gesichtshaut nur wenig Falten. Sie war braun und glatt rasiert. Ben mochte etwa dreißig Jahre alt sein. Er war breitschultrig und schmalhüftig, ein Mann von athletischer Figur, durchtrainiert wie ein Sportler. Reitstaub lag auf dem Fell seines Rappen, auf seinem Stetson und seiner Kleidung. Staub hatte sich auch in den Poren der Haut festgesetzt.

Jahrelang war der junge Mann fort gewesen. Während dieser Zeit waren Briefe die einzige Verbindung zwischen ihnen gewesen. Die Ranch war für Ben zu klein gewesen, es hatte ihn hinaus in die Welt getrieben. Jetzt kam er endlich heim und gewahrte mit Befremden den Verfall der kleinen Ranch. Eine ganze Mannschaft hätte einige Tage gebraucht, um den Verfallserscheinungen Einhalt zu gebieten. Für einen alten, einzelnen Mann war es einfach unmöglich, die vielen Reparaturen durchzuführen.

Nun, Ben hatte sich nicht nur von seinem Heimweh bezwingen lassen, er war gekommen, um kräftig Hand anzulegen, um seinem Vater zu helfen, wo es Not tat. Damals, als er in die Fremde ritt, hatte er die Ranch in der Hoffnung verlassen, dass der jüngere Bruder bleiben würde, um den Vater zu unterstützen, doch diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Nur wenige Wochen später hatte auch Tom die Ein-Kuh-Ranch verlassen. Auch ihm war es zu eng auf der kleinen Ranch geworden, auch ihn hatte es in die Ferne getrieben.

„Hast du von Tom gehört, Dad?“, fragte Ben, als er sich ein wenig steifbeinig aus dem Sattel schwang. „Schreibt er? Reitet er immer noch die Ferne aus und trachtet danach, seine Lagerfeuer in den Wildnissen und größten Einsamkeiten dieser Welt abbrennen zu lassen?“

Ben nahm sich den Stetson ab und schlug sich mit der Kopfbedeckung den Staub von den Beinkleidern und der Jacke. Er betrachtete seinen Vater aufmerksam und gewahrte, dass der alte Mann seit seiner Abwesenheit merklich verfallen war. Ein hartes und entbehrungsreiches Leben hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen.

„Du hättest dir einen Cowboy nehmen sollen, Dad“, sagte Ben, als er keine Antwort auf seine Fragen bekam. „Ich habe dir regelmäßig Geld geschickt, du hättest die schwere Arbeit nicht allein tun sollen.“

„Das Geld, das du geschickt hast, steht zu deiner Verfügung. Ich habe es zur Bank gebracht, mein Sohn. Was ich zum Leben nötig hatte, konnte ich mir mit den Händen noch erarbeiten. In letzter Zeit aber wollen meine Hände nicht mehr so recht. Von Jahr zu Jahr wurde es schwieriger. Ich hab immer auf deine und Toms Rückkehr gewartet. Jahr um Jahr habe ich gehofft, dass meine Söhne die Ranch übernehmen und sie hoch wirtschaften würden. Doch du kommst nur, um Urlaub zu machen und dann wieder fortzureiten. Es ist dein Land hier, Ben. Hast du noch immer nicht begriffen, was es heißt, eigenes Land zu besitzen?“

Er schwieg und schien auch auf keine Erwiderung zu warten. Seine Augen waren feucht geworden. Er hatte die Zügel des Rappwallachs ergriffen und führte das Tier zum Stall.

Ben sah der gebeugten Gestalt des Vaters nach. Die Kehle zog sich ihm enger. Er hatte den stillen Vorwurf des Vaters wohl begriffen und sah die Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit, die von seinem Vater Besitz ergriffen hatten, seitdem er, Ben, und sein Bruder Tom ihn im Stich ließen. Stärker als vor seinem Fortritt empfand er die Armseligkeit der Ranch, auf deren Weiden nur eine kleine Herde zu halten war. Es war alles zu wenig, um gut davon leben zu können, zu viel, um zu sterben. Es war genau so viel, dass man sich Tag für Tag abrackern und plagen musste, es dabei aber zu nichts brachte. Dem Vater hatte es ein Leben lang nichts ausgemacht, sich zu plagen und zu schuften. Er hielt zäh zu diesem Land, das er als einer der ersten bebaut hatte. Um keinen Preis hätte der Vater Ranch und Land verkauft, denn die Ranch und die Rinderzucht waren sein Leben. Nahm man ihm das, würde sein Leben sinnlos geworden sein. Außer der Ranch gab es allerdings noch etwas, was den Vater hier hielt, ja, was ihn noch so lange hier halten würde, wie noch Leben in ihm war. Es war das Grab der Mutter, das unter den alten Kastanienbäumen lag und selbst jetzt noch, nach so vielen Jahren, ständig mit frischen Blumen geschmückt wurde.

Die Liebe des Vaters zur toten Mutter reichte über den Tod hinaus. Der Vater war von der tiefen Zuversicht besessen, dass es nach seinem Ableben ein Wiedersehen in einer besseren Welt mit seiner verstorbenen Frau geben würde. Er machte keine großen Worte, er war nicht der Mann, der viel Aufhebens von sich machte. Die Tatsache aber, dass das Grab so geschmückt war, als wenn die Kameradin erst wenige Tage von der Welt gegangen wäre, verriet mehr über das Wesen des Vaters, als tausend Worte es vermocht hätten. Die Mutter seiner Kinder war in seinem Herzen lebendig und würde es auch bis zum letzten Atemzug bleiben.

Vielleicht hätte ich doch nicht kommen sollen, dachte Ben und zog den Atem tief ein. Das, was

ihm einst so vertraut gewesen war, machte jetzt einen trostlosen Eindruck auf ihn. Es war alles nicht so, wie er es in den Träumen gesehen und in der Phantasie wach gehalten hatte. Alles hier war dem Verfall preisgegeben wie die Kraft des Vaters.

Ben war heimgekommen, doch an Stelle der Zufriedenheit überfiel ihn quälende Unruhe. Unwillkürlich fragte er sich jetzt, ob er mit seinem Fortreiten damals etwas verkehrt gemacht hatte. Innerlich musste er es verneinen. Er hatte ein Recht dazu, sein Leben zu gestalten, und das hatte er auch getan. Sein Name stand seit vielen Jahren auf der Rangerliste. Sein Körper trug die Narben vieler harter Einsätze, bei denen es um Tod und Leben gegangen war. Jetzt hatte er einen wohlverdienten Urlaub für mehrere Wochen bekommen. Hier auf der Ranch wollte er abschalten, sich entspannen und neue Kräfte für seinen harten Beruf sammeln. Hier wollte er dem Vater für einige Wochen helfen, in stillen Stunden die Erlebnisse der Jugend heraufbeschwören. Er hatte sich alles so schön ausgemalt, und nun ...? Die Wirklichkeit sah anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Nur zu deutlich hatte er bemerkt, dass sein Vater blass geworden war, als er sich nach seinem Bruder Tom erkundigt hatte. Der Vater hatte ihm einen Blick zu geworfen, den er sich nicht erklären konnte. Was mochte mit Tom sein?

Toms Name schien den Vater mit Abwehr zu erfüllen. Nun, Tom war immer besonders schwierig gewesen. Er war ein Grübler und Träumer zugleich. Tom konnte tagelang durch die Wildnis reiten und sich mit sich allein befassen. In den vergangenen Jahren war er zum Mann gereift. Es wäre schön, wenn er auf der Ranch wäre.

Ben sah seinem Vater nach, wie er den Rappen in den Stall führte. Ben setzte sich etwas steifbeinig in Bewegung. Er trat durch die Tür und blieb verwundert stehen. Er hatte erwartet, das große Wohnzimmer im gleichen verwahrlosten Zustand vorzufinden wie die Ranch. Hier drinnen glänzte es vor Sauberkeit. Sogar frische Blumen befanden sich in den Vasen und boten in ihrer bunten Pracht einen Anblick, den ein Mann niemals in einer Männerwohnung vermutete. Gerade Ben, der seine meiste Zeit in Männergesellschaft zubrachte, empfand diese Tatsache besonders deutlich.

Ein wenig benommen hing Ben seine Kopfbedeckung an einen der Wandhaken, an denen die Gewehre und die Schrotflinte aufgehängt waren. Ben nahm sich einen Stuhl und ließ sich am Tisch nieder. Sein Blick glitt zu dem Bild, das seine Mutter darstellte. Es war schon verblasst, und doch zeigte es noch die zarte, zerbrechliche Schönheit einer Frau, die ein tapferes Herz gehabt hatte, doch nicht die körperlichen Voraussetzungen für ein Leben wie das auf einer solch kleinen Ranch hatte. Ben war drei Jahre alt gewesen, als sie starb, zu jung noch, um sich noch an sie erinnern zu können. Er wusste aber, dass sie bei der Geburt seines Bruders aus dem Leben gegangen war. Tom hatte völlig ohne Mutterliebe aufwachsen müssen. Vielleicht war das der Grund dafür, dass er so eigenartig geworden war. Die Liebe des Vaters hatte die Mutterliebe nicht ersetzen können.

Ben streckte die Beine weit von sich und schloss die Augen, als hätte er Angst vor den Bildern, die sich ihm aufdrängten. War es nicht, als ob alles in diesem Raume eingefangen wäre, von dem er geträumt, was ihm bei schweren Einzelaufgaben und Patrouillenritten neue Kraft verliehen hatte? Hier war noch der Zauber der Kindheit, dem er nachspüren konnte, jener unnennbare Zauber, der ihm Kraftquell war, der immer in seinem Herzen lebendig bleiben würde.

Was bedeutete es schon, dass er ein harter Mann war, der zauberhaft schnell seinen Revolver ziehen konnte, der für das Gesetz ritt und sich ihm ganz und gar verschrieben hatte. Jetzt war er daheim und fühlte jene Atmosphäre um sich, die eine weiche Schwingung in ihm auslöste. Der Eisenpanzer, der sich um sein Herz gelegt hatte, schien zu schwinden. Er atmete schwer und griff sich an die Kehle, wischte sich über das mit Schweiß überzogene Gesicht und blickte wie gebannt das Bild seiner Mutter an. Die Mutter schien ihre dunklen Augen fest auf ihn gerichtet zu haben. Es waren gütige Augen, die Augen einer faszinierenden Frau. Diese Augen hatten den Vater bezaubert und ihm den Himmel auf Erden geschaffen. Die Treue des Vaters zu seiner Mutter erhielt ihr Andenken noch nach langen Jahren in ihm wach.

Bens Augen brannten heiß. Er schämte sich nicht, dass ihm die Lider feucht wurden, dass eine weiche Gefühlswallung ihn überkam und ihn auf den Stuhl fest bannte. Er ließ sich von seinem Gefühl treiben. Jetzt, da er das Bild mit den dunklen Augen der Mutter sah, wusste er, dass er sie in der Not immerzu gerufen hatte. Oft genug war er in Not gewesen. Damals, als eine Kugel ihm fast das Leben nahm, hatte er nach der Mutter gerufen. Als er dann nach langen Wochen genesen war und wieder zum Einsatz kam, hatte ihn ein Säbelhieb getroffen. Der Blutverlust war so hoch, dass niemand einen Cent für sein Weiterleben gegeben hätte. — Das Fluidum der Mutter schien in diesem Raum lebendig geblieben zu sein. Aus unsichtbaren Welten schien ihr Hauch hierher zu strömen.

Ein kalter Luftzug streifte Ben von der Seite. Er drehte sich um und gewahrte, wie die Tür zum Nebenzimmer sich öffnete. Betroffen blickte er in das Antlitz einer Frau. Auch das weibliche Wesen blickte ihn an. Es war tatsächlich keine Geistererscheinung, es war ein Wesen aus Fleisch und Blut. In den Händen trug sie eine dampfende Schüssel. Ein verlockender Geruch strömte ihm entgegen.

„Willkommen, Ben!“, hörte er sie sagen. Ihre Stimme schwang zu ihm hin wie ein heller, reiner Glockenton. „Dein Vater hat nicht zu viel gesagt, als er behauptete, wir würden uns beide wohl kaum noch erkennen. Kinder brauchen nicht allzu viel Zeit, um erwachsen zu werden. — Ich bin Mary.“

„Mary Slom?“, nannte er ihren Namen. Die eigene Stimme kam ihm dabei fremd vor.

Sie nickte und trat näher. Sie stellte die Schüssel vor ihm auf den Tisch. Ihr Kattunkleid berührte ihn dabei. Großer Gott, sie war kein Kind mehr, nicht mehr jenes sommersprossige Geschöpf mit den langen, staksigen Beinen, das so schüchtern mit ihrem Vater, dem Doc, in die kleine Rinderstadt

gekommen war. Ben konnte sich noch genau daran erinnern, wie das vor vielen Jahren gewesen war. Ihr Vater hatte sie aus der Postkutsche geschoben, und verschüchtert hatte sie in die ihr fremde Welt gestarrt, in die raue Welt der Rinderleute. Jetzt hatte sie nichts mehr mit dem Kind gemeinsam, das damals in die Stadt gekommen war. Sie war zu einer Schönheit herangereift, an der man nicht vorbei sehen konnte.

„Hier habe ich Sie nicht erwartet, Mary“, sagte er zu ihr und sah zu ihr auf in das schöne, regelmäßig geschnittene Gesicht, in ihre dunklen, seelenvollen Augen hinein, wo auf dunklem Grund Goldfunken zu tanzen schienen.

„Auch ich bin überrascht, Ben“, erwiderte sie verblüffend sicher. Man merkte ihr deutlich an, wie selbstsicher sie war und wie wenig sie von der einstigen Scheu hatte. „Jemand muss sich hier ein wenig kümmern. Unsere Väter sind Freunde geworden, und es macht mir Vergnügen, hier ein wenig helfen zu können.“


2.

„Mary ist gestern Abend davon geritten“, sagte der Vater zu Ben, als dieser sich am anderen Morgen nach dem Frühstück nach ihr erkundigte.

Die Sonne stand strahlend am Himmel. Kaffeeduft füllte den Raum. Der Vater stand am Herd und hatte sich nicht einmal umgedreht, als er Ben die Frage beantwortete. Über die Schulter gewandt fuhr er weiter fort: „Du hättest dir ein wenig mehr Zeit für sie nehmen sollen. Sie ist ein gutes Mädchen. Du hättest dir deinen Erkundigungsritt ersparen oder auf heute morgen verlegen sollen.“

„Dad, hat sie sich über mich beklagt?“

„Wo denkst du hin, Ben? Sie ist gut erzogen, sie würde sich nie beklagen. Wenn es nach dem Herz geht, muss man sie für einen Engel halten.“

„Dad, es gibt hier auf der Welt wohl kaum einen Engel.“

„Wem sagst du das, Ben? Ich bin alt und erfahren genug, um es nicht schon längst herausgefunden zu haben. Trotzdem ist sie ein himmlisches Geschöpf, Ben.“ Jetzt wandte der Alte sich ganz seinem Sohn zu. „Mit einer Tochter im Hause wäre ich wohl nie so einsam geworden. Ihr Jungen wollt nur allzu schnell, sobald ihr ein wenig flügge geworden seid, die Ferne ausmessen und dem Regenbogen nachreiten. Ihr wollt genau wissen, wie es hinter dem nächsten Bergrücken aussieht und wohin die Wildgänse ziehen. Nun, ich habe euch beide, Tom und dich, nicht aufgehalten und euch ziehen lassen, wohin ihr wolltet. Ihr seid Männer geworden und habt eure Lektionen erhalten. Ich warte auf den Tag, an dem es euch für immer heim treiben wird. Doch dieser Tag liegt wohl noch in weiter Ferne.“

Ben nickte nachdenklich. Er sah in die altershellen Augen seines Vaters hinein. Mit einer Handbewegung schob er den Teller von sich und erhob sich.

„Ich habe Urlaub, Dad“, sagte er. „Ich möchte aber nicht herumsitzen und die Hände in den Schoß legen. Machen wir uns rittfertig. Ich habe mir gestern schon einiges Werkzeug bereitgelegt.“

„Werkzeug bereitgelegt?“, fragte der Vater überrascht.

„Man muss den Zaun bei den Quellen reparieren, Dad“, entgegnete Ben. „Auf zehn Meter Länge ist der Draht abgeschnitten worden. Ein Rudel Rinder hat das Quellgebiet so zerstampft, dass das Wasser wie in einem Moor braun und fast ungenießbar geworden ist. Du solltest unsere Rinder nicht so nahe an das Quellgebiet heranbringen, Dad.“ Der Alte antwortete nicht. Er starrte seinen Sohn mit weit aufgerissenen Augen an.

„Noch so einen Einbruch der Rinder an den Quellen, und der Abfluss zu unseren Weiden ist zu geschlammt. Das Wasser sucht sich dann einen neuen Weg. Es fließt dann in die Weiden der Nachbarn hinein. Unsere Weiden würden austrocknen, denn die Arbeit, um einen Kanal anzulegen, würde zu lange dauern.“

„Ben, es waren Teufel, die den Stacheldraht wieder einmal zerschnitten haben!, unterbrach ihn sein Vater. „Das ist nun schon zum vierten Male geschehen. Die Rinder werden in unser Quellgebiet getrieben. Es waren nicht unsere Rinder, Ben. Unsere stehen weitab von den Quellen. Ich habe sie immer davon ferngehalten. Irgend jemand kennt nur zu gut meine schlechte finanzielle Lage und weiß nur zu genau, dass ich völlig ruiniert bin, wenn das Wasser einen anderen Weg nimmt. Er weiß auch, dass ein alter Mann allein wohl kaum imstande ist, gegen die Versumpfung anzugehen. Jetzt weißt du, Ben, wie es hier tatsächlich steht.“

„Du hast nie etwas von deinen Schwierigkeiten geschrieben, Dad.“

„Wozu sollte ich dich belasten, Ben? Du bist ein Ranger und hast deinem Schwur gemäß deine Pflicht zu erfüllen und Tom ..“

Er brach ab. In seinen Augen kamen dunkle Schatten auf. Sein Schweigen wirkte wie eine Herausforderung auf Ben.

„Was ist mit Tom, Dad?“

„Nun, es ist besser, wenn ich es dir gleich sage. Man sagt, dass Tom ein Revolvermann geworden ist, der sein Eisen zu Höchstpreisen verkauft. Ein trauriger Ruhm soll ihn umgeben. Sprechen wir aber nicht weiter davon.“

„Warum, Dad? Du mochtest Tom immer besonders gern!“

„Er war mein Liebling“, unterbrach er seinen Sohn rau. „Er ist es längst nicht mehr. Er dankt mir nun alle Liebe und Güte, die ich an ihn verschwendete, mit Undank. Er steht auf der Lohnliste des Mannes, der mich in Abilene zur Aufgabe meines Stores zwang und meinen Laden zu einem Spottpreis aufkaufte. Damals saß ich fest im Sattel, und das Geschäft hatte sich gut entwickelt. Es warf eine Menge ab, bis Stuart Harden mein Konkurrent wurde.“

„Dad, das ist schon lange her.“

„Für mich ist es, als wäre es vor kurzem erst gewesen“, erwiderte der Oldtimer erregt. „Wenn ich mein Geschäft behalten hätte, wenn es keinen Harden gegeben hätte, würde ich deiner Mutter ein angenehmes Leben bereitet haben können. Sie kam statt dessen in ein Leben hinein, das für sie zu hart war, an dem sie zerbrechen musste.“

„Dad, du kannst Harden nicht die Schuld daran geben“, erwiderte Ben ruhig. „Du hast dich in eine schlimme Idee verrannt.“

„Ben, das geht nur mich etwas an!“, nahm der Alte ihm das Wort. Helle Lichter waren in seine Augen gekommen. Er trat ganz nahe an Ben heran. „Ein Harden bleibt ein Harden, und wir Talbots bleiben die Talbots. Wir können nicht mit einem Harden in einem Boot sein, Ben. Deine Toleranz ist in dieser Beziehung völlig unangebracht. Was Tom tat, war mehr als ein Schlag in mein Gesicht.“

„Dad, weißt du überhaupt mit Bestimmtheit, dass Tom sich in Stuart Hardens Lohnliste eintragen ließ? Harden ist weit von hier entfernt.“

„Weit von hier entfernt?“, keuchte der alte Mann mit zuckenden Lippen. Ein Lachen erschütterte seinen ausgemergelten Körper.

Ben betrachtete seinen Vater mit immer größer werdender Verwunderung.

„Es wäre gut, wenn du dich aussprechen würdest, Dad. Manchmal ist eine solche Aussprache das einzige Mittel, um sich zu erleichtern. Höre auf zu lachen und starre Mutters Bild nicht so an! Du verrennst dich immer mehr in deinen Hass. Deine Gedanken sind auf Böses gerichtet. Denke daran, dass böse Gedanken böse Taten nach sich ziehen.“

„Und ich habe geglaubt, dass wenigstens du mich verstehen würdest!“, sagte der alte Mann, sein Gelächter jäh unterbrechend. „Ich war ein Narr, als ich glaubte, dass wenigstens einer meiner Jungen so wie ich werden würde. Ihr seid mir beide fremd geworden. Der eine verschrieb sich dem Gesetz, der andere verkaufte seinen Revolver dem Mann, den ich hasse. — Ich bin nicht der einzige, der einen Hass gegen Harden in sich trägt. Auch Doc Slom hasst Stuart Harden, er hasst ihn so sehr, wie ihn nur ein Mann hassen kann, der zum Krüppel geschossen wurde.“

„Der Doc war bereits ein siecher Mann, als er vor Jahren nach hier kam, Dad.“

„Davor aber war er es nicht, Ben, nicht, als er in Abilene noch eine große Praxis hatte, nicht bevor er das Duell mit Harden hatte. Stuart Harden schoss schneller, und seine Kugeln machten den Doc zum Krüppel.“

„Dad, jetzt begreife ich, warum der Doc und du so gute Freunde wurdet! Jetzt geht mir ein Licht auf. Ihr hasst beide den gleichen Mann.“

„Ja, Ben“, gab der Alte unumwunden zu. „Warum soll ich es leugnen? Was hat Harden aus mir und dem Doc gemacht? Hat er uns nicht beide aus der Bahn geworfen? Du lächelst nur, Ben, du hältst mich für einen alten Schwätzer. Du stehst nicht hinter mir, du nicht! Sprechen wir nicht weiter darüber und reiten wir.“

Der Alte drehte sich um und ging mit hängenden Schultern aus dem Raum. Ben folgte ihm in den Stall. Sie holten die Reitpferde aus den Boxen, sattelten und zäumten sie auf und führten sie dann ins Freie. Ben holte den Werkzeugkasten, schnallte ihn hinter dem Sattel seines Rappen auf und hob sich dann aufs Pferd. Sein alter Vater tat es ihm nach. Er tat es nicht mehr so elastisch wie früher, er war steif geworden. Die harte Arbeit und das Alter hatten ihm seinen Stempel aufgedrückt.

Nun, als Ben seinen Vater so betrachtete, musste er sich sagen, dass die harte Arbeit und das Alter ihn keineswegs duldsamer gemacht hatten. Er war noch viel aufsässiger geworden. Ben wunderte das nicht. Er hatte die Schwierigkeiten gesehen, die sein Vater haben musste, als er gestern über die Weide geritten war. In jeder neuen Schwierigkeit sah sein Vater den Einfluss des Mannes, den er für seinen Gegner hielt. Doch Harden war weit, und was hatte dieser Harden mit den Vorgängen hier im Lande zu tun? Dass der Doc mit seinem Vater harmonierte, das war nur zu gut verständlich. Sie hatten beide Grund genug, über den Mann zu schimpfen, der ihnen beiden eine Schlappe beigebracht hatte. Sein Vater hatte nicht Einsicht genug, sich zu gestehen, dass Harden damals in Abilene wohl der bessere Geschäftsmann gewesen war. Er war wohl der clevere Mann, stark genug, die Konkurrenz auszuschalten. Sein Vater hatte Stuart Harden keine Unehrlichkeit nachsagen können. Er hatte ihm kein hinterhältiges Spiel und keinen Winkelzug nachweisen können, der gegen das Gesetz verstieß. Harden hatte seinen Gegner allein durch Tüchtigkeit aus dem Felde geschlagen. Ben hatte in seiner Eigenschaft als Ranger auf eigene Faust Nachforschungen angestellt und hatte das herausbekommen, was auch sein Vater wissen musste, was er sich aber nicht eingestehen wollte. Der Vater machte es sich zu leicht. Er wollte einem anderen die Schuld am Tod seiner Frau zuschieben.

Dabei hatte er sich in ungute Gedanken verrannt. Vielleicht hatte auch der Doc seinen Teil dazu beigetragen, den Vater noch weiter aufzustacheln. Wenn das der Fall war, dann war der Doc auf keinen Fall der richtige Freund für den Vater.

„Go on!“, hörte Ben seinen Vater sagen, der mit diesem Zuruf sein Reittier in Bewegung brachte. Bügel an Bügel ritten sie los, hinein in das schöne texanische Land der tausend Hügel, der Weiden und Wälder.

Golden strahlte die Sonne vom Himmel. Das Gras wogte unter dem sanften Wind wie ein grünes Meer. In den Niederungen lagen Nebelbänke. Ben atmete tiefer. Er genoss den Ritt in der frühen Morgenstunde. Er spürte die rhythmische Bewegung des Pferdes unter sich. Der trommelnde Hufschlag der Pferde klang ihm wie Musik in den Ohren.

„Hat dir der Doc den Grund mitgeteilt, warum er Harden hasst?“

„Ja, das hat er, ich sagte schon, Ben, dass wir Freunde sind“, erwiderte der Vater im Reiten vom Sattel her. „Lon Slom wurde von Harden zum Revolverduell gefordert, weil irgendwelche Leute Harden zugeflüstert hatten, dass seine schöne Geliebte und der Doc zu oft zusammen waren. Harden war rasend eifersüchtig und zögerte nicht lange damit, sich seinen vermeintlichen Nebenbuhler vor den Revolver zu holen. Der Doc, als ein Mann von Ehre, nahm an. Wem ist damit nun gedient worden? Die schöne Frau nahm Harden zum Mann, und der Doc brauchte Monate, um seine schweren Verwundungen zu überstellen. Er hat sich nie wieder richtig erholen können. Seine Praxis in Abilene ging zum Teufel. Die Pflege schluckte viel Geld und brachte Lon Slom an den Ruin. Als er genesen war, zog er aus Abilene fort und heiratete irgendwo in Texas. Eines Tages kam er dann hierher nach Duablo, zum Wichita River. Er verlor wie ich seine Frau bei der Geburt seines Kindes. Das ist ein weiterer Grund mehr, warum wir uns so gut verstehen, Ben. Die Ähnlichkeiten unserer Schicksale sind es, die uns zu Freunden machen.“

Ben Talbot antwortete nicht. Er kannte seinen Vater und wusste, dass es keinen Sinn haben würde, ihm irgendwelche Verhaltensmaßregeln zu geben. Nur der Himmel wusste, welche Argumente der Doc hatte, Harden zu hassen. Ben hatte ihn als einen intelligenten Menschen von starker innerlicher Kraft kennengelernt. Er hatte die Fähigkeit, diese Kraft auf andere Menschen zu übertragen. Diese Kraft war es, die ihn in Duablo so beliebt und als Arzt begehrt gemacht hatte. Der Doc brauchte sich hier gewiss nicht über Patienten zu beklagen. Es gehörte hier zum guten Ton, sich von Doc Slom behandeln zu lassen, selbst wenn es nur harmlose Krankheiten waren. Es mochte dennoch sein, dass auch der Doc wie sein Vater Ralph Talbot seinem Geschick nachtrauerte und alle Schuld bei einem anderen suchte. Solange die beiden Freunde aus ihrem Hass heraus nichts Böses gegen ihren gemeinsamen Feind unternahmen, war alles nicht so schwer zu nehmen, und man konnte die beiden ruhig gewähren lassen. Es war gut, dass Harden so weit weg war, nahezu unerreichbar für die beiden, die geradezu ein Bedürfnis darin zu finden schienen, ihren Hass gegen Harden zu schüren.

Ben betrachtete seinen Vater einen Augenblick von der Seite. Er sah die tiefen Falten im Gesicht und den bitter geschlossenen Mund, den dunklen

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 25.05.2017
ISBN: 978-3-7438-1471-4

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