Cover

Überrollt

Krimi von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 178 Taschenbuchseiten.

 

Hans Masuch, Wachmann bei einem großen Kaufhauskonzern, wird auf dem Hof des Zentrallagers von einem Sattelschlepper überrollt und stirbt kurz darauf. Die Polizei ermittelt wegen Mordes, da Masuch zuvor niedergeschlagen worden war. Freund und Kollege des Opfers Lothar Veith, ein ehemaliger Polizeibeamter, stößt auf Hinweise im Zusammenhang mit unaufgeklärten Warendiebstählen innerhalb des Zentrallagers. War sein Freund darin verwickelt? Veith versucht, Licht ins Dunkel zu bringen - zumal der ermittelnde Beamte Pauly ihn für den Mörder hält ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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I

Veith, du bist betrunken, dachte er und fragte sich, warum er sich schon hier in der Firma den Kanal vollgoss, statt nachher zu Hause, wenn er allein war und sich verkriechen konnte. Verdammt, Veith, du kannst es einfach nicht lassen.

Als Masuch gegen sein Glas stieß, hob er es mechanisch und kippte den Schnaps.

»Was für eine fabelhafte Fete!«, kreischte Barbara hinter ihnen. Dann krachte ihr Stuhl gegen die Wand. »Kinder, ich muss mal.«

Sie stakste zwischen den Schreibtischen her und ging nach draußen. Die Tür knallte in den Rahmen.

»Mensch, kannste die Tür nicht festhalten?«, brüllte Sporkert hinter ihr her.

Veith sah sein Gesicht in der Fensterscheibe. Draußen war es dunkel, und es regnete immer noch. Die Lichter drüben an den Tankstellen und Autobahnauffahrten sprühten Funken wie Wunderkerzen, bevor sie auf dem nassen Asphalt versickerten.

Barbara Nießen kam wieder herein. Sie Lächelte ihn kokett an. Er sah es in der Scheibe. Er wusste, was jetzt kam. Sie würde um seinen Schreibtisch herumgehen und ihre dralle Hüfte an seiner Schulter reiben. Dann würde sie kichern und sich, weil er keine Reaktion zeigte, hinten auf Sporkerts Schreibtisch setzen.

Sporkert kam mit der Flasche herüber. Er klammerte sich mit einer Hand an der Schreibtischkante fest und hielt den Flaschenhals über Masuchs Glas.

»Ich darf doch?«, fragte er.

Veith wandte sich um. »Er hat genug«, sagte er.

Masuch starrte ihn an. Seine blassen Augen waren blutunterlaufen. »Wie meinst du das?«, fragte er böse. »Meinst du, ich kann keinen mehr vertragen? Oder meinst du, du hättest genug von dem Fusel verteilt?«

»Du hast schon genug«, sagte Veith.

In seinem Schädel dröhnte es. Er hielt die Hand über sein Glas, als Sporkert ihm die Flasche hinhielt.

»Stell das Zeug weg!«, sagte er. »Wir haben noch zu tun!«

Sporkert hob die Schultern. »Ich dachte immer, ihr Sheriffs wärt die harten Burschen ...«

»Verzieh dich, Kleiner!«, sagte Masuch rau. Er machte eine heftige Armbewegung. Sein Ellbogen stieß gegen das Glas. Es kippte um, und der Schnaps tränkte einige Formulare.

Veith schob die Papiere zurück, und er versuchte, die Lache zu verdecken, als er durch die Glaswand Lorsbachs hagere Gestalt im Gang entdeckte. Lorsbach stieß die Tür auf.

Er schob den Kopf vor und blähte die großen Nasenlöcher, wobei er gleichzeitig angewidert das Gesicht verzog.

Masuch stand auf und trat ans Fenster. Seine breiten Schultern, er hatte Schultern wie ein Bulle, wölbten sich unter der abgetragenen Cordjacke.

Die Fensterscheibe klirrte, als unten ein Lastzug in den Hof fuhr.

»Das ist die Spedition Rütt«, sagte Lorsbach. »Sporkert, Sie nehmen die Ladung in Empfang.« Er machte einen Schritt in den Raum hinein und stützte sich mit den Fäusten auf Sporkerts Schreibtisch. »Oder sind Sie etwa auch betrunken, Herr Sporkert?«, fragte er.

Sporkert wischte sich über den Mund und schüttelte dann den Kopf. Er nahm ein Klemmbrett, lachte, als er sich hinter Lorsbach herschob, und ging hinaus.

Lorsbach richtete sich wieder auf. »Man hört Ihr Gejohle im ganzen Haus!«, sagte er missbilligend. »Und es stinkt hier wie in einer Kneipe! Warum gehen Sie nicht in die Kantine, wenn Sie unbedingt einen zwitschern müssen?«

Barbara kicherte. »Da gibt's keinen Alkohol, und weil Veith doch Geburtstag hat ...«

»Gratuliere«, sagte Lorsbach steif. Er nickte in Veiths Richtung.

Veith grinste und deutete auf den Aktenschrank. Auf der heruntergeklappten Abstellfläche standen ein paar Flaschen, und auf einem Teller gammelten die übrig gebliebenen Mett- und Käsebrötchen vor sich hin.

»Greifen Sie zu, Herr Lorsbach«, sagte Veith.

Lorsbach schüttelte unwillig den Kopf. »Masuch!«, sagte er barsch. »In dem Hänger sind italienische Kleiderstoffe. Sehen Sie zu, dass die Ladung unter Verschluss kommt. Bauer hat mich gestern wieder angemacht, weil die Menge bei der letzten Lieferung nicht stimmte. Und die Filiale in Wiesbaden reklamiert zum zweiten Mal fehlende Kisten im Food-Bereich. »Kisten!«, wiederholte er laut. »Plural!«

»Die können eben nicht zählen«, meinte Veith wegwerfend.

Lorsbach fuhr herum. Sein Gesicht überzog sich mit roten Flecken.

»Das sagen Sie! Ich bin es satt, mir dauernd Fehlmengen vorhalten zu lassen! Jeder Idiot glaubt, er könnte mich anscheißen! Wofür sind Sie da? Können Sie mir das sagen?«

Veith griff nach seinem Funkgerät und stand mit einer abrupten Bewegung auf. Er wandte sich zur Tür.

Masuch hielt ihn am Arm fest.

»Lass man, Junge«, sagte er gemächlich. »Ich schaffe das schon noch.«

Er steckte sein Funkgerät ein. Er schwankte nur leicht, als er zur Tür ging.

»Sorgen Sie dafür, dass der Hänger gesichert wird!«, rief Lorsbach. Die zufallende Tür schnitt ihm das Wort ab. Er sah Veith an. Sein Mund wirkte verkniffen. »Hören Sie, Veith, Masuch begreift es vielleicht nicht mehr. Sorgen Sie dafür, dass er sich zusammennimmt. Die Sauferei hier im Betrieb kann ich nicht dulden!«

»Ich habe Geburtstag«, sagte Veith steif.

»Immer hat irgendwer Geburtstag! Veith, ich weiß, dass Sie zu Masuch stehen, weiß der Teufel, weshalb. Aber ich kann ihn nicht ewig halten. Wir alle müssen Leistung bringen. Wir alle!«

»Masuch bringt seine Leistung ...«

»Die Statistiker in der Zentrale reiben mir jeden Monat die Fehlmengen unter die Nase! Im letzten Monat waren es zwei Pelzmäntel, ein Videorecorder, ein Kühlschrank, Teppiche ... Mann, Veith, von dem Kleinkram rede ich gar nicht! Ich bin für das Zentrallager verantwortlich, Herr Veith, aber Sie sind für die Sicherheit zuständig. Und sagen Sie mir jetzt nicht, dass Masuch der Boss von Ihnen beiden ist! Mir ist scheißegal, wer dafür sorgt, dass die Klauerei in Grenzen gehalten wird. Ich habe nämlich nicht die Absicht, immer meinen Kopf für andere hinzuhalten, Herr Veith. Und glauben Sie bloß nicht, Herr Veith, dass ich nicht bereit wäre, mal jemanden rauszuschmeißen! Habe ich mich klar ausgedrückt?«

»Herr Lorsbach«, sagte Veith, »Sie sind ein Scheißer!«

Lorsbachs Lippen zitterten. Seine Haut wurde grau.

Veith schluckte. Du bist selbst ein Schwein, Veith, dachte er. Wenn du nicht so besoffen wärst, würdest du dem Mann so etwas nicht sagen.

»Wir sprechen uns noch!«, stieß Lorsbach hervor. Was wie eine Drohung klingen sollte, wirkte aber nur lächerlich, mitleiderregend.

»Und lassen Sie Masuch in Frieden!«, schrie Veith.

Lorsbach ging steifbeinig hinaus. Barbara kicherte unbehaglich, und um irgendetwas zu tun, begann sie, die Flaschen wegzuräumen.

Er schob sich ans Fenster und sah auf die feucht glänzende Plane des Hängers hinab. Der Fahrer rangierte den Hänger behutsam rückwärts an die Rampe.

Masuch hatte den langen Gummimantel und seinen Schlapphut angezogen. Regenwasser tropfte von der Krempe, während er um den Hänger herumging und die Verschnürung und Plomben kontrollierte.

Ergab das Zeichen zum Entladen und zog sich unter das schützende Dach zurück.

Veith wandte sich ab. Zu Barbara sagte er: »Halte mal die Stellung, Mädchen, ich bin gleich zurück.«

»Ich hab' längst Feierabend«, maulte sie.

»Und ich hab' Geburtstag!«

Er ging in den Waschraum. Er spritzte kaltes Wasser in sein Gesicht und betrachtete es dann im Spiegel. Die Augen waren klein und an den Rändern gerötet.

Veith, warum säufst du wie die anderen?, dachte er.

Gut, er war heute fünfunddreißig Jahre alt geworden. Das war durchaus ein rundes Alter und konnte als Entschuldigung herhalten. Und mit wem hätte er zu Hause saufen sollen?

Er trocknete das Gesicht ab, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen. Er fixierte sich wie einen Feind.

Du kannst saufen, bis du umfällst, dein Gespenst wirst du doch nicht los.

Es war immer bei ihm. Lauernd wie ein Wolf außerhalb des Lagerfeuers.

Was kann Lorsbach dazu, du Schwein? Lorsbach hat nichts damit zu tun. Aber du legst es darauf an, dass er dich feuert. Warum? Lorsbach wird Masuch feuern.

Vor sieben Jahren, als das Gespenst geboren wurde, als er, Veith, am Boden lag, hatte Masuch ihm den Job im Zentrallager für die Region Südwest des Kaufhauskonzerns besorgt. Hier wurden nahezu alle Waren angeliefert, die in den abgeschlossenen Filialen benötigt wurden. Von hier aus wurden die Waren nach den Dispositionen der einzelnen Häuser an die Filialen verteilt.

Es war seine Chance gewesen. Eine angenehme Arbeit, einigermaßen selbständig, gut bezahlt, geregelte Arbeitszeit, mehr Urlaub als vorher, mehr Weihnachtsgeld, verbilligter Einkauf in den 32 Kaufhausfilialen zwischen Darmstadt, Frankfurt und Wiesbaden. Ein guter Job für ihn, ein guter Job für Johann Masuch.

Masuch war jetzt dreiundfünfzig oder vierundfünfzig Jahre alt, aber er soff. Das taten hier fast alle. Doch Masuch vernachlässigte deshalb nicht seine Arbeit. Er war immer pünktlich, drückte sich nie.

Aber irgendetwas war mit ihm geschehen, das war offensichtlich. Selbst Veith konnte es sehen. Doch Masuch war ein sturer Ostpreuße. Ein Mann wie er sprach nicht über seine Probleme.

Und ein Mann wie Veith fragte andere nicht nach ihren Schwierigkeiten.

Zum Teufel, dachte er, wenn Masuch Probleme hatte, dann mit Vera.

Veith warf das nasse Papierhandtuch in den Korb und ging ins Büro zurück.

Sporkert saß schon wieder an seinem Schreibtisch, als Veith ins Büro zurückkehrte. Praktischerweise teilte die Warenannahme ihre Räume mit dem Wachdienst. Die Büros der Disposition, der Lager und Fuhrparkverwaltung, der Auslieferung und Tourenplanung lagen in den anderen Stockwerken.

Sporkert ergänzte die Lieferscheine und warf sie auf Barbaras Schreibtisch. Barbara Nießen übertrug die Daten in den Computer.

Sporkert sah Veith an. »Ich habe Lorsbach gesehen. Mann, der macht ein Gesicht ...«

Veith hob nur die Schultern. Barbara ließ ihren Stuhl zurückrollen.

»Fertig«, sagte sie. »Gott sei dank!« Sie schaltete den Bildschirm aus und zog die Plastikhaube darüber. »Tschüs denn, und schönen Abend noch.«

Sporkert stellte sich ihr in den Weg. »Du nimmst mich doch mit, Süße! Du hast es versprochen! Ich fahre lieber nicht mehr.«

»Sie ist selbst beschickert«, sagte Veith. »Eins Komma und ... Promille.«

»Da hört man wieder den Polizisten raus«, meckerte Sporkert. »Du hast ja auch zugeschlagen! - He, Barbara! Zehn Minuten!«

Barbara verdrehte die Augen. »Nachher werde ich dich nicht mehr los. Ich kenne das doch!«

»Und wie soll ich von hier wegkommen?«

»Fahr doch mit Herrn Veith!«

»Der ist selbst besoffen.«

Veith trat gegen Sporkerts Schreibtisch. »Halt dich bedeckt, mein Junge«, sagte er warnend. »Aber ich werde lieber auch nicht mehr fahren«, fügte er unvermutet milde hinzu. »Sie können mich auch mitnehmen, Barbara, und Masuch.«

»Masuch hat seine Frau angerufen«, sagte Sporkert. »Vorhin schon, bevor die Schluckerei losging. Sie holt ihn ab.«

Veith nahm sein Funkgerät und drückte die Sprechtaste.

»Hallo, Masuch?«

Er ließ die Sprechtaste los. Das Gerät blieb stumm. Er versuchte es noch einmal, bekam aber wieder keine Antwort.

»Wahrscheinlich ist er im Keller«, vermutete Sporkert.

Veith nickte. »Ich sehe mal nach. Gute Nacht, Leute, und viel Spaß noch.«


*


Mit dem kleinen Personenfahrstuhl fuhr Veith direkt ins Kellergeschoss hinunter.

Dort befanden sich die Sicherheitsräume. In geheizten oder klimatisierten Abteilungen wurden teure optische und elektronische Geräte, Schmuck, Pelze und hin und wieder Antiquitäten eingelagert. Die Betonwände ließen eine Verständigung mit den Handfunkgeräten nicht zu.

Als die Kabine unten aufsetzte, schluckte Veith die aufsteigende Übelkeit wieder hinunter. Im Vorraum brannte die Notlampe. Veith hatte Mühe, den Sicherheitsschlüssel ins Schloss der Tür zum Hauptgang zu praktizieren. Als die Tür zurückschwang, lag der Gang dunkel vor ihm.

»Masuch!«, rief er. »He, Masuch!«

Er bekam keine Antwort. Er ließ seine Batterielampe aufleuchten und schaltete dann die Deckenbeleuchtung ein.

Der Gang war leer. Veith ging an den verschlossenen Stahltüren zu den einzelnen Abteilungen vorbei, zu denen weder er noch Masuch allein Zutritt hatten.

Veith schaltete die Lampen wieder aus, verschloss die Tür und fuhr ins Erdgeschoss hinauf.

Die große Halle lag jetzt verlassen da. Die Rolltore waren heruntergelassen. Nur die Nachtbeleuchtung brannte. Und durch die breite Glasscheibe im Büro des Lagerleiters fiel ein gelber Lichtfleck auf den grauen Zementboden. Jürgen Hilgers, der Lagerleiter, war wie immer der Letzte. Veith sah seinen gebeugten Rücken und den grauen Haarkranz auf dem Hinterkopf.

Er trat ans Fenster und klopfte. Hilgers drehte sich um. Als er Veith erkannte, stand er auf und schob das Schalterfenster zur Seite.

»Hallo, Herr Veith! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!« Er streckte seine Hand durch die Öffnung und schüttelte Veiths Hand. »Ich konnte nicht raufkommen, tut mir leid. Die haben mich mal wieder mit Arbeit zugeschüttet.«

»Macht nichts«, sagte Veith. »Haben Sie Masuch gesehen?«

»Der war vorhin doch im Stofflager, aber wo er jetzt ist, weiß ich nicht. Keine Ahnung. Vielleicht bei den Teppichen?«

»Ich gehe noch mal durch«, sagte Veith.

Er ging an den hohen Regalen entlang, die nummeriert und in Zonen aufgeteilt waren, um das Einlagern und Auffinden der Waren zu erleichtern.

Das Stoff- und Teppichlager war vom übrigen Teil mittels einer Lattenwand abgetrennt. Hinter den Latten war es dunkel, die Tür verriegelt und abgeschlossen.

Veith rüttelte an den Stäben. »Masuch!«, schrie er. »He, verdammt, wo steckst du?«

Seine Stimme verhallte ohne Echo und Antwort.

Veith fluchte. Ihm fiel der Kühlraum ein. Die dicke Tür war nicht verriegelt. Er öffnete sie.

Helles Licht stach in seine Augen, kalte Luft wehte über sein Gesicht.

»Masuch! Verdammt, wo steckst du?«

Er ging zwischen den Paletten her, auf denen ganze Käselaibe, Schinken in Folie, verpacktes Fleisch, Feinkostartikel, Margarine, Fette und Butter zur Auslieferung am frühen Morgen bereitstanden.

Auch hier entdeckte er keine Spur von Masuch. Aber wahrscheinlich war er hier drin gewesen, denn der für diesen Abschnitt verantwortliche Abteilungsleiter hatte bestimmt das Licht ausgeschaltet und die Tür von außen verriegelt.

Veith schaltete das Licht im Kühlraum aus und knallte die Tür zu.

Ratlos sah er sich um. Noch war er wütend.

Bis ihm eine kalte Hand den Brustkorb zusammenpresste. Das Gespenst war da. Vertraut wie der nächtlich wiederkehrende Alptraum.

»Masuch!«, brüllte er in die riesige, schwach erhellte Halle. »Masuch!« Es klang wie ein Hilfeschrei.

Wenn Masuch nicht draußen war, blieben eigentlich nur noch die Wasch- und Umkleideräume der Lagerarbeiter und Fahrer im Obergeschoss. Dort lag auch die Kantine.

Veith riss die Tür zum Treppenhaus auf. Auch hier brannte Licht.

»Masuch!«, schrie er. »Masuch!«

Er rannte die Stufen hinauf. Er lief durch den Waschraum, sah in jeden Winkel, kontrollierte die Toilette.

Keine Spur von Masuch.

»Masuch! Masuch!«

Die Wirkung des Alkohols war längst verflogen. Veith lehnte sich gegen die Wand. Es blieben noch die Toiletten der Kantine. Die Kantine schloss um 19 Uhr. Aber die Toiletten lagen außerhalb der Kantinenräume am oberen Treppenabsatz.

Er rannte hinüber und riss die Tür auf.

Er roch es sofort. Masuch war da. Er hing mit dem Kopf über dem Waschbecken, das von seinem Erbrochenen verschmiert war. Er würgte hilflos.

Veith atmete flach, als er Masuch zurückzog. Das Gespenst verschwand und ließ nur Wut und grenzenlose Erleichterung zurück.

»Verdammt«, sagte er mit kratzender Stimme. »Ich habe dir ja gesagt, dass du den Kanal voll hast!«

Er setzte Masuch auf den kalten Boden und lehnte ihn mit dem Rücken gegen die Wand. Masuch sah ihn aus verquollenen Augen an.

»Mensch, deine Jacke stinkt ja!«, schimpfte Veith. Er machte ein paar Papierhandtücher nass, wischte über Masuchs Gesicht und die Jacke. »Du hättest besser deinen Gummimantel anbehalten!«

»Kümmere dich gefälligst um deinen Scheiß«, sagte Masuch undeutlich. Er versuchte, Veith zurückzustoßen.

»Sei vernünftig«, sagte Veith. »Steh auf und komm mit runter.« Er zerrte an Masuchs Arm, aber der schwere Mann rührte sich nicht. »Stimmt es, dass Vera kommen wollte?«

Masuch murmelte nur vor sich hin.

»Hast du sie angerufen, Mann?«

»Wie spät ist es?«

»Neun durch. Los, Mann, steh auf. Was hattest du hier überhaupt zu suchen?«

»Kannst du dir immer aussuchen, wo du hinkotzt?« Masuch stöhnte, als er sich endlich von Veith hochziehen ließ, aber er musste sich an der Wand abstützen.

»Du hast unten im Kühlraum die Lichter angelassen«, sagte Veith. »Müller hätte morgen den Hals bis zum Anschlag aufgerissen!«

»Ich war nicht im Kühlraum«, grunzte Masuch. »Was sollte ich da überhaupt? He, spionierst du mir nach?«

Masuch starrte Veith aus kleinen wässrigen Augen an.

»Red keinen Unsinn. Komm jetzt.«

Widerwillig ließ sich Masuch nach unten schleppen. In der Halle gingen sie langsam auf die kleine Eisentür am Ende der Reihe mit den Rolltoren entlang. Hilgers hörte ihre schlurfenden Schritte. Er presste sein Gesicht gegen die Scheibe und schirmte seine Augen gegen das helle Licht auf einer Seite der Scheibe mit einer Hand ab.

An der Tür blieb Veith stehen. Er stemmte Masuch gegen den Rahmen und steckte den Schlüsselschalter in einen graulackierten Steuerkasten. Mit einer Umdrehung aktivierte er die Alarmanlage. Wenn Hilgers später die Außentür abschloss, setzte er sie automatisch in Betrieb. Nachts wurde nur das Außengelände von einer Wach- und Schließgesellschaft aus Mainz kontrolliert.

»Gute Nacht, Herr Hilgers!«, rief Veith laut.

Hilgers nickte und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.


*


Veras Peugeot stand draußen am Ende der Rampe neben dem Eingang, der zu den Büros führte.

Vera Masuch stieß die rechte Vordertür auf, als sie die beiden über die Rampe torkeln sah. Doch sie stieg nicht aus.

Veith half Masuch die nassen Stufen hinunter. Masuch prallte mit der Hüfte gegen die Wagentür. Veith bückte sich. Undeutlich erkannte er Veras helles Gesicht mit dem vollen schwarzen Haar, und er roch ihr Parfüm. Es war schwer und betäubend.

»Ich setze ihn besser hinten rein«, sagte er.

Er öffnete die Tür. Masuch kletterte unbeholfen hinein. Veith schlug die Tür zu.

»Danke«, sagte Vera.

Veith setzte sich einfach neben sie. Er spürte ihren Blick, und er sah sie an.

Der Regen auf der Frontscheibe streute das Licht und warf Schattensprenkel über Veras Gesicht. Die Augen hatten sich in das Dunkel der tiefen Höhlen zurückgezogen, aber Veith wusste genau, wie sie aussahen.

Es waren glänzende graugrüne Augen, die ihren Ausdruck blitzschnell wechseln konnten. Jäh konnte ein verheißungsvoller Schimmer erscheinen und wieder verschwinden. Der Blick wurde dann unvermittelt abweisend und kalt.

Er hätte einiges dafür gegeben, wenn er jetzt in ihre Augen hätte sehen können.

Den Mund konnte er dagegen genau erkennen. Die Lippen waren voll und weich, und die fein gezeichneten Mundwinkel verzogen sich ein wenig, als sie die Lippen öffnete.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, sagte sie. Ihre Stimme klang kehlig, aber seltsam unbeteiligt. Ihre Hände blieben auf dem Lenkrad liegen. Es waren zarte Hände mit feinen geraden Fingern und glatter geschmeidiger Haut. »Was hast du mit ihm gemacht?«, fragte sie, ohne in den Spiegel oder über die Lehne nach hinten zu blicken.

Masuch lag schräg auf der Rückbank. Seine Augen waren geschlossen, das Kinn hing herab, und er begann zu schnarchen.

»Ich bin nicht für ihn verantwortlich«, sagte Veith aufbrausend.

»Ist ja schon gut«, meinte Vera beschwichtigend.

Er lehnte sich zurück und knallte die Tür ins Schloss.

»Setz mich in Hochheim ab«, sagte er. »Und bring ihm morgen früh bei, dass er mich abholt. Oder kann er den Wagen nicht haben?« Er starrte sie an.

Masuchs alter Rekord war in der Werkstatt, weil der Anlasser ausgefallen war. Gestern und heute hatte Veith Masuch abgeholt und mitgenommen, weil Vera nicht ohne ihren Wagen auskam.

»Natürlich kann er den Wagen haben! Warum bist du so aggressiv?«

Er antwortete nicht. Vera startete und setzte zurück.

»Sei vorsichtig, da stehen jede Menge unbeleuchteter Fahrzeuge rum«, sagte er.

»Willst du fahren?«, schnappte sie.

»Jetzt bist du aggressiv«, stellte er fest.

Sie fuhr zur Autobahn. Er spürte wieder die Wirkung des Alkohols, aber Veras Nähe hielt ihn in einem Zustand gespannter Erregung. Er beobachtete ihre Hände, die jetzt ruhig und kraftvoll das Lenkrad hielten.

»Du hast dich lange nicht mehr sehen lassen«, sagte sie.

Er antwortete nicht.

»Nie kommst du mit rein, wenn du ihn absetzt. Warum nicht?«

»Ich habe keinen besonderen Grund«, antwortete er. Außer dass du ein geiles Luder bist und ich verdammt gern mit dir ins Bett steigen würde.

»Mareike lässt dir jedes Mal Grüße bestellen, wenn sie ihn besucht«, sagte Vera. »Richtet er es dir aus?«

Veith brummte, was sie als Zustimmung auffassen mochte.

Masuch hatte ihm vor zwei Jahren zuletzt von Mareike erzählt. Vorher hatte er über den Taugenichts hergezogen, auf den sie reingefallen war.

Mareike war Masuchs Tochter aus erster Ehe. Seine erste Frau war jung gestorben. Vor sieben Jahren, als Veith am Boden lag und Masuch sich um ihn kümmerte, hatte Masuch kurz zuvor Vera kennengelernt. Vera war 17 Jahre jünger als er. Veith, der zu der Zeit mit Mareike ging, hatte sich Hals über Kopf in Vera verknallt.

Es war eine brennende, unvernünftige Leidenschaft gewesen. Sie hätte ihn vollends zerstört, wenn er ihr nachgegeben hätte.

Aber er hatte Mareike verloren. Die kleine stolze Mareike. Sie hatte einen Halunken geheiratet. Den erstbesten hergelaufenen Kerl.

Masuch hatte ihm heute noch nicht verziehen, dass er Mareike hatte laufen lassen.

Dabei hatte sie ihm, Veith, den Laufpass gegeben.

Das allerdings hatte weder er noch Mareike ihm je erzählt. Masuch war fast übergeschnappt vor Glück gewesen, weil Vera ihn geheiratet hatte.

»Ich setze dich zu Hause ab«, sagte Vera. »Du musst mir nur sagen, wo's langgeht. Oder willst du nicht, dass ich erfahre, wo du wohnst?«

Sie bedachte ihn mit einem schrägen, herausfordernden Blick.

»Die Adresse steht im Telefonbuch«, sagte er abweisend.

Ihr Lachen spürte er wie eine warme Hand, die über sein Rückgrat strich.



II

Sein Unterbewusstsein spürte längst, dass es Morgen wurde.

Lange bevor er schweißgebadet erwachte, trug der Wind das anschwellende Brausen des Verkehrs von den Autobahnen herüber, und unten auf der Straße pulsierten im schnellen Wechsel die aufheulenden und davonbrummenden Motoren.

Er hatte bohrende Kopfschmerzen. Der Kater heute war besonders bösartig. Dabei, so glaubte er sich zu erinnern, hatte er angenehm geträumt. Von Vera. Er schnupperte unwillkürlich, weil der Traum ihm auch den schweren Duft ihres Parfüms vorgegaukelt hatte, aber seine Nase nahm nur das dumpfe, erstickende Geruchsgemisch aus abgestandener Luft, Bier und den Ausdünstungen seines eigenen Körpers wahr. Er hatte vergessen, das Fenster zu öffnen, bevor er ins Bett fiel.

Er wälzte sich herum. Durch die Ritzen im Rollo sickerte das blau-weiße Licht der hoch angebrachten Straßenbeleuchtung.

Sein Zimmer war der reinste Saustall. Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er ins Bett gekommen war. Wahrscheinlich hatte er in der Kneipe gegenüber noch ein paar gezischt, nachdem Vera ihn vorm Haus abgesetzt hatte, und wahrscheinlich hatte er ein paar Flaschen Bier mitgenommen, denn zwei leere standen auf dem Tisch, und eine andere lag am Boden.

Er machte die Augen wieder zu, aber die Kopfschmerzen ließen ihn nicht mehr einschlafen. Er war beinahe froh, als das Telefon schrill klingelte.

Er setzte die Fuße auf den Boden und stakte zwischen herumliegenden Wäschestücken her, stieß mit einem Zeh gegen ein Tischbein, stöhnte und nahm den Hörer ab.

»Wie fühlst du dich?«, fragte Masuch.

»Ich weiß nicht. Wahrscheinlich beschissen.«

Veith kniff die Lider zusammen, um die Zeiger der Uhr erkennen zu können, aber der Blick war verschwommen.

»Wie spät ist es?«, fragte er.

»Viertel vor sieben«, antwortete Masuch. »Du, es tut mir leid. Ich habe verschlafen. Ich war wohl ziemlich hinüber.«

Veith fluchte. Nicht, weil er Lorsbachs Missbilligung fürchtete. Die war ihm scheißegal. Aber Lorsbach würde wahrscheinlich wieder über Masuch herfallen.

Er fluchte lautlos, als er seinen Wecker aufnahm und ihn schüttelte. Er hatte vergessen, das Ding einzustellen.

»Wenn du Gas gibst, bist du vielleicht noch vor Lorsbach da«, meinte Veith.

»Und wie kommst du hin?«

»Kümmere dich nicht um mich«, sagte Veith. »Mach bloß, dass du zum Dienst kommst. Ich komme schon hin.«

»Das finde ich anständig von dir«, sagte Masuch schwer. »Lorsbach, dieses Arschloch, hat es irgendwie auf mich abgesehen.«

»Vergiss ihn«, sagte Veith.

»Klar, tu ich.« Masuch schwieg, aber er legte nicht auf.

»Ist doch was?«, fragte Veith, der mit seinem Kater kein Gefühl dafür hatte, dass der andere vielleicht noch etwas sagen wollte.

»Nichts«, sagte Masuch. »Bis nachher.«

Veith ging ins Bad. Er ließ sich Zeit mit dem Rasieren und Anziehen. Er kam ohnehin zu spät. Da spielte eine halbe Stunde keine Rolle.


*


Es war noch dunkel, als er in den nassen unfreundlichen Wintermorgen hinaustrat. Er fand kein Taxi. Morgens zwischen sieben und acht schien es in Hochheim niemanden zu geben, der eins benötigte. Zu spät fiel ihm ein, dass er hätte telefonieren und sich einen Wagen vors Haus bestellen können.

Veith sprang in den Bus nach Rüsselsheim. Er sah in Gesichter, die genauso grau aussahen wie seins. Wie im Schlaf stieg er um in den Bus, der in das Rhein-Main-Industriezentrum fuhr. Das letzte Stück musste er zu Fuß gehen. Mit hochgezogenen Schultern trottete er an endlos langen Zäunen entlang.

Er sah sich um, als er die Polizeisirene hörte. Ein Streifenwagen fegte mit Höchstgeschwindigkeit an ihm vorbei. Das Blaulicht auf dem Dach blitzte in den grauen Morgen hinein. Mit wimmernden Reifen schlitterte der Wagen in die Einfahrt des Zentrallagers.

Er keuchte. Die Angst presste ihm wieder den Brustkorb zusammen. Er hatte keine Alpträume gehabt in dieser Nacht, aber jetzt war das Gespenst wieder da. Seine Sohlen schlugen hart aufs Pflaster. Er bekam Seitenstiche, und seine Kehle schmerzte.

Das Tor war wie immer um diese Zeit ganz zurückgefahren. Vor den Rolltoren warteten die Lieferwagen. Auf der Rampe, über die sonst in den frühen Morgenstunden Kisten und Rollen, beladene Körbe und Paletten geschoben wurden, standen jetzt die Gabelstapler, als seien sie

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 13.03.2017
ISBN: 978-3-7438-0216-2

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