Cover

Eorin – Die ganze Saga

Band 1 bis 3

von Margret Schwekendiek

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 2231 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält die Romane:

Zauberlehrling wider Willen – Band 1

Always – Für immer und einen Tag – Band 2

Unterwegs auf den Wegen des Schicksals – Band 3

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Zauberlehrling wider Willen

Eorin - Band 1

von Margret Schwekendiek


Die junge Eorin muss gegen ihren Willen Magieschülerin werden. Es ist für sie fast unmöglich, Gehorsam und Demut einzuhalten. Ihr Mentor Darras erkennt das riesige geistige Potential, das in ihr schlummert. Er unternimmt alles, um sie zu schulen, doch das ist für beide Seiten nicht einfach. Immer wieder verstößt sie im Laufe der Jahre gegen einzelne Regeln der Gemeinschaft, meistens aus dem Bedürfnis heraus anderen zu helfen, oder manchmal aus Trotz gegen Darras. Die beiden reiben sich aneinander auf, und doch brauchen sie einander. Diese Situation spitzt sich zu, als Darras in den Bann des Bösen gerät, verkörpert durch ein magisches Schwert, das Blutvergießen und Terror fordert. Er sträubt sich lange Zeit dagegen, sich ganz dieser dunklen Macht zu unterwerfen. Während ihrer Abenteuer lernt Eorin die Zauberin Samtara kennen, die großes Interesse an der jungen Frau zeigt und versucht, sie in ihre Gilde aufzunehmen, was Eorin empört ablehnt. Zauberer der Gilde bevorzugen die dunkle Seite der magischen Kräfte, und Samtara beherrscht diese fast perfekt, Eorin verweigert sich der dunklen Seite.

Darras verfällt schließlich der dunklen Macht, ergreift nach einem mörderischen, brutalen Kampf auf geistiger Ebene mit Eorin das Schwert und errichtet eine Schreckensherrschaft und überzieht die Menschen mit Krieg und Horror.




Vorwort

Dies wird ein Bericht über mein Leben, so wie ich es erlebt habe. Ich habe dabei weder mich selbst mit allen meinen Fehlern und Schwächen geschont, noch sonst jemanden, mit dem ich zu tun hatte. Selbstverständlich ist es kein objektiver Bericht, denn manchmal habe ich aus rein persönlicher Sicht und mit meinen Gedanken und Gefühlen aufgeschrieben was passierte. Ich habe Hass und Liebe erlebt, doch so etwas wie Gleichgültigkeit ist mir nie entgegengeschlagen, dafür ist mein Leben einfach zu gegensätzlich.

Im Laufe der Jahre habe ich einen ständigen Wandel in meinem Leben durchgemacht, angefangen von einem jungen, unwissenden und trotzigen Mädchen bis hin zur reifen Priesterin, die dennoch nie vergessen hat, dass das Leben außerhalb der Mauern existiert. Mein Temperament habe ich nie zügeln können, obwohl es mir immer wieder Schwierigkeiten bereitet hat, und doch habe ich oft an die Warnungen meines Mentors denken müssen. Es gab viele schmerzliche Augenblicke, der schlimmste von allen war mit Sicherheit die große Auseinandersetzung, die selbst in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Ich war bis heute einem ständigen Wechsel unterlegen, und ich hoffe, dass sich das nie ändern wird. Denn nur durch solche Wechselwirkungen im Leben wird es interessant.

In großer Dankbarkeit denke ich an die Menschen, die mich geprägt haben, zum Guten wie zum Bösen, denn alles hat seinen Sinn.

Niemals wird es wieder eine solche Konstellation geben wie sie in der Person meines Mentors und mir auftrat, und wahrscheinlich wird es auch niemals wieder eine solche Bedrohung geben.

Es lag und liegt an mir, das Gleichgewicht zwischen der Welt der Magie und der der Menschen aufrechtzuerhalten. Ich hoffe, ich werde es auch während der übrigen Zeit meines Lebens schaffen.

Heute ist der Tag, an dem die größte Bedrohung aufgehoben wurde. Dies erfüllt mich mit unendlicher Trauer, mein Herz ist schwer, und beim geringsten Anlass breche ich in Tränen aus. Dennoch erachte ich es als meine Pflicht, diesen Bericht abzulegen, um nachfolgenden Generationen zu zeigen, dass auch in der schlimmsten und bösesten Bedrohung Gutes liegen kann. Selbst die Liebe ist nicht ausgeschlossen, wenn auch eine absonderliche Art von Liebe. Aber ich hätte sie nicht missen mögen, nicht eine Sekunde davon.

Doch nun will ich niemanden mit diesen einführenden Worten langweilen. Ich beginne! Mögen die Götter mir meine Fehler verzeihen!



1. Kapitel

Zögernd setzte ich einen Fuß vor den anderen. Das Gebäude, das so lange in unerreichbarer Ferne gestanden hatte, kam mit jedem Schritt näher.

Und mit jedem Schritt vergrößerte sich meine Angst.

Ich war unterwegs zum Haus der Novizen, wo ich eine Ausbildung zur Magiepriesterin machen sollte.

Ich sage bewusst sollte, denn ich wollte nicht unbedingt.

Jetzt sah ich diesen Klotz vor mir. Hoch aufragende Mauern aus behauenen Steinen, an manchen Stellen mit Moos bewachsen, wuchsen vor mir auf. Das Ganze machte den Eindruck, mich und andere auf ewig festhalten zu wollen, dabei dauerte die Ausbildung nur drei Jahre, und das war auch die Zeit meiner Verpflichtung.

Es half ja alles nichts; ich gab mir einen Ruck, ich musste hinein. Vor mir, neben einem schönen schmiedeeisernen Tor, hing ein Seil für die Schelle. Ich überwand meine Befürchtungen und zog entschlossen an dem Strick. Ein schepperndes Geräusch ertönte und fast im gleichen Augenblick öffnete sich das Tor, als hätte jemand auf mich gewartet.

Ein hoch gewachsener Mann mit schwarzen Haaren öffnete, gekleidet war er in ein langes weit fallendes Gewand: Eine schwarze Kutte mit einer grauen Kordel. Leuchtend graue Augen sahen mich an, und eine warme dunkle Stimme klang mir entgegen.

„Sei willkommen, Eorin, Tochter des Brianos. Ich habe dich erwartet.“

Ich war verblüfft. Woher wollte er denn wissen, wann ich ankomme? Er nahm meine Hand und zog mich hinein. Hinter mir schlug die Tür zu. Es war wie ein Urteil.

Doch ein wenig neugierig geworden sah ich mich um. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, aber sicher nicht so etwas. Innerhalb der Mauern stand das lang gestreckte Haus, weiß getüncht, mit vielen hohen Fenstern. Dass die meisten der Fenster vergittert waren, fiel mir noch gar nicht auf. Aber direkt vor mir begann der schönste Garten, den ich jemals gesehen hatte. Leuchtend bunte Blumen in geometrisch angelegten Beeten strahlten mir entgegen, weiße geharkte Kieswege führten durch die Beete und an manchen Stellen sah ich Gestalten, die in verschiedenfarbigen Kutten umhergingen.

Niemand beachtete uns.

„Ich bin Darras, für die Dauer deiner Ausbildung dein Mentor. Du darfst mir alles sagen und mich alles fragen. Innerhalb der gebotenen Regeln natürlich.“

Mit diesen Worten nahm er meine Tasche und ging voraus. Es war so selbstverständlich, dass ich ohne ein Wort zu erwidern folgte.

Über die schönen Wege und durch die Beete mit den schönen und duftenden Blüten führte er mich zum Haus. Ein großes geschnitztes Portal öffnete sich wie von Geisterhand. Durch die große Halle, die sich vor mir auftat gingen, schwebten fast, einige Gestalten. Wieder fielen mir die verschiedenfarbigen Kutten auf.

„Welche Bedeutung haben die Farben der Kutten?“, fragte ich ein wenig schüchtern.

Er fuhr herum, seine Augen blitzten mich an, dann wurden sie wieder normal.

„Kennst du die Regeln nicht? O nein, das hat dir noch niemand gesagt. Du musst erst um Erlaubnis bitten zu fragen. Aber das konntest du noch nicht wissen. Nun gut, ich will dir deine Frage beantworten. Unsere Kutten kennzeichnen den Ausbildungsstand und den Rang. Die Weißen sind Novizen, die noch in der Ausbildung stehen, also bis zu drei Jahren hier sind. Die Grauen haben ihre Ausbildung beendet und das Erste und Zweite Gelöbnis abgelegt, man erkennt sie an den Kordeln. Die Schwarzen sind Magiepriester in gehobener Stellung, sie bilden aus wie ich und forschen nach dem wahren Wissen. Sie erwarten Ehrfurcht und absoluten Respekt. Auch du wirst den Brüdern und Schwestern den schuldigen Respekt zollen. Dann sind da noch die Braunen: Sie sind Hilfskräfte, ohne die unsere Gemeinschaft nicht leben kann. Sie erhalten die Gärten, sorgen für unser leibliches Wohl und sind Diener. Zufrieden?“ Es klang wie Spott.

Eingeschüchtert vermochte ich nur zu nicken.

„Gut, dann komm weiter.“

Durch viele Gänge und Türen kamen wir in den zweiten Stock. Hier reihte sich Tür an Tür. Irgendwo hielt Darras an, schloss auf und schob mich hinein.

„Hier wirst du wohnen. Heute behältst du deine Kleidung noch, morgen wird die formelle Aufnahme und Einkleidung sein. Deine übrigen Sachen brauchst du nicht, ich werde sie in Verwahrung geben. Sei versichert, nichts davon wird verloren gehen. Waschgelegenheiten findest du am Ende des Flures. Und hier ist noch etwas.“ Mit diesen Worten zog er ein dicht beschriebenes Blatt aus seiner Tasche.

„Es sind die Regeln für das Leben in der Gemeinschaft. Bis morgen zur Aufnahme wirst du die Regeln auswendig gelernt haben.“

Er drückte mir das Blatt in die Hand, schloss die Tür leise von außen und ich war allein.

Ich sah mich erst einmal um. Eine karge Einrichtung: Ein Bett mit einer Decke, ein Tisch, zwei Stühle. An einer Wand hing ein Haken mit einem Bügel. Und dann gab es noch das Fenster. Freudig wollte ich hineilen und hinaussehen, doch jetzt fiel mir auf, was mir draußen entgangen war. Das Fenster war vergittert. Das hinderte mich zwar nicht am Hinaussehen, doch ich fühlte mich mehr denn je eingesperrt.

Schließlich setzte ich mich hin und begann zu lesen. Und meine Augen wurden groß und immer größer.

1. Ich schulde den Priestern absoluten Gehorsam. Jede ihrer Bitten und Anweisungen werde ich als Befehl betrachten

2. Es wird mein Bestreben sein, immer demütig zu sein, um der Gemeinschaft keine Schande zu machen.

3. Alle mir anvertrauten Geheimnisse werde ich bewahren, selbst wenn es mich das Leben kosten sollte.

4. Die mir anvertrauten Bücher und Gegenstände, sowie Kleidung werde ich sorgsam und pfleglich behandeln.

5. Ich werde für selbstverständliche Hilfeleistungen niemals eine Entlohnung annehmen noch fordern.

6. Für die Dauer meines Bleibens in der Gemeinschaft entsage ich allem, was mir jemals gehörte, ich stelle es der Gemeinschaft zur Verfügung.

7. Ich werde meine Mitschwestern und -brüder stets als höchstes Gut behandeln und immer hilfsbereit sein.

8. Ich gelobe, nur auf Verlangen zu sprechen und keine unnützen Worte über meine Lippen kommen zu lassen.

9. Nach Abschluss meiner Ausbildung werde ich ernsthaft erwägen, der Gemeinschaft auf Dauer meines Lebens beizutreten. Nur schwerwiegende Gründe können mich davon abhalten.

10. Ich gelobe, die in mir erweckten Kräfte und Fähigkeiten stets zum Nutzen der Gemeinschaft anzuwenden.

11. Sollte ich jemals die Gemeinschaft verlassen, werde ich meine Kräfte in den Dienst an der Menschheit stellen.

12. Es steht mir nicht zu, zu kritisieren, nach Verbotenem zu fragen oder jemals an der Weisheit der Gemeinschaft zu zweifeln.

Das alles war schlimmer, als ich es jemals gedacht hatte. Wie sollte ich hier jemals wieder herauskommen? Ich hatte mich auf drei Jahre verpflichtet, aber jetzt erkannte ich mit bitterer Klarheit, dass ich auf Lebenszeit gefangen war. Selbst wenn ich nach Ablauf meiner Verpflichtung austreten wollte, würde ich nie mehr frei über mich entscheiden können.

Verzweiflung überkam mich.

Würde ich jemals wieder frei lachen können wie auf dem Hof meines Vaters?

Mein Vater, der Hof, Dienstmägde, Tiere, das alles schien plötzlich eine Ewigkeit zurückzuliegen. Doch, war ich nicht erst gestern Morgen losgegangen, versehen mit den liebsten Abschiedswünschen und einem Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen?

Was tat ich dann hier?

Hier in dieser kühlen und kahlen Zelle, mit Gittern vor dem Fenster, einer einzelnen trüben rußigen Kerze und viel Angst vor der Zukunft.

Würde es überhaupt eine Zukunft für mich geben?

Ich wusste, ich würde es sehr schwer haben, ich war noch nie das, was man ein folgsames Mädchen nennt. Ich versuche gern, meinen eigenen Kopf durchzusetzen. Und jetzt sollte ich allem entsagen, nur noch gehorsam sein?

Wie war ich nur dazu gekommen, freiwillig ja zu sagen?

Aber dann dachte ich wieder an meinen Vater: Ich musste hier bleiben und das Beste daraus machen.



2. Kapitel

Eine Glocke läutete melodisch. Ich schrak auf.

Noch immer saß ich auf dem Stuhl, auf dem ich gestern Abend bis zum Erlöschen der Kerze gelernt hatte.

In mir sträubte sich noch immer alles gegen das, was ich in kurzer Zeit verkörpern würde. Ich würde mich selbst aufgeben. Ich würde demütig sein und gehorsam und ehrfürchtig, und ich wusste genau, ich würde jeden Tag hassen, an dem ich hier sein musste, um mich selbst zu verleugnen.

Die Tür öffnete sich, und Darras trat ein.

„Ich wünsche dir einen guten Morgen. Bist du aufgeregt?“

Eingedenk meiner gelernten Regeln verbeugte ich mich leicht und wünschte ebenfalls einen guten Morgen.

„Ich bin sehr aufgeregt.“

„Wenn du mit einem Priester oder einer Priesterin sprichst, hänge Herr oder Herrin an. Ich freue mich, dass du deine Lektion gelernt hast.“

Woher wollte er eigentlich wissen, dass ich gelernt hatte? Die Kerze konnte auch ohne Grund gebrannt haben.

Darras schickte mich zum Ende des Flures, für meine Morgentoilette. Ich schlug mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und dachte, ich müsste jeden Moment aus einem bösen Traum erwachen. Dem war aber nicht so. Dies musste also Wirklichkeit sein.

Das Wasser erfrischte mich nicht, und wacher wurde ich auch nicht davon. Ich versuchte, so gut wie möglich, meine Angst zu verbergen, straffte meine Schultern und ging zurück.

Darras erwartete mich. Ob er ungeduldig war, konnte ich nicht feststellen. Sicher konnten die Priester und Ausbilder ihre Gefühle gut verbergen.

„Fertig?“, fragte er. Ich nickte nur und folgte ihm.

Unterwegs sahen wir noch mehrere Schwarzkutten mit Neulingen im Schlepptau. Aber nirgendwo war auch nur ein Sterbenswörtchen zu hören.

Schon nach wenigen Abzweigungen war ich völlig verwirrt. Die vielen Türen und Gänge schienen alle gleich auszusehen. Wie sollte ich mich jemals hier zurechtfinden? Am besten war wohl zu zählen.

Ich versuchte verzweifelt, meine Erregung zu unterdrücken, duckte den Kopf und tat sehr demütig. Ein rascher Seitenblick belehrte mich, dass die anderen Neulinge es ebenso hielten. Am liebsten hätte ich kehrtgemacht, doch da war etwas in mir, das mich zwang, weiterzugehen. Ich hätte beim besten Willen nicht haltmachen können.

Endlich standen wir vor zwei großen Flügeltüren. Die Priester warteten, bis alle Neulinge zusammen waren. Wir wurden angewiesen, in Paaren hintereinander mit gemessenen Schritten zu gehen. Zwei Priester gingen jeweils zwischen uns.

Die Türen schlugen nach innen auf, und ich bekam einen Schreck. Ein riesengroßer Saal tat sich vor uns auf. Reichverzierte Säulen ragten bis zu einer Kuppeldecke hinauf, schmale hohe Fenster mit farbigen Scheiben tauchten den Saal in ein vielfach gebrochenes Licht. Vor uns erstreckte sich ein Gang durch zwei Reihen harter Holzbänke. Rechts und links dieser quer gestellten Bänke waren Sitze in Längsrichtung angeordnet. Auf den Bänken saßen Novizen in ihren weißen Gewändern, auch hier unterschieden durch die verschiedenen Kordeln.

In den Sitzen hatten Priester des ersten und zweiten Grades in ihren grauen Kutten Platz genommen.

Wir setzten uns in Bewegung, und als wir die ersten Schritte gemacht hatten, erhoben sich alle Anwesenden. Noch immer war kein Laut zu hören, bis auf das Rascheln des Stoffs.

Langsam gingen wir durch den Gang, bis wir vor drei Stufen Aufstellung genommen hatten.

Nun erst kamen die übrigen Schwarzkutten. Eine Öffnung in der Wand, die vorher nicht zu sehen war, entließ eine Menge Personen, die zu hohen, reich geschnitzten Stühlen schritten. Mit den Gesichtern zur Menge gewandt, warteten die ersten, bis alle ihren Platz erreicht hatten. Wie auf ein unhörbares Kommando setzten sich alle gleichzeitig. Ein einzelner Stuhl genau in der Mitte war noch frei. Und wem dieser Stuhl gebührte, wurde klar, als wir IHN kommen sahen.

Ich spürte es. Diesen Mann umgab etwas nicht Fassbares. Nicht nur, dass er Autorität ausstrahlte, die von allen wie selbstverständlich unterstützt wurde; eine Aura umgab ihn, eine Kraft, die man nicht sehen und noch viel weniger beschreiben konnte.

Obwohl alle saßen, hatte ich das Gefühl, jeder würde sich vor ihm verneigen.

Er blieb stehen, und sein Blick schien jeden Einzelnen zu erfassen. Unwillkürlich beugte auch ich den Kopf.

„Seid uns allen herzlich willkommen“, sprach seine wohl modulierte angenehme Stimme.

Ich hatte das Gefühl, als würde ich den Ton nicht nur hören, nein, in meinem Innern klang etwas wider, und es rührte mich an. In diesem Moment hätte ich mein Leben gegeben, nur um weiter diese Empfindung auskosten zu können.

„Ich sehe, meine Kinder, dass ihr bereit seid, eure Verpflichtung auf euch zu nehmen. Ich bin Agros, der Obere dieser Gemeinschaft. Und ich bin glücklich, dass ich heute so viele junge Gesichter in unserer Mitte begrüßen darf. Ihr tretet heute ein neues Leben an. Es wird für einige nicht leicht sein, und manche werden scheitern. Doch seid versichert, dass wir alle versuchen werden, euer Leben in der Gemeinschaft zum Nutzen aller lebenswert zu machen.“

Warum hatte ich das Gefühl, er würde mich bei diesen Worten besonders ansehen?

Immer weiter senkte sich seine Stimme in meine Seele.

„Ihr müsst viel lernen, aber wir werden gemeinsam die Kräfte der Natur in euch wecken.“

Er machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen.

„Und nun werdet ihr nacheinander die Regeln vorsprechen, die ihr in der letzten Nacht gelernt habt. Erst danach werdet ihr beginnen, vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft zu werden. Haltet euch stets an diese Regeln, und nichts und niemand kann euch etwas anhaben.“

Eine dunkle Drohung schien über diesen Worten zu schweben, als wolle er uns warnen, auch nur mit einem falschen Gedanken zu spielen.

„Nun wollen wir beginnen.“

Agros machte unseren Mentoren ein Zeichen, und der erste Neuling in der Reihe begann die Regeln aufzusagen.

Er schien aber nicht viel im Kopf zu haben, oder war er nur so aufgeregt? Schon bei Nummer drei begann er zu stottern. Fast unmerklich bot sein Mentor Hilfestellung, gab ihm hier und da mit einem geflüsterten Wort Hilfestellung. Schließlich stand er mit hochrotem Kopf da und traute sich nicht, die Augen zu heben. Verstohlen betrachtete ich die Gesichter der Mentoren, aber aus ihren Mienen war nichts abzulesen. Eine undurchdringliche Mauer aus Beherrschung und Zucht verhinderte, dass sie ihre Gefühle und Empfindungen zeigten.

Ich hätte gern gewusst, was die Novizen hinter uns taten. Saßen sie jetzt auf ihren Plätzen und lachten innerlich, waren sie in der Lage, unsere Situation nachzuvollziehen? Oder machte sich Schadenfreude in ihnen breit? Ich wusste noch nicht, dass die Regeln alle so veränderten, dass sie seelische Qualen empfanden bei dem Gedanken, einer von uns könnte sich derart blamieren, dass er nicht mehr weiterkam und so Schande über die Gemeinschaft brachte.

Mittlerweile war die Reihe am Neuling neben mir. Ein junges Mädchen, jünger noch als ich, und ich war doch erst fünfzehn. Sie hatte eine nette fröhliche Stimme und sprach die Worte fast ohne zu stocken, nur bei den Geboten über das Sprechen und die lebenslange Verpflichtung hatte ich das Gefühl, sie müsse sich überwinden. Das machte sie mir sympathisch. Ich hegte schließlich die gleichen Bedenken.

Dann war die Reihe an mir.

Ich hatte zwar gelernt, bis ich nicht mehr konnte, dennoch war ich nicht sicher, alles so herunterzuspulen, wie ich es mir gewünscht hätte. Doch kaum hatte ich begonnen, entstand in meinem Geist ein Bild, und darauf konnte ich das Blatt mit den Regeln sehen. Ich brauchte einfach nur alles abzulesen, es konnte gar nichts schief gehen. In meiner Verwirrung blieb mir aber keine Zeit, über dieses Phänomen nachzudenken.

Ich erhaschte einen Blick des Oberen, er sah mich äußerst wohlwollend an. Was sollte das nun wieder?

Immer mehr verstärkte sich in mir der Verdacht, dass die Gemeinschaft etwas Bestimmtes von mir wollte. Aber was?

Endlich waren alle fertig. Und mit einer neu gewonnenen Gewissheit spürte ich, dass keinem anderen auf diese merkwürdige Art geholfen worden war.

Doch uns allen war die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

Wir bekamen nun den Befehl, uns auszuziehen. Scheu begannen wir damit. Bis auf die Unterwäsche legten wir die Kleidung ab. Dann kam eine der Braunkutten und gab jedem von uns eine weiße Kutte mit weißer Kordel.

Die Braunen schienen zu dieser Veranstaltung nicht zugelassen zu sein. Es war mir bisher noch nicht aufgefallen, dass bis auf diese Dienerin keiner von ihnen anwesend war.

Schnell zog ich mich wieder an, mir war plötzlich kalt, ganz furchtbar kalt.

Nun standen wir alle, äußerlich von den anderen Novizen nicht mehr zu unterscheiden, in einer Reihe. Der Obere hob die Hand wie zum Segen.

„Geht nun, meine Kinder, lernt und lebt in der Gemeinschaft, haltet euch an die Regeln, macht sie zu eurem Lebensinhalt, und wir wollen euch ein Heim und eine Familie sein. Wir alle sind Brüder und Schwestern.“

Diese Worte rief er laut aus, und wieder hatte ich das Empfinden, als bilde sich ein geistiger Zusammenschluss, der von ihm ausging. Es war wie ein Sog, der mich drängte, mich diesem Zustand anzuschließen, alle meine Kräfte beizusteuern und die Gemeinschaft zu stärken.

Noch leicht verwirrt reihte ich mich ein in den Zug der Neulinge, der sich anschickte, die Halle der Besinnung wieder zu verlassen.


*


Hinter uns schlossen sich die Türen, und wir blieben alle wie auf ein Kommando stehen. Darras ergriff das Wort.

„Nachdem ihr nun aufgenommen seid, werden wir beginnen, euch zu unterrichten. Jeweils fünf von euch gehören in eine Gruppe. Auf diese Weise bekommt ihr die bestmögliche Ausbildung. Zusätzlich jedoch wird jeder einzelne noch Übungsstunden bei seinem Mentor verbringen und von diesem lernen, wie die Kräfte nutzbringend angewandt werden.“

Die Kräfte! Diese nicht zu beschreibende Macht musste es sein, die ich gespürt hatte. In mir regte sich der Wunsch, auch solche Kräfte zu besitzen.

Kurze Zeit später saßen wir in einem Lehrraum. Wir, das waren zwei Jungen und drei Mädchen, deren jeder einen schmalen Tisch vor einem harten Stuhl hatte. Im Hintergrund hatten die Mentoren auf bereitgestellten Stühlen Platz genommen, während vor uns Darras, mein Ausbilder, stand.

Eine leere schwarze Tafel lehnte verloren in einer Ecke, und durch die geöffneten Fenster drangen weiche warme Luft und das Gezwitscher vieler Vögel herein.

Ich schüttelte die Beklemmung ab, die sich in der Halle der Besinnung auf mich gelegt hatte. Jetzt kam ich mir selbst albern vor, was sollte dieses merkwürdige Gefühl schon bedeuten? Hier war das richtige Leben, nicht irgendwelche nicht greifbaren Kräfte, die ich mir sicherlich nur eingebildet hatte. Schon mein Vater hatte mich oft ermahnt, meiner Phantasie nicht die Zügel schießen zu lassen.

Dummkopf, der ich war!

„Zuerst möchten wir euch etwas näher kennenlernen“, begann Darras. „Ihr alle könnt schreiben und lesen, das wissen wir. Und sicher kennt ihr die meist gebräuchlichen gesunden giftigen Kräuter. Doch wie ist es mit dem Gesang? Es ist wichtig für uns, klare reine Töne zu singen. Eorin, sing uns ein Lied vor, das du kennst.“

Ausgerechnet ich. Meine Wangen wurden rot, und ich spürte vor Verlegenheit Hitze aufsteigen. Aber es half ja nichts.

Ein Lied kam mir in den Sinn, das mein Vater gerne sang, von grünen Wäldern und tiefen Seen, in denen Nixen und Elfen hausen. Zaghaft begann ich, doch nach und nach wurde meine Stimme kräftiger.

„Gut gemacht“, lobte Darras. „Du hast eine sehr schöne Stimme. Wir werden sie schulen, und schon bald wirst du so klar und rein singen, wie es die Wasser sind, die du beschrieben hast.“

Noch immer knallrot im Gesicht setzte ich mich.

Die anderen sangen meiner Meinung nach ebenso gut, bis auf einen Jungen, Idros, er war noch im Stimmbruch und krächzte vor sich hin.

Darras lächelte.

„Du wirst noch warten müssen. Aber das legt sich. Nun werde ich euch zeigen, wie wir singen. Hört gut zu.“

Er begann ein Lied von Kampf und Sieg, über die Liebe einer Frau zu einem Krieger und ihren Verzicht auf ihn. Seine Stimme schlug uns in den Bann. Wir fühlten die Wut und die Kraft während des Kampfes, die zärtliche Liebe und die Angst um den Geliebten, und endlich die Aufgabe, es war, als risse man uns das Herz aus dem Leibe. Als Darras endete, weinten wir, und keiner schämte sich seiner Tränen.

„Bewahrt es gut. Bald werdet ihr es auch können. Ihr seht nun, dass man in den Gesang Kraft legen kann. Damit kann man heilen und helfen, aber auch schrecklich zerstören. Hütet euch! Geht jetzt zum Essen, die Glocke läutet.“

Wirklich, es läutete. Ich hatte gar nicht darauf geachtet. Folgsam verließen wir den Raum.

Der Speisesaal bestand aus einem lang gestreckten Raum, in dem lange Tische mit Stühlen darauf warteten, besetzt zu werden. Die Tische waren ohne Decken, nur mit Tellern und Löffeln gedeckt. Auf Brettchen waren duftige Brotlaibe aufgeschichtet, aus der offenen Flügeltür zur Küche hin drang ein verlockender Duft.

Unsere Mentoren wiesen uns ein, und wir suchten uns Plätze. Hinter den Stühlen blieben wir stehen und warteten. Als auch der Obere als Letzter eingetreten war, dankten wir den Göttern für ihre Gaben und setzten uns. Braunkutten brachten große Kessel, in denen eine Gemüsesuppe dampfte. Jeder bekam eine ordentliche Portion, und ich musste anerkennen, dass es hervorragend schmeckte. Nach dem Essen wurden wir in unsere Kammern geschickt, zur Meditation. Hier gab es für mich die ersten ruhigen Augenblicke des Tages.

Es gab einiges, worüber ich nachzudenken hatte. Aufs Bett durften wir uns tagsüber nicht legen, so stellte ich mich ans Fenster, genoss den Duft des Frühlingstages durch die Gitterstäbe und ließ meinen Gedanken freien Lauf. Zuerst purzelten sie kreuz und quer durcheinander, doch dann kam endlich Ordnung in das Chaos.

Eine Frage stand klar vor mir: Was hatte ich gespürt?

Zuerst bei der Aufnahmezeremonie und später auch bei Darras` Gesang. Es war eine geistige Kraft, etwas Unfassbares, das jedoch in der Lage war, Menschen zu manipulieren, ohne dass sie sich dagegen wehren konnten. Magie, das musste es sein.

Ich hatte kaum eine Vorstellung davon, was ich von Magie zu halten hatte. Sicher kannte ich auch die Magiepriester. Sie wurden geholt, wenn jemand krank war, wenn Tiere ohne Grund eingingen, wenn Wiesen und Äcker nicht genug Frucht trugen. Sie waren die stillen Helfer.

Aber ich hatte nie gewusst, wie sie es machten. Ich hatte mir, wie die meisten anderen Menschen auch, nie Gedanken darüber gemacht. Sie waren einfach da. Und jetzt wurde mir mit erschreckender Deutlichkeit klar, dass es Gedankenkraft sein musste, die sie benutzten.

„Hütet euch!“, hatte Darras gesagt. Ich verstand, dass diese Warnung sehr berechtigt war. Meine Gedanken konzentrierten sich immer mehr auf diesen Punkt, und doch bekam ich nicht mehr als einen Zipfel zu fassen.

Nur einen kleinen Zipfel der Wahrheit, die unfassbar und schon fast ungeheuer war. Die Kraft konnte nicht nur helfen und heilen. Hatte auch schon jemand zerstörerischen Gebrauch davon gemacht? Diese Frage begann mich brennend zu interessieren. Was konnte man damit noch alles anfangen? Ein Schreck durchfuhr mich. Konnte Darras, und damit auch die anderen, vielleicht Gedanken lesen?

Dann lagen meine Gefühle und Wünsche, und nicht nur meine, offen vor ihm wie ein aufgeschlagenes Buch.

Das wäre ja furchtbar!

Meine Gedanken verwirrten sich wieder. Wäre ich nur zu Hause und könnte mich an die breite Brust meines Vaters schmiegen. Er würde mir über den Kopf streichen und mich trösten.

Aber ich war hier und konnte nicht weg. Also Kopf hoch und durchhalten.

Leise öffnete sich die Tür. Ich hatte zwar nichts gehört, spürte aber, dass mich jemand ansah. Ich drehte mich um.

„Gehen wir“, sagte Darras.

Durch nichts in seinem Aussehen hätte ich feststellen könne, ob er wirklich meine Gedanken las, und zu fragen getraute ich mich nicht. Nur zu gut war mir meine erste Lektion im Gedächtnis geblieben. Ich würde bestimmt nicht den Mund aufmachen.

Wir gingen wieder ins Lehrzimmer. Irgendwann würde ich mir diese vielen Wege sicherlich merken. Aber nicht heute, heute war zuviel Neues auf mich eingestürmt.

Darras blieb stehen. Ich war noch immer tief in Gedanken versunken, bemerkte es nicht und prallte auf ihn.

„Entschuldigung“, murmelte ich, weil mir nichts anderes einfiel.

Ein strafender Blick traf mich ins Innerste.

„Wir reden noch darüber“, hörte ich ihn sagen.

Wir waren die Letzten, die ankamen. Schnell setzte ich mich auf meinen Platz. „Ihr werdet jetzt lernen, angemessen zu gehen“, hörte ich und wünschte mir ein Mauseloch, um darin zu verschwinden. Das konnte sich ja nur auf meine Ungeschicklichkeit beziehen.

„Ihr habt sicher schon gemerkt, dass wir nicht hart auftreten oder gar trampeln. Wir schreiten, selbst wenn wir es eilig haben. Niemandem würde es einfallen, die Gänge entlang zu hasten oder gar zu rennen. Auch in der Öffentlichkeit bewegen wir uns nicht anders. Das ist ein Prinzip und gehört ebenso zur Gemeinschaft, wie unser Aussehen. Niemals erlauben wir unseren Augen, sich nach innen zu kehren und womöglich nicht auf den Weg zu achten.“

Dabei sah er mich an. Ich fühlte einen kalten Schauder über meinen Rücken laufen. Wenn er doch nur aufhören würde.

„Brüder und Schwestern unserer Gemeinschaft genießen ein bestimmtes Ansehen. Und niemand, ich wiederhole, niemand, wird Schande über uns bringen. Ihr werdet jetzt hier entlanggehen. Einer nach dem anderen.“

Ich überhörte den drohenden Unterton nicht. Ich nahm mir vor, auch diese Lektion nie zu vergessen.

Jetzt aber musste ich gehen. Und mir zitterten die Knie. Ich versuchte, den gemessenen, fast schwebenden Gang nachzuahmen, den ich immer wieder gesehen hatte, konnte aber nichts dagegen tun, dass ich ein Gefühl wie „auf Stelzen“ hatte. Prompt hörte ich hinter mir einen der Novizen kichern. Das bekam ihm allerdings schlechter als mir meine Gangart. Die Bewegung war kaum zu sehen, ansatzlos und blitzschnell hatte sein Mentor ihm eine Ohrfeige verpasst. Der so Gemaßregelte sagte nicht einmal Aua. Vor Verblüffung riss er seine Augen weit auf, bevor knallige Röte hochzog bis zum Haaransatz.

„Jetzt du“, sagte Darras zu ihm.

Vor Scham und Verlegenheit stolperte der Junge mehr als er ging. Er tat mir schon wieder leid.

Auch die anderen mussten vormachen, wie sie sich das Gehen vorstellten. Aber es sah nicht besser aus als bei mir. Das versöhnte mich ein bisschen.

Danach zeigten uns die Mentoren, wie es richtig war. Sie zogen die Kutte ein wenig vom Boden hoch, so dass wir sehen konnten, wie die Füße richtig gesetzt wurden. Wir übten so lange, bis es nicht mehr so gestelzt bei uns aussah, danach ging es zu einem Rundgang. Diese Aufgabe übernahm Woras, einer der anderen Mentoren.

Die übrigen Ausbilder zogen sich zurück und niemand fragte, wohin. Woras zeigte uns neben verschiedenen Räumlichkeiten auch den Keller, in dem Weinflaschen vor sich hinstaubten und Vorräte aufgetürmt lagen, die Gärten, die nicht nur duftende und bunte Blumen enthielten, sondern auch Heilkräuter, deren Namen wir längst nicht alle kannten.

Immer und überall waren Braunkutten zu sehen, emsig an der Arbeit und still. Ich hatte bisher noch keine von ihnen reden gehört.

Wir sahen, dass es außer der Halle der Besinnung und dem Essraum noch zwei große Säle gab. Das eine war die Tempelhalle, die täglich für die gemeinsame Andacht genutzt wurde, das andere eine Art Aufenthaltsraum, in dem man Briefe schreiben, sich unterhalten oder auch kleine Dinge reparieren konnte.

Uns taten die Füße weh, als der Rundgang beendet wurde. Es war noch ungewohnt, in flachen Sandalen zu laufen, die nur von einem schmalen Lederriemen gehalten wurden. Woras führte uns zurück zur Tempelhalle, wo sich nach und nach alle versammelten, um die gemeinsame Andacht zu halten. Wir hörten ein melodisches Geläut, und auch die letzten Nachzügler trafen ein.

Die Halle war groß und hoch, weiß getüncht, und nur vorne in Blickrichtung stand das „Verehrungswürdige“. Leider sagte mir das überhaupt nichts, denn das große Geheimnis war mit Tüchern verdeckt. Später erfuhr ich, dass nur einmal im Jahr die Tücher abgenommen wurden, nämlich am „Tag des geheimen Wissens“, an dem nur die Priester teilnehmen durften. Doch hier und jetzt konnte ich mir nichts darunter vorstellen, so blieb meine Neugier noch lange ungestillt.

Die Andacht begann mit einigen Minuten Meditation. Wir versenkten uns in uns selbst, leerten unseren Geist, um aufnahmebereit zu sein. Der Obere intonierte einen Gesang, der ruhig und gelassen begann, in den aber nach und nach alle Stimmen einfielen. Das Lied klang empor, und jeder fühlte sich angesprochen einzustimmen, so mitreißend war es. Wieder erklang es nicht nur für das Ohr, sondern der Geist, die Seele wurde angesprochen. Auch mein Innerstes jubilierte mit ihnen. Das Zeitempfinden schwand völlig. Ich fühlte mich plötzlich frei und dennoch eins mit dem Universum. Eine berauschende Erfahrung.

Nur widerwillig mochte ich zurückkehren in diese Welt, doch auch dieser wunderschöne Moment ging vorbei, und damit war die Andacht beendet.

Anschließend nahmen uns die Mentoren wieder unter ihre Fittiche. Zu meinem größten Erstaunen machten Darras und ich einen Spaziergang im Garten.

Wir wanderten schweigsam über die weißen Kieswege, nahmen den Duft auf und ließen das Farbenspiel auf uns wirken.

„Du hast sicher viele Fragen, denn alles muss neu und verwirrend für dich sein“, meinte er nach einiger Zeit.

„Darf ich reden?“, fragte ich.

Er machte ein zustimmendes Zeichen.

„Es ist heute sehr schwer, alles aufzunehmen, und ich werde noch lange brauchen, um es zu verarbeiten. Ich bin sicher, dass die meisten Fragen sich im Lauf der Zeit selbst beantworten. Doch eine Frage möchte ich stellen.“

Ich machte eine kleine Pause, wie um mir selbst Mut zu machen.

„Die Kräfte, die ich hier gespürt habe, und die du angesprochen hast, ist das eine Bewusstseinserweiterung, eine Gedankenkraft, oder was...“ Ich brach ab und blickte Darras an.

Er sah zum ersten Mal konsterniert aus. Hatte ich ihn etwa aus der Reserve gelockt? Er ließ einige Zeit verstreichen, bevor er antwortete.

„Mit dieser Frage habe ich noch nicht gerechnet“, brachte er schließlich hervor. „Du sagst also, du hast die Kräfte gespürt. Hast du jemals vorher schon so etwas gefühlt? Hast du vielleicht schon mal gedacht, du kannst die Gedanken anderer Menschen erfassen? Ist irgendwann etwas Ungewöhnliches passiert? Dachtest du schon einmal, dass es merkwürdig wäre, weil du ein Ereignis vorher wusstest? Sag es mir und sei ehrlich.“

Darras hatte mich an den Schultern gefasst und drückte in starker Erregung fest zu. Ich sah ihn mit großen Augen an.

„Ja, manchmal...“, gab ich zögernd zu.

„Was? Was genau?“

„Mein Vater hat gesagt...“

„Ich will wissen, was genau du gespürt hast, nicht was dein Vater gesagt hat.“ Seine Stimme klang hart, fordernd. Nichts mehr war zu hören von dem weichen melodischen Klang, den ich schon so mochte. Ich sah ihn ängstlich an. Er hatte sich jedoch schon wieder gefangen.

„Komm, erzähle mir, was los war. Du kannst und sollst mir alles sagen. Und hab keine Angst, ich lache bestimmt nicht.“

Er lächelte mich aufmunternd an, und endlich spürte ich, dass er es ernst meinte. Ich verstand zwar seine Erregung nicht, doch in meinem Kopf formte sich ein Gedanke. Dem aber würde ich später nachgehen. Ich fasste mir ein Herz und erzählte ihm alles, was ich schon von früher Kindheit an gelernt hatte zu verschweigen. Mein Vater hatte immer gesagt, ich hätte zuviel Phantasie, und ich sollte mit keinem Menschen darüber reden. Jetzt aber sprudelte ich alles heraus; so als ob eine Schleuse geöffnet worden wäre, redete ich. Von dem Wissen über Gedanken, die andere Leute für geheim hielten, die ich aber erkannte, wenn sie stark daran dachten, über Besuche, von denen ich vorher wusste, über Krankheiten beim Vieh, die dann auch eintraten. Darras sah mich verständnisvoll an.

„Ja, ich verstehe deinen Vater. Wäre es ruchbar geworden, hätte man dich als Hexe bezeichnet und verbrannt. Der einfache Mensch tut sich sehr schwer damit. Aber schau einmal...“

Im ersten Moment wusste ich nicht, was er meinte, doch dann sah ich, dass sich wie von selbst eine Handvoll Kies erhoben hatte. Ich fuhr zurück.

„Hab keine Angst, das sind die Kräfte, von denen du sprachst.“

Die Neugier siegte über die Angst.

„Kann ich das auch?“

Darras lachte, herzhaft und laut.

„Ja, Kind, das wirst du auch noch lernen. Du bist auf dem besten Wege dazu. Und du wirst es schnell lernen, denn du bist schon erweckt.“

Er führte mich in einen der Klassenräume. Ich warf einen sehnsüchtigen Blick aus dem vergitterten Fenster. Ein vorwitziger Vogel hatte sich auf das Fensterbrett gesetzt und lugte hinein. Darras ging zu ihm hin, streckte den Arm aus, und das Tier hüpfte auf seine Hand. Zärtlich streichelte er über das farbenfrohe Gefieder, dann ließ er den Vogel wieder fliegen.

„Du fühlst dich eingesperrt?“, erkundigte er sich, als er meinen Blick bemerkte.

„Ich - ja - nein - doch! Ich fühle mich eingesperrt. Was sollen die Gitter, wenn ich doch ohnehin eine Verpflichtung habe zu bleiben. Und nicht nur ich, auch die anderen. Es - es bedrückt mich.“

„Du wirst dich daran gewöhnen, Eorin. Es wird eine Zeit kommen, da sie dich nicht mehr stören werden. Und immerhin könntest du doch ohne Schwierigkeiten aus dem Tor gehen. Niemand würde dich halten, wenn du dein Versprechen brechen wolltest.“

Erstaunt blickte ich ihn an.

„Und was würde dann mit mir geschehen?“, fragte ich bang.

„Äußerlich wohl gar nichts. Du könntest nach Hause gehen und dein bisheriges Leben wieder aufnehmen. Aber in deinem Innern sähe es ganz anders aus. Und dazu kommt ja auch noch deine Begabung, die du kaum vor den anderen Menschen auf Dauer verheimlichen könntest. Früher oder später würde die Kraft dich beherrschen. Schreckliches Unheil wäre die Folge!“

Ich hätte zu gern gefragt, wie sich dieses Unheil auswirken würde, traute mich aber nicht. Doch er schien mir die Gedanken vom Gesicht abzulesen. Ruhig setzte er sich auf einen Stuhl, betrachtete mich aufmerksam und bemerkte, dass ich meine Hände nervös in meinem Schoß knetete. Ein leichtes Lächeln flog über sein Gesicht.

„Ich werde dir die Geschichte eines solchen Unglücklichen erzählen, um deine Neugierde zu befriedigen. Aber lass dir gesagt sein, dass Neugier einer künftigen Priesterin nicht angemessen ist.“

Ich wollte empört aufbegehren, dass ich doch gar nichts gesagt hätte, dass ich es nicht unbedingt wollte, nein, dass ich es gar nicht wissen wollte. Doch mit einer herrischen Handbewegung schnitt er mir jedes Wort ab.

„Ich weiß, was du sagen willst, aber schweige besser. Ich habe nichts dagegen, dir in diesem Fall zu Willen zu sein. Geh nicht immer gleich in die Luft, wenn etwas nicht nach deinem Willen geht. Du wirst hier noch lernen müssen, dass du dich unterordnen musst. Und nun lass mich erzählen.

Vor einigen Jahren kam ein junger Mann in unsere Gemeinschaft. Er war ebenso wie du, jung, temperamentvoll, idealistisch - und widerspenstig. Bereits vom ersten Tag an widersetzte er sich allen Anordnungen und Regeln, war nicht bereit, auf die Liebe und das Verständnis einzugehen, mit der ihm alle begegneten, und ging schließlich eines Tages ohne Gruß und Abschied davon. Ich selbst war damals noch kein Ausbilder, doch Bruder Adolar, den du noch kennenlernen wirst, war sein Mentor. Er erzählte mir von dem weiteren traurigen Schicksal. Der junge Mann kehrte zurück in das Haus seiner Eltern. Er arbeitete hart, doch er wurde immer wortkarger und mürrischer, und die Nachbarn behaupteten nach einiger Zeit, im Hause spuke es. Blitze flammten des Nachts über das Dach, das Land veränderte sich seltsam, einige Bäume verdorrten, andere wuchsen mehr als üppig, Tiere verendeten oder wurden plötzlich rasend. Der junge Mann aber wollte sich von niemandem helfen lassen. Er bestritt sogar die Vorkommnisse.

Einer unserer Brüder bot ihm wiederholt Hilfe an, doch er verfluchte uns in die tiefste Unterwelt und schwor, niemals wieder mit einem von uns etwas zu tun haben zu wollen.

Das Leben wurde für ihn aber immer schlimmer. Er war nicht in der Lage, seine Kräfte zu beherrschen, die wir, ebenso wie bei dir, nicht erst wecken mussten. Die Kräfte beherrschten ihn zu dieser Zeit schon. Bei jedem Schritt und Tritt musste er sich konzentrieren, da seine Gedanken sonst ständig Verheerungen anrichteten. Ungebeten stürmten die Gedanken und Gefühle anderer Menschen auf ihn ein, und da half es ihm nichts, dass er sich die Ohren zuhielt und manchmal schreiend durch die Gegend lief. Er schlug unkontrolliert mit seiner Kraft um sich, weinte dann, wenn er wieder Schaden angerichtet hatte, und wusste doch nicht, wie er aus diesem Teufelskreis ausbrechen konnte. Die Leute aus seinem Dorf baten uns um Hilfe, doch auch wir wussten lange Zeit nicht, was wir tun sollten, denn gegen seinen Willen war ein Eingreifen fast unmöglich. Um eine Blockade einzusetzen, war es schon zu spät, es hätte uns selbst geschädigt. Doch es musste etwas geschehen.

So fand sich einer unserer Brüder bereit, sein Leben für alle zu opfern, um der ständig größer werdenden Bedrohung ein für allemal Herr zu werden. Er forderte den jungen Mann zu einem Duell heraus. In einem kleinen Wald standen sich die beiden gegenüber. Noch heute ist das Betreten des Waldes verboten, denn noch immer sind die Auswirkungen der ungeheuren Kräfte zu spüren, die die zwei aufeinander losließen. Keiner von beiden kehrte je zurück.“

Für einige Zeit saß ich wie erstarrt. Das war ja schrecklich. Natürlich würde ich am liebsten auch sofort gehen, doch stand mir dann nicht vielleicht das gleiche Schicksal bevor? Auch ich wusste jetzt ziemlich sicher, dass ich diese Kräfte besaß. Würden sie sich ebenso schrecklich auswirken, oder hatte Darras das nur erzählt, um mich von dem Gedanken abzubringen zu gehen. Aber nein, so einfach gehen würde ich nicht. Ich würde nie ein gegebenes Wort brechen. Es musste einen Weg geben, diese Verpflichtung wieder loszuwerden.

Noch etwas interessierte mich plötzlich.

„Was geschieht mit denen, die ihre Kräfte nicht aktivieren können?“, fragte ich, um mich aus den trüben Gedanken zu lösen. Darras schüttelte tadelnd den Kopf.

„Deine Sprunghaftigkeit werde ich dir auch noch abgewöhnen müssen, Eorin. Aber um deine Frage zu beantworten: Dieser Fall ist äußerst selten, und wir werden niemanden verstoßen, nur weil seine und unsere Hoffnungen nicht in Erfüllung gehen. Die Brüder und Schwestern bleiben ebenfalls bei uns und erfüllen ihre Aufgaben, so weit ihre Kräfte reichen. Und nun wirst du versuchen, all das, was heute auf dich eingestürmt ist zu verarbeiten. Wir sehen uns später.“

Er brachte mich in meine Kammer zurück, wo ich bald schon die Glocke zum Abendessen hörte.

Das Essen war wieder gut, Käse, Marmelade, gute Butter und viel frisches Brot. Die älteren Priester tranken Wein dazu, es half ihnen bei ihren abendlichen Meditationen, sich leichter zu konzentrieren. Wir bekamen jedoch nur Wasser.

Mittlerweile war es fast dunkel. Wir wurden zur Nachtruhe in unsere Kammern geschickt.

Ich legte mich auf mein Bett und versuchte, meine Gedanken in eine ordentliche Reihenfolge zu zwingen. Seit gestern - wirklich erst seit gestern? - war mehr auf mich eingestürmt, als sonst in einem ganzen Jahr. Ich war müde und dennoch so aufgeregt, dass ich keine Ruhe fand. Auch die Reaktion von Darras hatte mich nicht ruhiger gemacht, eher mehr noch verwirrt. Trotzdem, ich musste jetzt schlafen. Der morgige Tag würde sicher nicht leichter werden als der heutige. Ich kuschelte mich in meine Decke und schloss die Augen.



3. Kapitel

Ich konnte einfach nicht einschlafen. Unruhig drehte ich mich von einer Seite auf die andere, schloss die Augen, versuchte meinen Geist zu leeren und zu innerer Harmonie zu finden. Alles zwecklos. Mein Vater hatte einmal gesagt, je mehr man etwas will, umso weniger wird es eintreffen. Vielleicht sollte ich mich gegen den Schlaf wehren, um das Gegenteil zu erreichen.

Ach ja, mein Vater. Mein lieber, guter, immer hilfsbereiter Vater, der doch so schwach war, und mir immer Stärke vermitteln wollte. Wie sehr hatte ich ihn geliebt und liebte ihn noch, auch wenn ich ihn verlassen musste. Daran war er allerdings nicht ganz unbeteiligt.

Mein Vater war ein einfacher Mensch vom Lande. Er besaß allerdings einen schönen Hof, der ausgereicht hätte, um eine Familie mit vielen Kindern zu versorgen. Er hatte gute Manieren und sah ausgesprochen stattlich aus, mit schwarzen lockigen Haaren und blitzenden Augen. Seine Hände, die so hart zupacken konnten, waren dennoch von einer Zartheit und Sensibilität, die man bei einem Bauern nicht vermuten würde. Dieser Mann, angesehen bei seinen Nachbarn und geachtet bei den Ältesten, verliebte sich ausgerechnet in ein Edelfräulein. Es muss wohl ein großer Skandal gewesen sein. Denn ihr Vater hatte etwas dagegen, dass seine Tochter unter dem Stand heiratete. Da konnte der Mann ruhig wohlhabend sein und gute Manieren besitzen. Es schickte sich einfach nicht. Auch die einfache Landbevölkerung lehnte diese Verbindung ab. Eine Adlige war das Letzte, was man brauchen konnte. Die hatte keine Ahnung, wie das Haus zu führen war, konnte mit dem Gesinde nicht umgehen und passte in ihrer ganzen Art nicht dazu. Trotz dieser widrigen Umstände setzten die beiden sich durch, und so heiratete mein Vater meine Mutter.

Es dauerte lange, bis sie schwanger wurde und so bewies, dass sie meinem Vater wenigstens Kinder schenken konnte. Ansonsten traf leider genau das ein, was im Dorf befürchtet worden war. Meine Mutter war sehr anspruchsvoll, und mein Vater, der sie abgöttisch liebte, versuchte wirklich, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Um sie von seinen Sorgen abzulenken, mit denen sie ohnehin nicht belastet sein wollte, erzählte ihr mein Vater auch nicht, welche Probleme sich durch ihre Ansprüche auftürmten. Es war in der Regel sehr kostspielig, was sie forderte.

Nun war aber auch ihr Vater nicht sehr wohlhabend gewesen und hatte ihr vieles abschlagen müssen. Hier bei ihrem Mann wollte sie endlich alles nachholen, was ihr bisher versagt worden war. Und mein Vater musste schließlich Schulden machen, um die Kosten zu decken. Zuerst nahm er Abschläge auf kommende Ernten, dann aber musste er den Hof verpfänden.

Meine Geburt stand unter keinem guten Stern. Meine Mutter empfand die Schwangerschaft als persönliche Beleidigung und gerade die letzten Wochen als Folter. Jede Störung war nur dazu angetan, ihre ach so schrecklichen Qualen zu verstärken. Die Geburt selbst dauerte, wie bei vielen Erstgebärenden, sehr lange. Als man ihr sagte, ich wäre ein Mädchen, seufzte sie nur.

„Auch das noch.“

Sie lehnte es strikt ab, mich zu stillen, das würde ihre Figur verderben. Schließlich wurde eine Amme aufgetrieben, und ich gedieh doch noch ganz prächtig. Mein Vater war vor Glück fast verrückt. Seine Frau hatte jedoch nichts Eiligeres zu tun, als sich eine komplette neue Garderobe anzuschaffen, sie könnte die alten Fetzen aus der Schwangerschaft nicht mehr sehen.

Selbstverständlich bekam sie, was sie wollte.

Mit fünf Jahren bekam ich den ersten Unterricht. Ich lernte schnell und fleißig, was meinen Vater sehr freute und meine Mutter unendlich langweilig fand.

„Wozu braucht ein Mädchen das? Was soll ihr das im Leben nützen?“

Doch ich lernte weiter. Bald darauf geschah es zum ersten Mal, dass ich die Gedanken meines Vaters erfasste. Er hatte meiner Mutter ein Geschenk gemacht, und trotz ihrer Freude zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er es bezahlen sollte.

Ich sprach ihn darauf an, er war sehr erschrocken.

„Woher weißt du das?“, fragte er.

„Ich weiß es einfach. Keine Ahnung, woher.“

Er ließ die Sache auf sich beruhen, doch als ich kurz danach von einer Kuh sprach, die krank wäre, obwohl sie absolut gesund aussah und auch gute Milch gab, und auch das genau eintraf, sprach er ein ernstes Wort mit mir.

„Eorin, woher weißt du diese Dinge?“

„Ich kann es dir nicht sagen, Vater.“

„Du darfst mit keinem Menschen darüber reden, auch nicht mit deiner Mutter. Hörst du? Sprich nie mehr davon. Zügle deine Phantasie. Es ist nicht gut, dass ein junges Mädchen darüber spricht. Versprich mir, alles zu vergessen.“

Ich hatte keine Ahnung, was „so etwas“ war, versprach meinem Vater allerdings, nie mehr ein Wort darüber zu verlieren.

Natürlich wusste ich oft genau, was los war, doch ich behielt es in Zukunft für mich.

Trotz alledem verlief meine Kindheit gut und fröhlich. Ich tobte mit anderen Kindern über Wiesen und Bäche, fürchtete mich davor, tief in den Wald zu gehen, weil da angeblich Kobolde und Hexen hausten, und lernte, die Natur zu lieben.

Das alles änderte sich jäh, als mein Vater eines Tages merkwürdigen Besuch erhielt. Ich wusste seit langem von seinen zunehmenden Schwierigkeiten. Er kämpfte darum, den Hof nicht zu verlieren. Da tauchte eines Tages dieser Mann auf. Heute weiß ich, dass es einer der Magiepriester war, damals war es für mich nur ein unheimlicher Fremder. Er ging mit meinem Vater ins große Zimmer, das wir nur zu besonderen Feiertagen benutzten, und dort blieben die beiden lange Zeit.

Was dort gesprochen wurde, weiß ich nicht. Ich konnte auch keine Gedanken aufschnappen, obwohl ich es ganz bewusst versuchte. Jedenfalls war mein Vater sehr ernst, als er sich von dem Mann verabschiedete. Seine Stirn hatte viele Falten, die mir vorher nicht aufgefallen waren, und er drückte mich später ganz heftig an sich. Spät am Abend hörte ich meine Eltern streiten. Es war bisher noch nie vorgekommen, dass sie eine solche Lautstärke entwickelten.

Eigentlich sollte ich schlafen, doch ich schlich mich vorsichtig durch den Flur und legte lauschend den Kopf an die Tür.

„...kann es nicht weitergehen“, hörte ich meinen Vater. „Ich habe den Hof total verschuldet, um deine Wünsche zu erfüllen. Du weißt, dass ich dich liebe und versuche, dir ein guter Mann zu sein. Deshalb kann ich aber nicht meine Tochter verkaufen oder den Hof völlig ruinieren.“

Was war das? Er wollte mich verkaufen? Da war ich ja wohl im richtigen Moment gekommen.

„Wenn du mich liebst, wie du ständig behauptest, würdest du mich nicht mit deinen Problemen behelligen. Und was soll das heißen, deine Tochter verkaufen? Sie soll eine Ausbildung zur Priesterin machen. Das kann ja wohl nicht verkehrt sein. Du bist doch ohnehin dafür, dass sie etwas lernt.“

„Das ist etwas ganz anderes. Aber Eorin soll für mindestens drei Jahre der Gemeinschaft beitreten, und das schon mit fünfzehn. Und ich bin fast sicher, dass sie nicht zurückkommt.“

„So ein Unsinn. Sie soll für drei Jahre verpflichtet werden, und du bekommst eine Menge Geld dafür. Es ist mir zwar ein Rätsel, wie sich jemand freiwillig mit den Bälgern beschäftigen kann und dafür auch noch zahlt, aber einen größeren Vorteil kannst du gar nicht haben.“

„Ja, Geld ist das Einzige, was dich interessiert. Geld und immer wieder Geld, damit du es für noch mehr unnützen Tand ausgeben kannst“, brüllte mein Vater los.

So kannte ich ihn gar nicht. Ungewohnt bitter und laut. Ich verstand nun auch, worum es ging. Jemand hatte meinem Vater viel Geld geboten, wenn ich für drei Jahre wegginge.

Drei Jahre, das erschien mir schon damals eine unendlich lange Zeit. Ich sollte von meinem Vater weg? Und meine Mutter hatte nichts dagegen? Das war ja schrecklich.

Verstört tappte ich zurück in mein Bett. Darüber konnte ich mit niemandem reden, mit meinem Vater schon gar nicht. Außerdem hätte ich dann ja zugeben müssen, gelauscht zu haben.

Ich wurde in den nächsten Tagen immer stiller, und schließlich erfasste mich ein heftiges Fieber.

Eines Abends, als mein Vater allein an meinem Bett saß, fasste ich mir doch ein Herz und fragte ihn. Er sah mich lange an, mit Augen, die nicht mehr wie früher lachten und blitzten, sondern dunkel von Schwermut und Trauer waren. Als er dann sprach, schnitt es mir ins Herz.

„Ja, mein Kind. Ich glaube, ich muss mit dir darüber reden. Du weißt ja, dass ich viele Schulden habe. Ich liebe deine Mutter, obwohl ich weiß, dass es ein Fehler ist. Aber ich kann nicht anders. Ich liebe dich aber auch, mein Kleines. Und das macht mir die Entscheidung so unendlich schwer. Und bevor ich euch beide verliere, muss ich auf dich verzichten. Denn du wirst eines Tages ohnehin dein eigenes Leben führen müssen. Und dann ist es sicher besser, wenn du die bestmögliche Ausbildung hast. Und du bist ja nur für drei Jahre weg.“ Er stöhnte plötzlich auf. „Drei Jahre. Bei den Göttern, ich wollte, ich könnte sie dir ersparen.“

Er legte den Kopf auf die Arme und weinte lautlos. Nur am Zucken der Schultern erkannte ich es. Und ich verstand. Zärtlich strich ich ihm über den Kopf.

Drei Tage später war der Priester wieder da. Meine Mutter zog sich ihr bestes Kleid an und wollte ihn großzügig bewirten. Doch nur ein verächtlicher Blick traf sie. Mein Vater sprach nur kurz mit dem Mann, der daraufhin einen prallen Geldbeutel zurückließ und befriedigt verschwand.

Die ausstehenden Schulden wurden alle bezahlt, und mein Vater behielt noch eine ansehnliche Summe zurück. Meine Mutter wollte daraufhin wie gewohnt weitermachen, doch da biss sie plötzlich auf Granit.

„Nein“, bestimmte mein Vater, „du hast lange genug für dich allein gelebt und jeder Laune nachgegeben. Du hast alles zerstört, was hätte schön sein können. Du wirst dich jetzt anpassen und dein Teil Arbeit tragen wie jeder hier.“

Es kam zu einem sehr hässlichen Streit. Und noch Tage später gab es immer wieder laute Auftritte. Dann packte meine Mutter ihre Sachen.

„In diesem Haus bleibe ich keine Minute länger“, schrie sie. „Ich soll arbeiten? Ich? Hast du vergessen, wer ich bin? Ich Dummkopf! Wie konnte ich mich nur an einen Bauern wegwerfen? Das habe ich nun davon. Ich gehe. Jawohl! Zurück zu meinem Vater. Wie konnte ich nur jemals glauben, hier ein glückliches und angemessenes Leben zu führen?“

Wahllos griff sie in die Schränke und warf ungeordnet in eine Tasche, was ihr in die Finger kam.

Letztendlich wollte sie auch den Schmuckkasten einpacken, doch da griff mein Vater ein.

„Der Schmuck bleibt hier. Er wird einmal Eorin gehören, und er wurde mit dem Geld von diesem Hof bezahlt.“

Meine Mutter fuhr auf ihn los wie eine Wilde und zerkratzte ihm das Gesicht. Doch mein Vater blieb hart, und sie verließ den Hof ohne den Schmuck. Ich atmete tief auf. Die Sache hatte mich doch sehr mitgenommen. Mein Vater war weiß wie Kalk. Doch er biss die Zähne zusammen und ging wie gewohnt an seine Arbeit.

Das Leben wurde ruhiger für uns alle. Zwar versuchte meine Mutter mit Drohungen und Erpressungen eine standesgemäße Versorgung für sich herauszuschlagen, doch das Gericht, das aus dem Ältestenrat bestand, entschied, dass meine Mutter kein Recht hatte, weiterhin Geld von meinem Vater zu verlangen. Sie wohnte wieder bei ihrem Vater, bescheiden, aber zumindest versorgt.

Mein Vater arbeitete hart, härter als je zuvor. Er sparte eisern, obwohl es mir an nichts fehlte. Er häufte Geld zusammen, und an meinem 14. Geburtstag fuhr er mit dem Pferdewagen weg.

Zerknirscht kehrte er zurück.

„Ich wollte dir heute eine ganz besondere Freude machen“, sagte er. „Ich habe versucht, den Vertrag über deine Ausbildung zu widerrufen. Aber leider...“. Hier brach er ab. „Dafür darfst du dir wünschen, was du willst. Egal, was es ist. Denn uns bleibt nur noch ein Jahr.“

Was sollte ich mir wünschen? Ich besaß alles, was ich brauchte. Sonderwünsche hatte ich keine, und das Einzige, was ich gewünscht hätte, war meinem Vater von den Priestern abgeschlagen worden.

Ich entschied mich, um meinem Vater eine Freude zu machen, für eine Halskette mit einem Medaillon. Wir fuhren in die Stadt, und hier durfte ich nach Herzenslust aussuchen. Ich fand ein goldenes Medaillon, auf dem sprungbereit eine Raubkatze eingearbeitet war. In die Kapsel erbat ich mir eine Locke von meinem Vater, die ich auch bekam. Dieses Medaillon besitze ich, allen Anordnungen zum Trotz, heute noch.

Es wurde dann doch noch ein schöner Geburtstag. Das ganze Gesinde feierte mit, und am Abend wurde ein Kalb geboren, das meinen Namen bekam.

Mit der Zeit gewöhnte ich mich schweren Herzens an den Gedanken, mit 15 das Haus verlassen zu müssen. Und jedes Mal, wenn sich meine Gedanken ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen wollten, lenkte ich mich mit irgendetwas ab. Ich verdrängte einfach den Bruch, der mir bevorstand.

Doch das alles nützte nichts. Es kam der Tag, an dem ich meine Sachen packen musste.

„Du wirst nicht viel brauchen“, sagte mein Vater.

Also nahm ich nur das Notwendigste, Kamm, Bürste, Wäsche zum Wechseln und mein Medaillon.

Mein 15. Geburtstag war ein strahlend schöner Tag. Schon früh am Morgen leuchtete die Sonne und tauchte alles in ein rötlich- goldenes Licht. Die letzte Mahlzeit, besonders gut zubereitet, mit allen meinen Lieblingsspeisen. Mora, unsere Magd, lief mit verweinten Augen umher, und mein Vater hatte eine starre Maske aufgesetzt, doch ich kannte seine Gefühle.

Nach dem Essen holte ich mein Bündel.

„Ich muss gehen.“

„Ja, mein Kind.“

Weitere Worte waren unnötig.

Ich sah nicht zurück. Ich weiß nicht, ob ich dann noch die Kraft aufgebracht hätte, weiterzugehen. Und ich wollte meinen Vater nicht wortbrüchig werden lassen. Ich versprach ihm und mir in Gedanken, bald wiederzukommen. Doch damals sollte ich nicht ahnen, wie bald dieses Versprechen in Erfüllung gehen sollte.

Langsam tauchte ich aus meinen Erinnerungen auf und kehrte zurück in meine karge Kammer. Hilflosigkeit überfiel mich.

Wie ging es meinem Vater?

Ohne mich zu wehren, überließ ich mich den Tränen, die unvermittelt aus meinen Augen strömten, und ich weinte mich in den Schlaf.



4. Kapitel

Ein Tag reihte sich an den anderen, und jeder Tag war angefüllt mit Lernen, Arbeit und Andacht.

In den ersten Tagen wurde ich behutsam mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass ich keine Gewissensbisse mehr entwickeln musste, wenn ich meine eigenen Kräfte benutzte.

„Du hast wild gearbeitet, Eorin, ohne Ausbildung, eigentlich ohne Wissen. Du musst jetzt lernen, deine Kraft bewusst zu entwickeln und gezielt einzusetzen. Um dieses Ziel zu erreichen, benutzen wir den Gesang, denn er konzentriert die Gedanken, und es wird leichter, diese Gedanken auf ein Ziel zu richten.“

Also begann ich mit einfachen Tonleitern, die ich stundenlang rauf und runter intonierte, bis mein Hals schmerzte, mein Kopf dröhnte und ich glaubte, nie wieder Spaß am Gesang haben zu können. Darras ertrug diese Torturen, die es sicher auch für ihn waren, mit einer bewundernswerten Geduld. Bald aber merkte ich, dass es mir leichter fiel, meine Gedanken zu bündeln, ich konnte mich bewusst darauf konzentrieren, im Geist meines Mentors zu lesen, wenn er sich nicht abschirmte und mich nicht daran hinderte. Was ich auch lernen musste, war die persönliche Abschirmung. Zuerst verstand ich nicht, wie ich es machen musste, ich versuchte einfach, an nichts zu denken, was aber ein Fehler war, denn das Unterbewusstsein arbeitet grundsätzlich weiter. Meine verzweifelten angestrengten Versuche entlockten Darras gelegentlich ein amüsiertes Schmunzeln, was mich wütend machte. Ich verdoppelte dann meine Anstrengungen, was aber meistens wenig Erfolg hatte.

„Du bist ein Dickkopf, Eorin. Mit Gewalt wirst du nichts erreichen. Lass dir Zeit“, sagte Darras sanft. Aber in meiner Sturheit wollte ich alles auf einmal. Als Darras merkte, dass mit gutem Zureden meine Starrköpfigkeit nur weiter zunahm, griff er zu einem anderen Mittel.

Nachdem ich wieder einmal mit äußerster Anstrengung meinen Geist abschirmen wollte, dabei aber unglücklicherweise meine Ausstrahlung auf ihn ausdehnte, schlug er zurück. In meinem Kopf entstand plötzlich ein schmerzhafter Druck, als würde er von einer Zange zusammengepresst. Verzweifelt griff ich an die Schläfen, um den Druck zu mildern, aber er nahm noch immer zu, bis ich nicht mehr klar denken konnte.

„Hör auf“, schrie ich, denn mein Mentor zwang mich auf diese Art nieder.

„Das musste sein, Eorin“, hörte ich wie durch einen dichten Nebel. „Du wolltest nicht hören, und ich werde nicht zulassen, dass du dich selbst zerstörst, weil du dich überforderst.“

Langsam nahm die Qual ab, mein Kopf klärte sich, ich atmete erleichtert auf, als die Schmerzen endlich abklangen.

„Geht’s wieder?“, fragte Darras.

Tränen des Schmerzes und der Wut in den Augen nickte ich, beherrschte mich aber mühsam und schluckte schwer.

„Du Trotzkopf“, murmelte Darras. „Glaubst du, du könntest das Wissen und die Erfahrung von Jahren in wenigen Tagen in deinen Schädel hämmern? Geh langsam an die Sache heran, und vor allen Dingen höre auf mich.“

In mir explodierte wieder mal mein Temperament.

„Was tu ich denn die ganze Zeit? Ich höre ständig auf dich. Du bist es doch, der mir alle meine Lektionen eintrichtert. Außer nachts im Schlaf höre ich immer auf dich.“

„Und warum befolgst du dann meine Anweisungen nicht?“ Ironisch sah er mich an, Spottlust tanzte um seine Mundwinkel. Das brachte mich noch mehr in Rage.

„Ich werde mir alle deine Anweisungen aufschreiben und für jeden Bedarf die Richtige heraussuchen“, erklärte ich wütend.

„Das ist gar keine schlechte Idee“, meinte er mit einem sanften Lächeln. Ich hätte gewarnt sein müssen, aber mir fehlte die kühle Beherrschtheit, die einen Priester auszeichnet. Ich sprang auf, rannte aus dem Raum und knallte die Tür zu. Noch immer vor Wut kochend lief ich in meine Kammer und warf mich, allen Verboten zum Trotz aufs Bett. Ich spürte, wie ich anfing zu weinen, und dann wurde mir klar, was ich getan hatte. Ich hatte nicht nur in meiner Lektion überzogen, ich hatte auch meinen Mentor angebrüllt, und was das Schlimmste war, ich war einfach davongelaufen.

Was würde Darras tun? Was stand mir jetzt wohl bevor? Würde er mich vielleicht rausschmeißen? Ach nein, so viel Glück würde ich nicht haben.

Die Tür öffnete sich. Erschreckt fuhr ich auf, angstvoll schaute ich in das Gesicht von Darras. Doch wie fast immer war seine Maske undurchdringlich.

Schuldbewusst stand ich vom Bett auf, stellte mich auf die Füße und senkte den Kopf. Warum überfiel mich eigentlich plötzlich so ein Lachreiz? Ich biss mir auf die Lippen, aber das nützte nicht viel. Unwiderstehlich drängte sich ein völlig unpassendes Gelächter hervor. Ich versuchte krampfhaft, diesen Drang zu unterdrücken, doch es wurde immer schlimmer. Und schließlich platzte es heraus, unpassend und der Situation völlig unangemessen. Ich lachte und lachte, wusste nicht warum, da ich viel lieber geweint hätte, aber ich konnte nicht aufhören.

Irgendwie hatte Darras diesen Zustand erfasst, und er tat das einzig Richtige. Er gab mir eine kräftige Ohrfeige. Abrupt brach ich ab.

„Hysterie“, kommentierte er knapp.

Ich holte tief Luft, obwohl meine Wange schmerzte, war ich ihm dankbar. Jetzt endlich war ich bereit, meine verdiente Strafe zu empfangen.

Darras lief in meiner Kammer hin und her. „Ich müsste dich eigentlich streng bestrafen, das weißt du, ja?“

Zaghaft nickte ich.

„Aber mir ist klar, dass es zum Teil meine Schuld war, da ich es zugelassen habe, dass du deine Kräfte überfordert hast. Ich hätte früher eingreifen müssen. Es war einfach zu viel für dich. Für heute beenden wir den Unterricht, und du wirst dich ausruhen. Leg dich schlafen, ich befreie dich von allen Verpflichtungen. Morgen sehen wir weiter. Du hast mich da auf eine hervorragende Idee gebracht.“

Diese Nachsicht war fast mehr, als ich ertragen konnte. Hemmungslos liefen mir die Tränen die Wangen herunter, und ich fühlte mich schuldiger, als wenn ich Arrest oder sonst etwas aufgebrummt bekommen hätte.

Darras verließ meine Kammer, und ich sank zusammen.


*


Ich fühlte mich elend, denn Darras hatte mich beschämt. Ich hatte ihn schwer gekränkt mit meinem Verhalten, das wusste ich, und doch hatte er mir verziehen, hatte sogar sich selbst einen Teil der Schuld gegeben. Welche Größe besaß dieser Mann.

Folgsam hatte ich mich hingelegt und versuchte zu schlafen, ich musste Kräfte sammeln. Hin und wieder döste ich ein, doch der erlösende Tiefschlaf wollte nicht kommen. Ich hörte die Glocke läuten, zur Meditation, zum Essen. Es war ein Bruch des gewohnten Tagesablaufs, vielleicht konnte ich deswegen keine Ruhe finden.

„Du schläfst nicht“, sagte die weiche Stimme von Darras. Es klang wie ein Streicheln. Ich hatte ihn nicht bemerkt, er war wie ein Geist hereingekommen. Er stellte einen Stuhl neben mein Bett und setzte sich. Aufmerksam forschte er in meinem Gesicht.

„Fühlst du dich wieder besser?“, fragte er freundlich.

Ich wollte mich aufsetzen, doch er drückte mich zurück.

„Es tut mir sehr Leid, Herr. Ich bitte um strenge Bestrafung“, murmelte ich.

„Ich habe dir schon gesagt, dass es zum Teil meine Schuld ist. Du hättest schon früher gebremst werden müssen. Doch morgen wirst du genau das tun, was du heute vorgeschlagen hast. Du wirst aufschreiben, was ich dir sage, damit du es dir einprägst. Und wenn es nötig sein sollte, wirst du es hundertmal schreiben, aber du wirst meine Anweisungen befolgen. Ist das klar?“

„Ja, Herr. Aber ich....“.

„Keinen Widerspruch. Es reicht. Schlaf jetzt.“

Langsam fielen mir die Augen zu und der erlösende Schlaf kam.


*


Der nächste Tag begann jedoch damit, dass eine große Versammlung in der Halle der Besinnung angesetzt wurde. Tuscheleien unter den Novizen machten mir aber schnell klar, dass einer der Novizen ausgestoßen werden sollte. Richtig aus der Gemeinschaft verstoßen. Nun konnte ich nicht gerade sagen, dass es hier wie der Himmel auf Erden war, doch man konnte lernen, sich zurechtzufinden. Auch ich versuchte, das Beste daraus zu machen.

Es war ein schwerer Gang, es schien mir auch so, als kämen die anderen nur zögernd.

Nachdem alle ihre Plätze eingenommen hatten, flogen die großen Flügeltüren auf und zwei Gestalten, nicht nur eine, wurden hereingeführt. Sie hatten ihre Kapuzen übergeschlagen und erst, als sie vor der Versammlung standen, wurden ihre Köpfe entblößt.

Man hatte ihnen die Haare abgeschnitten, und ich konnte zunächst gar nicht erkennen, wer die beiden waren.

Doch dann durchfuhr mich ein Schreck. Ich kannte sie beide aus meiner Gruppe. Es mussten schwerwiegende Verfehlungen sein, die sie sich hatten zuschulden kommen lassen. Mir drehte sich der Magen um.

Wie hatten sie nur Schande über uns bringen können? Für sie wäre es besser gewesen, die Gemeinschaft still und heimlich zu verlassen und sich nie wieder bei einem von uns sehen zu lassen. Ich wollte nicht einmal mehr wissen, was sie getan hatten. Ich vertraute voll und ganz der Weisheit des Oberen. Er würde bestimmt keine falsche Entscheidung treffen.

Einer der Ausbilder trat vor. Die beiden mussten ihre Kutten ausziehen und mit einem heftigen Ruck wurden sie zerrissen. Doch auch bei diesem Geräusch, das mir in der unwirklichen Stille durch Mark und Bein ging, zuckte bei den beiden kein Muskel. Sie standen vor uns, ohne das geringste Anzeichen von Demütigung oder Aufbegehren. Doch auch Zorn oder Reue waren nicht zu erkennen. Dabei fragte ich mich ständig, was mit ihnen los sein konnte. Sie wirkten auf mich, als wären sie geistig weggetreten.

Nun trat der Obere vor. In seiner Stimme klangen Trauer und Wehmut, doch auch Befriedigung dachte ich herauszuhören.

„Ihr habt Schande über uns und euch gebracht. Da ihr noch keine voll ausgebildeten Mitglieder seid, bleibt uns als Konsequenz nur der Ausschluss. Ihr werdet gehen wie ihr gekommen seid. Geht in Frieden, doch hütet euch vor den Menschen, sie werden euch das Leben schwer machen. Mein Segen soll euch trotzdem begleiten, denn ihr seid nur unwissende Kinder. Nun geht und versucht zu leben.“

Mit einer segnenden Geste schickte er sie fort, während wir alle in der Gemeinschaft mit den breiten Ärmeln unserer Kutten unsere Gesichter verhüllten. Ob dies nun eine Geste der Trauer oder der Abscheu sein sollte, wusste ich nicht. Doch mir gab es Gelegenheit, meine Tränen zu verbergen.

Es war eine sehr entwürdigende Szene, wobei ich mich fragte, für wen sie schwerer war, für die beiden, oder für uns andere.

Der Obere sprach wieder zu uns.

„Es tut mir leid, dass wir zwei von uns verloren haben. Noch dazu zwei so viel versprechende Brüder. Mein Herz ist von Trauer erfüllt und meine Seele weint. Wir wollen ihrer als Verlorene gedenken.“

Danach wurde über diese Angelegenheit nie mehr ein Wort verloren. Jeder versuchte, auf seine Weise damit fertig zu werden.


*


„Ich sage dir noch einmal, du sollst für heute aufhören!“, befahl Darras mit scharfer Stimme.

„Aber, Herr, nur noch einen Versuch“, bettelte ich.

„Nein!“, donnerte er.

Dennoch wollte ich nicht aufgeben. Es war mir einfach zu wichtig, mir selbst zu beweisen, dass ich erste echte Erfolge mit meiner Kraft hatte. Und so missachtete ich die Anweisung meines Mentors.

Seit dem frühen Morgen bündelte ich meine Kraft, um einfach ein Feuer zu entzünden. Ich hatte es schon einmal geschafft, doch ich wollte es genauso einfach und leicht können wie Darras, der mit einem einfachen Gedankenbefehl eine Flamme emporschießen lassen konnte.

Wieder konzentrierte ich meine Kraft, warf den geballten Befehl auf einen kleinen Haufen Reisig, der am Boden lag, und taumelte plötzlich zurück. Aus den Augen von Darras schossen Blitze auf mich zu. Heiße Feuerströme umflossen meinen Körper, und ich hob abwehrend die Hände. Jede Nervenfaser strahlte plötzlich Schmerzen aus, und ich schrie unterdrückt auf.

„Du wirst gehorchen, wenn ich dir etwas befehle, oder du wirst es bitter bereuen“, sagte Darras leise.

Jedes seiner Worte brannte sich glühend in mein Gehirn ein. Ich nickte unter Schmerzen, und endlich ließ er von mir ab. Vorsichtig bewegte ich mich, mein ganzer Körper kribbelte schmerzhaft, und Tränen schossen mir in die Augen.

„Wir werden jetzt zurückgehen ins Klassenzimmer und deine mathematischen Fähigkeiten schulen“, ordnete Darras an und ging voran.

Ich folgte ihm eilig, obwohl jeder Schritt mich Überwindung kostete. Doch mehr als diesen Tadel hätte ich an diesen Tag nicht verkraften können, so dachte ich. Kurz darauf saß ich an meinem Pult und versuchte den Erklärungen von Darras zu folgen, der an der Tafel stand und etwas über Bruchteile und Landvermessung aufschrieb. Noch immer kämpfte ich gegen die Schmerzen an, die sich besonders im Nacken, im Kopf und in den Händen zu konzentrieren schienen. Kaum konnte ich den Stift in der Hand halten.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, unterbrach mein Mentor plötzlich meinen inneren Kampf.

„Ja, Herr“, sagte ich leise.

„Du lügst“, warf er mir vor. „Ich sagte gerade, dass die geteilten Stücke zusammen immer größer als das Ganze sind. Und du hast diesen groben Fehler nicht bemerkt. Es scheint heute ein sehr schlechter Tag zu sein. Liegt es an der Luft, dass du gegen mich rebellierst?“

„Nein, Herr. Ich bitte um Verzeihung, ich wollte doch nur meine Aufgaben erfüllen.“

„Deine Aufgaben sind dann erfüllt, wenn ich es für richtig halte. Deine wichtigste Aufgabe ist es, das zu tun, was ich dir sage, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Du kannst es dir nicht leisten, gegen meine Anordnungen zu verstoßen. Du bist noch nicht weit genug, um deine Kraft selbst einzuschätzen. Du musst dich auf mich verlassen, ob du willst oder nicht.“

Widerwillig hörte ich zu, spielte dabei aber nervös mit meinem Stift, bis er plötzlich zu Boden fiel.

Ich erstarrte!

Darras brach mitten im Wort ab. Sein Blick bohrte sich in meinen, seine Augen brannten sich in mir fest, während ich fühlte, wie mir das Blut aus dem Kopf wich. Der Stift rollte auf dem Boden weiter, bis er irgendwo liegen blieb. Das Geräusch, so leise es war, dröhnte in meinen Ohren.

Darras stand vor mir. Wie magisch angezogen erhob ich mich, konnte den Blick nicht von ihm lösen.

„Hast du mir etwas zu sagen?“, fragte er sanft.

Ich begann plötzlich zu zittern. „Ich - bitte - um - Entschuldigung!“, brachte ich mit trockenem Mund hervor.

„Weiter nichts?“ Immer noch diese sanfte Freundlichkeit.

Ich schwieg, was sollte ich noch sagen?

„Willst du nicht Reue zeigen und um eine angemessene Bestrafung bitten?“, fragte er.

Ich nickte stumm.

„Ich höre nichts“, mahnte Darras.

In diesem Augenblick explodierte ich.

„Dann sag doch schon, was du ohnehin sagen willst. Warum willst du mich noch mehr demütigen? Warum brummst du mir nicht eine Strafe auf, und damit ist es gut!“, stieß ich zornig hervor.

„Daraus würdest du gar nichts lernen“, erklärte mein Ausbilder gemütlich. „Du musst lernen einzustecken, zu schlucken und den Mund zu halten. Immer wieder. Und dann, selbst wenn du am Boden liegst, erwarte ich von dir, dass du freundlich, höflich und demütig den Kopf neigst und noch mehr einsteckst. Und du wirst jede Bestrafung annehmen, die ein Mitglied der Gemeinschaft dir auferlegt. Ohne Widerspruch, aber voller Dankbarkeit.“

„Ja, Herr“, erwiderte ich tonlos und senkte den Kopf.

„Ich warte“, sagte er nach einer Weile.

In mir kochte es immer noch, doch ich beherrschte mich.

„Mein - meine Unaufmerksamkeit tut mir Leid, Herr. Ich bitte um Bestrafung für mein Fehlverhalten“, sagte ich leise.

Darras lachte leise und scheinbar amüsiert.

„Du zeigst keine Reue. Meinst du es vielleicht nicht ernst?“

„Was soll ich denn noch tun? Vor dir auf die Knie fallen, deine Kutte küssen und Erbarmen schreien?“ Jetzt blitzen auch meine Augen zornig, und fast hätte ich mit dem Fuß aufgestampft. Darras schien mein Zorn Spaß zu machen.

„Das wäre eine von mehreren Möglichkeiten“, meinte er spöttisch. „Aber noch will ich es nicht so weit kommen lassen. Das heben wir uns für später auf. Jetzt würde ich es als Fortschritt empfinden, wenn du es ehrlich meintest. Du bist bereit, deine Strafe zu empfangen? Vielleicht merkst du dir sogar, was du daraus zu lernen hast. Aber du bist nicht bereit, deinen Stolz aufzugeben. Du willst dich also nicht wirklich meinem Urteil unterwerfen, sondern nur die Strafe als etwas Unabänderliches hinnehmen. Das reicht mir nicht.“

„Dir vielleicht nicht, mir schon“, entgegnete ich unüberlegt, aber noch immer wütend.

Doch nun hatte er genug. Mit einem Blick brachte er mich zum Schweigen. Und dann ließ er in meinem Geist ein Chaos an quälenden Gedanken entstehen, dass ich gepeinigt aufstöhnte und bis zur Wand zurücktaumelte.

„Hör auf“, bat ich gequält.

„Nein! Ich werde dir eine Lehre erteilen, die du nicht vergessen wirst. Ich will, dass du gehorchst. Unter allen Umständen.“

„Nein“, schrie ich heftig. „Ich habe doch nicht meinen Geist und meine Seele hier am Eingang abgegeben. Blinden Gehorsam kannst du doch nicht verlangen. Was hast du davon?“

Ich konnte kaum noch sprechen, wirre Gedankenfetzen tobten durch mein Gehirn, ich hätte gern alles getan, wenn er nur aufhörte. Doch das fiel ihm nicht ein. Wie ein Feuerwerk explodierten immer wieder Befehle in mir, doch mit dem letzten Rest von eigenem Willen hielt ich mich aufrecht und wehrte mich dagegen, mich völlig zu unterwerfen. Dann, ganz plötzlich, hörte Darras auf.

„Du besitzt eine bemerkenswerte Widerstandskraft“, stellte er anerkennend fest. „Dies war ein kleiner Vorgeschmack auf das, was mit dir passieren kann, wenn du dich weiter widersetzt. Nun wollen wir den Unterricht fortsetzen, falls du nichts dagegen hast. Ich werde dir am Ende der Stunde sagen, welche Strafe du erhältst.“

Da hatte ich doch gedacht, das wäre die Strafe gewesen, aber ich hatte mich getäuscht. Langsam hob ich meinen Stift auf und gab mir Mühe, den Ausführungen meines Ausbilders zu folgen.

Endlich beendete er den Unterricht.

„Ich möchte, dass du hinausgehst in den Garten und das Wachstum der Blumen beobachtest. Beachte, wie die Blumen auch unter Druck und Schwierigkeiten heranwachsen. Sie beugen sich, aber sie brechen nicht. Lerne daraus. Auch du musst dich beugen, um nicht zu brechen. Ich will nicht deinen Geist zerstören, aber er muss sich unterordnen, bevor er eigene Wege gehen kann. Suche einen anderen Weg, wenn du den geraden nicht nehmen kannst. Manchmal ist der gewundene Weg der Kürzere.“

Ich senkte den Kopf, um anzuzeigen, dass ich mich seinem Urteil unterwarf. Ich ging hinaus in den Garten, setzte mich auf den Kiesweg und betrachtete eine einzelne Blume. Sie war nicht gerade gewachsen wie so viele andere. Ein Stein lag auf ihrer Wurzel, und die junge Pflanze hatte unter diesem Stein ihren Weg gesucht. So war sie krumm gewachsen, aber sie hatte sich den Umständen gebeugt.

„Ich möchte, dass auch du deinen Weg suchst. Du bist zu wertvoll, um zerbrochen zu werden. Gib nach, wo du deinen Kopf nicht durchsetzen kannst.“

Ich hatte ihn nicht kommen hören, aber seine warme volltönende Stimme unterbrach den Gang meiner Gedanken sanft und leicht. Darras legte seine Hand auf meine Schulter, wie ein warmer Strom floss es durch meinen ganzen Körper.

„Ich werde dir morgen etwas Neues zeigen. Würde es dich interessieren, deine Kräfte in einer ungewöhnlichen Form zu gebrauchen?“

Wieso wusste er immer gleich, wie er mich zu nehmen hatte? Was er ansprach, interessierte mich brennend, und ich hätte am liebsten noch sofort angefangen.

„Langsam, Kind“, sagte er, bevor ich Fragen stellen konnte. „Du musst einen Schritt nach dem anderen machen. Lass dich von mir führen, auch wenn es dir schwer fällt.“


*


Verdrossen lief ich den langen Gang entlang, der zur Kammer von Darras führte. Es war spät abends, und ich hatte einen langen Tag mit unendlich viel Lehrstoff hinter mir. Trotzdem bestand mein Ausbilder darauf, mich sofort zu sprechen. Am liebsten wäre ich jetzt in mein Bett gefallen und hätte bis zum nächsten Morgen vergessen, wo ich war.

Vor der Tür von Darras blieb ich stehen, blickte an mir herunter, ob ich ordnungsgemäß gekleidet war, und klopfte leise.

„Komm herein“, antwortete Darras von drinnen. Ich öffnete und ging hinein.

Darras saß auf einem Stuhl und las in einem Buch. Er sah auf, bemerkte meine verdrossene Miene und lächelte. Ich hasste ihn in diesem Augenblick.

„Ich kenne deine Gedanken, Eorin. Und ich weiß auch, was du heute bereits geleistet hast. Aber du wirst noch mehr als einmal mich und die Gemeinschaft verfluchen. Setz dich dorthin.“

Er deutete auf den anderen Stuhl, der am Tisch stand. Eine einzelne Kerze spendete trübes Licht. Darras legte das Buch beiseite und stand auf. Unruhig schritt er einige Male auf und ab, er schien zu überlegen.

Was soll denn das nun geben, fragte ich mich. Dann blieb er unvermittelt vor mir stehen.

„Ich habe lange überlegt, ob mit dir schon heute den Versuch wagen soll. Ich habe sogar mit dem Oberen darüber gesprochen. Aber sicher bin ich mir nicht.“

Ich bekämpfte meine Neugier. Was meinte er nur damit?

Ich beschloss, mich in Geduld zu üben, doch ganz sicher konnte er mir die Ungeduld vom Gesicht ablesen.

„Leg dich mal auf das Bett“, kommandierte er.

Ich tat es.

Darras setzte sich auf seinen Stuhl und konzentrierte sich. Ich achtete darauf, was er tat, und hielt unwillkürlich den Atem an. Er durchforschte meinen Körper, ohne sich zu rühren. Wie zarte Energieströme spürte ich die Abtastung in meinen Nervenbahnen. So wie er es mich gelehrt hatte, folgte mein Geist seinem Weg und erforschte ebenfalls mein Inneres. Ich stellte fest, wie das Blut kraftvoll durch die Adern strömte, angetrieben vom unablässigen Schlag meines Herzens. Ich war fasziniert, hätte ich doch nie gedacht, dass so etwas möglich war. Ich tastete weiter. An meinem Knie besaß ich eine hässliche dicke Narbe von einem Sturz. Sie erschien wie ein Fremdkörper in dem vollendeten Zusammenspiel meines Körpers. Ob sich dieses Schandmal vielleicht sogar beseitigen ließ?

Ich wollte gerade einen Versuch starten, als ich einen äußerst schmerzhaften Impuls erhielt, der mich aus meiner Konzentration riss. Widerwillig kehrte ich in die Wirklichkeit zurück.

„Es ist genug für heute“, sagte Darras.

Mein ganzer Körper schien plötzlich unendlich schwer zu sein.

„Das war nur ein erster Versuch“, klärte mein Mentor mich auf. „Komm nur nicht auf die Idee, allein weiterzumachen. In der nächsten Zeit darfst du nur unter Aufsicht arbeiten. Morgen werde ich dir Einzelheiten dazu erklären. Und nun geh zurück. Du brauchst Schlaf.“

Müde schleppte ich mich in meine Kammer. Mehrmals blieb ich unterwegs stehen, lehnte mich an die kühle Wand und nahm dann alle meine Kräfte zusammen. Schließlich taumelte ich bis zum Bett, fiel darauf und schlief augenblicklich ein. In meinen Träumen geisterte ich durch meinen Körper, wurde vom Blut umspielt, spürte den Herzschlag und sah, wie sich die Zellen regenerierten und die Nervenbahnen wie unter Peitschenschlägen zuckten.


*


„Eorin, hörst du mir zu?“, fragte Bruder Alviras und riss mich aus meinen Gedanken.

„Ja, Herr!“, erklärte ich verwirrt, obwohl ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach.

„Nun, dann erkläre uns doch bitte die Wirkungsweise der Flammenzunge“, forderte er mich auf.

Ich starrte auf das Bild, das er an die Tafel gezeichnet hatte, und versuchte mich zu erinnern, wie die Blume in freier Natur aussah. Doch es wollte mir absolut nichts einfallen. So stand ich vor Bruder Alviras und schwieg. Zwei der jungen Novizen kicherten hinter vorgehaltener Hand. Mit einem Blick brachte ich sie zum Schweigen.

„Es ist ja sehr schön, dass du es zumindest verstehst, deine Mitschüler einzuschüchtern“, bemerkte der Bruder sarkastisch.

Er ging langsam um mich herum, wobei er mich scharf beobachtete.

„Da du schon nicht aufgepasst hast, möchtest du uns vielleicht erzählen, was dich so sehr interessierte, dass du abwesend warst?“

Ich schwieg weiter. Ich konnte ihm doch nicht sagen, dass ich verzweifelt versuchte, die Gedankengänge nachzuvollziehen, mit denen der Körper untersucht wurde. Das war mir strengstens verboten, und so war es besser zu schweigen.

„Nun, Eorin. Du hast uns also nichts zu sagen. Du hast nicht aufgepasst, die redest nicht über deine Ablenkung, scheinbar willst du gar nicht mehr mit uns reden.“

„Verzeihung, Herr!“, stieß ich hervor. „Ich wollte nicht unaufmerksam sein.“

„Ja, das glaube ich dir. Doch du kennst die Regeln, auch die Ungeschriebenen?“

„Ja, Herr!“, sagte ich tonlos.

„Also geh!“, sagte er.

Nach den Regeln hatte ich nun zu meinem Mentor zu gehen, meine Verfehlung zu gestehen und eine Strafe anzutreten. Mit gesenktem Kopf ging ich hinaus.

Darras saß in seiner Kammer. Es schien, als hätte er mich erwartet.

„Nun, wieder einmal gegen die Regeln verstoßen?“, fragte er spöttisch.

„Ja, Herr. Ich bitte um Bestrafung und Verzeihung“, sagte ich leise.

Er stand auf und kam auf mich zu, bis er dicht vor mir stand.

„Was war los?“, wollte er wissen.

„Ich - ich war unaufmerksam.“

„Nur unaufmerksam?“

Ich schwieg.

„Ich habe dich etwas gefragt“, sagte er peitschend.

„Ich war unaufmerksam“, beharrte ich.

Er griff nach meinem Geist, doch ich wehrte mich. Ich wollte nicht, dass er mich auspresste wie eine Frucht, ich wollte nicht, dass er in meine Gedanken eindrang. Meinen Fehler hatte ich eingestanden, schlimm genug. Jetzt aber reichte es. Ich wehrte ihn ab.

„Du willst nicht, dass ich alles erfahre?“, fragte Darras fast ungläubig.

Trotzig schüttelte ich den Kopf. Er verstärkte seine Anstrengungen, und ich musste nachgeben. Dann lachte er halblaut auf, es klang bitter, er schien böse zu sein.

„Gibt es noch eine Regel, die du noch nicht gebrochen hast? Meine Anweisungen missachtest du ständig, und jetzt verärgerst du auch noch die anderen Ausbilder. Ich habe viel Nachsicht mit dir gehabt. Doch jetzt wirst du feststellen müssen, dass es ein Fehler war, nicht zu gehorchen. Komm mit!“

Er führte mich in meine Kammer.

„Warum machst du es mir und dir so schwer?“, fragte er, während er die Tür hinter sich schloss.

„Warum muss ich immer nur gehorchen? Warum darf ich nicht einmal selbst entscheiden? Es ist langweilig, wenn ich mich stundenlang mit Dingen plagen muss, die ich schon kenne. Es geht alles viel zu langsam. Ich möchte so gerne mehr lernen, aber immer, wenn es interessant wird, werde ich gebremst. Ich würde so gerne meine Kräfte üben, aber ich darf nicht. Ich mache es dir und mir nicht schwer, ich möchte nur viel mehr.“

Endlich hatte ich alles herausgesprudelt, was mich bedrückte. Wahrscheinlich bekam ich jetzt erst recht Ärger, aber ich hatte endlich alles loswerden können.

„Du fühlst dich also unterfordert? Du hältst den Unterricht für langweilig und möchtest mehr tun?“, fragte Darras sanft.

Ich nickte, von trügerischer Hoffnung erfüllt.

„Dann wollen wir mal sehen, was sich machen lässt“, meinte er.

Aus einer Tasche seiner Kutte holte er einen Schlüssel und versperrte die Tür.

„Dann fang an“, sagte er.

„Womit?“, wollte ich wissen.

„Mit deinen Übungen. Ich lasse dir jetzt freie Hand und werde dich vorläufig nur überwachen.“

Ich starrte ihn ungläubig an. Meinte er das ernst? Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich übte kreuz und quer alles, was ich bisher gelernt hatte. Dabei stellte ich fest, dass ich noch immer Konzentrationsschwierigkeiten hatte. Nach einigen Stunden war ich in Schweiß gebadet, mein Kopf dröhnte und meine Hände zitterten. Ich ließ mich zurücksinken in meinen Stuhl und schaute zu Darras hinüber. Er hatte mich die ganze Zeit wortlos überwacht. Jetzt starrte er mich durchdringend an.

„Hast du jetzt genug?“, fragte er.

Ich nickte.

„Ja, Herr. Vielen Dank.“

„Gut. Dann wird es dir sicher nichts ausmachen, in den nächsten Tagen eine kleine Ruhepause einzulegen.“

Darras lächelte sanft, doch das Lächeln erreichte seine Augen nicht. Er blickte mich eiskalt an.

„Ich werde dich für drei Tage kopfblind machen. Du wirst deine Kammer nicht verlassen. Diese Strafe wird dich lehren, Befehle zu befolgen. Leg dich jetzt hin, das macht es dir leichter.“

Sprachlos starrte ich ihn an. Das konnte doch nicht wahr sein. Was meinte er damit, kopfblind? Hart riss er mich vom Stuhl hoch und schubste mich auf das Bett. Plötzlich verstand ich ihn.

„Das kannst du doch nicht tun!“, stieß ich hervor.

„Doch, ich kann, und ich werde. Wehr dich nicht. Du kannst es doch nicht verhindern.“

„Bitte, tu's nicht!“, flehte ich ihn an.

Mit einem seltsamen Blick drückte er mich zurück. Ich wusste, es hatte keinen Zweck, wenn ich mich dagegen wehrte, und doch unternahm ich den Versuch. Aber ich war viel zu erschöpft, um einen Abschirmblock zu errichten.

Die unglaublichen Kräfte meines Ausbilders griffen nach meinem Geist, zwangen ihn zusammen, und plötzlich fühlte ich mich wie tot. Wo vorher zahllose Gedankenimpulse auf mich einstürmt waren, war jetzt alles leer. Ein dumpfes Gefühl machte sich breit in mir. Ich fühlte, wie Tränen an meinen Wangen herab liefen, doch ich wischte sie nicht weg. Es war alles so sinnlos.

Eine Tür klappte, ich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte, Schritte entfernten sich, ich war allein. Erst jetzt wurde mir klar, was passiert war. Ich hatte keine Kräfte mehr. Ich war nichts weiter als ein ganz normaler unbegabter Mensch.

„Nein!“, schrie ich, sprang auf und trommelte wie wild gegen die Tür. Irgendwann schmerzten meine Hände und Unterarme fürchterlich, aber niemand hatte auf mein Rufen und Trommeln gehört.

Ich weinte, bis keine Tränen mehr kamen, dann schleppte ich mich zurück auf mein Bett, kauerte mich mit hochgezogenen Knien in eine Ecke und starrte wie gebannt auf die Tür. Irgendwann schlief ich vor Erschöpfung ein.

Der zweite Tag war schlimmer als der erste. Nüchtern und sachlich dachte ich über mich nach und kam zu dem fürchterlichen Schluss, dass ich allein Schuld hatte. Es war mein Dickkopf, der mir diese Strafe eingetragen hatte. Verzweifelt versuchte ich immer wieder meine Kräfte zu aktivieren, doch mit der Anstrengung kamen die Kopfschmerzen. Es war mir kaum noch möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich versuchte, einen letzten klaren Gedanken hinauszuschicken aus meiner Kammer. Ich rief Darras um Hilfe. Doch ich musste feststellen, dass auch dieser Versuch nicht funktionierte. Ich konnte gar nichts mehr. O ihr Götter, gab es etwas Schlimmeres, als alle seine Sinne zu verlieren? Ich weinte mich in den Schlaf.

Voller Verzweiflung erwachte ich noch im Dunkeln. Durch die Gitter im Fenster konnte ich die funkelnden Sterne sehen. Sie waren frei. Unruhig wanderte ich in meiner Kammer auf und ab. Diesen Tag musste ich noch überstehen. Aber ich wusste nicht wie. Nur ein mental begabter Mensch konnte sich eine solche Tortur als Strafe ausdenken. Allein die Drohung würde mich in Zukunft davon abbringen, irgendetwas falsch zu machen. Ich wäre bereit gewesen, falls mein Ausbilder jetzt auftauchen sollte, vor ihm auf die Knie zu fallen, und zu betteln, damit er mir meine Kraft wiedergab.

Doch Darras kam nicht. Quälend langsam verging der Tag. Die Sekunden tropften wie kleine Ewigkeiten herab. Ich versuchte, mir Aufgaben ins Gedächtnis zu holen, doch mein Kopf war so furchtbar leer. Ich war unfähig, mich auf etwas zu konzentrieren. Mein Blick hing wie gebannt an der Tür. Würde sie sich nicht doch öffnen? Würde nicht doch Darras kommen und mich von dieser Qual erlösen?

Kurz vor dem Wahnsinn war ich, als es dunkelte, und ich wusste, es würde noch eine lange Nacht folgen. Der Druck in meinem Kopf wurde wieder stärker. Mein Geist wehrte sich dagegen, eingeschnürt und hoffnungslos zu sein. Ich umklammerte meine Schläfen, schloss die Augen und versuchte mich etwas zu entspannen.

Irgendwie ging auch diese Nacht vorbei. Der erste Schimmer des beginnenden neuen Tages erhellte den Horizont, und in mir keimte die Hoffnung. Bald, bald würde Darras kommen!

Die Glocke läutete für die Frühmahlzeit, aber nichts rührte sich draußen auf dem Gang. Ich legte das Ohr an die Tür, um zu hören, ob sich Schritte näherten. Aber es herrschte Stille.

Tiefste Verzweiflung überkam mich. Hatte er mich angelogen? Sollte ich noch länger schmoren? Das konnte er doch nicht machen. Darras hatte mich noch nie belogen, würde er das jetzt etwa tun?

Da plötzlich öffnete sich die Tür. Ich hatte nichts gehört, aber Darras stand vor mir.

Flehend hingen meine Augen an ihm.

„Es tut mir leid, Kind. Doch es musste sein. Wie fühlst du dich?“, erkundigte er sich mitfühlend.

Ich schluckte schwer, um meine Tränen zu verbergen.

„Elend“, sagte ich krächzend.

„Ich habe in den vergangenen Tagen mit deinen verschiedenen Ausbildern gesprochen. Alle erklären übereinstimmend, dass du ein riesiges Talent hast. Aber scheinbar kann niemand dich bremsen. Mit Erlaubnis des Oberen haben wir folgenden Beschluss gefasst.“

Angstvoll hingen meine Augen an seinen Lippen. Würde ich weiterhin in diesem schrecklichen Zustand bleiben müssen?

„Deine Ausbildung liegt ab heute allein in meiner Hand. Du wirst keinen Gruppenunterricht mehr bekommen, sondern nur noch meiner Obhut anvertraut. Über deine Belobigungen und Strafen habe allein ich zu entscheiden. Du wirst keinen Kontakt mehr zu den anderen Novizen haben, denn deine Ausbildung wird jede Minute, in der du nicht schläfst oder isst, beanspruchen. Willst du mir folgen? Es gäbe sonst noch immer die Möglichkeit, dass du dem Oberen direkt unterstellt wirst, was eine häufige Blockade zur Folge hätte, weil er nicht ausreichend Zeit hat, dich täglich zu unterrichten.“

Wie konnte er nur fragen? Ich fiel auf die Knie, um ihm zu danken.

„Komm, lass das. Ich sehe schon, wir werden gut miteinander auskommen, wenn du nicht zuviel Schwierigkeiten machst.“

„Ich werde keine Schwierigkeiten machen, Herr“, versprach ich voreilig. Ich kannte doch mein Temperament, wieso dachte ich eigentlich, dass ich brav und folgsam sein konnte?

Darras löste die Blockade vorsichtig, und ich fühlte, wie mein Kopf wieder frei wurde. Die Anspannung ließ nach, und erst jetzt spürte ich, dass ich einen quälenden Hunger hatte.

Kritisch betrachtete mich mein Ausbilder.

„Du siehst furchtbar aus“, stellte er fest. „Du solltest dir nicht zu oft etwas zuschulden kommen lassen. Es wirkt sich sehr auf dein Gewicht aus.“

Er hatte Recht. Ich war immer schon schlank gewesen, aber nach diesen drei Tagen schien ich nur noch aus Haut und Knochen zu bestehen.

Dennoch war ich dankbar.


*


Ich befand mich gerade in einer schweren Konzentrationsübung, in der ich lernte, meine Gedanken immer stärker zu bündeln und dann mit geballter Wucht auf das gewünschte Ziel zu schicken, als plötzlich die Tür aufging. Dermaßen abgelenkt richtete sich meine Kraft auf die betreffende Person, die heftig zurückgeschleudert wurde.

„Es tut mir leid, Bruder, wir üben gerade“, rief Darras hinaus.

„Ja, Bruder“, rief der Gefallene, während er sich mühsam aufrappelte. „Ich merke es. Nein, keine Entschuldigung. Mir war bekannt, dass ihr übt. Doch leider muss ich euren Unterricht aus wichtigen Gründen stören.“

Darras' Augen nahmen einen wachsamen und gespannten Ausdruck an.

„Deine Schülerin Eorin wird dringend und sofort gebeten, sich beim Oberen einzufinden. Brecht also bitte den Unterricht ab.“

„Selbstverständlich“, sagte Darras sofort. „Ich werde sie selbst hinbringen.“

Die Konzentration war von mir abgefallen, und ich fühlte mich erschöpft und unbefriedigt, hatte ich doch mein gestecktes Ziel nicht erreicht. Dabei hatte ich mir so viel Mühe gegeben, aber leider nur einen Bruder über den Gang geworfen. Dieser ging nun wieder, er hatte seinen Auftrag erfüllt.

„Enttäuscht?“, fragte Darras mit einem ironischen Unterton.

Ich nickte.

„Falls es deiner Aufmerksamkeit entgangen sein sollte, du hast Bruder Adolar ziemlich heftig getroffen. Du hättest mit Sicherheit auch deine Aufgabe erfüllt.“

Ich sah ihn etwas zweifelnd an, aber Darras schüttelte seufzend den Kopf.

„Eorin, du hast so viel Geist, benutze ihn gelegentlich zum logischen Denken. Und jetzt komm, wir müssen uns eilen.“

Ich dachte in diesem Moment gar nicht daran, dass ich zum Oberen kommen sollte, mir ging nur der fehlgeschlagene Versuch im Kopf herum. Doch ich folgte meinem Mentor.

Die Wege waren mir schon viel vertrauter. Ich hatte keine Angst mehr, mich zu verirren, denn der Grundriss war so angelegt, dass man, wenn man sich stets rechts hielt, wieder in die Eingangshalle kommen musste.

Im Vorzimmer des Oberen saß Bruder Ogenas. Er sah mich merkwürdig, irgendwie mitleidig an, doch das störte mich wenig, denn ich war plötzlich sehr aufgeregt. Was sollte ich wohl hier? Was hatte ich falsch gemacht?

Im Geiste ging ich mein Verhalten in der letzten Zeit durch, konnte aber keinen schweren Fehler finden. Nun, ich würde es ja gleich erfahren. Trotzdem klopfte mein Herz bis zum Halse, ich hatte feuchte Hände und war sicher leichenblass. Zögernd folgte ich Darras.

Das Arbeitszimmer des Oberen faszinierte mich. Das erste, was mir ins Auge fiel, waren die, bis an die Decke reichenden, Bücherregale. Dicke, schwere, in Leder gebundene Bände reihten sich aneinander und standen in reich geschnitzten Holzregalen. Dann fiel mein Blick auf den Schreibtisch, auch er reich verziert von Schnitzereien, doch auf dem Tisch stand etwas, was meine Aufmerksamkeit fesselte, obwohl ich nicht hätte sagen können, was es darstellen sollte. Eine Kugel im Mittelpunkt wurde umkreist von sechs, nein, sieben kleineren Kugeln, jede davon auf einer anderen Bahn. Gehalten wurden die Kugeln von dünnen Drähten, die mikroskopisch kleine Schriftzeichen besaßen. Lesen konnte ich diese Schrift nicht.

Dieses Gebilde strahlte für mich vollkommene Harmonie aus, und ich konnte meinen Blick kaum davon lösen, so dass ich fast vergessen hätte, meinen Oberen zu grüßen.

Glücklicherweise versetzte Darras mir verstohlen einen Stups, und ich fand rechtzeitig in die Wirklichkeit zurück.

„Ich grüße dich, Eorin“, hörte ich seine Stimme und wurde wieder durchflutet von der Intensität, mit der er sprach. Es kam mir vor, als wäre ein beruhigender Unterton dabei gewesen.

„Bitte, nehmt Platz. Ich habe mit euch zu reden.“

Scheu setzte ich mich auf den angebotenen Stuhl, allerdings nur auf die Kante, während Darras ungezwungen seinen Platz einnahm.

„Ich höre, dass du gute Fortschritte machst, Kind. Das freut mich sehr. Du hast in Darras einen guten Lehrer. Höre auf ihn.“

Ich nickte stumm.

„Doch leider habe ich eine sehr betrübliche Mitteilung für dich, mein Kind.“

Jetzt kam es, ich wusste es genau.

„Dein Vater ist vor zwei Tagen gestorben. Es tut mir sehr leid.“

Er sprach noch weiter, doch ich hörte nichts mehr. Mir war, als fiele ich übergangslos in einen tiefen schwarzen Brunnen.



5. Kapitel

Langsam kehrte mein Denkvermögen zurück. Das konnte doch nicht wahr sein! Das stimmte doch nicht! Mein Vater? Nein!!!

Ich weiß nicht, ob ich geschrien hatte. Jedenfalls stand Darras plötzlich neben mir und stützte mich. Dabei murmelte er beruhigende Worte und versuchte, mental auf mich einzuwirken. Doch er kam nur schwer durch den Schock. Jemand hielt mir ein Glas eiskaltes Wasser an die Lippen, und ich trank wie eine Verdurstende. Die Kälte klärte meinen Kopf, auf einmal war ich voll wieder da. Ich sah sogar alles viel klarer als jemals vorher. Meine Gedanken richteten sich schnurgerade auf ein Ziel, und ich konnte wieder vernünftig reden. Jedoch spürte ich keine Trauer. In mir war jedes Gefühl abgestorben.

„Geht's wieder?“, fragte Darras besorgt.

„Ja, danke“, brachte ich hervor. „Darf ich zu seiner Beerdigung?“

„Selbstverständlich. Dein Mentor wird dich begleiten.“ Das war wieder der Obere. Ich machte das Zeichen des Dankes, und wir waren entlassen.

„Wir brechen morgen bei Sonnenaufgang auf. Für heute entfällt dein Unterricht“, bestimmte Darras.

Doch damit war ich nicht einverstanden.

„Ich möchte weitermachen“, bat ich.

Ein sorgenvoller Blick traf mich, doch er sagte nichts. Wir kehrten zurück ins Lehrzimmer, wo ich einen Versuch mit einem Blatt Papier machte. Ich konzentrierte alle meine Kraft und schaffte es doch nur, das Blatt ein wenig anzuheben. Anschließend war ich schweißgebadet. Ich verstand es nicht ganz, ich fühlte mich stark, und doch hatte es einer unglaublichen Anstrengung bedurft, meine Gedanken zu bündeln. Ich tröstete mich damit, dass mein erster Versuch heute zuviel Kraft gekostet hatte. Darras beendete die Stunde. Ich ging zur Andacht, ich aß zu Abend, alles ganz mechanisch, ohne es wirklich wahrzunehmen. Und bei alldem hatte ich das Gefühl, mich vollkommen normal zu benehmen.

Der Zusammenbruch kam erst später, in meiner Kammer, als ich allein war. Plötzlich stand es wie ein Blitz in meinem Kopf. Vater ist tot!

Nie mehr wirst du lachend mit ihm angeln, nie mehr an seiner Schulter lehnen, nie mehr spüren, wie sehr er dich liebt. Ich brach zitternd zusammen, aber keine Träne löste sich aus meinen Augen.

So fand mich Darras, als er vorsorglich noch einmal nach mir sah.

Er packte mich auf mein Bett, deckte mich fest zu, besorgte Kräutertee und blieb die ganze Nacht neben mir sitzen.

„Noch bist du nicht so weit, dass du weinen kannst, Eorin. Doch auch das wird noch kommen. Und dann weine, Kind, weine.“

Er sorgte dafür, dass ich einschlief.

Als der erste Morgenschimmer den Tag ankündigte, wachte ich auf. Ich rührte mich, und Darras fuhr aus dem leichten Schlummer, den er sich erlaubt hatte, als ich eingeschlafen war. Wir holten uns aus der Küche Proviant und ein gutes Frühstück, danach brachen wir auf. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne vergoldete alles, doch ich nahm es nicht wahr.

Darras überließ mich meinen Gedanken, sicherlich das Beste, was er tun konnte. Ich wäre bestimmt keinen vernünftigen Argumenten zugänglich gewesen. So legten wir schweigend Meile um Meile zurück, durch Felder, die goldene Ähren trugen und bald abgeerntet würden, durch kleine Dörfer und rauschende Wälder. Wir übernachteten in einer Scheune, die mit dem Duft von frischem Heu gefüllt war. Ich aß geistesabwesend, was Darras mir reichte, und trank aus Quellen, die klares und frisches Wasser spendeten. Bei alledem war mein Kopf leer. Ich versuchte mehrmals, einen klaren Gedanken zu fassen, doch immer wieder verschwand das kleine Stückchen vernünftiger Überlegung.

Am Morgen standen wir vor Sonnenaufgang auf und nahmen das letzte Stück Wegs in Angriff. Noch lange vor Mittag erreichten wir mein Heimatdorf.

Alles war still und ruhig. Die einzigen Geräusche stammten von den Tieren, die allerorts gehalten wurden. Wir schlugen daher gleich den Weg zum Friedhof ein. Dort sahen wir schon von weitem sämtliche Dorfbewohner versammelt. Mein Vater war ein geachteter Mann gewesen, so nahm es nicht Wunder, dass alle seiner Beerdigung beiwohnen wollten.

Als wir näher kamen, bemerkten uns die hinten Stehenden und das leise Gemurmel, das bis jetzt geherrscht hatte, verstummte.

Feindselige Gesichter mit kalten abweisenden Blicken starrten uns entgegen. Ich begriff überhaupt nichts, doch Darras schob mich mit sanftem Druck weiter vor.

Die Menschenmenge bildete eine Öffnung, durch welche wir wortlos gingen. Noch immer wurde ich mit Blicken fast erdolcht. Was hatte ich diesen Menschen getan? Ich war mit vielen von ihnen aufgewachsen, wir hatten zusammen gespielt, gerauft und geweint und gemeinsam die verdienten Prügel in Empfang genommen. Warum schauten sie mich jetzt an, als hätte ich sie tödlich beleidigt? Nur weil ich nicht rechtzeitig zum Begräbnis kam, sondern ein paar Minuten später?

Das konnte der Grund nicht sein.

Wir waren am offenen Grab angekommen, und ich starrte in die Grube hinab, als könnte ich meinen Vater noch einmal sehen. Dann merkte ich, wie mich jemand sehr bewusst ansah: Meine Mutter, oder wie man sie nennen will. Mein Blick glitt weiter zum Priester, einem Bruder unseres Ordens, der zeitweilig verpflichtet war, jetzt als Einsiedler lebte und für die Dorfbewohner die kleinen Handlungen des täglichen Lebens ausführte, weiter zu den bösen Blicken der Umstehenden und blieb hängen an den aufmunternden Augen von Darras.

Ich straffte unwillkürlich die Schultern. Niemand sollte sagen können, ich hätte mich am Grab meines Vaters nicht zusammengenommen. Ich warf einen Blick auf den schmucklosen Sarg und versuchte ruhig zu atmen.

„Ihr könnt das Grab schließen“, sagte ich laut und deutlich.

Meine Mutter zuckte zusammen. Diese Worte sprach immer der oder die nächste Angehörige; das wäre meine Mutter gewesen, doch in meinen Augen hatte sie dieses Recht verwirkt.

Schweigend wartete ich, bis die Grube mit Erde aufgefüllt war.

Darras schien meine Gedanken erfasst zu haben, denn er sprach den Segen auf den Toten. Der Bruder lud uns zu einer Mahlzeit in seine Einsiedelei, was wir dankbar annahmen. Ich drehte mich nicht mehr um, auch nicht, als meine Mutter hinter mir herrief. Ich schloss die Augen, als plötzlich Tränen aufkamen und unterdrückte diese gewaltsam.

Es war eine gemütliche, aber spartanische Behausung, in die uns der Bruder führte. Von außen aus grobem Holz gezimmert, war es drinnen doch anheimelnd durch ein Fell, das als Teppich auf dem Boden lag und einen Strauß Wiesenblumen, die in einem Krug auf dem Tisch standen. Ansonsten gab es nur ein schmales Bett und außer dem Tisch zwei Stühle und eine Kommode. An den Wänden hingen Büschel von Kräutern zum Trocknen, Äpfel lagerten auf einem Brett, und in einem Sack stand Getreide.

Der Bruder bot uns Brot, Wein und Käse an. Ich setzte mich auf das Bett, während die Männer sich auf den Stühlen niederließen.

„Es war keine schöne Beerdigung“, brach Darras nach einer Weile das Schweigen.

„Nein. Und dafür gibt es viele Gründe“, kam die Antwort. „Zum einen glauben die Leute, dass Eorin, unsere junge Schwester, nicht ganz unschuldig ist am Tod ihres Vaters.“

Empört fuhr ich auf, wurde aber von Darras durch eine Handbewegung zurückgehalten.

„Wie kommen die Leute darauf?“, fragte er sachlich.

„Sie ist zu den Priestern gegangen, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass er es nicht wollte. Ja, und dann ist da noch seine Frau.“ Bruder Egaras seufzte.

„Wir haben sie gesehen.“

„Richtig, sie hat Mann und Kind verlassen, was sicher ein schwerer Schlag für ihn war“, meinte Egaras bedächtig.

„Das war das einzig Gute, was sie jemals in ihrem Leben getan hat“, entfuhr es mir. Ich erntete ein nachsichtiges Lächeln.

„Das ist keine sehr objektive Sicht, Schwester. Ich bin sicher, dein Vater hat das etwas anders gesehen. Deine Mutter wurde sehr geliebt von ihrem Mann.“

„Und warum ging sie dann?“, fragte ich aggressiv.

„Weil ihre Liebe nicht reichte. Wir Menschen sind sehr verschieden. Wo der eine mit sehr wenig zufrieden ist, kann der andere nicht genug bekommen. Du bist noch sehr jung, und darum fällt dein Urteil auch noch sehr hart aus. Doch genauso hart urteilen die Leute im Dorf über dich. Und ich weiß, dass es nicht in deiner Macht stand, etwas zu ändern. Mach dir nichts daraus, die Leute reden immer viel, vor allem, wenn sie nichts Genaues wissen. Ach ja, wer erbt denn jetzt das Vermögen deines Vaters?“

Diese Frage überraschte mich, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.

„Ich nehme an, meine Mutter, vielleicht hat er auch mir etwas hinterlassen, ich weiß es nicht“, antwortete ich unsicher.

„Nun, soweit ich weiß, wird euer Nachbar der Testamentsvollstrecker sein. Er wird Genaueres wissen. Ihr solltet ihn heute Nachmittag noch aufsuchen.“

So gingen wir nach dem Essen zu Vobras, unserem Nachbarn. Er begrüßte uns mit der gebotenen Höflichkeit, ließ jedoch jede Herzlichkeit, die er mir früher entgegengebracht hatte, vermissen.

„Wir kommen wegen des Nachlasses“, packte Darras den Stier gleich bei den Hörnern.

Der Ausdruck in Vobras' Gesicht wurde womöglich noch eisiger.

„Ich habe den Auftrag, laut der Bestimmung des Brianos, dafür zu sorgen, dass alle Erbteile ausgezahlt werden. Ihr, Priester, scheint wohl ein Recht zu haben, nachzufragen, oder euch das Recht zu nehmen“, knurrte er.

Darras sah ihn nur kühl an.

„Gut, dann will ich euch genau sagen, wer was bekommt. Den Hof und das Barvermögen erhält die weggelaufene Frau. Vielleicht wird sie es gut verkaufen, denn führen kann sie das Haus nicht. Vom Gesinde erhält jeder 20 Golddukaten, der länger als zehn Jahre in Diensten stand, alle anderen bekommen 10 Golddukaten. Und was das junge Mädchen angeht, das da neben euch steht, so soll sie den gesamten Schmuck haben. Ich weiß nicht, wieviel das ausmacht, aber das ist alles, was sie bekommt.“

Ich kämpfte schon wieder mit der Wut. Dieser Mann war für mich wie ein leiblicher Onkel, ich war stets vertrauensvoll zu ihm gelaufen, und er war einer derjenigen, die um den gesamten Vorfall mit den Schulden wussten. Doch in den letzten Monaten musste etwas geschehen sein, was auch ihn völlig verändert hatte.

Ich brachte kein Wort heraus, Darras antwortete für mich.

„Schwester Eorin hat sich natürlich noch nicht entschieden, was sie mit ihrem Erbteil tun wird. Daher möchten wir dich bitten, den Schmuck in Verwahrung zu halten, bis eine Entscheidung getroffen wird. Wir danken euch.“

Offensichtlich war auch Darras verärgert. Er sprach schroff und knapp und wandte sich gleich darauf zum Gehen. Ich folgte ihm. In der Einsiedelei erwartete uns der Bruder.

„Bleibt bis morgen“, bat er. „Ihr könnt hier auf frischem Heu schlafen.“

Darras stimmte zu, und wir blieben noch über Nacht. Am nächsten Morgen zogen wir, wohl versorgt mit einfachem Proviant, los. Eine Weile gingen wir wortlos, bis Darras das Schweigen unterbrach.

„Ich hoffe, es war dir recht, dass ich Vobras dein Erbteil zur Aufbewahrung zurückließ?“

„Natürlich. Er ist ehrlich“, sagte ich, jäh aus meinen Gedanken gerissen.

„Und was hältst du vom Verhalten deiner ehemaligen Nachbarn?“

„Ehemalige Nachbarn.“ Ein seltsamer Begriff. Aber er hatte Recht.

Kein Mensch konnte mir fremder sein als meine früheren Freunde, die sich als regelrechte Feinde entpuppt hatten.

„Sie wissen es nicht besser“, sagte ich leise.

„Du willst mir doch nicht erzählen, dass du auf einmal edelmütig geworden bist. Es wird zwar gelehrt und auch als Regel hochgehalten, doch daran gewöhnt man sich nur langsam. Wo bleibt dein Temperament?“, fragte er mit beißender Schärfe, deren Grund ich nicht erkannte.

In mir stieg Wut hoch.

„Ich bin ganz bestimmt nicht edelmütig, und die Liebe zu meinen Mitmenschen wird hier auf eine harte Probe gestellt. Doch ich habe gerade von dir Beherrschung gelernt“, gab ich mit unterdrückter Stimme zurück.

Darras lächelte spöttisch, was meine Wut nur noch mehr anstachelte.

„Ich muss wirklich anerkennen, dass deine Beherrschung mustergültig war“, gab er scheinbar zufrieden zu, „doch solltest du vielleicht noch lernen, auch deine Gesichtszüge zu beherrschen, und nicht nur deine Zunge.“

Trotzig schüttelte ich den Kopf.

„Du erwartest doch wohl nicht, dass ich schon perfekt bin. Ich werde es noch lernen“, erwiderte ich patzig.

Erst einmal, seit ich mich den Regeln unterworfen hatte, hatte ich ernsthaft gewagt, zu widersprechen, und es war mir nicht gut bekommen.

Doch mir war auf einmal alles egal. Es war zuviel zusammengekommen; der Tod meines Vaters, die Haltung der Dorfbewohner, und jetzt noch sein Spott.

„Ich werde alles noch lernen, was du mir beibringen willst, aber jetzt lass mich endlich in Ruhe“, brüllte ich ihn an.

„Ich denke gar nicht daran“, gab er zurück und seine Stimme klang wie ein Rasiermesser. „Du benimmst dich wie ein kleines Mädchen. Du Trotzkopf. Glaubst du denn, ich hätte nicht gemerkt, wie es in dir aussieht? Du hast Angst davor, deiner Trauer nachzugeben. Du willst gar nicht damit fertig werden. Und wenn du nicht bald nachgibst, rennst du dir den Kopf ein. Ich sage dir, dann wirst du für die Gemeinschaft untragbar. Meinst du denn, irgendetwas Menschliches wäre uns fremd? Wir sind doch auch nur Menschen. Weine doch, wenn dir danach ist. Unterdrücke deine ureigensten Gefühle nicht.“

Fassungslos starrte ich ihn an. Darras zeigte unerwartet Reaktion. Er war ein Paradebeispiel dafür, dass die Magiepriester ebenfalls nur Menschen waren. Im nächsten Augenblick verwandelte er sich jedoch wieder in den stets beherrschten, alles verstehenden Mentor, der durch nichts zu erschüttern war.

Das jedoch war der Tropfen, der das Fass bei mir zum Überlaufen brachte.

„Was weißt du denn? Diese Menschen waren einst meine Freunde, und ich habe meinen Vater geliebt. Ich habe ihn doch nicht einfach verlassen...“.

Die Stimme versagte mir, und ich fing an zu weinen. Wie ein Wasserfall schossen die Tränen hervor, und ich wehrte mich endlich nicht mehr dagegen. Ich schlug nur die Hände vors Gesicht und ließ mich ins Gras sinken. Meine Schultern bebten krampfhaft, und ich glaubte, nie mehr aufhören zu können.

„Endlich“, murmelte mein Mentor.

Er setzte sich still neben mich und ließ mich ganz in Ruhe. Nach einer scheinbar endlosen Zeit versiegte der Tränenstrom. Darras benetzte ein Tuch mit Wasser und gab es mir. Ich wischte mir das Gesicht ab und fühlte mich unendlich müde.

„Hier, iss etwas“, sagte er und gab mir etwas Brot.

Noch beim ersten Bissen war mir, als hätte ich einen dicken Kloß im Hals und würde nichts hinunterbringen, doch dann ging es besser.

Ich war erschöpft und ausgelaugt, was mein Mentor zu verstehen schien. Überhaupt, auch er konnte Gefühle haben und sich ihnen hingeben, und sei es nur, um anderen dadurch zu helfen. Ich war ihm dankbar.

In dieser Nacht schliefen wir, in unsere Decken gehüllt, auf freiem Feld und mir fielen schnell die Augen zu. Am nächsten Abend trafen wir zu Hause ein, wo ich gleich in meine Kammer ging, ohne am Essen teilzunehmen. Ich legte mich aufs Bett und ließ die letzten Tage an mir vorüberziehen. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass ich mich hier heimisch fühlte. Eigentlich seltsam.

Doch wo sollte ich auch sonst hin?



6. Kapitel

Eines Tages erschien der Obere nicht zur Andacht, obwohl er nicht auf Reisen war. Jeder wunderte sich darüber, aber von uns Novizen wagte natürlich keiner einfach zu fragen. Dennoch sickerten Gerüchte durch. Er war schwer krank.

Und dann kam der Tag, an dem sich alle Priester zu einem mentalen Block zusammenschlossen. Wir Novizen waren angewiesen, in unseren Kammern zu bleiben und zu meditieren.

Dabei passierte mir das Unglück. Es sollten, unterstützt durch Gesänge, die heilenden Kräfte freigesetzt werden. Ein ungeheures Potential an Geisteskraft breitete sich aus. Während meiner Meditation geriet ich ungewollt in diesen Block.

Zuerst war ich sehr verwirrt. Ich versuchte, wieder herauszukommen, meine Gedanken ganz abzuschalten und nicht zu stören. Es schien aber so, als wäre ich gefangen. Gegen meine Willen wurde ich integriert.

Ich gab meine Bemühungen bald wieder auf, denn sie waren zwecklos. Leider hatte ich durch mein Eindringen die Konzentration einiger Beteiligter gestört, und so kamen chaotische Impulse zustande, die die vorherigen Bemühungen zunichte machten. Der Kontakt zum Oberen brach ab. Er starb.

War ich schuld?

Ich werde es wohl nie erfahren. Zum Glück bemerkte auch niemand, dass ich es war, die den Block gesprengt hatte.


*


Die Gemeinschaft war nun ohne geistiges Oberhaupt. Also stand eine Wahl an. Zu den Wahlbedingungen wäre zu sagen, dass nur die Priester auf Lebenszeit das Recht zur aktiven und passiven Wahl hatten. Alle anderen waren unbeteiligte Zuschauer. Dennoch wurden in der Halle der Besinnung alle Mitglieder versammelt, vom kleinsten Novizen bis zum ältesten Priester.

Zunächst wurden Vorschläge zur Wahl gemacht, begrenzt auf 5 Personen. Aus diesen würde der neue Obere gewählt werden. Mit Aufmerksamkeit verfolgten wir die Vorschläge, und es war für mich merkwürdig, wie viele Stimmen auf Darras, meinem Mentor entfielen. Ich hatte nicht gewusst, wieviel Ansehen er unter der Priesterschaft genoss, denn er war ja noch relativ jung. Doch dann wurde die Spannung fast greifbar, als kleine Zettel ausgefüllt wurden, auf die der Favorit geschrieben werden musste.

Zu aller Überraschung erhielten Darras und Schwester Satris die gleich hohe Stimmenzahl.

Der älteste Priester hatte die Aufgabe, das Ergebnis der Wahl bekannt zu geben.

„Eine derartige Situation ist noch nie da gewesen. Ich bitte die beiden Kandidaten in einer Aufgabe, die den Pflichten eines Oberen entspricht, ihre Kraft zu zeigen, damit wir ein endgültiges Ergebnis bekannt geben können.“

Schwester Satris stellte sich vor die Gemeinschaft, intonierte den Andachtsgesang und legte all ihre Kraft hinein. Doch ich spürte es gleich, ihre Gaben reichten nicht aus, um eine solche Autorität aufzubauen, dass alle vorbehaltlos einstimmten und sie unterstützten. Es wurde eine klägliche Demonstration, was sie auch selbst merkte. Schwester Satris brach ab. Dabei mochte ich sie sehr gern, sie war eine hervorragende Heilerin, und als Frau konnte ich viel von ihr lernen.

Darras trat vor die Versammlung. Er strahlte gleich von vornherein Kraft aus. Ich kannte dieses Gefühl, einem anderen unterlegen zu sein, oft genug hatte ich es in seiner Gegenwart gespürt. Jetzt fühlten es alle. Er begann zu singen, und wir wurden ergriffen von der Macht seiner geschulten Stimme. Niemand stellte seine Autorität in Frage, alle unterstützten ihn vorbehaltlos. Es schien sogar, als hätte er mehr Kraft als der Verstorbene.

Die Wahl war eindeutig, und Satris war die erste, die sich vor ihm verbeugte.

Es folgten zwei Tage, in denen die zeremonielle Einführung vorbereitet wurde. Der Unterricht ruhte in dieser Zeit, und wir Novizen beschäftigten uns hauptsächlich mit Meditation.

Dann kam die offizielle Amtseinführung. Die Halle der Besinnung war geschmückt mit Tausenden von Blumen, die einen betäubenden Duft ausstrahlten. Hunderte von Kerzen verbreiteten ein helles warmes Licht, wie eine fremde Welt kam uns allen die Halle vor, als wir eintraten. Jeder setzte sich an seinen Platz und wartete mit ruhigem Gesichtsausdruck und innerer Erregung auf das Kommende. Unsere Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt, doch dann endlich öffneten sich die Flügeltüren. Die Prozession von schwarz gekleideten Priestern wurde angeführt von dem ältesten Priester, der vor vielen Jahren der Mentor von Darras war. Er trug eine Fahne voran, auf der das Wappen der Gemeinschaft kunstvoll eingestickt war. Als letzter kam Darras. Doch ich erkannte ihn kaum wieder. Bisher hatte ich ihn immer nur in der üblichen schwarzen Kutte gesehen. Jetzt war er vollkommen verändert. Ein goldenes Gewand, ebenfalls kunstvoll bestickt, umhüllte ihn. Mit feierlichem Gesichtsausdruck folgte er seinen Brüdern, die ihre Plätze aufsuchten. Er ging wie selbstverständlich in die Mitte. Der Platz des Oberen stand ihm zu. Nun spürte ich auch die innerliche Veränderung, die sich bei ihm vollzogen hatte. Darras umgab eine Aura aus Stärke und Macht, wie ich sie nie zuvor gespürt hatte. Was war wohl mit ihm geschehen, während er sich auf sein schweres Amt vorbereitete? In welche Geheimnisse musste er eingeweiht worden sein, um diese Ausstrahlung zu erreichen? Ich war ganz überwältigt. Und sicher ging es nicht nur mir so.

Regungslos stand Darras vor der Gemeinschaft. Kein Laut war zu hören, ich wagte kaum zu atmen. Er schien zu wachsen, immer größer zu werden vor unseren Augen, in unseren Köpfen schien seine Macht sich auszudehnen, jeden Winkel unseres Geistes zu erfassen und seine Prägung aufzudrücken. Er war der Obere. Er war die Macht. Wer hätte da widerstehen können.

All mein Fühlen und Sehen drängte zu ihm, schien ihn unterstützen zu wollen, suchte seinen Schutz und seine Liebe. Ich war eins mit ihm und allen Mitgliedern der Gemeinschaft, wir waren ein Körper und eine Seele, es gab nichts, was uns trennen konnte. Dann spürten wir, wie Darras die Führung übernahm. Mühelos schwang sich sein Geist empor über uns alle, während wir uns unter seinem Schirm zusammendrängten und bereit waren, ihm in allem zu folgen. Wir vertrauten uns voll und ganz seiner Führung an, und so würde es bis zu seinem Tod bleiben.

Vom Rest der Zeremonie blieb mir nicht viel im Gedächtnis. Ich gab mich ganz meinem Glücksgefühl hin und kostete es aus.

Als ich in meiner Kammer ankam, erwachte ich aus meiner Betäubung. Erst dort wurde mir voll klar, dass die Gemeinschaft zwar einen hervorragenden Oberen gewonnen hatte, ich aber meinen Ausbilder verloren. Und das stimmte mich traurig.


*


Am nächsten Tag wurde Schwester Satris zu meiner neuen Mentorin ernannt. Ich begrüßte diese Regelung, da ich hoffte, von ihr noch viel lernen zu können.

Weil ich mittlerweile gelernt hatte, mein Temperament wenigstens zügeln zu können und vor allem den Anweisungen des Mentors zu folgen, hoffte ich, es ihr nicht zu schwer zu machen.

Sie suchte mich in meiner Kammer auf, um mir diese Mitteilung selbst zu überbringen.

„Eorin, ich freue mich, die begabteste Schwester unterrichten zu dürfen. Ich werde versuchen, Darras keine Schande zu machen.“

Verlegene Röte färbte mein Gesicht.

„Ich danke dir, Schwester, für die Ehre, meine Mentorin zu werden. Ich hoffe, dir keine Schande zu machen“, erklärte ich formell.

Nach diesem freundlichen Austausch von Höflichkeiten ging es gleich wieder an die Arbeit. Satris hatte eine ganz andere Art zu unterrichten. Darras hatte mich oft mit seinem Geist geleitet, hatte mich an meine Aufgaben herangeführt und genau überwacht, was ich tat. Die Schwester stellte mir eine Aufgabe und begutachtete das Ergebnis, wobei sie sich erklären ließ, wie ich zu diesen Ergebnissen gekommen war, und was sie anders machen würde. Für mich war das ungleich schwerer, denn ich musste selbst Lösungsmöglichkeiten finden, kam manchmal auf völlig falsche Wege und fand keine Hilfe, da Satris es ablehnte, mir vorab zu helfen.

„Eorin, du musst selbst die Wege finden. Nur wenn du Fehler machst, lernst du, sie zu vermeiden. Ich glaube, Darras hat es dir einfach zu leicht gemacht. Du kannst nicht lernen, wenn du mit der Nase auf die richtigen Wege gestoßen wirst. Du musst Fehler machen.“

Das behagte mir nicht. Ich hatte auch bei Darras Fehler gemacht und aus ihnen gelernt, aber diese Art von Unterricht brachte keine Ergebnisse. Ich verzettelte meine Kraft, verausgabte mich unnötig und hielt mit meinen Kräften nicht genügend haus. Oft genug schlief ich fast im Stehen ein, bei den Mahlzeiten ruckte mein Kopf nach unten. Ich hatte keinen Appetit mehr und magerte in wenigen Tagen stark ab, da ich ohnehin nie eine Anlage zum Dickwerden hatte. Das Einzige, was ich von Satris gerne lernte, war die frauliche Seite der mentalen Beherrschung. Ein Mann konnte nie so hohe Töne erzeugen wie wir, und deshalb war es uns möglich, ganz besondere Ergebnisse damit zu erzielen. So schaffte ich es mit einiger Übung, aus Kräuterextrakten eine spezielle Droge herzustellen, indem ich durch die hohen Töne Vibrationen erzeugte, die die heilsamen Bestandteile sich zusammenballen ließen. Auf diese Weise entstand eine äußerst wirksame Medizin, die von den männlichen Mitgliedern nicht erstellt werden konnte.


*


Satris ließ mich die hohen Töne üben, bis ich Kopfschmerzen bekam. Mitten in diese Übungen platzte Ogenas, der Sekretär des Oberen. Einerseits war ich erleichtert über die Störung, denn es fehlte mir noch immer an Routine, andererseits war ich glücklich, für einen Augenblick aussetzen zu können.

Ogenas übermittelte einen Befehl von Darras, der Satris in Erstaunen versetzte, mich aber erschreckte. Er wollte mich sofort sprechen. Ich sollte mich beeilen. Mir war nicht bewusst, dass ich wieder einmal Fehler gemacht hatte, trotzdem zitterte ich innerlich.

Satris brachte mich zu ihm. Darras bat, uns allein zu lassen, und die Schwester erfüllte seine Bitte.

„Nimm Platz!“

Gehorsam setzte ich mich, doch nur auf die Stuhlkante. Wie auch früher schon faszinierte mich dieser Raum. Er schien sich nicht verändert zu haben, die Bücher, der wunderschöne Schreibtisch, das Kugelmodell, noch immer war alles am gleichen Platz.

Darras musterte mich lange, so lange, dass mir ausgesprochen unbehaglich wurde. Hoffentlich übersah er, dass ich an Gewicht verloren hatte, und hoffentlich übersah er die schwarzen Schatten um die Augen. Doch soviel Glück konnte ich bei Darras nicht haben. Er kannte mich zu gut.

„Es war ein Fehler, Satris zu ernennen“, stellte er schließlich fest.

„O nein, Herr, ich habe soviel gelernt...“ Ich biss mir auf die Lippen, einem Oberen widerspricht man noch weniger als seinem Mentor. Er schüttelte scheinbar betrübt den Kopf.

„Kind, Kind, wie lange versuche ich schon, dir Respekt und Gehorsam beizubringen? Es ist traurig, dass niemand dich unter Kontrolle halten kann. Ich fürchte, ich habe andere Aufgaben für dich als den Unterricht bei Schwester Satris. Du wirst das Lernen bei ihr auf ein Minimum beschränken und hier“, er machte ein umfassende Bewegung, „die Bücher katalogisieren. Deine üblichen Lehrstunden werde ich ab sofort wieder übernehmen. Du fängst noch heute an.“

Seine Stimme, die ich immer so geliebt hatte, war mit jedem Wort härter geworden. Jeder Satz war ein Befehl.

In mir brodelte es. Ich hatte zwar nicht das Recht zu widersprechen, doch - hatte er das Recht, mir eine überflüssige Arbeit aufzuhalsen, mich von meiner Mentorin zu trennen und gesonderten Unterricht anzuordnen, wenn ich noch in der Ausbildung war?

„Herr, ich möchte dich bitten, diese ehrenvolle Aufgabe jemand anders aufzutragen. Ich bin dieser Ehre nicht würdig.“

War es wohl so richtig? Spott spiegelte sich in seiner Miene.

„Du widersetzt dich? Gehorsam, Respekt, Demut? Leere Worte, Schwester?“

Ich wurde wieder mal richtig wütend. Er hatte es immer geschafft, mich mit diesem Tonfall in Wut zu bringen und jetzt schien er es bewusst darauf anzulegen. Ich merkte es genau und konnte mich doch nicht dagegen wehren, dass ich wütend wurde.

„Nein Herr, keine leeren Worte. Ich habe darum gebeten, von Schwester zu Bruder. Ich habe die Gehorsamspflicht nicht verletzt“, stieß ich hervor.

„Doch hast du ohne Widerspruch zu tun, was ich verlange. Und ich möchte, dass du die Arbeit übernimmst - Schwester.“

Dieser Spott war fast zuviel. Darras kannte mich bis in mein Innerstes, jede Schwäche, jede Stärke. Jetzt wollte er, aus einem mir unbegreiflichen Grund, seinen Willen durchsetzen, wobei er bewusst auf meine Schwächen zielte. Wenn ich nur den Grund wüsste.

„Herr, ich bitte, dass Schwester Satris dieser Unterredung beiwohnt. Sie ist mein Mentor und wird mich darauf aufmerksam machen, wenn ich Fehler gemacht habe.“

„Liebe junge Schwester, noch bin ich dein Mentor. Schwester Satris hat diese Aufgabe vorübergehend übernommen, bis ich selbst einen Überblick hatte und zu einer Entscheidung kommen konnte. Nun habe ich entschieden, deine Ausbildung selbst wieder zu übernehmen. Die zusätzliche Arbeit ist eine Bitte von mir, dem Bruder an die Schwester. Ich denke, du kannst noch einiges daraus lernen. Zwar könntest du diese Arbeit ablehnen, aber du brauchst schon sehr gute Gründe dafür. Weitere Rechte hast du nicht. Du kannst mich als Mentor nicht ablehnen, das steht dir nicht zu.“ Er setzte sich wieder und schaute mich neugierig an. Ich versuchte mehrmals zum Reden anzusetzen, doch was sollte ich sagen?

Darras schwieg. Er ging ein- zweimal im Raum auf und ab, setzte sich dann wieder in seinen Stuhl.

Er begann zu sprechen und seine Stimme war wie früher, weich, sanft, sie betörte, schmeichelte, streichelte, sie bezwang, und doch wehrte ich mich.

„Ich bitte dich noch einmal darum, von Bruder zu Schwester. Und lass dir sagen, du kannst nicht dagegen an, doch ich möchte gern, dass du es freiwillig tust. Das ist besser als auf äußeren Zwang hin.“

Darras lächelte. Ein gewinnendes, ein siegessicheres Lächeln. Er wusste, ich müsste nachgeben.

Doch ich wollte nicht. Gerade, weil er mich so gut kannte, hatte ich Angst davor.

Er konnte mich jetzt manipulieren, wie er wollte. Satris nicht. Bei ihr bestand für mich keine Gefahr.

Darras hatte sicher die Verzweiflung in mir gespürt. Dennoch tat er nichts, um mir Unterstützung zu geben. Stattdessen stürzte er mich in den tiefsten Schlund der Verzweiflung mit seinen nächsten Worten. „Da du es gewagt hast, mir, deinem Oberen zu widersprechen, ordne ich hiermit ein einwöchiges Redeverbot für dich an. Der Unterricht, sofern er nicht theoretischer Natur ist, ruht in dieser Zeit. Du wirst außerhalb deiner Arbeit in deiner Kammer bleiben und deinen Geist läutern. Solche Fehler darf eine Schwester nicht machen. Weißt du das nicht?“

Fassungslos sah ich ihn an. „Was?“

„Deine Arbeit kannst du gleich hier beginnen. Ich werde deine bisherige Mentorin unterrichten.“

In diesem Moment ging mein Temperament vollkommen durch. Diese Unbeherrschtheit bereue ich heute noch, allerdings nicht das, was ich sagte.

„Kampfbulle.“

Darras, der schon auf dem Weg zur Tür war, fuhr herum. Er schüttelte den Kopf, als könne er nicht glauben, was er gerade gehört hatte. Doch als er meine trotzige Miene sah, lachte er - laut und herzhaft.

„Kind, deinen Ausdruck will ich nicht gehört haben. Für den Bruch des Schweigegebotes werde ich verschärften Arrest anordnen. Du ziehst sofort um in deine neue Kammer, hier hinter dem Arbeitszimmer. Das Essen wird dir gebracht, deine Arbeit machst du hier. Sei froh, dass ich dich nicht wieder blockiere.“

Ich verstand gar nichts mehr. Eben noch war es mir egal gewesen, was mit mir passierte. Ich war einfach wütend. Jetzt, nachdem die Sache aus war und ich mit einer harten Strafe gerechnet hatte, verwunderte mich seine Reaktion. Ich hatte einem Oberen getrotzt, zwar nicht auf geistiger Ebene, was wahrscheinlich meinen Tod bedeutet hätte, aber immerhin. Und alles, was mir passierte, waren eine Woche Isolation und Redeverbot. Ich hatte ja doch schon drei Tage Blockade hinter mir, es hätte mir mehr zugestanden. Es konnte so schlimm nicht werden.

Während ich meine Sachen holte, begann ich zu glauben, dass es doch schwer für mich werden würde. Einem Oberen trotzt man nicht.

Als ich zurückkam und ins Arbeitszimmer wollte, um in meine neue Kammer zu gehen, hielt mich Ogenas im Sekretariat an.

„Du kannst jetzt nicht rein, Schwester. Warte bitte.“

Ich stellte mich ans Fenster und nahm die optische Harmonie in mich auf. Es war Herbst, und das Laub der Bäume flammte in allen Rot- und Goldtönen, die letzten Blumen leuchteten mit ihren bunten Blüten wie ein Versprechen auf ein baldiges Neuerwachen. Wirklich schon Herbst?

Ich hatte so viel gearbeitet und gelernt, dass der Sommer fast unbewusst an mir vorbeigezogen war. Draußen gingen schwer beladene Braune mit den Früchten der Bäume und des Bodens in großen Körben zu den Scheunen und Vorratshäusern. Ich versuchte, mich in dieses Bild zu versenken.

Doch nebenan, in Darras' Arbeitszimmer musste das Fenster offen stehen, ich hörte Stimmen. Und wieder tat ich etwas Verbotenes, ich lauschte.

„...kannst du nicht tun, Herr. Sie ist noch Novizin, sie muss lernen. Du wirst sie mit dieser Arbeit davon abhalten.“

War da die Rede von mir? Ich spitzte die Ohren.

„Ich werde sie täglich selbst unterrichten. Sie wird nichts versäumen.“

Darras sprach, ruhig und sachlich. Ja, er musste die Ältesten von einer solchen Änderung unterrichten, er konnte nicht einfach bestimmen, auch er musste sich rechtfertigen.

Ogenas sprach mich an.

„Du wirst also die Bücher katalogisieren, Schwester?“

Ich nickte zustimmend.

„Solltest du Fragen haben, ich stehe gern zur Verfügung. Ich kenne sie alle. Jedes einzelne“, fügte er stolz hinzu.

Ich hätte ihn gern gefragt, ob er sie alle gelesen hatte, doch hielt ich wohlweislich den Mund. Es würde doch herauskommen, wenn ich etwas sagte. Glücklicherweise wurde ich einer Antwort enthoben, die Tür zum Arbeitszimmer öffnete sich, und die Ältesten kamen heraus. Unser Ältestenrat bestand aus drei Personen und alle drei waren bei Darras gewesen. Von allen traf mich ein Blick, den ich nicht zu deuten wusste, war es Mitleid, Resignation? Keine Ahnung.

„Du kannst jetzt hineingehen“, unterbrach Ogenas meine Gedankengänge.

Darras saß an seinem Schreibtisch.

„Gut, dass du da bist, Schwester.“, Er sprach ruhig, sachlich, fast geschäftsmäßig. Hinter dieser Maske musste er sehr erregt sein.

„Deine Kammer ist hinter der Tür dort. Bring deine Sachen hinein und fang dann gleich mit der Arbeit an. Noch eins, Schwester, du solltest nicht lauschen.“

Ich spürte, wie Röte mein Gesicht überzog. Hastig verstaute ich meine Sachen.

Diese Woche wurde für mich zu einer großen Belastungsprobe. Außer Darras und manchmal Ogenas sah ich niemanden. Viele Stunden jeden Tag nahm ich ein Buch nach dem anderen aus dem Regal, notierte Verfasser und Titel, und, nach einem kurzen Durchblättern, eine Inhaltsangabe. Da die meisten Bücher eine Übersicht hatten, war es nicht schwer, dies alles zu tun. Es war eine Arbeit, die mir normalerweise große Freude gemacht hätte, ich liebe Bücher. Doch ich durfte nicht darüber reden und konnte mich nicht recht freuen über die Kostbarkeiten, die ich da in Händen hielt.

Darras hielt sein Wort. Täglich ermöglichte er es, mich zu unterrichten. Ich musste nichts sagen, es gab ja auch noch die geistige Verbindung, obwohl er mich auch hier auf das Notwendigste beschränkte. Dafür schliff er mein Können, unnachsichtig, unnachgiebig, hart. Diese wenigen Stunden erschöpften mich mehr als vorher das volle Lernprogramm mit Schwester Satris. Manchmal war ich nahe dran, ihm ins Gesicht zu schreien, dass ich nicht mehr konnte, dabei bin ich sicher, er wusste es. Mein Kopf schmerzte, vor meinen Augen flimmerte es, und häufig weinte ich mich in den Schlaf.

Doch ich sprach kein Wort. Ich übte mich in Selbstbeherrschung, bis zur Selbstverleugnung. Wer weiß, was sonst passiert wäre.

Endlich, nachdem ich schon verzweifelt gedacht hatte, diese Woche ginge nie zu Ende, war es doch vorbei. Als ich zu meiner täglichen Arbeit kam, lächelte Darras mir freundlich zu.

„Du hast dich sehr gut gehalten, Eorin. Du darfst wieder sprechen.“ Mit verständnisvollen Augen sah er mich an. „War es sehr schwer?“

Ich biss mir auf die Lippen. Um keinen Preis der Welt wollte ich mich jetzt noch verraten.

„Ich danke, Herr“, sagte ich nur. Das konnte alles und nichts bedeuten.

„Sehr gut, Kind. Und jetzt mach weiter.“

Ich deutete eine Frage an, er nickte.

„Kann ich zurückkehren in meine alte Kammer und auch den Unterricht mit Schwester Satris wieder aufnehmen?“

„Ich werde das mit der Schwester besprechen und gebe dir Bescheid.“

Er verließ den Raum, und ich atmete auf.

Das nächste Buch, das ich herausnahm, war sehr schwer. Vorsichtig schlug ich es auf.

„Die Kontrolle und Steuerung in Sonderfällen. Verfasser Volkos, Oberer.“

Das sagte mir nichts, ich suchte eine Inhaltsangabe. Die gab es nicht. Also musste ich mir einen groben Überblick verschaffen. Wahllos blätterte ich herum, schnappte hier und da etwas auf. Es ging um Begabungen, die weit über dem Durchschnitt lagen und damit zu einer Bedrohung werden konnten, wenn sie niemand unter Kontrolle hielt. Ich fand eine interessante Stelle und begann zu lesen.

„Diese Personen haben ein derart starkes Potential, dass sie eine Vereinigung der Gemeinschaft sprengen können. Die einfachen Mitglieder können ihrer Kraft kaum widerstehen, sogar ein suggestiver Charakter kann von ihnen ausgehen. Jeder Obere muss bemüht sein, Personen mit solchen Gaben zu isolieren und gegebenenfalls durch eine Sperre am vollen Gebrauch ihrer Kräfte zu hindern. Unbewusst können sie verheerende Wirkungen auslösen...“

Darras kam zurück. Ich schlug das Buch zu, hatte plötzlich ein Schuldbewusstsein, ohne einen Grund zu erkennen. Ich notierte einige Angaben und stellte das Buch schnell zurück. Aber der Obere ließ noch auf sich warten. Hatte er vielleicht bei mir solche Kräfte festgestellt, so dass er versuchte, mich von den anderen zu isolieren? Meine Situation traf doch schon fast genau auf diese Beschreibung zu. Aber warum unterrichtete er mich dann? Um den Gebrauch dieser Kräfte zu beherrschen, sagte ich mir selbst. Es hätte mich brennend interessiert, weiter in dem Buch zu lesen, doch ich war auch so schon aufgewühlt genug. Darras kam herein. Ich beugte mich eifrig über meine Aufzeichnungen und versuchte krampfhaft, meiner Schrift meine Erregung nicht anmerken zu lassen.

„Du bist sehr fleißig, Schwester. Ich glaube, dass ich dich sehr vermissen würde. Darum habe ich mit Schwester Satris gesprochen. Sie ist einverstanden, dass ich deine weitere Ausbildung übernehme.“

Fassungslos ließ ich die Schreibfeder sinken. Das war noch nie da gewesen, dass ein Oberer eine Ausbildung übernahm. Schließlich war er der Führer der gesamten Gemeinschaft, er hatte die Priester zu trainieren, nicht die Novizen. Wie wollte er das vor den Ältesten verantworten? Das ging weit über seine Aufgaben hinaus. Sollte ich vielleicht noch einmal Widerspruch riskieren? Nein, ich hatte mir den Mund schon genug verbrannt. Vorerst reichte es.

Also nickte ich zustimmend, um nicht mit Worten meine Verwirrung zu verraten und beugte mich über mein Papier.

„Du bleibst hier wohnen. Es wird dir die langen Wege ersparen, die du von deiner Kammer aus machen müsstest“, fuhr Darras fort. „Wir können so außerdem jede freie Zeit zum Unterricht benutzen. Das engt den Stundenplan nicht so ein.“

Ade, Freizeit. Ich würde gern mal in den Büchern lesen, die ich ständig in der Hand hielt, doch bei diesen Aussichten war das illusorisch. Ich würde vermutlich kaum noch Zeit zum essen haben.

Einige Tage später, nach anstrengenden Übungsstunden, viel Theorie und noch mehr Arbeit überraschte Darras mich.

„Ich will dich heute nicht so fordern. Du hast sehr viel gelernt und tüchtig gearbeitet. Ich werde für dich singen und möchte, dass du deinen Geist ganz weit öffnest. Nimm alles auf, lass dich führen, hab keine Angst. Komm mit auf eine Reise in die Welt, die du noch nicht kennst.“

Ich wurde neugierig. Was sollte denn das bedeuten?

Folgsam setzte ich mich, öffnete meinen Geist, entspannte meinen Körper und spürte gleich nach den ersten Tonfolgen, wie Darras mich mitzog.

Es war ein seltsames Gefühl, ganz neu und ungewohnt. Mein Körper blieb unter mir zurück, dennoch konnte ich hören und sehen. Und ich spürte die amüsierte Stimme von Darras, der mit seinem Lied dies möglich gemacht hatte.

Wir zogen mit den Wolken, wie der Sturmwind. Unter uns das Land, auf dem die Menschen lebten, liebten und arbeiteten. Plötzlich tauchte unter uns eine Burg auf. Sie sah aus wie aus einer anderen oder vielleicht alten Welt. Hoch aufragende Zinnen auf schmalen langen Türmen, kleine Fensteröffnungen, eine Zugbrücke und ein großer Innenhof. Das Ganze wirkte seltsam leblos, als ob es kein menschliches Wesen hier gäbe.

Darras zog mich mit, wie durch ein Fenster, und wir kamen in eine große Halle. Weiche Teppiche lagen auf dem Boden, Vorhänge verdeckten die sonst kahlen Wände, Kerzen flackerten, und in einem riesigen Kamin prasselte ein Feuer. Ein einzelner Stuhl stand in dem Raum, er war schon fast ein Thron. Darauf saß ein Mann. Silberweißes Haar wetteiferte mit einem ebensolchen Bart um die größere Länge, ein golden schimmerndes Gewand umhüllte eine zerbrechlich wirkende Gestalt. Als der Mann den Kopf hob, sah ich in ein Gesicht voller Falten, vom nahen Tode gekennzeichnet. Doch dann erblickte ich die Augen.

Lebhaft, funkelnd und sehr lebendig. Nur der Ausdruck wollte mir nicht gefallen. Hart und unbarmherzig starrten sie auf einen imaginären Punkt.

„Bist du endlich da?“, fragte er in die Luft. Zu meiner Verwunderung hörte ich Darras antworten.

„Ja, Herr, und ich bringe die begabteste aller Schülerinnen mit.“

„Gut, sehr gut“, kicherte der Alte mit einer unangenehmen Fistelstimme. „Ich werde sie prüfen.“

„Sie ist noch nicht so weit. Sie sollte nur erst einen Eindruck bekommen. Noch muss sie viel lernen.“

„Das werde ich selbst entscheiden. Komm näher, Kind.“

Ich wusste nicht, wie ich das machen sollte, ich war doch körperlos. Aber dann war ich direkt bei ihm.

„Hm, ja, du scheinst gute Anlagen zu haben. Sonst wärst du wohl auch nicht hier. Wollen doch mal sehen. Was kannst du denn?“

Angst erfasste mich. Angst vor diesem Mann, Angst vor Darras, der mich in diese Lage gebracht hatte, Angst vor dem ganzen Abenteuer. Ich wollte zurück, fliehen, nichts wie weg. Doch da war wieder die Stimme von Darras, beruhigend, einlullend. Ich riss mich zusammen.

„Hier, sieh hinein“, kommandierte der Alte und hatte plötzlich eine silberne Kugel in der Hand. Vor meinem geistigen Auge wurde sie milchig, nahm Konturen an, Formen bildeten sich. Dann stieg Panik in mir hoch. Es durfte nicht sein. Alles in mir sträubte sich, weiter hier zu bleiben. Ich hatte das Gefühl von Unrecht. Irgendetwas war falsch an diesem Traum, dieser Reise. Falsch!!!

Ich wollte zurück. Mein Geist löste sich mit einer gewaltigen Anstrengung aus der Fessel von Darras und floh aus der Burg. Ich raste über Land und Wasser, wollte zurück in meinen Körper, suchte ihn verzweifelt, spürte seine geringe Lebensenergie und konnte ihn doch nicht finden.

Es war einfach schrecklich. Ich hatte mich verirrt. Wo war ich? Unbekannte Weiten unter mir. Wo war ich? Wo war Darras. Und wo war mein Körper?



7. Kapitel

Ich erwachte mit furchtbaren Kopfschmerzen. Helles Tageslicht schien mir in die Augen. Im ersten Augenblick wusste ich nicht, wo ich war. Doch dann kehrten die Erinnerungen zurück und mit ihnen der Schock.

Ich war auf einer Reise gewesen, einer weiten und langen Reise. Und ich hatte meinen Körper verloren.

Jetzt aber lag ich auf meinem Bett, und es war eindeutig mein Körper, in dem ich mich befand.

Wie kam ich hierher?

Leise öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein junges Mädchen in der Braunkutte der Dienerinnen kam herein. In der Hand trug sie eine Schale, aus der ein köstlicher Duft aufstieg. Herrliche Fleischbrühe.

Mühsam versuchte ich, mich aufrecht zu setzen, aber ich war zu schlapp.

„Bleib liegen, Herrin. Du bist krank und brauchst Ruhe. Ich werde dich füttern.“

Langsam, Löffel für Löffel flößte sie mir das heiße stärkende Getränk ein. Ich fühlte mich besser.

„Wie heißt du?“, fragte ich.

„Klaris, Herrin.“

„Danke, Klaris. Wie lange liege ich schon hier?“

„Drei Tage, Herrin. Wir haben uns große Sorgen gemacht.“

Ja, das konnte ich mir gut vorstellen. Ich versuchte noch immer herauszufinden, wie ich zurückgekommen war. Doch jedes Mal, wenn ich einen Gedanken erhaschte, legte sich ein Schleier darüber. Müde schlief ich wieder ein.

Am Abend kam Darras. Er setzte sich neben mein Bett und sah mich lange wortlos an.

„Du bist sehr eigensinnig“, stellte schließlich fest. „Warum bist du ausgerissen? Ich konnte dich nicht mehr halten. Es war sehr schwer, dich wieder zu finden.“

„Hast du mich zurückgebracht, Herr?“

Er nickte.

„Ich hatte panische Angst. Es war etwas Unrechtes.“

„Glaubst du, ich würde dich zu Unrecht verführen?“

„Nein, es war auch nicht deine Führung, die ich als Unrecht erkannte. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Verzeih, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren, meine Angst war größer.“

Darras lächelte aufmunternd.

„Es ist gut. Ich verstehe dich. Erinnerst du dich, wie ich dich zurückgebracht habe?“

„Nein, ein Schleier liegt darüber.“

Irrte ich mich, oder sah er wirklich einen Moment lang befriedigt aus?

„Du musst jetzt wieder schlafen. In zwei oder drei Tagen kannst du deine Arbeit bei mir wieder aufnehmen. Bis dahin wird das Mädchen für dich sorgen. Und zwar nur mit dem Besten.“

Er stand auf und wandte sich zum Gehen.

„Herr“, rief ich. Er drehte sich um.

„Wer war der alte Meister?“

„Frage nie nach Verbotenem. Du wirst es erfahren, wenn es an der Zeit ist.“

Ich war wieder allein.


*


Klaris versorgte mich wirklich pfleglich. Sie kümmerte sich darum, dass ich nur das Beste aß, schüttelte mehrmals täglich meine Kissen auf, sorgte für frische Wäsche und las mir jeden Wunsch von den Augen ab.

Da ich von Natur aus ungeduldig war, versuchte ich bereits am nächsten Tag, meine Kräfte wieder zu sammeln und anzuwenden. Ich wollte wissen, ob mein Ausflug schädliche Folgen hatte. Zufällig geriet ich beim planlosen Tasten an Klaris und zog mich erstaunt zurück. Ich hatte gespürt, dass ihr Geist ebenfalls eine besondere Art von Kraft besaß. Doch scheinbar wusste sie nichts davon. Für mich hatte dieser Versuch positive Folgen, denn die Lebenskraft von Klaris übertrug sich auf mich und lud mich mit frischer Energie auf. Ich saugte förmlich ihre Mentalenergie in mich auf. Ich wurde schnell stärker.

Vorsichtig nahm ich meine Arbeit wieder auf. Darras behandelte mich, als wäre nie etwas geschehen. Und nach ein paar Tagen erschien mir diese ganze Reise wie ein Alptraum.

Schon bald war ich wieder voll und ganz eingespannt in meine täglichen Pflichten. Doch immer, wenn ich spürte, dass ich mit meinen Kräften nicht genügend haushalten konnte oder mich ganz einfach nur abgespannt fühlte, suchte und fand ich die Aura von Klaris. Immer wieder lud ich mich neu daran auf, es war fast, als könnte ich meine Überlastung auf sie abwälzen. Sie merkte offensichtlich auch nichts davon, doch ich hatte ein schlechtes Gewissen. Wie konnte ich ein unwissendes Kind zum mentalen Blitzableiter machen? Meine Selbstvorwürfe hinderten mich trotzdem nicht, sie regelrecht auszusaugen.


*


Eines Morgens kam ein Bauer zu Darras. Es war üblich, dass der Obere Leute empfing, die Rat und Hilfe suchten, so etwas kam alle Tage vor. Hier schien es aber etwas anderes zu sein. Der Mann war ärmlich, aber gut gekleidet, verlegen stand er im Arbeitszimmer, deutlich eingeschüchtert von der für ihn fremden Umgebung. Trotzdem sah er nicht so aus, als hätte er die üblichen Probleme, wie krankes Vieh oder dergleichen.

Darras grüßte ihn freundlich wie alle Besucher und fragte, was er für ihn tun könnte. Nervös drehte der Mann seine Mütze in der Hand.

„Herr, Euer Gnaden, wir brauchen dringend Hilfe. In unserem Dorf ist eine schwere Krankheit ausgebrochen. Und es gab bis jetzt niemanden, der helfen konnte. Schon viele Leute liegen im Sterben. Wenn Ihr uns nicht helft, gibt es bald kein Dorf mehr. Euer Gnaden, bitte helft uns!“

Seine Stimme klang flehentlich und verzweifelt. Darras hatte längst seine Gedanken sondiert und überlegte jetzt nicht lange.

„Eorin, sage Ogenas, er soll eine Hilfstruppe zusammenstellen. Er weiß dann schon Bescheid. Wir kommen“, wandte er sich dem Bauern zu. „Geh jetzt in die Küche und lass dir etwas zu essen geben. Es dauert nicht lange, bis wir aufbrechen.“

Ich verließ den Raum und überbrachte Ogenas die Botschaft. Dieser schien für solche Notfälle genaue Anweisungen zu besitzen, denn er schickte mich sogleich weiter, einigen Brüdern Bescheid zu geben und in der Küche Proviant einpacken zu lassen.

Nach kurzer Zeit waren alle abmarschbereit.

Ich wollte mich an meine Arbeit zurückziehen, da stand Darras vor mir.

„Wir gehen mit“, entschied er.

Ich hatte mir abgewöhnt, mich über etwas zu wundern und packte ein paar Sachen.

So machten wir uns auf den Weg. Und wer es noch nie gesehen hat, glaubt nicht, welches Tempo angeschlagen wurde, ohne dass wir etwas von unserer Würde verloren.

Aus den Erzählungen des Bauern kristallisierte sich ein Verdacht, und die Brüder begannen unterwegs bestimmte Pflanzen zu suchen, die sie am Abend aufbereiteten. Ich wusste noch nicht, um was es sich handelte, darin fehlte mir noch die Erfahrung. Darum sah ich aufmerksam zu, was die Brüder taten, es war eine glänzende Gelegenheit, mehr zu lernen. Ich konnte nicht mehr als Handlangerdienste leisten, doch auch da tat ich mein Bestes.

Am nächsten Abend erreichten wir das betroffene Dorf. Dort erwartete uns großes Klagen. Allein an diesem Tag waren fünf Menschen der rätselhaften Krankheit erlegen.

Ohne langes Fragen verteilten sich die Brüder und sorgten dafür, dass ausnahmslos jeder erst einmal mit dem Kräuterextrakt versorgt wurde. Besonders betroffen waren alte Leute und kleine Kinder, die sich kaum gegen eine solch heimtückische Krankheit wehren konnten. Ich sah, wie sich die Gesichter der Brüder von Mitleid zu Abscheu veränderten, als sie das ganze Ausmaß der Epidemie erfassten. Ich wusste immer noch nicht, worum es hier ging, traute mich aber auch nicht zu fragen, um niemanden von der Arbeit abzulenken.

Darras nahm mich mit zum Brunnen.

„Hast du Durst, Herr?“, fragte ich und ließ den Eimer hinunterfallen.

„Nein. Es sei denn, ich wollte auch krank werden.“

Verschreckt sah ich ihn an, plötzlich verstand ich.

„Ja, das Wasser ist vergiftet. Und das kommt sicher nicht von allein. Wir werden uns umhören müssen, wenn es niemand aus dem Dorf war. Das können wir in diesem Fall wohl ausschließen. Brunnenvergifter sind das letzte Gesindel.“

Das war es also. Jetzt verstand ich auch, wie die Krankheit so rasch hatte um sich greifen können und das ganze Dorf befallen.

„Hol ruhig einen Eimer voll herauf. Ich werde es dir zeigen“, sagte Darras grimmig.

Ich kurbelte das Seil hoch. Das Wasser sah aus wie immer, es roch auch normal. Ich probierte vorsichtig ein bisschen, spuckte es aber gleich wieder aus. Es schmeckte leicht bitter.

„Es fällt vermutlich kaum auf“, meinte Darras. „Diese leichte Bitterkeit kann auch von verschiedenen Erdschichten und Mineralien herrühren. Leider wissen wir es jetzt besser. Ich hoffe, wir können die anderen noch retten.“

Um dies zu tun, verwandten wir alle unsere Kräfte in den nächsten Tagen. Wir versorgten die Kranken, sofern kein halbwegs Gesunder mehr in dem Hause war, brauten Kräutersude und kümmerten uns auch um das Vieh. Das konnte schließlich nicht verhungern. Glücklicherweise hatte das Vieh immer aus dem durch das Dorf fließenden Bach getrunken. Sonst hätten wir uns damit auch noch belasten müssen.

Um die Menschen zu versorgen, holten wir auch jetzt das Wasser aus dem Bach, kochten es aber ab, bevor jemand davon trank. Darras bestand darauf, um weitere Krankheiten abzuhalten, die durch Keime entstehen konnten. Und bei allem, was wir taten, fragten wir nach Hintergründen, Verdächtigungen, Klatsch und Tratsch. Uns interessierte alles, was wir in Erfahrung bringen konnten.

Jeden Abend, nach einer improvisierten Andacht, berichteten wir Darras alles, was wir erfahren hatten. Er hatte dann die schwere Aufgabe Unwichtiges herauszufiltern, um eine Spur zu finden. Ich stellte es mir unglaublich schwer vor, denn das meiste war wohl unbrauchbar. Wenn die Sache nicht so tödlich ernst gewesen wäre, hätte man sicher viel über das Gerede lachen können, wer auf wen ein Auge geworfen hatte, wer wen betrogen hatte, es war unglaublich, was in einem so kleinen Dorf alles anfiel.

Nach zwei schweren Wochen, in denen wir kaum eine ruhige Minute hatten, waren die meisten der Erkrankten wieder auf den Beinen und konnten sich selbst versorgen.

Dann kündigte sich hoher Besuch an. Der Landlord kam mit seinen Söhnen und einem protzigen Gefolge, um sich aus erster Hand berichten zu lassen. Darras verschwand nach einer kühlen Begrüßung mit dem hohen Herrn in einem der Häuser, wo sie ungestört reden konnten.

Es dauerte lange, sehr lange.

Die Söhne wurden unruhig und begannen aus Langeweile mit den Mädchen zu schäkern, die sich mit den übrigen Dorfbewohnern auf dem Marktplatz versammelt hatten, und scheu ihre Gesichter verbargen, sobald sie angesehen wurden. Der jüngste Sohn tat sich besonders hervor, die Mädchen in Verlegenheit zu bringen. Er drängte sich regelrecht auf und lachte gemein, wenn sie sich abwandten. Ich fand ihn äußerst unsympathisch. Er sah seiner Meinung nach phantastisch aus, aber ich fand ihn einfach zu schön und zu eitel. Und ich verstand nicht, woher er die Frechheit nahm, so aufzutrumpfen. Ich sondierte kurz seine Gedanken, was mir nicht ausdrücklich verboten war, und fühlte Abscheu und Ekel in mir aufsteigen.

Endlich kamen Darras und der Landlord zurück. Letzterer war grau im Gesicht, und sein vorher so gestraffter Körper war zusammengesunken, mit jedem Schritt drückte er Verzweiflung und Angst aus. Er stellte sich vor die Menge und begann zu sprechen, seine Stimme war brüchig, und was er sagte, klang schrecklich.

„Ihr Leute, es fällt mir schwer, euch das jetzt hier zu sagen, doch hat Darras, der Obere der Gemeinschaft, mir klare Beweise vorgelegt. Ihr alle seid betroffen durch den vergifteten Brunnen. Fast jeder hat von diesem Wasser getrunken. Es sollte aber nur Rache an einem jungen Mädchen genommen werden. Sie ist unter den Toten zu beklagen. Ihr werdet euch fragen, wer dieses todeswürdige Verbrechen begangen hat. Ich kenne den Täter und kann es nicht glauben. Mein eigener Sohn...“

Die Stimme erstarb. Doch auch, wenn er weiter gesprochen hätte, wäre jedes Wort in dem ausbrechenden Tumult untergegangen.

„Hängt ihn auf! - Schlagt ihm den Kopf ab! - Schmeißt ihn in den Brunnen!“

Es gab ein Handgemenge, als alle versuchten, sich auf ihn zu stürzen, nachdem er versucht hatte, durch eine rasche Fluchtbewegung wegzulaufen. Ich hatte seine Gedanken gelesen und war gewarnt. Er musste ordentlich abgeurteilt werden. So griff ich ein, stellte mich rasch neben ihn und schuf eine unsichtbare Mauer, durch die ihn niemand angreifen konnte. Außerdem konnte er so nicht fort, er war wie in einem Käfig eingesperrt.

Darras hatte endlich für Ruhe gesorgt. Mürrisch und Fäuste schüttelnd standen die Dorfbewohner um uns herum.

„Ihr habt gehört, was euer Landlord zu euch sagte. Dieser, sein jüngster Sohn, auch wenn er des schlimmsten aller Verbrechen schuldig ist, hat das Recht, von einem ordentlichen Gericht abgeurteilt zu werden. Und er wird ebenso die Möglichkeit und das Recht haben, seine Gründe darzulegen. Diese entscheiden dann über die Schwere des Urteils, ob er schnell und friedlich stirbt oder lange büßen muss. Er wird hier und jetzt sofort vor Gericht stehen, hier am Ort des Unheils, das er über euch gebracht hat. Der Richter wird, wie es ihm zukommt, der Landlord sein. Einer aus eurer Mitte und ich bilden die Beisitzer. Wählt jetzt jemanden, der euch vertritt und lasst uns keine Zeit verschwenden.“

Die Leute schoben ohne lange Beratung eine Frau vor.

„Dorania soll für uns richten. - Sie ist die Klügste. - Sie wird gerecht sein.“

„Dorania also“, murmelte Darras. „Eorin, bring den Mann jetzt her. Und ihr, Leute, macht ein wenig Platz.“

Der Landlord hatte sich mittlerweile wieder soweit gefasst, dass er ruhig sprechen konnte. Sein Gesicht war jedoch eine starre Maske. Er tat mir leid. Er war gezwungen, sein eigenes Kind dem Tod zu überantworten. Eine andere Strafe gab es nicht.

„Gibt es etwas, was du zu deiner Verteidigung vorbringen kannst?“

Ich betrachtete den jungen Mann genauer, hielt aber den Schutzschild noch immer aufrecht. So hatte er keine Möglichkeit zu fliehen, falls er das vorhaben sollte. In seinem Gesicht regte sich kein Muskel. Seine Haut war kalkweiß, er kannte ebenso wie alle anderen den Urteilsspruch.

Ich fragte mich, was er wohl schon alles angerichtet hatte, in dem Glauben, als Sohn eines Adligen könne ihm nicht viel passieren. Doch hier war er absolut zu weit gegangen. Er straffte den Rücken und sah seinem Vater voll ins Gesicht.

„Ich wollte dieses Mädchen. Sie wollte mich nicht. Ich habe mich gerächt. Das ist alles.“

Er sprach ruhig, aber knapp, als rede er über das Wetter. Ich war empört, mir war übel, und ich hätte ums Haar meine Konzentration vernachlässigt. Es traf mich jedoch ein warnender Impuls, gleichzeitig eine freundliche Unterstützung von Darras. Gleich hatte ich mich wieder gefangen.

„Du gibst also zu, das Leben vieler Menschen gefährdet zu haben, sogar getötet zu haben, nur um verschmähter Liebe willen? Du Holzkopf! Hättest du sie genommen, das könnte man in Ordnung bringen, es wäre schließlich nicht das erste Mal. Aber einen Brunnen vergiften! Nein! Ich muss über dich die Schlimmste aller Strafen verhängen. Du wirst in den vergifteten Brunnen eingemauert.“

Der Landlord war rot vor Zorn und hatte das Urteil, ohne sich mit seinen Beisitzern abzusprechen, gefällt. Niemand widersprach. Darras sah befriedigt aus.

Es geschah, wie im Urteil angeordnet. Die Dorfbewohner schafften blitzschnell die notwendigen Utensilien herbei und rührten Mörtel an. Der junge Mann wurde in den Wassereimer gesetzt, nachdem man ihm die Hände auf dem Rücken zusammengebunden hatte, und fast bis zum Wasserspiegel hinuntergelassen. Das Letzte, was ich von ihm sah, war sein ungläubiger Blick, mit dem er seinen Vater anstarrte, als könne er nicht glauben, was mit ihm geschah.

Der Landlord verließ auf der Stelle mit seinem Anhang das Dorf. Die Leute zerstreuten sich. Es gab keinen Grund zum Jubeln, nur weil man den Täter entsprechend bestraft hatte. Es hatte zu viele Opfer gegeben.


*


Wir machten uns am nächsten Tag auf den Heimweg. Am Abend lag ich lange wach, starrte auf die Sterne und versuchte zu vergessen.

„Tut er dir leid?“, fragte Darras leise.

„Der Vater? Er musste seinen Sohn töten. Es ist schrecklich.“

„Er muss dir nicht Leid tun. Er hätte selbst schon oft den Tod verdient. Die Menschen interessieren ihn nicht. Sie sind nur Arbeitsmaterial, um seinen überhöhten Lebensstandard zu halten. Als Wesen sind sie für ihn weniger wert als Vieh. Und aus diesem Jungen wäre weiter nichts geworden als ein Schmarotzer mehr. Du verschwendest dein Mitleid.“

„Soll ich urteilen? Ich sah einen Vater, der seinen Sohn tötete, weil es vom Gesetz so bestimmt ist.“

„Du sahst einen Verbrecher, der einen anderen Verbrecher einem gerechten Urteil zuführte. Nur leider konnten wir nicht beide bestrafen.“

„Ist das nicht voreilig? Du hast mich gelehrt, dass jedes Unrecht sich früher oder später selbst richtet. Und ist es nicht eine Strafe für ihn, wenn er sein eigenes Fleisch und Blut umbringt?“

Darras lachte leise.

„Deine rhetorischen Fähigkeiten habe ich auch geschult, wie ich merke. Natürlich hast du in gewisser Weise Recht. Doch er kann immer noch Verbrechen begehen, für die wir ihn nicht zur Rechenschaft ziehen können. Sei versichert, er hat schon wieder Unrecht im Sinn.“

Ich erwiderte nichts darauf. Ich genoss das klare Funkeln der Sterne, die samtene Luft, den weichen Hauch und das Streicheln des Windes. Die Nacht war zu schön, um zu streiten. Für Probleme war der Tag da. Auch Darras schwieg. Vielleicht schlief er schon. Doch ich hörte noch einmal seine sanfte Stimme, sie streichelte ebenso wie der Windhauch.

„Schlaf jetzt, Kind.“

Mir fielen die Augen zu.


*


Auch in den nächsten Tagen machte ich mir noch öfter Gedanken darüber, wer Recht hatte. Es blieb ein ungelöstes Problem für mich.

Aber ich hatte auch zuviel zu tun, um mich länger damit zu beschäftigen. Mein unmittelbarer Aufgabenbereich vergrößerte sich, als Bruder Ogenas krank wurde, und ich seine Aufgaben mit übernehmen musste.

Der Winter kam, und manchmal konnte ich für wenige Sekunden das Wirbeln der Schneeflocken beobachten. Die ganze Welt verschwand unter einer weißen knirschenden Decke. Stürme heulten um das Haus, und hungrige Vögel suchten nach Futter, das ihnen von den Braunen herausgestellt wurde.

Schwere, dichte Wolken verdeckten den Himmel und luden ihre Last ab. Dann kamen wieder Sonnenstrahlen, die auf dem weißen Schnee jedes Lebewesen blendeten. In allen Kaminen brannten große wärmende Feuer, und niemand musste frieren.

Dann, eines morgens, wurde ich durch den Gesang der Vögel geweckt. Der erste Schimmer des beginnenden Tages war im Osten zu erahnen, und ich stellte fest, dass der Frühling da war. Vereinzelte Schneereste lagen hier und dort herum, doch die ersten frühen Blumen hatten vorwitzig ihre kleinen Köpfe ans Licht gestreckt und boten hübsche Farbtupfer. Mir wurde plötzlich klar, dass ich gar nicht gemerkt hatte, dass das Frühjahr schon angebrochen war.

Längst waren meine Aufgaben bei Darras über das hinausgewachsen, was ich zu Anfang getan hatte. Mir war klar, dass die Katalogisierung der Bücher nur als Vorwand gedient hatte. Darras war in gewissem Sinne eigennützig. Er wollte eine gute Schülerin nicht verlieren, wollte mich in seinem Sinne erziehen und schulen. Und, aber dessen war ich mir nicht sicher, er wollte meine Kräfte unter Kontrolle halten.

Also gab es viel für mich tun zu, denn Bruder Ogenas erholte sich nur langsam, und noch immer konnte er seine Arbeit nicht aufnehmen. So erledigte ich Schreibarbeiten, erinnerte Darras an Termine, machte Notizen und vieles mehr, was ein guter Sekretär zu tun hat. Bei alldem musste ich mein Lernprogramm einhalten, denn Darras schliff mich unerbittlich. Fehler durfte ich mir nicht erlauben, er bestrafte sie unnachsichtig und nicht eben zärtlich. Es kam vor, dass ich mit brummendem Schädel und feurigen Kreisen vor den Augen den Raum verließ, nur weil ich eine Zehntelsekunde in der Konzentration nachgelassen hatte. Ruhiger Schlaf wurde für mich zum Fremdwort. Gelegentlich, wenn ich einen Blick auf mein Spiegelbild warf, sah mir ein fremdes Gesicht entgegen. Nur an meinen grünen Augen, die mir schwarzumrandet aus einem blassen Gesicht entgegensahen, und an meinen langen roten Haaren, die ich zusammengebunden trug, konnte ich mich noch erkennen.

Spät abends, wenn ich in meiner Kammer auf dem Bett lag, ging mir häufig noch so viel im Kopf herum, dass ich nicht entspannen und Ruhe finden konnte. So wurde der Mangel an Schlaf immer größer. Gleichzeitig machte ich jedoch die Entdeckung, dass sich meine Kräfte mit dem Grad meiner Erschöpfung steigerten. Ich führte es darauf zurück, dass ich noch immer die Kraft von Klaris zur Hilfestellung missbrauchte. Das war sicher nicht richtig, doch ich wusste mir nicht anders zu helfen. Von Zeit zu Zeit sah ich sie, ebenso blass und schmal wie ich. Wir hätten vom Aussehen her Schwestern sein können. Es belastete mich nicht wenig, dass ich sie benutzte, doch ich belog mich selbst, wenn ich mir einredete, es schade ihr nichts. Der Augenschein bewies mir das Gegenteil.

Eines Morgens gelang es Darras wieder einmal, mich völlig zu überraschen.

„Was hältst du davon, vorzeitig dein Gelöbnis abzulegen?“

Ich schrak zurück, hatte mich jedoch genügend in der Hand, um nicht mit einer dummen Bemerkung herauszuplatzen. So antwortete ich sehr vorsichtig.

„Das wäre eine große Ehre für mich, Herr. Doch ich glaube nicht, dass ich bereits soweit bin. Und dann wäre da noch die Frage, ob ich mich überhaupt länger verpflichten will“, packte ich verzweifelt den Stier bei den Hörnern.

Ich traute mich nicht, ihn anzusehen.

Ein bedrückendes Schweigen entstand. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und sah auf. Darras betrachtete mich mit einem Ausdruck, den ich nicht deuten konnte.

„Weißt du es wirklich nicht?“, fragte er sanft und scheinbar unendlich traurig.

Diese Frage traf mich tief. Wollte ich denn wirklich nicht hier bleiben? Ich hatte hier ein neues Zuhause gefunden, ich besaß Freunde unter den Novizen, ich liebte mittlerweile das Haus und besonders den Garten - ja, und dann war da noch dieser Mann, der da vor mir stand. Meine Gefühle zu ihm wagte ich nicht genau zu definieren. Es gab Tage, an denen ich ihn hasste, wenn er mich zwang, meine Kräfte voll auszunutzen, wenn er mir gnadenlos meine kleinen Fehler und Schwächen vorhielt, wenn mich sein Spott traf, um mich anzustacheln. Dann hasste ich ihn aus voller Seele.

Wiederum liebte ich ihn, wenn er mir half, meine Kräfte gezielt anzuwenden, wenn wir tiefe und interessante Gespräche führten, wenn er für mich sang, mich aufbaute, und wenn er mich so ansah, so wie eben jetzt.

Ein Zwiespalt von Empfindungen. Ich saß zwischen zwei Stühlen. Und dann war die größte Frage für mich: Wo sollte ich sonst hin? Es gab ja kein anderes Zuhause mehr für mich.

„Entscheide dich nicht sofort, denke darüber nach“, sagte Darras. „Aber denke gut nach. Ich möchte dich nicht verlieren. Und die Gemeinschaft braucht Menschen wie dich. Denke gut nach.“

Er entließ mich mit einer Handbewegung. Ich ging in den Garten, um meine Gedanken zu ordnen. Versunken schritt ich über die weißen Kieswege, sah die Blüten, die sich vorsichtig aus den schützenden Hüllen heraus schoben, hörte das Zwitschern der Vögel. Was sollte ich tun? Das Gelöbnis würde mich weiter binden, lebenslang. Wollte ich hier bleiben? Wollte ich als Priesterin dienen?

Ich hatte mich an dieses Leben gewöhnt. Nur schwer zu glauben, wenn ich an meine erste Zeit hier zurückdachte. Doch jetzt fühlte ich mich im Großen und Ganzen wohl, und mein Dasein hatte einen Sinn. Aber warum sollte ich mich früher als nötig binden? Es wäre nicht nur eine Bevorzugung gegenüber den anderen Novizen, wenn ich mein Gelöbnis ablegen würde, es wäre ein Triumph für Darras. Was also sollte ich tun?

Ich kam zu keinem Ergebnis. Und weil ich ständig darüber nachgrübelte, konnte ich keine Ruhe mehr finden.

Darras hatte für einige Tage eine Reise unternommen, ich war sicher, er würde meine Antwort fordern, sobald er zurückkam. Wie eine Schlafwandlerin lief ich umher, war kaum noch ansprechbar, versuchte dennoch, meine Arbeit nicht zu vernachlässigen.

Ich fühlte mich so schlapp, dass ich mich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Mühsam schleppte ich mich an meine Arbeit und hoffte inständig, niemand würde etwas merken. Ich schlug mir die Kapuze über den Kopf, um mein Gesicht etwas zu verbergen. Dummerweise war dieser Tag angefüllt mit Arbeit, die kein Ende nehmen wollte. Mehrmals war mir bereits schwarz vor Augen geworden, und ich sehnte die Glocke herbei, die zum Essen rufen würde. Ich konnte mich dann für einige Minuten ausruhen, wenn ich auf die Mahlzeit verzichtete.

Doch noch bevor es soweit war, lief ich Darras über den Weg. Er war unbemerkt am frühen Morgen zurückgekehrt, wahrscheinlich war er die Nacht über gereist. Ich hatte es vermeiden können, ihm sofort zu begegnen, aber jetzt hatte er mich gesucht, und ich hatte Pech. Es war wohl nicht mein Tag.

Schnell versuchte ich, an ihm vorbeizuhuschen, aber er hielt mich an.

„Moment, hast du schon den Brief an... Wie siehst du denn aus? Komm her, und schlag die Kapuze zurück!“

Das war ein Befehl, es gab kein Entrinnen. Prüfend, aufmerksam und besorgt musterte er mein Gesicht.

„Warum sagst du es nicht, wenn du krank bist? Wir haben ausgezeichnete Heiler, weißt du?“

Bissig war sein Ton und böse sah er mich an.

„Ich bin nur etwas müde, Herr“, versuchte ich einen Ausweg zu finden. Wenn er mich doch nur in Ruhe ließe.

„So, so. Du bist etwas müde. Und etwas erschöpft und etwas fiebrig und etwas schwach auf den Beinen. Und etwas schwanger bist du nicht zufällig auch noch? Du wirst jetzt etwas sehr schnell ins Bett gehen, und ich werde dafür sorgen, dass du darin bleibst.“

Ich wollte widersprechen, brachte jedoch kein Wort mehr heraus. Ich fühlte meine Beine unter mir nachgeben und meinen Körper schwach werden. Darras fing mich auf. Ich nahm alles wie durch einen dichten Nebel wahr, auch sein Schimpfen.

„Du hast unverantwortlich deine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. Dummes Kind, wie lange geht das schon so? Kaum ist man ein paar Tage weg, übertreibt sie es auch schon. Es gehört vielleicht Mut dazu, zuzugeben, dass man krank ist, aber den solltest du mittlerweile besitzen.“

Während er mich auszankte, trug er mich zur Krankenstation. Bruder Adolar hatte Dienst in dieser Woche, und als Darras mich vorsichtig auf der Liege ablegte, scherzte er noch gutgelaunt.

„Da ist ja unsere stürmische Schwester. Bist du gestürzt, dass der Obere sich abmüht?“

„Ich fürchte, Bruder, diesmal ist es mit kalten Kompressen nicht getan“, meldete sich Darras. „Der Fall liegt hier wesentlich ernster.“

Adolar hielt sich daraufhin zurück. Wenn der Obere persönlich die Diagnose stellen wollte, hatte ein Heiler zu schweigen.

„Sie ist hochgradig erschöpft“, erklärte Darras, während er meinen Puls fühlte und meinen Brustkorb abhorchte. „Ein Nervenfieber kommt dazu, und sie läuft schon einige Tage in diesem Zustand herum.“

Er zog meine Augenlider hoch, betrachtete meine Pupillen und meine wahrscheinlich wächserne Gesichtshaut, dann sah ich noch seine besorgten Augen, die mich fesselten.

Es wurde dunkel um mich, er schickte mich einfach ins Dunkel.



8. Kapitel

Ich war schwer krank. Dies wurde mir spätestens dann klar, als ich nach zwei Wochen noch immer nicht auf den Beinen war. Das Fieber kam und ging, an manchen Tagen fror und schwitzte ich gleichzeitig. Darras war oft bei mir. Doch Adolar hatte fürsorglich meine Pflege übernommen und wich kaum von meiner Seite. Ich mühte mich nach Kräften, mich selbst wieder aufzubauen und meine Selbstheilungskräfte anzusprechen, aber ich hatte das Gefühl, als gäbe es eine Sperre, die verhinderte, dass ich meine Kräfte nutzte. Ich wurde immer schwächer. Bald war es schon eine Anstrengung für mich aufrecht zu sitzen.

Im gleichen Maße wie die Erschöpfung nahm meine Verzweiflung zu. Sterben wollte ich noch nicht. Ich war gerade erst so weit, dass ich mein Leben sinnvoll fand. Und ich wollte etwas daraus machen. Darras kam und brachte mir eine Tasse Tee. Folgsam trank ich ihn aus.

„Eorin, es geht dir gar nicht gut. Du hast diese Krankheit verschleppt, und keine Behandlung spricht an. Ich verspreche mir nicht viel davon, aber der Ältestenrat hat beschlossen, deine Mutter zu benachrichtigen. Sie ist deine einzige nähere Verwandte, und wir sind dazu verpflichtet.“

„Nein“, sagte ich.

Er sah mich mitleidig an.

„Das lässt sich nicht verhindern. Und vielleicht hilft es doch. Angehörige können Wunder wirken.“

„Bestimmt nicht, wenn man sich von ihnen losgesagt hat. Ich will sie nicht sehen.“

„Sie kommt morgen, und sie wird dich besuchen. Also stell dich darauf ein.“

Er ging, und ich weinte.


*


Sie kam wirklich. Ich hätte nicht gedacht, dass sie überhaupt die Reise auf sich nehmen würde. Schließlich hatte sie nicht nur mich abgelehnt, sondern mich auch im Stich gelassen.

Und nun war sie da.

In einem, für meine Begriffe, vollkommen unpassenden Kleid, wie für ein Fest, wurde sie von Darras hereingeführt. Und sie fing sofort an, Theater zu spielen.

„Mein armes Kleines, was ist nur mit dir passiert? Du bist krank, und ich habe nichts davon gewusst. Es tut mir ja so leid. Wirst du hier auch gut versorgt? Bekommst du genug zu essen? Du bist ja so dünn. Kümmert man sich genug um dich?“

Fürsorglich strich sie die Falten auf meiner Bettdecke glatt und legte mir die Hand auf die Stirn, während Darras an der Tür lehnte und amüsiert lächelte.

Aus Wut beschloss ich, auf dieses grausame Spiel einzugehen.

„Vielen Dank, Mutter. Es wird für mich gesorgt, auch wenn ich manchmal Unterhaltung vermisse. Es ist so langweilig, die ganze Zeit hier liegen zu müssen, wie soll ich da gesund werden?“

Sie drehte sich um und fauchte Darras an.

„Könnt Ihr nicht dafür sorgen, dass mein armes, krankes Kind richtig gepflegt wird? Ihr sorgt wohl nur für andere, wenn es Euch etwas einbringt?“

Er sah erst etwas verblüfft aus, dann setzte er seine gewohnte Maske auf.

„Es wird dafür gesorgt werden“, murmelte er und verließ den Raum.

„So, jetzt können wir reden“, meinte meine Mutter und setzte sich neben mein Bett.

„Was hast du überhaupt? Weißt du das genau?“ Sie sprach vollkommen sachlich, fast kalt. Von übertriebener Fürsorge keine Spur mehr.

„Nervenfieber durch Überanstrengung, soweit ich weiß.“

Sie nickte.

„Ja, dein Oberer sprach mit mir, bevor er mich herbrachte. Und so, wie ich es verstehe, kennt er den wahren Grund und auch eine Möglichkeit, dir zu helfen.“

„Unmöglich. Wenn er mich hätte heilen können, hätte er es getan.“

„Er selbst kann es nicht. Das kannst nur du allein.“

„Ich? Wie denn?“

„Du bist krank, weil du ein ungelöstes Problem mit dir herumträgst. Du weißt, was ich meine? Deine vorzeitige Weihe und Bindung. Scheinbar weißt du nicht, was du wirklich willst, und dein Unterbewusstsein wehrt sich. Du musst eine Entscheidung treffen.“

„Du bist sehr gut informiert“, gab ich zu.

„Das muss ich wohl. Dieser Dorcas, oder wie er heißt...“.

„Darras!“

„Also schön, Darras. Er erzählte mir ziemlich offen, wie es um dich steht. Du bist wirklich dumm“, warf sie mir vor.

„Warum sollte ich hier bleiben?“, fragte ich zynisch.

„Warum solltest du nicht? Glaubst du vielleicht, ich würde dich bei mir aufnehmen? Ich lebe sehr gut ohne dich!“

„Das glaube ich gern. Ich hatte sicher nicht vor, dir zur Last zu fallen. Aber ich weiß noch nicht sicher, was ich tun soll.“

„Na siehst du? Du selbst bist schuld an deinem Unglück. So war es aber immer schon. Jeder wälzte seine Probleme auf mich ab. Dein Vater tat das auch immer.“

Ich konnte ihr nicht mehr zuhören. Ein dicker Kloß saß in meiner Kehle, und meine Abneigung wuchs.

„Ich bin sehr müde. Würdest du bitte gehen?“

„Natürlich. Krankenbesuche waren mir immer schon ein Gräuel. Aber du bist immerhin meine Tochter, ich konnte mich nicht dagegen wehren. Ich komme morgen wieder.“

Auch das noch. Ich atmete erleichtert auf, als sie die Tür hinter sich schloss.

Es war also mein bekanntes Problem. Ich musste eine Entscheidung treffen. Mir war bekannt, dass sich Probleme des Unterbewusstseins in Krankheiten ausdrücken können. Genau damit hatte ich zu kämpfen. Warum aber hatte Darras nicht zu mir davon gesprochen? Wollte er mich schonen, weil ich noch zu krank war? Kaum möglich. Ich wollte ihn fragen, wenn er kam.

Es dunkelte schon, als Darras mich aufsuchte. Adolar hatte dafür gesorgt, dass keine Wünsche offen blieben. Ich war also bestens versorgt.

Darras lehnte sich wieder an die Tür und sah mich an, ohne etwas zu sagen.

„Nun, ich habe eine Standpauke verdient“, sagte ich schließlich zerknirscht.

„Ja!“, Nichts weiter.

Mir wurde Angst und Bange. Was würde er tun? Sollte ich mich rechtfertigen? Ich hatte ihm ja nur zeigen wollen, wie meine Mutter in Wirklichkeit war. Dass sie ihn gleich so herunterputzen würde, hatte ich nicht geahnt.

„Ich bin da, deine Langeweile zu vertreiben. Was wünscht die Dame? Vorlesen, reden oder hast du spezielle Wünsche?“ Spott legte sich über seine Worte.

„Verzeih“, bat ich demütig. „Es war nur...“

„Ich weiß“, sagte er sanft. „Entschuldige dich nicht. Ich stelle aber fest, dass dieser Besuch deiner Mutter doch einen Sinn hatte. Du siehst richtig lebhaft aus. Was hat deine Mutter sonst noch gesagt?“

„Sie wies mich sehr nachdrücklich darauf hin, dass ich selbst schuld an meiner Krankheit sei. Und du weißt es doch auch.“

„Richtig. Ich weiß Bescheid. Wie hast du dich entschieden?“

Eine Fangfrage. Doch ich hatte mich längst entschieden. Ich würde bleiben, auch wenn ich die Folgen nicht absehen konnte. Er schien mir anzusehen, was ich dachte, oder spionierte er in meinen Gedanken?

„Es ist die einzig richtige Entscheidung, Eorin. Du wusstest es von Anfang an. Du wirst bald wieder gesund sein.“

Er setzte sich auf die Bettkante und fühlte meinen Puls.

Gleichzeitig spürte ich, wie er meinen Körper gedanklich überprüfte.

„Hast du einen besonderen Wunsch, in Bezug auf den Tag deiner Weihe, meine ich!“

„Nein, Herr. Bestimme du, da du ohnehin besser Bescheid weißt.“

Jetzt klang Ironie aus meiner Stimme. „Habe ich es dir zu verdanken, dass ich so lange hier lag?“

„Was denkst du von mir, dass ich dich krank statt gesund mache? Aber sicher war es vernünftig, dass du Zeit zum Nachdenken hattest. Wie man sieht, hat es dir gut getan.“

„Wir werden sehen“, murmelte ich ausweichend.

Am nächsten Tag machte meine Mutter ihre Ankündigung wahr, sie besuchte mich nochmals.

„Nun, geht es dir heute besser? Ich muss wieder abreisen und kann mich nicht um dich kümmern. Aber ich sehe ja, du bist in besten Händen. Dein – äh Darras, hat mir erzählt, wie du dich entschieden hast. Das war klug, würde ich sagen.“

„Vielen Dank für deinen Besuch“, brachte ich mühsam beherrscht hervor. Hoffentlich verschwand sie bald wieder.

„Ich werde natürlich dafür sorgen, dass deine Weihe zu einem richtigen Fest wird. Wir werden die Anverwandten einladen...“

„Nein, Mutter, kein Fest. Hier wird für alles gesorgt, und ich möchte niemanden sehen.“

„Gut. Wenn du so starrsinnig bist, dann lassen wir das. Ach ja, was hast du übrigens mit deinem Erbteil vor? Ich meine den Schmuck, den dein Vater dir hinterlassen hat!“

„Ich werde alles der Gemeinschaft übereignen. Ich brauche es nicht.“

„Alles?“ Sie starrte mich an. „Du musst verrückt sein. Du willst alles weggeben, auf alles verzichten? Du willst diesen Schmarotzern und Parasiten ein Vermögen in den Rachen werfen? Dieser Schmuck ist mehr wert, als der ganze Hof, und er gehört mir.“

Eiskalte Wut packte mich. Ich richtete mich etwas auf und sagte sehr leise: „Geh!“

„Aber Kind, versteh mich doch...“

„O ja, ich verstehe sehr gut.“

Mit einer schier unglaublichen Anstrengung ließ ich die Tür aufgehen und schubste sie hinaus. Ich hörte sie draußen noch schreien und zetern, aber sie traute sich glücklicherweise nicht mehr herein. Bruder Adolar, von dem Lärm angelockt, kam zu mir.

„Geht es dir gut, Schwester? Das war ja ein fürchterlicher Lärm. Ich hoffe, du erleidest keinen Rückfall. Kann ich etwas für dich tun?“

„Nein, vielen Dank. Ich möchte nur allein sein.“

„Wie du willst. Kann ich nicht doch...“

„Nein, nein, danke.“ Er ging.

In mir tobte ein Aufruhr, doch ich spürte meine Kräfte wieder. Jetzt galt es, eisern zu sein, gut zu essen, im Schlaf Erholung zu finden, und jeden Tag zu üben, um bald wieder im Vollbesitz meiner Kräfte zu sein.

Es dauerte dennoch fast drei Wochen, bis ich, ohne vor Erschöpfung rote Kreise vor den Augen zu haben, wieder arbeiten konnte. Darras war in dieser Zeit sehr besorgt um mich. Zunächst lehnte er kategorisch ab, dass ich zu früh begann, meinen Geist zu belasten. Das hinderte mich nicht zu üben, wenn er nicht dabei war. Leider bemerkte er es häufig, und nach der dritten freundlichen Warnung drohte er mir ganz offen.

„Kind, du warst lange krank, und gerade dein Geist war es, der den Anstrengungen nicht standhalten konnte. Glaubst du, wenn du ihn zu früh belastest, tust du dir einen Gefallen? Ich will nicht, dass du übst, wenn ich nicht dabei bin. Sieh es als Befehl an.“

Starrsinnig, wie ich war, schließlich wollte ich schnell meine Kräfte wieder gebrauchen, versuchte ich zu argumentieren.

„Verzeih, Herr, ich kann keinen Fehler darin finden, einige leichte Übungen zu machen. So gewöhne ich mich selbst wieder daran und weiß, dass ich nichts verlernt habe.“

„Verlernen kann man das nicht. Und du sollst mir nicht widersprechen. Zum letzten Mal, Eorin, du wirst deine Aktivitäten auf das beschränken, was ich dir erlaube. Sonst wirst du bis zu deiner völligen Genesung gar nichts mehr tun.“ Er sah mich so ernst an, dass ich sofort wusste, was er meinte.

„Ja, Herr“, flüsterte ich, von Angst vor einer Blockade erfüllt. Er hatte ja recht, es strengte den Körper zu sehr an, wenn ich meinen Geist benutzte, aber ich war glücklich, wenn ich fühlte, wie meine Kraftströme Dinge bewegten oder ich in den oberen Gedanken eines Bruders las.

Doch nach dieser massiven Drohung stellte ich alles ein, was Darras mir nicht ausdrücklich erlaubte. Ich hatte panische Angst davor, mental wieder blind und taub zu werden.

Langsam und behutsam führte Darras mich zu meiner früheren Stärke zurück, immer darauf bedacht, mich nicht zu schwächen. Und endlich, nach den besagten drei Wochen, war er zufrieden.

„Du bist wieder gesund. Führe deine Übungen allein weiter, schärfe deine Konzentration, und vertiefe dich in die Vorbereitungen auf deine Prüfung. Du warst sehr folgsam“, lächelte er.

O ihr Götter, er ahnte sicherlich nicht, wieviel Beherrschung mich diese Folgsamkeit gekostet hatte.


*


Meine Weihe fand eigentlich zweimal statt. Da ich keine dreijährige Ausbildungszeit hatte, musste ich vor dem Ältestenrat eine Prüfung ablegen. Und das war für mich persönlich die richtige Weihe, ihre Anerkennung galt mir mehr als die öffentliche Einführung.

Darras hatte mich in den letzten Tagen vor der Prüfung noch hart heran genommen, um mich einerseits vollkommen sicher zu machen, andererseits, um festzustellen, ob ich mich völlig erholt hatte. Die Prüfung selbst war dann leichter, als ich angenommen hatte. Ein mündliches Abfragen über Kenntnisse bei Krankheiten und ihre Heilung erstreckte sich über einige Stunden, ebenso die Beherrschung der Kraft, um Dinge zu bewegen oder Gedanken zu lesen. Das alles waren jedoch nur die Vorbereitungen auf das Wichtigste, die Beherrschung des Gesangs. Da bestimmte Tonfolgen vorhersehbare Folgen haben, wird auf dieses Können großer Wert gelegt.

Ich hatte mir schon in der Vorbereitung ein Lied ausgesucht, das von der Sehnsucht nach weiten Welten sang, von denen wir wussten, dass es sie gibt, die aber noch nie jemand gesehen hat, von denen dennoch viele träumen.

Mit gemischten Gefühlen begann ich, vor Aufregung doch ein bisschen unsicher. Aber dann entführte ich die Brüder, zog sie mit in die Weiten der Sternenwelt, die wir nur so klein erfassen, ließ sie verweilen bei den majestätischen Sonnen, der Weite des Universums, in der wir so klein sind, den blauen und roten Planeten und auch der Kälte, die dort herrscht, und in der wir ein warmes Herz beweisen, und dann brachte ich sie langsam zurück in unsere Welt, unsere Gemeinschaft. Sie hatten vorgehabt, es mir leicht zu machen, doch das war gar nicht nötig gewesen. Nachdem sie sich für meine Impulse geöffnet hatten, beherrschte ich sie alle, und sie folgten willig.

Nach der Rückkehr war ihnen die Erregung anzusehen. Es geschah nur sehr selten, dass eine so junge Schwester nach so kurzer Ausbildungszeit einen so hohen Wissenstand erreichte. Sie umarmten mich feierlich, und ihre Bewertung fiel eindeutig und einstimmig aus.

Anschließend gingen sie; ich dachte, ich wäre allein, doch da hörte ich die Stimme von Darras.

„Das war eine reife Leistung“, sagte er anerkennend.

„Das verdanke ich dir. Alles. Ich möchte dir danken. Wie kann ich das?“

„Sei auch weiterhin meine Schülerin, mein Akoluth für all das, was du noch nicht gelernt hast!“

„Und was muss ich tun?“

„Das wirst du sehen. Ich habe noch eine Belohnung für dich.“

„Eine Belohnung?“

„Ich möchte, dass du mit mir reist.“

„Wohin?“

„Jetzt und hier. Du erinnerst dich an den alten Meister?“

Ein kalter Schauder lief mir über den Rücken. Sollte das meine Belohnung sein? Ich versteifte mich.

„Muss ich?“

Ernst sah er mich an. „Nein, du musst nicht, und ich will dich nicht zwingen. Doch glaube mir, dass du und ich viel von ihm lernen können, wenn er bereit ist, uns von seinen Geheimnissen und Kenntnissen etwas zu verraten. Deine Belohnung kann nur in weiteren Fähigkeiten bestehen, wenn du bereit bist, sie aufzunehmen.“

„Wer ist er?“

„Rakvor? Ich weiß es nicht. Ich habe bisher auch nur Vermutungen angestellt. Bei einem meiner Ausflüge traf ich auf ihn. Ich stellte fest, dass deine Kraft bei einer entsprechenden Ausbildung noch stärker sein kann als meine, und ich will, dass du von ihm lernst.“

„Wenn du es willst, Herr“, sagte ich leise.

„Nein, Eorin, kein Befehl. Ich nahm dich mit, um dich mit ihm vertraut zu machen. Du solltest seine Kraft spüren, und die Entstehung dieser Macht.“

„Das war dann die Alptraumreise.“

„Ja. Und du bist ausgerissen“, lächelte er. „Willst du es noch einmal versuchen?“

„Ich habe Angst.“

„Bleib bei mir und habe Vertrauen.“

„Ich will es versuchen.“

Wir setzten uns, und ich versuchte, mich zu entspannen. Das war nach den vorhergegangenen Prüfungen nicht ganz einfach, denn ich stand noch immer unter einer starken Anspannung. Darras bemerkte es und ging darauf ein. Eine leise Tonfolge erklang, legte sich auf mich wie ein seidener Schleier, hüllte mich ein in Geborgenheit und Wärme. Ich fühlte meinen Geist ruhiger werden, die Erregung klang ab, ich stimmte mich völlig auf meinen Führer ein, folgte seinen intensiven Schwingungen, ließ mich vertrauensvoll von ihm leiten. Unter uns lag wieder die Welt der Menschen, die uns in unserer jetzigen Zustandsform nicht erfassen konnten. Bald kamen wir wieder zur Burg.

Genau wie damals saß der alte Meister in seinem Saal. Es schien sich nichts geändert zu haben. Noch immer flackerten die Kerzen und knisterte das Feuer.

„Hast du die Frau mitgebracht?“, spürte ich ihn fragen. Wieder schien er genau erfasst zu haben, dass Darras anwesend war. Ich fragte mich, wie oft mein Oberer diese Reise wohl schon unternommen hatte.

„Ach ja, da ist sie“, erklang die Fistelstimme. „Bist du immer noch so ängstlich, oder kannst du jetzt die Kugel benutzen?“

„Ich will es tun“, erwiderte ich eingeschüchtert.

Er hielt mir die Kugel vor. Wieder sah ich milchige Schemen, die Formen bildeten, wieder machte sich in mir ein Gefühl von Unrecht breit. Aber ich konzentrierte mich auf das, was da erschien, und schob alle anderen Gedanken beiseite.

Ich blickte in eine Kammer, kahl, düster, ohne Fenster, dennoch war es nicht dunkel. Auf einem Podest lag ein Schwert. Eine wundervolle Waffe, edelsteinbesetzt und funkelnd im Widerschein der roten Klinge. Eine rote Klinge?

Nein, nicht ganz. Von der scharfen Spitze bis zur Hälfte der Schneide glühte sie dunkelrot. Was hatte das zu bedeuten?

Sie schien mich magisch anzuziehen, als verlangte sie von mir, sie zu benutzen. Sie lockte mich, näher zu kommen, sie anzufassen und in einem wilden Rausch zuzuschlagen. Mühsam wehrte ich mich. Immer weiter zog sie mich näher, und dann schien sie eine Drohung auszustrahlen. Eine Drohung von Wahnsinn, Gewalt und Vernichtung.

Vor meinem geistigen Auge verschwand die Kammer, und ich sah den alten Meister wieder vor mir. Trauer befiel mich, warum hatte er mich von der Waffe weggeholt? Sie, die Erfüllung aller Träume von Macht und Beherrschung?

Und dann kam der Schock. Mit einemmal wusste ich, es war Unrecht, diese Waffe besitzen zu wollen, es war Unrecht, sie auf diese Weise aufzusuchen, sie würde geweckt werden.

Aber Darras hatte es mir doch erlaubt. Was konnte daran Unrecht sein? Ich beschloss, später darüber nachzudenken.

„Hast du SIE gesehen?“, fragte die krächzende Stimme des Alten. „Hast du Mandara, die Heilige Klinge gesehen?“

Verwirrt gab ich es zu.

„Glühte sie? Wie weit? Sag es mir! Wie weit glüht die Schneide?“

„Bis - bis zur Hälfte ungefähr.“

„Schlimm, sehr schlimm. Geht jetzt, geht. Ihr werdet Nachricht erhalten.“

Darras zog sich zurück, ich mit ihm. Diesmal versuchte ich nicht, mich von ihm zu lösen, sicher brachte er uns zurück in unsere Körper. Dann wurde es dunkel um mich.

Ich erwachte am nächsten Morgen, angezogen auf meinem Bett liegend. Darras saß dösend daneben. Als ich mich bewegte, erwachte er.

„Bist du in Ordnung?“ Besorgnis spiegelte sich in seiner Stimme.

„Ja, schon gut. Was war los?“

„Du warst bewusstlos. Die Reise hat dich doch sehr mitgenommen. Aber du hast durchgehalten. Du bist bei mir geblieben.“

„Herr, es war doch nicht richtig. Ich habe es wieder gespürt. Und noch einiges mehr.“

„Bist du sicher? Ich konnte nichts von dem erfassen, was vorging. In der Kugel bist du abgeschirmt.“

„Ich weiß es. Es ist schrecklich.“

„Wir reden später darüber. Ruh dich heute aus, du hast wahrhaftig viel geleistet.“

Er ging. Mein suchender erschöpfter Geist fand Klaris und lud sich daran auf. Ich spürte, wie neue Kraft mich durchströmte. Doch dann merkte ich plötzlich, wie der mentale Zustrom immer schwächer wurde. Was war los mit Klaris? Hatte sie etwas gemerkt und blockte sich vielleicht unbewusst ab?

Oder war ihr etwas passiert? Wo konnte ich mich erkundigen? Ich überlegte fieberhaft.

O ja, ich würde mich freiwillig auf der Krankenstation melden. Wenn es einen Ort gab, an dem ich es erfahren konnte, dann dort. Hastig zog ich mich um und ging.

Zufällig hatte Satris Dienst. Ich bot ihr meine Hilfe an, was sie auch ohne Fragen akzeptierte.

„Gerade vor ein paar Minuten haben wir einen Notfall bekommen. Du kannst gleich mithelfen.“

Meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten sich, es war Klaris. Sie lag totenbleich auf einer Liege, und eine Dienerin war damit beschäftigt, ihre Kleidung zu öffnen. Ich fühlte den Puls des Mädchens, strich mit den Händen über den Körper und tastete nach innen. Ihre Lebenszeichen waren sehr schwach.

Die Dienerin jammerte.

„Es kam ganz plötzlich. Sie lachte mit uns, und dann wurde sie auf einmal blass und brach zusammen.“

„Schon gut“, beschwichtigte Satris, „wir kümmern uns um sie.“

Behutsam schob sie die noch immer jammernde Frau hinaus. Dann untersuchte sie Klaris.

„Nichts zu finden. Kein Hinweis auf eine körperliche Krankheit. Und eine Überarbeitung lassen wir nicht zu, wie du weißt. Ich bin ratlos“, gab Satris zu.

Ich bereitete einen Tee, den wir ihr Löffel für Löffel einflößten. Dann blieb uns nichts weiter zu tun als zu warten.

In der Nacht starb Klaris, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Erst nach ihrem Tod konnte Satris den Körper auf innere Defekte untersuchen, und dabei stellte sie fest, dass das Mädchen ein äußerst schwaches Herz besessen hatte. Jede Anstrengung war zuviel für sie gewesen.

Mir war flau. Ich fühlte mich unendlich elend, denn sicher war ich schuld an ihrem Tod. Ich hatte sie ausgesaugt und immer weiter geschwächt und schließlich den letzten Lebensfunken abgezogen. Ich wankte aus dem Zimmer und lehnte mich draußen an die kühle Wand. Tränen schossen aus meinen Augen.

Ich war schuldig. Schuldig!

Ich ging in meine Kammer, blind vor Tränen. Dort wurde ich erwartet, von einem zornigen Darras.

„Wo warst du?“

„Auf der Krankenstation?“

„Was hast du dort gemacht? Geht es dir nicht gut?“ Ganz sanft war seine Stimme, aber deshalb umso gefährlicher für mich.

„Ich habe Satris geholfen. Heute Nacht ist ein junges Mädchen gestorben.“

„Solltest du nicht ausruhen?“

„Ja.“

Mehr zu sagen war sinnlos. Und ich konnte ihm nichts erzählen von meinen Schuldgefühlen.

„Woran starb sie?“

„Wir wissen es nicht genau. Sie hatte einen Fehler im Herzen.“

„Und das geht dir so nah, dass du weinst?“

„Sie war noch so jung. Klaris, eine Dienerin. Sie hatte mich gepflegt.“

„Ich will gar nicht wissen, wie du auf die verrückte Idee gekommen bist, in die Heilerstation zu gehen, gegen meinen ausdrücklichen Befehl. Aber sag mir, was hattest du mit dem Mädchen zu schaffen?“

„Ich mochte sie.“

„Eine sehr einleuchtende Erklärung“, meinte er sarkastisch. „Aber ein wenig unglaubhaft. Findest du nicht?“

Ich schwieg und verbiss mir die Tränen, die erneut hervorbrachen.

„Leg dich wieder hin. Du wirst heute den ganzen Tag nicht aufstehen. Und glaub mir, ich prüfe nach.“

„Ich werde gehorchen“, sagte ich leise. Ich war plötzlich so müde, so unendlich müde. Meine Augen fielen mir zu, noch bevor ich mich ausgekleidet hatte.

Ich bemerkte nicht mehr, dass Darras mich vorsichtig ins Bett packte und zudeckte.


*


Auch wenn ich sage, dass meine Prüfung vor den Ältesten wichtiger für mich war als meine öffentliche Einführung als Priesterin, so kann ich nicht einfach darüber hinweggehen. Denn dieses Erlebnis ist für jedes Mitglied der Gemeinschaft einmalig.

Mit Gewalt verdrängte ich die düsteren Erinnerungen und bereitete mich geistig auf die öffentliche Weihe vor. Schon früh am Morgen betrat Schwester Satris meine Kammer.

„Ich werde deine Patin sein, wenn du erlaubst, Schwester“, sagte sie freudig erregt. „Der Obere kann diese Aufgabe nicht übernehmen, da er der Weihende ist.“

„Ich danke dir herzlich, Herrin“, sagte ich. „Es ist eine große Ehre für mich.“

Sie strich mir sanft über das Haar.

„Du bist sicher sehr aufgeregt, ich werde dir beim Einkleiden helfen.“

Eine Dienerin stand bereit und hielt das formelle Gewand über dem Arm. Es war leuchtend blau, mit goldenen Stickereien an den Säumen. Es sollten Symbole sein, älter als die bekannte Geschichtsschreibung. Ehrfürchtig betrachtete ich das Gewand, traute mich kaum, mit den Fingern darüber zu streichen.

„Komm, es wird Zeit“, mahnte Satris. Unbegreiflicherweise begann ich plötzlich zu zittern. Am liebsten wäre ich davongelaufen.

„Aber was ist denn mit dir? Du bist ja ganz blass und zitterst, Schwester. Ist dir nicht gut?“ Satris war ganz aufgeregt.

„Es ist nicht weiter schlimm, nur Nervosität“, versuchte ich sie zu beruhigen.

Ich ließ mir das Gewand anlegen, es war furchtbar schwer und schrecklich steif. Satris richtete mir die Haare. Statt des übliches Pferdeschwanzes trug ich heute das Haar offen, nur mit goldenen Spangen an den Seiten gehalten. Satris betrachtete mich ehrfürchtig. Ob sie jetzt zurückdachte an ihre eigene Weihe, bei der sie das gleiche Gewand getragen hatte?

Wir gingen langsam durch die Gänge, bis wir vor den großen Flügeltüren standen. Satris klopfte gegen das Holz. Es klang dumpf, dann schwangen die Türen lautlos auf.

Drinnen war die ganze Gemeinschaft versammelt, alle schauten mir entgegen, erwartungsvoll, freudig, aufgeregt.

Doch ich sah nur einen - Darras.

Er saß an seinem Platz, stand aber auf, als er mich erblickte. Satris führte mich zwischen den Novizen hindurch bis nach vorn. Am Fuß der Stufen blieben wir stehen.

„Wer bringt diese Schwester? Wer spricht für sie?“, fragte Darras ganz formell.

„Ich, Satris von Arkanon, führe diese Frau vor die Gemeinschaft“, sprach die Schwester klar und laut.

„Und was ist euer Begehr?“

„Ich bitte dich, sie aufzunehmen in den Kreis der Priester, die ihr Leben dem Dienst an allen Menschen geweiht haben. Ich, Satris von Arkanon, übernehme in deinem Namen, Darius von Ambrid, die Patenschaft über Eorin, Tochter des Brianos von Delkagon, und lege die Verantwortung in die Hände des Oberen.“

Darras schaute mir voll ins Gesicht. Ich dachte, er müsste mein Herz klopfen hören. Doch ich ließ mir nichts anmerken.

„Tritt näher, Eorin von Delkagon“, sagte er.

Ich schritt die Stufen empor.

„Ist es dein unabänderlicher Wille, der Gemeinschaft zu dienen, den Mitgliedern eine liebende Schwester zu sein, deine Pflichten zu erfüllen und die Regeln zu achten? Bist du bereit, den Menschen zu entsagen, mit allen deinen Kräften für das Wohl der Gemeinschaft einzustehen, allen Befehlen deines Oberen zu folgen und diesen Entschluss bis an deines Lebens Ende einzuhalten?“

Es entstand eine Pause, bevor ich antwortete. Rasend liefen in meinem Gehirn viele Bilder ab, die Kindheit, die Anfänge hier, Gesichter, Ereignisse. Mein Mund war trocken, mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen die Rippen, und meine Hände waren feucht.

Darras schaute mich an. In seinem Blick konnte ich viel lesen, Mitgefühl, Erwartung, etwas Spott und - Ungeduld. Ich riss mich zusammen.

„Ja, das ist mein Wille“, erklärte ich dann mit fester Stimme.

„Knie nieder“, befahl der Obere.

Er legte seine Hände auf meinen gesenkten Kopf.

„So es dein Wille ist, nehme ich dich als geliebte Schwester in unsere Gemeinschaft auf. Du hast fürderhin alle Rechte und Pflichten einer Priesterin und bist berechtigt, die schwarze Kutte in Ehren zu tragen.“

Seine Hände wurden plötzlich ganz heiß. Feurige Ströme schienen aus ihnen heraus in meinen Kopf zu fließen. Gedanken flossen über, aber auch die Befriedigung, die er empfand.

Das Ganze war so schrecklich feierlich, dass es komisch wirkte. Am liebsten hätte ich laut losgelacht, und es fiel mir schwer, ein Kichern zu unterdrücken.

Darras zog mich aus meiner knienden Stellung empor und umarmte mich.

„Wenn du jetzt lachst, bringe ich dich eigenhändig um“, flüsterte er mir ins Ohr.

„Musst du nicht lachen?“, fragte ich zurück.

„Das heben wir uns für später auf. Jetzt geh und benimm dich“, gab er zurück.

Zusammen mit Satris verließ ich die Halle der Besinnung, kehrte zurück in meine Kammer und zog endlich zum ersten Mal die schwarze Kutte an.

„Ich bin sicher, du wirst eine hervorragende Priesterin sein“, sagte Satris glücklich.

Wie gut, dass sie meine Gedanken im Augenblick nicht las. Sie hätte ihre Meinung über mich sicherlich ganz schnell geändert.



9. Kapitel

Wenn ich nun gedacht hatte, ich würde fest umrissene Aufgaben übernehmen, so hatte ich mich getäuscht. Als frischgebackene Jungpriesterin ging das Lernen weiter. Niemand hatte mir bisher erzählt, dass zu der Ausbildung auch das Studium der Sterne gehörte, das Erlernen des Harfespiels, das Wissen um die Gesetze, ja sogar die Alchimie.

„Es ist für die Novizen nicht wichtig, erst als Priester musst du mehr wissen und dieses Wissen nutzbringend anwenden“, erklärte Darras auf eine entsprechende Frage.

„Aber das Harfespiel“, fragte ich, „ich habe noch nie jemand darauf spielen hören, seit ich hier bin. Wie kommt das?“

„Ganz einfach. Wir spielen als Priester nur einmal im Jahr, und dabei sind die Novizen nicht zugelassen. Am Tag des Geheimen Wissens. Aber natürlich üben wir regelmäßig und versuchen, auch in dieser Fähigkeit vollkommen zu werden.“

Ich erinnerte mich. Der Tag, an dem das „Verehrungswürdige“ enthüllt wurde.

„Herr, ich möchte etwas fragen“, bat ich.

„Sprich“, forderte er mich auf.

„Ich habe bei deiner Einführung ein gesticktes Wappen gesehen, wunderbar gearbeitet, mit vielen Zeichen darauf, deren Bedeutung ich nicht verstehe. Kann ich eine Erklärung dafür bekommen?“

„Schon wieder einmal neugierig?“, fragte er mit sanftem Spott.

„Wenn es mir nicht zusteht, verzeih meine Frage.“

„Oh, als Priesterin steht dir fast alles zu.“

Ich schwieg, obwohl er mich wieder wütend gemacht hatte. Doch mittlerweile war meine Beherrschung geübt, und ich ließ mich nicht mehr so schnell mitreißen. Mit einem angedeuteten Lächeln holte er aus dem Bücherregal einen schmalen Band heraus, schlug ihn auf und legte ihn vor mich hin. Ich erblickte das Wappen, wie es auch gestickt zu sehen gewesen war.

„Schau her. Ich will es dir erklären. Du siehst hier in der Mitte unsere Sonne, Kathera. Ringsum sind die Planeten unseres Systems angeordnet, jeder Planet verkörpert die Kräfte eines Mysteriums, die wiederum dazu gerichtet sind. Da sind Madriga, der für die Magie steht, Rodara für das Wissen, und das ist nicht nur Lesen und Schreiben, auch die mathematischen Wissenschaften gehören dazu. Almeda, unser Heimatplanet verkörpert die Alchimie. Tendra mit seinen Ringen ist für uns Musik, Volmara leuchtet für die Astronomie, Kavera ist der Planet der Heilkunde und dann Golkana als Vertreter des Rechts.“

Erstaunt sah ich ihn an, dann fiel mein Blick auf das Modell aus Kugeln und Ringen, das noch immer auf dem Schreibtisch stand.

„Aber das ist ja genau dieses hier. Ich habe es immer als vollkommen harmonisch empfunden.“

„Ja, das Universum in sich ist harmonisch. Etwas so Vollkommenes können wir niemals erschaffen. Und stell dir vor, es gibt mehr als nur unser System.“

Ehrfürchtig schaute ich noch auf das wunderschöne Modell, als Darras mich wieder einmal aufschreckte.

„Wo wir gerade über Übungen sprechen, fängt nicht gerade jetzt deine Harfestunde an?“

Erschreckt sah ich auf. Hastig wollte ich hinauslaufen, doch er rief mich noch mal an.

„Eorin.“ Ruckartig blieb ich stehen.

„Bring bitte Bruder Adolar nicht wieder zur Verzweiflung. Beschränke dich auf das, was er dich lehrt.“

Hatte sich der Bruder vielleicht beschwert? Ich hatte doch in der letzten Stunde nur gefragt, woher er die genauen Tonlagen kennt, in der die Saiten gespannt sind. Außerdem wollte ich wissen, wie die Musik aufgezeichnet wird und wie man das lesen kann.

„Der Bruder soll dir das Spiel beibringen, nicht mehr. Stell ihm keine Fragen, die er dir nicht beantworten kann.“

„Ja, Herr“, murmelte ich.

„Eorin“, sagte er sanft und leise. Ich drehte mich um.

„Er hat sich nicht beschwert, Adolar liebt dich wie eine Tochter“, sagte Darras mit einem leichten Lächeln.

„Ja, Herr.“

Ihr Götter, musste er sich denn um alles kümmern?


*


Diese Musikstunden bei Bruder Adolar liebte ich. Die zarten Klänge der Harfe berührten mich eigentümlich, öffneten Seiten in meinem Herzen, die ich noch nicht kannte. Außerdem mochte ich den Bruder, er hatte sich bei meiner Krankheit rührend um mich gekümmert, er war immer freundlich und strahlte große Ruhe aus.

Es war in den ersten Stunden nicht ganz einfach gewesen. Die Saiten müssen straff gespannt sein, und bei den ersten Versuchen waren meine Finger aufgerissen und blutig. Außerdem klangen die Töne grausig und falsch. Doch mit unendlicher Geduld hatte der Bruder mich herangeführt an diese Musik, und als ich die erste Tonleiter fehlerfrei geschafft hatte, strahlte er mit mir.

Jetzt kam ich schnell in das Übungszimmer, wo Bruder Adolar schon auf mich wartete.

„Bitte verzeih meine Verspätung, Bruder.“

„Ich bin sicher, du wirst Gründe haben, Schwester.“ Er war verständnisvoll und immer freundlich. Manchmal wünschte ich mir, soviel Ruhe und Gelassenheit zu haben wie er. Leider würde ich das sicher nie schaffen, ich kenne mein Temperament. Es ist schwer zu zügeln.

Ich setzte mich gleich auf meinen Hocker und nahm die Harfe zur Hand. Ich stimmte mich auf das Instrument ein, glich meine inneren Schwingungen an und schlug einen Akkord. Doch irgendetwas stimmte nicht. Der Ton klang falsch. Ich schüttelte den Kopf, versuchte es noch einmal. Wieder mit dem gleichen Ergebnis. Fragend sah ich den Bruder an.

„Bist du nicht ganz bei der Sache, Schwester?“

„Ich habe mich eingestimmt und freue mich auf die Musik. Warum stimmen die Töne nicht?“

„Du musst abgelenkt sein. Leere deinen Geist, nimm die Schwingungen voll auf.“

Gehorsam versank ich in die Übung, klärte meine Gedanken, nahm die Impulse des Instruments neu auf, stimmte mich voll darauf ein, wollte mich ganz darauf konzentrieren. Doch da stimmte etwas nicht. Ein störender Einfluss überlagerte meine Konzentration. Es gelang mir nicht, die notwendige Verbindung herzustellen. Voller Verzweiflung brach ich ab.

Bruder Adolar war voller Verständnis.

„Sicher gibt es Gründe dafür, Schwester. Mach dir keine Sorgen, beim nächsten Mal wird es wieder besser werden.“

Ich schluckte meine Verzweiflung hinunter, bedankte mich bei ihm und wollte zur Meditation gehen. Doch da spürte ich, dass Darras mich rief. Ein starker Impuls durchfuhr mich, es war eilig. Er griff nur selten zu diesem Mittel einen Bruder oder eine Schwester zu rufen, das galt als Eingriff in den privaten Bereich, doch er hatte das Recht dazu.

„Du hast mich gerufen, Herr“, meldete ich mich bei ihm.

„Wie war deine Stunde?“, fragte er harmlos.

In mir keimte ein Verdacht.

„Ich habe versagt, Herr. Es gelang mir nicht, die erforderliche Verbindung herzustellen.“

„Und warum nicht?“

„Es gab einen störenden Einfluss.“

„Du siehst, wie es geht, wenn jemand stört. Genauso fühlte sich Bruder Adolar, als du deine Fragen stelltest.“

Ich wusste es, er wollte mir wieder eine Lektion erteilen.

„Ich habe Fragen gestellt, die mit der Musik zu tun haben. Dass sie störend sein würden, wusste ich nicht.“

„Habe ich dir nicht immer wieder gesagt, alle deine Fragen werden sich zu gegebener Zeit beantworten? Musst du immer wieder den Gehorsam in Frage stellen?“

„Ich stelle gar nichts in Frage. Und ich bin gehorsam. Ich bitte nur für die Unwissenheit um Verzeihung, dass ich nicht erkannt habe, dass meine Fragen noch nicht an der Zeit waren.“

„Du bist doch schon wieder ungehorsam. Du widersprichst mir.“ Er war sanft, zart und schmeichelnd klang seine Stimme, und ich schreckte zurück. Ich hatte gelernt, dass er dann besonders gefährlich war. Demütig senkte ich den Kopf.

„Ich bitte um Bestrafung für meinen Ungehorsam, Herr. Es lag nicht in meiner Absicht, die Regeln zu verletzen.“

In mir kochte es wieder einmal. Warum konnte ich meinen Mund nicht halten? Und warum legte der Obere es immer wieder darauf an, mich herauszufordern? War das seine Art, mich zur Beherrschung zu erziehen? Doch bei allen anderen war ich die absolut ruhige Priesterin, nur bei Darras versagten alle meine Bemühungen.

„Geh jetzt zu deiner Meditation, Schwester. Ich werde über deinen Ungehorsam nachdenken und eine Entscheidung treffen.“

Nach einer Ehrenbezeigung verließ ich das Arbeitszimmer.

Ich verließ das Zimmer und versuchte in meiner Kammer, mich in die Meditation zu versenken, doch ich war zu aufgewühlt. Alles machte ich falsch. Würde ich jemals eine gute Priesterin werden? Immer wieder unterliefen mir Fehler, und noch immer hatte ich nicht gelernt, meine Gefühle, Fragen, Neugier und auch mein Temperament zu unterdrücken. Ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, ob ich nicht verfrüht mein Gelübde abgelegt hatte. Mir fehlte an der vollen Ausbildung über ein Jahr, und das war vielleicht die entscheidende Zeit. Doch ich steckte wieder einmal in einer Zwickmühle, ich konnte nicht widerrufen. Ich wusste nicht einmal, welche Möglichkeiten es gab, wenn ein Mitglied der Gemeinschaft so schwere Verfehlungen beging, dass es nicht hier leben konnte. Ein Ausschluss kam nicht in Frage, das ging nur bei Ungeweihten. Darras hätte es sicher gewusst, doch er war der Letzte, den ich fragen würde.

Es würde nichts werden mit meiner Meditationsstunde, das merkte ich. Also stand ich auf und sah aus dem Fenster.

„Du scheinst zuviel Zeit zu haben.“ Darras, verdammt.

Ich wirbelte herum, er hatte mich wirklich im ungünstigsten Moment erwischt.

Ja, da stand er, locker, spöttisch lächelnd, er gab sich frei und ungezwungen, so wie er anderen Brüdern und Schwestern niemals gegenübertreten würde. Doch zwischen uns hatten immer schon andere Gesetze geherrscht. Viele Gedanken schossen mir durch den Kopf, doch keiner war brauchbar. Also senkte ich demütig den Kopf, sagte gar nichts und wartete auf seine Anweisungen.

Langsam kam er näher, hob meinen Kopf etwas hoch und sah mir in die Augen.

„Deine Gedanken sind einer Priesterin nicht würdig, Eorin. Es gibt kein Zurück, und das weißt du.“

„Ich wusste nicht, dass ich mich bei der Meditation abschirmen muss“, gab ich patzig zurück.

„Bei der Meditation sicher nicht. Doch erzähl mir nicht, dass du hier meditiert hast.“

„Ich bitte um Verzeihung. Hat ein Oberer nichts anderes zu tun, als eine geringe Schwester zu überwachen?“

„Ein Oberer hat mehr zu tun, als er alleine schaffen kann. Er braucht dringend Hilfe.“

„Der Obere hat die gesamte Gemeinschaft, die ihn unterstützt, wenn er das wünscht.“

„Der Obere findet in der Gemeinschaft nur wenige Mitglieder, die sich ein unabhängiges Denken bewahrt haben.“

„Der Obere kann sich einen Stellvertreter ausbilden.“

„Dann hat der Obere noch mehr Arbeit mit der Ausbildung. Ich möchte, dass du mir einen Teil meiner Arbeit abnimmst.“

„Ich muss noch lernen, Herr.“

„Zieh dich nicht wieder zurück auf die formelle Haltung, das hältst du doch nicht lange durch“, spottete er.

„Es steht mir nicht zu, eine andere Haltung gegenüber meinem Oberen einzunehmen. Darf ich jetzt bitte zu der nächsten Lehrstunde?“

„Nein. Ich habe diese Stunde für dich abgesagt.“

„Darf ich den Grund erfahren?“, fragte ich verwundert.

„Schon wieder neugierig?“

„Der Ausfall einer Lehrstunde muss begründet werden.“

„Der Bruder hat eine Begründung zu hören bekommen. Deine Dienste werden anderweitig beansprucht.“

„Was soll ich tun?“

Diese Unterredung erschöpfte mich. Ich musste auf jedes Wort achten, um mich nicht wieder selbst zu fangen, gleichzeitig durfte ich keine gesteigerte Neugier zeigen, obwohl es mich brennend interessiert hätte, was er im Schilde führte. Und um etwas zu erfahren, gab es nur den Rückzug auf die formelle Haltung, denn dann konnte ich hoffen, dass er ein Wort zuviel sagte. Allerdings war das eine geringe Hoffnung.

Darras stand in meinem Rücken, vielleicht sah er auch gerade aus dem Fenster, ich traute mich nicht, mich zu rühren. Eine Weile herrschte Schweigen.

„Eorin, ich brauche einen Menschen, der ein gesundes Urteilsvermögen besitzt und noch nicht so in die Regeln eingebunden, dass er ständig auf eine Anweisung von mir wartet. Es gibt soviel Arbeit“, seufzte er. Sein Ton bat um Verständnis. Irrte ich mich, oder klang seine Stimme müde?

„Herr, wie kann ich helfen, wo ich noch gar nichts weiß. Ich fange gerade erst an, mich anzupassen, ich lerne noch. Im Gebrauch meiner Kräfte bin ich erst am Anfang. Du selbst hast mir erklärt, dass mir das Wissen um die Mysterien wie Astronomie, Alchimie, die Rechtsprechung und vieles andere noch fehlt. Es gibt doch sicher einen Bruder oder eine Schwester, die diese Aufgabe besser als ich erfüllen können.“

„Eine schöne Rede hast du da gehalten.“ Keine Müdigkeit mehr in seiner Stimme. Blanker Sarkasmus trat zutage. „Es geht mir nicht um eine ausgebildete Hilfe, das lernst du bei mir noch. Ich brauche dich so wie du bist, ich will nicht, dass du in Befolgung der Regeln total verändert wirst. Du verlierst deine eigene Persönlichkeit, sogar dein Temperament, das mir immer viel Spaß gemacht hat. Ich brauche den Menschen, Eorin, nicht ein folgsames Mitglied. Aber ich brauche deine Einwilligung, du musst es freiwillig tun.“

So, mein Temperament machte ihm Spaß. Das war ja eine schöne Eröffnung. Da bemühte ich mich fast krampfhaft darum, die Regeln einzuhalten, und ihm machte es Spaß, wenn ich dagegen verstieß. Jetzt verstand ich seine Nachsicht, aber auch seine Härte, ich musste lernen, wo die Grenzen lagen. Und ich wusste genau, niemand konnte mir das so beibringen wie er. Sein Wille war stärker als meiner, er beherrschte mich, noch.

Doch gerade darin lag auch Gefahr, die Gefahr, mich vollkommen auf ihn zu fixieren, ihm in jeder Lage zu folgen. Wollte ich das? Ja, denn niemand sonst konnte mich weiter führen. Ich wusste längst, dass ich mehr Kraft besaß als die anderen Lehrer, ich hätte die meisten mühelos überflügeln können. Bei Darras war das anders. Er war stark.

„Nun?“, fragte er nach einer Weile. „Hast du dich entschieden? Oder willst du noch länger überlegen? Es ist doch klar, was für dich das Beste ist, oder?“

„Hier ist überhaupt nichts klar“, fauchte ich.

„Habe ich vergessen, dich auf irgendetwas aufmerksam zu machen? Ist etwas unverständlich? Kann ich dir helfen?“ Seine Stimme klang absolut unschuldig.

Langsam drehte ich mich um, sah ihm voll und offen ins Gesicht.

„Nein, du hast mir alles gesagt. Jedenfalls alles, was du bis jetzt sagen willst, das weiß ich.“

„Sehr gut beobachtet“, lächelte er.

„Wie willst du mich unterrichten, wenn du doch so viel zu tun hast?“

„Die Zeit lässt sich immer finden, es ging doch bisher auch. Oder bist du der Meinung, du hättest bei mir etwas versäumt?“

„Nein. Natürlich nicht.“

Das hieß aber auch wieder, seine Strafen in Kauf nehmen, wenn meine Kraft nur kurz nachließ.

„Ich bin einverstanden“, hörte ich mich plötzlich sagen. Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich ein Dummkopf bin.

Darras atmete tief aus, eine ungeheure Anspannung schien von ihm abzufallen. Ich begriff, dass dieses Gespräch für ihn mindestens ebenso schwer gewesen war, wie für mich.

Er nahm mich plötzlich in den Arm und küsste mich sanft auf die Stirn.

„Ich werde alles tun, damit du diese Entscheidung nicht bereuen musst, Kind. Alles, was in meiner Macht steht.“

Er ging zu Tür.

„Was stehst du da noch herum? Haben wir nichts zu tun?“

Verwirrt sah ich ihn an.

„Jetzt sofort?“

„Hast du gedacht, nächstes Jahr? Sorg dafür, dass wir für morgen früh Proviant bekommen, wir verreisen.“

Hatte ich nicht doch einen Fehler gemacht?


*


In aller Frühe brachen wir am nächsten Morgen auf. Wohin, hatte er mir nicht gesagt. Also lief ich wie ein folgsames Hündchen neben ihm her. Lange Zeit gingen wir schweigend. Ich genoss das kleine Stückchen Freiheit, keine Übungsstunde, keine Pflicht, einfach nur im Sonnenschein laufen.

„Bist du gar nicht neugierig?“, unterbrach Darras plötzlich die Stille.

„Neugier ist eine Untugend“, erklärte ich.

„Und darum wird eine tugendhafte Jungpriesterin den Mund nicht aufmachen?“

„Nein, Herr.“

„Eorin, ich möchte nicht, dass du dich immer zurückziehst. Du kannst ruhig fragen, wenn du willst.“

„Ja, und vielleicht bekomme ich sogar gelegentlich eine Antwort.“ Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Das Verhältnis zwischen uns war doch ein anderes als vorher von der Novizin zu ihrem Mentor. Als Priesterin hatte ich Rechte und Pflichten, doch er als Oberer stand grundsätzlich über allem.

Darras steuerte eine Baumgruppe an, ließ sich im Schatten nieder und deutete neben sich. Ich setzte mich.

„Raus mit der Sprache. Was ist los?“

„Nichts, Herr.“

Er schüttelte den Kopf. „Das ist nicht wahr.“

Wie Recht er hatte. Aber was sollte ich sagen? Sollte ich von meinen Selbstzweifeln erzählen, ihm sagen, dass ich nicht die geringste Ahnung hatte, was er von mir erwartete, wie ich mich verhalten sollte? Da war es besser zu schweigen.

Ich fühlte plötzlich, wie er meine lose Abschirmung im Geiste überwand, er wollte meine Gedanken ausloten. Instinktiv blockte ich ab.

„Ruhig, ganz ruhig. Hab keine Angst“, murmelte er, verstärkte seine Anstrengungen, und wirklich ließ ich nach, öffnete mich ihm, zunächst gegen meinen Willen, dann aber vertrauensvoll und Rat suchend.

„So ist das also? Kind, was machst du dir unnötige Sorgen? Ich erwarte gar nichts, nur Vertrauen. Und manchmal vielleicht Widerspruch. Zieh dich nicht zurück. Sei du selbst.“

Er entließ mich wieder aus seiner Gewalt. Da wir schon saßen, legten wir gleich eine Pause ein und stärkten uns. Anschließend lag ich im weichen Moos.

„Wohin gehen wir, Herr?“, fragte ich.

„Ich möchte gern ein neues Mitglied verpflichten.“

„Und was soll ich dabei?“

„Vielleicht brauche ich deine Überredungskunst.“

„Du erwartest doch wohl nicht, dass ich ein Kind überrede, freiwillig beizutreten.“

„Warum nicht? Du bist doch auch gekommen.“

„Auch nicht freiwillig. Ich habe es für meinen Vater getan.“

„Aber du bist gekommen. Und - war es so schlimm?“

„Viel schlimmer. Zumindest in den ersten Tagen. Ich musste mich selbst zwingen.“

„Das spricht für deine Willensstärke.“

„Hatte ich denn noch einen Willen?“

Erstaunt sah er mich an.

„Aber natürlich. Und du hast dich auch freiwillig entschieden, zu bleiben.“

Darüber konnte man sicher geteilter Meinung sein. Wenn ich nicht so heftig krank geworden wäre, wer weiß...

Gegen Abend erreichten wir ein kleines Dorf. Malerisch lag es umgeben von Wäldern, Wiesen und einem kleinen See. Heimatliche Gefühle drängten sich mir auf.

„Wir sind am Ziel. Jetzt suchen wir das Haus von Kratos.“

Wir fragten den nächsten, den wir auf der Straße sahen, und bekamen den Weg gewiesen.

Ein hübsches weißes Haus, blühende Sträucher und Blumen im Garten, aber seltsam still. Darras stieß die Tür weit auf.

„Hallo, keiner da?“

Schritte ertönten hinter uns. „Was wollt Ihr?“

Darras drehte sich um. „Ich suche Kratos.“

„Da könnt Ihr lange suchen. Der ist vorgestern gestorben.“

„Das tut mir leid.“

Der Mann, der da hinter uns aufgetaucht war, musterte uns geradezu unverschämt. Derbe abgetragene Wollkleidung und harte rissige Hände vermittelten den Eindruck eines hart arbeitenden Menschen. Ein faltiges Gesicht mit listigen kleinen Äuglein und einer roten Nase deuteten eher darauf hin, dass dieser Mann dem Wein gerne zusprach.

„Da ist noch seine Tochter. Die wird wohl auf dem Friedhof sein, wenn ihr sie sucht.“

„Danke.“ Darras ging an ihm vorbei, ich folgte ihm.

„Woher weißt du, ob sie geeignet ist?“

„Wir haben überall im Lande Agenten, die auskundschaften, wer in Frage kommt.“

„Aber woher wissen diese Leute das?“

„Sie spüren es.“

„Und dann kommen sie zu dir und lassen sich gut bezahlen?“

„Richtig.“ - „Ein schmutziges Geschäft.“

„Was glaubst du, woher dein Vater das Geld hatte, um seinen Hof zu halten?“

„Das weiß ich“, sagte ich leise. „Aber das ändert nichts daran, dass ich es falsch finde.“

„Willst du wieder einmal richten?“

„Nein. Das ist meine persönliche Meinung.“

„Leider melden sich nicht genügend Freiwillige, die begabt wären. Wir müssen manchmal zu diesen leichten Zwangsmaßnahmen greifen.“

„Und du? Wie bist du zur Gemeinschaft gekommen?“

„Diese Frage habe ich jetzt fast erwartet. Aber ich werde sie dir nicht beantworten - noch nicht.“

Damit musste ich mich zufrieden geben. Mittlerweile hatten wir den Friedhof erreicht. Suchend schaute ich mich um. Da, bei dem frischen Grab war eine Bewegung. Die Person richtete sich auf, und ich wollte meinen Augen nicht trauen: Es war ein Kind, höchstens acht oder neun Jahre alt.

„Das ist Morigan“, sagte Darras. Er rief, und zögernd kam das Mädchen näher.

Er stellte sich vor und fragte nach ihren Verwandten.

„Ich habe niemanden mehr. Ich weiß noch nicht, wohin.“

Jetzt war Darras verblüfft. „Du hattest nur noch deinen Vater?“

„Ja. Und jetzt ist er tot. Was wolltet Ihr von ihm?“

Das Kind war erstaunlich ruhig und gefasst, wie eine kleine Erwachsene. Aber Darras kam ins Stolpern, mit einer solchen Situation hatte er nicht gerechnet. Ich nahm die Sache in die Hand.

„Komm einmal, wir setzen uns hierher“, sagte ich, fasste sie an der Hand und zog sie zu einer Bank.

„Was wolltest du denn jetzt tun?“, fragte ich sie.

„Ich weiß es nicht. Aber mein Vater hatte viele Schulden, im Haus kann ich nicht bleiben.“

„Was würdest du sagen, wenn wir dich mitnehmen? Bei uns gibt es viele Kinder, vielleicht etwas älter als du, aber keiner ist allein. Würde dir das gefallen?“

Zutraulich legte sie ihre Hand in meine und schaute mich groß an.

Darras zog mich zur Seite.

„Du kannst die Kleine doch noch nicht mitnehmen.“

„Und warum nicht?“, gab ich aggressiv zurück. „Ich war auch noch ein Kind.“

„Du warst älter.“

„Sie braucht ein Zuhause, und wir können ihr eines geben.“

Ein Lächeln spielte um seinen Mund.

„Und das sagst du? Nachdem du mir vor kurzem erst erklärt hast, dass du nur widerwillig und mit Zwang gekommen bist?“

„Das ist doch hier eine völlig andere Situation.“

„Und wer hat gesagt, sie wolle niemand überreden?“

„Ich habe sie doch nicht überredet“, wehrte ich empört ab.

„Nein. Du hast eine Notlage ausgenutzt. Wer soll sich um sie kümmern?“

„Das kann ich doch tun?“

„Du?“ Er lachte, bitter und sarkastisch. Es tat weh. „Du lernst selbst noch, du hast deine Arbeit bei mir und du bist noch lange nicht reif, jemanden auszubilden.“

„Und du willst sie dem Hungertod preisgeben, oder was? Außerdem ist ja gar nicht erwiesen, ob sie begabt ist.“

„Das weiß ich längst, sonst ständen wir nicht hier.“

„Und warum streiten wir dann? Wer hat mir erklärt, dass die Gemeinschaft nicht mit den wenigen Freiwilligen auskommt? Wer hat mich hierher geschleift, um ein Kind zu verpflichten?“, fragte ich aufreizend ruhig. Ich wollte ihn provozieren, um eine Entscheidung zu erzwingen. Leider kennt er mich zu gut, er fiel nicht darauf herein. Stattdessen lachte er. „Wunderbar, Eorin. Einfach wunderbar. Du hast dich innerhalb kürzester Zeit gewandelt. Ich gratuliere zu deinem Meinungsumschwung.“

Erbittert ballte ich die Fäuste.

„Das ist doch alles vollkommen anders hier...“

„Ruhig Blut, Schwester. Was soll das Kind von dir denken?“

Wortlos ging ich zurück zu dem Mädchen, das uns neugierig nachgeschaut hatte.

„Ich nehme dich mit. Komm, wir gehen.“

„Ja, aber ich möchte noch...“

„Hast du etwas vergessen?“

„Ich möchte so gern meine Puppe mitnehmen.“

„Das sollst du auch. Wir holen sie.“

Über dem Kopf des Kindes trafen meine Augen die von Darras, amüsiert, spöttisch, kopfschüttelnd fügte er sich.

„Ich wusste noch gar nicht, dass du jetzt die Leitung der Gemeinschaft übernommen hast. Ich grüße dich, Herrin.“

Ich spürte, wie glühende Röte in mein Gesicht zog. Er hatte recht, wieder einmal. Ich hatte mich einfach über das Wort des Oberen hinweggesetzt, hatte bestimmt. O ihr Götter, wann lerne ich, meinen Mund zu halten?


*


Morigan war ein reizendes Mädchen. Sie hatte ihre Puppe aus dem Haus geholt und dann einfach gesagt: „Ich bin fertig.“

Ich nahm mir vor, zu ergründen, warum sie so völlig ohne Bedauern von hier fort ging, doch das hatte Zeit. Sie lief ruhig neben uns her, ihre Hand vertrauensvoll in meine gelegt.

Der unfreundliche Mensch, der uns im Hause angetroffen hatte, tauchte noch einmal auf.

Breitbeinig, schwer, wuchtig, stand er vor uns auf dem Weg, hatte eine Hacke geschultert und starrte uns entgegen. Morigan versteckte sich plötzlich hinter meiner Kutte. Angstvoll klammerten sich ihre kleinen Hände in den Stoff.

„So, nehmt ihr die kleine Hexe mit? Das ist gut so. Niemand hier hätte sie in sein Haus gelassen. Passt nur auf, sie sagt Unglück voraus. Sie ist vom Bösen besessen.“

Ich strich ihr tröstend über den Kopf und stellte mich mit hocherhobenem Kopf vor den Bauern.

„Glaubst du, wenn du etwas nicht sofort verstehst, dann ist Hexerei im Spiel? Du Kleingläubiger. Gib den Weg frei, oder sie wird dich in eine Kröte verwandeln, und ich werde mit Vergnügen zusehen.“

Ein ängstlicher Ausdruck trat in seine Augen, murmelnd ging er zur Seite und hob widerwillig die Hand zum Gruß.

„Ihr werdet schon sehen. Sie ist eine Hexe. Sie gehört verbrannt“, rief er hinter uns her. Morigan beschleunigte ihren Schritt, und ich verstand ihre Gründe gut.

„Glaubst du, dass das richtig war? Wird er jetzt nicht die Dorfbewohner aufwiegeln?“, fragte mich Darras prüfend.

„Mehr als sie es schon sind, geht es gar nicht mehr. Ja, ich glaube, es war richtig. Und das Kind musste hier weg.“

„Das weiß ich längst. Glaubst du, du hättest deinen Kopf durchgesetzt, wenn ich nicht davon überzeugt gewesen wäre?“

Ich biss mir auf die Lippen, musste aber zugeben, dass er vermutlich nicht Unrecht hatte.

„Und warum dann unsere Auseinandersetzung?“, fragte ich mit einem leisen Lächeln.

„Du solltest dir absolut sicher sein über deine Beweggründe. Außerdem wollte ich dir zeigen, wie du in Extremsituationen reagierst.“

„Und, habe ich die Prüfung bestanden?“, fragte ich spröde.

„Das Kind ist hier, oder?“

„Aber ich habe nicht genügend nachgedacht. Ich habe rein instinktiv gehandelt, in dem Bemühen, den Schwächeren zu schützen, ohne Rücksicht auf die Folgen. Ich war ja nicht einmal sicher, dass sie begabt ist. Ich habe die Situation nicht genügend überprüft. Ich habe mich zum Narren gemacht“, erklärte ich, wütend auf mich selbst.

„Den Göttern sei Dank für deine Impulsivität. Nichts wäre schlimmer gewesen, als eine Schwester, die erst angefangen hätte, alle Vor- und Nachteile zu überdenken, das Kind auszufragen und dann vielleicht auch noch meine Meinung einzuholen“, meinte Darras. „Eorin, das sind genau die Vorfälle, bei denen ich dich dringend brauche. Während du so vehement deine Meinung vor mir verfochten hast, habe ich die Dorfbewohner sondiert und die Kleine überprüft. Wir ergänzen uns sehr gut, wie du siehst.“

Ich war sprachlos. Da bemühte ich mich ständig darum, so zu werden wie die anderen Brüder und Schwestern, kühl, ruhig, überlegend, tadelte mich ständig, weil ich es nicht schaffte, und hier erklärte mein Oberer, er fände es richtig, dass ich nicht überlegte, sondern meinen Instinkten folgte.

Ich war so tief in Gedanken versunken, dass ich es nicht sofort bemerkte, wie Morigan an meiner Kutte zupfte. Doch dann beugte ich mich nieder.

„Was ist denn, Kind? Kannst du nicht mehr?“

„Doch. Aber wo bringt Ihr mich hin? Weit fort von hier?“

„Ja. Weit genug von diesen Menschen weg, die böse über dich denken.“

„Bin ich wirklich eine Hexe?“ Trauer, Angst, Verzweiflung, eine ganze Palette von Gefühlen lag in dieser Frage.

Ich drückte sie eng an mich, streichelte ihr weiches Haar.

„Nein, Morigan, du bist keine Hexe. Ganz bestimmt nicht. Und niemand bei uns wird dich je wieder so nennen. Hab keine Angst.“

„Willst du hier übernachten? Ich finde, wir sind noch etwas zu nah am Dorf. Das gefällt mir nicht“, unterbrach mich der Obere.

„Verfolgen sie uns?“

„Noch nicht. Lass uns gehen.“

Bis weit nach Anbruch der Dunkelheit liefen wir weiter. Morigan war total erschöpft, und auch ich schleppte mich müde vorwärts, doch ich wusste, Darras würde nicht ohne Gründe auf diesem Marsch bestehen. Endlich steuerte er eine Wiese an, auf der einige Heuhaufen einladend herumlagen. Morigan kuschelte sich an mich und schlief gleich ein. Ich lag wach. Trotz der Erschöpfung konnte ich nicht schlafen. An meiner Seite lag der Beweis für die Angst und Dummheit der Menschen. Sie hatten ein kleines Kind verurteilt, als Hexe gebrandmarkt, ohne zu verstehen, dass sie von den Göttern mit ihrer Gabe gesegnet oder verflucht? war. Sie konnte doch wirklich nichts dafür, und sie hatte nicht das Glück gehabt, von ihrem Vater so gebremst zu werden wie ich. Schaudernd verscheuchte ich die Gedanken, was aus mir geworden wäre, wenn ich nicht im Dorf geschwiegen hätte. Und plötzlich verstand ich die Reaktion der Dorfbewohner und Freunde, als ich zur Beerdigung gekommen war. Nackte unverhüllte Angst war es, die sie zu diesem feindseligen Verhalten getrieben hatte. Ich hätte sie nicht verurteilen dürfen. Wieviel Verständnis war mir von Darras und dem Bruder Einsiedler zuteil geworden. Ich schämte mich noch nachträglich, doch das konnte nichts mehr ändern.

Die erste Morgenröte färbte den Himmel, als Darras erwachte. Zärtlich schüttelte ich Morigan. Mit einem leisen Schrei fuhr sie aus dem Schlaf. Es gab kein Wasser zum Waschen, also aßen wir eine Kleinigkeit, tranken aus der mitgebrachten Flasche und machten uns wieder auf den Weg.

Mit dem Mädchen konnten wir nicht unser gewohntes Tempo einhalten, und so erreichten wir unser Zuhause erst am Nachmittag. Ich übergab das Kind Schwester Satris, die auf Anweisung von Darras ihre Mentorin sein sollte. Das würde mich aber nicht daran hindern, mich so oft meine Zeit es erlaubte, um sie zu kümmern.

„Sie ist noch sehr jung“, bemerkte die Schwester.

„Und doch schon als Hexe verschrien. Bitte nimm sie freundlich auf und lass ihr noch viel Zeit“, bat ich.

Satris nahm die Kleine in die Arme.

„Sie soll sich sehr wohl fühlen bei uns.“

„Darf ich meine Puppe behalten?“, fragte Morigan schüchtern.

„Aber natürlich. Wir waren auch mal klein und hatten eine Lieblingspuppe. Nimm sie mit und komm, ich zeig dir deine Kammer.“

Morigan folgte ihr, drehte sich dann aber noch einmal um und stürzte sich in meine Arme.

„Es ist gut, mein Kleines, ich bin immer in der Nähe“, murmelte ich.

Dann suchte Darras in seinem Arbeitszimmer auf, um zu fragen, ob er noch Aufträge für mich hatte, oder ich an meine Arbeit gehen konnte.

„Setz dich“, sagte er freundlich, schrieb aber weiter in einem Buch, was er schon getan hatte, als ich eingetreten war.

„Wie geht es dir?“

„Danke, gut, Herr.“ Verwunderung lag in meiner Stimme.

„Was hast du heute Nacht gefühlt? Erzähl mir nicht, du hättest geschlafen“, lächelte er.

„Nein, ich habe nicht geschlafen. Mir ist klar geworden, wie die normalen Menschen im Angesicht dieser für sie unbegreiflichen Vorgänge reagieren müssen. Ich glaube, ich verstehe sie jetzt besser.“

„Eine bittere Erkenntnis?“

Ich schwieg eine Weile, überdachte das Erlebte.

„Ja. Sehr bitter. Es tut weh.“

„Aber du verstehst es?“

„Ich - ich versuche es.“

„Das ist schon sehr viel. Was macht die Kleine?“

Immer diese Gedankensprünge, konnte er nicht beim Thema bleiben?

„Das ist das Thema“, erklärte er leise. Automatisch blockierte ich meine Gedanken.

„Zu spät. Außerdem standen deine Gedanken in deinem Gesicht.“

„Morigan ist bei Schwester Satris“, erklärte ich sachlich, bemüht, meine Verärgerung nicht durchschlagen zu lassen. „Ich bin sicher, sie wird sich schnell einleben.“

„Was möchtest du jetzt am liebsten tun? Schlafen?“ Schon wieder ein Themenwechsel. Aber ich war auf der Hut.

„Nein, nicht schlafen. Ich würde gern Gesang oder Harfe hören und ein wenig meditieren, das ersetzt den Schlaf.“

„Falsch. Das ersetzt ihn nicht. Aber es entspannt, und ich glaube, das hast du nötig. Ich werde Bruder Adolar rufen lassen, er soll für uns spielen.“

„Herr, dir hätte der Schlaf auch gut getan. Willst du nicht ausruhen? Leg dich schlafen, ich werde den Bruder um eine Lehrstunde bitten, mir fehlt noch so viel Übung.“

„Ich kann sehr gut eine Nacht ohne Schlaf auskommen, du musst nicht für mich die Entscheidungen treffen. Immer deine Eigenmächtigkeiten“, spöttelte er.

Ich schwieg erbost, und er ließ durch einen Boten Bruder Adolar mit der Harfe rufen.

Schon bei den ersten Klängen spürte ich eine große Ruhe über mich kommen. Tief drangen die Töne in mich ein, ich ließ sie in mein Innerstes sinken, nahm sie bewusst auf, folgte der Harmonie. Und es erschien mir gar nicht abwegig, dass plötzlich eine Stimme in die Akkorde einfiel, die Klänge unterstützte, meinen Geist besänftigte und so eine Vollkommenheit erschuf, wie ich sie nie gehört hatte.

Das Lied verklang, doch noch schwebte in mir die Erinnerung, löste sich nur langsam, wehrte sich, mich in die Welt zurückzulassen.

Ich erwachte wie aus einem Traum. Darras und Adolar saßen still und schauten mich an. Verwirrt wischte ich mir über die Augen.

„Das war wunderbar, ich danke dir, Bruder“, sagte ich glücklich.

„Ich hätte nie diese Vollkommenheit erreicht ohne den Oberen, Schwester. Es war auch für mich ein Erlebnis.“, Er verbeugte sich vor Darras und ging.

„War das nicht besser als eine Lehrstunde?“

„Das war eine Offenbarung. Ich wäre sehr glücklich, wenn ich jemals auch nur ein wenig von diesem Können erreichen würde. Ich danke dir.“

„Mach dich nicht kleiner, als du es bist. Und unterschätze dich nicht selbst“, warnte er. „Mit deiner Kraft schaffst du das auch - irgendwann.“

„Dann werde ich gehen und meine Kraft schulen“, sagte ich und stand auf.

„Habe ich gesagt, dass du gehen kannst?“

„Nein, Herr.“

Eine Weile herrschte Schweigen. Ich fragte mich, was er noch von mir wollte. Ich fühlte mich plötzlich so müde und erschöpft, aber auch ruhig und ausgeglichen. Und so traf es mich als Schock, als Darras ein Thema anschnitt, an das ich noch gar nicht gedacht hatte.

„Ich möchte, dass du bei der Sonnwendfeier im Herbst die Lichtgöttin anrufst.“

„Was soll ich?“, entfuhr es mir ungewollt.

Bei der Sonnwendfeier im Herbst wird die Lichtgöttin angerufen und gebeten, in der dunklen Jahreszeit die Menschen nicht ganz zu vergessen und ihr Licht auch dann zu spenden, wenn die Tage kürzer werden und das Land kalt und leblos scheint. Es ist eine sehr wichtige Zeremonie, die stets von einer ausgebildeten Priesterin vorgenommen wird, die mit ihrer Kraft die gesamte Macht auf den Himmel richtet. In den letzten Jahren hatte Schwester Satris dieses Privileg in Anspruch genommen. Und jetzt wollte Darras mich verpflichten?

„Das - das kann ich nicht, Herr.“

„Hast du etwas gesagt?“

Trotzig hob ich den Kopf.

„Das kann ich nicht.“

„Mir scheint, ich höre schlecht. Hast du wirklich eben gesagt, du kannst das nicht?“

„Ja“, erwiderte ich leise, aber längst nicht mehr so sicher.

„Habe ich dich so schlecht unterrichtet?“

„Nein, nein, Herr. Das ist es nicht“, protestierte ich, völlig aus der Fassung gebracht.

„Wenn ich dich gut unterrichtet habe, dann kannst du es.“ Seine Stimme klang wie ein Peitschenknall. Ich war wieder gefangen. Müdigkeit mischte sich mit Wut und Trotz, und ich spürte, dass ich gleich losheulen würde, wenn ich nicht schnellstens hier heraus kam.

„Darf ich bitte darüber nachdenken, Herr?“, fragte ich mühsam.

„Gibt es etwas nachzudenken?“

„Ich bitte um Bedenkzeit.“

„Abgelehnt. Du wirst dich jetzt und hier entscheiden, wobei ich mir klar darüber bin, dass es nichts zu entscheiden gibt. Du wirst die Zeremonie hier einüben, ich werde dich überwachen.“

Jetzt liefen mir die Tränen die Wangen herunter, mein Gesicht brannte, als hätte mich jemand geschlagen. Ich biss mir auf die Lippen und versuchte, mich zu beherrschen. Darras schien es zum Glück noch nicht bemerkt zu haben, sonst hätte er bestimmt schon wieder eine spitze Bemerkung gemacht.

„Nun? Willst du noch immer ablehnen?“

„Schwester Satris hat bisher die Göttin angerufen, sie wird enttäuscht sein.“

„Falsch. Sie hat mich gebeten, eine andere Schwester zu finden, sie fürchtet, dass ihre Kraft nicht ausreicht. Und jetzt wisch dir endlich die Tränen ab. Sehe ich aus, als wollte ich dich beißen?“

Verdammt, jetzt fing ich richtig an zu heulen. Das hatte er beabsichtigt, ich wusste es. Ich schlug die Hände vor das Gesicht und sank auf den Stuhl.

Es war endgültig vorbei mit meiner Beherrschung. Eine schöne Priesterin war ich, ließ ich immer noch so leicht wie früher überrumpeln, und heulte auch noch los. In diesem Moment hasste ich Darras wie nie zuvor, ich hätte ihm liebend gern weh getan, und ohne zu überlegen schickte ich einen Impuls ab, der ihm mehr als nur ein wenig Kopfschmerzen gemacht hätte. Leider merkte er es, blockte ab und reflektierte. Ich spürte nur noch einen Schlag, dann wurde es dunkel.


*


Die Anrufung der Lichtgöttin war eine schwere Zeremonie, sie erforderte volle Konzentration, klaren Gesang und absolutes Vertrauen zur Gemeinschaft, die die Impulse verstärkt.

Jeden Tag übte ich unter Darras' Aufsicht. Er lehrte mich die traditionellen Gesänge, bis jeder Ton stimmte, jedes Wort seiner Bedeutung entsprechend die richtige Kraft besaß, jede Bewegung und Geste dazu perfekt war.

Darras hatte kein Wort mehr über meine Weigerung verloren, und ich hütete mich, dieses Thema jemals aufzugreifen. Auch mein Wutausbruch hatte keine Folgen. Ich wachte morgens in meinem Bett auf und fragte vernünftigerweise nie, wie ich hineingekommen war.

Es fehlte mir an Zeit, Morigan häufiger aufzusuchen, deshalb fragte ich Schwester Satris, wenn ich sie traf, nach dem Mädchen. Sie war stets des Lobes voll, Morigan lernte rasch, hatte sich gut eingelebt und übte schon mit den regulären Novizen. Es gab nur ein Problem, sobald sie eine Anweisung für falsch hielt, weigerte sie sich, zu folgen. Und Satris musste dann manchmal zu harten Strafen greifen, um sie zum Gehorsam zu erziehen. Das tat mir sehr leid, zum einen, weil die Kleine noch gar keine Aufnahme gehabt hatte, sie war ja noch zu jung, um einzutreten, zum anderen wusste ich aus Erfahrung, dass die kluge Schwester nicht immer recht hatte mit ihren Anweisungen. Doch es stand mir nicht zu, mich da einzumischen. Es tat mir weh, aber ich musste Morigan ihrer Erzieherin überlassen. Meine eigenen Übungen waren mehr als anstrengend, denn einen Fehler durfte ich mir nicht erlauben, hätte ich mir vermutlich auch nicht verziehen. Ich überlegte, Satris zu fragen, wie ich es am besten machte, verwarf diesen Gedanken jedoch wieder. Ich wollte aus mir heraus das Beste geben. Ich übte und lernte bis zur Grenze der Erschöpfung. Nach den Stunden bei Darras hängte ich abends in meiner Kammer noch immer einige Zeit daran, alles zu wiederholen, einzuprägen und wieder zu üben.

Eine große Stütze war mir Bruder Adolar, der eine Zuneigung wie vom Vater zur Tochter zu mir gefasst hatte. Er bemerkte mein wildes Bemühen und kam manchmal in der Lehrstunde, die auch noch auf meinem Programm stand, einfach auf die Idee, mir etwas vorzuspielen, statt mich lernen zu lassen. Das waren die Zeiten, aus denen ich Kraft schöpfte. Ich war ihm unendlich dankbar, befürchtete aber andererseits, dass Darras es einmal merken könnte. Sicher hätte Adolar Schwierigkeiten bekommen. Und manchmal gingen mir die Dienerin Klaris und ihr tragischer Tod durch den Kopf. Noch immer trug ich mich mit Schuldgefühlen und kämpfte dann gegen die Melancholie an. Aber diese Gedanken musste ich schnell verscheuchen.


*


Und dann endlich war der Tag da: Die Sonnwendfeier. Schon lange vorher hatte überall reges Treiben geherrscht, das Beste aus Küche und Keller wurde aufgebracht auf lange Tische, es duftete überall nach frischem Brot, Kuchen, gebratenem Fleisch und anderen guten Dingen. Zwei Tage vorher hatte ich mich in Klausur begeben, um durch nichts mehr abgelenkt zu werden. In stiller Abgeschiedenheit läuterte ich meinen Geist, klärte meine Gedanken und versenkte mich in Meditation.

Am frühen Morgen des großen Tages kamen zwei Brüder, die mich in das Festgewand kleideten. Strahlendes Gelb umhüllte meinen Körper, eine Farbe, die ich seit langen Zeiten nicht mehr getragen hatte, und in dieser vollkommenen Reinheit auch nur zu diesem Fest jemals tragen würde. Die Brüder geleiteten mich durch Wege, die ich trotz meiner Erfahrung noch nicht kannte, und auf denen wir niemandem begegneten, nach draußen. Ich blinzelte gegen die helle Sonne, und schaute mich erstaunt um. Wir befanden uns in einem sonst abgetrennten Teil des Gartens, den ich nicht kannte. Die Priesterschaft war geschlossen versammelt und wartete stumm. Auf einem erhöhten Podest stand der Altarstein, ebenfalls leuchtend gelb. Das Herz klopfte mir bis zum Halse, als ich langsam darauf zuging. Mein Gewand war schwer, und das Rascheln des Stoffs war außer dem Vogelgezwitscher der einzige Laut, der zu hören war. Auf dem Stein stand ein goldener Becher mit Wein. Ihn ergriff ich mit beiden Händen, drehte mich zur Gemeinschaft, kerzengerade, und hielt den Becher hoch. Dann begann ich mit dem Gesang. Eine tiefe innere Ruhe überkam mich, mein Lied hob sich klar und rein empor in den Himmel, ich legte meine ganze Kraft hinein, fühlte die Unterstützung der Priesterschaft, übernahm die Führung dieser Machtfülle und lenkte sie hinauf in den klaren Himmel zur Lichtgöttin. Ein gleichmäßiger Strom von geistiger Kraft fand seinen Weg, unsichtbar aber stark, gebündelt und zielgerichtet.

Und dann kam die Antwort. Ein gleißender Lichtstrahl kam aus dem Nichts, traf zielsicher den Weinkelch in meiner Hand, ließ ihn blendend aufleuchten und erlosch.

Die Priesterschaft war verstummt, blickte gespannt auf mich. Der Kelch war heiß in meinen Händen, ich war angespannt bis zur letzten Faser meines Körpers, mein Geist bestand nur noch aus Konzentration. Ich stimmte den letzten Gesang an und schüttete mit einer fließenden Bewegung den Inhalt des Kelches auf den Stein. Es war kein Wein mehr darin, wie flüssiges Feuer ergoss sich Licht, strahlendes Licht über die Fläche. Mit dem letzten Ton des Liedes war der Kelch leer, und die Priesterschaft begann den Dankgesang.

In mir war alles leer, meine Konzentration fiel von mir ab, und ich schwankte, hielt mich aber noch aufrecht. Endlich war die Zeremonie vorbei. Für die ganze Gemeinschaft würde jetzt das Festessen beginnen, ich dagegen wurde von den beiden Brüdern, die mich hergeleitet hatten, zurückgeführt in meine Kammer. Sie nahmen mir das Gewand ab, verbeugten sich mit großer Ehrfurcht und ließen mich allein.

Völlig erschöpft sank ich zusammen, versuchte mein jagendes Herz zu beruhigen, schaffte es aber nicht, in Meditation zu verfallen, um mich selbst zu finden.

Die Tür öffnete sich und Darras trat ein. In der Hand hielt er einen Becher.

„Hier, trink.“ Gehorsam trank ich, merkte, dass es starker Wein war, und setzte ab.

„Austrinken. Das brauchst du jetzt.“

Bis zum letzten Tropfen leerte ich den Becher und fühlte eine wohlige Wärme, die sich im Körper breit machte.

„Das war die beste Sonnwendfeier, die ich je erlebt habe. Du besitzt eine ungeheure Kraft“, stellte Darras anerkennend fest.

„Es war ein Erlebnis. Noch nie habe ich so stark gefühlt.“

„Und jetzt? Müde, hungrig?“

„Hungrig, nein. Erschöpft, aber nicht müde. Innerlich aufgeregt.“

„Das wird der Wein beheben. Hast du einen Wunsch? Möchtest du zu den anderen, an der Feier teilnehmen?“

Ich schüttelte den Kopf, fühlte mich so leicht und beschwingt wie noch nie. Ob das am Wein lag? Außerdem hatte ich seit zwei Tagen nichts gegessen, es hätte meine Konzentration gestört. In mir drehte sich alles, vor meinen Augen verschwammen die Konturen, ich sah doppelt, meine Glieder wurden schwer. Darras nahm mich auf die Arme, legte mich in mein Bett und deckte mich zu.

„So ist es gut“, murmelte er. „Schlaf dich aus. Du hast hervorragend gearbeitet.“

Es tat so gut, lang zu liegen und sich um nichts mehr kümmern zu müssen, die Wärme in meinem Körper zu spüren und mich fallen zu lassen. Meine Augen schlossen sich wie von selbst, und der erlösende Schlaf kam über mich.


*


Einige Tage später gab es Ärger.

Schwester Satris erschien bei Darras, um sich formell zu beschweren.

„Herr, ich kann die Verantwortung für dieses Kind kaum noch übernehmen. Morigan besitzt keinen Gehorsam, keinen Respekt, aber dafür zuviel überschüssige Kraft.“

Satris sah erschöpft aus. Ich hätte nie gedacht, dass sie sich von einem kleinen Mädchen derart aufregen ließe.

„Schwester, was sagst du dazu? Sie ist auf deine Veranlassung hier“, sprach Darras mich an.

Da hatte ich mir ja was Schönes eingebrockt.

„Herr, ich bin sicher, dass Morigan noch sehr viel lernen muss, sie ist sehr jung und kann vielleicht noch nicht einsehen, dass es in einer Gemeinschaft Regeln gibt, an die man sich halten muss, damit alle gut miteinander auskommen. Es wäre sicher von Vorteil, wenn du mit ihr sprichst und ihr das klarmachst. Das wäre sicher auch im Sinne von Schwester Satris.“

„Es wäre einen Versuch wert“, stimmte diese zu.

„Sag mir doch, was macht die Erziehung dieses Kindes so schwierig?“, fragte Darras.

„Sie versucht, ihre Kraft zur Zerstörung zu nutzen.“

„Was?“, entfuhr es mir.

„Sie macht alles kaputt, was sie in die Finger bekommt. Sogar ihre Puppe hat sie zerstört, angeblich, weil sie an ihr üben wollte.“

„Ist sie nicht noch zu jung, um mit der Kraft zu arbeiten? Sicher begreift sie gar nicht, was sie alles anrichten kann. Vielleicht sollte sie bei den Dienerinnen bleiben und Demut üben.“ Ich konnte immer noch nicht glauben, was ich da hörte.

„Das habe ich bereits versucht. Gestern hat sie eine der Dienerinnen durch den Garten geschleudert. Zur Übung.“

„Ruf sie. Ich will mit ihr sprechen“, befahl Darras.

Kurz darauf kam Morigan herein. Ohne zu grüßen, lief sie gleich zu mir und warf sich in meine Arme. Ich stellte sie gerade hin und befahl ihr, Darras und Satris angemessen zu grüßen.

„Ich will nicht. Die ist immer so gemein zu mir“, maulte sie.

„Es gehört sich nicht, andere Menschen zu übergehen“, tadelte ich sanft.

„Aber wenn sie doch gemein ist. Ich darf überhaupt nicht tun, was ich will. Ich will viel lieber zu dir“, erklärte sie mit Nachdruck und stampfte mit dem Fuß auf.

„Das geht aber nicht. Ich kann auch nicht tun, was ich will, und trotzdem macht es mir Freude. Denn ich arbeite mit den anderen zusammen, und gemeinsam ist die Arbeit am schönsten. Aber auch ich musste erst viel lernen. Und jetzt geh und grüße ordentlich.“

Widerwillig machte sie die vorgeschriebenen Ehrbezeigungen und blieb dann trotzig mitten im Raum stehen. Darras blickte sie aufmerksam an.

„Warum magst du Schwester Satris nicht? Erzähl mal“, forderte er sie freundlich auf.

„Sie sagt mir immer, was ich tun soll. Nichts kann ich machen, wie ich es will. Und dann schimpft sie mit mir.“

„Und warum?“

„Sie sagt, ich mache alles kaputt. Und ich tue anderen weh. Aber wie soll ich denn üben?“

„Du musst ja noch gar nicht üben. Deine Kraft muss erst noch wachsen. Du solltest sie noch gar nicht benutzen. Kannst du denn nicht einmal das tun, was man dir sagt?“

„Ihr habt gesagt, ich bin keine Hexe, also kann ich auch die Kraft benutzen. Ihr tut das doch auch“, erklärte sie mit kindlicher Logik. Dennoch gefiel mir nicht, wie altklug sie sich verhielt. Wieder fiel mir auf, dass sie eher wie eine kleine Erwachsene wirkte. Aber ich hatte sie hergebracht, und so traf mich Mitverantwortung.

„Morigan, wir alle hier gehen sehr sorgfältig mit unseren Kräften um. Wir spielen nicht. Und ich möchte, dass du genau das tust, was Schwester Satris dir befiehlt. Wenn du dich nicht daran hältst, dann werde ich dich wegschicken müssen.“ Darras sprach sanft, aber bestimmt. Er hatte vollkommen recht, lieber eine verlorene Kraft, als eine böse. Und es kam mir so vor, als reife hier die Bösartigkeit heran.

Plötzlich quollen aus ihren Augen Tränen, sie lief auf mich zu und klammerte sich in meine Kutte.

„Mach, dass er mich nicht fortschickt. Alle sind hier so böse zu mir. Hilf mir, er soll mich nicht wegschicken.“

Hilflos sah ich Darras an, versuchte die Hände des Kindes zu lösen, und war erschrocken über die Veränderung, die auf einmal mit meinem Oberen vorging.

Mit ein paar raschen Schritten stand er bei mir, riss die Hände des Kindes von mir fort und stellte das Mädchen weg.

„Sie wird dir nicht helfen, hörst du?“, herrschte er sie an. „Den Göttern sei Dank, dass wir noch rechtzeitig merken, was mit dir los ist. Du bist ein Werkzeug des Bösen, geschickt, um deine Versuchungen an einer unschuldigen Schwester auszulassen, die ein zu gutes Wesen besitzt, als dass sie dich durchschauen könnte. Aber noch bin ich da. Eorin, geh in deine Kammer. Was jetzt kommt, ist nicht für dich bestimmt.“

Erschreckt verließ ich das Zimmer. Was war hier los? Ich verstand nichts. So hatte ich meinen Oberen noch nicht kennengelernt, so wild und wütend. Eiskalt war er geworden, dabei war Morigan doch nur ein Kind. Was konnte sie schon tun?

Mit diesen Gedanken ging ich in meine Kammer, war aber neugierig genug, meinen Geist spionieren zu lassen. Doch noch bevor ich einen verständlichen Impuls erhaschen konnte, warf mich ein gedanklicher Befehl zurück.

„Bleib, und versuche nicht, etwas zu verstehen. Wir reden noch darüber.“ Ängstlich zog ich mich zurück. Das war eine ernste Sache.

Spät in der Nacht, ich lag noch immer wach, kam Darras in meine Kammer. Sein Gesicht sah zerfurcht aus, und seine Augenlider waren schwer. Trotzdem blickte er mich freundlich, aber auch mitleidig an.

„Es tut mir leid. Ich habe das Kind fortgeschickt.“

Ich wollte protestieren, verschluckte aber jedes Wort, er würde seine Gründe haben. Geduldig wartete ich, bis er weiter sprach.

„Ich hatte von Anfang an eine Vermutung, konnte sie aber nicht genau definieren. Und Schwester Satris hat herausgefunden, was mit dem Mädchen ist. Eine Verkörperung des Bösen um dich, eine ungeheure positive Kraft, zu verführen. Hättest du dich um sie gekümmert, sie angeleitet und gelehrt, wäre früher oder später dein Geist dem Bösen verfallen. Du hast ihr geglaubt, nicht wahr?“

Stumm nickte ich, vor Erschütterung konnte ich nicht reden. Mein Mund war trocken, ein dicker Kloß saß in meinem Hals. Das war schwer zu glauben, wie hätte mich dieses Kind verführen können? Doch in meinem Innern war mir klar, dass Darras Recht hatte. Er bewahrte mich vor einem großen Fehler.

„Was hast du mit ihr gemacht?“, fragte ich schließlich.

„Willst du das wirklich wissen?“ Ich nickte.

„Ich habe sie geblockt. Sie kann ihre Kraft nicht mehr benutzen, es sei denn, ich allein hebe den Bann auf. Wir haben sie in ein Waisenhaus bringen lassen. Hier kann sie nicht bleiben.“

Müde erhob er sich. Ich sprang auf.

„Willst du schlafen, Herr? Es war sicher schwer für dich. Du musst erschöpft sein.“

„Danke. Ich schaffe es noch in mein Zimmer. Und nun denke nicht mehr darüber nach. Es ist vorbei.“

Noch Stunden später stand ich am Fenster, und die Tränen liefen über meine Wangen. Ich weinte um Morigan, um Darras, und über meinen Fehler.



10. Kapitel

Noch lange hing mir die Geschichte mit Morigan nach. Ich hatte sie nach besten Wissen und Gewissen gemocht und von Herzen gern aufgenommen. Doch es war ein schlagender Beweis, dass Darras und auch Satris die gleiche Begabung zum Bösen festgestellt hatten. Vor allem zweifelte ich seit dieser Zeit an meiner eigenen Urteilskraft. Ich wurde unsicher, bei den Beurteilungen von Situationen, die ich vorher oft rein gefühlsmäßig eingeschätzt hatte, bei Ansichten über andere Menschen. Ich traute mir selbst nicht mehr, nachdem ich mit Morigan einen solchen Reinfall erlebt hatte, zweifelte an mir selbst und meinen Fähigkeiten.

Natürlich konnte das meinem Oberen nicht lange verborgen bleiben. Ich zog mich von allem immer mehr zurück, begann lange nachzudenken, was ich falsch gemacht hatte, und wie ich es in Zukunft vermeiden könnte. Ich vernachlässigte meine Arbeit, und in den Lehrstunden wurde ich unkonzentriert.

Schließlich wurde es meinen Lehrern zu bunt, und sie beschwerten sich offiziell. Jetzt konnte Darras nicht mehr darüber hinwegsehen, und er ließ mich rufen. Meine Lehrer standen im Arbeitszimmer wie ein Tribunal. Angst erfasste mich, ich hatte viele Fehler gemacht. Was würden sie jetzt über mich beschließen?

Mit der erlernten Beherrschung grüßte ich alle und stellte mich aufrecht hin. In den Mienen war nichts zu lesen, dennoch vermeinte ich in den Augen einiger Verständnis und Sorge zu erkennen.

Darras war ganz der Obere der Gemeinschaft, kein Muskel regte sich in seinem Gesicht, seine Augen waren kühl und absolut neutral. Mir war klar, dass ich von ihm keine Hilfe zu erwarten hatte, hier musste er mit dem gleichen Recht für alle entscheiden.

„Schwester, du stehst hier nicht unter Anklage. Deine Lehrer haben sich beschwert, dass du unaufmerksam bist, vermeidbare Fehler machst, und deine Pflichten zum Wohle aller vernachlässigst. Was hast du dazu zu sagen?“

„Ich kann meine Lehrer nur um Entschuldigung bitten. Meine Brüder und Schwestern haben ihr Bestes getan, doch ich war unaufmerksam. Ich gelobe jedoch hier vor allen Besserung.“

„Gibt es schwerwiegende Gründe für deine Verfehlungen?“

Was sollte ich sagen? Ich nahm an, er wusste, was los war, aber das konnte ich hier nicht sagen. Oder doch? Warum eigentlich nicht?

„Ich zweifle an meinem Urteil, ich bin unsicher, weil ich nicht weiß, ob ich richtig entscheide. Leider hat sich das auf meine Fähigkeiten ausgewirkt. Ich bitte um Rat.“ Demütig senkte ich den Kopf, hoffte, dass es bald vorbei sein möge. Doch ich hatte die Solidarität der Gemeinschaft noch unterschätzt. Ich hätte viel mehr Vertrauen haben müssen.

„Es ist gut“, sagte Darras förmlich. „Du hast dich mit deinen Fragen an uns gewandt, wie es dein Recht und auch deine Pflicht ist. Wir sind bereit, dir zu helfen, wie es unser Recht und unsere Pflicht ist. Ich bitte dich, zu warten, bis wir eine Beratung abgehalten haben.“

Ich setzte mich draußen auf einen Stuhl und versuchte, das Zittern meines Körpers unter Kontrolle zu bekommen. Worüber würden sie wohl reden? Wie wollten sie mir helfen?

Die Tür öffnete sich, ich wurde hereingerufen.

Noch immer standen alle wie ein Tribunal, doch jetzt konnte ich in den Mienen freundliche Anteilnahme lesen.

Darras allein war noch immer äußerlich unbewegt. Als er anfing zu sprechen, fühlte ich mich im ersten Moment in einen tiefen Abgrund gestürzt.

„Schwester, du hast um unseren Rat gebeten. Wir sind bereit, dir zu helfen. Du wirst lernen müssen, dir selbst wieder zu vertrauen, du wirst Entscheidungen treffen müssen, die sich oft sofort auswirken. Um dies zu lernen, wirst du für einen Monat zu Bruder Astaras gehen. Er ist einer unserer liebsten Brüder, hat sich jedoch von der Gemeinschaft beurlauben lassen, um in einem kleinen Dorf den Menschen Hilfe zu leisten. Bei ihm werden sich deine Fähigkeiten und dein Urteilsvermögen wieder erholen. Danach kehrst du zurück zu uns und wirst wieder zu uns gehören. Dies ist unser Rat, und du wirst als folgsames Mitglied folgen.“

Mir flimmerte es vor den Augen. Er schickte mich weg. Fort von diesem Zuhause, fort von meiner Arbeit, fort von - ihm.

Die Brüder und Schwestern verließen das Arbeitszimmer, allein und verloren stand ich da, wie betäubt von diesem Urteilsspruch.

„Komm her und setz dich“, hörte ich Darras auf einmal sagen. Nur langsam drang seine Stimme durch den dichten Nebel in meinem Gehirn. Mechanisch setzte ich mich. Ich versuchte, meinen Kopf zu klären und mich zu konzentrieren.

„Warum schickst du mich fort?“ Es klang wie ein Aufschrei aus meiner Kehle.

„Eorin“, sanft klang es an mein Ohr, „nur für kurze Zeit. Ich muss es tun. Die Pflicht für das Wohl der Gemeinschaft verlangt es von mir. Ich werde dich vermissen, aber für dich ist es besser. Du musst hier einige Zeit heraus. Morigan hat sich zu stark auf dich ausgewirkt. Glaube mir, wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich darauf ausgewichen. Aber jeder schätzt dich hier hoch ein, und alle wollten dir damit eine Chance geben. Du wirst bei Bruder Astaras gut aufgehoben sein. Er kann dich viel lehren.“

Ich riss mich zusammen. Vielleicht hatte er Recht. Ich sah ja selbst ein, dass ich zu viele Fehler gemacht hatte.

Ich stand auf und verbeugte mich formell.

„Ich danke dir und den Brüdern und Schwestern für euren Rat. Ich werde ihn befolgen und hoffe, geläutert zurückzukehren.“

Mit geraden Schultern und aufrechtem Gang wollte ich das Zimmer verlassen, doch seine Stimme hielt mich kurz vor der Tür zurück. Ruckartig blieb ich stehen. Mit ein paar raschen Schritten war er bei mir. Seine langen feinen Hände umfassten meinen Kopf, zärtlich drückte er mir einen Kuss auf die Stirn.

„Meine Gedanken werden oft bei dir sein.“

Ich nickte nur stumm, hätte ich zu sprechen versucht, wären mir die Tränen gekommen.


*


Es war gar nicht so schlimm, wie ich es gedacht hatte. Aber es sollte ja auch keine Strafe, sondern eine Hilfe sein.

Bruder Astaras war alt, sehr alt. Ein langer grauer Bart krönte sein Gesicht, während auf dem Kopf gar keine Haare mehr waren. Er lebte in einer kleinen bescheidenen Hütte, die er vor Jahren mit eigenen Händen erbaut hatte. Grob gezimmert standen ein Bett und ein Tisch in dem einzigen Raum. Als Sitzgelegenheit dienten zwei Holzblöcke.

Er begrüßte mich sehr freundlich, als ich eintraf.

„Schön, einen jungen Menschen bei mir zu haben, Schwester. Sag mir nichts, ich weiß Bescheid. Dein Oberer hat sich mit mir in Verbindung gesetzt. Du wirst hier in der Hütte wohnen, ein Fell habe ich dir zurechtgemacht.“

Er schlurfte mühsam zu seinem Bett, neben dem ein Krug stand.

„Hier ist Wasser, Brot und Käse liegen im Regal an der Wand. Lass uns gemeinsam essen. Dann kannst du schlafen. Die Reise muss dich erschöpft haben.“

Er hatte Recht. Zwei Tage lang war ich marschiert, hatte kaum eine Pause eingelegt. Jetzt war ich wirklich müde.

Am nächsten Tag lernte ich, was der Bruder tagtäglich zu tun hatte. In der Nähe war ein kleiner Bach, in dem ich mich waschen konnte. Als ich in die Hütte zurückkam, saß eine junge Frau dort. Deutlich war zu sehen, dass sie hochschwanger war.

„Da bist du ja“, sagte Astaras. „Das hier ist Kartina, sie wird heute oder morgen ihr Kind bekommen. Ich bin schon alt und möchte, dass du die Geburt überwachst.“

Ohne Widerspruch machte ich ein Lager zurecht. Ich hatte noch nie eine Geburt allein überwacht, doch ich vertraute auf das Urteil und die Erfahrung des Bruders. Fast mechanisch tastete ich den Körper ab und erschrak.

„Das Kind liegt nicht richtig, Bruder.“

„Ja. Sonst wäre Kartina auch nicht hier, schließlich gibt es Hebammen.“

Ich fühlte mich gemaßregelt, merkte jedoch, dass er es nicht böse meinte. Ich versuchte, die Regeln für eine Risikogeburt in mein Gedächtnis zurückzuholen, doch alles war nur Theorie. Ich hatte Angst. Es war auch zu spät, um das Kind jetzt noch im Mutterleib zu drehen.

„Nun, was willst du tun?“, hörte ich Astaras fragen.

„Ich - ich weiß es nicht. Ich habe das noch nie gemacht.“

„Aber du hast es gelernt?“

„Ja, Bruder.“

„Dann richte dich danach, ich werde überwachen.“

Am Nachmittag setzten heftige Wehen ein. Ich versuchte der jungen Frau Ruhe zu vermitteln, die ich selbst gar nicht empfand, doch ich unterstützte die Wehen durch leichte Massagen, dämpfte die Schmerzen im Körper und sprach beruhigend auf Kartina ein.

Die ganze folgende Nacht hindurch hielten die Wehen an. Astaras saß auf seinem Bett, sah mir zu, griff aber nicht ein. Schließlich legte er sich hin und schlief ein.

Und dann spürte ich, dass das Kind mit Macht auf die Welt drängte. Mit flinken Fingern setzte ich Wasser auf den provisorischen Herd, der aus einem Steinkreis bestand, schickte beruhigende Impulse an die junge Frau und machte mich daran, das Kind zu holen. Kartina stöhnte immer heftiger, und ich hatte keine Zeit mehr zu überlegen, ob ich alles richtig machte. Hier zeigte sich, dass die Schulung in der Gemeinschaft wertvoll war. Ich verdrängte jeden Zweifel, sorgte nur noch dafür, dass alles glatt ging, und schließlich hielt ich einen kleinen Jungen in den Händen. Mit einem letzten Schrei wurde Kartina ohnmächtig.

Ich wusch das Kind, das sofort in Geschrei ausbrach, wickelte es in Windeln, die Kartina mitgebracht hatte, und legte ihr das Kind in die Arme. Gleichzeitig holte ich sie aus ihrer Ohnmacht.

„Du hast ein wunderschönes Kind. Einen Jungen“, lächelte ich sie an.

Ein überirdisches Strahlen glitt über ihr Gesicht. In mir regte sich Neid. Als Priesterin durfte ich nicht heiraten und auch keine Kinder haben, dafür hätte ich aus dem Orden austreten müssen. Es war mein Schicksal, dass ich mich nur über fremde Kinder freuen konnte.

„Hast du schon einen Namen für ihn?“, fragte ich.

„Soran soll er heißen, wie der Vater seines Vaters.“

„Ein schöner Name. Aber jetzt müsst ihr schlafen. Ihr habt schwer gearbeitet.“ Mit einem glücklichen Strahlen schlief sie ein, das Kind fest an sich gepresst.

Ich räumte schnell die Hütte wieder auf, beseitigte Blut und Schmutz, räumte alles wieder an seinen Platz und wollte gerade gehen um mich selbst zu waschen, als Bruder Astaras Stimme mich aufschreckte.

„Das hast du sehr gut gemacht, Schwester. Du hast sehr gute Lehrer gehabt.“

„Ich hatte große Angst. Ich hoffe, alles war richtig.“

„Natürlich“, kicherte er. „Ich habe dich die ganze Zeit überwacht.“

„Verzeih, ich dachte du schläfst und wollte dich nicht wecken.“

„Ein alter Mann wie ich braucht nur wenig Schlaf. Und jetzt geh und wasch dich.“

Müde wankte ich zum Bach. Erst jetzt merkte ich, wie müde ich war. Mein Geist war ausgelaugt, und meine Glieder schmerzten von der ungewohnten Arbeit. Das kalte Wasser war frisch, und ich genoss die Kühle. Dann bemerkte ich einen schwachen roten Schimmer. Die Sonne ging auf. Der erste Tag im Leben des gerade geborenen Kindes. Ich wünschte ihm viel Glück.

Zurück in der Hütte schickte ich einen sehnsüchtigen Blick auf meinen Schlafplatz, scheuchte aber diese Gedanken beiseite und begann, ein karges Frühstück zuzubereiten. Astaras begann, mit gutem Appetit zu essen, und auch Kartina erwachte. Ihr erster Griff galt dem Kind, dann bemerkte sie das Essen.

„Ich habe großen Hunger. Kann ich auch etwas bekommen?“

„Natürlich, du hast dafür gearbeitet. Aber noch bekommst du leichte Kost, dein Körper muss sich erst erholen.“

Ich bereitete ihr einen einfachen Haferbrei, den sie heißhungrig verschlang. Das Kind begann zu weinen, und da ich merkte, da sie nur wenig Ahnung hatte, zeigte ich ihr, wie das Kind richtig an die Brust gelegt wurde, um zu trinken.

„Ich möchte gern nach Hause“, erklärte sie, während das Kind leise schmatzend saugte.

„Es wäre besser, wenn du bis morgen hier bleiben könntest, dann ist die Gefahr einer Verunreinigung nicht mehr so groß“, erwiderte ich, mich getreu an das haltend, was ich gelernt hatte.

„Aber mein Mann wartet auf seinen Sohn.“

„Warum ist er nicht mitgekommen?“

„Er mag euch Priester nicht.“

„Und du, bist du nur als Hilfesuchende gekommen, weil es keinen anderen gab, der helfen konnte?“

Glühende Röte überzog das hübsche Gesicht. Das war mir Antwort genug. Es tat weh, dennoch würde ich niemanden verurteilen, der so dachte. Ich beschloss, das Thema ruhen zu lassen.

„Es wäre besser für dich, bis morgen hier zu bleiben, wenn du allerdings darauf bestehst zu gehen, kann ich dich nicht halten.“

„Dann danke ich dir für deine Hilfe. Ich gehe.“

Sie stand mühsam auf, wickelte das Kind neu ein und verließ ohne weiteren Gruß die Hütte.

Betrübt sah ich ihr hinterher.

„Gräme dich nicht, Schwester, die Menschen reagieren seit Urzeiten so. Du musstest sie gehen lassen.“ Bruder Astaras saß auf seinem Bett, klein, alt und runzlig, aber durchdrungen von einer absoluten Ruhe. Er kannte die Menschen und hatte Verständnis für ihre Schwächen und Fehler. Vielleicht würde ich es auch noch lernen.

„Meine alten Knochen wollen nicht mehr so recht. Ich möchte, dass du heute die Arbeit übernimmst. Im Laufe des Tages werden noch Leute kommen, die Salben und Tinkturen brauchen, oder einfach nur einen Rat. Ich habe seit vielen Jahren dieses Dorf nicht mehr verlassen, und die meisten kennen mich. Wir werden sehen, wie du aufgenommen wirst.“

Automatisch richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den alten verbrauchten Körper des Bruders. Was ich entdeckte, ließ mich erschrecken. Er war schwer krank und hatte nicht mehr lange zu leben. Sein Lebenslicht war nur noch eine kleine flackernde Flamme, die durch einen unbeugsamen Willen aufrechterhalten wurde.

„Lass mich dir helfen“, bat ich. „Ich bin noch jung und kann deine Krankheit vielleicht unter Kontrolle bekommen.“

„Nein. Lass das. Ich will es nicht. Ich habe ein langes ausgefülltes Leben gehabt. Wenn du mir helfen willst, dann lindere ein wenig die Schmerzen, das erschöpft mich so.“

Fürsorglich packte ich ihn richtig in sein Bett, deckte ihn zu, bereitete einen starken Tee und suchte nach den Stellen, die ihn am meisten schmerzten. Es war wenig genug, was ich tun konnte, doch er schien glücklich darüber. Ich hätte ihn für einige Zeit heilen können, doch seine Entscheidung musste ich respektieren.

Bald darauf, nachdem ich auch eine Kleinigkeit gegessen hatte, kamen die ersten Leute aus dem Dorf. Es waren kleine Probleme, offene Wunden, starke Schmerzen, Verstauchungen, die normale Arbeit eines Heilers. Gewissenhaft kümmerte ich mich um alles, bereitete Tees, gab Salben heraus, die der Bruder bereits fertig in kleinen Tiegeln vorrätig hatte und ließ mich von manchen Leuten anstaunen, die kaum glauben konnten, dass eine junge Frau als Priesterin tätig war.

Das alles befriedigte mich, ich fühlte mich sicher in meinen Entscheidungen, ich griff auf das erlernte Wissen zurück und verließ mich auf die Erfahrungen, die mir vermittelt worden waren.

Doch dann, nach einigen endlosen Tagen, in denen ich immer wieder die gleichen Anweisungen gegeben hatte, mit sich ähnelnden Problemen konfrontiert worden war, und mich fürsorglich um den kranken Bruder gekümmert hatte, wurde ich mit einem Rechtsstreit behelligt. Darras hatte mich gelehrt, dass in schwerwiegenden Fällen wir Priester auch das Urteilsrecht hatten. Doch darüber hatte ich noch nicht viel gelernt. Und in den letzten Wochen hatte ich auch kein Interesse daran gehabt. Jetzt wünschte ich mir, besser aufgepasst zu haben.

Es begann damit, dass ein ziemlich erboster älterer Mann ein junges Paar in die Hütte schubste. Widerwillig nur kamen sie. Dann blieb das Mädchen trotzig an der Wand stehen, der junge Mann sah verlegen zu Boden.

„Ich bin Hartog“, verkündete der ältere laut. „Das ist meine Tochter Agina. Und der da, das ist Aros.“

„Was kann ich für euch tun?“, fragte ich freundlich und machte eine einladende Bewegung. Hartog griff nach dem Mädchen und hieß sie sich setzen, zweckmäßigerweise auf den Boden, die Sitzgelegenheiten hätten ja nicht ausgereicht. Ihr gegenüber ließ Aros sich nieder. Wie ein rächender Gott hockte sich Hartog dazwischen. Ich ließ mich ebenfalls nieder, aber ganz ruhig und aufrecht. Meine Sinne schärften sich, ich war bereit, in voller Konzentration alles aufzunehmen und zu überprüfen.

„Dieser da“, sagte Hartog abfällig und deutete auf Aros, „hat meine Tochter geschwängert.“

Das Mädchen wurde knallrot, Aros blickte verschämt zu Boden.

„Will er sie heiraten?“, fragte ich freundlich.

„Das kann er nicht. Er ist verheiratet.“ Grimmig blickte der Vater auf die beiden. Ich verstand das Problem, es würde schwierig werden.

„Ist das wahr?“, fragte ich Aros. Er nickte stumm.

„Warum hast du dich dann mit dem Mädchen eingelassen? Du hast doch eine Frau zu Hause.“

„Die Heirat war von unseren Eltern bestimmt. Aber ich liebe Agina.“

„Das ist kein Grund, sie zu schwängern. Hast du denn nie darüber nachgedacht, dass auch sie einmal heiraten will und soll? Jetzt bekommt sie ein Kind ohne Vater. Wer wird sie dann noch nehmen? Sie müsste schon eine sehr große Mitgift bekommen, oder für das Kind müsste ausreichend gesorgt werden. Du kannst doch einem anderen Mann nicht zumuten, dein Kind aufzuziehen.“

„Ich will das Kind nicht“, erklärte Agina tonlos.

„Was?“, rief ich aus.

„Ich will es nicht. Und ich will nie wieder etwas von Aros hören und sehen.“

„Darüber hättet ihr vielleicht früher nachdenken müssen.“ Ich war verstört, erwartete sie etwa, dass ich ihr das Kind wegzaubern konnte? Sie würde es schon austragen müssen. Und es wäre in jedem Fall besser, wenn sie es aufziehen würde.

„Nun, Priesterin. Wie willst du hier entscheiden? Ich habe nicht genug, um meine Tochter so teuer zu verheiraten. Kannst du das Kind wegmachen?“

Ekel erfasste mich. Wie redeten sie hier über ein Ungeborenes? Auch das war doch schon Leben. Das konnte ich doch nicht zerstören.

„Nein, Hartog. Ich kann das Kind nicht wegmachen. Und ich denke auch nicht daran, solch einen Frevel zu begehen.“

„Und was soll sie mit dem Balg anfangen?“

Eine gute Frage. Was sollte ich antworten.

„Aros, was besitzt du?“

„Er ist reich“, sagte Hartog bitter. „Und deswegen hat er mein Mädchen verführt. Sie hat wirklich geglaubt, er würde sie heiraten.“

„Ich habe Aros gefragt. Sicher kann er selbst antworten“, sagte ich mit leichtem Tadel.

Ich blickte ihn streng an, um von vornherein klarzustellen, dass ich keine Ausflüchte und Lügen akzeptieren würde.

„Es ist so, wie er sagt, Herrin“, kam leise die Antwort.

„Dann hört, was ich euch rate. Du, Hartog, wirst dich bemühen, einen Mann zu finden, der bereit ist, Agina auch mit einem fremden Kind zu heiraten. Du, Agina, wirst dein Kind austragen und es lieben, so wie es sich gehört. Das Kind kann schließlich nichts für eure Dummheit. Aber lass dir das eine Warnung sein, tändle nicht herum und glaube nicht alles, was ein Mann dir erzählt. Ja, und du, Aros. Du wirst eine Aussteuer für Agina beschaffen, die es ihr ermöglicht, einen guten Mann zu heiraten. Und sobald das Kind geboren ist, wirst du jedes Jahr eine großzügige Summe bereitstellen, die für die Erziehung und Kleidung angemessen ist. Agina wird das Kind gut erziehen, du wirst die Kosten tragen. Einen Anspruch auf das Kind hast du nicht. Dies soll gelten, bis das Kind einen Beruf lernt, längstens aber bis zu seinem sechzehnten Lebensjahr. Seid ihr damit einverstanden?“

„Warum soll ich alles bezahlen? Ich habe Agina doch keine Gewalt angetan. Sie war doch einverstanden.“ Aros war ausgesprochen wütend. Doch darum konnte ich nichts geben.

„Du hast sie getäuscht. Sie wird das Kind austragen, und sie muss sich mit einem fremden Mann auseinandersetzen. Du kommst noch billig davon.“

„Und was ist mit einer Entschädigung?“, knurrte Hartog.

„Eine Entschädigung?“, fragte ich erstaunt. „Wofür denn?“

„Agina hat ihren guten Ruf verloren. Soll sie wie eine Dirne herumlaufen?“

„Übertreibe es nicht“, warnte ich ihn. „Sie wird eine angemessene Aussteuer erhalten und ist alt genug, um selbst die Verantwortung für ihren Fehler zu übernehmen. Einen anderen Rat kann ich euch nicht geben.“

„Wir werden tun, wie du sagst“, gaben sie alle nach.

Ohne Gruß verließen sie die Hütte. Unzufrieden mit mir selbst stürzte ich mich in eine Arbeit, filterte einen Kräuterabsud, rührte Salbe an, war aber nicht sicher, richtig entschieden zu haben.

Bruder Astaras richtete sich in seinem Bett auf, das er seit Tagen nicht mehr verlassen hatte.

„Warum richtest du dich selbst?“, fragte er. „Hast du so wenig Vertrauen in dein Können und Wissen?“

„Was ist das für eine verkehrte Welt, in der die Menschen alleine nicht genügend Verstand haben, um solche Probleme zu vermeiden? Warum hat das Mädchen sich bereden lassen? Warum hat Aros sich nicht an seine Frau gehalten? Woher soll ich wissen, ob meine Entscheidung richtig war? Das wirkt sich auf drei Leben aus, aber erst in späterer Zeit. Habe ich auch keinen Fehler gemacht?“

„Das kannst du jetzt noch gar nicht wissen. Und du hast richtig gehandelt. Ich hätte es nicht besser machen können.“

Mutlos ließ ich den Kopf hängen. Was würde aus diesem Kind werden? Auch wieder so eine Verkörperung des Bösen? Die Mutter liebte es nicht, noch nicht, hoffte ich.

„Hilf mir, Bruder“, bat ich. „Ich habe noch so viel zu lernen.“

„Lerne erst einmal, dir selbst zu vertrauen. Auch wenn du Fehler machen solltest. Lerne daraus und vermeide die Fehler bei der nächsten Gelegenheit. Auch ich bin nicht vollkommen, nicht einmal der Obere ist vollkommen. Wir alle haben das Recht Fehler zu machen. Wir dürfen uns nur nicht davon abschrecken lassen.“

„Ich will es versuchen“, versprach ich.

„So ist es recht. Und jetzt möchte ich ein wenig schlafen. Ich fühle mich nicht gut.“

Sofort schob ich meine Probleme beiseite. Der Bruder sah schwach und erschöpft aus. Längst wusste ich, dass es nur noch Tage waren, die er leben würde. Ich nahm mir vor, ihm den Tod so einfach zu machen, wie es mir möglich war.

Äußerst leise erledigte ich die Arbeiten, die noch zu tun waren, und setzte mich dann vor der Tür in den warmen Wind, um zu meditieren.

„Eorin“, erklang eine Stimme. Erstaunt sah ich auf. Wer rief mich hier bei meinem Namen? Suchend blickte ich mich um, konnte aber niemand entdecken. Noch einmal hörte ich meinen Namen, aber jetzt verstand ich. Jemand versuchte auf geistiger Ebene Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich versenkte mich in die Meditation, es war leichter eine Verbindung herzustellen, wenn der Geist entspannt und nicht abgelenkt war.

„Wer ruft mich?“, schickte ich eine Frage hinaus.

„Erkennst du es nicht?“, fragte der andere leicht amüsiert.

O ja, diese Impulse kannte ich.

„Herr, du bist es. Ist etwas passiert?“

„Nein. Wie geht es dem Bruder?“

„Von Tag zu Tag schlechter. Er hat nur noch wenig Zeit.“

„Ich weiß es. Ich wünsche, dass du dich um ihn kümmerst, er soll einen leichten Tod haben.“

„Das hatte ich selbst bereits entschieden. Nachdem ich den Tod akzeptiert habe, wie Bruder Astaras es mich gelehrt hat, werde ich alles tun, damit er nicht leiden muss.“

„Findest du es immer noch so schlimm, einen Monat außerhalb zu verbringen?“

„Nein, Herr. Ich lerne so viel daraus. Ich habe Bruder Astaras sehr viel zu verdanken.“

„Das glaube ich. Auch ich habe seinerzeit viel von ihm gelernt. Leb wohl. Du wirst bis zum Tode des Bruders bleiben. Danach kehrst du zurück.“

Die Stimme meines Oberen verschwand aus meinem Geist, ich fühlte mich seltsam getröstet. Ich wusste jetzt, ich war nie allein. Ich würde immer eine Hilfe haben, wenn ich sie brauchte.


*


Der nächste Morgen begann mit Sturm und Regen, die ersten Vorboten des Herbstes. Bunte Blätter wirbelten von den Bäumen, raschelten auf dem Boden, flogen mit dem Wind. Leuchtend bunte Beeren an den Sträuchern luden zum Naschen ein, das Gras auf den Wiesen und Weiden wurde dunkler. Der Regen peitschte an die Fenster und durch die Ritzen im Gebälk pfiff der Sturm.

Ich war früh auf, bereitete einen heißen Kräutertee für den Bruder und gab ihm den langsam, Schluck für Schluck, zu trinken.

„Das tut gut, Schwester. Du hast dir soviel Mühe mit mir gegeben. Aber es dauert nicht mehr lange.“

„Ich weiß, Bruder. Es fiel mir sehr schwer, deine Entscheidung anzunehmen.“

„Du bist auch noch sehr jung. Doch mein Leben ist erfüllt, und ich werde den Tod begrüßen. Ich möchte dir danken, dass du mir die letzten Tage leicht gemacht hast. Ich habe keine Schmerzen mehr und werde mit der Gewissheit sterben, dass eine junge starke Schwester noch aus meinem Tod gelernt hat.“

„Du solltest nicht so viel reden, Bruder. Es strengt dich zu sehr an.“

„Das macht jetzt nichts mehr. Eorin, ich möchte, dass du nie mehr an dir zweifelst. Triff deine Entscheidungen. Auch wenn du Fehler machst, ist es besser, als gar nichts zu tun.“

„Du hast Recht, Bruder. Kann ich noch etwas für dich tun?“

Er schüttelte den Kopf, ließ sich zurücksinken und schloss die Augen. Gleich war er wieder eingeschlafen.

Die Tür der Hütte flog auf, brachte Wind und Regen herein und zwei Menschen. Ein Kind, stark mit Blut verschmiert, und einen Mann, der das Kind stützte. Ich schloss die Tür, packte ohne Fragen das Kind auf einen Strohsack und begann vorsichtig, das Blut abzuwaschen. Beide Beine des Kindes waren übersät von tiefen Schnittwunden, die noch immer heftig bluteten.

„Wie ist das passiert“, fragte ich den Mann, der wortlos und scheinbar ängstlich im Raum herumstand. Das Kind, ein Junge, weinte nicht, obwohl er sicher Schmerzen hatte. Er blickte mich nur mit großen ängstlichen Augen an, weit geöffnete Pupillen und Zittern an den Gliedern sprachen für einen Schock. Ich legte ihm eine Decke um, weil erfahrungsgemäß bei einem Schock die Menschen frieren. In einem Tiegel hatte ich ein blutstillendes Mittel, das ich nun vorsichtig auftrug. Zischend zog der junge die Luft ein, es brannte, das wusste ich. Wütend drehte ich mich dann um.

„Kannst du nicht reden? Ich will wissen, wie das passiert ist.“

„Im Teich - das Schilf“, stammelte er.

Ihr Götter, wie kommt der Junge ins Schilf?

„Was hast du darin gemacht?“, fragte ich das Kind, in der Hoffnung, von ihm mehr zu erfahren, als von seinem scheinbar konfusen Vater. Doch ich bekam keine Antwort.

„Er - er ist stumm“, sagte der Mann leise.

Auch das noch. Die Blutungen ließen langsam nach. Mit einer Salbe bestrich ich die Wunden dünn, es kühlte und linderte die Schmerzen. Rasch wickelte ich Verbände um die Beine.

„Er muss ein bis zwei Tage hier bleiben, er hat sehr viel Blut verloren, und ich weiß noch nicht, wie sein Körper das verkraftet. Und jetzt erzähl mir, wie das passiert ist.“

Vorsichtig half ich nach, um endlich alles zu erfahren. Der Mann wurde ruhiger und begann zu sprechen.

„Das ist Keras, mein Sohn. Wir waren zum Fischen auf dem See. Das Netz hatte sich verfangen und ich habe ihn hinausgeschickt, damit er es löst. Dabei ist er in die Schlingpflanzen geraten und hat sich beim Strampeln im Schilf verfangen.“

„Und warum fischt du so nahm am Ufer? Die Fische sind doch wohl eher draußen zu finden.“

„Das kann schon sein. Aber ich wollte heute nicht so weit raus.“ Seine Stimme war noch immer unsicher. In mir keimte ein Verdacht.

„Hast du etwa getrunken?“

„Nur ein Glas, Herrin.“

„So, nur ein Glas? Und das soll ich glauben? Du Trunkenbold hast das Leben deines Kindes aufs Spiel gesetzt. Wie willst du das seiner Mutter erklären?“

„Sie ist tot. Ich - ich versuche, ihn allein aufzuziehen.“

„Mit Wein und Schnaps?“, fragte ich erbittert. Er senkte den Kopf.

„Es tut mir Leid, Herrin. Es soll nicht wieder vorkommen.“

„Das wird es auch nicht, sonst ergeht es dir schlecht. Geh jetzt, Keras bleibt noch hier.“

Wie konnte er überhaupt bei diesem Wetter fischen gehen? Und dann noch betrunken. Ich bettete den Jungen vorsichtig auf meinem Schlafplatz und gab ihm einen Tee. Er würde gleich einschlafen, und dann konnte der Heilungsprozess einsetzen. Hoffentlich hatte er nicht zuviel Blut verloren.

Innerlich schimpfte ich noch immer über die Dummheit der Menschen, als ich Bruder Astaras stöhnen hörte. Sofort war ich bei ihm, legte meine Hand auf seine Stirn und ließ beruhigende Impulse überströmen.

„Es ist gut, Schwester. Bleib so wie du bist. Das ist den Göttern wohlgefällig. Und vertraue Darras, deinem Oberen. Er ist ein guter Mann.“

„Ruhig“, flüsterte ich, obwohl ich wusste, dass es jetzt keinen Schaden mehr bringen konnte. Ich hätte gern geweint, doch ich wollte nicht, dass er mich noch trösten musste.

„Hab Dank, Eorin. Du musst stark sein.“

Verwirrte sich sein Geist? Wovon sprach er? Seine Augen schienen mich nicht mehr zu sehen, weit entrückt und unendlich fern sah er etwas.

„Du wirst die Welt der Menschen befreien müssen von dem Bösen. Es ist wieder aufgetaucht und streckt seine Hände nach dir und der Gemeinschaft aus. Nur du allein kannst es besiegen. Aber vorher wird Blut und Tod und Vernichtung über alle kommen. Und du wirst lange Zeit im inneren Dunkel leben müssen. Nimm dich in Acht vor der Glut. Sie kann alles zerfressen. Pass auf deinen Ob...“. Sein Kopf wurde schlaff, die Augen brachen. Bruder Astaras war erlöst. Seine rätselhaften Worte lenkten mich zunächst ab, doch dann erfüllte ich die vorgeschriebenen Rituale. Ich wusch den Körper, salbte ihn und wickelte ihn in ein Fell, das ich mit starken Lederbändern zuschnürte. Am nächsten Morgen würde ich ein Grab schaufeln und ihn unter Segenswünschen begraben.

Nachdem der Bruder ordentlich dalag, setzte ich mich vor ihm auf den Boden und versenkte mich in Meditation. Ich wollte seiner in Ruhe und Ehrfurcht gedenken. Und schließlich kam die Trauer über mich, ich begann zu weinen, hatte ich doch einen wirklichen Freund verloren.

Keras auf meinem Schlafplatz regte sich und stöhnte leise. Meine Pflicht rief. Der Junge hatte leichtes Fieber. Ein Becher Tee stillte seinen Durst, und ich linderte seine Schmerzen. Diese vielen Wunden mussten sehr weh tun.

„Kannst du mich verstehen?“, fragte ich ihn. Er nickte mit dem Kopf. Ich fragte mich, warum er nicht sprechen konnte und überprüfte seine Stimmorgane. Es war kein Fehler vorhanden, keine Krankheit, keine Verwachsungen im Hals. Rein körperlich war er gesund.

„Warst du immer schon stumm?“ Kopfschütteln.

„Hast du dich einmal sehr erschrocken und dann deine Stimme verloren?“

Wieder Kopfschütteln. Ich nahm mir vor, seinen Vater zu fragen. Keras musste ungefähr zwölf Jahre alt sein, wie lange mochte er wohl schon unter seiner Stummheit leiden?

Ich setzte mich an den Tisch und führte das Tagebuch, das Bruder Astaras geschrieben hatte, zu Ende. Mit seinem Tod füllte ich die letzte Seite. Merkwürdig, dass gerade auch mit dem Lebensende das Buch voll war.

Am Morgen hob ich ein Grab aus, nicht weit von der Hütte entfernt, sicher hätte ihm dieser Platz gefallen. Unter Aufbietung aller Kräfte brachte ich den Körper in das Grab, sprach einen letzten Segen und schaufelte die Erde wieder darüber.

Keras war wach, als ich in die Hütte zurückkehrte. Ich lächelte ihn aufmunternd an, er war zwar immer noch blass, doch er schien auf dem Wege der Besserung. Vorsichtig entfernte ich die Verbände von seinen Beinen, untersuchte die Wunden, die sich glücklicherweise geschlossen hatten, und trug erneut Salbe auf. Danach bereitete ich ein einfaches Frühstück für uns beide.

„Du kannst heute zurück zu deinem Vater, aber arbeiten kannst du noch lange nicht wieder. Erst müssen deine Wunden richtig geheilt sein.“ Ich sprach mit ihm, wie mit jedem anderen Patienten auch.

Es klopfte an der Tür, und der Fischer trat ein. Bescheiden trat er über die Schwelle.

„Sei gegrüßt, Herrin. Wie geht es meinem Sohn?“

„Es geht ihm soweit gut. Du kannst ihn mitnehmen, wenn du willst. Aber er darf noch mindestens eine Woche nicht laufen, und schon gar nicht arbeiten. Sorg dafür, dass er gut zu essen bekommt und trage täglich auf seine Wunden diese Salbe auf.“ Ich gab ihm einen Tiegel in die Hand.

„Seit wann ist der Junge eigentlich stumm?“, wollte ich dann wissen.

„Seit dem Tod seiner Mutter. Sie ist schwer gestürzt, und er war dabei. Nach seinem Schrei hat er nie wieder ein Wort gesprochen.“

„Ja, ich verstehe“, sagte ich. „Bruder Astaras ist gestorben. Ich werde noch heute diese Gegend verlassen. Du kannst das den anderen Dorfbewohnern sagen. Ich weiß nicht, ob es hier bald wieder jemanden gibt, an den ihr euch wenden könnt. Das liegt nicht in meiner Macht. Pass auf deinen Sohn auf.“

Keras machte mir ein Zeichen. Ich trat zu ihm, und er streckte die Arme aus, um mich zu umarmen. Ich strich zärtlich über seine Stirn.

„Vielleicht sehen wir uns einmal wieder, Keras. Ich wünsche dir Glück.“

„Hab Dank, Schwester“, sagte sein Vater. „Was verlangst du?“

„Ich verlange gar nichts. Ich nehme auch nichts an. Es ist meine Pflicht, anderen zu helfen. Seine Genesung ist Dank genug.“

Er nahm seinen Sohn auf die Arme und ging.

Ich räumte in der Hütte alles auf, fegte ein letztes Mal den Schmutz heraus, legte Felle, Decken und Strohsäcke ordentlich in eine Ecke und verließ die Hütte. Es gab kein Schloss, doch ich glaubte auch nicht, dass jemand hier eindringen würde.

Ein letztes Mal schaute ich mich um, nahm in Gedanken Abschied, ich hatte hier eine gute Zeit verbracht und war sicher, dass ich mich jetzt wieder besser in die Gemeinschaft einfügen konnte.

Ein letzter Gedanke an Bruder Astaras, ein Dank, und ich machte mich auf den Weg nach Hause.


*


Mein erster Weg führte natürlich zu Darras. Ich sah, wie ein freudiges Leuchten über seine Züge glitt, als ich sein Arbeitszimmer betrat. Doch da noch andere Personen anwesend waren, begrüßte er mich mit formeller Höflichkeit. Geduldig und bescheiden stellte ich mich in den Hintergrund und wartete. Endlich verließ auch der letzte Besucher den Raum.

„Dein Dickkopf hat mir sehr gefehlt“, lächelte der Obere zur Begrüßung.

„Wie schade, dass Bruder Astaras mich gelehrt hat, keinen Dickkopf mehr zu haben“, bedauerte ich.

„Das wäre ein Verlust für deinen Oberen.“

„Aber die Gemeinschaft hätte Profit davon.“

„Nicht, wenn der Obere dadurch trübsinnig wird.“

„Dann muss er aufgeheitert werden.“

„Wie willst du das machen?“

„Ich werde Schwester Satris bitten, Witze zu erzählen“, erklärte ich bissig.

Wollte er mich gleich wieder in die Defensive treiben? Oder stellte er mich auf die Probe?

„Setz dich her zu mir“, befahl er. Folgsam ließ ich mich auf den Stuhl sinken, dankbar für die Erholung. Ich war müde und erschöpft und wünschte mir, in meine Kammer zu gehen und zu schlafen. Noch hatte ich den Tod von Bruder Astaras nicht verkraftet. Seine Güte und Geduld würden mir immer ein Vorbild bleiben.

„Ich weiß, wie schwer es für dich war, Eorin“, sagte Darras. „Aber ich weiß auch, dass du dich bewährt hast. Willst du deine Arbeit bei mir wieder aufnehmen?“

„Ganz wie du befiehlst, Herr“, erklärte ich demütig. Die Erschöpfung nahm immer mehr zu, ich musste mich zwingen, die Augen aufzuhalten. Warum sagte er nicht, was er wollte und ließ mich endlich gehen?

„Seit wann befolgst du Befehle?“, fragte er spöttisch.

„Das ist meine Aufgabe, oder nicht?“

„Deine Aufgabe ist es, in der Gemeinschaft dein Bestes zu geben.“

„Dazu werde ich deine Befehle befolgen, Herr.“

„Du drehst dich im Kreis. Was ist los mit dir? Du hast noch nie widerspruchslos gehorcht.“ Seine Stimme peitschte, ich riss verwundert die Augen auf.

„Ich nehme mir den toten Bruder als Beispiel. Sein Leben bestand aus Dienen und Gehorchen“, erklärte ich erschreckt.

„Wie schnell du geläutert bist. Ich hätte dir mehr Widerstandskraft zugetraut.“

In diesem Moment explodierte ich. In die tiefste Hölle mit meinem Gehorsam. Ich war doch kein Vieh.

„Ich brauche meine ganze Widerstandskraft, um deinen Befehlen zu gehorchen. Ich denke nicht daran, mir noch einmal den Mund zu verbrennen. Du hast mich oft genug gezüchtigt. Ich werde tun, was du sagst. Und jetzt mach Schluss mit dem grausamen Spiel. Sag, was du von mir erwartest. Ich werde deinen Befehlen gehorchen.“

Meine Augen blitzten trotz der Müdigkeit, und meine Stimme hatte beißende Schärfe angenommen, obwohl ich versucht hatte, absolut ruhig zu bleiben.

Um meine Wut auf den Höhepunkt zu treiben, lachte Darras kurz belustigt auf.

„Du widersprichst dir selbst. Du musst sehr müde sein, dass du nicht überlegst, was du sagst.“

Ich stand auf. Hoch aufgerichtet blickte ich meinem Oberen ins Gesicht. Wie hatte ich eigentlich wünschen können, wieder hier zu sein, wo er doch scheinbar nichts anderes zu tun hatte, als meine Geduld bis zum Äußersten zu treiben und sich dann darüber zu amüsieren.

„Ich bitte um Entschuldigung, Herr. Ist es mir gestattet, mich zurückzuziehen?“

„Nein.“

O ihr Götter, was kam denn noch?

„Setz dich wieder.“ - „Ich möchte stehen.“ Reiner Selbstschutz, dachte ich, vor allem kann ich so die Müdigkeit besser bekämpfen. Doch tief im Innern wusste ich, es war Trotz. Darras ging nicht weiter auf meine Weigerung ein.

„Ich möchte sicher sein, dass du die Episode mit Morigan überstanden hast. Ich brauche einen Stellvertreter.“

„Dann schlage ich Bruder Adolar vor. Er hat lange Erfahrung und ist geistig sehr gefestigt.“

„Ich habe dich nicht um deinen Rat gefragt.“

Wann lernte ich denn endlich, nur zu reden, wenn ich gefragt wurde?

„Ich will dich.“

Entsetzen machte sich in mir breit. Das konnte er doch nicht ernst meinen. Ich war alles andere als eine gute Priesterin, außerdem hatte ich noch so viel zu lernen. Und - ich wollte nicht. Oder doch?

Darras lächelte mich merkwürdig an, unbewusst legte ich eine Sperre vor meine Gedanken, doch ich ahnte, dass es zu spät war. Er kannte mich viel zu gut, und ich fühlte mich ihm hilflos ausgeliefert.

„Um mögliche Bedenken deinerseits zu zerstreuen habe ich mit den Ältesten gesprochen. Da sie deine Leistungen kennen, haben sie zugestimmt. Jetzt fehlt nur noch dein Ja.“

„Darf ich darüber nachdenken, ob ich eine solche Würde schon tragen kann?“ Ich suchte eine Ausflucht, fühlte mich überrumpelt und verwirrt.

„Aber natürlich. Willst du solange stehen bleiben?“

„Ich - ich dachte an einen Tag Bedenkzeit, Herr.“

„Seit wann brauchst du solange zum überlegen? Du bist viel zu ehrgeizig, um abzusagen.“

Wie gut er meinen Trotz herausforderte. Doch diese Suppe wollte ich ihm versalzen.

„Ich möchte diese Ehre nicht, Herr. Ich möchte als einfache Priesterin dienen. Vielleicht werde ich in späteren Jahren würdig genug sein, um eine solche Bevorzugung auszufüllen.“

Jetzt hatte ich ihn getroffen, das spürte ich.

„Du hast nicht lange gebraucht, um zu überlegen“, sagte er nachdenklich.

„Weil ich mich kaum noch auf den Füßen halten kann“, entfuhr es mir. Ich biss mir auf die Zunge. Dieses Mundwerk!

Darras versetzte mir einen leichten Stoß, so dass ich widerstandslos auf den Stuhl sank.

„Ich gebe dir solange Zeit zum überlegen, bis deine Antwort ja lautet“, erklärte er mir.

„Das ist Erpressung“, begehrte ich auf.

„Natürlich. Schließlich weiß ich am Besten, was gut für dich ist.“

„Dann befiehl es doch einfach.“

„Ich will, dass du freiwillig zustimmst.“

„Indem du mich dazu zwingst?“

„Ach Kind“, lächelte er plötzlich. Seine Stimme wurde wieder weich und fordernd, wie flüssiges Silber drangen seine Worte in meinen Geist. Ich wurde unfähig, mich gegen ihn zu wehren, bezwungen von der Kraft seiner Ausstrahlung, glücklich, mich ihm zu unterwerfen.

„Eorin, du hast mir so gefehlt, und ich brauche dich. Dich und deine Kraft. Warum wehrst du dich so verbissen und willst mir weismachen, dass du dich geändert hast. Das kannst du doch gar nicht. Ich will deine Erschöpfung nicht ausnutzen, um deinen Willen zu brechen. Die Gemeinschaft braucht dich, aber nicht irgendwo in einem stillen Winkel.“

Ich lauschte wie gebannt, wohl wissend, dass er mich in der Hand hatte. Ich besaß nicht mehr die Kraft, mich länger zu sträuben, senkte den Kopf und gab auf.

„Ich werde tun, was du sagst“, erklärte ich.

Sanft hob er mein Gesicht, seine grauen Augen durchdrangen mich, ich versank in diesem Blick.

„So ist es gut, Kind. Du musst jetzt ruhen. Du bist sehr müde.“

Wie betäubt stand ich auf und stolperte aus dem Zimmer. Ich weiß nicht, wie ich in meine Kammer kam, doch kaum lag ich auf meinem Bett, fiel ich in einen totenähnlichen Schlaf, aus dem mich erst am nächsten Morgen die Glocke weckte.


*


Ich schimpfte mit mir selbst, als mir am nächsten Tag klar wurde, dass ich mich wieder mal hatte überrumpeln lassen. Das konnte ich nicht nur mit meiner Müdigkeit erklären. Darras hatte vollkommen Recht, wenn er mir sagte, dass ich ehrgeizig sei. Warum konnte ich meinen Ehrgeiz nur nicht in meinen normalen Aufgaben austoben? Jetzt würde es an mir liegen, die Gemeinschaft zu führen, wenn Darras auf Reisen war, oder umgekehrt für ihn die Reisen übernehmen. Das würde mich oft fortführen, wie sollte ich nur zur Ruhe kommen und mich gehorsam einfügen? Ich verwünschte mich selbst, ließ das Frühstück ausfallen und machte stattdessen einen langen Spaziergang, um meine Gedanken wenigstens etwas zu klären.

Die Harmonie der weißen Kiesbeete und der leuchtend bunten Herbstblumen beruhigten mein aufgeregtes Inneres ein wenig. Dann fasste ich einen Entschluss. Ich würde Darras erklären, dass ich es mir anders überlegt hätte. Und jetzt war ich nicht so müde, dass ich gleich aufgeben würde. Ich musste um meine Unabhängigkeit kämpfen. Doch leider hatte ich meinen Oberen unterschätzt.

Ich hörte rasche Schritte hinter mir. Eine Novizin kam hinter mir hergelaufen.

„Herrin, bitte verzeih die Störung. Ich habe dir eine Nachricht zu überbringen.“

„So sprich.“

„Der Obere lässt dir mitteilen, dass er überraschend eine Reise unternehmen muss. Er legt die Führung vertrauensvoll in deine Hände, Herrin.“ Das Mädchen verbeugte sich ehrfurchtsvoll, während in mir die Wut kochte.

Darras musste vorausgesehen haben, dass ich mich nachträglich weigern würde. Um diesem Gespräch auszuweichen, verschwand er einfach auf ein paar Tage. Bis dahin würde ich seiner Meinung nach Gefallen an der Verantwortung finden und es mir anders überlegen. Doch da sollte er sich täuschen, nahm ich mir vor. Jetzt konnte ich zwar nichts daran ändern, doch er würde sich wundern.

„Ich danke dir, Schwester. Geh bitte zurück zu deinem Mentor.“

Das Mädchen lief zurück. Ich bekämpfte den Zorn in mir, zwang mich zur kühlen Überlegung und machte mich auf den Weg zum Arbeitszimmer. Ich musste ja die Arbeit eines Oberen kurzfristig übernehmen.

Wider Willen machte mir die Arbeit sogar Spaß. Ich rief mich jedes Mal zur Ordnung, wenn ich spürte, dass ich in den Aufgaben aufging, redete mir selbst ein, dass es nur vorübergehend sei, doch ich fühlte mich gefordert und war glücklich. Zu den Mahlzeiten sprach ich die Dankesworte an die Götter, übernahm die tägliche Andacht, wobei mich die Gemeinschaft unterstützte, führte die tägliche Chronik, und kümmerte mich um die Probleme der Brüder und Schwestern. Und jeden Abend las ich in den alten Büchern, die im Arbeitszimmer standen. Es bereitete mir ein besonderes Vergnügen, ehrfürchtig die Blätter zu berühren und Berichte aus längst vergangenen Tagen zu lesen.

Eine Woche, nachdem Darras verschwunden war, las ich abends wieder. Eine Kerze spendete mir genügend Licht. Ich hatte das schwere Buch auf den Schreibtisch gelegt, und irgendwann war ich darüber eingenickt. Plötzlich schreckte ich auf. Etwas hatte mich geweckt. Schlaftrunken hob ich den Kopf, noch war die Müdigkeit nicht verflogen. Da bewegte sich doch etwas im Halbdunkel an der Tür.

„Wer bist du?“, fragte ich. „Kann ich etwas für dich tun?“

Ein amüsiertes Lachen erklang als Antwort. Darras. Sofort regte sich der Zorn in mir. Ich stand auf.

„Wie schön, dass der Obere zu seiner Gemeinschaft zurückkehrt. Ich wünsche dir frohes Schaffen und eine gute Nacht.“ Mein bissiger Ton war vielleicht nicht das Richtige für einen Mann, der nachts von einer Reise zurückkam, doch noch immer war ich wütend, wie er mich überrumpelt hatte.

Rasch wollte ich an ihm vorbei aus der Tür schlüpfen, um schlafen zu gehen, da hielt er mich fest.

„Ich sehe dich in letzter Zeit nur noch müde.“

„Dann solltest du vielleicht auch mal bei Tage da sein“, erklärte ich frostig.

„Tut mir leid, dich geweckt zu haben. Ich hoffe, dein Schlaf war tief und fest. Über alten Büchern träumt es sich am besten.“

„Dann kannst du ja da weitermachen, wo ich aufgehört habe.“

„Du scheinst wütend zu sein. Hattest du Probleme?“ Harmlos klang seine Frage, doch ich wurde vorsichtig. Er hatte einen derart ruhigen und freundlichen Ton angeschlagen, dass in meinem Kopf die Alarmglocken schrillten. Trotzdem wollte ich nicht klein beigeben.

„Mit der Gemeinschaft? Aber nein. Sie sind alle perfekt erzogen. Ich übergebe dir hiermit die Leitung wieder offiziell. Wenn du es wünscht, kann ich dir morgen auch noch eine Novizin schicken, die es dir bestätigt.“

„Priesterin Eorin.“ Es klang wie Donnergrollen, obwohl er die Stimme nicht erhoben hatte.

Unwillkürlich versteifte ich mich.

„Ja, Herr.“

„Ich wünsche einen detaillierten Bericht über die Vorkommnisse während meiner Abwesenheit.“

„Gern, Herr. Ich werde morgen früh einen schriftlichen Bericht niederlegen und dir sofort übergeben.“

„Jetzt sofort.“

„Bitte verzeih, Herr, aber du wirst müde sein von deiner Reise. Willst du dich nicht erst ausruhen?“

Mit einem eigentümlichen Lächeln sah er mich an. Mir kroch es eiskalt über den Rücken.

„Ich habe die letzte Woche in Klausur verbracht, Schwester. Ich bin ausgeruht. Und jetzt den Bericht bitte.“

Er ging zum Schreibtisch, setzte sich auf seinen Stuhl und betrachtete interessiert das immer noch aufgeschlagene Buch. Notgedrungen musste ich auch näher treten.

„Ich höre“, mahnte er sanft und schlug das Buch zu.

„Es gab keine besonderen Vorkommnisse, Herr. Ich habe die tägliche Andacht übernommen und die Gemeinschaft nach bestem Wissen und Gewissen geführt“, erklärte ich ruhig.

„Das nennst du einen detaillierten Bericht?“ Seine Augen musterten mich nachdenklich.

„Soll ich über jede einzelne Minute Rechenschaft ablegen?“, fragte ich aufsässig.

„Das wäre eine Möglichkeit“, stimmte er zu.

„Darf ich bitte die Rechenschaft auf morgen verschieben?“

„Nein. Ein Oberer muss stets über alles auf dem Laufenden sein, und da du mir die Leitung offiziell wieder übertragen hast, brauche ich genaue Aufklärung, sofort.“

„Willst du damit sagen, dass du bis morgen gewartet hättest, wenn ich nichts gesagt hätte?“, fragte ich entsetzt.

„Aber ja“, lächelte er.

Verstört sank auf einen Stuhl.

„Du hättest es gewusst, wenn du dich nicht so gesträubt hättest. Dann wäre ich auch nicht in Klausur gegangen, sondern hätte dich angelernt.“

„Du wusstest also ganz genau, dass ich ablehnen wollte.“

„Natürlich. Willst du noch immer zurücktreten?“

„Ja. Nein. Ich weiß nicht.“ So verwirrt war ich schon lange nicht mehr. Wollte ich, oder wollte ich nicht?

„Du hast eine Woche nachdenken können. Immer noch keine Antwort?“ Dieser Spott machte mich wütend.

„Du willst eine Antwort? Ich lehne ab. Gute Nacht.“ Ich sprang auf und wollte aus dem Zimmer laufen, um mich selbst zu beschimpfen, dass ich ihm wieder auf den Leim gegangen war. Doch die Tür ließ sich nicht öffnen.

„Der Schlüssel ist hier“, klang seine sanfte Stimme. Ich ließ die Hände von der Tür sinken, stand regungslos mit dem Rücken zu Darras und verbiss mir Tränen der Wut.

„Du kannst die Kammer nebenan benutzen. Ich will noch arbeiten.“

„Darf ich nicht in meine Kammer?“

„Ich möchte, dass du hier bleibst.“

„Kann ich den Grund erfahren?“

„Ich möchte dich in Reichweite haben, wenn mir noch Fragen unterkommen. Da ich von dir in dieser Nacht wohl keinen genauen Bericht erhalte, werde ich mir alles selbst erarbeiten müssen.“

„Entschuldige, Herr. Selbstverständlich bin ich bereit, dir alles genau sagen.“

„Oh, ich glaube, du bist zu müde. Ich will dich nicht überanstrengen. Bitte geh schlafen.“

Diese plötzliche Rücksichtnahme kam mir komisch vor. Sicher lag dahinter wieder ein Zweck, den ich noch nicht durchschaute.

Um keinen Streit zu provozieren gehorchte ich, ging nach nebenan und legte mich hin. Doch der Schlaf wollte jetzt nicht mehr kommen. Grübelnd lag ich wach, drehte mich von einer Seite auf die andere, versuchte zu meditieren, um meinen Geist zu entspannen, doch auch das gelang mir nicht. Schließlich stand ich wieder auf und öffnete leise die Tür zum Arbeitszimmer. Darras sah mir entgegen, als habe er mich erwartet.

„Du hast gewonnen. Ich werde dir Bericht erstatten“, sagte ich langsam.

„Ich weiß schon alles.“

„Und warum lässt du mich nicht schlafen?“

„Oh, du hast Probleme mit dem Einschlafen? Soll ich dir helfen?“

„Nein, Herr. Vielen Dank. Darf ich jetzt zurück in mein Zimmer?“

„Ich möchte mit dir reden.“

„Ich höre, Herr.“

„Sei nicht so förmlich. Wir sind allein. Oder ist das deine neue Art, Unmut auszudrücken?“

„Es ist die richtige Art, mit seinem Oberen zu sprechen.“

„Siehst du mich nicht mehr als Freund?“

Warum machte er mir das Leben so schwer? Ich wollte weg aus seiner Nähe, die mich wieder gefangen nahm.

„Wenn ich gefehlt habe, bitte ich um Entschuldigung. Das gilt auch für den Freund, falls er anwesend ist.“ So zog ich mich ganz auf die formelle Ebene zurück.

Jetzt explodierte er. Endlich hatte ich seinen Schutzschirm durchbrochen.

„Hör auf, dich dauernd zu entschuldigen. Ich will mit dir reden, von Freund zu Freund. Wenn ich dich verletzt habe, so geschah das nur, um deinen Widerspruch zu reizen. Denk doch endlich mal nach, bevor du etwas sagst.“

„Ich bin leider meistens damit beschäftigt, deine Anordnungen durchzuführen. Zum Überlegen bleibt da wenig Zeit. Du stürzt mich von einer Empfindung in die nächste, sezierst meinen Geist, nimmst mich auseinander und setzt mich nach Belieben wieder zusammen. Du überschüttest mich mit Aufgaben, für die ich noch gar nicht weit genug bin, du forderst Loyalität, absoluten Gehorsam und Demut, und du erwartest gleichzeitig Widerspruch und eigenständiges Denken. Was soll ich denn noch tun?“ Endlich machte ich mir Luft, schleuderte ihm alles ins Gesicht, was mich quälte. Ich wollte ihn verletzen, wollte mich endlich davon befreien, dass er mich ganz nach Belieben manipulieren konnte, und war doch unfähig ihm weh zu tun. Darras spürte das genau, fasste sich erstaunlich schnell wieder und setzte seine gewohnte Maske auf. Jetzt zog er sich auf die formelle Ebene zurück.

„Wenn du mein Freund bist, dann brauchst du dich nicht hinter dieser verdammten Selbstbeherrschung zu verstecken“, warf ich ihm vor, rannte ohne nachzudenken an die Tür und musste feststellen, dass sie immer noch verschlossen war. Vor Wut schlug ich mit der geballten Faust dagegen und lehnte mich dann erschöpft an das kühle Holz.

„Komm her“, sagte Darras leise. Ich rührte mich nicht.

„Sei keine Närrin. Komm her.“ Diesmal folgte ich. Und was ich nicht erwartet hätte, er zog mich in seine Arme, streichelte mir tröstend über das Haar, und da endlich ließ ich meinen Tränen freien Lauf. Es dauerte lange, bis der Tränenstrom erschöpfte. Und die ganze Zeit über hielt Darras mich an sich gedrückt, murmelte beruhigende Worte, die ich nicht bewusst aufnahm, aber als wohltuend empfand.

Schließlich war ich leer geweint.

„Ich frage dich jetzt noch einmal in aller Ruhe und als Freund. Willst du meine Stellvertreterin sein? Ich werde es dir nicht übel nehmen, wenn du jetzt noch ablehnst.“

Ich blickte ihn aus meinen rot geweinten Augen an, sah aber nichts anderes als Verständnis und Liebe in den seinen.

Wie konnte ich da noch ablehnen?



11. Kapitel

„Komm, steh auf, du Schlafmütze!“

Eine beharrliche Hand schüttelte mich, doch ich wollte noch nicht wach werden. Es war so schön, im Bett zu liegen und den müden Körper auszuruhen.

„Jetzt reicht es mir aber. Steh endlich auf!“

Etwas Kaltes, Nasses ergoss sich über mein Gesicht, und ich prustete. Mit den Händen wischte ich über die Augen und riss sie dann auf.

Es war noch dunkel, musste also mitten in der Nacht sein, doch Darras stand mit einer Kerze in der Hand an meinem Bett und sah mich spöttisch an.

„Was ist denn los? Brennt es?“, fragte ich ziemlich respektlos.

„Um dich zu wecken, braucht es einen ganzen See kaltes Wasser“, sagte er ironisch und zog an meinem Arm. „Zieh dich an, wir müssen fort.“

„Jetzt? Mitten in der Nacht? Hat das nicht bis morgen Zeit?“, knurrte ich unwirsch.

„Widersprich mir nicht, sondern beeile dich“, kommandierte er.

Seufzend warf ich mir meine Kutte über und wollte in den Waschraum gehen, doch er hielt mich zurück.

„Jede Minute ist kostbar. Zieh deine Sandalen an und komm!“

In die Unterwelt mit ihm und seiner Hetze, dachte ich, ging aber mit.

Am Tor stand ein Bruder und hielt uns zwei Bündel entgegen. Darras nahm sich kaum Zeit, ihm zu danken.

Vor dem Tor warteten drei Pferde. Auf einem saß ein junger Mann in einer merkwürdigen Uniform. Er blickte uns ungeduldig entgegen.

„Steig auf“, befahl Darras. „Du kannst doch reiten, oder?“

Natürlich konnte ich reiten, welch eine Frage. Aber ich war aus der Übung, und ein längerer Ritt konnte mir vielleicht Probleme machen. Aber das spielte jetzt keine Rolle.

Kaum waren wir aufgesessen, ging es in raschem Galopp los. Im Osten schimmerte es ein wenig, bald würde der Tag anbrechen. Noch immer wusste ich nicht, wohin es ging, und warum wir geholt worden waren.

Gegen Mittag legten wir eine Pause ein, um den Pferden etwas Ruhe zu gönnen. Mir knurrte der Magen, und ich durchforschte das Bündel, das ich bei mir trug. Mit einem Stück Brot setzte ich mich unter einen Baum. Darras kam dazu, während der Uniformierte bei den Pferden blieb.

„Bist du jetzt wach?“, fragte Darras ein wenig spöttisch.

„Ja“, gab ich einsilbig und mit vollem Mund zurück.

„Schlechte Laune?“, wollte er wissen.

„Nein, sollte ich?“, erwiderte ich sarkastisch.

„Ich glaube, ich bin dir noch eine Erklärung schuldig“, meinte er ruhig.

„Aber nein, wieso denn? Du befiehlst, ich folge“, erklärte ich wütend.

„Auch gut, dann nicht“, erwiderte er gleichmütig.

Ich war wütend auf mich selbst. Da war ich doch wirklich neugierig und hatte mir jetzt selbst jede Chance auf eine Auskunft vertan. Aber ich würde jetzt ganz sicher nicht um Entschuldigung bitten.

Es ging kurz darauf weiter. Noch immer im scharfen Galopp jagten wir über das Land. Längst schmerzte jeder Muskel in meinem Körper. Die Haut zwischen den Beinen war wundgescheuert, und ich fühlte mich erschöpft und verschwitzt. Verzweifelt fragte ich mich, ob wir die Nacht über durchreiten würden.

Am Horizont im schwindenden Licht der untergehenden Sonne sah ich plötzlich hohe Mauern aufragen. Ein letztes Mal trieben wir die Pferde an, die schaumbedeckt ihre letzten Kräfte verausgabten.

Wir erreichten die Stadttore, als sie gerade geschlossen werden sollten. Die Stadt selbst lag wie ausgestorben da. Auf den Straßen liefen nur ein paar streunende Hunde herum. Kein Mensch war zu sehen, kein Geräusch zu hören. Die Hufe der Pferde klapperten auf dem groben Pflaster, als wir den Weg zur Burg einschlugen, die scheinbar unser Ziel war.

„Wir müssen uns beeilen“, sagte unser Führer, der bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte.

Darras warf mir einen Blick zu, er schien Besorgnis auszudrücken. Kurz darauf verstand ich, wir mussten nämlich von den Pferden absteigen.

Ich biss mir auf die Lippen, so wie sich mein Körper anfühlte, würde ich bestimmt Schwierigkeiten haben.

Der Führer sprang mit einem Satz ab und nahm die Zügel unserer Tiere.

Darras stieg vorsichtig ab, er schwankte etwas, hielt sich aber aufrecht.

„Sei vorsichtig, lass dir Zeit“, riet er besorgt.

„Ich denke, wir sollen uns beeilen. Mögen die Götter wissen, wozu das gut sein soll, aber nimm keine Rücksicht auf mich“, entgegnete ich empört.

„Sei nicht dumm, komm jetzt vorsichtig herunter!“, befahl er.

Ich stieg hastig ab, doch kaum berührten meine Beine festen Boden, gaben sie unter mir nach.

„Verdammt!“, fluchte ich leise.

Darras hob mich auf. Seine starken Hände umklammerten meine Arme, und sein Geist bot mir Hilfestellung zur Beherrschung meines Körpers. Ich war wütend über meine eigene Hilflosigkeit und brauchte viel Kraft, um meinen geschundenen Körper zum Gehorsam zu zwingen.

Zu Fuß hetzten wir dann eine Straße bergauf, die uns zur Burg brachte.

Hier, im Innenhof der Burg, standen hunderte von Leuten. Sämtliche Einwohner der Stadt mussten hier versammelt sein.

Es war eine stumme Versammlung, die Menschen lagen auf den Knien und schienen zu beten. Männer, Frauen und Kinder, alle ohne Unterschied knieten.

„Was ist denn hier los?“, fragte ich nun doch.

Noch immer stütze mich Darras beim Laufen, wir waren mental verbunden, da er mir von seiner Kraft gab. Und so antwortete er lautlos.

„Sprich nicht laut. Der Landlord liegt nach einer Verwundung im Sterben. Wir wurden gerufen, um ihm zu helfen.“

„Und was machen all die Leute hier?“

„Sie beten für seine Genesung.“

„Sie sollten lieber auf den Feldern arbeiten, beten allein hilft nicht viel.“

Darras schien spöttisch zu lachen. „Hier sprach meine gehorsame Schülerin. Lass den Menschen vorerst ihren Glauben, Kind. Ich werde gleich deine Hilfe brauchen, falls wir überhaupt noch etwas tun können.“

„Tot scheint er aber noch nicht zu sein, sonst wäre es sicher schon bekannt“, gab ich zurück.

„Wir werden sehen.“

„Was ist denn der Landlord für ein Typ?“, wollte ich wissen.

„Ein Tyrann!“, empfing ich.

„Ja - aber - warum helfen wir dann? Es wäre doch für alle besser, wenn er stürbe.“

„Ich will dir gerne die Zusammenhänge später erklären. Für jetzt muss es dir reichen, wenn ich dir sage, es ist unsere Pflicht, ihm zu helfen.“

Mit einem Ruck machte ich mich los.

„Nein!“, sagte ich laut. Sofort griff er nach mir und stellte die Verbindung wieder her.

„Halt deinen Mund! Du wirst tun, was ich dir sage. Wir sind hier nicht als Richter, das steht dir ohnehin nicht zu. Also nimm dich zusammen!“

„Wie kannst du mich dazunehmen? Du weißt, was ich von solchen Leuten halte“, protestierte ich.

„Das spielt jetzt keine Rolle. Wir wurden um Hilfe ersucht, und wir werden helfen, ohne Ansehen der Person.“

Ich gab meinen Widerstand auf.

Bald darauf standen wir vor einer großen hölzernen Tür, die mit kunstvollen Schnitzereien verziert war. Ohne anzuklopfen traten wir ein. Der Raum hinter der Tür war abgedunkelt, die Luft schwer und von aufdringlichen, abstoßenden Gerüchen erfüllt.

Eine Gruppe Männer stand am Fußende des Bettes und diskutierte leise.

„O ihr Götter“, verwünschte Darras alle. Mit wenigen Schritten war er bei den verhängten Fenstern, riss die Vorhänge beiseite und öffnete die Flügel, so dass frische Luft hereinströmte.

„Aber Herr, das könnt ihr nicht machen“, protestierte einer der Männer geziert. Er wedelte mit einem parfümierten Tüchlein, ich stand da und musste mir plötzlich das Lachen verbeißen.

„Was kann ich nicht?“, fragte Darras gefährlich leise. Ich ahnte, was kommen würde und machte den Weg frei.

„Ihr macht alle unsere Bemühungen zunichte“, rief der parfümierte Kerl.

„Eure Bemühungen, mein Herr, zielen darauf ab, das Leben des Kranken rapide zu verkürzen. Ich darf euch alle bitten, den Raum sofort zu verlassen“, erklärte mein Oberer kühl.

„Das ist eine infame Unterstellung. Ich erlaube mir, im Namen aller hier Anwesenden zu protestieren“, klagte der Mann pikiert.

„Gut, ich erlaube euch das auch“, meinte Darras. Auch er hatte Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. Ich ließ die Tür sich öffnen, und Darras drängte die Herren unnachsichtig hinaus. Ich schloss die Tür, und für einen Augenblick grinsten wir uns wie Verschwörer an. Dann aber kümmerten wir uns um den Landlord, der stöhnend in seinem Bett lag.

Unser Führer hatte sich eine Schüssel Wasser genommen und wusch mit einem Tuch die Schulter des Mannes aus. Ich warf einen Blick auf die Wunde. Mir wurde fast schlecht. Ein großer gezackter Riss zog sich quer über den Brustkorb und die Schulter. Die Wunde war entzündet und brandig geworden. Dicker, grüngelber Eiter bedeckte die Wundränder. Ich zweifelte im ersten Augenblick daran, dass wir überhaupt noch helfen konnten. Ich betrachtete einen Augenblick den Landlord, den Darras einen Tyrannen genannt hatte. Er war ungeheuer dick, schon eher fett. Sein massiger Körper füllte das Bett aus. Die Verletzung hatte Wundfieber hervorgerufen, und der Mann schwitzte stark, was den Gestank im Raum hervorrief.

„Wir müssen das Gewebe regenerieren!“, sagte Darras leise.

„Du glaubst, dass da noch was zu machen ist?“, fragte ich zweifelnd.

„Ich versuche es. Setz dich neben mich und gib mir die Hände. Wir müssen einen Block bilden“, bestimmte er.

Ich zuckte mit den Schultern, meiner Meinung nach war es zu spät, aber wenn Darras unbedingt nutzlos seine Kräfte verausgaben wollte, sollte er das tun.

Ich spürte, wie er sich konzentrierte, und wurde wider Willen hineingezogen in den Block. Darras tauchte tief ein in das Gewebe, regte die Zellen zur Abwehr gegen die Krankheitserreger und zum Neuaufbau an. Erst dann machte er sich daran, den eigentlichen Vergiftungsherd in der Wunde zu beseitigen.

Doch hier gab es plötzlich Schwierigkeiten.

„Ich schaffe es nicht allein“, kam seine Botschaft durch. „Ich muss das Zellgewebe unterstützen, der Körper hat keine eigene Widerstandskraft mehr. Hol du das Gift raus!“

Ich war so eingebunden in das Geschehen, dass ich widerspruchslos gehorchte. Schicht um Schicht legte ich den Wundkörper frei, bis ich eine verrostete Speerspitze entdeckte. Nachdem ich sie entfernt hatte, war es einfach, das Gift im Blutkreislauf zu neutralisieren.

Unterdessen begann das gesunde Zellwachstum, und es war zu erwarten, dass der Landlord in drei bis vier Tagen schon wieder aufstehen konnte.

Wir lösten den Block und die Konzentration, kehrten zurück in die Wirklichkeit und sahen uns an. Darras schien sehr erschöpft, auf seiner Stirn standen dicke Schweißtropfen, doch er lächelte mich an.

„Das hast du sehr gut gemacht“, sagte er anerkennend.

„Danke Herr“, erwiderte ich kühl. Ich hatte zwar meine Pflicht getan, aber ich war dennoch unzufrieden.

„Sei nicht so mürrisch. Wir haben unser Bestes getan.“

„Eben“, gab ich patzig zurück. „Es wird Zeit, dass wir zurückkehren nach Hause.“

„Nein, wir bleiben, bis der Landlord wieder gesund ist. Ich lasse dich jetzt auf dein Zimmer bringen“, bestimmte Darras.

Ich wollte gar nicht allein irgendwo in ein Zimmer, zumal ich vorhersah, dass Darras sich längst noch keine Ruhe gönnen würde.

„Du brauchst mehr Ruhe als ich. Du gehst schlafen, ich bleibe und mache Ordnung“, sagte ich bestimmt.

„Ach, sieh an, dein Widerspruchsgeist lebt ja doch noch“, spöttelte er.

„Jetzt ist nicht die Zeit, sarkastisch zu werden“, fuhr ich ihn an.

Darras stand auf und stützte sich schwer auf mich.

„Du hast Recht, Kind. Wir sollten uns nun auch um uns selbst kümmern. Der Landlord kann jetzt etwas allein bleiben. Er braucht nur noch Ruhe. Aber du - du brauchst jetzt dringend Pflege. Es tut sehr weh, ja?“

Mitleidsvoll strich er mir über die Wange. Er hatte Recht, ich hatte die Schmerzen an meinen Beinen und in meinem Rücken fast vergessen, eher unterdrückt, doch jetzt kehrten sie mit Macht zurück. Ich nickte stumm, unfähig noch zu widersprechen, dankbar für die Fürsorge.

Darras führte mich durch die Gänge bis zu einem großen, luxuriös ausgestatteten Zimmer. Ich achtete nicht auf die Pracht, die sich in den Gängen zeigte; schwere alte Ritterrüstungen, kostbare Bilder, gewebte Teppiche und geschnitzte Truhen. Für das alles würde Zeit sein, wenn ich mich besser fühlte.

„Danke“, sagte ich zu Darras, als er mich ins Zimmer geführt hatte. „Nun geh und ruh dich aus, du bist erschöpft.“

Er lachte, leise und spöttisch. „Es geht mir besser, als dir lieb sein kann. Also zieh dich aus, ich will deine Beine sehen“, kommandierte er.

„So schlimm ist es auch nicht. Damit werde ich schon allein fertig“, wehrte ich ab.

„Mach mir nicht mehr Mühe, als die ganze Sache wert ist“, warnte er.

Aufseufzend legte ich meine Kutte ab und ließ mich aufs Bett sinken. Es war himmlisch weich, und ich wäre am liebsten gleich eingeschlafen. Doch Darras untersuchte bereits mit kundigen Fingern meine wundgescheuerten Schenkel. Stellenweise war Blut ausgetreten, und auf den Wunden hatten sich Krusten gebildet. Durch die Größe der Wunden war das Ganze äußerst schmerzhaft, doch ich unterdrückte den Schmerz und schob Darras beiseite.

„Das schaffe ich allein!“

„Schämst du dich etwa? So ein Unsinn. Halt still, ich bringe das in Ordnung!“

Ich gab nach, er würde ja doch keine Ruhe geben. Natürlich schämte ich mich nicht, ich wollte nur, dass er sich endlich Ruhe gönnte, er musste viel erschöpfter sein als ich.

Endlich war Darras fertig mit mir. Er hatte Salbe aufgetragen und mit einer Tinktur die wunden Stellen behandelt. Ich wurde plötzlich unendlich müde. Es war einfach zuviel gewesen, was wir geleistet hatten, geistig und körperlich.

„Versprich mir, dass du dich jetzt hinlegst und ausruhst“, bat ich Darras.

„Du machst dir zuviel Sorgen“, wehrte er ab.

„Und du bist leichtsinnig“, warf ich ihm vor.

„Ich kann meine Kräfte einschätzen, du nicht“, bekam ich zur Antwort. „Nun leg dich hin, ich sehe dir an, wie gern du kuscheln möchtest.“

„Aber...“, begann ich zu protestieren, doch er schnitt mir das Wort ab.

„Kein aber mehr. Das ist ein Befehl.“

Ich kroch unter die Decke. Der Stoff schmiegte sich weich und sanft an meinen geschundenen Körper. Ich entspannte mich und war im nächsten Moment eingeschlafen.

Ich erwachte erst, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand. Erschreckt sprang ich aus dem Bett, doch kaum stand ich auf den Füßen, schrie ich unterdrückt auf. Meine Beine gaben unter mir nach, und es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte.

„Leg dich wieder hin, du frühstückst heute im Bett“, hörte ich Darras im Kommandoton sagen.

Er trat gerade durch die Tür, zusammen mit einem Diener, der ein großes Tablett trug. Köstlicher Duft nach frischem Brot, Käse und Milch machte sich breit, und mir lief das Wasser im Mund zusammen.

„Hab ich verschlafen?“, wollte ich wissen. „Wie spät ist es?“

„Das spielt jetzt keine Rolle“, fertigte mich Darras ab. Der Diener stellte das Tablett auf mein Bett und verschwand wortlos. Darras setzte sich auf die Bettkante und begann zu essen.

Auch ich langte zu, aß aber nur wenig. Anschließend schlug ich die Decke zurück und wollte nun endlich aufstehen.

„Lass mich deine Beine sehen“, forderte er.

„Geh und kümmere dich um den Tyrannen“, empfahl ich ihm.

„Das habe ich schon getan. Es geht ihm gut. Außerdem hast du mir nicht vorzuschreiben, was ich zu tun habe.“

Darras packte das Tablett zur Seite und sah sich meine wunden Beine an.

„Hast du gar keinen Muskelkater?“, fragte ich.

„Ich habe vorgesorgt. Nein, ich habe fast keine Probleme“, gab er zurück. „Du solltest heute vielleicht liegen bleiben.“

„Nein, ich kann aufstehen. Am liebsten wäre es mir, wenn wir heute noch abreisen“, protestierte ich.

„Wir bleiben, bis der Lord gesund ist.“

„Sind eigentlich all die Leute draußen auf dem Hof wieder gegangen?“

Darras blickte mich ernst an, dann schüttelte er den Kopf.

„Nein. Bisher hat sich noch niemand getraut oder für zuständig gefunden, den Menschen zu sagen, dass sie zurück können in ihre Häuser.“

„Ja, aber die müssen doch Hunger und Durst haben. Wie lange sind sie denn schon da?“

„Seit drei Tagen. Wasser finden sie im Hof im Brunnen, aber wer nichts zu essen mitgenommen hat, muss hungern.“

In mir flammte Empörung auf. Mit einem Ruck war ich aus dem Bett und verbiss mir die Schmerzen, die in meinen Beinen tobten. Ich zwang meinen Körper zu gehorchen.

„Was hast du vor?“, wollte Darras von mir wissen.

„Ich werde dafür sorgen, dass die Leute etwas zu essen bekommen und dann heimgehen können“, erklärte ich, während ich mir meine Kutte überstreifte.

„Tu, was du nicht lassen kannst. Aber ich kann dir jetzt schon Ärger garantieren“, meinte er ruhig.

„Wer mir Ärger macht, kennt mich nicht“, fauchte ich.

Ich übersah geflissentlich das spöttische Lächeln meines Oberen und marschierte aus dem Zimmer. Suchend ging ich über die langen Flure, bis ich einen Diener fand.

„Wer hat hier das Kommando, solange der Landlord krank ist?“, wollte ich wissen.

„Ihre Ladyschaft, Jungfer Meliorin“, gab er zur Antwort.

„Führ mich zu ihr“, forderte ich.

Er schaute mich ein wenig ängstlich an, ging dann aber voran.

Die Jungfer Meliorin, dem Namen nach musste es die Tochter des Tyrannen sein, residierte in einer ganzen Zimmerflucht. Sie frühstückte gerade und schaute mich ungnädig an.

„Was willst du hier?“, fragte sie unhöflich mit vollem Mund. „Scher dich zurück zu den Leuten draußen. Noch ist mein Vater nicht gesund. Ihr sollt beten, bis er wieder aufstehen kann.“

Ich schaute mir die Jungfer etwas näher an. Sie konnte auf keinen Fall älter sein als ich, hatte aber einen herrischen und gemeinen Ton an sich. Außerdem war sie ebenso dick wie ihr Vater. Sie schaufelte ungeheure Mengen Essen in sich hinein, und mir wurde schlecht allein bei dem Gedanken, dass davon ein halbes Dorf satt werden könnte.

„Ich gehöre nicht zu den Leuten da draußen“, klärte ich sie auf. „Ich bin Schwester Eorin, ausgebildete Priesterin der Gemeinschaft.“

„Und? Das macht keinen großen Unterschied, dann werden deine Gebete vielleicht eher erhört. Aus welchem Grund wagst du, mich zu stören?“

„Die Leute da draußen müssen nach Hause gehen. Sie haben Hunger und Durst, müssen das Vieh versorgen, von dem du lebst, und die Felder bestellen, die dir und deinem Vater das Leben sichern. Gib Befehl, dass sie gehen können“, forderte ich mit beherrschter Stimme.

„Du wagst es, mir Befehle zu erteilen? Noch ist mein Vater nicht gesund“, kreischte sie. „Wir brauchen die Hilfe der Götter, um ihn am Leben zu erhalten.“

„Er braucht die Hilfe der Götter weniger als du mit deinem großen Mundwerk. Dein Vater kann morgen bereits wieder aufstehen. Es geht ihm also wieder gut.“

„Du führst eine freche Sprache. Es wird Zeit, dass du mir die gebührende Ehrfurcht erweist“, schrie sie mich an. „Knie nieder, wenn du mit mir sprichst.“

„Ich knie vor keinem normalen Menschen. Das steht mir als Priesterin nicht zu. Willst du nun Befehl geben, dass die Leute gehen können?“

„Nein. Beweise mir, dass es meinem Vater besser geht, dann kann er selbst befehlen“, schrie sie mich weiter an. „Du verweigerst mir, der Tochter des Landlords, die mir gebührende Ehre? Ich werde dich in den tiefsten Kerker werfen lassen.“

„Niemand wird mich anrühren“, erklärte ich ruhig.

„Wachen“, kreischte Meliorin.

Die Tür in meinem Rücken wurde aufgerissen, Metall klirrte, und ich hörte, wie sich schwer bewaffnete Männer hinter mir aufbauten.

„Nehmt diese unverschämte Priesterin fest und werft sie ins Verließ“, befahl die Jungfer.

Langsam drehte ich mich um und musterte die Männer. Keiner von ihnen machte Anstalten, sich auf mich zu stürzen.

„Geht zurück, Männer“, sagte ich. „Es würde niemandem gelingen, mich festzunehmen. Versucht es also besser gar nicht.“

„Ihr sollt mir gehorchen“, rief Meliorin und sprang aus dem Bett.

Ich empfand Abscheu, als ich den nur spärlich bekleideten Körper sah, an dem dicke Fettschichten herumwabbelten. Mit einer Handbewegung ließ ich sie verstummen.

„Da du den Befehl nicht geben willst, werde ich das selbst tun. Und vorher werde ich die Leute verköstigen lassen, damit sie auf dem Heimweg nicht verhungern“, sagte ich. „Es betrübt mich, dass du so wenig Verständnis hast, Jungfer. Aber vielleicht lernst du es im Leben noch.“

Wortlos wandte ich mich um und ging aus dem Raum. Erst in einiger Zeit würde sich die Jungfer aus der Erstarrung lösen, und vor den Wachen hatte ich ohnehin keine Angst.

Ich befahl einem Diener, mir den Weg zur Küche zu zeigen. Das Personal war völlig verschreckt, als ich befahl, schnell fünfhundert einfache Brote zu backen, doch mit einem kleinen Trick machte ich mich größer und imposanter, so dass mein Befehl plötzlich schnell ausgeführt wurde.

Um die Mittagszeit wurde das Brot auf dem Innenhof verteilt. Dann schickte ich die Leute nach Hause. Einige wollten mir aus Dankbarkeit die Hand küssen, doch ich wehrte jeden Dank ab.

Erschöpft kehrte ich in mein Zimmer zurück.

„Das war eine großartige Leistung und eine gute Idee“, sagte Darras, als ich den Raum betrat. „Nur wirst du jetzt vor den Landlord zitiert, der Rechenschaft von dir verlangt. Mir scheint, sein Töchterlein hat sich bei ihm über dich beschwert.“

„Diese - diese...“.

„Mäßige dich, Kind“, sagte mein Mentor. „Ich glaube ohnehin nicht, dass du das rechte Schimpfwort für die Jungfer finden würdest. Lass uns gehen.“

„Ich glaube, das muss ich allein durchstehen. Ich habe ja auch selbst alle Befehle gegeben.“

„Das geschah alles mit meiner Zustimmung, sonst hätte ich dich gebremst. Aber du hast in wunderbarer Weise an alles gedacht. Ich muss dich loben.“

Gemeinsam suchten wir das Zimmer des Landlords auf. Der dicke Mann saß im Bett, an seine Kissen gelehnt, und starrte uns grimmig entgegen.

„Was habt ihr da angerichtet?“, grollte er statt einer Begrüßung.

„Ich habe dafür gesorgt, dass Eure Untertanen wieder an die Arbeit gehen, damit Ihr weiter im Überfluss prassen könnt“, erwiderte ich kalt.

„Das ist eine Frechheit“, brüllte er.

„Mein Ton oder meine Anweisung?“, fragte ich freundlich.

„Beides. Du hast meine Tochter beleidigt und gedemütigt. Das verlangt nach Strafe.“

„Ich habe zwar keine Dankbarkeit verlangt, aber eine Strafe passt mir auch nicht. Wir werden also noch heute die Burg verlassen“, erklärte ich trocken.

„Meine verehrte Schwester hat getan, was sie für richtig und wichtig erachtete. Dies alles kann nur in Eurem Sinn gewesen sein. Was habt Ihr davon, wenn die Leute hier auf Knien liegen und das Vieh, das Ihr nächsten Monat für die Vermählung Eurer Tochter braucht, verhungert und verdurstet?“, meinte Darras plötzlich.

Der Landlord wurde nachdenklich.

„Du meinst also, es war richtig, was sie getan hat? Aber wie kann ein so junges Geschöpf wissen, was richtig ist? Meine Tochter ist im gleichen Alter, aber ihr muss alles gesagt werden“, brummte er.

„Meine Schwester hat bereits eine langjährige Ausbildung hinter sich, und sie weiß, was klug und richtig ist. Ich vertraue ihrem Urteil ebenfalls“, erklärte mein Mentor.

„Dann soll sie hier bleiben. Vielleicht werde ich ab und zu ihren Rat brauchen. Aber sie soll ihren Ton mäßigen“, bestimmte der Lord.

Darras sah mir an, dass ich kurz davor war zu explodieren. Er legte wie zufällig seine Hand über die meine und stellte Kontakt her.

„Sag jetzt bloß nichts mehr“, riet er mir. „Ich werde das regeln.“

„Die junge Schwester hat bereits viel gelernt, wie ich schon sagte, aber sie benötigt noch viel mehr an Ausbildung, was sie hier leider nicht erhalten kann. Außerdem hat sie das Gelübde abgelegt, jedem zu helfen. Und so wird sie bald wieder auf Wanderschaft gehen müssen. Ich bedauere sehr, Schwester Eorin mitnehmen zu müssen. Aber uns ruft die Pflicht. Wir werden uns jetzt verabschieden. Ihr könnt sicher sein, dass die Verwundung keine bleibenden Schäden hinterlässt. Schont Euch noch einige Tage, dann könnt Ihr wieder arbeiten.“

„Ich verlange, dass diese Person an meinen Hof zurückkehrt, sobald sie ihre Ausbildung beendet hat“, forderte er.

„Das kann jetzt noch nicht entschieden werden“, erklärte Darras diplomatisch. „Darüber hat dann auch der Ältestenrat zu entscheiden. Ich werde die Angelegenheit berichten und Euren Antrag vorbringen.“

„Nun gut, es scheint, dass ich mich damit begnügen muss“, sagte der Landlord verstimmt. „Gut, ihr könnt gehen.“

Wir drehten uns um und verließen den Raum. Noch immer umklammerte Darras meine Hand.

„Sag nichts, bis wir draußen sind. Dann können wir reden“, empfing ich.

Schweigend verließen wir die Burg, gingen zu Fuß durch die Straßen der Stadt, in der wieder Leben herrschte, und kamen an das äußere Stadttor, wo uns ein bewaffneter Wächter den Weg versperrte.

„Auf Befehl seiner Lordschaft“, sagte er, und führte zwei Pferde vor. Die Satteltaschen waren reich gepackt, doch wir verspürten jetzt keine Neigung, sie zu untersuchen. Wortlos stiegen wir auf.

„Sag Seiner Lordschaft unseren Dank“, rief Darras.

Wir verließen die Stadt in raschem Galopp. Erst weit draußen, als die Mauern und die Burg kaum noch zu sehen waren, hielt Darras an einer Quelle an.

„Steig ab, wir rasten“, sagte ich. Nie war ich für einen Befehl dankbarer. Ich hatte während des Rittes gespürt, wie die Wunden wieder aufbrachen, und sehnte nichts weiter als eine Pause herbei.

Darras begann plötzlich zu lachen. Ich schaute ihn verständnislos an.

„Das hast du einfach großartig gemacht, Eorin“, rief er unter Lachtränen. „Ich glaube, noch niemand hat diesem Kerl jemals solchen Widerstand geleistet. Und er fand das plötzlich auch noch gut.“

„Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt“, fauchte ich ihn an. „Ich dachte, ich höre nicht richtig, als er mich plötzlich behalten wollte.“

„Diplomatie musst du noch lernen, Kind. Aber davon abgesehen warst du einmalig. Ich bin stolz auf dich.“

Er versorgte meine Wunden noch einmal, und dann kehrten wir in gemütlichem Tempo heim. Nie war ich glücklicher, als die weißen Mauern der Gemeinschaft in unserem Blickfeld auftauchten.



12. Kapitel

Bald danach erreichten uns beunruhigende Nachrichten aus der Welt der Menschen. Immer wieder wurden Brüder und Schwestern angefordert, die sich darum kümmern sollten, dass Krankheiten bekämpft wurden, es musste vermehrt Recht gesprochen werden, und immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Dörfern. Der Unterricht der Novizen litt schließlich unter der häufigen Abwesenheit der Mentoren und Ausbilder, so dass Darras sich gezwungen sah, eine Versammlung der Ältesten einzuberufen. Da ich als seine Stellvertreterin ebenso viel damit zu tun hatte, wie er selbst, nahm ich auch an dieser Versammlung teil.

Darras sprach ruhig vor den Ältesten, erklärte die Probleme der letzten Zeit und in der Gemeinschaft im Besonderen.

„Es geht nicht an, dass unsere Arbeit darunter leidet, dass die Menschen unsere Dienste mehr als je zuvor brachen“, schloss er seine Rede. „Ich bitte daher die Ältesten, um Vorschläge für eine Umordnung.“

Betretenes Schweigen trat ein. Einer blickte zum anderen, schließlich schauten alle auf den Oberen, als ob sie eine Offenbarung von ihm erwarteten. Endlich räusperte sich Bruder Olmos.

„Wir können dir leider nicht helfen, auch wenn wir den Rat bilden. Eine solche Situation ist noch nicht vorgekommen. Wir vertrauen jedoch dir und deinem Urteil, und wir werden alle deine Anordnungen gutheißen, denn wir wissen, dass du immer nur das Beste für die Gemeinschaft willst. Einen Rat müssen wir dir versagen, doch wir hoffen auf deine Weisheit.“

Ich setzte gerade an, um etwas zu sagen, doch mit einem warnenden Blick hielt mein Oberer mich zurück. Was sollte das nun wieder?

Darras sah ausgesprochen befriedigt aus, doch ich konnte mich nicht genug wundern. Das war ein Freibrief für alles, was er in Zukunft tun würde, er müsste keiner seiner Handlungen mehr rechtfertigen. Wozu brauchte er solche Vollmachten?

Die Ältesten gingen, zurück blieben nur Darras und ich. Auch ich stand auf, um zu gehen, doch er hielt mich zurück.

„Du siehst nicht sehr glücklich aus. Stimmt etwas nicht?“

„Nein, Herr. Hast du besondere Anweisungen für mich?“

„Setz dich her zu mir und lass die förmliche Anrede. Was gefällt dir nicht?“

„Ich habe nicht das Recht dich zu kritisieren. Darf ich jetzt gehen?“

„Nein“, schleuderte er mir entgegen. „Du hast Kritik anzumelden. Ich höre.“

Wohl oder übel musste ich reden und meine Bedenken offen legen.

„Du hast dir heute unumschränkte Vollmachten geben lassen. Wozu brauchst du die?“

„Bevor ich dir antworte, sag mir, was du in der Versammlung einbringen wolltest.“

„Ist das jetzt noch wichtig? Du hast deinen Willen durchgesetzt“, gab ich kühl zur Antwort, hatte aber nicht mit seinem Starrsinn gerechnet.

„Ich möchte es trotzdem gern wissen.“

„Es war nichts weiter“, versuchte ich auszuweichen - und hatte mich wieder selbst gefangen.

„Du wolltest also die Versammlung der Ältesten und deinen Oberen mit absolut unwichtigen Kleinigkeiten behelligen? Das, Schwester, ist ein denkbar schlechter Dienst für die Gemeinschaft.“ Sein Spott traf mich tief, doch ich blieb äußerlich ruhig. „Sag mir dennoch, welchen Vorschlag du zu machen hattest.“

„Ich dachte...“

„Ja?“, kam es gedehnt.

„Wir könnten die Novizen in Zweier- oder Dreiergruppen zusammenfassen und von einem Mentor erziehen lassen, statt jedem einen einzelnen Erzieher zuzuteilen, zusätzlich zum Gruppenunterricht. Es müsste unseren Brüder und Schwester möglich sein, sich trotzdem intensiv um die Novizen zu kümmern, außerdem sind die älteren Novizen durchaus in der Lage, sich ohne ständige Betreuung weiterzuentwickeln. Dadurch würden auf einen Schlag viele Priester frei, die dann in die Dörfer ziehen und dort eigene Kreise aufbauen könnten. Damit müssten nicht immer wieder Brüder und Schwestern aufs Neue ausziehen. Die Menschen könnten sich gleich an sie wenden.“ Ich war auf ein Donnerwetter gefasst, in der Art, dass die Gemeinschaft sich nicht so verzetteln könnte und ich wieder mal nicht nachgedacht hätte. Verlegen senkte ich den Kopf und wartete auf den unvermeidlichen Sarkasmus. Doch stattdessen erklang seine Stimme leise und weich.

„Sieh mich an, wenn du mit mir sprichst.“ Gehorsam hob ich den Kopf, und blickte in seine vor Vergnügen funkelnden Augen.

„Ich wusste, dass ich dich zum Denken erzogen habe. Das Gleiche habe auch ich erwogen.“

„Und warum brauchst du dann meine Bestätigung, oder die Vollmachten der Ältesten?“, fauchte ich.

„Es ist gut, die eigene Meinung bestätigt zu bekommen.“

„Glaubst du eigentlich, du hast immer Recht?“

„Aber natürlich. Schließlich bin ich der Obere, oder etwa nicht?“

„Ja, Herr. Hast du noch Anweisungen für mich?“

„Das fragtest du schon einmal. Ja, Schwester. Ich wünsche, dass du die Aufteilung der Mentoren übernimmst, die weiter unterrichten werden. Ich instruiere die Priester, die uns verlassen.“

„Hast du besondere Wünsche, soll jemand Bestimmtes hier bleiben?“

„Nein, ich verlasse mich auf deine Weisheit. Du kannst gehen.“ Kochend verließ ich den Raum. Lange hatte er mich mit seinem Spott verschont, hatte mich als vollwertiges Mitglied akzeptiert und war mit mir zufrieden gewesen. Warum musste ich jetzt wieder zur Zielscheibe werden?

Ich beschloss, diesem grausamen Spiel für einige Zeit ein Ende zu machen. Ich würde zu den Priestern gehören, die die Gemeinschaft für einige Zeit verließen. Ich musste Abstand gewinnen von Darras. Ich hätte ihm gern öfter widersprochen, doch es war mir, als besäße ich eine Hemmschwelle, die verhinderte, dass ich ihm mit gleicher Münze heimzahlen konnte. Ein Aufenthalt außerhalb würde mir helfen, mich selbst zu finden. Hoffentlich machte er mir keinen Strich durch diese Rechnung.


*


Ich stand zwischen den Brüdern und Schwestern, die uns verlassen sollten, und lauschte den Instruktionen, die der Obere ihnen mit auf den Weg gab.

Zum Schluss flehte er den Segen der Götter auf uns herab und verabschiedete uns. Alle wandten sich zum Gehen, und ich dachte, ungeschoren mit ihnen herauszukommen. Doch noch bevor ich die Tür erreichte, hielt mich jemand am Ärmel fest. Automatisch drehte ich mich um - und starrte in die grauen Augen meines Oberen, die mich kalt und hart musterten. Die anderen verließen uns, die Tür schloss sich und wir waren allein.

„Wohin so eilig, Schwester?“

Fragend, freundlich, sanft, wie flüssiges Silber kam mir seine Stimme entgegen. Alles in mir drängte zur Flucht, das hielt ich nicht aus.

„Nun? Was hattest du vor? Wolltest du jedem zum Abschied die Hand schütteln?“

„Nein, Herr.“

„Wolltest du ihnen nachwinken?“

„Nein, Herr.“ Mein Mund war trocken, mein Herz hämmerte schmerzhaft gegen meine Rippen, Angst krampfte meinen Magen zusammen.

„Würdest du bitte meine Frage beantworten, Schwester?“ Noch immer sanft, entgegenkommend.

„Ich möchte nicht antworten, Herr. Darf ich bitte gehen?“

„Du möchtest gehen. Selbstverständlich, nebenan ist die Kammer frei. Du kennst sie ja inzwischen. Überleg dir aber bitte eine gute Antwort. Ich werde die Priester am Ausgang verabschieden und komme dann zurück. Bis dahin verschieben wir dieses Gespräch.“

Sprach's und ging hinaus. Ich hörte, wie von außen der Schlüssel herumgedreht wurde, dann war ich allein.

Meine Knie gaben nach, und ich musste mich am Schreibtisch abstützen. Ich verwünschte meine verrückte Idee. Wie konnte ich nur darauf kommen, dass er es nicht merken würde. Darras kannte mich zu gut, er würde jeden Gedankengang nachvollziehen können. Was aber sollte ich antworten? Ich war wütend auf mich selbst, und diese Wut brauchte ein Ventil. Ich schnappte das erste beste Buch, das mir in die Finger fiel, und warf es vor die Wand. Doch davon wurde mir auch nicht besser. Sorgsam hob ich es auf und stellte es zurück. Dann ging ich in die Kammer nebenan und warf mich auf die Liege.

„Warum hast du mir nicht gesagt, dass du die Gemeinschaft verlassen möchtest. Es gibt immer wieder Aufträge außerhalb.“

Ich wirbelte herum, fiel fast herunter. Da stand Darras, lässig an die Tür gelehnt, die Arme untergeschlagen, und betrachtete mich wie ein seltenes Insekt. Ich sprang auf und stellte mich in demütiger Haltung vor ihn hin.

„Ich bitte um Verzeihung. Ich dachte, es wäre in deinem Sinn, wenn auch ich als Priesterin arbeite, wie es meine Aufgabe ist.“

„Eorin“, sagte er kopfschüttelnd, „du lernst es nicht mehr. Du sollst Anweisungen nicht interpretieren, sondern ausführen. Was hast du dir dabei gedacht, heimlich zu verschwinden? Glaubst du, ich hätte dich nicht zurückholen können? Du unterschätzt mich. Aber das können wir ändern. Sag mir nur, was habe ich dir getan, dass du fliehen wolltest?“

Stocksteif stand ich da, wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich kam mir kindisch vor. Und doch...

„Ich hasse es, die Zielscheibe deines Spotts zu sein. Ich hasse es, von dir immer in Richtung deines Willens geschoben zu werden. Ich will auch meinen eigenen Willen besitzen. Kannst du das nicht verstehen?“ Ich schleuderte ihm die Worte entgegen, ohne Rücksicht darauf, wie er reagieren würde. Ich wollte doch nur noch allein sein.

„Hasst du mich auch?“

„Dich? Ja. Nein. Natürlich nicht. Ach, lass mich doch in Ruhe.“

„Das wäre ein Fehler“, meinte er unbekümmert. „Du wirst auch weiterhin die Zielscheibe meines Spotts sein, das kann ich dir versprechen. Aber deinen eigenen Willen hast du doch. Oder zwinge ich dich zu irgendetwas?“ Völliges Erstaunen sprach aus seinen Worten.

„Wo besitze ich noch einen eigenen Willen?“, brauste ich auf. „Seit ich hier bin, hast du mich manipuliert, wie es dir passte.“

„Hast du jemals bemerkenswerte Nachteile dadurch gehabt?“

Ich schwieg eine Weile. „Nein.“

„Und ist mein Spott so schlimm, dass du nicht doch immer wieder daraus lernst?“

„Nein, Herr“, musste ich zugeben. Meine Verteidigungslinie bröckelte Stück für Stück auseinander. Ich musste ihm beipflichten und mein Selbstbewusstsein von ihm zurücknehmen, nachdem ich es selbst verspielt hatte. Es war eine schreckliche Erfahrung.

„Wenn du der Meinung bist, dass du es nicht mehr bei mir aushalten kannst, musst du gehen. Ich werde dich nicht halten. Doch den Schutz, den ich dir jetzt biete, kann ich nicht weiterhin gewähren.“

„Welchen Schutz?“, fragte ich fassungslos.

„Den Schutz vor dir selbst, Eorin. Du würdest dich selbst zerstören, weil du dich nicht kontrollieren kannst. Dem ersten besten Verführer gingst du ins Netz. Du wärest sehr schnell ein Werkzeug des Bösen, denn noch hast du deine eigenen Grenzen und Fähigkeiten nicht erkannt.“

Ich erblasste. Morigan, schoss es mir durch den Kopf. Dummheit, Gutgläubigkeit, Naivität, das steckte noch alles in mir. Ich biss mir auf die Lippen, fühlte mich noch mehr in die Ecke gedrängt. Wo gab es hier ein Mauseloch? Klein und gedemütigt hätte ich am liebsten niemanden mehr gesehen. Doch ich musste hier vor Darras stehen und aus seiner Hand mein äußerlich unversehrtes Ego zurücknehmen.

Meine Lippen waren blutig gebissen, meine Fingernägel hatten sich tief in die Handflächen gebohrt, die Knöchel traten weiß hervor.

„Herr, ich habe gegen die Regeln der Gemeinschaft verstoßen. Ich bitte um strenge Bestrafung“, sagte ich tonlos.

Darras begann, in der kleinen Kammer hin und herzulaufen, während vor meinen Augen rote Schlieren tanzten.

„Das kann ich nicht“, sagte er schließlich. „Schlimmer, als du es dir selbst machst, kann keine Bestrafung sein. Ich möchte über diesen Vorfall nicht mehr sprechen und wünsche, dass du ihn aus deinem Gedächtnis streichst. Du bist zu wichtig, als dass du es dir erlauben könntest, daran zu zerbrechen. Eins solltest du aber lernen.“

Ich sah auf, erwartete die Vernichtung.

„Ein bisschen mehr Lockerheit kann auch dir nicht schaden.“, In diesem Moment gaben meine Beine unter mir nach, Schwärze umgab mich, und ich fiel in eine tiefe Ohnmacht.


*


Darras hielt Wort. Mein Ausbruch wurde nie wieder erwähnt. Dafür hatte ich das Gefühl, dass er sich in der nächsten Zeit veränderte. Er ließ zwar keine Arbeit aus, doch glaubte ich manchmal, er wäre nicht ganz bei der Sache. Häufig grübelte er über etwas nach, blieb abends immer länger auf und schob einiges von der Routinearbeit auf mich ab. Mir war unklar, was der Grund für diese Veränderung war, sein Verhalten mir gegenüber änderte sich nicht, und noch immer hatte ich oft seinen beißenden Spott zu ertragen. Dafür gab ich manchmal mit gleicher Münze zurück, was mir gelegentlich ein Lächeln einbrachte.

Dann kam der Abend, an dem Schwester Satris schwer erkrankte:

Ich war gleich nach dem Abendessen zu Bett gegangen. Meine Augen hielt ich nur noch mit Müh und Not offen, und ich freute mich auf eine ruhige Nacht. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, so schien es mir, wurde ich durch unsanftes Schütteln geweckt.

„Schwester, bitte steh auf. So werde doch endlich wach. Schwester, wir brauchen dich.“ Eine beharrliche Stimme riss mich aus meiner wohlverdienten Ruhe, ließ nicht locker, bis ich endlich die Augen aufschlug.

„Was ist denn?“, knurrte ich nicht sehr freundlich.

„Schwester, bitte komm rasch. Schwester Satris geht es schlecht, sie liegt im Bett und stöhnt ganz schrecklich. Was sollen wir tun?“

„Den Heiler rufen“, empfahl ich kurz angebunden.

„Ich bin der Heiler“, kam es zurück, und ich kehrte endgültig aus dem Schlaf in die Wirklichkeit zurück. Vor mir stand Bruder Adolar und sah ganz verzweifelt aus.

„Bitte, Schwester. Es ist wirklich dringend, damit werde ich nicht allein fertig“, bat er.

Ich rappelte mich hoch. Er reichte mir meine Kutte, die ich achtlos überstreifte, dann folgte ich ihm.

Schwester Satris ging es wirklich schlecht. Ihr Gesicht war gelblich angelaufen, der Atem ging stoßweise, und sie war nass geschwitzt. Ihre Hände glitten fahrig über die Decke und waren eiskalt.

Rasch untersuchte ich sie und tastete ab. Doch das ging auch über mein Wissen hinaus, obwohl sich ein Verdacht in mir regte. Um ihr die Qualen etwas zu erleichtern, dämpfte ich die Schmerzen und ließ sie in Schlaf fallen. Dann befahl ich kalte Umschläge und machte mich auf den Weg zu Darras.

In seiner Kammer brannte Licht, wie ich durch einen Türspalt erkennen konnte, doch er meldete sich nicht. Ich öffnete die Tür und erschrak. Er lag schlaff und bewegungslos auf seinem Bett, die Augen weit geöffnet. Ich fühlte Puls und Herzschlag, es ging nur sehr langsam. Auf mein Rufen und Schütteln reagierte er nicht. Doch es schien ihm nichts zu fehlen, und mir kam der Gedanke, dass er wieder auf einer seiner Reisen war. Da konnte ich im Moment nichts tun. Also kehrte ich wieder zurück zu Satris.

Es schien ihr etwas besser zu gehen, der Atem ging ruhiger, das Herz schlug regelmäßiger, und die Färbung des Gesichts war zurückgegangen.

„Ich glaube, sie wird wieder gesund“, meinte Bruder Adolar. „Ich hoffe, du hast den Oberen nicht umsonst geweckt. Du hast die richtigen Maßnahmen ergriffen.“

Ich zwang mir ein Lächeln ab.

„Der Obere sollte im Moment nicht gestört werden, er befindet sich in einer besonderen Meditation. Aber wir könnten ihn immer wecken, falls es notwendig ist. Das Wohl der Mitglieder liegt ihm sehr am Herzen.“

„Ich danke dir, Schwester, dass du ihr geholfen hast. Bitte geh jetzt wieder schlafen, alles andere übernehme ich selbst.“

Ich überprüfte noch einmal kurz Satris, spürte, wie ihr Körper kräftiger wurde und ging. Ich konnte alles andere getrost dem Bruder überlassen.

Dafür beschäftigte mich jetzt Darras. Wo war er hin? Wieder zu dem unheimlichen Gemäuer? Wie sollte ich ihn in einem wirklich wichtigen Notfall erreichen?

Nachdenklich kam ich in meine Kammer, legte mich aufs Bett und fasste einen irrsinnigen Gedanken. Ich würde ihm folgen.

Locker und entspannt versuchte ich, meinen Geist vom Körper zu lösen. Doch das war leichter gesagt als getan. Mein Geist wehrte sich. Es gelang mir einfach nicht, beide Teile zu trennen. Schließlich verkrampfte ich mich so sehr, dass Schmerzwellen durch mich fluteten und ich laut aufstöhnte.

„Bist du verrückt?“, explodierte plötzlich eine Stimme in mir. „Hör sofort auf!“ Erschreckt brach ich die Konzentration ab und kehrte übergangslos in die reale Welt zurück. Diesen Impuls kannte ich, das war Darras. Er war also zurück. Schweißgebadet lag ich auf meinem Bett und versuchte, noch einmal einzuschlafen. Morgen würde ich mit ihm reden müssen, doch da hatte ich mich getäuscht. Er kam sofort.

„Was sollte das?“, fragte er, kaum dass er die Tür geschlossen hatte.

„Ich habe dich gesucht, Herr. Wir hatten einen Notfall.“

„Mit dem du bestens fertig geworden bist.“

„Woher willst du das wissen?“

„Ich bin nicht so verantwortungslos, dass ich nicht alles unter Kontrolle behalte. Wenn es wirklich ernst gewesen wäre, hätte ich abgebrochen.“

„So, du hättest abgebrochen. Weißt du eigentlich, welch einen Schreck du mir eingejagt hast? Ich dachte im ersten Moment, du wärest tot.“

Er lächelte.

„Das hättest du mit Sicherheit gespürt. Also reg dich nicht auf. Aber du wirst nie wieder so einen selbstmörderischen Versuch unternehmen, mir zu folgen. Verstanden?“

„Woher sollte ich das wissen? In der gleichen Situation würde ich wieder so

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Michael Sagenhorn
Lektorat: M.Meyer
Tag der Veröffentlichung: 21.07.2016
ISBN: 978-3-7396-6541-2

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /