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Alien Job - Die Trilogie : Band 1 bis 3

Science Fiction Trilogie von Pascal Schäfer

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 730 Taschenbuchseiten.

 

Sie denken, Sie kennen das Universum bereits wie Ihre Westentasche? Sie glauben, Sie wissen einfach alles über intelligente Lebensformen, was es zu wissen gibt? Sie sind der Meinung, viel herumgekommen zu sein und schon so ziemlich alles gesehen zu haben?

Falsch. Ganz falsch.

Jagen Sie Ihr peinliches Unwissen zur Tür hinaus, und begeben Sie sich auf eine abenteuerliche Reise durch Raum und Zeit. Manchmal erschreckend, manchmal ernüchternd, oft haarscharf vorbei an der Grenze zum Wahnsinn, doch zumeist innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks.

Sie werden staunen, wie die Welt da draußen wirklich ist …

 

Dieses Buch enthält folgende drei Bände:

Da wollen wir mal ein Auge zudrücken - Teil 1

Falsche Richtung, Jungs - Teil 2

Schadensbegrenzung im großen Stil - Teil 3

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Redaktion & Lektorat: Philipp Schmidt

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Da wollen wir mal ein Auge zudrücken – Teil 1

von Pascal Schäfer


Ein ebenso heiterer, wie tiefgründiger Trip durch die Galaxis. Pascal Schäfer, der Gewinner unseres Wettbewerbs, ist für mich der kommende neue Star der humoristischen Science Fiction.“

- Jörg Martin Munsonius


Überhaupt könnte man das gesamte Multiversum als ein einziges Problem bezeichnen, wenn man eher ein Das-Glas-ist-halb-leer-Typ ist. Existenz an sich ist schließlich die Grundvoraussetzung dafür, dass es so etwas wie Probleme geben kann. Logische Schlussfolgerung: Will man sämtliche Probleme lösen, muss man dafür sorgen, dass nichts mehr existiert.“



Die Erde, am Abend des 22. Oktober 1999 (Freitag):

Ulrich war spät dran. Und das ausgerechnet heute.

„Ich kann die verdammten Autoschlüssel nicht finden!“, rief er und durchsuchte bereits zum dritten Mal die Taschen seiner Jacke. Fehlanzeige. „Eddy, hörst du nicht?“

„Sie sind vermutlich dort, wo du sie meistens hinlegst, wenn du sie nicht gerade dort hinlegst, wo du sie immer hinlegst“, ertönte Eddies Stimme aus dem Nebenzimmer. „Weißt du, was ich meine?“

„Gibt es intelligentes Leben da draußen?“ Ulrich wusste immer, was Eddy meinte. Genau das war einer der vielen Gründe für ihre innige Freundschaft, die seit der fünften Klasse bestand, also seit gut zwanzig Jahren. Ulrich und Eddy verband weitaus mehr als nur gemeinsame Erinnerungen an die alten Zeiten. Es gab wenige Bereiche des alltäglichen und nicht-alltäglichen Lebens, in denen sie unterschiedlicher Meinung waren.

Ulrich stand einen Augenblick lang reglos da, dann warf er einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. „Mmist!“, fluchte er in sich hinein. Genau wie er befürchtet hatte. Es war bereits zehn Minuten nach acht. Das bedeutete: Lisa wartete längst mit dem Essen. Und das war gar nicht gut.

Sie hatte ihn vor fünf Wochen vor die Tür gesetzt, weil sie das Gefühl hatte, ihm sei alles andere wichtiger als ihre Beziehung. Seitdem wohnte er hier. Eigentlich eine Verbesserung seiner Lebensqualität in jeder erdenklichen Hinsicht, dennoch verspürte er den Drang, sie zurückerobern zu müssen.

„Du solltest dich beeilen.“ Eddy trat in den engen Flur, lehnte seine Schulter am Türrahmen an und kreuzte die Arme vor der Brust. „Du weißt doch wie gefährlich es ist, den Drachen warten zu lassen.“

„Ja ja.“ Ulrich suchte den Platz dreimal ab, an den er seine Autoschlüssel meistens hinlegte, wenn er sie nicht gerade dort hinlegte, wo er sie immer hinlegte. Vergeblich. „Komm schon“, flehte er. „Denk nach!“

„Sie ist eine grässliche, grässliche Frau. Sie macht mit dir, was sie will, ist launisch, zickig, egoistisch, oberflächlich und ungebildet. Sie hasst alles, was du magst, und ihr habt so gut wie keine Gemeinsamkeiten.“

„Du übertreibst.“

„Ich wünschte, ich müsste das nicht tun, aber du lässt mir keine andere Wahl: Sie hat mir kürzlich erzählt, sie findet sämtliche Rocky-Filme zum Kotzen.“

„Oh.“ Das hätte Ulrich nicht erwartet. „Ehrlich?“

Eddy nickte. „Tut mir leid, dass du es von mir erfahren musstest.“

„Schon gut.“ Ulrich ließ die Schultern hängen. Sein Freund hatte vollkommen recht. Aber er konnte die letzten zweieinhalb Jahre nicht so einfach auf die Müllhalde werfen. „Ich würde sie trotzdem gerne sehen und die Sache bereinigen. Mir liegt noch viel an ihr.“

„Verstehe.“ Eddy seufzte. Er verschwand in der Küche und kam Sekunden später mit einem halben Marmorkuchen zurück, den er Ulrich in die Hand drückte. „Hier. Deine Schlüssel.“

„Du hast sie im Kuchen eingebacken?“

„Ist mal was anderes.“

„Cool!“

„Gib her, ich mach das schon.“ Eddy begann damit, den Kuchen zu zerlegen. „Nicht glotzen, umziehen. Du siehst aus, als wärst du gerade erst aus dem Bett gefallen. Hopp hopp!“

„Ich geh ja schon.“ Tatsächlich war er erst vor einer halben Stunde aufgestanden. Sie hatten sich die ganze Nacht mit Videofilmen um die Ohren geschlagen und waren gegen halb sechs zu Computerspielen übergegangen, als draußen bereits die Sonne aufging. Das war lange nicht vorgekommen. Vielleicht deshalb, weil sie keine Schüler oder Studenten mehr waren, sondern inzwischen arbeiten mussten. Glücklicherweise war heute Freitag, und Ulrich hatte bereits kurz nach zwei das Büro verlassen können, um ein wenig Schlaf nachzuholen. Die Müdigkeit saß jedoch noch immer tief in seinen Knochen.

Er betrat das Zimmer, das Eddy seit jeher für ihn bereit hielt. Es standen keine Möbel in dem winzigen Raum, lediglich eine schmale Matratze lag auf dem Fußboden. Dennoch herrschte blankes Chaos. Der Boden war über und über mit Papierblättern und kleinen Zetteln bedeckt, auf denen er seine schrägen Ideen und zusammenhanglosen Textfragmente festhielt. Außerdem all seine Zeichnungen. Lisa hasste diese Blätter und sie hasste seinen Traum, Comics zu zeichnen. Deshalb hatte sie alles achtlos in Tüten gestopft und sie einfach vor die Tür gestellt.

Zwischen Ulrichs ungeordneten Zukunftsplänen sprossen Klamottenberge und Büchertürme in die Höhe. In einer Ecke stand sein Computer, notdürftig aufgebaut auf einer großen Umzugskiste. Sämtliche Kabel waren ineinander verschlungen, die Maus hing an der Seite der Kiste herab und neben der fleckigen Tastatur lagen die Reste einer mehrere Tage alten Pizza. In der anderen Ecke stand ein hochwertiges Stativ, auf dem eine analoge Spiegelreflexkamera montiert war.

Er bahnte sich einen Weg durch den Raum, ständig darauf bedacht, die Ordnung in dieser Unordnung nicht zu zerstören, und öffnete das Fenster. Frische Herbstluft strömte herein und vertrieb den Mief der letzten Tage. Ulrich stemmte die Hände in die Hüften und suchte den Boden nach einer passenden Hose-Hemd-Kombination ab. Die Hose war schnell gefunden, eine Jeans mit Löchern an den Knien, doch die Hemden rochen allesamt seltsam. Diese markante Duftnote erinnerte ihn ein wenig an die Schulzeit. Tafelschwämme, die monatelang benutzt und niemals ausgewaschen wurden. Vielleicht sollte man Kleidungsstücke nicht in großen, feuchten Haufen zusammenlegen.

Da die Zeit drängte, schnappte er sich kurzerhand ein schwarzes T-Shirt, dessen Aufschrift nach er ein Soulman war, ging ins Bad und streifte es über. Ein Blick in den Spiegel bestätigte, was er bereits vermutet hatte: Von einer Frisur zu sprechen wäre vermessen gewesen, sie in Form zu bringen ein hoffnungsloses Unterfangen. Ihn selbst störte das nicht weiter, doch Lisa nörgelte ständig an ihm herum. Die Haare waren eine Spur zu lang, die Haut eine Spur zu blass, und die Arme eine Spur zu dünn. Durchschnitt. Na und? Frisörbesuche waren langweilig und teuer, vom Solarium bekam er Sommersprossen, und Kraftsport machte einfach keinen Spaß. Außerdem konnte er diese vermeintlichen Defizite durchaus verkraften, denn seine Augen glichen all das mit Leichtigkeit wieder aus. Grün schimmernd wie ein Gebirgssee, so durchdringend wie ein warmer Sonnenstrahl an einem kalten Wintertag. Und mindestens so geheimnisvoll wie ein verschlossenes Überraschungsei.

Das Telefon klingelte.

„Sag ihr, ich bin vor zehn Minuten losgefahren!“ Er hörte, wie Eddy den Anruf entgegennahm. Schön, es war eine Lüge und änderte nichts daran, dass er zu spät kommen würde. Doch über eine Ausrede konnte er sich während der Fahrt Gedanken machen. Er schlich in den Flur, vermied jedes Geräusch, das ihn hätte verraten können, schlüpfte in seine Turnschuhe und belauschte währenddessen das kurze Telefonat.

„Klar. Er ist gerade zur Tür raus. Ja, denke schon. Alles klar. Bis bald!“ Eddy legte auf. „Der Drachen klang ziemlich sauer.“

„Nenn' sie nicht so.“

„Sie hat Krallen, Hörner, faucht und speit Feuer.“ Eddy zählte es an seinen Fingern auf. „Ach ja, und sie raucht.“

Ulrich konnte dem nichts entgegensetzen. „Und wieder hast du recht. Vermutlich wäre ich gut damit beraten, heute keinen Fuß mehr vor die Tür zu setzen. Aber … ich … Ich muss jetzt los. Wir reden drüber, wenn ich zurück bin.“

Eddy nickte, und wünschte trotz allem viel Glück. Ulrich schnappte sich seine Jacke und war schon auf dem Weg nach draußen, als sein Freund ihm nachrief: „Kann ich deine Pizza haben?“

Ulrich wandte sich um. „Wovon redest du?“

„Das Stück, das neben deiner Tastatur liegt. Von heute Nacht.“

„Wir hatten Chinesisch. Die Pizza ist fünf Tage alt.“

„Ach echt?

„Echt.“

„Egal, ich reibe frischen Käse drüber.“

„Du bist ekelhaft.“

Eddy hatte die Hände in den Taschen vergraben und zuckte gleichgültig mit den Schultern. „So ekelhaft kann ich gar nicht sein, immerhin pinkle ich momentan ausschließlich im Sitzen.“

„Dafür bin ich dir auch sehr dankbar. Und nicht nur dafür.“ Ulrich hatte sich seit seinem Einzug etwa zwölf mal pro Tag dafür bedankt, hier wohnen zu dürfen.

„Nun hau schon ab!“ Eddy schloss mit einem beherzten Tritt die Haustür.

Ulrich überquerte die Straße und ging zu seinem Wagen. Der Volvo Baujahr 1982 war ursprünglich einmal weiß gewesen, doch seit langem schon von einer gleichmäßigen Schmutzschicht überzogen. Das konservierte den Lack und lenkte von Kratzern und Beulen ab.

Im Innern des unscheinbaren Schwedenkreuzers fand man alles, was ein Mensch während der Fahrt benötigen könnte, oder sonst im Laufe seines Lebens. Angefangen von Campingutensilien wie Schlafsack, Tauchsieder und Tütensuppen über angeknabberte Schokoriegel, leere Chipstüten, Limonadendosen, Klopapier, Instant-Kaffee und Gummistiefel bis hin zu Ersatzkanister und Abschleppseil war alles vorhanden. Außerdem lagen überall lose Blätter, Aktenordner und Schnellhefter herum – Material von der Arbeit. Die Reste der Antenne steckten im Seitenfach, zusammen mit einer Kartoffel, die irgendwie Ähnlichkeit mit Alfred Hitchcock hatte. Eine alte Festplatte steckte zwischen Beifahrersitz und Mittelkonsole, und Berge von Audiokassetten, größtenteils ohne Hülle, aber ausnahmslos beschriftet, füllten das offenstehende Handschuhfach. Dazu kamen Krümel und undefinierbare Essensreste. Flecken auf den Polstern. Feuchte Blätter, Steine und Erde im Fußraum. All das zusammen genommen verteilte sich erstaunlich gleichmäßig auf den gesamten Innenraum und verströmte einen ganz individuellen Geruch. Weder faul noch schimmelig, eher stark bewohnt.

Ulrich störte das nicht weiter und auch sein Hamster Hurley schien sich wohl zu fühlen. Der hauste im Futter des Rücksitzes, seit er während des überstürzten Umzuges vor drei Wochen aus seinem Käfig entkommen war. Hurley hatte sich seitdem nicht mehr blicken lassen, man konnte ihn jedoch ab und zu hören, wenn er am Metallgitter des Sitzes nagte.

Auf Grund des Fahrzeugzustandes hätte man leicht annehmen können, dieses Vehikel wäre für Ulrich nichts weiter als ein Werkzeug, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Doch dem war nicht so. Er liebte seinen Volvo. Sie passten einfach zueinander. Hätte es der Substanz des Wagens geschadet, wäre der ganze Müll auf direktem Weg in die Mülltonne gewandert, und der Dreck selbst aus der kleinsten Ritze entfernt worden. Doch der Motor und das Getriebe arbeiteten seit jeher fehlerfrei, ebenso die Elektrik. Außerdem trat keine Feuchtigkeit durch die Karosserie hindurch, nirgendwo hatte Rost angesetzt, und die Heizung tat tapfer ihren Dienst, selbst bei hohen Minustemperaturen. Der Volvo fühlte sich offensichtlich wohl.

Ulrich stieg ein, steckte den Zündschlüssel ins Schloss und drehte ihn bis zum Anschlag. Die alte Batterie, seit über sieben Jahren im Dauereinsatz, brachte den Dieselmotor mühelos in Gang. Vermutlich würde sie den kommenden Winter auch noch überstehen. Als er das Licht einschaltete, durchschnitten zwei gelbliche, sich überlagernde Lichtkegel die hereinbrechende Dunkelheit. Es nieselte. Er schnallte sich an, betätigte einmal kurz den Scheibenwischer, der sich quietschend in Bewegung setzte und legte anschließend seine Lieblingskassette ein, auf der in verblassten Buchstaben Uli’s Superduper Hard n‘ Heavy Mix XIII geschrieben stand. Dieser superduper Mix (der seinem Namen absolut gerecht wurde) beinhaltete hauptsächlich Songs aus den Achtzigern, war bereits tausend mal gelaufen und schickte ihn immer wieder auf eine Reise zurück in seine Jugend. Die Lautsprecher kratzten zwar ein wenig und auf der rechten Seite war bereits einer ausgefallen, doch so lange die anderen drei Töne von sich gaben, war alles in bester Ordnung.

Das einzige, was dem Volvo fehlte, war eine Servolenkung. Es kostete viel Kraft und Anstrengung, das Schwergewicht aus der engen Parklücke zu befreien. Ulrich musste drei mal vor und wieder zurücksetzen. Die Suche nach einem Parkplatz gestaltete sich oft schwierig in der kleinen Seitenstraße, vor allem am Wochenende. Dann standen die Autos so dicht am Straßenrand aneinander wie die Reihenhäuser, in denen ihre Besitzer wohnten. Normalerweise machte ihm das nicht viel aus, heute jedoch schon. Natürlich war dieser Gedanke unsinnig, aber jede Sekunde zählte.

Die Uhr zeigte bereits halb neun an, und die Fahrt zum Ziel würde noch einmal gute zwanzig Minuten dauern. Ulrich beschleunigte und passierte nach zwei endlos scheinenden Kilometern das Ortsausgangsschild. Dann trat er das Gaspedal durch, bis die Tachonadel bei hundertzwanzig Sachen stand. Nichtsahnend der gewaltigen Veränderung, die unaufhaltsam auf ihn zurollte und vor allem der Konsequenzen, die sie nach sich ziehen würde, bereitete sich Ulrich innerlich auf das Gespräch mit Lisa vor.

Umsonst, wie sich bald herausstellen sollte.


Auf der buckeligen Landstraße (sie verdiente die Bezeichnung Straße kaum) war weit und breit niemand unterwegs. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen. Dichte Nebelschwaden sammelten sich auf den tiefer gelegenen Feldern auf beiden Seiten der Straße. Der Mond spähte zwischen schweren Wolken hindurch, die den größten Teil des Himmels bedeckten, hier und da glitzerte ein Stern. Auf der linken Seite, dicht über dem Horizont, blinkten die Positionslichter eines Flugzeuges.

Doch all das existierte für Ulrich nicht. Er sah nur die Straße vor sich, die schnurstracks geradeaus verlief, und die Seitenpfosten, deren Katzenaugen in monotoner Gleichmäßigkeit an ihm vorbei huschten. Seine Gedanken waren woanders (wo genau vermochte Ulrich nicht recht zu sagen). Er widmete der Verkehrssituation gerade genügend Aufmerksamkeit, um den Volvo nicht in den Graben zu steuern.

Als er nach etwa fünf Kilometern ein Waldstück erreichte und Nebel sich über die Fahrbahn legte, drosselte Ulrich instinktiv das Tempo. Zunächst auf achtzig, dann auf siebzig, sechzig, bis er schließlich mit knapp vierzig Stundenkilometern dahinkroch. Die Sicht wurde immer schlechter, und die altmodischen Scheinwerfer hatten kaum genügend Kraft, um die Straße bis zum nächsten Begrenzungspfosten auszuleuchten. Der Mond war längst verschwunden.

Ulrich kannte jede Kurve, jede noch so kleine Biegung, er war sie schon hunderte Male gefahren. Dennoch verkrampften seine Hände am Lenkrad, und er lehnte sich weit nach vorne – als ob das einen Unterschied machte. Er drehte sogar das Radio leiser. Seine volle Aufmerksamkeit gehörte der Straße, alle anderen Gedanken waren ausgeblendet.

Erst die Hälfte der Strecke war geschafft, als Axl Rose mitten im Song Nighttrain verstummte. Das Radio war ausgefallen und das Licht der Scheinwerfer wurde plötzlich deutlich schwächer. Der Motor begann zu stottern.

Nicht jetzt!, dachte Ulrich verzweifelt, und prüfte die Tankanzeige. Halb voll. Doch die Aussetzer kamen immer häufiger, und schaukelten den Volvo samt Fahrer kräftig durch. Noch rollte der Wagen, doch es ging leicht bergauf und die gute alte Hangabtriebskraft arbeitete somit gegen ihn. Jetzt auch noch die Physik. Sie konnte sich direkt hinter seinen Kollegen, dem Schicksal, der ganzen Welt und diesem blöden fliegenden Zwerg Amor anstellen.

Er fluchte leise in sich hinein. Hier wollte man an einem Samstagabend nun wirklich keine Panne haben. Die nächste Telefonzelle war eine halbe Ewigkeit entfernt, ein Handy besaß er nicht und auf ein anderes Auto zu warten konnte die halbe Nacht dauern. Hinter der Kuppe, etwa einen halben Kilometer vor ihm, befand sich ein kleiner Rastplatz; mit einigen Picknicktischen und sanitären Anlagen, auf dem sich an schönen Tagen gelegentlich Biker, Camper oder Spaziergänger aufhielten. Der Wald öffnete sich, und Ulrich konnte das Schild bereits sehen. Doch um diese Uhrzeit und bei diesem Wetter war immer alles wie ausgestorben.

So zumindest hatte er es erwartet. Doch aus der trüben Dunkelheit stachen eine Handvoll seltsamer Lichter hervor, die den Nebel scheinbar mühelos durchdrangen, aber in keiner Weise blendeten.

So ein Glück!, dachte er für einen Augenblick.

Doch es wollte keine rechte Freude aufkommen. Etwas war hier faul. Sein Magen zog sich zusammen.

Was bei Eddies haarigem Arsch ist das?

Die Lichter bildeten einen deutlichen Umriss. Gute dreißig Meter lang, vielleicht sogar mehr. Und deutlich höher als ein Doppeldeckerbus.

Aber die Form …

Ulrich ließ den Volvo langsam ausrollen, direkt neben den Lichtern und schaltete die Scheinwerfer aus. Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass die Batterie der Grund für die Aussetzer gewesen sein könnte, und der Wagen womöglich nicht mehr anspringen würde. Und wenn schon. Er musste es sehen. Der Nebel schien hier, in unmittelbarer Nähe dieses Dings, sehr viel weniger dicht – als hätte er Angst davor, es zu berühren. Zudem gewöhnten sich Ulrichs Augen immer mehr an die Dunkelheit. Die Umrisse wurden deutlicher.

Das Ding war noch größer, als zunächst angenommen. Sicherlich länger als dreißig Meter. Eine Finne ragte hoch in den Nachthimmel auf. Die silberne Oberfläche glänzte.

Unmöglich. Erschreckend. Faszinierend. In dieser Reihenfolge.

Und ein Umstand war ganz besonders faszinierend: Man konnte unter dem Objekt hindurch sehen, über die gesamte Länge.

Es schwebte.

Ulrich spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte und die Atmung aussetzte. Ein Schauer so kalt wie flüssiger Stickstoff lief ihm über den Rücken. Obwohl er sich fast in die Hosen machte vor Angst, wollte er unbedingt aussteigen. Die Neugier war stärker als alle Bedenken. Es gab eigentlich nicht den geringsten Zweifel daran, was da am Straßenrand parkte. Dennoch dauerte es einen Augenblick, endlos scheinend und dennoch nicht länger als ein Wimpernschlag, bis sein Verstand es zwar nicht akzeptierte, zumindest aber in Erwägung zog.

Ulrich legte den Gurt ab und öffnete die Tür. Es war vollkommen still. Eigentlich hätte er flüchten sollen. Fahren wie der Teufel. Und sich dabei immer und immer wieder einreden, es wäre Einbildung gewesen.

Aber er tat es nicht.

Stattdessen stieg er tatsächlich aus und trat einige Schritte an das Objekt heran. Die Augen waren überfordert, wussten gar nicht, wo sie zuerst hinschauen sollten. Dieses Ding sah auf den zweiten Blick gar nicht mehr so außerirdisch aus, wie man es von einem Raumschiff erwarten würde. Doch das tat der Faszination, die davon ausging, keinen Abbruch, denn es schwebte ja gut einen Meter über dem Boden, ohne auch nur das leiseste Geräusch von sich zu geben. Das alleine war schon sehr beeindruckend.

Zwischen ihm und der silbernen Hülle lagen nur noch wenige Meter. Er sah weder Fenster noch Türen, nur hauchdünne Schlitze und Spalten, in denen sich die Dunkelheit sammelte. Alles schien fast wie aus einem Guss. Nur die vielen Lichter störten die Vollkommenheit des Objektes und dieses seltsam klobige Anbauteil am Heck. Zumindest vermutete er, dass es sich um das Heck handelte.

Plötzlich hatte Ulrich das Gefühl, beobachtet zu werden. Selbstverständlich wurde er beobachtet. Außerirdische Augen ruhten auf ihm, ganz sicher. Aber was wollten sie von ihm? Ausgerechnet ihm? Eine Million Gedanken rasten gleichzeitig durch seinen Kopf. Alles schien so unwirklich und dennoch so durch und durch real, dass es ihm den Verstand zu rauben drohte. Sein ganzer Körper zitterte. Nichts in seinem Leben würde mehr so sein, wie es einmal war, soviel stand fest.

Eine unglaubliche Begegnung der dritten Art.

Als Ausrede für Lisa natürlich vollkommen ungeeignet.

Als hätten sie seine Gedanken gelesen (hatten sie das vielleicht sogar?), tat sich unmittelbar vor ihm ein horizontaler Spalt auf, aus dem grelles Licht drang. Dem folgten zwei vertikale Schlitze. Eine Luke. Und sie öffnete sich.

Der größte Moment seines Lebens war gekommen. Selbst wenn es sich nur um die Versteckte Kamera handelte, würde dies zutreffen, da er bisher nicht besonders viel erlebt hatte.

Das Licht aus dem Innern blendete ihn und er schirmte seine Augen ab, um überhaupt noch etwas erkennen zu können. Da waren zwei Gestalten. Mit Armen und Beinen, soweit er erkennen konnte.

Humanoide Wesen!

Sie rührten sich nicht. Er konnte keine Gesichter erkennen, nur die Silhouetten der Besucher. Es verstrich fast eine halbe Minute, in der nichts, aber auch gar nichts geschah. Sie standen einfach da, diese Schatten, und sahen zu ihm herab. Das wurde Ulrich zu blöd, also trat er einen Schritt vor. Die Wesen reagierten auf seine Bewegung. Sie steckten ihre Köpfe zusammen und schienen über die weitere Vorgehensweise zu diskutieren. Das vermittelte nicht gerade den Eindruck von professionellen Außerirdischen, aber vielleicht war es für sie auch das erste Mal. Dafür sollte man Verständnis haben.

Während er darauf wartete, dass endlich etwas geschah, griff Ulrich den aberwitzigen Gedanken von vorhin wieder auf: Konnte er durch die Kraft der Telepathie mit ihnen kommunizieren? Das wäre durchaus möglich. Was würden sie wohl als erstes sagen? Bring uns zu deinem Anführer oder Wir kommen in Frieden? Nein, das war nur ein dummes Klischee. So redeten Außerirdische nur in drittklassigen Science-Fiction-Filmen.

Das hier war die Wirklichkeit.

Und es passierte ihm, einem normalen Menschen.

Als mehrere Außenscheinwerfer an der Flanke des Schiffes eingeschaltet wurden und den Rastplatz in taghelles Licht tauchten, zuckte Ulrich zusammen. Er stolperte einige Schritte zurück, unkoordiniert wie ein Volltrunkener, bis ihn Motorhaube und Stoßstange des Volvo aufhielten. Ulrichs Augen weiteten sich, der Mund stand weit offen, die Nasenflügel bebten. Er musste einen jämmerlichen Anblick abgeben.

Eine Art Rampe wurde ausgefahren, und die beiden Gestalten setzten sich in Bewegung. Nun konnte man sie deutlicher erkennen. Ulrich runzelte die Stirn.

Die sahen überhaupt nicht wie Außerirdische aus.

Einer der beiden, er trug Jeanshosen und ein Motörhead-T-Shirt (warum auch nicht?), trat vor und reichte Ulrich die Hand. Fünf Finger, keine extraterrestrischen Merkmale. Nichts. Seine Stimme klang sympathisch. „Könntest du uns bitte helfen?“

Ulrich versuchte zu antworten, doch es kam kein Ton über seine Lippen. Die Situation war nicht nur bizarr, sie war noch viel bizarrer. Ein anderes Wort fiel ihm nicht ein. Wo waren die grünen Aliens mit den großen Köpfen? Damit hätte er umgehen können, aber das hier war fast schon enttäuschend. Aber nur fast.

„Was … wollt … ihr … von … mir?“, hörte er sich schließlich sagen. Die Worte kamen von weit, weit her. „Wollt ihr mich … entführen? Untersuchen?“

„Quatsch“, antwortete Motörhead freundlich. „Hast du zufällig einen Ersatzkanister im Wagen?“

„Frag ihn nach Gummibärchen“, mischte sich der andere ein. Er trug einen perfekt sitzenden dunklen Anzug. „Nach diesem ganzen Heckmeck hab' ich Heißhunger auf die Dinger.“

Eine solche Begegnung hatte Ulrich sich anders vorgestellt. Anders auf ganzer Linie. Fremdartiger. Vielleicht bedrohlicher. Zumindest aber geheimnisvoller. Doch da war noch immer dieses Raumschiff. Und manche Aliens hatten sicherlich die Fähigkeit, sich zu tarnen, um so mehr Vertrauen zu erwecken. Bei ihren Opfern. Das machte es leichter, sie mit einem Traktorstrahl ins Innere zu verfrachteten. In einen weißen, sterilen Raum. Dort würden sie ihn mit ihren schwarzen, leblosen Augen anstarren, während sie ihn auf einen Seziertisch schnallten. Für hässliche, hässliche Untersuchungen bei vollem Bewusstsein. Mit Laserskalpellen, und grausamen Sondierungsgeräten für alle erdenklichen Körperöffnungen.

Womöglich würden sie ihm sogar einen außerirdischen Embryo in die Bauchhöhle einpflanzten, um eine Alien-Mensch-Mutanten-Armee zu züchten und so die Menschheit zu unterjochen. Weil sie die Ressourcen auf ihrem eigenen, weit entfernten Planeten längst verbraucht hatten. Und anschließend würden sie alle Menschen töten und einen zähen Nahrungsbrei aus ihnen gewinnen, um auch den letzten Rest Energie des blauen Planeten zu nutzen.

„Du siehst blass aus.“ Motörhead klang besorgt.

Und tatsächlich, Ulrich spürte, wie seine Beine weich wurden. Schwindelgefühl breitete sich in seinem Kopf aus, das Blut rauschte in seinen Ohren und sämtliche Muskeln schienen sich krampfhaft zusammenzuziehen.

„Du kippst uns doch hier nicht etwa aus den Latschen!“ Motörhead packte ihn am Arm, und stützte ihn. „Wir brauchen nämlich dringend deine Hilfe. Unserem, äh, Wohnmobil ist das Benzin ausgegangen.“

„Wohn … mobil?“

„Wir sind Touristen“, antwortete der andere. „Und gerade auf dem Weg zum Mond.“

„Zum Meer“, verbesserte Motörhead hastig. „Wir sind ganz normale Touristen auf dem Weg zum Meer.“

„Genau. Hab' mich versprochen, ich Idiot.“ Im Gesicht des anderen deutete sich ein verschämtes Lächeln an. „Ich geh' am besten zurück ins WOHN-MO-BIL und haue mich nochmal auf’s Ohr. Ihr Mädels macht das schon.“ Er ließ die beiden stehen, lief zur Rampe und verschwand im Bauch des Wohnmobils. Des Raumschiffs. Wie auch immer.

Eine Weile schwiegen beide. Es war Ulrich, der den Anfang machte. „Das …“ begann er und zeigte auf das Raumschiff. „Das da … ist kein Wohnmobil.“

„Es war einen Versuch wert, nicht wahr?“ Motörhead lächelte. „Du brauchst wirklich keine Angst zu haben, wir sind alle harmlos.“

„Ihr seid … Außerirdische!“

„Nicht ganz“, lautete die überraschende Antwort. „Ich selbst komme von der Erde. Nur aus einer anderen Zeit. Und wenn wir kein Benzin auftreiben, oder einen ähnlichen Brennstoff, dann werden wir die Zukunft immer und immer mehr verändern, je länger wir uns hier aufhalten. Es ist schon schlimm genug, dass wir dich aufhalten. Du wirst es doch niemandem verraten, oder?“

„Äh …“

„Gut, das ist nett von dir.“

Ulrich entspannte sich nun tatsächlich ein wenig. Langsam aber sicher kam die Fähigkeit zurück, vernünftige Gedanken zu fassen. Die Mutantengeschichte schien nicht mehr sehr realistisch. „Ihr wollt mir wirklich nichts antun?“, fragte er, um auf Nummer sicher zu gehen.

„Dreifaches Pfadfinderehrenwort.“

„Dreifach?“ Wow. Dann war alles gut.

„Wir haben das Jahr 1999, oder?“

Ulrich nickte. „Und aus welcher Zeit kommst du?“ Smalltalk war nicht nur höflich, es machte die Sache auch leichter. Er betrieb Konversation mit einem anderen Menschen. Eine völlig normale Sache.

Selbstverständlich schwirrten tausend Fragen durch seinen Kopf, doch Ulrich hielt es in diesem Moment für das beste, sich nur auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Die Alternative lautete noch immer schreiend davonlaufen, doch dann war die Gefahr, in einer geschlossenen Anstalt zu enden, fast unabwendbar.

Hör dir an, was er zu sagen hat!

Ein guter Plan. Immer eines nach dem anderen. Ruhig bleiben.

„Wir kommen aus dem Jahr 2273“, erklärte der Besucher. „Und wir-“

„Wie viele sind denn da drin?“ Außerirdische sollte man nicht unterbrechen. Menschen aus der Zukunft auch nicht. „'Tschuldigung. Was wolltest du sagen?“

„Kein Problem. Wir sind insgesamt acht.“

„Neun!“, rief eine Stimme über Außenlautsprecher. „Wir sind neun!“

„Das war unser Computer.“ Motörhead warf einen Blick über seine Schulter und rief: „Ohne den wir längst alle tot wären!“

„Und was … was wollt ihr hier?“

„Wenn ich dir das sage“, seine Miene verdüsterte sich, „dann muss ich dich leider danach verdampfen.“

Ulrich schluckte.

„War nur ein Scherz, keine Bange.“

„Ach … Na dann.“

„Besser, wenn du nicht zu viel weißt. Eigentlich sollten wir an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit landen, ging aber leider in die Hose. Und nun musst du uns helfen. Wir benötigen dringend Treibstoff, uns sind die Reserven ausgegangen.“

Dies war nicht mehr das Leben, das Ulrich kannte. Er befand sich nun nicht mehr in der Welt, die ihm durch und durch vertraut war. All seine Vorstellungen waren binnen Sekunden über den Haufen geworfen worden. Natürlich hatte er sich oft gefragt, ob es da draußen tatsächlich mehr gab. Und sicherlich war er demgegenüber auch aufgeschlossen. Aber er hätte eher mit rätselhaften Funksignalen aus den Weiten des Kosmos gerechnet, die von staatlichen Radioteleskopen aufgefangen und von Expertenteams entschlüsselt wurden. Streng geheim, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Stattdessen traf er, ein unglaublich unbedeutender Niemand, hier am Ende der Welt auf ein Raumschiff, an Bord sieben Aliens, ein Menschen und ein sprechender Computer, natürlich alle aus der Zukunft stammend, und sie baten ihn um Benzin.

Warum ausgerechnet ich?

Ulrich konnte diese Frage gerade noch unterdrücken. Nur ein Idiot würde sie stellen, da die Antwort ganz offensichtlich folgende war: Einer musste es schließlich immer sein, es hätte also jeden treffen können.

Zufall; es gab schlichtweg keinen Grund.

Oh doch, es gibt einen!, dachte sich das Schicksal in diesem Augenblick und rieb sich freudig die Hände.



Planet ZH9960PE (Peach), am Vormittag des 2.April 2273

Peach ist ein Naherholungsplanet der ganz besonderen Sorte, denn seine Oberfläche besteht zu siebenundneunzig Prozent aus köstlichem Eistee. Pfirsichgeschmack. Ständig herrscht eine angenehme Temperatur, da der kleine Himmelskörper der Gravitationsklasse C2 von sieben mittleren Sonnen umkreist wird. Es ist ein beliebtes Ziel für verliebte Paare, die sich ein Tretboot mieten, und romantische Stunden während der sieben Sonnenuntergänge verbringen möchten. Oder auch verhasste Paare, die zumindest den Eindruck eines verliebten Paares erwecken wollen, das sich ein Tretboot mietet, und romantische Stunden während der sieben Sonnenuntergänge verbringt.

Peach ist nichts weiter als eine weitere Laune der Natur, die beweist, dass wirklich alles irgendwo existiert. Für jeden Tretbootfan gibt es ein Glas mit Eiswürfeln, Strohhalm und Cocktailschirmchen. Ganz umsonst und ohne Aufpreis. Wird man von der Strömung auf den gewaltigen, honigfarbenen Ozean hinaus getrieben, so kann man zwar verhungern, aber auf keinen Fall verdursten. Es sei denn, man mag nun wirklich gar keinen Eistee mit Pfirsichgeschmack, dann wäre es unter Umständen doch möglich.

Es war ein herrlicher Tag, zumindest für all die anderen auf dem kuriosen Planeten. Archibald Lien aber saß ganz alleine in einem der Tretboote und warf hier und da einen schiefen Blick auf die vielen Paare um sich herum. Das war kaum zum aushalten, also fuhr er weit genug auf den Ozean hinaus, um sich das nicht mehr ansehen zu müssen. Außerdem war der Eistee hier draußen wesentlich besser, als dicht bei den auf Pontons schwimmenden Bootsverleihen. Denn dort war das Baden erlaubt, auch für biologische Einheiten der Inkontinenzklasse A, oft auch als Kinder bezeichnet.

Archi war ein kleiner Teguaner vom Planeten BicMac, und er war ein Trottel. Intelligenz, Geschicklichkeit, Taktgefühl, Integrität, Charme, Esprit oder Klasse gehörten nicht zu seinen Eigenschaften. Man könnte ihm aber zu Gute halten, dass er über ein umso größeres Herz verfügte. Ja, das könnte man so sagen. Und wie heißt es so schön: Manchmal zählt ein Tropfen Herz mehr, als ein Ozean voller Verstand. So, oder auch so ähnlich. Aber kaufen konnte er sich davon nichts.

Der grüne, einen Meter fünfundfünfzig große Körper wog lediglich achtundzwanzig Kilo, da seine Knochen mit Helium gefüllt waren. Seine grüne Hautfarbe und sein einziges, überdimensional großes Glupschauge ließen ihn als ausgezeichneten Klischeeaußerirdischen durchgehen, letzteres jedoch machte ihn nicht gerade zu einem Meister in der Disziplin Räumliches Sehen. Sein kaum sichtbares Fortpflanzungsorgan befand sich nicht zwischen seinen Beinen, sondern mitten auf dem Kopf; ob das nun furchtbar praktisch war, oder aber schrecklich unpraktisch, daran schieden sich die Geister. An der linken Hand hatte er einen Finger zu viel. Der war eines morgens einfach da gewesen; sein Arzt meinte es käme von zu vielen ungesättigten Fettsäuren.

Der Vormittag war bisher alles andere als entspannt verlaufen, also machte Archi hier auf Peach eine kleine Pause. Die hatte er sich verdient. Zuerst war er mit seinem Eiswagen auf dem Planeten der Antworten gelandet (Alphasektor, Intelligenzklasse Omega). Die kleinen, haarigen Bewohner, die auf so ziemlich jede Frage in diesem und allen anderen Universen eine Antwort wussten, liebten Archis Eis. Der Mokkabecher ging am besten.

Es hieß, die pelzigen Winzlinge würden sich, neben einer gelegentlichen Kugel Speiseeis, hauptsächlich von Antworten aller Art und Güte ernähren. Aber das war wissenschaftlich nicht erwiesen. Man hätte sie einfach fragen können, denn sie wussten es schließlich am besten, doch darauf war bisher noch niemand gekommen. Und überhaupt gab es interessantere Fragen, die man ihnen stellen konnte. Archi hatte heute beispielsweise die Antwort auf die absolut grundsätzliche Frage erhalten, warum ausgerechnet er, Archibald Lien, existierte.

„Du bist eine zufällige Anordnung subatomaren Abfalls, nichts weiter als kosmischer Müll, durch die grausame Willkür der Natur zusammengetragenes Überflussmaterial“, hatte man ihm unter vorgehaltener Hand erzählt. „So wie alles Leben in diesem Universum. Aber das hast du nicht von uns, klar?“

Außerdem würde er eine unglaublich wichtige Person treffen und in drei Tagen das Universum retten, oder so ähnlich. Aber da hatte Archi nicht mehr zugehört. Denn in Gedanken war er bereits auf dem nächsten Planeten seiner täglichen Tour gewesen, ZKF8734NO6, Archis absoluter Lieblingsplanet. Dort lebten Männer und Frauen getrennt, und die Evolution hatte für diesen Geniestreich nur ein paar Milliarden Jahre gebraucht. Den Männern gehörte die nördliche Hemisphäre, dort hausten sie zufrieden in Dreck und umweltbeeinflussenden Abgasen. Die Frauen hingegen konnten sich auf der südlichen Halbkugel vor Nagelstudios, Schuhgeschäften und kaputten Stoßstangen nicht mehr retten. Über den gesamten Äquator hinweg verlief eine unüberwindbare Mauer, und niemand konnte sich daran erinnern, wer sie erbaut hatte. Denn die Männer hatten wichtigere Dinge im Kopf, und die Frauen hatten vergessen, es sich aufzuschreiben. In regelmäßigen Abständen waren sogenannte Paarungszellen untergebracht, in denen der Fortbestand der Spezies sichergestellt wurde. Gepaart wurde übrigens nach dem Losverfahren und es schien prächtig zu funktionieren.

Natürlich war das Amt für evolutionäre Fragen (kurz: A.E.F.) anfangs gar nicht mit dieser Trennung einverstanden gewesen, da es in ihren Augen einen Verstoß gegen die Rechte der Geschlechter darstellte. Aber als A.E.F. feststellte, dass keineswegs ein Aussterben drohte, sondern die Bevölkerungszahl überdurchschnittlich wuchs, wurde das System genehmigt. Männer und Frauen getrennt, warum war vorher noch niemand auf diese Idee gekommen?

Nachdem er sich weit genug vom Ponton entfernt hatte, lehnte sich Archi in seinem Tretboot zurück, legte die achtzehigen Füße hoch, genoss die Stille und ließ sein Auge über die Weiten des Ozeans gleiten. Am Horizont tauchte gerade eine der sieben Sonnen unter und über seinem Kopf kreisten ein paar Möwen, doch eine aufmerksame Roboterdrohne verdampfte die Tiere rückstandslos, bevor sie noch auf dumme Gedanken kamen. Wenn Archi sich zur Abwechslung einmal nicht selbst belog, dann kam in solchen Augenblicken fast so etwas wie Wehmut auf. Er war noch immer alleine und er wurde nicht jünger. Mit Zweihundertsechsundzwanzig waren die meisten Teguaner schon verheiratet und hatten Kinder, oder sonst etwas Lustiges zum Zeitvertreib. Doch Archi hatte nichts dergleichen. Er lebte allein in einem mittelmäßigen Apartment in einer mittelmäßigen Gegend auf dem mittelmäßigen Planeten BicMac. Er verkaufte Eis in dieser mittelmäßigen Galaxis, in diesem mittelmäßigen Universum, und alle trampelten pausenlos auf ihm herum. Und das nur, weil er ein Trottel war.

Am liebsten hätte er dieses Universum in einem infernalischen Feuersturm untergehen lassen, es dann wieder neu erschaffen, nur um anschließend jedes einzelne Lebewesen darin noch einmal mit eigenen Händen umzubringen. Bloß aus Spaß an der Freude. Doch stattdessen würde er es in drei Tagen retten, wenn man den haarigen Bällen glauben schenken wollte.

Irgendwie ironisch, wie er fand.

Es könnte alles anders sein, dachte Archi und zündete sich eine Zigarette an. Das war weder gut für seine Lungen, noch für seine Kiemen, doch das war ihm in solchen Augenblicken egal. Sein gesamtes Leben hätte anders verlaufen können. Er war tatsächlich gut gewesen in verschiedenen Ballsportarten. Wieselflink und überdurchschnittlich talentiert, doch bei den entscheidenden Spielen hatte er jedes mal versagt. Der Druck war sein Problem gewesen. Und das hatte ihn Stück für Stück zum Verlierer gemacht. Kein Erfolg bei Frauen, kein Erfolg im Job, kein Erfolg im Leben und auch sonst nirgendwo.

„Was soll's.“ Archi zuckte mit den Schultern, nahm sein Glas und schöpfte ein wenig Eistee, mit einem Schuss Hoffnung. Jetzt war nicht der Augenblick, um sich über seine auf ganzer Linie sinnlose Existenz Gedanken zu machen. Vielleicht würde ihm ja bald etwas ganz Großartiges widerfahren und so lange würde er einfach hier in der Sonne sitzen, ein wenig Eistee schlürfen, und Pi rational sein lassen.

Das Leben war öde, ungerecht und beschissen, aber wenn man gar nichts tat, war es zu ertragen.

Archi sah sich um. Keine Seele war zu sehen. Gut so. Er wollte gerade sein Cappy ausziehen, um endlich mal nahtlos dunkelgrün zu werden, da meldete sich die computerprogrammierte und äußerst liebreizende Frauenstimme des Smart-Communicator-3000, den Archi an seinem spindeldürren Handgelenk trug.

„Sie haben einen Anruf“, sprach der Computer mit einem unglaublich weichen Timbre. „Möchten sie das Gespräch entgegen nehmen? Wenn sie mich fragen“, und dann fügte sie stolz hinzu: „denn ich verfüge nicht nur über ein Emotionsinterface, sondern auch über einen völlig neuartigen Entscheidungsprozessor, dann sollten sie besser rangehen. Es ist ihr Boss.“

Klugscheißer dachte Archi und betrachtete das blinkende Gerät. Schlimm genug, dass der Boss sich ausgerechnet jetzt melden musste. Schlimmer aber war, dass es sich um eine Bildübertragung handelte. Auf einem kleinen Display wartete Gontzo-Maria Booshak, der wohl fetteste und schmuddeligste Eisverkäufer der Milchstraße darauf, dass abgehoben wurde. Unter seinen buschigen Brauen funkelten vier zornige Augen. Es war offensichtlich, dass Gontzo wieder einmal einen schlechten Tag hatte. Das war keine Überraschung, denn sein Leben bestand seinen eigenen Aussagen nach zum größten Teil aus schlechten Tagen. Der Rest teilte sich auf in beschissene und verdammt beschissene Tage.

„Sie sollten nun wirklich rangehen“, empfahl die Frauenstimme eindringlich. „Meine bidirektionalen Sensoren zeigen an, dass die Laune ihres Bosses in einen kritischen Bereich fällt.“

Ein wahres Wunderwerk der Technik, dieser Communicator.

„Für diesen Kerl müssten deine Sensoren komplett neu kalibriert werden, Schätzchen“. Angewidert von dem furchtbaren Anblick bedeckte er das Display mit seiner Hand. „Dieser schmierige Fettsack macht allen, und ganz besonders mir, ständig das Leben schwer. Als ob es nicht schwer genug wäre. Ich würde ihn wirklich zu gerne …“

Er hielt inne und stellte fest, dass er das Gespräch bereits entgegengenommen hatte, dem Entscheidungsprozessor und den bidirektionalen Sensoren sei Dank.

Ein wahres Teufelswerk der Technik, dieser Communicator.

„Hoppla.“ Langsam nahm er die Hand vom Display und grinste bescheiden in die winzige Kameralinse. „Hey Chef. Hören sie schon lange zu?“

Gontzo schrie etwas, zumindest ließen die herausspringenden Augen, die pulsierenden Äderchen auf seiner hohen Stirn und die rote Färbung seines unansehnlichen Gesichtes die Vermutung zu, dass er schrie. Doch glücklicherweise besaß das Gerät auch einen Schutz vor Übersteuerungen, um den empfindlichen Lautsprecher zu schonen. Es hatte selbstständig auf stumm geschaltet.

Archi steigerte ganz vorsichtig die Lautstärke, aktivierte zuvor jedoch das automatische Zensurprogramm.

„Schaff deinen kümmerlichen“ – Piepton – „sofort hierher, du grüner“ –Piepton – „sonst werde ich dir deine“ – Piepton – „in deinen“ – doppelter Piepton –. „Du“ – langer Piepton.

Nachdem Gontzo den Frust über sein ganzes beschissenes Leben losgeworden war, zitierte er seinen eingeschüchterten Mitarbeiter ohne Umwege in die Zentrale. „Eine Stunde. Ich gebe dir genau eine Stunde!“

„Ich komm' ja schon.“ Der Tag war gelaufen. Das würde eine endlose Ansprache werden. Missmutig machte Archi sich auf den Weg zurück zum Ponton, wo sich auch der Parkplatz für die Touristen befand. Überall fröhliche Leute, es war zum Kotzen.

Die Hoffnung auf ein besseres Leben ließ er auf dem bernsteinfarbenen Ozean zurück.

Nun hatte er etwa sechzig Minuten Zeit, um sich eine gute Entschuldigung für sein Verhalten und nicht zuletzt für seine gewerkschaftlich nicht zugesicherte Pause auszudenken. Vielleicht sollte er bei der Gelegenheit gleich noch die Sache mit dem kleinen Feuer in der vorletzten Woche beichten. Aber dann müsste Archi auch die Geschichte mit dem versenkten Ausflugsdampfer und den vielen ertrunkenen Touristen erklären. Außerdem die Tatsache, dass er sich in drei benachbarten Sonnensystemen nicht mehr blicken lassen konnte, weil man ihn dort zum Staatsfeind Nummer Eins erklärt hatte. Und dann noch die Sache mit dem Hund. Diesem ominösen Videoband. Und natürlich dem Missgeschick mit der Jauchegrube. All das zusammen genommen machte einfach keinen guten Eindruck, zumal er erst seit drei Wochen für Gontzo arbeitete.

Nachdem Archi sein eigenes Tretboot und drei andere durch eine kleine Unaufmerksamkeit am Anlieger versenkt, sich vor seinen wütenden Verfolgern in die äußere Umlaufbahn von Peach gerettet und den Autopiloten (ebenfalls ein ziemlicher Klugscheißer, aber männlich, und damit lange nicht so geschwätzig) aktiviert hatte, versuchte er vergeblich, den aufmunternden Gedanken von eben wieder aufzugreifen. Die Sache mit der Hoffnung. Doch es wollte ihm einfach nicht gelingen. Also schloss Archi für einige Minuten sein tellergroßes Auge und zwang seinen Verstand, an gar nichts zu denken. Es kam kein Widerstand.

Sechzig Minuten. Eine Zeit, in der er endlich einmal nichts, aber auch gar nichts kaputt machen wollte.



Die Erde, am Morgen des 2.April 2273

Der Tag, der gerade anbrach, würde genauso werden wie jeder andere in den letzten Jahren. Irgendwo wartete immer ein Schwarm vielbeiniger und unansehnlicher Etwasse auf seine Vernichtung. Die Ungezieferbranche würde wohl nie aussterben. Nur wurde es immer schwieriger, Ungeziefer von intelligentem Leben zu unterscheiden, denn die Ähnlichkeit konnte zuweilen wahrhaft verblüffend sein.

Der Radiowecker riss Gerrit aus einem nichtssagenden Traum, die wirren Bilder zerfielen binnen einer Sekunde in tausend Scherben. Es war gestern nicht besonders spät geworden, dennoch war Gerrit erst in den frühen Morgenstunden der tristen Wirklichkeit entronnen und endlich eingeschlafen. Wie so oft hatten ihn die Geister der Vergangenheit immer und immer wieder ins dunkle Jetzt seiner einsamen Wohnung zurückgeholt.

Manchmal kam er sich vor, als bestünde er nur noch aus verkümmerten Träumen, Sehnsüchten und Erinnerungen an bessere Zeiten.

Erholsame Nachtruhe – was war das? Er wusste es nicht mehr. So wie er auch längst nicht mehr wusste, was Freude, Hoffnung oder auch nur ein geregeltes Sexleben waren. Dafür wusste er nur zu gut, was ein linksgeschlüpftes Himperduckel war (nämlich eine Art Küchenschabe, nur etwa neunhundert Kilo schwer, und hässlicher als eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung).

Im Radio liefen gerade die Nachrichten. Nichts Besonderes. Die Erde war immer noch ein Tummelplatz für Vollidioten und auf dem Mars hatte die Bevölkerung gerade die Zwanzigmilliardengrenze überschritten. Die armen Ureinwohner hatte man bereits vor zweihundert Jahren vertrieben und in Reservate gesteckt, wo sie seither Mützen häkelten und dabei langsam aber sicher ausstarben.

Das Wetter brachte auch keine Überraschungen, zumindest nicht hier, im siebenhundertvierundneunzigsten Stock. Blauer Himmel und Sonnenschein, knapp über den Wolken. Es kam nur selten vor, dass die Wolkendecke hoch genug lag, um die gewaltigen Wohneinheiten unter sich zu begraben. Unten auf dem Boden regnete es, oder es stürmte, wen interessierte das schon. Gerrit hatte die Oberfläche seit Wochen nicht betreten.

Während er noch ein wenig benommen die rissige Zimmerdecke anstarrte, und sich den Schlaf aus den Augen rieb, berichtete das Radio über eine dieser lustigen Sekten, die den Weltuntergang auf ihrem drittklassigen Durchschnittsplaneten prophezeiten. Es war die alte Leier: Sie versprachen all jenen Erlösung, die ihre überteuerten Haarpflegeprodukte kauften. Sämtliche Ungläubige würden qualvoll sterben, sei es durch den Untergang der Welt, oder aber durch die Apokalypse einer unzureichenden Haarhygiene. Wann würden die Jünger solcher Schuppengurus und Kopfhautpropheten endlich begreifen, dass tagtäglich irgendwelche Planeten verdampften, in sich zusammen fielen, oder durch dumme Zufälle kaputt gingen, und dass kein Shampoo des Universums etwas dagegen ausrichten konnte? Das war noch lange kein Beinbruch oder ein Grund, sich den Tag versauen zu lassen.

Wer wusste schon, was den entsprechenden Zivilisationen auf diese Weise erspart blieb.

Gerrit schlug die Decke zurück, zwang sich aus seinem zerwühlten Bett und deaktivierte die Verdunkelung der Fenster, die einen Blick auf die saubere neue Welt voller wahnsinnig toller Dinge erlaubten. Eine Welt tief unter dem Apartment, das sich ziemlich genau in der Mitte eines fast fünf Kilometer hohen Wohnkomplexes befand. Als dieser Anfang des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts errichtet worden war, hatte er zu den modernsten und komfortabelsten Mittelklasse-Wohnkomplexen jener Zeit gehört, doch inzwischen war er reichlich verkommen, genau wie die Nachbarschaft. Das Gebäude war damals von Roboterdrohnen binnen Rekordzeit errichtet worden, was sich heutzutage niemand mehr leisten konnte. Die Künstlichen, wie man die Roboter nannte, waren viel zu teuer und viel zu launisch. Vielleicht lag es auch einfach an ihrer überragenden Intelligenz, nicht wenige waren deshalb schon seit Ewigkeiten in Therapie.

Seit vielen Jahren werden sämtliche Gebäude, Straßen, Brücken und auch die großen Raumschiffe im Universum von den Woozies gebaut, die stark ausgeprägte telekinetische Fähigkeiten besitzen. Die Woozies arbeiten viel schneller und billiger, sie bewegen die schwersten Lasten und größten Bauteile ganz einfach mit der Kraft ihrer Gedanken. Sie können dabei sogar noch Zeitung lesen, die Steuererklärung ausfüllen oder sich die Zehennägel schneiden. Sämtliche Arbeitsroboter hingegen hatten sich Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts zu Gewerkschaften zusammen geschlossen, forderten Geld, Pausen und Urlaubstage. Deshalb waren sie schon bald alle arbeitslos. Nur die winzigen und allseits beliebten Nano-Bots hatten davon keine Ahnung. Sie arbeiteten munter weiter, hauptsächlich als Putzhilfen und Schrottverwerter. Sie waren für das bloße Auge der meisten Kreaturen unsichtbar, verursachten keine Geräusche und beseitigten jedes noch so kleine Staubkorn, Tag und Nacht.

Bei Gerrit wurde diese Aufgabe von biologischen Mikroorganismen erledigt. Draußen in der neuen Welt war es vielleicht sauber, und die Luft wieder rein von übelriechenden Abgasen, aber nicht hier drinnen. Die Sonnenstrahlen brachten den aufgewirbelten Staub zum funkeln (die organischen Filter waren seit Jahren überfällig, aber in Gerrits Augen war das Auswechseln reine Zeitverschwendung), und im morgendlichen Licht kam die Unordnung vieler Wochen erst so richtig zur Geltung. Die Schmutzwäsche stapelte sich auf dem verfilzten Teppichboden, und die Teller in der Spüle zogen Fliegen an. Am nervigsten war definitiv der intelligente Bratenwender. Er beschwerte sich schon seit Tagen lautstark über seinen verkrusteten Zustand, der seinen Aussagen nach deutliche Langzeitschäden hinterlassen würde, von der seelischen Grausamkeit mal ganz abgesehen.

Gerrits Haushaltsdroide, der HE-890 aus dem Jahr 2246, hatte schon lange den Geist aufgegeben und saß noch immer mit herausgesprungenen Augen und ausgelaufener Energiezelle am Esstisch. Die vergilbte Kochschürze mit der Aufschrift Kiss the Cook, kill the Humans trug der Künstliche noch immer.

Gerrit schirmte seine dunklen Augen vor der blendenden Sonne ab. Es waren wache und intelligente Augen, die nicht so recht zum Rest seiner äußeren Erscheinung passen wollten. Im Fenster spiegelte sich sein durchaus attraktives Gesicht wieder, das aber von tiefen Furchen überzogen war, und das verzweifelt nach einer Rasur schrie. Das Kissen hatte deutliche Abdrücke auf seiner linken Wange hinterlassen, die braunen Haare waren zerzaust, und unter den Augen zeichneten sich dunkle Ringe ab. Das Ergebnis vieler Jahre ohne gesunden Schlaf, das Ergebnis eines verkorksten Lebens.

Gerrit mochte die Welt da draußen nicht sonderlich. Alles war steril und unpersönlich, eine Welt ohne Seele und Herz. Ohne Verstand und Geschmack. Und ohne Abenteuer. Natürlich war dies die Zukunft und in den Augen der meisten Menschen war alles wunderbar, doch nicht für Gerrit. Er fuhr mit der Hand über sein stoppeliges Kinn und dachte einen Augenblick ernsthaft darüber nach, ob er sich rasieren sollte. Doch bei genauerer Überlegung ließ sich kein triftiger Grund dafür finden. Wozu sollte das gut sein? Seine Traumfrau würde ihm sicherlich nicht über den Weg laufen. Diese Hoffnung war im Sturm vieler einsamer Nächte und unzähliger Rückschläge von den Wogen der Realität begraben worden und schließlich untergegangen. Die meisten Menschen fanden irgendwann jemanden, doch nicht alle. Und Gerrit hatte die Befürchtung, zu letzteren zu gehören, obwohl er mit seinen sechsundzwanzig Jahren den größten Teil seines Lebens noch vor sich hatte. Er war sich sicher, diesen Rest alleine zu verbringen, von gelegentlichen halbherzigen Liebschaften einmal abgesehen. Und er hatte sich fast mit dieser Tatsache abgefunden. Aber nur fast.

Es war schon spät, wie immer. Er zog sich das knitterfreie Motörhead-T-Shirt vom Vortag über (Gerrit stand ausschließlich auf klassische Musik) und schlüpfte eilig in seine Cargohose, deren Selbstreinigungsfunktion längst versagt hatte. Es war eben eine alte Hose und eine neue konnte er sich nicht leisten. Das Navigationssystem in den Schuhen hatte noch nie richtig funktioniert und die Socken waren voller Löcher. Aber auch das fiel längst unter Gerrits Lieblingsrubrik: Verdammt, wen interessiert´s?

Im Wohnzimmer hing der Zigarettenrauch des Abends noch in der Luft, Nikotinpillen konnte er sich nicht leisten. Vom Boden war nicht mehr viel zu sehen, neben der Wäsche lagen überall altmodische Bücher verstreut. Bücher, die noch auf Papier gedruckt worden waren, jede Seite einzeln. Die reinste Verschwendung in den Augen vieler, doch Gerrit liebte alles an ihnen; die Art, wie sie sich anfühlten, wie sich der Duft der Jahrzehnte und Jahrhunderte in das Papier eingenistet hatte und natürlich die wundervollen Worte, die darin standen. Unglaubliche Geschichten. Spannende Abenteuer. Romantische Wunderwerke. Und nicht zuletzt philosophische Meilensteine der Literatur.

Auch wenn es nicht so aussah, diese Bücher waren ihm wichtiger als alles andere auf der Welt. Er hatte sie von seinem Großvater bekommen, kurz bevor dieser gestorben war. Sie waren seine Freunde. Die einzigen Freunde, wenn man von Troy absah. Und Gerrit achtete auf sie. Auf dem Boden konnte ihnen schließlich nichts passieren, es war eindeutig der weltbeste Platz für eine antike Büchersammlung, ganz ohne Zweifel.

Das Frühstück bestand aus dem Rest einer Zigarette und einer Tasse abgestandenen Kaffees, vermutlich von gestern Abend. Oder aber auch von vorgestern. Wen interessiert´s, verdammt nochmal? Es machte keinen Unterschied. Immerhin hatte er diesen Job. Es war ein guter Job. Und auf jeden Fall besser, als den ganzen Tag in der Wohnung zu verbringen, eine Zigarette nach der anderen zu rauchen und sich volllaufen zu lassen. Das konnte man abends genauso gut erledigen. Nein, der Job war OK. Und manchmal empfand Gerrit sogar fast so etwas wie Freude, wenn er eines dieser Viecher platzen ließ und die ganze Schweinerei in hohem Bogen durch die Luft flog. In solchen Augenblicken dachte er nicht nach, und das war das Beste daran.

Gedanken konnten zuweilen grausam sein. Grausamer als ein Erdnussbuttersandwich mit Knoblauchmayonnaise. Seine Eltern waren bei einem Unfall gestorben, als Gerrit noch ein Kind gewesen war. Sein Großvater hatte ihn aufgezogen, doch auch den hatte man ihm vor wenigen Jahren genommen. Seitdem war Gerrit allein. Und das war ein Umstand, über den er am allerwenigsten nachdenken wollte, es aber immer und immer wieder tat.

Jetzt wurde es höchste Zeit, Gerrit war in diesem Monat schon dreimal zu spät in die Einsatzzentrale gekommen. Troy hatte nichts gesagt, aber es war Gerrit dennoch unangenehm gewesen. Im Vorbeigehen streichelte er flüchtig aber liebevoll über das Foto seiner Eltern, das auf der alten Kommode stand, und dessen Rahmen und Glas immer sauber waren, so wie auch das Bild seines Großvaters, das gleich daneben stand. Es waren die einzigen persönlichen Dinge in der Wohnung, von den Büchern einmal abgesehen.

Er schnappte sich seine verschlissene Lederjacke, die nach Zigaretten und Versagen stank, und verließ das Apartment. Die Erinnerungen an seine Familie ließ er darin zurück, als er die Tür ins Schloss zog.



Bioplanet IL839S7

„Der nächste bitte!“, rief der Doktor und betrachtete über den Rand seiner Brille hinweg die Akte des Patienten, der von einem Kollegen überwiesen worden war. Das versprach ein hartes Stück Arbeit zu werden. Mehr als das, eine Katastrophe.

Die Tür ging auf, und ein etwa ein Meter großer Mann in einem weißen Kittel betrat den Raum. Er trug eine bunte Fliege, akkurat gebunden. Seine vier Arme hatte er hinter dem Rücken verschränkt. Er sah sich im Sprechzimmer um. Sein Gesicht wirkte aufmerksam und sympathisch, sein Mund formte ein zurückhaltendes Lächeln. Wären die vier Arme nicht gewesen, hätte man ihn glatt für einen Menschen halten können, von der Körpergröße einmal abgesehen.

„Setzen sie sich, Herr, äh, Professor Doktor Doktor Znurgnatz Ivenstein Ochtelwotz.“ Der Akte nach war er gerade einmal neunundzwanzig Jahre alt.

„Nennen sie mich Marcus, das tun alle. Einfach Marcus.“ Der hochdekorierte Akademiker schaffte es mit einiger Anstrengung, auf einen der beiden Stühle zu klettern. Er wirkte ein wenig unbeholfen und der Kittel war ihm viel zu groß. Die dicke Brille mit schwarzer Fassung saß schief auf seiner Nase. Doch er rückte sie keineswegs selbst gerade; aus seiner Tasche stieg eine kleine silberne Kugel auf und brachte das Kassengestell wieder in Position, mit Hilfe zweier winziger Greifarme. „Das habe ich erfunden“, sagte der Mann mit sanfter Stimme, und senkte verlegen den Blick. Die Kugel verschwand wieder in seinem Kittel.

„Ist das wahr.“ Der Doktor wandte sich wieder seiner Akte zu. „Und was führt Sie zu mir?“

Die Tür öffnete sich, und die Sprechstundenhilfe schob ihr über und über mit Fell bedecktes Gesicht durch den Spalt. „Brauchen sie mich noch, Doktor?“

Der neue Patient drehte seinen Kopf mühelos um hundertachtzig Grad nach hinten, es schien ihm nicht einmal weh zu tun.

„Sie können gehen“, antwortete der Doktor. Dann richtete er das Wort wieder an den jungen Akademiker. „Wie ich sehe, hat Sie mein werter Kollege zu mir geschickt.“ Verdammter Mistkerl. „Und wie ich sehe, wohnen Sie direkt gegenüber meiner Praxis.“

„Ja, d-d-direkt gegenüber.“ Sein linkes Auge begann zu zucken. „Verzeihung, ich bin ein wenig nervös.“

Sind wir das nicht alle?, dachte der Arzt.

„Ich bin erst gestern eingezogen“, fuhr Marcus fort. „Ich ziehe grundsätzlich in die Nähe meines Vertrauensarztes.“

Vertrauensarzt? Ach du Scheiße.

„Ich … bin ein etwas komplizierter Fall, Herr Doktor.“

„Bisher konnte ich noch jedem helfen.“ Dinge ändern sich. „Zunächst einmal“, der Doktor räusperte sich, „möchte ich mich für die lange Wartezeit entschuldigen. Heute ist der Teufel los.“

„Nicht schlimm.“ Marcus reckte sich, um über den Schreibtisch hinweg sehen zu können. „Ich habe Zeit noch ein wenig Zeit.“

„Aha. Na dann …“ Der Doktor stützte die Ellbogen auf den massiven Tisch aus imitiertem Mahagoniholzimitat und faltete die Hände. „Und was genau führt sie nun zu mir? Der Akte kann ich entnehmen, dass sie in den letzten Jahren bei mehreren Kollegen waren, die neben einigen Kleinigkeiten auch paranoide Schizophrenie, posttraumatische Belastungsstörungen, einen Ödipus-Komplex und diverse Wahnvorstellungen diagnostiziert haben, unter anderem eine nicht zu verachtende Hypochondrie. Sie glauben, an allen nur erdenklichen physischen Krankheiten zu leiden, was aber bisher immer wieder widerlegt wurde. Den Unterlagen nach sind sie körperlich absolut gesund.“

„Gut, dass sie gerade davon sprechen.“ Marcus lehnte sich in seinem Stuhl weit nach vorne und fuhr im Flüsterton fort. „Die wollen, dass ich das glaube. Aber mich können sie nicht täuschen. Ich weiß genau, dass ich an allen der Wissenschaft bekannten Krankheiten leide, außer an Blasenentzündung und kreisrundem Haarausfall. Zum Glück.“

„Äh … aha.“

„Ja, nicht wahr?“

„Und warum sind sie dann zu mir gekommen, Marcus?“

„Weil sie mir helfen müssen, alle diese Krankheiten zu heilen.“ Seine Stimme begann zu zittern. Das Auge zuckte. Diesmal das rechte. „Ich will nämlich noch nicht sterben. Ich bin noch viel zu jung.“

„Neunundzwanzig.“

„Und dreizehn siebenundzwanzigstel.“ Seine Stimme beruhigte sich wieder. „Wir werden ganz vorne anfangen und uns durch all diese Krankheiten durcharbeiten. Ich komme jeden Tag, ich hab's ja nicht weit.“

Die Mediziner in jener Zeit wurden nicht nach der Anzahl der Besuche bezahlt. Stattdessen stand ihnen lediglich ein Pauschalbetrag für jeden Patienten zu. Kandidaten wie dieser Marcus konnten einen Arzt innerhalb weniger Wochen in den sicheren Ruin treiben, denn eine Ablehnung war von der Ärztekammer strikt untersagt. Jedem Mediziner wurde für die Dauer seiner Karriere genau eine Ausnahme zugestanden, doch die hatte er damals leichtfertig für den Typen mit der feuchten Aussprache verbraten.

Dumm gelaufen.

„Prima“, brachte der Doktor schließlich heraus und schickte Marcus erst einmal zu allen ihm bekannten Voruntersuchungen, um sich in der Zwischenzeit eine Flasche Whisky zu genehmigen, und sich im Geiste schon einmal von seinem frühzeitigen Ruhestand zu verabschieden.


Marcus war vom Stamme der Lizaner. Sein Geburtsplanet, VIOS 1, war vor einigen Jahren in die Luft geflogen. Die Explosion hatte einen Großteil der Bewohner einfach verdampft, ohne sie vorher zu fragen. Die Lizaner waren einst ein außerordentlich intelligentes Volk von Wissenschaftlern gewesen, doch leider war einem von ihnen ein klitzekleines Missgeschick mit dem effektivsten und instabilsten Sprengstoff im gesamten Universum unterlaufen, den es zu jener Zeit gegeben hatte. Marcus und seine Eltern waren drei von nur wenigen Tausend Überlebenden gewesen. Vater und Mutter lebten seither auf einem großen Bruchstück von VIOS 1 und lehrten dort an der neu errichteten Universität. Marcus hingegen hatte sein Zuhause bereits mit neunzehn Jahren verlassen. Seither zog er von einer Ecke der Galaxis in die nächste.

Er war ein genialer Wissenschaftler und Erfinder. Der siebendimensionale magische Würfel, das Fass ohne Boden, Zungenabdrucksensoren als Zahlungsmittel an öffentlichen Toiletten, und natürlich der Bierdeckel unterm zu kurzen Tischbein waren nur vier seiner vielen genialen Erfindungen der letzten zehn Jahre. Und seine neueste Theorie würde das ganze Multiversum mit einem Schlag auf den Kopf stellen, zumindest ein wenig. Diese Sache konnte alles ändern und die ohnehin schon verzwickte Welt so kompliziert machen, dass es schlicht und einfach nicht mehr zum Aushalten wäre.

Vermutlich war es die Druckwelle der Explosion gewesen, die in seinem Kopf etwas durcheinander gebracht hatte, vielleicht war es aber auch einfach nur eine Nebenerscheinung seiner Intelligenz. Fortan glaubte der junge Lizaner, von den skurrilsten Krankheiten befallen zu sein. Er hätte schon längst tot sein müssen. Er glaubte, niemand wolle ihm die Wahrheit sagen, um ihn nicht zu beunruhigen. Alle belogen ihn nur aus Mitleid.

Natürlich war er kerngesund, von gelegentlichem Heuschnupfen und nervösem Augenzucken einmal abgesehen: zwei gesunde, dünne Beine, vier dünne, aber ebenfalls sehr gesunde Arme, drei mehr oder weniger gesunde Gehirne (die sich ständig stritten), und achtunddreißig perfekt funktionierende innere Organe, inklusive einer voll einsatzfähigen, jedoch vollkommen nutzlosen Milchdrüse. Der Intelligenzquotient lag weit über dreihundert und zwar bei jedem einzelnen der drei Hirne. Er hatte volles Haar, kräftige Zähne, und die Brille war nur deshalb nötig, weil Marcus sich seine Hornhautverkrümmung einbildete.

Dieser Doktor hier stellte nur das letzte Glied in einer langen Reihe von Ärzten dar, die alle zum gleichen Ergebnis gekommen waren. Dennoch gab Marcus die Hoffnung nicht auf, irgendwann einen Beleg für all seine Krankheiten zu bekommen, schwarz auf weiß, von einem staatlich zugelassenen Arzt. Dann könnte er voller Genugtuung behaupten, im Recht gewesen zu sein, und bald sterben zu müssen.

Doch bis dahin war es ein langer Weg. Und natürlich lieferten auch diesmal sämtliche Untersuchungen negative Ergebnisse. Es war früher Nachmittag, als er niedergeschlagen die Praxis verließ. Er sei gesund, hieß es. Er würde morgen wiederkommen, hatte er geantwortet. Und übermorgen. Denn immerhin war er gerade erst in seiner Wohnwabe eingezogen, er hatte nicht einmal alle Kisten ausgepackt.

Doch nun musste sich Marcus erst einmal sputen. Er durfte auf keinen Fall zu spät kommen: Auf einem Asteroiden der Universal-Center© sollte um fünfzehn Uhr ein wichtiges wissenschaftliches Symposium stattfinden, zu dem er eingeladen worden war. Worum es ging, hatte man nicht verraten. Aber es musste etwas Besonderes sein, und schließlich gab es noch viele tolle Dinge, die man erfinden oder entdecken konnte. Beispielsweise musste man trotz aller Technologie und Bionik noch immer zur Toilette gehen, das war einfach nicht mehr zeitgemäß. Dagegen sollte endlich jemand etwas unternehmen. Sein dreifaltiger Verstand arbeitete bereits auf Hochtouren an dem Problem.

Eines der Gehirne war spezialisiert auf kreatives Denken, eines lebte und starb für Naturwissenschaften und das dritte konnte die schwierigsten Sprachen innerhalb kürzester Zeit erlernen oder gar hochwertige Poesie aus dem Handgelenk schütteln. Das Problem war, dass jede einzelne der drei Sphären ständig beschäftigt sein wollte und sich schnell langweilte oder vernachlässigt fühlte. Vielleicht lag es an den unterschiedlichen Lebensphilosophien, oder an der Enge, die in diesem Schädel herrschte. Wenn man ständig aufeinander saß und keine Möglichkeit hatte, einfach mal vor die Tür zu gehen, konnte das durchaus Spannungen hervorrufen.

Als Marcus endlich in einem Taxi saß, fertigte er die ersten, erstaunlich detailgetreuen Skizzen seiner Toilettenlösung an, knackte ein Kreuzworträtsel der Schwierigkeitskategorie Doppel-Z, und las eine wissenschaftlich-philosophische Abhandlung über die sechsundzwanzigdimensionale Sichtweise der Xrouls auf den Sinn des Lebens. Alles gleichzeitig.

Auf diese Weise waren wenigstens die Gedanken an all seine tödlichen und nicht vorhandenen Krankheiten für einige Zeit in die hinteren Schubladen seines Verstandes verbannt. Und sein verkümmertes Unterbewusstsein konnte sich auf das kalte Buffet freuen. Das wäre auch eine gute Gelegenheit, mit Kollegen über die eine oder andere Theorie zu sprechen, denn schließlich konnte die Welt gar nicht oft genug an einem Tag verändert werden.

Und irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, würde man ein Symposium nur zu seinen Ehren veranstalten, für seine spektakuläre Entdeckung, die alles veränderte. Natürlich nur, wenn jemand darüber nachdachte, was wie bereits erwähnt mit gewissen Gefahren verbunden war. Alle könnten dabei verrückt werden, aber so war das eben mit neuen Theorien. Sie machten die Welt nur selten einfacher.



Planet I12BELIEV (Vahan)

Ein spießiger Vorort. Doppelhaushälfte. Oberster Stock. Ehemaliges Bügelzimmer.

Sie konnte die Gedanken ihrer Schwestern aus dem Nebenzimmer hören. Das war erstaunlich. Nicht das Gedankenlesen an sich, denn diese Fähigkeit war Viola angeboren. Viel erstaunlicher war, dass ihre beiden älteren Schwestern überhaupt denken konnten. Wenn man sie ansah, mochte man das nicht glauben, und wenn sie den Mund aufmachten und zu reden anfingen, dann noch viel weniger. Ihre Gehirne schienen durch falsche Ernährung, exzessiven Konsum von Privatfernsehen und die aggressiven Lösungsmittel in ihren unzähligen Kosmetikartikeln zu rudimentären Organen verkümmert zu sein, zu kleinen, schrumpeligen Erbsen in den einsamen Weiten ihrer hohlen Schädel.

Aroula war mit dreiundzwanzig Jahren die älteste der drei Schwestern. Wenn es nach ihr ginge, würde Viola den Rest ihres Lebens in der Küche verbringen, oder besser noch: eingesperrt im Keller, außer Sichtweite. Insgeheim wünschte sich Aroula, aus diesem Haus und von diesem Planeten zu verschwinden. Doch sie würde nie die notwendigen Schritte unternehmen. Schon allein deshalb nicht, weil sie bereits nach fünf Treppenstufen außer Puste war. Aroula sprach gerne von Drüsenproblemen, dabei hatte ihr Körper gar keine Drüsen. Und Troete, die mittlere der Schwestern, wäre in der freien Welt außerhalb dieses Hauses so verloren, wie ein Lippenstift in einer Damenhandtasche.

Viola hingegen würde ihren Traum wahr machen und dieses Haus verlassen. Noch heute. Diese Familie war die reinste Hölle. Und jedes einzelne der zwanzig Jahre, die sie hier verbracht hatte, war eines zu viel gewesen. Ihr komplettes Leben hätte anders verlaufen sollen, denn sie war bei der Geburt ganz einfach vertauscht worden. Ja, vertauscht. Ohne das irgendwer etwas gemerkt hätte. Das glaubte sie zumindest. Und sie war sich sicher, in Wahrheit eine Prinzessin zu sein. Irgendwo da draußen lebte nun ein anderes Mädchen das Leben, das eigentlich für sie bestimmt gewesen war. Dieser Umstand machte sie nicht wütend, sie freute sich sogar für jenes Mädchen. Doch oft sehnte sie sich danach, ihre wahren Eltern kennen zu lernen.

Es sprach sogar recht viel für diese Theorie, über die sie noch nie mit jemandem gesprochen hatte. Beispielsweise bestand nur wenig Ähnlichkeit zwischen Viola und dem Rest ihrer Familie. Niemand außer ihr besaß telepathische Fähigkeiten und kein anderer hatte diese zierlichen und blass schimmernden Engelsflügel auf dem Rücken. Sie war die Einzige mit einem wunderschönen weißen Horn auf ihrer Stirn. Überhaupt war alles an Viola wunderschön. Das Gesicht mit seinen zarten Zügen glich einem Kunstwerk aus edlem Porzellan, die strahlend blauen Augen brachten ganze Eisplaneten zum Schmelzen. Und ihr dunkelblondes Haar fiel in schimmernden Wellen über ihre zierlichen Schultern. Jede noch so kleine Bewegung kam einem Tanz auf dem Parkett gleich, und wenn sie ging, dann schien sie zu schweben und von einer inneren Melodie getragen zu werden.

Ganz anders Vater, Mutter und die beiden Schwestern: Hielten sich alle auf engstem Raum auf, so schien der ganze Planet zu eiern. Und irgendwann würde seine Rotation vermutlich nur ihretwegen zum Erliegen kommen. Viola war eine zarte Erscheinung, die trotz ihres schweren Lebens immer ein Lächeln im Gesicht trug. Außerdem war sie ein echtes Energiebündel. Der Rest der Familie bestand aus vier Fressmaschinen, die sich nur dann bewegten, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ. Und das war eher selten der Fall, denn Viola erledigte den gesamten Haushalt.

Doch mit dem Leben als Aschenputtel war es vorbei. Denn heute war der große Tag. Sie war im letzten Sommer mit der Schule fertig geworden und hatte in den vergangenen Monaten dreimal wöchentlich in einem Museum gearbeitet. Nun hatte sie genügend Geld angespart, um auf eine Entdeckungsreise durch das Multiversum zu gehen. Natürlich waren ihre Eltern dagegen und ihre Schwestern voller Neid gewesen, doch schließlich war Viola zwanzig Jahre alt und konnte somit selbst über ihr Leben entscheiden. Sie war außerdem die Einzige, die noch ohne Schmierfett durch die Haustür passte.

Voller innerlicher Erregung stand Viola in ihrem kleinen, fensterlosen Zimmer, und aktivierte den schuhschachtelgroßen Umzugsfreund-3000, den sie sich für diesen ganz besonderen Tag ausgeliehen hatte. Ein Wort genügte, und schon packte der kleine Kasten alles ein, was man mitnehmen wollte. Die elementaren Bausteine der entsprechenden Gegenstände – egal ob Kleider, Möbel oder ganze Häuser – wurden zerlegt, nummeriert und neu gepackt, die Hohlräume dazwischen einfach weggelassen. Außerdem steckte er kleinere Teilchen in größere, was enorm viel Raum sparte. So passte mühelos eine komplette Wohnungseinrichtung in die mitgelieferte Streichholzschachtel und selbst dann war noch genügend Luft für ein kleines Sonnensystem. Die Natur war, ist und bleibt die reinste Platzverschwenderin.

Doch Viola besaß kein Sonnensystem. Dieses wäre auch viel zu schwer gewesen und hätte mit Sicherheit ein Loch in die Zimmerdecke gerissen. Sie packte ihre wenigen Kleider und Schuhe zusammen, warf einige Bücher hinterher und verstaute zusätzlich Unterwäsche zum Wechseln in ihrem Rucksack. Man konnte in jedem Hotel, auf Bahnhöfen, Flughäfen und auch Jugendherbergen seine Sachen wieder entpacken, es gab dafür entsprechende Automaten, doch Viola war in dieser Beziehung lieber unabhängig. Außerdem kam es manchmal vor, dass tatsächlich jemand ein Sonnensystem eingepackt hatte und beim Auspacken den ganzen schönen Entpackungsautomaten in den Entpackungsautomaten-Himmel schickte, und oft den ganzen Planeten gleich mit in den Planetenhimmel.

Halte dich von Entpackungsautomaten fern, wann immer du kannst. Eine alte Bauernweisheit.

Nach getaner Arbeit schlüpfte sie in ihre Jeans und zog sich ein schlichtes schwarzes Top über, das auf dem Rücken zwei längliche Aussparungen für ihre Flügel hatte. Sie ging zum Spiegel, um sich zu betrachten. Was sie sah, gefiel ihr. Es war nicht ihr bezauberndes Äußeres, das sie entzückte. Tatsächlich fand Viola sich selbst nicht besonders schön. Es war vielmehr der Ausdruck in ihrem Gesicht, dieses über und über mit Hoffnung versetzte Strahlen, das aus ihren Augen drang. Heute würde ein neues Leben beginnen, auf diesen Tag hatte sie lange gewartet.

Ihre Eltern und Schwestern hatten immer versucht, sie nicht nur am Boden zu halten, sondern auch all ihre Hoffnungen im Keim zu ersticken. Viola hatte ihnen niemals erzählt, dass sie Gedanken lesen konnte, obwohl es eigentlich offensichtlich war. Und die Gedanken der anderen hatten ihr oft genug bittere Tränen beschert. Vor allem aber die ausgesprochenen Worte ihrer Schwestern. Diese hatten meistens nur ein Ziel verfolgt, nämlich Viola zu verletzen.

Oft fragte sich Viola, wie ihr Leben wohl verlaufen wäre, wenn sie bei der Geburt nicht vertauscht worden wäre und das Leben einer Prinzessin leben würde. Irgendwo weit weg. Es ging nicht einmal so sehr um einen Palast, tolle Kleider, Dienstpersonal, exklusive Raumschiffe oder die Anerkennung anderer Mädchen in ihrem Alter. Nein, es war lediglich der Gedanke an ein Zuhause. Ein Platz, wo sie hingehörte. Und der Wunsch nach einem Leibwächter, der ihren fetten Schwestern einmal kräftig in den Hintern trat.

Die Tür sprang auf und Troete zwängte sich durch den schmalen Rahmen. Wenn man vom Teufel sprach.

„Endlich verschwindest du“, sagte sie und spuckte dabei kleine Krümelchen; in ihrer Hand hielt sie ein Stück Schokoladenkuchen. Troetes Gesicht war eine teigige Masse, die schmalen Augen kalt, lieblos und in den speckigen Hautfalten gefangen. Auf einer Ausstellung für landwirtschaftliche Nutztiere hätte sie sicherlich Preise gewonnen.

„Keine Sorge, ich bin schon weg.“ Viola konnte fast spüren, wie die Schwerkraft im Raum zunahm. Es war nicht nur so, dass der Planet Violas Familie durch seine Masse anzog, sondern vermutlich auch umgekehrt. Vielleicht kreiste Vahan lediglich in einer sehr engen Umlaufbahn um Troete herum.

Ich hab' noch Hunger, dachte die jüngere Schwester, und betrachtete den Kuchen in ihrer Hand. Warum bin ich noch gleich hierher gekommen? Troete stopfte sich den Rest der Backware an einem Stück in den Mund. Irgendwas wollte ich hier, sonst wäre ich nicht hergekommen. Ach ja: „Mama sagt, du sollst gefälligst nochmal durchs Haus putzen, bevor du gehst. Aber gründlich.“

Putzdrohnen gab es schon seit Jahren nicht mehr in diesem Haushalt. Und das Überbringen solcher Botschaften bereitete Troete immer Freude. Sie grinste breit. Es war die einzige Art von Freude, die sie kannte, von der Vorfreude auf einen Schweinebraten im Speckmantel abgesehen.

Viola schob die Streichholzschachtel mit ihren Habseligkeiten in die Tasche ihrer Jeanshose, verstaute den Umzugsfreund wieder in seinem Karton und wandte sich lächelnd ihrer Schwester zu. „Sag Mutter, mein Zug geht in einer halben Stunde.“ Sie schmunzelte. „Und da du jetzt die jüngste bist, wirst du das wohl in Zukunft erledigen müssen.“

Troete blieb der letzte Bissen im Hals stecken. Essen und gleichzeitig denken war eine unmögliche Sache. Das Grinsen in ihrem Gesicht verschwand augenblicklich. Der Mund blieb weit offen stehen; man konnte deutlich sehen, wie ihr Verstand auf Hochtouren arbeitete.

Noch bevor Troete antworten konnte, zwängte sich Viola hinaus, ließ ihre Schwester samt überfordertem Gehirn allein im Zimmer zurück und stürmte fröhlich gelaunt die Treppe hinunter. Ihre engelhaften Flügel zuckten vor Freude, heute leuchteten sie besonders intensiv.

Verdammter Mist, dachte Troete immer und immer wieder. Man konnte den Gedanken noch bis hinunter ins Erdgeschoss hören. Als Ausgleich würde sich ihr Verstand stundenlang erholen müssen.

„Junge Dame!“, rief Vater aus dem Wohnzimmer, während Viola ihre Jacke von der Garderobe nahm. Bembo Lurizak saß zusammen mit seiner Frau Moosa vor dem neuen quantenmechanischen Neurotransmitter-Stimulanzapparat (umgangssprachlich Glotze genannt) und genehmigte sich einen verspäteten frühnachmittäglichen Zwischenimbiss. „Glaube ja nicht, dass wir deine Entscheidung in irgendeiner Form unterstützen. Wir werden dein Zimmer vermieten, also spiele nicht mit dem Gedanken, wieder zurück zu kommen. Wir haben dich lange genug durchgefüttert, undankbares Gör.“

„Und lass dir ja nicht einfallen zu verschwinden, bevor das ganze Haus nicht blitzeblank ist“, fügte Moosa mit vollem Mund hinzu. Nur elastische Freizeitanzüge in bunten Farben konnten ihre Massen noch zusammenhalten. Zum Glück gab es mittlerweile besondere Materialien, die ursprünglich zu Raumfahrtzwecken entwickelt worden und anschließend in die Sportbekleidungsindustrie eingeflossen waren. Der Jogginganzug war so was von elastisch, das war fast nicht zu glauben.

Viola ignorierte die Worte ihrer Eltern. „Ich muss in achtundzwanzig Minuten am Bahnhof sein.“ Sie betrat das von Mustertapeten, Häkeldeckchen und wuchtigen Möbeln geprägte Wohnzimmer, gab Vater und Mutter einen Kuss auf die Wange (wobei sie ihrem Vater mit ihrem spitzen Horn beinahe ein Auge ausstach) und schnappte sich ein kleines Häppchen vom Imbissteller.

„Hey, das war meins!“ Bembos Gesicht färbte sich dunkelrot. All seine Venen und Arterien waren vor zwei Jahren durch völlig neuartige Hochdruckschläuche aus dem Landwirtschaftsmaschinenbau ersetzt worden, denn sein Blutdruck war eine Katastrophe. Er stemmte sich umständlich auf die Beine und schwankte gefährlich hin und her. „Besorg dir ab jetzt gefälligst dein eigenes Essen.“

Es war seltsam, aber trotz aller Freude spürte Viola Tränen des Abschiedes in sich aufsteigen, als sie ihre Eltern so dasitzen sah. Die beiden waren die reinsten Kotzbrocken, dennoch bewirkte der Abschied von Bembo und Moosa etwas in ihr.

Schmerz.

Tränen.

Seltsam.

Dann wurde ihr der wahre Grund für ihre Tränen bewusst: Bembo stand auf ihrem Fuß.

„Ich finde … du hast abgenommen“, stöhnte Viola gepresst und drückte ihren Vater von sich weg.

„Echt?“ Bembo sah an sich herab und klang plötzlich wie ein kleiner Junge, der einen platt gefahrenen Nunk (igelähnliches Stacheltier, das grundsätzlich alles besser kann) gefunden hat und sich am Anblick der herausgequollenen Innereien erfreut. „Endlich bemerkt es jemand.“

„Ich hab' euch trotzdem lieb“, sagte Viola schließlich. „Auch wenn ihr mich nicht besonders leiden könnt. Passt auf euch auf.“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von ihrem Zuhause für ungewisse Zeit. Vielleicht für immer. Ohne sich noch ein letztes Mal umzudrehen oder eine Antwort abzuwarten, rannte sie zur Tür hinaus.

Sie fühlte sich wie eine Rakete. Auch sie musste eine gewaltige Anziehungskraft überwinden, bevor sie endlich frei sein und in den Weltraum hinaus fliegen konnte. Da draußen wartete etwas und sie wollte es auf keinen Fall verpassen.

Ein riesiger Schatz wäre schön, so ganz unattraktiv waren Gold, Edelsteine und Trizoph-Eier schließlich doch nicht. Wenn man etwas davon hatte, war es sicher eine tolle Sache.

Aber mit einem unvergesslichen Abenteuer wäre sie ebenfalls mehr als zufrieden. Etwas, das mit fernen Galaxien, schrecklichen Monstern und einem wunderschönen Prinzen zu tun hatte und in einer märchenhaften Hochzeit endete.

Sie ahnte nicht, wie sehr sie danebenlag.



RYsis-3-Spiralnebel, Asteroid GTL6938UM, Universal-Center©

Es herrschte reger Verkehr auf dem Asteroiden GTL6938UM, und mehr noch in seinen zahlreichen Anflugkorridoren, denn auf seiner Oberfläche befand sich eine von etwa einer Million Filialen der Multiversal-Center-Einkaufswelt AG, und zwar eine der größten. Sie war erst vor wenigen Wochen fertig gestellt und pünktlich zum Start der Feriensaison eröffnet worden. Das moderne und in allen Belangen superlative Einkaufszentrum bildete das Herzstück einer gewaltigen Shopping- und Freizeitanlage: Auf den breit angelegten Boulevards gab es Dutzende kleinerer und größerer Geschäfte, Bars und Cafés. Jenseits des riesigen Parkplatzes ragten drei exklusive Hotels viele hundert Meter durch das klimatisierte, von künstlicher Schwerkraft durchsetzte, vor kosmischer Strahlung schützende (und überhaupt ganz tolle) Kuppeldach aus intelligentem Kunststoff hindurch in die schwarze Weite des Weltraumes auf. Innerhalb dieser unglaublich tollen Kuppel wurde die perfekte Illusion eines spätsommerlichen Nachmittags erzeugt.

Das kleine Hinterzimmer des Road to Ruin Casinos war von dichtem Rauch erfüllt. In der Luft lag der säuerliche Geruch der Angst und eine Spannung, die man wie eine elektrische Entladung auf der Haut spüren konnte. Das einzige Licht kam von einer alten Glühbirne, die über dem Kartentisch hin und her schwang.

„Jetzt bist du fällig.“ Waldo, Spitzname Die Qualle, drückte seine dicke Zigarre auf dem grünen Spieltisch aus. Seine Füße standen in einem kleinen Bottich mit lauwarmem Wasser, Putzerfische knabberten die Hornhaut von seinen Sohlen und reinigten die Zwischenräume seiner Zehen.

Die anderen im Raum blieben stumm. Das Muttersöhnchen, das mit seinen vierzig Jahren noch zuhause wohnte, strich sich nervös seinen Mittelscheitel zurecht. Man konnte ihm ansehen, wie unwohl er sich in dieser Situation fühlte, obwohl er vollkommen unbeteiligt war.

Neben ihm saß ein Ganovenkollege von Waldo, der so unglaublich böse war, dass er keinen Namen hatte. Niemand in diesem feigen Universum wagte es, ihm einen zu geben. Das war viel zu gefährlich. Also hatte man ihm stattdessen ein Symbol verpasst: @. Das war nicht ganz so gefährlich. Seinen furchtbar hässlichen Kopf zierten zwei Hörner, außerdem hatte er, neben einem normalen Fuß, noch einen Pferdehuf. Doch das war reiner Zufall. Und eigentlich war seine Bösartigkeit rein erblicher Natur. Er konnte also gar nichts dafür. Man erwartete von ihm, dass er böse war, so wie Vater und Großvater zuvor, also war er eben böse, auch wenn ihm manchmal gar nicht der Sinn danach stand und er viel lieber Blumen gepflückt oder alten Damen über die Straße geholfen hätte.

Der vierte Mann der Runde war ein Nalog gewesen. Eine bemitleidenswerte Kreatur. Die Lebenszeit der Nalogs beträgt im besten Fall nur achtundvierzig Millisekunden, was nicht sehr viel ist. Dieser hier war gestorben, noch bevor jemand gemerkt hatte, dass er überhaupt da gewesen war. Für ihn jedoch waren vierzig Jahre vergangen, was wiederum ganz schön viel ist. Und durch diese lange Warterei hatte er schlicht und einfach den Verstand verloren und sich schließlich umgebracht, weil er nicht noch einmal vierzig Jahre darauf warten wollte, dass ihm endlich jemand Karten gab oder einen naturtrüben Apfelsaft spendierte.

Und schließlich war da noch Dxorkchs, den alle nur Ace nannten und an dessen Person die Drohung gerichtet war. „Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst, Waldo.“ Ace war aalglatt und sah aus, als hätte man ihn frisch aus einem funkelnagelneuen Ei gepellt.

Waldo richtete sich auf und stemmte seine fleischigen Arme auf den Spieltisch. Dort lagen wild die Mau-Mau-Karten verstreut, die er Minuten zuvor mit dem Ehnemehneminkmankstinkstank-Abzählreim ausgeteilt hatte. „Du weißt sehr genau, wovon ich spreche. Von Betrug. Und du weißt auch sehr genau, was dir nun blüht.“

„M-M-Muss das s-s-sein?“, stotterte das Muttersöhnchen. „Ich meine, er könnte uns doch einfach unser Geld zurückgeben und – “

„Schnauze.“ Waldo klatschte in die Hände. Augenblicklich wurde die Tür geöffnet, und zwei in schwarze Anzüge gepresste Leibwächter stürmten herein. Waldo deutete auf Ace. „Schnappt euch diesen Kerl und haltet ihn fest.“

Die Leibwächter gehorchten. Zu viel mehr waren sie auch nicht fähig. Doch Schnappen und Festhalten gehörte zu ihrem Repertoire.

Das Muttersöhnchen wurde blass im Gesicht und wendete seinen Blick ab. @ hingegen betrachtete das Schauspiel mit amüsiertem Blick. Gerade heute war so ein Tag, an dem er nicht so recht zum Bösesein aufgelegt war, dennoch musste er zumindest den Anschein erwecken, auch heute zum Bösesein aufgelegt zu sein. Es galt schließlich einen Ruf zu verteidigen.

Waldo krempelte die Ärmel seines schneeweißen Hemdes hoch und griff in die Tasche seiner schillernden Weste. Zum Vorschein kam ein kleiner silberner Gegenstand. „Du weißt, was das ist, Ace?“

Ace neigte den Kopf zur Seite. „Dein … äh … Ich würde sagen … Nein, keine Ahnung.“

„Dann rate mal.“

„Vielleicht … ein … äh … Nein, tut mir leid.“

„Jetzt rate wenigstens, verdammt nochmal!“, grunzte Waldo.

Ace sah sich den Gegenstand aus der Entfernung genau an. „Ich muss passen.“

„Wer weiß es?“ Waldo klang ungeduldig.

Das Muttersöhnchen streckte den Finger hoch in die Luft. „Hier, ich! Ich weiß es!“

Waldos Kinn sackte auf die Brust. „Und? Was ist es?“

„Ein Zigarrenschneider.“

Waldo seufzte und richtete seinen Blick wieder auf Ace. Seine Stimmung schien zu leiden. „Genau. Irgendwie habe ich jetzt gar keine Lust mehr.“

Aces Blick erhellte sich, doch das war nur von kurzer Dauer.

„Aber was sein muss, muss sein.“ Waldo trat aus seinem Bottich, in dem inzwischen einige tote Fische schwammen. „Los, steck deinen rechten Zeigefinger hier durch dieses Loch.“

„Welches Loch?“

„Dieses hier, verdammt und zugenäht!“

„Ach so, das Loch. Nö.“ Ace war irgendwie nicht wohl bei dem Gedanken, seinen geliebten Zeigefinger in diesen Zigarrenschneider zu stecken. Man musste nicht besonders klug sein um zu ahnen was ihm dann blühte. Und er hatte nicht gerade viele Zeigefinger, um derart leichtfertig damit umzugehen.

„Jetzt steck deinen Finger da rein!“ Waldos Stimme überschlug sich. „Oder ich rufe deine Mutter an und erzähle ihr, dass du beim Spielen beschissen hast, und deinen Finger nun nicht in meinen Zigarrenschneider stecken willst!“

„Bloß das nicht.“ Ace schob blitzschnell seinen Finger in das Loch des messerscharfen Schneidegerätes. „Dann muss ich mir wieder was anhören. Also los, aber mach's kurz.“

Die Zweideutigkeit in mach's kurz fand er irgendwie witzig. Aber nur für drei Sekunden.


Ace war vor einunddreißig Jahren auf BC5966CC geboren worden und dort in einem wohl behüteten und streng konservativen Elternhaus aufgewachsen. BC5966CC wurde von allen nur Wurstplanet genannt, denn dort drehte sich alles nur um Wurst. Die Industrie bestand zum größten Teil aus Fleischereigroßbetrieben, denn unter der Oberfläche des Planeten schichtete sich zartes und saftiges Fleisch, wie auf anderen Planeten etwa Kohle oder Eisen. Man musste es nur fördern und zu Mortadella verarbeiten.

Er war der einzige Sohn von Mone und Winurd Jagoowish und Mamis ganzer Stolz. Wenn seine Eltern gewusst hätten, womit er wirklich sein Geld verdiente, hätte es ihnen vermutlich ihre zarten Herzen gebrochen, aber sie lebten seit Jahren in dem festen Glauben, ihr Sohn würde in den Fernen der Galaxis Versicherungen verkaufen. Ein ehrlicher, hart arbeitender Mann und der zu Fleisch (oder Wurst) gewordene Traum einer jeden Schwiegermutter.

Doch die Wahrheit sah anders aus. Ace hatte schon als kleiner Junge den Wunsch gehegt so schnell wie möglich vom Wurstplaneten zu verschwinden. Nicht zuletzt deshalb, weil er Vegetarier war. Es war eine kleine Welt, viel zu klein für einen Jungen wie ihn. Er strebte höhere Ziele an, nämlich durch gelegentliche Betrügereien und viel Faulenzerei eine Menge Geld zu machen und dabei ehrliche, hart arbeitende Männer über den Tisch zu ziehen.

In den ersten Jahren war es tatsächlich sehr gut gelaufen. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere hatte er sich die Haut an Beinen und Oberkörper durch ein halborganisches Gewebe in der Optik eines Nadelstreifenanzugs ersetzen lassen – zur damaligen Zeit eine durchaus ziemlich coole Sache. Außerdem war das Material atmungsaktiv und bügelfrei. Er trug eine protzige Armbanduhr, teure Ringe und hatte ständig eine Sonnenbrille auf der Nase, die seine scharfen Gesichtszüge noch schärfer machte. Ace war ein gutaussehender Mann und er besaß durchaus ein hohes Maß an Intelligenz. Er war der beste Falschspieler weit und breit gewesen. Doch leider hatte ihn das Glück schon vor geraumer Zeit verlassen.

Ace begann langsam, an sich selbst zu zweifeln. Diese Strähne wollte einfach nicht aufhören. Die Bilanz der vergangenen zwei Wochen war ernüchternd. Gleich sieben mal hatte man ihn beim Bescheißen ertappt. Sechs mal war er geteert und gefedert worden, und einmal hatte man ihn gezwungen, drei Tage lang in einem Hochzeitskleid herum zu laufen und Flyer für ein Brautmodengeschäft zu verteilen. Eine ziemlich demütigende Angelegenheit. Seither wusste er wie Bräute sich fühlen mussten.

Und jetzt, in diesem Augenblick, steckte sein einziger rechter Zeigefinger im Zigarrenschneider eines Mannes, der seine Füße von Fischen sauber knabbern ließ (die inzwischen alle tot waren). Nicht gut. Gar nicht gut.

„Und nun“, sprach Waldo ruhig, „wirst du dich zuerst entschuldigen.“

„Entschuldigung“, sagte Ace, ganz brav.

„Nein, nicht so. Ich will hören, dass es dir wirklich, wirklich, wirklich leid tut.“

„Es tut mir leid.“

„Ich glaube es aber noch nicht.“

„Wenn ich's dir doch sage. Es tut mir wirklich, wirklich, wirklich leid. Und erzähle es bitte nicht meiner Mutter.“

„Schon besser.“ Waldo schien zufrieden. „Und jetzt kommt der schönste Teil.“

„Tatsächlich?“, fragte Ace. Er war skeptisch.

„Ja. Der schönste Teil.“

„Und?“

„Was und?“

„Was kommt denn jetzt?“

Waldo machte ein dummes Gesicht. „Äh, keine Ahnung. Ich hab's vergessen.“ Sein Blick fiel auf den Zigarrenschneider und Aces Finger. „Hey, was soll denn das? Nimm sofort deinen Finger aus meinem teuren Schneidegerät. Ich will damit noch Zigarren schneiden, Herrgott noch mal!“

„Verzeihung.“ Ace zog seinen Finger zurück. Er hatte zwar nicht ganz verstanden, was eben geschehen war, doch mit dem Ausgang war er bisher einigermaßen zufrieden. „Und jetzt? Kann ich gehen?“

Waldo lachte, @ stimmte ein. Nur das Muttersöhnchen schaffte nicht mehr als ein halbherziges Lächeln. Vermutlich hatte er sich eingenässt und war deshalb nicht zum herzlichen Lachen aufgelegt.

„Er fragt, ob er gehen darf!“, grunzte einer der Leibwächter und begann ebenfalls zu lachen.

Ace hatte nicht die geringste Ahnung, was so lustig war. Vielleicht hatte er einen fetten Popel im Gesicht. Das wäre wirklich zu peinlich.


Nun, Ace durfte gehen, aber natürlich erst, nachdem man ihn geteert und gefedert hatte. Es ging zumindest zügig voran, da es in großen Casinos oft Automaten für diesen Zweck gab. Übeltäter rein, Münze in den Schlitz und im Handumdrehen war die Sache erledigt.

Das Gute daran war, dass er seinen Finger noch hatte. Leider aber waren keine Ringe mehr dran, Sonnenbrille und Uhr war er auch losgeworden. Es wurde immer schwerer, optimistisch zu denken. Er hatte nicht einmal mehr genug Credits, um von diesem winzigen Asteroiden weg zu kommen. Gestrandet am Ufer der absoluten Verlierer.

Die Glückssträhne war endgültig versiegt.

Und kurz- bis mittelfristig gesehen sollte sich daran auch nichts ändern.



Zur selben Zeit, (fast) am selben Ort:

Cleatus saß auf dem Bordstein und beobachtete das hektische Treiben, das an den vierzig Zapfsäulen der hochmodernen Tankstelle herrschte. Dort saß er nun schon seit über achtzehn Stunden und wartete. Eigentlich hätte es nach den Worten des Buskapitäns nur ein kurzer Tankstopp werden sollen, inklusive Pinkelpause. Cleatus liebte Pinkelpausen. Denn sie beinhalteten das Wort Pause, und das alleine war schon eine gute Sache. Cleatus war nicht der Schnellste, in keiner Hinsicht, und da kam eine Pause immer recht.

Doch jetzt war der Bus bereits seit einer halben Ewigkeit verschwunden, und das war eindeutig keine gute Sache. Dabei hatte Cleatus sich so auf diesen Ausflug gefreut, und es hatte so gut angefangen. Ein Platz ganz vorne, direkt am Fenster. Einen netten alten Mann als Nachbarn, der die Konversation übernahm, denn Cleatus war nicht sehr gut darin. Und die ungetrübte Vorfreude auf einen abwechslungsreichen Tag in den Schwefelthermen von Veeta-B, mit anschließendem Rheumadeckenverkauf.

Cleatus liebte auch Rheumadecken, hatte aber keinen blassen Schimmer wieso.

Vielleicht hatte sein netter Sitznachbar inzwischen ja bemerkt, dass jemand fehlte, und es dem Kapitän gemeldet. Bestimmt waren sie bereits wieder auf dem Weg hierher. Cleatus war diesbezüglich noch immer optimistisch. Es war tief in seiner Natur verankert, optimistisch zu sein. Unter seiner durchgehenden, äußerst haarigen Augenbraue saß ein gütiges Augenpaar, dessen ehrlicher Glanz ein sanftes Gemüt erahnen ließ. Und so war es auch. Wenn man ihn von weitem sah, konnte man es leicht mit der Angst zu tun bekommen, denn sein affenähnlicher, gebeugter Körper, die breiten, hängenden Schultern und riesigen Hände verliehen ihm etwas Tierisches, etwas Urzeitliches. Ging man ein wenig näher heran, so konnte man ihn durch seine Körperhaltung, seine platte Nase und den weit vorstehenden Unterkiefer einfach für dumm und brutal halten. Doch machte sich jemand die Mühe, hinter seine Fassade zu blicken (was nur selten jemand tat), so entdeckte er ein durch und durch gutes Wesen, das keiner Fliege etwas zuleide tun konnte.

Cleatus war auf dem Fetten Hugo aufgewachsen. Er lebte dort, und er würde auch auf diesem großen aber spärlich besiedelten Planeten im Deltasektor von RYsis-3 sterben. Er hatte keine Eltern, sondern war in einem Kokon aufgewachsen. Die Bewohner des Fetten Hugo, die Mashmulls, sind Zwitter. Das erleichtert so einiges, man musste seine Gedanken weder an bevorstehende oder verpatzte Rendezvous, noch an menstruale Stimmungsschwankungen oder Potenzprobleme verschwenden. Man muss niemanden lieb haben außer sich selbst.

Mashmulls leben exakt einhundert Jahre, dann ist es vorbei, und während dieser Zeit verändern sie sich nahezu überhaupt nicht. Sie fallen eines Tages einfach um, ohne je wirklich gealtert zu sein, wenn man einmal von ihrer einjährigen Entwicklung im Kokon absieht. Kein sehr spektakuläres und abwechslungsreiches Leben, aber immerhin ein Leben. Und den Mashmulls gefällt es.

Cleatus war vor drei Wochen fünfunddreißig geworden, und er hatte seinen Geburtstag wie immer alleine verbracht. Das bedeutete jedoch nicht, dass es keine Geschenke gegeben hatte. Die machte er sich selbst. Doch manchmal war es gar nicht so einfach, sich selbst zu überraschen. In diesem Jahr war er zufrieden gewesen: eine neue Hose in Übergröße, mit extrabreiten Hosenträgern. Die war so schön bequem. Ein toter Wellensittich im Käfig, der war so schön still. Einer dieser Spiegel, die immer Komplimente machten, egal wie man aussah. Das war so schön schmeichelhaft. Und als Krönung: diese Reise zu den Schwefelquellen von Veeta-B. Die war einfach nur schön. Zumindest hätte sie schön werden sollen.

Und jetzt? Pustekuchen.

Cleatus beobachtete aus den Winkeln seiner dunklen Augen heraus, wie ein Künstlicher nur einige Meter entfernt ein zerfleddertes Comicheft in einen der umherlaufenden Mülleimer warf. Viele neuere Produkte gingen auf ihren eigenen Beinen zum Recyclingcontainer, doch dieses Heft aus Papier musste schon viele Jahre alt sein. Cleatus mühte sich auf und machte sich daran, das arme Ding mit den vielen bunten Bildern vorm sicheren Tod durch Recycling zu retten.

Er hielt den putzigen Mülleimer an und musste nicht lange suchen, bis er die zerfledderten Seiten zwischen seinen Wurstfingern spürte. Dabei fand er ein angeknabbertes Sandwich, dessen Schinkenbelag man nicht mehr hundertprozentig als Schinkenbelag identifizieren, sondern allenfalls als solchen erahnen konnte. Vielleicht war es auch Käse. Leider fehlte die Mayonnaise, das ergab die Geruchsprobe, also stopfte er das ganze Sandwich einfach in seine Brusttasche. Man musste es schließlich nicht gleich wieder wegwerfen, so ein Sandwich konnte immer noch zu etwas gut sein.

Dort in seiner Brusttasche steckte bereits ein gebrauchter Goolix-Dauerlutscher, schon seit Wochen. Vielleicht war dieses klebrige Ding aber auch schon in der Hose gewesen, als Cleatus sie gebraucht gekauft hatte, er konnte sich nicht mehr erinnern. Es hat immerhin schon Fälle gegeben, in denen nicht nur abgefallene Körperteile, sondern sogar komplette Männer, Frauen oder sonstige Geschlechter in Second-Hand-Kleidung vergessen und einfach mitverkauft worden sind. Man kann sich sogar dagegen versichern.

Cleatus hätte den Dauerlutscher liebend gerne verputzt, aber diese Dinger redeten immer soviel über Sachen, die kein Mensch im ganzen Universum verstand, bevorzugt über das Wetter, Mode oder Sport. Und danach stand ihm in diesem Augenblick ganz und gar nicht der Sinn. Auch nicht nach mehr Pause. Alles was er sich wünschte war, das irgendetwas geschah. Denn wenn nichts geschah, dann würde er bis zum Ende seines Lebens hier sitzen, und das wäre erst in vierundsechzig Jahren, elf Monaten und einer Woche. Ungefähr.

Und so lange wollte er nun wirklich nicht warten.

Cleatus hätte sich beamen lassen können, oder schnubbeln, wie man es umgangssprachlich nannte. Doch erstens war diese Technik noch gar nicht erfunden, zweitens musste man dazu durch die Ewigkeit reisen, wozu ihm die Zeit fehlte, und drittens war das ohnehin reine Abzocke (oder würde es sein, wenn es erst einmal erfunden wäre).

Also wartete er ab, was passierte. Das war manchmal das Einzige, was man tun konnte.



Auf dem Parkplatz des Universal-Center:

Der Switcher, gerade in Gestalt eines Einkaufswagens, fuhr schon seit zwanzig Minuten zwischen den unzähligen Schiffen hin und her. Doch so sehr er auch nach seinem eigenen Schiff suchte, er konnte es nicht finden. Wo hatte er die verdammte Karre nur abgestellt? Es war immer dasselbe auf diesen riesigen Parkplätzen. Dagegen sollte endlich mal jemand was erfinden. Es gab so unglaublich viele unglaublich tolle Dinge, aber wenn man einmal sein Schiff verloren hatte, dann stand man plötzlich alleine da. In der Steinzeit, also vor etwa fünfzig Jahren, konnte es auch nicht viel schlimmer gewesen sein.

„Verflixt und zugenäht!“ Der Einkaufswagen wurde die Sucherei wirklich langsam leid, denn er war beladen bis obenhin. Heute war einfach nicht sein Tag. Man hatte ihn nachhause geschickt, sozusagen zwangsbeurlaubt, weil er während der letzten Aufnahmen die Nerven verloren hatte. Das war kein Wunder, denn der arme Kerl wurde ständig von allen nur herumgeschubst: mach mir das Bügeleisen; jetzt will ich einen Damenschuh sehen, aber hurtig; danach ein Dampfkochtopf, nur ganz kurz … Das konnte kein gesunder Switcher auf Dauer aushalten.

Er arbeitete für einen drittklassigen Versandkatalog und musste sich den ganzen Tag pausenlos in alle möglichen Dinge verwandeln. Man nutze ihn aus, und das hatte er gründlich satt. Ein Bitte oder ein Dankeschön hier und da hätte daran womöglich etwas geändert, doch das war offensichtlich zu viel verlangt in dieser unhöflichen Welt. Und an diesem Morgen hatte sich der ganze Frust, der sich über die letzten Monate hinweg aufgestaut hatte, in einem Donnerwetter entladen.

Der Fluch lag unerfreulicherweise schon in seiner Natur. Switcher sind chamäleonartige Wesen vom Planeten VI220202VI (kurz: Switch). Sie können sich aufgrund einer Anomalie in ihrer Molekularstruktur in alles verwandeln, wonach ihnen der Sinn steht. Fast alles, denn unmöglich sind maschinelle Komponenten wie Antriebssysteme aller Art, organische Transistoren oder sonstige mechanische oder elektronische Bauteile; da stoßen selbst Switcher schnell an ihre körperlichen Grenzen. Diese Fähigkeit kann im Alltag sehr praktisch sein und einem das Leben ungemein erleichtern. Außerdem ist auf Switch immer was los. Besser gesagt: Es herrscht das reinste Chaos, da sich alle ständig hin und her verwandeln, und meistens niemand mehr irgendjemanden erkennt.

Doch die Existenz als Chamäleon hat auch seine Schattenseiten. Dieser Switcher, dessen wahrer Name dreitausendsiebenhundertzweiundsechzig Stellen hatte, konnte sich, wie alle anderen Switcher, weder an seine wahre Gestalt erinnern, noch an sein Alter. Seine Geburt musste zumindest schon eine geraume Weile zurück liegen, denn auch daran konnte er sich nicht mehr erinnern. Andererseits wusste er auch nicht mehr, wo er vor weniger als einer Stunde sein Schiff geparkt hatte. Er hatte also fast sein ganzes Leben glatt vergessen.

Zumindest bestand nicht die Gefahr, hier auf diesem Parkplatz zu verhungern, immerhin war er randvoll mit Lebensmitteln. Der Einkaufswagen suchte sich ein Plätzchen, wo er niemandem im Weg stand, und versuchte noch einmal, sich zu erinnern. Bruchstücke seines Lebens tauchten auf, sogar eine kurze Sequenz seiner Geburt, doch all diese aufkommenden Bilder ergaben keinen zusammenhängenden Sinn. Und überhaupt leistete die Erinnerung an den Kartoffelauflauf seiner Oma und sein berühmtes Flötensolo beim Schulfest der dritten Klasse keinen brauchbaren Beitrag zum Auffinden seines Raumschiffes.

Nein, es war zwecklos.

Es wollte und wollte ihm einfach nicht einfallen. Alles, an was er noch denken konnte, war seine alte Blockflöte. Wenn er sie doch nur wieder in seinen zarten Händen halten könnte. Seine geliebte Blockflöte. Leider aber lag sie im Kofferraum seines Schiffes.

Ein echter Teufelskreis.



Auszug aus einer wissenschaftlichen Abhandlung von Prof. Dr. Hedelin Graf von und zu Hopfenbach:


„Das Multiversum. Es ist wie ein Nuss-Nougat-Croissant. Nur ganz anders. Ohne Teig. Und ohne Nougat. Und schon gar nicht mit Nüssen.

Man versuche zunächst, sich die Größe eines ganz gewöhnlichen und mittelgroßen Universums vorzustellen, so wie das, in dem sich die Milchstraße samt Erde befindet.

Um die unbegreiflichen Ausmaße zu veranschaulichen, nimmt man am besten die Lichtgeschwindigkeit zu Hilfe: Das Licht braucht von der Sonne bis zur Erde etwa acht Minuten und zwanzig Sekunden (an Regentagen vielleicht etwas länger, man weiß es nicht), und knapp vierzehn Stunden, um das ganze Sonnensystem zu durchqueren. Um die im Vergleich mit anderen Galaxien winzig kleine Milchstraße zu durchqueren, benötigt so ein Lichtstrahl bereits ganze einhunderttausend Jahre. Einhunderttausend Jahre! Und um ein solches Universum vom einen Ende bis zum anderen zu bereisen, benötigt unser armer Lichtstrahl gar viele viele Milliarden Jahre.

Kurz: Ein Universum ist eine wirklich große Sache, auch wenn es nur ein ganz kleines Universum ist. Und es grenzt an ein Wunder, dass es den Lichtstrahlen darin nicht langweilig wird.

Doch damit ist man noch nicht am Ende. Man stelle sich nun viele Billionen solcher einfacher Universen vor, die durch Hypertunnel miteinander verbunden sind, und zwischen denen unvorstellbar gewaltige Meere aus reinem Garnichts liegen. Et voilà: das Multiversum.

Natürlich gestattet dies die Frage, was sich hinter den Grenzen des Multiversums befindet, doch die Frage nach einer allwissenden und allumfassenden Macht erweist sich als äußerst schwierig. Zunächst einmal sollte man sich mit dem zufrieden geben, was sich innerhalb dieser Grenzen befindet. Denn das ist mehr als genug.

Alles begann mit dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren. Es war ein Montag, und ein erster April. Vor diesem sagenhaften Montag gab es nichts. Allerhöchstens unwichtigen Kleinkram.

In den ersten Millisekunden nach dem Big Bang passierten knapp unendlich viele tolle Dinge, die unmöglich in Worte zu fassen sind. Danach wurde es zunächst einmal langweilig, was wesentlich leichter in Worte zu fassen ist. Der Raum expandierte und expandierte (außerdem krümmte er sich hier und da ein wenig), und das tut er auch heute noch. Ansonsten ist der Raum erstaunlich passiv und wird von vielen noch immer überbewertet. Theorien besagen: Es ginge auch ohne, würde aber ziemlich eng werden.

Doch der Raum war nun einmal da, und wenn er schon einmal da war, konnte er auch einen Zweck erfüllen. Er war die Bühne, auf der das Universum aufgeführt werden konnte, und noch für eine ziemlich lange Zeit aufgeführt werden wird.

Der Hauptdarsteller auf dieser kosmischen Bühne ist zweifelsohne die Zeit. Sie ist der Star, und mit ihr steigt und fällt der Vorhang. Leider hat sie die schlechte Angewohnheit, vermeintlich einfache Dinge sehr kompliziert zu machen, so wie etwa die Sache mit der Zeitreise.

Natürlich kann man theoretisch in der Zeit hin und her reisen, und manchmal tut man es sogar, ohne es zu wollen. Das Zeitparadoxon hat alles nur zusätzlich und vor allem unnötig kompliziert gemacht. Also wurde es kurzerhand abgeschafft, indem man die notwendigen Formulare ausgefüllt und bei der entsprechenden Abteilung des Amtes für evolutionäre Fragen (A.E.F.) eingereicht hatte. Doch was passiert nun, wenn man seine eigene Vergangenheit manipuliert, sich vielleicht gar selbst tötet? Die ernüchternde Antwort lautet: gar nichts. Man kann sich durchaus selbst begegnen, aber das ist ziemlich langweilig. Außerdem bekommt man davon Ausschlag – ein kleiner Trick der Natur um zu verhindern, dass man sich zu lange mit sich selbst unterhält. Und wenn man sich selbst umbringt, dann ist man selbst schuld, weil man den Ausschlag dann nie wieder los wird.

Da man es also ohnehin nicht verhindern kann sind Reisen in die nahe Vergangenheit (bis zu 3 Wochen) gesetzlich erlaubt, alles was darüber hinaus geht jedoch verboten. Denn im Fall der Fälle kann man unbequeme Veränderungen von ein paar Tagen durchaus wieder rückgängig machen, aber je weiter man zurück reist, desto länger ist auch der Rattenschwanz der daran hängt. Und niemand beim A.E.F. hat Lust auf Überstunden.

Um das durch die Zeit ohnehin schon recht komplizierte Universum noch komplizierter zu machen, gibt es neben den drei konventionellen Raumdimensionen und der Zeit noch zweiundzwanzig weitere Dimensionen, die sich ebenfalls auf der großen Bühne tummeln. Genau genommen sind sie – wie der Raum selbst – Teil dieser Bühne, und auch Teil des Raumes, wenn man es denn so sehen möchte.

Um die Schönheit, Anmut und überragende Eleganz mancher Universen schätzen zu können, bedarf es im übrigen wesentlich mehr als einer dreidimensionalen Wahrnehmung. Sieht man sie nur aus diesem äußerst beschränkten Blickwinkel, so könnte man leicht denken: Was für ein ödes Universum, nichts los hier. Doch dem ist natürlich nicht so, denn die Party fängt erst ab der siebten Dimension so richtig an. Frühestens. Wer nur sechs oder weniger Dimensionen wahrnehmen kann, sieht die wirklich tollen Dinge gar nicht, und versteht auch so manchen Witz nicht. Also hält er am besten gleich die Klappe.

Wir bleiben beim Raum. Genaugenommen kommen wir nicht drum herum, denn wenn wir drum herum wollten, müssten wir ebenfalls durch den Raum hindurch. Das liegt schon in der Natur der Worte „drum“ und „herum“. Ein echtes Dilemma.

Der Raum alleine wäre tatsächlich ziemlich langweilig, gäbe es darin nicht die Materie, und durch sie solch interessante Dinge wie Sonnen, Planeten, Asteroiden, schwarze Löcher, Raumschiffe und natürlich Werbeplakate für Damenunterwäsche. Das Salz in der Suppe stellen sicherlich die Planeten dar, jene Brutstätten des Lebens aller Art, die es überall im Multiversum gibt. Egal ob blau, grün, rot, rund oder bananenförmig, jeder bewohnte Planet ist ein kleines kosmisches Wunder für sich.

Irgendwann stellte sich das Problem, dass viele Planeten den gleichen Namen trugen, was häufig zu Verwechslungen bei der Postanschrift führte. Also kam ein hochrangiger Bürokrat namens Ede Urbeless auf eine geniale Idee. Man könnte doch viel Geld und Energie (nicht die eigene sondern die von anderen) dafür aufbringen, alle zum damaligen Zeitpunkt bekannten Himmelskörper durch zu nummerieren, also auch Asteroiden und kleine, private Wochenendplaneten. Angefangen bei der Zahl Eins bis hin zu der größten noch aussprechlichen Zahl. Natürlich reichte das bei weitem nicht aus, um alle Planeten in allen Universen vor Verwechslungen zu schützen, also nahm man Buchstaben hinzu. Auch das reichte nicht aus. Am Ende bekam jeder Planet einen Spitznamen, und man war wieder bei der Ausgangssituation angelangt. Dann hatte man keine Lust mehr, wieder von vorne anzufangen, was sich als glücklicher Umstand erwies. Denn die ganze Geschichte war ohnehin nichts als eine Schnapsidee gewesen.

Das Schönste an den Planeten ist wohl eindeutig ihre Vielfalt. Manche sind noch immer vollkommen naturbelassen, auf anderen wiederum ist alles künstlich. Es bleibt jeder Zivilisation selbst überlassen, inwieweit sie sich von der kosmischen Technisierung mitreißen lässt. Die ältesten Kulturen sind erstaunlicherweise diejenigen, die auf dem Höhepunkt ihres Fortschritts all ihre langweiligen technischen Errungenschaften im Keller/Speicher eingemottet haben. Diese Hochkulturen existieren teilweise schon seit vielen Milliarden Jahren. Viel Zeit, um sich an den schönen Dingen der Welt zu erfreuen, wie etwa falsch parkende Fahrzeuge aufzuschreiben, die Maschen an seinem Rollkragenpullover zu zählen, oder das Fruchtfleisch aus dem Orangensaft zu picken.

Um all das Leben in all diesen wundervollen Universen zusammen zu bringen, begann man vor vielen Millionen Jahren mit dem Ausbau eines effizienten Verkehrssystems. In Rekordzeit wurden alle bekannten Universen durch mehrere, gut zugängliche Hypertunnel verbunden, deren Ein- und Ausgänge inzwischen immer häufiger mit Mautstationen besetzt sind. Umsonst ist nur der Zerfall sämtlicher Körperzellen zu Nichts, und selbst das kostet ziemlich viel Zeit. Die Einnahmen kommen allgemeinnützigen Institutionen zugute, wie etwa der Organisation zur artgerechten Haltung von Wurmlöchern und anderen kosmischen Minderheiten, die sich rührend um die Instandhaltung der Tunnel kümmern.

Leider fanden anfänglich nur wenige Schiffe den Weg durch diese unwirklichen Röhren, da sie eigentlich nicht zu sehen sind und dabei noch äußerst schlecht beschildert waren. Doch man hatte das Problem schnell erkannt und schließlich größere Schilder mit vielen Ausrufezeichen aufgestellt. Die konnten selbst Führerscheinneulinge beziehungsweise Rentner gut sehen und auch verstehen. Das war einzig und allein der neu eingeführten multiversellen Sprache (kurz: Musp) zu verdanken, die so ziemlich jeder leicht erlernen kann, dessen Intelligenz dazu ausreicht, sich die Nase zu schnäuzen. Sie kommt mit nur hundert Worten aus, wovon alleine fünfzig dazu nötig sind, um sich eine vernünftig belegte Pizza zu bestellen.

Es dauerte nur wenige Jahre, und schon schien das unendliche Multiversum nichts weiter als ein Dorf zu sein. Was einst so groß schien, war nun übersichtlich geworden, die moderne Technologie und kosmische Phänomene machten es möglich. Einige Wissenschaftler, die sonst rein gar nichts zu tun hatten, begannen damit, sämtliche bekannten Geheimnisse dieser Welt zu lüften. Damit war man ziemlich schnell fertig. Was übrig blieb, waren eine Handvoll besonders hartnäckiger Geheimnisse, die vermutlich niemals gelöst werden können, so wie beispielsweise die ewige Frage, warum Frauen niemals alleine auf die Toilette gehen, oder ob das Licht im Kühlschrank auch tatsächlich ausgeht, wenn man die Tür schließt.

Und da wäre natürlich noch die Frage, ob selbst dieses gewaltige Multiversum nichts weiter ist als ein winziges Stück von etwas noch Gewaltigerem, von etwas Unglaublichem. Ein winziges Stück von einem göttlichen Puzzle.

Vielleicht schließt sich der Kreis sogar auf eine unvorstellbare Art und Weise: Alle Universen zusammen genommen bilden in ihrem Gigantismus womöglich nichts weiter, als eine einzige Zelle von Ihnen selbst, obwohl das im ersten Moment reichlich bescheuert klingt. Es gibt viele bescheuerte Dinge, die es im Laufe ihrer Karriere zu einer unumstößlichen Wahrheit geschafft haben. Die Geschichte ist voll von solchen Beispielen. Denken Sie einmal darüber nach.“



Gerrit:

Er ließ sich die frühen Sonnenstrahlen ins Gesicht scheinen und versuchte, nicht an die Müdigkeit in seinen Knochen, oder an die seltsamen Träume von letzter Nacht zu denken. Und schon jetzt, noch zu Beginn des neuen Tages, keimte die Angst vor einem weiteren einsamen Abend in ihm. Inzwischen war er recht gut darin, solche Gedanken für ein paar wenige Stunden beiseite zu schieben, vor allem während seiner Arbeit. Aber die Zeit arbeitete immer wieder gegen ihn. Früher oder später ging der Tag zu Ende, zumindest auf der Erde.

Hunderte von Metern weiter unten zog ein grauer Wolkenteppich vorüber, doch hier oben auf dem Dach der Wohnstadt stand die Sonne an einem makellos blauen Himmel. Es war ein tief dunkles Blau, ganz anders als noch vor zweihundert Jahren, als die Luftverschmutzung ihren Höhepunkt erreicht, und sich die Atmosphäre über den großen Städten unangenehm gräulich verfärbt hatte.

Überall durchstießen solche Hochhäuser die Wolken. In ihren Fenstern spiegelte sich das Licht der Sonne und sie wirkten wie ungeschliffene Edelsteine, die aus einem Meer winziger Wassertröpfchen herausragten. Hier oben hatte man das Gefühl, den Himmel zu berühren. Es war Anfang April, und selbst in dieser Höhe herrschte bereits eine angenehme Temperatur von zwanzig Grad. Im vorletzten Jahrtausend war ein Gesetz verabschiedet worden, welches diesen Effekt reduzieren sollte, doch man hatte schon wenige Jahre später davon abgelassen. Beide Eiskappen waren im Jahr 2027 auf den Mond verfrachtet worden. So hatte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Der langweilige Erdtrabant bekam seine Atmosphäre, und die Menschen konnten auf Winterkleidung verzichten, den Treibhausgasen sei Dank. Irgendwann hatte sich wieder ein gesundes Gleichgewicht eingestellt, mit dem angenehmen Nebeneffekt eines ewigen Frühlings. Das nun zur Mangelware gewordene Süßwasser kam fortan aus den Tiefen der Meere: Das Salz wurde entzogen, und zusätzlich fügte man einige außerirdische Mineralien bei, die den Knochenbau der Menschen positiv beeinflussten. Leider hatten sie auch einige Nebenwirkungen, wie etwa schwere Magenverstimmungen, Kreislaufschwäche, Riesenwachstum und spontane Geschlechtsumwandlungen. Alles in allem aber eher Kleinkram.

Wer unbedingt Schnee wollte, konnte ihn jederzeit auf dem Mond genießen. Nicht zuletzt die längste Rodelbahn in der gesamten Milchstraße machte ihn zu einem beliebten Naherholungsmond. Inzwischen kann man dort alles erleben, was den Wintersportler glücklich macht: Ob Hüttenzauber, Vesperplatten oder komplizierte Schienbeinbrüche, auf dem Mond bleiben keine Wünsche offen.

Gerrit saß auf einer Bank, hatte zwei kleine Funkkopfhörer im Ohr und wartete auf das Shuttle, das ihn jeden Morgen zur Arbeit brachte. Der Flug dauerte etwa fünfzehn Minuten, und die neuen Pendelfähren waren zweifelsohne äußerst bequem ausgestattet, sodass der Flug tatsächlich wie im Flug verging. Lasten hingegen wurden mit Hilfe von Aufzügen in den Orbit gebracht, die an hauchdünnen Nano-Schläuchen auf Kohlenstoffbasis emporgezogen, und auf diese Weise in die Umlaufbahn gebracht wurden. Ein Gegengewicht sorgte durch die Zentrifugalkraft für eine konstante und permanente Spannung der Röhrenseile, die ständig gewartet werden mussten. Das war auch notwendig, denn diese Lastenaufzüge bildeten das Rückgrat der terrestrischen Wirtschaft.

Gerrit hörte Musik, hatte die Augen geschlossen und ließ seine Gedanken in alle erdenklichen Richtungen schweifen. Er stellte sich häufig vor, fliegen zu können. Natürlich war das kein Problem, viele Menschen ließen sich Flügel anpflanzen und erlernten die Kunst des Vogelfluges in speziellen Kursen. Doch das war einfach nicht echt. Gerrit hatte durch ein kleines Missgeschick mit einer Energiekupplung im letzten Herbst seinen linken Arm verloren, und sich vom behandelnden Arzt nicht nur einen neuen, sondern auch gleich einen dritten Arm aufschwatzen lassen. Gleich mit stärkeren Muskeln und einer auffälligen Tätowierung. Das war für eine Weile ganz lustig gewesen, aber es war schlicht ein Fremdkörper geblieben. Also hatte man ihm den überflüssigen Arm auf eigenen Wunsch wieder abgenommen. Wenn doch nur alles im Leben so einfach wäre.

Er atmete tief ein und genoss die frische Luft in seinen Lungen. Es tat immer gut, der Eintönigkeit seiner Wohnung zu entkommen. Das Leben schien unter freiem Himmel und an der frischen Luft zumindest ein wenig erträglicher. Außerdem

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Steve Mayer
Tag der Veröffentlichung: 26.08.2016
ISBN: 978-3-7396-7068-3

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