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Schnee von gestern

Kriminalroman von Uwe Erichsen

 

 

 

Nach dreieinhalb Jahren kommt Manni Strauf aus dem Gefängnis. Jürgen Wittkamp, der Freund seiner Schwester, hat nicht nur dafür gesorgt, dass er vorzeitig entlassen wird, er ist auch sein Bewährungshelfer und hat ihm einen Job besorgt. Doch die Vergangenheit holt Manni ein: Sein alter Knastkumpel Peter Krätsch will ihn zu einem Einbruch überreden. Angeblich liegt bei dem Rechtsanwalt Georg Linscheid ein Haufen Bargeld im Tresor. Manni will keine krummen Dinger mehr drehen, aber er ist Krätsch noch etwas schuldig, und als er ohne Grund fristlos entlassen wird, stimmt er zu mitzumachen. Ein schwerer Fehler – denn das Geld in Linscheids Tresor ist heiß ...

 

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Aus den kahlen Ästen tropfte Wasser. Es hinterließ dunkle Flecke auf dem grauen Hut des Mannes, der am Rand des Grabes stehen geblieben war. Unter der zusammengesunkenen Schneedecke zeichnete sich braun das Laub des vergangenen Herbstes ab. Die Hände des Mannes, sie steckten in schwarzen Handschuhen, umklammerten einen Rosenstrauß. Seine Augen, grau und kühl unter dünnen Brauen, tasteten die erhabene Schrift auf dem grünen Granit des Grabsteins ab.

MAX CHRISTOPH HARDEBEEK 18. 4. 1958 - 27. 2. 1977

Der Mann bückte sich schnell, als hätte er gerade einen Entschluss gefasst, und legte die roten Rosen auf den nassen Schnee, wo sie frisch leuchteten. Dann wandte er sich um.

Er hatte die Fußspuren im Schnee gesehen. Die Abdrücke kleiner Schuhe, die Ränder scharf, die Abdrücke der Sohlen dunkel und nass. Als er den Kopf hob, sah er ihr Gesicht.

Sie hatte ihn beobachtet. Langsam setzte er sich in Bewegung. Seine Füße waren schwer. Sie ist schön, dachte er. Sie ist immer noch die schönste Frau, die ich kenne. Ihre Lippen schimmerten rot, die Flügel der kleinen Nase hehlen. Die Hände, diese kleinen, ungemein lebendigen Hände, hatte sie in die weiten Ärmel ihres silbrig glänzenden Nerzmantels vergraben. Der kleine Hut vermochte die Fülle des schweren kupferfarbenen Haares kaum zu bändigen.

Reglos stand sie mitten auf dem schmalen Weg, und ruhig sah sie ihm entgegen, als wollte sie ihm Gelegenheit geben, sie zu betrachten. Ihren köpf hatte sie etwas zurückgelegt, das kleine kräftige Kinn war abweisend vorgeschoben, doch als sich die straffen Lippen zu einem schnellen Lächeln verzogen, milderte sich der abweisende Ausdruck in ihrem Gesicht ein wenig. Als der Mann vor ihr stehen blieb, machte sie keine Anstalten, ihm eine Hand zu reichen.

»Marlene ...«

»Ich hätte nicht gedacht, dass du herkommst«, sagte sie leise.

»Wieso nicht?«, gab er zurück, und er konnte nicht vermeiden, dass seine Stimme schroff klang, als hätte er eine Anklage zurückzuweisen.

»Es ist zwei Jahre her«, sagte sie. »Warst du in der Zwischenzeit hier?«

Er überging die Frage. »Du siehst fabelhaft aus.«

»Danke«, sagte sie. Sie setzte sich in Bewegung. »Man tut, was man kann. In meinem Alter muss man schon eine Menge tun.« Sie sagte es ohne Koketterie.

Vor drei Wochen war sie zweiundvierzig Jahre alt geworden. Er hatte ihr keine Blumen geschickt. Nach ihrer Scheidung von Max Philipp Hardebeek vor vier Jahren hatte er seine Werbung um sie behutsam wieder aufgenommen. Er halle keine erkennbaren Fortschritte erzielt. Nach dem Tod ihres Sohnes Max Christoph hatte sie seine Bemühungen sogar schroff zurückgewiesen und betroffen hatte er seine Hoffnungen begraben.

Langsam setzte sie Fuß vor Fuß. Das Brausen des Verkehrs auf der Aachener Straße klang weil. Zwei Friedhofsarbeiter zogen einen Karren über einen der breiten Wege und verschwanden wieder. Sie waren allein.

Marlene Hardebeek deutete mit dem Kopf nach rechts, zum Ausgang Weinsbergstraße. Er wollte etwas sagen. Irgendetwas. Er wollte versuchen, diesen Augenblick festzuhalten, und er spürte schmerzhaft, wie die Sekunden verrannen, weil er ahnte, dass er den Panzer um Marlene Hardebeek nicht zu durchdringen vermochte. Einmal hatte er es gekonnt. Vor vielen, vielen Jahren. Doch da hatte er sie verloren, hatte er sie nicht zu halten vermocht.

Das Tor in der Mauer kam näher. Er konnte die lange Motorhaube eines Mercedes 301 sehen. Neben dem Kotflügel stand ein Mann in brauner Chauffeuruniform. Er war jung, seine Haltung straff.

»Bezahlt er dir immer noch einen Leibwächter?«, erkundigte er sich.

Sie blickte ihn nicht an, als sie leichthin sagte: »Er will nicht noch einmal vier Millionen für etwas zahlen müssen, woran ihm in Wirklichkeit gar nichts liegt.«

Er blieb stehen. »Marlene«, bat er. »Bitte, einen Augenblick ...«

Sie drehte sich um. Ihre Wangen hatten sich gerötet, »Ja, Georg?«

»Du weißt, was ich wissen will.«

»Es spielt jetzt keine Rolle mehr.« Das Gesicht wirkte starr.

Er bewegte den Unterkiefer. Sein Atem wehte weiß und stoßweise aus seiner Nase. »Vielleicht doch ...« Er wusste, dass sie es ihm nicht sagen würde. Niemals. »Essen wir zusammen?«, fragte er dann drängend.

»Irgendwann mal.«

Er zog sich wieder hinter seine kühle Fassade zurück, als er spöttisch lächelte. »Ich rufe dich an.«

»Ich rufe dich an. Bestimmt.« Ruckartig wandte sie sich um und ging. Der Bursche, der wie ein Chauffeur gekleidet war, nahm die Mütze ab, als er ihr den Wagenschlag öffnete.

Marlene winkte ihm nicht zu, als der Wagen abfuhr und rasch seinen Blicken entschwand.

Georg Linscheid überquerte die Straße und stieg in seinen BMW. Er legte die Hände auf das Lenkrad und starrte aus leeren Augen auf die schmutzig weiße Mauer einer Reparaturhalle. Sein Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen. Im Stillen hatte er gehofft, Marlene wiederzusehen. Aber er spürte, dass er dem Wiedersehen nicht gewachsen war. Fast wünschte er, sie würde ihr Versprechen, ihn anzurufen, vergessen.

Bestimmt würde sie es vergessen.


I

Als sich die Eisentür in der schmutzig roten Mauer auf der anderen Straßenseite endlich öffnete, kletterte Jürgen Wittkamp schnell aus seinem Mini, was bei seiner Größe von eins neunzig kein leichtes Unterfangen war, und so kam es, dass Manni Strauf schon beinahe an der nächsten Ecke war, als Jürgen endlich auf der Straße stand.

»He, Manni!«, rief er.

Manni Strauf blieb stehen, und unwillkürlich zog er die Schultern unter dem dünnen Regenmantel in die Höhe, bevor er sich umdrehte. Jürgen winkte und deutete auf seinen schwarzen Mini. Manni sah sich um. Er ließ einen Wagen vorbei, der ihn mit Schneematsch bespritzte, dann kam er mit schlenkernden Armen über die Straße.

Jürgen lächelte neutral. Er hätte den Jungen auch drinnen abholen können, aber das hätte so offiziell ausgesehen. Er wollte sich bemühen, Mannis Freund zu sein, nicht mehr und nicht weniger. Die Voraussetzungen waren nicht schlecht. Er war neunundzwanzig Jahre alt, Manni vierundzwanzig.

Er nahm Manni den schäbigen Koffer ab und öffnete die rechte Tür. »Setz dich schon rein. Manni«, sagte er.

Manni starrte ihn feindselig an. »Wo wollen Sie mich hinbringen?«, fragte er.

»Du kannst du zu mir sagen«, sagte Jürgen, ohne auf den aggressiven Tonfall einzugehen. Birgit hatte ihn gewarnt, und auch er selbst war gewappnet. Er hatte Manni im letzten halben Jahr mehrmals besucht, und als Manni Weihnachten Hafturlaub bekam, hatten sie zwei Tage miteinander verbracht. Manni, Birgit und Jürgen. Besonders erbaulich waren diese Tage nicht verlaufen.

»Noch bist du nicht mein Schwager, und zu sagen hast du mir überhaupt nichts!«

»Ich bin dein Bewährungshelfer«, sagte Jürgen. »Ich hatte gehofft, es nicht erwähnen zu müssen. Steig ein. Ich habe nebenbei noch einen Job.«

Manni ließ seine schmächtige Gestalt in den Sitz fallen, Jürgen schmetterte die Tür ein wenig heftiger, als es notwendig gewesen wäre, ins Schloss. Den Koffer schob er einfach zwischen das Gerümpel, das sich in dem kleinen Kofferraum angesammelt hatte. Er benutzte den Wagen nur in der Stadt und nie für Reisen. Den Kofferraum brauchte er nie, nur, wenn er einmal einen Kasten Bier zu transportieren hatte.

Er setzte sich hinter das Steuer, unterdrückte den aufsteigenden Ärger, lächelte und hielt Manni die Hand hin.

»Na, komm schon!«, sagte er.

Das Gesicht des Jungen war schmal, und es sah irgendwie schief aus, was an dem kurzen, ungleichmäßig geschnittenen Haar liegen mochte. Wahrscheinlich aber rührte dieser Eindruck von Mannis linkem Auge her, das etwas kleiner war als das rechte. Die spitze Nase ragte kalkweiß aus dem fahlen Gesicht.

Manni nahm die angebotene Hand und drückte sie flüchtig. »Das mit dem Bewährungshelfer soll wohl ein Witz sein«, sagte er.

»Es ist kein Witz«, entgegnete Jürgen heftig. »Ich will mich um dich kümmern. Und ich meine das ernst.«

»Warum? Warum tust du das? Ich meine, das mit dem Bewährungshelfer? Tust du es für Birgit? Für dich? Für mich doch nicht!«

Jürgen steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Abwesend hielt er Manni die Schachtel hin, aber er sah nicht, wie der junge den Kopf schüttelte, und er sah auch nicht, wie die Frontscheibe des Mini beschlug.

Warum war er so versessen darauf, den Bewährungshelfer zu mimen? War sein Job nicht schon anstrengend genug? Wem wollte er etwas beweisen?

Gut, er hatte damals über die Bande Jugendlicher geschrieben, die gar keine Jugendlichen mehr waren. Er hatte mit anderen gelangweilten Reportern im Gerichtssaal gesessen, weil es zu seinem Job gehörte. Jürgen Wittkamp, Lokalreporter. Er hatte von jugendlichen Gangstern geschrieben wie die anderen auch. Nun, vielleicht nicht ganz so pauschal und nach Schema. Er hatte sie nicht gleich fertiggemacht und in Bausch und Bogen verurteilt. Er hatte sich etwas verhaltener ausgedrückt. Irgendwann vorher hatte er angefangen, sich in der Hetze des Redaktionsbetriebes etwas mehr Gedanken zu machen über das, was er tat, und sich mit den Folgen dessen auseinanderzusetzen, was er tagtäglich schrieb und was von einigen hunderttausend Mitmenschen kritiklos konsumiert wurde. Irgendwann hatte er gemerkt, dass das, was er schrieb und was von den Menschen in den Wohnungen, auf der Straße und in den Büros gelesen wurde, Wirkungen hatte. Wirkungen sowohl auf die Menschen, für die er schrieb, als auch auf diejenigen, über die er schrieb. Ihm war bewusst geworden, dass er Schicksal spielte, wenn er seine Zweispaltenberichte herunterhämmerte.

Von da an hatte er sich nicht mehr um jeden Termin gerissen.

Da war er allerdings noch weit davon entfernt gewesen, sich ganz plötzlich um einen Menschen zu kümmern, der in die Mühlen der Justiz geraten war.

Auch als Birgit einige Tage nach Mannis Prozess in der Redaktion erschien, weil sie sich bei ihm für den fairen Bericht bedanken wollte, wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass er eines Morgens vor einem Gefängnistor stehen und auf einen entlassenen Strafgefangenen warten würde.

Birgit war Mannis Schwester. Ihre Dankbarkeit war ihm peinlich gewesen, und weil sie so verschüchtert wirkte und er nicht die Aufmerksamkeit der älteren - und abgebrühteren - Kollegen auf sich ziehen wollte, war er mit ihr eine Tasse Kaffee trinken gegangen.

An dem Tag hatte er sie rasch wieder abgeschoben.

Aber ein paar Tage später hatte er sie in einer Studentenpinte am Rathenauplatz wiedergetroffen. Dort hatten sie ihr Gespräch fortgesetzt. Zunächst über Manni, dann über andere Themen. Birgit stand kurz vor ihrem Examen als Steuergehilfin. Als sie die Prüfung bestand, hatte er mit ihr gefeiert. Ganz langsam war eine tiefe innere Beziehung entstanden, lange bevor sie miteinander ins Bett gegangen waren. Von Manni, ihrem Bruder, war in diesen ersten zwei, drei Jahren nur selten die Rede gewesen.

Manni war voll unter das Erwachsenenstrafrecht gefallen. Man hatte ihm zahlreiche Villeneinbrüche und unzählige Kraftfahrzeugdiebstähle zur Last gelegt. Er war vorbestraft, und erschwerend hatte sich ausgewirkt, dass er einen gefragten Beruf erlernt hatte, er war Feinmechaniker, seine Kenntnisse und sein handwerkliches Geschick jedoch am falschen Ort praktizierte. So war er zu sechseinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt worden.

Er, Jürgen, hatte nie herausbekommen, wie Birgit wirklich zu ihrem Bruder stand. Ihre Eltern waren geschieden, und sie hatten sich um ihre Kinder nicht mehr gekümmert, seit diese sechzehn waren. Aber als er dahinterkam, dass Birgit Manni regelmäßig in der Haftanstalt besuchte, ihm aber nichts von diesen Besuchen erzählte, vermutete er, dass sie sich ihres Bruders schämte und ihn für unverbesserlich hielt.

Da war Jürgen der Gedanke gekommen, Manni vorzeitig rauszuholen. Ihm zu helfen, sich wieder einzugliedern, ihm eine Wohnung und Arbeit zu besorgen. Es war ein ganz logischer Schritt gewesen, dass er schließlich den Antrag ans Gericht stellte, ihn, Jürgen Wittkamp, als Bewährungshelfer einzusetzen. Danach war alles sehr schnell gegangen.

Jürgen kurbelte das Seitenfenster herab und warf den Zigarettenstummel hinaus. Die Luft draußen war feucht und kalt.

»Birgit hat sich freigenommen«, sagte er. »Sie macht etwas zu essen. Ich habe vorher noch einen Termin im Rathaus. Du kannst dich umsehen, wenn du willst, du kannst aber auch im Wagen warten.«

»Ich warte im Wagen«, sagte Manni brummig. »Macht euch wegen mir keine Umstände.«

Manni schien nicht aufzufallen, dass Jürgen seine Frage nicht beantwortete hatte. Jürgen wusste selbst nicht so genau, warum er sich als Bewährungshelfer zur Verfügung gestellt halte. Er war irgendwie hineingeschlittert. Er wusste nur, dass er seine Aufgabe ganz genau nehmen wollte.


*


Sie saßen an dem langen Tisch in der geräumigen Küche. Die Schüssel mit dem Eintopf - Bohnen, Kartoffeln und Hammelfleisch - dampfte in der Mitte. Manni saß mit gesenktem Kopf am entferntesten Ende und schaufelte Gabel um Gabel in sich hinein.

Die Wiedersehenszeremonie war vorüber. Birgit und Manni waren gehemmt gewesen, und Jürgen hatte diese ersten Augenblicke überbrückt, indem er ein paar Flaschen Bier aufgemacht hatte.

Manni trank mäßig, was Jürgen als gutes Zeichen wertete. Birgit warf Jürgen einen Blick zu. Sie lächelte, Jürgen lächelte zurück. Er brauchte selbst Zuspruch. Als er den Kopf wandte, begegnete er Mannis Augen, und er fühlte sich irgendwie ertappt, so, als hätte er etwas hinter Mannis Rücken getan.

Manni legte die Gabel neben den leer gegessenen Teller und lehnte sich zurück.

»Nimm noch etwas«, sagte Birgit. Sie strich eine Strähne ihres langen Haares zurück. Ihre Augen waren groß und fragend auf ihren Bruder gerichtet.

Manni schüttelte nur den Kopf und sah in der Küche umher, die Jürgen und Birgit auch als Wohnraum diente. Jürgen hatte ihm schon unterwegs gesagt, dass die Wohnung groß genug wäre und er die erste Zeit dort schlafen könne. Manni hatte die Mitteilung ohne Kommentar zur Kenntnis genommen. Er zog das Bierglas zu sich heran und nahm einen kleinen Schluck. Das Schweigen hatte etwas Unbehagliches.

Um es zu unterbrechen, sagte Jürgen: »Sag, was du gerne möchtest. Auf uns brauchst du keine Rücksichten zu nehmen.«

Manni hob die Schultern.

»Wir können ins Kino gehen«, schlug Birgit vor.

Manni stellte das Glas hart auf den Tisch. Ein Teller klirrte. »Ihr braucht nicht das Kindermädchen für mich zu spielen! Oder die Hampelmänner!« Er stand auf, ging um den Tisch herum. »Ich war dreieinhalb Jahre im Bau! Ich will so vieles, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll!« Er ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und starrte vor sich hin, als hätte der kurze Ausbruch ihn erschöpft. »Du hast was von einem Job erzählt ...«

Jürgen zündete sich eine Zigarette an. Birgit stand auf und räumte die Teller zusammen, die sie ins Spülbecken stellte, wo noch die Tassen vom Frühstück standen. Sie trat hinter Jürgen und legte ihm die Hände auf die Schultern.

»Mich müsst ihr jetzt entschuldigen«, erklärte sie gespielt burschikos. »Ich habe mir vorgenommen, zum Frisör zu gehen. Ich sehe fürchterlich aus!«

Manni grinste unvermittelt. »Meine Schwester! Ich wusste gar nicht, dass du eitel bist!«

»Und wie!« Birgit lachte. »Du warst damals noch zu jung, um es zu merken.« Sie presste die Lippen zusammen.

Mannis Grinsen wurde etwas starr. »Du siehst verdammt gut aus, Schwesterchen, richtig rasant. Von einem Mädchen wie dir träumen wir im Knast. Egal, ob Schwester oder nicht Schwester!«

»Jetzt ist es aber genug!« Birgit wandte sich um. Bis nachher!« Ihre Absätze klackten im Flur, dann schlug die Tür zu.

»Habe ich sie etwa beleidigt?« Manni wirkte nicht so, als ob es ihm was ausgemacht hätte.

»Ich weiß es nicht«, antwortete er.

»Spielt mir bloß nicht die Moralischen vor! Ihr seid nicht verheiratet. Seit wann lebt ihr zusammen?«

»Ich wusste nicht, dass es dich etwas angeht!« Sofort bereute Jürgen seine Antwort. Wenn ihn sonst jemand gefragt hätte, hätte er geantwortet, ohne sich etwas dabei zu denken. »Birgit hat ihre Wohnung vor acht oder neun Monaten aufgegeben«. sagte er ruhig. »Wir heiraten nicht, weil es für keinen von uns eine Rolle spielt, ob ein Trauschein in einer Schublade liegt oder nicht. Es ist unsere eigene freie Entscheidung. Genügt das?»

»Schon gut«, brummelte Manni. Er sah an Jürgen vorbei. »Entschuldige.«

»Es war ja nichts. Wir müssen uns aneinander gewöhnen.«

»Ich suche mir eine Bude. Mach dir keine Sorgen.«

»Es eilt nicht, Manni. Wir haben hier Platz genug.«

»Das sehe ich. Aber ich will allein sein, verstehst du das?«

»Natürlich«, sagte Jürgen betroffen. Natürlich, dachte er. Der Junge war dreieinhalb Jahre lang keine Minute für sich allein gewesen. »Ich helfe dir«, fügte er hinzu.

»Ich will keine Hilfe, verstehst du das denn nicht? Natürlich bin ich dir dankbar, dir und Birgit, aber ich schaffe es auch so.«

»Sicher schaffst du es auch allein. Aber es ist doch nichts dabei, sich helfen zu lassen! Jeder lässt sich helfen. Aber ich will mich nicht aufdrängen, glaub das bloß nicht! - Soll ich jetzt von dem Job erzählen?«

»Ja, ja.«

»Du kannst bei Stahlbau Höffken anfangen. Als Stahlbaumonteur ...«

»Ich bin Feinmechaniker!«

»Du hast auch Schlosser gelernt. Höffken zahlt dir Facharbeiterlohn. Und Auslösung bekommst du auch noch, solange du auf einer Baustelle in Bülheim arbeitest. Höffken montiert dort eine Fabrikhalle ...«

»Mann, um diese Jahreszeit draußen ...«

Jürgen beugte sich vor und schlug die flache Hand auf den Tisch. Wenn er jetzt nicht knochenhart blieb, konnte er gleich wieder aufgeben.

»Jetzt hör mir mal gut zu, mein Junge! Ich habe Klimmzüge und Männchen machen müssen, um dir den Job zu verschaffen, und du wirst ihn annehmen, und du wirst bei der Stange bleiben, bis du einen besseren hast! Und zwar einen als Feinmechaniker. Und bei Höffken kündigst du nicht, bevor du mir einen neuen Anstellungsvertrag vorlegst. Hast du mich verstanden?«

Manni starrte ihn an. Das Gesicht des Jungen war weiß geworden. Unter der dünnen Haut der Schläfen traten blau die Adern hervor. Sein Unterkiefer mahlte, die Zähne knirschten leise.

Jürgen ließ die blassblauen Augen nicht los. »Das sind meine Bedingungen«, fügte er in sachlichem Ton hinzu. »Viel mehr werden es nicht sein. Wenn sie dir nicht passen, nimm deinen Koffer und verschwinde.«

Manni leckte sich die Lippen. »Wissen sie Bescheid? Bei ... wie heißt der Laden?«

»Höffken. Stahlbau Höffken. Herr Höffken weiß Bescheid und der Meister, zu dessen Kolonne du gehören wirst. Sonst niemand. Mein Wort drauf.«

»Das waren deine Bedingungen«, stellte Manni ohne Sarkasmus fest.

»Ja«, bestätigte Jürgen.

»Es ist gut. Wann soll ich anfangen?«

»Du kannst jederzeit anfangen. Heute ist Mittwoch. Was hältst du von Montag? Dann kannst du dir in Köln ein paar Sachen kaufen.«

»Und ich habe noch ein freies Wochenende ...«

»Also abgemacht?«

»Ja, ja.«

»Geh in mein Arbeitszimmer. Die Telefonnummer liegt neben dem Apparat. Lass dich mit Herrn Höffken verbinden und sag ihm, dass du am Montag anfangen wirst. Er wird dir dann sagen, wo du hinkommen musst und was du mitbringen sollst.«

»Du kannst einen ganz schön ans Laufen bringen«, sagte Manni, als er träge aufstand und nach nebenan schlenderte. Jürgen hörte ihn telefonieren. Unbeholfen brachte der Junge seine Wünsche vor, sagte dann mehrmals »Ja. Ja«, legte auf und kam zurück. Im Türrahmen blieb er stehen. »Das war's dann wohl fürs Erste«, meinte er. »Oder?«

»Klar.«

»Dann ziehe ich jetzt mal was rum.«

Jürgen lächelte. »Wann kommst du zurück?« Sofort bereute er die harmlos gemeinte Frage. Er hatte sich den Abend freigehalten. Sie hätten irgendwo essen gehen und anschließend einen Kneipenbummel unternehmen können.

»Ich will einen Freund besuchen«, sagte Manni mit flacher Stimme. »Wir haben uns lange nicht gesehen.«

Jürgen stand auf. Aus einer Schublade suchte er die Reserveschlüssel für die Haustür und die Wohnungstür heraus. »Hier«, sagte er und gab Manni die Schlüssel. »Viel Spaß. Dein Freund kann dich natürlich auch hier besuchen.«


*


Er hatte schon geschlafen. Er spürte, wie Birgit sich plötzlich aufrichtete. Undeutlich sah er ihren Umriss gegen das verhängte Fenster. Dann hörte er, wie die Wohnungstür ins Schloss gedrückt wurde. Verstohlene Schritte tappten über den Flur. Er nahm Birgits Hand und hielt sie fest, als sie sich über ihn beugte, um das Licht einzuschalten.

»Nicht«, sagte er leise.

Ihr Haar fiel über sein Gesicht. Mit der anderen Hand berührte er ihre nackte Schulter und drückte sie beruhigend.

»Es ist zwei Uhr!«, zischelte Birgit. »Wo war er so lange?«

»Er hat es doch gesagt - er hat einen Freund besucht.«

»Einen ... einen Knastbruder?«

»Einen ehemaligen Mitgefangenen, sicher, das nehme ich an. Im Übrigen geht es uns nichts an.« Er zog sie zu sich herab und streichelte ihren Rücken. Ihr Körper fühlte sich gespannt an. Sie lauschte. Manni rumorte in der Küche. Wenig später rauschte die Klosettspülung. Jürgen ahnte, dass ihr Gast und Schützling eine große Belastungsprobe für ihr Verhältnis zueinander darstellen würde.

Birgit war Feuer und Flamme gewesen, als sich der Gedanke, dass Jürgen als Mannis Bewährungshelfer fungieren wollte, herauskristallisiert hatte. Aber schon jetzt, am ersten Tag, reagierte sie gereizt und gespannt auf seine Gegenwart. Jürgen hatte sich keine Gedanken über das frühere Verhältnis der Geschwister zueinander gemacht. Birgit war zwei Jahre älter als Manni. Als sie das Elternhaus verlassen hatte für immer, war Manni gerade vierzehn geworden. Birgit war zäh und ehrgeizig gewesen. Sie hatte eine Lehre absolviert, die Handelsschule besucht. Sie hatte ihren Weg gemacht. Allein, ohne Hilfe und ohne zu stolpern.

Manni war auf die schiefe Bahn geraten. Ein Wunder, dass er überhaupt einen Beruf erlernt hatte. Die Facharbeiterprüfung als Feinmechaniker hatte er im Jugendgefängnis abgelegt.

Ja, Jürgen hatte es sich leichter vorgestellt.

Birgit, erinnerte er sich, hatte sich eine Zeit lang um Manni gekümmert, aber sie hatte es nicht verhindern können, dass er sich der Bande anschloss. Er hatte seine Stelle verloren, weil er nie pünktlich zur Arbeit kam - kein Wunder, wenn er nachts Häuser ausplünderte oder Fahrzeuge stahl. Er musste damals mit dem Geld nur so um sich geworfen haben.

Und jetzt? Sollte er sich geändert haben? Jürgen fühlte sich plötzlich mutlos. Er spürte Birgits Lippen an seinem Hals.

»Es wird alles gut werden«, sagte sie undeutlich. »Bestimmt. Es ist nur - ich glaube, ich bin eifersüchtig.«

Er lachte erleichtert. Birgit blieb ernst.

»Du, das ist nicht zum Lachen.«

»Nein, natürlich nicht. Wir müssen ihm seinen Freiraum lassen, hörst du? Er ist empfindlich ...«

Birgit atmete schwer. »Ja, ja«, stöhnte sie und ließ ihre Hände über seinen Körper wandern.



II

Manni ging langsam über den wie verlassen daliegenden Hof an der Vogelsanger Strafte. Obwohl es schon halb elf war, war es noch ziemlich dunkel, und hinter einigen Fenstern der schwärzlichen Backsteinfassade, die ihn unwillkürlich an die Rückfront der Strafanstalt erinnerte, brannten Lampen.

Peter Krätsch arbeitete in einer offenen Garage, die er wie er gestern erzählt hatte, für ein paar Mark gemietet halte. Hier reparierte er Autos. Nichts Offizielles, nee. Noch nicht, kein Gewerbe oder so. Krätsch verstand etwas von Autos, das war sicher, und so reparierte er Autos von Bekannten und von den Freunden dieser Bekannten. Bestimmt frisierte er auch gestohlene Wagen um. Manni hatte nicht danach gefragt. Er wollte die Freundschaft mit Krätsch, die auch im Gefängnis nur auf schwachen Füßen gestanden hatte, nicht unbedingt vertiefen. Aber außer Krätsch kannte er niemanden, zu dem er hätte gehen und einfach so was dahinquatschen können, und außerdem konnte Krätsch ihm vielleicht helfen, billig an einen Wagen zu kommen. Keinen geklauten, natürlich nicht, das kam nicht infrage, aber wenn er in Pulheim arbeiten sollte und später vielleicht auf anderen Baustellen von Höffken, dann brauchte er einen fahrbaren Untersatz.

Peter Krätschs ehemals weißer, auf jeden Fall aber uralter Kombi stand neben der Garage. Krätsch lag unter einem noch älteren VW-Bus, den er mit Hilfe eines Wagenhebers auf einer Seite angehoben hatte. Mit einer Stange klopfte er den Boden des Wagens ab.

Manni tippte mit dem Fuß gegen Krätschs Schuh. Krätsch kroch unter dem Wagen hervor. Er warf die Stange weg, richtete sich auf und wischte sich die Hände an der Arbeitshose ab. Sein flaches Gesicht mit der gebrochenen Nase verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. Er war kleiner als Manni, eine gedrungene, kräftige Gestalt, der man den ehemaligen Boxer ansah. Krätsch hatte wegen versuchten Totschlags und verschiedener anderer Delikte gesessen. In Ossendorf hatten die anderen Angst vor ihm gehabt.

»Da bist du ja«, sagte Krätsch aufgeräumt. »Komm mit nach hinten, da habe ich den Ofen an.«

Im Hintergrund der ehemaligen Lastwagengarage hatte er sich einen Verschlag abgetrennt. Darin war es angenehm warm. Krätsch deutete auf eine Thermoskanne, aber Manni schüttelte den Kopf. Krätsch streifte den verschmierten Pullover über seinen Kopf und zog die Hose aus. Saubere Jeans, ein grauer Rollkragenpullover und eine dick gefütterte Schaffelljacke lagen ordentlich über einem Stuhl.

»Hast du was für mich?«, fragte Manni.

»Lass dich überraschen«, grinste Krätsch. »Hör mal, hast du Lust, ein paar Bodenbleche und Holme unter die Kiste da draußen zu schweißen?«

»Ich habe dir doch von dem Job in Pulheim erzählt!«

»Ich kann dir auch keinen Full-Time-Job anbieten. Nur was für nebenbei. Ein bisschen Asche machen. Wie ist es, kannst du das machen?«

»Können kann ich's, kein Problem. Hast du denn was?»

»Nee, aber das ist kein Problem. Na ja, erst mal muss ich dem Kerl, dem die Kiste gehört, sagen, was es kostet.« Krätsch zog auch andere Schuhe an. Fallschirmspringerstiefel, dann schlüpfte er in die dicke Jacke, schaltete den Gasofen aus und deutete nach draußen.

Sie fuhren mit dem Kombi, es war ein 70er Taunus, in die Innenstadt. »Mit 'nem Wagen für dich ist das kein Problem«, sagte Krätsch unterwegs. »Ich hätte da einen Fiat an der Hand, Baujahr 71. fünfhundert Mark.«

»Die Kiste rostet mir ja unterm Hintern weg.«

»Durchgerostet ist die schon.« Krätsch grinste. »Und TÜV ist auch abgelaufen. Aber ich trimme sie dir wieder hin, wenn du mir in der Werkstatt hilfst. Kannste deinem Freund ruhig sagen, dass du 'nem alten Kumpel hilfst und noch Kohle dafür kriegst.«

»Er ist nicht mein Freund, und sagen muss ich ihm gar nichts.«

»Gestern hörte sich das aber ganz anders an. Krätsch wich einem Bus aus, dann klapperte der Kombi über den Ring. Manni konnte den Dom sehen, dessen Türme im Dunst steckten. Der Taunus schlingerte gefährlich im Schneematsch, als Krätsch plötzlich an einer Ampel bremsen musste.

»Ich hörte bloß Jürgen hier und Jürgen da. Jürgen meint und Jürgen tut ...«

»Ich bin ihm keine Rechenschaft schuldig«, sagte Manni kurz angebunden. »Aber ehrlich, ich habe keine Lust, nach Feierabend noch zu malochen.«

Krätsch fuhr weiter über die Christophstraße. Die Kuppel des Hauptbahnhofs kam in Sicht.

»Ich will dich ja nicht drängen«, sagte Krätsch friedfertig. Seine kleinen Augen verschwanden hinter den verquollenen Lidern, als er grinste. Er hatte lockiges schwarzes Haar, das ihm bis in den Nacken wuchs. »Wenn du ein Mädchen suchst, kann ich ...«

»Ich such' mir selbst ein Mädchen«, sagte Manni schnell. Seine Stimme klang schroff.

»Ich dachte ja nur. Als ich rauskam, bin ich als Erstes in die Hornstraße gegangen. Nach 'n paar Minuten hatte ich’s erst mal aus dem Kopf und konnte mir in Ruhe was fürs Herz suchen.« Er grinste. »Jetzt hab ich drei Weiber, die mir alle aus der Hand fressen.« Richtig, Zuhälterei hatte ebenfalls auf der Anklageschrift gegen Peter Krätsch gestanden. Jetzt, er war seit knapp drei Monaten wieder draußen, hatte er seine Finger schon wieder überall drin, trug teure Klamotten und hatte Geld in der Tasche. Manni vermutete, dass Krätsch den alten Wagen mehr als Tarnung fuhr, um nicht die Aufmerksamkeit seiner >Freunde< bei der Kripo auf sich zu ziehen.

Manni zog die Schultern hoch. Nein, er hatte nicht die Absicht, die Freundschaft mit Krätsch zu vertiefen.

Krätsch lenkte den Wagen vor eine freie Parkuhr am Bahnhof und stellte den Motor ab. Die beiden jungen Männer stiegen aus. Krätsch wollte schon losmarschieren, als er die beiden Bahnpolizisten bemerkte, die im Durchgang zum Bahnpostamt standen. Er fischte eine Münze aus seiner Tasche und steckte sie in den Schlitz der Parkuhr.

Sie gingen durch die Halle. Manni fühlte sich inmitten des Gewühls beklommen und unsicher. Doch er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Krätsch blieb einmal stehen und studierte den ausgehängten Fahrplan, dann nickte er zufrieden und führte Manni in eine Kneipe am Breslauer Platz hinter dem Bahnhof. Früher war er öfter hier gewesen. Stets hatte er hier Jungs treffen können, die für einen schnellen Handel aufgelegt waren, jetzt kannte er niemanden mehr, wie er ohne Bedauern feststellte.

An der Theke war kaum ein Platz frei. Krätsch rammte seine Schulter einfach zwischen zwei Männer. Als sie seine kleinen Augen und die gebrochene Nase sahen, machten sie bereitwillig Platz.

Krätsch bestellte für Manni ein großes Bier mit. Manni mochte um diese Zeit eigentlich noch kein Bier, aber er nahm es und trank vorsichtig einen Schluck unter dem Schaum weg.

Krätsch trank sein erstes Glas schnell aus. Er nahm gerade das zweite in Empfang, als die Tür geöffnet wurde. Krätsch stieß Manni mit dem Ellbogen an.

Ein magerer Junge mit nervösen Bewegungen schob sich herein. Unruhig sah er sich um. Er hatte gerötete Augen und dünnes hellblondes Haar.

»Udo!«, sagte Manni ungläubig. Er hatte ihn nicht sofort erkannt, dabei hatte Udo Brenig bis vor vier Wochen die Zelle mit ihm geteilt.

Udo hatte Krätsch erblickt. Er kam auf ihn zu, seine Mundwinkel zuckten, dann legte er dem Freund die Arme um die Schultern. Manni dachte an die stille Verehrung, die Udo dem kraftvolleren Krätsch entgegengebracht hatte, und er wunderte sich noch heute darüber, dass Krätsch, der sonst erbarmungslos die Schwächen anderer ausnutzte, eine Schwäche für diesen erbärmlichen Fixer hatte.

Udo drehte sich zu Manni herum und reichte ihm die Hand. Die Haut war trocken und spröde. »Fein, dass du wieder draußen bist, Manni«, sagte er in seiner abgehackten Redeweise.

Manni nickte und lächelte. Das Lächeln fiel ihm schwer. Er mochte Udo nicht. »Wie geht’s, Udo?«, fragte er laut. Leise fragte er sich, weshalb Krätsch dieses Treffen arrangiert hatte. Udo Brenig wohnte in Solingen. Er war Graveur von Beruf und hatte auf Anraten der Berufsberatung in der Anstalt versucht, auf Werkzeugmacher umzuschulen. Für Werkzeugmacher, hieß es, gebe es in Solingen genug Jobs.

Aber nicht für vorbestrafte Fixer, dachte Manni.

Udo hob die Schultern. Er trug einen schäbigen Mantel, der ihm zu groß war. »Es geht so.«

Krätsch reichte Udo ein Glas Limonade, das Udo mit einem langen, gierigen Zug leerte. Udo schluckte laut, Krätsch bezahlte, dann drängte er die anderen hinaus.

»Seit wann biste draußen?«, fragte Udo, während sie die Bahnhofshalle durchquerten.

»Seit gestern. Was ist mit dir? Hast du 'nen Job?«

Udo schüttelte den Kopf.

»Vier Wochen draußen und keine Arbeit?«, bohrte Manni.

»Die ha'm mich gefeuert. War auch 'ne Scheißdrecksarbeit. Bei der Stadt, verstehste?«

»Als Werkzeugmacher?«

»Quatsch. Handlanger, so 'ne Mistarbeit.« Udo presste die Lippen zusammen, und er machte den Mund nicht mehr auf, bis sie im Wagen saßen und Krätsch die klappernde Kiste durch den dichten Verkehr steuerte. Da beugte er sich zu Krätsch hinüber. »Was ist das für ’n Ding. Peter?«, fragte er dann.

Manni richtete sich steil in seinem Sitz auf und drehte sich zu Krätsch um, der das Gaspedal fest aufs Bodenblech presste. Der Kombi raste mit überhöhter Geschwindigkeit über die Nord-Süd-Fahrt.

»Lass mich aussteigen!«, verlangte er scharf. »Halt an, Krätsch! Halt sofort an!«

Krätsch nahm etwas Gas zurück. »Was hast du?«, fragte er harmlos.

»Das fragst du noch? Du willst ein Ding drehen! Ohne mich. Lass mich raus.«

»Ich will kein Ding mit dir drehen, ehrlich nicht. Ich will nur deine Meinung hören. Das ist alles. Komm, stell dich nicht an. Wir essen zusammen, ich zeige dir etwas, das ist alles. Und heute Nachmittag schauen wir uns den Fiat an.«

»Ich mache keine krummen Sachen mehr!«

»Niemand verlangt etwas von dir, was du nicht machen willst«, sagte Krätsch ebenso beschwichtigend wie vieldeutig. Er fuhr auf den letzten Wagen der Schlange zu, die an der Ampel Blaubach stand. »Mach jetzt keinen Terror und bleib sitzen!«, sagte Krätsch. »Ich verlange nichts von dir, was du nicht bringen willst«, wiederholte er dann, als Manni die Hand auf den Türriegel legte. »Ich hatte angenommen, wir wären Freunde.« Der Wagen rollte aus, hielt. Manni zögerte. Krätsch sah ihn ernst an. »Oder hast du Vogt vergessen?«

Für einen kurzen Moment krampfte sich Mannis Magen zusammen. Ja, er hatte Vogt vergessen, aber er hatte gelernt, dass man im Leben nichts umsonst bekam. Irgendwann präsentierte ihm jemand die Rechnung.

Vogt, dieses gemeine Schwein! Manni war der jüngste in Block C, als man ihn nach dem Urteil einlieferte. Er war noch nie im Erwachsenenknast gewesen. Dort herrschten andere Regeln. Regeln, die er noch nicht kannte. Vogt, dieser Schweinehund, hatte ein Auge auf ihn, den ahnungslosen Jungen, geworfen, und er hatte ihm nachgestellt. Überall. In der Werkstatt, auf dem Sportplatz, in der Dusche. Vogt war ein hässliches breitmäuliges Ungeheuer mit knochigen Fäusten, die zupacken konnten wie Schraubzwingen. Eines Tages zappelte er in den Fäusten, und es schien kein Entrinnen zu geben. Vogt und er waren allein auf der Toilette. Morgens gegen halb elf. Er hatte Durchfall. Vogt war aufgefallen, dass er alle paar Minuten verschwinden musste. Vogt hatte ihm bereits die Hose heruntergezerrt und ihn über das Klosettbecken geworfen, als Krätsch hereinkam.

Peter Krätsch war selbst erst vor Kurzem eingeliefert worden, und später war Manni darauf gekommen, dass Krätsch auf eine solche Gelegenheit gewartet hatte, um sich zu profilieren und sich Respekt zu verschaffen. Krätsch hatte Vogt zurückgerissen und ihn zusammengeschlagen. Vogt, der brutale Schläger, hatte gegen den jüngeren geschmeidigen Krätsch keine Chance gehabt. Ohne ein Wort hatte Krätsch Vogts Gesicht zerschlagen. Es war eine grausame Metzelei gewesen.

Krätsch hatte nie ein Wort über die Sache verloren, auch nicht, als er sieben oder acht Monate später in Mannis Zelle verlegt wurde.

Und er hatte nie einen Gefallen von ihm erwartet.


*


Der Kombi fuhr weiter. Krätsch bog in den Hohenstaufenring ein. Langsam glitt der Wagen an den abgestellten Fahrzeugen entlang. Kurz, darauf stoppte Krätsch.

»Alles aussteigen«, sagte er.

Manni erwachte wie aus einem Traum, er sah sich um. Diese Gegend schien sich nicht verändert zu haben. Das Kino droben, daneben die Früh-Schänke, hier der Deutsche Supermarkt. Er stieg aus. Krätsch verschloss den Wagen und fütterte die Parkuhr. Zu dritt überquerten sie die Straße. Krätsch steuerte ein Esslokal an, das teuer aussah. Er trat in den überdachten Eingang, grinste angespannt und öffnete die Tür.

Sie stellten sich an die Theke, von der aus sie den Speiseraum überblicken konnten. Krätsch bestellte zwei Kölsch und eine Limonade, er bezahlte sofort. Dann sah er Manni an und deutete auf einen Tisch auf der rechten Seite des Lokals. Manni folgte dem Blick des anderen.

An dem Tisch saßen zwei Männer. Der eine bleich und dick, der andere schlank, mit glattem schwarzem Haar, das die Ohren bedeckte, und einem gebräunten Gesicht, das inmitten der winterblassen Städter besonders auffällig war. Die Nase war leicht gebogen, die Augen blickten den dicken Mann aufmerksam, aber unpersönlich an.

»Trinkt aus«, sagte Krätsch.

»Was soll das?« Manni sah immer noch zu dem Tisch hinüber. Ein Kellner brachte gerade die Suppe. Der Schwarzhaarige mit der kühn gebogenen Nase nickte und lächelte höflich, während der Dicke unentwegt auf ihn einsprach. Die wulstigen Lippen waren feucht.

»Der Schlanke heißt Linscheid«, sagte Krätsch. »Er ist jetzt beschäftigt. Kommt.« Er verließ die Schänke.

Manni und Udo folgten ihm notgedrungen. Krätsch steuerte mit ausgreifenden Schritten den Fußgängerüberweg an.

»Den Namen habe ich noch nie gehört«, sagte Manni. »Wenn du jetzt nicht bald ...«

»Noch ein paar Minuten, ja? Dann hab’ ich es einfacher.«

In einem dichten Fußgängerpulk gelangten sie auf die andere Straßenseite. Manni erkannte Krätschs Ziel, ein zehn- oder elfstöckiges Bürohaus. Im zurückgezogenen Eingang hingen schwarze Tafeln, auf denen die Namen der Firmen standen, die in diesem Haus Büros gemietet hatten.

Krätsch stieß einfach die Glastür auf. Die Halle war nicht groß. In einem Glaskäfig saß ein älterer Mann, der gelangweilt hinter den Angestellten hersah, die aus den beiden Lifts drängten und es eilig hatten, einen Imbiss zu ergattern. Der Portier beachtete das Trio auch nicht, als es eine Kabine betrat.

Krätsch drückte auf den Knopf mit der Acht. Die Türen glitten in ihrer Schiene zusammen. Mit einem sanften Ruck setzte sich der Aufzug in Bewegung, beschleunigte dann rasch.

Manni las die Namen auf den vier Metallschildchen, die neben dem Knopf mit der 8 auf dem Tableau festgeschraubt waren.

IMMOBILIEN GRUN & HAGER

ROJAK TONTRÄGER GMBH

HANS GEORG LINSCHEID. RECHTSANWAIT

NEON WOLF BELEUCHTUNGSTECIINIK

Da war der Name wieder. Linscheid. Hans Georg Linscheid, Rechtsanwalt. Der Mann, der so hieß, saß drüben auf der anderen Seite des Hohenstaufenrings in einem Restaurant und aß mit einem dicken geschwätzigen Mann zu Mittag.

Der Lift stoppte, die Türen öffneten sich. Zwei junge Mädchen schoben sich an den Männern vorbei in den Aufzug, dann waren sie allein.

Der Flur war unbeleuchtet, nur durch die Glasfüllungen der Türen fiel etwas Tageslicht. Krätsch war nicht zum ersten Mal hier, vermutete Manni. Krätsch ging auf eine der Türen auf der rechten Seite zu. Ein größeres Metallschild war auf die Klingelglasscheibe geklebt.

HANS GEORG LINSCHEID

Rechtsanwalt

Krätsch legte eine Hand auf den Türdrücker. Die Tür war nicht abgeschlossen. Lautlos schwang sie zurück und gab den Blick in einen kurzen Korridor frei. An der Wand standen vier oder fünf einfache Stühle mit verschlissenen Sitzflächen.

Vier Türen mündeten auf den Korridor. Zwei standen offen. Irgendwo lief Wasser. Krätsch schob Manni und Udo hinein, er hob eine Hand, legte den Zeigefinger über seine Lippen und deutete dann auf die zweite Tür links. Sie war nur angelehnt. Er drückte sie weiter auf.

Mannis Herz hämmerte, und er spürte einen Druck auf den Augen, der von der stummen Wut herrührte, die er plötzlich gegen Peter Krätsch empfand. Was machten sie hier? Und wie nannte sich das? Einstieg? Hausfriedensbruch? Egal, wenn der Besitzer oder Mieter dieser Räume ihn, Manfred Strauf hier überraschte und ihn der Polizei übergab, dann saß er heute Abend wieder im Knast.

Er wollte gehen, aber Krätsch hielt ihn am Arm fest und stieß ihn mit unwiderstehlicher Gewalt in einen Büroraum.

Es war das typische Vorzimmer eines Anwalts. Auf den Fensterbänken standen kümmerliche Topfblumen. Das hässliche Kopiergerät in der einen Ecke wirkte deplatziert. Auf den beiden kleinen Schreibtischen standen elektrische Schreibmaschinen, die nahezu von Aktenbergen begraben wurden. Neben einer Schreibmaschine lag ein Diktiergerät, der Bügel mit den Ohrhörern hing über der Maschine.

Ungeduldig zerrte Krätsch Manni zu einer angelehnten Verbindungstür. Udo blieb in der Mitte des Vorraums stehen. Er kicherte nervös. Krätsch zog die Tür auf. Es war eine dicke, innen mit Leder abgepolsterte Doppeltür.

Ohne wirklich etwas wahrzunehmen, starrte Manni in einen kostspielig möblierten Raum. Auf dem Boden lagen dicke Teppiche. Der Schreibtisch musste Eiche sein oder altdeutsch ober beides, er verstand nichts davon. Krätsch deutete aufgeregt auf einen breiten Schrank, der wie eine Anrichte oder ein Büfett aussah und im Stil genau zum Schreibtisch und einer mächtigen Bücherwand passte. Einer der beiden Türflügel stand ein paar Zentimeter offen, und Manni sah eine grau schimmernde Stahlfläche.

Er hörte Krätschs keuchenden Atem an seinem Ohr. »Sieh ihn dir an! Geh rüber! Sieh ihn dir an!«

Manni stand wie gelähmt in der Tür, unfähig sich zu bewegen. Bis hierher und nicht weiter, das war sein fester Entschluss. Er wollte sich umwenden. Krätsch abschütteln und gehen, als ihn eine scharfe Stimme zusammenfahren ließ.

»Was suchen Sie hier?«

Krätsch wirbelte herum, er wölbte die Schultern, seine Hände flogen hoch. Es war eine reflexhafte Bewegung von bestürzender Heftigkeit. Udos schlaffe Wangen zitterten. Manni starrte die Frau an, die in der Tür zum Korridor stand. Sie hielt eine Kaffeekanne in der Hand. Ihre Augen, blau und leuchtend, waren weit aufgerissen, ebenso der blutrot geschminkte Mund. Sie war mittelgroß und etwas füllig. Ihr großer Busen unter dem weißen Pullover vibrierte.

Krätsch fing sich sofort. Er ließ die Fäuste sinken, lächelte.

»Gott, haben Sie uns erschreckt, Mädchen! Wir suchen den Boss. Ist er nicht da?«

»Der Herr Rechtsanwalt kommt erst um drei. Wenn Sie ihn sprechen wollen, müssen Sie später wiederkommen.«

»Na klar, Mädchen, machen wir.« Krätsch leitete den Rückzug ein.

Die Angestellte stellte die Kanne auf den Schreibtisch. Mechanisch strich sie mit den Händen über den Rock. Unverwandt sah sie Krätsch an. Gleich bekommt sie den glasigen Blick, dachte Manni verdrossen. Und wenn er will, hat er sie heute Abend in seinem Bett.

Aber füllige Blondinen waren nicht Peter Krätschs Fall. Denen luchste er höchstens das Ersparte ab. Aber er wusste, dass er auch sie um den Finger wickeln konnte.

»Wie heißen Sie, Mädchen?»

»Maria«, antwortete sie unwillkürlich. Sie errötete. »Engels«, fügte sie dann schnell hinzu. Sie flüchtete sich in berufliche Routine, um ihre Fassung zurückzugewinnen. »Ich kann Sie aufschreiben«, schlug sie vor und nahm einen Bleistift und den Terminkalender zur Hand.

»Aufschreiben? Um Gottes willen! Wir haben doch nichts getan!«

Maria Engels errötete erneut. »Ich meine, ich kann einen Termin für Sie vormerken. Weshalb wollen Sie den Herrn Rechtsanwalt sprechen?«

Krätsch grinste. »Wir wollen ein Ding drehen und brauchen fachmännische Beratung.«

Udo kicherte. Maria Engels lächelte. Manni zog sich zur Tür zurück.

»Wir kommen wieder«, sagte Krätsch. »Heute Nachmittag haben wir keine Zeit. Nächste Woche vielleicht. Ich rufe Sie an, ja?« Er bedachte die Anwaltsgehilfin mit einem Blick, der sie erröten ließ. »Ich heiße Peter. Denken Sie daran. Peter.«


*


Krätsch lachte immer noch glucksend in sich hinein, als er sich zusammen mit Udo und Manni bei Früh an einen der gescheuerten Tische setzte. Udo strich mit fahrigen Bewegungen immer wieder über sein Gesicht.

»Peter«, begann er. »du hast mir doch was versprochen ...«

»Heute Abend bekomme ich was«, sagte Krätsch Ich muss vorsichtig sein.«

»Heute Abend? Bestimmt?«

»Bestimmt.« Krätsch lächelte.

Udos Gesicht hatte sich mit einem leuchten Film überzogen. Er stand auf und ging mit unsicheren Schritten zum Waschraum. Krätsch beschäftigte sich kurz mit der Speisekarte, und als der Köbes kam, bestellte er für alle Gulasch, ohne Manni zu fragen, ob er nicht etwas anderes wollte.

»Jetzt raus mit der Sprache«, sagte Manni.

»Hast du das Ding im Schrank gesehen?«

Manni nickte. »Das ist ein Safe.«

»Kluger Junge.« Krätschs Gesicht wurde hart. »Dieser Linscheid ist ein Halunke. Er lebt von unsereins. Aber nicht genug damit, dass er fette Honorare einstreicht, er betrügt auch noch. Und nicht zu knapp.«

»Hat er dich betrogen?«

»Mich?« Krätsch legte den Kopf in den Nacken und lachte lautlos. »Mich betrügt kein Rechtsverdreher, nein, Manni, mich hat er nicht betrogen.«

»Was wolltest du denn da oben?«

»Dir den Safe zeigen. Ich will nämlich haben, was drin ist.« Er lächelte mit straffen Lippen, und Manni spürte wieder dieses dumpfe Gefühl der Verzweiflung, das ihn nicht mehr losgelassen hatte, seit er mit Krätsch zusammen zum Bahnhof gefahren war.

»Und was soll ich dabei tun? Ich habe dir was gesagt ...«

»Klar, Manni, ich mach' das Ding allein auf, keine Sorge. Das heißt, zusammen mit Udo.«

»Der ist doch längst wieder auf der Nadel. Der ist unberechenbar.«

Krätsch sah Manni unter halb gesenkten Lidern hervor an. »Udo ist mein Freund. Und ich stehe zu meinen Freunden«, sagte er mit flacher Stimme.

»Ich verstehe«, seufzte Manni.

»Du sollst mir nur sagen, wie ich das Ding aufmachen kann.«

Manni sah den anderen groß an. Der Kellner brachte drei Teller Suppe. Udo war noch auf der Toilette. Wahrscheinlich kotzt er, dachte Manni. Er hatte die Fixer zu Dutzenden im Knast erlebt. Nachts kotzten sie so laut, dass man nicht schlafen konnte.

»Ich habe noch nie einen Safe aufgemacht«, sagte Manni. Er nahm den Löffel und begann zu essen.

»Aber du weißt, wie man's macht. Anbohren, eine Gewindestange einsetzen, einen Schneidstahl, und dann das Schloss rausfräsen. Die kalte Methode ist die beste, habe ich mir sagen lassen. Beim Schweißen versengen die Scheinchen.«

»Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen«, sagte Manni.

»Was?«

»Dass du so ein Ding kalt aufkriegst. Es funktioniert nicht. Du bekommst die Werkzeuge nicht zusammen. Du brauchst Hochleistungsdrehstähle und einen Antrieb ...« Er verstummte.

»Na, wie denn?«, fragte Krätsch herausfordernd.

»Heiß. Anders geht's nicht. Man muss vorsichtig arbeiten, die innere Platte unbeschädigt lassen, kühlen. Das kostet Zeit. Wenn du Zeit hast, kannst du ihn aufschweißen. Und jetzt hör auf davon.«

Udo kam zurück. Er setzte sich an den Tisch. Als er die Suppe roch, wandte er den Kopf zur Seite.

»Es ist ganz risikolos«, sagte Krätsch, als er seinen Suppenteller wegschob.

Manni lachte. Er verstummte sofort, als er sah, wie sich die Muskeln an Krätschs stämmigem Hals spannten.

»Manni, treib es nicht auf die Spitze!«, warnte er mit kratzender Stimme. Seine Augen glänzten.

»Ich will nichts von dir. Lass mich in Frieden.«

»Hör mich an, ja? Hör mich an! Dieser Linscheid ist ein Halunke! Der macht krumme Geschäfte. Der hat den Safe voller Zaster, aber er wird nicht nach der Polizei schreien, wenn wir das Ding knacken. Der hat nicht mal eine Alarmanlage dran. Und weißt du, warum nicht? Weil er das Geld ergaunert hat. Er hat es gestohlen.«

»Woher willst du das wissen?« Manni hatte die Frage nicht mehr zurückhalten können.

»Von Grothe. Du kennst doch Grothe? Er hat 's mir erzählt.«

Klaus Grothe. Ja, er kannte ihn. Grothe war vor ungefähr einem Jahr nach Ossendorf gekommen. Verurteilt wegen einer Serie von Banküberfällen. Ein unscheinbarer Mensch. Halbe Glatze, watschelnder Gang. Acht oder neun Jahre hatte er abzumachen.

»Grothe hatte gerade eine Bank überfallen, als sie ihn schnappten. An die Hunderttausend soll er abgeschleppt haben, aber als sie ihn hatten, waren die Mäuse nicht mehr da. Futsch. Aber ich weiß, wer sie hat!«

»Linscheid?«

»Kluger Junge! Grothe hat irgendwie geschnallt, dass sie ihn gefilmt hatten. Da ist er schnurstracks zu Linscheid gegangen. Er hat von Linscheid gehört, verstehst du? Er hat ihm dem Zaster auf den Schreibtisch geschmissen, und die beiden haben halbe-halbe gemacht.«

»Du spinnst«, sagte Manni und bemühte sich, seine Stimme gelangweilt klingen zu lassen.

»So arbeitet Linscheid. Er ist ein gerissener Strafverteidiger. Arbeitet mit gekauften Zeugen und so. Er beansprucht die Hälfte der Beute. Die andere Hälfte verwahrt er für seine Kunden.«

»In dem Safe.«

»Wo sonst? Bei der Bank kann er das Geld nicht einzahlen. Und wenn's ihm einer klaut, muss er die Schnauze halten.«

»Das alles hat Grothe dir erzählt?«

»Klar.«

»Damit du sein Geld klaust? Ich habe ihn nicht für so dämlich gehalten.«

»Du hörst nicht zu, Manni. Ich habe doch gesagt, Linscheid ist ein Gauner. Er hat Grothe verschaukelt. Er hat ihm alles mögliche versprochen, nur nicht, dass er acht Jahre bekommen würde. Und abschließend Sicherungsverwahrung.« Krätsch grinste. »Es hat Grothe nicht viel Überwindung gekostet, mir den Tipp zu geben.«

Manni zog einen Geldschein aus der Tasche.

»Ich habe dich eingeladen«, sagte Krätsch.

»Danke.« Manni stand auf.

»Setz dich!« Krätschs Stimme klang schneidend.

»Es hat keinen Zweck, Krätsch. Ich mache nicht mit.«

Mannis Herz hämmerte, seine Handflächen waren feucht. Was war mit ihm los? Ein Safe voller Geld. Das war es, wovon sie alle träumten. Einmal einen Safe aufmachen. Im Geld wühlen. Und davonkommen.

»Wir brauchen dich, Manni. Ich vertraue dir ...«

Manni schüttelte den Kopf.

»Du bist der Einzige von uns, der so 'n Ding aufkriegt! Manni, du musst es tun! Du musst, verstehst du!«

Manni drehte sich abrupt um und verließ das Lokal.


III

Linscheid warf seinen Mantel über einen Aktentisch. Maria Engels sprang auf, nahm den Mantel, um ihn an den Haken zu hängen. Linscheids Blick streifte den leeren Platz vor dem zweiten kleinen Schreibmaschinentisch.

»Wo ist Fräulein Augustin?«, fragte er missbilligend. Renate Augustin, ungemein tüchtig, außergewöhnlich hübsch, und ein Luder. Zu ihren Prinzipien gehörte es, die Mittagspause zu überziehen.

»Sie macht noch Besorgungen, Herr Linscheid«, antwortete Maria, und boshaft fügte sie hinzu: »Wie immer.«

»Wenn sie zurückkommt, soll sie gleich zu mir kommen. Mit der Akte Zielke. - War sonst etwas?«

»Drei Männer waren da ...«

»Männer?«

Maria errötete. »Nun, sie waren keine Herren. Sie kommen noch mal wieder. Und eine Dame hat angerufen. Sie hat ihren Namen nicht genannt.«

Linscheid vergaß die drei Männer, die keine Herren waren, augenblicklich. Wieso dachte er sofort an Marlene Hardebeek? Er hatte ihr Versprechen, ihn anzurufen, doch nicht ernst genommen.

»Und?«, fragte er rau.

»Sie will wieder anrufen. Um drei, hat sie gesagt.«

Linscheid betrat sein Arbeitszimmer. Er schaltete die Deckenbeleuchtung ein und ging zum Fenster.

Brauner Schneematsch türmte sich an den Straßenrändern. Durch die Doppelscheiben drang das schrille Klingeln eines Straßenbahnzuges.

Warum konnte er Marlene nicht vergessen?

Vor mehr als zwanzig Jahren hatte er sie geliebt. Und sie hatte ihn geliebt, da war er ganz sicher. Aber geheiratet hatte sie Max Philipp Hardebeek, den millionenschweren Verleger. Er, Hans Georg Linscheid, war damals erst ein hoffnungsvoller, ehrgeiziger Gerichtsreferendar gewesen, der seine Chance suchte. Max Philipp Hardebeek hatte seinen Einfluss spielen lassen. Diskret, natürlich. Hardebeek wollte die Gefühle des jungen Mannes nicht stärker strapazieren, als er es ohnehin schon getan hatte, indem er ihm Marlene weggenommen hatte. Hardebeek hatte sanft nachgeholfen, als Linscheid sich darum bewarb, in eine bekannte Anwaltssozietät, die sich auf Handelssachen spezialisiert hatte, aufgenommen zu werden. Linscheid hatte Hardebeeks Einfluss gespürt. Er war stolz und verletzt gewesen, und im letzten Moment hatte er gepasst. Er hatte seinen Weg selbst finden wollen. Auf diesem Weg hatte er mehr Niederlagen hinnehmen müssen, als ein normaler Mensch verkraften konnte. Sein Ehrgeiz war auf der Strecke geblieben. Die Genugtuung darüber, dass er Marlene noch einmal ins Bett bekommen hatte - sie war erst ein Jahr verheiratet gewesen -, hatte daran nichts mehr ändern können. Es war eine kurze, wilde Affäre gewesen. Unbefriedigend, billig.

Er zündete eine Zigarette an. Tief atmete er den Rauch ein und blies ihn gegen die Scheibe. Er hatte sich arrangiert. Nachdem er seinen Ehrgeiz erst einmal abgelegt hatte, war es ihm nicht schwergefallen, alles mitzunehmen, was das Leben bot. Doch seine Leidenschaft für Marlene war nie erloschen. Sie brannte immer noch, schwelte in seinem Inneren. Sie war immer unerreichbarer geworden. Er hatte sie nicht einmal bekommen, als Max Philipp sie weggelegt hatte wie eine abgenutzte Schallplatte.


*


Das Telefon auf seinem Schreibtisch summte. Er ging hinüber und nahm den Hörer ab.

»Eine Dame möchte Sie sprechen.« Renate Augustin hatte eine angenehme tiefe Stimme. Renate war so schön wie Marlene vor zwanzig Jahren gewesen war. Aber Renate würde niemals Marlenes Format erreichen, nicht in hundert Jahren. »Sie will ihren Namen nicht nennen.«

»Stellen Sie durch«, sagte Linscheid. Im Büro sagte er Sie zu ihr. Niemand wusste von den Abenden und den kurzen Wochenendfahrten nach Belgien. Er würde auch Renate verlieren. Das heißt, er wollte sie gar nicht halten.

»Hallo, Georg!«

Er spürte das Pochen der Schlagadern an seinem Hals. »Guten Tag, Marlene. Ich habe gehört, du hast schon einmal angerufen. Es tut mir leid, dass ich nicht da war.« Er sprach förmlich. Es war schwer, nach so vielen Jahren wieder da anzuknüpfen, wo sie aufgehört hatten. Dabei hatte er ihr am liebsten etwas Obszönes gesagt. Damals hatte sie es gemocht, wenn er wie ein Zuhälter zu ihr gesprochen hatte, jetzt brachte er die alten Sätze nicht mehr über die Lippen.

»Es macht nichts, Georg, ich wollte hören, wie es dir geht.«

»Gut«, antwortete er. »Danke. Und dir?«

»Na ja ...«

»Das hört sich nicht sehr fröhlich an. Was treibst du?«

»Jetzt?« Marlene lachte leise. »Ich liege nackt auf meinem Bett und betrachte meinen schimmernden Körper im Spiegel.«

»Marlene!« Linscheid spürte einen Druck auf den Augen. Sie wollte ihn reizen, ihn provozieren, ihn quälen. Sie wusste genau, dass er ihr immer noch verfallen war.

»Es stimmt, Georg. - Seit ich dich in der vorigen Woche wiedergesehen habe, frage ich mich, ob man die alten Zeiten nicht wieder herbeizaubern kann, auslöschen kann, was gewesen ist. Was meinst du. Georg?«

»Nun, ich weiß nicht, was ich sagen soll«, stieß er hervor. Das Blut klopfte jetzt hart in seinen Schläfen.

»Du bist doch kein Biedermann geworden. Georg!« Marlenes Lachen schnitt wie ein Messer in sein Hirn. »Und ich frage mich, was anders verlaufen wäre, wenn ich nach meiner Scheidung zu dir gekommen wäre.«

Er schwieg betroffen. Was meinte sie damit?

»Warum sagst du nichts?«

»Ich war immer für dich da.«

»Ich weiß, Georg. Aber damals glaubte ich nicht, dass man so viele Jahre einfach auslöschen könnte. Ich war vielleicht dumm ...«

»Marlene...«

»Georg ...« Er hörte Stoff rascheln. Marlene stöhnte leise. »Jetzt könnte ich dich brauchen!« Ihre Stimme klang heiser.

»Marlene!«

»Kommst du?«

»Ich habe einen Termin. Ein wichtiger Klient.« Oh mein Gott, was war er doch für ein Spießer!

»Der Biedermann!«, sagte sie verächtlich. Linscheid presste die Fingerknöchel gegen die Schläfen. Er fühlte sich ihr unterlegen. Auch damals hatte er sich ihr manchmal unterlegen gefühlt, nur hatte er es sich da nicht eingestanden. »Der vielbeschäftigte Anwalt! Georg, du tust mir leid.«

»Samstag oder Sonntag.« Er konnte Renate absagen. Sie wollten am Samstag nach Lüttich fahren. Essen im Vieux Liege, und dann, mit einer Flasche Champagner, den Rest der Nacht im herrlich altmodischen Hotel Ramiers verbringen, das Renate so sehr mochte. Ob Marlene die Atmosphäre auch lieben würde?

»Ich fliege morgen früh nach München. Eine alte Freundin feiert ihre Scheidung. Es wird ein rauschendes Fest.«

»Nächste Woche«, sagte er schnell. »Irgendwann.« Er würde es möglich machen.

»Ich weiß nicht genau, wann ich zurückkomme. Vielleicht am Dienstag. Ich rufe

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 24.03.2017
ISBN: 978-3-7438-0448-7

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