Cover

Sommerzeit ist Mörderzeit: Ein Krimi-Koffer mit 1850 Seiten Spannung

Krimis von Alfred Bekker, Horst Weymar Hübner, Cedric Balmore & A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1850Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

 

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

Cedric Balmore: Roulette mit blutigen Kugeln

Cedric Balmore: Die Flugzeugbande

Cedric Balmore: Miss March wird entführt

Alfred Bekker: Die Konkurrenten

Alfred Bekker: Der einzige Mord-Zeuge

Cedric Balmore: Blutiges Mafia-Gold

Cedric Balmore: Tardelli und die Drogen-Gang

A. F. Morland: Der letzte Coup der Profi-Gang

Alfred Bekker: Der Kopf-Abhacker

A. F. Morland: Die letzte Zeugin schweigt

Alfred Bekker: Bluternte 1929

Alfred Bekker: Maulwurfjagd

Horst Weymar Hübner: Die Insel des roten Todes

Alfred Bekker: Central Park Killer

A. F. Morland: Angst bei der CIA

Alfred Bekker: Killer ohne Namen

A. F. Morland: Mugger, Mörder und Moneten

Cedric Balmore: Der Killer-Boss von Kansas City

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Roulette mit blutigen Kugeln

Privatdetektiv Tony Cantrell

von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Larry Bender, der Manager und Croupier eines illegalen Spielclubs, findet den erschossenen Liebhaber seiner Ehefrau Jane und er erkennt, dass ihm der Mord angehängt werden soll. Weitere Morde passieren und es sieht danach aus, dass ihm die auch angehängt werden sollen, darum wagt er nicht, zur Polizei zu gehen. Als schließlich auch noch seine Ehefrau Jane ermordet wird und auch alles danach aussieht, als ob Larry den Mord begangen hat, entschließt er sich, den Privatdetektiv Tony Cantrell einzuschalten. Für den Privatdetektiv beginnt eine schwere Arbeit.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Larry Bender hatte es kommen sehen, schon seit langem. Er stand fassungslos vor dem Toten und wunderte sich darüber, dass er angesichts des schrecklichen Ereignisses so ruhig und gelassen bleiben konnte.

Es ist der Schock, dachte Bender. Vielleicht drehst du gleich durch. Immerhin geht es jetzt auch um dein Leben, um deine Existenz.

Es war nicht der erste Tote, den er sah. Aber Bender drohte zum ersten Male Gefahr, durch das Sterben eines anderen vernichtet zu werden.

Larry Bender setzte sich. Er war unfähig, seine Blicke von dem Toten zu lösen. Der Mann hockte am Spieltisch, sein Kopf ruhte neben dem Rouletteteller auf dem grünen Filztuch. Die verkrampfte Faust des Mannes lag in Höhe seiner Stirn.

Im Gesicht des Toten spiegelte sich noch etwas von der Qual des Sterbens, ein Ausdruck von Angst und Resignation, aber auch eine Spur von Hass, die dem Mörder gegolten haben mochte.

Larry Bender stand auf, ging hinüber zur Bar und schenkte sich einen Whisky ein.

Was war aus den anderen geworden, aus Chirpy, Ken und Fred? Warum waren sie nach Hause gegangen, als sei nichts geschehen, weshalb hatten sie den Toten im Spielzimmer zurückgelassen? Wenn die Putzfrauen aufkreuzten und die Leiche entdeckten, drohte eine Katastrophe.

Bender schüttelte den Kopf und hörte geistesabwesend wie benommen auf das monotone Rauschen des Wandventilators. Ich muss Jane anrufen, dachte er.

Jane war seine Frau. Eine Ex-Sängerin, die es immerhin auf 9 Singles gebracht

hatte. Zwei davon hatten das untere Drittel der Schlagerparade erreicht.

Als er zu mir kam, mich in seine Arme nahm, wurde meine Treue lahm...

Das war ihr größter Hit gewesen. Eine Schnulze mit einem Hauch von Ironie. Nur hatten Schnulze und Text auch in Janes Leben ihren Platz gehabt. Jane hatte es mit der Treue niemals genau genommen, auch in der Ehe nicht. Zuletzt hatte Jane mit Tom Zutter ein Verhältnis gehabt. Okay. Tom Zutter war jetzt tot.

Er saß am Roulettetisch des illegalen Spielklubs, den er, Larry Bender, als Croupier und Manager leitete.

Es lag auf der Hand, dass man ihm Tom Zutters Tod anhängen würde, dass ihn eine Mordanklage erwartete, als deren Motiv sich Eifersucht nennen ließ.

„Scheiße“, sagte Larry Bender laut und leerte das Glas mit wenigen Zügen. Er stellte es hart und wütend auf den Bartresen zurück.

Er musste den Boss informieren, Guilio Garetti. Aber Garetti würde Fragen stellen, gleich ein ganzes Dutzend, auf die er, Larry, keine Antworten wusste. Nein, erst musste er sich informieren...

Ein Geräusch ließ ihn zusammenfahren. Er hörte das Klappen einer Tür, dann Schritte.

Ein Mann näherte sich dem Zugang zum Spielzimmer.

Larry Bender griff instinktiv unter den Tresen. Dort lag ein geladener Revolver. In

diesem Job und in dieser Umgebung musste man auf alles gefasst sein.

Die Tür öffnete sich.

Vor der Notbeleuchtung des Korridors zeichneten sich die Konturen eines Mannes ab.

Der Mann blieb auf der Schwelle stehen.

Larry Bender stieß erleichtert die Luft aus. Es war Fred Whistler, der Mixer. Bender ging um den Tresen herum. Er hatte immer noch den Revolver in der Hand. „Gut, dass du kommst, Fred“, sagte er. „Ich dachte schon, der Mörder sei zurückgekehrt.“

Fred Whistler machte zwei Schritte nach vorn, dann blieb er erneut stehen. „Was ist das? Was ist passiert, verdammt noch mal?“, stieß er hervor und blickte auf den Toten, der zusammengesunken am Spieltisch hockte.

„Das wollte ich gerade dich fragen“, sagte Larry Bender. „Ich bin vor fünf Minuten reingekommen, ich wollte noch mal nach dem Rechten sehen...“

„Was willst du mit der Kanone, Mensch? Hast du ihn damit umgelegt?“, fragte Whistler. Er war ein knochiger, hochgewachsener Typ mit einem Fred-Astair-Gesicht.

Larry Bender starrte auf die Waffe in seiner Hand. Er bewegte mit dem Daumen die Magazintrommel. Eine Patrone fehlte. Er schnupperte an der Mündung. Kein Zweifel, dies war die Mordwaffe. Und jetzt befanden sich seine Fingerabdrücke auf ihr...

„He, ich frage dich was!“, sagte Whistler. Unter dem offenen Burberry trug er noch seine Mixerkluft.

„Und ich frage dich, weshalb du noch einmal zurückgekommen bist“, sagte Larry Bender scharf.

„Ich hab mein Feuerzeug vergessen, mein Dunhill“, erwiderte Whistler. „Ich will nicht, dass es unter die Räuber fällt.“ Er trat an den Tresen, schaute sich dort um und sagte: „Komisch, ich hätte wetten mögen...

Er zuckte zusammen, als Bender ihn am Arm hart packte und herumriss. „Du Arschloch!“, stieß er hervor. „Wie kannst du dich für dein idiotisches Feuerzeug interessieren, wenn hier ein Mord passiert ist?“

Sie starrten sich in die Augen, hart und feindselig. „Lass mich los“, knurrte Whistler.

„Du hast mit dem Killer gemeinsame Sache gemacht“, erklärte Larry Bender, dem es plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel. „Du bist noch einmal zurückgekommen, weil ihr damit rechnetet, dass ich nach dem Revolver greifen würde. Jetzt sind meine Prints darauf...“

„Lass mich los!“, wiederholte Whistler.

Larry Bender befolgte die Aufforderung. Es hatte keinen Sinn, verrückt zu spielen. Er musste einen klaren Kopf behalten. Aber sein gegen Whistler gerichteter Verdacht blieb bestehen. Im Grunde hatte er Whistler niemals leiden mögen.

„Ich will wissen, was passiert ist, verdammt noch mal“, sagte Larry Bender.

„Nichts. Als ich ging, war Zutter nicht hier. Er war den ganzen Abend nicht da...“

„Wann hast du die Bude dichtgemacht?“

„Gegen drei Uhr fünfzig. Chirpy und Ken sind vor mir gegangen. Ehe ich abschloss, habe ich mich überall umgesehen, sogar auf den Toiletten. Alles war okay, da war niemand...“

Larry Bender schaute auf seine Uhr. „Okay, beginnen wir mal zu rechnen. Du bist um drei Uhr fünfzig gegangen und ich bin gegen vier Uhr dreißig gekommen. Demnach muss das Verbrechen zwischen drei Uhr fünfzig und vier Uhr dreißig passiert sein. Aber wie ist Tom reingekommen und wie der Mörder? Die Tür war verschlossen, als ich hier aufkreuzte.“

„Dafür habe ich keine Erklärung. Weiß der Alte schon Bescheid?“

Larry Bender verzog den Mund. Er hatte Angst, Garetti zu informieren. Es war niemals ein Vergnügen, mit dem Boss zu sprechen, aber es drohte, kriminell zu werden, wenn man es wagte, ihn aus dem Schlaf zu reißen. Nur gab es keine Alternative. Garetti musste entscheiden, was zu tun war. „Hast du mit Jane gesprochen?“, fragte Whistler.

„Nein. War sie heute Abend hier?“

Whistler schüttelte den Kopf. „Es war ein ziemlich müder Betrieb“, sagte er. „Umsatzgruppe C.“

„Nicht schlecht für einen Montag“, murmelte Bender mechanisch, aber seine Gedanken kreisten um den Toten, um Garetti und um Jane.

„Du musst etwas unternehmen“, drängte Whistler.

Plötzlich klingelte das Telefon. Die Männer schauten sich an, schweigend, dann nahm Bender den Hörer ab. „Ja?“, sagte er nur.

„Wie läuft es, Liebling?“, flötete ihm eine Frauenstimme entgegen.

Es war Jane.

Larry Bender zog wie fröstelnd die Schultern hoch. Er begriff, dass Jane glaubte, mit Tom Zutter zu sprechen. Demnach wusste sie, dass Zutter vorgehabt hatte, in den Klub zu gehen.

„Ich bin’s, Larry“, sagte er.

„Oh“, hauchte Jane. „Das weiß ich doch! Wie geht es deiner Mutter?“

„Sie ist fast fieberfrei, es geht ihr besser“, sagte er.

„Das freut mich. Kommst du jetzt nach Hause?“

„Nein, ich habe noch zu tun.“

Er legte auf.

Whistler hielt triumphierend das goldene Feuerzeug hoch.

„Ich hab's gefunden!“, sagte er. Dann senkte er den Arm und fragte: „Warum hast du’s ihr nicht gesagt?“

„Dreimal darfst du raten!“, höhnte Larry Bender und wählte die Nummer seines Chefs.



2

Die männliche Stimme am anderen Leitungsende klang barsch und kurz angebunden. „Larry?“, fragte sie. „Du spinnst. Ich kann den Alten doch nicht aus dem Bett holen.“

„Es ist wichtig, ich würde nicht wegen einer Bagatelle anrufen“, sagte Larry Bender.

„Wenn man dich hört, könnte man fast meinen, es ginge um Tod oder Leben”, spottete der Mann am anderen Leitungsende. Larry Bender kannte ihn. Es war einer von Garttis zahlreichen Gorillas, ein Mann namens Tony Shuster.

„Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen“, sagte Bender bitter.

„Okay, ich wecke ihn auf deine Verantwortung.“

Ein paar Sekunden verstrichen, es knackte in der Leitung, dann meldete sich Garetti. Seine Stimme klang keineswegs verschlafen, sie war sonor, voll tönend, hellwach. „Was gibt es, Larry?“, fragte er.

„Sie wissen, dass ich heute keinen Dienst verrichten konnte, ich musste zu meiner Mutter fahren, sie ist schwerkrank. Auf der Heimfahrt bin ich nochmal hergekommen in den Klub, meine ich. Pflichtgefühl. Ich wollte sehen, ob alles okay ist.“

„Verdammt, komm endlich zur Sache!“, stieß Garetti hervor.

„Ich traf auf einen Toten. Er sitzt immer noch am Spieltisch. Es ist Tom Zutter“, sagte Larry Bender und war froh, als es heraus war.

Am anderen Leitungsende herrschte Stille. Larry Bender hörte nicht einmal das Atmen seines Gesprächspartners. Garettis Schweigen zerrte an seinen Nerven. „Fred ist hier. Er ist noch einmal zurückgekommen, weil er sein Feuerzeug vergessen hatte“, berichtete Larry Bender. „Er hat, wie er sagt, den Laden um drei Uhr fünfzig dichtgemacht. Zu diesem Zeitpunkt war alles in Ordnung, kein Mord, kein Streit, nichts.“

„Tom Zutter“, murmelte Garetti. „Hatte er nicht was mit deiner Alten?“

„Ja“, sagte Larry Bender.

„Hast du ihn umgelegt?“

„Nein. Wenn ich das gewollt hätte, wäre ich wohl kaum auf die Idee gekommen, ihn ausgerechnet an meinem Arbeitsplatz abzuservieren.“

„Das kann man nicht wissen“, meinte Garetti. „Vielleicht hast du ihn heute morgen zu einer Aussprache empfangen, vielleicht wolltest du ihn töten und die Leiche verschwinden lassen, aber plötzlich kam dir, völlig unerwartet, der zurückkehrende Fred in die Quere...“

Es ist ein Komplott, dachte Larry Bender. Sie wollen mich fertigmachen. Sie stecken unter einer Decke, Whistler und Garetti, der ganze verdammte Haufen!

„Ich war es nicht, Boss. Mein Wort darauf“, sagte Bender und hatte Mühe, das aufkommende Zittern aus seiner Stimme zu verbannen.

„Lasst ihn verschwinden, ich will damit nichts zu tun haben“, sagte Garetti und legte auf.

Larry Bender ließ den Hörer sinken. „Er will, dass wir ihn verschwinden lassen“, murmelte er.

„Das ist nicht meine Sache“, sagte Whistler. „Ich bin als Mixer angestellt. Dementsprechend werde ich bezahlt. Dies ist nicht mein Laden und schon gar nicht meine Verantwortung. Ich haue ab. Gute Nacht.“

„Fred...“

Der Mixer drehte sich nicht einmal um. Er ging schnurstracks zur Tür und verschwand.

Larry Bender war allein. Allein mit dem Toten.

Bender griff nach der Whiskyflasche, aber dann stellte er sie wieder weg, ohne sein Glas gefüllt zu haben. Nein, keinen Alkohol, er hatte genug davon, die Situation verlangte von ihm Nüchternheit, einen klaren Kopf. Aber wie sollte er es schaffen, in dieser scheußlichen Lage überlegen zu bleiben?

Was war, wenn es sich bei dem Ganzen nur um eine Falle handelte?

Vielleicht wartete man nur darauf, dass er den Toten aus dem Haus brachte! Wenn man ihn beim Abtransport der Leiche erwischte, war das sein Ende, denn wie sollte er seinen Anklägern später klarmachen, was ihn dazu bewogen hatte, den erschossenen Tom Zutter um vier Uhr morgens aus dem Klub zu schaffen?

Er wählte nochmals Garettis Nummer.

„Der Chef ist nicht zu sprechen“, sagte Tony Shuster. „Er meint, du wüsstest Bescheid.“

„Ich habe noch ein paar Fragen.“

„Du kennst den Alten. Er hasst Fragen. Er erwartet von seinen Leuten selbständiges Denken und Handeln.“

„Gib ihn mir, verdammt nochmal!“

Es knackte in der Leitung. Shuster hatte aufgelegt. Larry Bender schaute auf seine Uhr. Er wohnte nur drei Straßenzüge vom Klublokal entfernt. Bis zum Hell werden hatte er noch zwei Stunden Zeit. Er musste erst mit Jane sprechen, dann würde er eine Entscheidung treffen...

Er blickte nochmals auf den Toten. Erst jetzt fiel ihm auf, dass Zutter etwas mit der Faust umschloss. Ein paar Chips vielleicht?

Die durften auf keinen Fall bei ihm gefunden werden, denn wenn man ihm mit den Spielmarken fand, würde man sofort wissen, dass er in einem illegalen Klub erschossen worden war.

Larry Bender schüttelte sich. Er brachte es einfach nicht fertig, den Toten anzufassen, alles in ihm wehrte sich gegen eine solche Berührung.

Er verließ den Raum, schloss die Türen hinter sich ab und fuhr wenig später nach Hause.

Er bewohnte eine Vierzimmerwohnung in einem modernen Apartmentgebäude. Da seine Arbeit ihn dazu zwang, tagsüber zu schlafen, kannte er seine Nachbarn nur vom Sehen. Das Haus war gutbürgerlich, vermutlich ahnte keiner von den Bewohnern, dass er als Croupier in einem illegalen Spielklub arbeitete. Was Jane betraf, so hatte sie gelernt, durchaus ladylike aufzutreten. Ihr Tingeltangel gebaren und ihren billigen, modischen Geschmack hatte er jedenfalls ausgemerzt, aber mit dem Wachsen ihrer Persönlichkeit war es Jane leider auch gelungen, sich einen neuen Freundeskreis zu erschließen.

Larry knipste im Schlafzimmer das Licht an. Jane schlief, zumindest tat sie so, als ob sie schliefe.

„Hallo“, sagte er.

Jane wandte den Kopf, hob blinzelnd die Lider und schaute ihn an. Sie gähnte. „Morgen. Komm schon ins Bett!“

Er setzte sich auf den Rand von Janes Bett. „Ich muss mit dir sprechen.“

„Du spinnst. Doch nicht jetzt!“

Er rüttelte sie an der Schulter. Sie war im Nu hellwach und setzte sich auf. Sie starrte ihm in die Augen. „Was ist passiert?“, murmelte sie. Sie konnte sich nicht erinnern, jemals auf diese Weise von ihm geweckt worden zu sein.

„Tom ist tot“, sagte er.

Janes Augen wurden groß und rund. „Tom Zutter?“, hauchte sie.

Er fand nicht, dass die Nachricht sie schockierte, sie war nur verblüfft.

„Ja. Du wusstest, dass er im Klub sein würde. Als ich mich vorhin meldete, hattest du erwartet, mit ihm zu sprechen“, sagte er. „Was wollte, was sollte er dort?“

„Du spinnst“, sagte Jane.

Er gab ihr eine Ohrfeige. Es geschah zum ersten Mal, dass er sie schlug. Es war ihm egal. Sie hatte diese Behandlung verdient, fand er. Sie hatte ihn betrogen und jetzt hielt sie es für opportun, ihn zu beschwindeln. Es ging um einen Mord. Er hatte keine Lust, sich von Jane verschaukeln zu lassen.

Janes Kinnlade klappte nach unten. Erst jetzt zeigte sie sich fassungslos. Sie musterte ihn, als sähe sie sein Gesicht zum ersten Male.

„Rede endlich!“, fuhr er sie an.

„Wie kannst du es wagen...“

„Du kannst noch mehr davon haben“, unterbrach er sie wütend. Jane schluckte. Sie begriff, dass er es ernst meinte.

Du bist ein Idiot, schoss es gleichzeitig durch Larry Benders Kopf. Du machst die ganze Welt zu deinem Gegner. Bis jetzt hat Jane dich nur betrogen, sie hat es nicht mal wirklich böse gemeint. Die Flatterhaftigkeit liegt in ihrer Natur, aber mit Schlägen machst du sie zu deiner Feindin. Dann muss sich der Kreis schließen, dann werden sie dir den Mord anhängen, von Garetti über Whistler bis hin zu Jane und selbstverständlich würden die Burschen von der Mordkommission das letzte entscheidende Glied dazu liefern.

„Du hast den Verstand verloren“, murmelte Jane und rieb sich die schmerzende Wange.

„Kann schon sein“, sagte er bitter.

„Wer hat es getan?“

„Das möchte ich von dir wissen.“

„Woher soll ich denn wissen, was geschehen ist? Ich war zu Hause, den ganzen Abend, die ganze Nacht.“ Sie begann plötzlich zu schluchzen. „Tom! Ich habe ihn ge...“ Sie unterbrach sich. „Gemocht“, sagte sie dann.

„Geliebt wolltest du sagen.“

„War es ein Unfall oder ein Verbrechen?“

„Er ist erschossen worden. Als du anriefst, war er bereits tot.“

„Warum hast du mir nichts davon gesagt?“

Er schwieg, obwohl die Antwort darauf nicht schwer gewesen wäre. Jane erhob sich. Ihr Nachthemd war so kurz, dass es mehr enthüllte als verbarg. Sie ging zum Schrank und holte den Morgenmantel heraus. Larry blieb sitzen; er folgte seiner Frau mit den Blicken. Sie war ein optischer Knüller, daran gab es nichts zu rütteln, aber seine Ehe war ein glatter Reinfall, sie hatten sich nicht mehr viel zu sagen, jeder führte das Leben, das er liebte und allmählich zerbrachen auch noch die letzten Gemeinsamkeiten.

Es ist dein verdammter Beruf, dachte Larry bitter, die ständige Nachtarbeit. Sie hat Janes Labilität Vorschub geleistet, sie konnte und wollte nicht immer allein sein, also hat sie sich auf ihre Weise getröstet.

Jane schlüpfte in den Mantel. Sie verknotete ihn. „Was sagt die Polizei dazu?“, wollte sie wissen.

„Du hast Nerven! Die darf davon nichts erfahren.“

„Aber es ist Mord, nicht wahr?“

„Mord in einem illegalen Spielklub, den ich leite“, sagte Larry Bender.

„Ich brauche dir nicht zu erklären, was das bedeutet. Der Laden gehört Garetti. Wenn er auffliegt, muss ich dafür geradestehen.“

„Ich brauche jetzt einen Drink, mir ist ganz übel“, sagte Jane und ging ins Wohnzimmer. Larry folgte ihr. Die Zeit rann ihm durch die Finger. Er musste eine Entscheidung treffen, und zwar rasch. Jane trat an den Barwagen. Sie griff nach der Whiskyflasche.

„Nimmst du auch einen?“, fragte sie.

Er ließ sich in einen Sessel fallen, kopfschüttelnd. Er schaute sich um. Die Einrichtung konnte sich sehen lassen, alles vom Teuersten, sehr geschmackvoll. Kein Zweifel, er verdiente phantastisch, Garetti ließ sich nicht lumpen, aber damit war es jetzt möglicherweise vorbei. Es sei denn, der Tote verschwand auf Nimmerwiedersehen und niemand erfuhr, was mit ihm geschehen war.

Aber es gab Mitwisser. Whistler zum Beispiel. Garetti. Sogar Shuster.

Schließlich Jane.

Und der Mörder.

„Woran denkst du?“, fragte Jane und füllte sich ein Glas bis zur Hälfte. Sie trank den Whisky pure und konnte eine Menge davon vertragen. Larry hatte seine Frau noch niemals betrunken gesehen, aber natürlich tat der Alkohol auch bei ihr seine Wirkung. Sie wurde dann vulgär, sie verfiel in den Jargon ihrer Sängerinnenzeit und benutzte Worte, die sie sonst tunlichst vermied.

„Garetti will, dass ich den Toten verschwinden lasse“, sagte Larry.

„Verschwinden lassen? Wie stellt er sich das vor?“

„Man darf ihn nicht finden, jedenfalls nicht im Klub“, sagte Larry.

„Nein, man darf ihn nicht finden, weder im Klub noch anderswo“, sagte Jane. Ihre Tränen waren längst getrocknet. Sie blickte ins Leere, sehr konzentriert. „Sie würden den Mord dir anhängen“, fuhr sie fort. „Sie würden behaupten, du hättest ihn aus Eifersucht umgelegt.“

„Glaubst du, dass ich das getan habe?“

Sie schaute ihn an. „Bis vor einer halben Stunde hätte ich schwören können, dass du zu keiner Gewalttat imstande bist, aber seitdem du mich geschlagen hast, bin ich meiner Sache nicht mehr so sicher.“

„Verdammt, ich bin nervös, gereizt, aggressiv. Es scheint, als habe sich die ganze Welt gegen mich verschworen. Ist es da ein Wunder, wenn ich durchdrehe? Das mit der Ohrfeige tut mir leid.“ Er seufzte. „Ich habe es kommen sehen“, fuhr er fort. „Ich wusste, dass eines Tages etwas passieren würde. Im Klub, am Spieltisch. Eigentlich ist es ein Wunder, dass es so lange gedauert hat.“

„Hör auf zu Jammern“, sagte Jane. „Es wird Zeit, dass du etwas unternimmst. Soll ich dir helfen?“

„Helfen? Wobei?“

„Ich ziehe mich rasch an“, entschied Jane und stellte das Glas aus der Hand. „Wir bringen den Toten gemeinsam weg.“

Er starrte sie an. „Das würdest du tun?“

„Warum nicht? Ich habe Tom gemocht, ich sagte es bereits, aber du bist mein Mann, du lebst und es ist meine Pflicht, dir zu helfen.“

Er schluckte, er war gerührt. Auch das war Jane. Unsentimental und kumpelhaft, im entscheidenden Moment konnte man sich auf sie verlassen.

Er stand auf.

„Ich danke dir für den guten Willen“, sagte er. „Aber dies ist kein Job für eine zarte Frau.“ Er kam sich fast wie ein Held vor.

„Du musst es wissen“, sagte sie.

Er nahm sie in die Arme und küsste sie flüchtig auf den Mund, dann ging er. Unterwegs, auf der Fahrt zum Klublokal, fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, auf die Beantwortung der Frage zu bestehen, was Tom Zutter im Klub getrieben und woher Jane gewusst hatte, dass er sich dort befand. Er würde es noch herausfinden. Jane hatte ihn wiederholt mit anderen Männern betrogen. Tom Zutter war nur das letzte Glied in dieser traurigen Kette. Aber Jane war im entscheidenden Moment loyal, sie stand auf seiner Seite und das zählte, das musste er honorieren.

Er erreichte die asphaltierte Hoffläche vor dem einstöckigen Gebäude, auf dessen Fassade mit dunkelroten Lettern Intermarket Warehouse stand. Er stieg aus, ging schnurstracks auf das Gebäude zu und drehte die Hofbeleuchtung ab. Um ihm herum war es dunkel, aber nach wenigen Sekunden hatten sich seine Augen daran gewöhnt. Die riesige Lichtglocke, die über der Stadt lag, sorgte auch hier dafür, dass niemals totale Dunkelheit eintreten konnte.

Er schloss die Außentür auf, dann den Zugang zum Klublokal. Der Tote hockte unverändert am Spieltisch. Larry zog die Handschuhe aus seinem Mantel und streifte sie über. Tom Zutter war kein Leichtgewicht. Es würde schwer sein, ihn zu transportieren, aber er musste es schaffen, er hatte keine Wahl.

Larrys Herz hämmerte und leichter Ekel zerrte an seiner Kehle, als er den Toten vom Tisch wegzog. Der Stuhl kippte um. Larry ließ ihn liegen. Er packte den Toten mit beiden Händen an, griff ihm unter die Schulter und schleifte ihn zur Tür.

Zum Glück war die Leichenstarre noch nicht eingetreten, aber auch so war das Ganze ein physischer Kraftakt, ganz zu schweigen von den psychischen Belastungen, die sich damit verbanden.

Larry brauchte fast eine Viertelstunde, um Tom Zutters Leiche im Kofferraum seines Wagens zu verstauen. Ihm fiel Zutters Beruf ein.

Zutter hatte ein Ingenieurbüro betrieben, er hatte für kleinere Elektronikfirmen gearbeitet und jeden Auftrag angenommen, der für ihn von Interesse gewesen war. Er hatte selten über diese Arbeit gesprochen, denn sie war naturgemäß geheim gewesen und er hatte wiederholt geäußert, dass er ständig auf der Hut vor Industriespionen sein müsste.

Hing Zutters Tod am Ende mit seiner Arbeit zusammen?

Es gab Leute, die Zutter für genial gehalten hatten, für einen Mann mit kreativer wissenschaftlicher Begabung, für einen Techniker von Rang. Aber er, Larry, verstand selbst zu wenig von diesen Dingen, um sich über Zutters wahre Fähigkeiten ein Urteil gebildet haben zu können. Für ihn war Zutter in erster Linie der Nebenbuhler gewesen, der Liebhaber von Jane, seiner Frau.

Zutter hatte gut verdient, sogar blendend. Er war an den meisten der von ihm entwickelten Patente beteiligt, er hatte eine Menge Lizenzgebühren kassiert und niemals Geldverlegenheit gekannt.

Jetzt war er tot. Vielleicht würde niemals herauskommen, wer ihn erschossen hatte, aber ganz sicher würde man ihn, Larry, in den engeren Kreis der Tatverdächtigen einbeziehen.

Larry fiel der Revolver ein.

Er musste ihn verschwinden lassen, zumindest war es wichtig, die Waffe zu säubern. Unter keinen Umständen durften seine Prints darauf Zurückbleiben.

Er kehrte nochmals zurück, eilte hinter den Tresen und griff nach der Waffe.

Seine Finger tasteten ins Leere. Der Revolver war verschwunden.



3

Larry Bender bückte sich, er knipste sein Feuerzeug an und leuchtete das Regal aus. Er fand nun seine Befürchtung bestätigt. Der Revolver war weg.

Larry richtete sich auf, steckte das Feuerzeug ein und merkte, dass etwas an seiner Kehle zerrte. Angst. Jetzt hatten sie ihn. Draußen lag der Tote in seinem Wagen und irgendwo befand sich der Revolver, die Tatwaffe, auf der seine Fingerabdrücke klebten. Ihm wurde fast schlecht. Er überwand die Schwäche. Er hatte nicht getötet, er hatte sich allenfalls verdächtig gemacht. Er würde um seine Freiheit kämpfen, um sein Leben, um seine Existenz.

Reg dich ab, hämmerte er sich ein. Noch ist nichts verloren. Die Kanone ist verschwunden, na und? Vielleicht weiß der Mörder nichts davon, dass du sie in der Hand hattest. Er ist einfach noch mal zurückgekehrt und hat sie an sich genommen.

Zugegeben, das ergab keinen Sinn, aber schließlich hatte auch er, Larry, nicht gleich beim ersten Mal daran gedacht, die Waffe sicherzustellen.

Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr los. Er war sich seines Risikos voll bewusst. Polizeikontrollen gehörten zum frühen Morgenprogramm, sie konnten ihm leicht zum Verhängnis werden. Allerdings war er in seiner fast dreijährigen nächtlichen Tätigkeit als Croupier auf der Heimfahrt nur ein einziges Mal gestoppt worden. Aber da war er zu schnell gefahren und die Polizisten hatten sich nicht für den Inhalt seines Kofferraums interessiert.

Er nahm sich vor, die Leiche irgendwo außerhalb der Stadt zu deponieren. Wenn man sie fand, wünschte er, jedoch zu Hause zu sein. Es kam also darauf an, den Toten etwas versteckt unterzubringen.

Am sichersten wäre es gewesen, den Toten ganz verschwinden zu lassen. Aber obwohl er, Larry Bender, für einen Mafiaboss arbeitete, fühlte er sich nicht als Mafiamann, er war kein Gangster, obwohl ihn diese nächtliche Fahrt in bedenkliche Nähe gewisser Mitarbeiter rückte.

Er erreichte nach kurzer Zeit den Lake Shore Drive und fuhr nordwärts bis Winnetka. Dort bog er nach Wauconda ab. Unterwegs fiel ihm eine stillgelegte, mit Brettern teilweise vernagelte Tankstelle auf. Er fuhr zurück, lenkte seinen Wagen hinter die alte Waschhalle, stieg aus und schaute sich genauer um. Die nächsten Häuser lagen nur fünfzig Meter von hier entfernt, aber in ihnen brannte kein Licht. Der Highway war um diese Stunde, es war kurz nach fünf Uhr, nur mäßig belebt.

Larry Bender bog eines der Bretter beiseite und schaute sich in der Waschhalle um. Auf dem Boden lagen lose Steine, leere Dosen und Flaschen. Möglicherweise hatte es den Kindern aus der Nachbarschaft einmal Spaß gemacht, in der stillgelegten Tankstelle herumzutoben, aber jetzt sah es darin so trostlos aus, dass ihnen der Appetit aufs Spielen in dieser Umgebung gewiss längst vergangen war.

Larry Bender lud den Toten aus seinem Wagen, lockerte am hinteren Waschhallenzugang ein paar Bretter, zerrte die Leiche ins Innere und warf sie in die Montagegrube. Er fand ein paar alte Säcke und deckte den Toten damit ab, dann kletterte er in seinen Wagen und griff nach dem Starter. Plötzlich fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, dem Toten die Chips abzunehmen.

Er schluckte. Alles in ihm sträubte sich dagegen, noch einmal zurückzukehren, aber dann dachte er an Garetti. Wenn der in der Zeitung las, dass der Ermordete ein paar Chips in der Faust gehabt hatte, würde er ihn, Larry, dafür zur Verantwortung ziehen.

Es gab in der Stadt zwar mehrere Dutzend von Spielhöllen, die Chips konnten auch aus Lokalen stammen, die nicht von Garetti kontrolliert wurden, aber dem Mafiaboss war aus verständlichen Gründen daran gelegen, die Existenz dieser illegalen Klubs nicht ins Gerede zu bringen, denn er musste vermeiden, dass sie als Gangstertreffplätze verteufelt wurden. Das wäre schädlich für die Geschäfte und den Umsatz gewesen.

Larry stieg wieder aus, kehrte zurück in die Waschhalle, kletterte in die Montagegrube und blieb zusammenzuckend stehen, als er gegen eine leere Blechdose trat, die in dem Raum ein lautes, schepperndes Geräusch verursachte.

Er lauschte mit offenem Mund. Auf dem Highway fuhr ein Auto vorbei. Es entfernte sich mit einem gleichmäßigen Summen seiner Reifen. Larry knipste das Feuerzeug an, zog die Säcke beiseite und empfand erneut das bekannte würgende Ekelgefühl, als er versuchte, die Faust des Toten zu öffnen. Er schaffte es nicht mit einer Hand, steckte das Feuerzeug ein und gelangte endlich ans Ziel, als er beide Hände benutzen konnte.

Ihm fiel ein Gegenstand entgegen, der den Durchmesser eines Chips hatte, aber um vieles dicker und schwerer als eine Spielmarke war.

Eine Uhr?

Larry fühlte jedenfalls, dass es sich um einen metallischen Gegenstand handelte. Aber als er ihn ans Ohr presste, war kein Ticken zu hören. Larry steckte die Kapsel ein, deckte den Toten ein zweites Mal ab, hastete aus Grube und Halle ins Freie und atmete erleichtert auf, als er seinen Wagen erreicht hatte.

Ein greller Blitz blendete ihn. Larry zuckte zusammen und riss schützend die Hand vor sein Gesicht. Er wusste, dass die Reaktion zu spät erfolgte.

Er war fotografiert worden. Ein Elektronenblitz hatte für das notwendige Licht gesorgt.

Larry hörte, wie jemand davonrannte. Er sah undeutlich die Konturen des Flüchtenden und hatte den Wunsch, dem Mann die Kamera zu entreißen und ihn zur Rede zu stellen, aber der Schreck saß ihm in den Knochen. Larry musste sich buchstäblich am Wagen festhalten, um den Schock des Geschehens verdauen zu können.

Also doch eine Falle!

Er hatte anfangs darauf geachtet, ob ihm jemand folgte, aber das hatte er rasch aufgegeben. Die Sorge um den Toten im Kofferraum hatte ihn ausgefüllt, so dass ihm die profimäßige Beschattung entgangen war.

Ihm war übel. Er zitterte. Die Schwäche klang nur langsam in ihm ab. Er hörte, wie in der Nähe ein Wagenmotor ansprang, dann raste ein Fahrzeug auf den Highway zu. Seine roten Heckleuchten verschwanden im heraufziehenden Morgengrauen.

Larry setzte sich in seinen Pontiac und bemühte sich, die Beherrschung zurückzugewinnen. Er war nicht reich, er war kein lohnendes Ziel für Erpressungen. Ging es seinen Gegnern also nur darum, ihm den Mord an Tom Zutter anzuhängen?

Alles sprach dafür, das Letzeres der Fall war. Tom Zutters Mörder hatte sich als perfekter Verbrechenslenker erwiesen. Der Killer musste gewusst haben, welchen Umgang sein Opfer pflegte. Auf diesen Erkenntnissen hatte der Täter seinen Plan errichtet und verwirklicht.

Alles war beisammen: Er, Larry, hatte ein Tatmotiv, auf der Tatwaffe befanden sich seine Fingerabdrücke und er hatte die Leiche beiseite gebracht.

Zugegeben, der Plan des Unbekannten hatte auch Schwächen. Da war zum Beispiel das Foto, das Larry vor der Waschhalle zeigte. Wer immer das Bild der Polizei zu präsentieren wünscht, setzte sich allein durch die Existenz des Bildes dem Verdacht aus, manipulierender Drahtzieher zu sein.

Larry startete die Maschine. Er lenkte den Pontiac auf den Highway und fuhr zurück nach Chicago.



4

Jane Bender erwachte, als es klingelte. Sie hob blinzelnd die Lider und warf einen Blick auf den kleinen Reisewecker. Die Zeiger wiesen auf sechs. Ihr fiel plötzlich ein, was geschehen war. Sie wandte den Kopf. Larrys Bett war unberührt. Er war also doch unterwegs. Stand die Polizei vor der Tür? Oder hatte Larry in der Aufregung vergessen, seine Schlüssel mitzunehmen?

Das Klingeln wiederholte sich. Jane schüttelte ihr Haar zurecht, erhob sich und schlüpfte in den Morgenmantel. Barfuß ging sie in die Diele.

„Wer ist da, bitte?“, fragte sie halblaut.

„Polizei. Bitte öffnen Sie.“

Jane Bender gehorchte. Als sie den Mann sah, der vor ihr stand, durchzuckte sie die Erkenntnis, dass sie das Opfer eines Bluffs geworden war. Sie versuchte, die Tür zuzuwerfen, aber der Besucher reagierte ebenso prompt wie wirkungsvoll, er stellte den Fuß zwischen Tür und Angel.

„Was wollen Sie, wer sind Sie?“, fragte Jane.

Der Fremde war schätzungsweise fünfunddreißig Jahre alt. Er war breitschultrig, mittelgroß, irgendwie kompakt. Dieser Eindruck wurde durch den etwas kurz geratenen Hals noch verstärkt. Der Mann hatte blassblaue Augen, eine kleine stupsige Nase und einen wulstigen Mund. Er war durchschnittlich gekleidet. Sein grauer, nicht ganz sauberer Popelinemantel stand vorn offen.

„Er wird in zehn Minuten hier sein“, sagte der Mann und trat über die Schwelle. Er nahm die Hände aus den Manteltaschen. Jane wich vor ihm zurück. Der Fremde trug Handschuhe, das machte ihr Angst.

„Von wem sprechen Sie? Ich möchte Ihren Ausweis sehen, bitte...“

„Ich spreche von Larry. Von Ihrem Süßen“, höhnte der Eindringling. „Er hat ihn weggebracht. Einfach in die Grube geworfen, ganz wie wir es wollten.“

„Wovon reden Sie? Ich verstehe kein Wort“, murmelte Jane, aber natürlich war ihr klar, worum es ging.

Der Mann schloss die Tür hinter sich.

„Du bist ’ne appetitliche Puppe“, sagte er grinsend. „Wirklich schade, dass du ins Gras beißen musst.“

Er öffnete sein Sakko. Jane riss die Augen auf. Im Hosenbund des Eindringlings steckte ein Revolver. Erzog ihn heraus.

„Ich muss ihn vorsichtig anfassen“, spottete er. „Wegen der Prints. Da sind nämlich die von deinem Alten drauf.“

Jane wirbelte herum. Sie rannte ins Wohnzimmer und versuchte, die Tür zuzuwerfen und den Schlüssel herumzudrehen, aber auch dieser Abwehrversuch scheiterte. Der Mann war einfach schneller als sie. Er gab ihr einen Stoß, der sie in einen Sessel schleuderte.

Jane starrte abwechselnd in seine Augen und in die Mündung der auf sie gerichteten Waffe. „Das können Sie mit mir nicht machen“, murmelte sie.

Er lachte. „Wetten, dass?“

„Sie kennen mich nicht! Was habe ich Ihnen dann angetan?“, schrie sie.

„Nicht so laut, Baby. Es genügt, dass man sich im Haus daran erinnert, einen Schuss gehört zu haben.“

„Bitte…“, wimmerte Jane.

„Schade, dass ich um diese Zeit nicht in der Stimmung bin, dich zu vernaschen“, sagte er. „Aber Liebe im Morgengrauen ist nichts für mich, die finde ich zum Kotzen.“

Jane schöpfte Hoffnung. Ein Killer würde längst geschossen haben, der hielt sich nicht mit vielen Worten auf. Diesem Mann ging es nur darum, sie zu quälen, er war ein Sadist, das war seinen Augen anzusehen. Sie waren erfüllt von blankem Hohn.

Wo blieb nur Larry? Er hätte doch längst zurück sein können!

Der Eindringling schien zu fühlen, was sie dachte.

„Dein Alter kann dir nicht helfen“, spottete er. „Der kann nicht mal sich selbst helfen.“

Jane war klar, dass der Besuch des Mannes mit Toms Tod zusammenhängen musste.

„Sie haben ihn getötet!“, stieß sie hervor. „Sie haben Tom erledigt...“

Der Eindringling lachte kurz. „Kann schon sein. Killen ist mein Job, Baby.“

„Sagen Sie endlich, was Sie wollen!“

Das Telefon klingelte, nur ein einziges Mal.

Der Eindringling wurde ernst. Er hob die Waffe und drückte ab. Der Schuss weckte in dem Raum ein hartes donnerndes Echo.

Jane zuckte zusammen. Sie spürte keinen Schmerz, nur jähe Angst. Sie wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort hervor. In ihrem Mund war plötzlich ein seltsamer, metallischer Geschmack.

Blut!

Der vor ihr stehende Mann schien sich in Wellenlinien aufzulösen. Jane versuchte, sich zu erheben, aber sie rutschte nur vom Sessel und fiel zu Boden. Ihre Finger verkrallten sich in den Teppich. Das letzte, was sie hörte, war das Klappen einer Tür.

Ihr Mörder verließ die Wohnung.



5

Larry war todmüde, als er sich von dem Lift nach oben bringen ließ, aber er ahnte, dass ihm weder Schlaf noch Ruhe beschieden sein würden. Der Gedanke an Zutter und an seine unbekannten Gegner quälte und peinigte ihn. Vielleicht erwartete ihn in seiner Wohnung bereits die längst alarmierte Polizei?

Er schloss die Apartmenttür auf, drückte sie hinter sich zu und lehnte sich einen Moment mit dem Rücken gegen die Wand, mit geschlossenen Augen. Er war zu Hause. Zu Hause! Seine Mundwinkel zuckten bitter. Diese Wohnung hatte aufgehört, ein richtiges Zuhause zu sein, als Jane damit begonnen hatte, ihn zu betrügen.

Aber noch bestand die Chance, Jane zurückzugewinnen. Vielleicht hatte Zutters Tod auch positive Seiten, vielleicht war das Geschehen für Jane ein heilsamer Schock.

Larry stieß sich von der Wand ab. Er wollte geradewegs ins Schlafzimmer gehen, aber da fiel ihm auf, dass die Wohnzimmertür halboffen stand und ihm schien es so, als ob damit etwas nicht stimmen könnte.

Er trat auf die Schwelle. Sein Herzschlag stockte, er griff sich unwillkürlich an die Brust.

„Jane!“, stieß er hervor. Er war mit wenigen Schritten neben seiner am Boden liegenden Frau. Er beugte sich über sie, blickte in ihre offenen gebrochenen Augen und wusste, dass es für Jane keine Hilfe mehr gab.

Er setzte sich. Er war wie betäubt.

Er hatte geglaubt, dass der menschlichen Leidensfähigkeit enge Grenzen gesetzt seien, aber jetzt erkannte er, dass dies nicht stimmen konnte. Zumindest nicht für ihn, nicht in diesem Augenblick. Sein Herz schlug nach dem anfänglichen Sprung ganz normal, fast langsamer als vorher.

Du musst die Polizei anrufen, sagte er sich.

Nein, das war ausgeschlossen. Sie würden wissen wollen, wo er gewesen war, was sich ereignet hatte. Er konnte ihnen nicht bloß mit dem Mord kommen, der Jane ereilt hatte.

Aber er konnte ihnen unmöglich die Wahrheit sagen, das würde sein sicheres Ende sein, dafür würde schon Garetti sorgen.

Er riss die Hand hoch. Die Übelkeit traf ihn so überraschend, dass er nicht einmal das Klobecken erreichte, sondern sich bereits auf den Badezimmerkacheln übergeben musste. Sein lautes keuchendes Atmen erfüllte den Raum. Er hielt sich an der Wand fest, starrte in den Spiegel und sah sein Gesicht.

Er war immer der Meinung gewesen, ein gutaussehender Mann zu sein, ein Bursche mit klar geschnittenem Gesicht, der als Croupier eine tadellose Figur zu machen verstand. Jane und viele andere hatten ihm wiederholt bestätigt, dass er damit richtig lag. Aber jetzt schien ihn ein Fremder anzusehen, ein leichenblasses Gesicht mit umränderten, wie entzündet wirkenden Augen.

Er drehte den Wasserhahn auf und hielt den Kopf darunter. Er rieb sich das Gesicht trocken, spülte den Mund, schaute sich die Bescherung auf dem Boden an und holte einen Eimer mit Lappen aus der Küche, um die Kacheln zu säubern.

Er war verrückt, sich jetzt mit dieser Arbeit zu befassen, er wusste es, aber er musste etwas tun, ganz mechanisch, er wäre sonst verrückt geworden.

Mitten in seiner Beschäftigung hielt er inne. Ihm war eine Idee gekommen. Er warf den Lappen in den Eimer, wusch sich die Hände und kehrte zurück ins Wohnzimmer. Er stieg über Janes Leiche hinweg, durchblätterte das Telefonbuch und stieß auf den Namen des Mannes, den er suchte.

Tony Cantrell, Anwalt.

Larry griff nach dem Hörer. Es war wie ein Signal. Der Apparat klingelte.

Larry zog die Hand zurück. Wer wünschte, ihn um diese Zeit zu sprechen? Es war inzwischen sieben Uhr fünfzehn geworden. Egal, er musste Gewissheit haben!

„Bender“, meldete er sich.

„Hallo, mein Freund“, tönte ihm eine männliche spöttische Stimme entgegen. „Schon die Polizei verständigt?“

„Wer sind Sie?“, fragte Larry scharf. Er hatte einen trockenen Mund. Die Stimme des Anrufers war ihm fremd, aber sie verhieß nichts Gutes.

„Ich mach dir einen Vorschlag, Junge“, sagte der Anrufer. „Du gibst uns den Impulsgeber und wir helfen dir aus der Patsche.“

„He?“, fragte Larry. Er hatte keine Ahnung, wovon der Mann sprach.

„Uns ist da ein kleiner Fehler...“, begann der Anrufer. Weiter kam er nicht.

Larry Bender hörte das Knallen eines Schusses und ein paar weitere Geräusche, die er nicht zu deuten wusste. Dann knackte es in der Leitung. Der Teilnehmer hatte aufgehängt möglicherweise auch der Mann, der auf ihn geschossen hatte.

Larry ließ den Hörer sinken. Jetzt klopfte sein Herz heftig. Die Rätsel rissen nicht ab. Er drückte die Gabel herab und wählte die Nummer des Cantrell Bungalows. Ein automatischer Anrufbeantworter schickte sein Sprüchlein durch den Draht. Larry fluchte und legte auf. Er verließ die Wohnung, ohne Jane einen weiteren Blick zu schenken. Aber das Geschehen brodelte in seinem Blut, es ließ ihn keine Sekunde lang los.

Er fuhr in die Stadt. Er war immer noch müde, seine Augen brannten. Trotzdem war an Schlaf vorerst nicht zu denken. Er ließ sich in einem 24-Stunden-Restaurant ein Frühstück servieren und bestellte Kaffee nach.

Danach fuhr er kreuz und quer durch die City. Zwischendurch versuchte er erneut, den Anwalt zu erreichen. Dem Anrufbeantworter hatte Larry jedoch nichts zu sagen, er legte wieder auf.

Zwischendurch fiel ihm Garetti ein. Der Boss hatte ein Anrecht darauf, informiert zu werden, mehr noch, er musste einfach wissen, was geschehen war.

Trotz dieser Erkenntnis hatte Larry weder Lust noch Kraft, mit Garetti zu sprechen. Zum Teufel mit ihm! Er war mitschuldig an dem Geschehen, in mehr als einer Hinsicht.

Als seine Bank öffnete, löste Larry Bender sein Konto auf und nahm siebentausend vierhundert Dollar in Empfang. Damit würde er ein Weilchen untertauchen können, aber das war keine Lösung, wenn niemand tätig wurde, um seine Interessen zu vertreten.

Er fuhr nach Western Springs. Kurz nach neun saß er endlich dem Mann gegenüber, den er zu sprechen wünschte.

„Ich habe viel von Ihnen gehört, Sir“, sagte Larry. „Sie sind nicht nur Anwalt. Sie haben sich auch als Privatdetektiv einen Namen gemacht. Sie helfen einigermaßen unkonventionell und erzielen mit Ihren Methoden enorme...“

„Ich betreibe keine Detektei“, unterbrach Cantrell den Besucher kühl.

„Ich weiß. Mir ist auch ganz egal, wie Sie den Laden schmeißen. Ich suche Ihre Beratung als Anwalt. Ich befinde mich in einer äußerst fatalen Lage. Meine Frau wurde ermordet. Und ihr Liebhaber. Nein, die Reihenfolge ist umgekehrt, aber das ändert nichts an den Tatsachen. Man wird mich beschuldigen, diese Verbrechen begangen zu haben. Alles weist auf mich als Täter hin. Dafür haben der oder die Mörder gesorgt. Ich sitze in der Falle.“

„Wie steht es mit Ihren Alibis?“

„Belämmert. Ich habe keine. In beiden Fällen kann ich der Täter gewesen sein.“

„Wann und wo sind die Verbrechen verübt worden?“, fragte Cantrell.

„Zutter dürfte so gegen vier erschossen worden sein, Jane gegen sieben...“

„Haben Sie die Mordkommission verständigt?“

„Nein, das geht leider nicht.“

„Sie müssen unbedingt die Polizei informieren. Das rate ich Ihnen als Anwalt.“

„Ich fürchte, Sie werden diesen Rat nicht aufrechterhalten können, wenn Sie meine Geschichte gehört haben“, sagte Larry bitter.

Cantrell schaute auf seine Uhr. „Meine beiden Mitarbeiter dürften inzwischen eingetroffen sein. Hätten Sie etwas dagegen, wenn sich die Herren Philby und O'Reilly Ihren Bericht mit anhören?“

Larry zögerte, er schob die Unterlippe nach vorn.

„Okay“, seufzte Larry. „Wie Sie wollen. Schließlich muss ich froh sein, wenn Sie mich überhaupt anhören. Sie werden mich vermutlich auf die Straße setzen, noch ehe ich am Ende bin. Meine Geschichte, die leider aus Fakten besteht, ist so haarsträubend, so unglaublich, dass ich mich selbst frage, ob ich nicht träume.“

Cantrell drückte den Knopf der Sprechanlage herab.

„Silk?“, fragte er. „Butch? Morgen! Kommt rüber, bitte. Es gibt Arbeit für euch.“

Morton Philby, dessen Vorliebe für Seidenkrawatten ihm den Spitznamen Silk eingetragen hatte, wirkte um vieles graziler als der stämmige beleibte Jack O'Reilly, der seinerseits mit der Bezeichnung Butch fertig werden musste, ein Etikett, das durchaus zu seinem Äußeren passte. Die Unterschiede in Physiognomie, Körperaufbau und Mentalität fielen jedoch unter den Tisch, wenn es für beide darum ging, dem Recht zu dienen. Dann bewiesen beide, dass sie es verstanden, Erfahrungen mit Intellekt und Cleverness zu paaren. Dass sie sich darüber hinaus auch auf rauere Gangarten wie Boxen, Karate und Schießen verstanden, gehörte zu ihrem Beruf und zur Notwendigkeit der Selbstverteidigung.

Nach der gegenseitigen Vorstellung nahmen die Männer Platz und Larry Bender berichtete erst stockend, dann immer flüssiger, was ihn nach Western Springs geführt hatte. Er vermied es zunächst, den Namen seines Chefs zu nennen. Er ließ auch den illegalen Spielclub unerwähnt, er beschränkte sich darauf, von einem „Privaten Klub“ zu sprechen. Larry Bender war klar, dass Tony Cantrell für seine Arbeit detailliertere Informationen benötigen würde, aber die konnte er dem Anwalt nur dann geben, wenn der sich bereit erklärte, den schwierigen Fall zu übernehmen.

„Fassen wir zusammen“, sagte Cantrell. „Sie waren bei Ihrer Mutter und machten auf dem Heimweg nochmals in dem von Ihnen betreuten Klub halt, um dort nach dem Rechten zu sehen. Das war gegen vier Uhr dreißig. Beim Betreten des Lokals entdeckten Sie den Toten am Tisch, den Liebhaber Ihrer Frau. Sie hörten ein Geräusch und griffen nach der Waffe, die unter dem Tresen zu liegen pflegte, aber der Mann, der den Raum betrat, war ein Mitarbeiter. Ich muss beginnen, mir ein paar Namen zu notieren“, sagte Cantrell und griff nach dem Kugelschreiber. „Wie heißt der Mann, der zu so später Stunde noch einmal zurückkam?“

„Whistler, Fred Whistler. Ich kann ihn nicht ausstehen. Ich habe das Gefühl ...“

„Lassen wir die Gefühle erst einmal beiseite“, unterbrach Cantrell und ließ sich Whistlers Adresse geben. „Halten wir uns an Tatsachen. Sie erkannten, dass Sie die Tatwaffe in der Hand hielten und Ihnen begann zu dämmern, dass alles ein Komplott sein könnte, das nur dem Zwecke dient, Sie als Zutters Mörder bloßzustellen. Richtig?“

„Richtig.“

„Sie riefen Ihren Chef an. Der fürchtete um seinen Ruf, er hatte Angst um geschäftsschädigende Folgen und bat Sie darum, den Toten verschwinden zu lassen...“

„Nein, nicht verschwinden“, widersprach Larry. „Aber Zutter sollte außerhalb des Klubs gefunden werden. Das ist etwas anderes.“

„Warum wehrten Sie sich nicht gegen diese Aufforderung?“, fragte Cantrell.

„Weil ich fühlte, dass Zutters Ermordung mich belasten würde.“

„Diese Belastung wird nicht kleiner durch den Umstand, dass man ihn außerhalb der Stadt entdecken dürfte“, sagte Cantrell.

„Ich weiß. Ich habe mich idiotisch verhalten“, sagte Larry verzweifelt. „Aber Sie müssen mir glauben, dass...“

„Wer ist Ihr Chef?“, unterbrach Cantrell ihn abermals.

„Ich kann Ihnen den Namen nicht nennen.“

„Warum? Haben Sie Angst vor ihm?“

„Ja. Ich fürchte ihn. Er kann mich vernichten. Und zwar physisch vernichten.“

„Er ist also ein Gangster“, sagte Cantrell ruhig.

Larry merkte erst jetzt, dass er schwitzte. Er wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

„Wenn Garetti wüsste, dass ich zu Ihnen gegangen bin, würde er mich in Stücke reißen lassen.“

„Luigo Garetti“, sagte Cantrell. „Sie leiten für ihn demnach einen Spielklub?“

„Ja, das tue ich“, meinte Larry und senkte den Blick. Trotzdem war er froh, dass er diese Hürde genommen hatte. Es gab für ihn kein zurück. Er wusste, dass er jetzt auf Cantrell angewiesen war und konnte nur dann von dem Anwalt Unterstützung erwarten, wenn er ihm nichts vorenthielt.

„Was hat Sie dazu bewogen, den Job anzunehmen?“, fragte Cantrell.

„Ich habe drei Jahre in Monte Carlo gearbeitet“, sagte Larry. „Zu diesem Zeitpunkt betrachtete man es als eine Geste den Amerikanern gegenüber, mich als Croupier zu beschäftigen. Aber als man erkannte, dass meine Landsleute viel lieber von echten Franzosen betreut wurden, musste ich gehen. Ich habe dann einen Job in Las Vegas gefunden, wurde aber das Opfer einer Intrige. Damit war ich fertig. Ein Croupier, der binnen weniger Monate zweimal seine Arbeit verloren hat, genießt kein Vertrauen mehr egal, wie zuverlässig und gut er auch sein mag. Ich ging mit Jane zurück nach Chicago ...“

„Sie hatten inzwischen geheiratet?“

„Ja. In Las Vegas. Jane trat dort als Sängerin auf. Ich muss zugeben, dass sie nicht gerade in den besten Etablissements beschäftigt war, aber sie hatte für mich das gewisse Etwas. Ich mochte ihre Stimme, ihre Figur, ihre Ausstrahlung. Als wir verheiratet nach Chicago kamen, war mir klar, dass mein Erspartes gerade ausreichte, um eine Wohnung einzurichten. Ich brauchte einen Job. Irgendeinen. Da machte man mir den Vorschlag, den Klub zu übernehmen. Verdammt, ich wusste, dass das illegal war, strafbar, aber mir blieb keine Wahl. Ich griff zu. Heute wünschte ich, die Finger davon gelassen zu haben, aber dafür ist es zu spät. Jetzt sitze ich tief in der Tinte.“

„Wann hat die Liaison zwischen Zutter und ihrer Frau begonnen?“

„Schon vor Monaten. Genau kann ich es nicht sagen. Ich wäre auf die Aussagen von Jane und Tom angewiesen gewesen und die hatten verständlicherweise nicht den Wunsch, mir die Wahrheit mitzuteilen. Aber ich wusste, was gespielt wurde, es wurde mir zuerst von Chirpy zugetragen.“

„Wer ist Chirpy?“

„Unser Mädchen für alles. Sie bedient hinter der Bar und unterstützt Fred.“

„Ich brauche ihren vollen Namen und die Anschrift“, sagte Cantrell.

„Chirpy Swacker, Green Bay Avenue 34. Wir haben noch einen Mitarbeiter, das ist Ken. Ken Rocker. Der Name passt zu ihm, obwohl er immer nur fein in Schale auftritt. Er ist unser Rausschmeißer. Warten Sie, ich habe seine Adresse hier im Notizbuch, da ist sie schon. Crowell Street 119.“

„Wem aus dieser Crew würden Sie die Teilnahme an einem gegen Sie gerichteten Komplott zutrauen?“, fragte Cantrell.

Larry überlegte kurz.

„Eigentlich nur Whistler“, sagte er dann. „Chirpy ist zwar scharf auf Dollars, sie geht auch mal mit einem Gast ins Bett, wenn der eine dicke Brieftasche hat, aber im Kern ist sie okay. Es würde schwerfallen, sie für eine faule Sache gewinnen zu wollen.“

„Man hat sie für den Klub gewonnen“, sagte Cantrell.

„Bei uns wird niemand betrogen“, erklärte Larry. „Wir lassen nur Leute mit Geld herein und auch die nur, wenn eine Empfehlung vorliegt.“ Er nannte Cantrell die Adresse des Lokals und fügte hinzu: „Natürlich muss der Mörder einen Schlüssel gehabt haben, die Türen sind nicht gewaltsam geöffnet worden. Aber das hilft mir nicht weiter. Ken hat einen Schlüssel, Fred und auch Chirpy das sind außer meinem schon mal drei.“

„Jetzt erzählen Sie mir bitte alles, was Sie über Zutter wissen“, bat Cantrell.

„Er besitzt, Pardon, besaß ein Ingenieurbüro in der Erie Street. Er verdiente damit viel Geld. Er tüftelte irgendwelche Patente für mittelgroße Betriebe aus, die sich kein eigenes Entwicklungsbüro leisten konnten. Er machte alles allein, glaube ich. Er beschäftigte nur ein Mädchen, das das Telefon bediente und die administrativen Arbeiten erledigte. Sie heißt Lucy, mehr weiß ich nicht.“

„Wie lange existiert das Klublokal schon?“

„Anderthalb Jahre.“

„Wie oft wurden dort bereits Razzien abgehalten?“, wollte Cantrell wissen.

„Nur ein einziges Mal, aber wir wurden rechtzeitig gewarnt und konnten den Roulettetisch verschwinden lassen“, sagte Larry. „Garetti unterhält offenbar ausgezeichnete Drähte zum Headquartiers der Polizei. Jedenfalls ist bekannt, dass Garettis zahlreiche Spielklubs noch niemals ernsthaft in Schwierigkeiten geraten sind.“

„Was ist Ken Rocker für ein Mann?“

„Ein Raubein, aber er ist nicht übel“, sagte Larry. „Werden Sie den Fall übernehmen?“

„Nur dann, wenn Sie bereit sind, sich meiner Anweisung zu beugen.“

„Und die wäre?“

„Gehen Sie zur Polizei.“

„Die werden mich auf der Stelle verhaften!“

„Nicht unbedingt, aber selbst wenn das geschehen sollte, sehe ich darin nur einen Vorteil. Sie haben inzwischen erkannt, dass Ihre Gegner vor nichts zurückschrecken. In Untersuchungshaft haben Sie nichts zu befürchten.“

„Und was geschieht, wenn Sie es nicht schaffen, mich heraus zu boxen?“

„Man würde Sie früher oder später doch fassen“, gab Cantrell zu bedenken. „Das steht außer Zweifel.“

„Ehe ich mich entscheide, muss ich wissen, ob Sie mir glauben“, sagte Larry.

„Ich glaube Ihnen“, sagte Cantrell. Larry richtete sich auf. Zum ersten Male seit Stunden sah er einen Hoffnungsschimmer. Cantrells Worte gaben ihm Halt und Trost.

„Ich danke Ihnen, Sir“, sagte Larry Bender und stand auf. „Ich fahre jetzt geradewegs zur Polizei.“

„Wenden Sie sich an Lieutenant Harry Rollins“, empfahl Cantrell. „Ich bereite ihn auf Ihren Besuch vor.“



6

Auf der Fahrt in die Stadt fiel Larry ein, dass er vergessen hatte, dem Anwalt ein wichtiges Detail zu nennen. Larry stoppte an der nächsten Telefonzelle, ging hinein und wählte Cantrells Nummer. Eine warme Frauenstimme meldete sich. „Mr. Cantrell, bitte“, sagte Larry ungeduldig. Er

warf einen Blick nach draußen und sah, dass hinter seinem Pontiac eine grüne Dodge Limousine stoppte.

„Ich bin Carol Cantrell“, teilte ihm die Frau am anderen Leitungsende mit. „Mein Mann hat soeben das Haus verlassen, aber ich kann Sie mit Mr. O'Reilly verbinden...“

„Okay, geben Sie ihn mir, bitte“, sagte Larry. Dann, als Butch sich gemeldet hatte, fuhr er fort: „Mir ist eingefallen, dass ich versäumt habe, Mr. Cantrell von einem merkwürdigen Anruf zu unterrichten. Er hängt offenbar zusammen mit dieser seltsamen Kapsel, die ich dem Toten

abgenommen habe.“

„Von einer Kapsel haben Sie nichts erwähnt.“

„Es erschien mir nicht so wichtig, aber vielleicht kommt dem Ding eine besondere Bedeutung zu“, sagte Larry. „Ich habe es hier in der Tasche, es ist irgendein technisches Gerät. Offenbar handelt es sich um den Impulsgeber, von dem der Anrufer sprach.“

Larry schilderte im einzelnen, was der Unbekannte gefordert hatte und auf welche Weise das Telefongespräch ebenso plötzlich wie spektakulär beendet worden war.

Hinter Larry Bender öffnete sich die Glastür der Telefonzelle. Larry schaute unwillig über seine Schulter und erkannte das Gesicht des Mannes, der aus dem grünen Dodge gestiegen war.

Der Mann hatte ein rundes glattrasiertes Gesicht mit eng beieinanderstehenden rehbraunen Augen und dunklem von Geheimratsecken zurückgedrängtem Haar. Er war barhäuptig und trug einen hellen Staubmantel über seinem Anzug. Larry schätzte sein Gegenüber auf vierzig Jahre. „Fassen Sie sich kurz“, sagte der Mann.

„Schließen Sie die Tür“, stieß Larry barsch hervor.

Der Mann schaute sich kurz und wie prüfend um, dann streckte er die Hand aus und drückte die Gabel nach unten.

„He, was fällt Ihnen ein?“, fragte Larry wütend.

Fast gleichzeitig erkannte er, dass der Fremde seine Linke benutzt hatte, während seine rechte Hand in der Tasche des Staubmantels steckte. Larry schluckte, als er erkannte, was sich unter dem dünnen Stoff abzeichnete. Es waren die Konturen einer Pistole. Der Pistolenlauf wies eindeutig auf ihn.

„Sie sind mir gefolgt, hinaus bis nach Western Springs und wieder zurück“, murmelte Larry. Er war wütend auf sich. Er hatte schon einmal versäumt, auf Verfolger zu achten. Nun widerfuhr ihm dieses Missgeschick erneut, er hatte einfach geschlafen. Aber das war bei den Aufregungen, mit denen er fertig werden musste, wahrhaftig kein Wunder.

„Wie klug Sie sind“, höhnte der Mann im hellen Staubmantel. „Los, kommen Sie!“

„Wohin?“

„Das werden Sie gleich mitkriegen. Setzen Sie sich ans Steuer des Dodge. Der Schlüssel steckt. Ich nehme im Fond Platz.“

„Was haben Sie vor?“

„Nichts Besonderes. Kommen Sie, verdammt noch mal!“

Larry blickte erneut auf die Waffenmündung unter dem Mantelstoff und tat, wozu er aufgefordert wurde. Sie fuhren los. Der Mann im Fond gab kurze Anweisungen. Larry lenkte den Wagen nach kurzer Fahrt in eine stillgelegte Kiesgrube. Ihm war ziemlich blümerant zumute und er wünschte sich plötzlich, die Polizei gleich nach der Entdeckung des toten Zutter informiert zu haben. Offenbar hatte er so ungefähr alles falsch gemacht, was falsch zu machen war.

„So. mein Freund und jetzt hätte ich gern das kleine Ding von Ihnen, das Sie Zutter abgenommen haben“, sagte der Mann im Fond.

„Was für ein Ding?“, murmelte Larry. Er hatte Angst vor seinem Gegner, trotzdem versuchte er, ihn zu bluffen. Larry begriff, dass die Morde möglicherweise nur wegen dieses kleinen metallummantelten Apparates begangen worden waren. Er wünschte, ihn zu behalten, weil er fühlte, wie wichtig es war, über ein Faustpfand zu verfügen.

„Sie wissen genau, wovon ich spreche“, sagte der Mann mit scharfer Stimme.

Larry blickte über seine Schulter. „Nein“, behauptete er. Dann fiel ihm ein, dass er die Taschen voller Geld hatte. Es trug nicht weiter auf, sieben Riesen hatten ohne weiteres in der Brieftasche Platz, aber es war sein ganzes Vermögen. Er konnte es sich nicht leisten, das Geld zu verlieren, sonst hätte er versucht, den Unbekannten mit seiner Brieftasche abzuspeisen.

„Steigen Sie aus“, sagte der Mann barsch.

Larry gehorchte. Dann kapitulierte er.

„Hier“, sagte er. „Das hatte er in der Faust.“

Der Mann griff danach, er wog es in der Hand, grinsend. „Warum nicht gleich so?“

„Was ist das überhaupt?“, fragte Larry.

„Dreh dich rum mit dem Gesicht zum Baggersee“, forderte der Gangster.

Larry gehorchte. Er hob unwillkürlich die Schultern und straffte die Muskeln. Er wusste, dass er nichts Gutes erwartete und bekam im nächsten Augenblick die Bestätigung für seine Befürchtung.

Der Mann schlug ihm mit voller Wucht den Revolverschaft auf die Schläfe. Larry brach in die Knie. Er erhielt einen zweiten Schlag und verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam waren der Dodge und sein Fahrer verschwunden. Larry griff sich an den Kopf und kam auf die Beine. Sein Schädel schmerzte und er fühlte sich hundeelend. Ihm fiel das Geld ein. Er holte die Brieftasche aus dem Sakko und überzeugte sich davon, dass nichts fehlte. Sofort besserte sich sein Befinden. Ihm war zumute, als habe er dem Gangster trotz allem ein Schnippchen geschlagen.

Er klopfte sich den Schmutz aus der Kleidung und marschierte zurück zur Straße. Nach zehn Minuten erreichte er eine Telefonzelle. Er wählte die Nummer des Cantrell Bungalows. Butch meldete sich.

„Ich bin überfallen worden“, sagte Larry und schilderte, was ihn zum Abbruch des Telefongesprächs gezwungen hatte. „Den verdammten Impulsgeber bin ich also los“, schloss er. „Jetzt muss ich mir ein Taxi besorgen und zu meinem Wagen zurückkehren.“ Dann fiel ihm ein: „Ich habe mir die Nummer des Dodge gemerkt.“

„Gut“, meinte Butch, „aber ich wette, das bringt uns nicht weiter. Er dürfte eigens für den Zweck gestohlen worden sein. Können Sie mir den sogenannten Impulsgeber beschreiben?“

„Na ja, so ungefähr. Sie müssen das verstehen. Ich bin in all diesen Aufregungen einfach nicht dazu gekommen, mir das Ding genau anzusehen. Es hatte Knöpfe und Tasten, wie eine Stoppuhr, außerdem einen Skalenring. Ich muss bei dem Uhrenvergleich bleiben, weil Größe und Gewicht damit übereinstimmten. Der Impulsgeber war etwas flacher als eine Taschenuhr, würde ich sagen. Genügt das?“

„Es wird am besten sein. Sie versuchen, von dem Ding eine Zeichnung anzufertigen.“

„Ich werd’s probieren. Ich wüsste wirklich gern, welchem Zweck der kleine Apparat dienen soll“, meinte Larry nachdenklich. „Immerhin war er jemand zwei Morde wert.“

„Die Sache hat einen Haken“, sagte Butch. „Ihrer Schilderung zufolge trug der Tote den Impulsgeber bei sich. Sie sehen darin sogar das Tatmotiv. Damit stellt sich die Frage, warum der Mörder das Gerät Zutter nicht abgenommen hat.“

„Das lässt sich nur vermuten“, meinte Larry. „Wahrscheinlich hat der Killer sein Opfer nach der Tat durchsucht und nichts gefunden. Erst später ist dem Mörder klargeworden, dass der Impulsgeber sich in der geschlossenen Faust von Tom Zutter befunden haben muss.“

„Diese Theorie hat etwas für sich.“, räumte Butch ein. „Fahren Sie jetzt bitte zu Lieutenant Rollins. Er erwartet Ihren Besuch.“



7

Das Ingenieurbüro von Tom Zutter befand sich im Hause Erie Street 49.

Das schmale neunstöckige Gebäude beherbergte ausschließlich Geschäftsräume, hauptsächlich die Offices von Anwälten und kleineren Im- und Exportfirmen. Das Haus wirkte seriös. Es hatte einen Lift, eine Glasbox in der Halle, an der „Information“ waren, die aber nicht besetzt war, mit Marmorplatten bedeckte Hallenwände, auf der mit Goldlettern die im Hause vertretenen Firmen aufgeführt waren. Tom Zutters Office befand sich in der dritten Etage. Weitere Firmen gab es in diesem Stockwerk nicht.

Cantrell fuhr mit dem Lift nach oben. Die Polizei konnte noch nicht hier gewesen sein. Vermutlich war Bender gerade dabei, sein Geständnis zu Protokoll zu geben. Cantrell öffnete die Tür zu Zutters Geschäftsräumen und stoppte im Vorzimmer. Der Stuhl am Schreibtisch der Vorzimmerdame war umgefallen, das Mädchen befand sich nicht im Raum. Auf einer Tafel am Schreibtisch stand ihr Name: Lucy Carven.

Die Tür zu den eigentlichen Officeräumen war nur angelehnt. Cantrell vernahm ein scharfes, metallisches Krachen, das sich einige Male wiederholte. Es gab keinen Zweifel, dass jemand die Schubkästen von Karteischränken öffnete und schloss. Die Aktion geschah offenbar unter dem Stress von Zeitdruck und Nervosität, jedenfalls konnte sie kaum von einem Büromitglied ausgeführt werden, denn das hätte vermutlich gewusst, wo die gesuchten Unterlagen zu finden waren.

Cantrell schob sehr behutsam die Tür mit der Fußspitze auf und blickte in einen großen modern möblierten Officeraum, der den Eindruck machte, als hätten die Vandalen darin gehaust.

Der Mann, der gerade eine weitere Schublade aufriss und ihren Inhalt herauswarf, kehrte Cantrell den Rücken zu. Es war ein großer hagerer Typ, dessen Haar sich schon zu lichten begann und der eine glänzende braune Jacke aus feinem Leder trug.

Der Fußboden war mit Papieren buchstäblich übersät, auch auf dem Schreibtisch herrschte ein tolles Durcheinander.

„Suchen Sie was Bestimmtes?“, fragte Cantrell.

Der Mann wirbelte auf seinen Absätzen herum, geradezu tödlich erschrocken. Er atmete mit offenem Mund dann fragte er: „Wer zum Teufel sind Sie?“

„Cantrell ist mein Name. Und wer sind Sie?“

„Miller“, sagte der Mann. „Max Miller.“

„Ein schöner Name“, lobte Cantrell. Er ging auf den Mann zu. „Darf ich ihn mal gedruckt sehen? Gewissermaßen schwarz auf weiß?“

„Sie ticken wohl nicht richtig. Sind Sie ein Polizist? Wenn ja, dann weisen Sie sich aus. Einem Privatmann gegenüber legitimiere ich mich nicht.“

„Ich bin Anwalt“, sagte Cantrell. „Wo ist das Mädchen? Miss Carven, meine ich?“

„Es war niemand hier, als ich hereinkam“, behauptete der Mann.

„Sehen wir uns doch mal in den anderen Räumen um“, schlug Cantrell vor.

Der Mann ging zur Tür, er versuchte es jedenfalls, aber Cantrell trat ihm in den Weg.

„Sie haben kein Recht, mich aufzuhalten!“, sagte der Mann in der Lederjacke.

„Ich bin kein Polizist, ich maße mir auch keine Polizeigewalten an, aber ich halte es für vertretbar, Sie so lange hier festzusetzen, bis jemand von der Polizei sich Ihrer annimmt und herausgefunden hat, was Sie in diesen Räumen suchen.“

Der Mann riss die Faust hoch. Er versuchte, Cantrells Kinnspitze zu treffen, aber der hatte den Schlag kommen sehen, er riss den Kopf zur Seite, ließ die Faust ins Leere sausen und konterte mit einem trockenen linken Haken, der den Mann an die Wand taumeln ließ.

„Scherze dieser Art mag ich nicht“, sagte Cantrell sanft. Er streckte die Hand aus. „Ihren Pass bitte. Oder den Führerschein. Ich muss wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

„Ich habe mich bereits vorgestellt. Das muss Ihnen genügen.“

„Mit erfundenem Namen kann ich nichts anfangen. Woher wissen Sie übrigens, dass Zutter tot ist?“

Der Mann riss die Augen auf und heuchelte Erstaunen. Er war ein miserabler Schauspieler.

„Tot?“, murmelte er. „Mann, das wusste ich nicht!“

„Hören Sie auf, mich für dumm verkaufen zu wollen. Sie hätten kaum gewagt, Zutters Office zu durchwühlen, wenn Sie nicht verdammt genau wüssten, was ihm widerfahren ist“, sagte Cantrell.

„Ich schwöre Ihnen“, er unterbrach sich, als Cantrell auf ihn zuging mit erhobenen Fäusten. Plötzlich kapitulierte er. Er überreichte Cantrell seinen Führerschein. Cantrell stieß einen dünnen Pfiff aus.

„Sieh mal einer an“, sagte er. „Fred Whistler, Larry Benders Kollege und Mitarbeiter.“

„Woher kennen Sie mich?“

„Ich kenne Sie nicht, auch wenn ich dabei bin, mit Ihnen ein wenig vertrauter zu werden.

Mr. Bender ist mein Klient, er hat mich um die Wahrnehmung seiner Interessen gebeten“, sagte Cantrell und gab den Führerschein zurück.

Seltsamerweise wirkte Whistler plötzlich erleichtert, er grinste sogar.

„Jetzt kapiere ich. Larry hat's nötig, seine Interessen wahren zu lassen. Schließlich hat er Zutter zur Strecke gebracht. Ich habe ihn dabei überrascht.“

„Tatsächlich?“

„Er hielt noch die Kanone in der Hand, als ich zurückkam...“

„Natürlich haben Sie sofort die Polizei verständigt“, spottete Cantrell.

„Wie stellen Sie sich das vor? Wenn man einen Laden wie den betreibt, in dem ich arbeite, kann man sich Polizeibesuch nicht leisten.“

„Sprechen wir noch einmal von Ihrer Rückkehr.“

„Ich hatte mein Feuerzeug vergessen“, fiel Whistler Cantrell ins Wort.

„Ich weiß. Das goldene Dunhill. Ich weiß aber auch, dass Sie als erster in dem Laden aufzukreuzen pflegen, dass Sie ihn öffnen. Sie hätten das Feuerzeug also liegenlassen und am nächsten Tag an sich nehmen können.“

„Eben nicht“, sagte Whistler. „Sie vergessen die Putzfrauen. Es sind zwei. Ich wollte nicht riskieren, dass sie sich das Feuerzeug unter die Nägel reißen.“

„Hören Sie auf damit. Ich wette, die Putzfrauen sind ausgesuchte Mitarbeiterinnen, schließlich können Sie sich keine Plaudertaschen leisten. Diese Frauen müssen ebenso zuverlässig sein wie die übrigen Mitarbeiter des kleinen Klubs.“

„Was soll das heißen? Natürlich sind sie okay. Wir bezahlen sie prima, sie wollen ihren Job behalten. Aber das schließt nicht aus, dass sie beim Anblick eines goldenen Feuerzeugs lange Finger machen könnten.“

„Sie sind aus einem anderen Grund zurückgekommen“, sagte Cantrell ruhig.

„Sie müssen's ja wissen“, höhnte Whistler. „Wo steckt eigentlich Larry? Fragen Sie doch den, der wird Ihnen sagen können, warum Zutter sterben musste. Larrys Frau hatte mit Zutter ein Verhältnis...“

„Ich weiß. Mr. Bender macht daraus keinen Hehl. Er wusste von der Liaison seit Monaten. Weshalb hätte er ausgerechnet gestern Amok laufen sollen?“

„Das müssen Sie Larry fragen.“

„Sie wissen so gut wie ich, dass er nicht der Täter gewesen sein kann. Er wäre sonst nicht zur Polizei gegangen, um alles zu Protokoll zu geben, was er weiß.“

Whistlers blinzelte ungläubig.

„Er ist zur Polizei gegangen?“, murmelte er.

„Sie haben richtig verstanden.“

„Nein“, meinte Whistler kopfschüttelnd. „Das kann er nicht machen.

Damit haut er auch uns in die Pfanne. Den Boss. Den ganzen Laden...“

„Was erwarten Sie denn von ihm? Dass er sich von seinen Gegnern massakrieren lässt?“, fragte Cantrell scharf.

„Wir hätten ihn nicht verpfiffen, wir nicht!“, stieß Whistler hervor. Er war wütend und verschreckt. Er begriff, dass die Aktion aus dem Ruder zu laufen drohte und sah deutlich die Konsequenzen für sich und die anderen.

„Kommen wir zur Sache. Was suchen Sie hier? Die Zeichnungen, Entwürfe und Pläne für den Impulsgeber?“

„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen...“

Cantrell ging auf die Tür zu, die in den Nachbarraum führte. Am Fenster stand ein Zeichenbrett. Es war leer. Eine Wand war mit Regalen bedeckt. Sie enthielten Fachliteratur und Fachzeitschriften sowie ein paar Ordner. Eine zweite Tür führte in den Waschraum. Cantrell öffnete sie und fand, was er erwartet hatte.

Auf dem gekachelten Boden lag ein platinblondes gutgewachsenes Mädchen. Es war gefesselt und geknebelt. Es gab gutturale Laute von sich, hatte einen hochroten Kopf und kämpfte sichtlich mit ihrer Atemnot.

Cantrell kniete sich neben das Mädchen auf den Boden und befreite sie mit wenigen Handgriffen von Knebel und Fesseln, dann half er ihr auf die Beine.

„O Gott“, keuchte Lucy Carven und rieb sich den Hals. Sie konnte kaum sprechen. „Ich dachte, ich müsste ersticken. Wer sind Sie?“

„Cantrell. Ich bin Anwalt“, sagte er. „Möchten Sie ein Glas Wasser trinken?“

Das Mädchen nickte. Während Cantrell ein Glas mit Wasser füllte, hörte er das Klappen einer Tür. Whistler hatte es für ratsam gefunden, Fersengeld zu geben, aber das hatte im Augenblick keine große Bedeutung. Es genügte zu wissen, dass er sich auf kriminelle Weise Zugang zu Zutters Unterlagen verschafft hatte.

Lucy Carven leerte das Glas mit einem langen Zug, dann brachte sie ein erstes scheues Lächeln zustande. „Jetzt geht es mir schon besser. Wenn Sie nicht gekommen wären...“

Sie gingen in Zutters Arbeitszimmer und setzten sich.

„Was ist aus dem Kerl geworden, der mich gefesselt hat?“, fragte das Mädchen und schaute sich um. „Lieber Himmel, er hat ja ein Chaos verursacht! Wenn das der Chef sieht, wird er verrückt.“

„Er wird es nicht zu sehen bekommen“, meinte Cantrell. „Er ist tot.“

Lucy Carven zuckte zusammen, sie starrte ihm in die Augen. Es war zu sehen, dass sie nicht schauspielerte. Cantrell fand das Mädchen ausgesprochen attraktiv, sie hätte in jedem Hollywoodfilm die perfekte, mit Sexappeal ausgestattete Vorzimmerdame spielen können.

„Tot?“, hauchte sie.

„Erschossen. Heute Nacht, genauer gesagt gegen Morgen. In einem illegalen Spielklub. Wussten Sie, dass er der Spielleidenschaft frönte?“

„Ja, er hat manchmal davon gesprochen. Er konnte ganze Nächte durchspielen, aber er war auch in der Lage, nächtelang zu arbeiten. Er tat alles mit Inbrunst, bis zur Selbstaufgabe. Ihn reizte jedes neue Problem. Er war sehr talentiert, er brauchte aber auch ständig neue Impulse und Erlebnisse, sie kamen seiner Kreativität zugute, das behauptete er jedenfalls. Tot! Ich kann es nicht fassen. Wer sollte das getan haben? Wer?“

„Das wissen wir noch nicht, aber der oder die Täter scheinen es darauf anzulegen, Mr. Bender den Mord unterzujubeln.“

Das Mädchen schwieg. Es kaute auf seiner Unterlippe herum und überlegte.

„Nun?“, fragte Cantrell. „Haben Sie einen Tatverdacht?“

„Nein.“

„Kannten Sie Jane Bender?“

„Ja.“

„Sie wurde gleichfalls ermordet.“

„Mein Gott!“

„Würden Sie sagen, dass Jane die Vertraute Ihres Chefs war?“, fragte er.

„Das ist schon möglich“, meinte Lucy Carven zögernd.

„Was ist mit dem Impulsgeber, den Ihr Chef entwickelte?“, fragte Cantrell.

„Davon weiß ich nichts. Das Wort höre ich zum ersten Mal“, sagte sie. „Ich verstehe nichts von technischen Dingen. Ich war nur für das Telefon, die Korrespondenz und die Registratur zuständig. Schwierige technische Worte und Bezeichnungen musste mir der Chef buchstabieren, ich habe niemals etwas damit beginnen können.“

„Das Ding, um das es sich handelt, hatte die ungefähre Größe einer Taschenuhr...“

„Daran erinnere ich mich. Daran bastelte er schon seit Monaten herum. Ich kann Ihnen leider nicht sagen, wer der Auftraggeber war und zu welchem Zweck der Apparat dienen sollte.“

„Hatte Ihr Chef Sorgen, gab es Leute, vor denen er sich fürchtete und...“

Er unterbrach sich. Aus dem Vorzimmer drangen Geräusche. Lucy Carven starrte auf die Tür.

„Ob er zurückgekommen ist?“, fragte sie angstvoll.

„Der kommt nicht wieder“, beruhigte Cantrell das Mädchen. „Mal sehen, wer draußen ist.“

Er stand auf und betrat das Vorzimmer. Am Schreibtisch lehnte ein Hüne im blauen Overall. Auf seiner Arbeitskluft stand der Firmenname einer Spedition.

„Hallo“, sagte er und hielt Cantrell einen Lieferschein unter die Nase. „Wir bringen den Tisch. Ich weiß nicht, wie wir die verdammte Platte rauf bringen sollen. Sie ist so schwer wie ein ausgewachsener Konzertflügel.“

„Ich weiß Bescheid“, sagte Lucy Carven, die hinter Cantrell im Türrahmen auftauchte. „Sprechen Sie mit dem Hausmeister. Es gibt einen Lastenkran, er ist ausschwenkbar und dient zum Transport übergroßer und überschwerer Gegenstände. Die Fenster sind hoffentlich groß genug, um die Platte passieren zu lassen.“

„Das müsste gehen“, meinte der Mann im Overall und verließ das Büro. „Was ist das für ein Tisch?“, wunderte sich Cantrell.

„Ein Roulettetisch“, sagte das Mädchen. „Er kostet ein kleines Vermögen, aber der Chef wollte ihn partout haben. Der Tisch ist schon bezahlt. Ich glaube, Mr. Zutter wollte ein Spielsystem entwickeln und das konnte er nur hier in seinem Büro.“

„Ausgerechnet er musste an einem Roulettetisch sterben“, sagte Cantrell.

„Der Tod eines Spielers“, meinte Lucy Carven bitter.



8

Morton Philby rückte sich die Krawatte zurecht und genoss es, das weiche seidige Material unter seinen Fingerspitzen zu spüren. Er klingelte an Ken Rockers Wohnungstür und wartete. Im Inneren des Apartments rührte sich nichts. Silk wiederholte das Klingeln, aber erst beim dritten Mal öffnete sich die Tür. In ihrem Rahmen zeigte sich der breitschultrige Wohnungsmieter. Er war unrasiert und trug nur die Shorts seines Pyjamas. Es war zu sehen, dass das Klingeln ihn aus dem Bett geholt hatte.

„Was, zum Teufel, wollen Sie?“, fragte er wütend. „Ich bin Nachtarbeiter. Jetzt ist es elf Uhr morgens...“

„Ich weiß, dass Sie Nachtarbeiter sind“, sagte Silk. „Gerade deshalb bin ich hier. Mein Name ist Philby, Morton Philby. Ich bin Mitarbeiter von Mr. Cantrell.“

„Wer ist das, verdammt nochmal?“

„Ein Anwalt. Er vertritt die Interessen Ihres Kollegen Larry Bender.“

„Larry braucht einen Anwalt?“, fragte Ken Rocker verdutzt. „Warum denn das?“

„Er befürchtet, dass man ihn verdächtigen könnte, Tom Zutter und seine Frau ermordet zu haben.“

„Was, Kelly ist auch tot?“

„Kelly?“

„Na, Kelly Zutter! Die meinen Sie doch, oder?“

„Ich spreche von Jane Bender“, stellte Silk klar. „Ich wusste gar nicht, dass Mr. Zutter verheiratet ist.“

„Sicher ist er das. Sie ist ne Klassepuppe. Ich frage mich manchmal, warum er immer mit Larrys Frau rum zieht. Jane sieht blendend aus, aber ich persönlich würde Kelly vorziehen.“ Er runzelte die Augenbrauen. Ihm fiel ein, dass er eine Menge redete, ohne auf das Wesentliche einzugehen. „Jane ist also tot“, murmelte er. „Genau wie Zutter. Und Larry wird verdächtigt, die beiden abserviert zu haben. Ein dolles Ding!“

„Larry Bender findet es eher bedrückend und erschreckend“, sagte Silk. „Müssen wir uns unbedingt zwischen Tür und Angel unterhalten?“

„O Pardon, treten Sie ein, aber stoßen Sie sich nicht an der Unordnung in meiner Bude. Ich bin Junggeselle und hasse es, zum Staubtuch zu greifen. Ich warte immer, bis sich irgendeine Mieze meiner erbarmt und mal aufräumt.“

Sie nahmen in der Küche Platz. Im Ausguss stapelte sich schmutziges Geschirr. Ken Rocker setzte Wasser auf.

„Ich brauche jetzt einen starken Kaffee“, sagte er. „Wie und wo hat es Zutter erwischt?“

,Am Roulettetisch, heute morgen gegen vier Uhr.“

Rocker sah verdutzt aus. „Er war letzte Nacht gar nicht da...“

„Er muss irgendwie in die Räume gelangt sein, nachdem Gäste und Personal bereits gegangen waren. Er war nicht der einzige, der unbefugt eingedrungen sein muss. Ihm folgte sein Mörder.“

„Erschossen?“

„Ja. Larry Bender hat ihn entdeckt.“

„Wieso Larry? Der hatte doch frei, der wollte zu seiner kranken Mutter fahren.“

„Da war er auch, aber auf dem Heimweg hat er nochmal einen Blick in den Klub geworfen. Als er ein Geräusch im Vorraum hörte, glaubte er, der Mörder sei zurückgekommen. Mr. Bender griff nach der Waffe unterm Tresen, aber statt des erwarteten Mörders kreuzte Ihr Kollege Fred Whistler auf. Der hatte sein Feuerzeug vergessen.“

„Das ist gelogen“, sagte Ken Rocker spontan.

„Gelogen?“

„Chirpy und ich sind vor Fred gegangen, aber wir haben uns noch auf der Straße ein wenig unterhalten, es tat uns einfach gut, frische Luft einzuatmen und ein paar private Worte zu wechseln. Wir standen noch da, als Fred erschien. Er gesellte sich auf kurze Zeit zu uns und gab mir Feuer. Mit seinem goldenen Dunhill.“

„In der geschlossenen Hand des Toten befand sich ein Gegenstand, der das Verbrechen ausgelöst haben kann, ein sogenannter Impulsgeber. Schon mal was davon gehört?“

„Nein.“

„Er ist rund und Taschenuhr ähnlich.“

„Zutter kam oft zu uns, er spielte leidenschaftlich gern, er verlor und gewann, aber per Saldo dürfte er doch eine Menge zugesetzt haben“, meinte Ken Rocker. „Na ja, das traf keinen Armen, glaube ich. Der hatte die Brieftasche immer voller Geld.“

„Warum, glauben Sie, kehrte Whistler noch mal in den Klub zurück?“

„Wenn ich Ihnen meine Vermutung mitteile, werden Sie wahrscheinlich lachen, aber ich wette, ich liege mit meiner Spekulation richtig. Fred klaut. Ja, Sie haben richtig verstanden. Er klaut! Kein Geld, versteht sich, aber Schnaps. Whisky, nur die besten Marken. Ich gehe davon aus, dass ihm nach dem Abschließen eingefallen ist, wie dünn seine Alkoholbestände zu Hause sind, also kehrte er nochmals um. Er hatte vor, sich mit einer Flasche zu bedienen. Er stieß dabei auf Larry, der immerhin unser direkter Vorgesetzter ist, und musste rasch was erfinden, um sein Auftauchen zu rechtfertigen. Also ließ er sich die Geschichte mit dem Feuerzeug einfallen.“

„Möglich, dass es so war“, sagte Silk, „aber bei genauem und kritischen Hinsehen ergeben sich auch andere Perspektiven, zum Beispiel die, dass Fred Whistler den Auftrag hatte, den Impulsgeber sicherzustellen oder die, dass er Larry in die Rolle des Täters drängen sollte.“

„Wie denn? Er konnte doch nicht wissen, dass Larry nochmals in den Klub gehen würde“, sagte Ken Rokker.

„Das wirkt auf Anhieb überzeugend“, nickte Silk, „aber wenn wir unterstellen, dass die beiden Morde von einer Organisation ausgeführt wurden, ist es durchaus denkbar, dass Larry Bender beschattet wurde und dass man Whistler aufforderte, ihm in den Klub zu folgen.“

„Sie können von mir nicht erwarten, dass ich mich an derlei Denkspielen beteilige“, meinte Ken Rokker und erhob sich, um den Kessel mit dem kochenden Wasser vom Herd zu nehmen. Er kippte das Wasser in den vorbereiteten Filter und schloss: „Fred ist ein Schlitzohr, aber ich traue ihm offen gestanden nichts zu, was mit Mord in Zusammenhang zu bringen ist.“

„Wie steht es mit Larry?“

„Der ist okay, wirklich. Seine Alte hat ihn betrogen, er hat sie trotzdem geliebt. Nein, er hätte weder Zutter noch Jane umbringen können, das ist nicht sein Stil“, sagte Rocker. „Nehmen Sie auch eine Tasse?“

„Danke, ja, gern“, erwiderte Silk.

Eine Stunde später stand er vor dem Haus Napoleon Avenue 133. Hier befand sich die Wohnung der Zutters. Silk fuhr mit dem Lift in die zwölfte Etage. Eine Treppe, die von einer schmiedeeisernen Gittertür begrenzt wurde, führte auf das Dach und die dort gelegene Penthousewohnung der Zutters.

Kelly Zutter, die ihn einließ und ins Wohnzimmer führte, war eine attraktive Endzwanzigerin mit rötlich blondem Haar, das sie kurzgeschnitten trug. Sie hatte ungewöhnlich große lang bewimperte Augen von heller blaugrauer Farbe. Die vollen weichen Lippen wirkten beinahe aggressiv, sie strahlten pralle Sinnlichkeit aus.

„Ich bin angerufen worden vor einer Viertelstunde“, sagte sie und reichte ihm die offene Zigarettenschatulle. „Ich weiß, dass Tom tot ist.“

„Wer hat Sie informiert?“

„Die Polizei. Sie hat mich gebeten, nicht das Haus zu verlassen. Irgend jemand befindet sich auf dem Wege nach hier, um mich zu befragen. Als Sie klingelten, dachte ich schon, es sei der angekündigte Beamte. Was kann ich für Sie tun?“

Er schaute sie an. Sie war kühl und beherrscht. Keine Spur von trauernder Witwe.

„Wer kann es getan haben und warum?“, wollte Silk wissen.

„Ich weiß es nicht.“

„Sie hatten eine Viertelstunde Zeit, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen.“

Kelly Zutter musterte ihn gelassen.

„Ich habe bereits vor zwei Jahren aufgehört, mir über den lebenden Tom Zutter den Kopf zu zerbrechen“, sagte sie. „Warum sollte ich es jetzt tun, wo er tot ist?“

„Er war Ihr Mann.“

„Nur auf dem Papier, wir hatten uns nichts mehr zu sagen“, meinte sie.

„Aber Sie wohnten doch mit ihm zusammen?“

„Es gab Wochen, wo wir uns nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekamen. Es waren die Tage, die ich am meisten schätzte“, fügte sie hinzu.

„Wo pflegte er zu schlafen?“

„Er hielt nicht viel vom Schlaf. Entweder arbeitete er oder er saß am Spieltisch. Vermutlich haben ihm seine Nüttchen Unterschlupf gewährt, er besaß auch in seinem Büro einen Schlafraum.“

„Kannten Sie Jane Bender?“

„Dem Namen nach. Ich weiß, dass sie mit meinem Mann ein Verhältnis hatte.“

„Es störte Sie nicht?“

„Das dürften Sie meinen bisherigen Äußerungen bereits entnommen haben“, meinte Kelly Zutter gelassen.

„Er war Ihr Mann“, wiederholte Silk. „Er hat für Ihren Unterhalt gesorgt.“

„Ich kriegte fünfhundert Dollar im Monat. Für die Miete kam er auf. Sie werden zugeben, dass heutzutage ein halber Tausender nicht viel mehr als ein Taschengeld ist. Zum Glück besitze ich eigenes Vermögen. Ich wäre sonst kaum über die Runden gekommen.“

„Vieles spricht dafür, dass der Mord mit einem Apparat in Zusammenhang gebracht werden muss, der die Größe einer kleinen Taschenuhr hatte und offenbar als ,Impulsgeber‘ bezeichnet wurde. Was wissen Sie von diesem Gerät?“

„Nichts“, sagte die Frau.

„Pflegte Ihr Mann in der Wohnung Konstruktionsunterlagen aufzubewahren?“

„Ja, in seinem Arbeitszimmer befindet sich ein Safe“, sagte die Frau.

„Besitzen Sie einen Schlüssel dazu?“

„Nein, den trug Tom stets bei sich, aber ich weiß, wo das Zweitexemplar liegt.“

„Würden Sie mir erlauben, einen Blick in den Safe zu werfen?“

Die Frau erhob sich. „Aber ja. Ich möchte selbst wissen, was drin ist. Schließlich bin ich die einzige Erbberechtigte. Ein Testament existiert nämlich nicht. Tom war überzeugt davon, steinalt zu werden, er wollte mich überleben.“

Sie gingen in das Arbeitszimmer des Ermordeten. Die Frau rückte ein Bild zur Seite, dann öffnete sie eine Schublade und entnahm ihr einen Schlüssel. „Das war so seine Methode“, erklärte sie. „Er glaubte, der lose herumliegende Schlüssel würde niemand auf die Idee bringen, dass er zum Safe gehört.“

Sie schloss den Safe auf, griff hinein und holte einen gelben obenauf liegenden Umschlag heraus. „Kein Bargeld“, stellte sie dann fest. „Aber damit habe ich auch nicht gerechnet. Es war sein Prinzip, zu Hause keine Wertsachen aufzubewahren.“

„Ich sehe da einen Haufen technischer Zeichnungen“, sagte Silk. „Das sind schließlich auch Werte unter Umständen sehr viel größere als Schmuck oder ein paar Bündel Banknoten.“

„Wem sagen Sie das?“, fragte sie und überließ Silk den gelben Umschlag. „Das muss etwas mit seiner letzten Erfindung zu tun haben“, meinte sie. „Sehen Sie nach, was es ist. Mein technisches Verständnis ist gleich Null, ich kann keine Zeichnungen lesen.“

„Ich auch nicht“, gab Silk zu. „Darf ich den Umschlag an mich nehmen? Er wird nicht in unbefugte Hände geraten und bleibt selbstverständlich mitsamt Inhalt Ihr Eigentum. Sie erhalten ihn nach Prüfung postwendend zurück.“

„Keine Einwände“, sagte die Frau.

Silk fertigte eine Quittung aus, stellte noch eine Reihe von Fragen, die ihn nicht weiterbrachten, und ging. Als er die Straße betrat und auf seinen Wagen zustrebte, merkte er, dass ihm jemand folgte. Er vermied es, sich umzudrehen. Die Schritte näherten sich. Es handelte sich offenbar um zwei Männer. Silk schloss die Wagentür auf und zuckte kaum merklich zusammen, als er einen scharfen heftigen Druck in seiner Rippengegend wahrnahm. Es gab keinen Zweifel, dass einer der Männer ihm eine Waffenmündung in die Seite gerammt hatte.

Die Männer hatten ihn dabei buchstäblich in die Zange genommen. Einer von ihnen deckte seinen Revolver geschickt mit dem ganzen Körper ab.

„Immer mit der Ruhe“, sagte er halblaut. „Wenn du spurst und tust, was wir von dir verlangen, hast du gute Aussichten, den Abend dieses wunderschönen Tages zu erleben.“

„Wenn du aufmuckst“, ergänzte der andere, „findest du nicht mal die Gelegenheit, dein Mittagessen zu futtern. Kapiert?“

„Kapiert“, sagte Silk.



9

„Jack O'Reilly“, stellte Butch sich vor und lächelte der stark geschminkten jungen Frau verbindlich in die Augen. Sie hatte Lockenwickler im Haar und trug einen tief ausgeschnittenen Hausmantel aus türkisfarbener Seide.

„Kennen wir uns?“, fragte sie unsicher.

„Nein. Ich arbeite für Mr. Cantrell und der wiederum vertritt die Interessen von Larry Bender, Ihrem Kollegen.“

„Er ist mein Chef. Weshalb braucht er einen Anwalt?“, fragte Chirpy Swacker.

„Er ist in einen Mordfall verwickelt. Mr. Benders Frau wurde erschossen, aber vorher hat es Mr. Zutter erwischt, und zwar am Spieltisch, in Ihrem Klub.“

„Das ist völlig ausgeschlossen“, murmelte sie und starrte ihm in die Augen. „Tom war gar nicht bei uns, nicht in der letzten Nacht, meine ich.“

„Er ist gekommen, als die anderen schon gegangen waren. Besaß er einen Schlüssel für das Lokal?“

„Tom Zutter konnte sich überall Zutritt verschaffen. Er war Ingenieur, er bastelte gern, sicherlich war es für ihn kein Problem, ein Schloss zu öffnen.“

„Darf ich eintreten?“

Sie setzten sich ins Wohnzimmer. Chirpy Swacker zeigte sich sichtlich betroffen.

„Weiß die Polizei Bescheid?“, fragte sie. „Das gibt eine Katastrophe. Wenn unser Laden auffliegt, wird der Alte einen Schuldigen suchen.“

„Garetti, meinen Sie.“

„Ich nenne keine Namen, aber Sie sind gut informiert“, staunte Chirpy Swacker.

Er schilderte ihr, was sich ereignet hatte. Die junge Frau hörte aufmerksam zu, sie stellte keine Zwischenfragen.

„Larry ist es nicht gewesen“, meinte sie dann. „Er wäre dazu nicht imstande. Nein, das war keiner von uns, es sei denn...“ Sie unterbrach sich.

„Es sei denn?“, drängte er.

„Nichts.“

„Sie dachten an Fred Whistler“, vermutete er.

„Sind Sie Hellseher?“, wunderte sie sich.

„Fred hat sich dem Verdacht ausgesetzt, mit Larrys Gegnern gemeinsame Sache zu machen.“

„Das sieht vielleicht nur so aus. Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass Larry Feinde haben könnte. Er ist nett, korrekt, geradezu seriös. Im Grunde passt er gar nicht zu unserem Haufen. Aber ich mag Larry. Ich stehe zu ihm. Irgendwie hat das Ganze auch sein Gutes. Er ist endlich Jane los. Missverstehen Sie mich nicht, bitte, ich bedauere, dass sie auf diese Weise ums Leben kommen musste, aber Larry hätte ihr längst den Laufpass geben sollen. Er war einfach zu gut oder zu labil. Solche Leute trifft's immer, das weiß ich aus Erfahrung. Hiebe im Leben kriegen immer die mit dem schmalsten Rücken.“

„Wer waren Zutters Freunde, mit wem verkehrte er in letzter Zeit am häufigsten?“

„Warten Sie, da fällt mir etwas ein, ein Telefongespräch, das Tom vor einigen Tagen führte. Ich kam ganz zufällig hinzu. Zutter war so erregt, dass er mich nicht bemerkte. „Kommt nicht in Frage“, schnappte er. „Ich weiß, was das Ding wert ist und ich verkaufe es nicht. Um keinen Preis. Auch nicht für diese lächerlichen hunderttausend Dollar.“ „Ja und dann fiel noch ein Name, der mich aufhorchen ließ. Er lautete Bantam.“

„Das ist eine Boxgewichtsklasse“, sagte Butch.

„Weiß ich, aber es ist auch der Spitzname von Monty Clear. Er war nämlich mal Boxer vor vielen, vielen Jahren“, sagte die junge Frau. „Monty ist ein Syndikatsboss vom gleichen Rang wie Guilio Garetti. Im Grunde sind beide knallharte Konkurrenten. Sie betreiben illegale Spielklubs, aber sie haben sich arrangiert, wenn auch zähneknirschend. Jeder beschränkt sich auf die abgesprochenen Bezirke, das gibt keinen Ärger.“ Sie seufzte. „Mann, was rede ich da bloß? Ich bin sonst keine Quatschtante. Aber die Nachricht von Larrys Schwierigkeiten hat mich ganz durcheinander gebracht. Ich möchte ihm helfen, aber wie?“

„Ich glaube, Sie haben ihm schon geholfen“, sagte Butch, stand auf. bedankte sich und ging.

Zehn Minuten später rief er aus einer Telefonzelle den Cantrell Bungalow in Western Springs an. Carol meldete sich. „Ist Tony zu sprechen?“, fragte Butch.

„Er hat vor zehn Minuten angerufen. Nur Silk hat sich noch nicht gemeldet.“

„Ich hab eine heiße Neuigkeit“, sagte Butch.

„Hat irgendwo ein neues Speiselokal eröffnet, dass deinem Gaumen neue Sensationen bieten kann?“, spottete Carol.

„Erinnere mich nicht ans Essen“, knurrte Butch. „Ich möchte abnehmen.“

„Mit einem Chateaubriand, nehme ich an. Aber kommen wir zur Sache. Was gibt’s Neues?“

„Es sieht ganz so aus, als sei Monty ,Bantam‘ Clear an dem Impulsgeber interessiert gewesen. Er hat dafür einhunderttausend Dollar geboten, aber Zutter wollte nicht verkaufen, er hat erklärt, der Apparat sei mehr wert. Wie findest du das?“

„Nicht übel. Es könnte die Erklärung dafür liefern, weshalb Zutter sterben musste. Er weigerte sich zu verkaufen, also versuchten seine Gegner, sich mit Gewalt in den Besitz des Apparates zu bringen.“

„So könnte es gewesen sein.“

„Glaubst du, dass man mit diesem ,Impulsgeber‘ den Lauf der Roulettekugel beeinflussten kann?“

„Schwer zu sagen. Ich bezweifle, dass es so etwas gibt. Vermutlich haben schon viele Erfinder über dieses Problem nachgegrübelt, aber meines Wissens ist es noch keinem gelungen, damit fertigzuwerden.“

„Warum sollte Zutter es nicht geschafft haben?“

„Es wäre doch einfach idiotisch, den Erfinder zu töten, noch ehe man sicher ist, dass der Apparat wirklich funktioniert“, meinte Butch. „Nur er hätte Fehler beheben und das Gerät vervollkommnen können. Außerdem: Warum hätte in diesem Zusammenhang auch Jane sterben sollen?“

„Du hast Recht“, seufzte Carol. „Wir tappen weiterhin im Dunkeln.“



10

Als Cantrell nach Western Springs zurückkehrte, war Butch gerade eingetroffen. Die beiden Männer tauschten ihre Erfahrungen aus. Cantrell war nicht überrascht zu hören, dass Whistlers Behauptung vom liegengelassenen Feuerzeug sich als Finte entpuppte. Noch während sie miteinander sprachen, kam Carol ins Zimmer und meldete, dass Larry Bender gekommen sei. Die Männer begrüßten ihn.

„Ein Wunder ist geschehen“, sagte Larry Bender. „Ich befinde mich noch auf freiem Fuße. Allerdings darf ich die Stadt nicht verlassen. Es sieht so aus, als glaubte mir der Lieutenant. Ihm ist das wohl alles zu perfekt arrangiert. Er ist überzeugt davon, dass sich ein Mörder auf keinen Fall so wie ich mich verhalten würde.“

„Wir haben da eine kleine Theorie entwickelt“, sagte Cantrell. „Sie betrifft den Impulsgeber. Würden Sie es für möglich halten, dass er konstruiert wurde, um den Lauf der Roulettekugel zu bestimmen?“

Larry Bender sah verdutzt aus. „So lange die Kugel rollt, hat es Leute gegeben, die sie zu lenken versuchten, aber bis jetzt ist es keinem gelungen, das Problem zu lösen.“

„Könnte es Zutter nicht geschafft haben, damit fertigzuwerden?“, fragte Butch.

Larry Bender überlegte, dann schüttelte er den Kopf. „Wenn er so eine Erfindung gemacht hätte, würde er ja wohl nicht gezögert haben, sie anzuwenden. Er hat aber in letzter Zeit bei mir mehr verloren als gewonnen.“

„Also Fehlanzeige“, seufzte Butch.

„Nicht unbedingt“, sagte Cantrell. „Kennen Sie einen Kollegen, der bei der Konkurrenz arbeitet?“

„Ja. Milt Brooks. Es wäre nicht fair von mir, Ihnen seinen Arbeitsplatz zu nennen, aber ich weiß, dass er auf Monty Clears Lohnliste steht.“

„Rufen Sie ihn an und versuchen Sie herauszukriegen, ob Zutter schon mal bei ihm war. Oder bei seinen Kollegen. Es könnte immerhin sein, dass Zutter Ihren Klub bewusst geschont hat. Schließlich waren Sie der Mann seiner Geliebten. Er wollte Ihnen keine zusätzlichen Sorgen bereiten. Er hatte Ihnen quasi die Frau genommen, er wollte Sie nicht auch noch um den Job bringen.“

Larry Bender stülpte die Unterlippe nach außen. „Klingt ein bisschen konstruiert, aber zuzutrauen wäre es Tom schon gewesen. Okay, ich spreche mit Milt. Mal sehen, was er zu berichten hat.“

Das Gespräch dauerte nur wenige Minuten. Als Larry auflegte, sah er verdutzt aus. „Das ist nicht zu glauben“, murmelte er. „Tom Zutter hat in den letzten vier Wochen allein in Milts Spielbank mindestens einhunderttausend Dollar abkassiert. Er war aber auch in anderen Etablissements. Milt schätzt Zutters Gesamtgewinne in dieser Zeit auf eine halbe Million Dollar.“

„Wo ist das Geld geblieben?“, fragte Butch.

„Das ist die Frage. Jedenfalls sind ein paar Leute hinter dem Zaster her“, meinte Cantrell. „Zum Beispiel Fred Whistler. Ich werde mich noch einmal mit ihm unterhalten müssen.“

„Das haut mich um“, sagte Butch kopfschüttelnd. „Da gibt es also plötzlich einen Apparat, der jede Spielbank der Welt sprengen könnte! Kein Wunder, dass ein paar Leute scharf darauf sind, das Ding in ihren Besitz zu bringen. Ich denke dabei nicht nur an Einzelgänger, die sich zu bereichern wünschen, ich denke vor allem an Leute wie Garetti und Clear, an Spielbankbesitzer, die um ihre Existenz fürchten und die um jeden Preis verhindern müssen, dass Tom Zutters Impulsgeber herumgereicht wird.“

Cantrell schaute auf die Uhr.

„Das verstehe ich nicht“, meinte er. „Wo bleibt bloß Silk? Warum meldet er sich nicht?“

„Vielleicht hat er eine heiße Fährte entdeckt und ist unterwegs, um jemand zu beschatten. Im Wagen hat er kein Telefon. Er muss mit dem Telefonieren also warten, bis sich eine günstige Gelegenheit dafür bietet.“

„Kennen Sie Zutters Frau?“, wandte Cantrell sich an den Besucher.

„Ich habe sie nie zu Gesicht bekommen, sie scheint Tom nichts bedeutet zu haben“, sagte Larry Bender.

Carol steckte den Kopf ins Zimmer. „Silk ist am Telefon“, sagte sie. „Er will dich sprechen. Seine Stimme klingt irgendwie komisch...“

„Stell das Gespräch um, bitte“, sagte Cantrell und griff nach dem Hörer. Er meldete sich.

„Hallo, Chef, ich bin nicht allein“, sagte Silk. „Ich kann auch nicht frei sprechen, man hält mir nämlich eine Puste an die Schläfe. Ich komm mir vor wie im Wald. Einer meiner Begleiter hat den Wunsch, ein paar Worte an dich zu richten. Ich überlasse dich jetzt dem Fluss seiner Worte.“

„Cantrell?“, tönte es barsch aus der Hörmuschel. Die Stimme des Mannes war von leichter Heiserkeit geprägt.

„Sie haben gehört, was los ist. Wir haben uns erlaubt, Ihren Mitarbeiter hochzunehmen. Ein kurzer heftiger Hustenanfall zwang ihn, eine Pause einzulegen, dann fuhr er fort: „Wenn Sie Wert darauf legen, Ihren Mann zu behalten, sollten Sie augenblicklich mit Ihren Schnüffeleien Schluss machen und Larry Bender die Suppe auslöffeln lassen, die er sich eingebrockt hat.“

Es knackte in der Leitung, der Anrufer hatte aufgelegt.

„Mist“, sagte Butch.

„Immerhin wissen wir, wo Silk sich befindet. Den Stadtteil, meine ich“, sagte Cantrell, nachdem er das Band über den Lautsprecher abgespielt hatte.

„Wie bitte?“, staunte Butch.

„River Forest“, sagte Cantrell. „Silk nannte zwei Worte in dem Gespräch, die nicht recht hineinpassen. Ich komm mir vor wie im Wald, also Wald, und der Fluss der Worte. Forest und River. Nur müssen wir das Ganze rum drehen.“

„Das könnte hinhauen“, meinte Butch beeindruckt, „aber River Forest ist ein großer Bezirk.“

„Du fährst sofort los und klapperst dort alle Apotheken ab“, sagte Cantrell. „Auch die Drugstores. Nimm meinetwegen das Band mit. Erkundige dich nach heiseren, stark erkälteten Kunden, die sich Hustenmedikamente oder Grippemittel besorgt haben. Vielleicht haben wir Glück und erfahren, wie der Typ heißt und wo er wohnt“

„Eine reizende buntschillernde Aufgabe“, seufzte Butch und erhob sich. „Aber ich sehe ein, dass wir etwas für Silk tun müssen.“

„Soll ich jetzt nach Hause fahren?“, erkundigte sich Larry, nachdem

Butch gegangen war. „Der Lieutenant sagte mir, die Wohnung sei freigegeben worden.“

„Okay, dann weiß ich, wo Sie zu erreichen sind“, sagte Cantrell. „Öffnen Sie auf ein Türklingeln nur dann, wenn Sie sicher sein können, dass es keine Fremden sind und dass Ihnen keine Gefahr droht.“

„Das werde ich beherzigen, verlassen Sie sich darauf“, meinte Larry Bender.

Cantrell stand auf. „Denken Sie auch daran, dass es nicht unbedingt ein Fremder sein muss, von dem Ihnen Gefahr drohen kann.“

„Fred Whistler werde ich bestimmt nicht in meine Bude bitten“, sagte Larry Bender.

Cantrell schaute auf seine Uhr. „Ich fahre jetzt in die Stadt und besuche ihn. Ich hoffe auf ein paar klärende Worte und werde sanft nachhelfen müssen, wenn er sich dem Gespräch zu entziehen versucht.“

„Nehmen Sie sich vor ihm in acht. Er ist ein Schlitzohr“, sagte Larry.

„Das habe ich bereits festgestellt.“„Sollte ich nicht doch lieber in ein Hotel gehen?“, fragte Larry, als sie den Bungalow verließen. „Offen gestanden habe ich Angst vor Garetti. Durch meine Aussage ist der Klub aufgeflogen. Das wird er mir nicht verzeihen.“

„Ich spreche mit ihm.“

„Mit Garetti?“, staunte Larry. Er schüttelte den Kopf. „Nein, lassen Sie das lieber. Das erledige ich. Er muss verstehen, dass mir keine Wahl blieb.“

Cantrell fuhr in die Stadt. Er erreichte das Haus, in dem Fred Whistler wohnte, gegen neunzehn Uhr. Whistler war zu Hause. Er öffnete die Tür, traf aber keine Anstalten, den Besucher ins Wohnungsinnere zu bitten.

„Ich war noch nicht bei der Polizei“, sagte Cantrell.

„Nein?“

„Ich weiß nicht, ob Lucy Carven gegen Sie Anzeige erstattet hat, aber ich bezweifle es.“

„Ich habe versucht, Ihnen ein bisschen Konkurrenz zu machen“, behauptete Fred Whistler. „Ich habe auf eigene Faust Detektiv gespielt. Schließlich geht es darum, Larry zu helfen. Er ist mein Freund.“

„Was Sie nicht sagen!“

„Ehrenwort! Ich dachte, es sei ganz leicht, hinter die Kulissen der Geschehnisse zu blicken, aber jetzt sehe ich ein, dass mein Optimismus nicht gerechtfertigt war. Okay, es war sicherlich dumm und falsch, das Mädchen zu fesseln, aber ich wollte freie Bahn haben, ich wollte nicht gestört werden“, sagte er.

„Sie wussten, dass Zutter ein reicher Mann war“, sagte Cantrell ruhig.

„Das wusste jeder von uns. Er schmiss mit den Hundertern nur so um sich. Aber das imponierte keinem von uns. Schließlich sind wir an den Umgang mit betuchten Gästen gewöhnt.“

„Er ist durch das Roulette reich geworden. Mag sein, dass er auch vorher nicht an Geldmangel gelitten hat, aber erst dieser erstaunliche Impulsgeber machte ihn wirklich vermögend. Sie haben das gewusst.“

„Jetzt sprechen Sie in Rätseln“, meinte Fred Whistler und heuchelte Erstaunen.

„Müssen wir uns unbedingt hier draußen unterhalten?“, fragte Cantrell.

„Ja. Schließlich weiß ich, was Sie wollen. Sie haben vor, bei mir rum zu schnüffeln. Sie müssen schon gestatten, dass ich mich da querlege.“

„Wie Sie wollen. Ich kann auch die Polizei schicken“, sagte Cantrell.

„Was ich getan habe, rechtfertigt keine Hausdurchsuchung“, meinte Whistler und zog die Augenbrauen zusammen.

„Da bin ich anderer Ansicht.“

„Was, zum Teufel wollen Sie eigentlich von mir?“

„Ich wüsste gern, was Sie in Zutters Office zu finden hofften“, sagte Cantrell. „Geld? Den Impulsgeber? Oder die Konstruktionsunterlagen dafür?“

„Ich wiederhole, dass ich Larry helfen wollte. Ich meinte, der Schlüssel zu dem Verbrechen müsste in Zutters Büro zu finden sein.“

„Damit kommen Sie nicht durch.“

„Beweisen Sie mir erst mal das Gegenteil“, höhnte Whistler.

„Zunächst kann ich nachweisen, dass Sie das Feuerzeug gar nicht vergessen hatten“, meinte Cantrell. „Damit steht fest, dass diese Behauptung nur ein Vorwand war, um nochmals in den Klub zurückzukehren.“

„Ich brauchte keinen Vorwand, um hineinzugehen, ich besitze einen Schlüssel für alle Räume.“

„Sicher, aber Sie mussten sich Larry Bender gegenüber etwas einfallen lassen, irgendeine Rechtfertigung. Sie wussten, dass Mr. Bender dort war, genau wie Sie wussten, dass Tom Zutter es sich angewöhnt hatte, nach Schließung des Klublokals am Roulettetisch seinen Impulsgeber auszuprobieren. Er trainierte gewissermaßen damit, er war auf diese Vorbereitungen angewiesen, denn der von ihm bestellte Spieltisch war noch nicht in seinem Büro eingetroffen.“

„Sie reimen sich da eine Menge Quatsch zusammen“, sagte Whistler. „Ich kann Sie nicht daran hindern, sich als Märchenonkel zu betätigen, aber was nun mich betrifft, so habe ich Besseres zu tun, als Ihren netten Ratespielen zu folgen. Guten Abend!“

Er knallte die Tür vor Cantrells Nase zu.

Er wandte sich um und ging zum Fahrstuhlschacht. Er drückte den Bedienungsknopf und verfolgte an der elektrischen Anzeige, wie der Lift aus dem Erdgeschoss nach oben glitt. Als er stoppte und die Schiebetür zur Seite schnurrte, ertönte irgendwo hinter Cantrell ein dumpfer Knall.

Es war ein Schuss. Er klang wie in Watte verpackt und war in Fred Whistlers Wohnung abgegeben worden.



11

Cantrell hastete zu Whistlers Apartmenttür und klingelte. Niemand öffnete.

Er warf sich mit voller Wucht gegen die Türfüllung. Beim dritten Versuch sprengte er die Tür aus den Angeln und stolperte in die Diele.

Fred Whistler lag auf der Wohnzimmerschwelle. Er atmete keuchend, mit weit aufgerissenen Augen und verzerrtem Mund. Die rechte Hand war in seine Brust verkrallt. Durch die Finger sickerte Blut.

Cantrell sah mit einem Blick, dass die Wohnzimmerfenster geschlossen waren. Die Tür zur Küche stand offen. Cantrell riss den Telefonhörer von der Gabel und kurbelte den Notruf herunter. Er alarmierte Polizei und Notarztwagen, dann hastete er in die Küche und trat durch die offene Balkontür ins Freie. Er beugte sich über die Brüstung und sah gerade noch, wie ein Mann die unterste Plattform der Feuertreppe erreicht hatte und mit federnden Beinen auf die asphaltierte Hoffläche sprang.

Der Mann trug schwarze Cordhosen und eine kurze Nappalederjacke mit Strickbündchen. Er hatte dunkelblondes glatt zurückgekämmtes Haar, das strähnig über den Strickkragen hing. Er blieb stehen, schaute sich um und blickte an der Hausfassade empor.

Sein Blick kreuzte sich mit dem von Cantrell. Die Männer starrten sich an, nur eine Sekunde lang, dann lief der Schwarzgekleidete zu einer Durchfahrt, die das u-förmig angelegte Gebäude mit der Straße verband und war im nächsten Moment Cantrells Blicken entschwunden.

Cantrell eilte zurück zu Whistler. Der Mixer atmete ruhiger, er hatte seine Augen jetzt geschlossen.

„Ich muss Sie auf die Seite drehen“, sagte Cantrell. „Es ist besser so. Der Blutverlust wird gehemmt. Kannten Sie den Mann?“

Whistler bewegte die Lippen. Cantrell bemühte sich, ihm vom Mund abzulesen, was er sagen wollte, aber das erwies sich als unmöglich.

„Bleiben Sie ganz ruhig liegen, die Ambulanz ist unterwegs“, sagte Cantrell und richtete sich auf.

Er schaute sich im Wohnzimmer um. Es machte einen bürgerlich soliden Eindruck und war tadellos aufgeräumt. Die Ascher waren sauber, es standen auch keine Gläser auf dem Teppich. Entweder hatte Whistler den Blonden kurz vorher eingelassen und versäumt, ihm etwas anzubieten oder der Mann war auf dem gleichen Weg gekommen, wie er gegangen war, über Feuerleiter und Küchenbalkon.

„Was ist denn hier passiert?“, fragte eine männliche Stimme hinter Cantrell.

Ein knapp Sechzigjähriger stieg über die eingebrochene Tür.

„Mein Name ist Creech, Max Creech. Ich bin der Nachbar“, sagte er. „Der Krach hat mich von der Couch gescheucht. Ich war gerade dabei, ein Nickerchen zu machen.“

„Auf Mr. Whistler ist ein Anschlag verübt worden. Der Täter ist über die Feuerleiter entkommen“, sagte Cantrell.

„Rolly, meinen Sie? Rolly kann doch nicht auf Mr. Whistler geschossen haben.“

„Wer ist Rolly?“

„Der Mann, von dem Sie sprechen. Als ich den Krach hörte, habe ich erst mal aus dem Fenster geschaut. Und da sah ich Rolly die Feuerleiter hinabklettern.“

„Wer ist Rolly?“, unterbrach Cantrell den Alten.

„Rolf Clyman. Ein Freund von Mr. Whistler. Der kann nicht auf ihn geschossen haben“, wiederholte Creech.

„Wissen Sie, wo Clyman wohnt?“

„Nee, aber das kann Ihnen Benny sagen, der Wirt vom Billardsalon an der Ecke. Dort habe ich Fred und Rolly wiederholt zusammen gesehen, ich wüsste sonst gar nicht, dass Rolly mit Fred befreundet ist. Glauben Sie, er wird durchkommen? Ist er schon tot?“

„Nein, aber sein Zustand ist ernst“, sagte Cantrell. „Dieser Rolly weiß, wie man mit einem Revolver umgeht.“

„Sie müssen sich irren.“

„Ich habe die Tür aufbrechen müssen, um reinzukommen“, sagte Cantrell. „Außer Fred. Er unterbrach sich. Ihm fiel ein, dass er noch nicht alle Räume durchsucht hatte. Er war weder im Bad noch im Schlafzimmer gewesen. Er holte das Versäumte nach, er blickte sogar in die Besenkammer. „Nichts“, stellte er fest. „Es muss Rolly gewesen sein.“

„Das hätte ich dem nicht zugetraut, obwohl...“

„Obwohl?“

„Ach, hinterher ist es leicht, irgendwas in einen Menschen rein zu dichten. Aber sein Blick hat mir niemals gefallen, der hatte so etwas Hinterhältiges und Lauerndes.“

Fünf Minuten später trafen Polizei und Ambulanz ein. Während der Notarzt dem Verletzten erste Hilfe angedeihen ließ und seinen Abtransport organisiert, gab Cantrell zu Protokoll, was er erlebt hatte.

Danach begab er sich in das von Creech genannte Lokal.

„Ich suche Rolly“, wandte er sich an den Wirt. „Rolly Clyman. War er heute hier?“

„Nee.“

„Es ist dringend. Wo finde ich ihn?“

„Der wohnt in dem alten Kasten, wo die Heilsarmee ihr Quartier hat in der Stevenson Street, zwei Häuserblocks von hier entfernt. Die Hausnummer weiß ich nicht, aber Sie können die Bruchbude nicht verfehlen.“

Eine Viertelstunde später stand Cantrell in der dunklen Mansarde einer heruntergekommenen Mietskaserne, die erfüllt war vom Geräusch plärrender Lautsprecher, streitender Stimmen und kreischender, spielender Kinder. Hier oben gab es nur zwei Wohnungen. Ein paar Mauervorsprünge dienten als Abstellplätze.

Cantrell erkannte undeutlich aufgestapelte Möbelstücke und Kühlschränke.

Cantrell legte sein Ohr gegen die Füllung von Clymans Wohnungstür. Im Inneren war es still. Die Tür machte den Eindruck, als könnte man sie mit einem gezieltem Fußtritt öffnen. Cantrell überlegte allen Ernstes, ob er sich dieser Methode bedienen sollte.

Leider war er als Anwalt verpflichtet, gewisse Spielregeln nicht zu verletzen. Schließlich und endlich war es ja keineswegs erwiesen, dass Creechs Beobachtung zutraf.

Cantrell steckte zögernd die Hand aus, er klingelte. In der Wohnung rührte sich nichts. Auch ein zweites und drittes Klingeln brachten keine Antwort.

Cantrell machte kehrt. Er ging auf die Treppe zu, blieb jedoch abrupt stehen, als er eine Bewegung neben sich wahrnahm. Noch ehe er richtig sehen konnte, um wen es sich handelte, wirbelte er auf den Absätzen herum und landete einen Karateschlag.

Er traf den Mann mit dem Revolver so plötzlich und hart, dass die Waffe aus seinen kraftlosen Fingern zu Boden polterte.

Cantrell bückte sich nach der Waffe, erst dann nahm er sich die Mühe, seinen in die Knie gesackten Gegner näher in Augenschein zu nehmen.

Es war der Blonde in Schwarz, der Mann mit dem strähnigen Haar.

„Hallo Rolly“, sagte Cantrell. Er schnupperte an der Waffenmündung. Der scharfe Geruch von Barium und Kordit drängte sich in seine Nase. Kein Zweifel, der Revolver war gerade erst benutzt worden.

Clyman sah aus, als ob er sich erbrechen müsste, aber irgendwie schaffte er es, die Folgen des ebenso harten wie überraschenden Treffers zu verkraften. Er quälte sich auf die Beine. Cantrell trat einen Schritt zurück.

„Ich hoffe, Sie haben begriffen, dass mit meiner Reaktionsfähigkeit alles okay ist“, sagte Cantrell. „Wenn Sie glauben, mich ein zweites Mal attackieren zu müssen, könnte das für Sie fatale Folgen haben.“

Clyman starrte in die auf ihn gerichtete Waffenmündung und nickte. Er machte kehrt und schloss seine Wohnungstür auf.

„Soll ich vorangehen?“, fragte er.

„Ein guter Gedanke“, sagte Cantrell. „Aber verschränken Sie bitte Ihre Hände im Nacken, ich habe eine Schwäche für diese Haltung.“

Clyman gehorchte. Cantrell trat die Tür mit dem Fuß zurück und überquerte die Schwelle erst in dem Moment, als die Tür gegen die Wand knallte und zu erkennen war, dass sich niemand in der kleinen Diele versteckt hielt. Mit dem Betreten des Wohnzimmers hielt er es nicht anders.

Der mittelgroße Raum hatte eine schräge Wand und zwei Fenster. Eines davon stand offen. Das Zimmer wurde von riesigen Sexpostern an den Wänden beherrscht, wohin man auch blickte, sah man fleischfarbige Verwirrung und Verirrung.

„Sie haben gute Freunde Clyman“, sagte Cantrell.

„Sicher. Ich hoffe, Sie vergessen das nicht“, knurrte Clyman. „Wenn Sie versuchen, mich in die Pfanne zu hauen, wird Ihnen das schlecht bekommen.“

„Ich habe Ihre Adresse vom Wirt des Billardsaloons“, sagte er. „Ihm müssen plötzlich Bedenken gekommen sein. Er hat Sie angerufen und von meinem Interesse unterrichtet. Daraufhin hielten Sie es für geboten, mich außerhalb der Wohnung zu erwarten und einen Überraschungscoup zu landen.“

„Wer sind Sie, was wollen Sie von mir?“

„Das Motiv für einen Mordversuch“, sagte Cantrell. „Warum haben Sie auf Whistler geschossen?“ Clymans Blick hob sich von der Revolvermündung und traf Cantrells Augen. Im Blick des Gangsters mischten sich Verblüffung mit jähem Terror.

„Whistler?“, fragte er. „Wer zum Teufel soll das sein?“

„Ihr Ex-Freund. Ich weiß Bescheid. Sie kennen ihn gut. Man hat Sie wiederholt zusammen im Billardsalon gesehen“, sagte Cantrell.

„Da sehe ich viele Leute. Ich merke mir keine Namen, höchstens die Vornamen“, sagte Clyman.

„Fred“, erklärte .Cantrell, „Fred Whistler.“

„Einen Fred kenne ich. Sieht aus wie ein anderer Fred. Wie Fred Astaire. Ist das der Typ?“

„Sie wissen verdammt genau, von wem ich spreche“, stellte Cantrell fest.

„Okay. Ich kenne ihn. Aber ich habe nicht auf ihn geschossen. Warum hätte ich das tun sollen?“

„Weil jemand dafür bezahlt, nehme ich an“, sagte Cantrell. „Ich kann nicht erwarten, dass sie sich selbst belasten, aber die Indizien sprechen eindeutig gegen Sie. Ich habe selbst gesehen, wie Sie von der Feuerleiter sprangen und ich wette, dass dies der Revolver ist, aus dem auf Whistler geschossen wurde. Er lebt übrigens noch. Er hat gute Chancen durchzukommen. Dieser Umstand wird Ihnen noch eine Menge Ärger bereiten.“

Clyman verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. „Sie sagen, ich hätte es getan. Ich behaupte das Gegenteil. Damit steht Aussage gegen Aussage.“

„Es gibt noch einen Zeugen. Es gibt Whistler. Und es gibt diesen Revolver“, sagte Cantrell und trat ans Telefon. Er nahm mit der Linken den Hörer ab, klemmte ihn zwischen Kopf und Schulter und drehte die Wählscheibe. Die Waffe hielt er weiterhin auf seinen Gegner gerichtet.

Der bekam schmale harte Augen. In seinem Blick irr lichtete es, es waren die üblichen Funken von Kurzschluss.

„Verbinden Sie mich mit Lieutenant Rollins“, bat Cantrell, als sich der Teilnehmer meldete.

In diesem Moment sprang Clyman nach vorn, zog sich dabei zusammen und legte seine ganze Wut, Kraft und Konzentration in einen Rammstoß, der vom Körper getragen und vom Kopf als Speerspitze ausgeführt wurde.

Cantrell ließ den Hörer fallen, drehte sich blitzschnell zur Seite und schaffte es, Clyman haarscharf an sich vorbei sausen zu lassen. Cantrell schien es fast so, als wich er im Matadorstil einem angreifenden Stier aus.

Clyman wirbelte herum. Er griff erneut an. Cantrell riss die Waffe hoch und setzte ihren Schaft mit dosierter gezielter Härte auf den gegen ihn anrennenden Schädel des Gangsters.

Clyman brach zusammen. Er versuchte, nochmals hochzukommen, dann kapitulierte sein Körper und er fiel erschlaffend in sich zusammen.

Cantrell bückte sich nach dem quäkenden, auf dem Boden liegenden Hörer.

„Lieutenant Rollins“, wiederholte er.

„Am Apparat“, tönte es Cantrell entgegen.



12

Cantrell spulte herunter, wo er sich befand und was ihn in Rolf Clymans Wohnung geführt hatte.

„Bleibe einen Moment an der Strippe“, bat Rollins. „Ich erkundige mich im Fahndungsoffice, ob er zu unseren Kunden gehört.“

Cantrell wartete. Clyman stöhnte leise. Er stemmte den Oberkörper hoch, schüttelte mit verzogenem Gesicht den Kopf und berührte seine schmerzende Schädeldecke. Er tastete die Stelle ab, wo sich eine Beule zu bilden drohte.

„Ich verweigere die Aussage“, murmelte er. „Von mir erfahren Sie nichts. Kein Wort.“

„Das steht ganz bei Ihnen.“

Clyman zog sich mit beiden Händen an einem Sessel hoch, ließ sich hineinfallen und sagte schwer atmend: „Sie begehen einen Fehler, Mann. Wer sich mit mir anlegt, muss es bereuen.“

Der Lieutenant meldete sich.

„Ein alter Bekannter“, sagte er. „Vierfach vorbestraft, insgesamt dreieinhalb Jahre Gefängnis. Arbeitete zuletzt für Guilio Garetti. Clyman gilt als gefährlich.“

„Das kann ich nur bestätigen“, meinte Cantrell. „Schick jemand her und nimm den Burschen in Empfang, bitte.“

Cantrell legte auf, schob den Revolver in seinen Hosenbund und setzte sich. Eine weitere Attacke war von Clyman kaum zu befürchten.

„Sie handelten in Garettis Auftrag“, sagte Cantrell.

„Sie müssen's ja wissen“, knurrte Clyman. Wieder zeigte sich in seinen Augen ein seltsames Glitzern. Aber diesmal wurde es von deutlicher Furcht beherrscht. Cantrell hatte keine Mühe, ihre Quelle zu erkennen. Clyman hatte Angst, wegen seines offenkundigen Versagens von Guilio Garetti zur Verantwortung gezogen zu werden.

„Natürlich können Sie die Aussage verweigern und darauf bauen, dass Garetti dieses Verhalten honoriert“, spottete Cantrell, „aber letzten Endes läuft es für Sie doch darauf hinaus, dass Sie die Suppe allein auslöffeln müssen. Was hat man Ihnen für den Schuss auf Whistler gezahlt? Einen Tausender? Oder zwei? Wenn man davon ausgeht, dass sie vermutlich erst die Hälfte des Geldes bekommen haben und wegen versuchten oder gar vollendeten Mordes mindestens ein Jahrzehnt brummen müssen, dürfte sich Ihre Aktion als miserables Geschäft entpuppt haben.“

„Sie können mich mal!“

„Garetti, der große Boss, bleibt von all dem unberührt“, stichelte Cantrell. „Der sitzt weiter wie die Made im Speck. Dabei könnten Sie leicht einen Rollentausch vornehmen.“

„Hören Sie endlich auf, für diesen Schmus habe ich kein Ohr.“

„Das trifft nur Sie, mich nicht. Bedenken Sie doch mal, welche Chancen Sie hätten, wenn Sie den Spieß umkehren und aus dem Angeklagten zum Kläger würden. Zugegeben, die Sache mit Whistler müssen Sie ausbaden, aber es liegt ganz bei Ihnen, ob auch die Hintermänner mit von der Partie sein werden. Als Kronzeuge könnten Sie mit mildernden Umständen rechnen und der Mann, vor dem Sie sich fürchten müssen, wäre aus dem Verkehr gezogen.“

„Lassen Sie mich in Ruhe.“

„Okay, Sie haben jetzt ein paar Nüsse zu knacken. Ich beneide Sie nicht um diese Aufgabe“, sagte Cantrell und griff erneut nach dem Hörer. Er wählte die Nummer seines Bungalows. Carol meldete sich.

„Hat Silk was von sich hören lassen?“, fragte Cantrell.

„Nein, aber Butch ist auf eine heiße Fährte gestoßen“, berichtete Carol. „In einer Drogerie hat er erfahren, dass ein Mann, dessen Stimme mit der unseres Anrufers identisch ist, in den letzten Tagen wiederholt Tabletten und Säfte gegen seine Bronchitis gekauft hat. Der Clerk konnte nicht genau sagen, wie der Bursche heißt, aber er konnte eine sehr gute Beschreibung von ihm liefern. Butch ist damit unterwegs, um fündig zu werden. Die Aussichten stehen nicht schlecht, denn schließlich ist anzunehmen, dass der Unbekannte irgendwo in der Nähe des Drugstores wohnt oder arbeitet. Und wie läuft es bei dir?“, schloss sie.

„Ich kann nicht klagen. Auf Whistler wurde ein Mordversuch verübt und ich sitze in der Wohnung des Mannes, der für die Tat geradestehen muss.“

„Du bist ein fixer Junge“, lobte sie ihn.

„Besser das, als ein Junge, der fixt“, meinte er und legte auf.



13

Lloyd Templer betrat das Haus kurz nach Mitternacht. Er fuhr mit dem Lift in die oberste Etage. Dort stoppte er an der Gittertür, die zum Dach führte und klingelte. Als es in der Sprechanlage knackte, sagte er nur: „Ich bin’s.“

Der Summer ertönte. Lloyd Templer öffnete die schmiedeeiserne Tür, ging die Treppe zum Dach hinauf und wurde am Eingang des Penthouses von Kelly Zutter empfangen. Sie trug ein bodenlanges hochgeschlossenes Kleid, dessen seidiger grüner Stoff ihre vollen Brüste und die makellosen Linien von Schultern, Hüften und Leib modellierte.

„Ist dir jemand gefolgt?“, fragte sie und blickte über seine Schulter zur Treppe.

„Unsinn. Und selbst, wenn mich jemand auf dem Wege zu dir gesehen haben sollte, ist das kein Grund, nervös zu werden. Schließlich hat dein Mann dich vernachlässigt, er hatte eine Geliebte“, spottete Templer. „Du hattest und hast also Anspruch auf einen Freund und Tröster.“

Sie betraten die Diele. Templer schloss die Frau in seine Arme. Er presste seinen Körper gierig gegen ihren biegsamen Leib und stieß seine Zunge beim Küssen tief in ihren weit geöffneten Mund. Schwer atmend gab er Kelly Zutter wieder frei.

„Ich hoffe, du hast den Champagner kaltgestellt“, sagte er und streifte seinen Mantel ab. Dann hängte er auch noch seinen Sakko auf. „Wie war's denn so?“

„Was meinst du damit?“

„Na, die Unterhaltung mit den Bullen. Ist es dir schwergefallen, die trauernde Witwe zu spielen?“

„Das wäre so ungefähr das Dümmste, was ich hätte tun können. Das hätte mir niemand abgekauft. Nein, ich habe mich kalt und ungerührt gegeben, das war viel überzeugender“, meinte sie.

„Ich bewundere dich“, sagte er und streckte die Arme nach ihr aus, aber Kelly entwand sich ihm und sagte: „Ich hole was zu trinken.“

Sie kehrte mit einer eisgekühlten Champagnerflasche zurück. Der Mann öffnete sie und ließ den schäumenden Inhalt in die bereitgestellten Gläser fließen.

„Wir sind über den Berg“, sagte er. „Wir haben’s geschafft.“

„Freu dich nicht zu früh.“

„Ist ’ne halbe Million kein Grund zum Jubeln?“

„Du denkst nur an das Geld.“

„Ich denke auch an dich, vor allem an dich“, beeilte er sich zu versichern. „Für eine andere hätte ich das nicht getan. Zwei Morde! Brr.“ Er schüttelte sich. „Haben sie ihn schon hochgenommen?“

„Wen, Bender? Keine Ahnung.“

„Sie müssen ihn einfach verhaften. Alles spricht gegen ihn.“

„Vielleicht macht sie gerade dieser Umstand misstrauisch“, meinte Kelly und griff nach dem Glas. „Es ist alles zu perfekt, weißt du.“

„Wenn schon! Im Grunde ist es mir egal, was mit ihm geschieht. Worauf trinken wir? Auf unsere Zukunft! Prost, mein Schatz.“

Sie tranken, dann setzten sie sich. Der Mann legte einen Arm um Kellys Schultern. Er behielt sein Glas in der Hand.

„Ich fürchte mich nicht vor der Polizei“, sagte Kelly nach kurzer Pause. „Ich habe Angst vor den anderen.“

„Vor welchen anderen?“

„Vor Garetti. Vor Clear. Vor all den Typen, die Toms Erfindung kennengelernt haben und ihre Hand darauf zu legen versuchen.“

„Niemand würde auf die Idee verfallen, dass du etwas damit zu tun haben könntest.“

„Du vergisst, dass Tom bis zuletzt hier wohnte. Auch wenn er oft nächtelang wegblieb.“

„Was kann dir schon passieren? Schlimmstenfalls spielen ein paar Leute verrückt und stellen deine Bude auf den Kopf. Sie werden nichts finden.“

„Sie könnten versuchen, mich zum Sprechen zu zwingen“, sagte Kelly.

„Denkst du an Folter oder so was?“ Er lachte. „Das gibt's nur noch in Romanen.“

„Da bin ich anderer Meinung. Es gibt ja auch den Mord. Du selbst hast zwei begangen.“

„Nur für dich, Liebling.“

„Hör auf mit dem Schmus“, sagte sie. „Du hast auch an dich gedacht.“

„Klar, aber immer im Zusammenhang mit dir. Sobald das Begräbnis vorüber ist, sobald sich die Wogen der Erregung geglättet haben, kratzen wir die Kurve. Wir ziehen in eine andere Stadt. Wir werden leben wie die Made im Speck. Und wenn eines Tages die Geldvorräte zur Neige gehen sollten, setzte ich mich mit dem Impulsgeber an einen Spieltisch und sahne ab.“

„Kannst du das Ding überhaupt bedienen?“

„Noch nicht, aber ich verfüge über technisches Verständnis und traue mir zu, Toms Erfindung virtuos zu handhaben“, sagte Lloyd Templer. Er steckte sich eine Zigarette an, legte die Füße auf den vor ihm stehenden Klubtisch und fragte: „Wollen wir nicht in die Falle hüpfen?“

„Nein, ich möchte das Geld holen.“

„Das Geld? Jetzt? Warum denn?“, fragte er verblüfft.

„Es lässt mir keine Ruhe. Ich schlafe kaum noch, weil ich mir immerzu vorstelle, dass jemand das Versteck plündern könnte“, sagte sie.

„Hm“, machte er. „Da ist was dran. Warum bewahren wir das Geld nicht bei mir auf? Niemand kennt mich, niemand weiß, dass wir miteinander liiert sind.“

„Vielleicht hast du Recht“, meinte Kelly. „Aber kann ich dir auch wirklich trauen?“

Er warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. „Aber Honey! Ich liebe dich doch.“

„Mit einer halben Million in der Tasche ist es leicht, eine alte Liebe zu vergessen.“

„Du spinnst. Für mich gibt es keine Frau außer dir, das ist so und das wird so bleiben. Komm, lass uns gehen. Es wird am besten sein, wir schieben das Ganze nicht auf die lange Bank, sonst haben wir am Ende noch Grund, unser Zögern zu bereuen.“

Zehn Minuten später saßen sie in Templers Volvo. Kelly hatte sich einen dunklen Staubmantel übergestreift und ein Kopftuch umgebunden. Sie achtete darauf, dass ihnen niemand folgte.

„Alles okay“, meinte sie nach einer Viertelstunde Fahrt.

„Du musst mir den Weg weisen“, sagte er.

„Erst mal nordwärts bis Waukegan, dann sehen wir weiter“, erwiderte sie.

Eine Stunde später erreichten sie eine kleine Ortschaft namens Wedges Corner. Kelly dirigierte den Fahrer zu einem kleinen See, an dessen Ufer etwa zwei Dutzend Wochenendhäuser standen. Sie waren zur Zeit unbewohnt.

„Das dritte links ist es“, sagte Kelly.

Lloyd Templer stoppte und stellte die Scheinwerfer ab. Man hörte das Quaken von Fröschen. Sie stiegen aus. Kelly kramte in ihrer Handtasche herum. Sie übergab Templer einen Schlüssel.

„Es ist im Wasserkasten der Toilette, in einem Plastikbeutel“, sagte sie.

Templer nickte, betrat den Steppwalk des kleinen Holzhauses und fluchte leise, weil der Schlüssel nicht in das Schloss passte.

„Es geht nicht“, sagte er. „Bist du sicher, dass dies die richtige Bude ist?“

„Aber ja!“

„Der Schlüssel passt nicht.“

„Zu blöd“, meinte Kelly. „Ich muss den falschen erwischt haben.“

„Was nun?“

„Du musst die Tür aufbrechen.“

„Das dürfte kein Problem sein, aber was ist, wenn jemand bei Tageslicht die Bescherung entdeckt?“

„Mach dir darüber keine Gedanken. Einbrüche gehören hier zur Tagesordnung. Diese kleinen

Wochenendhäuser üben auf Penner und Landstreicher eine magische Anziehungskraft aus. Man wird wegen der aufgebrochenen Tür nicht gleich an was Schlimmes denken.“

Templer öffnete den Kofferraum seines Wagens, entnahm dem Werkzeugset ein Montiereisen und schaffte es binnen weniger Minuten, die Tür aufzubrechen. Er knipste das Licht an und trat ein. Er stutzte, als er die kleine Toilette betrat. Es gab darin gar keinen Wasserkasten. Templer wandte sich fragend um. Er riss die Augen auf. Kelly stand mitten im Raum. Sie hielt einen Revolver in der Hand.

„He, was soll das?“, stieß Templer hervor.

Kelly lächelte kalt.

„Ich brauche dich nicht mehr Honey“, sagte sie.

„Das war also nur eine Falle, eine verdammte Falle“, keuchte er.

„Erraten“, spottete sie. „Das ist nicht unser Haus. Hier liegt kein Geld. Aber sie werden anhand der Fingerabdrücke feststellen, dass du mit Gewalt eingedrungen bist.“

„Bitte, Kelly“

„Stehenbleiben!“, zischte sie scharf. Der Mann gehorchte. Er spürte das nervöse Hämmern seines Herzens und suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus der scheinbar hoffnungslosen Situation.

„Damit kommst du nicht durch, sie werden herauskriegen, wer das getan hat“, sagte er.

„Wie denn?“, höhnte sie. „Wir haben stets streng darauf geachtet, uns nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu sehen.“

„Vor ein paar Tagen traf ich auf dem Wege zu dir den Hausmeister. Er hielt mich an. Er wollte wissen, wen ich suche. Ich sagte ihm, dass ich mich auf dem Wege zu dir befände. Wenn der Kerl mein Bild in den Zeitungen sehen sollte, wird er rasch schalten und die Polizei informieren.“

„Mr. Kirk?“, Kelly lachte höhnisch. „Der doch nicht! Wenn er wirklich einen Verdacht haben sollte, wird er erst mal mich fragen. Der frisst mir aus der Hand. Der würde niemals etwas tun, das mich in Verlegenheit bringen könnte.“

„Ich muss jetzt alles wissen“, stieß der Mann hervor. Sein Blick klebte buchstäblich an der drohend auf ihn gerichteten Waffenmündung. Ihm entging nicht, dass Kellys Finger den Druckpunkt des Abzugs erreicht hatte.

„Ich brauchte einen Killer“, sagte sie. „Einen Mann, der Tom für mich aus dem Wege räumte und der auch nicht davor zurückschreckte, Jane abzuservieren. Ich wollte, dass alles so aussieht, als sei es ein Verbrechen aus Eifersucht, begangen von Janes Ehemann. Ich hätte mir einen Killer kaufen können, klar, aber das erschien mir zu gefährlich, denn ich hatte keine Lust, mich späteren Erpressungen auszusetzen. Nein, ich brauchte einen wie dich. Einen Mann, der brutal und skrupellos ist. Ich habe dich längst durchschaut. Dir geht es nicht um mich, dir geht es nur um das Geld. Wenn du es jetzt und hier bekommen hättest, wärst du damit abgehauen und ich hätte dich nicht mal anzeigen können.“

„Das ist nicht wahr!“

„Ich muss dich töten Lloyd. Ich empfinde nichts dabei. Ist das nicht komisch? Tom hat mich verpfuscht. Ich wollte ihm treu sein, aber er stieg immer nur anderen nach. Da habe ich angefangen, ihn zu hassen. Nicht nur ihn. Ich hasse alle Männer.“

Lloyd Templer machte einen entschlossenen verzweifelten Sprung nach vorn.

Kelly schoss. Dreimal hintereinander.

Es war, als würde der anstürmende Mann von harten unsichtbaren Faustschlägen gestoppt. Er brach in die Knie mit schwankendem Oberkörper. Dann kippte er nach vorn und blieb liegen, ohne sich zu rühren.



14

Butch war fast die ganze Nacht unterwegs, um den Mann mit der heiseren Stimme zu finden. Er erkundigte sich an Straßenecken und in Lokalen nach ihm, er befragte leichte Mädchen und solide Nachtwächter. Aber Cantrell und er hörten von Silks Entführer erst wieder am nächsten Morgen etwas. Es war kurz nach neun, als sich Cantrell, Carol und er, Butch, am Frühstückstisch zur Lagebesprechung zusammengefunden hatten.

„Sie haben herumgeschnüffelt, Sie suchen mich“, raunzte der Mann mit belegter Stimme, nachdem Carol ihn mit Tony verbunden hatte. „Sie vergessen, was Sie dabei aufs Spiel setzen. Das Leben Ihres Schnüfflers. Wenn Sie nicht sofort Punkt für Punkt erfüllen, können Sie für Ihren Mitarbeiter einen Sarg bestellen. Es darf ruhig ein Kindersarg sein wegen der Kosten. Ehe wir mit Philby fertig sind, wird er mühelos hineinpassen.“

„Ich möchte ihn sprechen“, sagte Cantrell. Die Antwort darauf bestand in einem Leitungsknacken und dem sich anschließenden Tuten des Freizeichens. Der Teilnehmer hatte aufgelegt.

„Der meint das ernst“, sagte Butch. „Irgend jemand muss zufällig gehört haben, wie du nach dem Kerl fragtest“, meinte Cantrell. „Er hat den Burschen gewarnt.“

„Was nun?“

Das Telefon klingelte. Diesmal nahm Cantrell den Anruf entgegen. „Rollins. Gut geschlafen?“

„Danke, es geht. So früh schon im Dienst?“

„Schon seit über einer Stunde. Draußen in Wedges Corner hat man im Morgengrauen eine Leiche entdeckt, eigentlich nur durch einen Zufall. Ein Jagdaufseher bemerkte die aufgebrochene Tür eines Wochenendhauses, sah nach dem Rechten und stieß auf einen Toten.

„Mord?“

„Astrein. Ein Blattschuss.“

„Wem gehört das Haus?“

„Halt dich fest mein Junge. Es gehört deinem Klienten“, sagte der Lieutenant.

„Larry Bender?“

„Erraten.“

„Hast du mit ihm gesprochen. Hat er ein Alibi?“

„Ja. Der Tote wurde inzwischen identifiziert. Es handelt sich um einen Mann namens Lloyd Templer. Larry Bender behauptet, ihn nicht zu kennen. Templer war kein unbeschriebenes Blatt, aber kein organisierter Gangster, kein Bursche vom sogenannten harten Kern. Templer war wegen wiederholten Scheckbetrugs vorbestraft.“

„Was wisst ihr noch von ihm?“

„Es ist ein bisschen früh, danach zu fragen. Einige meiner Leute sind ausgeschwärmt, um die notwendigen Informationen zu sammeln.“

„Danke“, sagte Cantrell und legte auf. Er teilte Butch und Carol mit, was sich ereignet hatte.

„Das Ganze wird immer undurchsichtiger“, maulte Butch.

„Dafür gibt es nur eine Erklärung“, meinte Cantrell. „Es gibt mehrere Gruppen und Leute, die an Zutters Tod und dem Impulsgeber interessiert waren und es sieht ganz so aus, als habe die Jagd nach Zutters sensationeller Erfindung noch kein Ende gefunden.“

„Ich finde, wir sollten Bender und das ganze Drum und Dran erst einmal ausklammern“, meinte Carol. „Jetzt geht es darum, Silk zu helfen.“

„Wem sagst du das?“, seufzte Cantrell und hielt Carol die geleerte Kaffeetasse entgegen. „Du musst dir noch einmal gründlich durch den Kopf gehen lassen, wer die Nachricht von deiner Suchaktion an den Heiseren weitergeleitet haben könnte“, wandte er sich an Butch.

„Das überlege ich mir seit dem Anruf“, meinte Butch stirnrunzelnd. „Ich war einfach in zu vielen Kneipen weißt du. Ich habe mich in jedem Fall bemüht, meine Fragen möglichst diskret zu stellen, aber du weißt ja, was an diesen Kneipentresen vorgeht. Hier und dort hat es gewiss einen oder mehrere Zuhörer gegeben.“

Das Telefon klingelte abermals.

„Ein betriebsamer Morgen“, sagte Cantrell und griff nach dem Hörer.

„Sie suchen jemand“, meldete sich eine männliche Stimme am anderen Leitungsende. Die Stimme klang ängstlich und nervös.

„Mit wem spreche ich bitte?“

„Mein Name tut nichts zur Sache. Aber ich hätte 'ne Information für Sie.“

„Nämlich?“

„Da war gestern so ein Typ unterwegs, ein Mitarbeiter von Ihnen. Er suchte einen Kerl mit heiserer Stimme.“

„Wir suchen ihn immer noch“, sagte Cantrell ruhig. „Wollen Sie das hören?“

„Genau das. Ich könnte Ihnen sagen, wer es ist. Aber das würde Sie natürlich 'ne Kleinigkeit kosten.“

„Wie viel?“

„Sagen wir zweihundert. Okay?“

„Hundert tun's auch“, meinte Cantrell. „So wichtig ist uns die Auskunft nicht.“

„Hundertfünfzig“, schlug der Anrufer vor.

„Meinetwegen. Kommen Sie her. Wenn die Information stimmt, kriegen Sie das Geld.“

„Ich werde mich hüten, in Ihrem Schnüfflerbüro aufzukreuzen. Sie treffen mich an der Ecke Lawrence Avenue und Sechshundert East. Ich drücke Ihnen einen Zettel in die Hand und Sie überlassen mir drei fünfziger Noten. Bringen Sie den Typ von gestern mit, damit ich sehe, an wen ich mich zu wenden habe. Ich werde in einer Stunde dort sein.“

Der Teilnehmer hängte auf.

„Was ist, wenn es sich um eine Falle handelt?“, fragte Butch, der das Gespräch über den Zweithörer mitverfolgt hatte.

„Du denkst an Silk?“, fragte Cantrell. Er überlegte. „Da besteht ein gewisses Risiko“, räumte er ein. „Silks Entführer können testen wollen, ob wir weitermachen oder ob wir gepasst haben. Wir müssen dieses Risiko tragen.“

„In erster Linie trägt es Silk“, sagte Butch.

„Ich weiß“, meinte Cantrell ernst, leerte die Kaffeetasse und stand auf.

Eine Stunde später stand er mit Butch an der abgesprochenen belebten Straßenkreuzung. Ein hagerer knochiger Endfünfziger trat auf sie zu. Er überließ ihnen einen blauen dünnen Umschlag. Cantrell händigte ihm dafür drei Fünfzig-Dollar-Noten aus.

„Wer sagt uns, dass Sie uns nicht auf den Arm nehmen und aus einem zufällig mitgehörten Gespräch ein Geschäft zu machen versuchen?“, fragte er.

Der Mann schaute sich um. Sein linkes Augenlid zuckte nervös.

„Quatsch. Für so was reicht meine Phantasie nicht aus“, knurrte er. „Die Adresse stimmt, dafür können Sie mich haftbar machen.“

„Wir wissen nicht mal Ihren Namen“, sagte Butch.

„Den erfahren Sie auch nicht. Sie müssen sich schon entscheiden Mister. Und zwar sofort. Entweder Sie kaufen zu meinen Bedingungen oder Sie verzichten auf das Geschäft“, sagte der Mann.

„Schon gut, es ist okay“, meinte Cantrell.

„Du verlässt dich mal wieder auf Instinkt und Nase, was?“, fragte Butch, nachdem der Unbekannte sich rasch verdrückt hatte. Cantrell nickte, öffnete den fleckigen Umschlag und verlas mit halblauter Stimme die Adresse, die mit krakeligen Blockbuchstaben auf ein Blatt Papier geschrieben worden war. „Johnny F. Merrywater, River Forest, Hawthorne Street 81. Gar keine üble Gegend“, fügte er hinzu.

„Unter Durchschnitt“, sagte Butch und schlug vor: „Fahren wir hin.“

Gegen elf kletterten sie in der Hawthorne Street aus dem Wagen. Sie waren mindestens zwei Häuserblocks von ihrem Ziel entfernt. „Ich sehe mich erst allein um“, entschied Cantrell.

Das gesuchte Haus war zehnstöckig und stammte aus den fünfziger Jahren. Die graue schmucklose Fassade wurde nur durch die Neonreklame eines Leihhauses belebt. Ihr dunkles Rot reflektierte etwas von den blutsaugerischen Qualitäten der angepriesenen Institution.

Cantrell überzeugte sich in der Halle davon, dass das Haus tatsächlich einen Mieter namens Merrywater beherbergte. Es gab auch einige Büros in dem Gebäude. Sie befanden sich ausnahmslos in den unteren drei Etagen.

Cantrell fuhr mit dem Lift ins dritte Stockwerk. An Merrywaters Wohnungstür war eine Visitenkarte befestigt. Sie sorgte für den Eindruck eines eher vorübergehenden provisorischen Mietaufenthaltes.

Cantrell fuhr mit dem Lift zurück ins Erdgeschoss. Er suchte den Hausmeister auf. Der Mann hieß Lombard und sah ebenso hart wie verdrossen aus. Eine Armprothese ließ vermuten, dass er ein Kriegsveteran war.

„Merrywater?“, fragte er. „Der wohnt erst seit zwei Monaten hier. Ein Geschäftsmann. Er hat auch die kleine Lagerhalle im Hof gemietet.“

Cantrell stellte die Lauscher hoch.

„Welche Art von Geschäften tätigt er?“

„Das müssen Sie ihn schon selber fragen. Im- und Export glaube ich. Er will das Lagerhaus vergrößern, wartet aber auf die Umbauerlaubnis.“

„Plagt ihn noch seine Erkältung?“

„Ich denke schon. Warum fragen Sie? Sind Sie ein Bulle?“

„Würden Sie es für möglich halten, dass sich ein Bulle für Merrywater interessiert?, fragte Cantrell lächelnd dagegen.

Lombard zuckte mit den massiven Schultern. „Was weiß ich! Wenn jemand zu viele Fragen stellt, ist immer etwas faul. Ich gebe zu. dass Sie nicht wie ein Bulle aussehen.

„Sieht Merrywater denn wie ein Gangster aus?“

„Bestimmt nicht.“

„Haben Sie für das Lagerhaus einen Zweitschlüssel?“, fragte Cantrell.

„Hab ich, aber er ist mir verlorengegangen. Ich vermisse ihn seit einigen Tagen. Aber selbst, wenn er noch vorhanden wäre, könnte ich Ihnen das Ding weder überlassen noch für Sie benutzen.“

Cantrell bedankte sich und ging, kehrte zu Butch zurück und traf mit ihm ein paar Entscheidungen. Zunächst telefonierten sie mit Lieutenant Rollins. Aber der musste passen und ihnen mitteilen, dass sich kein Johnny F. Merrywater in seiner Kundenkartei befand. Kurz darauf klingelte in Merrywaters Wohnung das Telefon. Merrywater meldete sich.

„Der Boss will dich sprechen“, sagte Butch halblaut. „Komm sofort in Drummys Kneipe.“

Butch legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Butch war in der vergangenen Nacht in dem erwähnten Lokal gewesen und meinte, sich erinnern zu können, dort den knochigen Unbekannten gesehen zu haben, von dem sie Merrywaters Adresse erhalten hatten. Vieles sprach dafür, dass Merrywater in dem Lokal verkehrte.

Johnny F. Merrywater tauchte nur wenige Minuten nach dem Gespräch

in der Halle des Hauses auf. Er betrat die Straße und überquerte zielstrebig die Fahrbahn. Merrywater trug eine Sportkombination und eine dunkle Sonnenbrille. Er stoppte, als er dicht hinter sich Schritte hörte. Er wandte sich um.

Butch grinste ihm breit ins Gesicht.

„Hallo, Johnny“, sagte er mit sanfter, eindringlicher Stimme. „Sieh mal, was ich in der Tasche habe.

Merrywaters Blicke senkten sich, sie blieben an der Ausbeulung in Butchs Manteltasche hängen. Unter dem hellen Stoff markierten sich deutlich die Konturen eines Revolverlaufs.

Merrywater hob den Blick. Er schaute Butch in die Augen, schweigend. Butch hatte keine Mühe, darin zu lesen. Merrywater begriff, dass er in eine Falle gelaufen war, er zeigte jedoch keine Angst. Er blieb erstaunlich ruhig.

„Was soll der Quatsch?“, fragte er.

„Sie haben Silk entführt“, sagte Butch. „Wir möchten zu ihm.“

„Wer ist Silk?“, stellte Merrywater sich dumm. „Und was heißt ,Wir‘?“

Butch grinste immer noch. Er schaffte es, das Grinsen düster und drohend wirken zu lassen.

„Keine Angst, ich bin nicht allein“, sagte er. „Aber du wirst verstehen, dass wir uns aus taktischen Gründen getrennt haben.“

„Da muss eine Verwechslung vorliegen. Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.“

„Du gehst jetzt voran. Wir sehen uns ein wenig in dem von dir gemieteten Lagerhaus um. Wie findest du das?“

„Im Lagerhaus? In welchem Lagerhaus?“, murmelte Merrywater und senkte erneut den Blick. Die Waffenmündung blieb unvermindert auf seinen Körper gerichtet.

„Mein Finger liegt am Druckpunkt“, sagte Butch ruhig. „Ich bin kein schießwütiger Gangster, aber Silk ist nun mal mein Freund und ich sehe keinen Anlass, seinen Entführer mit Samthandschuhen anzufassen. Sei also hübsch vorsichtig bitte. Eine falsche Bewegung genügt und... Er führte den Satz nicht zu Ende. Merrywater verstand auch so, was er sagen wollte.

Butch hoffte jedenfalls, dass es sich so verhielt, denn trotz seiner drohenden überzeugend klingenden Worte durfte und konnte er selbst dann nicht schießen, wenn Merrywater einen Fluchtversuch riskieren würde.

Merrywater holte tief Luft.

„Okay, gehen wir“, sagte er. Butch blieb dicht hinter ihm. Sie überquerten die Fahrbahn, betraten die Hausdurchfahrt und standen einige Minuten später vor dem langgezogenen Hofgebäude, das die hintere Grundstücksbegrenzung bildete. Fünf Stufen führten zu einer Laderampe und zwei geschlossenen Schiebetoren hoch.

Merrywater blieb stehen, wandte sich um und schaute Butch ins Gesicht.

„Soll ich vorangehen?“, fragte er. „Ich habe den Schlüssel bei mir.“

„Okay, nimm ihn heraus, aber kehre mir dabei den Rücken zu“, sagte Butch.

Merrywater gehorchte achselzuckend. Er stieg die Treppe hinauf, öffnete das vordere Schiebetor, wuchtete es nicht ohne Anstrengung zur Seite und sagte gelassen: „Bitte schauen Sie sich ruhig um.“

„Geh voran.“

Die Lagerhalle war leer bis auf eine verglaste Box an der hinteren Schmalseite. Butch schaute sich in Halle und Box um, wusste aber schon vorher, dass er hier nicht fündig werden würde. Merrywaters Gelassenheit ließ erkennen, dass der Gesuchte sich nicht hier befand.

„Wo ist er?“, fragte Butch.

Merrywater grinste.

„Ich kann nur wiederholen, was ich bereits sagte. Sie sind das Opfer einer Verwechslung geworden.“

„Umdrehen!“, kommandierte Butch. „Leg die Hände gegen die Wand!“

Butch durchsuchte den mutmaßlichen Entführer. Merrywater hatte eine Pistole bei sich. Eine Bernadelli. Butch nahm sie ihm ab, zusammen mit Schlüsselbund und Brieftasche.

„Du bleibst jetzt hier, in zehn Minuten hole ich dich ab“, sagte Butch und zog sich mit den sichergestellten Sachen zurück. Er schloss Merrywater ein. In der Hausdurchfahrt traf er auf Cantrell. Sie wurden sich mit wenigen Worten handelseinig. Butch übernahm es, den Hofraum abzusichern, Cantrell ging mit dem Schlüsselbund ins Haus. Der Lift brachte ihn in die fünfte Etage.

Cantrell hatte keine Mühe, den passenden Türschlüssel herauszufischen und schaffte es, ebenso behutsam wie lautlos in die Wohnungsdiele zu gelangen. Die Wasserspülung der Toilette begann zu rauschen.

Cantrell presste sich mit dem Rücken flach gegen die Wand. Die Badezimmertür öffnete sich. Ein Mann kam heraus und riss den Kopf herum. Seine Augen weiteten sich, als er den Eindringling entdeckte.

Der Mann war so verblüfft, dass er Mühe hatte, die Schrecksekunde zu überwinden. Aber dann stellte er keine Fragen, dann ging er einfach und entschlossen mit beiden Fäusten auf Cantrell los.

Der konterte hart. Der Mann hielt sich nicht an gebräuchliche Spielregeln, er schlug tief. Cantrell hatte nichts anderes erwartet. Schließlich konnte er in dieser Situation kein freundliches Willkommen verlangen.

Der Mann fightete mit grimmiger Verbissenheit. Cantrell nahm den Tiefschlägen durch abducken, abblocken und sidestep die Wirkung.

Cantrell kam zweimal mit der Linken hart zum Kinn seines Gegners durch, aber erst ein rechter Schwinger, der auf dem Punkt landete, brachte die Entscheidung.

Der Mann fiel um. Er kam nochmals hoch, ganz kurz nur, dann faltete er sich endgültig auf dem Linoleumboden zusammen. Cantrell klopfte ihn nach Waffen ab. Der Mann hatte keine bei sich, aber als Cantrell einen Blick ins Wohnzimmer warf, entdeckte er ein Schulterholster mit Revolver, das auf einer Stuhllehne hing.

Cantrell nahm die Waffe an sich und setzte die Suche in Küche und Schlafzimmer fort. Keine Spur von Silk. Aus dem Badezimmer drang ein seltsames Geräusch, es hörte sich an wie unterdrücktes Stöhnen. Cantrell riss die Tür auf. Silk lag voll bekleidet in der Wanne. Er war gefesselt und geknebelt. Als Cantrell seinen Mitarbeiter von Knebel und Stricken befreite, ließ er die Tür offen, um den Mann auf dem Dielenboden nicht aus den Augen zu verlieren.

„O Mann“, krächzte Silk und kam etwas wacklig auf die Beine. „Lange hätte ich das nicht mehr ausgehalten.“

Im Wohnzimmer klingelte das Telefon. Cantrell überließ Silk den Revolver.

„Kümmere dich um unseren Freund in der Diele“, sagte er und eilte an den Apparat. „Ja?“, meldete er sich.

„Bist du’s, Johnny?“

„Klar, wer sonst?“, fragte Cantrell und war bemüht, seine Stimme möglichst heiser klingen zu lassen. Er fand sich ganz gut, aber noch stand keineswegs fest, ob der Teilnehmer sich von dem Bluff täuschen lassen würde.

„Ich habe eine Entscheidung getroffen“, sagte der Anrufer, ohne seinen Namen zu nennen. „Wenn es stimmt, was Derrek behauptet, könnt ihr ihn nicht laufen lassen. Legt ihn um. Wir haben keine Wahl.“

Der Teilnehmer hängte ein. Cantrell ließ den Hörer sinken.

„Ist das Derrek?“, fragte er und trat auf die Schwelle zur Diele.

„Ja. Die beiden wissen oder ahnen, dass ich entdeckt habe, wo wir uns befinden, das hat mir den Aufenthalt nicht gerade versüßt“, sagte Silk, der ein paar Kniebeugen machte, um seine Blutzirkulation in Bewegung zu bringen.

„Sie haben darüber mit ihrem Boss gesprochen. Der wünscht, dass sie dich umlegen“, sagte Cantrell.

„Sie arbeiten für Bantam. Für Monty Clear, meine ich. Ich habe das eine und das andere aufgeschnappt, als sie sich im Wohnzimmer unterhielten. Ich hoffe, das wird reichen, um die Burschen mitsamt ihrem mächtigen Boss ans Messer zu liefern“, sagte Silk.



15

„Hallo Mrs. Zutter“, sagte eine Stimme hinter ihr.

Kelly war stolz darauf, ihr winziges Erschrecken unter Kontrolle halten zu können. Sie wandte den Kopf und hob fragend die Augenbrauen.

„Sie kennen mich?“

„Ich bin Tony Cantrell, Anwalt. Ich sah Sie aus dem Hause kommen und wusste sofort, dass Sie Mr. Zutters Frau sein müssen.“

„Ich verstehe“, meinte sie. „Das Witwenkostüm. Eigentlich ist es lächerlich, so etwas zu tragen, aber ich will nicht gegen den Strom schwimmen. Ich habe einen Ihrer Mitarbeiter kennengelernt. Mr. Philby. Ein netter Mann, wenn auch sehr penetrant mit seinen Fragen“, fügte sie lächelnd hinzu.

Sie befanden sich auf dem Weg zu ihrem Wagen. Er parkte auf der anderen Straßenseite. Cantrell blieb wie selbstverständlich an ihrer Seite.

„Haben Sie schon gehört, was passiert ist? Man hat Larry Benders Wochenendhaus aufgebrochen.“ Kelly blieb stehen.

„Tatsächlich? Aber was hat das mit mir zu tun?“

„Ich wüsste gern, ob Sie den Toten gekannt haben. Oder ob Ihr Mann ihn kannte. Das Mordopfer heißt Templer. Lloyd Templer“, sagte Cantrell.

„Templer? Nein, bedaure. Damit kann ich nicht dienen“, sagte Kelly ruhig. „Wie kommen Sie darauf, dass ich ihn gekannt haben könnte einen kleinen Einbrecher?“

„Er war kein kleiner Einbrecher“, sagte Cantrell. „In dem Wochenendhaus ist nichts gestohlen worden.“

„Was wollte der Mann dort?“

„Das ist eine gute Frage. Ich suche die Antwort.“

„Bei mir?“ Sie schüttelte den Kopf. „Da sind Sie auf dem falschen Dampfer.“

„Alles, was Ihrem Mann und Larry Bender zugestoßen ist oder noch widerfährt, alles, was sich gewissermaßen im Dunstkreis des Verbrechens abspielt, das Sie und mich interessiert, muss von uns gründlich durchleuchtet werden. Sie waren Tom Zutters Frau, also ist es nur natürlich, dass wir uns mit unseren Fragen zuerst an Sie wenden.“

„Ihr Mitarbeiter wird Ihnen gesagt haben, wie wenig Tom und mich verband. Wir sahen uns zuletzt nur noch selten, jeder führte sein eigenes Leben.“

„Stimmt“, sagte Cantrell. „Und genau das ist der Punkt, der mich fasziniert. Sie wussten offenbar seit langem von dem Verhältnis zwischen Jane Bender und Ihrem Mann. Sie nahmen es hin.“

„Hätte ich deshalb auf die Barrikaden gehen sollen?“, spottete Kelly.

„Nein. Aber Sie sind jung und sehr attraktiv. Ihr Sexappeal ist nicht zu übersehen. Es wäre doch natürlich, dass eine Frau in Ihrer Lage sich zu rächen versuchte.“

Kellys Augen blitzten. „Jetzt werden Sie unverschämt! Wollen Sie mir etwa unterstellen, ich hätte Tom und Jane getötet praktisch aus Eifersucht, verletztem Stolz oder nackter Rachegier? Das ist absurd. Außerdem ist es offenbar Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, dass ich im Besitz eines Alibis bin.“

Cantrell lächelte dünn.

„Diese Art von Rache meine ich nicht“, sagte er. „Ich dachte an eine viel naheliegendere. An die Liaison mit einem Mann.“

Kelly entspannte sich.

„Daran habe ich manchmal auch gedacht“, meinte sie. „Aber Tom hat es geschafft, mich zu verbittern, ich wollte keinen Mann sehen, ich wollte keine neuen Enttäuschungen erleben.“

„Eine Frau wie Sie?“

„Was soll das heißen?“

„Man braucht Sie nur anzusehen, um zu wissen, dass Sie einen Mann brauchen. Vielleicht sogar Männer. Ich will Ihnen damit nicht zu nahetreten, ich möchte Ihnen auch keinen lockeren Lebenswandel unterstellen, ich will nur sagen, dass...“

„Ich pfeife darauf, was Sie mir sagen wollen“, fiel sie ihm ins Wort und blieb wütend stehen. „Ich brauche mir diesen Unsinn nicht anzuhören. Mir ist es piepe, wer irgendwo auf dem Land ermordet wurde und warum, mir genügt es, dass Tom tot ist. Ich habe weder mit dem einen noch mit dem anderen Verbrechen etwas zu schaffen und bitte Sie, das in Zukunft zu respektieren.“

Sie ließ ihn stehen, stieg in ihren Wagen, startete die Maschine und fuhr los. Als sie sich in den Fahrzeugstrom einfädelte, blickte sie in den Rückspiegel, um zu sehen, was Cantrell tat, aber er war bereits aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Kelly bog an der nächsten Kreuzung nach links ab. Eine Bewegung im Fond erschreckte sie. Sie riss den Kopf herum. Hinter ihr hatte sich ein Mann aufgerichtet. Er grinste breit, machte es sich auf dem Rücksitz bequem und meinte: „Ich bin froh, diese verdammte Kauerstellung aufgeben zu können. Schauen Sie nach vorn, verdammt noch mal! Wollen Sie einen Zusammenstoß riskieren?“

Der Mann war nicht älter als dreißig und trug unter seinem offenen schwarz ledernen Lumberjack ein rostfarbenes Sporthemd. Kelly schaute gehorsam nach vorn und lenkte ihren Wagen in eine gerade freiwerdende Parklücke.

„Nicht anhalten, fahren Sie weiter!“, raunzte der Mann im Fond.

Kelly ignorierte die Aufforderung. Sie stoppte, drehte sich um und fragte: „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“

„Das Geld“, sagte er.

„Welches Geld?“

„Zutters halbe Million. Die Mäuse, die Sie mit Lloyd teilen wollten.“

Kelly schwieg. Irgendwie hatte sie befürchtet, dass es Komplikationen geben würde. Jetzt waren sie da. Sie war erneut stolz darauf, mit keinem Wimpern zucken zu verraten, was in ihr vorging.

„Ich kenne keinen Lloyd“, sagte sie.

„Sie kannten ihn. Und Sie löteten ihn“, erklärte der Mann im Fond. Er hatte welliges dunkelblondes Haar, blaue Augen und einen unreinen Teint. Besonders auffallend waren die Härchen, die ihm aus der Nase wuchsen.

„Wer sind Sie, wie kommen Sie auf die absurde Idee, ich könnte einen Mann namens Lloyd gekannt und getötet haben?“, fragte sie.

„Lloyd schuldete mir Geld, einen ganzen Haufen“, erklärte der Mann im Fond. „Ich drohte ihn fertigzumachen, wenn er nicht zahlt. Er war knapp bei Kasse und vertröstete mich, erst um Wochen, dann um Tage. Ich forderte Sicherheiten. Da sagte er mir, dass Sie seine Freundin seien und dass er von Ihnen eine große Geldsumme erwartete. Er deutete an, dass er Sie heiraten und dann um eine halbe Million reicher sein würde. Ich glaubte ihm nicht und beobachtete ihn, um festzustellen, was an der Geschichte dran war. Ich überzeugte mich davon, dass er sich heimlich mit Ihnen traf. Aber ich bekam dann noch mehr heraus. Ich weiß, dass er Zutter tötete sicherlich in Ihrem Auftrag. Ich begriff, dass da ein großes Ding lief und stundete ihm die Schulden. Heute hörte ich die Nachricht von seinem Tod. Mir war sofort bewusst, dass Sie es getan haben müssen. Der Grund ist einfach. Sie hatten keine Lust, mit Lloyd zu teilen.“

„Was Sie sich da zusammenreimen, ist kompletter Blödsinn“, sagte Kelly.

„Wollen Sie, dass ich zur Polizei gehe?“, erkundigte er sich lauernd.

„Sie sind ein mieser kleiner Erpresser! Mit Leuten Ihres Kalibers spreche ich nicht.“

„Ich kann beweisen, dass er's getan hat. Dass Lloyd Ihren Mann abservierte, meine ich.“

„Wenn es stimmt, was Sie sagen, habe ich damit nichts zu tun.“

„Die Polizei wird das anders sehen.“

„Hauen Sie ab oder ich schreie um Hilfe.“

Er grinste. „Sie wären imstande, es zu tun“, sagte er. „Sicherlich würden Sie schon bald bereuen, so unvernünftig gehandelt zu haben, aber dann gäbe es für Sie kein zurück mehr, dann hätten Sie sich das eigene Grab geschaufelt. Ich steige jetzt aus, ganz wie Sie es sich wünschen. Aber ich melde mich wieder. Mein Wort darauf! Ich gebe Ihnen genau vierundzwanzig Stunden Zeit, sich die Sache noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Sie haben die Wahl, entweder Sie blechen oder Sie landen für den Rest Ihrer Tage hinter schwedischen Gardinen.“

Er griff nach dem Wagenschlag und öffnete ihn.

„Bleiben Sie noch einen Moment“, sagte Kelly rasch.

Er grinste immer noch.

„Okay, aber fassen Sie sich kurz“, meinte er.

„Ich bestreite, dass auch nur ein Wort von Ihren Behauptungen stimmt“, sagte Kelly, „aber ich gebe zu, dass Sie mich in Schwierigkeiten bringen können.“

„Kommen Sie zur Sache.“

„Hunderttausend für Sie, mehr ist nicht drin.“

Er lachte kurz. „Ich habe nichts zu verschenken.“

„Ich auch nicht.“

„Für Sie heißt es zahlen oder sitzen.“

„Ein letztes, ein wirklich allerletztes Angebot. Wir teilen uns das Geld.“

Er zog den Wagenschlag zu und lehnte sich entspannt in die Polster zurück. „Das klingt schon besser. Das ist fair. Wo ist das Geld?“

„Sie können nicht erwarten, dass ich Ihnen das auf die Nase binde“, meinte Kelly. „Aber Sie kriegen Ihren Anteil. Sagen wir morgen?“

„Heute“, korrigierte der Mann.

„Wer sind Sie überhaupt?“

Er grinste abermals. „Ein Freund des auf so tragische Weise verschiedenen Lloyd Templer, ich sagte es bereits.“

„Wo treffen wir uns?“

„Ich komme zu ihnen. Heute Nacht. Null Uhr dreißig. Einverstanden?“

„Nennen Sie mir ein Losungswort.“

„Fifty fifty“, sagte er.

„Okay.“

Er beugte sich nach vorn. Kelly spürte plötzlich seinen warmen scharfen Atem an ihrer Wange. Kelly verzog das Gesicht. Ein Hauch von Zwiebeln umwehte sie, ein abstoßender Geruch, der ihr jähe Übelkeit verursachte. Sie blickte starr geradeaus.

„Ich weiß, was in dir vorgeht“, sagte der Mann. „Du spielst mit dem Gedanken, mich umzulegen. Du willst mich aus dem Weg räumen, so wie du es mit Lloyd getan hast. Ich rate dir, die Finger von diesen Mätzchen zu lassen. Ich habe entsprechende Vorkehrungen getroffen. Wenn du versuchen würdest, mir eins auf den Pelz zu brennen, würde das für dich zum Bumerang werden. Du würdest dann nicht nur das gesamte Geld, sondern auch dein Leben verlieren. Also eine Viertelmillion oder gar nichts! Begriffen?“

Sie nickte. Er stieg aus. Kelly blickte ihm hinterher. Er hatte einen beschwingten Schritt. Man merkte ihm an, dass er von seinem Erfolg beflügelt wurde, von der Aussicht auf eine Viertelmillion Dollar.

Kelly schluckte. „Diese Suppe versalze ich dir!“, presste sie durch die Zähne, ohne genau zu wissen, wie sie ihr Vorhaben in die Tat umsetzen sollte.



16

Als die Wohnungsklingel ertönte, sprang Kelly nervös aus dem Sessel hoch. Ein Blick auf die Uhr machte deutlich, dass es nicht der Erpresser sein konnte. Sie ging in die Diele zur Sprechanlage: „Ja, bitte?“, fragte sie.

„Clear“, tönte es ihr aus dem Lautsprecher entgegen. „Monty Clear.“

Sie wusste, wer Clear war. Sie hielt es für ausgeschlossen, dass ein Mafiaboss seines Ranges plötzlich und unangemeldet bei ihr auftauchte.

„Und ich“, sagte sie, „bin die Königin von Saba.“

„Kommen Sie zum Aufgang und überzeugen Sie sich davon, dass ich es bin“, sagte die Stimme. Sie klang sonor und wurde von einer gewissen Ausstrahlung getragen. Kelly fühlte sich plötzlich verunsichert.

Sie verließ das Penthouse, ging zur Treppe und sah an ihrem unteren Ende, jenseits der verschlossenen Gittertür, zwei Männer stehen. Sie kannte Monty Clear nicht persönlich, aber sie hatte hin und wieder ein Foto von ihm in den Zeitungen gesehen. Kein Zweifel, er war’s.

„Moment“, sagte sie, hastete zurück in die Diele und drückte auf den Knopf, der den Türöffner betätigte. Eine Minute später standen der Gangsterboss und sein Begleiter ihr im Wohnzimmer gegenüber.

Monty Clear war ein kleiner Mann, er wirkte dynamisch und vital. Seine Boxernase demonstrierte seine Vergangenheit und ließ erkennen, wie er zu seinem Spitznamen „Bantam“ gekommen war. Er musterte Kelly aus dunklen, wie poliert wirkenden Augen, deren Blick die Frau frösteln ließ, dann nahm er unaufgefordert Platz, während sein Begleiter, ein kräftiger Endzwanziger im Nadelstreifenanzug hinter dem Sessel stehenblieb.

„Kann ich Ihnen etwas anbieten?“, fragte Kelly unsicher. Sie schaute auf die Uhr. Zwanzig Minuten vor zwölf. Sie musste es schaffen, Monty Clear hinaus zu komplimentieren, noch ehe der Erpresser auftauchte.

„Es tut mir wirklich leid um Tom“, sagte der Gangsterboss. „Er war ein guter Kunde.“

„Sie brauchen mir nicht zu kondolieren. Tom und ich hatten uns nicht mehr viel zu sagen.“

„Sein Tod hat Sie reich gemacht nicht wahr?“

„Reich? Was heißt das schon?“, fragte sie bitter. „Es ist gerade genug, um über die Runden zu kommen.“

„Sie können ja das Büro verkaufen, außerdem haben Sie Anspruch auf die Einnahmen aus seinen Lizenzen“, sagte Monty Clear. „Das werden im Monat mindestens tausend Dollar sein. Insofern trifft es Sie gewiss nicht hart, dass ich um Aushändigung der halben Million bitten muss.“ Kelly war nicht überrascht. Auf einmal waren alle hinter dem Geld her. Kein Wunder! Eine halbe Million Dollar veranlasste sogar einen Mann vom Rang eines Monty Clear, sich persönlich auf die Socken zu machen.

„Es ist mein Geld“, sagte sie. „Irrtum. Er hat es gestohlen.“

„Er hat es gewonnen.“

„Mit unerlaubten Mitteln“, sagte Clear ruhig.

„Was das betrifft, so steht es pari“, meinte die Witwe. „Schließlich betreiben Sie einen unerlaubten Spielklub.“

„Wo ist das Geld?“

„Sie werden es nicht bekommen“, sagte Kelly.

Monty Clears dunkle Augen funkelten amüsiert.

„Wetten, dass?“, fragte er.

„Hören Sie Mr. Clear. Sie haben kein Recht, diese Forderung zu stellen. Sie wissen, dass ich zur Polizei gehen und Anzeige gegen Sie erstatten kann. Sie zwingen mich, es zu tun, wenn Sie nicht sofort auf Ihre törichten Ansprüche verzichten“, sagte Kelly.

Monty Clear lächelte höhnisch.

„Ich will Ihnen jetzt ein kleines Geheimnis verraten“, sagte er. „Tom Zutter hat das Geld ganz legal gewonnen. Ohne diese idiotischen Impulsgeber meine ich.“

„Aber dann...“, murmelte Kelly verblüfft. Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Clears Worte machten sie sprachlos.

„Aber dann“, nahm Clear Kellys Satzbeginn auf, „könnte man eigentlich davon ausgehen, dass Sie Anspruch auf das Geld haben, nicht wahr? Streng genommen trifft das zu, aber ich wäre ein schlechter Kaufmann, wenn ich eine Mörderin mit dem Geld durchgehen ließe.“

„Eine was?“

„Eine Mörderin“, sagte er ruhig. Kelly erhob sich. „Ich muss mir einen Kognak genehmigen“, murmelte sie. „Mir ist ganz schwindelig.“

„Bedienen Sie sich“, spottete Monty Clear und wandte den Kopf. „Du bleibst bei ihr Harry.“

Der Gorilla nickte, trat hinter dem Sessel hervor und folgte Kelly zur Hausbar. Die füllte sich mit zitternden Händen ein Glas. Wusste denn die ganze Welt, was sie geplant und ausgeführt hatte?

Klopfte Clear nur auf den Busch, bluffte er oder wusste er tatsächlich, was geschehen war?

Sie wandte sich um und schaute Clear an.

„Sie saugen sich das aus den Fingern“, meinte sie.

Clear schüttelte den Kopf.

„Dieser Impulsgeber kann gar nicht funktionieren“, sagte er. „Das habe ich mir von namhaften Experten bestätigen lassen.“



17

„Ausgeschlossen“, murmelte Kelly. „Tom war ein miserabler Ehemann, aber ein brillanter Erfinder. Er hat an diese Sache geglaubt.“

„Es gibt tausend Leute, die sich einbilden, das Glück zwingen zu können“, meinte Clear. „Tom war nur einer davon. Als Techniker versuchte er ganz selbstverständlich, eine technische Lösung zu finden. Damit hat er unsere ganze Branche verunsichert. Natürlich wussten wir, woran er arbeitete und was er nach Lokalschluss in Benders Spielklub ausprobierte. Wir beobachteten ihn, aber wir taten nichts, um ihn in seiner Entwicklungsarbeit zu stören oder zu bremsen. Wir hatten dafür gute plausible Gründe. Für uns Spielklubbesitzer war es fast eine Existenzfrage, Tom gewähren zu lassen. Wäre er erfolgreich gewesen, hätte man ihn immer noch stoppen und um seine Erfindung bringen können. Man hätte damit die Konkurrenz um Millionenbeträge bringen können, aber leider...“ Er seufzte und führte den Satz nicht zu Ende.

„Ich glaube Ihnen nicht kein Wort!“, stieß Kelly hervor. Sie setzte sich.

Monty Clear beugte sich nach vorn, seine dunklen glänzenden Augen hielten ihren Blick fest. „Der Jammer war, dass sich auf die Sache so viele stürzten, dass alle davon profitieren wollten. Ich zum Beispiel. Natürlich glaubte ich anfangs, er hätte seine enormen Spielgewinne in meinem Klub mit Hilfe des verdammten Impulsgebers gemacht. In Wahrheit hatte Tom nur eine Glückssträhne, ungefähr so, als ob jemand in der Lotterie gewinnt oder beim Pferderennen. Aber alle wussten, was er kassiert hatte, egal, ob diese Leute nun Luigi Garetti oder Fred Whistler waren, ein simpler Angestellter meines Konkurrenten. Aber nicht nur wir waren hinter dem vermeintlichen Glücksbringer her, auch Sie wollten ihn haben, aber ohne den Erfinder. Eine halbe Million erschien Ihnen als Startkapital mehr als ausreichend. Also fingen Sie an, Tom Zutters Tod zu planen. Lloyd Templer war Ihr Werkzeug. Sie vernichteten es, als Sie keine Verwendung mehr dafür hatten.“

Kellys Mund war trocken. Sie nahm einen Schluck aus dem Glas, dann noch einen. Das Gefühl, buchstäblich wie ausgedörrt zu sein, blieb.

Lloyd Templer

Clear wusste also Bescheid, genau wie der Erpresser. Kelly hätte sich zugetraut, mit dem Erpresser abzurechnen, aber sie war realistisch genug zu begreifen, dass sie keine Chance hatte, mit Bantam fertigzuwerden. Hinter ihm stand eine ganze Organisation.

„Sie sind nicht der einzige, der das Geld haben möchte“, sagte sie und berichtete, was der Unbekannte ihr angetragen hatte.

„Mit dem werden wir fertig“, sagte Clear.

„Ich erwarte ihn um null Uhr dreißig“, sagte Kelly.

Sie wusste, dass jedes ihrer Worte einer Kapitulation gleichkam. Es war ihr egal zumindest jetzt in diesem Augenblick. Sie hatte hoch gepokert und verloren. Aber Monty hatte Recht. Ihr blieben immer noch die Einnahmen aus den von Tom abgeschlossenen Lizenz- und Patentverträgen.

„Wo ist das Geld?“, fragte Monty Clear.

„Ich bringe es Ihnen. Morgen.“

„Ich brauche es jetzt“, sagte er.

„Ich habe es nicht hier, nicht in der Wohnung“, meinte sie.

„Okay, Sie gehen mir nicht durch die Lappen“, erklärte er. „Wir haben Tom und Sie über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet, wir werden diese Beobachtungen bis zu dem Augenblick fortsetzen, wo Sie Ihre Verbindlichkeiten abgelöst haben.“

„Wer hat den Impulsgeber an sich gebracht?“

„Einer von Garettis Leuten. Dafür haben wir die Zeichnung in dem gelben Umschlag kassiert. Das eine ist soviel wert wie das andere. Auch Garetti hat untersuchen lassen, ob der Impulsgeber funktionieren kann. Er ist zu demselben Ergebnis wie meine Mittelsmänner gelangt: „Das Ganze ist idiotisch und nicht funktionstüchtig.“

„Warum dann die Morde, warum dieser ganze große Rummel mit Toten und Entführten?“, wunderte sich Kelly.

„Ich sagte es bereits. Tom Zutter hatte die Branche verunsichert. Es wäre ja immerhin möglich gewesen, dass seine Erfindung etwas taugte. Als er die halbe Million gewann, waren Garetti und ich überzeugt davon, dass der Impulsgeber funktionierte. Damit begann die große Hetzjagd. Zufällig wurden auch Templer und Sie in dieser Periode aktiv. Ich möchte nicht in der Haut unserer Gegner stecken. Die Polizei sieht da nicht durch. Dabei ist es ganz einfach: Verschiedene Gruppen wollten Geld und Impulsgeber und Sie wollten darüber hinaus das Leben Ihres Mannes und seiner Geliebten.“

„Ich konnte nicht ahnen, dass das Ganze für mich mit totaler Verwirrung enden würde, mit einer Pleite.“

„Sie sind nicht die einzige, die ein Opfer dieser Verwirrung wurde und in einen gefährlichen Strudel gerissen wurde“, sagte Monty Clear. „Zwei meiner Männer haben einen von Cantrells Mitarbeitern festgehalten und sind inzwischen verhaftet worden. Es wird schwer sein, ihnen zu helfen, aber natürlich werden sie dichthalten.“

„Ich habe Tom gehasst“, sagte Kelly. „Er hat mich jahrelang mit anderen Frauen betrogen, Jane war nur eine davon. Es machte mir nichts aus, einen anderen Mann zu Toms Mörder zu bestellen und diesen Mann später zu töten. Ich traf damit nur das, was mich gequält hatte: Männer.“

„Sie ticken ja nicht richtig“, sagte Monty Clear amüsiert.

„Ich bereue nichts“, erklärte Kelly und hob das Kinn.

„Ihr Gewissen interessiert mich nicht“, sagte er und stand auf. „Nur das Geld.“

„Es bleibt dabei. Sie erhalten es Morgen.“

„Okay. Ich rufe Sie an und teile Ihnen die Modalitäten der Übergabe mit“, sagte Clear. „Vergessen Sie nicht, dass Sie beobachtet werden. Sie können nicht türmen, es sei denn, Sie hätten vor, in den Tod zu fliehen.“



18

„Ich fürchte, Sie werden auf diesen Besuch verzichten müssen“, sagte eine Stimme hinter ihm.

Russ Prather wandte sich um.

„Sie kenne ich“, murmelte er.

„Aber gewiss.“, Cantrell nickte. „Sie haben mich gesehen, als ich mich heute mit Mrs. Zutter unterhielt.“ Er lächelte und wies mit der Hand auf seinen Begleiter. „Das ist Mister O'Reilly.“

„Was wollen Sie von mir?“

„Sie warnen. Mrs. Zutter ist nicht allein. In ihrer Wohnung befinden sich zwei Männer von Monty Clears Gang.“

„Was soll das alles? Ich verstehe kein Wort.“

„Kommen Sie, wir gehen über die Straße in die Hofeinfahrt. Dort steht ein Wagen der Polizei. Sie können mit Lieutenant Rollins alles weitere besprechen.“

„Wer sind Sie überhaupt, wie soll ich...“

Cantrell fiel ihm ins Wort. „Das Spiel ist aus, mein Lieber. Ich sah Sie in Kelly Zutters Wagen hocken und ich hörte, was dort gesprochen wurde..

„Was denn“, stieß Prather hervor und riss sich los. „In dem Schlitten war eine Wanze installiert?“

„So ist es. Ich habe mir erlaubt, auch eine in Kelly Zutters Wohnung anzubringen. Wir sind seitdem auf dem laufenden.“

„Das ist ungesetzlich, diese Dinge haben vor Gericht keinerlei Beweiskraft“, würgte Prather hervor.

„Wem sagen Sie das? Im Grunde hasse ich diese Wanzen. Sie verpesten die Gesellschaft, sie sind zu einem gefährlichen Sport geworden, zu einem Werkzeug krimineller Neugierde. Aber sie haben, richtig angewandt, auch ihre Vorzüge. In diesem Falle erhielten wir die Bestätigung für unsere Vermutungen.“

„Wenn das so ist, wüsste ich gern, warum Sie Kelly Zutter nicht längst verhaften ließen.“

„Sie vergessen Clears Leute“, sagte Cantrell. „Der Lieutenant hat die Absicht, ihnen eine Falle zu stellen. Wenn Sie mitmachen, können Sie sich für die weitere Behandlung der Sie erwartenden Anklage ein paar Pluspunkte verdienen, die sogenannten mildernden Umstände.“

„Ich habe keinen umgebracht, im Gegensatz zu Templer und Kelly Zutter“, verteidigte sich Prather. „Ich habe nur eine Mörderin unter Druck gesetzt. Hat sie das nicht verdient, verdammt noch mal?“

„Darüber haben andere zu entscheiden“, sagte Cantrell. „Die Polizei will jetzt vor allem jene Leute unschädlich machen, auf deren Lohnliste Namen wie Clyman und Merrywater stehen.“

„Diese Namen sagen mir nichts.“

„Uns sagen sie dafür um so mehr“, meinte Cantrell. „Kommen Sie jetzt und holen Sie sich Ihre Instruktionen.“



19

„Ja, bitte?“, fragte Kelly. „Fifty fifty“, tönte es aus dem Lautsprecher.

Kelly betätigte den Summer und ging zur Tür. Ein Mann tauchte auf. Kelly prallte überrascht zurück, als sie erkannte, um wen es sich handelte.

„Mr. Cantrell!“, stieß sie hervor.

„Ich darf doch eintreten? Mr. Prather hat mich darum gebeten, ihn entschuldigen zu wollen. Eigentlich hatten wir vor, ihn heraufzuschicken, aber als wir sahen, dass Monty Clears Leute plötzlich abzogen, hielten wir unseren Plan für überholt.“

„Prather! Ist das der Mann ...?“

„Ja, das ist der Mann, der die halbe Million von Ihnen haben wollte.“ Er lächelte dünn. „Das hat mir eine Wanze zugeflüstert“, fügte er hinzu.

Kelly setzte sich ins Wohnzimmer. Es tat ihr gut, hinter dem losen Rückenpolster des Sessels die harten Konturen eines Revolvers zu spüren. Trotzdem hatte sie nicht vor, die Waffe zu benutzen. Sie befand sich in Monty Clears Gewalt und durfte nur das tun, was er billigte.

„Sie haben mich beobachten lassen“, sagte sie bitter. „In diesem scheiß Spiel hat einer den anderen im Auge behalten. Und ich glaubte, allein die Fäden zu ziehen.“

„Sie hätten sich sagen müssen, dass weder Garetti noch Clear bereit sein würden, sich der Diktatur eines technischen Apparates und seines Erfinders zu beugen.“

„Inzwischen weiß ich, dass der Impulsgeber gar nicht funktionieren konnte“, sagte Kelly bitter.

„Ich ahnte es“, meinte Cantrell.

„Ich war eine Närrin. Ich wollte die anderen wie Marionetten am Draht führen und bin selbst zur Marionette gemacht worden.“

„Sie können das korrigieren. Sie können erreichen, dass Sie nicht allein für die Verbrechen zur Verantwortung gezogen werden. Ich vertrete in erster Linie Larry Benders Interessen. Er ist durch Ihre kriminellen Aktionen in Mordverdacht geraten. Ich erwarte, dass Sie diese Intrigen ausbügeln.“

„Larry Bender! Was schert mich Larry Bender?“, sagte sie gereizt.

„Wenn Sie nicht wollen bitte schön!“, sagte Cantrell gelassen. „Wir haben das Puzzle längst zusammengesetzt. Bender ist entlastet.“

„So, Sie haben das Puzzle zusammengesetzt“, höhnte die Witwe. „Dann wissen Sie mehr als ich!“

„Zwei große Organisationen, die von Clear und Garetti, jagten Tom Zutters Erfindung hinterher. Auch Außenseiter wie Fred Whistler versuchten, sich in den Besitz des angeblich epochemachenden Apparates zu bringen. Es ist verständlich, dass weder Garetti noch Clear bereit waren, sich ins Handwerk pfuschen zu lassen. Deshalb beauftragte Garetti einen Mann namens Clyman damit, Whistler aus dem Weg zu räumen. Ursprünglich wollte man auch Larry Bender kassieren, weil man annehmen musste, dass auch er hinter dem Impulsgeber her war. Man beschattete ihn, als er den Toten wegbrachte, man fotografierte ihn sogar dabei, um ihn gegebenenfalls erpressen zu können. Aber dann begriff man, dass Sie der große Drahtzieher waren, der Gegner Nummer eins. Aus der Tatsache, dass Sie sich bei Mr. Philbys Besuch von der Konstruktionszeichnung des Impulsgebers trennten, schließe ich, dass Sie bereits von der Wertlosigkeit des Apparates überzeugt waren.“

„O nein“, widersprach Kelly. „Aber erstens besaß ich davon eine Fotokopie und zweitens hielt ich es für eine gute Idee, mich mit der Herausgabe des gelben Umschlages als süße Unschuld darzustellen. Ich konnte nicht ahnen, dass man Ihrem Mitarbeiter die Unterlagen postwendend abnehmen würde.“

„Templer nahm den Revolver an sich, mit dem Zutter erschossen worden war. Er benutzte ihn noch in der gleichen Nacht, um Jane Bender zu erschießen.“

„Wir hatten vor, den perfekten Doppelmord in Szene zu setzen“, sagte Kelly.

„Sie hatten niemals eine Chance“, sagte Cantrell und trat ans Telefon. „Sie gestatten doch?“

„Wen wollen Sie anrufen?“

„Larry Bender und Lieutenant Rollins. Sie warten auf diesen Anruf. Beide können jetzt heraufkommen und den Rest der Unterhaltung mit Ihnen bestreiten“, sagte Cantrell.

„Ich werde nichts aussagen, kein Wort!“, erklärte Kelly und griff hinter sich. Cantrell war mit einem Sprung bei ihr. Er nahm ihr den Revolver ab.

„Ich hatte nicht vor, ihn zu benutzen“, sagte Kelly. „Ich wollte die Waffe Ihnen überlassen. Die Bullen hätten sie sowieso hinter dem Kissen entdeckt.“ Sie erhob sich und strich ihren Rock glatt. „Es ist gut so“, meinte sie. „Jetzt werden weder Clear noch andere das Geld bekommen. Darf ich vor Ihnen das Telefon benutzen, bitte? Ich möchte meinen Anwalt sprechen.“

„Bitte“, sagte Cantrell. „Auf eine Minute kommt es mir nicht an.“


ENDE

Die Flugzeug-Bande: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Cedric Balmore


Der Umfang dieses Buchs entspricht 163 Taschenbuchseiten.


Der erfolgreiche New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger verbringt das Wochenende in einem noblem Landhotel in Smiths Mill. In seinem Hotelzimmer wird er bewusstlos geschlagen, und als er am nächsten Morgen erwacht, befindet er sich in einem fremden Zimmer mit einem nackten toten Mädchen. Alles weist darauf hin, dass Reiniger die Frau im betrunkenen Zustand erstochen hat. Wer und warum will man ausgerechnet ihm einen Mord anhängen? Während er versucht, sich von der Mordanklage zu befreien und den wahren Täter zu finden, gerät er nicht nur zwischen die Fronten von kaltblütigen Gangstern, sondern hat auch das FBI auf den Fersen ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Sonnabend, zweiundzwanzig Uhr.

Killertime in New York.

Suppertime in Smiths Mill ...

Bount Reiniger lächelte, als ihm das Wortspiel durch den Sinn ging. Er hatte in Doc Leroys Landhotel vorzüglich gegessen. Jetzt ließ er das Stimmengewirr und Gläserklingen des voll besetzten Speisesaals hinter sich, betrat die Terrasse und spazierte in die sanfte Dunkelheit des weitläufigen Gartens hinein.

Bount hatte vorgehabt, das Wochenende mit einem Mädchen namens Jane Allmers zu verbringen. Statt des Girls war ein klagender Anruf gekommen. Jane hatte sich auf dem Weg zu ihrer Garage den Fuß verknackst, angebrochen, wie im Hospital festgestellt worden war.

Bount war entschlossen, das Beste für sich daraus zu machen. Freie Wochenenden hatten im Unterhaltungsrepertoire eines Privatdetektivs Seltenheitswert. Bount kannte Motel und Umgebung von früheren Besuchen. Er konnte in der Nähe Angeln gehen, er konnte sich ein Segelboot mieten oder einfach durch die Wälder spazieren.

Bount rauchte. Unter seinen Füßen knirschte der feine Kies des schmalen Weges. Quakende Frösche und zirpende Grillen ließen ihn fast vergessen, dass New York mit seiner Hektik, seinem Stress und seiner brutalen Gewalt nur achtzig Meilen von diesem Ort entfernt lag.

Bount blickte nach oben, bewunderte den Sternenhimmel und bedauerte, dass er diesen Anblick nicht mit Jane teilen konnte. Es wäre ein hübscher und vielversprechender Auftakt für den Rest der Nacht gewesen.

Der Kiesweg endete an einem offen stehenden Gartentor. Jenseits eines Grabens schimmerte das matt graue Band einer asphaltierten Straße. Bount übersprang den Graben. Er hatte kein festes Ziel, er spazierte einfach durch die Nacht.

Als hinter ihm Schritte laut wurden, bestand für ihn kein Anlass, sich umzudrehen oder misstrauisch zu werden, aber Routine und Instinkt haben bei einem Mann seines Berufs ihren eigenen Stellenwert. Sie ließen ihn registrieren, dass die Schritte von zwei Männern verursacht wurden.

Sie bewegten sich im Gleichschritt.

Ihr Näherkommen hatte etwas Sinistres und Zielstrebiges.

Bount blieb stehen, ließ die Pall Mall fallen und trat sie aus. Die Männer waren nur noch wenige Yards von ihm entfernt. Bount spannte die Muskeln und wandte den Kopf. Er spürte, dass es Ärger geben würde.

Etwas sauste auf ihn zu. Bounts Reaktion kam prompt, aber um den Bruchteil einer Sekunde zu spät. Sein Abwehrreflex wurde gelähmt von einem knallharten Schultertreffer. Bount hatte keine Ahnung, was ihn erwischt hatte, aber es tat höllisch weh.

Die sternenklare Nacht tauchte das Geschehen in ein diffuses, unwirklich anmutendes Licht. Die Männer waren von unterschiedlicher Größe. Ihre hellen Baseballschuhe leuchteten als helle Spots durch die Nacht. Andere helle Flecken gab es nicht. Die Angreifer trugen schwarze Trainingsanzüge und dünne Handschuhe. Ihre Gesichter waren von Kapuzen mit Augen und Mundschlitzen bedeckt.

Der Größere von beiden konnte es durchaus mit Bounts respektablen eins achtzig aufnehmen. Der Kleinere brachte es auf eins fünfundsechzig. Er wirkte gedrungen, kompakt und explosiv.

Die Hand des Großen umspannte eine Stahlrute. An ihrem federnden Ende wippte eine lederummantelte Metallkugel. Das Ding hatte Bount getroffen und ihm das Gefühl vermittelt, für den Rest seiner Tage mit nur einem Schlüsselbein auskommen zu müssen.

Der Große holte erneut aus. Der Totschläger produzierte einen schneidenden Pfeifton. Bounts Timing war exakt. Seine Handkante stoppte den Gegner mitten im Schwung. Der Treffer fegte dem Kapuzenmann die Waffe aus den Fingern.

Der zweite Mann zog sich zusammen und schnellte mit eingezogenem Kopf wie ein Geschoss auf Bounts Unterleib zu. Bount riss das Knie hoch. Es traf das Gesicht des Angreifers. Der Mann jaulte vor Wut und Schmerz, er sprang förmlich in die Luft und schien einen Salto drehen zu wollen, blieb aber auf den Beinen.

Der Große stand wie erstarrt. Es schien, als hätten ihn Schmerz und Überraschung gelähmt. Der Kleinere griff erneut an. Bount ließ seine Fäuste fliegen. Jetzt kam auch der Große wieder zu sich, aber seiner Attacke fehlte die Giftigkeit, die seinen Komplizen beflügelte.

Die Männer nahmen Bount in die Zange. Harte Knöchel schrammten über sein Gesicht, knallten auf sein Kinn, trafen seine Schläfe.

Bount hatte keine Waffe bei sich, er trug eine dünne Flanellhose und einen Blazer mit weißem Hemd und Krawatte in Doc Leroys Hotel wurden englische Tischsitten gepflegt. Bount fühlte sich von seiner Aufmachung weder behindert noch gehandicapt, aber die Männer in ihren Trainingsanzügen und leichten Schuhen waren ihm gegenüber klar im Vorteil. Sie blieben am Mann. Sie waren enorm beweglich, besonders der Kleinere, und machten kein Hehl daraus, dass sie Bount von den Beinen zu holen beabsichtigten.

Im nahen Hotelgarten ertönten Stimmen. Das Lachen eines Mannes, das amüsierte Prusten eines zweiten. Die Kapuzenmänner wechselten einen Blick.

Bounts Faust traf die Kinnspitze des Großen.

Die Stimmen kamen näher.

Die Kapuzenmänner wirbelten plötzlich herum, sie stürmten die Straße hinab und wurden vom Dunkel der Nacht verschluckt. Bount nahm sich nicht die Mühe, ihnen zu folgen. Er war ohne Auftrag und hatte keine Lust, das Wochenende durch eine Fortsetzung der Schlägerei zu beleben.

Er brachte seine Kleidung in Ordnung, bewegte die schmerzende Schulter und kehrte zurück ins Hotel. Er traf Doc Leroy in dessen kleinem Office hinter der Rezeption.

Bount wusste nicht, ob Leroy wirklich Doktor war, und wenn ja, was für einer, aber da die Stammgäste den Hotelbesitzer Doc Leroy nannten und er mit seinem weißen Haar, seinem gütigen, faltigen Gesicht und der ovalen Nickelbrille wie ein Landarzt aus einem Hollywoodfilm aussah, hatte Bount keinen Grund, an der gebräuchlichen Anrede herumzubasteln.

„Wie sehen Sie denn aus?“, wunderte sich der Alte.

Bount setzte sich. Er berichtete, was ihm zugestoßen war. Doc Leroy nahm die Brille ab, lehnte sich zurück und griff nach dem Telefonhörer, dann ließ er die Hand fallen, ohne den Apparat berührt zu haben.

„Es hat keinen Zweck“, seufzte er resignierend. „Das Hotel liegt ein paar Meilen vom Ort entfernt. Ehe der Sheriff mit seinen Leuten eintrifft, sind die Gangster längst über alle Berge. Es geschieht nicht zum ersten Male, dass ein Hotelgast überfallen wird. Ich leite keine Billigherberge. Die meisten meiner Gäste verdienen gut, sie kommen mit vollen Brieftaschen. Diesen Umstand machen sich ein paar Ganoven seit geraumer Zeit zunutze.“

„Was haben Sie dagegen unternommen?“

„Ich habe den Sheriff um seine Unterstützung gebeten. Besonders an Wochenenden, aber natürlich fühlt er sich nicht dazu verpflichtet, ständig auf der Lauer zu liegen.“

„Werfen Sie den Gangstern einen Köder hin!“

„Das haben der Sheriff und ich schon wiederholt versucht. Es hat nicht geklappt. Die Gangster müssen gerochen haben, dass wir sie aufs Kreuz legen wollen, übrigens geschieht es zum ersten Male, dass sie mit Kapuzen auftreten. Darf ich Sie bitten, den Vorfall vorerst für sich zu behalten? Wenn er die Runde macht, bringen es ein paar Ängstliche fertig, vorzeitig abzureisen.“

Doc Leroy setzte die Brille wieder auf. Seine blauen, treuherzigen Augen bekamen einen listigen, hoffnungsvollen Ausdruck. „Können Sie mir nicht helfen, Kommissar? Ich weiß, wer Sie sind. Ich kenne Ihren Ruf. Ich zahle jedes Honorar, wenn es Ihnen gelingt, die Banditen zu fassen. Schließlich gefährden diese Überfälle meine Existenz. Wenn sie sich herumsprechen, kann ich den Laden hier dichtmachen.“

„Ich bin kein Kommissar“, erinnerte Bount den Hotelbesitzer.

„Für mich schon“, meinte Doc Leroy lächelnd. „Und das werden Sie auch bleiben.“

„Okay, aber bitte nicht in aller Öffentlichkeit“, sagte Bount. „Das haben Sie heute Nachmittag in der Hotelhalle wiederholt getan. Es hat, wie mir nicht entgangen ist, bei einigen Gästen Neugierde und Aufmerksamkeit erregt.“

„Sie müssen die Leute verstehen. Die suchen hier nicht bloß Ruhe und ein paar gute Mahlzeiten. Die sind auch dankbar für einen Hauch von Spannung und Abenteuer, sie legen Wert auf Prominenz, auf das Ausgefallene ... und all das verbindet sich nun mal mit Ihrem Beruf!“

Bount erhob sich und ging in die kleine Hotelhalle. Am Tresen saßen ein paar ältere Männer. Abseits von ihnen, ein rothaariges, etwa fünfundzwanzigjähriges Mädchen mit einem schmalen, hochattraktiven Gesicht.

Das Girl war Bount bereits im Speisesaal aufgefallen. Es hatte allein an einem Zweiertisch gesessen. Bount vermutete, dass ihr Freund sich verspätet hatte oder dass sie hergekommen war, um sich an einen der betuchten Hotelgäste heranzumachen.

Das Mädchen hatte große, grün schillernde Augen und einen vollen, herausfordernd gewölbten Mund mit sinnlichen Kurven. Das schulterfreie, schlicht elegante Kleid aus kupferfarbiger Seide zeigte glatte, makellose Haut und einen lässig gewagten Ausschnitt.

Bount fand das Mädchen reizvoll, sexy und sogar apart, fühlte sich aber nur in Maßen zu ihr hingezogen. Ihre betonte Kühle wirkte aufgesetzt. Der Umstand, dass sie sich für ihre männliche Umgebung nicht zu interessieren schien, deutete an, dass sie im Grunde genau das zu erreichen trachtete, was sie mit ihrer distanzbetonten Haltung abzulehnen schien.

Girls ihres Auftretens und Kalibers gab es in jedem besseren Hotel. Bount blieb auf der Hut und war damit zufrieden, sich von der Versuchung kitzeln zu lassen, die das rothaarige Mädchen wie ein Strahlenkranz umgab.

Er trank einen Whisky mit Soda. Das Mädchen sah ihn plötzlich voll an, sie schenkte ihm unter dichten, seidigen Wimpern hervor einen langen Blick. Er bohrte sich mit sanfter Schärfe unter Bounts Haut und kurbelte seinen Pulsschlag und seine Fantasie an.

Bount dachte an Jane und fand es albern, einem langen Profiblick zu erliegen. Er erhob sich, zahlte den Whisky und ging nach oben, ohne sein Glas geleert zu haben. Er wohnte im Seitenflügel. Zimmer 7.

Bount schloss die Tür auf, trat ein, und knipste das Licht an.

Auf dem breiten Bett hockte eine vermummte Gestalt.

Der Mann trug einen schwarzen Trainingsanzug und weiße, mit blauen Zierstreifen abgesetzte Baseballschuhe. Die Gesichtsmaske gab nur die dunklen Augen und einen harten, schmalen Mund frei.

Noch eindrucksvoller als seine düstere Aufmachung war die Waffe, die er in der behandschuhten Rechten hielt. Ein Smith & Wesson Revolver mit klobigem Schalldämpfer.

Bount war mit dieser Waffe vertraut, in gewisser Hinsicht liebte er sie, aber er schätzte dieses Präzisionsinstrument nicht in der Hand eines anderen.

Und die Mündung zielte geradewegs auf Bounts Herz.

„Wie schön, dich wiederzusehen“, knurrte der Mann und zeigte beim Grinsen seine bräunlichen, unregelmäßig gewachsenen Zähne. „Du hast die Wahl. Soll ich dir das Blei zwischen die Augen oder in die Pumpe drücken?“

Bount fühlte, wie das Blut von seinem Herzen wegfloss und wieder zurückströmte. Er schloss die Tür hinter sich, ohne den Blick von seinem Gegner zu wenden. Der zweite Mann wurde sichtbar. Es war der Kleinere von beiden, der Kompakte. Er hatte im Schutz der offenen Tür gestanden.

Der Mann an der Wand war wie sein Komplize gekleidet und armiert, nur war sein Smith & Wesson nicht mit einem Schalldämpfer ausgerüstet.

Die Gangster hatten die Vorhänge geschlossen. Bounts Blick erfasste seine Reisetasche, sie stand auf einem Stuhl neben dem Schrank. Falls sie durchwühlt worden war, wie Bount es vermutete, war ihr das nicht anzusehen.

„Ihr habt Pech“, sagte Bount langsam. Er machte einen Schritt nach vorn und blieb erneut stehen. „Ich habe kaum Bargeld bei mir. Nur die Kreditkarte. Diners Club. Wenn ihr sie haben wollt ...“

Er schob die Rechte in die Innentasche des Blazers. Der Kapuzenmann auf dem Bett stieß die Hand mit der Waffe drohend nach vorn. „Stopp“, zischte er. „Keine falsche Bewegung.“

Seine nervöse Reaktion überraschte Bount. Schließlich war deutlich zu sehen, dass sich unter seinem taillierten Blazer keine durch ein Holster verursachte Ausbeulung befand. Der Kompakte löste sich von der Wand und trat auf Bount zu.

Der Gangster roch scharf nach Schweiß. Er rammte Bount die Waffenmündung gegen die Schläfe und bewies damit, dass Zartgefühl nicht zu seinen Vorzügen zählte.

„Setzen!“, schnappte er.

Seine Augen in der aus einem schwarzen Wollstrumpf gefertigten Kapuze waren blau. Wie die von Doc Leroy, fand Bount, aber frei von Güte und Verstehen.

Es gab nur einen Stuhl im Zimmer. Bount ging darauf zu, nahm die Reisetasche herunter und setzte sich auf das kühle Plastikpolster. Der Kompakte blieb buchstäblich an ihm kleben, er zog die Waffenmündung nicht von Bounts Schläfe zurück.

Bount hatte längst begriffen, dass dies kein gewöhnlicher Raubüberfall war. Irgendjemand hatte ihm die beiden Burschen auf den Hals gehetzt.

„Hände hinter dem Nacken verschränken!“, raunzte der Kompakte. Bount gehorchte und beobachtete, wie der Gangster ihm mit der Linken die Brieftasche aus dem Blazer angelte. Der Gangster öffnete sie und stieß einen Pfiff aus, als er Bounts Lizenzkarte unter dem Zelluloid bemerkte.

„Wie heißt er?“, fragte der Mann auf dem Bett. Er hatte den Revolver sinken lassen.

„Bount. Bount Reiniger.“

„Nie gehört.“

Bount begann sich zu wundern. Wenn die beiden nicht wussten, wer er war, konnte seine Theorie, derzufolge sie ihm aus New York nach Smiths Mill gefolgt waren, nicht stimmen.

„Privatdetektiv“, sagte der Kompakte.

„Ein Bluff, nehme ich an“, meinte der Mann auf dem Bett.

Bei Bount fiel der Groschen. Er verdankte den Zwischenfall Doc Leroy, der ihn tagsüber wiederholt als Kommissar tituliert hatte. Die beiden Maskierten waren vermutlich Hotelgäste, die etwas zu verbergen hatten. Sein Auftauchen erschreckte und irritierte sie. Sie wünschten herauszufinden, ob er ihretwegen in Doc Leroys Nobelherberge abgestiegen war.

Bount ließ in Gedanken die Gäste Revue passieren, die er im Speisesaal gesehen hatte. Er konnte sich nicht erinnern, zwei Männer gesehen zu haben, deren Figuren und Größe den Kapuzengangstern entsprach.

„Willst du nicht singen?“, fragte der Kompakte.

„Ich bin schlecht bei Stimme“, erwiderte Bount.

Der Gangster zog die Waffe von Bounts Schlafe, wirbelte sie in Cowboymanier um den Zeigefinger und schlug damit zu.

„Dies hier ist kein Unterhaltungsabend“, höhnte der Kompakte. „Und wenn doch, dann nur für uns, für meinen Freund und mich. Wir amüsieren uns nämlich prächtig. Das wird rasch lebhafter und intensiver werden, denke ich. Wir lachen gern, weißt du. Verquollene und entstellte Gesichter haben etwas Clownhaftes. Soll ich dir zeigen, wie man das macht?“

Vielleicht bluffte er, vielleicht wollte er Bount nur Angst machen, aber etwas in seiner hellen, nicht sehr lauten Stimme signalisierte Bount, dass er grausam war.

„Was wollt ihr wissen?“, fragte Bount.

Er hatte keine Konterchance. Nicht jetzt und hier. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, den Kompakten mit einem Trick zu überlisten, blieb immer noch der Mann auf dem Bett.

„Alles“, erklärte der Kompakte.

„Ich rauche Pall Mall und ...“

Weiter kam er nicht. Der Gangster schlug erneut zu. Bounts Nase blutete stärker.

Er hatte es herausgefordert und fragte sich, was ihn dazu brachte, den Mann zu reizen. Niemand zwang ihn dazu, die imponierende Rolle eines stahlharten Privatdetektivs zu spielen. Das war einer seiner Fehler, er wurde immer wieder ein Opfer seines Trotzes und seines Stolzes. Er brachte es einfach nicht fertig, seine kriminellen Gesprächspartner zu respektieren.

„Woher weißt du von dem Treffen?“, fragte ihn der Kompakte.

„Quatsche nicht so viel!“, zischte der Mann auf dem Bett. Ihm ging offenbar auf, dass sein Komplize mehr Informationen lieferte, als er bekam.

Ein Treffen, registrierte Bount. Eine Begegnung in Doc Leroys Hotel, ohne Zweifel. Zwischen wem - und zu welchem Zweck?

Das Telefon klingelte. Der Kompakte wandte seinen Kopf, er starrte den Apparat an. Bounts Muskeln spannten sich. Jetzt oder nie, dachte er. Er kam nicht mehr dazu, die geplante Attacke in die Tat umzusetzen. Der Gangster vor ihm schien zu spüren, was Bount bewegte. Er stieß Bount erneut die Waffenmündung gegen die Schläfe.

In Bounts Gesicht rührte sich kein Muskel. Er hatte den entscheidenden Moment verpasst. Vielleicht war das gut so. „Lass ihn rangehen“, meinte der Mann auf dem Bett. „Vielleicht ist's der alte Knabe, dem dieser Schuppen gehört. Er hat ihn raufgehen sehen.“

„Okay, Supermann“, höhnte der Kompakte. „Schnapp' dir den Hörer und säusle ein Liedchen, das unseren Beifall findet. Vergiss nicht, dass du mit deinem Leben spielst. Du hast nur das eine.“

Bount erhob sich ohne Eile. Er fuhr sich mit dem Handrücken über die Nase. Auf seiner Haut blieb eine fingerdicke Blutspur zurück. Das Telefon stand neben dem Bett auf dem Nachtschränkchen. Bount registrierte, wie die beiden Revolvermündungen seine Bewegungen begleiteten.

„Reiniger“, meldete er sich.

„Ich ... ich bin Sheila“, hauchte eine sanfte, rauchige Mädchenstimme in sein Ohr. Bount glaubte zu wissen, wem sie gehörte. Sie passte zu der rothaarigen Schönheit mit der üppigen Oberweite und der glatten, zum Streicheln geschaffenen Haut, zu dem Mädchen, das in der Bar seinen Blick gesucht hatte.

Bount fragte sich flüchtig, warum der Kompakte auf Distanz blieb. Legte er keinen Wert darauf, mitzuhören?

„Sheila?“, murmelte Bount. „Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht in der Zimmernummer geirrt haben?“

„Ganz sicher“, flüsterte sie. „Wir haben uns in der Bar gesehen. Ich saß Ihnen am Tresen schräg gegenüber, in dem kupferfarbigen Seidenkleid. Ich muss Sie sprechen. Unbedingt! Es ist sehr, sehr wichtig. Wichtig für uns beide.“

„Okay“, sagte Bount und blickte über seine Schulter. Die Augen des Blauäugigen waren wie winzige, gefrorene Gletscherpfützen. „Wie wäre es mit morgen?“

„Es muss jetzt sein, am besten gleich“, flüsterte die rauchige Stimme. „Sie finden mich in meinem Zimmer, es ist die 21 im Hauptgebäude.“

Bount legte auf. „Eine Puppe aus der Bar“, sagte er. „Sie wünscht mich zu sprechen.“

„Er ist ein Ladykiller“, höhnte der Kompakte. „Er versteht es, Eindruck bei Damen zu machen!“ Er lachte. „Darauf müssen wir einen heben.“ Er blickte Bount an, seine Stimme wurde schärfer. „Bestelle beim Nachtportier eine große Flasche Bourbon. Jack Daniels, bitte. Das ist unsere Sorte. Die Flasche wird die Unterhaltung beflügeln.“

Bount gab die Bestellung auf. Der Große kletterte vom Bett und verschwand im Badezimmer. Der Kleinere baute sich neben der Tür auf.

„Wenn der Etagenkellner den Stoff bringt, trittst du ihm entgegen“, forderte der Kompakte. „Dein Gesicht muss dabei in meinem Blickfeld bleiben. Wenn du versuchen solltest, ihm ein Zeichen zu geben, müsst ihr beide dran glauben. Kapiert?“

Bount nickte. Wenige Minuten später klopfte es. Der Nachtkellner aus der Bar brachte auf einem Tablett den Whisky, zusammen mit einem silbernen Eiseimerchen, einem Sodasiphon und zwei Gläsern.

„Wieso zwei?“, fragte Bount. Er nahm dem Ober das Tablett ab.

Der Ober in der weißen Frackweste grinste verständnisvoll. „Eine ganze Flasche, dazu um diese Zeit ...“ Er führte den Satz nicht zu Ende. Bount gab ihm ein Trinkgeld. Der Kellner bedankte sich, schloss die Tür und verschwand.

Bount brachte das Tablett zu der englischen Kommode, über der die gerahmte Kopie eines alten Jagdstiches hing. In dem spiegelnden Glas, das das Bild schützte, sah Bount den Kompakten auf sich zukommen. Er hatte den rechten Arm mit der schweren Waffe zum Schlag erhoben.

Bount wirbelte auf den Absätzen herum, sein Ellenbogen zuckte hoch und versuchte, den Kopf abzuschirmen. Der Schlag des Gangsters kam hart und brutal. Er traf Bounts Schädel ebenso präzise wie wirkungsvoll.

Der jähe Schmerz schickte glühend heiße Signale in Bounts Nervenspitzen. Er stemmte sich gegen die aufwallende Bewusstlosigkeit, konnte aber nicht verhindern, dass er in die Knie brach.

Der Gangster schlug erneut zu. Diesmal fühlte Bount keinen Schmerz. Stattdessen überschwemmten ihn die dunklen Wellen einer tiefen Ohnmacht.



2

Das Erwachen war mühsam und qualvoll. Es ähnelte dem verzweifelten Aufbäumen gegen einen nur unwillig weichenden Alptraum. Bount hob die schweren Lider und starrte an die Zimmerdecke. Auf seinen Schläfen, der Stirn und den Augenrändern lastete ein zäher Druck. Er richtete behutsam den Oberkörper auf. Seine Erinnerung setzte ein.

Der Überfall auf der Straße. Das Wiedersehen mit den Kapuzenmännern in seinem Hotelzimmer, die Attacke, die jähe Bewusstlosigkeit.

Er hatte einen scheußlichen, metallischen Geschmack im Mund. Es passierte ihm nicht zum ersten Mal, dass er aus den Tiefen eines totalen Knockouts auftauchte, aber diesmal war es anders.

Du hast einen Kater, erkannte er. Sie haben dich niedergeschlagen und dir den verdammten Bourbon eingeflößt!

Wie zur Bestätigung seiner Hypothese sah er die fast leere Flasche auf dem Sideboard stehen, daneben die beiden Gläser. Ein Stuhl war umgekippt, ein Bild an der Wand hing schief. Bount musterte es angestrengt. War mit seinem Gedächtnis etwas nicht in Ordnung? Wenn er sich recht erinnerte, hatte der alte Jagdstich über dem Sideboard einen Aufbruch zur Fuchsjagd gezeigt. Der hier offerierte einen Pferdekopf.

Bount entdeckte, dass er nackt war.

Er lag in einem zerwühlten Bett..

Mit einiger Anstrengung schwang Bount die Beine herum, kam auf die Füße und hielt sich am Bettpfosten fest. Die irritierenden Wellen in seinem Kopf verebbten nur langsam. Er bewegte sich behutsam auf die Badezimmertür zu, sah auf die Uhr und stellte fest, dass es kurz nach zehn war.

Hinter den noch geschlossenen Fenstervorhängen schien die Sonne. Bount rückte automatisch das schief hängende Bild zurecht und wankte weiter. Die Tür zum Bad stand offen. Bount trat über die Schwelle und blieb stehen.

Ihm war zumute, als sei er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen.

Auf den grauweißen Bodenkacheln lag ein schönes, nacktes Mädchen.

Es war Sheila.

Sie hatte einen Ellenbogen wie ein Kalendergirl um ihren rothaarigen Schopf gewinkelt. Das leuchtende Haar machte den Eindruck, als sei es von einem effektbewussten Dekorateur kunstvoll arrangiert worden.

Sheila war sehr schön.

Doch sie war tot.



3

Bount torkelte zum Waschbecken. Er versuchte sich zu erbrechen, aber es ging nicht. Er drehte den Kaltwasserhahn auf und hielt seinen Kopf darunter. Das Wasser kühlte ihn, brachte aber keine spürbare Linderung seiner Übelkeit. Der Druck in seinem Kopf blieb. Er musterte sich im Spiegel und sah seine leicht geröteten Augen. Er hatte kapiert, was geschehen war, wusste aber noch immer nicht, warum es seine Gegner darauf angelegt hatten, ihn mit Sheilas Tod in Zusammenhang zu bringen.

Er rieb sich das Gesicht trocken, machte kehrt, betrat das Wohnzimmer und suchte nach der Mordwaffe. Er fand sie unter dem Bett.

Ein gewöhnliches Küchenmesser mit etwa handlanger Klinge. Ein japanisches Billigprodukt. Er rührte es nicht an, obwohl ihm klar war, dass man dafür gesorgt hatte, dass es seine Fingerabdrücke enthielt.

Er setzte sich auf das Bett, griff nach dem Telefonhörer und wartete geduldig, bis sich jemand meldete. Doc Leroy kam an den Apparat. Er entschuldigte sich sofort. „Der Portier ist im Garten, er hilft dem Hausdiener beim Reinigen des Swimmingpools. Was kann ich für Sie tun, Sir?“

Bount räusperte sich. „Rufen Sie den Sheriff. Sofort. Und kommen Sie schnellstens zu mir herauf.“

„Sind Sie das nicht, Kommissar?“, fragte Leroy verdutzt. „Ihre Stimme klingt verändert.“

„Es ist nicht nur die Stimme“, meinte Bount grimmig.

Leroy lachte leise. „Ich verstehe. Sie rufen aus der 21 an, aus dem Zimmer der jungen Dame ...“

Die Nebel in Bounts Kopf lichteten sich langsam. Jetzt hatte er die Erklärung für das Pferdekopfbild. Er befand sich in Sheilas Zimmer. Die Gangster hatten ihn betrunken gemacht und in diesen Raum transportiert. Sie hatten Sheila getötet und bauten darauf, dass man ihm den Mord anhängen würde.

Das begann mit seiner Whisky-Bestellung. Da waren die leere Flasche, die Gläser, der Anruf des Mädchens und Sheilas Aufforderung, sie zu besuchen. Da waren die Fingerabdrücke auf dem Messer - alles Indizien dafür, dass er, unter Alkoholeinfluss stehend, bei einem Streit seine Partnerin getötet hatte.

Er konnte dieser absurden Konstruktion seine oft bewiesene Integrität entgegensetzen, das Fehlen eines Tatmotivs, den Überfall. Er hatte keine Sorgen, aus dieser Geschichte wieder herauszukommen, aber er wusste, dass die Aufklärung des Falles zeitraubend und mühsam sein würde. In der Zwischenzeit hatten seine Gegner gute Aussichten, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

„Hallo“, rief Doc Leroy. „Warum sagen Sie nichts?“

„Kommen Sie herauf“, sagte Bount und warf den Hörer auf die Gabel.

Er schaute an sich herab. An Brust und Armen befanden sich Kratzspuren. Er wusste, was sie zu bedeuten hatten. Die Hautreste befanden sich unter den Fingernägeln der Toten. Seine Gegner hatten an alles gedacht.

Seine Kleidungsstücke lagen am Kopfende des Bettes auf dem Boden. Er zog sich an. Es klopfte. Doc Leroy betrat das Zimmer. Er trug auffällig karierte, schlechtsitzende Shorts und ein grasgrünes Polohemd, auf dessen Brusttasche seine Initialen gestickt waren. Er zog die Tür hinter sich zu und fragte: „Was ist passiert?“

„Werfen Sie mal einen Blick ins Badezimmer“, forderte Bount ihn auf.

Doc Leroy legte die Stirn in Falten. Er zögerte. Als er sich in Bewegung setzte, folgte Bount ihm mit den Blicken. Leroy stoppte an der Schwelle, fiel gegen den Türrahmen und klammerte sich mit einer Hand daran fest.

„Mein Gott“, hauchte er leichenblass.

„War sie schon oft hier?“, wollte Bount wissen.

Leroy brachte es nicht fertig, seinen Blick von der Toten zu wenden. Er schüttelte den Kopf. „Das erste Mal. Wie konnte das geschehen?“

„Wie heißt sie?“

„Sheila Winters. Das ist ... das ist entsetzlich“, hauchte Doc Leroy. Er starrte immer noch das Mädchen an.

„Erinnern Sie sich an die beiden Typen, von denen ich Ihnen erzählte? Sie erwarteten mich in meinem Zimmer. Sie haben mich zusammengeschlagen und mir fast eine Flasche Whisky eingeflößt. Den Rest dürften sie Sheila Winters eingetrichtert haben. Es soll so aussehen, als hätte ich das Mädchen im Streit getötet. Haben Sie den Sheriff verständigt?“

„Nein, aber ich erledige das gleich“, meinte Doc Leroy, löste seine Hand vom Türrahmen, wandte sich zitternd um und setzte sich auf das Bett. Er griff nach dem Telefonhörer und begann die Wählscheibe zu drehen.

Bount hörte Doc Leroy reden, ohne auf die Worte zu achten. Auf der Kommode lag Sheila Winters Handtasche. Bount öffnete sie und blickte hinein. In einem Krokodillederetui befanden sich ihre Papiere.

Sie war vor zwei Wochen sechsundzwanzig geworden und verheiratet. Ihr Mädchenname lautete Crocker. Da sie keinen Ring trug und das Wochenende allein im Hotel verbracht hatte, war anzunehmen, dass sie von ihrem Partner getrennt lebte.

Einhundertsiebenundvierzig Dollar in bar, eine Kreditkarte, Lippenstift, Puderdose, ein Zerstäuber mit teurem Parfüm, ein Päckchen mit Papiertüchern, und ein Schlüsselbund mit einem goldenen Anhänger, auf dem ihre Adresse eingraviert war, vervollständigten den Tascheninhalt.

New York, 81 Gay Street.

Keine schlechte Adresse.

Die kleine, krumme Straße lag im Zentrum von Greenwich Village und galt wegen ihrer malerischen Fassaden als Touristenattraktion. In der Straße wohnten vornehmlich Leute, die es verstanden, die Kunst zu kommerzialisieren.

Doc Leroy zitterte immer noch. „Mir ist übel“, murmelte er, stand auf und ging zur Tür. Seine nackten Beine waren schneeweiß und sehr dürr.

„Moment noch“, sagte Bount. „Ich suche die beiden Typen, denen wir diese Bescherung verdanken. Einer hat meine Größe, der andere ist breitschultrig und eher gedrungen, so um die eins fünfundsechzig herum. Es ist anzunehmen, dass die beiden sich hier einquartiert haben. Der Kompakte hat blaue Augen, der Große ist dunkeläugig.“

„Das Hotel hat zehn Einzel- und zwanzig Doppelzimmer“, erwiderte Doc Leroy, der an der Tür stehen geblieben war. „Sie sind besetzt. Sie kennen mich, Kommissar. Ich lege Wert darauf, mich persönlich um die Gäste zu kümmern. Ich beobachte gut und genau. Ich wüsste niemand zu nennen, auf den Ihre Beschreibung passt.“

„Ist jemand abgereist?“

„Nur ein Ehepaar mit zwei Kindern. Das Mädchen hatte Fieber und musste zum Arzt.“

„Sagen Sie mir etwas über den Sheriff“, bat Bount und setzte sich auf den Bettrand. Er angelte seine Schuhe heran und schlüpfte hinein.

„Ein bulliger und ziemlich misstrauischer Typ“, erwiderte Doc Leroy. „Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, in welcher Lage Sie sich befinden. Obwohl es hier draußen schon eine Reihe rätselhafter und ärgerlicher Wochenendüberfälle gegeben hat, waren bislang keine Kapuzenmänner in das Geschehen verwickelt. Von Mord ganz zu schweigen. Ich weiß natürlich, dass Sie die Wahrheit sagen. Ich bezweifle aber, dass der Sheriff die gleiche Haltung einnehmen wird.“

„Sie machen mir Mut!“, spottete Bount.

Doc Leroy verließ das Zimmer. Bount griff nach dem Telefon. Diesmal meldete sich der Portier. Bount nannte ihm die Privatnummer seiner Assistentin und stieß erleichtert die Luft aus, als June March sich nur eine halbe Minute später mit frischer, wohlklingender Stimme meldete.

„Ich sitze in der Patsche“, gestand Bount.

„Darauf bist du doch abonniert“, lachte June, aber ihr verging das Lachen, als Bount mit wenigen Sätzen erklärte, was sich ereignet hatte.

„Was soll ich tun?“, fragte sie.

„Fahre in die Gay Street. Kratze alle Informationen zusammen, die du über diese Sheila Winters bekommen kannst“, bat Bount.

„Ich bin schon unterwegs“, meinte June und legte auf.

Bount ließ den Hörer sinken und lächelte verloren. Er bedauerte, die Jane übermittelte Einladung nicht an June gerichtet zu haben. June war schön und intelligent, und er fühlte, dass sie ihn vergötterte, aber gerade deshalb fiel es ihm zuweilen schwer, die richtige Einstellung zu ihr zu finden.

Außerdem war sie seine Angestellte. Vierundzwanzig Jahre jung und von brennendem Ehrgeiz erfüllt. Das schuf bei aller Vertraulichkeit den Zwang zur Distanz, auch wenn der Umgangston, den sie pflegten, Flirtbereitschaft und kumpelhafte Intimität verrieten.

Bount verließ Sheilas Zimmer und suchte sein Zimmer im Nebenflügel auf. Das Bett war unberührt geblieben. Sogar die Vertiefung, die der hochgewachsene Gangster verursacht hatte, war glattgestrichen worden.

Bount wusch und rasierte sich, dann ging er nach unten, um zu frühstücken. Er musste etwas in den Magen bekommen, um den kommenden Stunden und dem brisanten Verhör, das ihn erwartete, gewachsen zu sein. Die meisten Gäste waren unterwegs, das schöne Wetter hatte sie ins Freie gelockt.

Bount sah den Gesichtern von Personal und Gästen an, dass die Nachricht von dem Mord noch nicht die Runde gemacht hatte. Doc Leroy zitterte sicherlich vor dem Moment, wo er mit der Wahrheit herausrücken und seinen Gästen damit den sonnigen Tag verderben musste.

Bount trank Kaffee und Orangensaft, dazu verzehrte er zwei Scheiben Toast mit Butter. Das war alles. Als ein paar Männer am Eingang des Speisesaals auftauchten, wandte Bount den Kopf und stand auf. Der bullige Endvierziger konnte nur der Sheriff sein. Er befand sich in Begleitung eines sommersprossigen, knochigen Typs von schätzungsweise fünfundzwanzig Jahren. Ein älterer Kahlkopf hielt sich im Hintergrund. Das Trio war mit khakifarbigen Hemden und Hosen bekleidet.

Bount ging auf die Männer zu und stellte sich vor.

„Morgan“, knurrte der Sheriff und gab ihm überraschend eine große, feuchte Hand, die sich als schlaff und drucklos erwies. Bount widerstand dem Impuls, seine Rechte an der Hose trocken zu reiben.

Der Sheriff hatte graue, von buschigen Brauen überdachte Augen. Sie musterten Bount ohne Sympathie, aber auch ohne erkennbare Abneigung. Morgans Mund zeigte einen fast hochmütigen Ausdruck, seine Gesichtshaut wirkte wie gegerbt und passte zu seinem rostbraunen Stoppelhaar. Die insgesamt sehr knorrige Gesamterscheinung des Sheriffs bildete einen krassen Gegensatz zur Kraftlosigkeit seines Händedrucks.

Er stellte den Sommersprossigen vor. Der Mann hieß Summers. Der Kahlkopf musste im Hintergrund bleiben. Doc Leroy kam nervös heran. Ein paar Gäste im Speisesaal waren auf die Gruppe aufmerksam geworden.

„Gehen wir nach oben“, schlug Leroy vor.

Auf dem Weg in Sheila Winters Zimmer berichtete Bount knapp und sachlich, was geschehen war. Er zog keine Schlussfolgerungen, die überließ er dem Sheriff. Morgan stellte keine Fragen.

Sie betraten das Mordzimmer. Morgan blickte sich gründlich darin um. Doc Leroy, Summers und Bount blieben an der Tür stehen. Morgan fasste nichts an. Er nahm seufzend auf dem Bett Platz, holte sich einen Streifen honigbraunen Kautabaks aus der Brusttasche und schob ihn zwischen die Zähne. Er bewegte langsam die Kinnladen. Bount hatte das Gefühl, die gleiche Szene schon einmal erlebt zu haben, nahm sich aber nicht die Mühe, der Erinnerung auf den Grund zu gehen. Der Druck in seinem Kopf hatte sich nicht gemildert.

„Ich kann im Moment nur ein paar zusammenfassende Worte äußern“, meinte Morgan bedächtig. „Mord überschreitet meine Kompetenzen. Ich bin darauf angewiesen, mit den Kollegen aus Paterson zusammenzuarbeiten. Die wiederum müssen sich auf das technische Rüstzeug der Burschen aus Newark verlassen. Mit Paterson habe ich telefoniert. Wir müssen warten, bis Lieutenant Kramer mit seinen Leuten hier eintrifft.“ Er blickte Bount ins Gesicht. „Sie müssen sich bis auf Weiteres zu unserer Verfügung halten. Der Polizeiarzt wird Ihnen eine Blutprobe entnehmen.“

„Kann ich mich innerhalb des Hotels frei bewegen?“

„Ja, aber Sie müssen jederzeit erreichbar bleiben“, sagte der Sheriff.

Bount nickte, machte kehrt und suchte die Rezeption auf. Er ließ sich vom Portier das Gästebuch vorlegen. Er las einen Haufen Namen, die ihm nichts bedeuteten, gab das Buch zurück und setzte sich in den Schatten eines Baumes. Sein Kopf schmerzte und er wagte nicht sich auszumalen, was mit seinem Blutalkoholspiegel los war.

Die Männer am Swimmingpool hatten ihre Arbeit beendet und rollten einen armdicken Saugschlauch zusammen. Einige Kinder planschten im Wasser herum. Erwachsene Gäste waren kaum zu sehen, sie nutzten den schönen Tag, um in der Nähe zu Angeln oder zu Segeln.

Bount ließ vor seinem geistigen Auge nochmals die Gesichter Revue passieren, die er im Hotel gesehen hatte. Keines dieser Gesichter hatte ihm verraten, dass in Doc Leroys noblem, intimen Landhotel einige Männer bereit gewesen waren, die rothaarige Sheila Winters zu töten und ihn, Bount Reiniger, in Mordverdacht zu bringen.

Bount wurde langsam klar, dass mit dem Verbrechen ein noch größeres, vermutlich im Planungszustand befindliches Verbrechen kaschiert werden sollte.

Anhand der ausgebuchten Zimmer ließ sich errechnen, dass sich etwa 60 Gäste im Hotel befanden. Dazu mochten ein oder zwei Dutzend Angestellte kommen. Die Auswahl an potentiellen Tätern und Hintermännern war also groß.

Bount kam eine Idee.

Vermutlich hatte sich nur der Boss der Bande im Hotel einquartiert. Er war angereist, um sich am Wochenende mit einem Partner, vielleicht auch mit mehreren, in Smiths Mill treffen zu können - an einem idyllischen Ort, den kaum jemand mit verbrecherischen Aktivitäten in Zusammenhang bringen würde.

Dieser Boss war von seinen Gorillas begleitet worden. Aus optischen Gründen hatte er sie nicht im Hotel untergebracht. Er hatte sie jedoch alarmiert und auf ihn angesetzt, als Doc Leroy wiederholt das verhängnisvolle Wörtchen 'Kommissar' hatte fallen lassen.

Es war nur eine Theorie, sie musste nicht zutreffen, aber sie hatte Hand und Fuß. Bount erhob sich und ging zu den Männern, die den Schlauch wegbrachten. „Gibt's in der Nähe noch ein Hotel?“, fragte er.

„Nur einen Campingplatz“, erwiderte einer der Männer.

„Zwei“, korrigierte der andere.

„Wo liegt der nächste?“, wollte Bount wissen.

„Am roten Wanderweg“, erwiderte der Angestellte und wies zur Straße. „Richtung Paterson. Der Hohlweg beginnt gleich hinter der Tankstelle. Die Zufahrt ist markiert. Sie können sie nicht verfehlen.“

Bount bedankte sich, verließ den Hotelgarten und schritt die von Ulmen gesäumte Straße hinab. Er erreichte den Hohlweg nach knapp einer Meile. Bount trat zur Seite, als ein mit zwei Schlauchbooten beladener Stationcar heranschwankte. Ein Chevy.

Der Fahrer stoppte neben Bount.

Außer seiner blassen Frau hatte er vier Kinder im Wagen. Sie turnten auf den Hintersitzen herum. Dazwischen bellte ein kleiner Hund, den Bount nicht sehen konnte. Der Mann hatte ein knallrotes, verschwitztes Gesicht. „Wie weit ist’s noch bis zum Campingplatz?“, fragte er.

Bount nannte ihm die Distanz. Er hatte sie auf dem Hinweisschild an der Zufahrt abgelesen. „Kann ich Sie mitnehmen?“, fragte er.

Bount winkte ab. „Danke, es sind ja nur noch achthundert Yards.“

Der Mann fuhr weiter und musste gleich darauf wieder stoppen, weil ihm ein grauer VW-Transporter entgegenkam. Der Wagen hielt. In dem Transporter saßen zwei Männer, ein Blonder und ein Dunkelhaariger.

Der Fahrer des Transporters streckte seinen Kopf aus dem offenen Seitenfenster, winkte mit einem Arm und rief barsch: „Zurücksetzen!“

Auf dem Hohlweg bot sich keine Ausweich- oder Wendemöglichkeit.

„Wieso gerade ich?“, brüllte der Fahrer des Stationcars gereizt zurück.

Bount ging in die Hocke und sorgte dafür, dass der Stationcar ihm Deckung bot. Camper waren im Allgemeinen recht freundliche und hilfsbereite Menschen. Der Ton des Transporterfahrers machte deutlich, dass er nicht zu dieser Kategorie gezählt werden durfte. Falls Bount durch einen Zufall auf die Spur der gesuchten Gangster geraten war, empfahl es sich, mit der gebotenen Vorsicht zu taktieren.

Die Frau sagte etwas zu ihrem Mann. Bount sah ihr ängstliches Gesicht im Profil. Der Rotgesichtige resignierte, legte den Rückwärtsgang ein und ließ die Kupplung kommen. Der VW-Transporter fuhr sofort an, er rückte so dicht auf, dass es schien, als wollte er den Chevy aus dem Weg schieben.

Die Männer in dem Transporter sahen Bount nicht, sie waren auf das Geschehen vor ihrer Windschutzscheibe konzentriert. Bount richtete sich auf. Die Männer besaßen harte, gewöhnliche Gesichter. Einer von ihnen hatte helle Augen, aber sie waren grau und nicht blau.

Bount ging weiter.

Der Camping-Platz lag an einem kleinen Teich und machte einen recht idyllischen Eindruck. Bount zählte an seinen Ufern sieben Stationcars, sechs Wohnwagen mit Zugmaschinen und außerdem ein paar Zelte. Am Ufer stand ein dicker Mann in Badehose und beobachtete ein blondes, junges Mädchen, das Schwimmübungen machte. Irgendwo kreischten ein paar Kinder.

Auf der anderen Seite des Teiches zog sich das Gelände hügelaufwärts, dort standen die Zelte im Schatten einiger alter Eichen. Bounts Blick fiel auf einen olivgrünen Landrover, an dessen Heck eine riesige Antenne befestigt war. Bount ging darauf zu.

„Verstehen Sie was von Motoren?“, fragte ihn ein Mann, der hinter dem Landrover hervortrat. Bount war enttäuscht. Stimme und Figur passten zu keinem der Gangster, die er suchte.

„Ist das Ihr Wagen?“, fragte Bount.

Der Mann nickte. „Gebraucht gekauft“, sagte er. „Ich glaubte, ich hätte ein Geschäft gemacht, aber es sieht ganz so aus, als sei ich von dem Vorbesitzer reingelegt worden. Der Schlitten streikt. Ich versuche seit gestern, ihn wieder flott zu machen. Er will nicht.“

Er säuberte sich die Hände an einem Lappen. Bount fielen zwei Dinge auf. Der Lappen war nicht ölig, und die kräftigen, gedrungenen Hände des Mannes machten gleichfalls nicht den Eindruck, als habe ihr Besitzer sich als Mechaniker versucht.

Bount schätzte den Mann auf ungefähr fünfunddreißig. An seinem Kopf war alles rund. Die Nase, die Wölbung der prallen Lippen, die Stirn und die Augen. Der sehr kompakte, muskulöse Oberkörper wurde von einem T-Shirt modelliert. Unter den Achselhöhlen wucherte rötliches Haar. Es fehlte ihm auf dem Kopf. Dort hielten sich nur ein paar dünne, quer gekämmte Strähnen.

„Öffnen Sie mal die Motorhaube“, bat Bount.

Der Mann befolgte die Aufforderung.

„Starten“, sagte Bount.

Der Mann kletterte in den Wagen. Die Maschine kam auf Anhieb. Der Mann sprang ins Freie. „Nicht zu glauben“, staunte er. „Der Misthund will mich ärgern!“

Er beugte sich über die Maschine, schüttelte den Kopf und fragte dann: „Hören Sie das Nageln? Da ist doch was nicht in Ordnung!“

Er richtete sich auf. Bount beugte sich nach vorn und legte den Kopf lauschend zur Seite. Er tat interessiert, dann zuckte er urplötzlich herum. Sein Instinkt hatte ihn gewarnt, sein Reflex war ein Stück perfektes Timing.

Die Faust des Mannes schoss auf ihn zu. Bount riss den Kopf zur Seite. Die Knöchel des Rundgesichtigen radierten schmerzhaft über Bounts Backenknochen.

Bount tänzelte auf Distanz. Er konterte. Seine gerade herausgestochene Linke fand ihr Ziel. Das laute Krachen seiner Faust hörte sich an, als hätte er damit Sperrholz zertrümmert. Bount war überrascht. Sein Gegenüber machte nicht den Eindruck, ein schlechter Nehmer zu sein.

Das war er auch nicht, wie sich im nächsten Augenblick zeigte.

Bount spürte, dass er nicht so schnell war, wie es die Situation erforderte. Der Alkohol in seinem Blut machte ihm zu schaffen. Bount fintierte, griff an und traf erneut.

Diesmal erwischte er seinen Gegner am Kinn. Dem dumpfen, harten Laut folgte keine sicht- oder spürbare Wirkung. Der Mann im T-Shirt schnaufte und kämpfte wie ein Terrier, wütend und verbissen.

Er war plötzlich am Mann, umschloss Bount mit seinen Armen und versuchte ihm das Knie in den Unterleib zu rammen. Bount sprengte die Umklammerung und zog die Linke hoch. Der Mann riss den Mund auf. Bount schloss ihn mit einem trockenen Schwinger.

Der Mann torkelte zurück. Bount trieb ihn mit den Fäusten vor sich her. Der Gegner blieb gefährlich, seine Ausfälle waren giftig und hart, aber irgendwie hatten sie an Präzision und Punch verloren.

„Nicht doch“, sagte eine männliche Stimme in Bounts unmittelbarer Nähe.

Bount erstarrte, nur für eine Sekunde.

Er kannte die Stimme.

Sie gehörte einem mutmaßlichen Mörder. Sie gehörte dem Gangster, der am Vorabend auf dem Bett des Hotelzimmers gehockt und ihn mit seinem Smith & Wesson Revolver bedroht hatte.

Nur eine Sekunde.

Bounts Gegenüber nutzte sie. Er trieb Bount die Faust in die Weichteile. Bount versuchte, sich abzudrehen, aber der Gangster hatte die Reaktion vorausgesehen. Seine Vorgabe stimmte. Bount brach in die Knie.

Etwas traf ihn von hinten am Kopf.

Es war wie am Vorabend.

Sein Wille stemmte sich vergeblich gegen den explosiven Schmerz, gegen die ihn jäh überschwemmende Dunkelheit. Er verlor das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Erdboden. Man hatte ihm etwas unter den Kopf geschoben. Ein aufblasbares Gummikissen. Über sich sah er das knochige Gesicht einer wenig attraktiven Frau. Bount erkannte es sofort wieder. Es gehörte der Frau des Chevy-Fahrers.

„Was gibt es bloß für Menschen“, jammerte sie.

Bount spürte etwas Kaltes, Klebriges auf seiner Stirn und griff danach. Ein nasser Umschlag. Er nahm ihn ab und setzte sich auf. Um ihn herum hatte sich ein Halbkreis gebildet, der Mann mit dem dicken Bauch war darunter, der Chevy-Fahrer, ein Dutzend Kinder.

„Haben Sie angefangen, stimmt es, was der Bursche sagte?“, wollte der Dicke wissen.

Bount wandte den Kopf. Der Landrover war verschwunden. Bount kam auf die Beine, er schwankte ein wenig, holte tief Luft und widerstand mit grimmigem Trotz seinen immer noch gegenwärtigen Schwindelgefühlen.

„Wie viele waren es?“, fragte er.

„Zwei“, erwiderte der Dicke.

„Drei“, korrigierte ein etwa vierzehnjähriger Junge. „Sie sind gestern mit dem Landrover hier angekommen. Nachmittags. Als wir uns den Schlitten ansehen wollten, haben sie uns verscheucht. Die wollten mit uns nichts zu tun haben.“

Bount presste den nassen Umschlag gegen seine Stirn, zog den Jungen beiseite und fragte: „Kannst du die Kerle beschreiben?“

„Aber klar“, erwiderte der Junge. „Kein Problem. Ich habe mir die Wagennummer notiert.“ Er gab sie Bount und beschrieb die Männer. Einer war hellblond und blauäugig gewesen. Der Große hatte schwarzes, glatt zurückgekämmtes Haar und dunkle Augen gehabt, der Fahrer, mit dem Bount sich geprügelt hatte, war fast kahlköpfig gewesen. An besondere Merkmale erinnerte der Junge sich nicht. Bount drückte ihm ein paar Dollar in die Hand, verabschiedete sich und kehrte zurück ins Hotel.

Vor dem Eingang stand ein Kastenwagen. Eine Gruppe Neugieriger machte klar, dass die inzwischen eingetroffene Mordkommission das Geschehen bestimmte.

Bount betrat die Rezeption, hängte sich an die Strippe und telefonierte mit New York. Wenige Minuten später wusste er, dass die Nummer des Landrovers zu einem Pontiac Grand Prix gehörte, der von einer Frau gefahren wurde.

Die drei Männer hatten die Nummer gestohlen und den Landrover damit ausgerüstet.



4

Allan Graves wurde vom Klingeln des Weckers jäh aus dem Schlaf gerissen. Er setzte sich im Bett auf, schlug die leichte Decke zurück und spürte, dass er schlechte Laune hatte. Sein verdammtes Gewissen!

Es war in der vergangenen Nacht wieder einmal spät geworden, er hätte nicht soviel trinken dürfen. Vor allem war es dumm gewesen, die Beziehungen zu Jelena aufzuwärmen.

Er war mit ihr einmal so gut wie verlobt gewesen. Vor fünf Jahren. Er hatte sich damals gescheut, die Ringe auszutauschen, Gott sei dank, denn Jelenas Attraktivität war fast allen zugänglich, die ihr gefielen.

Jelena war ein guter Kumpel, eine wundervolle Begleiterin, die amüsante und kurzweilige Partnerin zur Überbrückung freier Dienststunden. Aber das Girl konnte nicht treu sein, deshalb hatte er sich am Ende doch für Clara entschieden.

Er hatte keinen Grund, seine Wahl zu bereuen. Clara war eine fabelhafte Frau, er liebte sie.

Gerade weil das so war, bereute Allan, den vergangenen Abend und einen großen Teil der Nacht mit Jelena verbracht zu haben. Ein paar Whiskys hatten ihn und sie hochgeschaukelt, sie hatten wiederholt miteinander getanzt und waren schließlich in Jelenas Apartment gelandet.

Es war wie früher gewesen, es hatte Küsse und die alte Leidenschaft gegeben, er hatte das Ganze genossen, aber jetzt quälte ihn die Erkenntnis, sich falsch verhalten zu haben. Er nahm sich vor, Clara ein Geschenk zu kaufen, irgendetwas Hübsches, das ihr Freude machte.

Ihm fiel ein, dass es dafür zu früh war. Außerdem war Sonntag, aber im Terminal gab es ein paar Shops, die seine Wünsche erfüllen konnten.

Er duschte sich und brachte den Rest der Toilette hinter sich, dann betrachtete er sich prüfend im Spiegel. Allan Graves, zweiunddreißig Jahre alt, aufstrebender Pilot der Intercargo Luftfrachtgesellschaft.

Er hatte ein paar aussichtsreiche Bewerbungen bei größeren Firmen laufen und konnte damit rechnen, schon bald im Passagierdienst eingesetzt zu werden. Er verdiente gut. Clara erwartete ein Baby, er hatte wirklich allen Grund, mit sich und seinem Leben zufrieden zu sein.

Er blickte auf die Uhr und öffnete die Jalousielamellen. Helles Tageslicht strömte in den Raum. Es war elf Uhr vormittags. Er hielt sich immer präzise an seinen Zeitplan, das gehörte zu seinem Beruf.

Das Telefon klingelte. Allan Graves nahm den Hörer ab und lächelte leer, als er Jelenas dunkle Stimme vernahm. „Liebster“, flüsterte sie. „Ich liege noch im Bett.“

„Das höre ich.“

„Ich fühle mich so allein! Warum musstest du ins Hotel zurückkehren? Kannst du den dummen Flug nicht um ein paar Stunden aufschieben?“

„Du bist Stewardess und weißt so gut wie ich, dass das nicht geht.“

„Es ist Sonntag!“

„Für mich ist Flugtag.“

„Warum muss ich mich nur immer in Piloten verlieben?“, seufzte Jelena.

Er legte auf, schnappte sich seine Reisetasche, verließ das Zimmer und ließ sich im Hotelrestaurant zum Frühstück ein Alka Seltzer kommen. Als er wenig später die Lounge verließ, rollte gerade ein Taxi der Yellow Cab Company vor den Eingang. Allan Graves setzte sich in den Fond. Er nannte dem Fahrer sein Ziel, den Newark Airport auf der anderen Seite des Hudson.

Der Fahrer nickte. Allan zündete sich eine Zigarette an und bedauerte, keine Zeitung bei sich zu haben. Er bat den Fahrer darum, am nächsten Verkaufsstand zu stoppen. Der Fahrer hielt schon am nächsten Häuserblock in der Vandam Street.

Ein hochgewachsener, gutgekleideter Enddreißiger stieg ein. Der Mann trug ein schwarzes Diplomatenköfferchen bei sich. Er grinste dem Fahrer ins Gesicht, der Fahrer grinste zurück. Die Männer kannten sich.

Allan runzelte die Augenbrauen. Ihn beschlich ein ungutes Gefühl. Das Ganze missfiel ihm. Er zahlte für den Trip und war es nicht gewöhnt, sich an Sammeltransporten zu beteiligen.

Der Mann auf dem Beifahrersitz legte das Köfferchen auf seine Knie, öffnete den Deckel und zeigte Allan im nächsten Moment, was er dem Koffer entnommen hatte.

Es war ein Revolver. „Sehen Sie mal, was ich da habe“, sagte er.

Allan Graves spürte heißen Zorn in sich aufwallen. Er blieb beherrscht. Selbstdisziplin gehörte zu seinem Job. „Legen Sie das Ding aus der Hand“, sagte er scharf.

Der Mann auf dem Beifahrersitz drehte sich halb herum, legte den linken Ellenbogen auf die Rücklehne und benutzte ihn als Auflage für den Revolver. Er richtete die Waffenmündung auf Allan Graves.

„Nicht doch, Captain“, sagte er spöttisch. „Ihr Kommandoton ist hier fehl am Platze. Sie sind nicht an Bord Ihrer Maschine. Und ich gehöre nicht zu Ihrer Crew. Aber ich bin dafür, dass wir das ändern. Ich bin Flugingenieur. Ich werde Ihnen zeigen, dass ich eine Menge von diesem Job verstehe. Es wird also nicht nötig sein, dass Sie Ihr Crewmitglied Cullers aus seinem Hotel am Flugplatz abholen - ich übernehme den Job.“

Allan Graves war sprachlos. Er arbeitete seit zwei Jahren mit Cullers zusammen. Sie verstanden sich prächtig, waren ein eingespieltes Team.

Allan gab sich einen Ruck. „Was soll der Quatsch?“, fragte er wütend.

„Wir brauchen Ihre Kiste, Captain. Sie werden den Vogel an einen Platz unserer Wahl fliegen.“

Allan Graves schwieg verdattert. Er und seine Kollegen waren daran gewöhnt, dass Terroristen oder Gangster eine Maschine in der Luft kaperten, aber es war neu für ihn, dass man versuchte, den Piloten schon vor dem Abflug zu programmieren.

„Sie irren sich in der Adresse“, sagte Allan. „Ich fliege keine Passagiermaschine. Und ich bin nicht erpressbar.“

Vor ihnen tauchte eine Telefonzelle am Straßenrand auf. Der Taxifahrer lenkte den Wagen auf den Parkstreifen und hielt. Der Mann mit dem Revolver grinste Allan ins Gesicht. „Rufen Sie Ihre Frau an“, sagte er.

Allan Graves zögerte, dann stieg er aus und betrat die Telefonzelle. Er deckte den Münzautomaten mit seinem Körper ab und wählte den Notruf der Polizei. Hinter ihm öffnete sich die Tür der Telefonzelle. Allan drückte rasch die Gabel nach unten.

„Verwählt“, behauptete er.

„Sie müssen ein paar Münzen einwerfen“, höhnte der Mann. Er hatte die Hand mit der klobigen Waffe in seine Jackentasche geschoben.

Allan Graves nickte. Er schob vier Dimes in den Schlitz. „Das wird kaum reichen für ein Gespräch mit Georgia“, spottete der Gangster.

Allan warf einige Münzen hinterher, wählte Claras Nummer und wartete. Sein Herz klopfte. Er stellte sich das kleine weiße Haus an der Flussbiegung vor. Das Schlafzimmer befand sich auf der Nordseite des Hauses, seine Fenster wiesen auf den Garten. Das Telefon stand im Wohnzimmer, aber es gab einen Zweitanschluss neben Claras Bett. Sonntags schlief sie gern bis in die Mittagsstunden hinein, das war so ein Spleen von ihr.

Clara meldete sich nicht.

Sie war zu Hause, sie musste zu Hause sein!

Allan hatte noch am Vortag mit ihr telefoniert. Clara hatte nichts davon gesagt, dass sie den Sonntag außer Haus zu verbringen beabsichtigte. Sie hatte nur wenige Freundinnen in der Stadt. Seit ihrer Schwangerschaft blieb sie am liebsten in der gewohnten Umgebung.

„Fehlanzeige“, sagte Allan und hängte auf. Die Münzen klapperten in den Rückgabebecher.

„Wir haben uns erlaubt, Clara hoppzunehmen“, sagte der Mann und wies mit dem Kopf auf das wartende Taxi. Die Maschine des Wagens tuckerte leise im Leerlauf.

Allan öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Es gab nicht den geringsten Zweifel, welche Bedeutung den Worten des Gangsters zukam, aber alles in Allan Graves sträubte sich dagegen, sie anzuerkennen.

„Hoppzunehmen?“, echote er.

Der Gangster trat zur Seite. „Kommen Sie endlich“, sagte er scharf.

Allan setzte sich in den Wagenfond. Der Gangster nahm diesmal neben ihm Platz. Er zog den Revolver aus der Tasche und spielte damit. Das metallische Klicken der rotierenden Magazintrommel zerrte an Allans Nerven. Am liebsten hätte er dem Fremden ins Gesicht geschlagen und ihm das vulgäre, höhnische Grinsen aus der Visage gewischt. Aber nach Lage der Dinge wäre es glatter Selbstmord gewesen, diesem Impuls nachzugeben.

„Zu kidnappen“, sagte der Gangster. „Ist das deutlicher? Clara befindet sich in unserer Gewalt.“

Sie fuhren los. Allans Muskel spannten sich. Die Adern an seinen Schläfen traten deutlich hervor. In seinen klaren, blauen Augen kündigte sich eine Explosion an. Der Mann mit dem Revolver erkannte die Sturmzeichen.

„Nicht doch“, sagte er und richtete die Waffenmündung wieder auf den Piloten. „Keine Mätzchen, bitte. Ich gehe davon aus, dass man Sie geschult hat und dass Sie wissen, wie Sie sich in einer Situation wie dieser zu verhalten haben. Denken Sie an Clara! Das Leben Ihrer Frau liegt in Ihrer Hand. Sie wird es verlieren, wenn Sie nicht spuren.“

Allan Graves Mund wurde trocken. Er lehnte sich zurück. „Was verlangen Sie von mir?“, fragte er kaum hörbar.

„Das sagte ich bereits. Wir haben Bedarf für Ihre Kiste“, erklärte der Gangster.

„Wer ist 'wir'?“

„Sie erwarten hoffentlich nicht, dass ich ihnen meine Geschäftskarte überreiche“, spottete der Gangster.

„Sind Sie scharf auf die Ladung?“, fragte Allan.

Der Gangster ignorierte die Frage. Er lächelte dünn. „Wir kennen die strengen Sicherheitsbestimmungen auf dem Flugplatz. Ich gehe ohne Waffen an Bord. Ihnen ist hoffentlich klar, dass Sie daraus keinen Nutzen ziehen können. Wenn Sie ausscheren, geht es Clara an den Kragen. An den Hals, um genau zu sein. Wir drehen ihn ihr einfach um. Kapiert?“

„Sie vergessen den Copiloten“, sagte Allan. „Er erwartet mich im Terminal.“

„Mit dem befassen wir uns später. Es genügt, wenn Sie ihn unterwegs einweihen.“

Allan schaffte es erstaunlich schnell, sich zu beruhigen. Im Allgemeinen legten der oder die Entführer Wert auf spektakuläre Aktionen. Sie suchten das Echo der Öffentlichkeit. Aber Terroristen hatten vornehmlich politische Motive, während der Mann neben ihm ganz offenkundig eine Gruppe vertrat, der es schlicht um Raub und um konkreten, persönlichen Gewinn zu gehen schien.

Für ihn, Allan Graves, änderte sich damit nichts an seiner Aufgabenstellung. Er musste unter allen Umständen vermeiden, dass Menschen zu Schaden kamen.

Clara. Cullers. Der Copilot.

Heldentum, das war Allan klar, ließ sich besser an einem anderen Platz und bei einer geeigneteren Gelegenheit beweisen.

Sie erreichten nach halbstündiger Fahrt den Flugplatz, stiegen aus und betraten das Terminal. Allans Begleiter hatte sein Köfferchen mitsamt dem Revolver im Taxi zurückgelassen und strebte auf den Gebäudetrakt zu, in dem sich die Schließfächer befanden.

„Was würden Sie tun, wenn ich jetzt hier Alarm schlüge und dafür sorgte, dass man Sie verhaftet?“, wollte Allan wissen.

„Das wäre schlecht für mich“, gab der Gangster zu, „aber noch schlechter wäre es für Ihre Frau. Es würde ihren sicheren Tod bedeuten.“

„Dann würde man Sie für ihren Tod haftbar machen und bestrafen“, sagte Allan.

„Mich?“ Der Gangster lachte kurz. Er blieb stehen, fischte einen Schlüssel aus der Tasche, öffnete das Schließfach Nummer 6179 und entnahm ihm eine Plastiktüte. „Ich hätte für die Tatzeit ein Alibi.“

„Komplizenschaft dürfte genügen - und auf die Fährte der Täter weisen.“

„Geht es Ihnen um akademische Konstruktionen oder um das Leben Ihrer Frau?“, fragte der Mann.

„Schon gut“, resignierte Allan Graves und winkte ab. „Ich bin gezwungen, mich Ihren Weisungen zu fügen.“

„Sie warten hier, ich bin in fünf Minuten zurück“, sagte der Gangster. „Sehen Sie den Mann dort drüben am Kiosk? Er behält Sie im Auge.“

Der Gangster machte kehrt und verschwand hinter der Tür, die zu den Toiletten führte. Als er wieder auftauchte, trug er die Uniform eines Flugingenieurs. Auf dem blauen Lumberjack war der Name der Fluggesellschaft eingestickt. INTERCARGO. Der Gangster legte den Plastikbeutel, der seinen Anzug mitsamt Oberhemd und Schlips enthielt, in das Schließfach, nahm den Schlüssel an sich und sagte: „Es kann losgehen.“

Sie begaben sich in die Halle, in der die Büros und Counter der Luftfrachtgesellschaften ihren Sitz hatten. Allan Graves hob grüßend die Hand, als er Dick Copperland gewahrte, der am Abfertigungstresen der Firma Intercargo lehnte und mit dem blonden Mädchen plauderte, das Sonntagsdienst hatte.

„He, was ist mit Ronny, hast du ihn nicht mitgebracht?“, wunderte sich der Copilot und schenkte dem Mann an Allans Seite einen prüfenden Blick.

Ronny Cullers war der Flugingenieur.

Der Gangster grinste. Er streckte Copperland die Rechte entgegen. „Ich bin Fred Masters“, sagte er. „Flugingenieur. Die Zentrale hat mich gebeten, für Ihren Kollegen einzuspringen.“

„Was ist passiert?“, fragte Copperland und gab dem Gangster die Hand.

„Eine Virusgrippe oder so was Ähnliches“, behauptete Allan und zwinkerte dem Mädchen am Tresen zu. Sie war eine gute alte Bekannte und arbeitete schon seit Jahren für die Gesellschaft. „Er hat hohes Fieber.“

„Das haut mich um, ich habe noch gestern Abend mit ihm Karten gespielt“, meinte Copperland.

„Vielleicht hast du ihn angesteckt. Bleib' mir bloß vom Leibe“, flachste Allan und sah auf seine Uhr. „Es wird Zeit, dass wir gehen. Steht die Starterlaubnis?“

„Ich habe das ,Okay‘ vom Tower”, erwiderte Copperland kopfnickend.

Die Männer verabschiedeten sich von dem blonden Mädchen und gingen auf das Gate zu, das für das Boden- und Flugpersonal bestimmt war.

Allan Graves fingerte seinen Ausweis hervor und blickte den Mann an, der sich Masters nannte. „Was ist mit Ihnen?“, fragte er.

„Alles okay, ich habe meine Papiere bei mir“, versicherte der Gangster grinsend. „Sie werden meine Fähigkeiten noch schätzen lernen, Captain. Ich bin ein sehr pedantischer Mensch. Bei mir gibt es keine Pannen.“



5

June neigte dazu, sich in schwierigen Fällen als Einzelgängerin zu bewähren, aber sie hatte gelernt, dass brisante Fälle nicht ohne die tatkräftige Unterstützung ihres Chefs oder seines zweiundzwanzigjährigen Mitarbeiters Wilkinson Lenning zu meistern waren.

Wenn Bount unter Mordverdacht festgehalten wurde, war höchste Alarmstufe gegeben, deshalb hatte June Wilkie angerufen und sich seiner Mitarbeit versichert.

Als er schließlich mit Verspätung aufkreuzte, war seinem hageren, etwas grämlich wirkendem Gesicht anzusehen, dass er eine lange Nacht hinter sich hatte. Er setzte sich zu June in den Wagen und informierte sie darüber, dass er an einer Jam Session in Greenwich Village teilgenommen und dabei das Angebot erhalten hatte, als Gitarrist in eine bekannte Rockband einzutreten.

„Es wird Zeit, dass dir mal jemand sagt, dass vernünftige Leute die Nacht zum Schlafen benutzen“, meinte June.

Wilkie gähnte laut. Er war dunkelblond, ziemlich groß und überschlank, ein fast knochiger Typ, dem man nicht ansah, dass sein Vater, ein Schiffsmakler, ihm einen Haufen Geld hinterlassen hatte und dass er, Wilkie, obwohl er am liebsten Musik machte, nicht minder engagiert für Bount Reiniger arbeitete.

„Wenn ich vernünftig wäre, würde ich nicht für einen Mann jobben, der ständig im Gefahrenstress lebt und momentan unter Mordverdacht steht“, meinte Wilkie schläfrig. Er hatte sich von June am Telefon sagen lassen, worum es ging.

„Niemand zwingt dich zu dieser Arbeit!“

Wilkie gähnte erneut. Er stellte das Autoradio an und blinzelte June ins Gesicht. Er beneidete sie um ihr blühendes, frisches Aussehen und versuchte sich zu erinnern, ob er jemals an einem Sonntagmorgen ähnlich knusprig ausgesehen hatte.

June und er fuhren geradewegs in die Gay Street. Den Wagen stellten sie in einem Parkhaus ab. Das Haus Gay Street 81 passte in die Landschaft. Mit seinem aufgemalten Fachwerk auf bonbonfarbigem Untergrund war es bemüht, ein Stück altenglischer Romantik zu verkörpern. Es bedurfte aber keiner allzu großen Stilkenntnis, um sofort zu merken, dass alles nur Fassade war und dem Zweck diente, Touristen zu beeindrucken. Denen war auch die kleine Bildergalerie im Erdgeschoss des Hauses gewidmet.

Die Leute, die in den drei oberen Etagen wohnten, mussten sicherlich einen Haufen Miete bezahlen, um den Namen Gay Street auf ihre Visitenkarten drucken lassen zu können.

Das Namensschild Sheila Winters entdeckten June und Wilkie in der zweiten Etage. Es hing neben dem einer Laura Tanner und ließ erkennen, dass die beiden Damen eine der in New York sehr gebräuchlichen Wohngemeinschaften gebildet hatten.

Wilkie klingelte, die Tür öffnete sich.

In ihrem Rahmen stand ein schwarzhaariges, knabenhaft gewachsenes Mädchen von etwa zwanzig Jahren. Sie trug ein bunt bedrucktes, bodenlanges Kleid indischer Herkunft. Der Pagenschnitt und die großen, dunklen Augen gaben ihrer Erscheinung etwas Exotisches. Der weiche, feuchte Mund leuchtete wie eine offene Blüte.

Das Mädchen hatte verweinte Augen. Offenbar wusste sie schon, was geschehen war.

June und Wilkie stellten sich als Bount Reinigers Mitarbeiter vor. Das Mädchen führte sie in ein Wohnzimmer, dessen Schick eine Stange Geld gekostet haben musste. Ultramodernes war raffiniert mit Altem gemischt und im Wesentlichen auf Effekt getrimmt. Der Gesamteindruck verriet Geschmack; der Raum war sogar behaglich.

„Ich weiß es seit einer Stunde, ein Revierdetektiv war hier“, erklärte Laura und setzte sich. Sie machte eine einladende Handbewegung. June und Wilkie nahmen ihr gegenüber auf Polsterwürfeln Platz.

Laura Tanner hatte eine dünne, spröde Stimme, die sich anhörte, als sei sie leicht verletzbar und imstande, wie dünnes Glas zu zerspringen.

„Warum ist Sheila nach Smiths Mill gefahren?“, erkundigte sich Wilkie.

„Sie wollte allein sein.“

„Warum?“

„Dieses Bedürfnis hat doch jeder einmal“, meinte Laura Tanner und zündete sich eine Zigarette an. Sie blies den Rauch an die Decke. Wilkie entging nicht die makellose Linie des langen Halses. Das Mädchen schaute ihn plötzlich an. „Nein, ganz so war es nicht“, räumte sie ein. „Ich erwartete Besuch. Die Wohnung ist klein. Es gibt Gelegenheiten, wo man sie für sich allein haben möchte. Dies war so ein Fall. Sheila hatte dafür Verständnis.“

„Wieso ist Sheila gerade auf Smiths Mill gekommen?“, fragte June.

„Oh, irgendjemand hat ihr das Hotel empfohlen, nehme ich an. Die arme Sheila konnte nicht wissen, dass der Knochenmann dabei seine Finger im Spiel hatte.“

„Wovon lebte sie?“, fragte June.

„Sie war Fotomodell, genau wie ich.“

„Sie stehen mit einer Agentur in Verbindung?“, erkundigte sich Wilkie.

„Ja, Sheila und ich haben zuletzt ausschließlich mit Lysell & Grimsby zusammengearbeitet.“

„Hatte Sheila einen Freund?“

„Sie war nicht gebunden“, erwiderte Laura ausweichend. Sie ballte plötzlich die kleinen Hände, ihre verweinten Augen begannen zu funkeln. „Wenn ich den Kerl erwische, der mit ihr geschlafen und sie dann ermordet hat, ich bringe ihn um!“

Sie begann hemmungslos zu schluchzen. Es dauerte nur zehn Sekunden, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt. „Ich weiß nicht, warum ich mit Ihnen rede“, sagte sie matt. „Sie arbeiten für den Mann, der Sheila tötete. Teilen Sie ihm mit, dass ich Sheila rächen werde.“ Sie hob das Kinn. „Was, zum Teufel, wollen Sie eigentlich hier? Glauben Sie im Ernst, ich wäre bereit, Ihnen entlastendes Material für den Freispruch Ihres Killer-Bosses zu liefern?“

„Bount Reiniger ist kein Killer. Er ist Opfer, genau wie Sheila Winters“, sagte Wilkie.

„Er bezahlt Sie. Nur deshalb nehmen Sie ihn in Schutz. Ich will nichts davon hören, gehen Sie!“, schrie das Mädchen plötzlich. Sie zitterte am ganzen Körper.

June und Wilkie erhoben sich. Sie gingen.

„Ich frage mich, ob sie uns etwas vorgemacht hat“, meinte June, als sie die Straße erreicht hatten. „Dieser plötzliche, hysterische Ausbruch hatte etwas Künstliches, Aufgesetztes.“ Sie sah Wilkie an. „Wie denkst du darüber?“, fragte sie.

Er gähnte. „Ich bin müde.“

June verdrehte die Augen. „Du bist mir eine schöne Hilfe. Muss ich dich daran erinnern, worum es geht?“

Wilkie antwortete nicht. Er trabte auf eine Telefonzelle zu, ging hinein und ließ sich von der Auskunft die Nummer und Privatadresse von James Lysell, einem der beiden Agenturchefs, geben.

June klemmte sich hinter Wilkie in die Zelle. „Ich glaube zu wissen, warum Laura uns nicht die volle Wahrheit sagte. Sheila gehörte vermutlich zu den jungen Damen, die es verstehen, ihre Reize in klingende Münze umzusetzen. Ich behaupte nicht, dass sie sich täglich verkaufte, aber vermutlich war sie einem Abenteuer in luxuriöser Umgebung nicht abgeneigt. Ich möchte fast wetten, dass sie auf diese Weise ihren Lebensunterhalt aufbesserte.“

Wilkie nahm den Hörer ab und warf eine Münze in den Sprechautomaten. James Lysell meldete sich. Er hatte die sonore, wohlklingende Stimme eines Mannes, der den Wert seiner Persönlichkeit kennt.

„Wilkinson Lenning. Ich rufe im Auftrag meines Chefs, Mr. Reiniger, an. Mr. Reiniger betreibt New Yorks bedeutendste Privatdetektei. Er befindet sich momentan vorübergehend in ein paar Schwierigkeiten, die mit dem Tod Ihres Modells Sheila Winters zusammenhängen.“

„Eine schreckliche Geschichte“, sagte Lysell.

„Sie sind schon darüber informiert?“, staunte Wilkie.

„Ihre Freundin hat mich angerufen, vor einer halben Stunde“, erklärte der Mann am anderen Leitungsende. „Sie war in Tränen aufgelöst. Das arme Ding! Gibt es schon nähere Hinweise auf das Tatmotiv?“

„Es gibt noch nicht mal einen Hinweis auf den Killer“, sagte Wilkie. „Was wissen Sie über Sheila Winters?“

„Ein Modell wie jedes andere. Nicht sehr beschäftigt. Sie hatte das Pech, nicht so fotogen zu sein, wie es ihre äußere Erscheinung versprach. Für den Laufsteg brachte sie zu viel Oberweite mit. Da lässt ihre Freundin Laura sich schon besser platzieren. Sie ist ein Typ. Großäugig und grazil. Ich bedaure auch, dass wir Laura verlieren werden, aber ihr Verlobter hat was dagegen, dass sie für Fotografen posiert.“

„Wie kommt es, dass sie nicht mit ihm zusammenlebt?“, wunderte sich Wilkie, der die Gebräuche der Branche gut kannte.

„Aber genau das tut sie!“, meinte Lysell.

„Was ist mit der Wohngemeinschaft, die Laura und Sheila betrieben?“

„Fragen Sie Laura. Offiziell lebten die beiden in der Gay Street zusammen, aber in der Praxis schläft Laura bei ihrem Verlobten. Das ist kein Geheimnis. Verdammt, worum geht es denn nun eigentlich, um Laura oder um Sheila?“

Sheilas Tod schien ihn nicht zu beeindrucken. Er lebte in einer Stadt, wo brutale Gewalt zum täglichen Leben gehörte, und er vertrat einen Berufszweig, dessen Vertreterinnen oft genug mit dem Verbrechen und seinen Akteuren in Kontakt kamen. Sheila Winters hatte ihm persönlich nichts bedeutet. Ihr tragisches Ableben bescherte der Agentur keinen messbaren Verlust.

„Hatte Sheila einen festen Freund?“, fragte Wilkie.

„Ja, einen Piloten.“

„Kennen Sie ihn?“

„Nein, aber sie hat oft von ihm geschwärmt. Ein Mann wie ich kann darüber nicht mal lächeln. Diese Puppen sehen aus wie die Königinnen, aber sie haben Herzen aus billigem Stearin. Es schmilzt bei jeder Gelegenheit. Jeder Ganove kann es kneten und formen.“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sheilas Freund ein Ganove war?“, fragte Wilkie.

„Sie war der Typ, der schräge Vögel anlockte“, meinte Lysell. „Das muss nicht heißen, dass ihr Freund etwas auf dem Kerbholz hatte. Angeblich hatte er vor, sie zu heiraten. Vielleicht wollte Sheila sich mit dieser Behauptung interessant machen. Wahrscheinlich versuchte sie anzudeuten, dass sie es im Grunde gar nicht nötig hatte, für die Agentur zu arbeiten.“

Wilkie bedankte sich, hängte ein und schaute June an. Sie stand so dicht hinter ihm, dass sie Lysells Kommentare mitbekommen halte. „Ein scheußlicher Kerl“, sagte sie angewidert.

„Knöpfen wir uns noch mal die schöne Laura vor“, empfahl Wilkie und verließ mit June die Telefonzelle. „Sie hat uns gleich zweimal belogen. Sie hat uns die Existenz des Piloten verschwiegen und ganz offenkundig ein falsches Motiv für Sheilas Wochenendausflug genannt.“

Sie bogen in die Gay Street ein. „Da kommt sie“, stieß Wilkie hervor. Er rettete sich mit June in einen Hauseingang. Laura ging auf der anderen Straßenseite. Sie bewegte sich rasch und zielstrebig. Ihre verweinten Augen hatte sie hinter einer großen Sonnenbrille verborgen. Sie trug einen fast bodenlangen Mantel im Berberlook.

June und Wilkie ließen das Mädchen passieren. „Warum mit ihr reden?“, fragte Wilkie. „Sie ist ein Mädchen. Zwei Lügen werden sie veranlassen, mit neuen Spinnereien aufzuwarten. Es ist besser, wir beobachten, was sie treibt. Das ist ein Job für dich.“ Er grinste. „Es wäre unsinnig, einen ausgewachsenen Mann auf das zerbrechliche Geschöpf anzusetzen. Ich bleibe hier und höre mich in der Umgebung um.“

„Okay, wir sehen uns später“, meinte June und trat auf die Straße, um dem Mädchen zu folgen.

Wilkie verspürte plötzlich Hunger. Er hatte noch nicht gefrühstückt, setzte sich in ein Schnellrestaurant und ließ sich ein Steak auf Toast schmecken. Als er zum zweiten Mal das Haus 81 in der Gay Street betreten wollte, fiel ihm ein Mann auf, der es aufmerksam musterte.

Interessierte Blicke gehörten in der Gay Street zum Straßenbild, aber dieser Mann sah nicht aus wie ein Tourist. Er machte nicht den Eindruck eines aufgeschlossenen Spaziergängers, er war eher der Typ des schweigsamen Tatmenschen.

Wilkie schob nachdenklich seine Unterlippe nach vorn. Der Mann überquerte die Fahrbahn und betrat das Haus 81. Wilkie zählte bis zwanzig, dann folgte er ihm.

Wilkie blieb in der kleinen, niedrigen Halle des Erdgeschosses stehen. Die Galerietür war verglast. Dahinter sah man ein paar junge Leute, die knallbunte, an dünnen Drähten aufgehängte Serigrafien betrachteten. Der Mann, den Wilkie suchte, war nicht darunter. Er konnte sich in einem der Nebenräume aufhalten, aber das bezweifelte Wilkie. Der Fremde war kein Pop-Art-Fan.

Dass Wilkie mit dieser Vermutung recht hatte, bewies ihm im nächsten Moment ein leises Knacken, das aus einem der oberen Stockwerke zu ihm drang. Dem Geräusch folgte der dumpfe Laut einer zufallenden Wohnungstür.

Wilkie stieg in das zweite Stockwerk, legte sein Ohr an Lauras Wohnungstür und lauschte. Was er hörte, ließ vermuten, dass jemand Bücher aus einem Regal auf den Boden warf.

Wilkie klingelte.

Die Geräusche erstarben, aber niemand kam zur Tür. Wilkie klingelte erneut. Ohne Erfolg. Er machte kehrt und sorgte beim Gehen dafür, dass seine Schritte auf der Treppe nicht zu überhören waren.

Er verließ das Haus, ging bis zur Christopher Street, kehrte wieder um und huschte in einen Hauseingang, der es ihm ermöglichte, die 81 im Blickfeld zu behalten.

Eine Stunde verging, ehe der Mann wieder auftauchte. Er blickte nach links und nach rechts, dann bewegte er sich ohne Eile auf die Christopher Street zu. Er ging bis zur Kreuzung 7th Avenue, dort sprach er ein gut gewachsenes, auffällig gekleidetes Mädchen an, dem anzusehen war, dass es auf Kunden wartete. Die beiden unterhielten sich miteinander. Der Mann tippte sich mit dem Finger gegen die Stirn. Er war mit der Forderung der jungen Dame nicht einverstanden und ging weiter.

Er fühlte sich unbeobachtet, das stand für Wilkie fest. Der Mann bewegte sich, als habe er eine schwierige Mission gemeistert. Er war offenbar der Ansicht, sich jetzt dem verdienten Feierabend mit ein paar Amüsements widmen zu können.

Er stoppte an einer besetzten Telefonzelle. Eine alte Dame mit verrücktem Hut stand darin und gestikulierte mit den Armen, als ob der Gesprächsteilnehmer sie sehen könnte. Der wartende Mann schob sich einen Kaugummi zwischen die Zähne und wippte auf den Sohlen seiner dunkelbraunen Mokassins. Wilkie war schon vorher aufgefallen, dass sich die rechte Jackentasche des Mannes stark beulte. Es steckten ein paar Dinge darin, die sich vor seinem Besuch in der Gay Street nicht darin befunden hatten.

Der Mann klopfte gegen die Tür der Telefonzelle. Die Frau winkte ab, ohne sich umzudrehen. Der Mann öffnete die Tür und sagte etwas. Die Frau zuckte herum, sie bekam einen hochroten Kopf und wollte den Mann zurechtweisen. Aber seine Größe und der Ausdruck in seinem Gesicht ließen ihren Zorn in sich zusammenfallen. Sie sagte noch ein paar Worte in die Sprechmuschel, dann hängte sie auf und ging.

Wilkie erreichte die Telefonzelle und baute sich an deren Rückseite auf. Hier bot ihm der Münzautomat Sichtschutz. Der Mann drehte die Wählscheibe und pfiff dabei vor sich hin. Ein Gespräch kam nicht zustande. Die Nummer war entweder besetzt, oder der Teilnehmer meldete sich nicht.

Danach verließ der Mann die Telefonzelle. Wilkie hängte sich erneut in sicherem Abstand an seine Fersen. Er hatte keine Mühe, sich das Gesicht des Fremden in allen Einzelheiten einzuprägen.

Es war schmal, beinahe hager. Das dunkelblonde, dünne Haar war exakt gescheitelt. Die Lippen wirkten schmal und verkniffen. Ein Höcker auf der Nase ließ vermuten, dass sein Riechorgan schon einmal gebrochen gewesen war. Der Mann schob beim Gehen die linke Schulter nach vorn. Wilkie schätzte ihn auf ungefähr siebenunddreißig. Seine Kleidung bestand aus scharf gebügelten, grauen Hosen und einem Tweedsakko mit Fischgratmuster. Der Schlips auf dem rosafarbigen Oberhemd war laut genug, um beim Karneval in Rio mithalten zu können. Ansonsten war er kein Typ, der einen zweiten Blick verdiente. Hätte er sich nicht für das Haus in der Gay Street interessiert, wäre er Wilkie nicht aufgefallen.

Der Mann stoppte, um erneut ein Mädchen anzusprechen. Auch diesmal kam es zu keinem Abschluss. Der Mann ging weiter, machte kehrt und marschierte plötzlich geradewegs auf Wilkie zu. Er trat Wilkie in den Weg und fragte: „Feuer?“

„Wo ist Ihre Zigarette?“, wollte Wilkie wissen.

„Ich rauche nicht“, sagte der Mann mit einer unangenehmen, schabenden Stimme. „Ich will kein Feuer haben, ich biete es Ihnen an.“ Sein schmallippiger Mund verzog sich zu einem drohenden, höhnischen Grinsen. „Aus meiner Kanone!“, schloss er.

„Ist das 'ne Nummer für einen bunten Abend?“, fragte Wilkie. Er fühlte sich nicht so schnoddrig, wie er tat. Er hatte den Mann unterschätzt. Burschen seines Aussehens hielten sich nicht lange mit Drohungen auf. Sie handelten.

Die Tatsache, dass sie sich auf der belebten 7th Avenue befanden, hatte in diesem Zusammenhang wenig zu bedeuten. Die Betriebsamkeit und der Passantenstrom konnten einem Gangster nur recht sein; sie machten es ihm leicht, nach einem Anschlag in der Menge unterzutauchen.

Der Mann hatte die Rechte ins Innere seines Sportsakkos geschoben. „Ich habe meine Puste in der Klaue“, sagte er. „Ich zeige dir, wie sie funktioniert, es sei denn, du spurst.“

„Ich bin der geborene Spurer“. versicherte Wilkie. „Direkt spurentreu. Was soll ich tun?“

„Siehst du die Gasse auf der anderen Straßenseite?“, fragte der Mann. „Ich denke, wir sollten ihm einen Besuch abstatten. Ich liebe Gassen, weißt du. Sie sind so schrecklich intim.“

Wilkie wartete, bis sich in dem Fahrzeugstrom eine Lücke zeigte, dann überquerte er die Fahrbahn. Sein Gegner blieb ihm dicht auf den Fersen.

Sie betraten die Gasse , eine schmale, mit Kisten, Mülleimern und allerlei Gerümpel voll gestellte Gasse. Der Gangster dirigierte Wilkie hinter einen Stapel Leergut und zog die Hand aus seinem Sakko. Sie umspannte eine Bernadelli-Pistole, der eine Griffplatte fehlte.

„Leg’ die Brieftasche vor dich hin und dreh’ dich mit dem Gesicht zur Wand“, kommandierte der Gangster. Wilkie gehorchte.

Der Mann nahm die Brieftasche mit der Linken an sich. Er öffnete sie und stutzte. „Du arbeitest für 'nen Privatdetektiv?“, staunte er.

Wilkie wandte sich um. „Was dagegen?“

„Ein Privatschnüffler“, meinte der Gangster fassungslos und schüttelte den Kopf. „Wer hat dich auf mich angesetzt?“

„Niemand“, bekannte Wilkie. „Ich interessiere mich für Laura Tanner. Du warst in ihrer Wohnung. Ich wüsste gern, warum.“

Der Mann grinste. „Wir haben etwas gemeinsam, Junge“, sagte er. „Wir arbeiten für andere. Was mich betrifft, so hatte ich den Auftrag, ein paar Kleinigkeiten aus der Wohnung der Puppe zu beschaffen. Dafür kassiere ich einen Hunderter. So einfach ist das.“

„Ein bisschen viel Risiko für mickrige hundert Bucks“, meinte Wilkie.

Der Mann zuckte mit den Schultern und warf Wilkie die Brieftasche zu. „Wenn man knapp bei Kasse ist, darf man nicht wählerisch sein.“

„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Wilkie. „Du nennst mir den Namen deines Auftraggebers und überlässt mir die Dinge, die du aus der Wohnung geholt hast. Dafür verdoppele ich das Honorar.“

„Du hast zwei müde Zehner in der Brieftasche“, sagte der Gangster und streckte seine Linke aus. „Ich nehme sie als Anzahlung.“

Wilkie gab ihm das Geld. Der Gangster stopfte es in seine Jackentasche. „Sind wir handelseinig?“, fragte Wilkie hoffnungsvoll.

Der Gangster grinste. „Ich rufe dich an“, behauptete er.

„Ich kann das Geld sofort besorgen. Wir fahren einfach zu mir“, meinte Wilkie.

„Unter fünfhundert ist nichts zu machen, Junge.“

Weder Wilkie noch der Gangster bemerkten, wie sich hoch über ihnen ein Fenster öffnete. Jemand kippte den Inhalt eines Eimers über die Brüstung. Das Schmutzwasser klatschte hart und laut hinter dem Gangster auf den rissigen Asphalt.

Der Gangster zuckte herum.

Das Geräusch traf ihn ohne Vorwarnung.

Wilkie nutzte seine Chance. Er sprang den Gegner von hinten an, winkelte den linken Ellenbogen um dessen Hals und ergriff mit der freien Hand die pistolenbewehrte Rechte des Mannes und riss sie hoch.

Ein Schuss löste sich aus der Waffe. Er weckte in der schmalen Gasse ein donnerndes Echo, aber es zeigte sich niemand, der die Ursache des Knalls zu erfahren wünschte.

Wilkies Gegner ächzte. Der von Wilkie praktizierte Polizeigriff zwang ihn dazu, die Waffe fallen zu lassen. Wilkie kickte sie mit dem Fuß zur Seite. Dann beging er den Fehler, das plötzliche Abschlaffen des Gangsters für ein Zeichen der Aufgabe zu halten.

Wilkie lockerte seinen Griff. Der Gangster reagierte blitzschnell. Er sprengte die Umklammerung, wirbelte auf seinen Absätzen herum und wuchtete, aus der Drehung heraus, seine Rechte auf Wilkies Kinn.

Wilkie flog gegen den Kistenstapel und brachte ihn ins Wanken, aber nicht zum Einsturz. Der Gangster hechtete nach der Waffe. Wilkies vorschnellender Fuß brachte ihn aus der Zielrichtung. Er stolperte und fiel. Noch ehe er wieder auf die Beine kam, war Wilkie über ihm.

Sie rollten ringend und tretend über den schmutzigen Boden. Jeder Trick schien erlaubt, um den Gegner in den Griff zu bekommen. Der Gangster rammte Wilkie ein Knie in die Weichteile, dann versuchte er, die Augen des jungen Mannes mit seinen gespreizten Fingern zu treffen. Die nicht ganz sauberen, scharfen Nägel rissen Wilkie die Haut auf.

Die beiden Männer rollten von der Waffe weg, dann wieder darauf zu. Sie ähnelten wild gewordenen Catchern und rangen verbissen um den kleinsten Vorteil.

Wilkie befreite sich aus den kräftigen Armen seines Gegners und sprang hoch. Der Gangster war nicht viel langsamer. Sie gingen mit den Fäusten aufeinander los.

Wilkie ließ den Gangster leerlaufen. Der Ältere griff erneut wütend an. Wilkie stoppte ihn mit einer knallharten Rechten, dann brachte er ihn mit zwei kurzen, pulvertrockenen Körperdoubletten in Bedrängnis. Wilkie spürte, wie seinem Gegner die Luft knapp wurde. Wilkie forcierte das Tempo.

Der Gangster versuchte mitzugehen. Er landete einen Sonntagstreffer. Wilkie hatte den Eindruck, als ob sich vor seinen Blicken die Welt in Wellenlinien aufzulösen begann. Er versuchte mit dem Rücken an die Wand zu kommen. Das Gesicht seines Gegners kam heran, ganz groß, von plötzlichem Triumph erfüllt.

Wilkie gab sich einen Ruck und brachte es fertig, seine Schwäche abzuschütteln. Er fegte den Hohn im Gesicht seines Gegners mit einem linken Haken hinweg. Der Widerstand des Gangsters zerbrach.

Wilkie trieb den Mann mit beiden Fäusten vor sich her, er fightete fast schulmäßig. Links, rechts. Links, rechts. Das Ende kam rasch. Wilkies Rechte traf exakt den Punkt. Der Mann fiel rücklings in eine leere Holzkiste. Unter ihm zersplitterten krachend einige Bretter.

Dann war Stille.

Wilkie bückte sich schwer atmend nach der Bernadelli und überzeugte sich davon, dass das Magazin gefüllt war. Er steckte die Waffe ein, beugte sich über den nahezu bewusstlosen Gangster und zog ihm die Brieftasche aus dem Sakko.

Sie enthielt neben einigen Personalpapieren vier brandneue Hundert-Dollar-Scheine. Der Personalausweis lautete auf den Namen Alfred Mashing.

Mashing kam blinzelnd zu sich. Wilkie hatte keine Veranlassung, ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Mashing quälte sich auf die Beine und lehnte sich, sichtbar wacklig in den Knien, gegen die Wand.

Wilkie gab ihm die Brieftasche mitsamt Inhalt zurück. „Gib mir die Sachen, die du aus Lauras Wohnung geklaut hast“, forderte Wilkie mit ausgestreckter Hand.

Mashing schüttelte den Kopf. „Das ist nicht zu machen, Junge. Es wäre mein sicheres Ende.“

„Her damit!“

Mashing grinste erschöpft. „Du hast einen kräftigen Bums, aber du bist nicht so stark, wie du dich aufführst. Als Mitarbeiter einer lizenzierten Privatdetektei hast du nicht das Recht, mich um mein Eigentum zu erleichtern.“

„Ich habe nicht vor, dich zu bestehlen“, machte Wilkie klar. „Aber ich muss wissen, was du aus Lauras Bleibe geholt hast.“

Mashings graublaue Augen verengten und verdunkelten sich. „Du hast keine Ahnung, worauf du dich einlässt“, sagte der Gangster mit leiser, schleppender Stimme. „Lass die Finger davon, Junge, ich meine es gut mit dir!“

„Deine väterliche Güte bricht mir das Herz“, erwiderte Wilkie.

„Ich bin nur ein kleiner Handlanger“, erklärte Mashing, dem es erkennbare Mühe bereitete, seine Gedanken in überzeugende Worte zu kleiden. „Meine Auftraggeber passen in keines der üblichen Klischees. Es ist eine Organisation, aber kein Syndikat. Es hat nichts mit der Mafia zu tun. Diese Leute sind ...“ Er winkte ab. „Es hat keinen Zweck. Es ist schon gefährlich, über diese Leute zu reden.“

„Handelt es sich um einen geheimdienstlichen Auftrag?“, fragte Wilkie.

„Nein.“

„Du machst mich neugierig.“

„Es gibt Rücksichtnahmen, an denen keiner vorbeikommt“, sagte Mashing. „Besonders eine. Sie gilt dem eigenen Leben. Meins hat seine dunklen Punkte, manchmal ist es einfach beschissen - aber ich möchte es mir nicht von diesen verdammten Typen rauben lassen.“

„Bist du nun für oder gegen diese Leute?“

„Im Grunde bin ich gegen sie. Aber wer liebt schon seinen Boss? Ich mache mit, weil ich keine Lust verspüre, ins Gras zu beißen“, meinte Mashing.

„Okay“, seufzte Wilkie. „Gehen wir zum nächsten Polizeirevier. Dort werden sie dich zwingen, den Tascheninhalt auf den Tisch zu legen.“

Mashing überlegte. Er schielte auf die Ausbeulung, die die Bernadelli in Wilkies Tasche verursachte. Dann holte er einen dicken, gelben Umschlag aus seinem Sakko. „Ich kann nicht mit leeren Händen zurückkehren“, sagte er. „Das Kuvert enthält einen Stapel Fotos. Wir teilen sie uns. Dafür lässt du mich laufen.“

„Ich möchte die Bilder sehen“, sagte Wilkie.

„Es sind Schnappschüsse, Amateuraufnahmen, ich kann darauf nichts besonderes entdecken“, sagte Mashing. „Aber ich bin nicht engagiert worden, um die Fotos zu analysieren. Ich habe lediglich den Auftrag, sie weiterzuleiten.“

„Ganz in der Nähe befindet sich mein Office. Das Office meines Chefs, um genau zu sein. Dort können wir die Bilder fotokopieren“, schlug Wilkie vor. „Auf diese Weise bietet sich dir die Möglichkeit, den ganzen Stapel abzuliefern.“

Mashing überlegte kurz. „Einverstanden“, sagte er.

Sie verließen die Gasse und erreichten zehn Minuten später Bount Reinigers Office in der 7th Avenue. Sie betraten die klimatisierte Halle. Vor dem Lift stand ein Mann und blickte über seine Schulter.

Es war Bount Reiniger.



6

„Ich habe die Auflage bekommen, die Stadt bis auf Weiteres nicht zu verlassen“, erklärte Bount, als sie mit dem Lift nach oben fuhren. „Ohne die Fürsprache meines Freundes Toby Rogers säße ich jetzt vermutlich in Sheriff Morgans vergittertem Fremdenzimmer.“

Toby Rogers war Leiter der Mordkommission Manhattan.

Die Freundschaft zwischen den beiden Männern war nicht immer ein Musterbeispiel der Harmonie, aber sie bewährte sich dann, wenn es um Wesentliches ging.

Wilkie berichtete mit wenigen Worten, was er erlebt hatte und wie es kam, dass Alfred Mashing sich in seiner Begleitung befand.

Sie erreichten das Office-Apartment im 14. Stockwerk, nahmen in der Klubgarnitur von Bounts Privatbüro Platz und feilschten um den Inhalt des gelben Umschlages, da Mashing inzwischen auf die Idee verfallen war, für das Kopieren der Fotos einen Tausender zu fordern.

Bount brachte ihn auf den Boden der Tatsachen zurück. Mashing gab klein bei und schüttete die Fotos auf den runden Tisch. Sheila Winters überall, in Farbe und Schwarz-Weiß. Auf fast jedem Bild derselbe Begleiter. Ein Mann mit markantem, intelligentem Gesicht, nicht älter als fünfundvierzig.

Bount spitzte die Lippen. Er hatte den Mann in Doc Leroys Hotel gesehen.

Bount stand auf, hängte sich an die Strippe und rief Doc Leroy an.

„Hören Sie, Doc“, sagte Bount, „da ist ein Gast in Ihrem Haus, der gestern Abend in der Nähe des Kamins saß. Allein an einem Zweiertisch. Ein gut gekleideter, sehr zurückhaltend wirkender Mittvierziger, Er trug einen dunkelblauen Tuchblazer mit Klubemblem, war dunkelblond und ...“

„Der Pilot“, fiel Doc Leroy Bount ins Wort.

„Ich brauche seinen Namen, seine Adresse.“

„Bringen Sie ihn mit dem Verbrechen in Zusammenhang? Da liegen Sie bestimmt schief, Kommissar. Ich kenne ihn. Ein alter Stammgast. Immer höflich, stets korrekt, ein Besucher nach Maß.“

„Weiter. Was wissen Sie über seinen familiären und beruflichen Background?“, fragte Bount. „Vor allem: wie heißt er?“

„Bryan Morris. Er wohnt in New York. Wenn Sie die genaue Adresse zu erfahren wünschen, muss ich einen Blick ins Gästebuch werfen. Morris kreuzt stets allein auf, immer nur übers Wochenende. Er fühlt sich wohl in dieser Umgebung, das hat er mir wiederholt versichert, und das wird von seinen sporadischen Besuchen bestätigt. Er ist vor wenigen Stunden abgereist.“

Wilkie hatte inzwischen die Fotos eingesammelt. Er begab sich, gefolgt von dem misstrauischen Mashing, in Junes Office. Dort stand das Kopiergerät.

Bount ließ sich die Adresse von Bryan Morris geben und legte auf. Er nahm das Telefonbuch zur Hand und erlebte eine Überraschung. Es gab in ganz New York keinen Mann dieses Namens. Die Adresse war falsch.

Bount rief die Piloten Assoziation an. Eine Art von Gewerkschaft, die die Interessen des fliegenden Personals vertrat. Auch dort war kein Mann mit dem Namen Bryan Morris bekannt.

Bount telefonierte ein weiteres Mal mit Doc Leroy. „Wie kommt es, dass Sie in Morris einen Piloten sehen?“, fragte Bount.

„Ich habe mal zugehört, wie er sich mit einem Chefpiloten der PANAM unterhalten hat“, erwiderte Doc Leroy. „Es gibt keinen Zweifel, dass das eine Fachsimpelei unter Experten war.“

Bount bedankte sich und legte auf. Er ging ins Vorzimmer, ließ sich einige der frisch kopierten Fotos aushändigen und machte sich mit ihnen in seinem Mercedes 450 SEL auf den Weg zum Kennedy Airport.

Bount stemmte sich unterwegs gegen die aufkommende Müdigkeit. Die letzte Nacht steckte ihm noch in den Knochen. Er hatte den Wunsch, sich ein paar Stunden aufs Ohr zu hauen, aber das Bedürfnis, etwas über diesen Bryan Morris herauszufinden, war eindeutig stärker.

Bount kannte ein paar Leute im Terminal des Airports und sprach zunächst mit Lieutenant Harper von der Flugplatzpolizei. Harper schaute sich die Bilder an, schüttelte den Kopf und stellte bedauernd fest, dass er weder das Mädchen noch ihren Begleiter kannte. Bount zeigte die Fotos zwei Piloten und einigen Stewardessen, er ging damit in einigen Offices buchstäblich hausieren. aber das Ergebnis veränderte sich nicht, Sheilas Begleiter war auf dem Airport nicht bekannt.

Bount wollte schon aufgeben, als Lester Wesley seinen Weg kreuzte. Wesley war ein Ex-Pilot von fast sechzig Jahren. Vor ein paar Jahrzehnten hatte er zu den kühnsten und einfallsreichsten Kunstfliegern der Nation gehört. Heute war er Vizepräsident einer Charterfluggesellschaft.

Die Männer begrüßten sich. Bount präsentierte seine Fotos. Wesley hob die Augenbrauen. „Das ist Bryan“, sagte er dann knapp.

„Bryan Morris, ja. Wo finde ich ihn?“

„Bryan Brinkley“, stellte Wesley richtig. „Wie kommen Sie auf Morris?“

„Ein Versehen, nehme ich an“, sagte Bount, der keine Lust hatte, sich mit langen Erklärungen aufzuhalten. „Wie gut kennen Sie ihn?“

„Er hat mal für meine Firma gearbeitet. Ein merkwürdiger Typ. Ein fabelhafter Pilot, ein Fachmann, aber ein Bursche ohne Verantwortungsgefühl. Wir mussten ihn feuern.“

„Wann haben Sie ihn das letzte Mal zu Gesicht bekommen?“, fragte Bount.

„Lassen Sie mich nachdenken. Soweit ich mich erinnern kann, liegt das drei Jahre zurück. Dann wechselte Brinkley den Job und ging zur INTERCARGO. Ich habe keine Ahnung, ob er für diese Gesellschaft noch arbeitet. Aber dort müsste man Ihnen eigentlich sagen können, was aus ihm geworden ist.“

„Intercargo, Intercargo“, murmelte Bount. „Den Namen habe ich vorhin in den Nachrichten gehört. Ist der Gesellschaft nicht eine Maschine mitsamt Fracht abhanden gekommen?“

„Und Piloten!“, presste Wesley grimmig durch die Zähne. „Diese Fälle häufen sich. Es ist der vierte Frachtflugzeugdiebstahl innerhalb eines Jahres. Es hat den Anschein, als würden die Diebstähle von einer organisierten Bande gesteuert. Soviel ich weiß, hat sich bereits das FBI eingeschaltet.“

Bount verabschiedete sich und suchte das Büro der INTERCARGO auf, das sich im Südflügel des Terminals befand. Der junge Angestellte, der sich dort beim Sonntagsdienst langweilte, wusste mit dem Namen Bryan Brinkley nichts anzufangen. Er betrachtete sich die Fotos und schloss: „Einer unserer Piloten kann es nicht sein. Die kenne ich, jeden Einzelnen davon.“

„Vielleicht weiß man im Hauptbüro mehr“, meinte Bount.

„Das ist sonntags geschlossen. Versuchen Sie Ihr Glück doch mal bei Sheppard, das ist der Geschäftsführer. Hier ist seine Nummer.“

Bount tätigte den Anruf und erfuhr, dass Bryan Brinkley vor zweieinhalb Jahren die Firma verlassen hatte. Ihm war gekündigt worden. Sheppard war nicht bereit, sich zum Kündigungsgrund zu äußern. Bount ließ sich Brinkleys letzte Adresse nennen, schlug das Telefonbuch auf und stellte fest, dass sie noch stimmte.



7

„Was wir tun, ist glatter Selbstmord“, schimpfte Allan Graves und kontrollierte die tanzenden Nadeln und Signallampen des Cockpits. „Die 'Bristol' braucht eine größere Flughöhe.“

„Sie tun, was ich Ihnen befehle“, schnauzte der Mann, der sich den Piloten als Fred Masters vorgestellt hatte.

„Wind 250 Degrees, 24 Knots, Gusts to 36 Knots, Sicht acht nautische Meilen, Regenschauer“, gab Dick Copperland mit steinerner Miene eine Wettermeldung durch.

Er wusste seit zwei Stunden, was geschehen war und benahm sich seitdem wie eine gekränkte Diva, obwohl er einsah, dass Allan Graves keine Chance gehabt hatte, sich den Forderungen des Entführers zu widersetzen.

Es lag auf der Hand, dass Masters bestrebt war, den Radarschirm zu unterfliegen, aber das war für die schwere Frachtmaschine mit vielen Risiken verbunden. Es bedurfte Allan Graves ganzen fliegerischen Könnens, um die Instruktionen des Gangsters nicht in einer Katastrophe enden zu lassen.

Masters überließ Copperland eine neue Flugkarte. Es war die dritte innerhalb weniger Stunden.

„Fliegen Sie den eingezeichneten Platz an“, befahl Masters.

Copperland studierte die Koordinaten und äußerte perplex: „Dort gibt es keinen!“

„Sie werden sich wundern“, spottete Masters.

„Sieh dir das an“, meinte Copperland und überließ die Karte dem Captain.

Graves warf einen Blick darauf. „Wyoming“, sagte er. „Es wird dunkel sein, ehe wir das Ziel erreichen. Ich brauche eine exakte Landkarte.“

„Hier ist sie“, sagte Masters.

„Wenn Sie uns zwingen sollten, die Kiste in den Wüstensand zu setzen, rate ich Ihnen, schon jetzt Ihr Testament zu machen“, knurrte Graves.

Masters grinste. „Sie werden eine brauchbare Rollbahn mit ordentlicher Befeuerung vorfinden.“

Zwei Stunden später setzte Allan Graves zur Landung an. Vor ihnen flammte die Beleuchtung einer langen Piste auf; ordnungsgemäß angebrachte Markierungslampen wiesen den Weg.

Die Maschine berührte den Boden. Starke Rollerschütterungen machten klar, dass es sich nicht um eine Betonpiste handeln konnte. Graves stieß die Luft aus, als er die schwere Maschine endlich zum Halten gebracht hatte. Er starrte in die Dunkelheit und sah einen Wagen mit rotierendem Gelblicht auftauchen. Der Wagen wendete. Graves erkannte das beleuchtete FOLLOW ME und folgte dem Fahrzeug über ebenen, aber keineswegs glatten Boden, bis das rote STOPP vor ihm aufleuchtete.

Masters erhob sich. „Gute Arbeit, Captain“, lobte er.

Sie verließen das Cockpit und begaben sich zum Ausstieg. Copperland öffnete ihn. Ein Gangway rollte heran und wurde von den beiden Männern, die ihn bedienten, auf eine Ebene mit dem Ausstieg gebracht.

Allan Graves versuchte festzustellen, wo sie sich befanden, aber er sah sich außerstande, mehr als die Konturen einiger barackenähnlicher Gebäude und die fünf Männer zu erkennen, von denen sie am Ende des Gangways erwartet wurden.

Vier der Männer trugen verwaschene blaugraue Overalls, der fünfte, offenbar der Anführer der Bande, war mit verknitterten Hosen und einem großkarierten Sporthemd bekleidet. Er schien nicht älter als vierzig zu sein, und hatte ein rundes, glattrasiertes Gesicht mit leicht vorstehenden Augen und stark gewelltem, rötlichem Haar.

Er grinste den Männern entgegen, schüttelte Masters die Hand, klopfte ihm anerkennend auf die Schulter und wies einladend auf den Ford-Kastenwagen, der sie an den Rand des Flugfeldes gelotst hatte.

„Sie sind anscheinend nicht bewaffnet“, flüsterte Dick Copperland auf dem Weg zum Wagen in Graves Ohr. „Verdammt, mit diesen Kerlen werden wir doch fertig! Drei sind an der Gangway zurückgeblieben. Den Rest machen wir fertig. Wir türmen mit dem Ford und ...“

„Kommt nicht infrage“, fiel Allan Graves seinem Copiloten scharf und leise ins Wort. „Du vergisst Clara. Meine Frau befindet sich in der Gewalt der Gangster.“

Copperland seufzte resignierend. Sie erreichten den Wagen. Der Rothaarige stieß die an der Seite angebrachte Schiebetür auf. „Steigen Sie ein, meine Herren“, meinte er und bewies mit seinem harten Akzent, dass seine Wiege irgendwo in Irland gestanden hatte.

Graves und Copperland kletterten in den Wagen, der mit zwei Sitzbänken ausgerüstet war und ein Verbindungsfenster zum Fahrerhaus hatte. Der Ire knallte die Tür zu. Masters klemmte sich hinter das Lenkrad, der Ire nahm neben ihm Platz. Über holprigen Boden entfernten sie sich von der Maschine. Graves blickte durch das kleine Fenster und sah, wie die Scheinwerfer die Wellblechwände einiger hangarähnlicher Gebäude erfassten und dann wieder in tiefes Dunkel stachen.

Der Kastenaufbau war vom Fahrerhaus getrennt. Allan Graves und Dick Copperland konnten sich miteinander unterhalten, ohne befürchten zu müssen, von Masters und dem Iren, die schweigend nebeneinander saßen, gehört zu werden.

„Wir können Clara nur helfen, wenn wir den Spieß umdrehen“, argumentierte Copperland. „Was hältst du davon? Wir können uns doch nicht widerstandslos fertigmachen lassen!“

Graves biss sich auf die Unterlippe. Er musste zugeben, dass der Vorschlag des Copiloten ihn faszinierte. Die Entführung Claras und alles, was dem Verbrechen gefolgt war, hatten in Allan Graves eine kalte Wut erzeugt, einen Aggressionsstau, der nach einem Ventil verlangte. Lediglich der Umstand, dass ein Ausbruch Clara schaden konnte, hatte ihn zu eiserner Selbstdisziplin gezwungen.

„Wir müssen abwarten, wir dürfen nichts Unbedachtes tun“, meinte Graves und verzog das Gesicht, als eine harte Bodenwelle sie kräftig durchschüttelte.

„Das ist eine ganze Bande“, widersprach Copperland. „Wir müssen jetzt handeln, ehe sie uns trennen und irgendwo einlochen!“

Er setzte sich neben den Captain und probierte, ob sich die Tür aufschieben ließ, aber sie gab keinen Millimeter nach. „Scheiße“, presste Copperland durch die Zähne. „Wir müssen bis zum Aussteigen warten. Du übernimmst Masters, ich knöpfe mir den Iren vor.“

„Das Ding läuft nur, wenn wir absolut sicher sein können, dass die Attacke nicht zum Bumerang für uns wird“, machte Allan Graves seinem Kollegen klar.

Der Wagen stoppte. Die beiden Gangster kletterten ins Freie, einer von ihnen öffnete die Schiebetür. Die Piloten stiegen aus. Allan Graves blickte sich um. Er sah undeutlich die Konturen einiger Holzbaracken vor sich; nur eine davon war beleuchtet. Ein offener, überdachter Eingang führte in einen Korridor, von dessen Decke eine kahle Glühbirne herabbaumelte. Das Ganze machte einen ärmlichen, heruntergekommenen Eindruck.

Niemand schien sie zu erwarten. „Kommen Sie, wir haben ein kleines Abendessen für Sie vorbereitet“, sagte der Ire und bewegte sich auf die überdachte Tür zu.

Copperland gab das Signal zum Angriff. Er stürzte sich auf den vor ihm gehenden Iren und knallte ihm die Rechte in den Nacken.

Allan Graves attackierte Masters. Der schwang herum, wich mit einem Sidestep Graves kräftigem Schwinger aus und konterte hart.

Allan Graves hatte keine Zeit, sich um das zu kümmern, was zwischen dem Iren und Dick Copperland passierte. Er konzentrierte sich auf Masters, dessen Beweglichkeit und Schlagkraft den routinierten Boxprofi erkennen ließen.

Allan Graves dachte an seine Frau, er dachte an alles, was ihm zugemutet worden war, das gab seinen Schlägen Wucht und Präzision, jeder Treffer wirkte auf ihn wie eine kleine Befreiung. Es machte ihm nichts aus, dass er dabei selbst eine Menge einstecken musste. Im Gegenteil. Die damit verbundenen Schmerzen steigerten nur seine Wut.

Ein Schuss fiel.

Allan Graves Schädel zuckte herum, seine Augen weiteten sich. Copperland taumelte, er griff mit beiden Händen hilflos in die Luft, dann brach er abrupt zusammen. Er fiel langsam zu Boden, wälzte sich zur Seite und verkrampfte stöhnend beide Hände in die Herzgegend.

Aus dem Dunkel tauchte der Schütze auf, ein Endzwanziger in Jeans und flaschengrünem Polohemd. Er hatte dunkle Augen und schwarzes, glänzendes Haar. In seiner leicht gebückten Haltung war keine Reue zu erkennen, nur Spannung, Konzentration und höhnischer Triumph. Er starrte Allan Graves ins Gesicht und richtete drohend den rauchenden Revolver auf ihn.

„Noch 'ne Ladung gefällig?“, fragte er.

Allan Graves gab sich einen Ruck. Er fühlte keinen Zorn mehr in sich, nur nackte Angst. Sie galt seinem langjährigen Copiloten. Graves kniete neben Copperland auf den gewalzten Boden und spürte, wie sich in seiner Magengegend ein dicker Knoten bildete.

„Dick!“, stieß er hervor. „Mensch, Dick!“

Du bist schuld, schoss es ihm durch den Kopf. Du hättest Dick diesen verrückten Plan ausreden müssen. Diese Burschen schrecken vor nichts zurück.

Noch etwas anderes bewegte ihn. Er war Zeuge des Geschehens geworden, er kannte den Flugplatz. Es war nicht anzunehmen, dass die Gangster ihn mit diesem Wissen davonkommen lassen würden.

Er dachte an Clara, an sein Kind.

In seinen Augen schimmerten plötzlich Tränen, er konnte nichts dagegen tun.

„Diese verdammten Idioten“, keuchte der Ire und massierte sich den Nacken. „Warum mussten sie das bloß tun?“

Masters lachte kurz. „Sie kriegen, was sie verdienen“, meinte er.

Dick Copperland schluckte. Sein Mund öffnete und schloss sich. Eine Welle schien durch seinen sich aufbäumenden Körper zu laufen. Er streckte sich, sein Kopf rollte zur Seite, dann war alles vorüber.

Dick Copperland war tot.



8

Bount rief sein Office an. June meldete sich. Sie war ziemlich kleinlaut. „Das ist eine schöne Pleite“, sagte sie. „Laura hat es geschafft, mich abzuschütteln. Sie ist im allerletzten Augenblick in den Wagen eines Subway Trains gesprungen.“

„Vergiss es“, beruhigte Bount seine Mitarbeiterin und schilderte, was er erfahren hatte.

„Wilkie ist noch hier“, sagte June. „Was können wir tun?“

„Geht nach Hause“, erwiderte Bount. „Schließlich ist immer noch Sonntag.“

Seine Müdigkeit war verflogen. Er brannte darauf, Bryan Brinkley kennenzulernen und ignorierte wiederholt das Speed Limit, als er mit seinem 450 SEL über den Expressway zum Southern Parkway, von dort zum Shore Parkway und schließlich über die Flatbush Avenue in die Tilden Street fuhr.

Er hatte Glück. Vor dem Haus 21 war eine Parklücke frei.

Die Tilden Street hatte es nicht geschafft, sich ein Gesicht zuzulegen. Sie war, soweit das eine Straße überhaupt sein kann, gesichtslos geblieben. Alte Gebäude mit fragwürdigen Läden tummelten sich in der Nachbarschaft luxuriös aufgemachter Shops, Verfall und aufstrebender Wohlstand waren scheinbar unentwirrbar miteinander verwoben.

Die 21 gehörte zu den besseren Häusern der Straße. Die mit künstlichem Marmor beschichtete Fassade zählte zehn Stockwerke. Die blankgeputzten Fenster mit ihren Edelstahlrahmen demonstrierten Aufwendigkeit und kühlen Zeitgeist. In der Halle brannte Licht. In ihrem Zentrum plätscherte ein giftgrün beleuchteter Springbrunnen. Bryan Brinkleys Wohnung befand sich im fünften Stockwerk.

Offenbar war es die einzige Wohnung auf der Etage. Das Klingelbrett wies pro Stockwerk nur einen Namen aus. Bount drückte auf den Knopf. Im Lautsprecher der Gegensprechanlage ertönte ein Knacken, dann meldete sich eine männliche, unwirsch klingende Stimme. „Ja?“

„Reiniger. Ich muss Sie sprechen, Brinkley.“

„Ich bin nicht Brinkley. Was wünschen Sie?“

„Melden Sie mich Brinkley. Er kennt mich.“

Ein paar Sekunden verstrichen, dann summte der Türöffner. Bount betrat die Halle und fuhr mit dem Lift nach oben. Ein Mann erwartete ihn vor dem offenen Wohnungseingang. Die Tür wurde von zwei kugelrund beschnittenen Lorbeerbäumen, die in kupferfarbigen Kübeln standen, eingerahmt.

Bount sah sofort, dass er nicht Sheilas Freund vor sich hatte. Der Mann trug eine schwarze, gebügelte Hose und ein weißes Oberhemd, dessen Brustteil den Eindruck machte, gestärkt worden zu sein. Er erinnerte mit seiner Aufmachung an einen Oberkellner, der gerade vom Dienst nach Hause gekommen war.

„Treten Sie ein“, sagte der Mann.

Bount ging an ihm vorbei in eine Riesendiele. Er war beeindruckt von den Gemälden, die an den beigefarbigen Wänden hingen. Es waren Originale der romantischen, europäischen Schule. Drei Nischen enthielten indirekt beleuchtete Bronzeplastiken. Auf dem Parkettboden lag ein ovaler, chinesischer Teppich.

Die Tür zum Wohnzimmer stand offen. Bount trat über die Schwelle und blieb stehen. Der hochelegant möblierte Raum passte in Dimension und Ausstattung zum Entree der Wohnung. Auf einem niedrigen Klubtisch lagen Spielkarten.

„Wo ist Brinkley?“, fragte Bount.

Der Mann ging an ihm vorbei, raffte die Karten zusammen und vollführte mit ihnen ein paar Kunststücke, die seine Fingerfertigkeit demonstrierten. „Er ist im Bad, nehme ich an. Warum setzen Sie sich nicht? Ich bin übrigens Marvin Hollister.“

„Sie sind mit Brinkley befreundet?“

„Wir kennen uns gut. Warum fragen Sie?“

„Wenn Sie nicht sein Butler sind, wüsste ich gern, warum er Sie zur Tür schickte, um auf mein Klingeln zu antworten“, sagte Bount.

Hollister setzte sich auf die Armlehne eines Sessels und fuhr fort, mit den Karten zu jonglieren. Er hatte sehr dunkle Augen und eine weiße, vorspringende Stirn. Das glatt nach hinten gekämmte Haar reichte ihm bis an den Kragen und trug nicht wenig dazu bei, ihn wie einen Gigolo oder Kellner aussehen zu lassen. „Meine Freundin hat versprochen, mich von hier abzuholen“, sagte er. „Deshalb.“

Hollisters Benehmen war auf subtile Art von provozierendem Charakter. Bount verließ den Raum und schaute sich in der Wohnung um. Überall stieß er auf polierten, hochkarätigen Luxus, nur nicht auf den Mann, der sich ihn gönnte.

Bount kehrte ins Wohnzimmer zurück. „Wo ist Brinkley?“, wiederholte er.

Hollister legte die Karten aus der Hand und erhob sich. „Warum fragen Sie mich? Bis zu Ihrem Kommen habe ich mit Bryan Karten gespielt. Black Jack. Als es klingelte, bin ich zur Tür gegangen. Ich habe ihm zugerufen, wer unten ist. 'Lass ihn raufkommen', hat er geantwortet. Komisch, jetzt, wo wir darüber sprechen, fällt mir ein, dass Bryans Stimme recht seltsam geklungen hat.“

Bount ließ seine Blicke durch das Zimmer wandern und fragte sich, wie groß die Werte sein mochten, die Bryan Brinkley hier zusammengetragen hatte. Selbst wenn man in Rechnung stellte, dass er jahrelang ein gutverdienender Pilot gewesen war, überstieg der Rahmen, mit dem er sich umgab, bei Weitem das daraus errechenbare Einkommen.

Bount setzte sich. „Wovon lebt Brinkley?“

„Sie fragen wie jemand von der Steuerfahndung“, spottete Hollister.

Bount stand auf. Ihm fiel ein, dass im Badezimmer das Fenster offen stand. Er betrat den Raum, steckte den Kopf ins Freie und entdeckte, dass von hier ein mehr als fußbreiter Sims zur Feuertreppe führte. Auf dem Sims zeigten sich einige frische Kratzspuren.

„Ist er durch das Fenster getürmt?“, fragte Hollister, der hinter Bount auftauchte.

Bount machte kehrt. Hollister folgte ihm ins Wohnzimmer. „Er ist in einen Mordfall verwickelt“, sagte Bount. „Kannten Sie Sheila Winters, seine Freundin?“

„Du lieber Himmel, er hatte viele Mädchen. Sheila war nur eine davon.“

„Sie wurde ermordet. Draußen in Smiths Mill. In Doc Leroys Landhotel. Brinkley war dort, als es passierte.“

„Tatsächlich? Das muss nicht bedeuten, dass er der Täter war. Eine scheußliche Geschichte, ich gebe es zu.“

„Immerhin ist zu fragen, weshalb Brinkley sich unter einem Falschnamen in dem Hotel einquartierte und es dort vermied, sich mit Sheila Winters zu zeigen.“

„Das müssen Sie ihn schon selbst fragen“, meinte Hollister schulterzuckend. „Ich habe keine Ahnung, weshalb er mit Sheila nach Smiths Mill reiste, aber ich bezweifle, dass er das Mädchen umgebracht hat. Das hätte er auch in New York erledigen können.“

„Weshalb ist er getürmt?“

„Ich glaube, er befindet sich in Schwierigkeiten. Er zeigt sich in letzter Zeit nervös. Vielleicht befürchtet er, dass Sie für seine Gegner arbeiten.“

„Wer sind diese Gegner?“

„Woher soll ich das wissen?“

Es klingelte. Bount wollte zur Tür gehen. Hollisters Gesichtsausdruck veränderte sich jäh. Er verwandelte sich in drohende, aggressive Härte. „Stopp!“, zischte er und trat Bount in den Weg. „Sie bleiben hier!“

Noch ehe Bount fragen konnte, was sein Gegenüber bewegte, wirbelte Hollister auf den Absätzen herum. Er nahm den Schlüssel an sich, schlug die Tür von außen zu und schloss sie ab. Bount hämmerte mit der Faust gegen die Füllung. „Aufmachen! Was, zum Teufel, soll dieser Unsinn?“

„Wenn Sie nicht sofort ruhig sind, perforiere ich das Holz mit ein paar Streifen Blei“, drohte Hollister.

Das Klingeln wiederholte sich.

Bount lehnte sich gegen die Wand und lauschte. Er hörte, wie Hollister in die Diele schritt und die Tür öffnete. Eine Mädchenstimme ertönte, dann die von Hollister. Bount konnte nicht verstehen, was gesagt wurde.

Er eilte ins Badezimmer zum Fenster, blickte prüfend hinaus und zögerte einen Moment, dann kletterte er über die Brüstung und prüfte mit ausgestreckten Füßen den Sims. Er bestand aus solidem Beton.

Bount schwang sich ins Freie, richtete sich behutsam auf, breitete die Arme aus und schob sich ebenso konzentriert wie behutsam auf die Feuerleiter zu. Er vermied es, in die Tiefe zu sehen und fragte sich, ob der Anlass das hohe Risiko rechtfertigte, das er auf sich nahm. Er war zwar schwindelfrei, aber Exkursionen dieser Art hatten selbst für einen gelernten Fassadenkletterer ihre Tücken.

Noch ehe er die Feuertreppe erreichte, passierte er ein offenes Fenster. Es gehörte zum Treppenhaus. Er sah ein Mädchen vor Brinkleys Wohnungstür stehen. Die Wohnungstür schloss sich. Das Mädchen bewegte sich auf den Lift zu und blieb stehen, als Bount sich durch das Fenster in den Hausflur schwang.

Das Mädchen war dunkelhaarig und grazil. Es trug einen fast bodenlangen Berbermantel. Bount erinnerte sich, dass June dieses Kleidungsstück am Telefon erwähnt hatte. „Ich bin Bount Reiniger“, stellte er sich vor und klopfte sich den Schmutz von seinem Anzug. „Und Sie, nehme ich an, sind Laura Tanner.“

Laura Tanners Augen weiteten sich. Sie war leichenblass. „Was wollen Sie von mir?“, flüsterte sie.

Bount trat an den Fahrstuhlschacht und betätigte den Bedienungsknopf. Er stand so, dass er Brinkleys Wohnungstür im Auge behalten konnte. „Das besprechen wir am besten an einem anderen Ort“, erwiderte er. „Kennen Sie Hollister?“

„Ist das der Mann, mit dem ich gerade gesprochen habe? Ja, ich habe ihn schon einmal gesehen. Sheila sagte mir, dass er mit Bryan befreundet ist. Wie kommen Sie durch das Fenster?“

„Das ist eine Geschichte für sich“, winkte Bount ab.

Der Lift stoppte, die Metalltür glitt mit einem pneumatischen Seufzer zur Seite. Bount und das Mädchen betraten den Fahrstuhl und glitten mit ihm ins Erdgeschoss.

„Wie erklärt es sich, dass Sie sich nicht in Polizeigewahrsam befinden?“, fragte Laura. „Sie stehen unter Mordverdacht!“

„Ich bin unterwegs, um diesen Unsinn zu entkräften“, sagte Bount. „Welches Motiv sollte ich wohl gehabt haben, Ihre Freundin zu töten?“

„Sie standen unter Alkoholeinfluss, sagte man mir.“

„Als ich voll Whisky gepumpt wurde, war Sheila vermutlich längst tot. Sie haben meine Mitarbeiter June March und Wilkie Lenning kennengelernt. Warum haben Sie den beiden verschwiegen, dass Sheila Winters mit Bryan Brinkley befreundet war?“

„Ich hatte meine Gründe.“

Der Lift stoppte. Sie durchquerten die Halle, betraten die Straße und setzten sich in Bounts Wagen. Bount bot Laura eine Pall Mall an. Sie akzeptierte dankend. Bount gab ihr Feuer und beobachtete, wie das Mädchen geradezu gierig inhalierte. „Bryan wollte nicht, dass ich seinen Namen erwähne“, sagte sie, ohne Bount anzusehen.

„Wann hat er Sie darum gebeten - vor dem Besuch der Polizei?“, fragte Bount.

Laura nickte. „Er war in Smiths Mill. Er wusste, was geschehen war. Bryan will verständlicherweise nicht in den Mord verwickelt werden. Er hat mir versichert, dass er nichts damit zu tun hat.“

„Hat er Sie bedroht?“

Laura schwieg.

„Was wollten Sie von ihm, warum sind Sie zu ihm gegangen?“, bedrängte Bount das Mädchen.

„Sheila war meine beste Freundin“, erklärte Laura Tanner. „Ich kann mich mit ihrem gewaltsamen Ende nicht abfinden, ich will wissen, was dahinter steckt! Ich glaube zwar nicht, dass Bryan sie getötet hat, aber ich muss annehmen, dass er die Hintergründe des Verbrechens kennt. Ich wollte ihn deshalb zur Rede stellen.“

„Wissen Sie, dass ein Mann namens Al Mashing in Ihrer Wohnung war und Sheilas Fotoalben plünderte? Er hat alle Fotos mitgenommen, auf denen Sheila mit Bryan Brinkley zu sehen ist.“

„Bryan hat einen Schlüssel für die Wohnung. Er muss ihn diesem Mashing überlassen haben.“

„Sheila und Brinkley sind offenbar getrennt nach Smiths Mill gereist. Warum?“

„Das war typisch für Bryan. Er hatte stets Sonderwünsche und Geheimnisse ...“

„Geheimnisse?“, hakte Bount nach.

„Sheila wusste bis zuletzt nicht genau, wovon Bryan lebte“, sagte Laura. „Er ist offenbar ein reicher Mann, aber nicht einmal Sheila vermochte zu sagen, was ihn dazu gemacht hat. Offen gestanden fürchte ich ihn. Ich habe Sheilas Liebe zu diesem Burschen nie verstanden. Sie muss doch gespürt haben, dass er nichts taugte und dass es niemals seine Absicht war, sie zu heiraten!“ Laura wandte den Kopf und sah Bount an. „Sheila erwartete ein Kind von ihm.“

„Das ist kein Tatmotiv“, meinte Bount.

„Ich weiß.“

„Was wissen Sie über diesen Hollister?“

Laura zögerte mit der Antwort. „Angeblich arbeitet er als Croupier in einem illegalen Spielklub. Dort haben sich die beiden Männer kennengelernt und angefreundet. Bryan Brinkley ist ein leidenschaftlicher Spieler.“

„Kann er auf diese Weise zu seinem Geld gekommen sein?“, fragte Bount.

„Wenn es stimmt, was Sheila behauptete, pflegte er immer mehr zu verlieren als zu gewinnen.“

„Wo befindet sich der Spielklub, den er frequentiert?“, fragte Bount.

„Ich weiß es nicht.”

Bount lehnte sich zurück. „Danke, das ist alles“, sagte er.

Laura musterte ihn prüfend. Sie schien noch etwas sagen zu wollen, doch dann zuckte sie mit den Schultern und stieg ohne ein weiteres Wort aus dem Wagen. Bount beobachtete, wie sie die Fahrbahn überquerte und in einer Seitenstraße verschwand.

Bounts Müdigkeit kehrte zurück. Er hatte Hunger. Gähnend kletterte er ins Freie. Er überquerte die Straße und tauchte im Dunkel eines Hauseingangs unter. Dann schob er sich eine Pall Mall zwischen die Lippen und richtete sich auf eine längere Wartezeit ein. Wenn es stimmte, was Laura gesagt hatte, war anzunehmen, dass Hollister irgendwann im Laufe des Abends zu seiner Arbeit in der illegalen Spielbank aufbrechen würde. Bount hatte den Wunsch, sie kennenzulernen.

Seine Müdigkeit verflog schlagartig, als ein Pontiac Bonney am Straßenrand stoppte. In dem Wagen saßen zwei Männer, einer am Lenkrad, der zweite im Fond.

Sie trafen keine Anstalten, auszusteigen. Der Mann am Steuer war blond und kompakt. Der Mann im Fond hantierte mit einem Gegenstand, der neben ihm auf dem Sitz lag. Bount vermochte nicht zu sehen, worum es sich handelte, aber er war erfahren genug, um die Handgriffe des Mannes richtig deuten zu können. Der Mann im Fond setzte ein Gewehr zusammen.

Bounts Pulsschlag beschleunigte sich. Er konnte das Gesicht des Mannes nicht erkennen. Es war möglich, dass er sich irrte, aber sein Instinkt sagte ihm, dass er die beiden Kapuzenmänner aus Smiths Mill vor sich hatte.

Bount hatte bislang angenommen, dass sie für Brinkley arbeiteten, aber wenn sie hergekommen waren, um Brinkley aufzulauern, war seine Theorie falsch.

Bount ließ die Zigarette fallen und trat sie aus. Er hatte nicht vor, sich durch ihr glühendes Ende zu verraten. Er griff unwillkürlich ins Innere seines Sakkos und hatte ein gutes Gefühl, als seine Fingerspitzen das Schulterholster mit dem Smith & Wesson berührten.

Die Männer sprachen nicht miteinander. Der Mann im Fond kurbelte das Seitenfenster herunter, lehnte sich zurück und behielt regungslos die Tür des Hauses 21 im Auge. Der Mann am Lenkrad blickte starr geradeaus. Bount schien es so, als könnte er die Spannung, die die beiden Männer gefangen hielt, nahezu körperlich spüren.

Die Minuten verrannen. Bount blickte an der Fassade des Hauses 21 empor. Im fünften Stockwerk verloschen die Lichter. Bounts Blick huschte nach unten, in die beleuchtete, von der giftgrünen Wasserfontäne belebte Halle.

Er sah das Lichtspiel an der Anzeigenleiste des Fahrstuhlschachts. Die Tür des Lifts glitt zur Seite und Marvin Hollister kam heraus. Er trug einen hellen Staubmantel.

Die korrekt gebundene weiße Schleife, die darunter sichtbar wurde, gehörte offenbar zu einem Smoking und erklärte auch die gestärkte Hemdbrust. Der Smoking war Marvin Hollisters Berufskleidung.

Hollister betrat die Straße und blieb stehen. Er holte ein Etui aus seiner Hosentasche, entnahm ihm eine Zigarette und zündete sie mit einem Streichholz an.

Die Flamme beleuchtete sein blasses Gesicht mit der auffällig vorspringenden Stirn. Der Mann im Fond des Pontiacs hob die Waffe.

Seine Bewegungen verrieten expertenhafte Routine. Er hielt ein Gewehr mit verkürztem Lauf und klobigem Schalldämpfer in den Händen.

Bount schnellte aus dem Dunkel.

Im Sprung riss er seinen Revolver aus dem Schulterholster. Bount benötigte nur wenige Schritte, um den Pontiac zu erreichen. Ihm kam zugute, dass sich beide Männer auf Marvin Hollister konzentrierten.

Das Bount zugekehrte Fondfenster war einen Spalt breit geöffnet. Er genügte, um Bount die Waffenmündung ins Wageninnere stoßen zu lassen.

„Hände hoch“, bellte er, „oder Sie finden sich im Jenseits wieder.“



9

Bount war kein Freund der Ganovensprache, aber er hatte gelernt, sich im Umgang mit Gangstern eines Vokabulars zu bedienen, das verstanden wurde.

Die Wirkung seiner Worte war beinahe komisch. Die Männer erstarrten förmlich. Der Mann im Fond ließ langsam die Waffe sinken. Der Gangster am Lenkrad wandte den Kopf. Er stierte Bount an und schluckte. Bount sah, dass der Bursche helle Augen hatte und vermutete, dass sie blau waren. Genaues ließ sich bei dem diffusen Licht nicht ausmachen.

„Lassen Sie die Puste fallen!“, herrschte Bount den Mann im Fond an.

Der gehorchte.

Hollister überquerte die Straße. Er hatte bemerkt, was auf der anderen Seite los war. Er trat an den Wagen heran.

„Sie schulden mir eine Kleinigkeit“, sagte Bount, ohne die Richtung des Revolverlaufs zu ändern. „Diese beiden Herren tragen sich offenkundig mit der Absicht, Ihren Smoking zu

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Fritz Tenkrat
Tag der Veröffentlichung: 19.03.2017
ISBN: 978-3-7438-0375-6

Alle Rechte vorbehalten

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