Cover

Ich will leben für mein Kind

Roman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

 

Als Schwester Verena auf dem Klinikflur fast mit einem Fremden zusammenstößt, kann sie nicht ahnen, dass sie von diesem Mann bald ein aufregendes Angebot bekommen wird. Walter Kretschmer ist Pilot und braucht eine gute OP-Schwester für seinen Rettungsflugdienst. Bevor Verena sich entscheiden kann, ob sie das Angebot annimmt, kommt es zu einem schweren Unfall...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




1

Für Verena sollte es ein bedeutsamer Tag werden.

Doch mit nichts kündigte sich das an, als sie am frühen Morgen auf den Balkon trat, um frische Luft zu schnappen.

Ihr dunkles Haar war zwar von der Schwesternhaube gebändigt, aber dennoch konnte der frische Morgenwind eine Strähne erfassen und damit spielen.

Verena sah empor zum milchig blauen Morgenhimmel, entdeckte weit oben mehrere Schwalben und dachte, dass es schönes Wetter geben würde, weil die Schwalben so hoch flogen.

Vom Wald drüben kam der Duft von Harz und Rinde herüber, und weiter links tuckerte ein Traktor einen Feldweg entlang. In den Bäumen hinter dem Krankenhaus zwitscherten die Vögel, und von der Klinikküche drang das Klappern von Geschirr und Töpfen herauf.

Verena wandte sich um, Hinter ihr waren die beiden Betten im Zimmer abgezogen. Die Patienten hatte man heute morgen als geheilt entlassen. Wieder zwei, die dem Leben und ihren Familien zurückgegeben wurden. Zwei sehr schwere Fälle waren das gewesen, wie sich Verena erinnerte.

Aber ihre Gedanken irrten rasch wieder ab. Obgleich es wahrlich genug zu tun gab für sie, verweilte sie hier auf dem Balkon, sah zu den Spitzen der Fichten hinüber, lauschte den Vögeln und den Geräuschen, die mannigfaltig heraufschallten, schnupperte den Duft dieses Morgens und spürte, wie die Kühle des Windes ihr übers Gesicht strich.

Es ist meine Welt, dachte sie. Ich lebe hier seit vierzehn Jahren. Diese Klinik ist mein Zuhause, mein Reich. Ich könnte glücklich sein. Ich bin geborgen...

Geborgen? War sie wirklich geborgen? Hatte sie nicht manches Mal gedacht, sie könnte es hier einfach nicht mehr aushalten, müsste hinaus, müsste frische Luft atmen, andere Gesichter sehen, eine andere Umgebung...

„Ich kenne tausend Menschen und keinen“, murmelte sie.

Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen. Jemand war ins Zimmer gekommen und rief mit heller Stimme: „Ach, hier sind Sie, Schwester Verena!“ Es klang wie ein Vorwurf.

Verena trat von der Brüstung weg, drehte sich um und sah eine der Lehrschwestern. „ Ja?“

Die junge Schwester kaum älter als siebzehn wedelte mit einem Stück Papier und sagte mit wichtigtuerischem Unterton: „Ich habe Sie überall gesucht. Doktor Reinbek ist schon ungehalten. Er braucht Sie ganz dringend!“

Verena hätte darauf hundert Antworten geben können, so zum Beispiel die, dass Dr. Reinbek ihr weder etwas zu sagen hatte noch in irgendeiner Weise für sie zuständig war. Oder, dass sie mit mehr als zwanzig Überstunden in der letzten Woche wohl ganz sicher ein paar Minuten des Abschaltens beanspruchen könnte. Schließlich hatte sie die ganze Nacht Dienst gehabt..

Aber sie sagte keinen Ton dazu, sondern nahm dem jungen Mädchen schweigend den Zettel ab, warf einen kurzen Blick darauf und verbarg ihre Überraschung. Es entging ihr nicht, dass die Lehrschwester sie gespannt anschaute, wohl um ihre Reaktion abzuwarten.

Aber es gelang Verena sehr geschickt, vor der Jüngeren zu verbergen, was sie nach der Lektüre dieser wenigen Zeilen empfand.

Erst als sie zum Fahrstuhl ging, um hinunter in die Ambulanz zu fahren, nahm sie allein im Lift den Zettel noch einmal in die Hand und las: „Sie werden ab nächsten 1. dem Tagesdienst zugeteilt und Stationsarzt Dr. Winzer zugeordnet.“

Also weg von der Unfallrettung, weg vom Nachtdienst, an den sie sich in drei Jahren leidlich gewöhnt hatte, weg von einem Team, in dem sie sich wie ein fester Bestandteil glaubte.

Warum? Diese Frage stand ihr wie ein Fanal vor Augen. Weshalb sollte sie von Dr. Olvenstedt weg? Von ihm und seinem Assistenten Dr. Gernwald, von den beiden anderen Schwestern und dem Pfleger Eckstein. Menschen, die mehr als nur Kollegen gewesen waren ... Warum zu Dr. Winzer? Was steckte hinter dem allem?

Gegen Dr. Winzer gab es nichts einzuwenden, obgleich sie von ihm wusste, dass er sehr reizbar und nervös war. Die meisten Schwestern fürchteten ihn. Außerdem war da noch Dr. Reinbek, ein junger Assistent mit einem sehr berühmten und reichen Vater ... dem Professor Dr. Reinbek in Köln.

Der Lift war im Parterre; Verena musste aussteigen. Als sie die Tür aufdrückte, prallte sie fast mit einem großen schlanken Mann zusammen, der mit sonorer Stimme rief: „Hoppla! Nicht so stürmisch, Sie weißer Engel!“

Jetzt sah Verena zu ihm auf. Braungebrannt war er, blondes Haar, an den Schläfen bereits grau, aber trotzdem höchstens vierzig. Seine blauen Augen schienen zu blitzen, und seine Zähne leuchteten im Dämmerlicht des Flurs.

Etwas ging von ihm aus, das Verena faszinierte. Er kam ihr ungeheuer männlich vor, doch genau das war es, das sie veranlasste, sich in ihr Schneckenhaus zurückzuziehen. Vor Männern dieses Typs hatte sie Angst.

Dabei wusste sie genau, dass es keine wirkliche Angst war wie vor einer Gefahr. Doch, wie vor einer Gefahr schon. Sie kannte sich selbst. So unnahbar war sie doch gar nicht. So sahen sie nur die anderen, vor allem die Kolleginnen.

Sie wollte an ihm vorübergehen und bemühte sich, dabei so unbefangen wie möglich zu wirken. dass ihr der Zettel entfiel, war wirklich Zufall und ärgerte sie deshalb so sehr, dass sie hochrot im Gesicht wurde, weil sie sich einbildete, dieser Fremde könnte glauben, es sei von ihr Absicht gewesen.

Er reagierte aber ganz anders, als man erwarten konnte. Er bückte sich weder nach dem Zettel noch schien er ihn überhaupt bemerkt zu haben, sondern hatte nur Augen für Verena selbst.

Erst als sich Verena nach dem herabgefallenen Zettel bückte, machte er ebenfalls Anstalten dazu, doch er kam zu spät, und es sah nicht so aus, als wäre er darüber traurig.

„Sagen Sie mal, stumm oder taub sind Sie nicht, oder?“ Er sah sie mit herausforderndem Blick wie ein Lausejunge an.

Sie steckte den Zettel in ihre Kitteltasche und sah den Mann an. „Wollen Sie trockengelegt werden, muss Sie einer ins Bett bringen oder was hatten Sie für spezielle Wünsche?“, fragte sie mit bissiger Ironie. „Sie machen einen so mitgenommenen Eindruck.“

Er hatte das sicher nicht erwartet, und Verena wusste, dass ihre ätzenden Schlagfertigkeiten schon manchen gestandenen Mann in die Flucht geschlagen hatten. Aber hier sollte sie sich wundern.

Er grinste und brummte: „Eins zu null für Sie, Schwester. Wenn Sie mir jetzt noch verraten, wie ich zu Doktor Winzer komme, sammle ich von nun an pausenlos Kieselsteine für das Podest Ihres Denkmals.“ Prompt erwiderte sie: „Holen Sie sich beim Bücken keinen Hexenschuss.“ Als er lachte, fügte sie versöhnlicher hinzu: „Ich muss auch in die Richtung, kommen Sie mit, Sie Sammlernatur.“

„Gut gebrüllt, Löwe, aber ich heiße schlicht und ergreifend Kretschmer, Walter Kretschmer, kein Doktor davor, kein von, kein gar nichts weiter. Otto Normalverbraucher ist mein absolutes Vorbild.“

Er gefiel ihr. Seine Art war es in erster Linie, die sie mochte. Sie selber mochte das Geschraubte, Gekünstelte nicht, und mit ihrer direkten Art hatte sie schon einige Leute vor den Kopf gestoßen, andere wieder mochten sie gerade deswegen.

„Ich bin Schwester Verena“, erwiderte sie, und es klang gar nicht mehr so aggressiv wie vorhin.

„Pech für Sie, Schwester, jeder trägt gern sein Päckchen, nicht wahr?“, frotzelte er.

Sie sah ihn entrüstet an und wollte schon heftig werden, da sah sie sein jungenhaftes Lachen und brummte: „Sie halten sich für unwiderstehlich, wie?“

„Auf alle Fälle finde ich Sie längst nicht so giftig, wie Sie das gerne sein möchten. Sind Sie in Doktor Winzers Station?“

„Ab nächsten Ersten, ja."

„Ach, und was treiben Sie gegenwärtig?“ Er strahlte sie so entwaffnend an, dass sie ihre heftige Antwort wieder verschluckte, die ihr schon auf der Zunge gelegen hatte. Inzwischen waren sie vor Dr. Winzers Station. Sie gehörte zur chirurgischen Abteilung. Der Operationssaal lag gleich daneben.

„Doktor Winzers Sprechstunde ist dort drüben“, sagte Verena und deutete auf die Praxis noch vor den Flügeltüren der eigentlichen Station. „Das Wartezimmer ist um diese Zeit meist brechend voll.“

Er nickte nur. „Und das Vorzimmer?“

Sie lachte. „Glauben Sie nur nicht, dass er Ausnahmen macht. Falls Sie Privatpatient sind, müssen Sie bei ihm genauso warten wie alle anderen.“

„Ich bin gar kein Patient, Schwester Verena“, erwiderte er. „Jedenfalls nicht im Augenblick. Ist dort das Vorzimmer?“

Verena nickte.

Aber er machte nicht die geringsten Anstalten, auf diese Tür drüben zuzugehen. Statt dessen lächelte er Verena an und sagte trocken: „Sie haben gegen fünf Feierabend?“

„Falsch geraten. Ich gehe in etwa zehn Minuten. Viel Spaß bei Doktor Winzer, zu dem muss ich übrigens auch.“

Er machte ein gespielt mitleidiges Gesicht. „Steht es sehr schlimm um Sie?“, scherzte er.

„Hoffnungslos.“

Er griff sich nach der Herzgegend. „Doch nicht ein schlimmes Herzeleid? Da könnte ich mehr helfen als der Doktor. Es gibt über mich Lobgesänge und Wertpreisungen aus berufenstem Munde!“

Sie lachte, winkte ab und ging. Als sie sich an der Tür zur Ambulanz noch einmal umsah, stand er immer noch mitten im Flur und zwinkerte ihr zu.

Ob ich den noch einmal wiedersehe?, fragte sie sich, als sie dieses Blinzeln scherzhaft erwiderte und dann die Tür öffnete. Zugleich dachte sie: Es wäre nett, ihn wiederzusehen.




2

In der Ambulanz herrschte Hochbetrieb. Zwei Schwestern legten einem Patienten einen neuen Verband an, Dr. Winzers Assistent Dr. Reinbek untersuchte hinter dem spanischen Schirm einer Operierten die Bauchnarbe.

Dr. Winzer selbst, nicht gerade groß, glatzköpfig und schnurrbärtig, begutachtete eine Röntgenaufnahme vor dem Leuchtschirm.

„Herr Stationsarzt...“

Dr. Winzer sah gar nicht zu Verena hin. „Ja?“

„Ich habe eigentlich schon Dienstschluss. Was möchten Sie so dringend von mir?“

Dr. Winzer wandte sich ihr zu. „Ah, Sie sind's!“ Über sein Bauerngesicht huschte ein Lächeln. „Hm, ich wollte Ihnen nur sagen, dass Sie demnächst hier bei mir sind.“ Er musste zu ihr aufblicken, denn sie war größer als er. Offenbar war ihm das aber nicht sehr angenehm, so dass sein Lächeln schlagartig schwand. Sie hingegen wusste nicht, dass seine Körpergröße der empfindliche Punkt bei ihm war. Deshalb blieb sie stehen und trat nicht etwa einen Schritt zurück, um den Unterschied etwas zu verwischen.

Nun tat er es, beugte sich über den kleinen Schreibtisch und blätterte in einer Krankenkladde, ohne dass er wirklich darin las.

„Sie sind mir zugeteilt worden, weil ich darum gebeten habe, Sie mir als Erste Operationsschwester zur Verfügung zu stellen. Wie Sie wissen, baue ich mir jetzt ein eigenes Team für den OP auf und möchte nicht mehr auf die Unterstützung durch die Leute von der Allgemeinchirurgie angewiesen sein.“

„Man hat mich Ihnen zugeteilt“, sagte Verena wenig begeistert. OP Schwester war sie nun einmal, aber Dr. Winzer galt als Spezialist für Magen und Darmfälle, also operierte er praktisch nur dieses Gebiet. Da war Verena trotz mancher Härte und mancher wenig schönen Arbeitsumstände lieber in der Unfallchirurgie. Doch das Haus hier war wiederum zu klein, um sich das immer aussuchen zu können.

„Sie sagen ja nichts! Sagen Sie doch endlich was!“, meinte Dr. Winzer heftig.

Verena musste gerade an Walter Kretschmer denken. Sie wollte es nicht sagen, und dennoch platzte sie heraus: „Kennen Sie einen Herrn Walter Kretschmer?“

Er sah sie überrascht an, runzelte die Brauen und knurrte: „Was wollen Sie denn mit dem? Ach ja, der müsste gleich da sein. Dumme Geschichte!“ Die letzten Worte sprach er mehr zu sich selbst als zu Verena.

Sie sah ihn nur an, ohne zu wissen, ob ihr Dr. Winzer die Frage beantworten wollte oder nicht. Schließlich sagte er unwirsch:

„Sind Sie mit ihm irgendwie bekannt? Wäre vielleicht ganz nützlich, wenn Sie ihn kennen“, fuhr er fort, ohne auf ihre Antwort zu warten. „Ich hatte einen Verkehrsunfall ... kleine Sache, nur Blechschaden. Wollte das so unter uns erledigen, keine Versicherung, keine Polizei... na ja, ist mir schon peinlich. Bin ja nicht selbst gefahren. War mein Junge, dieser Lümmel...“

Sie erfuhr die ganze Geschichte. Dieter, Dr. Winzers siebzehnjähriger Sohn, war mit Vaters schwerer Limousine los gezischt. Kein Führerschein, nur der unwiderstehliche Drang, mit dem Wagen eine Ehrenrunde zu drehen, und dann kam ausgerechnet Walter Kretschmer mit seinem alten Diesel um die Ecke... es krachte, Blechschaden, eine Bagatelle, denn Kretschmer hatte rechtzeitig reagiert und Schlimmes abwenden können.

„Reden Sie mit ihm. Ich bezahle alles, was zu bezahlen ist, aber kein Aufsehen, keine Sachen, die mich in eine vertrackte Lage bringen. Wenn die Polizei das erst aufgreift...“ Verena wollte sagen, dass sie Kretschmer gar nicht kannte. Aber sie konnte diese Bemerkung nicht anbringen. Er redete einfach weiter, ging fest davon aus, dass Walter, dass Walter Kretschmer ein Bekannter von ihr sei.

Schließlich, als sie wieder zu einem Einwand ansetzte, winkte er ab und sagte in befehlendem Ton: „Sie haben ja alles verstanden. Reden Sie also bitte mit ihm. Ich weiß, Sie können das. Meinen jungen Dingern hier kann ich so etwas nicht auftragen ... und ich möchte mich mit dem Mann gar nicht erst einlassen. Was ist er überhaupt für ein Typ?“ Ein netter Typ, wollte Verena schon sagen, aber sie ließ es. So sagte sie nur schlicht: „Sie hätten ruhig mit ihm sprechen können.“

Er machte ein überraschtes Gesicht, und sie wartete nicht erst, dass er dazu etwas sagte, sondern ging hinaus.

Schöne Bescherung, dachte sie, erst die Versetzung hierher und dann solche Aufträge. Hat er nicht den Mut, Kretschmer selbst gegenüberzutreten?

Sie fand Walter Kretschmer noch im Sekretariat. Er stand vor dem Fenster, wandte sich jetzt aber um. Überrascht meinte er: „Sie?“

„Ich soll mit Ihnen reden“, bekannte sie, und er hörte wohl heraus, dass es ihr nicht angenehm zu sein schien. Er runzelte die Brauen und blickte sie misstrauisch an. Seine Unbefangenheit von eben war wie weggewischt Sie schlug ihm vor, in einem anderen Zimmer das alles zu besprechen, und er war einverstanden. Verena wusste einen Raum, wo sie ungestört sein würden, der durch eine Glaswand vom Labor getrennt war. Sie hätte nicht sofort erklären können, wie sie ausgerechnet auf diesen Raum verfallen war, in dem man vom Labor aus hineinsehen konnte. Hatte sie immer noch die Furcht, sie könnte kompromitiert werden, nur weil sie sich mit einem Mann unter vier Augen unterhielt?

Er setzte sich auf die Tischkante und stemmte sich auf die Lehne eines Stuhles. „Nun, was hat der große Meister vorzuschlagen?“

Sein Gesicht zeigte ein Lächeln, aber sie spürte, dass es Maske war. Jetzt wirkte er gar nicht mehr wie ein fröhlicher Junge, sondern scharfsinnig und wachsam.

„Es ist ihm peinlich, er will die Polizei herauslassen, ebenso die Versicherung und hofft, dass Sie Verständnis haben und es nicht über Gebühr ausnutzen. Er hat mich beauftragt, weil er glaubt, ich kenne Sie.“ Sie erzählte ihm lächelnd, wie es dazu gekommen war.

Er lachte, und diesmal war es nicht nur Maske. Er amüsierte sich und sah sie verschwörerisch an. „Es freut mich, dass es so ist. Dann sind Sie gar nicht seine Vertraute.“

„Nein, aber ich verstehe seine Sorgen.“

„Ich auch, aber hier geht es um knallharte Markstücke. Die Reparatur war schließlich bei den heutigen Preisen kein Pappenstiel.“

„Geben Sie mir die Rechnung, und er wird sie bezahlen ...“

Eine Weile debattierten sie noch darüber, um einen Kompromiss zu finden. Als dies schließlich gelang, sagte Walter Kretschmer: „Sie hätten Diplomatin oder Anwältin werden sollen. Er kann sich bei Ihnen bedanken, Ihr Doktor Winzer. Und wie sieht es mit uns beiden aus? Immer noch keine Zeit heute Abend?"

Er hatte so überraschend gefragt, dass sie davon verwirrt wurde. Im ersten Impuls wollte sie schon strikt ablehnen. Doch dann sagte sie sich: Wieso gebärde ich mich eigentlich so unnahbar? Ich habe noch zwei freie Tage gut, Urlaub steht mir auch noch vom letzten Jahr zu. Und so versessen darauf, in Dr. Winzers Abteilung zu kommen, bin ich doch gar nicht. Irgendwo muss man doch Mensch bleiben können.

Er deutete ihr Zögern als halbe Zusage. „Die Zeit können Sie ja bestimmen. Ich würde Cafe Krone vorschlagen. Da ist es recht gemütlich. Aber wir können auch einen Spaziergang machen, wenn Sie wanderlustig sind. Vielleicht interessieren Sie sich für Flugzeuge?“

„Für Flugzeuge?“, fragte sie überrascht und interessiert zugleich.

Er nickte. „Ich bin Berufsflieger ... kein Flugkapitän eines Düsenjets, sondern einer ganz simplen Propellermaschine. Wir könnten einen Rundflug machen, dann sehen Sie Ihre Klinik aus der Luft.“

Es begeisterte sie. „Das möchte ich gerne!“

„Wir haben eine viersitzige Cessna für Geschäftsreisen, die könnten wir dazu mal nehmen. Sonst fliege ich eine andere Maschine. Damit transportiere ich Fracht, streue Pflanzenschutzmittel aus der Luft, und manchmal führe ich Sondereinsätze aus wie Waldbrandbekämpfung, Luftrettung, eben alles, was anfällt. Nun wissen Sie alles über mich.“

„Alles?“, fragte sie überrascht und sah ihn verblüfft an. „Sie sind mir eher ein einziges Rätsel. Genügt es etwa, von einem anderen nur den Beruf zu kennen? Jedenfalls reicht es nicht, wenn man sich irgendwo treffen will. Oder denken Sie anders?“

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Bekker
Tag der Veröffentlichung: 29.08.2016
ISBN: 978-3-7396-7102-4

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /