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Ein neuer Tag - ein neues Leben

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Der neu ernannte Chefarzt der Hamburger Hafenklinik sorgt mit seinem rüden Benehmen dafür, dass die besten Ärzte neue Betätigungsbereiche suchen. Eine Kollegin geht mit ihrem Mann nach Amerika, Hella Grund wechselt zu einer angesehenen Herzklinik, wo gleich am ersten Tag die große Liebe lauert. Doch da gibt es einige Hinderungsgründe – nicht zuletzt die schwer kranke Patientin Ruth Kindermann.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Professor Dr. Otto Gött starb, wie er gelebt hatte: Mit einem Paukenschlag.

Der weit über Hamburg hinaus bekannte Internist, dieser Mensch, der lebte und leben ließ, ihn traf es an seinem Stammtisch. Lachend starb er.

Sein langjähriger Freund, der Lotse Kapitän Jensen, hatte gerade einen Witz erzählt, einen von der Art in schwärzestem Humor, wie Gött Witze liebte.

Er hatte schallend gelacht, der massige Mann Gött, dieser Falstaff der Medizin, gelacht hatte er, und in diesem Lachen traf ihn der Gehirnschlag. Er war sofort tot.

Vier weitere alte Freunde, die mit am Stammtisch saßen und Ärzte waren, konnten ihm nicht mehr helfen. Niemand konnte das.

Achtundsechzig war er geworden, drei Tage war das erst her an diesem 19. Dezember 1985.

Er hatte seine Zigarren gepafft, in sich hineingestopft an Essen, was er mochte, was ihm gefiel, was ihm schmeckte. Und seinen Rotwein, seinen französischen Cognac. Er war genau der Typ gewesen, der seine Patienten nach seinem Willen nicht sein sollten. Ihnen hatte er Diäten verschrieben, an die er sich selbst nie gehalten hatte. Ein Mann von hohem Können, ein Mann von Format, der nicht leiden musste, als es ihn hinwegraffte, der praktisch lachend in den Tod gegangen war.

Als Dr. Ina Bender es erfuhr, das war am folgenden Morgen, da wurde ihr schlagartig klar, dass da mehr ging als ein Vorgesetzter. Mit Gött hatte sich ein Mensch auf den endlosen, ewigen Weg gemacht, der ihr eine Mischung aus Vater, Freund und Chef gewesen war. Ein Vorbild vor allem, was seine internistischen Kenntnisse anging. Einer, dessen Rat man sogar im fernen Amerika in Anspruch nahm, der aber immer Mensch geblieben war, den sein Ruhm niemals zu Stolz oder Arroganz verleitet hatte.

In der Klinik hatte der Tod eine Lücke gerissen. Viele waren bestürzt, aber für Ina war es einfach mehr.

Aber alles musste weitergehen. Die Patienten in den Zimmern hatten auch an diesem Tage ein Recht, dass man ihnen half, sich um sie kümmerte.

Die Kunde vom Tode Professor Götts weckte nur bei einem einzigen Menschen wirkliche Hoffnung, ja sogar Freude, die er natürlich nach außen nicht zeigte. Er tat, als hatte es ihn auch schmerzlich getroffen, aber in Wirklichkeit empfand er es als eine Fügung des Schicksals. Und er war sicher, dass man ihn jetzt, zumindest vorläufig, zum Chefarzt bestimmen würde.

Gemeint war Oberarzt Dr. Helmut Kiesewetter. In allem beinahe ein absolutes Gegenteil von Gött. Er war klein und schlank, sein etwas zu groß wirkender Kopf gab ihm das Aussehen eines typischen Wissenschaftlers, so wie die Leute ihn sich vorstellen. Die Goldrandbrille unterstrich das noch. Kiesewetter, der Denkautomat, wie Ina ihn manchmal nannte. Kiesewetter, dem viele nachsagten, er habe kein Herz. Ina wusste, dass es bei ihm auch gute Seiten gab, aber er ließ sie selten sehen, und es war auch nicht einfach, sie überhaupt zu bemerken.

Zunächst einmal lief alles weiter. Die Verwaltung der Klinik wollte bis zur Beisetzung Professor Götts keine Entscheidungen treffen. Der Oberarzt führte die Abteilung, wie es üblich war.

Aber schon in diesen vier Tagen bis zum Begräbnis von Professor Gött heizte sich die Gerüchteküche auf. Da war von einem anderen Chefarzt die Rede, der aus Essen kommen sollte, dann wieder von einem Engländer aus London. Beides berühmte Namen.

Doch bereits in den vier Tagen bis zum Begräbnis des einstigen Chefs zeigte sich Kiesewetter von seiner allerschlimmsten Seite.

Noch hatte sich Kiesewetter nicht einfach in das Zimmer seines Chefs gesetzt, so weit ging er nicht. Aber er begann bereits mit Reformen, die er schon immer gerne durchgeführt hätte, was aber bisher an Götts Einsprüchen gescheitert war. Nun aber gab es niemand mehr, der ihm da Einhalt gebieten konnte, und Kiesewetter legte los. Er krempelte den Dienstplan um, er scheuchte die ihm untergebenen Ärzte herum wie Dienstmädchen. Nur bei Ina wagte er das noch nicht. Aber selbst Inas Kollegen Dr. Ohlenschläger fuhr er an wie einen Schuljungen. Als der sich das nicht gefallen lassen wollte und ihm Kontra gab, bot Kiesewetter Ohlenschläger an, doch am besten einen anderen Platz zu suchen, eine andere Klinik.

„Wir zwei“, brüllte Kiesewetter, „kommen nie miteinander aus. Und das können Sie auch gleich Frau Bender sagen. Am besten, Sie suchen sich einen anderen Job. Nicht hier. Ich weiß genau, dass wir nicht miteinander auskommen.“

„Vielleicht“, meinte Ohlenschläger bissig, „fallen Sie über Ihre eigenen Beine, Herr Oberarzt! Ich betone Oberarzt, und das bleiben Sie für mich, mehr sind Sie nie gewesen, und mehr werden Sie auch nicht werden.“

Ohne sich um das Gesicht und den Wutausbruch Kiesewetters zu kümmern, ging Ohlenschläger und sprach dann während des Mittagessens mit Ina darüber.

Auch Ina glaubte, dass man dem Internisten aus Essen den Vorzug geben würde. Der war Professor wie Gött. Sie nahm an, dass man ihn holte.

Am 23. Dezember, unmittelbar vor dem Weihnachtsfest, wurde Gött beerdigt. Mehr als vierhundert Menschen begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Es herrschte ein scheußliches Wetter, Regen peitschte über den Friedhof. Und Ina, die ohnehin leicht erkältet war, fürchtete, dass sich ihr Schnupfen noch verschlimmern würde. Es war kälter, als von ihr gedacht. Vor allen Dingen der Wind pfiff eisig über den Friedhof, und die Nässe machte alles noch schlimmer.

Noch einmal musste sie an die ganzen Stationen denken, die sie gemeinsam mit Gött verlebt hatte. Noch einmal sah sie im Geist dieses gütige Lächeln eines Mannes, der auch unwahrscheinlich poltern konnte. Ein Mensch durch und durch.

Und dort am Grab, Ina schräg gegenüber, stand Kiesewetter. Mit verkniffenem Gesicht blickte er auf den Sarg hinunter.

Nein, dachte Ina, den machen sie bestimmt nicht zum Chefarzt. Das kann einfach nicht sein.

Die Gerüchte schwirrten auch beim Leichenschmaus um kein anderes Thema als um die Frage, wer Götts Nachfolger werden würde.

Alle wussten, dass Kiesewetter seine Habilitationsarbeit geschrieben hatte, aber habilitiert war er noch nicht. Das heißt, er war noch kein Dozent, und das war die Voraussetzung, um Professor zu werden. Aber Ina war bekannt, dass die Klinikleitung nicht unbedingt einen habilitierten Mann auf diesen Posten setzen wollte.

Später, als Ina schon zu Hause war, rief Frank aus Rom an, wo er mit seiner Maschine zwischengelandet war.

„Schatz“, sagte er, „ich bin gegen halb zehn in Fuhlsbüttel. Holst du mich ab?“

Ina lächelte beglückt. Der erste Lichtblick heute, dachte sie. „Aber natürlich hole ich dich ab!“, rief sie begeistert. „Bist du pünktlich?“

„Ich denke doch. Es wird ein paar Turbulenzen über den Alpen geben. Wie ist das Wetter bei euch? Es regnet, nicht wahr?“

„Ganz schön sogar. Ziemlich fieses Wetter. Aber ich weiß, du schaffst es.“

„Ich muss ja morgen früh pünktlich sein.“

Sie lachte. „Wehe, du bist es nicht!“ Morgen, dachte sie, als sie sich von Frank verabschiedet hatte, ist dieser große Tag. Verrückt, aber es war seine Idee, zu Weihnachten zu heiraten. Nun gut, er wollte nur eine standesamtliche Hochzeit. Überraschenderweise fand Opa das gut.

Drei Wochen hatte Frank Urlaub, der Hochzeitsurlaub.

Aber irgendwie hatte Ina kein allzu gutes Gefühl. Wenn sie nur an den Hochzeitsurlaub dachte, da spürte sie etwas Bedrohendes, das sie nicht zu ergründen vermochte.

Sie schob diese trüben Gedanken beiseite. Bestimmt, so sagte sie sich, hängt es damit zusammen, dass Professor Gött gestorben ist Es hat mich tiefer getroffen, als ich jemals gedacht hätte. Vielleicht auch deshalb, weil es so plötzlich gekommen ist.

Tante Hilde werkelte in der Küche, als Ina oben in ihrem Zimmer saß und schrieb. Es gab eine Menge nachzuholen, was eigentlich heute hätte erledigt werden müssen und durch das Begräbnis nicht geschehen war.

Sie hörte Opa unten husten. Einen Augenblick lang dachte sie daran, dass die Bronchien bei ihm so etwas wie seine Achillesferse waren. An dieser Stelle zeigte er immer wieder Anfälligkeit. Kein Wunder in seinem hohen Alter. Aber das war früher schon so gewesen.

Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Schreibarbeit und wurde erst wieder an Opa erinnert, als sie unten mit Tante Hilde im Esszimmer saß. Opas Platz war zwar gedeckt, aber Opa selbst zum Essen nicht erschienen.

„Was ist mit ihm?“, fragte Ina besorgt.

Tante Hilde zuckte die Schultern. „Er ist heute ganz schlimm. Er hat heute früh schon mit mir geschimpft, und jetzt hat er sich hingelegt, fühlt sich nicht wohl, sagt er, er ist erkältet. Er hustet schon den ganzen Tag über. Ich habe gesagt, er soll ein Dampfbad machen, aber er will es nicht.“

„Nach dem Essen sehe ich nach ihm. Meinst du, er hat Fieber?“

Tante Hilde wusste es nicht, aber später stellte Ina dann fest, dass ihr Großvater doch etwas Fieber hatte. Der Zweiundachtzig-jährige, der im Frühjahr seinen dreiundachtzigsten Geburtstag feiern würde, wirkte erschöpft.

Erst protestierte er, dann ließ er sich von Ina abhören.

Es war wie immer, er hatte eine handfeste Bronchitis, eine akute zwar, aber in diesem Alter kein Spaß.

Als Ina mit Hustensaft und Brustsalbe anrückte, schimpfte Opa Bender wie ein Rohrspatz. Aber er ließ es sich dann doch gefallen, dass sie ihm einen Löffel Hustensaft einflößte.

Ina wusste, dass jedes Mal sein Kreislauf sehr bedenklich wurde, wenn es nicht gelang, die Bronchitis beizeiten einzudämmen.

„Opa, du wirst doch nicht schlapp machen! Ich will morgen heiraten, das weißt du doch.“

„Zum Glück keine große Feier“, meinte er knurrig.

„Nein, wir wollten es ganz für uns in aller Stille machen. Mit dir und Tante Hilde natürlich und ein paar Freunden.“

„Wird auch Zeit, dass ihr endlich heiratet“, meinte Opa, dann musste er wieder husten.

Sie sagte nichts dazu und meinte nur später: „Wenn du hier im Zimmer bleibst, kannst du ja an allem dabei sein. Aber du darfst nicht rausgehen. Und schlaf dich morgen ruhig aus. Du musst nicht mit zur Trauung fahren.“

Er sagte nichts.

Spät in der Nacht sah Ina noch einmal nach ihm; da schlief er. Aber seine Bronchien rasselten. Sie schlich leise wieder hinaus und freute sich auf morgen, da hatte sie frei.

So unmittelbar nach der Beerdigung von Professor Gött zu heiraten, kam ihr nicht sehr gut vor. Aber der Termin war lange vorbereitet und festgelegt. Sie konnte nicht mehr zurück. Nun, es würden ja nicht viele kommen. Ohlenschläger und seine Frau, Inas langjährige Freundin, aber auch Dr. Hella Grund, die schon viele Jahre mit Ina gemeinsam in der Inneren Abteilung gearbeitet hatte, und mit der sich Ina besonders in der letzten Zeit sehr gut verstanden hatte.

Am nächsten Morgen fühlte sich Inas Großvater viel besser. Er wollte aufstehen und nicht nur in der Wohnung herumgehen. Er wollte mit zum Standesamt. Ursprünglich hatte Ina ihn ja als Trauzeugen vorgesehen, und das wollte er auch sein.

Starrköpfig, wie Opa und viele Menschen in seinem Alter sein konnten, beharrte er darauf, mitzufahren.

Ina, die es nicht verantworten konnte, wollte ihn überreden, doch dazubleiben. Aber er blieb unbeirrt, und stur zog er sich seinen dunklen Anzug an. Er musste wieder husten, noch immer rasselte die Lunge. Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, mitzufahren und behauptete zugleich, er wäre ja so gut wie nie im Freien, nur den kurzen Weg aus dem Auto ins Standesamt und wieder zurück. Und überhaupt, das mache ihm gar nichts aus, er fühle sich wieder blendend.

Er sah auch gut aus, das Gesicht leicht gerbtet. Einen kranken Eindruck machte er nicht. Und Fieber, das stellte Ina fest, hatte er ebenfalls nicht mehr.

Es hatte keinen Zweck, mit Opa zu streiten. Er gab nicht nach, wenn er diesen Blick hatte wie jetzt, das wusste Ina. Also ließ sie ihn gewähren. Schließlich war er schon viel länger erwachsen als sie selbst. Er musste wissen, was er tat.

Ina, die am Abend noch Frank vom Flughafen abgeholt hatte, widmete sich jetzt ihm, dem Mann, mit dem sie ihr weiteres Leben gemeinsam verbringen wollte. Und er war wirklich nicht nur ihr zukünftiger Mann, er war auch ein Traum von Mann für sie. Groß, dunkelhaarig, mit blauen Augen. Dieses Äußere allein hatte sie immer fasziniert. Der schwarze Schnurrbart, den er trug, gab ihm eine Persönlichkeitsnote. Aber er war mehr als Äußeres, das wusste Ina zu gut. Sie liebte ihn wahnsinnig. Und diese Liebe zu Frank hatte nie nachgelassen. Als er jetzt im dunklen Anzug neben ihr im Wagen saß, da war sie richtig stolz auf ihn. Tante Hilde hatte ja gestern noch gefragt, ob er in seiner Uniform als Flugkapitän heiraten würde, und da hatte er geantwortet:

„Wer heiratet schon in seinem Arbeitsanzug?“

Dabei war Tante Hilde, die das mit Enttäuschung quittierte, so begeistert, ihn in der Uniform zu sehen. Ina bedeutete das nichts. Und Opa fand es offenbar auch nicht gut, wenn Frank wie ein Soldat in Uniform mit ihr durch die Straßen ging.

Thomas, Inas Bruder, hatte zur Hochzeit nicht kommen können. Die französische Firma Moulinex, bei der er als Elektro-Ingenieur angestellt war, hatte ihn nach Brasilien in ein Zweigwerk geschickt. Seit einem Vierteljahr war auch die Familie mit dort. Es wäre zu kostspielig und von der Zeit her nicht möglich gewesen, dass Thomas mit seiner Familie zur Hochzeit gekommen wäre. Ina bedauerte das sehr. Und sie musste auch jetzt auf der Fahrt zum Standesamt daran denken.



2

Es regnete wieder, wie gestern zum Begräbnis Professor Götts. Ein ungemütliches Wetter, das Ina wegen Opa Sorge bereitete. Aber Opa kam halbwegs trocken ins Standesamt, und er machte da auch einen durchaus gesunden Eindruck.

Die geladenen Freunde waren schon da, auch Hella Grund, Ohlenschläger und seine hübsche Frau Marina, Inas beste Freundin. Auch Schwester Heidemarie, die Stationsschwester, war gekommen und berichtete Ina, als sie sich begrüßten, dass es ein Kunststück gewesen war, diesen freien Tag, den sie schon lange angemeldet hatte, auch wirklich zu bekommen.

„Kiesewetter macht alle verrückt. Aber das möchte ich Ihnen jetzt ersparen, Frau Doktor“, sagte Schwester Heidemarie. „Es ist sehr schlimm, wie das jetzt läuft, und das soll nun ewig so bleiben.“

„Ewig so bleiben?“, fragte Ina überrascht.

Aber da kam der Standesbeamte und bat sie in den Raum. Zu einer weiteren Unterhaltung mit Schwester Heidemarie kam Ina zunächst nicht mehr. Sie sah auch die gequält freundlichen Gesichter ihrer Freunde und ahnte, dass da etwas im Busch sein musste. Erst hatte sie geglaubt, es hinge mit der gestrigen Beerdigung zusammen. Aber dann vergaß sie das alles erst einmal.

Sie hatte es wie einen förmlichen Akt sehen wollen, diese Verehelichung mit Frank. Aber nun war ihr doch ganz merkwürdig zumute.

Der Standesbeamte gab sich Mühe, das alles etwas feierlich zu machen, und das gelang ihm auch.

Als beide ihr Ja-Wort gesprochen hatten und ihre Namen niederschreiben mussten, hätte sich Ina fast noch verschrieben. Sie und Frank hatten vereinbart, dass sie ihren Namen vor seinen setzen würde, und so unterschrieb sie mit Dr. Ina Bender-Berger.

Der obligate Kuss, der Glückwunsch der Beteiligten, und dann Opa, der mit seiner tiefen Altmännerstimme sagte:

„Ich wünsche, Kind, dass ihr beide viel Grund zum Lachen habt. Alles andere ist nicht so wichtig. Gesund sein und viel lachen.“

Es war irgendwie rührend, wie er das sagte, und Ina fühlte sich in diesem Augenblick wieder als Kind. Als ein Kind, das oft auf dem Schoß des Großvaters gesessen hatte. In diesem Augenblick liebte sie ihn so sehr, dass sie ihn am liebsten umarmt hätte. Sie tat es dann auch, küsste ihn auf beide Wangen, und er brummte, wie er es meist in einer solchen Situation tat:

„Nun mach mich nicht ganz verlegen, Kind. Tu das mit ihm und nicht mit. Mir.“

Er warf einen kurzen, grimmig wirkenden Blick auf Frank, und Ina wusste in diesem Augenblick nicht, ob er Frank darum beneidete, dass er sie hatte. Denn diese Hochzeit, das wusste Ina auch, war nicht nur ein Schnitt in ihr Leben, auch ein Schnitt im Leben der beiden, Tante Hildes und Opas. Denn Frank hatte sich mit seiner Absicht durchgesetzt, dass sie woanders wohnen wollten. Eine Wohnung für sich haben, ein eigenes Leben fuhren. Ina war es jedenfalls nicht leicht gefallen, diesem Wunsch nachzukommen. Ein Grund mit, dass sie bisher überhaupt nicht geheiratet hatte. Aber Tante Hilde war auch der Meinung gewesen, dass sie eine Welt für sich haben müssten, ihr eigenes Reich. Und Opa stand auf dem Standpunkt, dass er mit Tante Hilde schon zurechtkommen würde.

Als sie dann in ein Restaurant fuhren, das draußen in Blankenese lag, und wo ein kleiner Nebenraum für sie schon hergerichtet war, erfuhr Ina immer noch nichts von dem, was sich inzwischen im Hafenkrankenhaus ereignet hatte. Doch später erfuhr sie es von Hella und Hans, ihren beiden Kollegen.

Dr. Hans Ohlenschläger, ein Hüne mit schon schütterem, doch immer noch dunklem Haar, einer ausladenden Stirnglatze und einem sehr männlich wirkenden Gesicht, meinte nur auf Inas Frage:

„Es ist so gekommen, wie wir es ursprünglich nicht glauben wollten. Sie haben Kiesewetter zum Chefarzt gemacht. Ich werde mir eine Praxis suchen. Marina ist ja schon lange dafür.“ Er tauschte einen Blick mit seiner hübschen Frau. „Und dann lasse ich mich nieder. Gewollt habe ich es schon lange, jetzt führe ich es aus. Es wird mich eine Stange Geld kosten, aber solange es Banken gibt, wird es schon möglich werden. Andere haben es auch geschafft.“

Das war der Wermutstropfen an diesem Hochzeitstag. Kiesewetter Chefarzt! Wie er sein konnte, hatte er schon in den letzten Tagen bewiesen. Und das, da war sich Ina sicher, würde in den nächsten Tagen und Wochen noch viel schlimmer werden. Nun, da sie ihn zum Chefarzt bestätigt hatten, hatte er sein Weihnachtsgeschenk. Für die anderen aber war es doch eine sehr herbe Enttäuschung, dass ausgerechnet dieser Mann Chefarzt wurde.

Ina musste in diesem Augenblick an alle denken, die sie vom Personal kannte. Hatten einige bisher nicht begriffen, was sie an Gött verloren hatten, würden sie es bald wissen.

Später dann ergab sich eine Gelegenheit, da Frank, der sich mit Hans Ohlenschläger gut verstand, mit dem redete und diskutierte, dass Ina mit Hella und Marina am hinteren Tischende saß und sich lebhaft mit ihnen unterhielt.

Als Marina einmal wegging, war Ina mit Hella allein.

Hella war schlank, blond und hatte graublaue Augen. Sie war durchaus der nordische Typ einer Frau und hatte genug Verehrer.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 22.05.2017
ISBN: 978-3-7438-1371-7

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