Cover

KENNY ZAHLT MIT BLEI

von Uwe Erichsen

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Als Kenny sich ein wenig amüsieren möchte, wird ihm übel mitgespielt. Mitten in der Nacht muss er die Stadt verlassen. Auf der Suche nach einem trockenen Plätzchen findet er eine einsame Farm und sieht, wie ein Mann versucht, in das Haus einzudringen. Kenny greift ein und muss feststellen, dass er sich aus Versehen mit dem Sheriff der Stadt angelegt hat.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


1

Kenny krallte sich im Türrahmen fest. Er starrte in den strömenden Regen hinaus, in die undurchdringliche Nacht, in die Kälte. „Ihr verfluchten Hunde!“, schrie er. „Das könnt Ihr doch nicht machen!“

Jemand trat nach ihm, und einer der Kerle zerrte an seinem Arm. „Und ob wir das können“, keuchte der Mann. Er warf sich gegen Kennys massigen Leib, stemmte die Füße gegen den Boden und versuchte, den widerspenstigen Kenny hinauszutreiben. Eines der Mädchen begann zu kreischen. „Gib’s ihm endlich, Joe, du Schlappschwanz! Schmeiß ihn endlich raus!“ Joe verstärkte seine Bemühungen, aber Kenny hatte sich mittlerweile in der Tür förmlich verkeilt. „Gebt mir wenigstens meine Stiefel und meinen Colt!“, grollte er wütend. „Einen Tritt kannst du kriegen!“, würgte Joe wütend hervor. Er rammte Kenny sein Knie ins Gesäß. Kenny wirbelte herum, wobei er zwangsläufig seine günstige Position aufgeben musste. Er stieß eine Faust gegen das Gesicht des dürren Joe. Joe gelang es, den Kopf gerade noch aus der Richtung zu nehmen, aber er konnte es nicht vermeiden, dass Kennys Faust seitlich an seinem Gesicht vorbeischrammte und ihm das halbe Ohr abriss. Joe heulte auf. Im Halbdunkel erkannte Kenny, wie der andere blitzschnell zu seiner Waffe griff, und bevor Kenny auch nur Luft schnappen konnte, drückte sich der kalte runde Lauf des Revolvers in seinen nackten Bauch. Kenny hielt die Luft an. „So, du Bastard“, knirschte Joe mit schmerzverzerrtem Gesicht, „jetzt wirst du verschwinden, oder wir ziehen dir dein dickes Fell über die Ohren, hast du endlich verstanden?“

„Bin ja nicht taub“, grollte Kenny. Er sah hoch. An der Treppe zum Obergeschoss, rosig überhaucht vom milden Licht einer Petroleumlampe, lehnte Carol. Carol, dachte Kenny seufzend. Durch das dünne Obergewand konnte er ihre prallen Formen erahnen. Kenny fuhr mit der Zunge über seine Lippen. „Verschwinde endlich“, grollte Joe. Der Druck der Mündung in Kennys Bauch verstärkte sich. Kenny ließ keinen Blick von Carol, allerdings vermied er es sorgfältig, in den Bannkreis ihrer böse funkelnden Augen zu geraten. Er hob seine Arme und drückte den Dürren ein wenig zur Seite. Seine Haut kribbelte. Würde er es wagen? Dort am Kleiderhaken neben Carol hing die Ölhaut, die er vor einer Stunde dort abgelegt hatte. Er griff danach. Sie war noch nass und kalt. Darunter hing sein Revolvergurt. Kenny riss ihn an sich. Einer der beiden Holster war leer, in der rechten steckte ein altertümlicher Colt mit abgewetzten Griffschalen. Kenny hatte die Waffe vor zwei Wochen einem Oldtimer beim Pokern abgenommen.

Munition für den Colt besaß er nicht. Geschmeidig wie eine Katze glitt ein Typ aus der Dunkelheit heran. Diesen Mann hatte Kenny bisher nur flüchtig gesehen. Er war jung, aber der Ausdruck der tiefliegenden Augen verhieß nichts Gutes. Er griff lässig nach dem Revolvergurt, den Kenny gerade um seinen Bauch schlang. Kenny zerrte schnell die Lasche durch die Schnalle und hielt das Leder fest.

