Cover

Krimi Festival Januar 2017

von Alfred Bekker, A. F. Morland, Wolf G. Rahn & Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1193 Taschenbuchseiten.

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre. Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt. 

 

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

 

Uwe Erichsen: Das Leben einer Katze

Alfred Bekker: Der Satansbraten

A. F. Morland: Als Köder eine Leiche

Alfred Bekker: Die programmierten Todesboten

A. F. Morland: Sue unter Mordverdacht

Alfred Bekker: Der Hacker

Alfred Bekker: Die Apartment-Killer

A.F. Morland: Spezialist für krumme Touren

A.F. Morland: Hochsaison im Mordgeschäft

Wolf G. Rahn: Der Hunderttausend-Dollar-Job

Wolf G. Rahn: Bount Reiniger stellt eine Falle

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Das Leben einer Katze

Krimi von Uwe Erichsen

Verfilmt als „Die Katze“


Uwe Erichsen hat einen Krimi über einen Bankraub mit Geiselnahme und einer fatalen erotischen Besessenheit geschrieben, der ein völlig anderes Ende für alle Beteiligten nimmt, als der Leser erwartet. Spannend bis zur letzten Zeile.


Kapitel 1

Sie stand nackt am Fenster, während der Morgen zögernd heraufkroch, aber sie fror nicht, obwohl es kühl im Zimmer war. Sie presste die Lider zusammen. Ihre Augen brannten. Ihr Schoß war wund, ihr ganzer Körper schmerzte nach dieser endlosen Nacht, der längsten ihres Lebens, wie ihr schien.

Sie widerstand dem Impuls, den Kopf zu wenden und zu dem breiten Hotelbett zu sehen, dessen Laken und Decken zerwühlt waren. Sie wusste, dass Probek nicht schlief. Wahrscheinlich betrachtete er träge ihren Hintern. Den »großen weißen Arsch«, wie er ihn nannte, wenn er seine harten Finger in ihr Fleisch grub. Wahrscheinlich war die Haut wieder mit roten Striemen und blauen Flecken übersät.

Am Anfang ihrer Beziehung zu Probek hatte sie versucht, die Spuren dieser wilden Umarmungen vor ihrem Mann zu verbergen. Inzwischen war es ihr egal, ob er sie bemerkte oder nicht. Ohnehin bekam er ihren Körper kaum noch zu sehen. Wenn sie sich für ihn hinlegte, um seine wütenden Stöße über sich ergehen zu lassen, geschah es im Dunkeln.

Jutta wandte rasch den Kopf, als sie das Rascheln des Lakens hörte. Probek glitt aus dem Bett. Sein Glied baumelte zwischen den Beinen. Es war schlaff, kein Wunder, aber immer noch groß. Sie versuchte zu lächeln, doch es gelang ihr nicht, und als er sich an sie presste und seine Arme um ihren Körper schlang, überkam sie einen Moment lang ein Gefühl der Panik.

Sie spürte sein unrasiertes Kinn an ihrer Schulter. Seine harten Bartstoppeln scheuerten auf ihrer Haut. Probek hatte einen starken Bartwuchs.

Alles an Probek war hart und stark. Seine Hände, die ihre Brüste kneteten, und sein Glied, das an ihrem Hintern wieder anschwoll. Ihr Mund wurde trocken. Mein Gott, dachte sie, nicht schon wieder!

Ihr Blick wanderte über die Dächer der Häuser auf der anderen Seite des Platzes, wo sich der Himmel allmählich blau färbte. Es war ein zartes Blau, das noch nichts von der Kraft der frühen Maisonne ahnen ließ.

Der Platz lag noch wie ausgestorben da. Nur hinter den Fenstern des Cafés neben der Bank brannte Licht, und einmal sah sie den dicken Bäcker Vorbeigehen, der die ersten Bleche mit frischem Gebäck in ein Regal schob. Das Café öffnete um sieben.

Die Bank eineinhalb Stunden später.

Seit vier Jahren leitete Herbert Ehser die Filiale der Spar- und Kreditbank am Herzogplatz.

Herbert Ehser war ihr Mann.

An diesem Morgen würde er eine böse Überraschung erleben.

»Es sieht noch so friedlich aus«, sagte sie. Ihre Stimme klang belegt.

Probek bewegte sich hinter ihr. Sie spürte seine harten Muskeln auf ihrer heißen Haut.

»In zwei Stunden«, sagte er heiser nah an ihrem Ohr, »wirst du denken, der dritte Weltkrieg wäre ausgebrochen.« Sie schauerte, als er ihr Ohrläppchen zwischen seine Lippen zog. »Wir haben noch Zeit, Zeit genug«, flüsterte er.

O nein, dachte sie, aber sie sagte es nicht. Sie sah ihr Gesicht in der spiegelnden Scheibe, und sie bemerkte den eigenartigen Ausdruck in den tiefliegenden Augen. Erwartungsvoll, hungrig, gierig. Unersättlich.

Ihr Atem ging keuchend, als Probek eine Hand von hinten her zwischen ihre Beine schob. Sie stützte ihre Arme auf die Fensterbank, weil sie das Gefühl hatte, ihre Knie würden nachgeben.

Als er in sie eindrang, blitzte die Sonne zwischen hohen Giebelwänden auf. Ihre Strahlen waren von gläserner, fast südländischer Klarheit. Die Schatten unten auf dem Platz wurden durchsichtig. Die feinen Schleier über dem ersten frischen Grün der Lindenbäume erinnerten sie an ihre erste Begegnung.

Probek hatte nie zugegeben, dass dieses Zusammentreffen nicht zufällig gewesen war.

Er belog sie. Sie wusste es, hatte es bald erkannt. Aber auch das spielte jetzt keine Rolle mehr.

Begonnen hatte es im letzten Sommer.

Als junges Mädchen, lange bevor sie Herbert kennenlernte, war sie schon einmal auf Ibiza gewesen, und jetzt war es ihr endlich gelungen, ihn zu einem Urlaub auf der Balearen-Insel zu überreden. Sie hatte gehofft, dass sich das gleiche überschäumende Lebensgefühl wieder einstellen würde, das sie damals so genossen hatte.

Doch sie hätte wissen müssen, dass Herbert nicht der richtige Begleiter für Ferien auf Ibiza war. Er vertrug weder das Essen noch die Sonne, und wenn der Betrieb in den Discos am späten Abend losging, war er zu müde, um das Hotel draußen am Strand von Talamanca noch einmal zu verlassen.

Der Urlaub drohte zum Fiasko zu werden, noch bevor er wirklich begonnen hatte. Zum Glück war sie schon am Nachmittag des zweiten Tages Dieter Probek begegnet.

Sie spürte noch die kühlen Schatten der engen Gassen, als sie, von der Menge aufgesogen und mitgezogen, mit Herbert an den verrückten Auslagen der Boutiquen und den offenen Türen der kleinen Bars und Kneipen vorbeibummelte.

Herbert interessierte sich weder für die ausgeflippte Mode, noch den verrückten Schmuck oder die ausgefallenen Keramiken, die überall angeboten wurden.

Sie aber musste das biedere Zeug, das sie mitgebracht hatte, so schnell wie möglich gegen diese verrückten, herrlichen, unmöglichen Sachen eintauschen, die man hier trug. Lange bunte, durchsichtige Umhänge und nichts darunter, Netzhemdchen, die nichts verhüllten, lange T-Shirts, die gerade bis zu den Pobacken reichten, schnurdünne Tangas, mit denen man bekleidet war, sich aber völlig nackt vorkam. Oder umgekehrt.

Als sie im Eingang eines kleinen Ladens mit grün gestrichener Holztür stehenblieb, um die Hüte zu betrachten, die an einem Gestell hingen, wurde Herbert vom Touristenstrom weitergeschoben. Sie stülpte einen weißen Leinenhut über ihre Locken, vermisste aber einen Spiegel, um sich kritisch zu betrachten, und nahm den Hut wieder ab.

Da spürte sie, wie ihr jemand einen Strohhut mit riesiger Krempe aufs Haar drückte.

»Der steht Ihnen!«, sagte eine Stimme auf deutsch neben ihr, und sie spürte gleichzeitig die Berührung einer Hand auf ihrem nackten Oberarm.

Als sie den Kopf wandte, hatte sie zum ersten Mal sein hartes, flaches Gesicht mit den schmalen Lippen und dem eckigen Kinn gesehen. Die kühlen, grauen Augen betrachteten sie prüfend, dann nickte er.

»Ja, der Hut steht Ihnen.« Er zog die Lippen zu einem Lächeln auseinander. Seine Zähne blitzten.

Er trug ein verwaschenes T-Shirt und ausgebleichte Jeans. Seine Füße steckten in dünnen Riemensandalen. Seine Haut war leicht gebräunt, das Haar noch nicht ausgebleicht.

Sie hob die Arme, um den Hut wieder abzunehmen, aber er hielt ihre Handgelenke fest. Die Kraft dieser Hände bestürzte sie.

»Lassen Sie ihn gleich auf«, sagte er.

»Gehören Sie zu diesem Geschäft?«, erkundigte sie sich. Sie war verwirrt. Ihre Nasenflügel bewegten sich.

Er lachte. »Sehe ich wie ein Krämer aus?«

Ihre Ohren füllten sich mit Blut. »Es gibt viele Deutsche hier, die Boutiquen betreiben«, verteidigte sie sich.

»Ich wohne im Palmasol in Talamanca«, sagte er.

»Ich auch«, entfuhr es ihr. Sie sah Herbert herankommen. Mit rotem Gesicht wühlte er sich durch die Menge.

»Jutta, was machst du?«, keuchte er. »Ich dachte schon, ich hätte dich verloren!«

Der fremde Mann war in der Menge untergetaucht.

»Wie redest du mit mir?«, fauchte sie. Plötzlich sah sie sein schlaffes Gesicht, das schweißfeuchte Haar und den quellenden Bauch unter dem biederen Hemd mit anderen Augen. Sie riss das Preisschild vom Hut und drückte es ihm in die Hand. »Bezahl den Hut«, sagte sie. »Und dann kaufen wir einen Bikini. Und andere Sachen.«

Während der nächsten zwei Tage sah sie ihn nicht, obwohl sie heimlich nach ihm Ausschau hielt, wenn sie in ihrem Liegestuhl auf der Hotelterrasse, oberhalb des Swimmingpools, lag. Wahrscheinlich hatte er eine Frau bei sich, oder er hatte in der Stadt längst eins dieser gebräunten, freizügigen Mädchen aufgerissen.

Herbert hatte sich eine Darminfektion zugezogen, die sich als hartnäckig erwies. Weil er sich nicht weiter als zehn Schritte von einer Toilette entfernt aufhalten konnte, war er praktisch ans Zimmer gefesselt.

Sie räkelte sich wohlig in der brennenden Sonne. Sie hatte sich zwar einen Tanga gekauft, traute sich aber nicht, dieses fadendünne Bekleidungsstück innerhalb der Hotelanlage zu tragen, obwohl genug Mädchen herumliefen, die außer einem Tangaslip allenfalls noch ein Goldkettchen um die Hüften und eine Sonnenbrille auf der Nase trugen. Sie wusste, dass ihre Hüften etwas zu breit waren, aber sie wusste auch, dass ihre Beine schlank und gerade, der Bauch flach und straff und die Brüste voll und fest waren. Deshalb trug sie den kleinsten und knappsten Bikini, den sie hatte auftreiben können, und wenn sie nachmittags den ersten Sangria an der offenen Bar am Swimmingpool getrunken hatte, legte sie das Oberteil ab.

Sie lag wieder auf ihrer Liege. Vielleicht spürte sie seine Blicke, wahrscheinlich hatte sie aber nur seinen Schatten durch die geschlossenen Lider gesehen, als er neben ihr stehenblieb. Sie schlug die Augen auf.

Sein Gesicht lag im Schatten, aber seine Augen schimmerten hell, als er sie träge betrachtete. Er machte keinen Hehl daraus, dass er ihre nackten Brüste, den Bauch und die Schenkel genüsslich mit den Augen abtastete.

Sie streckte einen Arm aus, nahm den breitrandigen Hut auf, den sie neben der Liege abgelegt hatte, und legte ihn über die Brüste. Dabei lächelte sie.

»Jetzt sehen Sie wie eine Katze aus«, stellte er fest. Er trug einen unverschämt knappen knallroten Badeslip. Sie ließ ihre Augen an seinen behaarten Beinen hinaufwandern, verharrte einen Moment an der Wölbung zwischen seinen Beinen und tastete sich dann weiter nach oben, zu den breiten Schultern, dem schlanken Hals und dem harten Gesicht.

»Kommen Sie mit in den Pool«, sagte er.

Keine Frage. Eine Aufforderung. Ein Befehl.

Sie spürte ein Kribbeln auf ihrer Haut, eine angenehme Schwäche. Sie wollte so liegenbleiben, aber als er sich einfach umdrehte und zur Treppe ging, sprang sie auf.

Er blieb am Beckenrand stehen und sah ihr zu, wie sie sich vorsichtig ins klare Wasser gleiten ließ. Der Pool war groß, aber nicht groß genug für die Gäste des voll belegten Hotels. Kinder schwammen und planschten um sie herum

Trotzdem legte sie sich sofort auf den Rücken. Träge bewegte sie die Beine. Sie bemerkte das Funkeln in seinen Augen, bevor er mit einem Kopfsprung neben ihr ins Wasser tauchte.

Sie blieb am Beckenrand, hielt sich an der Überlaufrinne fest und ließ ihren Körper auf dem Wasser treiben.

Er tauchte neben ihr auf und prustete Wasser gegen die Sonne.

»Waren Sie schon mal am Strand?«, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. »Viel zu voll«, meinte sie.

»Ich habe da eine Bucht gesehen, hinter dem Felsvorsprung. Es ist nicht weit.« Er tauchte mit dem Kopf unter, kam wieder hoch und schüttelte das Wasser aus den Haaren, die jetzt schon viel heller geworden waren.

»Viel zu weit«, sagte sie träge.

»Man braucht nicht über die Straße. Es gibt einen Pfad. Zwischen den Pinien hier. Morgens ist es da am schönsten. Ich bin um neun schon da. Kommen Sie auch.«

Sie zog die Beine an und streckte sie wieder. Ihre Brustspitzen hatten sich zusammengezogen und ragten wie kleine Steine aus dem Wasser.

»Hübsch«, sagte er, wobei seine Zähne blitzten. »Morgen am Strand.« Er stieß sich vom Beckenrand ab.

»Ich weiß es noch nicht«, sagte sie über die Köpfe zweier Kinder hinweg.

Er machte eine gleichmütige Bewegung mit dem Kopf.

»Kommen Sie, oder kommen Sie nicht.«

Herbert wachte früh auf. Sie holte ihm eine Tasse Kaffee und ein trockenes Brötchen vom Frühstücksbüfett.

Er trank den Kaffee, weil sein Magen zunächst ruhig blieb, aber dann rannte er doch zur Toilette. Als er zurückkam, war sein Gesicht blass.

Sie packte ihre Strandtasche.

»Wo gehst du hin?«, fragte er.

»Zum Strand. Kommst du mit?«

»Gibt's da Toiletten?«

»Nein«, antwortete sie.

Das Meer glitzerte unter der Morgensonne. Die Pinien warfen lichte Schattensprenkel über das leicht abfallende Plateau. Die wärmende Sonne ließ einen würzigen, anregenden Duft aus dem dicken Teppich abgefallener Piniennadeln quellen.

Sie kletterte an der Felswand hinab in die kleine, halbkreisförmige Bucht. Am anderen Ende spielten einige junge Männer Fußball. Ein Surfer schleppte sein Brett zur Wasserlinie.

Sie ging durch den weichen, noch kühlen Sand zum Wasser. Sie hatte ihn nicht gesehen, weil die Sonne blendete. Er kam aus der rollenden Brandung. Er war nackt. Lässig bückte er sich, hob den schmalen Slip und streifte ihn über seine schmalen Hüften. Dann sah er ihr entgegen.

Er sagte nichts, und auch sie schwieg. Sie streifte ihren Hänger ab. Sie trug heute den Tangaslip. Nur den Slip. Einen Büstenhalter hatte sie gar nicht erst mitgebracht.

»Kommen Sie noch mal mit ins Wasser?«, fragte sie dann.

Ihre Stimme klang kehlig.

Er nickte, und sie lief voraus.

Ihr fiel auf, dass er seinen Slip nicht wieder abstreifte.

Das Wasser war kalt, aber sie spürte es nicht. Als sie weit genug hinausgelaufen war, warf sie sich in eine anrollende Welle und schwamm. Es störte sie nicht, dass ihr Haar nass wurde.

Sie legte sich auf den Rücken und ließ sich von den Wellen zurücktreiben. Der Mann schwamm um sie herum. Dann blieb sie stehen. Das Wasser reichte ihr knapp bis zu den Schultern, aber wenn eine Welle abrollte, wurden ihre Brüste sichtbar.

Er kam heran und umschlang sie mit seinen kräftigen Armen. Sie beugte den Kopf zurück und schloss die Augen. Als er seine Lippen auf ihren Mund presste, stieß sie die Zunge vor. Sie bewegte die Hüften. Seine Hände glitten an ihrem Rücken abwärts, umfassten ihre Pobacken, und dann versteifte sich ihr Körper, als sie seine Finger an ihrer Scham spürte. Der Slip, dachte sie irrsinnigerweise, Himmel, wo ist der Slip? Dann überrollten heiße Wellen ihr Inneres. Er hielt sie fest, sie erwiderte seine Küsse, und dann tat sie etwas, was sie noch nie getan hatte.

Sie ging mit den Händen unter Wasser, zerrte seinen Slip ein Stück herab und umfasste sein Glied und seine Hoden und presste sie.

»Bist du auch allein hier?«, fragte er.

»Nein . . . Mein Mann . . .« Stammelnd erklärte sie, was mit Herbert los war.

Er nannte ihr seine Zimmernummer. »Ich gehe voraus«, sagte er.

»Ich weiß nicht . . .« Sie biss in seine Unterlippe.

Er zog seine Hüfte zurück. »Du reißt mir den Schwanz ab«, sagte er. »Bis gleich.«

»Ich weiß es nicht . . . Ich habe so was noch nie gemacht.«

Er hob die Schultern. »Entweder du kommst, oder du kommst nicht.«

Er ließ sie los und stieg aus dem Wasser, wobei er seinen Slip wieder hochzog. Er musste eine unübersehbare Erektion haben, aber er ging unbeirrt an den Leuten vorbei, die ihm, bepackt mit Matten und Sonnenschirmen und Kühltaschen, entgegenkamen.

Sie sah ihm nach, wie er die Klippe hinaufkletterte und dann in den durchsichtigen Schatten zwischen den Pinien verschwand.

Als sie in sein Zimmer trat, kam er aus dem Bad. Er hatte geduscht und trug einen hellgelben Frotteemantel. Er hob sie einfach auf und legte sie aufs Bett. Seine Lippen wanderten über ihren Körper.

»Ich schmecke bestimmt salzig«, flüsterte sie.

Als er endlich in sie eindrang, kannte sie noch nicht einmal seinen Namen.

Verrückt, dachte sie. Verrückt, irrsinnig und viel zu schnell vorbei.

»Das war gut«, sagte er. »Aber du bist nicht zurechtgekommen.«

Sie streichelte über sein Haar, das immer noch nass war.

»Das macht nichts«, sagte sie.

»Warte nur, gleich dauert es länger!«

»Ich muss nach meinem Mann sehen.«

»Dann kommst du wieder.«

»Ich weiß nicht.«

Sie sah in seine grauen Augen.

»Hat es dir keinen Spaß gemacht?«

»O doch«, versicherte sie.

Er richtete sich auf und betrachtete sie ungeniert.

»Ich habe dich gekratzt«, sagte er.

Sie betrachtete ihren Busen. Ein großer Fleck, noch olivfarben, bildete sich an einer Seite. Erschreckt holte sie Atem. Dann bemerkte sie den langen, roten Kratzer auf dem Bauch.

»Und der Arsch hat auch was abgekriegt«, sagte er.

Sie lachte plötzlich. »Ich werde sagen, dass ich an der Klippe abgerutscht bin.«

»Das kannst du nicht jeden Tag sagen. Du kannst ihm erzählen, du wärst beim Schwimmen über Steine gezogen worden.«

»Jeden Tag? Was denkst du dir?« Sie hielt den Atem an. Wie eine läufige Hündin war sie hinter ihm hergerannt. Über die Fortdauer ihres Verhältnisses hatte sie sich noch keine Gedanken gemacht. Wann hätte sie es auch tun können!

»Lassen wir es dabei«, sagte sie. »Es war schön, aber es wird nicht wieder passieren.«

»Ist es der Altersunterschied?«, fragte er.

Sie sah ihn verblüfft an. »Welcher Altersunterschied? Du bist doch nicht älter als ich!«

»Eben.« Er grinste. »Ich bin 28. Wie alt bist du? Fünfunddreißig? Oder noch älter? Mir macht es nichts aus.«

»So ungefähr«, sagte sie.

Sie war gerade 34 geworden. Sie senkte die Lider. Na warte, Jüngelchen, dachte sie, ich hätte nicht übel Lust, dir vorzuführen, was eine Frau von 34 drauf hat.

Herbert lag blass und schlapp im Bett. Die Jalousien waren herabgezogen. Die Luft im Zimmer roch stickig. Sie trat ans Fenster und riss die Balkontür auf. Gedämpft drang der Lärm vom Swimmingpool herauf. Sie spreizte die Lamellen der Jalousie.

Dieter Probek ging über den geplatteten Weg zwischen den raschelnden Palmen her zur strohgedeckten Bar. Rasch wandte sie sich ab.

»Wie geht es dir?«, erkundigte sie sich.

»Besser«, behauptete er. »Wo hast du so lange gesteckt? Du wirst dir einen Sonnenbrand holen.«

»Das ist mir egal.« Sie trat an sein Bett. Seine Hand kroch auf ihren Schenkel zu, kniff sie ins Fleisch. Ihr wurde heiß, als sie daran dachte, dass er seine Hand weiter auf die Reise schicken könnte. Dann würde er spüren und fühlen, was sie getan hatte.

Sie drehte sich ab. Seine Hand fiel auf das Laken.

»Vielleicht kann ich es heute Abend versuchen«, sagte er matt.

»Wir haben keine Eile«, sagte sie. Sie sah sein Gesicht im Spiegel. Herbert war 40 Jahre alt. Zum ersten Mal fragte sie sich, wie er sein würde, wenn er 50 wäre. Sie wäre dann gerade 44.

Sie strich über ihr Haar und berührte ihre geschwollene Unterlippe.

Vielleicht würde es dann andere Männer wie Dieter Probek geben, überlegte sie. Sie betrachtete ihr Gesicht. Ihr fiel nicht auf, dass sie eine Fortsetzung ihrer Affäre mit Probek doch nicht ausschloss.

Herberts Frage traf sie wie ein Fausthieb in den Magen.

»Wer war der Kerl?«

Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus. Zum Glück war es schattig im Zimmer, so konnte er nicht sehen, dass ihr alles Blut aus dem Gesicht fiel. War er doch nicht so schlapp, wie er tat? War er ihr etwa nachgegangen?

Jutta wusste von seiner Spitzelmentalität. Sie wusste, dass er seine Untergebenen in der Bank heimlich belauerte, dass er sich in ihre Telefongespräche einschaltete, ihre privaten Kontenbewegungen nachprüfte und ihre Fehlzeiten genau notierte. Doch nie wäre sie auf den Gedanken gekommen, dass sich dieses Gebaren einmal gegen sie wenden könnte. Allerdings hatte sie ihm bis heute nie Anlass gegeben, misstrauisch zu sein. Deshalb hätte sie es vermutlich gar nicht gemerkt, wenn er ihr nachspioniert hätte.

Sie drehte sich um und sah ihn direkt an. Sein Gesicht war verkniffen.

»Welcher Kerl?«, fragte sie. Ihre Stimme klang normal.

»Mit dem du da unten am Swimmingpool gesprochen hast«, antwortete er.

Die Erleichterung überflutete sie wie eine heiße Welle. Das war gestern gewesen. Er hatte am Fenster gestanden, vielleicht gesehen, wie sie zum Pool gegangen waren.

Sie lachte. »Ein Gast«, sagte sie.

»Von diesen Typen treiben sich zu viele auf Ibiza rum«, meinte er.

»Was für Typen?«

»Du weißt, welche ich meine. Diese Aufreißer.«

Wieder lachte sie. »Die meisten von diesen Typen wohnen in der Stadt und nicht in so einem scheißbiederen Schuppen wie diesem hier!«

Sie neigte nachdenklich den Kopf.

Warum war Probek im Palmasol abgestiegen, wo es von Kindern wimmelte und die Frauen von ihren Männern beobachtet wurden?

»Denk dran, wir sind hergekommen, um Ferien zu machen«, sagte Herbert matt.

»Natürlich«, antwortete sie leichthin und verschwand im Bad.

Am nächsten Morgen trank er vorsichtshalber keinen Kaffee. Er würgte ein Brötchen trocken hinunter, spülte mit schwarzem Tee nach, und wartete darauf, dass seine Eingeweide wieder mit Krämpfen reagierten.

Als sie ausblieben, verkündete er, dass er sich mit ihr unten auf die Terrasse legen wollte.

»Da ist es langweilig«, sagte sie. »Und das Kindergeschrei wird dir auf die Nerven gehen.« Sie hatte sich den Hänger bereits im Bad übergestreift. Die blauen Flecken an ihrem Busen und die Spuren von Probeks Fingern an ihren Hinterbacken schillerten wie Ölflecken.

»Morgen vielleicht«, sagte er. Er stöberte in seinem Koffer herum, bis er den albernen, weißen Leinenhut fand, den er vor drei Jahren in Holland gekauft hatte. Er setzte ihn auf. »Wie sehe ich aus?«

»Umwerfend«, sagte sie.

Sie lagen auf der Terrasse unter einem Sonnenschirm. Um die Mittagszeit erreichte das Geschrei der Kinder einen Höhepunkt, und die Hitze wurde unerträglich.

Herbert blätterte in deutschen Zeitungen, während der Schweiß über sein Gesicht rann. Irgendwann sah er sie an.

»Warum ziehst du das nicht aus?«, fragte er und deutete auf den Hänger. Sie hatte den Saum bis zu den Schenkeln hinaufgezogen.

Sie beugte sich zu ihm hinüber und lächelte. »Ich will dich nicht aufregen«, sagte sie.

Er grinste. »Vielleicht hast du recht.« Er wischte über sein Gesicht. »Ich muss erst wieder zu Kräften kommen.« Er legte sich zurück und schloss die Augen.

Kurz nach zwölf schlenderte Probek über die Terrasse. Er trug eine Sonnenbrille mit spiegelnden Gläsern, die seine Augen vollständig verbarg. Er ging am Pool vorbei und stieg die Stufen zur Bar hinunter. Sie beobachtete ihn durch die Stäbe des Gitters. Es versetzte ihr einen Stich, als er sich neben eine große, schlanke Blondine stellte, ungeniert ihren nackten, unglaublich festen Busen betrachtete und ihr dann einen Campari bestellte. Er sagte etwas zu ihr, und sie lachte und berührte flüchtig seine Hand. Es war eine schnelle, doch beinahe vertrauliche Geste.

Doch dann wandte sich Probek ab. Langsam kam er die Stufen herauf, langsam schlenderte er am Pool entlang. Von der anderen Seite des Schwimmbeckens her warf er Jutta plötzlich einen Blick zu. Die Sonnenbrille hielt er an einem Bügel zwischen den weißen Zähnen.

Dann ging er weiter und tauchte in den kühlen Schatten der Hotelhalle.

Jutta räkelte sich. Herberts Augen waren fest geschlossen, aber sie wusste, dass er nicht schlief.

»Mir ist es zu heiß hier draußen«, stöhnte sie. »Und außerdem habe ich Hunger.«

Herbert rührte sich nicht.

»Soll ich dir was zu essen vom Büfett holen?«, fragte sie. »Irgendwas Leichtes. Huhn vielleicht?«

»Lieber nicht«, sagte er, ohne die Augen zu öffnen. »Ich will nichts riskieren. Vielleicht heute Abend.«

Sie stand auf. »Ich gehe rein«, sagte sie. »Was essen, und dann mal sehen . . .« Sie sah auf sein Gesicht mit den geschlossenen Augen hinab. Seine Lippen bewegten sich.

»Kommst du wieder?«, fragte er.

»Natürlich. Wenn es nicht mehr so heiß ist.«

In der Tür zur Halle sah sie sich noch einmal um. Herbert lag reglos unter dem Sonnenschirm.

Zwei Minuten später schlüpfte sie in Probeks Zimmer.

Er lehnte am Rahmen der Balkontür. Eine Zigarette qualmte zwischen seinen Lippen. Die Daumen hatte er in den Gürtel seiner Jeans gehakt. Er hatte das T-Shirt bereits ausgezogen.

Sie drückte die Tür ins Schloss und blieb stehen.

»Ich kann nicht lange«, sagte sie mit rauer Stimme. Er stand reglos da. Der Rauch hüllte sein Gesicht ein.

»Du brauchst es nicht wegen mir zu tun«, sagte er. Die Zigarette wippte zwischen seinen Lippen.

Das Blut stieg in ihre Ohren, und dann begann ihr Herz zu hämmern. Sie tastete nach dem Türgriff.

Probek beobachtete sie durch die Rauchschleier, während er die Zigarette ausdrückte.

»Komm her«, sagte er.

Sie ließ den Türgriff wieder los. Langsam ging sie auf ihn zu. Ohne sie aus den Augen zu lassen, streifte er die Jeans und den Slip ab. Sie starrte sein Glied an, das sich aufrichtete.

Er zog sie an sich, hob den Saum ihres Strandkleides und schob einen Daumen unter den dünnen Riemen des Tanga.

Sie schrie unterdrückt auf, als sie ihn in sich spürte und seine Fingernägel ihre Haut aufrissen. Sie klammerte sich an ihm fest, aber sie leistete seinen Händen, die ihre Hüften hin und her schoben, Widerstand. Als sie merkte, dass ihre langsamen Bewegungen ihn quälten, verbiss sie sich in seiner Unterlippe und stellte ihre Bewegungen für einen Augenblick gänzlich ein. Als es ihm dann doch kam, quoll ein rauer Schrei aus seiner Kehle.

Sie zog sich zurück und ließ den Saum des Hängers wieder herabfallen. Er hatte einen glasigen Ausdruck in den Augen. Rückwärts ging sie zur Tür. Bevor sie hinausschlüpfte, lächelte sie. Zufrieden und rätselhaft.

Sein Liegestuhl auf der Terrasse war leer.

Sie blieb mitten auf dem Weg stehen, dann wandte sie den Kopf und sah an der Fassade nach oben. Die Jalousien vor nahezu allen Fenstern waren herabgelassen.

Sie kehrte um und fuhr mit dem Lift nach oben.

Herbert hatte geduscht und sich ein Badelaken um die Hüften geschlungen.

»Ich habe dich überall gesucht«, sagte er. »Wo warst du?«

»Ich habe mir was zu essen geholt und bin rumgegangen. Spionierst du mir nach?«

»Müsste ich das?«

»Mach dich nicht lächerlich«, sagte sie und wollte an ihm vorbei ins Bad. Sie glaubte, immer noch Probeks heiße Hände auf ihrer Haut zu spüren.

Herbert stellte sich ihr in den Weg. »Ich war am Büfett.«

»Na und? Ich hatte dir angeboten, dir was mitzubringen.«

»Ich wollte nichts essen. Ich suchte dich.«

»Ich war an der Klippe, habe überlegt, ob ich zum Strand runterklettern sollte.« Sie strich ihr Haar zurück. Herbert starrte ihre Lippen an. Waren sie geschwollen? »Warum hast du mich gesucht?«

Er streckte die Hände nach ihr aus. »Deshalb.«

Sie wich etwas zurück. »Wenn es wieder so gut geht, können wir auch zum Strand gehen. Oder in die Stadt fahren. Der Bus fährt in zwanzig Minuten.«

»Wir haben noch nicht gevögelt, seit wir hier sind«, sagte er. »Du hast doch nicht die Tage?«

»Lass mich erst duschen«, sagte sie.

»Ich mag dich so . . .«

Sie schob ihn zur Seite und ging ins Bad. Nachdrücklich schloss sie die Tür, legte jedoch den Riegel nicht vor. Mit angehaltenem Atem wartete sie. Als Herbert keine Anstalten machte, ihr nachzukommen, streifte sie das Kleid ab und untersuchte die Spuren von Probeks Händen, bevor sie die Dusche aufdrehte und kaltes Wasser auf ihre Haut prasseln ließ.

Als sie ins Zimmer zurückkehrte, hielt sie eins der großen Badetücher vor ihren Körper und tat so, als ob sie sich noch abtrocknete.

Herbert lag auf dem Bett und starrte sie an. Sie schlüpfte neben ihn und ließ sich von ihm umarmen.

»Deine Haut ist so kalt«, flüsterte er und wollte sie auf den Bauch drehen.

Sie klammerte sich an ihm fest und schlang ihre Beine um seine Hüften. »Komm«, flüsterte sie in sein Ohr. »Komm! Ich halte es nicht mehr aus!«

Es war sehr schnell vorbei. Sie hatte ihn kaum gespürt. Er grinste sie an.

»Das war gut, was?«

»Ja.«

Er streichelte sie mechanisch, wie er es immer hinterher tat. Dabei entdeckte er den großen, jetzt blauen Fleck an ihrer linken Brust, und dann sah er den langen Striemen an ihrem Bauch und einen Kratzer an der Hüfte.

»Wo hast du das denn her?«, fragte er.

»Ich bin von der Klippe gerutscht«, antwortete sie.

Er wollte sie jetzt genauer untersuchen und beugte sich über den Kratzer. Darunter waren auch die inzwischen blutunterlaufenen Fingerabdrücke zu sehen.

»Was fällt dir ein!«, sagte sie scharf und zerrte die Decke über sich. »Lass mich jetzt in Ruhe. Ich will etwas schlafen.«

Sie wälzte sich auf die Seite. Sie schlief fast augenblicklich ein, obwohl sie wusste, dass Herbert Verdacht geschöpft hatte.

»Man sieht dich ja gar nicht mehr!«

Er stand hinter ihr, als sie noch einmal ans Büfett gegangen war, um etwas von dem Fischsalat nachzunehmen. Sie drehte sich nicht um. Herbert saß am Fenster, und sie wusste, dass er sie beobachtete.

Er berührte sie mit der Hüfte. Sie wich aus, blieb aber am Käsetablett noch einmal stehen.

»Gib ihm von den in Öl gebackenen Auberginen«, schlug Probek vor. »Dann bekommt er wieder Durchfall.«

Sie schnitt ein Stück Schafskäse ab. »Wir fliegen übermorgen zurück«, sagte sie. Die vierzehn Tage waren fast vorüber. Die letzten zehn hatte sie sich nur gelangweilt. Herbert hatte sie keinen Schritt allein gehen lassen. Er war sogar mit zum Strand gegangen und hatte Sonnenbrand und Quallenverbrennungen ertragen.

»Ich melde mich bei dir zu Hause«, sagte Probek, der an ihr vorbeilangte und nach einem Stück Camembert angelte. Er wandte den Kopf und sah sie an. »Ich weiß, wo du wohnst. Ich habe mich erkundigt. Auf bald.«

Als er sich abwandte, pfiff er vor sich hin.


Kapitel 2

»Zieh dich an!«, sagte er.

Er zog seine Hose hoch und klappte den Koffer auf, der seine Ausrüstung enthielt. Er stellte das Walkie-Talkie, den kompakten Multifrequenz-Empfänger mit integriertem Scanner und den Feldstecher auf den kleinen Tisch neben dem Fenster. Dann holte er das Telefon vom Nachttisch. Das Kabel reichte gerade bis zum Fenster. Als Probek ein frisches Hemd aus dem Koffer nahm, erkannte sie den Umriss der großen Pistole, die in ein Handtuch gewickelt war.

Jutta wusste, dass die Pistole nicht die einzige Waffe war, die Probek bei sich hatte. Das zerlegte Präzisionsschützengewehr befand sich vermutlich ganz unten im Koffer.

Sie sah durch die Gardine nach unten. Die Sonne zeichnete eine breite Bahn auf das alte Kopfsteinpflaster. An den Parkuhren standen jetzt die ersten Fahrzeuge. Der dicke Bäcker stellte die Tür zu seinem Café auf, damit die Putzfrau die Stufe wischen konnte. Die großen Scheiben der Bankfiliale schimmerten schwarz und blind.

Sie wandte sich um und sah Probek zu, der die Batterien des Funkgerätes überprüfte.

»Was hättest du getan, wenn du mich nicht rumgekriegt hättest!«, fragte sie.

Er hob gleichmütig die Schultern. »Es gab nur die zwei Möglichkeiten«, sagte er. »Mitmachen oder nicht.«

Er sah sie nicht an. Sein Gesicht war flach und starr, die Lippen straff. Die Augen verrieten etwas von der ungeheuren Anspannung, unter der er stand.

Sie strich über ihre nackte Haut. Sie fröstelte plötzlich. Rasch zog sie sich an. Er achtete nicht auf sie. Alles war besprochen. Es konnte nur klappen oder schiefgehen.

»Mach's gut«, sagte sie, bevor sie die Tür öffnete.

Er stand vorm Fenster und wandte ihr den Rücken zu. Er verdrehte den Kopf und sah sie über die Schulter hinweg an. Seine Augen schienen tiefer als gewöhnlich in den Höhlen zu liegen. Vielleicht sah es auch nur so aus, überlegte sie, weil die Sonne schräg über sein Gesicht fiel und die knochigen Vorsprünge des Jochbeins Schatten über die Augen warfen.

»Ich rufe dich an, sowie er aus dem Haus geht«, sagte sie.

Er nickte. »Du schaffst es«, sagte er.

Das City-Hotel am Herzogplatz war erst vor drei Jahren auf dem Grundstück eines alten Kinos und eines vierstöckigen Mietshauses entstanden. Es war ein modernes Hotel von internationalem Zuschnitt. Eigene Pendelbusse verkehrten zwischen dem Hotel und dem Flughafen. In der Halle herrschte deshalb ein ständiges Kommen und Gehen. Schon am frühen Morgen türmte sich das Gepäck der Reisenden vor den Lifts und in den Ausgängen.

Kein Mensch achtete auf Jutta Ehser, als sie aus dem Aufzug trat. Die Halle war großzügig geschnitten und im Winkel angelegt. Ein Ausgang ging auf den Herzogplatz hinaus, ein anderer auf die Bundesstraße, die an der Altstadt vorbeiführte. In dem Haltestreifen warteten immer einige Taxis.

Jutta stieg in das vorderste Taxi. Der Fahrer warf ihr nur einen flüchtigen Blick zu.

»Zum Bahnhof«, sagte sie.

Vom Bahnhof aus fuhr sie mit der U-Bahn zum Oberfelder Tor, wo sie ihren Wagen abgestellt hatte. Bis zu dem Reihenhaus in der Uhlenbergstraße, das Herbert von einer Tante geerbt hatte, war es jetzt nur noch ein kurzes Stück Fahrt gegen den einsetzenden Berufsverkehr.

Probek hatte alle Einzelheiten mit ihr besprochen und jedes Detail immer und immer wieder durchgekaut. Er war vorsichtig und gründlich. Eigenschaften, die sie in ihrem Entschluss bestätigt hatten, sich an seinem Vorhaben zu beteiligen.

Eine Bank auszurauben. Nicht irgendeine. Herberts Bank.

Ihre Arme zitterten plötzlich. Sie stemmte sie gegen das Lenkrad. Für eine Umkehr war es jetzt zu spät. Sie musste ihrem eigenen Plan folgen, wenn sie frei sein wollte.

Sie stellte ihren Escort vor dem Haus ab, stieg aus und ging hinein. Es war kurz nach halb acht.

Herbert kam aus der Küche. Er hatte schon gefrühstückt.

»Du bist früh dran«, sagte sie.

Er sah sie mit diesem eigenartigen Ausdruck in den Augen an, der eine Mischung aus Hass, hündischer Ergebenheit und maßlosem Zorn darstellte. Sie wusste, dass er einer offenen Auseinandersetzung ausweichen würde wie meistens. Die Zeit der offenen Wutanfälle, bei denen physische Gewalt in der Luft gelegen hatte, war ohnehin längst vorbei.

»Ist noch Kaffee da?«, fragte sie.

»Den musst du dir schon selbst machen«, sagte er, und kalt fügte er hinzu: »Ich an deiner Stelle würde erst ein paar Stunden schlafen. Vielleicht siehst du dann etwas besser aus.« Er nahm sein Jackett von der Garderobe und zog es an. »Ich muss jetzt gehen.«

Sie sah auf die Uhr und runzelte die Stirn. An jedem anderen Tag hätte sie keinen Gedanken daran verschwendet, wenn Herbert eine halbe Stunde früher aus dem Haus gegangen wäre, obwohl er ein Pedant war, ein Gewohnheitsmensch, für den jede Abweichung von der Routine mehr oder weniger eine Katastrophe darstellte.

Heute war alles anders. Heute kam es darauf an, dass er zur üblichen Zeit an seinem üblichen Platz war. Nicht zu spät, aber auch nicht zu früh.

Laut fiel die Haustür ins Schloss. Augenblicke später hörte sie seinen Wagen aus der Garage rollen. Vor zwei Jahren hatte er einen gebrauchten Mercedes gekauft, den sie allerdings nicht fahren durfte. Das war der Grund, weshalb sie einen eigenen Wagen zur Verfügung hatte. Aber was hieß das schon! Er rechnete ihr jeden Pfennig vor, den der Escort kostete, und in regelmäßigen Abständen kontrollierte er den Kilometerstand. Um den Verbrauch zu berechnen, behauptete er.

Er überwachte sie. Sie kannte seine Schnüffler-Mentalität, und sie verabscheute sie.

Zuerst hatte er sie knappgehalten, weil er hoffte, sie würde bald wieder arbeiten, um finanziell unabhängig zu sein. Sie hatte als Kontoristin bei einer Versicherung gearbeitet, den Job aber aufgegeben, als sie schwanger wurde. Nach der Fehlgeburt hatte sie sich mit immer neuen Vorwänden davor gedrückt, eine neue Stelle zu suchen. Später, als Herberts kleinliche Art unerträglich wurde, war es dann zu spät gewesen. Computer hatten Einzug in die Büros gehalten, und sie traute es sich nicht zu, umzulernen. Wahrscheinlich scheute sie die Konkurrenz der jungen Mädchen, die wie selbstverständlich mit den Terminals umgingen.

Für Juttas Scheu vor der Computertechnik hatte Herbert kein Verständnis. Seit die Bank ihn auf verschiedene Lehrgänge geschickt hatte, hatte er sich zum Elektronikfreak entwickelt. In seinem Arbeitszimmer oben im Haus stand ein moderner Personalcomputer, und im Bastelkeller häuften sich elektronische Bauteile, aus denen er immer neues Spielzeug zusammenbastelte. Weckvorrichtungen und Alarmanlagen, Steuerungen für das Garagentor oder die Zentralheizung, und eine drahtlose Wechselsprechanlage, die kein Zimmer im Haus ausließ. Seit er von ihrer Affäre mit Probek wusste, hatte sich seine Bastelwut zur Besessenheit gesteigert. Jede freie Minute verbrachte er entweder vor dem Bildschirm des Computers oder an der Werkbank im Keller.

Er wich ihr aus, weil er die Konkurrenz ihres Liebhabers fürchtete.

Jutta rief das City-Hotel an und ließ sich mit Zimmer 411 verbinden.

Probek meldete sich mit einem neutralen »Hallo.«

»Hallo«, sagte sie. »Ich bin allein.«

Wenn er sich wunderte, dass Herbert heute früher gegangen war, ließ er es sich nicht anmerken.

»Schön«, sagte er.

»Warte!«, rief sie schnell, weil sie wusste, dass er aufgelegt hätte.

»Ja?«, fragte er. Seine Stimme klang glatt und unbewegt.

»Ach, nichts«, sagte sie. »Es ist alles in Ordnung.«

»Bestimmt?«, fragte er.

»Natürlich«, sagte sie und legte auf.

Was hatte sie eigentlich von Probek erwartet, von ihrer Affäre mit ihm erhofft? Leidenschaft und Liebe? Beides ließ sich ihrer Erfahrung nach nicht verbinden. Leidenschaft oder Liebe. Liebe bedeutete Geborgenheit, wenn sie erwidert wurde. Leidenschaft fragte nicht nach Treue oder Beständigkeit. Leidenschaft war etwas für den Augenblick, sie verlangte allerdings Wiederholung, eine Steigerung der Dosis. Leidenschaft kann süchtig machen.

Die beiden Begegnungen mit Probek auf Ibiza hatten das Feuer so eben angezündet. Jutta hatte geglaubt, es würde von selbst erlöschen, weil Probek sich nicht meldete. Nach vier Wochen war sie überzeugt, dass er sie vergessen hatte.

Aber an einem Mittwochmorgen Anfang September drängte er sich erneut in ihr Leben. Er rief nicht an, er kam gleich selbst.

Herbert war eben abgefahren, als es an der Tür klingelte. Sie hatte sich entschlossen, das Haus bis zum Mittag auf Hochglanz zu bringen, weil sie am Freitag Gäste erwarteten. Herbert hatte zwei Kollegen, Leiter anderer Filialen der Spar- und Kreditbank mit ihren Frauen, zum Essen eingeladen. Sie trug ein Kopftuch und eine Schürze und kam sich entsetzlich hausbacken vor, als er ihr so unverhofft gegenüberstand.

»Hallo«, sagte er und ließ die weißen Zähne im gebräunten Gesicht blitzen. Sein Haar war ausgebleicht. Er hatte einen Fuß auf die Eingangsstufe gestellt und stützte einen Arm auf den Oberschenkel. Seine grauen Augen musterten sie herausfordernd.

»Da bin ich.«

Sie brachte zunächst kein Wort heraus. Mit einer unsicheren Bewegung streifte sie das Kopftuch ab und schüttelte ihr Haar auf.

»Die Schürze wäre ganz hübsch«, sagte er, »wenn du sonst nichts anhättest.«

»Bist du schon lange zurück?«, fragte sie endlich.

»Ein paar Tage«, antwortete er unbestimmt. Er wandte den Kopf. »Wie sind die Nachbarn hier?«, fragte er. »Kriegen sie alles mit? Reden sie gern?«

Sie zog scharf die Luft ein. »Komm rein«, sagte sie hastig.

Sie roch sein herbes Gesichtswasser, als er sich an ihr vorbeischob.

»Geh da rein«, sagte sie und deutete auf die Tür zum Wohnzimmer. »Pass auf, fall nicht über den Staubsauger!«

Sie legte die Schürze ab und betrachtete sich kurz im Garderobenspiegel. Sie trug enge, alte Jeans, die ihre Hüften unvorteilhaft betonten. Vor kurzem hatte sie allerdings gelesen, dass ein breiter Hintern auf Männer sinnlich wirkte. Sie hatte es nicht für nötig gehalten, einen Büstenhalter anzuziehen. Unter der einfachen Leinenbluse zeichnete sich die feste Fülle deutlich ab, und ganz plötzlich schwollen die Warzen an.

Die Flamme loderte wieder auf.

Sie lagen auf der Couch im kleinen Gästezimmer. Die Sonne schien durch das Giebelfenster. Es war sehr heiß.

Jutta bewegte sich. Ihre Brüste schmerzten, doch der Schmerz machte ihr nichts aus. Sie hatte nur Angst, wieder blaue Flecken abbekommen zu haben.

»Ich möchte duschen«, sagte sie.

Probek legte seinen Arm über sie und presste seinen Oberschenkel über ihren Unterleib.

»Wofür?«

»Ich . . . rieche nach Schweiß.«

»Du riechst nach Frau.«

»Deshalb will ich duschen.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich mag das so.«

Unter seinem Gewicht konnte sie sich kaum rühren. Sein Glied schwoll wieder an. Sie half mit einer Hand nach. Sein heißer Atem strich an ihrem Hals entlang. Sie schrie, als er in sie hineinstieß und sich wild bewegte. Nebenan im Schlafzimmer - im ehelichen Schlafzimmer - läutete das Telefon. Sie hörte es schrill in ihrem Hirn. Sie wusste, dass Herbert am Apparat war. Er rief immer vom Büro aus an.

Sie warf sich dem Mann entgegen. Er umklammerte sie keuchend. Die Couch stieß gegen die Wand. Sie zuckte, als er endlich erschöpft über sie fiel. Das Telefon klingelte immer noch. Oder wieder. Es spielte keine Rolle.

Sie zog den Morgenmantel über, als sie hinunterging. Er folgte ihr in die Küche. Träge zog er an seiner Zigarette und sah ihr zu, wie sie Kaffee zubereitete. Er hatte nur seinen Slip angezogen. Es war der rote, den sie schon auf Ibiza gesehen hatte.

»Lass keine Asche fallen«, sagte sie. »Herbert raucht nicht.«

Probek schnippte die Asche ins Spülbecken. »Er passt nicht zu dir«, sagte er.

»Wer? Herbert? Woher willst du das wissen?«

»Ich habe euch beobachtet. Im Hotel.«

»Er ist nicht schlecht«, verteidigte sie ihn.

»Nicht schlecht ist nicht gut. Was ist so Besonderes an ihm?«

»Er ist in Ordnung«, sagte sie unwillig.

Er grinste. »Schon gut, schon gut! Du musst ja mit ihm leben.«

»Genau.« Sie stellte Tassen zurecht und holte die Milch aus dem Kühlschrank.

»Ich trinke ihn schwarz. Und ohne Zucker.«

Er setzte sich auf einen Stuhl und legte die Arme auf den Tisch. Sie waren dunkelbraun gebrannt und dicht mit hellen Haaren bedeckt.

»Hast du schon mal daran gedacht, ihn zu verlassen?«, erkundigte er sich, als sie den Kaffee einschenkte.

»Dran gedacht — ja. Aber ich werde es nicht tun«, erklärte sie mit Nachdruck.

»Nein? Warum nicht?«

»Könntest du mir die Sicherheit bieten, die er mir bietet?«

»Ich?« Probek lachte. »Himmel, nein!«

»Dann kennst du die Antwort«, sagte sie.

Sie schien ihm zu gefallen, denn er lächelte jetzt.


Kapitel 3

Probek setzte den Feldstecher an die Augen, als das schlanke, blonde Mädchen aus der Antoniusstraße kam. Probek lächelte wie ein Mann, der sich über das pünktliche Erscheinen seines Mädchens freute.

Probek kannte die Daten aller Angestellten der Spar- und Kreditbank vom Herzogplatz. Das blonde Mädchen hieß Gudrun Kaymer. Sie war weder verlobt noch verheiratet, lebte bei ihren Eltern und arbeitete als Kundenberaterin in der Bankfiliale.

Gudrun Kaymer oder Josef Feldhaus, einer der drei Kassierer, kamen stets als erste an. Feldhaus besaß einen Schlüssel zu der Eingangstür, die tief zurückgezogen fast an der Ecke des Gebäudes lag. Durch die Tür gelangte man in einen Flur, an dem die besonders gesicherte Tür in die Schalterhalle der Filiale lag.

Eine Treppe führte zu den Wohnungen in den fünf Etagen über der Bank.

Probek hatte die Örtlichkeiten genau erkundet. Er hatte sogar erwogen, die kleine Apartmentwohnung im dritten Stock über der Bank zu mieten, als sie im vergangenen November frei wurde, sich dann aber doch dagegen entschieden. Die Position über der Bank brachte keine Vorteile. Das Hotel war für seine Zwecke geeigneter. Von hier aus konnte er sehen, was vor der Bank vorging. Und er konnte durch die Halle des Hotels zur Bundesstraße hin verschwinden. Und zurückkehren, wenn es sich als notwendig erweisen sollte.

Gudrun Kaymer winkte der älteren Verkäuferin im Café zu, als sie an der offenen Tür vorbeiging. Dann blieb sie im Hauseingang der Bank stehen.

Probek stellte den Feldstecher genau auf ihr Gesicht ein. Die Gardine vorm Fenster behinderte die Sicht kaum.

Das Mädchen sah sich um. Probek konnte genau ihre hellblauen, leuchtenden Augen erkennen. Die geschwungenen Lippen öffneten sich zu einem schnellen Lächeln, als sie Feldhaus erblickte, der aus der anderen Richtung herankam. Feldhaus stellte seinen Wagen in einem Parkhaus an der Bundesstraße ab.

Mit seinen 52 Jahren war Josef Feldhaus der älteste Angestellte der Filiale am Herzogplatz. Er kleidete sich jugendlich, doch sein dicker Bauch und der runde Schädel mit dem grauen Haarkranz und der kahlen Stelle in der Mitte machte alle Bemühungen, jünger zu wirken, zunichte.

Er begrüßte Gudrun Kaymer mit Handschlag, bevor er umständlich die Tür aufschloss und der jungen Kollegin den Vor tritt ließ.

Als die Aluminiumtür wieder ins Schloss fiel, setzte Probek das Glas ab und sah auf die Uhr. Es war fünf Minuten nach acht.

Er trank einen Schluck von dem kalt gewordenen Kaffee und zündete dann eine Zigarette an.

Seit einem halben Jahr stieg er in unregelmäßigen Abständen im City-Hotel ab. Er blieb jeweils drei oder vier Tage. Sein Frühstück bestellte er aufs Zimmer. 7 Uhr 30, vermerkte er auf dem Bestellzettel, den er abends außen am Türgriff befestigte. Wenn der Etagenkellner klopfte und Probek ihm das Tablett abnahm, hängte er das Bitte-nicht-stören-Schild hinaus. Immer hielt er sich bis zum Mittag im Zimmer auf. Im Verlauf des Vormittags führte er mehrere Telefongespräche, damit einige Einheiten unten auf dem Zähler registriert wurden. Er war ein Vertreter, der seine Geschäfte vom Hotel aus einleitete, eine Tarnung, die auch einer etwas genaueren Nachprüfung standhalten würde.

Auch heute war er keinen Millimeter von dieser Routine abgewichen.

Bisher nicht, wie er einschränkend feststellte. Denn heute würde alles anders sein. Auf diesen Tag hatte er lange hingearbeitet. Mehr als ein Jahr lang.

Ruhig rauchte er die Zigarette zu Ende. Als er sie ausdrückte, gerieten Otten und Lipmann, zwei weitere Bankangestellte, in sein Blickfeld.

Genau nach Plan, stellte Probek fest. Es war 8 Uhr 11. Er nahm das Handfunkgerät auf und drückte die Sprechtaste.

»Seid ihr startbereit?«, fragte er.

Keinen Namen, nicht einmal Codebezeichnungen wie »Hier Apollo, Merkur bitte melden«. Jeder überflüssige Firlefanz konnte zu Pannen führen. Die drei Männer im Wagen wussten, wer sprach, auch wenn sie seinen Namen nicht kannten. Es genügte, dass er sie kannte und alles über sie wusste. Er war der Boss.

»Startbereit.«

Die Stimme klang blechern und schwach, weil der Sprecher in einem geschlossenen Fahrzeug saß. Nachher, wenn er erst mal in der Bank war, würde die Verständigung besser sein. Sie hatten es getestet.

»Los dann«, sagte Probek.

Er sah nach links, wo ein blauer Rekord von der Keplerstraße her in den Herzogplatz einbog. Undeutlich konnte er die Umrisse der Insassen ausmachen. Junghein und Britz saßen vorn, Hilmer hinten.

Ruhig lenkte Junghein den Wagen um den halben Platz herum. Otten und Lipmann, die beiden Bankangestellten, blieben kurz stehen, um dem Fahrer Gelegenheit zu geben, ihn in die Lücke vor einer Parkuhr zu setzen. Probek hatte fest damit gerechnet, dass die Männer eine freie Parkuhr vorfanden. Er hatte nicht erlebt, dass einmal vor neun Uhr alle Plätze belegt gewesen wären.

»Position erreicht«, meldete Hilmer, der während der Anfahrt das Walkie-Talkie bediente.

Jetzt reichte er es Junghein, so hatten sie es besprochen.

Otten und Lipmann überquerten die Straße und steuerten den Nebeneingang zur Bank an.

Probek hob das Fernglas an die Augen. Otten drückte den Klingelknopf. Britz und Hilmer erreichten den Eingang. Lipmann, ein jüngerer Mann mit offenem Gesicht und arglosen Augen hinter dicken Brillengläsern, nickte dem vierschrötigen Britz freundlich zu.

Die Tür sprang auf. Britz und Hilmer betraten hinter den Bankangestellten das Haus. Für Probek unhörbar fiel die Tür ins Schloss.

Jungheins Stimme klirrte aus dem Lautsprecher des Handfunkgerätes.

»Wir sind drin!«

»Verstanden«, bestätigte Probek.

Weder Junghein noch die anderen beiden wussten, wo er, Probek, während des Überfalls steckte.

Probek schaltete das Multifrequenzgerät ein. Der eingebaute Lautsprecher gab den Funkverkehr der Polizei fast störungsfrei wieder.

». . . Erna für Erna 17, kommen.«

»Erna 17.«

»Fahren Sie Kalkhof 44 an, ein Mieter meldet Wohnungseinbruch. — Erna 9, können Sie einen Unfall an der Uhlandstraße aufnehmen?«

Probek regelte die Lautstärke ein wenig herunter. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, dieses Gerät zu beschaffen. In den eingebauten Scanner ließen sich mehr als 40 verschiedene Frequenzen einprogrammieren, auf denen nicht nur der Funkverkehr zwischen der Leitstelle der Polizei und den Streifenfahrzeugen, sondern auch die Kanäle zu empfangen waren, auf denen sich die Angehörigen der Sondereinsatzkommandos während ihrer Einsätze untereinander verständigten.

Erneut hob er den Feldstecher an die Augen. Die nächsten Minuten gehörten zu den kritischsten des Unternehmens, in kurzen Abständen würden jetzt die anderen Angestellten eintreffen. Würden Britz und Hilmer die Nerven behalten? Würden sie verhindern können, dass einer Alarm auslöste, bevor Herbert Ehser in der Bank eintraf?

Ruhig hielt er das Glas, und ruhig zählte er die ankommenden Angestellten, die am Nebeneingang klingelten und dann im Inneren des Gebäudes verschwanden. Auf der Liste, die nur in seinem Kopf existierte, hakte er jeden Namen ab.

Der Funkverkehr zwischen der Leitstelle der Polizei und den Einsatzfahrzeugen verriet kein ungewöhnliches Ereignis. Die Rede war von Unfällen und ausgefallenen Verkehrsampeln, von Staus im Innenstadtbereich und einem herumirrenden Kind, das von einer Streifenwagenbesatzung aufgegriffen worden war, von seinen Eltern jedoch noch nicht vermisst zu werden schien.

Probek sah kurz auf die Uhr, dann blickte er wieder nach unten. Eben hastete Irma Becker auf den Nebeneingang zu. Sie kam wie üblich als letzte.

Jetzt fehlte nur noch Herbert Ehser, der Chef.

Der Safe im Keller der Filiale ließ sich nur mit zwei Schlüsseln öffnen.

Einen davon besaß Herbert Ehser.

Probek sah erneut auf die Uhr, obwohl seit dem letzten Blick erst wenige Sekunden verstrichen waren.

Es war 8 Uhr 16. Ehser traf stets zwischen 8 Uhr 10 und 8 Uhr 15 vor der Bank ein. Ein paar Minuten hätte Probek ihm sogar heute morgen zugestanden, wenn Ehser nicht ausgerechnet heute eine halbe Stunde früher als gewöhnlich von zu Hause weggefahren wäre.

Probek griff zum Telefon und wählte Juttas Nummer.

Sie musste neben dem Apparat gewartet haben, denn sie nahm sofort ab.

»Er ist noch nicht da«, sagte er.

»Ich verstehe es nicht!«

»Hat er nichts gesagt?«

»Wir reden nur das Notwendigste. Ich habe es dir erklärt . . .«

»Schon gut«, unterbrach er sie. »Wenn er bis fünf Minuten vor halb acht nicht kommt, blase ich den Job ab.«

Jutta ließ den Hörer auf die Gabel fallen und stieß den angehaltenen Atem aus. Sie musste sich setzen, weil ihre Knie weich wurden.

Die Sache einfach aufgeben?

Ihre Nerven drohten zu versagen. Erschöpft lehnte sie sich gegen die kühle Wand. Probek würde seiner Wege ziehen und sie Herbert überlassen. Sie würde ihrem Mann ausgeliefert sein wie eine Geisel.

Aber dann fragte sie sich, wo Herbert sein mochte, wenn er nicht in der Bank war.

»Herbert, warum hast du nicht angerufen?«

Frank Schänzler, der Anwalt, hatte Ehser durch die offene Tür seines Büros entdeckt und kam heraus.

»Schon gut, Frau Merkel«, sagte er zu seiner Gehilfin. Er legte einen Arm um Ehsers Schultern. »Ich muss zum Gericht, Herbert.«

»Und ich in die Bank. Ich halte dich nicht lange auf.«

»Schön, komm eben mit rein.«

Frank Schänzler war ein großer, massiger Mann mit ausholenden Bewegungen. Seine volltönende Stimme kam im Gerichtssaal gut an. Schänzler und Ehser waren seit ihrer Schulzeit befreundet.

»Ich brauche einen Rat, wegen Jutta.«

»Das hab' ich mir gedacht. Was ist los?«

»Ich habe überlegt, ob ich mich scheiden lassen soll.«

Schänzler hob eine Augenbraue, eine auf Wirkung abgestimmte Geste. »Mein lieber Herbert, so etwas kann man nicht zwischen Tür und Angel besprechen!«

»Ich weiß.«

Der Anwalt legte den Kopf schräg. »Wenn du meine Meinung als Freund hören willst - ich hätte sie schon längst rausgeschmissen. Als Anwalt sage ich dir, auch auf die Gefahr hin, dass mir ein saftiges Honorar entgeht - jetzt ist es zu spät. Sie würde dich ruinieren.« Schänzler sah auf die Uhr. »Es tut mir leid, Herbert . . . Ruf mich zu Hause an, ja? Oder komm vorbei.«

»Ist das alles, was du mir mit auf den Weg geben kannst?«

»Du willst einen Rat. Schön, Herbert. Was ich dir raten kann, ist so vage wie alles, was wir Juristen von uns geben. Ich würde abwarten, Herbert. Oder mir etwas einfallen lassen.«

Schänzler lächelte, als er seinem Freund die Tür öffnete.

Ehser lächelte nicht. »Danke, Frank. Ich glaube, du hast mir mehr geholfen, als ich erwartet hatte.«

Verblüfft sah der Anwalt ihm nach.

Vor dem geschlossenen Haupteingang der Bank standen bereits die ersten Kunden, eine ältere Frau in einem schwarzen Mantel und ein Mann mit Cordhut und grauem Kittel. Es war 8 Uhr 24.

Probeks Armmuskeln zitterten, was nicht nur daher rührte, dass er die ganze Zeit den Feldstecher an die Augen presste. Ein eiserner Reifen schien seine Brust zu umspannen. Eine unsichtbare Kraft zog den Ring immer enger und schnürte ihm die Luft ab. Alles umsonst. Monatelange Vorarbeiten für die Katz. Was hatte er übersehen?

Er setzte das Glas ab, weil das Bild vor seinen brennenden Augen verschwamm.

Jutta! Hatte sie ihrem Mann etwas verraten? Himmel, warum? Sie war so scharf auf das Geld, dass sie es gar nicht erwarten konnte. Sie hatte den Köder schneller geschluckt, als er Leine nachlassen konnte.

Er nahm das Walkie-Talkie in die Hand. Seine Kehle war wie zugeschnürt, seine Zunge weigerte sich, Junghein den Befehl zu geben, zur Seitentür zu gehen und dreimal zu klingeln. Das war das verabredete Signal für Britz und Hilmer, herauszukommen und mit Junghein zu verschwinden.

Aus dem eingebauten Lautsprecher drang ein prasselndes Geräusch.

Junghein blies ins Mikrofon seines Geräts.

»Ja?«, sagte Probek.

»Er kommt«, meldete Junghein.

Es war 8 Uhr 25.

Probeks Haltung straffte sich, der Druck auf seiner Brust löste sich auf. »Es wird eng werden«, sagte er ins Mikrofon. »Aber ihr schafft es!«

Sie mussten nur alle in der Bank sein. Britz, Hilmer und Junghein. Und Ehser.

Junghein antwortete nicht. Er wartete, bis Ehser am Wagen vorbei war, dann stieg er aus und ging einen halben Schritt hinter dem Filialleiter her. Jungheins große Hände steckten in unauffälligen hellbraunen Lederhandschuhen. Das Handfunkgerät hing an einer Lederschlaufe über seiner Schulter und wurde von der weiten Jacke verdeckt.

Piet Junghein war ein Mann von unerschütterlicher Gelassenheit. Ihm würde der schwierigste Teil des Jobs zufallen. Und für ihn, Probek, würde es darauf ankommen, Junghein zu überzeugen und bei der Stange zu halten.

Als Probek an dem Plan für einen großen Bankraub zu arbeiten begann, hatte er sich an Berichte über Piet Junghein erinnert, der vor acht Jahren in Hamburg zu einer langen Freiheitsstrafe verurteilt worden war.

Junghein hatte mit zwei Komplizen, unbeherrschten, disziplinlosen Stümpern, wie sich herausstellte, einen Juwelengroßhändler überfallen. Als es dem Überfallenen gelang, Alarm auszulösen, hätte das Trio noch Zeit genug gehabt zu verschwinden. Aber die beiden Stümper hatten zwei Angestellte und den Schwager des Juwelenhändlers als Geiseln genommen und bei dem Feuergefecht mit der Polizei einen Beamten und einen Passanten verletzt.

Jungheins Besonnenheit war es letztlich zu verdanken gewesen, dass ein größeres Blutvergießen vermieden wurde und er und seine Komplizen mit dem Leben davonkamen.

Probek hatte vorsichtige Erkundigungen eingezogen, und als er erfuhr, dass Piet Junghein schon seit zwei Jahren wieder auf freiem Fuß war, war Probek nach Hamburg gefahren, um sich den Mann unauffällig aus der Nähe anzusehen.

Mit seinen 48 Jahren und seiner Vorstrafenlatte hatte er keine Chance, jemals einen richtigen Job zu bekommen.

Trotzdem schien er nach Verbüßung der Strafe für den Raubüberfall auf den Juwelenhändler nicht wieder rückfällig geworden zu sein. Er hauste im Hamburger Stadtteil St. Georg über der Kneipe eines Freundes, in der er für das winzige Zimmer und hin und wieder ein warmes Essen aushalf. Ein Taschengeld verdiente er sich als Aushilfsfahrer bei einem Zeitschriftengroßvertrieb.

Probek hatte ihn ein paar Tage lang beobachtet und einmal an der Theke sogar ein paar Worte mit ihm gewechselt, ohne ihm das wahre Interesse an seiner Person zu verraten. Dafür wäre es viel zu früh gewesen.

Junghein hatte Probek auf Anhieb gefallen. Er hatte begonnen, ihn in unregelmäßigen Abständen anzurufen. Geduldig hatte er ihm den Gedanken an einen Banküberfall schmackhaft gemacht. An einen sauber vorbereiteten Job 500 Kilometer von Hamburg entfernt. Bevor Probek zum ersten Mal mit dem Hamburger zusammentraf, hatte er ihm im Abstand von einigen Wochen mehrmals Geld in einem Umschlag geschickt, insgesamt 6000 Mark, womit er die Ernsthaftigkeit seines Vorhabens unterstrich.

Als sie sich dann später zum ersten Mal trafen, das war etwa auf halber Strecke in Bielefeld gewesen, hatte Junghein ihm erzählt, dass er das Geld nicht auf den Kopf gehauen, sondern das meiste auf ein Sparbuch eingezahlt hätte. Für alle Fälle.

Piet Junghein würde der schwierigste Teil des Unternehmens zufallen.

Doch das wusste der Hamburger jetzt noch nicht, als er sich hinter Ehser in den Hausflur drängte, ihm die Mündung einer Pistole in die Seite rammte und ihn auf die Tür zustieß, die vom Erdgeschossflur in die Schalterhalle der Spar- und Kreditbank führte.

Ehser prallte mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Die Tür wurde geöffnet. Er konnte nicht erkennen, von wem. Vor seinen Augen schwebten schwarze Schleier. Benommen suchte er nach einem Halt, weil er das Gefühl hatte, die Besinnung zu verlieren. Er klammerte sich an Jungheins Arm fest.

Junghein zerrte gerade eine blaue Strickmütze mit grob herausgeschnittenen Löchern für Nase, Augen und Mund über sein Gesicht. Ehser starrte die Augen an.

»Bitte, bleiben Sie ruhig!«, stammelte er.

Vor einigen Monaten erst hatte er an einem Seminar teilgenommen, in dem Experten der Polizei ihn und andere Filialleiter auf Situationen wie diese vorbereitet hatten. All die Instruktionen, die er erhalten und an seine Mitarbeiter weitergegeben hatte, schossen ihm auf einmal durch den Kopf.

Ruhig bleiben. Den Kreis der Betroffenen so klein wie möglich halten. Die Täter nicht reizen. Keine Menschenleben gefährden. Die Täter nicht direkt ansehen . . .

Ehser sah in eine andere Richtung. Sein Blick fiel auf einen zweiten vermummten Mann.

»Die anderen sind schon unten«, sagte Hilmer.

Junghein hielt Ehser hart am Oberarm fest, als er ihn zu der Treppe führte. Hilmer blieb oben zurück. Die hellen Vorhänge vor dem Kundeneingang und den breiten Fenstern waren noch zugezogen. Die große Uhr in der Schalterhalle wies auf 8 Uhr 28.

Ehser stolperte auf den glatten Stufen, und er wäre gestürzt, wenn Junghein ihn nicht festgehalten hätte.

»Bitte, bleiben Sie ruhig!«, wiederholte Ehser.

»Niemandem wird etwas geschehen, wenn Sie die Nerven behalten!«, sagte Junghein.

Die Tür zum Tresorraum stand offen. Im großen Vorraum, wo die fahrbaren Metalltische der Kassierer mit den abschließbaren Fächern standen, drängten sich die Angestellten. Aus geweiteten Augen sahen sie zwischen dem bewaffneten und maskierten Gangster und Ehser hin und her.

»Öffnen Sie den Tresor!«, befahl Junghein.

»Das kann ich nicht allein«, sagte Ehser.

Junghein schleuderte ihn gegen das Trenngitter. »Das weiß ich!« Sein Kopf ruckte herum, seine Augen strichen über die Gesichter der Angestellten. »Herr Otten!«, sagte er mit lauter Stimme, die in dem überfüllten Raum fast körperlich zu spüren war.

Drei, vier Augenpaare richteten sich auf Otten. Junghein packte den Mann mit beiden Händen. Mit einem wilden Ruck, der seine Entschlossenheit demonstrieren sollte, beförderte er den Vertreter des Filialleiters neben Ehser.

Britz zielte mit seiner Pistole auf Ehsers Kopf.

»Die Helden sterben als erste«, sagte Junghein.

Ehser nickte Otten zu, dann zog er seinen Schlüssel, der an einer kurzen Kette befestigt war, und steckte ihn ins Schloss der Gittertür.

Junghein zerrte die beiden Leinenbeutel unter seiner Jacke hervor.

Die innere Stahltür schwang zurück und gab den Blick auf die gestapelten Geldbündel frei.

Junghein starrte das Geld an.

»Wie viel ist das?«, fragte er. Seine Stimme klang heiser.

»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Ehser.

»Nur das Papiergeld?«, meldete sich Feldhaus mit zitternder Stimme. »Etwas über achtzigtausend . . .«

Junghein fuhr auf Ehser zu. »Achtzigtausend? Das soll wohl ein Witz sein!«

»Wir haben selten mehr«, erklärte Ehser gefasst. »Wenn wir höheren Bargeldbedarf haben, liefert es die Hauptniederlassung innerhalb einer Stunde.«

Junghein bewegte sich sekundenlang nicht. Im Vorraum des Tresors breitete sich eine dumpfe Stille aus, bis Ehser sich räusperte.

»Es ist 8 Uhr 31«, sagte er. »Die Kunden werden ungeduldig.«

Junghein schleuderte die Leinenbeutel auf Ottens Brust.

»Einpacken! Machen Sie schon!«, befahl er. Dann zerrte er das kleine Handfunkgerät aus der Tasche und drückte die Sprechtaste. Er blies scharf ins Mikrofon und sagte dann: »Chef, hier unten sind nur ungefähr achtzigtausend . . .«

Dieter Probek lächelte dünn. Vor dem Kundeneingang der Spar- und Kreditbank hatte sich eine kleine Traube wartender Kunden gebildet, die zunehmende Anzeichen von Ungeduld zeigten.

Probek hob das Funkgerät an die Lippen. »Die wollen euch auf den Arm nehmen!«, sagte er. »Frag ihn, wo die Kohle liegt. Aber lass dich nicht verscheißern!«

Probek hielt den Telefonhörer bereits in der freien Hand. Er drückte den Knopf, der ihm eine Amtsleitung freigab, dann wählte er die Notrufnummer der Polizei.

»Einsatzleitstelle, 8 Uhr 32. Bitte, sprechen Sie!«

»Überfall. Spar- und Kreditbank am Herzogplatz . . . Die schießen!«

»Wiederholen Sie bitte und nennen Sie Ihren Namen!«

»Die schießen . . .« sagte Probek noch einmal mit gesenkter Stimme, dann legte er auf.

Sekunden später drang dünn das Heulen einer Polizeisirene durch das Fenster, das er in Kippstellung gebracht hatte. Probek hob das Funkgerät und drückte die Sprechtaste.

»Hier rauschen die Bullen an!«, sagte er laut. »Wer von euch hat sich reinlegen lassen?«


Kapitel 4

Obwohl sie das Anschlägen des Telefons mit allen Sinnen erwartete, zuckte sie doch zusammen, als der Apparat sich meldete. Es war 8 Uhr 32. Sie riss den Hörer an ihr Ohr.

»Ja?«

»Bist du es, Juttalein?«

O nein, dachte sie, nein, nicht jetzt. Herberts Mutter hatte ihr gerade noch gefehlt.

»Natürlich bin ich es«, sagte sie, indem sie behutsam den angehaltenen Atem ausstieß.

»Hast du was, mein Kind?«, erkundigte sich ihre Schwiegermutter.

Ja, ich habe was! Ich warte auf den Anruf meines Liebhabers, der gerade dabei ist, die Bank deines vergötterten Söhnchens auszurauben!

»Wie kommst du darauf?«, entgegnete sie kühl. Sie presste eine Hand auf ihren Schenkel, weil sie das Gefühl hatte, ihre Finger begännen unkontrolliert zu zittern. Fieberhaft suchte sie nach einer Möglichkeit, Herberts Mutter abzuwimmeln. Was konnte sie vorschützen? Nervosität? Eine Besorgung? Wenn es ihr nicht gelang, die alte Dame zu stoppen, plapperte sie eine halbe Stunde lang am Stück von ihren tatsächlichen oder eingebildeten Leiden und den Leiden ihrer Bekannten und deren Bekannten.

Aber sie durfte nichts sagen, was ihre Schwiegermutter später zum Nachdenken bringen könnte.

»Hörst du mir eigentlich zu, mein Kind?«, fragte die alte Dame mit der für sie typischen, akzentuierten Stimme.

»Entschuldige, Mama, ich habe eben Kartoffeln für heute Mittag aufgesetzt. Ich dachte, sie kochen schon.«

»Dann stell die Flamme eben kleiner, Juttalein.«

»Nicht nötig, es ist noch nicht soweit. Ich kann sowieso nicht lange reden.«

»So? Und warum nicht?«

Sie war wie Herbert. Sie wollte stets alles ganz genau wissen.

»Ich möchte gleich baden und anschließend zum Frisör.«

»Gehst du immer noch zu Brandt? Du kennst doch Frau Roll. Ihre Tochter fährt neuerdings nach Dreisbusch, da hat ein junger Frisör das Geschäft vom alten Bruckner übernommen . . .«

»Mama, kann ich dich nachher anrufen?«

»Du bist so nervös, mein Kind. Hast du nicht doch etwas?«

»Nein, Mama, ich hatte mir nur einiges vorgenommen . . .«

»Herbert macht in der letzten Zeit auch so einen nervösen Eindruck, aber er sagt mir auch nicht, was los ist. Zwischen euch stimmt doch noch alles?«

Gott bewahre, du alte Krähe, dachte Jutta, ich bin froh, wenn es endgültig vorbei ist!

»Natürlich, Mama«, sagte sie. »Du, das Kartoffelwasser kocht. Ich rufe dich an, ja?«

»Ich bin aber nachher einkaufen, um elf vielleicht . . .«

Jutta legte einfach auf. Erschöpft schloss sie die Augen.

Warten, warten. Warum rief Probek nicht an?

Wenn sie ihren Gedanken freien Lauf ließ, kroch unweigerlich das Misstrauen aus den Windungen ihres Gedächtnisses hervor und fraß sich wie Säure in ihr Hirn.

Hatte er sie vielleicht doch nicht in alle Einzelheiten seines Planes eingeweiht?

Dieses verdammte Misstrauen.

Dabei war es zuerst ganz gut gelaufen zwischen ihr und Probek. Probek war vorsichtig. Nach dem ersten Mal hatte er das Haus nicht mehr betreten, und nie hatte er angerufen, wenn Herbert zu Hause war. Sooft sie ihn sehen wollte — mit ihm ins Bett wollte —, fuhr sie nach Leverkusen hinüber, wo er unter falschem Namen ein Apartment gemietet hatte. Es war die reine Lust. Tagsüber hatte Probek immer Zeit. Wie sie.

Sie hatte angenommen, dass er im Chemiewerk arbeitete, im Schichtbetrieb. Komisch, wie war sie eigentlich darauf gekommen? Sie konnte sich nicht erinnern, ihn gefragt zu haben, wovon er lebte. Wenn sie nachdachte, hatte er sie sogar darauf gebracht, ihn zu fragen. Weil er zur Sache kommen wollte. Aber er hatte sich Zeit gelassen, er hatte Geduld wie ein Elefant. Als er zum ersten Mal mit ihr über seine Pläne sprach, war er wahrscheinlich davon überzeugt gewesen, dass sie von ihm und seinem brutalen Sex abhängig war.

Doch das war nicht der Fall gewesen. Sie hatte nie etwas getan, was sie nicht hatte tun wollen. Er hätte es wissen müssen. Denn Probek hatte sie immer mit einer Katze verglichen. Eine Katze tat nie, was andere wollten . . .

Das hatte zuerst Herbert erfahren müssen. Es war an einem Freitag gewesen. Freitags, bevor er aus dem Haus ging, entschied er gewöhnlich, ob sie am Sonntag seine Mutter besuchten oder zu Hause blieben. Letzteres bedeutete für sie im allgemeinen Langeweile, denn Herbert verbrachte den Sonntag dann gewöhnlich vor seinem Computer, um neue Programme auszutüfteln.

Deshalb hatte sie bisher keine Einwände gegen die regelmäßigen Sonntagsbesuche bei ihrer Schwiegermutter vorgebracht, obwohl sie sich mit der alten Hexe nicht vertrug.

»Denk dran, dass du einen Kuchen backst«, hatte Herbert gesagt und krachend in sein Knäckebrot gebissen. Seit einiger Zeit - seit dem Urlaub auf Ibiza - versuchte er, ein paar Pfunde loszuwerden. »Vielleicht eine Käsetorte, die mag Mutter am liebsten.«

»Und du auch«, sagte sie. »Schön, ich backe den Kuchen. Aber ich komme nicht mit.«

Ihre spontane Ankündigung überraschte sie selbst. Sie hatte nicht darüber nachgedacht. Aber sie hatte keine Lust mehr, die Sonntage bei ihrer Schwiegermutter abzusitzen und sich deren Nörgeleien anzuhören.

Sie hatte ja während der Woche keine Langeweile mehr.

Und wenn sie am Sonntag allein wäre, könnte sie sich pflegen. Schlaf nachholen. Lange baden. Etwas für ihre Haut tun.

Und vielleicht zu Probek fahren . . .

Sie hielt den Atem an. Nein, sonntags nie.

Dann bemerkte sie Herberts Gesichtsausdruck. Das böse Glitzern in den Augen, die herabgezogenen Mundwinkel.

»Das ist doch wohl nicht dein Ernst!«

Sie hätte jetzt zurückgekonnt. Mit einem Lachen darüber hinweggehen und den Test bei einer günstigeren Gelegenheit wiederholen können.

Sie träufelte dick Honig auf ihren Toast. Warum provozierte sie ihn eigentlich? Wegen Probek? Zu ihm konnte sie nicht kommen, wenn Herbert sie auf die Straße setzte. Probek war kein Mann, zu dem man ging, wenn man Probleme hatte.

»Todernst. Blutiger Ernst«, sagte sie.

»Darüber reden wir noch. Nachher.«

»Du kannst dir jetzt oder nachher den Mund fransig reden. Ich fahre nicht mit.«

»Warum nicht, wenn ich fragen darf?«

Sie hob die Schultern. »Warum sollte ich? Es ist langweilig. Sie erzählt immer dasselbe. Sie kann mich nicht ausstehen. Sie wird froh sein, wenn sie dich für sich allein hat.«

»Das alles fällt dir reichlich spät ein.«

»Mag sein. Spät, aber nicht zu spät.«

»Wer steckt dahinter?«, fragte er gepresst.

»Was du dir einbildest!«

»Ich bin nicht blind!« Herberts zitternde Wangen bekamen rote Flecken. »Ich weiß, dass du meine Rücksicht und Großzügigkeit für Schwäche hältst. Und sie ausnutzt.«

»Wie soll ich das verstehen?« Sie fühlte sich kühl bis in die Zehenspitzen. Nur wenn sie kühl blieb, konnte sie diesen Zweikampf bestehen - und gewinnen.

»Meinst du, ich wüsste nicht längst, dass ich dich langweile . . .«

»Dann tu doch was dagegen!«

». . . dass du mich nur als den Dummen betrachtest, der das Geld nach Hause bringt? Dass du dich nur für mich hinlegst, um mich bei der Stange zu halten?« Seine Stimme hob sich, wurde schrill. »Du lebst wie eine Made im Speck! Wie . . . wie eine Drohne!«

Jutta konnte nicht anders. Sie musste lachen. »Da gibt es einen passenderen Vergleich«, sagte sie.

Seine runden Augen starrten sie böse an. »Ja?«

»Nutte«, sagte sie. »Nie gehört?«

»Das habe ich nicht gemeint!« Er sah auf die Uhr. »Ich muss jetzt gehen.«

Sie spürte ein Hochgefühl. Er zog sich zurück.

»Du kneifst«, stellte sie fest.

»Wir reden nachher weiter.«

»Nachher bin ich vielleicht nicht hier«, sagte sie.

Er hatte sich schon halb von seinem Stuhl erhoben. Jetzt ließ er sich zurückfallen. »Hast du einen . . . einen Liebhaber?«, stieß er keuchend hervor.

»Erwartest du darauf eine ehrliche Antwort?«

Sie sah ihn herausfordernd an. Seine Nasenflügel bebten, und sein Hals schwoll an.

»Du . . . du . . .«

»Was würdest du dagegen tun? Mich rausschmeißen?«

»Das könnte dir so passen!«

»Dann solltest du dich nicht so aufregen.« Sie musterte ihn wie einen Fremden. »Es ging doch nur darum, dass ich am Sonntag nicht mit zu deiner Mutter komme. Warum machst du deshalb so ein Theater?«

Herbert stand auf und stürmte hinaus.

Jutta hielt es für besser, Probek ein paar Tage nicht zu treffen. Es würde ihr schwerfallen, das wusste sie, aber sie hätte nur Nachteile, wenn sie Herberts Misstrauen jetzt Nahrung gäbe.

Am Freitag blieb sie brav zu Hause. Herbert kam früh zurück. Sie lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und blätterte in einer Illustrierten. Er warf die Tür ins Schloss und rief laut nach ihr. Als sie nicht antwortete, stürmte er ins Wohnzimmer.

»Warum antwortest du nicht?«, fragte er laut.

»Wenn du so schreist . . .«

»Wo warst du heute den ganzen Tag?«

Sie legte die Zeitschrift auf den Tisch und räkelte sich. Sie trug einen leichten Wollrock, der die Form ihrer Schenkel betonte, und einen dünnen Pullover. Sie wusste, worauf Herbert abfuhr.

»Zu Hause. Hier«, antwortete sie.

»Hier?« Sein Mund verzerrte sich. »Das kann nicht sein. Ich habe angerufen.«

»Ich weiß. Das erste Mal um 8 Uhr 44, dann vier- oder fünfmal bis 10 Uhr, danach war eine Stunde Ruhe. Hattest du einen Kunden?«

»Ich habe zwei Auszubildende, falls du dich erinnerst. Freitags arbeite ich eine Stunde mit ihnen.«

»O ja, du hast es erwähnt. Tja, kurz nach elf ging die Bimmelei wieder los, bis zwei Minuten vor eins. Da kam deine geheiligte Mittagspause. Sag mal, hältst du dich etwa eine ganze Stunde an deinem Becher Joghurt fest?«

»Hör auf!«, schrie er. Er machte einen Schritt auf sie zu. Sie zog die Knie ein wenig an. Der Rock rutschte hoch. Sie wusste, dass er auf ihre nackten Schenkel starrte und auf das weiße Höschen. Er atmete schwer. »Warum bist du nicht an den Apparat gegangen?«

»Weil ich mich nicht kontrollieren lasse. Ich bin eine Drohne. Oder wäre dir eine Nutte lieber?«

»Du bist so . . . so . . .«

»Vulgär? Wer hat mir diese Ausdrücke beigebracht?«

Sie sah ihn von unten herauf an. Er ballte die Hände zu Fäusten. Sie sah, dass er eine Erektion bekam.

»Ich glaube, du würdest dir den Schwanz jetzt lieber abschneiden, als was anderes damit zu tun!«

Er drehte sich auf dem Absatz um und rannte hinaus.

Am Sonntag fuhr Herbert zu seiner Mutter - mit dem Käsekuchen. Jutta blieb zu Hause, obwohl ihr unruhig gewordenes Blut nach Probeks hartem Körper schrie. Sie vermutete, dass Herbert eigens den Kilometerstand ihres Escort aufgeschrieben hatte, obwohl das nicht ausschlaggebend für ihr Verhalten war. Sie wollte Herbert nicht unnötig reizen. Sie war dabei, ihren Freiraum neu abzustecken.

Als das Telefon um halb drei klingelte und sie die Stimme ihrer Schwiegermutter hörte, verflogen ihre guten Vorsätze wie Blütenblätter im Frühlingswind.

»Juttalein, geht es dir nicht gut?«

Sie hätte die Brücke betreten können, die ihre Schwiegermutter ihr da baute. Doch das Verlangen nach neuer Freiheit hatte sich schon in ihrem Kopf festgesetzt. Sie hatte den Kampf begonnen. Sie war entschlossen, jetzt nicht die Waffen zu strecken.

»Wie bitte?«, fragte sie.

»Ich weiß, wie schlimm Kopfschmerzen sein können. Habe ich dir von den rasenden Kopfschmerzen erzählt, die ich damals hatte . . .«

»Ich habe keine Kopfschmerzen. Wer hat dir den Quatsch erzählt?«

»Kindchen, warum bist du so gereizt? Liegst du im Bett?«

»Ich bin nicht krank. Ich sitze vorm Fernseher.«

»Sei vorsichtig, Kindchen! Kopfschmerzen sind manchmal ein Warnzeichen für . . .«

»Ich habe keine Kopfschmerzen!«, sagte Jutta.

Herberts Mutter wollte es einfach nicht wahrhaben. Anna Ehser war Weltmeisterin im Problembewältigen durch Verdrängen.

»Nächsten Sonntag kommst du wieder mit«, sagte die alte Dame entschieden.

Jutta legte auf. Sie brachte es nicht einmal fertig, der Alten einen schönen Sonntag zu wünschen.

Herbert kam erst spät an diesem Sonntag zurück. Die Wut umgab ihn wie eine elektrische Ladung.

Sie saß immer noch vorm Fernsehapparat. Als er hereinkam, sah sie sofort, dass er getrunken hatte. Wahrscheinlich nur ein paar Gläser Bier, denn er vertrug nicht viel Alkohol, und außerdem hatte er viel zuviel Angst um seinen Führerschein, seinen Ruf und seinen kostbaren Mercedes.

Aber sie kannte die Anzeichen sehr genau. Das gerötete Gesicht, die wässrigen Augen und die feuchten Lippen. Vermutlich hatte er sich in der Kneipe unten an der Kirche Mut für die kommende Auseinandersetzung angetrunken und sich dabei selbst in Wut versetzt.

Jutta stand auf und drehte den Ton des Fernsehers höher. Sie trug einen durchgehenden Hosenanzug aus eng anliegendem, schwarzem Feincord, der ihre Formen vorteilhaft betonte und jede Muskelbewegung nachzeichnete.

Herbert ging an den Apparat und stellte ihn ab.

»Was ist in dich gefahren?«, brüllte er.

»Wenn du schreien willst, geh in den Garten«, sagte sie mit kehliger Stimme. Sie legte sich wieder aufs Sofa. Sie spürte, dass die Naht im Schritt ihre Schamlippen spreizte und ihre Konturen haargenau abmalte.

Herbert starrte sie an. Sein Gesicht bedeckte sich mit feinen Schweißperlen.

»Meine Mutter versteht es nicht«, erklärte er lahm.

»Was?«, fragte sie.

»Dass du mal allein sein möchtest.«

Sie lächelte. Herbert befand sich auf dem Rückzug.

»Kommt es darauf an, dass sie es versteht?«, fragte sie.

Er stand vor der Couch, mit hängenden Armen und Augen, in denen ein hündischer Ausdruck erschien. Er hätte sich in einen Sessel setzen können. Wenn er sich aufs Sofa setzen wollte, musste er sie berühren.

Sie zog die Beine ein wenig an. »Warum stehst du eigentlich da rum?«

Ihren Vorschlag wertete er als Friedensangebot. Dabei handelte es sich um eine Falle. Einfach, aber wirkungsvoll.

Vorsichtig ließ er sich neben ihren Füßen nieder. Sie bewegte eine große Zehe, bohrte ihn in seine Seite.

»Mutter lässt dich grüßen«, sagte er.

Sie schob ihren Fuß unter sein Jackett. Er streckte eine Hand aus, berührte ihre Wade, streifte das Hosenbein bis zum Knie hoch. Sie spreizte die Beine und bog ihren Oberkörper durch. Ihre Brüste spannten den Stoff.

Sie schloss die Augen. Seine Hand kroch über ihren Bauch aufwärts, seine Finger fassten den Schieber des Reißverschlusses und zogen ihn herab.

Keuchend warf er sich auf sie und vergrub sein schweißfeuchtes Gesicht in ihren Brüsten.

Sie gab sich ihm hin. Mit echter Leidenschaft.

Eine Katze tat eben nie, was man von ihr erwartete. Das musste auch Probek überrascht haben, als sie ihn am folgenden Dienstag in seiner Wohnung traf.

»Willst du eigentlich nicht wissen, wer ich bin, was ich mache?«, hatte er gefragt, nachdem er das Fenster zum Hof endlich geschlossen hatte. Beim Vögeln hatte sie das Kreischen der Säge in der Schreinerei gegenüber nicht gestört. Beim Reden war es allerdings lästig.

Er stieg wieder ins Bett und legte eine Hand auf ihren Bauch. Mit der anderen zündete er sich genussvoll eine Zigarette an.

»Wer bist du? Was machst du?«, fragte sie.

Er lachte. »Ich war bei der Bundeswehr. Berufssoldat.«

»Zeitsoldat«, sagte sie.

»Nein, Berufssoldat.«

»Soviel ich weiß, werden Soldaten unter dreißig aber noch nicht pensioniert«, bemerkte sie neckend.

»Ich hab' aufgehört«, erklärte er. »Zuviel Schinderei. Und zuviel Frust.«

»Wann war das?«

»Vor zwei Jahren ungefähr.«

»Und wovon lebst du? Von der Abfindung?«

»Ich habe eine Bank ausgeraubt.«

Er zog an seiner Zigarette. Etwas knisternde Glut sprang von der Spitze und landete im Bogen zwischen ihren Brüsten. Sie achtete nicht auf den kleinen, prickelnden Schmerz. Sie sah in sein hartes Gesicht. Die Augen waren hinter den Lidern, die er wegen des aufsteigenden Rauchs zusammenkniff, kaum zu erkennen. Dann lachte sie.

»Dann würdest du jetzt im Gefängnis sitzen!«

»Weißt du, wie viele Banküberfälle nicht aufgeklärt werden? Oder anderen, die sie erwischen, in die Schuhe geschoben werden?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich weiß es auch nicht, es sind aber ein paar jedes Jahr.« Er grinste.

Sie sah ihn an. Fast glaubte sie ihm.

»Es hat sich kaum gelohnt für das Risiko«, sagte er. Seine Stimme kam tief aus seiner Brust. In ihr schwang eine Ahnung von Angst und Anspannung, Erleichterung und Triumph. »Ich hab' nur 54 000 erwischt.«

Juttas Atem ging flach. Sie hob den Kopf und stützte das Kinn auf seine Brust. Mein Gott, dachte sie, er hat es getan. Er ist kein Angeber. Vermutlich sprach er zum ersten Mal darüber.

»Es ist elf Monate her«, sagte er. Seine Augen starrten zur Decke hinauf. Das schrille Kreischen der Kreissäge ließ die Fensterscheiben vibrieren.

»Dann muss ja noch was übrig sein«, sagte Jutta.

»Damit finanziere ich die Vorbereitungen für einen anderen Job . . .«

»Einen Bankraub?«, fragte sie. Der Gedanke hatte nichts Erschreckendes für sie.

»Wo sonst kann man das Geld holen?«, entgegnete er mit einer Spur Unwillen in der Stimme. »Dieses Mal hole ich so viel raus, dass es für alle Zeiten reicht.«

Sie sagte lange Zeit nichts, und er schwieg ebenfalls. Sie rieb langsam ihr Bein über seinen Unterleib, spürte jedoch keine Reaktion.

»Hast du dich deshalb an mich rangemacht?«, fragte sie schließlich.

»Und wenn?«

Das Abenteuer auf Ibiza, das sie wie eine Urgewalt überfallen hatte, wäre demnach nichts als eine Folge eiskalter Berechnung gewesen.

Für ihn, nicht für sie. Sie spürte einen Schauer, und sie bewegte sich heftiger, presste ihren Unterleib gegen seine Hüfte. Ihr Atem ging wieder schwer.

»Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt bei ihm in der Bank gewesen wäre«, sagte sie. »Aber ich weiß, dass die Bargeld Vorräte nicht die Welt sind. Du könntest nicht bis an dein Lebensende damit auskommen.«

»In der Hauptstelle liegt genug«, sagte er. »Geld in rauen Mengen.«

»Da liegt es gut.«

»Mit deiner Hilfe könnte ich rankommen«, sagte er. »Wenn du mitmachst, sage ich dir, wie es geht. Wenn nicht, vergiss es.«

»Du spinnst«, sagte sie.

Eine Bank ausrauben.

Die Bank ihres Mannes.

Es war verrückt.

Sie fragte sich, wer mehr überrascht gewesen war über die Bereitschaft, mit der sie sich auf ein Verbrechen eingelassen hatte — sie oder Probek.

Das beharrliche Läuten des Telefons versetzte sie jäh in die Gegenwart zurück. Ihr Blick streifte die rot leuchtenden Zahlen der elektronischen Uhr neben dem Apparat. Es war 8 Uhr 36.

Sie nahm den Hörer ab. »Hallo?«

»Es läuft«, sagte Probek.

Ein zitternder Seufzer quoll aus ihrer Kehle.

Die Würfel waren gefallen. Es gab endgültig kein Zurück mehr.

Durch das Telefon hindurch hörte sie das Heulen der Polizeisirenen.

»Hörst du es?« Probek lachte leise.

Juttas schwerer Herzschlag beruhigte sich.

»Viel Glück, Probek!«

Sie meinte sogar, was sie sagte. Probek brauchte Glück, damit er das tun konnte, was sie von ihm verlangen würde.


Kapitel 5

Probek legte den Hörer auf. Er stand hinter der Gardine am Fenster und sah nach unten.

Funkwagen sperrten bereits den ganzen Platz, und die Leitstelle der Polizei beorderte noch weitere Fahrzeuge in die Umgebung des Herzogplatzes. Uniformierte rannten durcheinander, bezogen hinter abgestellten Wagen Deckung. Noch war kein kompetenter Mann da, der das Kommando übernahm und System in die wirren Einzelaktionen der Beamten brachte.

Probek nahm das Walkie-Talkie in die Hand, als Junghein in das Mikrofon seines Gerätes blies. Es klang wie das Fauchen eines Sturms in trockenen Ästen.

»Behaltet jetzt die Nerven!«, sagte Probek.

»Hier hat niemand Alarm ausgelöst!«, beteuerte Junghein.

»Wer oder wo, ist jetzt unerheblich«, gab Probek kalt zurück.

»Wir geben auf«, sagte Junghein. »Wir kommen raus.«

»Das würde ich mir genau überlegen«, sagte Probek ruhig.

Es kam jetzt darauf an, dass er selbst die Nerven behielt. Die nächsten Sekunden entschieden über Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens.

»Du hast gut reden! Je länger es dauert . . .«

»Halt einen Augenblick den Mund, und streng deinen Verstand an! Behalte wenigstens kaltes Blut!«

Die Zügel fester ziehen, den anderen nicht aus der Hand lassen, ihm keine Zeit zum Nachdenken geben, selbst keine Schwäche zeigen. Das hatte er bei der Bundeswehr gelernt.

»Ja, ja!«

»Wenn du rauskommst, bekommst du zehn Jahre und anschließend Sicherungsverwahrung. Ist das eine korrekte Lagebeurteilung?«

»Ja, ja«, schepperte Jungheins Stimme aus dem kleinen Lautsprecher.

Probek lächelte. Er hatte sich in Junghein nicht getäuscht. Wenn Junghein erst einmal einen Entschluss gefasst, eine Entscheidung getroffen hatte, würde er dabei bleiben, notfalls bis zu seinem bitteren Ende. Und er würde die anderen überzeugen und bei der Stange halten.

»Wenn wir alle es richtig anstellen«, fuhr Probek mit ruhiger Stimme fort, »kommen wir davon. Und greifen die große Kohle.«

Jetzt, auf dem ersten Höhepunkt der Krise, schaltete Probek auf >wir< um, womit er, psychologisch geschickt, ein Gemeinschaftsgefühl zwischen den Eingeschlossenen und ihm, dem Mann draußen, herstellte. Er, der Mann draußen, verhieß einen Ausweg, ließ auf Rettung hoffen.

»Ich weiß von keiner Geiselnahme, die je gutgegangen wäre«, gab Junghein jedoch zu bedenken. »Alle wurden geschnappt, etliche abgeknallt.«

»Die hatten keinen Mann draußen!«, sagte Probek.

Junghein schwieg. Probeks Argument schien auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein. Junghein hatte fünf Jahre Knast abgerissen. In Fuhlsbüttel, Santa Fu, dem härtesten Knast Deutschlands. Da griff man zum Strohhalm. Probek war überzeugt, dass er sich in Junghein nicht getäuscht hatte.

Wegen der anderen beiden, Britz und Hilmer, machte er sich keine Gedanken. Hilmer war ein alter Bekannter von Junghein, und Britz hatte er, Probek, aus der Ferne ausgewählt. Ein paar Monate lang hatte er in mehreren Städten an Rhein und Ruhr Gerichtsverhandlungen besucht, bis er den vierschrötigen Jürgen Britz auf der Anklagebank erlebte.

Britz war wegen Körperverletzung angeklagt. Er hatte für einen Immobilienhai aus Gladbeck den Mieteintreiber gespielt. Er hatte Sozialhilfeempfänger, Arbeitslose, alleinstehende Mütter mit Kindern, alte Leute, die mit der Miete im Rückstand waren, eingeschüchtert, bis sie bezahlten, auch wenn sie nicht mehr ein noch aus wussten und anschließend kein Geld mehr für Lebensmittel, Gas oder Strom hatten.

Britz war kein Schläger im üblichen Sinne. Er war ein emotionsloser, phantasiearmer Mann. Wenn er die Autorität eines anderen erst einmal anerkannt hatte, folgte er ihm auch bedingungslos.

Probek hatte es Junghein überlassen, Britz für den Job anzuwerben.

Junghein, Britz und Hilmer waren hartgesottene Kerle, die weder Tod noch Teufel fürchteten. Und die Polizei schon gar nicht.

»Pass jetzt auf«, sagte Probek, »hier draußen geht es noch schwer durcheinander. Sie wissen nicht, was los ist, wie viele ihr seid, wie hart ihr seid. Wir müssen sie täuschen und hinhalten. Wir brauchen etwas Zeit, um einen Plan zu machen.«

Probek grinste zynisch. Der Plan stand bereits in allen Einzelheiten fest. Doch das durfte Junghein nicht einmal ahnen.

»Sie werden gleich anrufen«, fuhr Probek fort. »Sie wollen rauskriegen, wie viele ihr seid, wie hart ihr seid, was sie mit euch machen können . . .«

»Ich hab' das schon mal mitgemacht, ich kenn' die Taktik«, warf Junghein ein. »Zuerst kommt ein Doofer, der keine Ahnung hat und wegen jedem Scheiß rückfragen muss.«

»Lass dich auf nichts ein!«, sagte Probek. »Lass sie schmoren. Und dann verlangst du einen Mann mit Kompetenzen. Lass dir keine Geiseln abschwatzen, verstanden?«

Mit voller Absicht benutzte Probek jetzt das Wort Geiseln. Junghein, Britz und Hilmer hatten Geiseln genommen. Je eher diese Tatsache in ihren Hirnen verankert wurde, desto besser.

»Bringt drei Geiseln in die Schalterhalle«, fuhr Probek fort. »Und zwar Ehser, Otten und die Kaymer. Es ist immer gut, wenn eine Frau dabei ist. Die anderen sperrt ihr in den Frühstücksraum im Zwischengeschoss. Der hat keine Fenster, aber es gibt dort einen Getränkeautomaten und eine Toilette. Sie können euch also nicht damit nerven, dass dauernd jemand pinkeln muss. Wer bei ihnen bleibt, musst du entscheiden.«

»Du kennst dich aus«, stellte Junghein fest.

»Deshalb haben wir auch eine Chance, mein Freund«, gab Probek zurück. »Melde dich, wenn du wieder oben bist.«

Probek schaltete das Handfunkgerät ab, um den Funkverkehr zwischen der Leitstelle der Polizei und den Einheiten, die zum Herzogplatz beordert worden waren, genauer verfolgen zu können.

Eben rumpelte eine neutrale Limousine über die Bordsteinkante, rangierte zwischen zwei Blumenkübeln her und kam im Fußgängerbereich, hinter einem Betonbau, in dem ein Zeitschriftenkiosk, zwei Telefonkabinen und öffentliche Toiletten untergebracht waren, zum Stehen. Ihr entstiegen ein Zivilist, vermutlich ein Kriminalbeamter, und ein uniformierter Polizist, an den zwei silbernen Sternen auf den Schulterstücken als Polizeihauptkommissar zu erkennen.

Der Hauptkommissar hielt ein Megaphon in der Hand, mit dem er sich am Heck der Limousine aufbaute. Von dort aus lag die Vorderfront der Bank in seinem Blickfeld.

Seine Stimme dröhnte aus dem zu hoch eingestellten Gerät und prallte gegen die spiegelnde Fassade. Die wartenden Kunden waren von den zuerst eingetroffenen Polizisten längst in die Nebenstraßen abgedrängt worden.

»Hier spricht die Polizei! Das Gebäude ist umstellt! Kommen Sie einzeln heraus! Ich wiederhole! Hier spricht die Polizei! Kommen Sie heraus!«

Probek lächelte, als er die Schupos sah, die an den Ecken des Betonbaues und hinter ihren Streifenwagen hockten, die Hände an den Griffen ihrer Pistolen.

»Sie haben drei Minuten Zeit!«, schloss der Polizeikommissar. Er ließ das Megaphon sinken und sah unverwandt auf die Vorderfront der Bank.

Die Bewegungen auf dem Platz schienen zu ersterben wie in einem Film, der angehalten wird. Der dicke Bäcker und seine Verkäuferin standen im Eingang des Cafés. Einige Passanten, die von den Polizisten übersehen worden waren, hielten sich nah an schützenden Hauseingängen.

In den Fenstern der Häuser, die den Platz umgaben, schwebten Gesichter von Frauen, die auf den Platz hinuntersahen.

Probek hob das Fernglas an die Augen. Der Zivilist war ein gedrungener Mann. Seine breiten Schultern spannten das schlecht sitzende Jackett. Er redete unterdrückt auf den Polizeioffizier ein, der sich jedoch nicht rührte, während die Sekunden des ersten Ultimatums verstrichen. Probek konnte jede Falte im geröteten Nacken des Uniformierten erkennen.

Es knackte im Walkie-Talkie, dann klirrte Jungheins Stimme aus dem Lautsprecher.

»Wir sind jetzt oben, haben alles in der Hand. Wie sieht es draußen aus?«

»Sie wissen noch nicht, was sie machen sollen«, antwortete Probek.

»Hier geht dauernd das Telefon!«, berichtete Junghein. »Ich lasse den Chef rangehen und die Leute abwimmeln. Geht das in Ordnung?«

»Genau richtig«, lobte Probek. »Wenn die Bullen anrufen, soll er das Gespräch sofort weitergeben. Auf keinen Fall darf er ihnen irgendetwas sagen. Ist das klar?«

»Bin nicht dämlich«, knurrte Junghein. »Ende.«

Der Polizeikommissar hielt das Megaphon wieder an den Mund.

»Die Zeit ist um!« Er zögerte noch einen Augenblick, dann übergab er das Megaphon dem Zivilisten. Er betrat eine Telefonzelle.

Probek beobachtete ihn durch das Fernglas. Die Äste eines Rotdorns nahmen ihm die Sicht auf den Kopf des Beamten, doch er konnte die Hände sehen, die im Telefonbuch blätterten, dann umständlich nach Kleingeld suchten und schließlich die Wählscheibe betätigten.

Probek war fast ein wenig enttäuscht. So wenig profihaft, so entsetzlich provinziell. Es würde vielleicht länger dauern, als er gedacht hatte, doch das würde keine Rolle spielen. Er stand nicht mehr unter Zeitdruck.

»Es ist soweit«, sagte Probek ins Walkie-Talkie. »Er ruft an. Ein Polizeikommissar. Er hat keinerlei Entscheidungsbefugnisse . . .«

»Kannst du das etwa auch erkennen?«, schepperte Jungheins Stimme aus dem Gerät.

»Und ob, mein Freund«, sagte Probek. »Pass jetzt auf!«

Ehser reichte dem vermummten Gangster den Hörer und stieß seinen Sessel zurück.

»Ja?«, sagte Junghein.

»Ich bin Polizeihauptkommissar Rücker. Wer sind Sie?«

»Das spielt wohl keine Rolle«, antwortete Junghein, und er brachte es sogar fertig, einen Anflug von Belustigung in seine Stimme zu legen. Er hielt es nicht für nötig, sie zu verstellen. »Wir haben eine Menge Geiseln, Herr Polizist, und wir sind zu allem entschlossen. Lassen Sie einen geräumigen Fluchtwagen vorfahren. Mit einer Million in bar im Kofferraum.«

»Darüber kann ich nicht verhandeln«, sagte Rücker.

»Dann schaffen Sie einen Mann her, der es kann«, sagte Junghein und legte auf.

Probek sah, wie der Polizeibeamte den Hörer auflegte, die Zelle aber nicht sofort verließ. Grübelnd schien er gegen die verschmierte Wand zu starren. Als er sich endlich umdrehte und die Kabine verließ, sah Probek zum ersten Mal deutlich sein Gesicht. Es war gerötet wie der Hals, die Wangen hingen schlaff herab, die Augen zuckten unsicher.

Der Zivilist redete auf ihn ein. Der Uniformierte runzelte unwillig die Stirn, dann winkte er zwei anderen uniformierten Polizisten zu, die im Laufschritt herankamen.

Das Walkie-Talkie meldete sich. »Er heißt Rücker und hat keinerlei Vollmachten«, berichtete Junghein. »Ich habe ihn abfahren lassen. Was macht er jetzt?«

»Er palavert mit seinen Leuten«, antwortete Probek. »Du scheinst ihn nicht überzeugt zu haben.«

»Wollen sie reinkommen?«

Probek sah durchs Glas. Der Polizeikommissar nickte entschlossen. Sein Gesicht schien sich gestrafft zu haben und zeigte einen entschlossenen Ausdruck.

»Jagt ein paar Schüsse in die Decke«, befahl Probek. »Das wird sie davon überzeugen, dass sie es nicht mit ein paar bekifften Idioten zu tun haben. Lass dein Gerät solange auf Senden.«

Probek konnte hören, wie Junghein dem zweiten Mann, der mit in die Schalterhalle gekommen war, etwas zurief. Wahrscheinlich hatte er Britz mit hinaufgenommen, weil er den nicht gut genug kannte und lieber unter Kontrolle halten wollte.

Durch das geschlossene Fenster des Hotelzimmers hätte Probek die Schüsse nicht gehört. Aus dem kleinen Lautsprecher des Walkie-Talkie klang das dünne, trockene Krachen.

Nicht sehr beeindruckend, doch die Wirkung unten auf dem Platz war frappierend.

Zuschauer zuckten zurück, Polizisten zogen die Köpfe ein, Rücker brüllte Befehle und schwenkte die Arme, bevor er dem Zivilisten das Megaphon entriss und mit ausgreifenden Schritten zur Limousine zurückging. Sein Gesicht erschlaffte wieder, die Haut schien rot zu glühen. Der Zivilist blieb an seiner Seite und redete heftig auf ihn ein.

Rücker blieb an der Seite der Limousine stehen und richtete das Megaphon erneut gegen die schimmernde Fassade der Bank.

»Hier spricht die Polizei!«, schepperte seine Stimme. »Behalten Sie die Ruhe!« Rücker wartete einen Moment, holte tief Luft. »Wenn Sie Hilfe brauchen, schicken Sie jemanden an die Tür! Oder geben Sie ein Zeichen, dann rufe ich Sie wieder an!«

Rücker setzte das Megaphon ab. Er und alle anderen unten auf dem Platz starrten auf die spiegelnden Scheiben.

Die braungelben Vorhänge vor den Fenstern und der Tür bewegten sich nicht.

Schließlich schleuderte der Polizeikommissar das Megaphon auf die Rückbank der Limousine und setzte sich hinein. Die Tür ließ er geöffnet. Er holte einen Telefonhörer aus dem Handschuhfach.

»Er hat's gerafft«, sagte Probek ins Walkie-Talkie.

Der Zivilist blieb neben der offenen Wagentür stehen. Probek hielt unwillkürlich den Atem an, als die stumpfen, gefühllosen Augen ihn anzusehen schienen, ehe sie weiterwanderten. Der Mann hatte ein volles Gesicht mit einem nichtssagenden Ausdruck darin.

Probek setzte das Glas ab. Er drehte am Kanalwähler des Multibandempfängers, konnte das Gespräch des Polizeikommissars jedoch nicht auffangen. Wahrscheinlich lief es über eine Postfrequenz.

Der Kommissar sprach etwa eine Minute lang, ehe er den Hörer wieder im Handschuhkasten verstaute.

Probek wartete. Nach einer weiteren Minute kam eine Durchsage über die Normalfrequenz der Polizei.

»Erna eins an alle Einheiten im Bereich Herzogplatz. K-Gruppe S übernimmt Einsatzleitung. Folgende Einheiten schalten auf Kanal vier: Erna 7/2, 4/4, 3/2 . . .«

Probek lächelte zufrieden, als er die angegebene Frequenz auf dem Scanner suchte. Noch blieb der Lautsprecher stumm. Doch nicht mehr lange, dann würde der gesamte Funkverkehr aller an diesem Einsatz beteiligten Einheiten über diesen Kanal laufen. Mit Aufgabenverteilung und Einsatzbefehlen, mit Codebezeichnungen und Rückfragen.

Probek hob erneut das Walkie-Talkie. »Wie sieht es bei euch aus?«, fragte er.

»Bestens«, antwortete Junghein. »Wir haben's hier richtig gemütlich. Und reichlich Platz. Wenn's uns langweilig wird, lasse ich Tennisschläger bringen.«

Im hellen, weichen Zwielicht der Schalterhalle verloren sich die beiden Gangster und ihre drei Geiseln beinahe. Es war sehr still, nachdem das durchdringende Summen des Telefons auf dem Schreibtisch eines Kundenberaters endlich abriss, weil niemand an den Apparat ging. Junghein hatte verboten, ein Gespräch ohne seine ausdrückliche Aufforderung anzunehmen.

»Sind eigentlich alle da?«, fragte Ehser leise.

Er hatte nicht daran gedacht, die Leute zu zählen, als die Gangster ihn zu den anderen im Tresorraum geführt hatten; und als er jetzt versuchte, sich ihre Gesichter in Erinnerung zu rufen, konnte er sie nicht unterscheiden.

»Ich glaube, ja«, antwortete Otten leise, wobei er einen schnellen Blick auf den Gangster warf, der das Kommando zu führen schien.

Der vermummte Junghein saß an einem der Tische hinter dem langen Schaltertresen, von wo aus er die Vorderseite, die Tische an der hinteren Schmalseite und den Abgang zum Tresorraum und den anderen Räumen, die zur Filiale gehörten, im Auge behalten konnte. Er hielt das Walkie-Talkie gegen die Stelle seiner herabgezogenen Mütze gepresst, unter der sich sein Ohr abzeichnete. Die Pistole lag griffbereit vor ihm auf der Tischplatte, seine glitzernden Augen waren auf Ehser gerichtet.

Ehser wich dem Blick aus. Er saß zusammen mit Otten und Gudrun Kaymer am Schreibtisch von Rolf Genreith. Einer der Gangster hatte die Stellwand, die den Arbeitsplatz des stellvertretenden Filialleiters gegen die übrige Halle notdürftig abtrennte, mit einem Fußtritt aus dem Weg geschoben. Hinter ihnen lag die Treppe zu den unteren Räumen.

Ehser musterte Otten und Kaymer. Manfred Otten war 36 oder 37 Jahre alt, ein ernsthafter, sehr fähiger und gründlicher Mann, der eigentlich schon längst zum zweiten Mann in einer anderen Filiale aufgestiegen sein sollte. Doch weil er Otten in seiner Filiale behalten wollte, hatte er sich in seinen Beurteilungen über ihn immer sehr zurückhaltend ausgedrückt. Genreiths Stärke war die Anlageberatung, er kümmerte sich zu wenig um das Kreditgeschäft, das wiederum Ottens Domäne war. Ehser glaubte, Otten nicht entbehren zu können.

Gudrun Kaymer machte ihm jetzt Sorgen. Sie rang nervös die Hände und ließ die Gangster keinen Moment aus den Augen. Ihre blauen Augen waren geweitet. Unter der hellen Haut an ihrer Schläfe tickte blau eine Ader.

»Geht es Ihnen nicht gut?«, erkundigte sich Ehser.

Gudrun wandte den Kopf und sah ihn erschrocken an. »Wie? Was sagten Sie?« Ihre Lippen waren blass.

»Ich fragte, geht es Ihnen nicht gut?« Ehser bemerkte den scharfen Blick des Gangsters mit dem Walkie-Talkie. Der andere stand vorne und spähte durch einen winzigen Spalt in den Vorhängen vor der Tür und den Fenstern, die zur Platzseite hinausgingen. Sein großer Kopf wirkte unter der Mütze unförmig wie ein zu stark aufgeblasener Ballon.

»Oh, alles in Ordnung«, versicherte sie hastig und versuchte zu lächeln. »Wann kommen wir hier raus? Was glauben Sie, Herr Ehser?«

Ehser hob die Schultern. »Nicht so bald«, meinte er.

Als der Polizeibeamte anrief, hatte der Gangster einen Fluchtwagen und eine Million in bar verlangt. Ehser wusste nicht, wie der Beamte auf die Forderung reagiert hatte, aber er wusste, dass die Hauptstelle nicht ohne weiteres eine Million oder welche Summe auch immer herausrücken würde. Nichts würde sie tun ohne Zusammenarbeit mit der Polizei.

Es gab da Strategiepläne, die gemeinsam von Experten des Bundeskriminalamtes und des Bundesverbandes der Deutschen Banken für Fälle wie diesen ausgearbeitet worden waren. Die oberste Devise bei diesen Plänen zu allen vorstellbaren Situationen lautete: Zeit gewinnen. Die Geiselnehmer unter jedem Vorwand hinhalten, sie dadurch ermüden, zermürben.

Ehser sah zu dem Gangster am Tresen hinüber. Das Funkgerät knackte, und er hielt es wieder an sein Ohr.

Die Gangster in der Bank wurden von einem Mann gesteuert, der draußen saß. Der Mann hatte sich vermutlich etwas Besonderes einfallen lassen.

Herbert Ehser kämpfte seine eigene Angst nieder. Bei nüchterner Betrachtung glaubte er nicht an ein schnelles Ende dieser Geiselnahme. Er fragte sich, wie die Gangster ihrer Forderung nach freiem Abzug und einer hohen Geldsumme Nachdruck zu verleihen gedachten. Er ahnte, dass die Nervenbelastung für ihn und die anderen Eingeschlossenen jedes erträgliche Maß übersteigen würde.

Er beugte sich zu Otten und Gudrun hinüber. »Wir müssen die Polizei unterstützen, falls sie in das Gebäude eindringen will, um uns zu befreien«, flüsterte er.

Ottens Augen funkelten interessiert. Gudrun Kaymer leckte sich über die Lippen.

»Es gibt nur die Vordertür oder die Seitentür«, meinte Otten. »Die haben die Kerle unter Kontrolle.«

»Sie vergessen den Anbau!«, sagte Ehser mit gesenkter Stimme, die vor Anspannung heiser klang. Ihm entging nicht, wie der Gangster mit dem Funkgerät den Kopf hob und argwöhnisch herüberspähte.

»Der hat weder Fenster noch Türen«, gab Otten zu bedenken.

Natürlich sollte der Anbau, der einige Meter tief in den Hof ragte, Einbrechern kein leichtes Einsteigen in die Räume der Bank ermöglichen. Vor einigen Jahren hatte die Berufsgenossenschaft die Geschäftsleitung der Spar- und Kreditbank vor die Alternative gestellt, die Sozialräume für die insgesamt fünfzehn Mitarbeiter der Filiale entweder ins Erdgeschoss zu verlegen oder sie mit Tageslicht zu versorgen.

Da die Räume im Erdgeschoss dringend für die geschäftlichen Belange benötigt wurden, hatte die Hauptabteilung den Anbau errichten lassen, der eigentlich nur einen Lichtschacht im Zwischengeschoss darstellte.

»Das Dachoberlicht«, flüsterte Ehser.

Es bestand aus Panzerglas in einem einbruchsicheren Rahmen, der in das Flachdach eingelassen war. Mittels einer elektrischen Fernsteuerung konnte die Glaskuppel auf Lüftung gestellt werden.

»Der Schalter ist auf der Toilette«, wisperte Ehser. Er sah Otten auffordernd an.

»Auf der Damentoilette«, sagte Otten leise.

Ehser biss sich auf die Lippen. Daran hatte er nicht gedacht.

Gudrun Kaymer schüttelte den Kopf, als sie die Blicke der beiden Männer auf sich gerichtet sah.

»Nein, nein!«, hauchte sie. »Das kann ich nicht . . . Die bringen mich um!«

»Reden Sie kein dummes Zeug!«, sagte Otten scharf.

Ehser wischte sich über die schweißfeuchte Stirn und öffnete dann den obersten Hemdknopf. Er hätte die Kaymer eigentlich zurechtweisen müssen, aber er war dankbar, dass Otten ihm das abnahm.

»Sie brauchen nur auf den Knopf zu drücken«, flüsterte Otten. »Der Schalter befindet sich im Waschraum, gleich neben der Tür zur Toilette!«

Gudruns Mund zuckte. Erschreckt fuhr sie zusammen, als plötzlich der Gangster mit dem Funkgerät neben ihr auftauchte.

»Auseinander!«, herrschte er die drei am Tisch an. Er stieß Otten die Pistole in die Seite.

Otten stand auf und ging rückwärts zum Nachbartisch.

Dabei starrte er Gudrun durchdringend an.

»Ich ... ich . . . muss zur Toilette«, sagte sie. Sie schluckte laut. »Ich glaube, mir wird schlecht!«

Junghein winkte, als der vierschrötige Britz den Kopf wandte. »Bring die junge Dame hier zum Topf!«, befahl er.

Britz gab seinen Beobachtungsposten am Vorhang auf. Er stapfte hinter Gudrun her, die mit unsicheren Schritten zur Treppe ging.

Wieder wurde es sehr still in der Schalterhalle. Ehsers Blick fiel auf die Uhr hinter dem Depositenschalter. Die Zeiger standen auf 8 Uhr 49. Mein Gott, dachte er, waren erst zwanzig Minuten vergangen, seit er die Bank betreten hatte und von dem Gangster mit der Pistole empfangen worden war?

Ehser zuckte heftig zusammen, als er unten im Flur einen Schrei hörte, dem das wütende Knurren des vierschrötigen Gangsters folgte.

Junghein wich einen Schritt zurück, bis er mit dem Gesäß an den Schaltertisch stieß. Er sah zur Treppe, auf der eben Gudrun Kaymer erschien, dicht gefolgt von Britz, der sie mit groben Stößen seiner massigen Faust vor sich her trieb. Gudruns hübsches Gesicht war vor Angst verzerrt. Sie blutete aus einem Mundwinkel.

Ehser kam Otten zuvor, der bereits aufgesprungen war und Gudrun zu Hilfe kommen wollte. Ehser legte dem Mädchen einen Arm um die zitternden Schultern und führte sie zu einem Stuhl.

»Sie wollte an irgendeinem Schalter rumfummeln«, berichtete Britz. »Ich hab' ihr eins verpasst. Und die Damentoilette abgeschlossen.«

Junghein richtete seine Pistole drohend auf Ehser. Er wollte etwas sagen, aber das Funkgerät in seiner linken Hand knackte. Rasch hob er es an die Lippen.

»Einen Augenblick«, sagte er. »Ich habe hier ein kleines Problem.«

Er baute sich vor Gudrun Kaymer auf, sah aber die beiden Männer abwechselnd an.

»Wer von euch hat da etwas ausgeheckt?«, fragte er.

Ehser und Otten wichen den Augen des Gangsters aus.

Deshalb sahen sie die schnelle Bewegung nicht, mit der Junghein die Pistole unter seinen linken Arm klemmte und Gudrun die flache Hand ins Gesicht schlug.

Ihr Kopf flog zur Seite, und Blut floss aus der weiter gewordenen Risswunde im Mundwinkel. Wimmernd ließ sie den Kopf sinken.

Junghein nahm die Pistole wieder in die Hand. Seine Augen funkelten drohend hinter den Augenlöchern der Maske. »Damit ihr seht, dass wir keine Hampelmänner sind«, sagte er mit gefährlich ruhiger Stimme. »Beim nächsten Mal fängt sich einer ein Loch, meine Herren!«

Junghein schob sich wieder hinter den Tresen. Britz kehrte zu seinem Beobachtungsposten am Vorhang zurück.

»Warum müssen Sie sich auch so dämlich anstellen!«, zischte Otten Gudrun zu, deren Schultern heftig zuckten.

»Was war los?«, fragte Probek, als Junghein sich wieder meldete.

»Die Helden haben eine Frau in die Schlacht geschickt«, berichtete Junghein.

»Und?«, fragte Probek ungeduldig.

»Sie wollte ein Oberlicht auf dem Anbau entriegeln. Es ist weiter nichts passiert. Außer, dass ihr hübsches Gesichtchen ein paar Kratzer abbekommen hat.«

Probek atmete langsam durch. Junghein schien die erste Krise bewältigt zu haben.

»Lass es zu einer solchen Situation gar nicht erst kommen«, mahnte er.

»Wir passen auf«, antwortete Junghein neutral.

Unten auf dem Platz bewegte sich nichts. Aber der einsetzende Funkverkehr auf der Sonderfrequenz verriet zunehmende Aktivität.

Bald würden die Beamten vom Sondereinsatzkommando den Schauplatz erreichen.

»Wir haben jetzt ein paar Minuten Leerlauf«, sagte Probek. »Die wollen wir sinnvoll nutzen.«

»Von mir aus«, bestätigte der Hamburger mit unerschütterlicher Gelassenheit.

»Wir werden uns jetzt einen Schlachtplan zurechtlegen«, fuhr Probek fort. »Du musst alle Verhandlungen führen . . .«

»Das ist mir schon klar«, unterbrach ihn Junghein.

»Sie werden dir einen ausgebufften Halunken vorsetzen«, warnte Probek.

»Ich kann stur wie ein toter Elefant sein«, sagte Junghein. »Da nützt die ganze Psychologie nichts.«

»Bevor wir in die Einzelheiten gehen, soll Ehser seine Leute anrufen«, sagte Probek. »In der Hauptstelle werden sie inzwischen wissen, dass etwas läuft. Ehser soll zwei Millionen bereitstellen lassen.«

»Zwei Millionen«, wiederholte Junghein andächtig.

»Die haben die im kleinen Safe«, flachste Probek. »Die Hälfte in gebrauchten Fünfhundertern, der Rest in Hundertern. Davon mindestens die Hälfte in alten Scheinen.«

»Ich hab' dem Telefonierer von der Polizei eben schon gesagt, dass wir eine Million haben wollen. So aus Jux, verstehst du?«

»Von jetzt an keine Eigenmächtigkeiten mehr, verstanden?«

»Na klar doch«, bestätigte Junghein. »Zwei Millionen gefallen mir ja auch viel besser als eine.«

»Pass genau auf, dass Ehser kein Wort zuviel sagt!«, mahnte Probek. »Melde dich wieder, wenn er telefoniert hat.«

Probek griff zum Telefon, um Jutta anzurufen.

»Endlich!«, stieß sie hervor. »Wie läuft es?«

»Genau nach Plan.«

»Es ist schon fünf vor neun!«

»Hier hat es niemand eilig. Geh jetzt einkaufen. Lass dir Zeit. Wenn du nicht zu Hause bist, bist du eben nicht zu Hause. Verhalte dich absolut normal!«


Kapitel 6

Sie sollte sich normal verhalten. Ausgerechnet heute.

Dabei lebte sie seit fast einem halben Jahr mit dem Gedanken an ein Verbrechen. In dieser Zeit hatte sie sich nicht normal verhalten. Wie eine läufige Hündin war sie immer wieder zu Probek gerannt, selbst als sie schon wusste, dass er ein Verbrecher war und sie für ein Verbrechen benutzen wollte.

Ja, sie würde sich normal verhalten. Wie an jedem Morgen würde sie jetzt zu dem Einkaufszentrum am Oberfelder Tor fahren, dort durch den Supermarkt gehen und zum Gemüsestand, an den Auslagen der Boutiquen vorbeischlendern und wieder nach Hause fahren. Wie eine grüne Witwe aus dem Witzblatt. Oder wie eine Drohne.

Nur in einem würde sie heute leicht von der gewohnten Routine abweichen — sie würde sich sorgfältiger als sonst zurechtmachen.

Sie ging ins Bad, zog die Bluse aus und band ihr Haar zurück. Während sie etwas Creme in die Stirn massierte, betrachtete sie ihr Gesicht. Die Haut war immer noch glatt und geschmeidig, doch keine Creme hätte den gespannten Zug in den Mundwinkeln glätten können, und die Schatten unter den Augen waren tiefer als gewöhnlich. Kein Wunder nach dieser Nacht mit Probek.

Sie überlegte, was sie jetzt tun würde, wenn sich ihr Ekel vor Herbert nicht verstärkt hätte und sie die brave Ehefrau geblieben wäre. Sie hätte sich in diesem Haus für alle Zeiten einrichten können. Und Herbert hätte sie mühelos bei der Stange halten können - mit ihrer Möse.

Sie hätte Probek gar nicht erst begegnen dürfen, dachte sie nüchtern. Probek war nicht nur der hemmungslose Liebhaber, bei dem eine Frau sich vergessen konnte. Er war auch gerissen wie ein Fuchs und beherrschte alle Winkelzüge der Intrigenkunst.

Sie wusste nicht einmal mehr, wann sie die letzte Schwelle überschritten hatte. Geschickt hatte Probek sie in sein Netz gezogen. Obwohl er an der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens nie einen Zweifel gelassen hatte, hatte er es so aussehen lassen, als handelte es sich um ein Spiel. Zuerst hatte er sie nur nach vergleichsweise unverfänglichen Informationen ausgehorcht, die er sich auch auf andere, weniger riskante oder kompromittierende Weise hätte beschaffen können. Wie viel Geld sich normalerweise im Safe der Filiale befand, wie und von wem er geöffnet werden konnte, ob es ein Zeitschloss oder andere moderne Sicherungen gab, oder wie die Vorschriften für den Fall eines Überfalls lauteten.

Vielleicht hätte sie Probek aufgeben können, wenn Herbert an jenem Abend im Januar, als er sie geschlagen hatte, konsequent geblieben wäre und sie vor eine Alternative gestellt hätte. Aber Herbert war zu schwach. Er hatte gekniffen, und sie hatte keine Rücksicht mehr auf seine Gefühle genommen.

An jenen Abend im Januar konnte sie sich noch genau erinnern. Sie sah immer noch Herberts Gesicht vor sich, und sie wusste noch jedes Wort, das er oder sie gesagt hatte. Aber sie wusste nicht mehr, was mit ihr geschehen war.

Irgendwann am Nachmittag war der Regen in Schnee übergegangen. Das kleine Feuer in Probeks Zimmer war immer dunkler geworden, und selbst das Kreischen der Säge hinten hatte gedämpfter als sonst geklungen, als sie ins Bad gegangen war. Die Tür ließ sie offen wie immer.

Er kam ihr nach und sah ihr zu, wie sie sich wusch.

»Ich gehe schnell in den Laden gegenüber und hole uns noch 'ne Flasche Schampus«, sagte er. »Und irgendwas zu beißen dazu.« Er lachte. »Du hast mich hungrig gemacht.«

Sie lachte ebenfalls. Sie waren nicht zum Essen gekommen.

»Heute nicht«, sagte sie. »Ich will etwas früher fahren. Der Schnee, weißt du?«

»Machst du ihm immer noch was vor?«

Sie sah ihn an. »Wie meinst du das?«

»Als ob er nicht wüsste, was du treibst!«

Sie schüttelte unwillig den Kopf. »Er weiß nichts«, sagte sie unwirsch. »Er ahnt vielleicht etwas, aber das ist nicht dasselbe.« Sie warf das Handtuch auf den Boden und zog das Höschen an. Als sie den Pullover überstreifte, griff er nach ihren Brüsten. Mit seinen harten Fingern, an deren schmerzhaften Druck sie sich immer noch nicht gewöhnt hatte. »Lass das jetzt!«, sagte sie schroff.

Er grinste. »Bitte, Süße, wie du willst.« Er wandte sich um. Als sie ins Zimmer trat, hatte er sich eine Zigarette angezündet. Nackt lehnte er am Bett und sah sie durch Rauchschleier hindurch an. »Hast du dir eigentlich überlegt, was du hinterher tun willst?«

Sie starrte ihn verständnislos an. »Hinterher?«

»Nach dem Job. Wirst du bei ihm bleiben?«

Was sonst?, dachte sie.

»Wenn wir zwei miteinander nach Monaco ziehen, landen wir blitzschnell im Gefängnis«, sagte sie.

Probek lachte. »Unsere gemeinsame Zeit ist super, aber sie muss dann enden«, bestätigte er.

Dann musste Schluss sein, natürlich, doch der Gedanke daran versetzte ihr doch einen Stich.

»Was wirst du tun?«, wiederholte er seine Frage. »Du wirst Geld haben. Dein Anteil . . .«

»Ich habe nie an einen Anteil gedacht«, sagte sie.

Aber der Gedanke an einen Anteil, der Unabhängigkeit, der Freiheit verhieß, verbiss sich in ihrem Hirn. Er verkroch sich vorübergehend in einer dunklen Windung, wo er sich auf die Lauer legte.

Lange brauchte er dort nicht zu warten.

Das Haus war dunkel, als sie kurz nach fünf die Tür öffnete. Herbert kam nie vor halb sechs, außer freitags, wenn die Bank früher schloss. Donnerstags kam er sogar erst um halb sieben nach Hause.

Heute war Dienstag. Das Haus war dunkel, alles war in Ordnung.

Dabei hätten ihr die Reifenabdrücke im Schneematsch der Einfahrt auffallen müssen.

Sie schloss die Haustür auf und tastete nach dem Schalter.

Der Schock traf sie völlig unvorbereitet.

Eine Hand klatschte in ihr Gesicht. Es war Herberts Hand. Alle Wut, alle aufgestauten Demütigungen, die er durch sie erlitten hatte, lagen in dem Schlag.

Ihr Kopf flog gegen den Türrahmen. Der jähe Schmerz ließ ihre Knie weich werden, und sie klammerte sich an der Türkante fest. Doch die gab ihr auch keinen Halt, denn Herbert riss ihr die Tür aus der Hand. Sie flog in die Diele und landete auf den Knien.

Die Haustür krachte ins Schloss. Dann flammte Licht auf.

Herbert stand über ihr. Zum ersten Mal sah sie zu ihm auf. Er hatte getrunken, sie erkannte es an seinen wässrigen Augen und dem Haar,das feucht in seiner Stirn klebte.

»Was ist in dich gefahren?«

Ihre Stimme hatte keine Kraft. Sie war noch zu benommen.

»Ich habe heute nicht gearbeitet«, sagte er. »Ich habe mir freigenommen.«

Etwas schnürte ihr die Kehle zu, dann sickerten Herberts Worte in ihr Hirn, und sie hatte das Gefühl, als hätte er ihr einen Fußtritt in den Magen versetzt.

»Wenn du etwas gesagt hättest, wäre ich zu Hause geblieben«, brachte sie mühsam hervor. Sie wunderte sich über ihre kaltblütige Antwort.

Stöhnend richtete sie sich auf. Herberts Wangen zitterten.

»Jetzt fang bloß nicht an zu lügen!«, schrie er sie an. »Ich weiß, wo du warst!«

»Wie schön für dich!« Der Schmerz, mehr noch ihr verletzter Stolz, ließen sie jede Zurückhaltung vergessen.

Sofort kam seine Hand wieder. Sie hatte geglaubt, dass sie dem Schlag ausweichen konnte, doch der stechende Schmerz hinter dem Ohr, wo sie mit dem Schädel gegen den Türrahmen geschlagen war, verhinderte, dass sie schnell genug reagierte.

Rote Kreise erschienen vor ihren Augen. Die Wucht des Schlages ließ das empfindliche Fleisch auf der Innenseite der Wange, wo es gegen die Zähne gequetscht wurde, aufspringen. Sie schmeckte das Blut.

»Du fühlst dich wohl sehr stark!«, sagte sie, nachdem sie das Blut hinuntergeschluckt hatte. Sie zuckte nicht zurück, als er seine Hand erneut hob.

Doch dieses Mal wollte er sie nicht schlagen.

Er hielt drei Fotos aufgefächert in der Hand. Ihre Augen schwammen, und sie konnte nicht sofort erkennen, was sie zeigten.

»Ich habe mir extra eine Sofortbildkamera gekauft, damit du dich nicht rauswinden kannst! Du hast mich belogen und betrogen!« Die Hand, die die Fotos hielt, zitterte, sein Gesicht zuckte. »Sieh sie dir an!«, schrie er.

Sie erkannte ihren Wagen. Er rollte gerade aus. Und zwar vor dem Haus in Leverkusen, in dem Probek wohnte. Auf dem zweiten Bild stieg sie gerade aus, und das dritte zeigte sie, als sie das Haus betrat.

»Ich weiß, dass es schon seit Monaten so geht!«, sagte er heftig keuchend.

»Du übertreibst. Es sind einige Wochen.«

»Wer ist er? Was zieht dich zu ihm?«

Jutta lachte mit ihrem schmerzenden, geschwollenen Gesicht. Er kannte Probek nicht, kannte seinen Namen nicht. Das Haus, in dem Probek wohnte, bestand aus mehr als zwei Dutzend Kleinwohnungen. In vielen lebten alleinstehende Männer.

»Such dir einen aus«, sagte sie gleichmütig. Sie strich ihr Haar zurück und betastete vorsichtig die geschwollene Wange.

»Du hast es nötig!«, keuchte er. Er ging ihr nach, als sie sich auf die Tür zum Bad zubewegte. »Wer ist es? Ich will es wissen!«

»Vielleicht schlafe ich mit allen in dem Haus!« Sie sah, wie Herbert scharf Luft holte, und plötzlich spürte sie einen Triumph. Sie hatte ihn an der Angel. Ganz fest. Er kroch vor ihr, aber er wusste es noch nicht.

»Jutta, sag mir, warum!«, flehte er.

»Weil er besser ist als du«, sagte sie.

Wieder schlug er nach ihr, aber es lag keine Kraft mehr hinter dem Hieb. Sie spürte nur ein Brennen auf der anderen Wange, aber sie ließ sich zu Boden gleiten und verdrehte die Augen.

Er sank neben ihr auf die Knie. Tränen strömten über sein Gesicht, als er ihren Oberkörper anhob, ungeschickt ihren Kopf auf seinen Schenkeln bettete und sie an sich presste.

»Jutta, es wird alles wieder gut«, stammelte er. »Ich bin immer für dich da, immer!« Er wiegte sie wie ein Kind. »Verzeih mir, ja? Es wird alles wieder gut.«

Aber es war zu spät, sie spürte es. Sie würde bei ihm bleiben, weil es keine Alternative für sie gab, keine Freiheit.

Doch dann hielt sie den Atem an. Ein Anteil an der Beute.

Geld bedeutete Freiheit.

»Du darfst mich nicht verlassen«, wimmerte Herbert. »Nie!«

»Wenn du mir nicht mehr nachspionierst«, sagte sie.

»Ja, ja!«

»Versprich es!«

»Ich verspreche es.«

Mit Verwunderung registrierte sie, dass Herbert eine Erektion bekam.

Sie konnte zwar mit ihrem Mann spielen, ihn zum Hampelmann machen, aber verstehen konnte sie ihn deshalb nicht.

An dem Abend schlief sie noch mit Herbert. Zuerst ließ sie es über sich ergehen, doch dann wurde sie ebenfalls erregt, und sie umklammerte ihn keuchend. Doch bevor sie selbst den Höhepunkt erreichte, kam es ihm schon, und er zog sich zurück.

»Ich werde etwas für dich tun«, flüsterte er im Dunkeln. »Du wirst überrascht sein, wart's ab! Und den anderen gibst du auf, ja?«

Sie schwieg, aber er bestand nicht auf einer Antwort.

Während der nächsten Tage rührte er sie nicht an, machte nicht einmal den Versuch, mit ihr zu schlafen.

Aber sie, sie wollte mit Probek schlafen.

Herbert hatte ihr zwar versprochen, dass er ihr nicht mehr nachspionieren würde, doch sie traute seinem Versprechen nicht. Wenn er sie gezwungen hätte, hätte sie auch alles versprochen, was er hören wollte - und sich nicht daran gehalten. Eine Katze ließ sich nicht dressieren.

Aber sie wollte sich nicht wieder von Herbert fotografieren lassen, wenn sie zu Probek ging, auch wenn er ihr im Endeffekt gleichgültig war. Allerdings war Probek nicht nur ihr Liebhaber, sondern auch ihr Komplize, oder sie seiner, je nachdem, wie man die Dinge betrachtete. Auf jeden Fall machte dieser Umstand ihre Affäre komplizierter.

Als Probek sie am Mittwoch anrief, hatte sie ihm deshalb nur erzählt, dass Herbert wieder einmal verrückt spielte und sie sich ein paar Tage lang nicht sehen sollten, nur so, aus Vorsicht. Probek brauchte nicht zu wissen, dass Herbert vor seiner Wohnung gewesen war, also seine Adresse kannte. Wenn Probek seinen Plan, in den er schon zuviel Zeit und Geld investiert hatte, gefährdet sah, würde er vielleicht etwas Unberechenbares tun.

Vielleicht würde er Herbert umbringen.

Auch das war so ein Gedanke, der sich in einer ihrer Hirnwindungen einnistete . . .

Am Donnerstag hielt sie es nicht mehr aus.

Unter einem Vorwand rief sie in der Bank an, um sich zu vergewissern, dass Herbert nicht wieder mit seiner Kamera unterwegs war. Aber als sie ihn zu sprechen verlangte, sagte ihr die Becker, die das Gespräch angenommen hatte, mit einer vor Sensationsgier vibrierenden Stimme, dass ihr Mann sich doch freigenommen habe, ob sie das nicht wüsste?

Jutta fuhr nicht zu Probek, obwohl alles in ihr nach seinem Körper verlangte. Nur der Gedanke, dass Herbert vielleicht vergeblich vor Probeks Haus lauerte, mit der schussbereiten Kamera in der Hand, entschädigte sie ein wenig dafür, dass sie Probek nicht treffen konnte.

Als Herbert am Nachmittag nach Hause kam, sagte er ihr nicht, wo er gewesen war, und sie fragte ihn nicht. Er machte ein geheimnisvolles Gesicht, das sie nicht deuten konnte.

Ihr fiel auch nicht auf, dass er schwerfällig ging, sich nicht an den Abendbrottisch setzte, sondern angeblich unbedingt etwas im Fernsehen sehen wollte, wobei er sich auf dem Sofa ausstrecken konnte.

Er ging dann früh ins Bett. In der Nacht stöhnte er einmal, stand dann auf und ging ins Bad. Er verschloss die Tür, und erst am nächsten Morgen entdeckte sie durch Zufall den blutigen Wattebausch, der aus Versehen neben dem WC-Becken gelandet war.

An jenem Donnerstag war Herbert nicht in Leverkusen gewesen. Das erfuhr sie einige Tage später. Es musste am Sonntag gewesen sein, denn sie saßen spät beim Frühstück, und eine blasse Wintersonne schien schräg durch das hohe Fenster.

Als sie, wie an jedem Morgen, mit dem letzten Schluck Kaffee ihre Pille einnehmen wollte, griff er über den Tisch und entwand ihr die Schachtel. Dabei machte er ein feierliches Gesicht.

»Die brauchst du nicht mehr«, sagte er.

Sie lachte. »Willst du nicht mehr vögeln? Ich will noch.«

»Hast du dich nicht gewundert?«, fragte er.

Sie machte ein verständnisloses Gesicht.

»Wir haben ein paar Tage nicht ... na ja, du weißt schon. Hast du dich nicht nach dem Grund gefragt?«

»Ich dachte, du hattest keine Lust. Soll ja vorkommen.«

Er grinste jetzt. »Ich habe mich ganz plötzlich dazu entschlossen«, sagte er. »Ich war beim Arzt. Beim Urologen.«

Ihr dämmerte etwas, doch ihr Verstand weigerte sich, es zu begreifen.

»Du hast es doch nicht an der Prostata?«

»Ich habe eine Vasektomie machen lassen!«

Sie wusste, was das Wort bedeutete, doch sie fragte trotzdem: »Himmel, was ist das schon wieder?«

»Ich habe mich sterilisieren lassen! Das heißt, es handelt sich nur um eine Durchtrennung der Samenleiter. Eine Kleinigkeit.«

»Und warum?«

»Damit du die Pille nicht mehr nehmen musst! Du belastest deinen Körper mit Hormonen. Schon seit Jahren. Das ist nicht gerecht. Jetzt war ich dran.«

Er wollte sie auf die Weise zwingen, ihren Liebhaber aufzugeben. Sie spürte eine jähe Hitzewelle in sich aufsteigen, als sie den Sinn dessen begriff, was Herbert getan hatte.

Herbert hatte, vermutlich instinktiv, genau das Richtige getroffen. Probek war kein Mann, der mechanische Verhütungsmittel benutzte. Oder der Lust hatte, den coitus interruptus zu praktizieren. Zu dem sie auch nicht bereit gewesen wäre, schon aus Sicherheitsgründen nicht. Sie wollte kein Kind. Dessen war sie sich sicher, und Herbert kannte ihre Einstellung genau. Deshalb hatte sie nicht einmal das Recht, ihm wegen seines überraschenden Entschlusses Vorhaltungen zu machen.

Sie musste die Pille also weiternehmen, und zwar heimlich. Hastig überlegte sie, wie viele Päckchen sie noch oben liegen hatte. Waren es zwei? Oder nur noch eins?

Sie rang sich ein Lächeln ab, als sie die Hand ausstreckte. »Man darf nicht mitten in einer Periode aufhören«, sagte sie.

»Das hat mir der Arzt auch gesagt.« Herbert gab ihr die Schachtel zurück. »Aber die beiden Päckchen, die in deinem Schrank liegen, schmeißen wir weg. Jetzt gleich. Und ab Mittwoch oder Donnerstag, glaube ich, kann ich wieder . . .«

Herbert grinste erwartungsvoll.

Er würde jetzt jeden Tag mit ihr schlafen wollen.

Sie spürte einen heftigen Ekel, und sie wusste, dass sie den nie wieder überwinden konnte.

»Was hast du?«, fragte Probek, als er eine Zigarette anzündete und im grellen Licht des aufzischenden Streichholzkopfes ihre gerunzelte Stirn sah.

Er ließ das Streichholz brennen und strich mit einem Finger über ihre Wange. Sie zuckte zusammen, weil die Wunde auf der Innenseite immer noch stark geschwollen war und schmerzte. Als die Flamme seine Finger verbrannte, blies er es aus und zog an seiner Zigarette.

»Was hast du?«, wiederholte er.

Es war dunkel im Zimmer, und wenn er tief an der Zigarette zog, erschien ein rötlicher Schimmer auf seiner Haut, in dem seine Augen nur um so dunkler wirkten.

»Du weißt, dass ich die Pille nehme«, sagte sie.

Sie hatte es ihm erzählt, aber jetzt spürte sie, dass er nur die Achseln zuckte. Er hatte es vermutlich längst vergessen, weil er sich keine Gedanken darüber machte.

»Ja, und?«

»Ich nehme sie weiter«, sagte sie. »Aber ich muss es heimlich tun.«

»Warum?«, fragte er verständnislos.

Probek lachte, als sie ihm von dem Eingriff erzählte, den Herbert hatte vornehmen lassen.

»Die Vasektomie habe ich schon lange machen lassen!«, sagte er.

Er lachte immer noch, als er das Licht anknipste und die Beine spreizte, um ihr die winzige Narbe zu zeigen, die in den Hautfalten kaum noch auszumachen war.

»Du?«, fragte sie. »Warum hast du das machen lassen?«

»Ich wollte nie in die Versuchung kommen, ein Kind in die Welt zu setzen. Nie. Keine Frau soll mich damit ködern können.«

»Und?«, fragte sie und presste sich an ihn.

»Was, und?«

»Bereust du es?«

»Nein. Ich will nur für mich selbst verantwortlich sein.«

Seine Stimme klang unvermittelt ernst. Er sah sie an.

»Warum macht dein Mann so etwas? Das hätte ich ihm gar nicht zugetraut.«

»Ich auch nicht«, meinte sie und sah Probek forschend an. Sie fragte sich, ob er einen Menschen umbringen könnte.

»Könntest du jemanden töten?«, fragte sie.

Die Frage kam ihr einfach so über die Lippen.

Probek senkte die Lider halb über die Augen und sah sie mit einem Ausdruck an, der schläfrig wirkte, aber nur verbergen sollte, dass sein Verstand hellwach war.

»Für Geld? Oder weshalb?«, wollte er wissen.

»Aus irgendeinem Grund. Für Geld, zum Beispiel. Oder für deine Sicherheit.«

»Das«, sagte er, »sind schon zwei Gründe. Verdammt gute Gründe sogar.«

Nachdem sie ihre Bluse wieder angezogen hatte, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel. Die dunklen Ringe unter den Augen schillerten selbst unter der Schminke und verliehen ihrem Gesicht einen düsteren, geheimnisvollen Ausdruck. Sie strich noch einmal über ihr Haar, obwohl es makellos lag, bevor sie ihr Geld und die Einkaufstasche nahm und das Haus verließ.

Es war 9 Uhr 14.



Kapitel 7

Der grünlackierte Kastenwagen mit dem geschlossenen Aufbau kam unten auf dem Platz zum Stillstand. Polizeihauptkommissar Rücker und der gedrungene Zivilist mit den gefühllosen Augen gingen auf das Heck des Fahrzeugs zu.

Als die hintere Tür aufsprang und zwei Techniker und zwei Beamte in Zivil heraussprangen, konnte Probek einen kurzen Blick auf die zahlreichen Instrumente und Geräte werfen, die in dem Aufbau installiert waren — Tonbandgeräte und Videokameras, Funktelefone und ein Datenterminal, mit dem ein direkter Zugriff auf die Datenspeicher des Landes- und des Bundeskriminalamtes möglich war.

Aus diesem Fahrzeug heraus würde die Polizei die Verhandlungen mit den Geiselnehmern führen sowie alle Fahndungsmaßnahmen koordinieren.

Als ein anschwellendes Brausen die Fenster des Hotelzimmers in Schwingungen versetzte und die Männer unten auf dem Platz die Köpfe in den Nacken legten, tippte Probek über die Tasten des Scanners, bis er die Stimme des Piloten hörte, der den Polizeihubschrauber auf dem Dach des City-Hotels aufsetzte.

»Zum Teufel, was ist da draußen los?«, erkundigte sich Junghein über das Walkie-Talkie. Zum ersten Mal verriet seine Stimme eine gewisse Unsicherheit.

»Keine Panik«, antwortete Probek. »Das ist nur der Hubschrauber, der die Verhandlungsgruppe bringt.«

Dass mit dem nächsten Flug die Präzisionsschützen des Mobilen Einsatzkommandos eintreffen würden, erwähnte Probek nicht.

»Eine ganze Gruppe?« Junghein lachte. »Wollen die alle durcheinanderreden?«

»Das sind Spezialisten«, erklärte Probek sachlich. »Die sind eigens für solche Aufgaben ausgebildet. Je leichter du sie nimmst, desto eher haben sie dich. Die nehmen jedes Wort, das du sagst, auseinander.«

»Ich werde dran denken«, sagte Junghein.

»Du hast selbst gesagt, welche Methode da am besten gegengesetzt wird — Sturheit. Denk daran: Du bestimmst, wann verhandelt wird. Sie werden versuchen, dich in Zeitdruck zu versetzen. Dreh den Spieß um!«

Er hatte Junghein bereits auf die Verhandlungstaktik eingestimmt - keine Geiseln freilassen, keine Informationen über deren Gesundheitszustand geben, keine medizinische Versorgung anfordern oder zulassen.

»Hier bimmelt dauernd das Telefon!«, beschwerte sich Junghein.

»Lass es bimmeln«, antwortete Probek. »Wahrscheinlich sind das die Angehörigen der Geiseln. Sie haben vielleicht schon gehört, was los ist.«

Es waren bereits Journalisten eingetroffen, die jedoch noch von Polizisten zurückgehalten wurden.

»Wir werden bestimmen, wann wir uns auf Verhandlungen einlassen«, sagte Probek.

Das schrille Pfeifen der Rotoren hoch über Probek schnitt ihm für Sekunden das Wort ab, dann zeigte ihm das rasch abschwellende Knattern der Triebwerke an, dass der Helikopter wieder abgehoben hatte.

Probek richtete das Fernglas auf die Beamten, die an der Flanke des Kastenwagens standen. Der Aufbau schirmte sie von der Vorderseite der Bank ab. Mit ernsten Mienen lauschten sie Rückers Worten, der sie in die Lage einwies.

Probek hielt einen hochgewachsenen Mann mit kurzgeschnittenen, eisgrauen Haaren und einer gebogenen Nase im gebräunten Gesicht für den Einsatzleiter. Seine Vermutung wurde Augenblicke später bestätigt, als der Grauhaarige sein Handfunkgerät hob. Probek schaltete den Multibandempfänger auf Kanal vier.

». . . Einsatzleiter E eins an alle. Verständigungsprobe!«

Nacheinander meldeten sich die bereits anwesenden Beamten des Sondereinsatzkommandos mit ihren Nummern oder Codebezeichnungen, in Gedanken hakte Probek ihre Positionen ab. Die Männer saßen in neutralen Fahrzeugen rings um den Platz, sie hielten sich im Kastenwagen oder offen auf dem Platz auf. Sie trugen leichte Parkas über ihren schussfesten Westen, um die Geiselnehmer in der Bank nicht zu früh durch ihr martialisches Aussehen zu provozieren .

Dafür schwitzten sie, denn die Sonne stand an einem blanken Himmel.

Der Einsatzleiter nickte Rücker zu. Der Polizeikommissar ließ sich das Megaphon bringen. Dann verließ er die Deckung, die ihm der Kastenwagen bot, und baute sich breitbeinig vor dem Kühler des Wagens auf, den Trichter des Megaphons gegen die schimmernde Fassade der Bankfiliale gerichtet.

»Hier spricht die Polizei! Sie bekommen jetzt noch einmal Gelegenheit, aufzugeben! Kommen Sie einzeln mit erhobenen Händen heraus! Sie haben fünf Minuten Zeit!«

Probek trat näher ans Fenster, ohne jedoch die Gardine zu berühren. Die vier Männer der Verhandlungsgruppe, die mit dem Aufzug vom Dach des Hotels heruntergefahren waren, erschienen jetzt in seinem Blickfeld. Eilig überquerten sie den Platz.

Der Grauhaarige gab jedem von ihnen die Hand, dann kletterten die vier Männer und der Einsatzleiter in den Kastenwagen. Die Tür schlug zu.

Probek nahm das Walkie-Talkie in die Hand. »Lass sie zehn Minuten schmoren«, sagte er.

»Verstanden«, bestätigte Junghein.

»Irgendwelche Probleme?«

»No, Sir«, antwortete Junghein.

Der Hubschrauber setzte insgesamt acht Präzisionsschützen eines Mobilen Einsatzkommandos auf dem Dach des City-Hotels ab. Der Funksprechverkehr zwischen den Schützen und dem Einsatzleiter des Sondereinsatzkommandos war kurz, dafür aber sehr aufschlussreich.

Vier Schützen blieben auf dem Dach des Hotels, je zwei wurden in freie Hotelzimmer im zweiten Stock einquartiert. Ein Entkommen der Geiselnehmer durch die Rückseite des Bankgebäudes war ausgeschlossen. Auch der Seiteneingang und das Treppenhaus waren längst von Beamten der Schutzpolizei und des SEK besetzt worden.

Sie mussten vorne hinaus.

Das, genau das, hatte Probek auch einkalkuliert.

Nacheinander meldeten die Präzisionsschützen, dass sie die ihnen zugewiesenen Positionen eingenommen hatten.

»Freigabe kommt ausschließlich von E eins«, kam die Stimme des Einsatzleiters aus dem Lautsprecher. Es war eine klare Stimme in mittlerer Tonlage ohne besondere Merkmale.

»Stimme identifiziert«, bestätigte der Leiter des Schützenkommandos, um dann hinzuzufügen: »Der Freigabe-Code lautet C-5.«

»Verstanden und bestätigt«, antwortete der Einsatzleiter. »Ende.«

Probeks Herz schlug schneller, als er sein Notizbuch aufklappte. Er fuhr eine Kolonne von Zahlen- und Buchstabenkombinationen ab, die er dort aufgeschrieben hatte, bis er an der richtigen anhielt. Da stand es. C-5 = Leuchtfeuer!

Leuchtfeuer fünf! Das Kommando zum Schuss. Zum gezielten Todesschuss, wenn der Einsatzleiter der Meinung war, dass nur so das Leben der Geiseln zu retten sein würde.

Es läuft genau nach Plan, dachte Probek.

Junghein machte sich bemerkbar. »Die zehn Minuten sind gleich um«, sagte er.

»Ich weiß . . .«

«Sind das Kerle mit Gewehren da oben auf dem Hoteldach?«

»Richtig. Denk nicht an sie. Sie sind doch nur dazu da, euch zu beeindrucken. Damit ihr klein beigebt.«

»In Hamburg haben sie mal einen abgeknallt.«

»In München auch, und woanders ebenfalls. Hast du Bedenken?«

»Na ja, ich will nicht um jeden Preis eins vor die Birne kriegen«, gab Junghein zurück.

»Ich werde mir etwas ausdenken«, versprach Probek. »Ich habe da sogar schon eine Idee. Aber jetzt hör dir erst mal an, was die Bullen zu sagen haben.«

»Auf allen Leitungen klingelt es! Nur die eine, die vom Chef, ist frei.«

»Na also«, sagte Probek.

»Welche Nummer haben die denn?«, erkundigte sich Junghein.

»Welche schon«, antwortete Probek. »110. Sag ihnen deine, und lass dich auf der Nummer anrufen. Mach es kurz beim ersten Mal. Viel Glück jetzt.«

Der Rückruf kam innerhalb weniger Sekunden. Junghein ließ die Gabel hochschnellen und drückte den Knopf, den Ehser ihm gezeigt hatte. Er presste den Hörer an sein Ohr. Über die Sprechmuschel hatte er ein Taschentuch gewickelt. Er wusste, dass die Unterhaltung mitgeschnitten wurde.

»Hallo«, sagte er.

»Hier spricht die Polizei. Ich sitze hier draußen im Einsatzwagen. Sie haben ihn vielleicht gesehen. Mein Name ist Wolf. Wer sind Sie?«

»Ich bin Robin Hood«, antwortete Junghein.

»Sollten wir nicht einen Namen aussuchen, der die Situation nicht so verharmlost?«, meinte der Verhandlungsführer.

»Wie gefällt Ihnen Rotkäppchen, Herr Wolf? Warum nennen Sie sich Wolf? Warum nicht Fuchs? Oder Bär?«

»Von mir aus bleiben wir bei Robin Hood«, gab Wolf nach. »Wie sieht es bei Ihnen aus, Robin Hood?«

»So lala.«

»Verletzte?«

»Keine Auskunft.«

»Hat jemand Beschwerden körperlicher Art?«

»Keine Auskunft.«

»Was halten Sie davon, wenn ein Arzt nach dem Rechten sieht?«

»Nein.«

»Geben Sie mir wenigstens die Namen der Leute, die sich in Ihrer Gewalt befinden . . .«

»Nein.«

». . . damit wir die Angehörigen verständigen können.«

»Nein.«

»Wie sollen wir weiterkommen, Robin Hood, wenn Sie nicht mitarbeiten? Wir alle wollen doch, dass niemand zu Schaden kommt, nicht wahr?«

»Das liegt nur an Ihnen. Wir haben ein paar einfache Forderungen. Erfüllen Sie die, dann rauschen wir ab.«

»Bevor wir in die Einzelheiten gehen, Robin Hood, möchte ich Sie über eins nicht im Unklaren lassen. Rechnen Sie nicht damit, die ganze Sache in ein paar Stunden durchziehen zu können. Besonders dann nicht, wenn Sie nicht bereit sind, Auskunft über das Befinden der Geiseln zu geben.«

»Wir haben noch keinen umgebracht, wenn es das ist, was Sie hören wollen, Herr Wolf.«

Junghein spürte Britz' Augen auf sich, und auch Ehser, das Mädchen und Otten starrten ihn stumm an. Plötzlich bemerkte er, dass ihm der Schweiß in Strömen am Brustkorb hinablief.

»Bevor wir weitermachen, Robin Hood«, nahm Wolf den Faden wieder auf, »sollten Sie uns ein Zeichen Ihres guten Willens geben. - Unserer Rechnung nach befinden sich mindestens fünfzehn Personen in Ihrer Gewalt.«

Junghein antwortete nicht.

Wolf fuhr fort: »Lassen Sie zwei Geiseln frei.«

»Nein«, sagte Junghein. »Schicken Sie zwei Millionen und einen Wagen.«

»Tut mir leid, Robin Hood.« Die Stimme des Verhandlungsführers klang plötzlich kühl und unpersönlich. »Machen Sie sich mit dem Gedanken vertraut, dass wir Ihnen keine Forderungen erfüllen werden, ohne von Ihnen eine Gegenleistung zu bekommen.«

Junghein legte einfach auf. Sekunden später begann der Apparat wieder zu summen. Junghein hob nicht ab. Er griff zum Walkie-Talkie.

»Du hattest recht«, sagte Junghein. »Das ist ein ganz ausgeschlafener Junge!«

»Stopp!«, sagte Probek, bevor der andere weiterreden konnte. »Wir benutzen zur Abwechslung mal das Telefon. Sag mir eine freie Nummer.«

Probek hielt es für möglich, dass die Polizeitechniker routinemäßig die verschiedenen Funkfrequenzen absuchten. Doch nicht nur deshalb wollte er den Sprechfunkverkehr mit Junghein einschränken. Er wollte vermeiden, dass Ehser und die anderen zuviel von dem mitbekamen, was er mit Junghein zu besprechen hatte.

»Hier summt es auf allen Leitungen«, sagte Junghein. »Auf der einen versucht es der Typ, der sich Wolf nennt . . .«

»Gib mir irgendeine Nummer«, sagte Probek ungeduldig. »Wenn ich fertig sage, heb ab und leg sofort wieder auf. Ich komme dann schon durch.«

»Augenblick«, sagte Junghein. Als er sich wenige Sekunden später wieder meldete, kritzelte Probek die Nummer auf einen Zettel.

Er klemmte das Walkie-Talkie mit der Schulter gegen den Hals, während er die Nummer der Bank auf der anderen Seite des Platzes wählte. Er war ziemlich sicher, dass die Leitungen nicht angezapft worden waren. Dafür war noch keine Zeit gewesen.

»Fertig«, sagte er, bevor er die letzte Zahl über die Wählscheibe schnarren ließ.

»Frei«, bestätigte Junghein.

Gleich darauf hörte Probek Jungheins Stimme durchs Telefon. Er legte das Handfunkgerät zur Seite.

»Wie ist es gelaufen?«, fragte er.

»Ich habe aufgelegt, als er mir dumm kam.«

»Das war richtig.«

»Es wird hart werden«, meinte Junghein ohne die von ihm gewohnte Zuversicht in der Stimme.

»Das ist erst der Anfang«, erinnerte ihn Probek.

»Ich weiß nicht, wie lange wir das durchhalten«, fuhr Junghein fort. »Die Geschichte kann dauern, vielleicht die ganze Nacht durch. Wir haben nichts zu essen . . .«

»Das wissen die draußen nicht«, unterbrach ihn Probek. »Jetzt machen wir ihnen mal Feuer unterm Hintern. Bist du bereit, eine heiße Nummer abzuziehen?«

»Ich tue alles, wenn ich hier heute noch rauskomme.«

Junghein war nicht sicher, ob Britz alles genau begriffen hatte, als der Vierschrötige zur Treppe ging. Er selbst musste sich zusammenreißen, wenn er den Überblick nicht verlieren wollte. Junghein wartete, bis der mächtige Kopf nicht mehr zu sehen war, dann nahm er den Hörer ab und drückte den Knopf, der zur direkten Amtsleitung des Filialleiters gehörte. Das hartnäckige Summen riss ab.

»Ja?«, sagte er.

»Wie fühlen Sie sich?«, fragte Wolf.

»Was wollen Sie?«, knurrte Junghein.

»Wenn Sie mit jemand anderem reden wollen, brauchen Sie es nur zu sagen«, beteuerte Wolf.

»Sie oder ein anderer, wo liegt der Unterschied?«

»Ich tue, was ich kann«, versicherte Wolf. »Für Sie. Aber Sie müssen mir in wenigstens einem Punkt entgegenkommen.«

»Muss ich das?«

»Geben Sie mir Auskunft über das Befinden der Personen, die sich in Ihrer Gewalt befinden!«

»Erfüllen Sie unsere Forderungen, dann können Sie sie selbst fragen.«

»Sie sind nicht sehr kooperativ, Robin Hood. Wir sollten uns deshalb mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir einige Zeit miteinander verbringen müssen. Ich werde dafür sorgen, dass man etwas zu essen vorbereitet. Falls jemand besondere Wünsche hat, oder Diät . . .«

»Kein Essen«, sagte Junghein. Er begann wieder zu schwitzen, und er fragte sich, wo Britz blieb.

»Wollen Sie etwa Kohldampf schieben, Herr . . .«

Junghein konzentrierte sich gleichzeitig auf das Gespräch und den Treppenabgang. Deshalb wäre er um ein Haar auf die Fangfrage des Verhandlungsführers hereingefallen und hätte seinen Namen genannt.

»Wir nicht«, antwortete er barsch. »Wir haben Butterbrote mitgebracht. Die reichen aber nur für meine Freunde und mich. Die Geiseln werden Kohldampf schieben. Und das haben Sie zu verantworten . . .«

Der Schrei der Frau kam so plötzlich, dass selbst Junghein überrascht wurde. Der aufwärts führende Treppengang verstärkte den Schrei wie ein Trompetenrohr. Im nächsten Augenblick erschien Britz auf der Treppe.

Er hielt die ältliche Irma Becker wie eine Puppe an sich gepresst. Ihre Füße zappelten in der Luft. Sie hatte einen Schuh verloren.

»Was ist bei Ihnen los?«, erkundigte sich Wolf.

Britz versetzte der Frau einen heftigen Stoß in die Seite. Sie schrie erschreckt auf. Britz ließ die Frau los und hob die Hand mit der Waffe. Über ihrem Kopf feuerte er einen Schuss in die Decke.

Junghein presste eine Hand über das Sprechgitter des Telefonhörers. Wolf würde jetzt lange Ohren bekommen. Er nickte Britz zu, der die Frau, die vor Schreck ohnmächtig wurde, auffing und wieder nach unten schleppte. Junghein nahm die Hand von der Sprechmuschel.

Gudrun Kaymer fuhr zu ihm herum.

»Was haben Sie mit ihr gemacht?«, kreischte sie.

Junghein legte seine Hand auf die Pistole.

»Sitzenbleiben, Heldenmutter!«, fauchte er.

Gudrun sank auf ihren Sessel zurück.

»Behalten Sie die Nerven!«, sagte Wolf beschwörend.

Junghein grinste unter seiner Maske.

»Was ist bei Ihnen los?«, fragte Wolf drängend. »Warum antworten Sie nicht? Sie haben Ihre Leute nicht mehr unter Kontrolle!«

»Reden Sie kein Blech«, sagte Junghein, der die Vorführung für gelungen hielt.

»Was ist passiert?«, fragte Wolf ruhig.

»Nichts«, behauptete Junghein. Zufrieden registrierte er, wie der andere scharf Luft holte.

»Hören Sie, was wollen Sie mir da erzählen?«, fragte Wolf beherrscht. »Ich glaube Ihnen kein Wort mehr! Soll ich dem Einsatzleiter mitteilen, dass ich die Verhandlungen als gescheitert, als zwecklos ansehe?«

»Teilen Sie ihm mit, was Sie wollen. Erzählen Sie ihm auf jeden Fall, dass wir vor jede Tür und jedes Fenster, vor jede denkbare Stelle, durch die er kommen kann, eine Geisel gesetzt haben. Zusammengeschnürt wie ein Bündel alte Zeitungen. Haben Sie das gerafft?«

»Wollen wir noch einmal von vorn anfangen?«

»Schaffen Sie die zwei Millionen her . . .«

»Ist jemand verletzt?«

»Keine Auskunft.«

»Sagen Sie wenigstens, dass alle noch leben! Das haben Sie doch vorhin schon mal gesagt.«

»Ich habe gesagt, dass wir noch keinen umgebracht haben«, sagte Junghein.

»Können Sie das jetzt immer noch zusichern?«

»Ja«, räumte Junghein ein.

»Schön, dann können wir weitermachen . . .«

»Schaffen Sie die zwei Millionen her.«

»Gegenüber Polizeihauptkommissar Rücker haben Sie eine Million gefordert.«

»Ich wollte ihn nicht so sehr erschrecken«, antwortete Junghein.

»Hielten Sie ihn für schreckhaft?«

»Bleiben wir bei der Sache. Zwei Millionen.«

»Woher weiß ich, dass Sie Ihre Meinung nicht noch einmal ändern?«

»Denken Sie sich was aus«, sagte Junghein. »Schaffen Sie das Geld her. In einem Wagen, der auf den Gehweg vor der Bank gefahren wird. Und zwar bis 12 Uhr.«

»Das ist zu knapp«, sagte Wolf prompt.

»Ich habe einen Fachmann hier, Herr Wolf.« Junghein sah Ehser an, dessen Gesicht rot und aufgedunsen aussah. »Der Chef hier hat schon mit seinen Leuten gesprochen. Das wissen Sie doch!«

»Bleiben Sie ruhig!«, mahnte Wolf.

»Wenn Sie mit den Tricks aufhören!«, gab Junghein laut zurück. Er atmete zweimal tief durch, bevor er fortfuhr. »In der Hauptstelle brauchen sie keine zwei Stunden, um die Scheinchen abzuzählen und einzupacken. Sie haben danach genug Zeit, den Koffer herzubringen. Wenn das Geld um 12 Uhr nicht hier vor der Tür steht, brechen wir den Kontakt bis morgen früh ab. Denken Sie daran — wir haben Butterbrote, die Bankmenschen nur ihre Fingernägel.«


Kapitel 8

Nach dem Schuss in der Bank wurde der Funkverkehr auf der Frequenz des SEK für kurze Zeit hektisch. In diesen Sekunden hing es allein von den Nerven des Einsatzleiters ab, ob er den Befehl gab, in die Bank einzudringen.

Gespannt lauschte Probek dem Austausch von Codebezeichnungen und den Anweisungen an die Präzisionsschützen und die Mitglieder der Gruppen, die für den direkten Angriff bestimmt waren.

Nach knapp zwei Minuten kehrte der Funksprechverkehr zu seinem normalen Rhythmus zurück.

»Wo bleibt T-A?«

»Position Bachstraße.«

»Verstanden, soll über Herzogstraße kommen. Ist Herzogstraße frei?«

»Ist frei.«

»In Ordnung. Schafft die Wagen von den Parkuhren weg. Wir brauchen freie Fahrt vor der Bank.«

»Das erledigt Leiter B.«

Probek atmete leicht auf. Der Einsatzleiter war vermutlich davon überzeugt worden, dass die Geiselnehmer bereit waren, Gewalt anzuwenden. Als eine Lautsprecherstimme meldete, dass der Kontakt zu den Personen in der Bank vorübergehend abgebrochen sei, griff Probek zum Telefonhörer.

Ins Walkie-Talkie sagte er nur: »Ich rufe jetzt an.«

Der Anruf kam sofort durch. Junghein meldete sich.

»Hallo?«

»Ich glaube, ihr habt sie überzeugt«, sagte Probek.

»Ich hoffe es. Ich habe dem Kerl gesagt, dass wir kein Gespräch mehr annehmen, bevor das Geld eintrifft. Bis dahin wird er sich etwas ausgedacht haben.«

»Das ist anzunehmen«, gab Probek zu. »Ist da drin sonst alles in Ordnung? Spielt noch niemand verrückt?«

»Ich habe keine Probleme«, sagte Junghein. »Wie sieht es draußen aus? Was ist, wenn sie doch reinkommen? Durch die Wände oder die Decke?«

»Sie werden nichts dergleichen tun, solange sie nicht mehr über die Lage da drinnen wissen«, antwortete Probek. Er beugte sich vor, um besser nach rechts sehen zu können. Aus der Herzogstraße kam langsam ein grüner VW-Transporter. Ein Schutzpolizist wies den Wagen ein. »Sie werden nicht reinkommen«, sagte Probek beschwörend. »Dafür ist die Lage viel zu unklar! Deshalb wollen sie ja unbedingt Geiseln raushaben oder austauschen oder euch was zu essen andrehen oder einen Arzt reinbringen! Damit sie erfahren, was bei euch los ist. Wie viele ihr seid, wie hart ihr seid. Die riskieren so nichts.«

»Verdammt, das sagst du! Sie werden uns nicht so einfach abziehen lassen! Die packen einen Peilsender ins Geld, und sie präparieren den Wagen!«

»Glaub mir, ich denke an alles«, versicherte Probek. Er hörte durch den Hörer, wie Britz, der seinen Beobachtungsposten vorne am Vorhang wieder eingenommen hatte, Junghein etwas zurief.

»Was ist das für ein Wagen da draußen?«, wollte Junghein wissen.

Der VW-Transporter fuhr über den Platz. Uniformierte Beamte dirigierten ihn zwischen den anderen Fahrzeugen her, bis er im Sichtschutz hinter dem Betonbau anhielt.

Dort standen schon ein Notarzt- und ein Krankenwagen in Bereitschaft.

»T-A in Position«, meldete eine Stimme im Lautsprecher des Multibandempfängers.

»Das sind Spezialisten«, erklärte Probek. »Sie werden versuchen, Lauschgeräte anzubringen, mit denen sie euch abhören können.«

»Ich rufe den Schweinehund an und sage ihm, die Karre muss weg!«

»Du wirst nichts dergleichen tun!«, schnappte Probek. »Was glaubst du, was sie von deiner Standfestigkeit halten, wenn du selbst dein Ultimatum durchbrichst!«

»Schon gut, schon gut. Wie wollen die uns anzapfen? Übers Telefon?«

»Damit könnten sie nur eure Telefongespräche abhören. Nein, sie werden Membrane an den Mauern oder Scheiben befestigen. Die registrieren dann jede Schallschwingung. Die Schwingungen werden verstärkt, und die können hören, was ihr redet.«

Aus dem Transporter kletterten zwei Männer. Jeder trug einen kantigen Metallkoffer. Eilig steuerten sie den Seiteneingang des Bankgebäudes an.

»Sie versuchen es von der Wohnung über der Bank aus«, berichtete Probek.

»Was können wir dagegen tun?«, erkundigte sich Junghein beunruhigt.

»Wahrscheinlich gibt es Radios in den Büros, beim Chef steht wahrscheinlich auch ein Fernseher. Schafft alles in die Schalterhalle und schaltet die Geräte ein. Ihr braucht sie nicht zu laut zu stellen. Holt auch die batteriegetriebenen Diktiergeräte. Wenn sie den Strom abschalten, könnt ihr die laufen lassen.«

»He, du weißt wohl Bescheid, wie?«, stellte Junghein fest und lauernd fragte er: »Woher eigentlich?«

Eine Antwort schien er nicht zu erwarten.

Dasselbe hatte ihn auch Jutta gefragt, als er sie mit der Aufgabe vertraut machte, die er ihr zugedacht hatte. Er hatte ihr geschildert, welche Maßnahmen die Polizei voraussichtlich ergreifen würde, und die Wege aufgezeichnet, wie man es machen musste, um es dennoch zu schaffen.

»Woher weißt du das alles?«

Er hatte es ihr nicht gesagt.

Er dachte an Rudi Wilczyk, der sein bester Freund bei der Bundeswehr gewesen war.

Rudi, der Z-12er. Rudi hatte seine zwölf Jahre nicht einfach abgerissen, um mit der Abfindung eine Kneipe aufzumachen wie so viele Kameraden, die dabei nur über den Tisch gezogen wurden und nach einem oder zwei Jahren pleite waren und dann vor dem Nichts standen.

Rudi hatte die Kampftruppenschule des Heeres und anschließend die Schule für Feldjäger besucht und war schließlich als Ausbilder zu der Einheit zurückgekehrt, der auch Probek angehörte. Nach Ablauf seiner Dienstzeit war Hauptfeldwebel Rudi Wilczyk 31 Jahre alt. Er wurde von der Polizei des Landes Nordrhein-Westfalen als Kommissar-Anwärter übernommen und nach einem verkürzten Lehrgang auf der Verwaltungsakademie in der Landespolizeischule Hiltrup eingesetzt. Dort prüfte er Anwärter für Sondereinsatzkommandos auf ihre Eignung und unterrichtete sie in praxisnahen Disziplinen wie Überrumpelungstaktik bei Geiselnahmen oder Sofortlagebeurteilungen.

Probek hatte Rudi oft in Hiltrup besucht, und ihren Sommerurlaub hatten sie meistens zusammen an der Nordsee verbracht. Probek hatte den Eindruck gewonnen, als hätte Rudi ihn, den alten Kameraden von der Stabskompanie der Panzerbrigade 19, für eine Laufbahn bei der Polizei interessieren wollen. Denn Rudi hatte ihm von seiner Arbeit vorgeschwärmt und ihm dabei offen die Methoden beschrieben, mit denen die Polizei heutzutage gegen Gewalttäter vorging.

Für jeden Gewalttäter wären das ernüchternde Enthüllungen gewesen. Die Erfolge der Polizei bestätigten augenfällig die Wirksamkeit dieser neuen Ausbildungsgänge und die Effizienz der Sondereinheiten.

Nie wäre Probek damals auf den Gedanken gekommen, selbst eine Bank auszurauben, Geiseln zu nehmen, Menschen zu erpressen - oder sogar zu töten.

Doch schon kurz nach seiner Ernennung zum Berufssoldaten zeigten sich Änderungen in seiner Persönlichkeit. Er bekam Schwierigkeiten mit Vorgesetzten und Untergebenen, und immer häufiger reagierte er aggressiv, wenn er mit Problemen konfrontiert wurde. Als er einen Obergefreiten niederschlug, weil er dessen sachlichen Einwand während einer Instruktion als ungerechtfertigte Kritik ansah, wurde er vom Dienst suspendiert. Frustration und eine unüberwindbare Angst vor Verantwortung, stellte der Arzt vom militärpsychologischen Dienst fest und empfahl eine Verwendung in einem Truppenteil, in dem er keine Verantwortung für Menschen oder Material zu tragen hätte.

Probek zog es vor, seinen Abschied zu nehmen.

Mehr als er sich selbst gegenüber zugab, hatte er damit gerechnet, dass sich sein Freund Rudi Wilczyk, inzwischen zum Oberkommissar aufgestiegen, für ihn einsetzen und ihm eine Laufbahn bei der Polizei ermöglichen würde.

Probeks Bewerbung um eine Übernahme in den Polizeidienst wurde abgelehnt. Insgeheim gab er Rudi die Schuld, und ihr Verhältnis kühlte schnell ab. Und Dieter Probek, selbst taktisch geschult und niemandem mehr verantwortlich, begann, an einem Plan zu arbeiten, der all die Informationen berücksichtigte, die er von Rudi bekommen hatte.

Bei einem schnellen, tollkühnen Raubüberfall auf eine kleine Sparkassenfiliale in Hessen erbeutete er das Geld, das ihm eine lange ungestörte Vorbereitung für den großen Coup ermöglichte.

Nach geduldigen Beobachtungen und mehreren Anläufen stieß er auf die Filiale der Spar- und Kreditbank am Herzogplatz. Die taktischen Gegebenheiten waren ausgezeichnet, und in der unzufriedenen, gelangweilten Frau des Filialleiters fand er die ideale Unterstützung für sein Vorhaben.

Probek warf einen Blick auf die Uhr, als eine Lautsprecherstimme die Ankunft des Geldtransporters ankündigte. Das Ultimatum war noch nicht abgelaufen, und Probek vermutete, dass sie den Wagen solange außerhalb des Sichtbereichs der Bank abstellen würden.

Er nahm den Hörer ab und wählte die Nummer, die Junghein ihm gegeben hatte. Er kam auf Anhieb durch und hörte das Rufzeichen, aber Junghein ging nicht an den Apparat. Erst als Probek die Sprechtaste des Walkie-Talkie drückte und sagte: »Geh ran, ich bin's«, meldete sich Junghein.

Probek hörte Musik und Stimmen, die eine verwirrende Geräuschkulisse abgaben.

»Das hört sich an, als ob bei euch 'ne Party läuft«, sagte Probek mit dem Versuch zu scherzen. Doch Junghein ging nicht darauf ein. »Alles klar?«, fragte Probek deshalb.

»Uns wird's langsam warm, aber sonst . . .«

»Dann habe ich eine gute Nachricht«, sagte Probek. »Das Geld ist im Anmarsch. Sie werden es euch allerdings erst vor die Tür stellen, wenn das Ultimatum abläuft. Also in sechzehn Minuten.«

»Und wie soll's dann weitergehen?«

»Ich hab' mir was einfallen lassen. Es ist nicht gut, wenn alles zusammen ist — ihr, die Geiseln und das Geld.«

»Das habe ich mir auch schon überlegt«, sagte Junghein.

»Die Frau des Filialleiters soll es für uns wegbringen.« Junghein schnappte nach Luft.

»Was?«, schrie er.

»Nicht so laut!«, mahnte Probek. »Sie müssen sie fahren lassen, solange ihr noch die Geiseln habt. Verstehst du? Sie können sie weder beschatten noch irgendwas mit dem Geld machen, weil sie davon ausgehen müssen, dass wir die Geiseln erst freilassen, wenn das Geld in Sicherheit ist und wir es geprüft haben. Logo?«

»Dann hast du das Geld, und wir sitzen in der Falle«, stellte Junghein ernüchtert fest.

»Wir teilen«, versicherte Probek mit beschwörender Stimme. »Und ihr habt zusätzlich noch das Geld aus dem Tresor der Bank. Als Prämie, gewissermaßen.« Probek spürte, dass Junghein das Verfahren nicht gefiel. Aber Probeks Trumpf war, dass Junghein keine Wahl hatte.

»Ich müsste verrückt sein! Du spielst dein Spiel . . .«

»Traust du es dir zu, mit drei Geiseln, einem vielleicht präparierten Wagen und einem Koffer voll Geld eine Chance zu haben?«

»Deshalb wollte ich aufgeben. Erinnerst du dich?«

»Ein Mann draußen, nur so geht's«, sagte Probek.

»Für dich vielleicht . . .«

»Die Bullen sind vorsichtig, wenn sie wissen, dass es draußen noch Beteiligte gibt. Was immer geschieht, wir sind Partner.« Probek grinste zynisch. »Wenn sie dich erwischen, kriegen sie auch mich. Für dich gibt es nur zwei Möglichkeiten — entweder du machst mit, oder du steigst aus. Dann bist du weg vom Fenster. Für immer.«

»Was ist, wenn sie nicht will?«, fragte Junghein.

Sie will, dachte Probek. Er zog die Lippen zu einem Grinsen auseinander. Jutta ist scharf auf das Geld, und Jungheins Frage verriet, dass er weitermachen würde.

Laut sagte er: »Wenn es Schwierigkeiten gibt, verlang die Frau des Stellvertreters. Oder eine andere. Irgendeine wird schon mitmachen, wenn sie glaubt, sie kann dadurch das Leben ihres Gatten retten. Außerdem kommt sie dafür in die Zeitung und ins Fernsehen. - Ich melde mich wieder. Du kannst mich von jetzt an während der nächsten Viertelstunde nicht erreichen.«

Als Probek sein Zimmer im fünften Stock des City-Hotels verließ, vergewisserte er sich, dass das Bitte-nicht-stören- Schild noch am Türgriff hing. Er hatte alle verräterischen Gegenstände zwar im Koffer verschlossen, aber er wollte nicht das Risiko eingehen, dass ein dösiges Zimmermädchen trotzdem hereinkam und vielleicht durch Zufall an den Koffer kam.

Er fuhr in die Halle hinunter. Der große Raum konnte kaum die vielen Reporter, Neugierigen und Polizeibeamten fassen, die sich dort aufhielten. In einer halbrunden Nische fand eine improvisierte Pressekonferenz statt. Im Vorbeigehen hörte Probek die Stimme des Polizeisprechers.

». . . kann keine Fernsehkameras zulassen, tut mir leid, das ist eine Anordnung des Polizeipräsidenten.«

»Herr Voss!«, rief ein Reporter. »Können Sie mit Sicherheit ausschließen, dass sich auch Kunden, also Unbeteiligte, in der Gewalt der Geiselnehmer befinden?«

»Ja«, antwortete der Sprecher, den Probek nicht erkennen konnte, wenn er nicht näher heranging.

Er wühlte sich zum Empfangstisch durch. Der Angestellte kam auf ihn zu.

»Guten Tag, Herr Probek«, sagte der Angestellte und lächelte bedauernd. »Ich muss mich für die Störungen entschuldigen. Die Polizei hat den ganzen Frühstücksraum im ersten Stock belegt . . .«

Probek lächelte ebenfalls und hob die Schultern. »Ich fühle mich nicht gestört, aber ich möchte lieber jetzt schon zahlen. Wer weiß, wie lange es nachher dauert.«

»Selbstverständlich, Herr Probek.«

Probek war nicht vorbestraft, deshalb konnte er hier unter seinem richtigen Namen auftreten. Falls die Polizei daranging, die Gäste des City-Hotels zu überprüfen, sollte sie nicht auf ein Phantom stoßen. Bei ihm, Dieter Probek, handelte es sich um einen mäßig erfolgreichen Vertreter aus Essen, der Anzeigen für drei verschiedene Zeitschriften und einen Adressbuch-Verlag verkaufte, auf eigene Rechnung und ohne Gebietsschutz. Er hatte eine Wohnung mit Telefon in Essen, in der er einmal in der Woche übernachtete, und ein Bankkonto, auf das seine Provision und von einem Verlag sogar ein kleines Fixum überwiesen wurde. Niemand würde sich wundern, falls sich herausstellen sollte, dass er mit den Vertretungen nur wenig verdiente. Er war alleinstehend und bemühte sich, nach seiner Bundeswehrzeit Fuß zu fassen und sich eine Existenz aufzubauen.

Der Hotelangestellte steckte seine Karte in den Buchungsautomaten und drehte sich dann zu den Gebührenzählern um, auf denen die Telefoneinheiten registriert wurden.

»Sie hatten 27 Einheiten, Herr Probek.«

»Oh, gut, dass ich daran denke«, sagte Probek. »Ich muss noch einige Gespräche führen . . .«

»Die kann ich Ihnen auf Ihre nächste Rechnung vortragen, Herr Probek«, bot der Angestellte an.

»Danke, das ist sehr entgegenkommend«, sage Probek. Er stellte einen Scheck über den Rechnungsbetrag aus, steckte die Rechnung ein und schob sich erneut durch die Menge.

Die Traube um den Polizeisprecher schien in den wenigen Minuten, die Probek sich jetzt in der Halle aufhielt, noch dichter geworden zu sein.

»Herr Voss, Sie gehören dem Führungsstab an!«, rief ein Reporter. »Können Sie uns sagen, welche Forderungen die Gangster stellen?«

Die Antwort des Polizeisprechers konnte Probek nicht verstehen. Er schob sich näher an den Kreis heran, weil er einen Blick auf den Beamten werfen wollte, der, wie der Reporter gesagt hatte, dem Führungsstab der Kommission angehörte. Er stellte sich auf die Zehenspitzen.

Sein Herz schlug etwas schneller, als er den gedrungenen Mann mit den breiten Schultern und dem schlecht sitzenden Jackett erkannte. Als Voss den Kopf wandte, konnte er auch das fleischige Gesicht und die grauen Strähnen an den Schläfen erkennen. Aus der Nähe sahen die grauen Augen nicht mehr stumpf aus, nur noch gefährlich und kalt.

»Welche Maßnahmen werden Sie treffen, Herr Voss?«

»Wollen Sie die Gangster abfahren lassen? Mit Geiseln?«

Voss hob eine Hand, und die Fragen verstummten. »Ich kann keine Ihrer Fragen beantworten, meine Herren. Die letzte Entscheidung liegt beim Leiter des Sondereinsatzkommandos. Der hat, zusammen mit mir und anderen kompetenten Beamten, verschiedene Handlungsalternativen festgelegt. Seien Sie versichert, dass die Sicherheit und das Leben der Geiseln Priorität haben . ..«

An der Tür, die auf den Herzogplatz hinausging, entstand Bewegung. Ein jüngerer Beamter in Zivil keilte sich rücksichtslos hindurch.

»Herr Voss, kommen Sie bitte!«, rief er dem Kriminalbeamten zu.

Voss nickte den Umstehenden zu. »Das war's, meine Herren, mehr kann ich Ihnen im Augenblick nicht sagen.«

Probek wollte sich abwenden, wurde aber von einem Journalisten angerempelt und von zwei anderen eingekeilt, die zur Seite rückten, um Voss hindurchzulassen.

»Danke, danke«, sagte Voss.

Ein kurzer, unpersönlicher Blick streifte Probek, ein Blick, in dem keine Reaktion entstand, und doch hatte Probek das Gefühl, als träfe ihn ein Blitz mitten ins Hirn.


Kapitel 9

Etwas abrupt brachte Jutta ihren Escort zum Halten. Ihr Blick streifte den braunen Ford Granada, der vor der Garageneinfahrt stand, und blieb dann auf einem gedrungenen Mann haften, an dem ihr zuerst das schlecht sitzende Jackett auffiel. Der Mann lehnte am hinteren Kotflügel des Granada und sah ihr ruhig entgegen. Als sie ausstieg und ihre Einkäufe zusammensuchte, die sie wie üblich wahllos auf dem Rücksitz abgelegt hatte, hörte sie seine Schritte auf dem Pflaster des Gehwegs.

Sie hatte ihre Nervosität bekämpft und war immer wieder an den Schaufenstern der Geschäfte im Einkaufszentrum entlanggegangen, hatte Stoffe befühlt und Kleider draußen auf den Ständern betrachtet. Allein zu Hause, das wusste sie, wäre sie durchgedreht.

Aber jetzt war es soweit.

Die Schritte blieben hinter ihr stehen.

»Sind Sie Frau Ehser?«, fragte der Mann. Er hatte eine tiefe, volle Stimme.

Sie richtete sich auf und drehte sich um. Im Arm hielt sie eine Einkaufstasche. Das Papier war feucht von dem Salat, den sie oben auf die anderen Sachen gepackt hatte.

Der Mann war gedrungen und kaum größer als sie. Er stand leicht vornübergebeugt da und wippte auf den Fußballen, während er sie aus grauen Augen kühl musterte. Als er den Kopf etwas schräg legte, schimmerten die grauen Schläfen wie mit Silber bestäubt.

»Mein Name ist Voss, Kriminalpolizei«, sagte er.

»Kriminalpolizei? Ist etwas passiert?« Ihre Angst brauchte Jutta nicht zu heucheln. So vieles konnte geschehen, schiefgegangen sein.

»Machen Sie sich bitte keine Gedanken, Frau Ehser«, sagte Voss. »Darf ich Ihnen etwas abnehmen?« Er griff nach der durchweichten Tüte, die sie ihm verwirrt überließ.

»Voss, sagten Sie? Haben Sie auch einen Ausweis?«

»O ja, natürlich, verzeihen Sie. Als Frau eines Bankkaufmanns in leitender Position müssen Sie vorsichtig sein.« Umständlich, weil er die Tüte mit einer Hand halten musste, fischte er ein Etui aus seinem Jackett, das er ihr aufgeklappt hinhielt.

»Danke«, sagte sie. »Was ist geschehen?«

»Wollen wir nicht ins Haus gehen? Haben Sie keine Nachrichten gehört?« Sein Blick wanderte kurz über den Escort, der jedoch nicht mit einem Radio ausgestattet war.

Während Jutta vorausging, um die Haustür zu öffnen, trat Voss an den Granada. Jutta bemerkte erst jetzt den Mann am Steuer. Voss sagte etwas zum Fahrer und folgte ihr dann ins Haus. Er stellte die Tüte in der Küche ab und sah sich nach einem Lappen für seine feuchten Hände um. Jutta gab ihm ein Handtuch.

»Die Bank Ihres Mannes wurde überfallen«, sagte Voss. »Ihr Mann und sämtliche Angestellten befinden sich noch in der Gewalt der Täter.«

»O Gott«, sagte sie. »Ist ihm ... ist er . . .?«

»Wir wissen sehr wenig, Frau Ehser. Es sind Schüsse gefallen, aber uns ist nicht bekannt, ob jemand verletzt worden ist. Das ist der Grund, warum wir einer Teilforderung der Täter nachgeben wollen. Sie verlangen zwei Millionen Mark. Das Geld wurde bereits von der Hauptstelle der Spar- und Kreditbank bereitgestellt.«

Was musste sie jetzt sagen? Wie musste sie sich verhalten, um glaubwürdig die Frau zu spielen, die Angst um das Leben ihres Mannes hatte? Sie hatte sich so vieles zurechtgelegt. Es war aus ihrem Gedächtnis verschwunden. Sie konnte den Beamten nur anstarren.

Mach dir nicht zu viele Gedanken, hatte Probek gesagt, als sie mit ihm darüber sprach, wie sie sich verhalten sollte, wenn die Polizei zu ihr kam. Locker oder verkrampft, gefasst oder verzweifelt, es spielte keine große Rolle, weil selbst der erfahrenste Beamte nicht genug Vergleichsfälle kannte, um ihr Verhalten sicher beurteilen zu können. Ob es echt war oder nicht.

Jetzt wich sie den forschenden Augen des Kriminalbeamten aus, indem sie sich umdrehte.

»Kommen Sie bitte mit nach nebenan«, sagte sie.

»Steht dort das Telefon?«, erkundigte sich Voss.

»Ja, hier.« Im Wohnzimmer deutete Jutta auf den Apparat und dann auf einen Sessel. Voss nahm Platz.

»Lange kann ich mich hier nicht aufhalten, Frau Ehser«, sagte er. »Ich bin gekommen, um Sie mit einer Forderung der Geiselnehmer vertraut zu machen. Sie verlangen, dass Sie das erpresste Geld übernehmen und für sie in Sicherheit bringen.«

Das war Probeks Plan. Welche Rolle ihr in der Schlussphase zugedacht war, hatte er ihr erst vor knapp drei Wochen enthüllt. Mehrere Male waren sie zusammen die Strecke abgefahren, die sie, mit der Tasche voller Geld auf dem Nebensitz, nehmen sollte. Allerdings hatte er ihr da noch nicht verraten, wer die Tasche übernehmen würde. Und wo.

»Wo soll ich die Tasche hinbringen?«, hatte sie gefragt, während sie mit ihrem Escort durch den dichten Nachmittagsverkehr nach Leverkusen fuhren.

»Du fährst nur rum, genau die Tour, die wir heute gemacht haben«, hatte er geantwortet. »Unterwegs wird sie dir jemand abnehmen.«

»Wer?«, fragte sie.

»Es ist nicht gut, zuviel zu wissen«, hatte Probek geantwortet.

Dass sie es jetzt wusste, verdankte sie allerdings nicht Probek. Von Anfang an hatte sie das Gefühl gehabt, dass er sie nicht in jede Einzelheit seines Planes einweihte. Er gab immer gerade so viel preis, wie er musste. Er hatte sie mit dem Gedanken an Geld geködert, weil Geld Freiheit verhieß. Dieser Gedanke hatte sich in ihrem Hirn festgesetzt und sie bewogen, Herbert zu ertragen. Eine kurze Zeit noch. Ein Viertel von zwei Millionen. Über das, was sie dafür tun musste, hatte sie sich keine Vorstellung gemacht, weil ihre Phantasie dafür nicht ausreichte. Deshalb war es Probek so leichtgefallen, sie Schritt für Schritt einzufangen und jedesmal fester an sich zu binden.

»Das schaffe ich nicht«, sagte sie, als sie wieder in Leverkusen ankamen und sie den Escort auf den Hof zwischen dem Wohnhaus und der Schreinerei stellten. Es roch würzig nach frisch geschnittenem Holz, und in der Werkstatt kreischte die Säge, während Probek begann, ein flaches, schwarzes Gehäuse unter dem Armaturenbrett des Escort zu installieren.

»Du schaffst es«, sagte er. Er lag unter der Lenksäule auf dem Wagenboden und grinste mit weißleuchtenden Zähnen zu ihr hinauf, während er seine Hüften bewegte, um sich in eine geeignete Position zu schieben. »Du brauchst nur rumzufahren, sonst nichts.«

»Und was machst du da?«, fragte sie beklommen.

»Das ist ein Panoramaempfänger oder Frequenzdetektor«, erklärte er undeutlich. »Damit kannst du feststellen, ob die Polizei einen Peilsender ins Geld oder in die Tasche praktiziert hat. Ich klemme die Nebelschlussleuchte ab und verbinde den Empfänger mit dem Schalter für die Nebelschlussleuchte. Siehst du, niemand kann den Apparat sehen«, sagte er, als er sich wieder aus dem Fußraum wand.

Er nahm ihre Hand und führte sie an die Stelle unter dem Armaturenbrett, wo sie den Umriss des Gerätes fühlte. Er zeigte ihr den Abstimmregler, den sie einmal über den Frequenzbereich führen musste, bevor sie sich mit der Geldtasche auf den Weg machte. Wenn das Gerät ein Piep-Signal hören ließ, sollte sie Probek ein Zeichen geben. Er würde sie die ganze Zeit durch die Okulare seines Feldstechers beobachten. Sie brauchte nur die Scheibe an ihrer Seite herabzudrehen und den angewinkelten linken Arm auf die Fensterkante zu legen. Dann würde er dafür sorgen, dass der Sender wieder ausgebaut wurde, bevor sie abfuhr. Sie selbst hätte nur darauf zu achten, den Empfänger wieder auszuschalten, bevor sie einen Polizisten oder Techniker an den Wagen heranließ.

»Das schaffe ich nicht«, wiederholte sie.

Er legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie ins Haus. Sie spürte die Kraft seiner Hände und die Wärme seines Körpers, und sie wusste, was er von ihr wollte, weil er davon überzeugt war, sie mit Sex bei der Stange halten zu können.

Anfangs war es der Sex gewesen, die pure Lust. Inzwischen war viel mehr hinzugekommen. Ihr war zu vieles bewusst geworden. Sie hatte sich emanzipiert, sie musste frei sein, weil sie die Fesseln nicht mehr ertrug.

»Du schaffst es«, sagte er, als er die Tür seines Zimmers hinter sich schloss und sie zum Bett drängte.

Sie sträubte sich. Sie war zu nervös, und sie hatte Angst. Es gab zuviel, was sie noch nicht wusste.

Er drehte sich um und sah ihr in die Augen. »Vertraust du mir?«, fragte er mit dunkler Stimme.

Verständnislos erwiderte sie seinen Blick.

»Hast du Bedenken, ich könnte dich um deinen Anteil betrügen?«, fragte er.

Sie runzelte die Stirn, dann schüttelte sie langsam den Kopf. Es war zwar absurd, doch keinen Moment hatte sie angenommen, er könnte sie um ihren Anteil betrügen. Sie hatte kein Geld haben wollen. Er hatte sie darauf gebracht, hatte ihr einen Anteil aufgedrängt. Nein, er würde sie nicht betrügen. Nicht um das Geld. Sie konnte ihm gefährlich werden, wenn er sie betrog. Sie kannte seinen richtigen Namen, und sie wusste von seiner Wohnung in Essen. Das winzige Hinterhaus-Apartment in Leverkusen hatte er unter falschem Namen gemietet. Hier hatte er sich einige Male mit Junghein getroffen.

»Was kommt noch?«, fragte sie.

Er lächelte. »Was meinst du?«

»Gibt es noch Überraschungen? Dinge, von denen ich nichts weiß?«

»Keine, die dich angehen«, antwortete er leichthin. Er ließ sie los und wandte sich um. »Ich glaube, du kannst jetzt eine Tasse Kaffee vertragen. Ich mache eben welchen.«

Sie ging ins Bad, um sich frisch zu machen. Mit nassen Händen und nassem Gesicht kam sie wieder heraus.

»Wo hast du die Handtücher?«

»Im Schrank!«, rief er aus der Kochecke. »Du weißt doch Bescheid!«

Sie zog die Tür des alten Kleiderschrankes auf, die wieder einmal klemmte. Die Handtücher hatte Probek ordentlich unten in einer Ecke gestapelt. Probek war ein Mann, der Ordnung liebte.

Sie nahm ein Handtuch und wollte sich schon wieder aufrichten, als ihr Blick sich an dem Gewehr festsaugte. Es stand in der anderen Ecke. Auf dem Schrankboden lag das kurze, gedrungene Futteral aus olivfarbenem, imprägniertem Leinen. Sie verstand nicht viel von Waffen, aber sie wusste, dass das Gewehr in das Futteral gehörte, und weil es so kurz war, schloss sie daraus, dass sich die Waffe zerlegen ließ.

Sie richtete sich auf, drehte sich um und tupfte ihr Gesicht ab. Probek kam mit einem Tablett herein, auf dem die Tassen standen.

»Was hast du?«, fragte er.

»Was ist das für ein Gewehr?«, fragte sie.

Langsam stellte er das Tablett ab, ruhig kam er auf sie zu. Er griff an ihr vorbei und holte die Waffe aus dem Schrank.

»Das ist ein Präzisionsschützengewehr«, erklärte er. »Eine Bundeswehr-Version des gleichen Modells, mit dem auch die Knaben vom MEK schießen. Es hat dasselbe Kaliber und einen entscheidenden Vorteil - es lässt sich zerlegen.«

Mit wenigen Handgriffen, die Übung und Routine verrieten, nahm er es auseinander und ließ es im Futteral verschwinden.

»Wofür brauchst du das? Rechnest du doch damit, dass sie dich stellen könnten?«

Probek warf den Kopf in den Nacken und lachte, wobei die Sehnen am Hals scharf hervortraten.

»Ein Gewehr ist keine Nahkampfwaffe«, sagte er.

»Du weichst mir aus!«

Probek lachte nicht mehr. »Ich rechne nicht damit, dass sie mich kriegen, aber ich berücksichtige selbst unwahrscheinliche Eventualitäten. Für den Fall habe ich dieses hier.«

Er griff in den Schrank und holte einen Gegenstand heraus, der in ein weiches Tuch gewickelt war. Er schlug die Ecken des Tuchs auf, bis die große blauschwarze Pistole sichtbar wurde.

»Das ist eine P 1. Bestes Material von der Bundeswehr, wie das Gewehr.« Er wickelte die Pistole wieder in das Tuch und legte sie in den Schrank zurück. »Komm, da steht der Kaffee.«

Sie rührte sich nicht. Er würde sich gegen eine Verhaftung zur Wehr setzen, das konnte sie in etwa verstehen. Probek war kein Mann, der sich einsperren ließ. Er würde lieber sterben, obwohl auch das eine Einstellung war, die sie nur schwer nachvollziehen konnte.

»Wofür brauchst du dann das Gewehr?«, fragte sie, und bevor er eine ausweichende Antwort geben oder ihr eine Lüge auftischen konnte, stieß sie nach. »Sag mir die Wahrheit, oder ich mache nicht mit.«

Er sah sie an, und seine straffen Lippen zuckten, bis sie sich zu einem hinterhältigen Lächeln verzogen, das sie hätte warnen sollen.

»Ist das dein Ernst?«, fragte er.

»Ja«, antwortete sie feierlich.

»Du machst also mit?«

Er hatte sie überlistet. Sie saß in der Falle, die sie selbst aufgestellt hatte.

»Mein Problem ist Junghein«, sagte er. »Er kennt zwar meinen richtigen Namen nicht, aber wir haben uns einige Male getroffen. Er könnte zu viele Hinweise auf meine Person geben.«

Sie verstand nicht.

»Sie haben keine Chance, verstehst du? Mit dem Geld werden wir sie überrumpeln. Das werden sie fahren lassen müssen. Aber sie werden die drei nicht einfach davonfahren lassen. Es gibt da ganz klare Planspiele bei der Polizei. Sie alle basieren darauf, dass die Täter im Fall von Geiselnahmen den Tatort möglichst nicht verlassen dürfen. Man wird alles tun, um sie gewissermaßen zu ihren eigenen Gefangenen zu machen, verstehst du?«

»Ich bin mir nicht sicher . . .«

»Sie wollen sie in der Bank halten. Hinhalten, mit ihnen verhandeln, bis sie müde sind. Sie vertrauen darauf, dass sich zwischen Tätern und Opfern eine Gruppensituation einstellt. So etwas wie eine Notgemeinschaft. Sie rechnen doch damit, dass Geiselnehmer ihre Geiseln nicht erschießen, wenn sie nur lange genug zusammen eingesperrt sind. Verstehst du?«

»Das verstehe ich. Aber . . .«

»Augenblick. Wir bringen ihr Konzept durcheinander. Wir verhandeln nicht. Wir reden doch einfach nicht miteinander. Und wir lassen auch keine Geisel frei, keine einzige, so dass sie weder wissen, was in der Bank los ist, noch, mit wie vielen Tätern sie es zu tun haben. Sie werden das Geld heranschaffen, weil sie denken, dann können sie die Täter wieder hinhalten . . .«

»Ja, aber . . .«

»Aber dann kommst du. Jemand von außen fährt mit dem Geld davon. Dagegen können sie nichts tun, verstehst du? Aber sie werden die Täter nicht abfahren lassen, nicht ohne Geiseln, und schon gar nicht mit Geiseln.«

»Du meinst, die Polizei wird auf sie schießen?«

»Und wenn nicht, werde ich nachhelfen.« Er legte das Gewehr in den Schrank zurück. »Was mit den anderen passiert, ist nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass Junghein nicht reden kann.«

»Weißt du, was das ist?«, fragte Jutta tonlos. »Das ist Mord!«

»Nenne es, wie du willst!« Er fuhr zu ihr herum und packte sie an den Schultern. »Es geschieht auch zu deiner Sicherheit! Denk immer daran — wenn sie mich kriegen, kriegen sie auch dich. Nicht, dass ich dich verpfeifen würde, keine Sorge, aber zu viele haben uns zusammen gesehen. Und auf Ibiza haben wir in demselben Hotel gewohnt. Sie würden sogar bis zur Geburt meiner Großeltern zurückgehen, solange der Verbleib der Beute nicht geklärt ist. Bis zur letzten Mark.«

Voss legte den Hörer auf und steckte den Zettel ein, auf dem er etwas notiert hatte. Er wandte sich zu Jutta um.

»Wir müssen jetzt gehen«, sagte er. »Das heißt, wenn Sie bereit sind.«

Sie nickte. »Gibt es etwas Neues?«

»Das erzähle ich Ihnen unterwegs.«

Als sie das Haus verließ, fiel ihr erster Blick auf den Escort, und ihr Herz zog sich krampfartig zusammen.

Der Mann aus dem Granada, den Voss als seinen Fahrer bezeichnete, stand an ihrem Wagen. Er war zweifellos ebenfalls Kriminalbeamter. Hatte er sich den Escort genauer angesehen? Oder waren ihm die Plastiktüten und die alten Zeitungen aufgefallen, die sie unter die Vordersitze gestopft hatte?

Doch dann sah sie die herabgedrückten Sperrstifte, und sie atmete auf. Sie hatte den Wagen gewohnheitsmäßig abgeschlossen.

Voss ging auf den Fahrer zu, der die rechte Tür des Granada öffnete. Voss beugte sich herein. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er etwas in der Hand, das wie eine Broschüre aussah.

»Ich fahre mit Frau Ehser«, sagte er zu dem Beamten. »Kommen Sie hinter uns her. Achten Sie auf den Funk.«

Jutta schloss die Fahrertür des Escort auf, dann sah sie Voss fragend an, der bereits an der anderen, noch verschlossenen Tür wartete.

»Wollen Sie fahren?«, fragte sie.

»Ich möchte Sie fahren sehen«, antwortete er.

Sie stieg ein und entriegelte die Beifahrertür. Er setzte sich hinein und zog die Tür zu.

»Wir fahren über die Kaiserallee«, sagte er. »Dort am Kaufhaus müssen wir kurz anhalten.«

Jutta sah auf seine Hände. Was sie für eine Broschüre gehalten hatte, entpuppte sich als zusammengefalteter Stadtplan.

»Ich kenne mich aus«, sagte sie stirnrunzelnd.

Voss legte den Stadtplan auf die Ablage. »Dann los, fahren wir«, sagte er.

Jutta kam sich wie eine Fahrschülerin bei der Prüfung vor. Ihr war bewusst, dass Voss wissen wollte, ob ihre Nerven der kommenden Belastung standhalten würden. Das Anfahren missglückte prompt. Der Wagen ruckte, und Voss wurde nach vorn geworfen. Er sagte nichts dazu, und Jutta gewann rasch an Sicherheit.

Voss beugte sich zu ihr hinüber, um einen Blick auf die Benzinuhr zu werfen. Sie hatte gestern erst getankt. Voss lehnte sich zurück.

»Das Benzin dürfte reichen«, meinte er. »Wenn man Sie nicht nach Stuttgart oder Hannover fahren lässt.«

Jutta sah starr geradeaus. An der nächsten Ecke blinkte sie und bog ab. Sie fühlte sich kühler, als sie erwartet hatte.

»Sie brauchen es nicht zu tun«, sagte Voss ruhig. Sie spürte seinen Blick von der Seite, aber sie sah geradeaus.

»Ist es . . . gefährlich?«, fragte sie.

»Das kann man nicht sagen. Es besteht die Gefahr, dass ein außenstehender Komplize Sie als Geisel nimmt.«

Ihr Gesicht zuckte.

»Zuerst sah der Fall nach einem, sagen wir einmal, herkömmlichen Banküberfall aus, bei dem die Polizei etwas zu früh am Tatort erschien. Dadurch entstehen übrigens die meisten Fälle von Geiselnahmen. Unbeabsichtigt, verstehen Sie? Jemand in der Bank löst den Alarm aus, die Polizei ist sehr schnell da, und der Laden ist dicht.«

»Und was glauben Sie?«, fragte Jutta.

»Wir glauben jetzt, dass es sich um ein sorgfältig geplantes Verbrechen handelt. Die Täter haben uns bereits mehrfach überrascht. Niemand könnte es Ihnen verdenken, wenn Sie die Fahrt nicht machen wollen.«

»Sie werden mich doch beobachten? Mich schützen?«

»So gut es geht, aber rechnen Sie nicht damit, dass wir Sie in jeder Sekunde unter Kontrolle halten können. Die Täter haben Sie mit Ihrem Wagen genau vor die Bank bestellt. Aus gutem Grund, Frau Ehser.«

Jutta beobachtete den Fahrer des Granada im Rückspiegel. Er hielt gerade den Hörer des Funktelefons an sein Ohr, aber er blinkte nicht zum Zeichen, dass eine Nachricht für Voss vorlag.

»Und der wäre?«

»Die Täter haben den Überfall von langer Hand vorbereitet. Es ist anzunehmen, dass sie Sie und Ihren Wagen kennen. Sie wollen sichergehen, dass wir ihnen kein präpariertes Fahrzeug vorsetzen. Und statt Ihrer Person eine Beamtin. Oder einen als Frau zurechtgemachten Beamten.« Voss lächelte. »Das haben wir alles schon durchexerziert.«

»Sie können doch, ich meine, man liest immer von solchen Dingen, Sie können doch einen Peilsender an meinem Wagen anbringen. Oder in der Tasche mit dem Geld verstecken.«

Voss seufzte. »Sie fragten eben nach dem Telefongespräch, ob es Neues gäbe. Ja, die Gangster haben ihre Forderungen präzisiert. Das Geld soll umgepackt werden, und zwar in eine ganz bestimmte Tasche, die wir jetzt im Kaufhaus an der Kaiserallee holen werden. Die Täter haben sogar eine Markierung am Etikett dieser Tasche angebracht.«

»Wenn sie inzwischen verkauft ist?«, warf Jutta ein.

»Das dürfte unwahrscheinlich sein. Ich vermute, dass die Markierung erst vor wenigen Minuten, kurz vor dem Gespräch, in dem die Täter diese neue Bedingung stellten, angebracht wurde. Möglicherweise wird der Kauf dieser Tasche beobachtet, vielleicht werden wir beobachtet.«

Jutta schauderte.

Ob Probek etwas von der Einfühlungskraft dieses Mannes ahnte?

Jutta stoppte kurz an einer Ampel und bog dann in die Kaiserallee ab.

»Die Täter werden die Anweisungen an Sie erst im letzten Augenblick übermitteln«, spann Voss den Faden weiter. »Ich vermute, dass man Sie auffordern wird, ein bestimmtes Café oder eine Gaststätte aufzusuchen, und dass man Sie dort anrufen wird. Was dann geschieht, hängt von Ihnen ab. Ich möchte es Ihnen nicht zumuten, uns eine Nachricht zukommen zu lasen. Wir werden versuchen, Sie zu verfolgen, aber wir müssen uns so weit zurückhalten, dass wir Sie jederzeit verlieren können. Besonders dann, wenn man Sie zwingen sollte, schärfer zu fahren.«

Jetzt musste Jutta unwillkürlich an Probek denken, dessen Planung bisher genau stimmte. Weil sie, die angeblich Unbeteiligte, das erpresste Geld wegbringen sollte, würde die Polizei sie über alle Maßnahmen aufklären.

»Sicher ist nur eins, Frau Ehser«, sagte Voss, »wir haben es hier mit einer Bande zu tun, die von einem gerissenen Kopf gesteuert wird. Wie gesagt, es ist allein Ihre Entscheidung, ob Sie fahren wollen oder nicht.«

»Ich weiß«, sagte sie mit kleiner Stimme. »Ich glaube, ich muss es tun. Für meinen Mann.«

Großer Gott, dachte sie, was erzählst du da bloß für einen Mist!

»Was geschieht dann?«, fragte sie schnell. »Ich meine, wenn ich abgefahren bin?«

»Es wird erst wieder etwas geschehen, wenn ein Mitglied der Bande das Geld in seinen Besitz gebracht hat und es den Geiselnehmern meldet. Dann werden sie davonfahren wollen.«

»Sie werden Geiseln mitnehmen?«

»Sie werden versuchen, sich von Geiseln decken zu lassen«, räumte Voss ein.

»Was werden Sie tun?«

Voss zögerte mit der Antwort. Als er dann antwortete, klang seine Stimme entschlossen. »Wir werden alles

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 11.01.2017
ISBN: 978-3-7396-9269-2

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