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Verschollen im Blutwald

von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.

 

Dotty Cramer interessiert sich für das Okkulte und die alten Legenden und besucht darum den Bluteichenwald von Sufford Hills. Während die Dunkelheit hereinbricht, fühlt sie sich plötzlich verfolgt. Sie wird von einer panischen Angst überfallen und flüchtet. Sie stolpert und verletzt sich, so dass sie sich nicht mehr fortbewegen kann. Plötzlich steht der Earl of Sufford vor ihr auf und bietet an, Hilfe zu holen. Während er davoneilt, wird Dotty von einem Unbekannten gewürgt.

Als sie aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht, befindet sich im Schloss, wo sich der Earl hingebungsvoll um sie kümmert. Dotty fragt sich, wer sie töten wollte und warum?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© Cover by pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Der Earl of Sufford - Er ist Hüter eines blutigen Erbes, das ihm selbst zum Verderben wird.

James - Der unheimliche Butler des Earls.

Dotty Cramer - Sie liebt das Okkulte und wird eine Gefangene des Grauens.

Constance Fournet - Sie bezahlt ihren Hang für Überraschungen fast mit dem Leben.


1

Dotty Cramer lief um ihr Leben. Sie rannte quer durch den Wald, wie von tausend Teufeln gehetzt. Sie fühlte, dass ihr das nichts half, dass das Grauen immer näher und näher kam, und dass es nur seine blutrünstigen Schlingarme auszustrecken brauchte, um sie einzufangen und mitleidslos zu erdrosseln.

Sie stolperte über eine Wurzel, fiel zu Boden, riss sich keuchend hoch und versuchte zu schreien, aber die ausgepumpten, gequälten Lungen versagten ihr den Dienst. Sie brachte nur einen würgenden Krächzlaut zustande, ein irres Signal tiefster Verzweiflung. Sie rannte weiter und stürzte erneut. Diesmal blieb sie liegen. Sie presste das Gesicht in den feuchten Waldboden, roch den Moderduft faulender Blätter und musste an den Friedhof denken, an Tod und Verwesung.

Sie war ausgelaugt, am Ende ihrer Kräfte. Plötzlich wünschte sie sich das Ende herbei. Sie wollte nicht länger fliehen müssen. Sie kapitulierte vor dem Entsetzen.

Ihr Atem beruhigte sich. Sie hörte über sich das sanfte Rauschen der Blätter und Zweige und wunderte sich, dass die Schritte des Verfolgers nicht länger zu hören waren.

Er steht neben dir, dachte sie erschauernd. Er weidet sich an deiner Ohnmacht. Er hat seine Krallenhände bereits ausgestreckt und dürstet danach, sie dir in den weißen Hals schlagen zu können.

Mit einem Ruck hob sie den Kopf. Ihre Lebensgeister erwachten.

Nein, sie würde sich nicht von dem Terror unterkriegen lassen, dafür war sie zu jung. Sie würde sich wehren und war entschlossen, dem Unheimlichen zu zeigen, dass er eine Dreiundzwanzigjährige nicht wie ein Opferlamm hinschlachten konnte.

Sie schaute sich um. Es war halbdunkel. Sie konnte nicht viel weiter sehen als zehn Schritte, dahinter stauten sich diffuse Schatten. Der Unheimliche war verschwunden, aber vielleicht lauerte er hinter einem Baum, hinter einem Strauch, in einer Bodensenke.

Dotty Cramer kam auf die Beine. Sie registrierte erst jetzt das schmerzhafte Stechen in ihren Lungen, aber das hysterische Hämmern ihres Herzens verebbte. Sie strich sich eine weizenblonde Haarsträhne aus der Stirn und spürte den Schweiß, der daran klebte.

Plötzlich musste sie lachen, kurz und fast irre. Sie erschrak vor dieser Reaktion, sie machte ihr Angst.

Du bist verrückt, schalt sie sich. Ein überdrehtes, dummes Ding. Wahrscheinlich ist dir ein Halbstarker gefolgt, irgendein Provinzknabe, der dich kennenzulernen wünschte und die absurde Idee hatte, dir in den Wald zu folgen. Es gibt keine Geister, keine Vampire, keine mordenden Waldmenschen. Es gibt nur deine Phantasie, die dir wieder mal ein Bein gestellt hat.

Natürlich lag es auch an der Umgebung, an dem nahen, alten Schloss mit seiner düsteren Silhouette, am Land und nicht zuletzt an den grausamen Legenden,die hier seltsam lebendig wirkten, als wäre die Zeit stehengeblieben.

Sufford Hills und Oaks Place, das Schloss und der Ort, sie bildeten mit dem sogenannten Bluteichenwald ein skurriles Mosaik aus atmosphärisch geprägtem Erleben und geschichtsträchtiger Wirklichkeit.

Dotty Cramer holte tief Luft. Sie bemühte sich, den Spuk abzuschütteln, der sie in einen Zustand plötzlicher Panik versetzt hatte. Aber das gelang ihr nur für wenige Sekunden, dann war die Angst wieder da. Die saß ihr im Nacken und quälte sie. Sie hatte den Unheimlichen gesehen, wenn auch nur als riesigen Schatten. Sie hatte ihn gehört, seine Schritte und das Knacken der trockenen Äste, als er versucht hatte, sie einzuholen.

Dotty Cramer begann erneut zu zittern. Sie befand sich immer noch mitten im Wald. Nicht in irgendeinem, sondern im Blutwald.

Sie schaute sich um: Eichen. Die meisten davon uralt, mit knorrigen, riesigen Ästen, die den Eindruck machten, als versuchten sie nach ihr zu greifen. Zwischen den Bäumen Dickicht und Gestrüpp. Durch den Wald führten ein paar Wege, an denen einige Hinweisschilder mit historischen Anmerkungen standen. Wenn es richtig war, was sie aussagten, dann war in diesem Wald im frühen vierzehnten Jahrhundert eine blutige Schlacht geschlagen worden.

Soweit die Wirklichkeit.

Der Legende zufolge hatten die Eichen die Menschenblutströme in sich aufgenommen. Sie hatten daraus Kraft und Schönheit geschöpft, aber sie waren mit ihren roten Blättern auch zu einem schaurigen Denkmal des Leidens geworden, das der Wald erlebt hatte.

Es gab noch andere, noch absurdere Legenden, die sich mit diesem Wald verbanden, aber Dotty wollte jetzt nicht daran denken. Sie konnte ihren Nerven keine weiteren Anstrengungen zumuten.

„Quatsch“, rief sie laut. Es war, als betätigte sie eine Notbremse. Sie musste sich einfach zur Raison rufen, sonst drehte sie durch.

Es gab keine Bäume, die Menschenblut brauchten, um leben zu können. Sie war kein Kind mehr. Sie war ein erwachsenes, modernes Mädchen, das sich in London als Chefsekretärin bewährte und von ihren Freunden als aufgeschlossen und intelligent bezeichnet wurde. Es war an der Zeit, sich diesen Umstand ins Gedächtnis zu rufen.

Freilich, ihre Londoner Umgebung wusste kaum etwas von ihrem Hang zum Skurrilen, zum Morbiden, Spirituellen und Unheimlichen. Dotty Cramer hielt es für klüger, nicht darüber zu sprechen. Sie hatte keine Lust, sich fremdem Spott auszusetzen. Und doch war diese Neigung in ihr vorhanden. Ihr verdankte sie den Wochenendtrip nach Oaks Place, von dem sie so lange geträumt hatte, die Reise nach Sufford Hills, dessen grausame, bizarre Geschichte sie anzog und faszinierte.

Es hieß, dass in diesem Wald schon Dutzende schöner Mädchen und Frauen spurlos verschwunden waren. Die Reiseführer vermerkten es gleichsam augenzwinkernd, und der Earl of Sufford tat nichts, um diese makabren Märchen zu unterbinden. Er war reich und geschäftstüchtig. Ihm konnte es nur recht sein, wenn die neugierigen Touristen in den zur Besichtigung freigegebenen Nordflügel des Schlosses strömten und dafür einen respektablen Obolus entrichteten.

Dotty gab sich einen Ruck. Sie musste sich beeilen, wenn sie noch vor dem Einbruch totaler Dunkelheit aus dem Wald kommen wollte. Sie bewegte sich mit klopfendem Herzen vorwärts. Sie blieb immer wieder stehen und fragte sich erschauernd, warum sie hinter jedem Ast den gierig ausgestreckten Arm eines Dämons zu sehen vermeinte.

Diesen Spaziergang würde sie niemals vergessen, das stand jetzt schon fest. Ebenso sicher war, dass sie keinem Menschen von ihrer Angst und von ihrem grotesken Fluchtversuch berichten würde. Ein eisiges Erschrecken lähmte sie. Sie hatte eine Stimme gehört.

„Komm, Liebste!“

Ein Flüsterton, ein Zischen, das aus dem Kosmos zu kommen schien und glühend heiß unter ihre Haut drang. Es wurde dunkler, die Schatten rückten näher, sie drohten sie zu erdrücken. Dotty Cramer begann erneut zu rennen. Sie lief und lief. Sie machte nicht einmal halt, als plötzliche Helligkeit vor ihr auftauchte, der Waldrand, eine grüne, sanft zum Schloss hinaufsteigende Weide.

Das Stechen in ihren Lungen wurde unerträglich, ihre Beine waren schwer wie Blei. Sie wurde langsamer, dann blieb sie stehen. Sie wandte sich um. Der Wald lag hinter ihr und bildete eine fast schwarze, drohende Wand mit blutrot schimmernden Baumkronen.

Niemand war zu sehen, nichts zu hören.

Dotty Cramer zitterte. Sie hatte die Stimme gehört. Sie hatte die Schritte vernommen, hatte sogar die Konturen des Verfolgers gesehen. Sie wusste, dass das keine Hirngespinste gewesen waren.

Diese Stimme ...

Sie schüttelte sich. Sie hatte das Gefühl, von dieser lockenden, höhnischen Stimme weiter verfolgt zu werden, zurück in das kleine Gasthaus am Ortsausgang von Oaks Place, zurück in die scheinbare Geborgenheit eines Zimmers. Sogar zurück nach London, das so weit war und nach dem sie sich jetzt sehnte wie nach einem sicheren Hafen.

Sie blickte hinauf zum Schloss. Es ließ sich stilmäßig schlecht einordnen. Es war über Jahrhunderte hinweg erbaut und verändert worden. Die Stilformen hatten sich ergänzt und verwischt. Geblieben war ein düsterer, trotziger Bau, mehr Burg als Schloss, eine Festung mit Türmen und Zinnen. Es war ein schwarzer Komplex, über dem die Fahne des Earls wehte, und in dem drei hell erleuchtete Fenster wie Fremdkörper wirkten.

Dotty schleppte sich weiter. Der Himmel färbte sich blutrot ein. Dotty blickte erschauernd zurück zum Wald. Das Laub leuchtete fast phosphoreszierend und bot einen Anblick, der die Beobachterin zwischen Entzücken und Grauen schwanken ließ.

Plötzlich stolperte sie über einen Stein und kam zu Fall. Sie versuchte aufzustehen, aber es ging nicht. Ein stechender Schmerz in ihrem Fußgelenk machte deutlich, dass sie sich die Sehne gezerrt oder einen Knochen angeknackst hatte. Sie waren benommen. Es wollte nicht in ihren Kopf hinein, dass dieses Malheur sie ausgerechnet jetzt traf, in einem Moment, wo die Flucht abgeschlossen schien. Der Alptraum, den sie bereits hinter sich gewähnt hatte, lebte wieder in ihr auf. Sie war nur fünfzig oder sechzig Schritte vom Walde entfernt und sah keine Möglichkeit, sich in der immer stärker werdenden Dunkelheit ins Dorf zu retten. Sie konnte doch nicht auf allen Vieren ins Gasthaus kriechen. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen, und selbst, wenn sie versuchte, um Hilfe zu rufen, war zweifelhaft, ob man sie hören würde. Außerdem hatte sie Angst vor einem solchen Handeln. Ihr Rufen konnte dem Unheimlichen klarmachen, dass sie hilflos am Wegrand lag, ein leichtes Opfer für seine blutrünstigen Absichten.

„Lieber Himmel, hilf mir!“, betete sie und schaffte es, sich zu erheben. Sie stand auf den Beinen, aber sie konnte sich nicht bewegen. Ihr linker Fuß schmerzte höllisch, und sie glaubte zu spüren, wie er anschwoll.

Das Rot des Himmels erlosch. Es machte einem tiefen Dunkelblau Platz, in dem bereits ein schwarzer Kern lag, ein Stück Nacht.

Sie wagte einen Schritt, dann noch einen. Sie blieb stehen. Nein, es ging nicht. Die Schmerzen nahmen zu. Offenbar hatte sie sich etwas gebrochen.

„Hilfe“, schrie sie. „Hilfe!“

Der Wald war so nahe, mit zunehmender Dunkelheit schien er näher zu rücken. Fast schien es so, als streckte er besitzergreifend seine Äste nach ihr aus.

„Hilfe“, wiederholte sie schreiend. Sie blickte hinauf zum Schloss. Konnte man sie dort hören?

Die hellen Fensterrechtecke leuchteten warm getönt ins Dunkel. Sie signalisierten Geborgenheit und Hilfe, aber trotz ihrer scheinbaren Nähe waren sie unendlich weit.

Dotty Cramer wiederholte ihr Rufen. Sie schleppte sich ein paar Schritte weiter, dann blieb sie erneut stehen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie wurde von Angst, Verzweiflung und Schmerz geplagt. Sie wünschte sich zurück nach London, zurück in die Sicherheit ihres kleinen, schicken Apartments in Chelsea. Aber im Augenblick gab es keine Möglichkeit, diese Träume zu realisieren.

Was konnte, was musste sie tun, um das Schloss zu erreichen, um erst einmal gehört und bemerkt zu werden? Ihr fiel die Handtasche ein, die sie an einem Lederriemen über der Schulter zu tragen pflegte. Sie enthielt ein Feuerzeug und eine winzige Taschenlampe. Damit konnte sie sich in der Dunkelheit bemerkbar machen. Wenn sie die Lampe schwenkte, würde man vielleicht die seltsamen Signale wahrnehmen.

Sie erschrak, als sie entdeckte, dass die Tasche verschwunden war. Offenbar hatte sie sie auf der Flucht durch den Wald verloren. Diese Erkenntnis schnürte ihr die Kehle zu. In der Tasche befanden sich ihr Geld, das Scheckbuch, die Ausweispapiere und eine wertvolle Brillantbrosche, ein Erbstück, das sie nicht im Gasthaus hatte zurücklassen wollen.

Alles in ihr drängte danach, kehrt zu machen und die Tasche zu suchen, aber mindestens drei Dinge standen diesem Wunsch im Wege. Da war einmal die Dunkelheit, die die Suche zum Scheitern verurteilte, da war die Angst vor dem Unheimlichen, und da war ihre Unfähigkeit, sich zu bewegen.

„Hilfe!“, schrie sie.

Sie weinte jetzt laut. Sie konnte nicht anders, ihre Verzweiflung brauchte ein Ventil. Der Anfall ging rasch vorüber. Sie schalt sich töricht. Dies war nicht der rechte Augenblick, um die Nerven zu verlieren. Die Schmerzen in ihrem Fuß waren schlimm und erschreckend, aber das Erlebnis im Wald war schlimmer gewesen.

Sie erreichte eine Bank am Weg und setzte sich darauf. Sie legte das Bein hoch, betastete das Gelenk und spürte unter der Fußschwellung das heiße, pochende Blut.

Plötzlich hörte sie Schritte. Sie kamen vom Wald her, sie näherten sich ihr. Dotty Cramer setzte den Fuß auf den Boden, sie saß wie erstarrt. Obwohl alles in ihr danach drängte, aufzuspringen und davonzulaufen, wusste sie, dass es diesmal keine Flucht gab. Sie war dazu verdammt, sich nicht vom Fleck zu rühren.

Sie schaute hinter sich. Sollte sie sich einfach flach auf den Boden werfen und darauf vertrauen, dass der Unheimliche sie im immer stärker werdenden Dunkel nicht bemerkte?

„Hallo?“, rief eine laute Männerstimme. „Hallo.“

Dotty Cramer schluckte. Ihr Herz schlug hoch oben im Hals. Sie schwieg.

Die Schritte kamen näher, der Ruf wiederholte sich. Dotty Cramer gab sich einen Ruck.

„Hier bin ich! Helfen Sie mir, bitte!“

Das Dunkel entließ einen Schatten, der rasch Konturen annahm, auf sie zustrebte und sich zum Bild eines hochgewachsenen Mannes verdichtete, dessen Gesichtszüge sie nur als blasses Oval wahrnehmen konnte. In diesem Oval waren die Augen dunkle, mit fragender Neugier erfüllte Schächte, vor denen sie aber erst in dem Augenblick keine Angst mehr hatte, als der Fremde zu sprechen begann. Seine sympathische, dunkle Stimme fegte ihre Furcht beiseite. Auf einmal war alles gut, sogar die Schmerzen in ihrem Fuß waren vorübergehend vergessen.

„Haben Sie um Hilfe gerufen?“, erkundigte sich der Mann teilnahmsvoll.

„Ja. Ich war verzweifelt. Ich habe mir den Fuß verstaucht, vielleicht sogar gebrochen. Ich kann nicht gehen. Ich sah keine andere Möglichkeit, mich bemerkbar zu machen.“

„Sie haben ganz richtig gehandelt“, sagte der Mann. „Mein Name ist Sufford. Ich gehe zum Schloss und sorge dafür, dass Sie mit dem Wagen abgeholt werden.“

„Sufford?“, echote sie verwirrt. Der Earl! Sie hatte gehofft, ihn einmal zu sehen. Er war schließlich so mit Legenden umrankt wie das Schloss, das ihm gehörte, ein uralter Adelsspross, ein Stück lebendiger Geschichte. Aber sie hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, ihn persönlich kennenzulernen.

„Ja. Ich wohne dort oben“, sagte er und wies auf das Schloss. „Gestatten Sie - welches Bein ist es?“

Sie legte es auf die Bank. Er trat näher und beugte sich darüber. Seine Hand war angenehm, sanft und wissend zugleich. Er schien, als habe er die Fähigkeit, zu heilen.

„Kein Bruch“, stellte er fest, „aber eine Sehnenzerrung, die Ihnen noch ein paar Wochen lang zu schaffen machen wird. Wir haben keinen Arzt in Oaks Place. Es wird am besten sein, wenn ich mich um das Malheur kümmere. Sie sind Touristin?“

„Ja“, erwiderte sie, „ich bin im ,Old Inn‘ abgestiegen.“

„Ein gutes Haus“, sagte er, „aber wohl kaum der richtige Ort, um mit einer solchen Verletzung fertig zu werden. Ich quartiere Sie im Schloss ein.“

„Oh, ich danke Ihnen, aber ich möchte Ihnen keine Ungelegenheiten verursachen“, meinte sie hastig. „Außerdem werde ich am Montag in London erwartet.“

„Mit diesem Fuß? Ausgeschlossen“, erklärte er. „Er muss einige Tage Ruhe haben. Totale Ruhe. Umschläge werden Ihnen helfen. Ich mache das schon. Versäumen Sie denn in London einen wichtigen Termin?“

„Nein, aber mein Chef braucht mich“, sagte sie verwirrt.

„Ich fürchte, er wird mindestens eine Woche lang ohne Sie auskommen müssen“, meinte der Earl. „Ich gehe jetzt hinauf zum Schloss und sorge dafür, dass Sie mit dem Wagen abtransportiert werden. Ich beeile mich. Lassen Sie den Fuß auf der Bank liegen und rühren Sie sich nicht vom Fleck, bitte. Haben Sie schon zu Abend gegessen?“

„Nein.“

„Ich lasse Ihnen eine Kleinigkeit anrichten. Außerdem sorge ich dafür, dass Ihr Gepäck aus dem ,Old Inn‘ geholt wird. Darf ich erfahren, wie Sie heißen?“

„Oh, entschuldigen Sie bitte“, sagte Dotty und war froh, dass die Dunkelheit ihr schamvolles Erröten überdeckte. Sie nannte ihren Namen.

„Gut, Miss Cramer“, sagte der Earl. „Ich gehe jetzt. Bis später ...“

Er wandte sich

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 01.11.2016
ISBN: 978-3-7396-8134-4

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