Der Junge mit dem gemeinen Blick grapschte nach dem Colt und riss ihn aus dem Holster. Er klappte die Trommel auf, sah die leeren Kammern, ließ die Trommel kreisen und lauschte dem seltsamen, kratzenden Geräusch, das dabei hörbar wurde. Verächtlich steckte er die Kanone in Kennys Holster zurück.

„Das Ding taugt höchstens dazu, Wanzen totzuschlagen.“ Er lachte kurz auf. „Hau jetzt endlich ab, Dicker.“ Das Lachen erstarb schneller, als es auf den schmalen Lippen erschienen war.

Kenny rückte den Revolvergurt gerade, warf die Ölhaut über seine nackten Schultern und schritt barfuß auf den Stepwalk hinaus. Wie ein dichter Vorhang rann der Regen vom Balkon herab.

Sein Körper warf einen dünnen Schatten, weil die Tür hinter ihm immer noch offen stand. Er sah jedoch den Schatten des Mannes nicht, der jetzt aus der Tür trat.

Der Junge hob ein Bein und stieß dann mit aller Kraft zu. Joe lachte grölend, als Kenny gegen das Geländer des Stepwalks prallte, sich dort nicht halten konnte und kopfüber darüber stürzte. Es klatschte laut, als sein schwerer Körper in den Schlamm fiel.

„Wenn du das nächste mal kommst, Dicker“, schrie Joe, „dann bring Geld mit, hast du verstanden?“




2

Kenny wischte sich den Schlamm aus dem Gesicht. Undeutlich nur erkannte er die Umrisse der beiden Männer, die auf dem Stepwalk standen. Drei Mädchen drängten sich in der Tür, sie kicherten blöde. Die Wut drohte Kenny zu lähmen.

„Ich komme wieder!“, brüllte er. „Dann rechne ich mit euch Dreckskerlen ab!“

Joe und der Junge lachten. Sie drehten sich um und scheuchten die Mädchen ins Haus zurück. Kenny stand mühsam auf. Er fror erbärmlich. Dieser Junge, dachte er nachdenklich. Irgendwo habe ich ihn doch schon mal gesehen! Er hielt diesen Jungen in der schwarzen Lederkluft für den Chef des Ladens. Joe spielte nur den Rausschmeißer. Aber der Junge ...

Kenny zog den Kragen der Ölhaut in die Höhe und trottete durch den knöcheltiefen Schlamm. Die Straße war breit und dunkel. Auch der Silver Star, der größte Saloon in Bernalillo, hatte bereits geschlossen. Kenny fluchte. Die kalte Ölhaut scheuerte auf der Haut, und der raue Ledergurt drückte.

Irgendwo war doch der Mietstall, dachte er wütend. Wo stand sein verfluchter Gaul?

Kenny blieb stehen. Der Regen verschleierte auch die letzten Konturen. Vorsichtig wandte er sich nach rechts, die Arme ausgestreckt. Er schrie leise auf, als er mit den Zehen gegen einen Balken stieß, an dem er mit den Händen vorbei geraten war.

Das war ein Stützbalken, und wo ein Stützbalken stand, musste es einen Vorbau geben. Und unter einem Vorbau müsste es eigentlich trocken sein.

Kenny zog seine Füße aus dem Schlick und setzte sie auf den Gehweg. Tatsächlich, er war trocken. Er lehnte sich gegen die Hauswand und holte erst ein paarmal tief Luft. Er tastete seinen Körper ab, konnte jedoch außer einer leichten Schwellung am Steißbein keine nennenswerte Verletzung finden.

Er tastete umher. Er spürte Glas unter seinen Fingern und das kühle Metall eines Türknaufs. Er drehte an dem Knauf, aber die Tür schien von innen verriegelt zu sein.

Kenny presste sein Ohr gegen das Glas. Nichts, kein Geräusch war zu hören, außer dem Rauschen des Regens. Kenny presste seinen breiten Rücken gegen das Glas der Tür, dann bewegte er mit einem kurzen Ruck seinen Ellbogen.

Er zuckte zusammen, als die Scheibe klirrend zerbrach und die Scherben drinnen zu Boden fielen. Ein Hund begann wild zu kläffen. Kenny lauschte. Weit entfernt. Doch vorsichtshalber trat er einen Schritt zur Seite. Er zählte leise bis hundert, dann tastete er nach dem Loch in der Scheibe. Seine Hand glitt hindurch, fuhr innen am Rahmen hinab bis zum Knauf und dem Schloss. Der Schlüssel steckte nicht.

