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Das Geheimnis um Wilmington Castle

Romantic Thriller von Ann Murdoch

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 104 Taschenbuchseiten.

 

Ein dunkles Geheimnis, übernatürliche Mächte, die düsteren Mauern von Wilmington Castle und eine große Liebe - das sind die Zutaten dieses außergewöhnlich spannenden Romantic Thrillers von Ann Murdoch.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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1

Mary war ganz einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Sie war nachts aufgestanden, um sich ein Glas Milch zu holen. Um nicht den großen Lüster in der Halle anzumachen, trug sie in der Hand eine kleine Taschenlampe und fand ihren Weg so mühelos. Doch plötzlich hörte sie ein Geräusch, das nicht in dieses Haus und nicht in die Nacht gehörte. Ein Geräusch aus der Bibliothek. Da sich dort um diese Zeit eigentlich niemand aufhalten konnte, wollte sie der Sache auf den Grund gehen. Nun, vielleicht hatte jemand, Target, den großen Kater des Schlosses, dort aus Versehen eingesperrt. Oder es war einer der Gäste im Schloss, der vielleicht nicht schlafen konnte. Auf Wilmington Castle erwartete man dieser Tage eine Menge Besuch, und einige Gäste waren frühzeitig angereist.

Mary öffnete die Tür, doch was sie sah, war nur ein ins riesenhaft vergrößerter Schatten. Und der stammte nicht von einem Kater. Unwillkürlich schrie sie auf. Dann sah sie im Licht ihrer Taschenlampe das Gesicht, das zu der Person mit dem Schatten gehörte. Und dieser Umstand besiegelte ihr Schicksal.

Der Schatten näherte sich, und dann versank Mary im Dunkel, um nie wieder aufzuwachen.

Am nächsten Morgen fand der Butler ein Kündigungsschreiben von ihr vor, ihre Sachen waren verschwunden. Sie musste mitten in der Nacht gegangen sein, Merkwürdig, aber niemand vermisste die junge Frau.

Und niemand fragte nach.


2

Die Reifen des schweren Bentleys knirschten auf dem weißen Kies, als der Wagen vor der Treppe von Wilmington Castle zum Stehen kam. Der Fahrer stieg aus, reckte sich für einen Moment nach der langen Fahrt und warf dann einen Blick die Treppe hinauf, die zum Portal des Schlosses führte.

Ein Bediensteter kam rasch herunter, während der Hausherr Kenneth Reginald Wilmington, 16. Earl of Pendlebury, ebenfalls erschien.

Ein Lächeln zeigte sich auf dem Gesicht des Ankömmlings, dann lief er rasch die Treppe hinauf und streckte die Hand aus.

Der Earl strahlte. „Jarod, endlich bist du da! Ich habe schon auf dich gewartet. Du hast dich doch nicht etwa verfahren? Wie war deine Reise?“ Er zog den Mann einfach in die Arme und begrüßte ihn auf diese Weise als guten Freund.

Doktor Jarod Russel, ein bekannter Londoner Psychologe, lachte auf. „Eins nach dem anderen, Kenneth. Zunächst bin ich wirklich froh, hier zu sein. Es tut mir leid, dass ich mich etwas verspätet habe, aber auf der Autobahn war ein Unfall, und ich habe Erste Hilfe geleistet. Zum Glück war es keine schlimme Verletzung. Ich hoffe allerdings, der Whisky ist in dieser Zeit nicht zu warm geworden.“ Russel gab dem Butler, der wie ein Geist aus dem Nichts aufgetaucht war, seinen Autoschlüssel, und drückte dann seinem Freund und Studienkollegen noch einmal die Hand.

Um das Gepäck in seinem Kofferraum kümmerte er sich nicht, er war sicher, später alles in seinem Zimmer wiederzufinden.

Wilmington führte seinen Gast in sein Arbeitszimmer, hieß ihn Platz nehmen und goss für beide ein Glas Whisky ein. Er wirkte zurückhaltend und sogar etwas nervös, was er jedoch gut überspielte. Doch Jarod merkte es natürlich, es war sein Beruf, so etwas zu bemerken – und darüber zu schweigen, solange der andere nicht darüber reden wollte.

Er schnupperte jetzt genießerisch an seinem Glas, schaute dann zu, wie Kenneth sich in seinen Stuhl fallen ließ, und prostete ihm zu. „Auf dich, alter Freund, vielen Dank, dass du für das Seminar dein Schloss zur Verfügung stellst.“ Wilmington winkte ab. „Nicht der Rede wert, Jarod. Sir Albert Hensfield, ein alter Freund meines Vaters, machte im Club den Vorschlag, und ich fand es hochinteressant, vor allem, weil ich als Zaungast dabei sein darf. Dass ausgerechnet du geladen bist, um einen Vortrag zu halten, ist ein erfreulicher Nebeneffekt.“

In den nächsten Tagen würde Wilmington Castle Austragungsort eines international besetzten Seminars von hochrangigen Polizeikräften sein. Und statt, wie sonst üblich, ein teures Hotel zu benutzen, hatte Sir Albert Hensfield, der oberste Chef von Scotland Yard als Ausrichter, Kenneth gefragt, ob er sein Anwesen zur Verfügung stellen würde. Wilmington Castle bot eine Menge Vorteile. Es gab dort fast nur langjähriges, eingespieltes Personal, die Presse konnte mühelos ausgeschlossen werden, das Schloss lag abseits der üblichen Routen in landschaftlich schöner Umgebung, und die ausländischen Besucher lernten auf diese Art Landschaft und Gastfreundschaft der Schotten kennen.

Eigentlich hätte auch alles in bester Ordnung sein können.

Aber der Earl war bedrückt. Ausgerechnet am Tag vorher hatte er in seiner Post einen anonymen Brief mit einer Drohung gefunden. Es war nicht der erste Drohbrief, den Kenneth je erhalten hatte, doch früher war es um Geld gegangen, und die Polizei hatte dem ganzen Unsinn schnell ein Ende bereitet. Jetzt aber sah die Sache irgendwie anders aus.

„Geben Sie heraus, was mir gehört, sonst wird sich der Fluch der Vergangenheit an Ihnen erfüllen, wie an vielen anderen vorher. Dann werden Sie Ihren nächsten Geburtstag nicht mehr erleben. Und hüten Sie sich davor, die Polizei einzuschalten, sie kann Ihnen sowieso nicht helfen. Ich will nur, was rechtmäßig mein ist.“ Dieser Brief stellte Kenneth vor ein Rätsel. Wer schrieb ihm da und kannte sich in der Geschichte des Schlosses so gut aus, dass er mit dem alten, fast vergessenen Fluch drohte? Und was wollte diese Person? Was gehörte ihr?

Kenneth dachte darüber nach, ob er in seinem Leben jemanden betrogen hatte, in welcher Form auch immer, aber ihm fiel nichts ein.

Ein unbestimmtes Gefühl hielt den Mann jedoch davon ab, dieses Schreiben einfach in den Papierkorb zu werfen und zu vergessen. Etwas war da plötzlich in seinem Hinterkopf, ein Gedanke, der mit dem zusammenhing, was in dem Brief gefordert wurde. Doch noch fand Kenneth das Bindeglied nicht, so sehr er auch darüber nachgrübelte. Nun, vielleicht würde es ihm bald einfallen, oder dieser anonyme Schreiber meldete sich noch einmal und präzisierte seine Forderung. Dann konnte man endlich darüber reden, hoffte er.

Jetzt, in Gegenwart seines alten Freundes, trank er nachdenklich einen Schluck aus seinem Glas und bemühte sich, seine Sorgen auf seinem Gesicht nicht allzu auffällig werden zu lassen. Allerdings wusste er, dass er Jarod so schnell nichts vormachen konnte, aber der würde schweigen, bis Kenneth selbst darauf zu sprechen kam.

„Sind die anderen schon eingetroffen?“, erkundigte sich der Wissenschaftler jetzt und ließ einen weiteren Schluck des vorzüglichen Whiskys auf der Zunge zergehen. Man musste es seinem Freund schon lassen, er hatte eine hervorragende Brennerei an der Hand, solche Qualität bekam man nur selten.

„Der Superintendent von Scotland Yard, David Brome, ist seit gestern schon hier. Zusammen mit Chief-Inspector Anne Culter. Sie ist übrigens eine ausgesprochen hübsche Frau.“

Jarod lächelte, sein Freund war ein alter Schwerenöter, der bis heute die richtige Frau immer noch nicht gefunden hatte. Vielleicht waren seine Ansprüche zu hoch, oder er hatte wirklich die richtige noch nicht gefunden.

„Ich bin erstaunt, dass dir das aufgefallen ist“, bemerkte er etwas ironisch, aber Kenneth winkte ab.

„Nur, weil ich immer noch nicht die richtige gefunden habe, heißt das doch nicht, dass ich eine hübsche Frau nicht zu würdigen wüsste. Ich bin eben noch auf der Suche, und wer weiß...“, ging er auf den etwas leichtfertigen Ton ein.

„Na, dann besteht ja noch Hoffnung“, stellte Russel zufrieden fest.

„Nun, aber was Mr. Brome betrifft“, Kenneth verzog ein wenig das Gesicht, und Jarod lachte kurz auf.

„Ich kenne ihn, leider, muss ich fast sagen. Er ist der Cousin von Lord Abernathy, und weil niemand mit ihm etwas Rechtes anfangen konnte, hat man ihn so hoch befördert, dass er nicht allzuviel Unheil anrichten kann. Ein Superintendent hat nicht viel zu sagen, wie du weißt. Aber eigentlich tut mir Chief-Inspector Culter leid, denn sie ist eine tatkräftige, energische Frau, die es eigentlich nicht verdient hat, mit einem solchen Vorgesetzten geschlagen zu sein.“

„Nun, ich denke“, sagte Kenneth langsam, „während dieses Seminars wird er nicht oft in Verlegenheit kommen, den Vorgesetzten herauskehren zu müssen. Es scheinen, von ihm abgesehen, alles kompetente, tüchtige Leute zu sein.

Jedenfalls, nach allem, was ich bisher gehört habe.“

„Darauf trinke ich.“ Jarod lächelt erneut.

Mittlerweile war es für ihn offensichtlich, dass sein Freund in irgendwelchen Schwierigkeiten steckte, über die er bis jetzt noch nicht reden wollte, aber Freunde waren da, um einander beizustehen. Und so würde er beobachten, und ganz einfach nur da sein, wenn Kenneth ihn brauchte.

Es klopfte dezent an der Tür, und der Butler trat ein.

Seine Augen schweiften durch den Raum, blieben für einen Augenblick misstrauisch an Jarod hängen, der sich jedoch gleich darauf schalt, sich etwas eingebildet zu haben, denn warum sollte der Butler ausgerechnet ihn misstrauisch ansehen?

„Der Bus mit den übrigen Gästen ist eingetroffen, Sir“, verkündete er dann, als ginge es um den Weltuntergang.

Die beiden Männer erhoben sich. „Dann wollen wir sie mal begrüßen“, bemerkte Kenneth.


3

Acht Personen waren es, die da einigermaßen befangen ausstiegen und sich beeindruckt umschauten. Je zwei hohe Polizeibeamte aus Deutschland, Frankreich, Italien und Schweden, die sich hier zu diesem Seminar treffen sollten.

Der Earl als perfekter Gastgeber begrüßte jeden einzelnen, als habe er nur auf ihn gewartet, und Jarod anerkannte, dass es auch seine Vorteile hatte, als Erbe eines so großen Besitzes aufgewachsen und erzogen worden zu sein.

Die acht Besucher wurden auf ihre Zimmer geleitet, wo sie Gelegenheit hatten sich ein wenig frisch zu machen und auszuruhen, bevor man sich abends zum ersten gemeinsamen Essen traf.

Eigentlich hätte alles in schönster Ordnung sein sollen, doch noch während der Butler und zwei Zimmermädchen die Gäste nach oben geleiteten, erklang ein grässlicher Schrei, und wenig später stürmte eines der Küchenmädchen mit allen Anzeichen von Entsetzen die Kellertreppe hinauf, rannte in die große Empfangshalle und schrie erneut.

Der Earl blieb wie angewurzelt stehen, aber Jarod war da wesentlich geistesgegenwärtiger. Er fasste die junge Frau bei den Schultern und versuchte auf sie einzureden, doch sie war dermaßen hysterisch, dass kein Wort bis zu ihr durchdrang.

„Es tut mir sehr leid, aber ich muss es tun“, sagte Jarod bedauernd, holte dann aus und gab der Frau eine Ohrfeige.

Augenblicklich verstummte der Schrei.

„Merkwürdige wissenschaftliche Methoden hast du“, bemerkte Kenneth, froh darüber, dass sein Freund so rasch reagiert hatte. Dann wandte er sich der jungen Frau zu.

„Was ist denn los, Alice? Haben Sie sich vor Ihrem eigenen Schatten erschrocken?“, versuchte er der ganzen Situation noch eine weniger dramatische Wendung zu geben.

Doch das Entsetzen und die Panik in den Augen der Frau klärten ihn gleich darüber auf, dass es um eine ernstere Sache ging, als er im ersten Moment glauben wollte. Alice holte tief Luft, sie war sichtlich darum bemüht sich zu beherrschen, doch sie zitterte am ganzen Körper, und ihr Atem ging noch immer stoßweise. Anklagend deutete sie mit dem ausgestreckten Arm auf die Kellertür.

„Da unten – ist – ist...“, begann sie mit erstickter Stimme, schnappte noch einmal nach Luft, bevor sie versuchte weiter zu reden. „Der Hund – Eurer Lordschaft – ist – dort...“ Jarod und Kenneth warfen sich einen raschen Blick zu, ließen dann die Frau stehen und eilten gemeinsam zur Kellertür. Die Gäste, die sich teilweise noch auf der Treppe nach oben befanden und jetzt natürlich neugierig herunterschauten, ignorierten die beiden Männer völlig, und der Butler, als geistesgegenwärtiger Mensch, wie man es von ihm erwarten konnte, forderte sie mit einer kurzen Bemerkung auf, ihm weiter zu folgen. Ein wenig kopfschüttelnd, aber nicht weiter beunruhigt, setzten sie ihren Weg fort.

Jarod hingegen folgte seinem Freund dichtauf, und dann sahen die beiden Männer gleichzeitig, was die junge Alice so verschreckt hatte.

Bestürzt und erschüttert blieben sie stehen und starrten dann erschreckt auf den schrecklichen Anblick, der sich ihnen bot.

Es war einer der Hunde aus der Meute des Earls, dem jemand die Kehle durchgeschnitten und dann quer über den schmalen Gang mit ausgestreckten Vorderpfoten regelrecht aufgespannt hatte. Das Blut war auf den Boden getropft und bildete eine große Lache, und die toten Augen des Tieres starrten die beiden Männer anklagend an.

Kenneth wandte sich ab und schlug dann hilflos und wütend mit der Faust gegen die Wand. Jarod murmelte einen Fluch.

Dann aber erwies er Kenneth einen wirklichen Freundschaftsdienst, indem er sein Taschenmesser herauszog und das Tier abschnitt. In einem der Vorratsräume fand er eine Decke, die er dann gnädig über den Kadaver ausbreitete.

Kenneth hatte sich mittlerweile wieder etwas gefangen und nickte Jarod dankbar entgegen. Der befand es aber nun an der Zeit, nicht mehr schweigend zusehen zu wollen, doch noch bevor er eine Frage stellen konnte, wurden die beiden Männer gestört.

„Du meine Güte, das sieht aber gar nicht gut aus hier.“ Anne Culter, Chief-Inspector aus London, trat näher und betrachtete mit allen Anzeichen von Abscheu das Massaker.

„Mir scheint, Euer Lordschaft, da kann Sie jemand nicht besonders gut leiden“, stellte sie trocken fest.


4

Russel behielt in bewundernswerter Manier die Ruhe, obwohl auch in ihm ein Sturm tobte. Irgendetwas war hier im Schloss ganz und gar nicht in Ordnung, und er wollte von Kenneth erfahren, was es war. Doch zunächst einmal war es sicher vernünftig, die ganze Sache vor den übrigen Gästen zu vertuschen, um kein Gerede aufkommen zu lassen und die Tagung nicht zu stören.

„Chief-Inspector Culter, nehme ich an“, sagte er also ruhig und wandte sich der Frau zu. Kenneth hatte recht gehabt, sie war wirklich hübsch. Kastanienbraunes Haar fiel ihr in sanften Wellen auf die Schulter, das Gesicht war schmal, mit vollen roten Lippen und tiefdunkelbraunen Augen. Die schlanke, sportliche Figur steckte in einer gut geschnittenen, grauen Hose und einer braunen Seidenbluse, welche die Farbe ihrer Augen widerspiegelte. Kein Mensch wäre im ersten Augenblick darauf gekommen, dass es sich hier um eine der fähigsten Beamtinnen von Scotland Yard handelte. Jarod hatte sie einmal aus der Entfernung gesehen, kannte sie jedoch nicht persönlich. Und so nickte sie auf die Frage Russells und schaute ihn dann ihrerseits fragend an.

„Dr. Jarod Russell, nehme ich an“, gab sie im gleichen Tonfall zurück. „Das macht keinen besonders guten Eindruck hier, Euer Lordschaft. Haben Sie Feinde?“, bohrte sie noch einmal nach, doch ihr Ton war kühl und geschäftsmäßig. Jarod verfluchte sie in diesem Moment, sie würde doch jetzt nicht etwa einen Kriminalfall daraus machen?

Russell hoffte noch immer, dass sich das Ganze irgendwie aufklären würde, und dass es sich vielleicht um einen mehr als geschmacklosen Scherz eines früheren Angestellten von Kenneth handeln könnte. Anne Culter mochte eine gute Polizistin sein, aber hier und

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 05.04.2017
ISBN: 978-3-7438-0631-3

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