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DOCH DAS GRAB WAR LEER

Das magische Amulett Band 56

Roman von Jan Gardemann

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

 

Die Toten sollte man ruhen lassen. Doch genau an diese Regel scheint man sich in dem kleinen Ort Luccanore nicht zu halten. Weil auch wieder Amulette im Spiel sind, wird Brenda Logan gerufen, und sie findet ein Dorf in Angst vor. Bei ihren Nachforschungen stößt sie gegen eine Mauer der Feindseligkeit, und obwohl ihr Mann Daniel ihr zur Seite steht, wird es eng für die Amulettspezialistin. Sehr eng.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© Cover by Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2016

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Prolog

Die Schatten im Wald waren dicht und düster. Herabstürzende Regentropfen ließen das Laub aufrascheln. Graues Tageslicht sickerte durch das Blätterdach. Doch das Licht reichte kaum aus, um mich den Pfad erkennen zu lassen, der sich vor mir durch das Dickicht schlängelte. Während ich dem Waldpfad folgte, tiefhängende nasse Äste und Zweige zur Seite bog oder mich unter einem halb umgestürzten Baum hinwegduckte, vernahm ich weder das Zirpen eines Vogels noch das Rascheln eines Tieres im Unterholz. Die Stille kam mir unnatürlich vor. Sie ließ mir den düsteren Wald noch unheimlicher erscheinen. Es war fast körperlich zu spüren, dass mit diesem Wald irgendetwas nicht stimmte ...



1

»Du sollst doch in der Kirche nicht fluchen, Jeff!«, tadelte Cynthia ihren Mann.

Sie sprach leise, als befürchtete sie, jemand wusste selber, dass sie die Worte auch ebenso gut hätte herausschreien können, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Es war nämlich kurz vor Mitternacht und um diese Zeit schliefen die Leute in Luccanore alle. Cynthia und ihr Mann waren hier oben im Kirchturm ganz allein.

»Wenn es in meinem Leben je einen Grund zum Fluchen gegeben hat, dann in dieser Nacht«, erwiderte Jeff rau und vergewisserte sich ein letztes Mal, dass der provisorische Stützbalken auch wirklich fest genug saß. »Der liebe Gott wird bestimmt ein Einsehen mit mir haben, denn welcher Friedhofsgärtner wurde je dazu verdammt, mitten in der Nacht Reparaturen an dem Gebälk der Kirchturmglocken vorzunehmen!«

»Dies ist eben eine ganz besondere Situation, Jeff. Schließlich sollen die Glocken morgen früh doch das Morgengebet einläuten. Bis dahin muss der morsche Balken ausgewechselt sein. Oder willst du etwa riskieren, dass die schwere Glocke hinabstürzt und die Gläubigen unter sich begräbt?«

»Gläubige!«, stieß Jeff verächtlich aus. Doch als er den strafenden Blick seiner Frau bemerkte, verkniff er sich die gehässige Bemerkung, die ihm auf der Zunge lag.

»Richte den Scheinwerfer bitte jetzt direkt auf den morschen Balken, Schatz«, bat er seine Frau stattdessen freundlich. Schließlich wollte er keinen Streit mit seiner Frau vom Zaun brechen. Er war ihr dankbar, dass sie sich dazu bereiterklärt hatte, ihm bei diesem schwierigen Unternehmen zu helfen. Es wäre ungerecht gewesen, sie in dieser Situation mit seiner schroffen Art vor den Kopf zu stoßen. Jeff wusste, wie empfindlich Cynthia war, wenn es um Glaubensfragen ging was er ihr nach all den fürchterlichen Dingen, die sich in Luccanore zugetragen hatten, nicht verdenken konnte.

Cynthia drehte den Scheinwerfer herum, so dass der morsche Balken nun hell erleuchtet wurde. Während ihr Mann sich daran machte, den maroden Balken mit Hammerschlägen aus seiner Position zu lösen, blickte Cynthia sich in dem Kirchturm beklommen um.

Der Schein der elektrischen Lampe spiegelte sich matt auf der mannshohen Bronzeglocke, die mit den Jahrzehnten dunkel angelaufen war und fast schwarz wirkte. Oben war die Glocke an einem drehbaren Balken befestigt, der an seinem einen Ende ein Schwungrad aufwies. Von diesem Rad führte das Seil durch einen Schacht in die Tiefe und endete in einer kleinen Kammer neben dem Eingang der Kirche.

Cynthia seufzte. In diese Kammer würde der Vikar in ein paar Stunden treten, um die Gemeinde zum Morgengebet zu rufen. Wenn er an dem Glockenstrang zog, würde die Glocke oben im Kirchturm zu schwingen beginnen und der Schlegel gegen die Glockenwand schlagen. Der warme, helle Glockenklang würde die Menschen von Luccanore daran erinnern, dass es jetzt an der Zeit war, in die Kirche zu gehen, um Abbitte für die schlimmen Dinge zu leisten, die sich in diesem kleinen Dorf zugetragen hatten.

Umso wichtiger war es, dass Jeff rechtzeitig mit seiner Arbeit fertig wurde. Die Glocke musste in den frühen Morgenstunden läuten und den Menschen signalisieren, dass das Leben wieder in seinen alten Bahnen zurückgefunden hatte.

Nervös verstellte Cynthia den Scheinwerfer noch ein wenig. Er war auf einen Metallfuß montiert, und ein ellenlanges Verlängerungskabel führte von dem Scheinwerfer den dunklen Schacht für den Glockenstrang hinab, bis zu der einzigen Steckdose im Kirchenschiff hinunter.

Jeff gab ein zufriedenes Brummen von sich und riss den alten Balken mit einem Ruck aus der Halterung.

Die ganze Konstruktion der Glockenhalterung wurde nun von dem provisorischen Ständer gehalten. So schnell wie möglich musste Jeff den neuen Balken einfügen.

»Eigentlich ist das ein Job für einen Zimmermann«, beschwerte Jeff sich, während er den neuen Balken ächzend anhob.

Cynthia hätte ihrem Mann bei dieser schweren Arbeit gern geholfen. Doch sie wäre ihm nur im Wege gewesen.

»Momentan ist es nicht ratsam, irgendwelche Fremden nach Luccanore zu holen«, erklärte sie ernst. »Und da du nun einmal der einzige bist, der von Dachstühlen Ahnung hat, ist diese Aufgabe dir zugefallen!«

»Ja, ja«, äffte Jeff und brachte den neuen Balken in Position.

Trotz der nächtlichen Kälte lief dem Friedhofsgärtner der Schweiß über die Stirn. Mit einem Zimmermannshammer begann er die Holzstifte in die Löcher des Balkens zu schlagen.

Die Schläge hallten dumpf in dem Glockenturm wider. Sogar die Glocke gab ein unterschwelliges Summen von sich, als die Schwingung der Hammerschläge sich über die Balkenkonstruktion auf das Metall übertrug.

Da fing der Scheinwerfer plötzlich zu flackern an.

»Was ist los!«, rief Jeff ungehalten.

»Ich habe den Scheinwerfer nicht angefasst«, erwiderte Cynthia, die die flackernde Lampe ratlos anstarrte.

Im nächsten Augenblick erlosch die Glühbirne ganz, und Dunkelheit breitete sich in dem Glockenraum aus.

»Verd...«, setzte Jeff an, verstummte dann aber aus Rücksicht auf seine Frau. »Beweg dich nicht, Schatz«, befahl er rau. »Ein Fehltritt und du stürzt in den Schacht!«

Cynthia hörte ihren Mann in der Dunkelheit näher kommen Angst schnürte ihr die Kehle zu.

»Sei bloß vorsichtig, Jeff«, presste sie beklommen hervor. »Man sieht die Hand vor Augen nicht.«

Da tauchte vor ihr plötzlich ein Schatten auf. Cynthia zuckte zusammen, doch als sie die vertrauten Hände ihres Mannes auf ihrem Körper spürte, entspannte sie sich wieder.

Sanft aber bestimmend schob Jeff seine Frau von dem Scheinwerfer fort.

Cynthia stieß mit dem Rücken gegen die Mauer. Neben ihr zeichneten sich die Umrisse des Schalllochs ab, eine schießschartengroße Öffnung in der Mauer, durch die kalte Luft hereinströmte.

Jeff gab missmutige Laute von sich, während er sich an dem Scheinwerfer zu schaffen machte. Doch das Licht flammte nicht wieder auf.

Cynthia drehte sich zum Schallloch um und atmete die kühle Nachtluft ein. Sie betete, dass ihr Mann den Fehler rasch fand und seine Arbeit noch rechtzeitig abschließen konnte.

Müde ließ sie ihren Blick durch die Nacht schweifen. Der Vollmond stand wie eine silberne Scheibe am Himmel und ließ die Wolken, die über das Sternenkleid des Firmaments hinwegzogen, geheimnisvoll aufleuchten.

Da bemerkte Cynthia unten auf dem Friedhof plötzlich eine schattenhafte Bewegung.

Alarmiert verengte sie die Augen zu schmalen Schützen. Es bestand kein Zweifel, irgendjemand schlich da um Mitternacht zwischen den Grabsteinen herum, die in feinen nebligen Dunst gehüllt waren!

»Jeff!«, zischte Cynthia rau. »Jeff, komm schnell her. Da ist jemand auf dem Friedhof!«

Abrupt wandte Jeff sich von dem erloschenen Scheinwerfer ab. »Was sagst du da?«, fragte er besorgt.

Mit wenigen Schritten war er an der Seite seiner Frau und spähte durch das Schallloch in die Nacht hinaus.

Jeffs Augen hatten sich an die Dunkelheit inzwischen gewöhnt.

Trotz des fahlen Dunstes bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, die Gestalt unten auf dem Friedhof auszumachen.

»Was ist das denn für ein sonderbarer Bursche«, flüsterte er beklommen, nachdem er den Fremden genauer in Augenschein genommen hatte. Er trug einen langen zerrissenen Mantel, dessen Saum bis auf den Boden reichte. Ein schwarzer Lederschlapphut, unter dem lange strähnige Haare hervorschauten, verhinderte, dass Jeff und Cynthia das Gesicht des Fremden sehen konnten.

»Was macht dieser Mann dort nur?«, fragte Cynthia ängstlich. »Sieht aus, als würde er sich an einem der Gräber zu schaffen machen.«

»Du hast recht«, erwiderte Jeff aufgebracht.

Erst jetzt sah er, dass neben dem Grabstein, vor dem der Fremde sich hingekniet hatte, ein Hügel frisch aufgeworfener Erde lag.

»Dieser Irre hat ein Grab geöffnet!«, rief Jeff alarmiert.

Unsanft stieß er seine Frau beiseite.

»He – Sie da!«, rief er mit donnernder Stimme durch das Schallloch. »Was zum Teufel machen Sie da?«

»Du sollst doch nicht fluchen!«, wimmerte Cynthia.

»Verdammt!«, krächzte Jeff und taumelte von dem Loch in der Mauer zurück. »Er ... er hat den Sargdeckel geöffnet und den Toten herausgezogen!«

Cynthia starrte ihren Mann mit weit aufgerissenen Augen an. »Der Wahnsinn – er ist doch noch nicht zu Ende!«, presste sie erstickt hervor. »Um welches Grab handelt es sich?«

Jeff schüttelte abgehackt mit dem Kopf. »Es ist nicht das Grab von Denice«, sagte er. »Aber das macht die Sache nicht weniger schlimm!«

Er wirbelte herum und schickte sich an, auf die Wendeltreppe zuzuhasten, deren oberes Ende sich in der Dunkelheit schemenhaft abzeichnete.

Doch Cynthia hielt ihren Mann am Arm zurück.

»Was, in Gottes Namen, hast du vor?«, fragte sie bestürzt.

»Ich werde mir diesen Burschen schnappen«, erwiderte Jeff bestimmend und macht sich von seiner Frau los. »Wir haben genug Schuld auf uns geladen. Damit ist jetzt Schluss!«

»Nein, Jeff warte. Das ist zu gefährlich!«

Doch da hatte Jeff die Treppe bereits erreicht. Mit polternden Schritten hastete er die knarrenden Holzstufen hinab.

Verzweifelt wandte Cynthia sich zum Schallloch um und starrte ängstlich nach draußen.

Ein leiser Schrei entschlüpfte ihren Lippen, als sie sah, wie sich der unheimliche Fremde in seinem zerrissenen Mantel in diesem Moment den Toten über die Schulter warf, den er aus dem Sarg gezogen hatte.

Das Leichenhemd des Verstorbenen leuchtete fahl im Mondlicht; die steifen Glieder der Leiche schwankten grotesk hin und her, als der Grabräuber sich nun in Bewegung setzte und in geduckter Haltung auf die hohe Hecke zustrebte, die den Friedhof umgab.

Cynthia erschauerte. Die Bewegungen des Grabräubers waren nicht weniger grotesk als die der Leiche, die er auf seinem Rücken trug. Der Mann schien zu humpeln und zog das linke Bein nach. Mit dem Kopf voran drang er in die Hecke ein und quetschte sich mit seiner makabren Last zwischen die Zweige.

Im nächsten Moment hatte die Hecke den unheimlichen Fremden verschluckt.

Cynthia atmete erleichtert auf, als ihr bewusst wurde, dass Jeff den Friedhof zu spät erreichen würde. Der mysteriöse Grabräuber war längst auf und davon!

Cynthia wandte sich ab und schickte sich an, ihrem Mann zu folgen. Seine letzten Schritte waren soeben verhallt. Kurz darauf schlug unten eine Tür.

Cynthia dankte Gott dafür, weil er verhindert hatte, dass Jeff und dieser Fremde aufeinandergetroffen waren. Cynthia liebte ihren Mann über alles – auch wenn es oft nicht ganz einfach mit ihm war. Sie hätte es nicht ertragen, wenn ihm ein Leid geschehen wäre.

Aber genau das wäre zwangsläufig eingetreten, wenn er sich dem Grabräuber in den Weg gestellt hätte – davon war Cynthia fest überzeugt.



2

Fassungslos stand Jeff vor dem geöffneten Grab und starrte in den leeren Sarg hinab. Gnadenlos ergoss der Vollmond sein silbernes Licht in die Grube und ließ Jeff alle Einzelheiten deutlich erkennen.

Cynthia war ganz aus der Puste, als sie ihren Mann kurz darauf erreichte. Schwer atmend stellte sie sich neben ihn und legte ihre Hand auf seine Schulter.

»Es ist das Grab von Marlene Jones«, sagte Jeff mit rauer, tonloser Stimme.

»Wir sollten die Grube rasch wieder zuschaufeln«, erwiderte Cynthia und bemühte sich verzweifelt, ihrer Stimme das Grauen nicht anmerken zu lassen, das sie mit kalten Klauen gepackt hatte.

»Bist du verrückt!«, rief Jeff und stieß die Hand seiner Frau von sich.

Anklagend wies er in das leere Grab hinab. »Hier läuft ein Verrückter herum, der Leichen klaut und du willst die ganze Sache vertuschen?«

»Überleg doch mal!«, erwiderte Cynthia mit scharfem Ton in der Stimme. »Willst du Marlenes Eltern etwa erzählen, dass ein Fremder die Leiche ihrer Tochter gestohlen hat? Willst du ihr Leid etwa noch verschlimmern und sie in den Wahnsinn treiben?«

Jeff presste die Lippen aufeinander. Er wusste auf Cynthias Worte nichts zu erwidern, denn Marlenes Eltern würden vielleicht noch viel schlimmere Dinge ins Haus stehen, als die Nachricht über den Raub der Leiche ihrer Tochter.

»Es ist noch nicht vorbei!«, rief Cynthia verzagt. »Wir dachten, wir hätten den Wahnsinn hinter uns. Aber wir haben uns geirrt!«

»Umso wichtiger ist es, dass die Leute erfahren, was sich heute Nacht auf dem Friedhof abgespielt hat«, fand Jeff endlich seine Sprache wieder.

Er kniete vor dem offenen Grab hin und betrachtete die Ränder der Kuhle genauer.

Düster schüttelte er den Kopf. »Es sieht aus, als hätte dieser Grabräuber den Sarg mit bloßen Händen freigeschaufelt.«

Mit einem Kopfnicken deutete er zu dem Sargdeckel hinüber, den der Räuber achtlos auf den Erdaushub geschleudert hatte. Das Holz war zersplittert. Es war dem Sargdeckel deutlich anzusehen, dass er mit roher Gewalt von dem Sarg gehebelt worden war.

Cynthia presste die Hand auf ihr Brustbein. »Um Himmels Willen – was war das nur für ein Untier?«

Beklommen blickte Jeff sich um. »Wenn ich nur wüsste, wohin der Kerl mit der Leiche hin ist.«

Er sah seine Frau von der Seite an. »Hast du irgendetwas gesehen?«, fragte er.

Cynthia schüttelte abgehackt mit dem Kopf und zwang sich, nicht zu

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 02.08.2016
ISBN: 978-3-7396-6685-3

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