Kenny bewegte seine Hand geduldig an der Tür entlang. Das Bellen verstummte. Die Finger stießen gegen das schwere Metall des Riegels unten am Rahmen, Kenny zog den Riegel zurück und drückte dann seinen Rücken erneut gegen den Mittelbalken der Tür. Er fühlte, wie sie nachgab, und er verstärkte den Druck, bis die Zunge des Schlosses mit einem leisen Knacken aus der Halterung sprang.

Kenny schlich in den finsteren Raum. Er stieß gegen eine Kante, fand eine zweite Tür, die sich mühelos öffnen ließ. Er schnüffelte, um vielleicht am Geruch erkennen zu können, wohin er geraten war, aber die Luft verriet nichts.

Unter seinen nackten Sohlen spürte er glatten Holzboden. Verdammt, dachte er wütend, wo bin ich nur? Seine ausgestreckten Arme wiesen ins Leere, während er mit den Knien an ein Blech stieß. Er bückte sich hastig, aber das Blech fiel bereits, es schepperte laut wie eine billige Glocke, als es gegen einen eisernen Ofen prallte.

Kenny stand starr vor Schreck. Der Köter kläffte erneut. Kenny drehte sich um und hastete zur Tür zurück. Er stieß mit dem Kopf gegen den Türrahmen, fluchte wild und stürzte in den Regen hinaus.

Er rannte über die aufgeweichte Straße. Jeder Schritt bedeutete Anstrengung, und mit jedem Schritt verlor er ein wenig den Zorn, der ihn bisher beherrscht hatte.

Diese elenden Nutten, dachte er nur noch gelegentlich, aber er wusste, dass die Wut wiederkommen würde.

Er fand den Mietstall am Ende der Stadt mehr durch Zufall. Hinter einem der schmalen Fenster unter dem Dach entdeckte er einen dünnen Lichtschimmer. Er blieb stehen, starrte hinauf und bewegte sich dann auf die dunkle Masse eines größeren Gebäudes zu. Als er näher kam, witterte er die Tiere.

Er tastete an der Vorderfront entlang bis zum großen Tor, das verschlossen war. Mit beiden Fäusten hämmerte er gegen das Holz. Das Haus dröhnte unter den hammerartigen Schlägen.

„He, was soll denn das?“, fragte plötzlich eine knarrende Stimme neben ihm. „Weshalb haust du die Tür ein?“

Kenny hielt inne. Es gab eine zweite, kleinere Tür. Ein Mann stand im Rahmen, in der Hand hielt er eine blakende Petroleumlampe.

„Mensch“, stieß Kenny hervor, „was für’n Glück!“ Er drückte den alten Mann einfach zur Seite. Hier drinnen war es trocken und warm. Er warf die alte Ölhaut ab und drehte sich um.

Der Alte hob die Lampe. Aus großen Augen starrte er Kenny an. Dann verzog er das faltige Gesicht zu einem breiten Grinsen, und kichernd sagte er: „Na, hast du wenigstens Spaß gehabt?“

Kenny grinste ebenfalls.

„Und ob“, versicherte er.

„Und warum … Der Alte deutete mit der Hand auf Kenny.

„Ich hatte nur zwei Dollar bei mir“, gestand Kenny.

Der Alte wieherte laut. „In unserem Paradepuff kostet allein der Whisky einen Dollar.“ Er winkte Kenny, und Kenny folgte dem Alten.

Der Oldtimer stellte seine Lampe auf einen Schemel und kramte in einer Ecke herum. Er förderte eine zerfledderte Unterhose zutage, die er Kenny zuwarf. „Hab ich voriges Jahr nur einmal im Winter getragen, als es so furchtbar kalt war. Du kannst sie ruhig haben.“

Misstrauisch betrachtete Kenny das Kleidungsstück. „Wie lange hat der Winter gedauert?“

„Och, so drei, vier Wochen, länger nicht.“

Kenny zog die Hose an. Sie krachte in den Nähten, aber der dicke Baumwollstoff hielt. Der Oldtimer fand noch ein Paar Stiefel, von denen nur noch das Oberleder ganz war. Kenny zwängte seine Füße hinein. Er nahm eine Pferdedecke vom Stapel und schlang sie um seine Schultern, dann hob er die Ölhaut auf und zog sie an. Er sah an sich hinab. Die Stiefelschäfte reichten bis unter den Saum der Ölhaut.

„So wird’s gehen“, meinte Kenny zuversichtlich. „Weißt du, ob man hier ’n scharfes Spiel arrangieren kann? Vielleicht morgen früh gleich?“

Der Alte starrte Kenny groß an. „Sattle deinen Schinder und hau ab, Fremder.“

„Was, jetzt mitten in der Nacht? Du machst wohl Witze?“

„O Boy“, stieß der Alte hervor. „Ich wundere mich, dass dein Alabasterleib noch so gut in Schuss ist. Greg McQuade muss keinen guten Tag gehabt haben.“

„Wer ist denn Greg McQuade?“, fragte Kenny.

„Er müsste dich eigentlich getroffen haben“, meinte der Alte. „In den Hintern vielleicht?“

Kenny kniff die Lider zusammen. „Dieser junge Laffe in der schwarzen Lederkluft?“ Er dachte an diesen Mistkerl, der ihm den Tritt versetzt hatte. Der sollte der Boss dieses Saloons sein?

„Er ist gefährlich wie eine Klapperschlange“, behauptete der Oldtimer. Er blickte prüfend an Kenny herab, dann meinte er: „Verzieh dich, Boy. Wenn du dich mit McQuade anlegen willst, brauchst du ’ne Winchester und ein paar gute Colts. Und ein schnelles Auge sowieso. McQuade hat erst vorige Woche einen umgelegt, der frech geworden war.“

„Was macht denn der Sheriff ...“ Der Alte winkte mit einer müde wirkenden Gebärde ab. „Der Sheriff ist Earl McQuade, Gregs Vater.“ Kenny zog die Ölhaut enger um seine Schultern. Er nickte nachdenklich. Er würde sich dünnmachen. Um den Helden zu spielen, brauchte man eine solidere Ausrüstung. „Okay, Oldtimer. Mach Rosy fertig. Wenn ich mal wieder hier vorbeikomme...“

„Schon gut, Boy.“ Der Alte löste den Balken aus der Halterung vor einer der Boxen im Hintergrund und führte eine magere Stute in den Gang. Sie war grau und hochbeinig, aber die großen runden Augen verrieten Leben und Temperament. Der Alte warf eine zerfranste Satteldecke über den Pferderücken und wuchtete dann einen vielfach geflickten Sattel darauf.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Kenny.

„Ich bin Lou, einfach Lou. Jeder kennt mich hier.“

„Und ich heiße ...“

„Ich will’s nicht wissen, Boy. Es tut mir immer so weh, wenn ich höre, der oder der ist tot. Deshalb will ich gar keine Namen mehr hören.“

„Du meinst, ich ...“

„Du bist zu leichtsinnig, Boy, das ist es. Und du legst dich mit Greg McQuade an. Es soll mich nicht wundern, wenn du eines Tages ...“

„Ich heiße Kenny“, sagte Kenny. „Bob Kenny.“




3

Erst als der Morgen fahl heraufdämmerte, roch Kenny den Rauch. Er hatte den Kopf auf die Brust gesenkt und es Rosy überlassen, einen Weg zu finden. Irgendwohin.

Kenny hob den Kopf und reckte die Nase witternd in die Luft. Es war windstill, und der leichte Rauchgeruch schien überall zu sein. Es regnete nicht mehr, aber über dem Fluss lag dichter Nebel, und die Nässe saß klamm und kalt in der geschenkten Unterhose, und sie war sogar in die Decke unter der Ölhaut gedrungen. Kenny bewegte die steifen Finger. Die Gelenke knackten.

Rosy schnaubte. Das graue Fell der Stute dampfte. Über dem Nebel wurde es schnell heller, und Kenny wusste, dass die Sonne bald durchkommen und den Nebel aufsaugen würde. Doch bis dahin musste er etwas zu essen bekommen. Sein Magen knurrte laut.

Der Rauchgeruch schien intensiver zu werden. Kenny starrte in den weißen Nebel, der vom Fluss her über den breiten Weg wehte und ihm die Sicht nahm. Irgendwo musste ein Haus stehen, oder ein Lagerfeuer brennen. Cowboys vielleicht, die den Fluss überqueren wollten und die der

Regen daran gehindert hatte. Alles war voller Schlamm. Er bemerkte, dass die Stute sorgsam die tiefen Fahrrillen mied und statt dessen mühsam durch den Schlick zwischen den Rinnen setzte.

Kenny reckte sich. Seine Schultern schmerzten, und der Rücken und die Sitzfläche fühlten sich an wie mit Knüppeln bearbeitet. Schlagartig fiel ihm die Behandlung ein, die ihm im Freudenhaus von Bernalillo zuteil geworden war, und zugleich stieg der Zorn in ihm wieder auf. Er tastete zur Hüfte, wo er den großen alten Colt spürte. Er hatte mit der Waffe erst einmal geschossen, gerade um sie auszuprobieren. Die Kugeln flogen zwar in alle Himmelsrichtungen, aber wenn man das wusste, spielte es eigentlich keine so große Rolle. Man musste nur nah genug an seinen Gegner herankommen, das war alles.

Kenny schüttelte den Gedanken an Greg McQuade und seinen Rausschmeißer ab. Nach Bernalillo würde er doch nie mehr zurückkommen, basta. Erledigt. Von der Schmach wusste niemand, außer den Banditen und ihren Weibern aus dem Freudenhaus und dem Oldtimer.

Kenny spitzte die Lippen und versuchte zu pfeifen. Die Lippen waren gefühllos von der Kälte, und er ließ es schnell wieder sein.

Kenny schnupperte. Der Geruch nach frischem Rauch, nach Holzfeuer, war jetzt überall. Er zügelte die Stute, die stehenblieb und den Kopf hängen ließ. Kenny lauschte. Der Nebel dämpfte alle Geräusche. Wasser tropfte von den Ästen der Bäume, unten am Fluss gurgelte das Wasser an der Uferböschung. Kenny starrte angestrengt in die milchige Suppe, die von Minute zu Minute dichter zu werden schien, dabei sollte sie sich eigentlich auflösen.

Kenny schnalzte mit der Zunge, um die Stute zum Weitertraben zu veranlassen. Schmatzend löste sich ein Huf aus dem Schlamm, das Sattelleder knarrte.

Und noch etwas knarrte, und dann gab es einen dumpfen Knall. Kenny zerrte heftig am Zügel, und die Stute schnaubte empört. Kenny zischelte drohend, und gehorsam blieb Rosy stehen.

Das Geräusch wiederholte sich nicht. Kenny wartete, während der Nebel in seinen Haaren niederschlug und über die Augenbrauen tropfte. Dann hörte er ein Hämmern, ein Dröhnen, ein Poltern. Dieses Geräusch kannte er. Jemand schlug mit der Faust gegen eine Tür. Und dann schrie ein Mann, offenbar derselbe, der da so unbeherrscht gegen die Tür hämmerte. Kenny spitzte die Ohren.

„Du Miststück!“, brüllte die Stimme. „Mach auf, oder ich schlage die Tür ein. Los, mach schon!“ Das wütende Hämmern hielt an.

Kenny setzte die Stute in Bewegung. Langsam näherten sich Reiter und Pferd der Ursache der Geräusche. Der Mann stieß wilde jetzt Drohungen aus, und Kenny war sicher, dass diese Drohungen einer Frau galten.

Kenny erkannte so etwas wie einen Torpfosten, der plötzlich nass und schwarz aus dem Nebel tauchte, dann erschien noch einer, und Kenny zerrte am Zügel. Rosy schritt über einen mit grobem Kies bestreuten Weg. Links und rechts des Weges befanden sich saftige, grüne Wiesen. Eine Farm, dachte Kenny, oder eine kleine Ranch. Der Rauch ließ auf ein Herdfeuer schließen, und wo ein Herdfeuer brannte, musste es Gebratenes geben und Kaffee.

Wenn dieser Schreihals nicht wäre. Der Kerl gab nicht auf. Er brüllte immer noch aus vollem Hals, und seine Wut schien sich noch zu steigern.

Urplötzlich tauchte der dunkle Umriss eines flachen Gebäudes aus dem Nebel. Schwarzes Holz, weiß gestrichene Fenster, Rosenbüsche neben dem Eingang. Und unter dem Vordach der Tür tobte ein Mann, der Kennys Annäherung

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 04.06.2016
ISBN: 978-3-7396-5906-0

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /