Cover

Das unheimliche Haus

Unheimlicher Roman von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.

 

Alles beginnt damit, dass im Haus von Martha Finch die Leiche ihres Ex-Verlobten gefunden wird, der es auf ihr Geld abgesehen hatte. Doch das ist erst der Anfang einer Serie mysteriöser Vorgänge, in deren Verlauf Martha nicht nur zur Tatverdächtigen wird, sondern erfährt, dass ihr Haus das Tor zu einer Welt des Bösen darstellt. Und sie soll zur Frau des Herrn dieser Welt werden …

 

In den 70er-Jahren belebte eine neue Generation von phantastischer Literatur das in Deutschland recht angestaubte Genre, die der Heftromane. Eine Vielzahl von Reihen und Serien bot jedem Geschmack die passenden Geschichten. Das Format des E-Books macht es nun möglich, die Kleinode deutscher Pulp-Fiction ins digitale Zeitalter hinüberzuretten und einer neuen Generation von Lesern zugänglich zu machen

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: netfalls/123RF, 2016

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



1

Ellen Mastersons jäher, greller Schrei zerschnitt das fröhliche Geplauder der Vierergruppe wie mit einem scharfen Messer.

Ellen, die Jüngste in der Runde, saß plötzlich wie gelähmt am Kaffeetisch, mit entsetzt geweiteten Augen und halboffenem Mund, in dem noch etwas von dem Kuchen steckte, den sie sich gerade zu Gemüte geführt hatte.

Die drei anderen Frauen musterten Ellen fassungslos und verstanden nicht, was geschehen war. Nur zögernd folgten sie Ellens starrem Blick, der sich an der gegenüberliegenden, erst kürzlich tapezierten Zimmerwand förmlich festgesaugt hatte.

Dann schrie auch die Gastgeberin, Martha Finch.

Sie bewohnte das alte Haus am nördlichen Ortsrand erst seit einer Woche und hatte ihre alten Freundinnen aus der Stadt zu einem kleinen Umtrunk eingeladen.

Die drei jungen Frauen waren gern gekommen.

In der Stadt hatten sie sich in einem Bridgezirkel regelmäßig getroffen und stets gut verstanden. Martha Finchs Umzug auf das Land war allgemein bedauert worden. Doch die Freundinnen hatten Verständnis für Marthas Beweggründe. Nach einer großen Enttäuschung mit ihrem Verlobten brauchte sie Ruhe, eine neue Umgebung und eine neue Aufgabe. Das alte, noch immer herrschaftlich wirkende Haus war eine einmalige Gelegenheit gewesen.

Martha Finch erhob sich.

Zitternd legte sie beide Hände wie haltsuchend auf die Tischplatte.

Auch Martha war anzumerken, dass sie meinte, ihren Augen nicht trauen zu dürfen. Trotzdem war ihr Schrei nicht so laut wie der von Ellen gewesen, eher verwundert als entsetzt.

Nun sahen auch die beiden anderen Frauen, Norma Kilby und Anne Wutherland, was Ellen schockiert hatte.



2

Über die helle, neue Seidentapete des Wohnzimmers sickerte ein fingerbreites, dunkelrot glänzendes Rinnsal.

Blut!

So sah es jedenfalls aus.

Keine der Frauen zweifelte daran, dass es sich um Blut handelte.

Das Rinnsal sickerte aus einer winzigen Öffnung dicht unterhalb der Zimmerdecke und teilte sich

jetzt bei einer Unebenheit in der Wand in zwei dünne, parallel herabfließende kleine Bächlein.

Martha Finch setzte sich wieder.

Eine plötzliche Schwäche in den Knien zwang sie dazu.

„Mein Gott!“, hauchte sie nur.

Ellen Masterson zwang sich dazu, den Kopf zu wenden.

Sie blickte durch die schmalen alten Bleiglasfenster nach draußen.

Der Tag war grau und verhangen, und ein hässlicher Wind jagte dunkle Wolkenfetzen tief über das flache Land.

Vor dieser düsteren Kulisse hatten die drei aus der Stadt eingetroffenen Besucherinnen das Haus zum ersten Mal gesehen.

Sie hatten seine romantische Fassade mit den vielen Türmchen und Erkern bewundert, aber sie hatten sich auch darüber lustig gemacht und gemeint, dass dieses alte Gemäuer sicherlich von Geistern und Dämonen bevölkert sei. Es war nur ein Scherz gewesen, aber in diesem Moment schien es fast so, als sei daraus grauenerregende Wirklichkeit geworden.

Vor dem Kaffeetrinken hatten sie einen kleinen Rundgang durch das Haus unternommen.

Er hatte sich im wesentlichen auf die Räume im Erdgeschoss beschränkt. Die obere Etage war ungenutzt.

Erstens benötigte Martha Finch nicht so viele Räume, und zweitens wäre es zu teuer geworden, die alten halbverfallenen Zimmer im Obergeschoss wieder instand zu setzen.

Ellen Masterson starrte erneut auf das Rinnsal.

Aus der Öffnung quoll immer noch Blut.

„Was ist über dem Zimmer?“, murmelte sie.

„Nichts! Ein leerer Raum“, erwiderte Martha Finch fassungslos.

„Es muss eine einfache Erklärung dafür geben“, sagte Norma Kilby.

Sie war mit ihren 39 Jahren die Resoluteste der Gruppe.

Sie leitete in der Stadt einen Supermarkt und galt als Symbolfigur weiblicher Emanzipation.

Jedenfalls wurde sie von den drei anderen, die keinem Beruf nachgingen und in sehr soliden wirtschaftlichen Verhältnissen lebten, allgemein bewundert.

„Es ist Blut! Es sieht aus wie Blut!“, stellte Martha Finch mit bebender Stimme fest.

„Unsinn, das ist Fruchtsaft. Irgendein Himbeer- oder Erdbeersirup.“

„Seit wann fließt Sirup einfach aus der Wand?“, murmelte Ellen Masterson.

Sie begann zu kauen.

Sie merkte erst jetzt, dass sie noch Kuchen im Mund hatte.

„Ich möchte wetten, dass das Haus meterdicke Wände und Decken hat“, meinte Norma Kilby. „Vermutlich haben die früheren Besitzer während des Krieges ein paar Vorräte unter den Dielenbrettern des über uns liegenden Raumes versteckt. Die Gläser mit dem Eingemachten wurden später vergessen, und sie blieben an ihrem Platz. Martha hat jetzt das Erdgeschoss renovieren lassen. Bei dem Gehämmer muss eines der Gläser geplatzt sein. Offenbar brauchte der Inhalt mehr als eine Woche, um sich einen Weg durch Putz und Tapete zu bahnen.“

Martha Finch stieß hörbar die Luft aus.

Auch die anderen zeigten deutliche Erleichterung.

Ellen Masterson brachte sogar ein Lächeln zustande.

„Du bist ein Schatz, Norma. Ich habe mich wirklich ins Bockshorn jagen lassen.“

„Hmm! Erdbeersirup“, meinte Anne Wutherland und erhob sich.

Sie war der Clown der Gruppe, eine stupsnäsige blonde Frau von 35 Jahren, die zwei Kinder hatte und nicht im entferntesten darunter litt, dass ihr Mann sie mit anderen Frauen betrog.

„Den liebe ich besonders, den Jahrgang dreiundvierzig“, fügte sie lachend hinzu.

Sie tauchte ihren Finger in das klebrige rote Nass und schmeckte es unter dem halb belustigten, halb entsetzten Gekreische der Freundinnen ab.

Plötzlich ging eine jähe Wandlung mit Anne Wutherland vor.

Ihr rundes vergnügtes Gesicht fiel buchstäblich auseinander.

Ihre Augen traten aus den Höhlen.

Sie spuckte würgend, hielt sich mit beiden Händen an der Kommode fest und ächzte:

„Lieber Himmel, es ist wirklich Blut ...“

Die Frauen erstarrten.

Lähmendes Schweigen senkte sich über die Runde.

Norma Kilby stand auf.

Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen und versuchte zu beweisen, dass ihre Theorie stimmte.

„Unsinn!“, sagte sie. „Natürlich ist das Zeug jetzt verdorben. Es schmeckt nicht mehr süß, sondern eher säuerlich.“

Anne Wutherland eilte hinaus.

Man hörte das Klappen der Badezimmertür, und dann wurde die Wasserspülung betätigt.

„Die Ärmste“, sagte Ellen Masterson. „Sie erbricht sich.“

Norma Kilby trat an die Wand.

Zögernd tauchte sie den Zeigefinger der rechten Hand in das schmale Rinnsal.

Sie schnupperte an dem Nass, schüttelte den Kopf und sagte, von plötzlicher Skepsis befallen: „Komisch ist das schon ...“

„Also kein Fruchtsaft?“, hauchte Martha Finch.

„Offenbar nicht. Aber es muss doch eine plausible Erklärung dafür geben!“, meinte Norma Kilby. Sie trat an den Tisch und säuberte sich mit einer Serviette den Finger.

Martha Finch starrte auf den sich rot färbenden Damast und murmelte:

„Es ist Blut! Es ist Blut!“

„Gehen wir nach oben. Sehen wir nach, was es ist“, schlug Norma Kilby vor.

„Ich habe Angst“, bekannte Ellen Masterson.

„Angst? Am hellichten Tag?“, fragte Norma Kilby erstaunt.

„Oben brennt kein Licht“, sagte Martha Finch.

„Wir nehmen eine Lampe mit. So was hast du doch im Haus?“, fragte Norma Kilby.

Martha Finch nickte, aber sie traf keine Anstalten, sich zu erheben.

Die Tür öffnete sich.

Anne Wutherland betrat den Raum.

Sie war leichenblass und presste sich ein Taschentuch vor den Mund. Es war zu erkennen, dass sie sich krampfhaft darum bemühte, das immer noch fließende rote Rinnsal zu ignorieren.

„Die Lampe!“, forderte Norma Kilby energisch.

Sie wollte dem Spuk ein Ende bereiten.

Vielleicht wollte sie sich und den anderen auch nur beweisen, wie töricht es war, sich vor einem roten Bächlein zu fürchten.

„Ich kann jetzt nicht hinausgehen“, meinte Martha Finch mit schwacher Stimme.

„Aber du wohnst hier“, stellte Norma Kilby fest. „Du bist sonst allein im Haus. Du bist schon in wenigen Stunden, wenn wir nach Hause gefahren sind, wieder allein. Du darfst dich nicht unterkriegen lassen, Liebste.“

„Ich könnte den Bürgermeister herbitten. Er ist sehr nett“, meinte Martha.

„Willst du dich auslachen lassen? Erst sehen wir selbst nach dem Rechten! Komm mit, wir gehen gemeinsam!“, entschied Norma.

Ihr resolutes Auftreten verfehlte nicht seine Wirkung.

Die anderen schüttelten ihre Furcht ab.

Sie holten die Lampe und stiegen über die uralte Holztreppe nach oben.



3

Durch die kleinen Bleiglasscheiben sickerte nur wenig Licht ins Innere der seit vielen Jahren ungenutzten Räume. Die Türrahmen waren teils zerborsten, teils herausgerissen, und von den schmutzigen Wänden hingen große Fetzen verschossener und verblichener Tapeten herab.

„Wie hat man das Haus nur so verkommen lassen können?“, fragte Norma Kilby, die mit der Taschenlampe voranging und den Lichtkegel über Dielen, Wände und Decken huschen ließ.

„Es war schließlich nicht ohne Grund so fabelhaft billig“, meinte Martha.

„Du musstest aber ein Vermögen investieren, um es wieder wohnlich zu gestalten“, wandte Anne ein.

„Sie hat es ja“, meinte Norma trocken. „Es trifft keine Arme.“

Sie blieben stehen.

Norma leuchtete die Dielenbretter ab.

„Hier ist es doch, nicht wahr?“, fragte sie.

„Ja, das ist das Zimmer“, bestätigte Martha.

Norma machte zwei Schritte nach vorn.

Die alten Dielenbretter knarrten.

Plötzlich ertönte fernes Donnergrollen.

Die Frauen sahen sich an, neue Furcht in den Augen.

„Was war das?“, fragte Ellen. „Donner? Um diese Jahreszeit, bei diesem Wetter? Das ist doch ausgeschlossen!“

„Hast du noch nichts von Wintergewittern gehört?“, fragte Norma ärgerlich.

Sie lief Gefahr, von der allgemeinen Furcht angesteckt zu werden, und wehrte sich dagegen.

„Seht mal!“, meinte Anne Wutherland und streckte den Arm aus. „Da sieht man, dass die Dielenbretter erst kürzlich herausgehoben worden sind.“

„Ich habe dazu keinen Auftrag erteilt“, erklärte Martha.

„Halt mal die Lampe!“, bat Norma die neben ihr stehende Martha.

Dann bückte sie sich und versuchte, eines der losen Dielenbretter zu lösen.

Sie stieß eine Verwünschung aus, als sie sich dabei einen rotlackierten Fingernagel abbrach.

„Ich brauche eine Eisenstange, irgendein Ding mit Hebelwirkung“, sagte sie.

„So etwas besitze ich nicht“, meinte Martha.

„Dann besorge mir einen großen Kochlöffel. Der tut es auch“, sagte Norma.

Eine Minute später hielt sie das Gewünschte in der Hand.

Sie hob mit dem flachen Griffende eines der losen Bretter heraus.

Wieder war es Ellen, die zuerst losschrie. Anne fiel in das Geschrei ein.

Die beiden anderen schwiegen.

Sie waren vor Entsetzen wie gelähmt.

Sie starrten in das Gesicht eines Toten mit weit aufgerissenen, blicklosen Augen, in denen noch etwas vom Terror seines Sterbens glänzte.


4

Der Tote hatte schütteres blondes Haar, das wirr um den schmalen, kantigen Schädel stand. Der offene Mund war wie zu einem letzten Schrei geformt, und der Hals war blutverschmiert.

Anne Wutherland sank lautlos in sich zusammen, von den anderen kaum bemerkt.

Sie hatte das Blut eines Toten geschmeckt.

Diese Erkenntnis hatte sie wie ein Schock getroffen und ihr das Bewusstsein geraubt.

Norma hatte sich aufgerichtet.

Sie hielt immer noch den Kochlöffel in der Hand, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Sie brachte es einfach nicht fertig, ihren Blick vom Gesicht des Toten zu lösen.

Sie wusste, dass sie dieses Bild bis ans Ende ihrer Tage nicht vergessen würde.

„Anne!“, keuchte Martha.

Sie hatte als Erste bemerkt, was der Freundin widerfahren war.

Der Anblick der Ohnmächtigen brachte Leben in die anderen.

Sie bemühten sich um Anne.

Sie versuchten, sie aus dem Raum zu tragen, aber das erwies sich als undurchführbar.

Ihnen fehlte einfach die Kraft für ein solches Unternehmen.

Immerhin waren sie abgelenkt, wenn auch nur für Sekunden.

Dann richtete sich Martha auf und sagte:

„Ich muss die Polizei benachrichtigen, und den Bürgermeister.“

„Was hat der Bürgermeister damit zu schaffen?“, fragte Norma. „Die Mordkommission muss her!“

„Wir sind ein Dorf mit knapp vierhundert Einwohnern“, sagte Martha Finch. „Hier gibt es nur einen Polizisten. Er ist dem Bürgermeister unterstellt und weiß vermutlich nicht einmal, wie ein Protokoll aussieht.“

„Sie kommt zu sich“, sagte Ellen.

Anne hob blinzelnd die Lider.

Die Frauen halfen ihr auf die Beine und aus dem Zimmer.

Als sie sich im Wohnzimmer versammelt hatten, wurden sie von dem blutigen Rinnsal an ihre Pflicht erinnert. Martha rief den Bürgermeister an. Er hieß Lester Brown.

„Finch“, meldete sie sich mit bebender Stimme. „Ich habe ein paar Freundinnen aus der Stadt eingeladen. Wir haben soeben eine schreckliche Entdeckung gemacht. Unter den Dielenbrettern eines Raumes im Obergeschoss liegt ein Toter. Bitte kommen Sie sofort her! Wir sind völlig ratlos und konsterniert..

Sie legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten, und setzte sich.

Wieder ertönte draußen ein fernes, aber deutlich näherrückendes Donnergrollen.

„Kennst du den Toten?“, fragte Norma und sah Martha an.

„Nein, wieso? Warum fragst du mich das?“

„Er liegt in deinem Haus und ...“

Sie zögerte. Dann unterbrach sie sich und schwieg.

„Und?“, drängte Martha.

„Norma hat recht“, meldete Anne sich zu Wort. „Der Tote sieht aus wie dein Verlobter. Dein Ex-Verlobter“, fügte sie hinzu.



5

Martha Finch schluckte, und ihr Atem beschleunigte sich.

Die starren Augen des Toten hatten sie schockiert. Sie hatte sofort weggeblickt und nicht die Kraft gehabt, das Gesicht näher zu betrachten.

„Wie? Ken?“, murmelte sie. „Nein, das ist nicht euer Ernst! Ken ist nach Australien gegangen. Das wisst ihr doch!“

„Du hast es uns erzählt. Richtig!“, sagte Norma. „Aber jetzt liegt er oben, unter den Dielenbrettern. Tot.“

„Das ist nicht wahr, das glaube ich nicht! Wer sollte ihn hergebracht haben? Wer sollte ihn getötet haben?“, stieß Martha Finch hervor.

Keine der Frauen antwortete.

Martha Finch holte tief Luft.

Sie begriff, was auf sie zukam.

Sie musterte ihre Freundinnen, eine nach der anderen. Nur Norma hatte den Mut, ihrem Blick zu begegnen und ihm standzuhalten.

Marthas Lippen zuckten bitter.

Sie war plötzlich dem Weinen nahe.

„Ich verstehe“, sagte sie kaum hörbar. „Ihr denkt also, ich hätte es getan. Aus Rache. Weil er meinen Stolz verletzt hat.“

„Rede keinen Unsinn! Niemand von uns denkt so etwas“, meinte Anne Wutherland hastig. „Aber du musst damit rechnen, dass die Überlegungen der Polizei in diese Richtung gehen werden. Du musst dich jedenfalls darauf gefasst machen.“

„Das ist doch absurd!“, erklärte Martha schweratmend.

Sie merkte, dass sie Mühe hatte, eine plötzliche hysterische Anwandlung zu unterdrücken. „Zugegeben, ich habe Ken zuletzt gehasst. Er hat das selbst verschuldet. Aber deshalb würde ich ihn doch nicht umbringen! Lieber Himmel, ich bin keine Mörderin!“, schloss sie fast schreiend.

Die anderen schwiegen betroffen und vermieden es, Martha anzusehen.

Irgendwo im Haus ertönte ein dumpfer Knall.

Der Sturm hatte an Heftigkeit zugenommen.

„Was war das?“, fragte Anne Wutherland ängstlich.

„Ein Fenster, nehme ich an“, meinte Norma Kilby. „Der Wind hat es aufgestoßen.“

Martha Finch erhob sich und ging zur Tür.

„Was hast du vor? Willst du das Fenster schließen?“, fragte Norma Kilby.

„Ich will mir den Toten ansehen“, erwiderte Martha, ohne sich nach der Fragestellerin umzusehen. „Ich muss mich vergewissern, ob es wirklich Ken ist.“

Keine der Frauen folgte ihr nach oben.



6

Martha hörte das Klappern eines losen Fensterflügels und das Pfeifen und Heulen des Sturmes.

Sie war überrascht von ihrer plötzlichen Gelassenheit und ihrem Mut.

Stille und Einsamkeit hatten ihr nie etwas anzuhaben vermocht. Sonst wäre sie kaum auf den Gedanken gekommen, dieses Haus zu kaufen.

Aber jetzt musste sie sich fragen, ob es nach der schaurigen Entdeckung dieses Tages möglich sein würde, in dem Haus zu bleiben.

Sie zögerte, ehe sie den Raum betrat, in dem der Tote lag.

Aber dann gab sie sich einen Ruck und starrte in das leblose Gesicht mit dem offenen Mund und den weit aufgerissenen, schreckerfüllten Augen.

Ihr Herz schlug seltsam träge.

Es war ihr, als würde auf einmal dickflüssiges Öl durch die Adern pulsieren.


Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 20.11.2016
ISBN: 978-3-7396-8417-8

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /