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Fern der Erde: Drei Science Fiction Romane

SF-Abenteuer von Alfred Bekker und Conrad Shepherd

 

Menschen in den Weiten des Kosmos – auf sich gstellt und fern der Erde. In ihren Raumschiffen erobern sie das All und werden mit dem Unfassbaren konfrontiert.

Darum geht es in den phantastischen Weltraum-Abenteuern von Alfred Bekker und Conrad Shepherd.

 

Dieses Buch enthält die Science Fiction Abenteuer:

 

Conrad Shepherd: Geheimagent der Erde

Alfred Bekker: Terrifors Geschichte

Alfred Bekker: Erstes Kommando

 

Conrad Shepherd ist einer der bekanntesten SF-Autoren Deutschlands. Er schrieb für Ren Dhark und Perry Rhodan.

 

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Geheimagent der Erde

von Conrad Shepherd


Der Umfang dieses Buchs entspricht 129 Taschenbuchseiten.


Winston Clark, ein Agent des OSAC, wird nach Kylenamoe geschickt, eine der ältesten Kolonialwelten der Föderation. Dieser Welt steht unmittelbar ein Krieg bevor, bei dem Atomwaffen eingesetzt werden sollen. Clark erhält den Auftrag, diesen Krieg und die Auslöschung Kylenamoes zu verhindern. Dafür steht ihm nur sehr wenig Zeit zur Verfügung, denn der Termin für den Abschuss der Atomwaffen steht. Kaum befindet sich Clark in N’Kylenamoe, wird sein Verbindungsmann ermordet. Er besitzt nun keine Hinweise, wo sich die vermeintlichen Waffen befinden und wer dahinter steckt. Ständig gerät er bei seinen Recherchen in Gefahr … und die Zeit drängt.


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© Cover by pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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Prolog

S’jnthgunt - Rachegöttin der Frühgeschichte Kylenamoes.

Dargestellt durch eine Skulptur von zwei Meter Größe aus schwarzem Stein. Eine weibliche Gestalt, deren Antlitz, eine Sonnenscheibe darstellend, augenlos über die „Ebene der Stürme“ blickt. In der Rechten schwingt die Göttin eine Streitaxt mit halbrunder Schneide.

Auf 46 Grad Breite und 116 Grad Länge des kylenamoeschen Meridians, am 26. November des Jahres 2021 um sechzehn Uhr dreißig wurde die Skulptur von einem der legendären Kartographenschiffe gefunden, also vor mehr als vierhundert Jahren.

Unmittelbar neben dem Landeplatz der „Starhawk“ liegt eine Hochebene von dreihundert Kilometern Durchmesser, die sich glatt und den Winden preisgegeben aus den fruchtbaren Niederungen von Kylenamoe erhebt.

Auszug aus: Extraterrestrial History and Ancient Mythology of Kylenamoe.




1

Am Ende des Raumes stand ein langer Tisch. Seine Marmorplatte war nahezu leer: ein Video, eine gemaserte Holzschale, in der eine ganze Anzahl von Pfeifen lagen, und ein lederner Tabaksbeutel - sonst nichts.

Rechts an der hohen Wand bedeckte die golddurchwirkte Fahne der Föderation nahezu ein Viertel der kostbaren Holztäfelung. Die linke Wand bestand aus einem einzigen Fenster. Draußen herrschte ein unvergleichlich schöner Sommertag. Ungehindert fiel der Blick über das steinerne Meer N’Washingtons bis weit hinüber zum Washington Space Port.

Drei Kondensstreifen spannten sich über die Bläue des Himmels. Sie waren längst zerrissen und verweht, ehe das grollende Geräusch der in den Raum startenden Schiffe das Zimmer erreichte und die Scheibe zu sanftem Klirren veranlasste.

Winston Clark wandte den Blick vom Fenster ab und dem Tisch zu. Der Mann hinter dem Tisch war groß, breitschultrig und hatte ein großflächiges Gesicht, weit auseinanderstehende Augen und einen weichen Mund mit blutleeren Lippen. Die grauen Haare waren kurzgeschnitten. Über der scharfkantigen Nase stand eine tiefe Falte. Der Name dieses Mannes war Hollroy White. Seine Tätigkeit: Leiter des OSAC, des Outer Space Anti Atom Corps.

Er sagte: „Wir brauchen Sie, Winston.“

Wir, das waren noch zwei Männer, die an den Stirnseiten des Tisches saßen. Der eine war ein hochgewachsener, gelangweilt aussehender Stutzer mit sorgfältig ausrasierten Augenbrauen und einem Schönheitsfleck neben dem rechten Nasenflügel. Ein purpurner Mantel lag in dekorativen Falten um seine Gestalt, in den manikürten Fingern hielt er eine lange Zigarette mit zwei Goldringen vor dem Mundstück. Hollroy hatte ihn als Leonardo John Cottrell vorgestellt, ohne weiter auf seine Funktion einzugehen.

Der zweite Mann hieß Alfredt Redyj. Winston kam der Name irgendwie bekannt vor. Er grübelte darüber nach, wo er dieses glatte, gefroren wirkende Gesicht schon einmal gesehen hatte - und dann wusste er es: Es war Admiral Alfredt Redyj, Commander der Föderationsflotte, auch als „Feuerwehrhauptmann“ bekannt. Mit seinem Namen verbanden sich Begriffe wie Furcht, Hass und Feindschaft. Mit Spezialeinheiten seiner Flotte führte er jene Strafexpeditionen aus, die gegen Welten gerichtet waren, die gegen das Atomwaffenverbot verstoßen hatten. Dass er hier zugegen war, ließ eigentlich nur einen Schluss zu.

„Wo brennt es denn diesmal?“, erkundigte sich Winston, ohne eine Regung zu zeigen. Er war ein großer, hagerer Mann, dessen schmales Gesicht von Intelligenz zeugte. Winston Clark hatte etwas Düsteres an sich, und nur selten sah man ihn lächeln.

„Noch schwelt es nur“, entgegnete Hollroy White, „es kann sich aber in absehbarer Zeit zu einem Brand ausweiten, der dann kaum noch einzudämmen wäre.“

„Wo?“, erkundigte sich Winston knapp.

„Kylenamoe.“

Winston streifte bedachtsam den Aschenkegel von seiner Zigarre, ehe er sich entschloss, weiter zu fragen: „Kylenamoe?“

„Eine Welt von fast zweifachem Umfang der Erde“, ließ sich Leonardo John Cottrell hören. Er besaß eine weiche, sehr gepflegte und modulationsfähige Stimme, der man die jahrelange Schulung anmerkte. Jetzt war eine genau dosierte Menge von Abscheu herauszuhören. Er fuhr fort: „Eine Welt voll von barbarischen Bräuchen wie etwa der Blutrache oder der Gladiatorenkämpfe. Von irgendeiner Sekte aus dem schwärzesten zwanzigsten Jahrhundert besiedelt, ist Kylenamoe eine der ältesten Kolonialwelten überhaupt und wie keine andere darauf versessen, endlich das vermeintliche Joch der Föderation von sich abzuschütteln.“

„Kommt das so überraschend?“, unterbrach ihn Winston. In seinen grauen Augen blitzte Spott. „Es liegt nun einmal in der Natur des Homo sapiens, dass er sich gegen jede Art von Bevormundung auflehnt. Früher oder später hat sich der Rat der Föderation ohnehin mit dem Unabhängigkeitsbestreben der Kolonialwelten auseinanderzusetzen, und er wird - wie die Geschichte lehrt - nachgeben müssen. Doch seit wann wird in einem solchen Falle das OSAC bemüht, anstatt eine Kommission der Liga für Freiheit?“

Die steile Falte über Hollroy Whites Nase hatte sich vertieft. Unverkennbar schwang Ärgernis seiner Stimme mit, als er laut sagte: „Wenn Sie den Gouverneur der Föderation auf Kylenamoe hätten ausreden lassen, wüssten Sie jetzt, dass es sich nicht um den Austritt Kylenamoes aus der Föderation handelt!“

„Nein?“ Winston musterte Hollroy eine Minute lang, während er nachdenklich an seiner Zigarre zog. „Worum handelt es sich dann?“

„Kylenamoe steht im Begriff, einen Krieg vom Zaun zu brechen.“ Gouverneur Cottrell drückte mit einer affektierten Bewegung die Zigarette aus und blies ein Stäubchen von seinem Mantel. Winston Clark kniff die Augen zusammen. Ein Muskel begann unter seinem Backenknochen zu zucken.

„Krieg? Gegen wen?“

„Gegen sich selbst.“

„Wie?“ Winston zog überrascht die linke Augenbraue hoch.

„Nun erklären Sie ihm schon die Sachlage, Gouverneur!“, mischte sich Hollroy White ins Gespräch. Seine Finger trommelten ungeduldig auf der Tischplatte. Leonardo John Cottrell lehnte sich bequem zurück. Er schlug die Beine übereinander und verschränkte die Hände über dem Knie.

„Zum Verständnis der besonderen Verhältnisse auf Kylenamoe muss man Folgendes wissen: Kylenamoe ist die einzige Welt eines Zwölf Planeten Systems im Sternbild des Großen Bären, deren klimatische Bedingungen eine Kolonisation gestattete. Vor mehr als vierhundert Jahren von einer Sekte besiedelt, in der Elemente einer alten Feudalherrschaft vorhanden waren, hörte man im Laufe des ersten Jahrhunderts kaum etwas von der Kolonie. Als im Jahre 2143 die Föderation daran ging, ihren Einflussbereich genau abzugrenzen, erinnerte man sich auch an Kylenamoe. Dort hatte sich inzwischen das Bild grundlegend geändert. Aus der anfänglich nicht mehr als viertausend Seelen zählenden Siedlergruppe hatte sich eine Bevölkerung entwickelt, die sich inzwischen über ein Fünftel des Planeten ausbreitete und bereits im Begriff stand, neue Kolonien auf dem Planeten zu errichten.

Eine an sich erfreuliche Entwicklung. Was die Föderation daran störte, waren die Barone, die aus dem demokratischen Prinzip der Kolonialstatuten eine Feudalherrschaft machten. Misstrauisch verfolgte man über zwei Jahrhunderte die stete Entwicklung der Herrschaft der Barone von Grayj, wie sich deren Erbfolge nannte. In jede der neun Niederlassungen, die man im Laufe dieser zwei Jahrhunderte über den Planeten verteilt errichtete, sitzen zwei Barone - doch die eigentlichen Herrscher sind die Barone von N’Kylenamoe, der einzigen Stadt, die der Planet bis heute aufweist.

Diese Niederlassungen sind nichts anderes als Agrarlieferanten, nur dazu geeignet, für die Ernährung der Welt zu sorgen.“

„Ich könnte mir denken“, sagte Winston Clark, „dass eine solche Feudalherrschaft gewisse Nachteile für die Bevölkerung hat, Nachteile, die hinlänglich aus der Geschichte Terras bekannt sein dürften.“

„Diese Nachteile sind bei weitem nicht so groß, dass die Föderation ein Einschreiten für nötig hält. Sicher mag es zu gewissen Härten kommen. So etwas bringt nun einmal eine solche Regierungsform mit sich.“

„Aber was hält die Föderation ab, dieser Feudalherrschaft ein Ende zu machen?“ Winstons Stimme war voller Sarkasmus, als er sich vorbeugte und den terranischen Gouverneur auf Kylenamoe ins Auge fasste.

„Einmal muss ich es doch erfahren!“

Leonardo John Cottrell hüstelte leicht hinter vorgehaltener Hand und sah auf Hollroy White. Der machte nach kurzem Überlegen eine zustimmende Handbewegung.

„Kylenamoe ist unser hauptsächlicher Lieferant von Kyanitkristallen, die, wie Sie sicher wissen, unseren Schiffen als Steuerkristalle Verwendung finden.“

„Und ich war bis heute der Ansicht, die Föderation stelle auf jeden Fall die ideellen über die merkantilen Erwägungen“, sagte Winston mit unbewegtem Gesicht.

Leonardo John Cottrell sah ihn für einen Moment scharf an, dann entschloss er sich, diese Bemerkung zu ignorieren.

„Nun, immerhin ist die Föderation mit der Liga der Barone von Grayj bis jetzt gut gefahren. Uns ist kein ernsthafter Grund dafür bekannt, diese Feudalherrschaft zu beenden oder beenden zu müssen. Selbstverständlich ...“ Die Stimme des Gouverneurs gewann an Fülle, strahlte Zuversicht aus, so, als versuche er, seinen Wählern etwas einreden zu wollen.

„Selbstverständlich werden wir zu dem Zeitpunkt, an dem die Barone lästig zu werden beginnen, sie einfach hinwegfegen.“

„Davon bin ich überzeugt“, nickte Winston beifällig und konnte sich ein leichtes Lächeln nicht verkneifen, ein Lächeln, das in seinem Gesicht fehl am Platz schien. Gouverneur Cottrell schwieg irritiert. Ärger war in seinen Augen zu erkennen.

„Kommen wir doch zur Sache!“, warf Hollroy White ein.

„Eben“, nickte Clark. „Wie ist das nun mit dem Krieg, den Kylenamoe gegen sich selbst zu führen beabsichtigt?“

Leonardo John Cottrell blieb stumm, aus welchen Gründen auch immer, und so entgegnete Hollroy: „Seit einigen Jahren mehren sich die Stimmen, die Kylenamoe eine Untergrundbewegung zuschreiben; eine Untergrundbewegung, deren Ziel es sein soll, die Herrschaft der Barone zu brechen und ein demokratisches Regierungssystem zu errichten.“

„Ein löbliches Vorhaben“, konnte sich Winston nicht verkneifen einzuwerfen, „auch wenn es ganz offensichtlich den Absichten der Föderation zuwiderläuft.“ Er begann unvermittelt zu lachen. Kalt, humorlos, ohne jegliches Gefühl. Seine Miene blieb dabei unbewegt, lediglich in seinen Augen war Wachsamkeit zu lesen.

„Schweigen Sie doch endlich!“, erregte sich der Gouverneur.

„Es hat schon in früheren Jahren Aufstände gegeben“, fuhr Hollroy fort, „doch diesmal scheint es sich um mehr zu handeln, als nur um eine Gruppe unzufriedener Bürger.“

„Und woraus schließen Sie das?“ Winston sah auf seinen Vorgesetzten.

„Nach den Informationen unseres Verbindungsmannes betrifft es diesmal weite Kreise der Bevölkerung. Und es sind nicht nur die unteren Stände darin anzutreffen. Die Mitglieder der Untergrundbewegung kommen aus allen sozialen Schichten dieser Welt.“

„Trotzdem!“ Winston schüttelte in offensichtlicher Verwunderung den Kopf. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es einer Untergrundbewegung gelingen sollte, die Herrschaft der Barone zu brechen. Zumal“, er wandte sich halb an Leonardo John Cottrell, „ja die Föderation auf Seiten ihrer Geschäftspartner sein wird.“ Er hielt einen Augenblick inne, seine Stirn umwölkte sich.

„Außer, die Aufständischen besäßen eine ultimative Waffe!“ Er sah düster von Gouverneur Cottrell über Hollroy hinüber zu Alfredt Redyj.

„Sagen Sie, meine Herren, was geht hier vor? Was ist geschehen, das zum letzten aller Auswege führt?“

Hollroy White schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Hören Sie auf!“, sagte er scharf. „Glauben Sie nicht, dass auch wir das gerne wüssten?“ Er verschränkte die Finger ineinander, betrachtete sie einige Augenblicke, ehe er fortfuhr: „Uns war nicht zum Lachen zumute, als Admiral Redyj bei einem Verbandsflug in der Nähe Kylenamoes einen Richtspruch unseres dortigen Verbindungsmannes erhielt. Auch wenn anfänglich unglaubwürdig klang, was wir erfuhren, begannen wir trotzdem damit, Recherchen einzuholen. Über einen Zeitraum von mehr als sechs Monaten wurden sämtliche Informationen, die wir erhalten konnten, zueinander in Relation gebracht und ausgewertet. Das Ergebnis entsprach genau unseren Befürchtungen. Wir kamen zu einem Schluss, der letzten Endes nur auf eines hinausläuft ...“

„Atomare Waffen?“, stieß Winston hervor. Seine hagere Gestalt beugte sich leicht nach vorn. Die Lippen waren zusammengepresst und bildeten einen weißen Strich in dem schmalen Gesicht. „Genau“, bestätigte Hollroy White schwer. „Es sind die einzigen Waffen, die einer Untergrundbewegung die Gewähr eines Erfolges bieten würden.“

Seit jenen unseligen Jahren des Großen Krieges, der die Erde nahezu in eine atomare Hölle verwandelt hatte, und in denen die Menschheit buchstäblich im allerletzten Augenblick zur Einsicht gelangt war, seit jenen Jahren also war von der Zentralregierung ein generelles Atomwaffenverbot erlassen worden. Die Begründung war, dass ein Gebrauch dieser Waffen mit millionenfachem Mord an den noch ungeborenen Generationen gleichzusetzen wäre. Dieses Verbot bestand noch heute; es wurde von der Föderation sogar noch wesentlich verschärft und mit Strafen geahndet, die bis zur völligen Auslöschung der entsprechenden Welt gingen.

Die Stille im Zimmer war bedrückend.

Draußen auf dem Korridor hörte man schnelle Schritte nahen und sich wieder entfernen. Von irgendwoher klang ein Lachen, das schnell abbrach. Die Sonne war so weit gesunken, dass sie voll durch das Fenster schien. Sie brachte den roten Kunstfaserteppich zum Leuchten und warf zitternde Reflexe an die Wände.

Winston fühlte sich leer und ausgehöhlt. Jetzt wusste er, wozu ihn Hollroy White brauchte. Wieder einmal war es an der Zeit, dass er seine Tasche packen, sich ein Ticket kaufen und auf irgendeine Weise versuchen musste, herauszufinden, ob Kylenamoe gegen das Verbot verstieß oder verstoßen wollte. Dabei war er sich im Klaren darüber, dass er unter Umständen gegen die gesamte Abwehrorganisation dieser Untergrundbewegung anzugehen hatte.

Das Video schrillte und riss Winston aus seinen Gedanken. Er sah, wie sich Hollroy White vorbeugte, um den Bildschirm zu betrachten. Eine Stimme drang leise aus dem Lautsprecher. Winston konnte den Wortlaut nicht verstehen, aber er sah, wie sich um Whites Mund ein harter Zug bildete, wie tiefe Sorge aus seinen Augen sprach.

„Ich habe verstanden“, sagte White abschließend und schaltete ab. Aufblickend sah er die drei Männer der Reihe nach an, und als er redete, war es, als spräche ein Fremder.

„Soeben erhielt ich die Nachricht von unserem Verbindungsmann, dass die ,Freie Bürgerschaft‘ von Kylenamoe, wie sich diese Untergrundbewegung nennt, in allernächster Zeit losschlagen wird.“

Mit einer gezierten Bewegung schlug Leonardo John Cottrell seine manikürte Hand vor den Mund und hauchte: „Nein!“

Hollroy Whites Augen blickten düster, als er fortfuhr: „Innerhalb der nächsten sechs Wochen, genau am sechsundzwanzigsten August, wird die ,Freie Bürgerschaft‘ sämtliche Kastelle und Güter der Barone durch Atomraketen vernichten.“

Winston Clark sah sich plötzlich von drei Augenpaaren gemustert, und ihm wurde unbehaglich.

Ernst sagte Hollroy White: „Sie haben nur noch sehr wenig Zeit, Winston, um diesen Krieg und die Auslöschung Kylenamoes zu verhindern.“

Es gab nichts mehr zu sagen.



2

Längst war das Pochen großer Maschinen verstummt. Stille herrschte auf den Decks des Schiffes, das sich vor mehr als zwei Stunden mit lärmenden Triebwerken auf den Raumhafen nieder gesenkt hatte.

Mit geschlossenen Augen lag Winston Clark auf dem schmalen Brett, das die Transportgesellschaft als Liege bezeichnete und dafür auch noch entsprechende Preise verlangte. Er lauschte den langsam verklingenden Geräuschen im Schiff. Das Stöhnen und Ächzen der Verstrebungen hörte auf. Verstummt war auch das entnervende Winseln der Luftumwälzungsanlage. Winston genoss zum ersten Mal seit der mehr als fünf Tage dauernden Reise uneingeschränkte Ruhe.

Er war auf Kylenamoe.

Während er darauf wartete, dass sich etwas tat, rekapitulierte er noch einmal die wichtigsten Fakten: Er nannte sich jetzt Clark W’stonj, war privilegierter Tierfänger von Houlihan, einer Welt im System Epsilon Indi. Er war nach Kylenamoe gekommen, um einige Exemplare der einheimischen Fauna für den Privatzoo des Patriarchen von Houlihan zu fangen.

Leise rief die Glocke. Clark schwang die langen Beine von der Liege und schaltete kurz an der Tastatur der schmalen Leiste.

„Sir!“, erklang eine Stimme aus der gerillten Tonfläche unterhalb des Videoschirmes. Der Nomade mit seiner charakteristischen Kahlköpfigkeit, die nur eine einzige Schmucklocke gestattete, verneigte sich leicht.

„Was gibt es?“

„Sie können jetzt das Schiff verlassen. Die Kontrollen sind beendet.“

„Und?“, erkundigte sich Winston mit leichter Neugierde. „Haben die verantwortungsbewussten Männer von Kylenamoe bei ihrer Suche etwas gefunden?“

„Nein, Sir“, und abschließend: „Die Schiffsleitung bittet noch einmal um Verständnis und wünscht Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.“ Das Gesicht des Nomaden verblasste.

Winston ergriff die lederne Reisetasche und verließ die Kabine. Auf den Korridoren des Schiffes herrschte das übliche Kommen und Gehen. Clark ging noch auf einen Sprung in das Büro des Lademeisters, um das ordnungsgemäße Löschen seines Gepäcks garantiert zu bekommen. Er besaß in seinem Jagdgepäck drei sehr wertvolle Nadelgewehre sowie eine kostbare Fangausrüstung für den N’hcor, einen zentnerschweren Raubfisch, der in den Gewässern Kylenamoes beheimatet war.

Wenig später glitt er inmitten anderer Passagiere die rollende Rampe hinunter und betrat den schwarzgebrannten Boden von Kylenamoe Raumhafen.

Vor ihm erhob sich die Metropole gleich einem buntschillernden Filigran. Als Winston sich umdrehte, erblickte er die Weite des Raumhafens. Schiff reihte sich an Schiff. Inmitten dieser Verkörperung von Zivilisation und Macht erhob sich der Nomade, mit dem Winston nach Kylenamoe gekommen war. Er ragte in große Höhen, ein langer, spitzer Kegel, der sich in den wolkigen Dunst bohrte. Eine Atmosphäre ferner Welten von exotischer Schönheit umgab die Wandungen.

Irgendwo zwischen all diesen Schiffen befand sich das Kurierboot, mit dem der terranische Gouverneur Leonardo John Cottrell offiziell wieder eingereist war.

Müde bewegte sich Clark auf eines der Rollbänder zu; eine hagere Gestalt in einem engen, schwarzen Anzug, darüber eine knielange, ärmellose Lederjacke. Man sah der Jacke an, dass sie alt war. Clark setzte die Reisetasche auf das Band nieder, um sich eine Zigarre anzuzünden, die er aus einer der aufgenähten Taschen kramte. Gierig sog er den Rauch in die Lungen. Er fühlte sich erschöpft nach der Reise quer durch die erforschte Galaxis. Alle dreizehn Schiffe hatte er benutzt, um den vierten Planeten der Sonne Merak im Sternbild des Großen Bären zu erreichen: Kylenamoe.

Winston war nahezu sicher, dass niemand imstande war, seine Reise bis zum Ausgangspunkt zurückzuverfolgen - und genau das war es, was er bezweckte.

„N’Kylenamoe ist beeindruckend, nicht wahr?“ Die Stimme gehörte einem kleinen, gebeugten Mann mit spitzem Gesicht und wässrigen Augen, die er jetzt hinter einer leicht getönten, altmodischen Brille verbarg. Neben den abstehenden Ohren war das Bemerkenswerteste ein riesiger Schnauzbart, dessen Enden melancholisch nach unten hingen. Bekleidet war der Alte mit einem undefinierbaren Etwas, das viel früher einmal ein kostbares Cape gewesen sein musste. Jetzt war nicht mehr davon zu sehen als nur die abgenutzte Goldborte an den Säumen.

„Ah, Doktor!“ Winston Clark bedachte den alten Mann mit einem leichten Lächeln, dem man ansah, dass es selten war. Aber es verbreitete Wärme. Seine Stimme klang angenehm, als er fortfuhr: „Ich fragte mich schon, ob ich Sie noch einmal zu Gesicht bekäme. Aber um Ihre Frage zu beantworten: N’Kylenamoe ist beeindruckend und nicht nur, weil es Ihre Heimatstadt ist.“

Der Alte kicherte amüsiert und legte eine knochige Hand für einen Augenblick auf Winstons Arm, der diese Berührung kaum wahrnahm. Während sie zusammen von dem rollenden Band davongetragen wurden, erinnerte sich Clark daran, dass ihm der Alte mit allerlei skurrilen Geschichten die Langeweile des letzten Fluges hatte vertreiben geholfen.

„Welche Köstlichkeit“, murmelte Doktor Rucell, „wieder einmal Kylenamoe zu sehen!“ Er hob das zerknitterte Antlitz der Sonne zu und atmete tief durch Mund und Nase.

„Schmecken Sie den fruchtbaren Boden von Kylenamoe, Mister W’stonj? Riechen Sie den Duft der Blumen?“ Die knochige Hand auf Clarks Arm bebte leicht.

Nein, dachte Clark, ich schmecke nicht den Boden von Kylenamoe, nur den scharfen, ätzenden Geruch verbrannten Treibstoffes. Vom Duft der Blumen ist nichts zu spüren. Aber er schwieg, denn er kannte die Gefühle, die ein Kylenamoer seiner Heimatwelt entgegenbrachte.

Die sanfte Stimme des Alten klang nahezu enthusiastisch, als er fortfuhr: „Ich wünschte, ich hätte wieder einmal Muße, den Himmel anzublicken, den Flug weißer Wolken zu verfolgen und den Regen, der aus der Dunkelheit fällt, als eine Liebkosung hinzunehmen.“

Ein leichter Wind fuhr über das Feld. Die Sonne wob ihr strahlendes Netz zwischen den Türen und dem schimmernden Gewebe der Hochstraßen von N’Kylenamoe. Weit drüben, am anderen Ende des Raumhafens, stachen vier blendend helle Flammenzungen in den purpurnen Himmel und lenkten Winstons Aufmerksamkeit für einen Moment ab. Das Ende des Raumhafens kam näher.

Schon konnte man das weitgespannte Tor des Tunnels erkennen, in dem sämtliche Rollbänder von den Landeplätzen in eine breite Straße mündeten. Sie führte unter der Energiebarriere hindurch, die den Raumhafen hermetisch gegen die Stadt abschloss.

„Sie lieben Ihre Heimat, nicht wahr?“ Winstons Frage war mehr eine Feststellung.

„Welcher Kylenamoer tut das nicht?“, murmelte der Alte.

„Offensichtlich nicht genug.“

„Nicht genug“, entgegnete Doktor Rucell leicht irritiert, „warum?“

„Wissen Sie, was man sich draußen in der Galaxis erzählt, Doc?“ Winston sah auf den Alten hinab und ließ dessen Frage unbeantwortet. „Man spricht davon, dass Kylenamoe einem Bürgerkrieg entgegengeht.“

Doktor Rucells Schnauzbart sträubte sich.

„Woher wissen Sie überhaupt ...“

„Mittlerweile weiß es offensichtlich die halbe Galaxis“, beantwortete Winston die unausgesprochene Frage des Alten, „nur Kylenamoe nicht. Sagen Sie“, wurde er heftig, „wie kann man sich selbst dem Untergang preisgeben? Und alles nur, weil eine reaktionäre Gruppe weltverbessernde Ideen hat.“

„Was wissen Sie schon davon“, murmelte der Alte unsicher, erschreckt von den harten Worten. „Sie haben keine Ahnung, was auf unserem Planeten vor sich geht, dass Kylenamoe vielleicht zu diesem Bürgerkrieg gezwungen wird.“ Der Alte schwieg für einen Moment. Der Lärm um sie herum nahm zu. Von allen Seiten sah man Menschengruppen auf den Tunnel zuströmen. Die Menge bot ein farbenprächtiges, exotisches Bild. Ein Bild des Friedens, der Lebensfreude - noch sah niemand den dunklen Abgrund, der sich immer weiter auftat.

Rucell setzte das ununterbrochene Gespräch fort: „Seit langen Jahren lebt Kylenamoe in Unterdrückung und Tyrannei.“ Die Stimme des Alten hob sich, wurde lauter. „Sie aber können das nicht verstehen, Mister W’stonj, wie überhaupt kein Außenstehender das verstehen wird. Sie werden mir auch nicht glauben, wenn ich Ihnen sage, dass die Barone von Grayj diesen Krieg selbst heraufbeschwören.“

Die Kühle des Tunnels nahm sie auf. Geschickt sprang Winston von dem nun langsamer laufenden Band, das im Boden verschwand. Er half dem Alten und nahm dessen leichte Tasche an sich, ohne die abwehrenden Gesten zu beachten.

„Wie das?“ In offensichtlicher Verwunderung schüttelte Winston den Kopf.

„Es ist durchaus möglich“, wich der Alte der Frage aus. In seinen Augen tauchte ein Licht auf, das Winston nur zu gut kannte: Misstrauen.

„Nun, was interessiert es mich?“, ließ Winston sich deshalb schnell vernehmen. „Ich hoffe nur, dass ich bald wieder von diesem Planeten fortkomme, rechtzeitig, bevor die Barone von Kylenamoe Ausreiseverbot verhängen. Eine Zwangspause unbestimmter Länge würde meinen Geschäften mehr als abträglich sein.“

Erleichtert sah Winston das aufkeimende Misstrauen in Rucells Augen verschwinden. Nicht, dass ihn die Möglichkeit erschreckt hätte, für einen Spion der Barone gehalten zu werden - und das war es, was dem Alten durch den Kopf gegangen war. Das wäre das kleinere Übel. Aber wie leicht konnte es geschehen, dass man bei längerem Nachforschen die wahren Tatsachen aufdeckte, und das musste unter allen Umständen vermieden werden. Das, was er eben gehört hatte, stimmte wohl auch nur zum Teil. Winston kannte diese Argumente. Sie wurden überall dort verwendet, wo es galt, sich selbst und den anderen zu beweisen, dass man im Recht sei. Die Wahrheit würde wie üblich in der Mitte liegen.

Winston erkannte plötzlich, dass es nur von ihm abhing, ob der Weg Kylenamoes zu Barbarei und Chaos führte. Und so sah er mit Bitterkeit in den Augen auf den Alten hinab, während er dachte: Ja, Doktor, schmecken Sie noch einmal den Boden von Kylenamoe, den Duft der Blumen! Nehmen Sie das Fallen des Regens als eine Liebkosung hin, denn bald wird sich der Himmel verfinstern, und Chaos wird über diese Welt kommen.

Nachdem sie die Zollabfertigung hinter sich gebracht hatten, schritten sie durch die Weite der Halle den aufleuchtenden Richtungspfeilen nach zum Ausgang.

„Sieht man Sie einmal wieder, mein Lieber?“ Doktor Rucell blickte zu Winston auf, der ihn um zwei Kopflängen überragte.

„Kaum, Doktor“, entgegnete Clark. In Gedanken setzte er hinzu: Nein, ich glaube nicht, dass wir uns noch einmal treffen werden. Unsere Wege gehen in zu verschiedene Richtungen.

Zerstreut nickte er zu den Abschiedsworten des Alten, schüttelte dessen knochige Hand und sagte einige verbindliche Worte, als ihm der Arzt eine Karte mit seiner Adresse in die Hand drückte. Er sah, wie Doktor Rucell in einem Koptertaxi verschwand und schüttelte endlich den Bann von sich ab. Mit einem Fingerschnalzen rief er ein Taxi und nannte das Ziel. Während die Halle unter ihnen zurücksank, sich links der Raumhafen, rechts N’Kylenamoe ins Blickfeld schoben, begann er zum ersten Mal sich über die auf ihn zukommende Arbeit Gedanken zu machen.

Er wusste noch nicht, dass er den Arzt schneller wiedersehen würde, als er glaubte.



3

Die Halle des M’Keijri Hotels war hoch und weit. Eine Atmosphäre wie an einem düsteren Regentag erfüllte das Gewölbe. Die Abenddämmerung färbte die schmalen Fenster, als Winston Clark durch die Drehtür kam. Ungeachtet der ob seiner exotischen Kleidung erstaunten Blicke der wenigen Gäste durchquerte er die Halle und ging zur Empfangsloge. Hinter der Edelholzbarriere machte sich ein fülliger Mann breit.

„Zimmer?“, fragte er mit mäßigem Interesse, während die dicken, beringten Finger das Anmeldebuch aufschlugen, ein Formular herausrissen und über die Platte schoben.

„Wie konnten Sie das nur erraten?“ Clark zog bewundernd die linke Augenbraue hoch. Sein Sarkasmus prallte an dem Kylenamoer ab. Schnaufend drehte sich der Dicke um und zerrte aus einem ganzen Bündel von Schlüsseln einen heraus.

„Zweiunddreißigster Stock. Zimmer Nummer zweihundertdreiundvierzig“, sagte er abgehackt.

Winston Clark schritt hinüber zur Liftsäule und ließ sich von dem Zugstrahl nach oben tragen. In dem bezeichneten Stockwerk schwang er sich aus dem Sog des Liftes. Wenig später schloss sich die Tür seines Zimmers hinter ihm. Aufmerksam wanderte sein Blick durch den Raum. Hinter einem goldfarbenen Vorhang stand das Bett, davor lag ein großer, bunter Teppich, auf dem sich ein niedriges Tischchen und zwei runde, schwarze Lederkissen befanden. Am Fenster, das die gesamte Breite der Stirnwand einnahm, standen ein höherer Tisch und ein mit Fell überzogener Stuhl.

Clark besichtigte noch schnell das Bad mit dem mechanischen Masseur, dem er einen misstrauischen Blick zuwarf. Er schien nicht unbedingt das letzte Modell zu sein. Dann setzte er sich auf den Stuhl am Fenster. Seine Hand schloss einen Kontakt. Auf der kleinen Bildfläche des Videos zeigte sich ein Gesicht.

„Sir?“

„Eine Flasche Kajrikarj.“

„Sofort, Sir.“

Als der Bedienstete an der Tür klopfte, hatte Clark es sich bereits bequem gemacht. Die Tasche und der lange Lederrock hatten Platz in dem eingebauten Wandschrank gefunden. Jetzt trug Winston eine pelzverbrämte Weste mit farbenfroher Stickerei und saß im Stuhl, hatte die Beine auf den Tisch gelegt und betrachtete den Sonnenuntergang von Kylenamoe. Das purpurne Licht der versinkenden Sonne flutete durch das Zimmer und verwischte Kanten und Ecken. Es schien, als hielte die Welt den Atem an, ehe sie die Nacht willkommen hieß.

Das Band der Sterne hatte sich bereits über den Horizont erhoben, und Winston saß noch immer am Fenster. Er bot den Anblick eines Schlafenden. Doch wenig später erhob er sich geschmeidig. Als er sich vom Fenster entfernte, flammte die Deckenbeleuchtung auf. Ein Relais ließ die Scheibe blind werden.

Winston war zu einem Entschluss gekommen.

Als er in die Lederjacke schlüpfte, sah er wie zufällig auf die große Uhr an seinem Handgelenk. Sein Gesicht blieb unbewegt, nur in seinen Augen blitzte es triumphierend auf, als er bemerkte, dass die Zahl Neun in regelmäßigen Intervallen aufleuchtete. Offen blieb jetzt nur die Frage: War dies eine routinemäßige Überwachung, oder betraf sie speziell seine Person? Nun, das würde er zu gegebener Zeit herausfinden.

Seine Hand fuhr in die rechte Tasche seiner Jacke. Seine Finger drückten einen kleinen Zylinder zusammen - dann begann Winston schnell und überlegt zu handeln. Ihm blieben nicht mehr als fünfzig Sekunden Zeit.

Mit wenigen Schritten war er am Schrank, riss die Ledertasche heraus und stellte sie auf den Tisch. Seine Fingerspitzen fuhren entlang einer unsichtbaren Naht. Der doppelte Boden klappte auf, und mit raschem Griff nahm Winston die bläulich schimmernde, langläufige Waffe heraus. Er schob sie in die Innentasche seiner Jacke, prüfte, ob er sie schnell genug würde ziehen können. Das Vibromesser schob er in eine verborgene Tasche seiner weichen Stiefel.

Als das Magnetfeld des kleinen Zylinders den Elektronenfuß wieder freigab - die Leitungen in den Zimmerwänden waren solange unterbrochen gewesen - stand Winston Clark in der gleichen Haltung vor dem Tisch, wie ihn die Überwacher diese fünfzig Sekunden lang gesehen hatten. Für sie hatte er einfach eine Zeitlang überlegend auf die Uhr gestarrt. Nun schien er zu einem Entschluss gekommen zu sein. Wieder schloss seine Hand einen Kontakt und er sagte: „Videovermittlung.“

„Sir?“

Der Mann am Elektronenwähler hatte ein schmales, jungenhaftes Gesicht, das jetzt gerötet war. Seine Augen blinzelten schläfrig, und er unterdrückte nur mit Mühe ein Gähnen.

„Ich benötige die Anschriften und Rufnummern einiger Frachtbüros.“

„Sonst nichts, Sir?“, fragte der junge Mann. „In N’Kylenamoe gibt es allein eineinhalbtausend Frachtbüros!“

„Hören Sie, junger Mann“, entgegnete Winston kühl, „sollten Sie nicht mehr Geschäftsinteresse haben, als Sie jetzt zeigen, dann garantiere ich Ihnen, dass Sie Ihr ganzes Leben vor dem Wähler verbringen. Was ich brauche, sind Frachtbüros, die so billig wie möglich arbeiten. Ich kann es mir nicht leisten, einem Frachtbüro den Auftrag zu geben, wenn dessen Dienstleute mit weißen Handschuhen zu arbeiten geruhen.“

Der Mann murmelte etwas, das wie Ucomnj klang. Winston beschloss, diese unfreundliche Bemerkung nicht zur Kenntnis zu nehmen und sagte scharf: „Nun?“

„Wenn Sie sich einverstanden erklären“, sagte der junge Mann vernünftigen Tones, „lasse ich die Frachtbüros nach den von Ihnen vorgeschlagenen Gesichtspunkten vom Computer auswählen und schicke Ihnen die Liste nach oben, ja?“

„Tun Sie, was Sie können“, knurrte Winston, „und vergessen Sie nicht, noch eine Flasche Kajrikarj mitzuschicken. Außerdem hätte ich gerne mein Gepäck. Erkundigen Sie sich am Raumhafen, wo es aufbewahrt wird!“

Seine Hand löschte den Kontakt.




4

Winston Clark fand D’Estejl unter rund dreihundert anderen Speditionen heraus. Sein Büro lag an der O’sanerij Plaza, im südwestlichen Ende der Stadt. Winston beschloss, den Mann gleich vom Zimmer aus anzurufen.

Das Gesicht, das auf dem Bildschirm erschien, war breit, kräftig und von einer gesunden Farbe. Kurz gelocktes, rotes Haar umrahmte einen wuchtigen Schädel. Die Augen lagen im Schatten mächtiger Jochbögen.

„Ja?“ Der volle Mund hatte sich beim Sprechen kaum bewegt.

„Mister Haldor D’Estejl?“

„Ja, ja! Was gibt es denn?“ Die Stimme klang ungeduldig. D’Estejl schien alles andere als ein geselliger Mann zu sein.

„Hier Clark W’stonj. Ich beabsichtige, eine Jagdexpedition zur ,Ebene der Stürme‘ zu machen und benötige deshalb einige zuverlässige Leute. Könnten Sie die für mich besorgen?“

Dieses Ansinnen entsprach genau den Vorschriften. Kein fremder Jäger durfte sich auf einem Planeten auch nur einen Schritt ohne einheimischen Führer bewegen. Deshalb war diese Frage auch in keiner Weise verdächtig. Noch war das eigentliche Erkennungswort nicht gefallen.

„Wer hat Sie denn an mich verwiesen?“

„L’orsaji.“

Kein Muskel in dem roten Gesicht bewegte sich, als Winston das Erkennungswort von sich gab. Haldor D’Estejl entgegnete reserviert: „Ich weiß nicht recht ... eigentlich bin ich mit der Arbeit eingedeckt. Aber vielleicht kommen Sie in einer halben Stunde zu mir, dann können wir uns eventuell einigen, ja?“ Er unterbrach die Verbindung.

Clark goss den Rest der Flasche ins Glas und trank es leer, dann verließ er sein Zimmer. Als er durch die Drehtür in die Dunkelheit hinaustrat, schlug er den Kragen seines Lederrockes hoch. Die Luft war kühl und roch nach blühenden Zweigen. Winston hob den Arm. Mit leisem Fauchen senkte sich ein Koptertaxi auf die Straße nieder. Während er sich in den Sitz fallen ließ, hob sich das Taxi schon vom Boden und strebte nach oben.

„O’sanerij Plaza“, gab Winston an und lehnte sich bequem zurück. Unter seiner Achsel spürte er das Gewicht der schweren Waffe. Rund zwanzig Minuten später senkte sich das Taxi in engen Spiralen zu Boden und setzte auf.

„Die Plaza, Sir.“

Winston Clark warf dem Fahrer eine Münze zu und sprang hinaus. Als sich seine Augen der Umgebung angepasst hatten, erkannte er, weshalb die Stimme des Fahrers eine Spur abfällig geklungen hatte. Die Plaza musste zu jenem Teil NT Kylenamoes gehören, den man gemeinhin als Slum bezeichnete. Sie wurde von den fensterlosen Fassaden gewaltiger Gebäude eingeschlossen. Nur auf den der Plaza zugewandten Seiten unterbrachen ringsum laufende Arkaden das trostlose Einerlei. Runde, bewachsene Inseln, über die Plaza verteilt, schufen den schwachen Eindruck eines Parks. In der Luft hing der schwere Geruch verblühender Magnolienbäume.

Der Regen hatte aufgehört, nur vereinzelt fielen Tropfenschauer von den Viadukten, die sich weit über Winston spannten. Clark war sicher, dass nur wenig Tageslicht einen Weg hier herunterfand.

Im ungewissen Licht weit auseinanderstehender Lampen erkannte er, dass die Plaza tagsüber als Markt benutzt wurde. Winston watete durch Unrat, durch verfaultes Grün und stinkendes Obst. Zwischen den Bögen der Arkaden duckten sich niedrige Hütten und Zelte.

Winston legte den Kopf In den Nacken. Das Taxi war längst zwischen den Lichtern der oberen Stadt untergetaucht. Dann sah er sich genauer um. Links von ihm erkannte er das Eingangsportal des Gebäudes, in dem Haldor D’Estejl sein Büro hatte. Winston ging hinüber, stieg über dunkle Gestalten, die in Decken gehüllt an den Säulen lehnten und schliefen. Er musterte im ungewissen Dämmerlicht die Schilder neben dem Portal. Als er die kurze Treppe hinaufschritt und einen langen Korridor nach hinten ging, lockerte er die Waffe unter dem Arm. Niemand war zu sehen. Die Steinplatten unter seinen Füßen waren vom jahrzehntelangen Gebrauch ausgetreten. Im Vorübergehen las er die Türschilder der kleinen Büros, hinter denen es fast ausnahmslos ruhig war. Es schien fast sicher, dass D’Estejl als einziger noch in diesem düsteren Erdgeschoss arbeitete.

An einer der letzten Türen stand die gesuchte Anschrift:

Haldor D’Estejl - Export und Import.

Ohne zu zögern stieß Winston die Tür auf und trat in das Vorzimmer, das unter dem scharfen Licht einer Leuchtröhre lag. Überall war Staub, auf den Abdeckungen der Computer und den Büromaschinen. Irgendwo in den Räumen hinter diesem Zimmer schlug eine Glocke melodisch die Zeit. Sonst geschah nichts. Winston stand unschlüssig auf der Schwelle. Ihm war unbehaglich zumute. Die Tatsache, dass sich noch niemand gemeldet hatte, war mehr als merkwürdig.

Er schloss die Tür mit einem kräftigen Geräusch.

Nichts!

Vorsichtig ging er hinüber zur nächsten Tür. Sie öffnete sich in ein etwas größeres Zimmer, das mit einem Schreibtisch, wenigen unbequemen Stühlen aus Stahlrohr und einer Rechenanlage ausgestattet war. Die Rechenanlage nahm beinahe die halbe Wand ein. Jemand hatte eben daran gearbeitet. Die obere Reihe der Kontrolllichter wechselte im steten Rhythmus eines Rechenvorganges. Der Tür gegenüber befand sich noch eine Öffnung. Sie war mit einem Perlenvorhang verschlossen, der leise zitterte.

„D’Estejl?“ Winston schob den Vorhang mit einer schnellen Bewegung zur Seite. Der Raum hatte vier Fenster, eines davon war offen. Der Vorhang bewegte sich im Wind. Weit entfernt war das Brausen des nächtlichen Verkehrs zu vernehmen.

Es musste D’Estejls Privatzimmer sein. Auf dem Boden lag ein dicker weißer Kunststoffpelz. Einige rote Lederkissen lagen darauf. In der Mitte des Raumes stand ein langer, flacher Tisch aus dunkelrot gemasertem Holz, an den Wänden ebensolche Büchergestelle. An einer Wand leuchtete einer jener verspielten Dekorationskamine aus weißem Ton, auf einem Bord darüber standen Skulpturen aus der Frühgeschichte Kylenamoes und in einem Schalensessel aus schwarzem Leder saß Haldor D’Estejl. Er wandte Winston den Rücken zu, nur sein rotes Haar sah über den Sessel hinaus. D’Estejl schien Gefallen daran zu finden, durch das Fenster zu blicken. Er gab noch immer keine Antwort. Als Winston den Tisch umrundet hatte, erkannte er, dass D'Estejl niemand mehr würde Antwort geben können.

Haldor D’Estejl war wirklich ein großer Mann von ungewöhnlicher Kraft. Die Muskeln seines Oberkörpers sprengten fast das hellblaue, gerüschte Hemd, das er unter einer Lederweste trug, aber all seine Kraft hatte ihm nichts genützt. Er war tot. Jemand hatte ihn mit einem Vibromesser überrascht.

Es musste in dem Moment geschehen sein, als Winston die erste Tür öffnete - vor Sekunden. Mit einer einzigen, fließenden Bewegung hatte er die Mark II in der Hand und hechtete durch das Fenster nach draußen. Noch während des Sprunges drehte er sich herum und fiel weich auf beide Füße und die linke Hand.

Er befand sich wieder in dem Säulengang, der die Plaza begrenzte. Er schien leer. Weit vorn glaubte Winston eine huschende Gestalt zu sehen, aber als er sich darauf konzentrierte, verschwamm alles in der Dunkelheit.

Er kehrte auf dem gleichen Weg zurück, wie er das Zimmer verlassen hatte. Kurz überlegte er, dann entschied er sich, das Fenster offenzulassen. Warum sollte er der Polizei von Kylenamoe unnötig Kopfzerbrechen bereiten?

Es galt, sich zu beeilen. Als Winston vor D’Estejl niederkniete, war das hellblaue Hemd längst nicht mehr so schön wie zuvor. Ein dunkelroter Fleck breitete sich aus. D’Estejl lag in der Stellung eines Schlafenden in dem Sessel. Das breitflächige Gesicht war auf die linke Schulter gesunken und von wachsener Farbe. Die rechte Hand hing über den Sesselrand und war halb zusammengeballt - in diesem Augenblick wurden Winstons Augen starr. Zwischen den kräftigen Fingern schimmerte eine kleine, indigoblaue Skulptur hervor. Er bog vorsichtig die Finger auseinander, nicht ohne ein Gefühl des Schauderns. Sie waren noch etwas warm, aber trocken wie Papier.

Nachdenklich betrachtete er die Skulptur. Sie sagte ihm nichts. Er war kein Kenner der Frühgeschichte Kylenamoes. Mit einem Achselzucken ließ er die Skulptur in die Tasche gleiten. Er würde sich später eingehender mit ihr beschäftigen. D’Estejl musste sie im Todeskampf vom Tisch gerissen haben.

Winston ließ seine Blicke über den Boden gleiten, in der Hoffnung, etwas zu finden, das einen Hinweis bot, selbst, wenn er noch so winzig sein sollte.

Ein schmaler Fuß erschien zwischen dem Perlenvorhang. Ein Fuß mit silbern lackierten Zehnägeln und von den Riemen einer Sandale umschnürt. Winston war mit einem Sprung auf den Beinen. Es war ein schlankes Mädchen mit einem hübschen Gesicht. Das Mädchen war noch zu jung, um schön zu sein. Der Mund war lila, ebenso die Lidschatten ihrer goldfarbenen Augen.

Winston fand, dass ihr die Bemalung einen hochmütigen Zug verlieh, eine Strenge, die nicht zu ihrem wahren Alter passte. Sie trug ein langes, fließendes Kleid, in dem sie sehr zerbrechlich wirkte. Weniger zerbrechlich war die Waffe, die sie in der linken Hand hielt; eine Nadelpistole von erlesenem Geschmack. Das richtige Schmuckstück für eine junge Dame und gar nicht so gefährlich aussehend, wie es war. Aber Winston kannte die Wirkung einer einzigen der vierzig vergifteten Stahlnadeln, und er hütete sich, eine unvorsichtige Bewegung zu machen.

Starr blickte er auf die Waffe, während sich sein Körper versteifte. Der Muskel unter dem rechten Backenknochen begann zu zucken, wild und unkontrolliert. Das Mädchen kam ihm entgegen mit weit aufgerissenen Augen und hielt die Pistole mit ausgestrecktem Arm von sich. Clark hatte den Eindruck, als würde sie jeden Moment losschreien.

„Warum haben Sie das getan?“, fragte sie heftig. Man spürte die Hysterie hinter ihren Worten. „Was hat er Ihnen getan, dass Sie ihn umbringen mussten? Wer sind Sie überhaupt?“

„Ist das nicht ein bisschen viel auf einmal?“, erkundigte sich Winston ruhig. Wachsam verfolgte er jede ihrer Bewegungen. Er wartete darauf, die kleinste Unachtsamkeit ihrerseits auszunutzen. Er wusste, dass sein Leben davon abhing, dass er dem Mädchen, wer immer sie auch sein mochte, die Waffe schnell genug aus der Hand schlagen konnte. Bei Frauen war man nie sicher, wie sie reagierten.

Sie kam über den Teppich auf ihn zu mit verdächtig zuckenden Mundwinkeln und vermied es, auf den Toten zu sehen. Ihre Schritte verursachten kein Geräusch. Von draußen hörte man entfernten Lärm. Ein Koptertaxi surrte vorüber, der Wind vollführte mit den Vorhängen ein gleitendes Geräusch. Dann war wieder Stille. Als das Mädchen Winston Clark die Mündung der Nadelpistole auf die Brust setzte, war er versucht, zu schreien. Ihm war übel vor Spannung. In diesem Augenblick wurde ein Geräusch hörbar, ein langsames, zögerndes Schleifen, so, als versuche jemand, einen schweren Sack über den Boden zu zerren.

Die Augen des Mädchens irrten ab, dann schrie sie laut und grell, als Haldor D’Estejl ganz aus dem Sessel rutschte und dumpf zu Boden fiel. Dieser kurze Augenblick der Verwirrung genügte vollkommen. Mit einer schnellen Bewegung entwand Winston ihr die Waffe und warf sie durchs Fenster. Ein erstickter Ton entschlüpfte ihr. Ärger war auf ihrem geschminkten Gesicht zu lesen; Ärger darüber, dass sie sich hatte ablenken lassen. Dann schrie sie auf und begann mit den Füßen nach Winston zu treten. Er hielt sie mit der ausgestreckten Rechten von sich ab, mit der linken Hand schlug er ihr mehrere Male kräftig ins Gesicht. Sie verstummte mit leisem Wimmern. Auf ihren Wangen zeigten sich hektische rote Flecken, während sie unverständliche Worte hervorstieß. Winston fasste sie an den schmalen Schultern, als sie plötzlich zusammensank, gegen ihn fiel und langsam zu Boden rutschte. Er war unfähig, sie zu halten. Der dünne Stoff ihres Kleides riss unter seinen Händen. Er musste sich mit hinunterbeugen. In diesem Augenblick vernahm er ein schwaches Geräusch hinter seinem Rücken, der dem offenen Fenster zugewandt war. Ein Knacken, ein unterdrücktes Atmen; er spürte plötzlich nahezu überwältigend die Anwesenheit eines Dritten im Zimmer. Seine Nackenhaare sträubten sich, und Kälte kroch über seinen Rücken. Er spürte, wie sich der Körper des Mädchens unter seinen Händen wie eine Stahlsaite spannte. Mit einem kraftvollen Ruck entwand sie sich ihm und rollte blitzschnell zur Seite, während der Fußboden unter einem leisen Aufprall erzitterte. Mit einem verzweifelten, wilden Sprung hechtete Clark über den niedrigen Tisch hinweg und riss einen Sessel mit um. Noch während er sich abrollte, dachte er: Das verdammte kleine Biest hat mich mit ihrem hysterischen Getue tatsächlich hereingelegt!

Hinter ihm barst im gleichen Augenblick die wuchtige Tischplatte unter dem Schlag einer L’roj, einer Peitsche aus Tierhaut, wie sie bei den Gladiatorenkämpfen Verwendung fand. Holzspäne wirbelten durch die Luft. Clarks Hand fuhr zur Achsel. Etwas zischte durch die Luft und biss sich wütend in seine Hand. Brennender Schmerz ließ Winston aufstöhnen, während die Mark H durchs Zimmer flog und irgendwo außerhalb seiner Reichweite zu Boden fiel. Eine trübe Stimme sagte: „Das würde ich unterlassen, Jäger von Houlihan.“

Der Mann war kaum größer als Winston Clark, aber um das Doppelte breiter. Sein Gesicht war glatt und kalt, der Schädel nach Nomadenart bis auf eine mit Perlenschnüren durchflochtene Schmucklocke kahl. Er glänzte stumpf im Licht. Der Mann trug einen langen, enganliegenden Lederrock, der über der nackten Brust auseinanderklaffte, und ebensolche Beinkleider. In seinen dunklen Augen funkelten Lichtpunkte. Breitbeinig stand er vor dem dunklen Rahmen des offenen Fensters und wippte auf den Hacken.

„Ich würde überhaupt jede unvorsichtige Bewegung unterlassen!“ Seine Stimme hatte einen tödlichen, metallischen Klang. Er bewegte die Hand ein wenig. Über Winston zischte die zerfaserte Spitze der L’roj wie eine gereizte Schlange hinweg und riss Bücher und kleine Gegenstände aus dem Regal.

„Das ist J’ann, mein Wächter“, sagte das Mädchen ruhig. Sie stand halb hinter dem Kylenamoer an der Wand neben dem Fenster.

„Einer der berühmtesten Gladiatoren des Planeten.“

Clark betrachtete sie zynisch. Mit einem hässlichen Lächeln auf den Lippen sagte er: „Wirklich? Er macht mehr den Eindruck eines L’comnj Hirten ...“

Die Hand J’anns vollführte eine kaum merkliche Bewegung. Winston schrie auf, wild und voller Hass. Das Ende der Peitsche hinterließ auf seine rechten Gesichtshälfte Spuren, als hätte ihn die Kralle einer Raubkatze getroffen.

„Vorsicht“, sagte Winston rau, „dafür habe ich schon andere umgebracht!“ Er nahm den Kopf etwas zurück und spuckte in J’anns Richtung. Dessen Gesicht zuckte, verlor für einen Moment die Glätte, und in den Augen leuchtete Hass.

„Nimm dir nicht zu viel heraus, Jäger“, warnte er drohend.

„Wovor soll ich mich fürchten, Hirte?“, höhnte Clark. Seine

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Steve Mayer
Tag der Veröffentlichung: 23.03.2017
ISBN: 978-3-7438-0426-5

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