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TODESKUSS PER TELEFON

Die Agentin – Heiße Fälle im Kalten Krieg

Band 14

von A. F. MORLAND

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Ein goldener Drachengott fordert mehrere Opfer, doch in Wahrheit steckt noch mehr dahinter: eine hochbrisante Secret Service Angelegenheit. Mehr durch Zufall gerät Spitzenagentin Natalia Ustinov mitten hinein in die Sache, für die sie ihr ganzes Können benötigt. Der Auftrag führt sie nach Las Vegas und in ein atemberaubendes Abenteuer in der Wüste Nevadas.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Sie war ein eiskalter Todesengel.

Das warme Wasser prasselte auf ihre goldbraune, samtene Haut, massierte die wohlgerundeten Schultern, floss über die üppigen Brüste, den flachen Bauch und das helle Dreieck aus dichtem, gekräuseltem Haar zwischen ihren Lenden.

Nun drehte sie den Wasserhahn ab und verließ das Badezimmer. Mit einer raschen Bewegung zog sie die Duschhaube ab. Eine Flut blonden Haares wallte auf ihre Schultern. Sie wickelte sich in ihr Badetuch und warf einen Blick auf die schmiedeeiserne Wanduhr, die neben dem Mahagonischrank hing.

Es ist Zeit, dachte Vivien Morris. Zeit, Herbie Bell zu töten.

Sie nahm den Telefonhörer ab. Ihre Miene verfinsterte sich. Der Junge, den sie nun anzurufen gedachte, tat ihr nicht leid. Er war ein Plappermaul. Ein Quasselkopf. Leute wie Herbie Bell konnten dem Unternehmen »Drachengott« schaden. Bell konnte den Mund nicht halten. Also musste es jemand anders für ihn tun. Und zwar für immer.

Vivien wählte den Anschluss von Bells Bungalow auf dem Long Island Sound.

Es läutete einige Male. Vivien nahm das kleine Gerät zur Hand, das neben dem Apparat lag. Sie wartete. Als sie den Hörer ärgerlich in die Gabel werfen wollte, klappte es doch noch mit der Verbindung. »Ja!«, rief Herbie Bell am anderen Ende des Drahtes. Er atmete schnell, schien gelaufen zu sein.

»Hallo, Herbie«, sagte Vivien mit spröder Stimme.

»Oh, Vivien.« Es klang erschrocken.

»Ich möchte mich von dir verabschieden.«

»Verab…?«

»Natürlich kriegst du noch ein Küsschen von mir mit auf die Reise.«

»Reise?«, fragte Bell verwirrt. »Auf welche Reise denn?«

»Auf die Reise ins Jenseits!«, sagte das blonde Mädchen scharf. Und dann drückte sie auf den Impulsgeber.



2

Als das Telefon im Bungalow anschlug, stoppte Herbie Bell seinen schwarzen Impala gerade vor der Garage. Mit einem federnden Satz sprang er aus dem Fahrzeug. Sein jungenhaftes Gesicht war von Kummer zerknittert. Er fühlte sich seit einiger Zeit nicht mehr so richtig wohl in seiner Haut, fühlte sich an Leib und Leben bedroht, ohne jedoch konkrete Beweise für dieses unangenehme Gefühl in der Hand zu haben. Vielleicht war es so etwas wie eine vage Vorahnung. Aber wie sollte er mit einer Vorahnung zur Polizei gehen? Die würden ihn auslachen, wenn er so verrückt war, um Hilfe zu bitten.

»Ja, ja, ich komm’ ja schon!«, knurrte Bell. Er verzog das Gesicht und wischte sich das braune Haar aus der Stirn. Ärgerlich kramte er in seinem Leinenanzug herum. Endlich fand er die Bungalowschlüssel und schloss die Tür auf. Dann rannte er an den Apparat.

Das Wohnzimmer war nach Schema 08/15 eingerichtet. Jeder vierte Bungalow war hier draußen auf die gleiche Weise ausgestattet. Durch die Panoramascheibe konnte man viel vom Sound sehen, auf dem Jachten und Segelboote in wirrem Durcheinander kreuzten, ohne dass es zu nennenswerten Karambolagen kam.

Herbie Bell, vierundzwanzig, schmal wie ein Handtuch, mit rehbraunen Augen und langer Nase, hatte in dem Moment, als er nach dem Telefonhörer griff, nur noch wenige Sekunden zu leben.

Er ahnte nicht, dass man während seiner Abwesenheit eine Bombe in das Gehäuse seines Telefons eingebaut hatte. Vivien Morris hatte jetzt nur noch eines zu tun: Ein kleiner Druck aufs Knöpfchen und hier brach die Hölle los.

»Ja!«, rief Herbie Bell in die Membrane. Als er Viviens Stimme erkannte, begann er unwillkürlich zu schwitzen. Und was sie ihm sagte, machte ihm entsetzliche Angst. Sie redete von einer Reise ins Jenseits! O Gott! Herbie wollte den Hörer bestürzt in die Gabel werfen. Zu spät. Vivien hatte bereits auf den Impulsgeber gedrückt. Die Explosion erfolgte augenblicklich.

Herbei Bell spürte nur noch einen verdammt harten Schlag.

Und dieser Schlag nahm ihm blitzartig das Leben. Es war noch eine vergleichsweise freundliche Todesart, die Vivien für ihn ausgewählt hatte.



3

Natalia Ustinov lag im knappen Bikini auf dem Achterdeck des gemieteten Kajütenkreuzers. Ole Eriksson lag neben ihr und genoss wie sie die warmen Strahlen der Sonne, die es mit New York endlich mal wieder so richtig gut meinte. Jerry Armstrong, der kleine, dickliche Glatzkopf, braute indessen drei kräftige Drinks zusammen.

Plötzlich ein Knall.

Natalia Ustinovs Kopf ruckte herum.

»Was war das?«, rief der Kleine von unten heraus.

Natalias dunkle Augen suchten das Ufer ab. Sie wies auf einen Bungalow, der nahe am Wasser stand. »Dort drinnen scheint es den Knall gegeben zu haben!« Dünner Rauch kräuselte aus dem Fenster.

»Sehen wir nach, was da passiert ist?«, fragte Ole Eriksson. Er sprang rasch auf die Beine.

»Kann nicht schaden«, gab Natalia zurück.

Eriksson startete sogleich die Chrysler Zwillingsmotoren. Der Kajütenkreuzer fegte mit »Full Speed« dem Ufer entgegen. Knapp davor drehte der blonde Hüne bei. Armstrong kam den Niedergang hochgeturnt.

Das bildschöne, schwarzhaarige Mädchen federte als erste auf die mit Natursteinen ausgelegte Plattform hinüber.

Nummer zwei war Ole Eriksson. Und Jerry, der Pechvogel, wäre um ein Haar zu kurz gesprungen und ins Wasser geplumpst. Er ruderte erschrocken mit den Armen, gewann das Gleichgewicht im allerletzten Moment doch noch zurück und eilte mit nervös zuckenden Wangen hinter Nat und Ole her.

Beißender Rauch legte sich auf Natalias und Oles Lungen. Sie erreichten die schattige Terrasse. Die Tür war offen. Sie betraten den Wohnraum. Die Apokalypse war hier durchmarschiert. Die Explosion hatte die Bilder von der Wand gefegt und die Sitzgelegenheiten umgeworfen. Sogar eine Kommode hatte die Druckwelle von ihrem angestammten Platz geschoben.

Hinter dem umgekippten Sofa ragten zwei Beine hervor ...



4

Ein Strohmann hatte das Penthouse für Stadnikow gemietet.

Kaum ein Mensch wusste, dass der Russe in New York war.

Stadnikow war ein schwerfälliger Fettsack. Er litt an Diabetes. Was hatte ihm Dr. Sellkow neulich erzählt? Etwa zwei Prozent der Bevölkerung in den Zivilisationsländern leiden an Diabetes. Als Todesursache steht diese Krankheit an achter Stelle. Die Lebenserwartung des Diabetikers wird vom Ausmaß der Gefäßkomplikationen bestimmt ... Seit acht Jahren musste sich Stadnikow in regelmäßigen Abständen Insulin spritzen. Seit acht Jahren hatte der Russe keine Freude mehr am Leben. Aber was sollte er machen? Sich umbringen? Lebend konnte er seinem Staat noch eine Weile nützlich sein. Deshalb harrte er aus. Allzu lange würde er vermutlich ohnehin nicht mehr auf dieser Welt verweilen können.

Stadnikow blickte auf seine goldene Taschenuhr.

Er kratzte sich das schwammige Kinn, die Brust, den voluminösen Bauch. Dieses verdammte Hautjucken. Manchmal war es so lästig, dass er hätte schreien mögen.

Der Russe schürzte die fetten Lippen.

Seiner Schätzung nach lebte Herbie Bell jetzt bereits nicht mehr. Stadnikow schielte zum Telefon hinüber. In ein paar Minuten würde Vivien Morris diese Annahme bestätigen.

Da schlug die Klingel an.

Stadnikow grinste. Prompt und präzise war dieses Teufelsmädchen. Man konnte sich wirklich hundertprozentig auf sie verlassen. Ächzend quälte sich der Russe aus dem Sessel hoch. Seine schweren Fettmassen wälzten sich auf das Telefon zu. Er überlegte. Da war doch diese leidige Sache in Panama City. Ob er Vivien nicht dorthin beordern sollte? Die Idee war nicht einmal so übel. Er wollte sie im Auge behalten.

Seine feiste Pranke grapschte sich den Hörer.

»Hier Smith!«, log er in gutem Amerikanisch in die Sprechrillen.

»Hier Brown«, sagte Vivien Morris am anderen Ende ...



5

Mit drei federnden Sprüngen war Natalia Ustinov bei dem jungen Mann. Sie stieß das Sofa fort, und dann bekam sie jenes grausige Gefühl, das sich immer durch ihren Bauch wühlte, wenn sie mit einer Leiche konfrontiert wurde. Kreideweiß war das Gesicht des Jungen. Die Augen waren weit aufgerissen. Verwunderung lag in seinem gebrochenen Blick. Er schien es selbst im Tod noch nicht fassen zu können, wie ihm so etwas hatte passieren können.

Ole trat neben Natalia. Er wies auf das Telefonstück, das zwischen den Beinen des Jungen lag und äußerte seine Vermutung: »Bombe im Fernsprecher. Nicht mal besonders neu. Aber verdammt wirksam.«

Obwohl Natalia den Jungen nicht kannte, ging ihr sein Tod furchtbar nahe. Das Sterben ist so eine verfluchte Sache. Keinem Menschen bleibt es erspart. Aber muss es einem schon im Alter von vierundzwanzig oder fünfundzwanzig Jahren passieren?

»Hundsgemeiner Mord aus der Ferne«, knurrte Ole.

»Wir müssen das der Polizei melden«, sagte Natalia. Sie erhob sich.

»Klar«, nickte Ole.

Jetzt erst kam Jerry Armstrong in den Bungalow. Er japste nach Luft. »Ist hier irgendeinem Chemiker ein Experiment misslungen?«, fragte der Kleine, vom Laufen außer Atem.

»Schlimmer!«, sagte Eriksson mit harter Miene. »Hier wurde einer auf eine ganz heimtückische Art vom Leben zum Tod befördert.«

»O heilige Mutter Gottes!«, stöhnte Armstrong.

Da Natalia Ustinov wusste, wie schlecht Jerry im Allgemeinen das Blut fremder Menschen vertragen konnte, wollte sie ihn aus dem Raum drängen, ehe sein Blick auf die Leiche fiel.

Sein Blick schaffte es aber doch irgendwie. Im selben Moment wurden Armstrongs Knie weich. Und mit einem Gesicht, das genauso bleich war wie das von Herbie Bell, sank der Kleine langsam an der Wand zu Boden.



6

»Hier Smith!«, hatte Stadnikow gesagt.

»Hier Brown«, hatte Vivien Morris schmunzelnd zurückgegeben.

»Was gibt es?«

»Erfolgsmeldung. Der Junge hat die geplante Reise angetreten«, sagte Vivien. Sie zündete sich mit einer Hand eine Chesterfield an. Den Rauch blies sie zur Decke.

»Na, wunderbar!«, freute sich Stadnikow. »Ich habe gewusst, dass ich mich auf Sie verlassen kann.«

Vivien lachte hart. »Geld übt eben einen magischen Zauber auf mich aus.«

»Ach ja. Der vereinbarte Betrag wird selbstverständlich noch heute auf Ihr Konto überwiesen.«

»Sie sind sehr großzügig.«

»Gute Arbeit gehört gut honoriert, das ist meine Meinung.«

Vivien streifte die Asche von der Zigarette ab. »Gibt es sonst noch etwas, das ich für Sie tun konnte?«

Stadnikow lachte amüsiert. »Sie möchten wohl schnell reich werden, was?«

»Wer möchte das nicht?«, gab Vivien zurück. »Ist Ihnen der Aufenthaltsort von Wang Tse bekannt?«

»Man hat ihn in Las Vegas entdeckt.«

»Soll ich mich um ihn kümmern?«, fragte das blonde Mädchen.

»Nicht nötig. Norton Wayne und Albert Lacy haben das bereits übernommen.«

»Ach so«, sagte Vivien enttäuscht.

»Im Vertrauen gesagt, von Wayne und Lacy halte ich nicht allzuviel.«

»Nun ja, sie sind keine Spitzenkräfte, aber auch sie haben ihre Qualitäten. Ich denke, es wird ihnen nicht schwerfallen, Wang Tse daran zu hindern, den Drachengott, den wir haben wollen, bei den Amerikanern abzuliefern.«

»Wir wollen es hoffen«, bemerkte Vivien.

»Sagen Sie …«, sagte Stadnikow und machte eine kleine Pause.

»Ja?«, fragte das blonde Mädchen erwartungsvoll.

»Sagen Sie, was halten Sie von einer kleinen Reise?«

»Oh, ich verreise für mein Leben gern«, lächelte Vivien Morris. »Mein Koffer ist ständig gepackt. Wo sollte es denn hingehen?«

»Panama City. Würde es Ihnen da gefallen?«

»Es war schon immer mal mein Wunsch, die Hauptstadt der Bananenrepublik kennenzulernen.«

»Ich lasse morgen ein Flugticket mit ein paar Anweisungen für Sie hinterlegen«, sagte Stadnikow.

Vivien strahlte. Ein neuer Auftrag. Egal, was es war. Hauptsache, er brachte genügend Geld ein. Und das tat er garantiert. Dafür bürgte schon der Name Stadnikow. »Sie können voll und ganz mit mir rechnen!«, versprach der blonde Todesengel.

»Das freut mich«, meinte der Russe. »Freut mich wirklich sehr.«



7

Es war beinahe ein Sakrileg, in diesem vornehmen Speiserestaurant von Mord zu sprechen.

Der dicke Charles Newton, ein Buddha im maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug, aß mit Genuss sein Dutzend Austern. Newton leitete, ohne dass es viele Leute wussten, eine gut funktionierende Geheimorganisation, der auch Natalia Ustinov angehörte. Sie hatten beide ihren Tarnberuf. Newton war Rechtsberater der Großfinanz. Und Natalia mimte ein rassiges Callgirl, durch dessen Bett zumeist Männer krochen, die Geheimnisträger ersten Ranges waren und von Nat auf die sanfte Kätzchentour ausgehorcht werden sollten.

Als Nat das Lokal vor einer Viertelstunde betreten hatte, hätte der Dicke seine beste Agentin beinahe nicht erkannt. Sie verstand sich hervorragend aufs Maskieren, und sie fand, dass es nicht gut war, wenn man sie mit dem Dicken zu oft zusammen in der Öffentlichkeit sah.

Deshalb kam sie in der gebeugten Gestalt einer alten, vornehmen Dame an Newtons Tisch. Sie trug ein dunkles Kostüm mit einer großen goldenen Brosche daran. Ihr Haar war violett getönt, und die Falten um Mund und Augen sahen so echt aus, dass man ihr, selbst bei mehrmaligem Hinsehen, gute fünfundsechzig Jahre zugestehen musste.

Nat machte sich den Spaß, zu fragen: »Ach bitte, ist hier noch frei?«

Newton blickte auf und sagte: »Tut mir leid, Madam, aber ich erwarte noch jemanden.«

»Aber Chef, für mich werden Sie doch wohl noch ein Plätzchen übrighaben«, sagte Nat daraufhin amüsiert.

Die Augen des »Buddha« weiteten sich und wurden groß wie Suppenteller. »Oh! Nat! Ich bitte um Vergebung. Ich hatte ja keine Ahnung …«

»Schon verziehen«, sagte Natalia. Newton erhob sich und rückte ihr den Stuhl zurecht, wie es der Knigge verlangte.

Nach dem Essen tranken sie Beaujolais. Natalia nippte am Wein und nickte. »Vorzüglich.«

»Für meine beste Agentin ist mir nichts zu teuer«, grinste der Dicke.

»Aber seit wann das denn?«, fragte Natalia belustigt. Sie dachte an die ewigen harten Kämpfe, die sie mit dem Dicken auszutragen hatte, wenn sie ihm ihre Spesenabrechnung präsentierte. Newton räusperte sich verlegen und strich das weiße Tischtuch glatt, obwohl es ohnedies glatt war.

Nat wurde ernst.

»Sie denken an diesen Jungen, nicht wahr?«, sagte Newton.

»Ja«, seufzte Natalia. »Herbie Bell. Vierundzwanzig Jahre alt. Plötzlich ein Knall. Und die Lebensuhr läuft nicht mehr weiter. Ist das nicht schrecklich?«

Newton brannte sich eine Zigarre an. Er nickte mit zusammengezogenen Brauen. »O ja, das ist es.«

»Die Polizei steht vor einem Rätsel. Inspektor Pollock kann sich nicht erklären, warum man den Jungen ermordet hat.«

»Trotzdem gibt es irgendein Motiv. Morde dieser Art werden nicht grundlos begangen.« Newton betrachtete die Glut seiner Zigarre.

»Diesen Trick mit der Bombe im Telefon hat Vorjahren ein KGB-Mann häufig angewandt.« Newton massierte seine Nasenwurzel. »Mir will im Moment sein Name nicht einfallen. War ein gefährlicher Bursche. Das üppige Leben im Westen hat ihn zuckerkrank gemacht.« Der Dicke lachte. »Auch eine Art, wie man einen feindlichen Agenten ausschalten kann: Man überfüttert ihn. Wie war doch gleich sein Name? Stad… Stadnikow. Ja. So hieß er. Ist heute – so habe ich gehört – zweimal so dick wie ich. Muss sich immerzu Insulin spritzen. Für Auslandseinsätze nicht mehr geeignet. Man verwendet ihn jetzt in der KGB-Zentrale. Kommt aus Russland nicht mehr raus.«

»Meinen Sie, der Mord an Herbie Bell könnte eine Geheimdienstsache sein, Chef?«, fragte Natalia interessiert.

Newton hob die massigen Schultern. »Wer kann das mit Sicherheit sagen?«

»Wenn Sie möchten, kümmere ich mich um die Angelegenheit«, machte sich Nat erbötig.

»Das scheint mir vorläufig nicht nötig zu sein«, erwiderte Newton und winkte ab. »Ich werde den Fall aus der Ferne weiterverfolgen. Sollten sich Fakten ergeben, die unseren Aufgabenbereich tangieren, bekommen Sie von mir umgehend Bescheid.«

Nat nickte. »Gut«, sagte sie. Während sie ihr Glas leer trank, fragte der Dicke: »Kommen Sie mit den Vorbereitungen zum diesjährigen Fallschirmspringerwettbewerb klar?«

Durch den Kellner, der am Nebentisch zu tun hatte, ging ein kräftiger Ruck. Er blickte die alte Natalia verwundert an und schüttelte überwältigt den Kopf. Was heutzutage alles möglich war! Da beteiligten sich Leute mit fünfundsechzig Jahren noch an einem Fallschirmspringerwettbewerb. Entweder hatte die Alte unglaublich viel Mut oder sie war einfach verrückt. Letzteres erschien dem Kellner am glaubhaftesten. Wusste die Lady denn nicht, was dort oben auf sie wartete? Der Wind würde sie zerfransen, wenn sie aus dem Flugzeug hüpfte. Und sollte sie das – was kaum vorstellbar war – heil überstehen, würde sie bestimmt beim Aufprall, der bei Gott keine Kleinigkeit war, in ihre wackeligen Bestandteile zerfallen.

Nat sagte: »Ein paar Trainingssprünge noch. Das müsste dann reichen.«

Der Kellner ging, und er fragte sich allen Ernstes, ob er fortan seinen Ohren noch trauen durfte.

»Ich hoffe, Sie machen mir keine Schande«, sagte Newton schmunzelnd.

Nat erwiderte mit einem freundlichen Altweiberlächeln: »Ich werde mir die größte Mühe geben. Das verspreche ich Ihnen.«



8

Melissa hieß sie.

Ihren Nachnamen hatte Wang Tse nicht richtig verstanden. Bolan, glaubte er. Melissa Bolan. Doch was zählte schon ein Name. Das Mädchen zählte. Ihr sündhaft schöner Körper. Die herrlichen Rundungen ihrer Hüften. Was für ein hübsch gewachsenes Mädchen sie war. Gestern erst hatte er sie in der Hotelhalle kennengelernt. Zunächst

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 03.10.2016
ISBN: 978-3-7396-7675-3

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