Cover

Das große Buch der Arzt-Romane: 1500 Seiten

12 Romane in einem Buch!

von Horst Weymar Hübner, Anna Martach & A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 1555 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende zwölf Romane:

Horst Weymar Hübner: Dich darf ich nicht verlieren

Horst Weymar Hübner: Diagnose „Eifersucht“

Horst Weymar Hübner: OP-Schwester Marga

Horst Weymar Hübner: Und wieder beginnt ein Tag

Horst Weymar Hübner: Diese Augen klagen an

A.F. Morland: Dann stürzte die Welt für sie ein

Anna Martach: Gefährliche Wetten und heiße Liebeleien

Anna Martach: Madln und Berge – geliebt und gefährlich

Anna Martach: Ich will mein Herz nur dir schenken

Anna Martach: Expedition ins Glück

Anna Martach: Manege frei fürs große Glück

Anna Martach: Musik des Herzens

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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Dich darf ich nicht verlieren!

Dr. Florian Winter Band 1

von Horst Weymar Hübner


Walter Becker macht sich Sorgen um seine Frau Eva-Maria. Und das zu Recht: Denn die körperlichen Beschwerden, von denen sie geplagt wird, deuten auf nichts Gutes hin. Ihr achtjähriges Töchterchen soll nichts davon erfahren, dass die Mama zur Untersuchung in die Klinik kommt, zu Dr. Florian Winter. Die Diagnose-Maschinerie des Krankenhauses rollt unaufhaltsam an – und ihr bisheriges Eheleben zieht wie ein Film vor dem geistigen Auge an ihnen vorüber. Höhen und Tiefen, Freude und Leid. In dieser Krise erkennt Walter, was ihm seine Frau wirklich bedeutet. Stunden quälender Ungewissheit muss er aushalten. Und dann kommt der Befund …


1

Beim Frühstück kehrte der niederträchtige Schmerz mit vehementer Wucht wieder. Eva-Maria konnte gerade noch die Kaffeekanne absetzen; dann krümmte sie sich. Hoffentlich merkt Walter nichts, dachte sie beklommen. Es ist bestimmt gleich vorbei. Nur wieder ein Anfall. Er hat doch genug Ärger um die Ohren. Da kann ich ihn nicht auch noch mit meinen Problemen belästigen. Seit ein paar Tagen ist er ohnehin völlig verändert. Mürrisch und unausgeglichen. Er gibt mir die Schuld, ich spüre es. Aber ich kann doch nichts dafür!

Die letzten vierzehn Tage hatte sie ihn immer wieder abgewiesen und Unpässlichkeit vorgeschützt. Gott, was waren die Männer manchmal dumm!


2

Vier, fünf Tage, das ging ja noch. Das war normal. Vierzehn Tage waren das nicht mehr. Dennoch hatte Walter kein Gespräch gesucht und keine Fragen gestellt, der er doch sonst sehr verständnisvoll und sehr besorgt um das Wohlergehen ihrer kleinen Familie war.

Nur brummig war er geworden.

Sie hatte so gehofft, der dumpfe Druck und das Völlegefühl im Unterleib würden von allein wieder verschwinden, und alles könnte wie zuvor sein.

Statt dessen hatten sich die Beschwerden verstärkt. Seit drei Tagen kamen infame Schmerzanfälle mit Stichen hinzu, die ihr den Leib zu zerreißen schienen.

Gestern hatte eine starke Blutung eingesetzt, völlig außer der Zeit.

Sie hatte Hermann anrufen wollen, einen Jugendfreund. Er war Arzt an einer Klinik in Bonn. Manchmal kam er auf einen kurzen Besuch vorbei Vielleicht wusste er Rat. Wegen eines schmerzhaften Unwohlseins lief sie schließlich nicht gleich zum Frauenarzt.

Aber dann kam Martina aus der Schule, zeigte mit einem Flunsch die umfangreichen Hausaufgaben vor, die sie aufbekommen hatte, und erklärte mit der ganzen Überzeugung und dem Gewicht ihrer acht Lebensjahre, die Mathelehrerin sei ja unheimlich doof und hätte von nichts eine Ahnung.

Nachmittags schaute die Nachbarin herein, um sich einigen Kummer von der Seele zu reden. Ihr Mann scharwenzelte um seine Sekretärin herum, machte in Midlife Krisis, und wie es aussah, drohte der anfänglich harmlose Flirt in eine handfeste Affäre auszuarten.

Als es Abend war, hatte Eva-Maria natürlich nicht bei Hermann Mittler angerufen.

In der Nacht waren die irrsinnigen Schmerzen zweimal gekommen. Als schließlich der Wecker ging, hatte sie sich wie gerädert gefühlt. Da hatte sie sich geschworen, heute wirklich zu telefonieren und nichts dazwischenkommen zu lassen.

Walter rührte versunken in der leeren Tasse und blieb ins Studium der Zeitung vertieft. Die Unsitte des Zeitunglesens beim Frühstück hatte er sich in all den Jahren nicht abgewöhnt.

Jetzt merkte er, dass sein Löffel keinen Widerstand in der Tasse fand und das leise Klirren ganz anders als sonst klang. Er blickte hoch, abwesend und noch ganz bei den Schlagzeilen von Wirtschaft und Politik, und hörte Tina in kindlich mitfühlendem Ton sagen: „Jetzt kneift’s die Mami aber wieder tüchtig im Bauch!“

Sein abwesender Blick kehrte in die Wirklichkeit und an den Frühstückstisch ihrer kleinen Familie zurück.

„Kneift? Im Bauch?“ Er sah die abgestellte Kanne, die leere Tasse und dahinter seine Frau in unnatürlicher Haltung. Eva-Marias Gesicht war schmerzverzerrt und bleich, auf der Stirn perlte feiner Schweiß.

Mit einer jähen, fast wilden Behändigkeit kam er vom Stuhl hoch, den Ausdruck größter Besorgnis im Blick. Achtlos flog die Zeitung zu Boden.

„Seit wann hast du das?“ Seine Hand legte sich behutsam auf ihre Stirn. „Eine Erkältung vielleicht? Letzte Woche hast du doch im Steingarten gearbeitet, da ging ein ziemlich kühler Wind.“ Die Stirn war kühl. Verwundert nahm er die Hand weg. „Wo sitzt der Schmerz?“ Das war wieder seine besorgte Stimme, wie sie sie schon lange nicht mehr gehört hatte. Ja, damals, als sie mit Martina schwanger war. Aber das war lange her.

Seine plötzliche Fürsorge tat ihr gut. Zaghaft sagte sie: „Im Leib. Und im Rücken.“

„Seit wann?“, wiederholte er.

„Ein paar Tage schon. Ich dachte, es ginge so vorbei. Nachher rufe ich Hermann an. Das habe ich mir fest vorgenommen.“

„Wozu Hermann, mein Schatz? Der ist in Bonn, und das ist ein bisschen weit, meine ich. Du willst dich doch von ihm untersuchen lassen. Nicht?“ Er sah, dass sie die Arme um den Leib gepresst hielt und bemüht war, das vor ihm zu verbergen. „Dann rufe ich Scharnitz an. Besser noch, ich bringe dich gleich runter zu ihm.“

Sie lächelte tapfer und schüttelte den Kopf. „Es ist gleich vorbei, ich kenne das schon. Es kommt und geht.“

„Seit ein paar Tagen!“, hielt er ihr die eigenen Worte vor. „Das kann kein Dauerzustand werden. Bitte, mache dich fertig. Ich nehme dich mit runter in die Stadt.“

Der grässliche Schmerz ließ allmählich nach. Eva-Maria richtete sich auf. „Siehst du, es geht schon wieder.“ Sie brachte die Arme zum Vorschein, griff nach der Kanne und schenkte ein. „Außerdem kommst du zu spät. Und zu Doktor Scharnitz will ich nicht.“

Er hörte den Unterton. „Was hast du gegen ihn? Er hat unser Tina Mäuschen geholt, und du warst sehr zufrieden mit ihm.“

„Vor acht, vor neun Jahren, ja. Bitte, lass mich erst mit Hermann sprechen. Ich lege Wert auf seinen Rat.“

Ihre Abneigung gegen einen Besuch bei Dr. Scharnitz war nicht zu übersehen. Er machte gar nicht erst den Versuch, sie umzustimmen. Dunkel erinnerte er sich an alten Klatsch, der Jahre zurücklag. Scharnitz wurde eine Liaison mit einer Kollegin nachgesagt. Genaues war nie herausgekommen. Der Mann galt weiterhin als ausgezeichneter Frauenarzt.

Möglich, dass dieses alte Gerücht den Ausschlag gab. Eva-Maria war in Dingen der Moral konservativ und konsequent. Untreue war etwas, das niemals ihre Billigung fand und das sie auch nicht tolerierte.

Vielleicht war an der Sache damals auch mehr dran. Frauen pflegten meist besser informiert zu sein.

Er betrachtete sie besorgt. Sie gewahrte, wie eine stille, verhaltene Zärtlichkeit in seinen Blick kam.

„Du kannst auch den Wagen haben“, bot er ihr an. „Ich nehme die S-Bahn.“

„Das ist wirklich nicht nötig, Walter. Sobald ich euch zwei aus dem Haus habe, rufe ich in Bonn an.“ Sie schaute auf die Uhr. „Du musst dich beeilen.“

Er ging zu seinem Stuhl und hob die Zeitung auf. „Der Ärger erwischt mich noch früh genug. Und im Büro kennen sie mein Gesicht.“ Prüfend und eindringlich blickte er sie an. „Auf elf Uhr ist eine Konferenz angesetzt, der Etat fürs nächste Jahr soll um dreißig Prozent gekürzt werden. Schwer zu sagen, wann ich da herauskomme. Ich rufe dich besser vorher an.“

„Wozu?“ Ihre ganze Haltung drückte Ablehnung aus. Sie fühlte sich gedrängt. Das mochte sie nicht.

„Um zu hören, was dein Hermann meint. Ich bezweifle allerdings, dass er dir von großem Nutzen ist. Ein Arzt muss seinen Patienten vor sich sehen. Er wird dir raten, hier zum Doktor zu gehen.“

„Ich will ja gar keine Diagnose von ihm gestellt haben. Nur seine Meinung möchte ich hören. Außerdem ist er nicht mein Hermann“, verwahrte sie sich vorsorglich.

„Er hätte es gut werden können, wenn ich mich nicht mehr ins Zeug gelegt hätte als er. Immerhin hat er mir voraus, dass ihr euch schon im Sandkasten geprügelt habt. Das verbindet.“

„Werde nicht kindisch, Walter. Er hat mich nie geprügelt.“

„Aber du ihn. Er hat es mal erzählt, ich entsinne mich.“ Seine Augen blickten vergnügt.

Sie atmete auf. Seine brummige Laune der letzten Tage war wie weggewischt. Diese phänomenale Wandlungsfähigkeit faszinierte sie immer wieder.

Er konnte mit Ausdauer und Sturheit und tiefem Ernst einen Standpunkt im Gespräch vertreten, bis plötzlich ein Stichwort, eine Geste oder eine Entgegnung den Umschwung bei ihm auslöste. War er eben noch ein erbitterter Debattieren zeigte er sich im nächsten Augenblick als unterhaltsamer launiger Plauderer, der auch einem derben Flachs nicht abgeneigt war.

Seine Anspielung auf die Sandkastenabenteuer im zarten Kindesalter ließ sie lächeln. Irgendwie schaffte er es immer, einer Begebenheit eine spaßige Seite abzugewinnen.

Das war wohltuend, und sie wusste nur zu genau, wie oft er sie damit schon ins Gleichgewicht gebracht hatte, wenn sie niedergeschlagen war.

Liebevoll beobachtete sie ihn, wie er Tina den Schulranzen hinhielt, sein Jackett von der Garderobe nahm und den Wagenschlüssel suchte, der wie immer auf der Ablage deponiert war. Er wühlte jedoch immer erst in den Taschen.

Mit einem Lachen voll diebischer Freude schnappte Martina nach dem Schlüssel und hielt ihn triumphierend hoch. „Da ist er doch, Papi!“

Es gab das übliche Gerangel um den Schlüssel. Dann ergriff er den Aktenkoffer und kam noch einmal herein, trank den letzten Schluck Kaffee und gab ihr einen Kuss.

Es war eine Zeremonie, die sich etwas abgenutzt hatte. Dennoch mochte sie diese morgendliche Verabschiedung nicht missen.

Heute kam ihr sein Kuss weniger flüchtig vor.

War das eine liebenswürdige Aufmerksamkeit oder Ausdruck seiner Sorge um ihre Gesundheit?

Er durfte sich nicht damit belasten. Nicht heute, wo es in seiner Firma um wichtige Entscheidungen ging.

Die ganzen Jahre hatte er sie an den Vorgängen im Büro teilhaben lassen, hatte mit ihr prekäre Situationen besprochen und sie um ihre Meinung gefragt. Er liebte seinen Beruf, und er nahm ihn ernst.

Gerade heute musste er alle Gedanken beisammen haben, durfte nicht abgelenkt sein.

Sie deutete auf seinen Aktenkoffer. „Bedeutet die Etatkürzung Entlassungen?“

Er sollte das Gefühl und die Gewissheit mitnehmen, dass sie sich mit seinen Sorgen und Nöten befasste, dass sie ihm eine Stütze war und er jederzeit auf sie zählen konnte, soweit sie etwas von den Dingen verstand.

Ein Schatten flog über sein Gesicht. „Es wird nicht ohne abgehen. Aber zerbrich dir nicht meinen Kopf. Tschüs, mein Schatz, und halt die Ohren steif!“

In der Diele steckte er sich seine Zigarette an, ohne die er morgens nie das Haus verließ. Der strenge Rauch des schwarzen Krautes zog ins Esszimmer.

Jetzt musste die Haustür klappen.

Eva-Maria vermisste das altvertraute Geräusch. Statt dessen hörte sie ein Tuscheln.

Sicher Martina, die versucht, ihm ein paar Groschen abzuluchsen, um sie im Geschäft gegenüber der Schule in Süßigkeiten umzusetzen, dachte sie.

Doch dann hörte sie Tina wispern: „Doch, Paps, unheimlich lang schon. Als ich vom Schwimmen kam, hat sie sogar geweint. Ich musste gleich Schulaufgaben machen, aber ich hab’s doch gemerkt. Und noch eine Weile ganz deutlich gehört ...“

Jäher Schreck erfasste sie.

Der Nachmittagsschwimmunterricht war vor drei Tagen gewesen. Sie erinnerte sich, dass sie gerade den zweiten Schmerzanfall hatte, als Tina an der Haustür schellte.

Sie hatte sich bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.

Vergebens, wie sich jetzt herausstellte. Kinder sind überaus hellhörig, gerade in diesem Alter. Und sie erweisen sich als gnadenlose Beobachter.

Endlich fiel die Haustür zu. Sie hörte das Garagentor hoch kippen und kurz darauf Walter mit Tina wegfahren; an der Schulbushaltestelle setzte er sie ab.

Mit der gleichen Abwesenheit, mit der Walter von der Zeitung hoch gesehen hatte, blickte sie über den Frühstückstisch. Sie spürte eine nie gekannte Mattigkeit und empfand Unlust.

Das Geschirr musste warten. Sie konnte es später abräumen.

Wenn sie vielleicht ernstlich krank war und in die Klinik musste, wer kümmerte sich dann um die beiden? In häuslichen Dingen war Walter ungeschickt, und Tina war noch zu klein, bestimmt aber keine große Hilfe. Ein schönes Durcheinander würde das werden.

Sie saß und dachte nach. Sicher wäre es besser gewesen, sie wäre zur Vorsorgeuntersuchung gegangen, wie Dr. Scharnitz ihr damals ans Herz gelegt hatte. Regelmäßig, mindestens einmal im Jahr.

Zwei Jahre nach Tinas Geburt war sie einfach nicht mehr hingegangen.

Ein unkluger Entschluss, wie sie sich nun eingestand.

Sie musste Hermann dieses Versäumnis beichten. Gewiss war er nicht entzückt, höchstwahrscheinlich würde er ihr sogar gehörig den Kopf waschen.

Was sollte sie ihm überhaupt sagen? Einfach schildern, was sie an sich beobachtete?

Routine und Erfahrung im Klinikbetrieb setzten ihn sicher in die Lage, ihr zu sagen, was ihr fehlte.

Nach einiger Zeit begriff sie, wie naiv sie dachte.

Hermann war viel zu überzeugt von seinem Beruf, um eine Ferndiagnose zu stellen.

Und würde er ihr überhaupt die Wahrheit sagen? Ein leises Misstrauen gegenüber jedem Arzt hatte sie stets erfüllt. Nicht, dass sie an der Fähigkeit gezweifelt hätte. Aber sie meinte, dass die Mediziner sehr oft nicht die Wahrheit sagten, die ganze Wahrheit. Und sie klammerte Hermann nicht aus.

Wenn sie vielleicht selber ...? Wozu waren schließlich die medizinischen Bücher im Haus?

Sie ging ins Wohnzimmer. Jeder Schritt bereitete ihr Schmerzen.

Im Bücherregal suchte sie die Nachschlagewerke, die sie während der ersten beiden Lebensjahre von Tina angeschafft hatten. Das Baby war drei Wochen zu früh gekommen, bei der Geburt hatten sich Komplikationen ergeben. Für die ersten zwölf Lebensmonate galt Tina als Risikokind; sie hatten sich informieren wollen, was auf sie und das Kind möglicherweise zukam.

Nervös suchte sie die Symptom-Beschreibungen. Sie wusste genau, dass sie die mal überflogen hatte.

Die Bücher enthielten nicht nur Beschreibungen der gängigen Kinderkrankheiten, es waren auch allgemeinmedizinische Aspekte angesprochen. In einem Anhang gab es Stichworte zu Fachgebieten.

Sie legte das Buch beiseite und nahm das nächste heraus. Hastig blätterte sie.

Da war es – Unterleib.

Ihr Finger glitt die Auflistung hinab.

Dumpfer Druck – Myome.

Dumpfer Druck und anhaltendes Völlegefühl – Ovarialtumoren.

In Verbindung mit Schmerzattacken und blutigem Ausfluss: Menorrhagie, lang dauernde Gebärmutterblutung außerhalb der Menses. Ovarialkarzinom möglich.

Sie las es noch einmal.

Ganz plötzlich begann die Schrift vor ihren Augen zu tanzen und zu flimmern.

Karzinom hieß Krebs oder Krebsgeschwür!

Eine gemeine, furchtbare, niederträchtige Angst erfasste sie. Sie fühlte sich hundeelend und kämpfte mit den Tränen.

Krebs! Sollte sie Krebs haben?

Alles in ihr sträubte sich, lehnte sich auf gegen diese dumpfe Erkenntnis. Ausgeschlossen, wie sollte sie zu Krebs kommen?

Dann wieder fraß sich der nagende Zweifel in ihr Herz. Sie war schließlich die letzten Jahre zu keiner Vorsorgeuntersuchung mehr gegangen. Vielleicht also doch!

Mit einem wilden Trotz klammerte sie sich an die Hoffnung, dass sie sich irrte, dass sie in der Aufregung die Bedeutung des Wortes Karzinom verwechselte.

Die Blätter knisterten, als sie eifrig, fast beschwörend blätterte.

Unter Karzinom stand, was sie eben gelesen hatte. Kein Irrtum also!

Sie wusste nicht, wie lange sie so stand und in das Buch starrte, ohne etwas zu sehen.

Krebs – hämmerte es in ihrem

Kopf. Wahrscheinlich Krebs!

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu, das Herz pochte wild gegen die Rippen.

Aber sie spürte es nicht. In ihr war alles tot und taub.

Irgendwann setzte sie sich, weil die Beine sie nicht mehr trugen.

Das Buch schlug zu Boden und klappte zu. Ihre Gedanken begannen sich im Kreis zu drehen. Nun war die Reihe an ihr nach all den Fällen im großen Bekanntenkreis, in der Nachbarschaft. Schlimme Fälle. Nicht alle, aber doch einige. Zu spät erkannt und zu spät behandelt. Zugenäht und wieder nach Hause geschickt, weil jeder Eingriff aussichtslos war.

War es bei ihr auch bereits zu spät?

Die dumpfe Lethargie fiel von ihr ab und wich der Panik.

Warum gerade ich? Nein, ich will nicht sterben, ich will mich nicht zunähen und heimschicken lassen! Warum bin ich nie mehr zur Untersuchung gegangen? Warum nicht gleich zum Arzt, als es anfing?

Sie war auf dem besten Weg, völlig durchzudrehen.

Gehetzt blickte sie um sich, starrte auf die Bücherwand, das Fenster, auf die Blumen davor. Ihr Blick blieb auf dem kleinen roten Telefonbuch haften.

Hermann! Ihn musste sie anrufen. Jetzt auf der Stelle. Er wusste Rat, ganz bestimmt. Er war doch Arzt, arbeitete doch in einer bekannten Klinik, er wusste doch, was jetzt zu tun war!

Sie stand auf, spürte, dass alles schmerzte, dass sie völlig verkrampft war. Wie eine Ertrinkende griff sie nach dem Telefonbuch und schleppte sich in die Diele.

In ihren Ohren rauschte es, in den Schläfen war ein Hämmern und Klopfen.

Krebs! Du hast Krebs! Es ist zu spät!



3

Der Teufel steckt im Detail!, pflegte Dr. Winter zu sagen.

Dieser Morgen trug dazu bei, diese Theorie zu erhärten.

Um sieben Uhr gab es eine Notaufnahme, Beckenringbruch im neunten Monat. Die Frau hieß Anne Hauk, war 24, erstgebärend, das Kind befand sich in Steißlage. Der Unfall hatte sich vor vierzehn Stunden ereignet. Ein Sturz von der Leiter beim Fensterputzen.

Schwester Luise, die Hebamme, wunderte sich schon längst nicht mehr darüber, wozu Frauen im neunten Monat in frommer Einfalt fähig waren.

Die Patientin litt Höllenschmerzen. Die ganze Nacht hatte sie sich mit dem Beckenringbruch zu Hause herumgequält, bis dann gegen sechs in der Frühe die Eröffnungswehen einsetzten.

Jetzt lag sie auf der Tabula, und die Ärzte sollten das Bestmögliche aus der Sache machen.

Schmerzlindernde Injektionen schlugen nicht an, die Folge einer vorausgegangenen Cortisonbehandlung.

Dr. Winter ließ einen Lachgasrausch geben und holte unter Assistenz von Dr. Inge Simon-Stoll einen kleinen Erdenbürger unter Anwendung des Barachtgriffes. In neuer persönlicher Bestzeit, wie ihm Schwester Luise unter Vorzeigen der Stoppuhr versicherte. Dabei hatte der Kopf des Kindes eineinhalb Minuten im kleinen Becken verweilt und die Nabelschnur abgeklemmt, was zum abrupten Abbruch der Sauerstoffversorgung führte.

Der neue Erdenbürger war ziemlich blau angelaufen, maß 48 Zentimeter und wog nur 1900 Gramm, aber sein Stimmchen quäkte herzerfrischend in den Kreißsaal.

„Ein Prachtbursche ist er ja noch nicht, aber was nicht ist, kann werden. Erst mal ab dafür in die Bratröhre!“, sagte Schwester Luise in ihrer aufmunternd resoluten Art und legte den kleinen Hauk in den Inkubator.

Dr. Hermann Mittler versorgte die Nachgeburt und überließ die Patientin sodann dem Oberarzt der Chirurgie, Dr. Albert Rose, den man zugezogen hatte, damit er sogleich den Beckenringbruch einrichten konnte. Ein Transport der Frau auf die Chirurgische war nicht für zweckmäßig erachtet worden.

Die OP-Schwester Manka wollte eben im Ärztezimmer nebenan dem Team von Dr. Winter einen steifen Kaffee aufschütten, als die Aufnahme einen weiteren Notfall avisierte.

„Ein Luftunfall im achten Monat. Missglückte Notlandung einer Reisemaschine“, informierte Dr. Winter seine Mannschaft.

Rose wurde mit seiner Patientin in den Wachraum verbannt und die Tabula für die Notlandungspatientin hergerichtet.

Zwei Pfleger brachten schon den Wagen aus der Schleuse.

Die Frau war schlimm zugerichtet. Der Notarzt vom Rettungswagen hatte seine Diagnose mitgegeben. Fraktur des Nasenbeins, des Schlüsselbeins, diverse Rippenfrakturen, Gefäßquetschungen an bei den Oberschenkeln, Thoraxprellungen, innere Verletzungen.

Es mutete fast wie ein Wunder an, dass die Frau die missglückte Notlandung mit nur einer Schnittverletzung entlang des Haaransatzes überstanden hatte.

Die Assistenzärztin Dr. Simon-Stoll horchte die Herztöne des Kindes ab, während Dr. Winter aufmerksam den hohen Leib der Frau betrachtete.

Aus dem Begleitpapier ging hervor, dass starke schmerzlindernde Mittel gegeben waren. Dennoch bäumte sich die Patientin plötzlich auf und schrie.

Schwester Luise trat heran, beobachtete, schüttelte den Kopf und sagte: „Zum Röntgen reicht’s nicht mehr. Die Schockwehen setzen ein.“

„Kaiserschnitt!“, entschied Dr. Winter nach kurzem Überlegen. „Bereiten Sie einen zweiten Inkubator vor.“

Die Assistenzärztin richtete sich auf. „Verletzungen des Fötus nicht feststellbar. Wir sollten aber den Kollegen Rose zuziehen, gell.“

Schwester Manka eilte schon, um den Chirurgen aus dem Wachraum zu holen.

Die Patientin wurde auf die Tabula umgebettet.

„Ich nehme besser gleich ein Abonnement!“, ließ sich Dr. Rose vernehmen. Er wusch sich ein zweites mal an diesem Morgen steril und wartete darauf, dass die Gynäkologen ihm das Feld überließen.

Dr. Winter setzte den Schnitt sehr tief an. Die diagnostizierten inneren Verletzungen versetzten ihn in Unruhe. Gewiss hatte er schon ohne Röntgenbefund weit schwierigere Eingriffe vorgenommen, aber da war das Risiko bedeutend geringe gewesen.

Er klemmte etwas zu spät ab. Schwester Manka wischte ihm die feinen roten Spritzer von der Stirn.

Als er die Irritation in ihren Augen über der grünen Maske erkannte, konzentrierte er sich und arbeitete sicher und schnell.

„Wieder ein Junge. Wo bleibt die Gleichberechtigung?“ Schwester Luise nahm das abgenabelte Kind in Empfang und half beim Absaugen der Atemwege.

Dr. Winter holte die Nachgeburt und nähte, während Dr. Simon-Stoll dem kleinen Bürger den ersten Schrei zu entlocken suchte, damit Blut in die Lungen strömte.

Eisiger Schreck erfasste sie. Das Kind zeigte keine Reaktion.

Ein zweiter, ein dritter Klatsch – nichts.

„Sauerstoff!“, sagte die Hebamme und bewahrte unerschütterliche Ruhe. Sie zog das Pharyngoskop heran, und die Ärztin bog das winzige runzlige Gesicht nach hinten, führte behutsam den Tubus in die winzige Luftröhre und gab eine geringe Dosis.

„Und jetzt probieren wir es noch mal!“, sagte die Hebamme eifrig. „Heben Sie den Bengel hoch. Der wird uns doch keine Scherereien machen wollen? Das mögen wir aber gar nicht.“

Aus dem Hintergrund meldete sich Dr. Schimanskis Stimme. Er war der Anästhesist. „Puls wird dünn. Druck schwächer.“

„Adrenalin!“ Monoton klang Dr. Winters Stimme.

Lieber Himmel, lass ihn seinen ersten Schrei tun, dachte Dr. Simon-Stoll. Der Mutter geht es schlecht, lass wenigstens du uns nicht im Stich!

Sie klatschte weiter.

Und endlich, endlich bequemte sich der kleine Mann, ein dünnes Krähen von sich zu geben.

Sie lächelte glücklich unter der Maske und übergab ihn der Hebamme, die trocken meinte: „So ist das nun mal, die Männer nerven uns vom ersten Tag an.“

Der Kleine wurde weiter betreut.

„Sickerblutung, Herr Winter!“, sagte gerade Dr. Mittler an der Tabula. Er assistierte. Eine Gefäßnaht schloss nicht.

Dr. Winter setzte zwei Tupfer, dann behob er den Schaden. Die Frau war jung, aber sie hatte Adern wie morsche Wasserleitungen.

„Druck fünfzig!“ Dr. Schimanski tauchte hinter seiner Abdeckung auf, als wollte er seinen Worten größeren Nachdruck verleihen.

„Dann tun Sie etwas dagegen!“, schnaubte Dr. Winter. Die Gefäßnaht hielt immer noch nicht. Wieder sickerte Blut durch.

„Diathermie!“

Es zischte. Dann roch es ein wenig nach verbranntem Fleisch. Dr. Winter entfernte das zerfranste Stückchen Vene und begann von neuem.

Er zwang sich zur Ruhe, sagte sich, dass er ungezählte Male Blutgefäße genäht hatte und es entgegen allen Schwierigkeiten letztlich doch geklappt hatte.

Auch bei morschen Adern.

Er sah die verkrampften Finger von Dr. Mittler, der mit den Instrumenten das Operationsfeld freihielt. Wenn er nur keinen Spasmus bekommt, dachte Dr. Winter besorgt. Noch fünf Minuten, dann habe ich es!

Endlich hielt die Naht, und er konnte sich an das Zusammenfügen der Bauchdecke machen. Eine Klemme klirrte laut, scharf und schrill auf den Instrumententisch.

In der Runde gab es betretene Blicke. Unnötiger Lärm war verpönt. Schwester Manka, die Koreanerin, murmelte eine Entschuldigung und überflog die zurück erhaltenen Instrumente.

Eine reine Routinemaßnahme, die nichtsdestoweniger von eminenter Wichtigkeit war. Eine vergessene Klemme bedeutete unweigerlich Scherereien.

Schwester Manka zählte mit asiatischer Pedanterie auch die Tupfer nach.

Es war nichts vergessen.

Sie nickte, als sie Dr. Winters Augen auf sich ruhen spürte.

Aufatmend trat der Oberarzt der gynäkologischen Abteilung zurück und machte eine einladende Geste zu seinem Freund Rose. „Bitte näherzutreten, Kollege. Nun kann sich die Chirurgie bewähren.“

Dr. Albert Rose hatte mit wachsender Besorgnis die Skalen anzeigen beobachtet. Der Zustand der Patientin war besorgniserregend, der operative geburtshilfliche Eingriff hatte sie weiter geschwächt.

Außerdem bewegte sie sich und stöhnte leise.

„Die Narkose vertiefen!“

Schimanski tauchte hinter der Abdeckung auf und funkelte den Chirurgen zornig an. „Ich bin dafür verantwortlich, das Leben der Patientin zu erhalten, nicht dafür, die Anatomie mit einem Neuzugang zu versorgen!“

Sekundenlang maßen sie sich, dann murmelte Dr. Rose: „Entschuldigen Sie, Herr Kollege! Halten Sie sie so ruhig, wie es eben geht.“ Seine Stirn krauste sich. „Ohne Röntgenbefund ist es Wahnsinn.“

Der desolate Zustand der Blutgefäße ließ jeden weiteren Eingriff zum Glücksspiel werden.

„Liegend Röntgenuntersuchung!“, brummte er.

Dr. Mittler und der OP-Techniker Zenker rollten das Gerät herbei. Rose injizierte ein Kontrastmittel in den Blutkreislauf. Auf den Platten konnte er dann sehen, wo das Blut aus den Gefäßen austrat und sich ins umliegende Gewebe oder in Körperräume ergoss.

Die Laufschwester und Manka stellten die Abschirmwände auf. Röntgenuntersuchungen waren hier nicht geschätzt, aber gelegentlich unumgänglich. Dr. Rose ließ sich den bleigepanzerten Lederschurz umlegen und klappte die absorbierende Schutzplatte unter die Tabula.

Manka schob die erste Kassette ein.

Auf einen Wink von Dr. Winter zog sich alles zurück, was nicht unbedingt im Raum benötigt wurde.

Rose führte das Gerät an den Handgriffen und steuerte es langsam über den Körper der Frau, den man von den bedeckenden Operationstüchern befreit hatte.

„Blutdruck nähert sich fünfzig!“, meldete Schimanski. „Wir müssen etwas unternehmen, sonst bricht der Kreislauf zusammen.“

„Halten Sie mit allem, was Sie können!“ Rose hob den Blick nicht. Er starrte auf den kleinen Monitor, der ihm die Schwachstellen der Blutgefäße zeigte.

Er betätigte den Auslöser für die erste Plattenbelichtung. Knallend schlug die Kassette gegen den Rahmen. Und noch einmal.

Wie befürchtet, hatten sich in den Oberschenkeln große Ödeme gebildet, erkennbar als dunkle, nicht genau abgegrenzte Schatten.

Die Kassette knallte wieder.

„Wechsel, bitte!“

Zenker brachte die nächste Kassette, tauschte sie aus und trat hinter die Schirmwand zurück.

Dr. Rose steuerte das Gerät nach oben.

Die Frakturen waren klar erkennbar.

„Blutdruck vierzig!“, warnte Schimanski. „Ich gebe Sauerstoff. Sollen wir eine Transfusion anschließen?“

„Warten Sie noch!“ Hastig steuerte Rose das Gerät zur linken Thoraxseite.

Unter den zertrümmerten Rippenbögen legte das injizierte Kontrastmittel dunkle Schatten um die Milz.

Er führte das Gerät näher heran und biss sich unter der Maske auf die Unterlippe.

Die glatte, stark bindegewebige Muskulatur der Einkapseln war zerrissen, die enorm blutreiche Pulpa an drei Stellen ausgetreten. Die Milztrabekel waren abgequetscht, als hätte die Patientin mit einem schmalen stumpfen Gegenstand einen heftigen Schlag durch die Rippen auf die Milz erhalten.

Nun ja, nach einem Flugunfall nahm das nicht wunder.

Die Kassette knallte wieder gegen den Rahmen, bis die Plattensektionen belichtet waren.

„Aus!“ Rose schaltete das Gerät ab und ließ es zurückrollen, indem er ihm einen sanften Stoß versetzte. Zenker schoss hinter der Schirmwand hervor und fing das rollende Röntgengerät ab.

„Das sieht nicht besonders erhebend aus“, meinte Dr. Winter, der einige Blicke auf den Monitor riskiert hatte.

„Zweiseitige Milzruptur!“ Rose trat zurück und ließ den Körper bedecken. „Balkenarterien und Venen sind weitgehend durchtrennt. Ich überlege, ob eine totale Exstirpation sinnvoll ist.“ Seine Augen blickten düster.

Die Milz ist das größte in den Blutkreislauf eingeschaltete lymphatische Organ und wird auch als die Vorkammer der Leber bezeichnet. Sie fängt Blutverunreinigungen auf und hat weitere lebenswichtige Funktionen.

Eine totale Entfernung bringt für den betreffenden Patienten ganz erhebliche Probleme, einhergehend mit verminderter Lebenserwartung. Außerdem ist er fortan medikamentenabhängig.

Und eine Garantie ist das noch lange nicht.

Die Laufschwester schaffte die Kassetten zur Entwicklung.

Schimanski stellte die Sauerstoffzufuhr ab. „Blutdruck bei sechzig!“, signalisierte er stabilisiertes Befinden der Patientin.

„Na also!“, meinte Rose. Er blickte sich um. „Dann wollen wir die Transfusion anschließen und die Umquartierung vorbereiten.“

Rose ging zum Telefon und gab Anweisungen für die Verlegung der Frau in den OP der Chirurgischen.

Schwester Manka bedeckte die Kaiserschnittnaht mit einem feuchten Tuch, derweil Dr. Mittler und Dr. Simon-Stoll die Transfusion legten.

Die Frau wurde umgebettet und unter ein steriles Plastikzelt gelegt; der Transport fand über nicht keimfreie Flure statt. Eine Infektion hätte entsetzliche Folgen zeitigen können.

Dr. Winters Team atmete auf, als die Pfleger die Roll-trage in die Schleuse schoben und hinter ihnen die Tür zu glitt. Rose folgte ihnen mit flatterndem Kittel und bat von der Tür aus eindringlich, ihm den Geburtsbericht raschestens nach unten zu schicken.

Die Hebamme blickte ihm nach. „Unmögliches wird bei uns sofort erledigt. Wunder dauern etwas länger. Auf Wunsch wird auch gehext. Ich fürchtete schon, dass die Chirurgie hier eine Filiale eröffnet. Wo ist denn der anständige Kaffee, der uns vor einer Stunde in Aussicht gestellt wurde?“ Sie rieb sich die Hände und sammelte die Datenkarten des kleinen achtmonatigen Hauk und des Flugunfalles zusammen, damit Dr. Winter seine Unterschrift drauf setzte.

Schwester Manka, der gute Geist der Gynäkologie, hatte irgendwie das Kunststück fertiggebracht, zwischendurch die Kaffeemaschine von nebenan in Gang zu setzen.

Das Team strömte hinüber.

Mit Verspätung traf Dr. Schimanski ein. „Ein ausgepumpter Narkotiseur bittet um eine Tasse Kaffee.“ Er setzte sich zwanglos in die Runde. „Ein Transfusionsbesteck ist abgängig. Kollege Rose plündert uns systematisch aus.“

„Wir werden über den Verlust hinwegkommen“, erklärte Dr. Winter ernsthaft.

Dr. Mittler steckte sich eine Zigarette an. Er inhalierte tief den Rauch und sah sich von der hübschen Kollegin Simon-Stoll aufmerksam und spöttisch zugleich beobachtet. „Gell, Ihretwegen würde ich sogar in die Orthopädie überwechseln.“

Man spitzte die Ohren, Dr. Winter blickte verwundert von den Karten auf. Veränderungsabsichten hatte die Kollegin bislang nie geäußert.

„Wie das?“, fragte Dr. Mittler begriffsstutzig.

Inge Simon-Stoll schnupperte mit angewidertem Gesichtsausdruck hinter einer Rauchwolke her. „Bei dem Kraut und Ihrem Zigarettenkonsum müssen Sie längst ein Raucherbein haben, und das würde ich Ihnen halt gern amputieren.“

Unterdrücktes Gelächter kam auf.

Dr. Mittler schaute phlegmatisch, nahm genüsslich einen Zug und entgegnete in abgeklärtem Ton: „Für so vergnügungssüchtig halte ich Sie gar nicht. Und wem ich mein Raucherbein vermache, ist noch längst nicht entschieden.“

Ein Anruf wurde ins Ärztezimmer gelegt. Die Hebamme saß dem Apparat zunächst und nahm ab. Sie wollten den Hörer Dr. Winter reichen, doch der winkte ab. Also nahm sie das Gespräch entgegen.

„So?“, machte sie plötzlich mit aggressiver Stimme. „Na, dann schicken Sie den Zausel mal herauf!“ Energisch knallte sie den Hörer auf.

Auf die fragenden Blicke rundum gab sie zur Antwort: „Der Ehemann des Beckenringbruchs ist da. Statt Blumen bringt der Mensch einen gediegenen Affen mit.“ Sie kippte hastig ihren Kaffee und rauschte hinaus.

Über den Leitersturz hatte sie in aller Herrgottsfrühe schon grimmige Bemerkungen gemacht. Der Ehemann, der seine Frau im neunten Monat noch auf die Leiter gelassen hatte, war dabei nicht gut weggekommen.

Wahrscheinlich schleppte sie den frischgebackenen Vater unverzüglich vor das Schaufenster des Säuglingszimmers, und dann ging es über den armen Hauk her, bis er nicht mehr wusste, ob er Männlein oder Weiblein war. Schwester Luise galt in diesen Dingen als Kapazität.

Der Pieper in Dr. Mittlers Tasche meldete sich.

Er griff zum Hörer und wählte die Zentrale an.

„Ein Anruf von außerhalb, Herr Doktor. Moment bitte, ich verbinde!“

„Wer ist dran ...?“ Zwecklos, die Zentrale war bereits aus der Leitung.

„Doktor Mittler!“, meldete er sich reserviert. Dann: „Du, Evi?“

Die Kollegenköpfe reckten hoch.

Recht verblüfft starrte Dr. Mittler den Hörer an.

Im Hintergrund ulkte Dr. Simon-Stoll: „Der Schwerenöter in Aktion! Ein unverhoffter Genuss!“

Ringsum grinsende Zustimmung. Einschließlich Schwester Manka. Sogar Dr. Winter zeigte ein Lächeln.

Erbost winkte Dr. Mittler ab und gebot Ruhe. Er drückte den Hörer ans Ohr.

„Hermann?“, vergewisserte sich die Anruferin. Ihre Stimme klang klein und verzagt und schutzbedürftig.

„Ja, ich bin dran. Hallo, Evi! Das nenne ich eine angenehme Überraschung am Morgen. Lichtblicke sind rar. – Du sprichst so leise! Ist bei euch etwas passiert?“

Schweigen. Dann: „Ich … ich ... Hermann, ich bin so verzweifelt.“ Die Stimme wurde noch winziger und unscheinbarer. Er hörte, dass sie weinte. „Ich habe wahrscheinlich Krebs!“

„Du hast ...?“

Sagte er nicht gerade, dass Lichtblicke rar waren?

Ihr Schluchzen wurde stärker. „Nun mal mit der Ruhe, Evi-Mädchen! Was heißt wahrscheinlich? Kennst du die Diagnose?“

Sie antwortete nicht. Aber sie war noch dran, er hörte es.

„Wer behandelt dich?“, forschte er behutsam.

Nach einer ganzen Weile erst sagte sie undeutlich: „Die Symptome deuten darauf hin. Ich habe im Buch nachgesehen ...“

Er spürte, in welch großer seelischer Bedrängnis sie sich befand. Zugleich erkannte er die Gefahr, dass sie sich in die Angst hineinsteigerte.

„Also Selbstdiagnose. Und eine vorläufige dazu“, unterbrach er sie höflich, aber bestimmt. „Ich schlage vor, du lässt sie durch eine endgültige ersetzen. Bist du nicht bei Schabitz...? Scharnitz, meinetwegen! Lass dir einen Termin geben, geh hin, und du wirst sehen, dass alles gar nicht so trübsinnig ausschaut, wie man auf den ersten Blick glaubt.“

„Ich bin so verzweifelt, Hermann! Was soll ich machen?“

„Nicht die Nerven verlieren! Das ist die erste Grundregel.“

„Ich will nicht zu Doktor Scharnitz!“

Es war wohl zwecklos, ihr in diesem Stadium zu widersprechen oder ihr die Notwendigkeit eines sehr kurzfristigen Facharztbesuches vorzuhalten. Hier musste er mit aller Behutsamkeit vorgehen. Eva-Maria war physisch robust, machte einen geradezu unverwüstlichen Eindruck. Psychisch jedoch war sie überaus sensibel.

„Das hast du dir sicher reiflich überlegt, nehme ich an. Zu einer fachlichen Diagnose rate ich aber dringend. Schon wegen der Klarheit. Und es würde dir auch die verständliche Angst nehmen. Überwinde dich, und du wirst sehen, es ist gar nicht so schlimm.“

Er unterbrach seinen Zuspruch und sah die Kollegen mit etwas bedrückter Miene das Ärztezimmer verlassen. Man war hier sehr familiär, aber man beachtete die Form und wahrte die Intimität. Besonders die eines inhaltsschweren Telefongesprächs, wie aus Mittlers Worten und seiner Mimik herauszulesen war.

Er war den Kollegen dankbar für diese Rücksichtnahme.

„Nimm dir ein Herz und suche einen Spezialisten auf“, fuhr er fort. „Was sind das überhaupt für Symptome?“

Seine ruhige bestimmte Art zeigte Wirkung. Eva-Maria schnaubte sich die Nase. Weinerlich klang die Stimme aber immer noch.

„Vor zwei Wochen fing’s mit Unwohlsein an. Dann kam ein zunehmender Druck hinzu und bald danach ein ständiges Völlegefühl. Und immer rasende Schmerzen bis ins Kreuz.“

So typisch, wie sie ihm das klarzumachen suchte, waren die Symptome nicht. Jedenfalls nicht auf ihren Verdacht zutreffend. Eher schon ...

„Was hältst du von einem Schwangerschaftstest, Mädchen?“, versuchte er zu scherzen.

Seine Worte bewirkten Verblüffung, er hörte es an Evis stoßweise Atem. „Ganz ausgeschlossen, Hermann. Ich weiß noch sehr gut, wie es bei Tina war. Jetzt ist es völlig anders. Vorgestern hatte ich dann auch den irrsinnigen Stechschmerz im Unterleib. Die Anfälle kommen immer kürzer, vergangene Nacht zweimal. Vorhin auch wieder. Ich habe es vor Walter bisher verheimlicht, aber vorhin ging es nicht mehr.“

Dr. Mittler nagte an der Unterlippe. Der Stechschmerz fügte sich nicht ins Bild einer beginnenden Schwangerschaft. Er war schon wieder mehr ein Indiz für eine Ovarialkomplikation.

Eva-Maria war eine überaus vernünftige Frau, Übertreibungen irgendwelcher Art lagen ihr nicht.

„Das hört sich nicht gerade berückend an, ist andererseits aber noch lange kein Grund, auf der Stelle den Kopf zu verlieren. Wann warst du bei der letzten Vorsorgeuntersuchung?“

„Zwei Jahre nach Tinas Geburt.“

Er holte tief Atem, und er wünschte, dass sie es hörte und den darin enthaltenen Vorwurf. „Vor sechs Jahren also. Ziemlich unvernünftig, nur hilft uns das im Augenblick nicht weiter. Was hat dich auf den Gedanken gebracht, du könntest Krebs haben? Darauf bist du doch nicht einfach so gekommen.“

„Der blutige Ausfluss.“ Er merkte, dass sie sich genierte.

Fieberhaft überlegte er. Sie war sechsunddreißig, zwei Jahre älter als er. Für die Wechseljahre eigentlich viel zu jung. Zu Beginn des Klimakteriums traten gelegentlich unregelmäßige Blutungen auf.

„Seit wann beobachtest du das?“

„Seit der Stechschmerz auftritt – nein, schon zwei Tage eher. Das sind doch typische Anzeichen, nicht wahr? Du brauchst nichts zu beschönigen.“

„Anzeichen wofür, bitte?“

„Ovarialkarzinom!“

Sie warf es ihm an den Kopf wie ein letztinstanzliches Urteil, dem jede Revisionmöglichkeit versagt ist.

Er schluckte. „Was glaubst du, wie schwierig es selbst für einen Fachmann ist, eine solche Diagnose zu stellen ohne feingewebliche Untersuchung. Ich widerspreche dir darum ganz energisch. Nicht nur als Freund, sondern vor allem als Arzt. Und ich rate dir dringend zu einem Besuch beim Frauenarzt. Rede mit Walter, er wird deine Situation verstehen.“

„Ich bin mir nicht so sicher.“

„Seit wann habt ihr Geheimnisse voreinander? Du bildest dir da etwas ein. Und schlag dir den Gedanken an die Richtigkeit deiner Diagnose aus dem Kopf. Geh zum Arzt. Je eher dein Verdacht ausgeräumt ist, desto besser für dich.“

„Ich dachte, ich könnte zu euch kommen. Du hast mal von deinem Chef erzählt, und eine Bekannte war vor einem halben Jahr bei ihm in Behandlung.“

„Winter?“

„Ja. Ich will nicht zu Scharnitz. Und dann das Gerede, du kennst doch die Leute.“

„Wenn es um meine Gesundheit geht, wäre mir das herzlich gleichgültig. Ich werde mich bei Winter für einen Termin verwenden. Mir wäre aber wohler, du würdest dich mit Walter besprechen.“

„Er ruft nachher an. Er weiß, dass ich mit dir spreche, ich sagte es ihm. Um elf geht er in eine Konferenz von unbestimmter Dauer, und er will zuvor hören, was du mir rätst.“

„Spricht doch sehr für sein Verständnis. Ich höre nach, wie es mit einem Termin steht. Kann ich dich zu Hause erreichen?“

„Den ganzen Tag, Hermann.“

„Dann würde ich sagen, bis gleich. Dank dir für den Anruf, Evi. Und lass den Kopf nicht hängen. Wir biegen das schon irgendwie hin.“ Er bemühte sich, seine Stimme heiter klingen zu lassen.

„Ich weiß nicht!“, hauchte sie. „Tschüs!“

Sie legte auf.



4

Ganz so aufgekratzt, wie sich Dr. Mittler am Telefon gegeben hatte, war ihm nicht zumute.

Wenn die geschilderten Symptome ihrer Richtigkeit entsprachen, dann war Eile geboten.

Er verschwendete keinen Gedanken daran, warum Eva-Maria nicht zu diesem Kollegen Scharnitz wollte. Sie hatte sich entschieden, nach Bonn zu kommen. Frauen sind liebenswerte, aber höchst komplizierte Geschöpfe, und weder Freud noch Nietzsche war es gelungen, die Tiefe der weiblichen Psyche auszuloten oder eine verbindliche Aussage darüber zu machen. Mit einem Wort: Die Frauen waren ihm ein Rätsel.

Sie wollte nach Bonn kommen. Also musste ein Termin her. Vielleicht tat ihm die Angern einen Gefallen und schob sie dazwischen. Er trank den Rest des kalt gewordenen Kaffees und machte sich auf den Weg.

Vor dem Fenster der Säuglingsstation hatte die resolute Hebamme einen Mann beim Wickel und putzte ihn herunter. Ihre Worte prasselten wie Hiebe: „Ein schöner Vater sind Sie! Steigen Sie doch selber auf die Leiter, wenn Ihnen die Fenster zu dreckig sind ...“

Es handelte sich offenbar um den Ehemann des Beckenringbruches. Hauk machte bereits einen recht zusammengefalteten Eindruck. Von seinem Schwips war auch nicht mehr viel übrig.

„Dat Anne is ein dummes Luder!“, krächzte er aufbegehrlich in unverfälschtem rheinischem Dialekt. „Dat Blag körn vill ze fröh.“

Kopfschüttelnd ging Dr. Mittler vorbei. Wenn Hauk das Kind zum gegenwärtigen Zeitpunkt unerwünscht war, dann hätte er sich das früher überlegen müssen. Aber nicht seiner Frau die Schuld zuschieben. Das war vielleicht eine rheinische Frohnatur!

In Winters Vorzimmer standen zwei Polizisten und feilschten mit Renate Angern, der Sprechstundenhilfe, um einen Termin beim Oberarzt.

Dr. Winter war auf Visite, und die Angern blieb liebenswürdig und standhaft.

Mittler hörte mit einem Ohr hin.

Die Beamten drängten auf eine Einvernehme des Flugunfalles. Aus den Erklärungen entnahm er, dass die missglückte Notlandung schon eher ein astreiner Absturz war. Im Vorgebirge, einer Landschaft zwischen Bonn und Köln. Die Reisemaschine hatte den angepeilten Salatacker verfehlt, ein Haus gestreift und war in die Scheune gekracht. Der Berufspilot war tot.

„Sie verschwenden Ihre Zeit, meine Herren! Die Patientin befindet sich überdies auf der chirurgischen Abteilung. Wenden Sie sich bitte an Oberarzt Doktor Rose.“ Höflich komplimentierte die Sprechstundenhilfe die Beamten hinaus.

„Eine Kratzbürste!“, machte draußen einer seinem Unmut Luft, bevor sich die Tür schloss.

„Aber niedlich!“, milderte der andere.

Feixend betrachtete Dr. Mittler das Mädchen. „Dann sehen Sie mal in Ihrem schlauen Terminkalender nach, Sie niedliche Kratzbürste, ob Sie mich noch mit einem Termin unterbringen können. Möglichst bald.“

Verwundert schaute sie zu ihm auf und räusperte sich dezent.

„Für eine Jugendfreundin, wo denken Sie hin?“, sagte er erklärend. „Glücklich verheiratet, hat ein süßes Mädchen im Alter von etwa acht Jahren.“

„War sie schon bei uns?“

„Mit Sicherheit nicht, Sie können Ihre Kartei ruhen lassen. Eine Bekannte von ihr war kürzlich bei Ihrem Chef und sehr angetan.“

„Eine Empfehlung demnach“, sagte Renate Angern etwas geschäftsmäßig. Sie zog den Terminkalender heran. „Können Sie mir schon Näheres sagen? Schwangerschaft oder so?“

„Ich wünschte wahrhaftig, es wäre an dem.“ Er seufzte. „Sie hegt den Verdacht, dass sie an Krebs leidet. Verständlicherweise lässt ihre seelische Verfassung zu wünschen übrig. In solchen Fällen sollte man dem Patienten nicht widersprechen. Ich machte mich eben für einen frühen Termin bei Kollege Winter stark. Nun enttäuschen Sie mich nicht.“ Renate Angern nickte verständnisvoll. Sie kannte das, wenn völlig verstörte oder hilflos verschreckte Frauen zur Sprechstunde kamen und von Krebs redeten. Die nackte Angst stand ihnen in den Augen.

Sie blätterte im Terminkalender. „Morgen um elf?“

„Eher nicht?“

„Ausgeschlossen. Mit einer Fünf-Minuten-Sitzung kommen wir da nicht aus, Herr Doktor. Geht das?“

„Es hat zu gehen. Ich kümmere mich schon darum.“

Sie griff zum Kugelschreiber. „Wie ist der Name?“

„Eva-Maria Becker, sechsunddreißig. Wohnt außerhalb. Ich möchte ihren Mann veranlassen, mit ihr herzukommen.“

Sie trug den Namen ein und blickte hoch. „Ein guter Gedanke.“

Er nickte und verließ die Ordination. Hoffentlich schaffte er es auch, Walter zu überzeugen, ohne ihn in Furcht und Schrecken zu stürzen.

Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass es halb elf Uhr war. Eine wichtige Konferenz war niemals so wichtig wie die Gesundheit eines Menschen.

Er ging in sein Stationszimmer, trat ans Fenster und blickte auf den Venusberg und die Gebäude des Justizministeriums, ohne wirklich etwas zu sehen.

Ein unseliger Leichtsinn von Evi, sich um die Vorsorgeuntersuchungen gedrückt zu haben!

Er machte sich Vorwürfe, weil er bei seinen gelegentlichen familiären Besuchen nicht mal auf die Notwendigkeit regelmäßiger medizinischer Inspektionen hingewiesen hatte.

Was war, wenn die morgige Untersuchung ein positives Ergebnis brachte? Evi kannte er, durch und durch. Aber wie verhielt sich Walter?

Er hatte hier schon Erschütterndes miterlebt, Männer gesehen, die ihre Frauen noch mit heftigen Vorwürfen überhäuften, statt ihnen beizustehen und Rückhalt zu sein. Etliche Gemütskannibalen hatten sich sogar umgehend eine Freundin zugelegt oder das schon bestehende heimliche Verhältnis ans Tageslicht geholt.

Von Beistand für die armen Frauen konnte da wirklich nicht mehr die Rede sein.

Er wusste nicht, inwieweit er auf Walter zählen konnte. Er sagte sich, dass er sich andererseits nicht derart in der Beurteilung eines Menschen täuschen konnte, den er jahrelang kannte.

Ein Rest Unsicherheit blieb dennoch.

Wieder schaute er auf die Uhr. In fünfzehn Minuten begann die Konferenz in Köln.

Er kämpfte einen harten Kampf mit sich und machte sich die Entscheidung nicht leicht. Walter musste informiert werden von ihm, nicht allein von Eva-Maria.

Bedeutete es aber nicht einen Vertrauensbruch Evi gegenüber, wenn er eigenmächtig Walter anrief?

Die Sorge um die Gesundheit einer Frau überwog letztlich seine Bedenken. Hatte er hier nicht schon Frauen hinausgehen sehen, deren Schicksal jeden Vertrauensbruch legalisiert hätte, wenn man ihnen damit noch hätte helfen können? Nicht in Bezug auf den Krankheitsverlauf, sondern im Hinblick auf das, was sie sich selbst antaten.

Zwei besonders tragische Fälle hatten sich unauslöschlich in seinem Gedächtnis fest gebrannt.

Der eine, erst achtundzwanzig Jahre jung, war mit dem Ehemann dagewesen. Als der Frau das Untersuchungsergebnis eröffnet wurde, brach sie zusammen, der Mann drehte sich nur wortlos um – kein Wort des Trostes, keine liebevolle Geste. Zwei Tage später sprang die Frau von der Kennedybrücke in den Rhein.

Der andere Fall: Die Frau hatte unbewegten Gesichts die Eröffnung des Befundes hingenommen und dann darum gebeten, ihrem Mann kein Wort zu sagen; kranke Menschen seien ihm zuwider. Dann war sie gegangen, aufrecht, ungebeugt, scheinbar stark wie ein Baum. Und auf dem Heimweg hatte sie den Wagen gegen einen Brückenpfeiler gelenkt. In voller Absicht, wie später die polizeilichen Ermittlungen und die Zeugenaussagen ergaben.

Er konnte nicht voraussagen, wie Eva-Maria reagierte, wenn bei ihr der Befund positiv ausfiel. In Ausnahmesituationen verhielt sich der Mensch anders, als er sich in ruhigen Zeiten gab.

Manche, die hier hinausgingen, waren wie umgewandelt. Schüchterne, zurückhaltende Wesen wurden lebensgierig, wollten alles auskosten, was das Leben ihnen noch zu bieten hatte. Andere, die als reines Nervenbündel kamen, gingen ruhig und gefasst.

Das waren die Gefährlichen. Sie überlegten die nächsten Schritte, die meist auch die letzten waren.

Ein verständnisvoller Partner, ein vernünftig denkender Ehemann konnte solches Unheil abwenden. Vor allem dann, wenn er der Frau die Angst nahm, sie könnte nach der Operation in seinen Augen nur noch eine halbe Frau sein.

Teufel noch eins, dachte er erschrocken, ich tue gerade so, als hätte sie wirklich Krebs!

Zehn Minuten vor elf! Er hob den Hörer und ließ sich die Verbindung nach Köln geben. Es war besser, wenn Walter morgen mit her kam. Für alle Fälle. Evis seelischer Zustand ließ keine Experimente zu. Ihr Anruf hatte es gezeigt.

Dr. Hermann Mittler zögerte noch. Aber da hörte er Walter Beckers Stimme, sehr beschäftigt, sehr in Eile. „Ja?"

Er seufzte. Die Würfel waren gefallen, und ein Rückzug kam ihm wie Feigheit vor.

„Tag, Walter! Hermann Mittler hier. Du hast wenig Zeit, ich bin informiert. Ich konnte für Evi morgen einen Termin bei uns bekommen. Es war ihr ausdrücklicher Wunsch ...“

„Guten Morgen erst mal. Stimmt, sie sagte heute früh, sie werde dich anrufen.“ Beckers Stimme war abwartend, vorsichtig. „Sie legt großen Wert auf deinen Rat.“

Dr. Mittler war irritiert. Evi hatte ihn mit ihrer niederschmetternden Selbstdiagnose überrumpelt, Walter sprach aber lediglich von einem guten Rat! Hier stimmte etwas nicht.

Er verfluchte seine Idee, angerufen zu haben. Er klebte jetzt am Fliegenfänger, wie man so schön sagt, und er musste sich mit Anstand aus der Sache ziehen.

Umständlich räusperte er sich. „Den Arztbesuch habe ich ihr nahe gelegt. Zu meiner Überraschung bestand sie darauf, nach Bonn zu kommen. – Sag mal, wie sehen deine Terminpläne für morgen aus?“ Walter Becker schaltete schnell. „Es handelt sich also um eine schwerwiegende Sache, ja? Heute Morgen sah ich, wie sie sich zusammenkrümmte. Sie hat sich tapfer bemüht, es zu verharmlosen.“

„Nimmt mich nicht wunder. Mit Krankheiten geht sie nicht hausieren.“

„Sie ist ein wunderbarer Kumpel, Hermann. Sie will mich nicht belasten. Im Augenblick geht es bei uns ziemlich rund. Was hat sie?“

Dr. Mittler brummelte hinauszögernd: „Schwer zu sagen vom ärztlichen Standpunkt aus. Eine genaue Untersuchung bringt Klarheit. Das wäre morgen um elf. Könntest du mit ihr rüberkommen?“

Walter war hellhörig. „Etwas ungewöhnlich, aber du wirst deine Gründe haben. Ich richte es selbstverständlich ein und komme mit.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Ist da etwas, das ich wissen muss?“

Mittler krümmte sich innerlich. „Sie braucht deinen Zuspruch. Wie steht ihr miteinander?“

„Gut. Schon mal eine Verstimmung, natürlich. Wo gibt’s das nicht? Aber sonst ein harmonisches Verhältnis. Grund zur Klage habe ich nicht. Möglich, dass Eva etwas zu kurz kommt. Der Job frisst mich auf. Beschwert hat sie sich aber nie. – Sag mal, worauf zielst du ab? Du willst mir doch etwas schonend bei bringen!“

„So ungefähr. Evi hat sich eine Selbstdiagnose gestellt. Hat irgendein medizinisches Fachbuch in die Hand bekommen.“

„Und?“ Jetzt schwankte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

„Ihre Gemütsverfassung ist saumäßig, entschuldige die harte Formulierung, Walter. Sie redet sich ein, sie hat Krebs. Darum hätte ich gern, wenn du sie morgen begleitest.“

„Du denkst an eine Kurzschlussreaktion?“

„Auch. Habe schon zu viele erschreckende Überraschungen erlebt …“

„Hat sie Krebs oder nicht?“, unterbrach ihn Walter. Die Stimme war laut und nervös, irgendwie gehetzt.

„Ich bin kein Hellseher. Erst brauchen wir mal die Untersuchung. Der Befund sagt uns dann, woran wir sind.“

„Wozu soll ich dann mitkommen, wenn erst untersucht wird?“ Hermann Mittler fluchte innerlich. Walter manövrierte ihn an die Wand. Er musste jetzt Farbe bekennen.

„Die Symptome gefallen mir nicht. Zu präzise, verstehst du? Wahrscheinlich nur ein entzündlicher Vorgang, aber viele Frauen bewerten das über und sind vernünftigen Argumenten nicht mehr zugänglich.“

„Allmählich verstehe ich dich“, sagte Walter Becker, und die Stimme klang müde und matt. Im Hintergrund flüsterte drängend eine weibliche Stimme.

Dr. Mittler blickte auf die Uhr. Es war elf. Sie holte Walter zur Konferenz. Aber der legte nicht auf.

„Was Evi braucht, ist Aufmunterung, Ablenkung. Wenn sie das Gespräch sucht, geh bitte darauf ein. Sie sucht einen Halt. Bestärke sie aber bloß nicht in ihrem Verdacht, sonst klammert sie sich daran. Kann ich auf dich zählen?“

„Welche Frage! Sie ist ein feiner Kerl, ich lasse sie doch jetzt nicht im Stich.“

Große Erleichterung überkam Dr. Mittler. Wenn Walter zu seinem Versprechen stand, dann konnten sie alle der morgigen Untersuchung und dem Befund halbwegs gelassen entgegensehen.

Wenn nur Evi durchhielt! Die verteufelten Symptome waren ziemlich eindeutig.

Aber Dr. Mittler hätte sich eher die Zunge abgebissen, als dies Walter einzugestehen.

Wieder meldete sich die drängende weibliche Stimme im Hintergrund.

„Du wirst gebraucht“, sagte der Arzt abschließend. „Worum ich dich noch bitten wollte unser Gespräch ist vertraulich. Evi würde die wildesten Vermutungen anstellen und sich bestätigt sehen, wenn sie von unserer Unterhaltung erfährt. Frauen wittern so etwas. Sie haben ein unheimliches Gespür. Ich rufe sie jetzt an.“

„Wenn sie nur dran geht!“, erwiderte Walter Becker skeptisch.

„Wieso?“

„Habe ich kurz vor deinem Anruf schon versucht. Es war abgesprochen. Aber abgenommen hat sie nicht.“

„Ich bin als hartnäckiger Anrufer bekannt“, versicherte Dr. Mittler beruhigend. „Wir sehen uns dann morgen, hoffe ich. Sicher ist es nichts Schwerwiegendes, ich stelle schon mal eine Flasche kalt. Auf den Schreck hin werden wir alle einen Schluck vertragen können.“

„Ich wünsche, dass du recht behältst. Bis morgen dann, Hermann!“ Es klickte. Die Leitung war unterbrochen.

Dr. Mittler fühlte sich nicht gerade in Hochstimmung, als er sich das zweite Gespräch geben ließ.

Fortwährend dachte er daran, dass Evi etwas bemerken könnte, wenn Walter plötzlich zu rücksichtsvoll, zu zärtlich, zu verständig war. Er baute auf sein Fingerspitzengefühl.

Die Ehe der beiden hatte eigentlich immer gestimmt, soweit er das als Außenstehender beurteilen konnte. Aus dieser Richtung drohte kaum Gefahr.

Wenn nur Evi sich nicht in die dumme Annahme verrannt hätte! Mal sehen, wie sie sich jetzt gab. Vielleicht war die Erregung abgeklungen. Oft genügte es schon, mit einem verständnisvollen Partner zu sprechen, um den allerersten und darum besonders schlimmen seelischen Stau abzubauen.

Sein Gespräch kam.

Er hörte das Rufzeichen.

Evi ging nicht an den Apparat.

Er ließ es klingeln. Er nahm sich die Zeit.

War sie aus dem Haus gegangen? Vielleicht doch zu diesem Scharnitz?

Fast wünschte er es, weil er sich vor der Eröffnung fürchtete, die Kollege Winter ihr wohl machen musste. Karzinome im Frühstadium waren operabel. Nach ihren Schilderungen war es Frühstadium.

Wenn sie aber geschwindelt hatte, sich schon seit Wochen mit den Beschwerden herumschleppte?

Besser nicht daran denken, sagte er sich. Keine Spekulationen vor einem Befund.

Nach dem zwölften oder dreizehnten Klingelzeichen wurde abgehoben. „Ja?“ Die Stimme war noch genau so verzagt.

Er machte in Fröhlichkeit. „Schöne Frauen lassen sich lange bitten, Evi. Ich dachte schon, du wärst ausgegangen. Der Termin steht. Morgen um elf. Kommst du mit dem Wagen?“

„Den hat Walter. Und elf ist schlecht. Tina kommt um eins aus der Schule.“

„Sie kann doch zu den Nachbarn gehen. Ich meine ja nur, weil du den Weg nicht kennst.“

„Ich werde fragen.“

„Brauchst du nicht. Nimm die Autobahn Richtung Koblenz, dann fährst du Richtung Bad Godesberg ab und kommst ungefähr beim Poppelsdorfer Schloss heraus. Das ist die Reuterstraße. Nach hundert Metern biegst du rechts ab in den Jagdweg. Wir sind dann leicht zu finden. Oder du nimmst dir vom Bahnhof eine Taxe, ich überlasse es dir.“ Er schwitzte leicht, weil er sich auf den Wagen versteifte und Walters Zusage hatte. Zum Glück fiel ihm der Bahnhof ein. Jetzt nur ja kein Misstrauen säen!

„Ein anderer Termin geht nicht, Hermann?“

Sie fürchtete sich, er spürte es aus jedem Wort.

„Vergiss nicht, Kollege Winter ist ein vielbeschäftigter Mann. Du musst schon pünktlich sein. Wenn es irgendwie möglich ist, stehe ich mit frisch gewaschenem Hals am Eingang, Evi.“

Sie zögerte lange. Endlich erklärte sie ihre Bereitschaft: „Ich komme, aber ich – ich habe schreckliche Angst.“

„Winter hat noch keinen Patienten gefressen.“ Er lachte jungenhaft. „Grüß mir deinen Mann und deine niedliche Tochter. Und keine trübsinnigen Gedanken, ja? Großes Ehrenwort?“

Das hatten sie sich als Kinder immer gegeben. Großes Ehrenwort – da konnten die Erwachsenen noch so hartnäckig oder wütend fragen, sie klebten zusammen wie Pech und Schwefel, hielten den Mund und bewahrten ihre kleinen Geheimnisse. Nie brach einer das Wort.

„Ja, Hermann, großes.“

Er glaubte, in ihrer Stimme etwas von ihrem alten Schwung zu hören.

„So gefällst du mir wieder. Bis morgen dann, Evi.“ Er legte auf.

Mit Kollege Winter den Fall durchzusprechen, war geboten. Winter war einfühlsam, er hatte es immer am Verhalten der Patienten gemerkt, die sie dann auf die Station bekamen. Er hatte eine besondere Art, den Frauen den ungeheuren Druck von der Seele zu nehmen und dadurch die Angst zu mildern.

Wie hatte einmal eine Patientin gesagt? „Herr Doktor, ich habe solche Angst, ich könnte schreien!“ Verständig hatte Winter gesagt: „Schreien Sie!“ Sie tat es.

Später unterhielten sie sich im Kasino über den Fall, wobei Dr. Winter darauf hinwies, wie wichtig es war, den seelischen Stau abzubauen und den Patienten zu animieren, seine eigenen Willenskräfte zu mobilisieren. Für den Arzt war das die wertvollste Hilfe. Ein Fall, der sich hängen ließ, sich selbst aufgab, der stellte den Arzt vor schier unüberwindliche Hindernisse. Der Gleichklang, das harmonische Zusammenspiel von Seele und Organismus, musste wiederhergestellt werden, sonst war der operative Eingriff eine halbe Sache.

Dr. Mittler seufzte und blickte auf die Uhr. Winter hielt jetzt Sprechstunde. Da ließ er ihn und seine Patienten besser ungestört.

Kollegin Dr. Simon-Stoll wirbelte plötzlich herein und lehnte sich aufatmend gegen die Tür.

„Sind Sie auf der Flucht?“, fragte er belustigt.

Sie strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Schwester Luise hat den Ehemann vom Beckenringbruch so zusammengefaltet, dass er durch den Briefkastenschlitz passt. Jetzt gibt sie ihm den Rest, und er tobt und will einen Arzt, bei dem er sich beschweren kann. Puh!“, machte sie und setzte sich. „Und dann streichen zwei Polizeibeamte herum.“

„Ich hatte bereits das Vergnügen. Sie ermitteln in Sachen abgestürzte Milz und wollten Kollege Winter mit Beschlag belegen. Die Angern war uneinnehmbar wie eine Festung. Wie steht’s unten?“

Die OPs der Chirurgie befanden sich ein Stockwerk tiefer.

„Eine Komplikation nach der anderen. Staublutung im Gehirn. Rose hat die Trepanation schon vorgenommen. Jetzt will er die Milz retten und drei Nähte legen, habe ich gehört.“ Die Kollegin schlug die langen Beine übereinander.

Dr. Mittler nickte verstehend. Die Frau musste beim Anprall mit dem Kopf angeschlagen haben, das austretende Blut drückte aufs Gehirn. Mit einer Anbohrung des Schädels ließ sich der Druck herabsetzen und das Blut ausleiten – eine sogenannte Dekompressivtrepanation; dass Kollege Rose versuchte, die Milz zu retten, nötigte ihm allen Respekt ab. „Er fürchtet sich vor nichts“, gab er seinen Gedanken Ausdruck. „Jedenfalls steigen die Chancen des Kindes, die Mutter zu behalten, daran ist nicht zu löten.“

Wenn Dr. Rose die Milz über die Runden brachte!



5

Hat sie kein Vertrauen mehr zu mir?, sinnierte Walter Becker und malte Windmühlen auf den Verteilungsplan. Warum ist sie nicht ans Telefon ran gegangen? Es war ausgemacht, dass ich anrufe!

Wie kommt sie nur auf die Idee, sie könnte Krebs haben? Mit Händen und Füßen hat sie sich gesträubt, dass ich sie zu Scharnitz bringe. Weiß sie viel mehr, ist es nicht nur ein Verdacht?

Er schob die Unterlagen vor sich herum, drehte sie auf den Kopf, malte weiter. Seine Nebenleute blickten irritiert; statt dem Geschäftsführer zu lauschen, der einschneidende Sparmaßnahmen verkündete und sie weitschweifig begründete, kritzelte Walter Becker auf dem Papier herum.

Dem Geschäftsführer entging nicht die mangelnde Aufmerksamkeit.

Vielleicht drücke ich mich nicht klar genug aus, überlegte er. Ich muss wohl fundierter begründen und die Motive übersichtlicher darlegen.

Etwas unwirsch wiederholte er die Absicht der Geschäftsleitung, den Finanzetat fürs kommende Jahr zu beschneiden. Er wählte andere Worte, bildete sich ein, Verständnis zu wecken.

Er geriet in Eifer. Seine Augen hinter den dicken Gläsern funkelten. Begierig wartete er auf die Reaktion von Becker, der mit seinem Planungsstab an der Konferenz teilnahm. Aber lediglich der Verkauf gab durch Kopfnicken zu verstehen, dass die Argumente einleuchtend waren.

Vom Planungsstab kam weder Ablehnung noch Zustimmung. Verzweifelt überlegte er, ob er nicht einen dritten Anlauf nehmen sollte. Becker malte immer noch, zwei Teilnehmer grinsten dezent.

Egal, er wird schon zuhören, überlegte der Geschäftsführer. Sonst hätte er schon Einspruch erhoben. Ich fahre fort.

Und er tischte Zahlen auf, bei deren Nennung die Verkaufsleute rote Köpfe bekamen.

Vom Planungsstab kam immer noch keine Reaktion.

„Herr Becker, wie stellen Sie sich zu den Zahlen?“ Die Stimme des Geschäftsführers war beißend und durchdringend.

Walter Becker war weit weg. Seine Gedanken waren daheim, kreisten um seine Frau, um Mittlers Anruf.

Wie kommt sie bloß auf die Idee? Welches Fachbuch hat sie gelesen? Eins von denen, die im Regal stehen?

Wie lange geht das schon – mit den Schmerzen, mit dem Verdacht?

Warum hat sie nicht mal mit mir darüber gesprochen?

Verändert ist sie ja. Seit ein paar Tagen jedenfalls. Aber freundlich war ich auch nicht gerade. Zu viel Ärger, zu viel Nachdenken darüber, wie die Firma voranzubringen ist. Der Kentenich mit seinem Klagelied in Neuauflage soll mir doch gestohlen bleiben! Ging’s nach dem, wäre der Laden binnen Jahresfrist ein Fünf-Mann-Betrieb.

Hätte sie nur etwas gesagt, einen Ton, eine Andeutung gemacht! Jetzt sieht die Sache ganz anders aus – schlimmer. Warum sonst hat Hermann angerufen? Ich mach’ mir keine Illusionen. Aber ihr muss ich sie machen. Ich bin Komplize eines Arztes, der den Frauen den Bauch aufschneidet und weiß der Teufel, was sonst noch. Alles Bluff, sein Anruf. Reine Beruhigungstherapie, ein schonendes Vorbereiten, damit der Schock nicht so grässlich ausfällt.

Aber schön, wenn er sich was davon verspricht – an mir soll es nicht scheitern, ich spiele mit. Wenn ich heimkomme, bin ich ahnungslos. Sie wird nicht merken, dass ich informiert bin. Und morgen fahre ich mit ihr nach Bonn, das ist überhaupt keine Frage.

Sind wir nicht in den Jahren etwas auseinander gekommen? Schon eher vielleicht etwas gleichgültig gegeneinander geworden, aber nicht fremd.

Natürlich liebe ich sie. Das Leben ohne sie kann ich mir nur sehr schwer vorstellen. Ich brauche sie.

Wenn Hermann meint, dass es auf seelischen Beistand ankommt, dass es wichtig ist, wenn sie Rückhalt bei mir hat – an mir soll es nicht liegen.

Soll doch der Kentenich mit seinen funkelnden Brillengläsern und seiner penetranten Stimme zusehen, wie er sein Zahlenwerk durchbringt und die Vorstellungen der Geschäftsleitung verwirklicht. Meine Zustimmung kriegt er nicht. Wir müssen expandieren, der Markt verträgt es noch. Statt hier rum zu mosern, soll er besser dem Verkauf Feuer unterm Hintern machen.

Entlassungen hat Eva gefragt. Selbst heute Morgen, als sie vor Schmerzen kaum ein noch aus wusste, hat sie sich Gedanken um die Firma und um meine Arbeit gemacht. Sie hat immer Verständnis, ist auch kritisch, aber stets bei der Sache.

Jemand stieß ihn unterm Tisch an.

Er schreckte aus seinen Gedanken hoch und blickte mitten in die alten grauen Augen der Finkenschläger hinein. Sie war seine langjährige Sekretärin, ein bewährtes Semester, von Anbeginn an in der Firma, hatte jeden Sturm mitgemacht, der die Firma zauste. Der machte niemand etwas vor. Auch der Kentenich nicht, dessen Mundwerk wie eine Klappermühle ging.

Sie hatte ihm hinterbracht, dass man sich mit dem Gedanken trug, den Personalbestand einiger Abteilungen zu beschneiden. Lange, bevor die Geschäftsleitung offiziell ihre Absicht bekanntgab. Die Neueinstellungen zuerst und die Alten.

Mit keinem Wort hatte sie darum gebeten, doch sie zu behalten. Olga Finkenschläger hatte nie gebettelt. Sie war immer da bereit, verständnisvoll, mit einem sagenhaften Gedächtnis für weit zurückliegende Geschäftsvorgänge. Oft genug hatte sie den Jahresurlaub zugunsten einer jüngeren Kollegin verschoben und sich wenig erholsame Regenwochen eingehandelt. Zweimal auf die Kur verzichtet, weil die Firma sie brauchte.

Das war ihr Verständnis von Arbeitsmoral und Disziplin.

Du nicht, Mädchen!, dachte Walter Becker. Auf dich kann die Firma nicht verzichten!

„Herr Becker!“ Schneidend drang Kentenichs Stimme an seine Ohren. „Darf ich um Ihre geschätzte Meinung zu meinen bisherigen Ausführungen bitten?“

Au Backe! Er geriet ins Schwimmen. Welchen Haushaltsposten hatte Kentenich gerade dazwischen, an welchen Beträgen zwackte er herum?

Sein hilfesuchender Blick flog quer über den Tisch zu Olga Finkenschläger, die Protokoll führte. Leicht schüttelte sie den Kopf, dann blickte sie auf ihre Niederschrift, dass er nur noch einen grauen Scheitel sah.

„Das sollte alles noch einmal reiflich überlegt werden“, sagte er vorsichtig.

Der Verkauf scharrte unruhig mit den Füßen. Kentenich klappte den Mund weit auf. Dann warf er den Kopf hoch, als hätte ihm jemand Ohrfeigen angeboten; die Brille rutschte auf die Nasenspitze. „Waa-as? Das ist nicht Ihr Ernst, ich bitte Sie!“

„Mein voller Ernst. Wir müssen expandieren, statt uns zurückzuziehen. Die Mittel sind vorhanden. Warum wollen wir der Konkurrenz freiwillig Terrain überlassen? In zwei, drei Jahren müssten wir dann die verschleuderten Marktanteile zurückerobern, was wesentlich kostspieliger ist als zum gegenwärtigen Zeitpunkt der beharrliche Ausbau unserer Stellung. Wir müssen nur den Schwerpunkt verlagern. Jetzt sind Wärmepumpen vorn. Die Konkurrenz hat das begriffen, nur bei uns ist das noch nicht in die oberste Etage vorgedrungen. Ich habe den Eindruck, dass unsere Analytiker ihr Gehalt im Schlaf verdienen.“

Prustendes Gelächter brandete auf. Kentenich rang um Fassung; in der Abteilung Marktforschung und Analyse hatte er ziemlich viel zu sagen.

Er griff nach seinen Unterlagen und fuchtelte erregt damit herum. „Der Bereich Erdgasbrenner und Thermen hat uns in den ersten sechs Monaten dieses Jahres über eine Million Verlust gebracht! Bitte!“

„Denken Sie an Ihren Blutdruck!“, riet Walter Becker grob. „Diese Entwicklung war vorauszusehen. Die Planung hat eindringlich vor einem verstärkten Engagement gewarnt. War ja schließlich bekannt, wie der Heizölpreis anzog. Und nur logisch, dass er das Erdgas mitreißt.“

„Ja, im nach hinein sind Sie der große Schlaumeier!“, keuchte Kentenich.

„Soll ich die Protokolle verlesen lassen?“, bot Walter Becker an. „Die Abteilung Planung hat nie mit ihrer Meinung hinterm Berge gehalten. Wir haben frühzeitig gewarnt. Wir sind leider nicht verstanden worden oder man wollte uns nicht verstehen.“

„Unerhört!“, schimpfte Kentenich.

Ungerührt erklärte sein Widersacher: „Wärmepumpen, zwei Typen. Für Einfamilienhäuser zwischen hundert und hundertfünfzig Quadratmeter. Und Mehrfamilienhäuser, Richtwert fünfhundert Quadratmeter. Da liegt der Markt der nächsten Jahre. Wir stehen erst am Beginn der Energiekrise. Das sollten Sie bedenken, und nicht vor lauter roten Zahlen, Bedenken und Einwänden den Blick für die Realitäten und Erfordernisse des Marktes verlieren.“

Kentenich schmetterte seine Unterlagen auf den Tisch. „So kommen wir keinen Schritt weiter. Wir müssen uns erst mal gesundschrumpfen, dann erst können wir in die Planung für die weitere Zukunft eintreten ...“

„Und hinterherlaufen“, unterbrach ihn Walter Becker. „Wozu sitzen wir denn bloß zusammen? Glatte Zeitvergeudung ist das.“

„Also noch einmal von vorn“, verkündete Kentenich matt. „Wir projektieren nicht für die Zukunft, sondern machen uns Gedanken darüber, wie wir unseren Kostenapparat senken können. Nichts anderes.“

Walter malte wieder Windmühlen und dachte: Der Mensch bringt es noch fertig, die Firma an den Bettelstab zu bringen. Er ist keinem vernünftigen Argument zugänglich.

Und er hat einen guten Draht nach oben. Da hören sie blind auf ihn. Zum Donnerwetter, wo bleibt bloß die Vernunft? Man kann ja fast meinen ...

Olga Finkenschläger protokollierte den dritten Anlauf von Kentenich. Zwei Mann vom Verkauf entschliefen sanft.



6

Sie las wie besessen. Speziell in dem einen Buch stand eine Menge über Tumoren und Karzinome. Es gab gutartige, therapierbare, operable, bösartige, mit und ohne Metastasen, stehengebliebene, auch inoperable. Das Spektrum reichte weit.

Sie fühlte sich verunsichert, zeitweilig sogar beruhigt. Dann aber flackerte wieder die Angst auf. Was war, wenn ihre Erkrankung nicht mehr zu heilen war?

Wie lange dauerte es dann noch? Monate, ein, zwei Jahre?

Vielleicht wurde sie bettlägerig und ein Pflegefall.

Sie lehnte sich auf, versuchte die Furcht zu verdrängen. Tina brauchte sie doch noch, Walter auch. In Haushaltsdingen war er rührend unbeholfen.

Wenn sie aber sterben musste, heiratete er dann wieder?

Der Gedanke tat ihr weh.

Wahrscheinlich, schon wegen Tina. Der Beruf ließ ihm nicht die erforderliche Zeit für die Erziehung. Tina liebte die Schule nicht sonderlich, sie sah sie eher wie eine lästige Pflicht an und ging hin, weil alle Kinder zur Schule gingen. Vielleicht änderte sich das noch.

Sie musste ständig dazu angehalten werden, die Schulaufgaben zu machen. An den Wochenenden nahm Walter ihr manchmal die Aufsicht ab und dann mogelten er und Tina; er sagte ihr die Lösungen vor.

Sie hatte nie zu erkennen gegeben, dass sie den beiden längst auf die Schliche gekommen war. Das gute Vater-Tochter-Verhältnis war erfrischend und wohltuend und Ursache mancher lustigen Begebenheit.

In der Nachbarschaft gab es zwei genau entgegengesetzt gelagerte Fälle. Die Mädchen waren in Tinas Alter. Väter und Kinder waren wie Feuer und Wasser.

Ob er mit Tina dann immer noch im Herbst auf die Höhe spaziert und Drachen steigen lässt? Und die andere mitnimmt?

Es schmerzte, daran zu denken.

Wie würde die andere reagieren, wenn die beiden über frisch umgebrochene verregnete Äcker liefen, bemüht, den Drachen hochzubringen, und dann wie die Wildschweine aussehend nach Hause kamen, dampfend, verschwitzt, ermüdet, aber mit leuchtenden lachenden Augen?

Und ob sie wohl die Einrichtung des Hauses so ließ? Oder ob sie alles umräumte?

Ganz bestimmt warf sie die persönlichen Gegenstände der Vorgängerin hinaus, bis nichts mehr an sie erinnerte.

Und dann bin ich einfach ausgelöscht? Nichts soll mehr die Gedanken dann und wann noch auf mich lenken?, dachte sie erschrocken.

Ein Zorn auf die unbekannte andere erwuchs, gepaart mit leiser Wehmut.

Wenn sie Walter ganz für sich einnahm, sein gesamtes Denken ausfüllte und allmählich ihr Bild aus seinem Herzen verdrängte? Und nicht gut zu Tina war?

Sie klappte langsam das Buch zu und überlegte.

Mach dich nicht verrückt, hatte Hermann am Telefon gesagt. Der hatte gut reden! Als Arzt war er sogar verpflichtet, Optimismus zu verbreiten. Der dachte vielleicht nur, dass sie ein weiterer medizinischer Fall war. Wie es aber in ihrem Herzen aussah, das interessierte ihn nicht.

Sie war ungerecht und merkte es kaum.

Ihr Blick fiel auf das Regal. Bücher waren umgekippt. Die Fotoalben standen schief.

Die Alben! Die Bilder!

Die konnte die andere Walter nicht nehmen. Er blätterte gern in den Alben. Früher hatte er viel fotografiert. In den letzten Jahren weniger. Schnappschüsse von Tina. Beim ersten Urlaub am Meer. Meist Dias.

Wenn er eine gute Stunde hatte, kramte er den Projektor heraus und ließ die Diakassetten durchlaufen.

Einige Dutzend Bildstreifen waren noch nicht geschnitten und in die Rähmchen gesteckt. Er hatte sich vorgenommen, diese Arbeit an den langen Winterabenden zu machen.

Das war jetzt drei Jahre her. Dieser Tage erst waren ihr die Taschen mit den Bildstreifen in die Hände geraten.

Er war nicht zum Rahmen gekommen. Aber wenn sie es machte? Sie hatte doch Geschick dazu.

Dann hatte er ein paar Bilder mehr von ihr in seiner Diasammlung. Erinnerungen.

Sie hoffte, dass es gute, schöne Erinnerungen waren.

Und dass er nie zuließ, dass die Dias entfernt wurden.

In seinem Arbeitszimmer standen zwei Kartons leere Rähmchen. Sie holte sie, räumte den Tisch ab, suchte die Bildtaschen und begann zu schnippeln.

Eine Unrast überkam sie, der Wunsch, all die Reisen mit ihm noch einmal zu machen, die sie gemeinsam unternommen hatten.

Leise Wehmut mischte sich unter ihre Gedanken. Es war zu spät.

Aber die Bilder konnte sie betrachten.

Sie schaffte den Projektor herbei, kam mit dem Gerät nicht klar. Walter hatte ihr oft gezeigt, wie die Kassetten eingeschoben wurden, hatte ihr eingeschärft, dass die Dias auf dem Kopf stehend eingeordnet werden mussten.

Sie gab ihr Bemühen auf und holte die Alben.

Bilder aus der Zeit, als sie miteinander gingen.

Ferien am Meer – Italien, Frankreich, Rumänien. Die Reise nach Griechenland.

In drei Alben hatte er noch die Bilder mit Unterschriften versehen, Eintrittskarten mit eingeklebt, Erinnerungen an besondere Begebenheiten. Dann war er auch dazu nicht mehr gekommen. Er hatte sich nur vorgenommen, es irgendwann nachzuholen.

Bei diesem Vorsatz war es geblieben.

Das Seidenpapier zwischen den Bildseiten raschelte leise.

Eva-Maria saß, blätterte und schaute sehnsüchtig auf die Zeugen ihrer herrlichen, manchmal etwas unruhigen Jahre mit Walter, und ihre Gedanken gingen zurück.

Zurück in eine Vergangenheit, die vielleicht bald ausgelöscht war.



7

Kentenich knetete und bekniete seine Zuhörerschaft über Stunden. Seine Argumente wurden nicht dadurch besser, dass er sie immer wieder vortrug. Zum Schluss war seine Stimme heiser und krächzend vom konsumierten Kaffee.

Dumpfe Resignation überkam den Mann.

Dieser verdammte Becker mit seinem Desinteresse an den angestrebten Neuerungen, das er durch hartnäckiges Schweigen dokumentierte, versaute die anderen Abteilungen.

Niemand ging zwar mit fliegenden Fahnen zu Becker über, niemand zollte aber ihm, dem Geschäftsführer, dem verlängerten Arm der Firmenleitung, gebührenden Beifall. Auch der Verkauf nicht.

Irgendwie zeigte Beckers Hinweis auf das Programm Wärmepumpen Wirkung.

Kentenich wischte sich die Stirn ab, knüllte das Taschentuch zusammen und starrte jeden in der Runde an.

„Darf ich nun um die Meinung bitten?“ Seine Stimme hatte einen bittenden, beschwörenden Beiklang.

Vor zwei Stunden, als er schon mal einen Anlauf genommen hatte, war es noch die „geschätzte“ Meinung gewesen.

Beckers Kopf ruckte noch. „Völlig indiskutabel, diese Vorschläge.“

Kentenich ächzte. „So geht das nicht. Wir müssen zu einem Ergebnis kommen. Also?“ Sein Kugelschreiber tickte auf die Tischplatte, ein herausforderndes Geräusch.

„Meine Meinung kennen Sie. Ich sehe keinen plausiblen Grund, sie zu ändern.“

Sogar vom Verkauf nickten zwei Mann und bekundeten Zustimmung.

Kentenich rang um Fassung. Das war unerhört!

„Wir müssen diese Woche zu einem Abschluss kommen, meine Herren. – Gut, überdenken Sie das Problem. Ich werde die Geschäftsleitung hinhalten, und wir sehen uns morgen wieder hier. Um neun.“ Wütend raffte er seine Unterlagen zusammen, verstaute sie in der Mappe und trippelte mit kleinen Schritten wie eine kurzsichtige Ziege hinaus.

Jemand klopfte Walter Becker auf die Schulter. „Na ja, wir müssen wohl in den sauren Apfel beißen.“

„Guten Appetit denn!“, wünschte eine hämische Stimme.

Walter Becker zog den bekritzelten Verteilungsplan heran, warf einen Blick darauf und schob ihn Olga Finkenschläger über den Tisch. „Geben Sie’s in die große Ablage, denn zu mehr taugt das Machwerk nicht.“

Ein paar grinsten, Olga blickte eisern. Die große Ablage war der Papierkorb.

Sie griff den Protokollblock und kam hinter ihm her. In seinem Schreibzimmer feilte Gerda, die Stenotypistin, die Fingernägel zurecht. Eine Beschäftigung, die ihn rasend machen konnte.

Doch an Gerdas phlegmatischer Natur perlten heftige Ermahnungen wie Wasser an Ölzeug ab.

Gelassen verstaute die Schreibdame die Feile in der Schublade und übte einen unschuldigen Augenaufschlag.

Olga Finkenschläger hielt den Atem an. Gleich musste das Donnerwetter losgehen!

Stattdessen fragte Becker: „Hat meine Frau angerufen?“

Die Leitungen waren während der Konferenz auf Gerdas Apparat geschaltet.

„Hat sie nicht“, erklärte das Mädchen.

Becker schüttelte den Kopf und marschierte weiter ins Vorzimmer. Olga Finkenschläger folgte ihm, drückte die Tür hinter sich zu und deutete mit den Unterlagen zaghaft auf den Papierkorb.

„Soll ich wirklich ...?“

„Was denn sonst? Der Kentenich mit seinem begrenzten Horizont ruiniert die Firma noch, bloß scheinen das einige Leute nicht zu merken.“ Seine Erwiderung war ungewöhnlich heftig. Jede andere Frau wäre eingeschnappt. Nicht so Olga.

Ihr Verstand arbeitete präzise und logisch. Heute Morgen vor der Konferenz hatte er fast fünf Minuten lang versucht, seine Frau an den Apparat zu bekommen. Und jetzt seine Frage, ob sie zwischendurch hier angerufen hat: Dann noch dieser Anruf, den sie zu ihm durchgestellt hatte. Ein Doktor Mittler. Er war überhaupt nicht vom Telefon zu trennen, als sie ihn zur Konferenz wegholen wollte. Ein paar Worte hatte sie aufgeschnappt.

Sie steckte den bemalten Verteilungsplan in den Papierkorb und blickte erstaunt, als sie Becker fragen hörte: „Was halten Sie von Kentenich?“

Eine derart indiskrete Frage hatte er noch nie gestellt.

..Schwer zu sagen“, murmelte sie. „Er will Erfolge vorzeigen können.“

„Einsparungserfolge ja. Dabei könnten wir in einem halben Jahr Umsatzgewinne verbuchen. Die Pläne sind fix und fertig. In einem Monat könnten wir die verstärkte Produktion aufnehmen.“

„Er hält nichts von Wärmepumpen“, flocht Olga ein. „Kaffee?“

„Bitte nicht, sonst geht mir die Pumpe aus den Fugen. – Man könnte gerade meinen, er hat sich mit der Sparte Wärmepumpen noch nie befasst. Er bremst, wo er kann.“

Den Eindruck hatte Olga Finkenschläger allerdings auch gewonnen.

„Sie sollten mit der Firmenleitung reden. Soll ich die Unterlagen herauslegen?“

Er schaute auf die Uhr. Seit einer halben Stunde war Feierabend. Jetzt war es zwecklos. Auf der Chefetage war niemand mehr.

Ein aufdringliches Pochen an die Tür ließ Becker und seine alte Sekretärin den Kopf wenden. „Bitte?“ Es war die Stenotypistin im Glanz von frisch aufgebrachtem Makeup. „Ich bin schon über die Zeit“, erklärte sie in ihrer breiten Sprechweise, schaute die Sekretärin an und bedachte dann den Chef mit einem Blick, den sie für schmelzend hielt. Unter den Kolleginnen machte Gerda laufend Reklame für sich, und es war kein Geheimnis, dass sie sich für schön hielt und die meisten Kolleginnen sie wiederum für doof. Unter der Belegschaft kursierte das kränkende Wortspiel, sie sei schön doof. „Da komme ich morgen halt später.“

„Jaja“, machte Walter Becker abwesend. Olga Finkenschläger war sicher, dass das Mädchen morgen mindestens eine Stunde später kam.

Die Tür schloss sich, und Olga merkte, dass ihr Chef überhaupt nicht bei der Sache war. Überstunden wurden vergütet, es war in der Firma nicht üblich, solche Zeiten irgendwie abzufeiern.

Ob’s an Kentenichs Einsparungsvorstellungen liegt?, dachte sie.

Die Wahrscheinlichkeit war gering. Mit dem Kentenich hatte sich Herr Becker immer in der Wolle.

Dann stimmte bei ihm zu Hause vielleicht was nicht! Das erklärte seine zeitweilige geistige Abwesenheit.

Sie räumte ihre Unterlagen weg, machte den Schreibtisch frei und schloss die Fächer ab.

„Brauchen Sie mich noch, Herr Becker?“

„Wie?“ Er war mit den Gedanken schon wieder ganz woanders. „Nein, danke, Olga.“ Sein Blick fiel auf den Papierkorb, aus dem die Blätter von Kentenichs Vorschlag schauten. Eine Idee war plötzlich da – eine ungewohnte, fast skurrile Vorstellung. Aber plötzlich sah er darin die Möglichkeit, den längst fälligen Sturm im Wasserglas zu entfachen, der endlich Klarheit in die Verhältnisse der Firma bringen musste.

„Ich komme morgen nicht“, fügte er hinzu. „Eine familiäre Angelegenheit, was Sie aber für sich behalten.“

Sie nickte nur; sie hatte es halb geahnt. Krach kam in den besten Ehen vor.

„Der Blumenladen an der Ecke hat noch auf“, sagte sie weich. „Mit einem schönen Strauß lässt sich manches wieder einrenken.“

Sein erstaunter Blick ging ihr durch und durch.

„Olga, Sie zerbrechen sich den Kopf anderer Leute. Aber Blumen sind eine gute Idee.“ Er verschwand in seinem Zimmer.

Kein Krach?, wunderte sie sich. Hat es dann mit dem Doktor zu tun, der heute Morgen anrief?

Ein paar Worte fielen ihr ein, die sie ungewollt aufgeschnappt hatte. Herr Becker sprach von untersuchen, von einem feinen Kerl, der sie war, und dass er sie doch jetzt nicht im Stich ließ.

Da war etwas mit seiner Frau!

Stellte sich bei den Beckers noch einmal Nachwuchs ein? Dann hätte er aber doch ein anderes Gesicht gemacht und wäre munter und aufgeschlossen gewesen – wie damals, als dann das Mädchen kam.

Eine unheilvolle Ahnung überkam sie.

Hatte er nicht nach etwas gefragt, das sich wie „Krebs“ anhörte?

Sie überlegte. So genau hatte sie nicht hingehört. Aber jetzt war sie absolut sicher.

Er hatte danach gefragt!

Arme Frau! Olga Finkenschlägers mütterlich fürsorgliche Gefühle wallten auf.



8

Die Verkäuferin im Blumengeschäft stellte einen Strauß nach seinen Anweisungen zusammen – Levkojen, gelbe und blaue Iris, dazu ein paar Halme Ziergras.

„Zwanzig Mark?“, fragte sie unsicher.

„Der Preis ist unwesentlich.“

Sie steckte noch ein paar Blumen hinzu und verschwand nach hinten, um das Gebinde einzukordeln.

Sie werden ihr gefallen, überlegte Walter Becker. Ein eigenwilliger Strauß trifft immer ihren Geschmack.

Rosen, wie sie ihm die Verkäuferin erst offeriert hatte, waren entweder eine Weltanschauung oder Ausdruck schlechten Gewissens. Und Nelken waren eine Verlegenheitslösung. Wem gar nichts einfiel, der nahm Nelken.

Eva-Maria verabscheute Einfallslosigkeit.

Die Verkäuferin brachte den Strauß in Cellophan gehüllt, er bezahlte und verstaute die Blumen sorgfältig auf der Rückbank.

Während er den Wagen durch den Feierabendverkehr über die Zoobrücke lenkte, überlegte er, wie er ihr auf unverfängliche Art beibrachte, dass er sie morgen nach Bonn in die Klinik fuhr.

Am besten war, er erzählte ihr die Wahrheit. Die halbe Wahrheit! Den Ärger mit dem engstirnigen Querulanten Kentenich und seine Absicht, durch sein Fernbleiben morgen einen Krach zu provozieren.

Diese Lösung fand er geschickt. Eva-Maria nahm immer regen Anteil an seinem Berufsleben; sie würde sich über die neue Situation Gedanken machen und war von ihrem Problem abgelenkt.

Das war genau das, was Hermann als wünschenswert empfohlen hatte. Weg von den trüben Gedanken, Aufmunterung, Ablenkung mit allen Mitteln, damit sie sich nicht noch mehr in ihre Idee verrannte und am Ende Gemütszustände bekam!

Der allabendliche unvermeidliche Stau an der Autobahnabfahrt nervte ihn nach langer Zeit mal wieder.

Es zog ihn nach Hause. Nicht, damit Eva-Maria die kleine Familie vollzählig um sich versammelt sah, sondern weil er das Bedürfnis hatte, bei ihr zu sein, ihre Nähe zu spüren.

Und auch, um ihren Kummer mitzutragen, wenn sie von sich aus darauf zu sprechen kam. Sie sollte wissen, dass sie immer auf ihn zählen konnte, dass er zu ihr hielt.

Es war auch eine kleine Wiedergutmachung für die ungezählten Male, in denen sie ihm beigestanden hatte, wenn er schwerwiegende Entscheidungen zu treffen hatte und nachts stundenlang wach lag.

Sie war ihm nicht bloß Frau, eine gute Frau, sie war noch mehr Freund und Kamerad.

Die roten Ampelphasen kamen ihm doppelt so lang vor wie sonst, die Fahrer vor ihm besonders saumselig, trottelig und verschlafen. Er hupte aufgebracht den Vordermann an und wurde sich bewusst, dass er auf diese Weise den seelischen Druck nicht los wurde, sich im Gegenteil in einen aggressiven Zustand versetzte und bestimmt nicht die Hilfe für Eva-Maria war, wie sie Hermann vorschwebte.

Ganz ruhig, sagte er sich. Ich komme wie immer nach Hause, nicht schneller, nicht langsamer.

Dennoch kam es ihm wie eine kleine Ewigkeit vor, bis er sich durch die Stadt gekämpft hatte und in seine Straße einbog.

Zum wiederholten Mal fragte er sich, warum Eva nicht ans Telefon gegangen war. Aus Furcht, sie würde sich verraten?

Zumindest war sie jetzt da, das Küchenfenster war gekippt. Wenn sie das Haus verließ, schloss sie zuvor sorgfältig die Fenster.

Vor der Garage lag Tinas Fahrrad und blockierte die Einfahrt.

Er räumte das Hindernis beiseite und ließ das Tor hochschwingen.

Das dumpfe Rollen war immer im Haus zu hören und für Tina und Eva-Maria das Signal für sein Kommen. Er setzte den Wagen hinein und fand, dass die Garage mal wieder dringend aufgeräumt gehörte.

Später, nahm er sich vor. Am Wochenende vielleicht. Oder am darauffolgenden.

Seine beiden Damen standen in der Haustür, als er herauskam und etwas linkisch den Strauß hielt.

Blitzte nicht Argwohn in Eva-Marias Augen auf? War da nicht Misstrauen und Unsicherheit in ihren Blicken?

Meine Schuld!, schoss es ihm durch den Kopf. Wann habe ich ihr auch in den letzten Jahren ohne besonderen Anlass Blumen mitgebracht? Doch nie oder fast nie! Ich kann’s an einer Hand abzählen. Zum Geburtstag ja. Den Hochzeitstag hätte ich vergessen, wenn mich die treue Olga nicht daran erinnert hätte!

Er verspürte fast so etwas wie ein schlechtes Gewissen und lächelte angestrengt.

Klein Tina machte kugelrunde Augen und starrte fasziniert auf den Strauß unter dem Cellophanpapier.

„Ist das eine hübsche Schleife“, beurteilte sie. „Darf ich die haben?“

Die Verkäuferin hatte das Papier oben mit einer rosa Zierkordel zugebunden und die Enden kunstvoll wie Kringellocken gedreht.

Er war fast etwas gekränkt, dass die alberne Schleife mehr Anklang fand als der Strauß. Aber dann lachte er. Gar zu begehrlich blickten Tinas Augen.

Außerdem konnten Kinder so gut wie alles gebrauchen. Es lag dann zwar hinterher irgendwo herum und wurde vielleicht noch ein oder zweimal zum Spielen hervorgekramt, wichtig war aber im ersten Augenblick das Gefühl, es zu besitzen, zu haben.

„Blumen? Für mich?“, fragte Eva-Maria zögernd, während sie den Strauß entgegennahm.

Sekundenlang war nur das Knistern des Cellophans zu hören.

Er sah ihr an, wie angestrengt sie überlegte, ob sie nicht einen wichtigen Familientag reinweg vergessen hatte. Schlagartig kehrte der Argwohn in ihre Augen zurück.

Sie denkt nach, ob ich etwas weiß, etwas ahne!

„Natürlich für dich, mein Schatz!“ Er lachte so unbekümmert, wie er konnte, und küsste sie. Es war ihm herzlich gleichgültig, dass der Nachbar herüberblickte, der gerade seinen Rasenmäher in den Vorgarten schob.

„Tag, Walter!“ Er merkte, dass sie sich seiner zärtlichen Begrüßung entzog. „Ich weiß wirklich nicht ...“

„Kannst du auch nicht wissen“, sagte er schnell. „Ich bin in guter Stimmung, und ich hoffe, dass ich deinen Geschmack getroffen habe.“

Sie suchte in seinem Gesicht nach irgendwelchen Anzeichen, die ihr den Grund für die Blumen und seine Fröhlichkeit verrieten.

„Er ist wunderschön, doch, Walter. Herzlichen Dank! Dann hat es heute also keinen Ärger für dich gegeben?“

„Massenhaft, aber der Kentenich ärgert sich noch viel mehr, und das freut mich.“ Während sie hineingingen, hob er den Aktenkoffer: „Kommt mir vor, als sei er einen Zentner leichter. Olga durfte seinen Einsparungsplan in den Papierkorb werfen.“

„Das gibt Ärger. Kentenich ist nachtragend.“

„Natürlich. Hoffentlich platzt er. Wenn er noch ein Jahr in der Firma regiert, sind wir auf den Hund gekommen. Begreift einfach gewisse Entwicklungen nicht. Hat keine Ahnung, welchen Trend der Markt vorzeichnet. Na ja, entweder schießt er sich selber ab oder er hat die Firma auf dem Gewissen. Ich hoffe, der erste Fall tritt ein.“

Er stellte den schwarzen Koffer an die Seite, hängte die Jacke an die Garderobe und band die Krawatte ab.

Im Spiegel sah er ihr Gesicht mit dem zweifelnden Ausdruck.

„Hast du noch mal Schmerzen gehabt?“, fragte er. „Du warst bei Scharnitz, oder?“

„Ich geh’ doch nicht zu ihm. Wie kommst du bloß darauf?“

„Heute Morgen habe ich angerufen, du bist aber nicht an den Apparat gegangen. Da habe ich halt gedacht, dass ...“ Sein Blick fiel ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch stand der Diabetrachter, eingerahmt von Schere, Bildtaschen, Diastreifen und Rähmchen.

„Das muss ich überhört haben. Vielleicht war ich in der Küche. Es tut mir leid, Walter. Es – es ist meine Schuld. Du hast gesagt, dass du anrufst, aber ich hab’s total vergessen.“

Sie schwindelte, er spürte es. Sie schwindelte rührend unbeholfen.

Wahrscheinlich hat sie davor die medizinischen Fachbücher aus dem Regal gewälzt, überlegte er, und dann im Zustand völliger Niedergeschlagenheit Hermann angerufen. Als ich es klingeln ließ, hat sie einfach nicht abgenommen. Aus Angst, ich könnte etwas merken, könnte ihrer Stimme anhören, dass einiges mehr als nur die Schmerzattacken ihr Kummer bereiten. Sie wusste ungefähr die Zeit, wann ich anrufen würde!

Sollte er nun einfach über die Sache hinweggehen?

Sie musste das als seltsam, geradezu unnatürlich empfinden, denn er machte sich immer große Sorgen, wenn in seiner kleinen Familie ein Krankheitsfall auftrat. Sie würde hellhörig werden, wenn er nicht fragte. Und misstrauisch war sie schon.

„Aber Hermann hast du doch angerufen?“

„Ja.“ Sie sagte es dünn, geradezu kläglich. Ihm entging nicht, dass ihr Tränen in die Augen schossen. Mit einer heftigen Bewegung wandte sie sich ab, als schäme sie sich vor ihm und vor Tina.

„Na, na, was ist denn?“ Ganz behutsam fasste er sie an den Schultern, drehte sie zu sich herum und nahm sie in die Arme. Er spürte, dass sie zitterte. „Was hat er gemeint?“

Der Blumenstrauß war im Wege, die Umhüllung knisterte.

„Och, immer schmust ihr“, maulte Tina. „Krieg’ ich jetzt die Schleife oder nicht?“

„Später, nicht vor dem Kind“, mahnte Eva-Maria ihren Mann leise. Sie nahm sich sehr zusammen.

Walter gab sie frei.

Sie holte eine Vase aus dem Wohnzimmerschrank und trug sie mit den Blumen in die Küche.

Ich denke nicht, dass ich mich verraten habe, überlegte er. Misstrauisch ist sie nicht mehr, aber in einer erbärmlichen Verfassung. Da hat Hermann nicht übertrieben!

Er ging ins kleine Esszimmer. Wie jeden Abend, wenn er von der Arbeit heimkam, hatten ihm seine Mädchen, wie er sie nannte, die Thermoskanne voll Kaffee bereitgestellt. Eva-Maria machte den Kaffee, Tina kümmerte sich ums Geschirr und trug immer Tasse, Untertasse und Löffel heran, alles schön einzeln. Die Zuckerdose nicht zu vergessen. Gelegentlich war dann auch eine dezente Zuckerspur zwischen Küche und Esszimmer gestreut.

Er hörte Tina in der Küche plappern. Sie konnte es kaum erwarten, die rosa Schleife zu bekommen. Das Cellophanpapier knisterte.

„Nicht wegwerfen!“, rief die Kleine ganz aufgebracht. „Das kann ich auch gebrauchen.“

„Bitte, Tina!“ Evas Stimme klang vorwurfsvoll. „Und nachher liegt es vor dem Haus. Ist das Fahrrad weggeräumt?“

„Hat der Papi schon gemacht.“ Kleine, eilige Schritte verließen die Küche, begleitet vom Knistern des Papiers. Freudestrahlend kam sie ins Wohnzimmer, hielt sich eitel die rosa Zierkordel aufs Haar und klemmte das Cellophan unterm Arm fest wie ein kostbares Beutestück, das sie nie mehr herzugeben bereit war.

„Gefällt’s dir?“, fragte sie und drehte sich einmal.

„Gefällt mir sehr gut. Aber gar nicht gefällt mir, dass fast jeden Abend das Fahrrad vor der Garage liegt, mein Kleines. Stell es auf den Ständer oder schiebe es ans Haus, sonst müssen wir es mal für ein paar Tage wegschließen. Das möchtest du doch sicher nicht, oder?“ Prüfend blickte sie ihn an. „Du hast mir ja auch nicht die Hand gegeben!“ Sie zog eine Schnute.

„Dann holen wir das aber ganz schnell nach. Und du wirfst das Fahrrad nicht mehr hin.“ Er machte einen großen Schritt auf sie zu und fing sie blitzschnell ein.

Sie quiekte, während er ihr einen herzhaften Kuss auf die Backe drückte.

Als er sie losließ, sagte sie voll kindlicher Entrüstung: „Mann, jetzt hast du das ganze Papier verkrumpelt!“

„Dann streifen wir’s halt wieder glatt.“ Er hockte sich auf den Boden und strich das Cellophan aus. Kritisch schaute sie ihm zu.

Als er ihr es hinhielt, meinte sie: „Vorher war’s aber viel schöner.“

Mit Schleife und Papier sauste sie hinaus und trampelte die Treppe zum Kinderzimmer hoch.

Walter seufzte verhalten. Acht war sie und hatte das Temperament von zwei zehnjährigen Jungen. Manchmal veranstaltete sie einen ziemlichen Umtrieb. Wenn ihm der Kragen platzen wollte, dann sagte er sich immer, dass mit sechzehn wahrscheinlich ganz andere Umtriebe folgten, denen er als besorgter Vater wohl nicht mehr so ruhig zusah. Tja, und irgendwann ging sie sicher aus dem Haus. Es war ja modern, dass sich die Mädchen ein eigenes Zimmer nahmen, kaum dass sie richtig trocken hinter den Ohren waren.

Na ja, räumte er ein, immer ist übertrieben. Manchmal platzt mir halt doch der Kragen!

Er hörte Eva-Maria die Blumenstängel nachschneiden, der Wasserhahn lief.

Schließlich brachte sie die Vase herein und setzte sie auf den Tisch.

„Es sind wirklich schöne Blumen, Walter.“ Sie ordnete zwei Stängel anders und setzte sich.

„Freut mich, dass du Spaß daran hast. – Was sagt Hermann?“ Er goss sich Kaffee aus und löffelte drei Portionen Zucker hinein. „Tina ist oben, du kannst reden.“

Sie blickte durch ihn hindurch wie durch Glas. „Walter, ich muss dir etwas sagen – was Schlimmes. Ich … Sie bewegte nervös die Finger, suchte nach Worten.

„Ja? Sag es.“ Er hörte zu rühren auf.

„Ich … ich glaube, ich habe Krebs!“ Ihre Augen waren groß und weit, ihre Stimme ganz leise und voller Not und Verzweiflung.

In die Stille tickte die Wanduhr.

„Krebs? Sagt das Hermann? Ist er verrückt?“, brauste er etwas auf.

Hermann hatte ihn vorgewarnt. Dennoch traf es ihn wie ein Schlag so, wie sie es sagte. Sie war felsenfest überzeugt.

„Das ist doch ganz ausgeschlossen“, fuhr er ruhiger fort. „Wie solltest du ...?“ Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin mir ziemlich sicher – doch, Walter!“ Ihre Stimme war ohne Kraft.

„Wieso bist du dir sicher? Wer hat dich untersucht?“

„Niemand, aber die Diagnose – ich hab’s in einem Buch gefunden.“

„Buch, Buch!“, sagte er geringschätzig. „Papier ist geduldig. Und überhaupt, wo ist eine fix und fertige Diagnose gedruckt?“

„Die Symptome sind eindeutig.“ Ihre Stimme war kaum zu verstehen.

Eva-Maria saß zusammengesunken auf dem Stuhl. Wie ein Häufchen Elend! Hilfsbedürftig, wie Walter sie nie zuvor sah.

Er rückte den Stuhl herum und fasste behutsam nach ihren Händen. „Jetzt vergessen wir mal Symptome und Buch und Hermann, und du erzählst mir alles, ja? Wo gibt’s denn das, dass man ohne Untersuchung sagt, man glaubt, Krebs zu haben. Du bist kein Arzt.“

„Aber Hermann.“

„Der hat dich nicht untersucht, und am Telefon weißt du, ich halte ihn für einen sehr gewissenhaften Medizinmann, der seinen Beruf ernst nimmt und vor allem liebt. Er stellt doch keine telefonische Diagnose.“

Ihr abwesender Blick kehrte zu ihm zurück. „Es ist doch alles so eindeutig.“

„In der Medizin ist gar nichts eindeutig, so lange jedenfalls nicht, bis man umständliche Untersuchungen gemacht hat und das Ergebnis in der Hand hält. Das hat Hermann immer gesagt, wenn wir mal auf das Thema Krankheiten und Krankenhaus zu sprechen kamen, erinnere dich bitte. Wie kommst du nur auf eine derart absurde Idee?“

Ihre Hände zuckten. Er fasste sie fester und barg sie in den seinen wie kleine verschüchterte Vögel.

„Du bist ein sehr kritisches Mädchen, und das mag ich doch so an dir. Meinst du nicht, dass du sagen wir mal falsche Schlüsse gezogen hast? Schau, wir sind beide keine Mediziner, wir können so etwas gar nicht wissen, dazu fehlen uns alle Voraussetzungen. Du bist krank, du hast etwas, ich hab’s heute Morgen gesehen, und es wäre besser gewesen, wenn du mir gleich etwas gesagt hättest, statt dich damit herumzuquälen, aber da redet man doch nicht gleich von na ja. Du hast jetzt Angst, ich seh’ dir’s an, aber stimmst du mir nicht zu?“

Ihr Blick tat ihm weh.

„Du siehst das zu einfach, du hast meine Schmerzen nicht.“

„Ich mach’ dir doch keine Vorwürfe, mein Schatz. Du gehst zu einer Untersuchung, und dann siehst du, dass deine Angst unbegründet ist, abgemacht?“

„Morgen.“

Himmel, er musste sich immer noch verstellen! Er fühlte sich unwohl und hielt sein Verhalten für unfair. Aber er hatte es Hermann Mittler versprochen, Ahnungslosigkeit und Unbefangenheit zu zeigen. Eine sehr anstrengende Therapie, wahrhaftig!

„Was ist morgen?“

„Hermann hat mir einen Termin besorgt. Um elf muss ich in Bonn sein.“

Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Wurde er rot, schwitzte er? Jetzt musste sie doch etwas merken!

Er zwang sich zu einem unbekümmerten Lächeln, gerade so viel, dass sie es nicht als kränkend oder verständnislos auffassen konnte. „Da fahre ich dich rüber. Ist doch seltsam ...!“

„Du kannst jetzt nicht aus der Firma weg. Was ist seltsam?“

„Und ob ich kann, mein Schatz! Ich habe der guten Olga heute nämlich eröffnet, dass ich morgen durch Abwesenheit glänze. Der Kentenich hat heute nicht die Zustimmung der Abteilungen zu seinem Einsparungsplan gekriegt. Jetzt will er uns morgen wieder sehen; er meint, er könnte uns unsere Einwilligung abpressen. Als er den Termin für morgen festsetzte, hatte ich eine verrückte Idee. Ich geh’ nicht hin, ich geh’ erst gar nicht in die Firma. Das gibt einen Krach, wie wir ihn in zehn Jahren nicht hatten, und am aufgewirbelten Staub verschluckt er sich hoffentlich.“

„Walter, das kannst du nicht machen!“, sagte sie besorgt, fast eine Spur entsetzt. „Das lässt sich die Chefetage nicht gefallen.“

„Genau das habe ich mir auch überlegt. Entweder schlafen sie dann dort weiter, und dann ist es ziemlich egal, ob sie mich rauswerfen oder ob ich den siegreichen Untergang noch mitmachen darf. Oder sie fragen sich, was mich in Teufels Namen gebissen hat. Ich baue darauf, dass es ein ziemliches Getuschel gibt. Notfalls marschiere ich rauf und legte meine Pläne und Absichten in Kurzform dar.“

„Bitte, tu’s nicht, Walter!“

„Doch. Ich bin da anderer Meinung. Erinnerst du dich an den Film, den wir mal gesehen haben? Das ist schon eine Ewigkeit her, mir fällt auch der Titel nicht ein. Aber die Kernszene habe ich im Gedächtnis. Und an die dachte ich, als ich mir das Geschwafel heute anhören musste.“

„Eine Szene aus einem Film?“, meinte sie. Es hörte sich an, als würde sie fragen, ob er noch bei Sinnen war.

Er lachte. „Du guckst mich an wie einen Traumtänzer, wirklich! Zugegeben, Film das ist etwas hochgestochen, manchmal verkitscht und mit Schmalz dran. Aber irgendwo enthält so ein Streifen für ein paar Leute auch nützliche Hinweise, ein paar Körnchen Wahrheit oder sonst etwas. Für mich war’s diese verrückte, eigentlich sehr unrealistische Szene. Der englische Außenminister weilt zu einem Treffen mit westlichen und östlichen Kollegen in Genf, macht einen Vorschlag zur Beseitigung der weltweiten Spannungen und erntet schroffe Ablehnung. Man vertagt sich. Der gute Mann bummelt anderntags durch die Stadt, er hat Zeit, die nächste Sitzung ist auf fünf Uhr nachmittags angesetzt. Er hängt seine Leibwächter ab, klettert in ein Ruderboot und freundet sich mit dem Besitzer des Bootes an, einem Jungen, zehn oder zwölf oder vierzehn, ich weiß es nicht mehr. Man rudert auf den See, und durch ein kleines Malheur gehen die Ruder verloren. Der Außenminister lebt in tausend Nöten, der Sitzungsbeginn rückt näher, schließlich resigniert er. Es ist nicht mehr zu schaffen. Und warum soll er sich eilen? Sein Vorschlag ist ja schon abgelehnt. Die zwei Bootsinsassen fischen nach einiger Zeit die Ruder heraus und Pullen ans Ufer zurück, der Außenminister zockelt zurück zum Sitz der englischen Delegation. Dort erfährt er, dass sein Vorschlag angenommen wurde bei einer fehlenden Stimme, seiner eigenen nämlich. Was war passiert? Sein unfreiwilliges Fernbleiben von der Sitzung legte man als Verbitterung über die Ablehnung seines Vorschlages aus, man besann sich und fand, dass der Vorschlag so übel nicht war und Prestigedenken irgendwo enden muss. Ich bin nicht größenwahnsinnig und auch nicht der englische Außenminister, aber einen Versuch ist es wert, meinst du nicht?“

„Du hast vielleicht Einfälle! Jetzt, wo du’s sagst, erinnere ich mich an den Film. – Walter, das geht nicht, du kannst die Firma nicht vor den Kopf stoßen.“

„Den Kentenich soll es treffen und ein paar andere. Damit bin ich schon zufrieden. Was ist das denn?“ Er legte lauschend den Kopf etwas schief.

Aus dem Obergeschoss erklangen abscheuliche Geräusche. Mit Mühe war darin eine Melodie zu erkennen.

Schließlich ordneten sich die Misstöne, und dann war zweifelsfrei zu hören, dass Tina von dem Cellophanpapier etwas über einen Kamm gespannt hatte und auf dem Haarpflegeinstrument blies.

Walter lachte lausbübisch. „Stört es dich? Dann schicke ich sie in die übernächste Straße und schärfe ihr vorher ein, unter keinen Umständen zu verraten, wie sie heißt und wo sie wohnt.“ Er schloss die Tür. Der Lärm blieb draußen; zumindest störte das papierene Quäken nicht mehr. „Und da ich mir also für morgen Urlaub gegeben habe, kannst du über mich verfügen.“ Sein Gesicht wurde ernst, seine Augen warben um Vertrauen. „Ist doch ganz verständlich, dass du in Sorge bist und dir wegen dieser – dieser unwissenschaftlichen Diagnose schlimme Gedanken machst. Ich komme mit, um dich auf bessere Ideen zu bringen. Das wird mir schon gelingen.“

Sie war nicht davon überzeugt. Andererseits graute ihr vor der Fahrt, vor dem, was sie wohl zu hören bekam. Es war vielleicht doch gut, wenn Walter sie begleitete. Seine Nähe wirkte beruhigend, und seine Fürsorge tat ihr wohl.

Die Angst war immer noch da. Mit einem mal aber war sie nicht mehr so erdrückend gewaltig, so entsetzlich groß.



9

Er vermied es, ins Wohnzimmer zu gehen. Er gewann den Eindruck, dass es ihr unangenehm war, wenn er dort das ganze Diazeug auf dem Tisch sah.

Nach dem Abendessen jedoch war es nicht länger zu umgehen. Walter pflegte sich die Tagesschau und das Wetter anzusehen. Manchmal ließ er den Kasten auch bis zum bitteren Ende flimmern. Das war dann das Zeichen dafür, dass ihm an einer Unterhaltung nicht viel gelegen war. Das wiederum bedeutete, dass er irgendwelche Probleme hatte – berufliche Dinge, über die er noch nicht sprechen wollte.

Tina feilschte wie jeden Abend um eine Süßigkeit, einen Betthupfer. Und wie jeden Abend reduzierte sie ihren Wunsch auf einen Kaugummi, als die Eltern nicht bereit waren, in längere Verhandlungen einzutreten.

„Nichts zu machen. Vor dem Schlafengehen gibt’s nichts Süßes, auch keinen Kaugummi“, entschied Walter. „Jetzt ist Abmarsch.“ Und eingedenk des Tricks mit der unters Wasser gehaltenen Zahnbürste, hinter den er erst kürzlich gekommen war, fügte er hinzu: „Die Zähne putzen, und das gründlich. Ich kann feststellen, wenn du mogelst. Füße waschen und so weiter. Und das Licht aus.“

„Weiß ich ja!“, maulte Tina aufbegehrend und machte bei Vater und Mutter ihre Gute-Nacht-Runde.

Walter zog ins Wohnzimmer um. In der Tür blieb er stehen: „Das ist dumm! Sie hat doch morgen Schule.“

„Sie geht zu Gönneweins, das habe ich schon geregelt.“

„Das war ihr Vorschlag, oder? Weil sie einen Hund haben.“

„Vielleicht sollten wir uns auch einen anschaffen.“

„Das muss doch wohl nicht sofort sein? Ich habe nichts gegen Hunde, aber ich sehe sie lieber bei anderen. Kann ich dir in der Küche helfen?“

„Ist schon alles eingeräumt.“ Eva Maria schaltete den Spüler an und kam durchs Esszimmer.

Walter stand vor dem Wohnzimmertisch und blickte auf ihre Nachmittagsbeschäftigung. „Die ganzen Dias! Wo waren sie denn?“

„Im oberen Fach links. Bist du enttäuscht?“

„Warum sollte ich das sein?“

„Weil du sie rahmen wolltest.“

„Drei Winter lang und bin nie dazu gekommen. Finde ich prima, dass du dich darüber hergemacht hast. Was ist denn so alles drauf?“ Sie besaßen Bildstreifen, sogenannte Vier-Jahreszeiten-Filme, die ein ganzes Jahr in der Kamera hatten ausharren müssen, bis alle 36 Aufnahmen heruntergeknipst waren. Wenn diese Filme vom Entwickeln zurückkamen, sorgten sie meist für ziemliche Überraschungen, in jedem Fall aber für Rätselraten. Sie überlegten lange hin und her, wo diese und jene Aufnahme zustande gekommen war.

„Fast nur Urlaubsbilder“, sagte Eva-Maria zögernd.

„Die schau ich mir an.“ Er schob sich den Sessel zurecht und ließ die Rähmchen durch den Diabetrachter rutschen. Tina am Strand, im Schlauchboot, beim Muschelsammeln, Eva-Maria dabei, beim Minigolfspiel, vor der Hähnchenbraterei, beim Bummel durch Venedig, wo sich Touristen und Einheimische auf die Füße traten, auf der Fähre von Punta Sabbioni mit zerzaustem Haar, er während der Reifenpanne auf der Autostrada mit Schmutzflecken im Gesicht und auf dem Hemd, wie er versucht, den vollbepackten Wagen mit dem Wagenheber hochzuwinden. Sie alle drei gemeinsam beim Eisessen; ein Campingnachbar hatte sich erboten, die Kamera zweimal zu betätigen.

Walter schob eines der durchgerutschten Dias noch einmal in den Betrachter. Es zeigte seine Frau beim Ausbreiten der Badelaken am Strand und kauernd Tina, die gerade die Badetasche mit Sand füllt.

Er schmunzelte, die Szene damals war ihm wieder gegenwärtig. Bloß hatte er sie da nicht besonders lustig gefunden. Die Cremedose und die Plastikflaschen mit der Sonnenschutzmilch waren vom fleißigen Gebrauch schon ziemlich klebrig gewesen; der Sand hatte überall gehaftet und eine ziemliche Schweinerei gemacht.

Eva-Maria blickte ihm über die Schulter. „Besonders vorteilhaft sehe ich aber nicht aus. Da waren schon zwei Wochen Urlaub um.“

Er lächelte vor sich hin. Sie meinte die zwei oder drei überflüssigen Pfunde auf Bauch und Hüften, die sie scherzhaft auch schon „ihre Rettungsringe“ genannt hatte.

Welche Frau war nicht irgendwo ein klein wenig eitel, und welche huldigte nicht der Ansicht, für einen Zweiteiler hätte sie eigentlich noch nicht die richtige Figur?

Mit Aufmerksamkeit registrierte er, dass sich Eva-Maria mit ihrem Aussehen von vor drei Jahren auseinandersetzte. Auch sie war nicht frei von Eitelkeit.

„Mir gefällt’s“, brummte er gutgelaunt.

„Dieser alberne Bikini. Den hast du gekauft.“

„Du hast dich nicht getraut, in das Geschäft zu gehen. Ich schon. Er gefiel mir in der Auslage, und er gefällt mir mit Inhalt immer noch.“

Er spürte, dass sie sich von der Sessellehne abstützte. Sie ging zum Sofa, streifte die Schuhe ab, zog die Beine an und kuschelte sich in die Ecke. „Wie lange noch?“

Die besondere Betonung überhörte er nicht. „Mach dir doch keine Gedanken. Du gefällst mir immer. Da fällt mir ein, dass wir für dieses Jahr noch nicht fest gebucht haben. Die Vormerkung müsste im Schreibtisch liegen.“

„Überstürze nichts.“ Sie drehte nervös ihren Ehering. „Ich fühle, dass ich nicht mehr in Urlaub fahre.“

Sie kam einfach nicht von ihrer fixen Vorstellung weg! Das schmerzte ihn.

„So ein Unsinn!“, erwiderte er grober, als es seine Absicht war. „Natürlich fahren wir. Alle zusammen. An die Adria, wie wir es schon im vorigen Jahr besprochen haben.“

Sie waren schon Italien-Fans gewesen, als sie erst verlobt waren. Sie machten die Hochzeitsreise nach Riccione. Auch später kamen sie alle zwei, drei Jahre wieder. Das nette Familienhotel in der Viale Goldoni hatte es ihnen angetan.

Dazwischen waren sie auch in anderen Urlaubsländern gewesen. Bis sie dann das Haus kauften. Da war es erst mal aus mit dem Urlaub. Dann kam das Kind, das sie sich so sehnlich gewünscht hatten.

Als Tina vier war, wurde Italien wieder ihr Urlaubsland und die Adria ihre bevorzugte Gegend. Weil der Strand flach war. Ideal für Kinder. Und ein guter Ausgangsort für Ausflüge ins Hinterland nach Urbino, San Marino, Ravenna, ins Po und Etschdelta, nach dem zauberhaften, von Touristen nur wenig belästigten Chioggia, einst Konkurrentin von Venedig, bis es von der mächtigen Seerepublik abgehängt und kaltgestellt wurde, Venedig selbst, das nahe Jugoslawien mit dem Gestüt von Lipizza und der gewaltigen Höhle von Postojna, Triest und das Zauberschloss Miramar.

„Wenigstens zehn Filme nehme ich mit“, sagte Walter entschlossen. „Und die bleiben nicht wieder ein paar Jahre liegen.“ Er blickte zu ihr hin. „Gleich morgen mache ich die Buchung fest, wenn wir zurück sind. Willst du die Dias auch mal ...?“

Er schob ihr den Betrachter hin, ganz vorsichtig, damit die weißglühenden Drähte der Birne nicht rissen oder zusammenschlugen.

„Ich hab’ sie alle gesehen“, wehrte sie ab.

Was sie damit meinte, entdeckte er, als er die Dias in Kassetten stecken wollte. Eva-Maria hatte alle Dias durchlaufen lassen, aber die Kassetten dann falsch eingeordnet.

Er erklärte es sich nicht bloß mit einer nostalgischen Anwandlung. Sie hatte sich ihre Ehejahre bildhaft vorgeführt. Szenen, Schnappschüsse, sicher nicht typisch für ihre Ehe, schon eher unbedeutend, aber Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse und Begebenheiten.

Nun verstand er noch viel mehr, warum sie derart niedergeschlagen war, geradezu deprimiert. Erst diese verrückte Selbstdiagnose aufgrund eines klugen Buches, und dann noch die Dias, die ihr Leben Revue passieren ließen.

„War das nötig?“, fragte er besorgt. „Du machst dir das Herz doch nur schwer.“

Sie knüllte einen Kissenzipfel zwischen den fast weißen Fingern zusammen. „Ich wollte noch einmal eine Reise mit dir und Tina machen – eine einzige große Reise. Sie war wunderschön.“

Er widersprach ihr nicht. In ihrer jetzigen Verfassung regte sie jede Entgegnung auf und bestätigte sie womöglich in ihrer vorgefassten Meinung.

Ich wünschte, wir hätten schon morgen Abend, und sie weiß, dass sie sich völlig grundlos Sorgen und kummervolle Gedanken gemacht hat, sagte sich Walter.

Er räumte die Dias und nicht benötigten Rähmchen in den Schrank, sortierte die Filmabschnitte in die Bildtaschen und wollte sie zum Abfalleimer in der Küche tragen – da passierte das Malheur!

Er übersah das Kabel des noch eingeschalteten Diabetrachters. Das Gerät wurde mit einem heftigen Ruck über den Tisch gerissen, blieb auf der Platte stehen, aber mit einem dumpfen Knallgeräusch gab die Birne ihren Geist auf.

„Vierzig Stunden hat sie bestimmt auf dem Buckel“, sagte er etwas ärgerlich und erschrocken. „Eine neue war über kurz oder lang fällig.“

Da erst sah er die weit aufgerissenen Augen von Eva-Maria. Böses schwante ihm.

„So verlöscht mein Leben wohl auch bald!“, stieß sie schließlich hervor.

„So ein Unsinn! Bloß weil die dumme Birne drauf geht! Morgen kaufe ich eine neue und dreh sie rein – fertig ist die Laube. Du kannst doch ein Leben nicht mit einer Birne vergleichen!“

„Doch, denn beide verlöschen einmal, Walter.“ Sie beobachtete ihn, wie er den Betrachter öffnete, mit dem Taschentuch den heißen Birnensockel umwickelte und die geschwärzte Birne herausdrehte. „Du kannst die Birne ersetzen. Dann ist es eine neue, nicht mehr die alte. So wirst du mich sicher auch ersetzen.“

„Auf welche absurden Ideen kommst du denn noch?“ Er war derart verblüfft, dass er die eingewickelte Birne festhielt, bis er durch das Taschentuch die Hitze unangenehm zu spüren bekam. „Mist!“ Hastig brachte er sie in die Küche und legte sie auf die Arbeitsplatte.

Eva-Maria befand sich in einer leicht gereizten Stimmung, als er zurückkam. „Was ist daran absurd? Ein Leben verlöscht – wie diese Birne, und wird durch ein anderes ersetzt.“

„Spekuliere nicht darauf, dass ich falsche Rücksicht nehme und dir zustimme. So ein – ein Blödsinn, entschuldige, aber was anderes fällt mir dazu nicht ein! Du übertriffst ja noch den Kentenich. Welche Beziehung besteht zwischen einem Leben und einer Birne, einem Wesen aus Fleisch und Blut und einer Sache, einem Nutzgegenstand?“

„Du siehst es zu nüchtern. Für mich ist es ein Zeichen.“

„Schönes Zeichen!“, brach es aus ihm heraus. „Mit anderen Worten ist dir also jemand aufs Kabel getreten?“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Du – du ziehst das so ins Banale! Du verstehst mich überhaupt nicht!“

Er setzte sich zu ihr und strich ihr mit einer liebevollen Geste eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Mehr, als du glaubst. Ich merke, dass du Angst hast, aber ich muss dir widersprechen, wenn du Stuss redest. Die alte Birne, die hat gar nichts zu bedeuten. Wenn wir in allem ein besonderes Zeichen sehen wollten, was uns jeden Tag begegnet, dann wär’s schlecht um uns bestellt. Ein Rückfall in die Zeit des finstersten Geister und Dämonenglaubens. Kopf hoch, Schatz, die Aufklärung hat längst stattgefunden! Du, im Keller haben wir noch einen guten Wein. Mir ist danach zumute. Soll ich ihn aufmachen? Ich spül’ den Ärger mit Kentenich runter und du deine Furcht.“

Sie fasste seine Hand und hielt sie mit fast schmerzhaftem Druck fest. „Keinen Wein. Aber einen Spaziergang würde ich machen.“ Es war fast eine bange Frage.

„Fabelhafter Einfall. Lassen wir den Wein bis morgen Abend eben in Ruhe.“ Er half ihr hoch.

Die Tür zur Terrasse stand einen Spalt auf. Milde Abendluft wehte herein, vermischt mit dem Geruch frisch gemähten Grases vom Rasen des Nachbarn.

„Und deine Nachrichten?“, fragte Eva-Maria plötzlich.

„Die Welt geht nicht unter, wenn ich sie nicht sehe“, sagte er belustigt. „Und Kentenichs Wut auf mich werden sie nicht bringen.“

Er holte ihr die Jacke und sich einen Pullover und ging nach oben, um Tina zu unterrichten, dass sie noch für zehn Minuten aus dem Haus gingen.

Das Licht brannte natürlich, aber die Kleine stellte sich schlafend.

„Hier wird nicht geschummelt!“, sagte er mit gespieltem Ernst. „Mami und ich machen noch einen Spaziergang, und du schläfst jetzt.“

„Ich hab’ aber Angst!“ Blitzschnell setzte sie sich auf.

„Stimmt gar nicht, du hast gelesen. Das Buch schaut unterm Kissen vor. Also gut, fünf Minuten noch, aber dann wird das Licht ausgemacht.“

„Die Mami fährt morgen weg. Nimmt sie mich mit?“

„Du gehst zur Schule und danach zum Hund von Gönneweins, basta.“

„Mami hat gepetzt.“

„Hat sie nicht. Ich kenne Gönneweins, ich kenne den Hund, und vor allem kenne ich dich, Tochter. So, und jetzt bist du brav und machst keinen Ärger.“ Er gab ihr einen Kuss und ging hinunter, bevor sie eine endlose Debatte anzetteln konnte.

Als sie das Haus abgeschlossen und noch nicht einmal die Grundstücksecke erreicht hatten, erklang aus Tinas Zimmer herausfordernd das papierene Quäken des geblasenen Kammes.

„Hoffentlich ist das Cellophan bald alle“, meinte er seufzend.

„Deine Tochter“, erklärte Eva-Maria.

„Bin ich tatsächlich so anstrengend?“

„Manchmal schon.“ Sie hakte sich bei ihm ein, und langsam wanderten sie die Straße entlang, bis die Häuser endeten und unbebautes Feld begann.



10

In der Stadt schlug eine Kirchturmuhr. Dünn zitterte der Klang heran und übertönte das dumpfe Rumoren des Verkehrs aus dem Zentrum.

Auf einem beliebten Aussichtspunkt, wo die Stadt Ruhebänke aufgestellt hatte, wandte sich Eva-Maria um und blickte auf das Häusermeer zurück.

„Wer weiß, wie es in zehn Jahren hier aussehen wird?“ Sie seufzte.

„Nichts einfacher als das. Wir gehen heraus und sehen uns den Spaß an, mein Mädchen.“

„Du schon.“

Mit Schrecken merkte er, dass sie schon wieder von ihrem dubiosen Verdacht anfing.

„Zusammen mit dir“, versetzte er ziemlich verbissen. „Tina ist dann achtzehn, und da brauchen wir nicht mehr auf sie zu zählen.“

Sie nahmen auf einer Bank Platz und schauten auf die Stadt. In den vergangenen zehn Jahren hatte sie sich ausgedehnt, war lauter geworden, hatte vier Hochhäuser bekommen und einen neuen Bahnhof. Den Platz hatten sie entdeckt, lange bevor sie das Haus kauften.

Hier oben hatten sie Pläne geschmiedet, die nicht zu verwirklichen waren, und Schlösser errichtet, die ungebaut blieben.

Drüben auf dem Berg stand das Krankenhaus. In den meisten Zimmern brannte schon Licht.

„Weißt du noch, das erste Mal?“, sagte Eva-Maria leise.

Er wusste es. Das war ihr erster Krankenhausaufenthalt. Eine geplatzte Zyste am rechten Eileiter. Die Operation in buchstäblich letzter Minute. Höllenqualen hatte er ausgestanden – seelische Höllenqualen, dass er sie verlieren würde.

Der nächste Aufenthalt kam, als sich Tina ankündigte. Drei Wochen zu früh. Neugierig auf die unbekannte Welt draußen. Neugierig wie alle weiblichen Wesen.

Und immer hatte es sich dort drüben in diesem weißen Krankenhaus über den grünen Parkbäumen abgespielt, die jetzt wie dunkle, düstere Zusammenballungen aussahen.

Eva-Maria und Walter waren sich im Denken sehr ähnlich. Darum erstaunte es ihn nicht, als sie dort an diesem Krankenhaus anknüpfte: „Zweimal bin ich herausgekommen, das dritte Mal schaffe ich es nicht.“ Sie suchte seine Hand und schob die ihre hinein, als wollte sie ihre Seele, ihr Ich an einem wohligen Ort bergen.

Sie steht vor einer unübersteigbaren Wand, dachte Walter beklommen. Sie sieht keinen Ausweg! Wie kann ich ihr bloß helfen? Gutes Zureden hilft nicht. Dann vielleicht mit Ironie?

„Du redest gerade, als sei da schon ein Bett für dich reserviert. Mal ganz ernsthaft, Eva du bist in Panik. Du siehst Dinge, die niemand wissen kann. Morgen lässt du dich untersuchen. Es widerspricht jeder Logik, ein medizinisches Ergebnis vorwegzunehmen. Du hast dich verrannt und steckst in einer Sackgasse. Woher willst du wissen, dass du ins Krankenhaus kommst?“

„Ich spüre es.“ Sie kuschelte sich an ihn. Sie zitterte.

„Ah, das berühmte Gespür, das die Frauen haben und das den Männern fehlt“, entgegnete er etwas grob. „Darauf gebe ich nichts.“

„Versprichst du mir etwas?“ Flehend schaute sie ihn von unten herauf an.

„Das ist unfair! Du treibst mich in die Enge und willst von mir eine Blankozustimmung. Sag erst mal, was du dir ausgedacht hast.“

„Ja oder nein?“

„Ja!“, knurrte er nach einer Pause. „Aber mit Vorbehalt. Du darfst nichts Unbilliges von mir verlangen. Ich beanspruche Rücktrittsrecht.“

„Es ist nicht unbillig.“

„Sagst du! Was ist es?“

„Du musst wieder heiraten!“ Jetzt war es heraus, und sie fühlte sich irgendwie erleichtert.

Er saß ganz erschrocken. Lieber Himmel, ihre Gedanken waren ja schon reichlich abstrakt! Womit sie sich alles befasste! Ein hanebüchener Unsinn war das.

„Wieder heiraten?“, sagte er und raffte sich zu mühsamer Heiterkeit auf. „Ich bin verheiratet – mit dir, und ich habe nicht die Absicht, diesen Zustand zu ändern. Außerdem, Bigamie ist verboten, und zwei Schwiegermütter und einen Kentenich halte ich nicht aus. Außerdem hat mal ein Spötter behauptet, Bigamie sei der Versuch, ein Übel zu verkleinern, indem man es verdoppelt. Aber der kann dich nicht gekannt haben.“ Behutsam legte er den linken Arm um sie und zog sie noch mehr an sich.

„Du musst wieder heiraten, Walter danach. Auch wegen Tina. Sie braucht jemand, an den sie sich anlehnen kann.“ Ihre Stimme war fast nicht zu verstehen.

„Ich mache von meinem Rücktrittsrecht augenblicklich Gebrauch. Und jetzt lass dir bitte von mir ins Gewissen reden! Du lässt dich hängen, noch bevor irgendeine Untersuchung vorgenommen ist. Du gibst dich auf, ohne zu wissen, was dir fehlt. Gespür, pah! Tina braucht dich und keine Ersatzmutter, ich brauche dich und du redest, als sei mit einem Schlag alles zu Ende. Wenn es dir hilft, dann nimm zur Kenntnis, dass du eine hervorragende Mutter bist und eine verteufelt gute Ehefrau und dass es dafür keinen Ersatz gibt. Halt dir das immer vor Augen und resigniere nicht einfach. Ich habe dich vielleicht nicht immer spüren lassen, wie glücklich ich mit dir bin. Aber es ist so. Man tut sich oft schwer mit Worten, wenn sie Gefühle ausdrücken sollen.“ Er verstummte, als er merkte, dass die Erregung mit ihm durchging und dass er heftig und laut sprach. Dann fügte er ruhiger hinzu: „Daran solltest du denken, nicht an ein hirnverbranntes Buch. Tina und ich, wir sind für dich da, und du für uns. Lohnt es sich dafür nicht, einen inneren Aufstand gegen alle düsteren Gedanken zu machen?“

„Ich möchte schon, aber ich kann nicht. Ich habe nicht die Kraft, Walter.“

„Das sagst du? Wenn jemand die Kraft hat, dann du. Und nicht können, das lasse ich nicht gelten. Du kannst es. Du musst nur wollen, ganz fest. Ich helfe dir dabei. Haben wir nicht immer alles gemeinsam gemacht?“

Sie gab keine Antwort, aber sie presste sich noch fester an ihn.

Stumm saßen sie auf der Bank und blickten auf die Stadt, deren Konturen in der sinkenden Dunkelheit zerflossen, um langsam neue Formen in Gestalt des Lichtermeeres anzunehmen.

Nur der Augenblick des Übergangs ist düster, dachte Walter. Dann wird es wieder hell! Ein gutes Omen. Ob Eva es auch so empfindet?

Aus den zehn Minuten wurde eine Stunde. Schließlich noch eine, bevor sie aufstand.

Aus der Ebene kroch Nebel heran und verschluckte die Lichter am Rande der Stadt.



11

Unruhige Gedanken peinigten ihn.

Mit ihrer Schwarzmalerei konnte sie einem wirklich Angst machen.

Es war ihm unerklärlich, wie sie zu diesen Depressionen kam. Dieses unselige Medizinbuch allein konnte es nicht sein.

Vielleicht befand sie sich gerade in einem seelischen Tief, und da kam unglücklicherweise die Krankheit hinzu, die sie mit Schmerzanfällen attackierte. Die Selbstdiagnose auf Krebs besorgte den Rest.

So konnte es sein. Er war sicher, der Wahrheit damit sehr nahe zu kommen.

Hermann hat gut reden! Wie soll ich sie aufmöbeln, wenn sie sich nicht helfen lässt und sich an die selbst gestellte Diagnose klammert?

Bekümmert lauschte er auf ihre Atemzüge. Sie gingen unruhig wie die seinen.

Hoffentlich schläft sie durch, hoffentlich hat sie nicht wieder einen dieser Schmerzanfälle, wünschte er. Mein Gott, sie kann sich doch nicht einfach davonmachen und Tina und mich im Stich lassen!

Sicher ist es nicht das, was sie befürchtet. Eine Kleinigkeit gewiss auch nicht, dazu sind ihre Schmerzen zu schlimm. Eva, du stehst es durch! Du musst, begreifst du? Begreifst du?

Er hörte, dass sie sich auf die andere Seite drehte.

Verstohlen blickte er auf das Leuchtzifferblatt der Uhr. Zwei in der Frühe!

Er lag ganz steif, als sie plötzlich leise sagte: „Du kannst auch nicht schlafen?“

„Nein, aber versuch du es wenigstens. Soll ich dir ein Glas kaltes Wasser holen?“

„Nein!“ Und dann: „Ich habe das Gefühl, in ein tiefes schwarzes Loch zu stürzen! Halt mich fest, Walter ganz fest!“

Es war wie ein Aufschrei in größter Not und Verzweiflung.

Er nahm ihren bebenden Körper in die Arme, spürte die sanfte Wärme ihrer Haut und die Tränen, die auf seinen Hals rannen.

„Es wird alles gut, Mädchen, du wirst sehen!“, sagte er begütigend.

Es dauerte lange, ehe sie ruhiger wurde. Schließlich schlief sie ein.

Er aber lag wach. Und er hielt sie fest, um sie nie herzugeben.



12

Bei Walter klingelten die Alarmglocken, als er Eva-Maria noch vor dem Frühstück einige persönliche Dinge heraus räumen und in den Abfall werfen sah. Nutzlose Gegenstände, wie sie sich in jedem Haushalt ansammeln. Aber mit Erinnerungen behaftet.

Er machte den Kaffee und deckte den Tisch. Und beobachtete schweigend.

„Die Gardinen hätten noch gewaschen werden müssen“, sagte Eva-Maria mit einem prüfenden Blick auf den Fensterschmuck und Sichtschutz. Ein leiser Vorwurf war damit verbunden – wegen seiner Raucherei, die er immer aufgeben wollte. Aber dann packte er es doch nicht.

„Die waren erst vor vier Wochen dran“, brummte er.

Tina brachte die Zeitung herein. Im Nachthemd.

„So geht man aber nicht auf die Straße!“, machte er seine Tochter aufmerksam. Den Hinweis, was die Nachbarn denken sollten, verkniff er sich.

Die Nachbarn mochten alles liebe und nette Leute sein, und teilweise waren sie das auch, aber um ihre Meinung fragte er nicht. In diesem Sinn wurde auch Tina erzogen.

Sie lernte, dass es gewisse Lebens- und Anstandsregeln einzuhalten galt, dass sie aber in vielen anderen Dingen nur sich selber verantwortlich war und die Ansicht anderer nicht erst einzuholen brauchte. Sie sollte kein Duckmäuser werden, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängte.

„Och, was du bloß hast!“, setzte sich Tina auch gleich zur Wehr. „Wenn Fräulein Rüssmann im Bikini vor dem Haus ist und mit dem Briefträger redet, regt sich niemand auf. Und du guckst ja auch hin.“

„Wenn der Briefträger kommt, bin ich nicht da!“, verteidigte er sich und holte die Brötchen aus der Tüte, die der Bäcker vor der Haustür deponiert hatte.

„Das ist geschwindelt. Samstags bist du da und guckst, Papi.“

„Wenn du meinst!“, seufzte er. „Geh rauf und mach dich fertig, wir wollen frühstücken.“

Kinderaugen beobachten besonders scharf. Natürlich hatte er schon etliche Blicke auf besagte Dame geworfen. An Fräulein Rüssmann war alles richtig; sie konnte ungeniert vorzeigen, was sie hatte. Mit 25 oder 28 oder wie alt sie war.

Im Wohnzimmer hantierte Eva-Maria mit dem Staublappen. Auf dem Wandbord rückte sie das Zinngeschirr zurecht, trat zwei Schritte zurück und prüfte kritisch ihr Werk.

Ihr Treiben bereitete ihm Unbehagen. Sie hantierte wie jemand, der sein Haus noch bestellt, bevor er es verlässt und nie mehr zurückkommt.

„Lass doch, das können wir heute Nachmittag zusammen machen“, störte er sie absichtlich, um sie aus ihren Gedanken zu reißen.

Sie schaute ihn nur an. Ihr Blick schnitt ihm tief in die Seele.

Dann ging sie ins Arbeitszimmer. Er hörte, dass sie Bücher im Regal einstellte.

Diese verflixten Bücher!

Hätte ich sie doch eingeschlossen oder fortgeworfen, dachte er bekümmert. Wer kann denn so etwas ahnen?

Dann begriff er, wie unsinnig derartige Überlegungen waren. In ihrer Familie hatten sie keine Geheimnisse voreinander, es gab auch keine verschlossenen Schranktüren oder Fächer, wo der eine etwas vor dem anderen zu verbergen suchte. Die Ehe verstanden sie beide als einzige große Vertrauensgemeinschaft.

Nun hatte dieses Vertrauen einen Riss bekommen.

Eva-Maria hatte ihm verheimlicht, dass sie seit Tagen unter diesen Schmerzanfällen litt.

Und er hatte sich verstellt, um Hermann Mittler nicht zu verraten. Hermanns Anruf entsprang lauteren Motiven, ganz gewiss, aber am Ende stand da doch eine Lüge – eine Notlüge. Um Eva-Maria zu helfen.

Er trat ans Fenster und blickte in den Garten.

Die Blumenrabatten waren aufgehackt. Seine Mädchen hatten das nach dem letzten Regen besorgt, bevor die Erde wieder hart wurde. Der Steingarten blühte, dass es eine Freude war.

Eva-Maria gärtnerte leidenschaftlich, und der Steingarten war ihr unumschränktes Reich. Sie widmete ihm viel Liebe.

Nach einiger Zeit klappte die Tür in seinem Rücken. Er wollte gerade etwas über den hübsch blühenden Steingarten sagen, als er den Duft seines Rasierwassers roch.

Verblüfft drehte er sich um. Tina! Sie blickte halb schuldbewusst und halb triumphierend.

„Ich will auch gut riechen“, erklärte sie in der Manier einer guten Vorwärtsverteidigung.

„Wahrscheinlich stellen sie dich in der Schule zum Auslüften vor die Tür! Das ist Rasierwasser, und das nehmen nur Männer. Ist wenigstens noch etwas in der Flasche geblieben?“

Tina hatte wohl eine andere Reaktion erwartet. Eifrig nickte sie. „Ich glaube schon. Du, Papi, krieg’ ich jetzt auch einen Bart?“

„Mädchen und Frauen haben keinen Bart. Wieso?“

„Die Frau Leber hat einen.“ Siegessicher blickte Tina ihn an. „Bestimmt hat sie Männerrasierwasser genommen.“

„Bestimmt nicht. Und meines schon gar nicht. Und außerdem gibt es halt Frauen, die einen Bart haben“, entschied er. „Wasch dir das Zeug runter, du kriegst eine ganz rote Haut.“

„Es kribbelt aber so schön.“

„Jetzt noch, nachher beißt es. Marsch, ins Bad mit dir!“ Schmollend zog sie ab.

Frau Leber war eine ältere Dame in der nächsten Straße. Sie wurde von den Kindern heiß verehrt. Zum Teil lag es wohl auch daran, dass sie kleine Einkäufe für die Frau besorgen durften und für diese Dienste ein paar Groschen bekamen, die sofort in Süßigkeiten angelegt wurden.

Dass der Bart der guten Frau für die Kinder eine Attraktion war, zumindest für Tina, verblüffte ihn. Aber Kindergedanken gingen mitunter krause Wege.

Eva-Maria kam aus dem Arbeitszimmer herüber und schnupperte. Ihr fragender Blick blieb auf ihm ruhen.

„Unsere sehr verehrte Tochter wünscht sich neuerdings einen Bart und hat sich zu diesem Zweck mit meinem Rasierwasser einbalsamiert.“ In komischem Entsetzen schaute er zur Zimmerdecke auf.

„Sei doch froh. Letzte Woche wollte sie noch unbedingt einen Hund. Müssen wir unbedingt fahren?“

Das hatte er die ganze Zeit befürchtet – dass sie im letzten Moment einen Rückzieher machte!

„Was soll Hermann von dir denken? Erst besorgt er dir einen Termin, und du erscheinst dann nicht. Außerdem halte ich eine Untersuchung für unumgänglich. Du bist nie zur Vorsorgeuntersuchung gegangen. Das wird heute alles in einem Zug gemacht.“

„Du bist ja auch nicht hingegangen.“

„Das ist doch etwas ganz ...“ Er schwieg und fügte fast etwas kleinlaut hinzu: „Ja, du hast recht. Wir sind beide ziemlich leichtsinnig. Für nächste Woche lasse ich mir einen Termin geben.“

„Warum lässt du dich nicht heute untersuchen?“

„Bei dem Gynäkologen? Das Gesicht möchte ich sehen!“ Die Vorstellung erheiterte ihn.

Eva-Maria teilte seine Belustigung nicht. „Sie haben auch eine Männerabteilung.“

„Kann ich mir denken. Aber ich habe keinen Termin, und ohne Anmeldung wird das nicht gehen. In der nächsten Woche, bestimmt.“

„Dann ruf jetzt an!“ Wenn sie so energisch sprach, dann meinte sie auch, was sie sagte. Und Ausflüchte und Vertröstungen nützten gar nichts.

Er fühlte sich fast eine Spur genötigt. Aber wenn er sich schon gegen eine einfache Vorsorgeuntersuchung sträubte, wie viel mehr Grund hatte sie dann mit ihren akuten Beschwerden und dieser höllischen Seelenangst?

Dazu noch eine Selbstdiagnose auf Krebs!

„Aber nicht in Bonn!“, sagte er brummig.

„Das spielt keine Rolle. Hauptsache, du gehst hin.“ Ihre Augen dirigierten ihn förmlich zum Telefon.

Er rief den Hausarzt an. Um diese Tageszeit war der Mann natürlich noch nicht in der Praxis. Aber die Sprechstundenhilfe war da etwas mürrisch, etwas unausgeschlafen.

Als sie den Namen Becker hörte, wurde sie hörbar freundlicher. Privatpatienten wie die Beckers genossen besondere Aufmerksamkeit. Walter bekam einen Abendtermin für den Dienstag der kommenden Woche.

Er trug die Uhrzeit in den Terminkalender ein und spürte warme Atemzüge im Nacken.

Eva-Maria war hinter ihn getreten und schaute ihm beim Schreiben zu.

„Zufrieden, mein Schatz?“ Er wandte sich halb um und blickte auf kurze Distanz in ihre wunderschönen blaugrauen Augen.

„Ja.“ Es hörte sich halb trotzig und halb zaghaft an, vielleicht aus der Erkenntnis heraus, dass sie es so einfach schon längst hätte haben können. Ein Anruf, ein Termin, die Untersuchung! Dann wäre ihr wohl erspart geblieben, was jetzt diese Beklemmungen hervorrief und ihr fast das Herz abdrückte.

„Heute Abend sieht die Welt für dich auch wieder zufriedenstellend aus, wirklich“, sprach er ihr Mut zu. „Hast du Schmerzen?“

„Nicht mehr als sonst. Hoffentlich bleibt es so.“

„Hoffentlich nicht. Es muss besser werden. Wie heißt der Arzt eigentlich? Hat ihn Hermann empfohlen?“

„Winter.“

„Winter? Winter?“ Er grübelte. Den Namen hatte er schon gehört, aber er wusste nicht, in welchem Zusammenhang das war. Vielleicht hatte Hermann mal bei einem Besuch diesen Namen im Gespräch erwähnt.

„Edith hat sich von ihm ihre Operation machen lassen“, gab sie ihm eine Erinnerungshilfe.

Jetzt entsann er sich. Edith war eine Bekannte, hatte früher in Bonn gearbeitet. Aus dieser Zeit kannte sie wohl diesen Winter und die Klinik, und darum war sie hingegangen, statt sich hier ins städtische Krankenhaus zu legen.

„Und sie ist zufrieden?“, fragte er. „Keine Beschwerden mehr und völlig schmerzfrei. Aber sie lag drei Wochen.“

„Was zählt das schon?“ Er fasste sie um die Taille und zog sie mit ins Esszimmer. „Jedenfalls scheint der Mann tüchtig zu sein. Sonst hätte Hermann bestimmt etwas gesagt. Er wird dir helfen können, ich glaube es ganz fest.“

Er zog sie am Tisch vorbei zum Fenster. „Guck dir nur die Blütenpracht im Steingarten an! Das hast du mit gutem Willen und Energie zustande gebracht. Als ich da noch rumgewerkelt habe, blühte immer nur das Gras.“

„Warum sagst du das, Walter?“

„Weil du mit halb so viel Energie deine Angst vor der Untersuchung überwinden kannst.“

„Vor der habe ich keine Angst, sondern vor dem Befund.“

Es hörte sich beinahe nach Spitzfindigkeit an.

„Das meinte ich auch“, bog er schnell ab und schaute auf die Uhr. „Wir setzen Tina an der Schule ab und fahren dann ganz gemütlich los. Die treue Olga wird jetzt schon das Nervenflattern haben. In einer Stunde platzt die Bombe.“

Auf der Treppe hörte er Tina poltern. Er ließ Eva-Maria los und ging in die Küche, um den Kakao anzurühren.



13

Die Polizei war schon wieder da. Zwei Mann in Zivil, einer in Uniform.

Schwester Karin war der Unglücksrabe, der den Besuchern in die Finger lief. Mit einem Gesichtsausdruck voller Resignation und Unbehagen brachte sie die Männer auf Station 3 b und parkte sie vor dem Ärztezimmer. Eilig verschwand sie hinter der Tür.

„Herr Doktor Winter, draußen sind Leute von der Polizei. Man will Sie sprechen.“

„Sagten sie, worum es sich handelt?“

„Nein, Herr Doktor. Nur, dass es wichtig ist.“

„Danke, ich stehe gleich zur Verfügung.“ Dr. Winter wandte sich an die Hebamme und reichte ihr zwei Krankenblätter zurück. „Hauk junior und unseren kleinen Flieger sehe ich mir nachher an. Was steht uns sonst heute bevor?“

„Wir haben noch immer nicht den Namen“, bemängelte Schwester Luise. „Vielleicht kann uns die Polizei helfen, wenn sie schon da ist. – Drei Geburten, zwei mit Wehentropf eingeleitet.“ Sie zog ihre unverwüstliche Uhr aus der Kitteltasche. „Um die Mittagszeit dürfte der Betrieb einsetzen.“

Wenn das keine präzise Auskunft ist!, dachte Dr. Winter schmunzelnd und blickte ihr nach, wie sie mit ameisenhafter Geschäftigkeit hinaus wuselte. Herr Hauk hatte sich gestern bei ihm über die Hebamme beschwert; er hatte sich den Redeschwall angehört und sich sein Teil gedacht und die Sache im Übrigen auf sich beruhen lassen. Erstens war Schwester Luise im Recht, zweitens gab es leider viel zu viele unverständige Väter, die ihren hochschwangeren Frauen die gefährlichsten Arbeiten zumuteten, und drittens waren Hebammen vom Schlag der Luise Schubert wahre Kostbarkeiten.

„Nun denn!“, murmelte er. „Hören wir nach, was unsere Freunde und Helfer bedrückt.“ Er steuerte ebenfalls der Tür zu.

„Auf ein Wort, Herr Kollege!“, hielt ihn Dr. Hermann Mittler zurück. „Heute kommt Frau Becker in Ihre Sprechstunde.“

„Ach ja, der Termin um elf. Sie haben ihn vermittelt.“

„Ich war behilflich. Frau Becker ist eine Jugendfreundin. Sie rief gestern an. Ihre seelische Verfassung lässt sich mit einem Wort beschreiben: erbarmungswürdig. Ich habe mich bemüht, sie etwas aufzumöbeln. Die Ehe ist, soweit ich beurteilen kann, intakt“, erklärte er rasch, als er die Brauen seines Oberarztes hoch wandern sah. „Frau Becker hat sich eine Ovarialinsuffizienz diagnostiziert und glaubt, dass es Krebs ist.“

„Die fachkundigen Laien!“, meinte Dr. Winter etwas unzufrieden. „Ihre Meinung?“

„Ich habe keine Untersuchung durchgeführt. Die geschilderten Symptome beunruhigen mich allerdings sehr, Herr Kollege. Die Frau tendierte weder zu Übertreibungen noch zur Labilität.“

„Für diese Hinweise bin ich Ihnen außerordentlich dankbar, Herr Mittler.“ Er starrte sekundenlang auf seine Schuhspitzen. „Sie werden Frau Becker treffen?“

„Wenn es sich einrichten lässt! Ich habe erst einmal abgewiegelt und den bescheidenen Versuch unternommen, die verständliche Angst einzudämmen. Übrigens wird der Ehemann sie begleiten. Ich habe das hinter ihrem Rücken angezettelt. Besser, sie erfährt nichts davon.“

„Verstehe!“ Prüfend blickte er seinen Stationsarzt an. „Sie mögen sie?“

„Immer noch“, bekannte Dr. Mittler. „Aber auf platonischer Ebene.“

„Das genügt mir“, sagte Dr. Winter lächelnd. Mit einem tiefen Atemzug wandte er sich um und verließ das Ärztezimmer.

Schwester Karin hatte das Weite gesucht. Die Herren von der Polizei dokumentierten Stehvermögen, jedenfalls waren sie noch da und fixierten den Arzt.

„Herr Doktor Winter?“, erkundigte sich ein rotgesichtiger Herr mittleren Alters mit beginnendem Bürobauch. „Kriminalhauptkommissar Sommer“, stellte er sich vor. Dann nannte er die Namen seiner Begleiter. „Wir ermitteln in der Sache Flugzeugabsturz. Wenn Sie uns ...“

„Das trifft sich gut. Ist der Name der Frau bekannt?“

„Bitte?“ Hauptkommissar Sommer blickte völlig irritiert.

„Die Patientin wurde als Notfall eingeliefert und hat entbunden. Wir wüssten schon gerne, wie Mutter und Kind heißen. In den Begleitpapieren fehlten alle Angaben zur Person.“

„Ach so! – Monika Stratmann aus Hannover. Modefotografin oder so. Hat die Maschine in Wahn gechartert und war auf dem Weg nach Brüssel. Verheiratet, aber der Mann ist nicht erreichbar.“

„Das ist doch schon eine ganze Menge.“ Dr. Winter machte sich auf einem Rezeptformular Notizen. „Und was führt Sie nun zu mir, meine Herren?“

„Die Sache ist nämlich so“, setzte Hauptkommissar Sommer an, „dass die Zeugen, die die beiden Insassen aus Maschine und Scheune bargen, übereinstimmend aussagen, dass sich die Frau vorne beim Piloten befunden hat statt im hinteren Teil des Cockpits. Angeschnallt war sie auch nicht. Immerhin besteht der leise Verdacht, dass der Pilot ihr den Knüppel überlassen hat. Ihn können wir leider nicht mehr fragen. Andererseits war der Zustand der Frau nicht zu übersehen, und als erfahrener Pilot wird er sich gehütet haben, ihr die Maschine anzuvertrauen. Überdies dauerte die Absturzphase nahezu zwei Minuten, also Zeit genug für ihn, die Maschine wieder zu übernehmen. Gekannt haben sie sich auch nicht, das haben wir ermittelt. Sie fliegt öfters ab Wahn, mit ihm war es das erste Mal. – Zumindest sind Zweifel aufgekommen, Sie verstehen?“

„Und wie kann ich Ihnen bei der Beseitigung der Zweifel nützlich sein oder bei der Aufklärung der von Ihnen festgestellten Widersprüche?“

„Hat Frau Stratmann irgendetwas gesprochen? Bei der Einlieferung oder während der Entbindung?“

„Ich muss Sie enttäuschen. Sie kam als akuter Notfall. Um das Leben des Kindes zu retten, war ein operativer Eingriff erforderlich, und der lässt sich nur unter Narkose vornehmen. Sie haben sich umsonst herbemüht.“

„Kein Wort? Nichts?“, bohrte Hauptkommissar Sommer.

„Wenden Sie sich besser an Doktor Rose. Die Patientin liegt auf seiner chirurgischen Station“, empfahl Dr. Winter.

„Waren wir schon. Der Frau geht es miserabel, sie liegt auf der Intensivstation. Eine Vernehmung ist ausgeschlossen.“

Dr. Winter blickte auf die Ganguhr. „Gesprochen hat sie jedenfalls nicht. Könnte sie nicht in den vorderen Teil der Kanzel geschleudert worden sein, weil sie nicht angeschnallt war?“

Sommer zog die Schultern hoch und den Bauch ein. „Darauf läuft’s wohl hinaus – bei den Brüchen und was sonst noch bei ihr entzweiging. Aber wir müssen jedem Hinweis nachgehen.“

„Natürlich. Meine Herren, entschuldigen Sie mich jetzt bitte!“

„Vielen Dank, Herr Doktor!“, rief ihm Sommer nach.


14

Sie drückte Tina so an sich, wie es Walter wissentlich noch nie beobachtet hatte.

Angesichts der Freundinnen vor dem Schulhausportal war Tina diese Verabschiedung fast lästig. Jedenfalls befreite sie sich, winkte kurz und marschierte mit den Klassenkameraden ins Gebäude.

Als Eva-Maria auf dem Beifahrersitz Platz nahm, sah Walter, dass Tränen in ihren Wimpern hingen.

„Nicht doch!“ Er reichte ihr sein Taschentuch. „Es wird ja alles gut.“

„Ich habe so ein schreckliches Gefühl. Und einfach Angst.“ Sie tupfte Augen und Nase ab. „Fahr bitte zu, die Kinder sehen her!“

Walter fädelte den Wagen in den langsam vorbeirollenden Verkehr ein; die Mehrzahl der Fahrzeuglenker fuhr hier vor der Schule immerhin rücksichtsvoll und angemessen.

„Gönneweins wissen übrigens nicht, warum ich nach Bonn fahre“, sagte Eva-Maria, als er den Marktplatz überquerte. Ihre Stimme hatte sich gefangen.“

Er verstand ihre Gründe und nickte. „Von mir erfahren sie nichts. – Du, ich hab’ mir gedacht, wir drehen einen Bogen durchs Bergische Land und gehen am Flughafen auf die Autobahn. Wir haben massenhaft Zeit. Das Wetter lockt geradezu zu einem Ausflug. Ich komme mir wie ein Kind vor, das die Schule schwänzt.“

„Magst du nicht von unterwegs in der Firma anrufen?“

„Ganz und gar nicht. Zu Hause wird das Telefon Sturm klingeln. Schon dieser Gedanke ist eine Wohltat.“

Besorgnis kehrte in ihren Blick ein. „Du musst an die Zukunft denken! So hat die Firma etwas gegen dich in der Hand.“

„Ich denke an die Zukunft, an unsere und an die der Firma. Darum mache ich heute blau. Und weißt du es bereitet mir ein diebisches Vergnügen! Komm, genieße den Sonnenschein und die schöne Aussicht und lass die dummen Gedanken hinter dir. Ich mach’s ebenso.“ Er bog in die Ausfallstraße ein, die nach Osten auf die Erhebungen des Bergischen Landes zuführte.

Aus den Augenwinkeln sah er, dass Eva-Maria zum Krankenhaus auf dem Berg hinüber starrte, das schon halb von Bäumen verdeckt war.

Dann hatte er schon den Staatsforst erreicht und war froh, dass der Blick zurück auf die Stadt verwehrt war.

„Weißt du noch unsere Hochzeitsreise haben wir auch über diese Straße angetreten“, sagte er lachend. „Etwa um diese Zeit. Der Wagen war allerdings kleiner.“

„Und nicht ganz bezahlt.“

„Aber eine herrlich verrückte Zeit. Und mit dir doppelt schön.“ Ihre Hand kam langsam herüber und legte sich auf seinen rechten Arm. „Ich danke dir dafür, Walter.“

„Oh, das war kein Kompliment, sondern eine Feststellung, und die aus vollem Herzen.“

„Du verstehst mich falsch. Ich meine die Zeit mit dir.“

„Bitte! Einfach hast du’s mit mir sicher nicht gehabt, gerade am Anfang, als wir so verzweifelt wenig Geld hatten. Wenn du nicht so eisern und standhaft gewesen wärst, ich hätte bis zum Monats zehnten das Gehalt immer schon verbraten gehabt.“ Er lachte.

Ein qualmendes Kiesfahrzeug beanspruchte die Fahrbahn. Der Gegenverkehr war derart dicht, dass ein Überholen nicht ratsam war.

Bei der nächsten Gelegenheit bog Walter ab und benützte eine schmale, dafür auch weniger befahrene Straße. Nur zum Wochenende herrschte hier großer Rummel, wenn die Autowanderer mit ihren Fahrzeugen den Waldparkplätzen zustrebten und abends sich die gesamte Blechlawine wieder in Richtung Stadt in Bewegung setzte.

Er fuhr langsam und genoss den Faulenzertag, wie er ihn bei sich nannte.

Es ging ins Sülztal hinab und drüben wieder hoch.

Sie fuhren durch kleine Dörfer, an deren Rand sich schon die Bungalowsiedlungen ausbreiteten, Tribut an die nahe Großstadt.

Im Aggertal hatte ein Ausflugslokal schon geöffnet. Gäste saßen auf der Terrasse.

„Wie wär's mit einem zweiten Frühstück?“, lockte Walter. „Groß braucht es ja nicht zu sein.“

„Gern.“ Sie überließ sich seinen Ideen, die sie manchmal schon vor geradezu unmögliche Situationen gestellt hatten.

Er bog auf den Parkplatz neben dem Lokal ein, und wenig später saßen sie unter den Gästen auf der Terrasse, tranken Kaffee und ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen.

Verstohlen blickte Eva-Maria auf die Uhr.

„Wir werden schon pünktlich zur Stelle sein, keine Sorge“, beruhigte er sie.

Leicht schüttelte sie den Kopf. „Daran mag ich gar nicht denken. Die Firma will mir nicht aus dem Sinn. Willst du nicht doch ...?“

„Wenn dir soviel daran liegt, rufe ich halt an. Aber nicht vor Mittag, mein Schatz.“ Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest.

Die Bedienung sah es und lächelte. Verliebte Paare, auch ältere, kamen öfters hier heraus.

Statt zum Wagen gingen Eva-Maria und Walter zum Flüsschen, warfen ein paar Steine ins Wasser und stromerten durch blühende Wiesen wie taufrische Liebesleute. Als sie nach einer Stunde zum Parkplatz zurückkehrten, hatten sie zwar nasse Füße, aber zugleich das Gefühl, sich ein paar Jahre in die Vergangenheit zurück gestohlen zu haben.

Eva-Marias Augen leuchteten, wie Walter es schon lange nicht mehr gesehen hatte.

Die Bedienung blickte dem davonrollenden Wagen nach und schickte einen Seufzer hinterher. Ein Gast rief etwas ungeduldig, er wünsche zu zahlen.



15

„Ober sich wirklich den Hals gewaschen hat?“, fragte Eva-Maria aus ihren Gedanken heraus und lachte.

„Wer denn?“ Er lachte, erleichtert über ihre spontane Fröhlichkeit, zurück.

„Hermann. Das war immer als Junge sein schwacher Punkt. Seine Mutter ist darüber fast verzweifelt, daran erinnere ich mich. Gestern hat er versprochen, mit frisch gewaschenem Hals am Eingang zu stehen.“

„Sehen wir doch nach“, schlug Walter vor und reichte ihr in übertrieben galanter Manier den Arm. „Dann kann er auch gleich sehen, dass wir ein glückliches Paar sind.“ Sie verließen den Parkplatz der Paul-Ehrlich-Klinik.

Schelmisch blickte sie ihn von der Seite an. „Immer noch eifersüchtig? Ganz ehrlich!“

„Am Anfang ja.“ Er drückte ihren Arm. „Ich konnte dir nicht viel bieten. Ein freches Mundwerk und ein mäßiges Gehalt. Er war schon der Traummann in Weiß, von dem die Frauen schwärmen.“

„Er war Student“, berichtigte sie. „Noch schlimmer. In dem Stadium sind die angehenden Äskulapjünger abgefeimte Schürzenjäger. – Wenn mich keine Halluzinationen narren, steht er wirklich vor der Tür!“

„Er war kein Schürzenjäger.“ Eva-Maria ergriff eindeutig Partei. „Und abgefeimt auch nicht. Zur Jagd gehören bekanntlich zwei der Jäger und das Wild.“

„Pirsch heißt das wohl. Genug herumgeschlichen ist er um dich. Manchmal bin ich richtig wütend geworden. Alle Knochen hätte ich ihm brechen können. Und jetzt mag ich den Burschen irgendwie.“

Sie strebten dem Portal zu. Hermann Mittler entdeckte sie und winkte erfreut.

Wenig später begrüßten sie sich. „Hat sie dich mitgeschleppt?“, fragte der Arzt danach und hob etwas die Brauen.

„Ich habe mich ihr aufgedrängt“, scherzte Walter. „Außerdem war es die Gelegenheit, dem Büroärger zu entwischen.“ Er sah die Erleichterung in Hermanns Gesicht. Wegen des verheimlichten Telefonanrufs hatten sie beide kein reines Gewissen.

„Ich würde euch gerne rauf begleiten, aber die Patienten warten schon zu lange auf mich. Ich hinter lasse bei Fräulein Angern, wo wir uns anschließend treffen. Ihr habt doch Zeit, oder?“

„Den ganzen Tag“, versicherte Walter. „Wer ist Fräulein Angern?“

„Die Sprechstundenhilfe von Herrn Winter.“ Der Pieper in seiner Brusttasche meldete sich aufdringlich. „Ich muss leider. Bis dann!“ Als sie die Halle durchquerten, sahen sie ihn telefonieren.

„Der Stress lässt keinen aus“, meinte Walter; der Anblick des emsigen Arztes und Freundes Hermann Mittler versöhnte ihn mit seinem Ärger über Kentenich.

Dieses Fräulein Angern entpuppte sich als blondes, recht adrettes und freundliches Wesen, das geschäftig die Personalien aufnahm und einen aufmerksamen Blick zu Walter Becker hin überschoss.

„Bitte noch fünf Minuten!“, sagte sie. „Sie kommen pünktlich dran, Frau Becker. Nehmen Sie doch solange Platz. Sie wollen warten, Herr Becker?“

„Wenn es nicht als ungewöhnliches Vorkommnis aufgefasst wird ja.“

„Wir begrüßen es, wenn Ehemänner ihre Frauen begleiten“, versetzte Fräulein Angern und wandte sich der Kartei zu, während die Beckers Platz nahmen.

Eva-Maria wirkte plötzlich zart, hilflos und verschüchtert wie ein Mädchen unmittelbar vor der ersten Tanzstunde. Dieser Vergleich fiel Walter ein, als er sie so dasitzen sah.

„Ist dir nicht gut?“, fragte er besorgt. Es roch dezent nach alkoholischen Lösungen, wie sie zum Desinfizieren verwendet wurden, und es gab Leute, die kippten schon allein von diesem Geruch um.

„Die Schmerzen sind weg!“, sagte Eva-Maria mit weit geöffneten Augen, als könnte sie es selber nicht fassen.

Walter nickte. „Der Zahnarzteffekt! Zahnpatienten gehen fast ein vor Schmerzen, und wenn sie an die Reihe kommen, ist der Schmerz wie weggeblasen. Leider nicht die Ursache ...“

Er verstummte. Im Hintergrund öffnete sich eine Tür, eine quirlige Frau wirbelte heraus, drehte sich um, warf eine Kusshand ins Zimmer und rief: „Tschüs, Doktorchen.“

„Auf Wiedersehen, gnädige Frau!“ Die kraftvolle männliche Stimme verströmte Vertrauen und Glaubwürdigkeit und flößte Zuversicht ein.

Augenblicke später tauchte der Arzt in der Tür auf.

Eva-Maria taxierte ihn ängstlich und unsicher, Walter prüfend. Eine bemerkenswerte Erscheinung sicher, souverän und Freundlichkeit ausstrahlend.

Das also war dieser Dr. Winter, von dem Edith Trautloff so hingerissen war und dessen handwerkliche Qualitäten sie über den grünen Klee lobte!

Sie hat nicht übertrieben, fand Eva-Maria. Er entspricht genau dem Bild, das ich mir anhand ihrer Schilderungen von ihm gemacht habe. Ein Mann, dem man einfach vertrauen muss!

Der Arzt reichte seiner Helferin ein Patientenblatt und nahm ein anderes entgegen. Er warf einen Blick darauf und hob den Kopf. „Frau Becker? Herr Becker?“ Er lächelte herzlich und gewinnend. „Bitte, treten Sie näher.“

Die Ordination war peinlich korrekt sauber.

„Nehmen Sie doch Platz. – Mein Name ist Winter. Sie waren noch nie bei mir, Frau Becker, und hier sehe ich, dass Sie einen respektablen Anmarschweg auf sich genommen haben. Eine Empfehlung, nehme ich an.“

Sie nickte tapfer. Die Schmerzen waren tatsächlich weg, aber die Angst saß ihr wieder wie ein Kloß im Hals und würgte sie. „Edith Trautloff – eine Freundin, Herr Doktor Winter.“

Er lächelte höflich. „Ich bin im Bilde. Sie sind beide auch mit Herrn Mittler befreundet, er informierte mich dahingehend. Nun, dann wollen wir uns Ihrem Problem zuwenden, Frau Becker. Sie haben Beschwerden, hörte ich. Beschreiben Sie sie bitte möglichst genau. – Ist es Ihnen unangenehm, wenn Ihr Mann zugegen ist?“

„Wir – wir haben keine Geheimnisse voreinander“, sagte sie flach.

„Das lobe ich mir. Herr Becker, Sie werden verstehen, dass ich Sie dennoch bitten muss, den Raum zu verlassen, wenn ich mit der Untersuchung beginne. Nicht jetzt, behalten Sie Platz!“ Er nickte auffordernd der Patientin zu und machte ihr Mut mit dieser Geste.

„Seit Tagen verspüre ich ein unerträgliches Völlegefühl im Unterleib, Herr Doktor. Dazu einen seltsamen Druck, der pulsiert.“ Erst stockend, dann immer flüssiger schilderte Eva-Maria, wie sich die Krankheit äußerte. „Dabei stellten sich Schmerzen ein, die bis in den Rücken hinaufziehen.“

Dr. Florian Winter machte sich Notizen. „Bitte, fahren Sie fort!“, bat er.

„Mit dem Völlegefühl stellten sich Blutungen ein – Metro... Metro ...“, sie suchte nach dem Wort. Immer wieder hatte sie es gemurmelt. Jetzt war es ihr entfallen.

„Menorrhagie“, half Dr. Winter. „So lautet der Fachausdruck für langanhaltende Blutungen außerhalb der Regel. Wir sollten damit aber äußerst zurückhaltend umgehen. – Bitte!“

„Und heftige Schmerzanfälle, als ob es mich gleich zerreißt. Das ist sicher mehr unmedizinisch ausgedrückt.“

„Es verhilft zu einem besseren Bild. Wann traten diese Schmerzanfälle erstmals auf, und wo nehmen sie ihren Anfang, Frau Becker?“

„Ebenfalls im Unterleib. Und sie kommen in immer kürzeren Abständen. Das heißt, seit gestern Morgen gar nicht mehr. Das Völlegefühl und der Druck sind auch weg.“ Sie blickte ihn aus großen geweiteten Augen hoffnungsvoll an, als erwartete sie, dass er aufstand und sagte, alles sei in Ordnung, und sie könnte nach Hause fahren.

„Sie hat es mir leider verheimlicht, müssen Sie wissen“, sagte Walter erklärend. „Durch Zufall wurde ich gestern früh Zeuge eines solchen Anfalls. Ich hätte sie sofort zur Untersuchung gebracht.“

„Das werden wir schon noch nachholen. – Frau Becker, wie äußern sich diese Schmerzanfälle? Ich sehe hier, Sie haben ein Kind, dann verstehen Sie, was ich meine. Sind sie wellenartig oder stechend oder ...?“

„Stechend. Ich habe in einem Fachbuch gelesen, dass das typische Symptome für Krebs sind.“

„Dann wollen wir ganz schnell vergessen, was Sie da gelesen haben. Typisch ist gar nichts, am wenigsten in der Medizin. Wenden wir uns der Anamnese zu.“ Er bemerkte, dass Eva-Maria Becker sich kerzengerade aufsetzte, und fügte beruhigend hinzu: „So nennt man die Befragung des Patienten nach früheren Krankheiten und operativen Eingriffen.“

Seine ruhige sonore Stimme und seine freundliche, verständige Art übten einen beruhigenden Einfluss auf Eva-Maria aus. Als sie das Wort „Krebs“ aussprach, hatte er sogar etwas gelächelt. Nur für einen Augenblick, aber sie hatte es gesehen.

Dann war es vielleicht doch nicht das, wovor sie sich fürchtete?

Geduldig fragte Dr. Winter Krankheiten ab. Dann und wann nickte sie. Es waren die üblichen Kinderkrankheiten.

Der Kugelschreiber kritzelte auf Papier.

„Und operative Eingriffe, Frau Becker?“

„Eine geplatzte Zyste am rechten Eileiter. Das ist zehn Jahre her. Der Blinddarm wurde dabei entfernt.“ Fragend blickte Dr. Winter auf.

„Auf dem Rückzugsgefecht mit erledigt, so drückte sich der Arzt aus“, erklärte Walter. „Die geplatzte Zyste war eine böse Geschichte. Sie hat sich nämlich einen Tag mit unmenschlichen Schmerzen herumgeschleppt. Nachts um drei habe ich sie gegen ihren Willen ins Krankenhaus gebracht. Da war es schon höchste Eisenbahn.“

Dr. Winter schrieb. Dann fragte er: „War die Geburt des Kindes komplikationslos?“

„Tina hatte eine doppelte Nabelschnurumschlingung und stellte sich drei Wochen zu früh ein. Kein Kaiserschnitt, wenn es wichtig ist.“

„Und sonst, Frau Becker?“

„Sonst wurde ich nie stationär behandelt.“

„Danke. – Herr Becker, wenn ich Sie nun bitten dürfte, draußen zu warten.“ Dr. Winter drückte auf die Ruftaste.

In der Tür erschien Renate Angern.

Walter verließ das Behandlungszimmer.



16

Scham und Verlegenheit hatte Eva-Maria damals empfunden, als sie zur Schwangerschaftsuntersuchung bei Dr. Scharnitz gegangen war.

Sie hatte aber eingesehen, dass die Untersuchung im Intimbereich nötig war und sich damit getröstet, dass sich schon vor ihr viele Frauen dieser Prozedur unterzogen hatten.

„Machen Sie sich bitte unten herum frei“, bat Dr. Winter.

Die blonde Arzthelferin hantierte im Hintergrund.

Eva-Maria wusste, dass während der Untersuchung eine Helferin zugegen war. Selbstschutz und Absicherung des Frauenarztes gegen Patientinnen, die womöglich nachher den Arzt bezichtigten, an ihnen manipuliert zu haben.

Sie machte sich hinter dem Paravent frei.

Dr. Winter half ihr auf den gynäkologischen Stuhl, zog den Instrumententisch heran und streifte sich den Plastikhandschuh über.

„Ganz locker, bitte, nicht verspannen!“, sagte er. „Wenn Sie Schmerzen verspüren, sagen Sie es sofort.“

Er begann mit der Untersuchung und führte das Spekulum ein.

Äußere Scham und Scheide zeigten akute Reizzustände. Die Schleimhäute waren durch die Menorrhagie laufend gefordert und zeigten eine natürliche Reaktion.

Das sah alles sehr normal aus.

Stutzig wurde er, als er an der Portio, dem Scheidenteil des Gebärmutterhalses, körnige Strukturen entdeckte. Einzelne Zellen waren stark vergrößert. Eine Hypertrophie, die nichts Gutes erwarten ließ.

Vorsichtig sondierte er tiefer.

In der Gebärmutterhöhle hatte sich ein Blastom gebildet, mit nur noch hauchdünner Wandung.

Behutsam lavierte er das Instrument an der tumorigen Gewebeausbildung vorbei, konnte aber die Eileiter nicht erreichen. Die Tuben waren extrem verengt.

Er entfernte das Instrument und überschlug blitzschnell alle Möglichkeiten.

Die tapfere Frau musste zeitweise irrsinnige Schmerzen gelitten haben. Konnte er ihr mit einem flexiblen Spekulum eine Tuben und Ovarieninspektion zumuten?

Das Uterusblastom konnte sich durch Knospung selbsttätig entwickelt haben, und die Portiohypertrophie hatte sich danach ausgebildet, war der Beginn einer Metastasensetzung. Eine Möglichkeit, jedoch nicht die letzte.

Gewisse Anzeichen deuteten auf einen Ursprung in den Ovarien, den Eierstöcken hin. Darum die auffällige Tubenverengung.

Er machte schnell und sicher einen Abstrich und entnahm mit einer Pipette zusätzlich etwas Flüssigkeit, die er in eine Glasschale gab und sofort abdeckte.

Den Handschuh warf er in den Abfalleimer. „Wir sind schon fast fertig, Frau Becker“, sagte er. „Ich nehme lediglich noch eine Abtastung vor. Bitte, Sie sagen sofort, ob Sie Schmerzen verspüren.“

Er begann in der Bauchfalte und palpierte die Abdomenregion abwärts. Dabei entdeckte er die kleine Schnittnarbe, Überbleibsel des Eingriffs wegen der geplatzten Tubenzyste und Schauplatz des „Rückzugsgefechts“ mit dem Blinddarm. Es war saubere operative Arbeit geleistet worden, er anerkannte das neidlos.

Die Vermutung bestätigte sich nicht, dass sich im Narbenbereich rechtsseitige Wucherungen oder gar Tumoren gebildet hatten. Selbst der tief einstoßende Finger löste keinen sensationellen Schmerz aus.

Dr. Winter betastete die linke Seite.

Die Patientin krümmte sich plötzlich zusammen. „Ja, hier!“, stieß sie flach hervor. „Etwas tiefer.“

Langsam, gespannt führte er den Zeigefinger über die Bauchdecke abwärts. Diesen Bereich hatte er noch nicht betastet, er war nur in seine Nähe gekommen, und dennoch verspürte die Frau Schmerzen!

„Ist es hier?“, fragte er.

Sie nickte und versuchte, über ihren Körper herabzublicken.

Wenn keine Lageanomalien der Organe gegeben sind, dachte Dr. Winter, dann liegt die Wurzel des Übels im linksseitigen Ovarium! Und da komme ich nicht hin, sonst springt sie mir auf die Bäume! Wir müssen den Zervikalkanal röntgen, hilft alles nichts!

„Danke, Sie können sich wieder ankleiden, Frau Becker!“ Er half ihr vom Stuhl und ging zum Waschbecken. Mit den Augen dirigierte er Renate Angern neben sich.

„Glasschale und Abstrich geben Sie bitte gleich zur histologischen Untersuchung. Kümmern Sie sich darum, dass der Fahrer gleich rüberfährt.“ Er nickte, um keine Zweifel aufkommen zu lassen.

Seine Helferin blickte ihn sekundenlang starr an, dann war für sie alles klar. Gelegentlich bediente sich Dr. Winter einer Schlüsselsprache, die einem nicht Eingeweihten gar nichts sagte, für sie aber wichtige Hinweise enthielt.

Die Klinik verfügte über ein eigenes Labor, ein sehr gutes.

Mit „drüben“ war allerdings die benachbarte Universitätsklinik auf dem Venusberg gemeint. Dort waren ganz andere Möglichkeiten zu feingeweblichen Untersuchungen gegeben. Vor allem war das Histolabor der Uniklinik für seine fabelhafte Schnelligkeit bekannt.

Dr. Winter gab relativ selten Proben zur Untersuchung nach drüben, wenn dieser Fall aber eintrat, dann brannte es an allen Ecken und Enden.

„Wird sofort erledigt, Herr Doktor! Ich kümmere mich selber darum.“

Sie steckte den Abstrichbausch in ein Reagenzglas, schob die bedeckte Glasschale in einen verschließbaren Behälter, beschriftete die Dose und wollte hinausgehen, als hinter dem Paravent ein dumpfer Fall erfolgte und die Schirmwand schwankte.

„Kommen Sie, Renate, schnell!“ Dr. Winter hastete hinter den Schirm.

Eva-Maria Becker lag am Boden und versuchte mühsam, sich aufzurichten und den Rücken gegen die Zimmerwand zu bringen.

Dr. Winter und seine Helferin richteten die Patientin auf. Frau Becker hatte sich angezogen, danach war es passiert.

Sie lächelte verzerrt und hilflos.

„Es geht schon wieder – eine kleine Schwäche. Die Beine sind mir einfach weggeknickt“, entschuldigte sie sich.

„Den Tisch, bitte!“ Mit einem Blick sah Dr. Winter, dass es etwas anderes war als nur Schwäche. Die Patientin erlitt eine neue Schmerzattacke. Aus Eitelkeit oder Angst gab sie es jedoch nicht zu.

Auf einen Stuhl setzen konnte er sie nicht. Da fiel sie ihm womöglich auf der Stelle herunter.

Renate Angern rollte den Untersuchungstisch heran. Gemeinsam hoben sie Frau Becker hinauf und schoben sie zum Fenster, das sie weit öffneten, um frische Luft zutreten zu lassen.

„Danke, Renate, und schicken Sie jetzt Herrn Becker herein.“

Die Helferin verschwand mit der Dose. Sekunden später war Walter Becker zur Stelle, bestürzt, besorgt, der ganze Mann ein Nervenbündel.

„Was ist? Was denn? Eva, sag doch was? Wieder ein Schmerzanfall?“ Er ergriff ihre schlaff herabhängende Hand. „Herr Doktor, tun Sie was, sie ist ganz kalt!“

Dr. Winter hatte den anderen Arm ergriffen und fühlte den Puls. Der war stark beschleunigt und ging jagend, war aber weder dünn noch fadenförmig.

„Die erste Grundregel lautet: Ruhe bewahren, Herr Becker“, sagte er. „Ihrer Frau ist nicht gedient, wenn Sie jetzt die Nerven verlieren.

„Frau Becker, können Sie sich etwas auf die linke Seite drehen und die Beine leicht anziehen? Es würde die Schmerzen erträglicher machen. Sie verspüren doch wieder diese Stiche?“

Unter Tränen nickte sie.

„Sie müssen mir die Wahrheit sagen“, erklärte der Arzt freundlich mahnend. „Es war kein Schwächeanfall.“

Er half ihr, eine Körperlage einzunehmen, die die Schmerzen erträglich machte, und injizierte lokal etwas Procain unter die Bauchdecke.

Fast augenblicklich stellte sich die örtliche Betäubung ein und machte die Patientin vorübergehend schmerzfrei. Je nach Konstitution hielt die Wirkung bis zu dreißig Minuten vor. Nach dem Habitus der Frau glaubte Dr. Winter an bestenfalls fünfzehn Minuten. Die steckte seine Procaingabe genau so weg wie die Schmerzen, wenn sie nicht gerade bestürzende Ausmaße erreichten.

Der Ehemann hatte sich gefangen. Die Hand aber hielt er fest.

Er blickte den Frauenarzt prüfend an. „Ist die Untersuchung beendet? Können Sie schon etwas sagen?“

In solchen Situationen wünschte Dr. Winter, einen anderen Beruf ergriffen zu haben. Wie man den Leuten die Wahrheit auch nahebrachte, irgendwie war es immer falsch! Ein Bäcker hatte es einfacher. Auch zu braun gebackene Brötchen wurden verspeist. Und wenn die Kunden heute meckerten, morgen waren sie schon wieder zufrieden.

Aus Überzeugung war er Frauenarzt geworden. Weil er die Berufung gespürt hatte. Und eben nicht Brötchenbäcker.

„Im Interesse der Gesundheit Ihrer Frau möchte ich eine Röntgenuntersuchung vornehmen. Der Vorgang ist relativ einfach. Wir spritzen ein Kontrastmittel und sehen uns den Fluss des Mittels an. Das Drumherum hört sich dagegen erschreckend an. Ich kann diese Untersuchung nämlich nur im OP vornehmen, weil absolute Asepsis, also totale Keimfreiheit, erste und wichtigste Voraussetzung ist.“

„OP?“ Eva-Maria richtete sich steil auf, ihr Herz krampfte sich zusammen. „Ich will nicht in den OP!“

„Dort geschieht Ihnen gar nichts“, besänftigte Dr. Winter. „Es handelt sich um eine reine Untersuchungsmaßnahme, ich gebe Ihnen mein Wort darauf.“

„Warum? Sie haben mich schon untersucht!“ Sie war von Kopf bis Fuß Misstrauen.

„Ein Organ, auf das es ankommt, ist mir bei dieser Art der vorgenommenen Untersuchung nicht zugänglich“, erläuterte der Gynäkologe. „Wir müssen aber wissen, was dort vorgeht. Es ist doch Ihr Wunsch, gesund zu werden?“

„Schon. Verschweigen Sie uns etwas?“ Wieder schauten ihn diese großen Augen an, deren Blick ihm durch und durch ging.

„Habe ich überhaupt schon etwas gesagt?“, meinte Dr. Winter lächelnd. „Ich schlage vor, dass wir erst die Röntgenuntersuchung machen und uns dann zum Gespräch zusammensetzen. Einverstanden?“

Beide willigten sie ein.

Als die Patientin den Tisch verlassen wollte, wehrte er ab. „Wir wollen nichts herausfordern. Ein Pfleger wird Sie hinschieben. Eine rein vorbeugende Maßnahme.“ Er lachte. „Sonst messen Sie uns am Ende auch noch den Flur aus.“

Sicher und fingerfertig unterzog er Gliedmaßen und Schlüsselbeine einer Untersuchung. Der Sturz war glimpflich abgelaufen. Außer einem unbedeutenden Hämatom, einem Bluterguss, am Oberarm behielt die Patientin nichts zurück. Sie musste auf einen Fuß des Wandschirms geschlagen sein.

Er rief die Station an und bat um einen Pfleger. Dann wählte er die Nummer des Ärzteteams.

„Doktor Mittler bitte zum OP.“

Nach zwei Minuten kam der Pfleger. Renate Angern trat mit ihm ein und bedeutete ihrem Chef mit einem Kopfnicken, dass die Proben bereits zum Unilabor unterwegs waren.

„Walter, ich habe solche Angst. Bitte, halt mich ganz fest!“, flüsterte die Patientin und klammerte sich an den Oberarm ihres Mannes. Schmerzhaft spürte der ihre Fingernägel durch Jacke und Hemd.

„Ihr Mann wird uns ein Stück begleiten, Frau Becker. Nur mit hinein darf er nicht. Aber keine Sorge, ich bleibe bei Ihnen. Wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, stelle ich meinen Arm zur Verfügung“, sagte Dr. Winter ruhig.

Unter dem Einfluss seiner sonoren Stimme legte sich ihre Angst etwas.

Aber erst vor der Schleuse zum OP ließ sie Walters Hand los.

Diese fürchterliche Angst, die sie empfand, spürte Walter fast körperlich.

Die Glastüren klappten ihm vor der Nase zu. Er war ausgesperrt.



17

„Zur Stelle!“, meldete sich Dr. Mittler und hob fragend die Brauen.

„Eine Hysterosalpingographie“, erklärte Dr. Winter knapp.

Große Besetzung war hierzu nicht erforderlich. Herr Weiß, der OP Techniker, bereitete das Röntgengerät vor. Schwester Lisbeth, die sonst bei der Anästhesie half, fungierte als Laufschwester. Schwester Manka instrumentierte.

Dr. Mittler bemühte sich, Zuversicht zu verströmen und dies durch ein freundliches Gesicht zu untermauern.

„Es pikst mal ganz kurz, Evi Mädchen, und dann begucken wir uns dein Innenleben“, scherzte er und trat zurück, um Manka an die Tabula zu lassen.

Schwester Manka hatte die Patientin entkleidet und pinselte den Leib mit einem jodgetränkten Gazebausch ein. Mit Abdecktüchern verhüllte sie die Hautpartien und schaute nach den beiden Ärzten.

Dr. Winter und Dr. Mittler befanden sich im Nebenraum und wuschen sich steril.

„Schon ein Befund?“ Hermann Mittler dämpfte die Stimme zu einem Murmeln.

„Die schlimmsten Befürchtungen sind übertroffen.“ Dr. Winter sprach leise und verhalten. „Portiohypertrophie, ein muzinöses Uterusblastom von der Größe eines Pingpongballes, verengte Tuben, aber wenigstens nicht verklebt.“

„Man wird bescheiden in unserem Beruf und freut sich schon über kleine Lichtblicke“, pflichtete Hermann Mittler bei. „Wenn es bei der Diagnose bleibt, könnten wir den Schaden mit einer vaginalen Hysterektomie beheben.“

„Sie sagen es, verehrter Kollege – wenn! Ich ziele aufs linke Ovarium. Da scheint mir der Hund begraben zu sein, um es sehr volkstümlich auszudrücken. Die Schmerzregion weist in den abdominalen Bereich.“

Er sagte das so eigentümlich. Hermann Mittler lauschte der Stimme nach.

„Bitte, präzisieren Sie Ihren Verdacht!“, sagte er hastig.

„Die Rossnatur der Frau hat verhindert, dass sie bislang zusammengeklappt ist. Das kann jeden Augenblick geschehen. Nach der Anamnese hat sie sich einen Tag lang mit einer geplatzten Ovarialzyste herumgeschleppt. In acht von zehn Fällen bedeutet das unweigerlich exitus. Ich vermute einen Ovarialtumor.“

„Gebe Gott, dass er noch operabel ist“, sprach Hermann Mittler hinter zusammengebissenen Zähnen.

Jeder dritte Ovarialtumor ist oder wird ein Karzinom! Diese bittere Regel lernte jeder Gynäkologe im ersten Klinikjahr.

Meist handelte es sich um Epithelialtumoren. Sie mussten möglichst sofort operativ entfernt werden, und erst vor Ort ließ sich sagen, ob sie gut oder bösartig waren. Ein absolut sicheres Mittel, dies vor der Operation festzustellen, gab es leider nicht.

Schwester Manka erschien in der Tür. „Tremor!“, meldete sie.

Dr. Winter und Dr. Mittler streiften die Handschuhe über und traten in den OP ein.

Die Patientin zitterte und flog am ganzen Körper.

„Schnell!“ Knapp kam die Anweisung von Dr. Winter. „Sprechen Sie die Patientin an! Starke psychische Reaktion.“

Hermann beugte sich über sie. „Du machst uns wohl doch keinen Kummer, Evi-Mädchen? Die ganze Sache dauert keine zehn Minuten, und wenn sie vorbei ist, fragst du dich kopfschüttelnd, wofür du dich überhaupt aufgeregt hast. So, ganz locker liegen, nichts verspannen und verkrampfen. Da hinten kommt schon das Röntgengerät. Wir machen nur ein Paßbild von deiner Inneneinrichtung.“

Dr. Winter zog bereits das Kontrastmittel auf. Sicher senkte er die Kanüle in die Bauchhöhle und injizierte.

Schwester Manka hielt die zweite Injektion bereit. Dr. Winter gab Antibiotika und legte sofort eine Kanüle zur Portio.

Weiß schob die Kassette in den Apparat und rollte ihn herbei. Das Untersuchungsfeld war durch die darumgelegten Tücher markiert.

Schwester Lisbeth schaltete die grelle OP-Lampe aus, damit das Bild auf dem Monitor besser zu erkennen war.

Das Kontrastmittel hatte bereits die Fimbrien am Ende beider Eileiter erreicht und wurde in die Tuben geflimmert. Man verwendete nur noch wasserlösliche Kontrastmittel, um der Gefahr von Fettembolien zu begegnen.

Auch das injizierte Spasmolytikum wirkte, das Dr. Winter eben gespritzt hatte. Jede Gebärmutter neigte zu krampfartigen Zuständen bei dieser Art Untersuchung. Um diese Bereitschaft zu verringern, gab man ein Reduziermittel.

„Linkes Ovarium, bitte!“ Kühl und sachlich klang Dr. Winters Stimme durch den OP.

Herr Weiß führte den Konus tiefer.

„Halt! Aufnahme!“

Knallend schlug die Kassette gegen den Rahmen.

„Nicht bewegen, Frau Becker! – Bitte noch mal!“

Er ist kalt wie ein erfrorener Hund am Nordpol, dachte Hermann Mittler.

„Noch tiefer!“

Die Hydraulik summte leise, fast beruhigend.

Auf dem Monitor wurde das linke Ovarium sichtbar, in das nun auch das Kontrastmittel einsickerte.

Ruckartig beugte sich Dr. Winter vor.

Hermann Mittler sah es einige Augenblicke vor den Augen flimmern.

Das war doch schier nicht möglich!

Ein pflaumengroßer Ovarialtumor war aus dem Becken herausgewachsen und mit dem Darm verklebt! Durch Körperbewegungen von Evi hatte sich der bewegliche Tumor mehrmals gedreht und einen Stiel gebildet.

Für Evi bedeutete dies akute Lebensgefahr.

Wie sie überhaupt die zurückliegenden zwei, drei Tage überstanden hatte, war ihm schleierhaft. Vielleicht lag’s an der Rossnatur, wie Kollege Winter bewundernd angedeutet hatte.

Es gab auch Patienten mit einer relativ hohen Schmerzverträglichkeit. Wild wurden sie erst, wenn die Pein nicht mehr zu ertragen war.

Alles sprach dafür, dass Evi solch ein Fall war.

„Dachte ich mir“, murmelte Dr. Winter und gab Weiß das Zeichen, den Apparat abzuschalten und zurückzufahren. Schwester Lisbeth nahm die Kassette an sich und schaffte sie fort.

Beide Ärzte zogen sich zur Tür zurück.

„Das erklärt die Stichschmerzen, die unregelmäßigen Anfälle“, murmelte der Oberarzt. „Jede heftige Körperdrehung drehte den Stiel um die eigene Achse.“

„Von einer Verjauchung war nichts zu erkennen“, warf Dr. Mittler hastig ein.

„Zum Glück nicht. Aber der venöse Rückfluss ist stark gedrosselt. – Herr Kollege, ich trommle das Team zusammen. Uns bleibt keine andere Wahl und vor allem wenig Zeit.“

Dr. Mittler räusperte sich. „Sagen Sie es ihr?“

„Ja. Schieben Sie sie in den Vorbereitungsraum, ich hole den Ehemann.“ Er starrte finster vor sich nieder. „Jetzt mache ich meinen Gang nach Canossa.“

Er warf die Handschuhe in den Eimer und ging nebenan zum Telefon.

„Doktor Simon-Stoll, Doktor Schimanski, Doktor Pusch und das Personal für die große Besetzung sofort zum OP! Danke!“

Hinter ihm raschelte es. Er drehte sich um.

Schwester Manka signalisierte einen zeitlichen Engpass.

Himmel, die Geburten! Daran hatte er überhaupt nicht mehr gedacht. Es musste bald soweit sein. Der Wehentropf zeitigte zuverlässige Ergebnisse.

„Einerlei. Muss die Hebamme eben zusehen, wie sie den Ansturm in den Griff bekommt. Wenn es losgeht, sind Doktor Simon-Stoll und Doktor Pusch in den Kreißsaal abgestellt. Die anderen benötige ich hier. Die Spontanoperation hat den Vorrang“, sagte er.

Seine Entschlüsse pflegte er zwar schnell, aber wohlüberlegt zu treffen.

Schwester Manka senkte den Kopf.



18

„Was machen Sie mit mir? Was haben Sie vor?“ Furchtsam blickte die Patientin zu ihm hoch.

„Erstens ist es nicht ratsam, wenn Sie sich aufregen, Frau Becker, und zweitens habe ich Ihnen versprochen, alles mit Ihnen und Ihrem Mann zu bereden. Es sind nun besondere Umstände eingetreten, die diesem Gespräch in gemütlicher Atmosphäre entgegenstehen. – Da kommt Ihr Mann. Bleiben Sie ganz ruhig.“

Ein Pfleger brachte Walter Becker in den Vorbereitungsraum. Er hatte sich Überschuhe anziehen müssen. Seine Augen drückten seine innere Unrast, die Sorge und Angst um seine Frau aus.

Dr. Winter zwang sich zu einem Lächeln.

„Auf gemütliche Sessel müssen wir leider verzichten. – Hm, Frau Becker, wir haben im linken Eierstock eine Geschwulst festgestellt, desgleichen in der Gebärmutter. Letztere bereitet uns wenig Kopfzerbrechen. Das Hauptproblem ist die Ausbildung im Eierstock. Wir sollten einen operativen Eingriff vornehmen, und ich frage Sie beide, ob Sie darin einwilligen. Meine ärztliche Pflicht gebietet mir, Sie darauf hinzuweisen, dass akute Lebensgefahr besteht ...“

Walter wurde totenbleich und hielt sich an der Griffstange des Rolltisches fest. In seinen Ohren rauschte und dröhnte es, ein barbarischer Druck machte sich hinter den Schläfen bemerkbar. Eva – seine Eva?

Ganz ausgeschlossen! Sie gehörte zu ihm, zu Tina. Eine lebensgefährliche Geschwulst das war ja geradezu lächerlich!

Oder doch nicht?

Eva-Maria lag mit zurückgebeugtem Kopf. Die Worte plätscherten an ihr vorbei.

Geschwulst – nur ein Wort! Ich hab’s gewusst, dass es Krebs ist! Warum sonst wollen sie gleich operieren?

Dieser Doktor belügt mich jawohl! Krebs ist es. Das sage ich ihm ins Gesicht!

Langsam hob sie den Kopf und starrte den Frauenarzt in der grünen OP-Tracht an.

„... wenn der Eingriff nicht sofort vorgenommen wird“, redete Dr. Winter weiter, kühl, sachlich und gewinnend wie immer. „Herr Becker, Ihre Frau mag zwar Aussichten haben, ohne Eingriff über die nächsten vier oder fünf Tage zu kommen, aber dann ist jede ärztliche Hilfe verlorene Mühe. Mit einem Eingriff hat sie die besten Aussichten, hundert Jahre alt zu werden.“

„Also ist es doch Krebs, nicht wahr?“ Die Patientin richtete sich auf. „Es ist doch Krebs! Sagen Sie mir die Wahrheit!“ Ihre Stimme wurde lauter und lauter, Tränen rannen übers Gesicht.

Dr. Florian Winter atmete tief ein. Da wurde ihm wieder die Schicksalsfrage gestellt – Krebs oder nicht! Und er befand sich in der Rolle des Schicksalsboten.

Es war ein geringer Trost, dass dieser Bote das Skalpell in der Hand hielt und ihm die Macht gegeben war, den Spruch des Schicksals anders lauten zu lassen.

„Ja“, sagte er, „es handelt sich um Tumoren, deren Natur uns unbekannt ist. Ob gut- oder bösartig, das erbringt erst die Operation. Wenn Sie Ihre Einwilligung geben, werden Sie keine Kinder mehr haben können.“

In Gedanken fügte er hinzu: Ohne Einwilligung und Operation auch nicht! Dann ist dieses Leben in wenigen Tagen erloschen!

Keuchend sagte Walter Becker: „Sie lassen uns keine Alternative!“

„Die Natur lässt Ihnen keine. – Wenn Sie sich besprechen wollen?“ Diskret zog er sich zurück.

Eva-Maria weinte hemmungslos. „Ich hab’s gewusst, ich hab’s gewusst!“ Sie hielt Walters Hände fest.

Er schluckte. Ihr Elend drückte ihm fast das Herz ab.

Nur keine Schwäche zeigen!, hämmerte es in seinem Kopf. Möble sie noch mal auf! Klang ja gar nicht so aussichtslos, was dieser Winter geredet hat! Die Operation ist nicht zu umgehen!

„Schatz, nicht verzweifeln, bitte!“ Er machte ungeschickte Tröstungsversuche. „Hundert Jahre alt kannst du werden, hat er gesagt. Und noch ein Kind wollten wir nicht.“ Er setzte sich auf den Tisch, ganz nah zu ihr. „Solche Operationen machen sie hier hundertmal im Jahr und öfter. Ich wette, die Frauen spazieren allesamt munter draußen herum. Wir können Hermann fragen, damit wir das auch ganz sicher wissen. Dieser Doktor Winter erweckt Vertrauen. Warum soll er auf der einen Seite zugeben, dass es womöglich Krebs ist, und uns auf der anderen belügen und einen Heilerfolg in Aussicht stellen, wenn das gar nicht zutreffen kann? Was meinst du denn?“

Betulich strich er ihr Haare aus dem Gesicht und legte die Hand auf ihre Wange mit den roten Flecken.

„Er kann uns nichts garantieren.“ Eva-Maria drehte den Kopf zur Seite und klemmte seine Hand fest Die Berührung tat ihr wohl, er merkte das.

„Wie ein Anfänger sieht er nicht aus. Wenn er sagt, dass du reelle Chancen hast, dann glaube ich ihm. – Da kommt er wieder. Bitte, mein Schatz, was sollen wir ihm sagen?“ Hinter Doktor Winter segelte Hermann Mittler her.

„Na, ihr zwei Hübschen sorgt ja für einen netten Wirbel“, meinte er aufgekratzt. „Ich denke, wir gießen hinterher einen auf die Lampe und stellen schon die Flasche kalt und jetzt? Trinken wir sie eben zusammen, wenn du die ersten Hüpfer vor dem Bett machst, Evi.“

„Hermann!“ Eva-Marias Blicke brannten in Dr. Mittlers Gesicht.

Verwundert zog Dr. Winter die Brauen hoch. Das waren ja Töne, wie er sie noch nie vernommen hatte! Und sein Stationsarzt blickte vorsichtig wie ein Hase, wenn es donnert! Gar so platonisch schien die Affäre nicht zu sein. Eher eine verdrängte Liebe.

Jedenfalls aber besaß die Patientin einen starken Willen, und den zwängte sie seinem Stationsarzt auf.

„Hermann, welche Chancen habe ich? Keine Ausflüchte, keine Lügen!“

„Mehr, als Flöhe in einen Sack gehen. Wärst du doch nur alle neun, zehn Monate zu einer Untersuchung gegangen, dann hättest du dir diesen unfreiwilligen Krankenhausaufenthalt ersparen können, Evi.“

„Warum gerade ich, Hermann?“

„Diese Frage stellt sich jeder, der betroffen ist, und über der Suche nach einer Antwort verzweifelt er fast. Niemand kann dir eine vernünftige Antwort geben.“

„Angenommen, der Tumor ist gutartig, was ...?“

„Dann entfernen wir die Tumoren, und du bist fast wieder wie neu.“

„Und wenn er bösartig ist?“

„Muss er ebenfalls heraus. Zusammen mit dem umliegenden Gewebe. Das erfordert ein paar Nähte, aber wir haben einen prima Schneider im OP. Und sehen tut es hinterher doch niemand.“

Seine schnodderig-spaßige Art zauberte den Hauch eines Lächelns auf ihr Gesicht. Für einen Augenblick.

„Und warum keine Kinder mehr, Hermann?“

„Ob gut oder bösartig, wir müssen in jedem Fall den linken Eierstock, den dazugehörigen Eileiter und die Gebärmutter herausnehmen. Oder wäre es dir lieber, in einem halben Jahr wieder hier zu liegen? Na siehst du, ich wusste, dass du ein vernünftiges Mädchen bist. Und weil wir in diesem Fall einige organische Einrichtungen entfernen müssen, die die Frau vor dem Mann auszeichnen, wird es mit Kindern nicht mehr klappen.“ Und leise und spitzbübisch-frivol fügte er hinzu: „Aber sonst alles nach Wunsch. Nach einer angemessenen Schonzeit natürlich.“

Dr. Winter bemühte sich, an diesem Dialog vorbeizuhören. Andererseits stellte er an seinem Stationsarzt eine völlig neue Seite fest, die gar nicht unangenehm war. Wie dieser Mensch mit der Patientin umsprang und sie ruhig bekam –kaum zu glauben!

Da sieht man halt wieder, was so eine langjährige Freundschaft ausrichtet, dachte er. Die hält – bis in den OP und darüber hinaus!

In der Tür zum OP tauchte Schwester Manka auf. Hinter ihr drängten sich Gesichter unter grünen Kappen, Mund und Nase hinter grünem Tuch verborgen.

„Das Team sammelt sich“, sagte Dr. Mittler. „Evi, nur keine Angst, ich stehe nicht weiter als einen Meter vom Tisch weg.“

Er bewegte sich aus ihrem Gesichtskreis.

Eva-Maria und Walter hielten Zwiesprache mit den Augen. Die Entscheidung lag bei ihnen.

Endlich nickte sie.

„Einverstanden!“ Ihre Stimme war allerdings kaum zu hören.

Walter erhob sich vom Bett; wo er getreulich ausgeharrt hatte. Auch die Anwesenheit des Oberarztes hatte ihn nicht vertreiben können.

„Sie haben unsere Einwilligung“, sagte er rau.

Dr. Florian Winter straffte, die Schultern. „Dann wollen wir keine Zeit verlieren. Herr Becker, Sie müssen jetzt bitte den Vorbereitungsraum verlassen.“ Danach beugte er sich über die Patientin. „Gleich kommt die Schwester und gibt Ihnen ein Beruhigungsmittel. Kopf hoch, Frau Becker!“

Die Männer entfernten sich nach entgegengesetzten Richtungen, als ein Schreckensruf der Patientin sie herumfahren ließ.

„Walter!“

„Was ist denn?“

„Ich habe ja gar nichts mit!“

Dr. Mittler grinste vergnügt. „Nicht nötig. Walter wird dir den Koffer mit Inhalt bringen. Heute noch, wie ich ihn kenne. Bis dahin findet sich bestimmt etwas hier im Haus. Wir haben eine pfundige Schwester da, glatt drei Zentner schwer. Die hilft dir sicher gern mit einem Nachthemd aus. Ich werde fragen.“

Die verkrampfte, angespannte Atmosphäre lockerte sich auf. Dr. Winter und Dr. Mittler verschwanden zum OP.

„Walter, wenn es doch nicht ...“, sagte Eva-Maria leise.

Mit großen Schritten war er bei ihr. „Nicht sprechen, Liebes, und nicht wieder aufregen.“ Er küsste sie heiß und brennend auf den Mund. „Denk an was Schönes.“

„Du auch. War ich dir eine gute Frau?“

„Immer.“

„Kein Grund zur Klage?“

„Nie.“

„Danke dir.“ Ein scheues Lächeln glitt um ihren Mund.

Es lag noch auf ihrem Gesicht, als er sich leise hinausstahl.

Sie sah gar nicht, wie er noch einmal zu ihr blickte, und sie hörte nicht, wie er murmelte: „Dich darf ich nicht verlieren!“ Es klang wie ein verzweifeltes Gebet, in das er all seine Sorgen legte.


19

'Denk an was Schönes!' Seine Worte beschäftigten sie.

Die schönste Zeit hatte sie mit ihm verlebt. Die Jugendjahre davor, da hatte es Schwärmereien gegeben, nette Erlebnisse, aber ohne Tiefgang und nachhaltige Erinnerung.

Sie starrte zur Decke hinauf und betrachtete die Sprünge, die das Aussehen von überdimensionalen Spinnen hatten.

Spinnen – ihre Gedanken kehrten zu den Dias zurück, die sie gestern zu Hause gerahmt hatte, uralte Aufnahmen, verbunden mit ganz besonderen Erinnerungen, und wanderten weit in die Vergangenheit.

Da war die Wohnung, die sie sich gemietet hatten. Ein verwohntes Loch, das erst renoviert werden musste.

Geld hatten sie kaum welches. Also behalfen sie sich mit Farbe, Eifer und Ausdauer.

Jeden Abend, wenn sie nach der Arbeit heimkamen, saßen auf den frisch abgerollten Wänden und Decken Spinnen. Die Tiere waren durch die angekippten Fenster hereingekrochen.

Oh, was war sie wütend geworden!

Die Fenster mussten halb geöffnet bleiben, damit die Feuchtigkeit entwich. Einmal hatte sie sie geschlossen. Abends lief buchstäblich die Brühe von den Wänden.

Die Spinnen wurden Dauergäste, weil die Wohnung zur ebenen Erde lag.

Anfangs hatte sie sich schrecklich gegrault, war auch mit dem Staubsauger auf die Tiere losgegangen und hatte sie ins Rohr zischen lassen.

Einige waren nach Stunden wieder hervorgekommen, um sich sofort auf die Suche nach einem günstigen Platz zu machen, wo ein Netz gesponnen werden konnte.

Endlich war die Wohnung fertig, die Möbel konnten kommen, die sie anbezahlt hatten.

Sie kamen nicht.

Nicht zum vereinbarten Termin, auch nicht am nächsten Tag.

„Die bringen sie schon“, sagte Walter. Er hatte ein sträfliches Gottvertrauen in die Ehrlichkeit der Leute.

Sie gab noch einen Tag zu, dann stieg sie entschlossen in den kleinen gemeinsamen Wagen und fuhr nach Köln.

Das Herz blieb ihr fast stehen, als dort, wo vor sechs Wochen noch Möbel die Auslagen geziert hatten, das Markenzeichen einer Automobilfirma auf den Schaufenstern prangte.

Von der Möbelfirma keine Spur! Auch keine Nachricht in der Tür!

Sechshundert Mark weg! Und keine Möbel!

Sie war außer sich und lief in die Tankstelle schräg gegenüber. Vielleicht wusste man da etwas.

Drei Männer schauten ihr grinsend entgegen. Ihr Benehmen verriet, dass sie sie schon geraume Zeit beobachtet hatten, wie sie drüben verstört von einem Schaufenster zum anderen geirrt war, in der Hoffnung, einen hinters Glas geklebten Zettel zu entdecken.

„Na, na, junge Frau, nicht gleich aufregen!“, sagte ein gemütlicherer älterer Mann. „Sie suchen wohl auch Möbel? Da waren schon einige Leute da.“

„Ist die Firma pleite?“, war ihre bange Frage.

„Umgezogen ist die. Hat jetzt eine Toplage. Fahren Sie rein zum Wiener Platz, drum herum und in die Frankfurter Straße hinein. Ist schon von weitem zu sehen. – Ein Saftladen, wenn die Kunden nicht vom Umzug benachrichtigt werden.“

Sie stob hinaus und fuhr weiter.

Die Firma war da. Die Möbel auch.

Anderntags wurden sie geliefert. Sogar richtig und ohne Anlass zu Beanstandungen.

Die sechshundert Mark waren gerettet.

Sehr viel zuversichtlicher blickte sie dem Hochzeitstermin entgegen.

Bevor es so weit war, platzte die Sache mit dem neuen Wagen dazwischen.

Walter bekam einen Anruf von seiner Mutter; in der Ehe war die große Krise ausgebrochen. Kurz entschlossen fuhr er noch abends nach Süddeutschland. Im Morgengrauen stand er wieder vor der Tür, hatte die Mutter dabei und den Wagen erledigt. Auf der Autobahn hatte er das kleine Fahrzeug derart gescheucht, dass das Motorengehäuse gerissen war.

Mit den Finanzen hatten sie sich gerade bekrabbelt.

Der neue Wagen warf sie in die roten Zahlen zurück. Noch vor der Hochzeit.

Wildbewegte Tage waren das, die ihre Nerven bis an den Rand der Belastbarkeit strapazierten. Bei aller Aufregung waren es aber auch schöne Tage.

Dann die Hochzeit. Eine neuerliche Nervenprüfung.

Walter war den Vorabend mit Freunden aufgebrochen, um Abschied vom Junggesellenleben zu nehmen und einen letzten flotten Zug durch die Gemeinde zu machen.

Um neun war die standesamtliche Trauung, und um neun war er nicht da. Dafür war ihr Elternhaus voller Gäste, die teils schockiert, teils ergrimmt und teils amüsiert der weiteren Entwicklung der Dinge harrten.

Zehn nach neun erschien Walter, mit Knöpfen auf den Augen und leicht beduselt, aber mit einem wunderschönen Brautbukett. Die allgemeine Aufregung erreichte ihren absoluten Höhepunkt, als er, statt mit ihr und den Trauzeugen nun spornstreichs zum Standesamt zu fahren, sich gemütlich niederließ und seelenruhig ein ausgewachsenes Frühstück vertilgte.

Endlich bequemte er sich, und im neuen Wagen machten sie die Einweihungsfahrt.

Im Standesamt stellte sich heraus, die die ganze Aufregung für die Katz war. Der Standesbeamte hatte sich in der Uhrzeit geirrt, es war noch ein Paar vor ihnen. Ihre Trauung war erst um zehn.

Das vergnügte Gesicht von Walter entschädigte für den Nervenkitzel am Morgen und so erbauliche Sprüche wie: „Er hat es sich noch anders überlegt.“

Vor der Tür des Trauungszimmers warteten ein paar zerknitterte Zechkumpane und sparten nicht mit ermunternden Zurufen. „Sag nein!“

„Jetzt kriegst du lebenslänglich!“

Und was machte Walter? Als der Standesbeamte von ihm das „Ja!“ hören wollte, erklärte er rundheraus: „Ohne meinen Anwalt sage ich hier kein Wort!“

Zum Glück war der Beamte ein humorvoller Mensch, und die Zeremonie kam zu einem guten Abschluss.

Danach stellte sich eine ausgelassene Fröhlichkeit ein, die schließlich auch auf die Hochzeitsgäste übergriff.

Die kirchliche Trauung – der Höhepunkt, die schönste Stunde dieses Tages. Sie im schneeweißen Kleid, Walter, der Hallodri, an ihrer Seite. Etwas stolz war sie doch darauf, dass er nun ihr Mann war. Ein paar Freundinnen von ihr hatten sich die Augen nach ihm ausgeguckt und hätten ihn halt auch gern für sich gehabt.

Dabei besaß er keinen guten Ruf, was Zuverlässigkeit und Treue in Liebesdingen betraf. Laufend neue Freundinnen. Einmal, als sie ihn darauf ansprach, sagte er belustigt: „An diesem schlechten Ruf habe ich jahrelang hart gearbeitet und weder Zeit noch Kosten gespart.“

Leise Sorge mischte sich in ihre Freude über diesen ihren schönsten Tag. Wenn er untreu war und sich heimlich eine Freundin hielt, was dann?

Sie wurde angenehm überrascht. Er legte mit diesem Tag seine Junggesellengewohnheiten ab. Langweilig wurde es jedoch nie in der Ehe. Dazu steckte er zu sehr voller Ideen und Einfälle, und für Überraschungen war er jede Stunde eines jeden neuen Tages gut.

Auf ihrer Hochzeit erfuhr sie gegen Abend von seiner Wirtin, bei der er zwei Jahre zur Untermiete gewohnt hatte, was sich in der Junggesellenabschiedsnacht beziehungsweise am Morgen abgespielt hatte.

Den Wecker hatte sie auf sieben gestellt; sie wollte ihn wecken, damit er die Kurve kriegte bis zur Trauung um neun. Um sechs kam er nach Hause. Als er die Treppe oben war, brauchte sie keinen Wecker mehr. Bis um sieben lag sie wach, dann klopfte sie energisch an seine Tür und wider Erwarten meldete er sich sofort und versprach folgsam, jetzt aufzustehen.

Sie legte sich wieder hin, schlief beruhigt noch ein Stündchen und war beim Munterwerden gegen acht felsenfest der Meinung, er sei schon aus dem Haus, weil sie so gar nichts hörte.

Also frühstückte sie in aller Ruhe und machte sich dann daran, sein Zimmer aufzuräumen. Ein gewaltiger Schreck ergriff sie, als die Tür noch von innen abgeschlossen war.

Sie hämmerte und trommelte gegen das Holz und war mit den Nerven ziemlich herunter, als sich drinnen endlich gähnend und verkatert der hoffnungsvolle Hochzeiter meldete.

Sie schimpfte und lamentierte, bat und flehte und hielt ihn zur Eile an. Und was machte er? Ein Bad sollte sie ihm einlassen, das als erstes!

Alle Minute war sie dann an der Badezimmertür aufgetaucht, klopfte und rief ihm die Uhrzeit zu – einmal, um zu hören, ob er nicht untergegangen war, und zum anderen, um ihn anzutreiben.

Schließlich stand er vor ihr, fünf Minuten vor neun; das Bad hatte nur ungenügend die Falten aus ihm herausgebügelt. Sie bürstete ihm den Anzug ab und bat inständig, er solle nun endlich zu seiner Braut fahren, man habe schon dreimal angerufen.

Da lachte er entwaffnend und sagte, sicher fahre er hin, ihm dämmere, dass heute eine Hochzeit sei, aber erst müsse er noch den Brautstrauß beim Blumengeschäft in der Stadt abholen.

Da hatte sie besser gar nichts mehr gesagt, aber auf die Galle geschlagen sei ihr das doch. Das sei ein Mannsbild! Mit dem könne sie noch einiges erleben!

Die Prophezeiung der Wirtin ging in Erfüllung, aber mehr im positiven Sinne.

Einen Tag nach der so turbulent begonnenen Hochzeit fuhren sie in die Flitterwochen. Mit tausend Mark in der Tasche. Geldgeschenke, die es gegeben hatte. Die Anzahlung für den neuen Wagen, die restlichen Möbel, die Wohnungsrenovierung und die Bewirtung der Gäste hatten ihre verfügbaren Barmittel auf gezehrt, bei der Bank standen sie schon mit zwei Monatsgehältern in der Kreide.

Ohne die Geldgeschenke hätten sie gar nicht in die Flitterwochen fahren können.

Bei Walters Eltern in Süddeutschland machten sie Station und deponierten vierhundert Mark. Die hatten Beziehungen zu einem Textilgroßhandel; auf der Rückfahrt sollten dort die Übergardinen gekauft werden.

Aufs Geratewohl fuhren sie los. Ziel sollte das nette Familienhotel in Riccione sein, in dem sie während der Verlobungszeit schon mal gewohnt hatten. Damals sittsam in getrennten Zimmern, weil’s die Hotelinhaberin nicht anders duldete.

Vorbestellt war natürlich nicht. Es war ja ziemlich unsicher gewesen, ob sie jetzt überhaupt die Hochzeitsreise machen konnten.

Die Autostrada gab es noch nicht. Man zuckelte in der Kolonne den Brennerpass hinauf.

Walter hatte hier schon getrampt, mit dem Fahrrad war er ebenfalls in Italien gewesen. Seit damals hatte er eine Vorliebe für den Gardasee und für die Occidentale, die Straße auf dem Westufer.

Also kam nur diese Strecke in Frage.

Unbeschwert und fröhlich in ihrem Glück fuhren sie in den Tag hinein, bis in Peschiera am Ausfluss des Gardasees die Unbeschwertheit der Sorge um eine Bleibe für die Nacht wich.

Noch war Hauptsaison, es wimmelte von Touristen. Diesen Umstand hatten sie nicht in ihre Überlegungen einbezogen.

Die Hotels, in denen sie anfragten, waren voll besetzt oder zu teuer.

Sie waren schon fast wieder aus Peschiera heraus, als Walter linker Hand zwei riesige Segelschiffe entdeckte, die vertäut am Ausrüstungskai lagen.

„Ich werd’ verrückt! Piratensegler! Du – die drehen bestimmt einen Film“, sagte er. Segelschiffe waren eine Leidenschaft von ihm. Und die zwei Segler sahen auch wirklich imponierend aus. Dass er die Schiffe entdeckte, war weniger ein Zufall, denn er blickte beim Fahren mehr nach rechts und links in die Landschaft als auf die Straße.

Er trat auf die Bremse und spähte nach einem Parkplatz. Ein mittleres Verkehrschaos war die Folge, weil sich zu dem Strom der Touristenfahrzeuge noch der einheimische Feierabendverkehr gesellte.

Ein Polizist mit Tropenhelm versuchte, das Knäuel zu entwirren. Vom Fahrbahnrand auf der Höhe der Kasematten der alten Festung betrachteten grinsend etliche Halbwüchsige das angerichtete Durcheinander; geschäftstüchtig brüllten sie zwischendurch den Lenkern der Fahrzeuge mit ausländischer Nummer ihr „Camere! Zimmer!“ zu.

Walter war wie elektrisiert. Zimmer! Weit von hier konnten sie nicht liegen. In jedem Falle in der Nähe der Segler!

Er schlängelte den Wagen aus dem Chaos und gab einem der Burschen zu verstehen, dass Interesse an den angebotenen Zimmern bestand.

Wie der Blitz schwang sich ein Junge barfuß auf ein klappriges Rad, um den Weg zu zeigen.

Ein Krach! Der Bengel balancierte mühsam auf dem Fahrrad, kämpfte ums Gleichgewicht und schaffte es.

Die Kette war gerissen.

Der Geschäftssinn dieser Jüngstkaufleute war besser ausgeprägt als das Konkurrenzdenken.

Einer hielt sofort seinen Drahtesel bereit, der Pechvogel stieg um und führte triumphierend seine Beutetouristen in eine Seitenstraße unweit des Hafens. Die Mastspitzen der Segler waren über dem verstaubten Grün der Bäume und den Hausdächern zu sehen. Walter nahm das aufmerksam zur Kenntnis.

Da wusste sie schon, wohin es morgen früh zuerst gehen würde, bevor die Weiterfahrt angetreten wurde.

Vor einer Pension, fast völlig hinter Weinblattgeranke und Pfirsichbäumen mit schönen großen Früchten versteckt, hielt der geschäftstüchtige Quartierbeschaffer und kassierte ein gediegenes Trinkgeld für seine Bemühungen.

Die Wirtsleute kamen aus der Tür, und dabei stellte sich heraus, dass der Bengel der jüngste Spross des Ehepaares war.

Besonders komfortabel sah die Pension weder von außen noch von innen aus. Die Gäste, die im Garten unter einem schattigen Weinblätterdach saßen, waren Italiener, einfache Leute, höflich, fröhlich.

Das Haus entpuppte sich als Familienpension. Den fehlenden Luxus ersetzte es durch Sauberkeit und eine urige Atmosphäre. So richtig eine Ecke zum Wohlfühlen.

Dabei war das Zentrum der Stadt keine fünfhundert Meter entfernt, der brodelnde Lärm drang bis in den Garten dieser unvermuteten Idylle.

Es bestand Meldepflicht. Wegen der Vorgänge in Südtirol.

Beim Unterschreiben der Meldekarte brachte sie das Kunststück fertig, mit ihrem Mädchennamen zu unterschreiben. Die Macht der Gewohnheit.

Die Brauen des leutseligen Pensionswirtes wanderten ausdrucksvoll in die Höhe, als er die verschieden lautenden Namen verglich. Er hielt sodann eine eindrucksvolle Rede, die sie nicht verstanden. Aber sie wussten, worum es ging.

Um das Doppelzimmer.

Verwirrt und verlegen kramte sie ihren nagelneuen Reisepass aus der Tasche. Der Wirt studierte die Eintragungen, eine mit Händen und Füßen geführte Unterhaltung setzte ein, und allmählich verstand der gute Mann, dass Hochzeitsreisende bei ihm abgestiegen waren.

Sein Gesicht begann zu glänzen wie der Vollmond. „Mama! Mama!“ Er schoss davon und rief im Haus unverständliche Worte.

Nacheinander tauchten in Türen und Fenstern freundliche Gesichter auf. Man nahm Anteil, man freute sich und zeigte es ungezwungen.

Die Matrone kam aus der Küche, wischte die Hände an der Schürze ab und schüttelte die Hände. Sie redete und lachte. Diese Leute hatten Gefühle und zeigten sie auch.

Ächzend schleppte der Wirt schließlich einen der Koffer in den ersten Stock und schloss das Zimmer auf. Der Raum war mindestens drei Meter hoch und besaß eine Miniaturveranda mit altem Eisengeländer. Trotz geöffneter Verandatür und sperrangelweit aufstehender Fenster war es kochend warm.

Einladend wies der Wirt zu seiner Veranda, trat durch die Tür, beugte sich übers Geländer und war schon mit dem Oberkörper im Blätterwerk eines Pfirsichbaumes verschwunden. Als er wieder zum Vorschein kam, präsentierte er vier herrliche Pfirsiche und überreichte sie ihr mit der Grandezza eines wahren italienischen Kavaliers.

„Per la bionda signora! Ah que bella!“

Er war ganz hingerissen und sie sehr geschmeichelt.

Der Winter der Pension und die emsige Mama brieten, brutzelten und sotten bis Mitternacht für die Gäste im Garten, wo man in fröhlicher Ausgelassenheit noch einige Zeit zusammenblieb.

Für sie war diese Verlagerung des geselligen Lebens in die Abend und Nachtstunden die Auffrischung einer als sehr angenehm empfundenen Erfahrung.

Nur verbarg sich hinter dem noch längeren Ausharren der italienischen Pensionsgäste im Garten eine ganz nüchterne Erklärung; schließlich hatten die Leute auch die größere Erfahrung.

Das waren die Schnaken!

Die Wassergräben am Seeausfluss, die Wasserflächen rings um die Kasematten der alten Festung und das streckenweise schilfbestandene Ufer waren ideales Vermehrungsgebiet für die Biester.

Kaum knipste Walter das Licht aus – sirrr, da stürzten sich die kleinen Aasgeier schon zu Dutzenden von der Decke.

Licht wieder an und es herrschte Ruhe.

Licht aus – der Angriff begann erneut.

Bei Licht konnten sie nicht schlafen, trotz der angenehmen Müdigkeit, die auf die Klimaveränderung und die andere Art des Lebens zurückzuführen war.

Walter drehte ein Handtuch zusammen und eröffnete die Abwehrschlacht gegen schätzungsweise fünfhundert Schnaken.

Es wurden immer mehr.

Schließlich begriffen sie, dass es besser war, die Verandatür zu schließen. Das Licht lockte die Plagegeister an.

Die Schnaken sahen ihr Heil darin, dem wedelnden Handtuch zu entwischen. Also setzten sie sich an die Decke. Drei Meter hoch.

Allmählich kam Walter in Rage. Er drehte das Handtuch noch mehr zusammen und warf es an die Decke. Leider entfaltete es sich unterwegs und kam nicht einmal bis nach oben. Ein paar Schnaken wurden vom Luftzug vertrieben. Das war der ganze Erfolg.

Plötzlich hielt er das Handtuch unter den Wasserhahn und machte es nass. Ausgewrungen und zusammen gedreht ließ es sich als solides Wurfgeschoss verwenden.

Er richtete in dieser Nacht ein Massaker unter den Schnaken an. Alle zwei, drei Minuten sauste das Handtuch an die Zimmerdecke und erschlug mit sattem Klatschen bis zu einem Dutzend Plagegeister.

Im Morgengrauen war die Schlacht entschieden, selig schlief Walter ein.

Was er nicht beachtet hatte, war die Hellhörigkeit der Pension. Jedenfalls gab es beim Frühstück ringsum fragende, verwirrte, verblüffte, auch ein paar grinsende Gesichter. Den Leuten war nicht verborgen geblieben, dass die seltsamen Geräusche die ganze Nacht über aus dem Zimmer der deutschen Hochzeitsreisenden kamen. Na ja, man zeigte Verständnis. Man besaß ja Phantasie. Doch was sich wirklich abgespielt hatte, ahnte wohl keiner der Gäste.

Hastig beluden Walter und Eva-Maria ihren Wagen und fuhren hinüber zum Ausrüstungskai.

Eine herbe Enttäuschung wartete auf Walter. Aus der Nähe gesehen, waren die stolzen Segler nur noch hässliche und lieblos zusammengenagelte Pötte. In den Rümpfen klafften Löcher. Nicht die Spuren einer Filmschlacht, denn hinter den Löchern schimmerte roter Rost.

Die Segler waren nichts anderes als Attrappen. Auf eiserne Lastkähne waren Segler aufbauten und Rümpfe gesetzt.

Von einem leidlich Deutsch sprechenden Fiatfahrer erfuhren sie, dass die Schiffe zum Abwracken hier vertäut lagen. Den Film hatte man schon in den Wintermonaten gedreht. Ohne den Touristenrummel an den Ufern und den Schlauchbooten, Luftmatratzen, Segelbooten und Motorflitzern auf dem See. Das Tragflächenboot von Riva nach Desenzano und Sirmione und retour hatte während der Dreharbeiten sogar den Verkehr eingestellt. Aber im Winter sei hier ohnehin nicht viel los.

Durch Pappelalleen fuhren sie weiter. Vorbei an traumhaften Villen, Bauernhäusern, versteckt in den Weinfeldern, aber mit Toreingängen an der Straße wie Renaissanceschlösser.

In Ferrara verfranzte sich Walter. Die Beschilderung war unter aller Kritik. Gereizt landeten sie schließlich vor einem alten Gemäuer, das sich „Da vecchia gitarra“ – Zur alten Gitarre – nannte. Im Schatten parkten Autos mit Kennzeichen aus Mailand und Rom. Wo weitgereiste Leute saßen, musste die Küche gut sein.

Sie stellten den Wagen in den Schatten und betraten die „Gitarre“.

Im ersten Moment glaubten sie, in ein Weinlager geraten zu sein. An den Wänden Regale voller Flaschen. Es gab jedoch auch Tische. Und es duftete verlockend.

Walter war großzügig und überließ dem Wirt die Zusammenstellung des Essens. Der Spaß riss ein großes Loch in die Urlaubskasse, dafür speisten sie aber in einem Lokal, das schon fast alle Größen der italienischen Kunstszene und der Politik als Gäste erlebt hatte. Die Bilder der Besucher hingen mit Widmung überall dort, wo die Flaschenregale Platz ließen.

Sie erfuhren bei dieser Gelegenheit auch noch, dass der Wirt eine Art Weinmuseum mit Ausschank unterhielt. Jede halbwegs ordentliche Weinlage des gesamten Landes war in den Regalen vertreten und durfte getrunken werden. Die Flasche ab zwanzig Mark aufwärts umgerechnet.

„Man heiratet so selten“, flachste Walter und bestellte eine Flasche.

Recht beschwingt verließen sie später das angenehm kühle Lokal, stiegen in den kochend heißen Wagen und verbrannten sich ums Haar die edleren Körperteile an den fast glühenden Kunststoffsitzen. Inzwischen war nämlich die Sonne weitergewandert und mit ihr auch der köstliche Schatten.

Unter dem Einfluss der Hitze verwandelte sich ihre Beschwingtheit in einen handfesten Schwips. Walter behielt als Orientierungshilfe die Mittelstreifenmarkierung der Straße unter dem Wagen, die Bäume zischten rechts und links nur so vorbei.

Ein sträflicher Leichtsinn.

Ohne Schramme kamen sie irgendwie ans Ziel, und im Hotel hatte man sogar ein Zimmer für sie frei. Sie waren ja schon fast Stammgäste.

Die Tage waren wunderschön und vergingen mit Faulenzen, Schwimmen und Glücklichsein viel zu rasch.

Walter unternahm den Versuch, sich das Rauchen abzugewöhnen. Bis er an einem schönen Morgen aus heiterem Himmel einen Streit vom Zaun brach und gereizt war wie ein Schwarm Wespen.

Auf der Stelle kaufte sie ihm eine Schachtel Zigaretten. Ein rauchender Ehemann war ihr lieber als ein knurrender, der schon in den Flitterwochen ungenießbar war.

Nachdem die Hotelrechnung beglichen war, befand sich nicht mehr viel in der Urlaubskasse. Sie tankten den Wagen voll und fuhren heimwärts, mit einem Fünfzig Mark Schein in der Tasche und etwas Hartgeld, so an die fünfundzwanzig Mark.

Wieder ging es Richtung Gardasee.

An der Straße lag eine Gärtnerei und bot Palmen, Oleander und Agaven feil.

Lebende Pflanzen mochten sie beide, daheim in der Wohnung machte sich mitgebrachtes Grünzeug sicher sehr gut, und warum sollten sie nicht eine Erinnerung an ihre schöne Hochzeitsreise mitnehmen?

Für fünfzig Mark konnte man natürlich auch unterwegs noch mal übernachten.

Die Entscheidung fiel nicht schwer. Sie luden den Wagen mit Oleander in Töpfen und Agaven voll und fuhren weiter. Um Mitternacht langten sie auf dem Brenner an. Es musste nachgetankt werden. Auf italienischer Seite noch, weil’s da billiger war.

Der Tankwart musste erst vom Billardtisch weggeholt werden. Walter stand neben der Zapfsäule und rechnete fieberhaft. Bei ungefähr einundzwanzig Mark war der Tank voll.

„Nehmen Sie auch deutsches Geld?“

Der Tankwart stutzte. „Si!“

Walter grub ihr restliches Vermögen aus der Tasche. „Auch Hartgeld?“

Er zählte zweiundzwanzig Mark ab und drückte sie dem Mann in die Hand.

Erschüttert blickte der Tankwart auf die Münzen. Er rechnete, dann nickte er widerstrebend.

Sein Blick drückte aus, dass er solche Kunden nicht oft zu sehen wünschte.

Mit dem Sprit mussten sie auskommen, egal wie. Walter fuhr verhalten. In der Nacht war wenig Verkehr.

Morgens um sieben setzte er das restliche Geld in der Autobahnraststätte Augsburg in eine Portion Sauerkraut mit Würstchen um. Die teilten sie sich.

Und die fünfzig Pfennig Wechselgeld bildeten ihre eiserne Reserve.

Bei den Schwiegereltern war das Gardinengeld deponiert. Das war ein Trost. Hätten sie es bei sich gehabt, es wäre garantiert auch ausgegeben worden.

Walter zweigte das Benzingeld für die restliche Strecke nach Hause ab, und später lachten sie oft darüber, wenn er behauptete, deswegen seien die Übergardinen etwas kürzer ausgefallen.


Eine Tür klappte. Eva-Maria schreckte aus ihren Erinnerungen und Gedanken hoch. Verwirrt blickte sie um sich.

Das war nicht Italien, sie war nicht auf der Hochzeitsreise. Hier war das Krankenhaus. O Gott ...! Die quälende Angst kam wieder.

Eine Schwester mit mütterlichem Gesicht trat ans Bett. Aus einer Lage Gaze hob sie eine fertig aufgezogene Spritze mit wasserklarem Inhalt.

„Ich bin Schwester Else“, stellte sie sich vor. „Ich gebe Ihnen jetzt eine Beruhigungsspritze. Dann machen wir die Rasur.“

Es piekste etwas, als die Nadel einstach.

Ein sanftes Kribbeln breitete sich in Eva-Marias linkem Arm aus.

„Blut nehme ich Ihnen gleich noch ab“, versprach Schwester Else. Plötzlich weiteten sich ihre Augen. „Was ist denn das? Sie haben noch die Fingernägel lackiert? Etwa auch die Fußnägel?“ Resolut hob sie die grünen Tücher an. „Das machen wir aber gleich herunter.“

„Wozu?“

„An Finger und Zehenspitzen messen wir immer die Sauerstoffversorgung des Patienten. Lackierte Nägel und Zehen stören dabei. Stellen Sie sich außerdem mal vor, wenn ein winziger Splitter abgeht und ins Operationsgebiet gerät! Tragen Sie eine Zahnprothese? Die müssten Sie herausnehmen.“

„Nein, ich habe noch meine eigenen.“

Strahlend blickte die Schwester auf sie herab. „So ist es brav, nur schön ruhig bleiben. Wie fühlen Sie sich jetzt?“

„Müde. Schlafe ich ein?“

„Besser nicht. Das machen wir dann später.“

Wieder klappte die Tür. Leises Räderrollen durchdrang die Stille.

Eine zweite Schwester erschien.

Eva-Maria fühlte sich matt, schwach und elend. Aber nicht beunruhigt.

Fast im Unterbewusstsein nahm sie wahr, dass die Schwestern sie rasierten, dann den Nagellack entfernten, schließlich eine Stauschlinge um den linken Oberarm legten und Blut aus der Vene entnahmen.

Dann war sie wieder allein – allein mit ihren nagenden, bohrenden Zweifeln und ihren Erinnerungen.

Was Walter jetzt machte? Nach Hause fahren?

Was wurde aus Tina?

Und was aus beiden, wenn sie sterben musste, wenn die Operation nicht glückte?



20

Nervös und mit zunehmender Feindseligkeit blickte er auf die OP-Tür, hinter der Ärzte und Schwestern verschwanden.

Da tat sich etwas!

Aber er musste draußen bleiben.

Der Gedanke, Eva-Maria nicht beistehen, nicht helfen zu können, machte ihn in der einen Sekunde krank und in der anderen fast rasend.

Er zündete sich die nächste Zigarette an, ging auf und ab, blickte aus dem Flurfenster auf die Stadt im Sonnenschein und starrte dann wieder auf die Tür.

Wie lang dauerte das bloß? Zum Verrücktwerden war es.

Hinter ihm klatschten Schritte. Jemand hustete krächzend. Er fuhr herum.

Eine Schwester blickte ihn bissig an. „Wir haben ein Raucherzimmer!“

„Meine Frau ist da drin.“ Sein Finger wies zum OP.

„Damit, dass Sie sich hier die Lungen torpedieren, helfen Sie ihr ganz sicher nicht. – Außerdem ist das Rauchen hier verboten. Wo streuen Sie die Asche hin?“

„Blumentopf“, sagte er. Er war nicht bei der Sache.

Die Schwester überzeugte sich und sagte voller Entrüstung: „Sind Sie eigentlich noch bei Trost? Acht Zigaretten, aber noch keine halbe Stunde hier! Gehen Sie nach Hause. So eine Operation dauert zwei bis drei Stunden. Und rauchen Sie weniger.“

„Zwei bis drei Stunden? Hören Sie, das muss eine Verwechslung sein! Becker ist mein Name!“

„Weiß ich. Also, jetzt kommen Sie mal hier weg. Zaungäste sind unerwünscht. Mögen Sie Kaffee? Ich habe welchen aufgeschüttet.“

„Gern, danke. Sie gehören nicht da rein?“ Er ging neben ihr her und deutete mit dem Daumen hinter sich.

„Bin froh, wenn ich’s nicht muss. Ich gehöre zur Station. Nur ist heute der Teufel los, und da müssen wir überall einspringen.“ Sie öffnete vor ihm eine Tür mit der Aufschrift „Schwesternzimmer“. „Rauchen ist hier übrigens zulässig. Ich steck’ mir auch mal gerne eine an.“

Sie schloss die Tür und nahm eine Zigarettenpackung aus der Kitteltasche.

Walter gab ihr Feuer und bemerkte eine sehr junge Schwester, die Medikamente in kleine Schälchen sortierte, weiße und bunte Pillen, und jedes Mal auf einer Liste gewissenhaft etwas abhakte.

Die Schwester, die ihn erst angefaucht und dann zu einem Kaffee eingeladen hatte, begutachtete die Pillenverteilung, prüfte jede Schale, verglich mit der Liste und ging dann zu der brutzelnden Kaffeemaschine, durch die eben der letzte heiße Wasserstrahl lief.

Sie goss zwei Tassen aus.

„Mit Zucker und Milch?“

„Mit ohne, bitte.“

Ihr strenger Gesichtsausdruck milderte sich etwas. „Sie sind gern lustig? Findet man selten heutzutage. Bewahren Sie sich das.“

„Das Lachen ist mir vergangen.“ Er nahm die Tasse entgegen. Auf der Fensterbank stand ein Aschenbecher.

„Lange können Sie nicht bleiben“, fing die Schwester wieder an. „Das Zimmer ist für Besucher eigentlich tabu. Aber ich drücke mal ein Auge zu.“

„Können Sie mir sagen, was die da hinten so lange ...?“

Sie ließ ihn erst gar nicht ausreden. „Kann ich nicht. Kann nicht einmal der operierende Arzt, bevor er nicht sieht, was in einem Patienten los ist.“ Sie trank schlürfend und blickte unwillig zum Telefon, als es schnarrte. Mit der linken Hand hob sie ab. „Schwesternzimmer! – So, alle zwei? Ich komme.“

Der Hörer flog auf die Gabel.

„Trinken Sie aus und verkrümeln Sie sich.“ Sie stellte ihre Tasse ab und warf einen sehnsüchtigen Blick darauf.

„Gehen Sie nach hinten? Können Sie vielleicht …?“, fragte Walter hoffnungsvoll.

Sie maß ihn von Kopf bis Fuß. „Ich werde im Kreißsaal gebraucht. Sagte doch, dass der Teufel los ist. Wir backen hier nämlich die Babys wie die Brötchen.“

Damit schwirrte sie hinaus.

Die junge Schwester im Hintergrund kicherte.

Er trank den Kaffee, so rasch es ging, und machte sich auf die Suche nach dem Raucherzimmer. Zwei Patientinnen saßen drin und musterten ihn mit unverhohlener Neugierde.

Ihre Blicke waren ihm unangenehm. Er trat ans Fenster und blickte hinaus, ohne etwas zu sehen. Wenn nur die Operation gut verlief! Eva musste durchkommen!

Ihre Ahnungen! Die Angst, das Sträuben! Ein Glück, dass er darauf gedrängt hatte, dass sie Hermann Mittler anrief.

In ein paar Tagen wäre alles zu spät gewesen. Was dieser Doktor Winter gesagt hatte, klang beängstigend. Bei der Operation holten sie den Tumor heraus.

Aber wenn der sich schon so weit ausgebreitet hatte, dass das Schneiden zwecklos war? Wenn es wirklich Krebs sein sollte ...

Er stöhnte leise und drückte die heiße Stirn gegen das kühle Fensterglas.

Einfach hatte es Eva-Maria nicht mit ihm gehabt. Nicht so einfach, wie sie ihm immer wieder das Gefühl gab. Er war schon eine ziemliche Nervensäge für sie.

Eigentlich die ganzen Ehejahre hindurch. Manchmal hatte sie feuchte Augen bekommen, und zweimal ja, da hatte sie geweint.

Das erste Mal, da hatte sie ihn zum Einkäufen geschickt. An einem Samstag. Für ein paar Kleinigkeiten und ein Bund Petersilie.

Er war in den neuen Supermarkt gegangen und mit dem Einkaufswagen durch die Regalreihen gefahren. Bedenkenlos hatte er eingeladen.

Die Waren standen auch zu verlockend herum. Liköre, Schnäpse, Süßigkeiten, Knabberzeug.

Die Kasse zeigte den Betrag von hundertzwanzig Mark an.

Als er nach Hause kam, brach Eva in Tränen aus. Er hatte gedankenlos das letzte Haushaltsgeld verpulvert und die Petersilie vergessen. Dabei waren es noch sechs Tage bis zum Monatsletzten.

Sein Angebot, noch mal loszugehen und die Petersilie für die letzten Groschen zu holen, hatte sie abgelehnt. Und wie!

Sie hatte gar nichts gesagt. Nur angeblickt hatte sie ihn.

Durch und durch war ihm das gegangen, und er hatte es nie vergessen.

Die Schnäpse ließen sich dann doch noch verwenden, als Freunde kamen, um die Wohnung einzuweihen.

Aber diese eine Woche ohne Geld im Haus lag ihm jahrelang schwer im Magen. Er hatte es verbockt, und er war sich nie ganz sicher, ob ihm Eva jemals restlos verziehen hatte.

Und das zweite Mal weinte sie nur einige Wochen später. Wieder ging es um Geld.

Als er abends heimkam, stand sie tränenüberströmt in der Tür, hielt ihm einen Pfändungsbeschluss entgegen und sagte tief verletzt: „Der Gerichtsvollzieher war da. Die Ehe fängt ja gut an!“

Er war zunächst ratlos und wusste nicht, wie er zu der zweifelhaften Ehre eines Besuches vom Gerichtsvollzieher kam. Auf dem Pfändungsbeschluss stand die Erklärung.

Noch in der Junggesellenzeit hatte er für einen Freund eine Bankbürgschaft übernommen. Der Freund schaffte sich einen Sportwagen auf Ratenzahlung an. Zwei Jahre war das her. Aber mit den beiden letzten Raten war er in Verzug geraten und hatte auf Mahnungen nicht reagiert.

Da hielt sich die Bank an den Bürgen und schickte ihm den Gerichtsvollzieher ins Haus. Besondere Ironie, dass dieses Geldinstitut auch seine Hausbank war. Sie hätten es einfacher haben können, wenn sie die zwei gebürgten ausstehenden Raten von seinem Konto abgebucht hätten. Aber ihm deswegen gleich den Gerichtsvollzieher auf den Hals zu hetzen?

Er versuchte zu erklären. Eva-Maria glaubte ihm kein Wort.

Da setzte er sie ins Auto und fuhr zu dem Freund. Und noch einmal Ironie des Schicksals – der lag gerade unter dem besagten Sportwagen und reparierte ihn. Im Bilde war er auch sofort. Lachend erklärte er, das Geld hätte er zur Fälligkeit der Raten für andere Zwecke dringend benötigt, aber jetzt hätte er es.

Eva-Maria bekam die vierhundert Mark, die sie dem Gerichtsvollzieher ausgehändigt hatte, und zeigte sich versöhnt.

Von diesem Tag ab änderte sich einiges.

Sie übernahm die Ordnung seiner Finanzen, und sie war wirklich die beste Buchhalterin, die er sich denken konnte.

Außerdem hatte der Eifer der Bank Folgen. Sie suchten sich eine neue Hausbank. Bei der waren sie immer noch.

„Ist Ihnen nicht gut?“ Eine Hand berührte zaghaft seinen Oberarm.

Er merkte, dass er immer noch mit der Stirn am Fensterglas lehnte.

„Danke, es geht schon.“ Er flüchtete förmlich aus dem Raucherzimmer, damit niemand seine feuchten Augen sah.



21

Die Schmerzen kamen nicht wieder. Aber die Gedanken, beladen mit Erinnerungen. Eva-Maria starrte zu den Deckensprüngen hinauf.

Wie heute hatte Walter sie zweimal ins Krankenhaus gebracht.

Damals mit der geplatzten Zyste. Morgens um drei.

Hinterher erfuhr sie, wie schlimm es tatsächlich um sie gestanden hatte. Ein paar Stunden später nur, und sie wäre dem Tod nicht mehr von der Schippe gesprungen.

Ein wilder, wütender, beißender Schmerz wie von Feuer war plötzlich in ihr gewesen. Er hatte sich ausgebreitet. Sie wusste sogar noch, dass sie gewimmert hatte.

Aber vom Krankenhaus wollte sie nichts wissen. Erst mal zum Arzt. Die Sprechstunde begann um neun Uhr. Walter ließ das nicht gelten. Zu lang, hatte er sehr ruhig und sehr bestimmt gesagt.

Mehr gegen ihren Willen hatte er sie zum Krankenhaus auf dem Berg hochgefahren.

Sie fröstelte. In der Erinnerung empfand sie wieder die kühle, unpersönliche Atmosphäre der nächtlichen Krankenhausflure. Dann die wenig begeisterten Gesichter der Nachtbereitschaft. Schließlich der Oberarzt, den man zu Hause aus dem Bett getrommelt hatte. Ein Mann mit einer grauen Löwenmähne, kühl, bestimmt und ungemein sicher.

Er hatte ihr die Notwendigkeit einer sofortigen Operation auseinandergesetzt.

Drei Tage lang war es ständig zwischen kritischem Zustand und sich besserndem Befinden hin und her gegangen. Walter kam jeden Tag dreimal zu Besuch. Nach der Pünktlichkeit, mit der er sich einfand, konnte man die Uhr stellen.

Er umhegte sie mit so viel Liebe und Fürsorge, dass sie spürte, wie viel sie ihm wirklich bedeutete. Mit dem Vorzeigen von Gefühlen verfuhr er sonst recht sparsam.

Seine Besuche, seine kleinen Aufmerksamkeiten halfen ihr über den Berg. Die kleinen Begebenheiten, von denen er bei den Besuchen berichtete, rüttelten ihren Lebenswillen auf.

Sogar Wäsche hatte er gewaschen und unter den Augen der amüsierten Nachbarn im Garten auf gehängt. Bloß mit dem Bügeln war er nicht klargekommen.

Als er sie endlich abholen durfte, war er ihr so stolz und glücklich vorgekommen wie damals auf der Fahrt in die Flitterwochen.

Gute Jahre folgten. Einmal gab es eine Trübung.

Der Freundes und Bekanntenkreis war größer geworden, und damit wuchsen auch gewisse gesellschaftliche Verpflichtungen. Auf so einem Abend begann er doch tatsächlich einen heftigen Flirt mit einer Frau, die mindestens fünf Jahre älter als sie war. Die schwarzhaarige Hexe fand Gefallen an dem Spiel und ging bereitwillig darauf ein.

Zuerst war sie nur bestürzt gewesen. Dann aber tief verletzt und gekränkt. Wortlos war sie gegangen.

Auf dem Parkplatz vor dem Haus holte Walter sie ein. Sie machte ihm keine Vorwürfe; ihr Schweigen war eine weit schlimmere Strafe für ihn.

Über den Vorfall wurde nie mehr gesprochen. Sie kehrten ihn unter den Teppich.

Auf künftigen Abenden im größeren Kreis war Walter nach wie vor ein launiger Plauderer und bei Gelegenheit auch ein engagierter Gesprächspartner, Flirts aber ging er geschickt aus dem Weg.

Die Harmonie ihrer Ehe erhielt erst einen Riss, als sie sich zu einem Kind entschlossen und sich der Nachwuchs nicht einstellte.

Die Trübung in ihrem Verhältnis zueinander machte sich nach und nach bemerkbar. Walter ulkte erst noch, ob ihnen die Fügung in all den Jahren am Ende den falschen Weg gewiesen hätte.

Allmählich aber wurde er gereizt und war unausgeglichen. Immer häufiger konnte sie ihn auf Spaziergängen dabei beobachten, wie er in fremde Kinderwagen schaute und Vatergefühle entwickelte.

Mehrmals ging er mit den Nachbarskindern auf den Spielplatz. Einmal kam er mit Sand in den Hosentaschen nach Hause; er hatte im Sandkasten mitgespielt.

Die Möglichkeit war nicht auszuschließen, dass es an ihr lag, wenn sie kein Kind bekamen.

Sie ging zum Frauenarzt, zu Dr. Scharnitz. Die Untersuchung ergab, dass sie kerngesund war und Kinder haben konnte. Da lag es wohl an Walter.

Behutsam brachte sie ihm das bei. Es war nicht voraussehbar, wie er reagierte. Männer konnten unberechenbar werden, wenn ihre dominierende Rolle angezweifelt wurde oder ihre Zeugungsfähigkeit in Frage gestellt war.

Mit bangem Herzen hatte sie auf seine Entscheidung geharrt.

Zu ihrer großen Erleichterung sprach er sich mit ihr aus, sie diskutierten ihr Problem durch. Danach ging er zur Untersuchung.

Zeugungsfähig war er. Nur rauchte er zu stark. Daran lag es. Der Arzt verschrieb ihm Tabletten.

Sie erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem sie morgens von einem leichten Schwindelgefühl ergriffen wurde. Leichte Hitzewellen durchliefen ihren Körper. Mittags wurde ihr schlecht. Der Brechreiz hielt vor, es kam jedoch nichts.

Die Untersuchung und der Test beim Arzt ergaben, dass sie schwanger war.

Walter geriet ganz aus dem Häuschen, als sie ihm die Eröffnung machte, dass sich der lang ersehnte Nachwuchs nun einstellte. Er wuselte und werkelte um sie herum und machte sie völlig konfus, so dass sie sich ernsthaft die Frage stellte, ob sich alle werdenden Väter so aufführten.

Am liebsten wäre er gleich losgegangen, um eine Wiege zu kaufen. Und Babyausstattung.

Namen wurden aufgeschrieben, ausgewählt und verworfen. Jungen und Mädchennamen. Man konnte schließlich nicht wissen!

Sie bremste ihn gelegentlich in seinem vor väterlichen freudigen Tätigkeitsdrang. Nur mit Mühe konnte sie ihn davon abhalten, zur Schwangerschaftsgymnastik mitzugehen.

Andererseits waren sein unbändiger Stolz und seine Freude verständlich. Fünf Jahre hatten sie auf ein Kind gehofft.

Im dritten Monat fuhr sie ihm das Auto zu Schrott.

Lieber Gott, was war sie aufgelöst und moralisch am Boden! Schluchzend versprach sie, ihm ein neues Auto zu kaufen. Wovon bloß?

Finanziell waren sie auf die Füße gekommen, aber das Haus musste bezahlt werden. Das Kind kostete Geld. Und jetzt das Auto demoliert!

Der kaputte Wagen interessierte ihn überhaupt nicht. Er war so rührend um ihr Befinden und um sein ungeborenes Kind besorgt, dass er sie alle Nöte und Ängste vergessen ließ.

Von ihrem Autohaus bekamen sie noch gönnerhaft sechshundert Mark für den Blechhaufen und kauften einen Wagen, der auf Lager war.

Die Art, wie Walter über den finanziellen Engpass wegkam, nötigte ihr Bewunderung ab. Nie gab er ihr ein böses Wort wegen der Geschichte. Er schränkte seine Ausgaben drastisch ein, übernahm in der Firma ungeliebte, aber gut bezahlte Sonderaufgaben und hielt ihr weitgehend Kummer und Sorgen vom Hals.

Nach Weihnachten zogen ihre Eltern um. Sie half mit, obgleich Walter dagegen war.

Eine Woche später schreckte sie aus tiefem Schlaf hoch. Sie hatten die Betten auseinandergerückt. Der Nachwuchs strampelte und trat oft fürchterlich. Allein schon das Wissen, Walter neben sich zu haben, verursachte bei ihr Platzangst. Er hatte Verständnis gezeigt und die Möbel gerückt

Im ersten Moment wusste sie gar nicht, was los war. Walter hatte die Nachttischlampe brennen und las noch.

Dann spürte sie, dass das Bett tropfnass war und sie regelrecht schwamm.

Sie schlug die Bettdecke zurück und registrierte Walters verwunderten, fragenden, verblüfften Blick.

Ehe sie begriff, sagte er schon: „Es geht los!“

Die Blase war gesprungen und das Fruchtwasser abgegangen. Und das drei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin.

Der Koffer war nicht gepackt.

Walter behielt einen klaren Kopf, als sie durchzudrehen drohte. Er verständigte das Krankenhaus, setzte sie aufs Bett und begann, die unerlässlichen Utensilien zusammenzusuchen. Stillbüstenhalter und anderes.

Bei allem Ernst der Situation bot er ein sehr ergötzliches Bild.

Dann fuhr er sie wieder zum Krankenhaus. Um drei Uhr in der Frühe!

Scherzend sagte er vor der Tür: „Wir nehmen uns besser ein Nachtabonnement.“

Bei der Geburt wollte er dabei sein. Der Arzt hatte Bedenken, stimmte dann jedoch zu. Vor dem frühen Nachmittag allerdings sei nicht damit zu rechnen.

Walter fuhr in die Firma. Sie war sicher, dass er fortwährend das Telefon angestarrte hatte.

Um ein Uhr rief sie ihn an, um ihm seine Tochter per quäkendem dünnem Stimmchen vorzustellen.

Er war hörbar ergriffen, hatte tausend Fragen und versprach, sofort zu kommen.

Sie lag und wartete sehnsüchtig.

Mit einem riesigen Blumengebinde und leichter Schlagseite kam er drei Stunden nach ihrem Anruf. In der Firma war sofort ein Umtrunk inszeniert worden. Als frischgebackener Vater hatte er nicht kneifen können. Oder wollen.

Aber nun war alles gut.

Eine geschlagene Stunde hielt er vor dem Glasfenster der Säuglingsstation aus. Als er ins Zimmer zurückkam, meinte er etwas verlegen: „Sie ist ja noch winzig klein.“

Zwei Tage war er Stammgast vor dem Fenster.

Dann mussten sie die Kleine hergeben. Der Bilirubingehalt stieg rapide an. Die Ärzte sagten, es sei die Folge der Frühgeburt, möglicherweise auch der doppelten Nabelschnurumschlingung. Lästig, aber nicht gefährlich. Die Medizin sei heute so weit, um das Problem mühelos in den Griff zu bekommen. Außerdem verringere jeder Lebenstag eine eventuelle Gefährdung.

Der Stationsarzt erklärte sogar noch die Zusammenhänge und redete von Milligrammprozenten. Ein Buch mit sieben Siegeln war die Sache dennoch geblieben.

Walter versuchte sich zu dreiteilen. Er erledigte die Behördengänge, besuchte sie im Krankenhaus und fuhr zweimal am Tag in die Kinderklinik nach Köln zu seiner Tochter.

Dabei hatte er noch Zeit, für ihre Zerstreuung zu sorgen. Es hatte sie schon immer interessiert, wo denn nun eigentlich ihr Haus lag. Im Gewirr des Stadtbildes fand sie nicht einmal die Straße. Von oben sah alles so ganz anders aus.

Er brachte eine topographische Karte mit und wies aus dem Fenster auf einen bewaldeten Hügel, der wie eine Zunge bis fast ins Herz der Stadt vorstieß.

Der kalte Januarwind hatte die letzten Blätter von den Ästen gefegt, der Wald sah nackt und bedrückend aus. Ihr Haus war auch durch das graue Astgewirr nicht auszumachen.

„Irgendwo dahinter wohnen wir“, sagte Walter. „Pass auf, um neun heute Abend zeige ich dir genau, wo das ist.“

„Was hast du vor?“

„Ich brenne ein Feuerwerk ab. Zwei, drei Raketen. Du brauchst nur aus dem Fenster zu sehen und weißt es ganz genau.“

Das war so einer von seinen spontanen und bemerkenswerten Einfällen.

Kurz vor neun rief er an und teilte ihr mit, dass alles vorbereitet sei. Er ging hinaus in den Garten und schoss drei Raketen ab.

Hinter dem Wald sah sie die leuchtenden Kugeln hochsteigen und in einem Feuerregen zerplatzen.

Jetzt wusste sie, wo ihr Haus lag.

Walter kam wieder in die Leitung und wollte wissen, wie das Schauspiel ausgefallen sei.

Eine Wöchnerin, die mit im Zimmer lag, sagte neidvoll: „Mein Mann hat noch kein Feuerwerk für mich angezündet.“

Nach zehn Tagen wurde sie entlassen. Die Fahrt führte nicht nach Hause, sondern erst zur Kinderklinik.

Klein Tina hatte sich schon prächtig herausgemacht, der Arzt war überaus zufrieden mit den erzielten Fortschritten und stellte in Aussicht, dass sie das Kind in einer Woche mitnehmen könnten.

Auf der Fahrt abwärts blieb der Aufzug zum Ergötzen des Stationspersonals stehen.

Sie bekam unerklärliche Platzangst trotz der begütigenden Worte von Walter. Schließlich kamen zwei Techniker und kurbelten die Kabine hoch. Ein Besuch mit Hindernissen.

Alles, was mit Tina zusammenhing, war außergewöhnlich.

Aber schließlich war schon ihre Ankunft nicht alltäglich gewesen.

Von der Stunde an, in der sie das Baby zu Hause hatten, war Tina der Mittelpunkt der Familie. Sie bedurfte besonderer Aufmerksamkeit, Fürsorge und Pflege. Sie war ein Risikokind.

Mit stolzgeschwellter Brust schleppte Walter kistenweise Babynahrung ins Haus und machte bereits Pläne, als sei die Kleine schon fünf Jahre alt.

Sie ertappte sich dabei, dass sie manchmal ein Hauch von Eifersucht anflog.


„Mögen Sie Knoblauch?“, drang eine Stimme in ihre Gedanken.

Sie öffnete weit die Augen. Die Gegenwart hatte sie wieder. An der Decke verzerrten sich die Risse zu grotesken Figuren.

„Warum, bitte?“ Eva-Marias Blick ruhte auf der Gazelage in der Hand der Schwester, die ihr schon die Beruhigungsspritze gegeben hatte.

„Ich lasse Sie jetzt einschlafen. Es geht ganz schnell, Sie brauchen keine Angst zu haben. Sofort nach dem kleinen Piekser haben Sie Knoblauchgeschmack im Mund.“ Die Schwester klappte die Gaze auseinander, setzte die Spritze und injizierte das Narkosemittel.

Ein penetranter Knoblauchgeschmack war das letzte, was Eva-Maria wahrnahm, bevor ihr Bewusstsein in unergründliche Tiefen taumelte.



22

Dr. Winter hatte die Röntgenbilder vor den Leuchtschirm geklemmt und besprach sich mit Dr. Mittler und dem übrigen Team.

„Die Stieldrehung bedeutet eine Komplikation“, erklärte er.

„Wenn der Tumor sehr fest und dauerhaft mit dem Darm verklebt ist“, stimmte Hermann Mittler zu.

Dr. Winter starrte noch immer auf die Röntgenbilder. „Ein zweifacher Eingriff erscheint mir zu schwerwiegend – vaginal und dann noch abdominal. – Herr Kollege, wir nehmen die Hysterektomie abdominal vor. Bereiten sie bitte die Patientin vor.“

Minuten später wurde der Fall hereingerollt.

Das Team war verkleinert. Dr. Simon-Stoll und Dr. Pusch befanden sich im Kreißsaal.

Dr. Schimanski schloss die Sonden seiner Kontrollgeräte an die Patientin an. Schwester Manka instrumentierte und hatte die Wagen bereitstehen.

Mit frischen Handschuhen begann Dr. Winter den Eingriff.

Wieder pinselte er den Leib der Patientin ein. Er blickte Mittler an, dessen Augen seine stumme Frage ausdrückten, was sie wohl dort in der Tiefe des Leibes vorfanden.

Manka legte dem Oberarzt das Skalpell in die Hand.

Dr. Winter setzte das chirurgische Messer an.

Im OP war es jetzt totenstill. Nur das Schneiden des Skalpells war zu hören, das die Haut durchtrennte und eine rote Spur hinterließ.

Die Wärme, die von den Reflektoren der Deckenlampe ausging, empfand Dr. Mittler nie lästiger als jetzt. Er schwitzte bereits.

Sie ist eine Patientin wie jede andere, redete er sich ein. Wir operieren sie wie jeden anderen Fall!

Und doch war es anders!

Diesen Menschen hier kannte er von klein auf. Hier bestand eine enge menschliche Beziehung.

„Klemmen Sie ab!“, wies ihn Dr. Winter an.

Manka war dem Operateur immer einen Schritt voraus und hielt schon die Instrumente bereit.

Aus einer durchtrennten Ader schoss eine Blutfontäne hoch und traf Dr. Winter zwischen den Augen. Die OP-Schwester wischte ihm das Blut ab, während Dr. Mittler abklemmte.

Langsam, behutsam und vorsichtig, aber sicher und zielstrebig bahnte sich das Skalpell seinen Weg in die Tiefe des Körpers.

Gelbes Fett drängte aus der gespreizten Wunde.

Eine abgenommene Klemme fiel klirrend auf den Instrumententisch.

Dr. Schimanski meldete den Zustand der Patientin als normal. Die Laufschwester schob das Stativ herbei, an das im Notfall die Transfusionsflaschen gehängt wurden.

Dr. Winter und Dr. Mittler arbeiteten angestrengt und reibungslos. Ein Team, das sich wundervoll ergänzte.

Das grau schimmernde Bauchfell trat ins Licht der Lampe.

Dr. Winter fasste mit einer Pinzette das Bauchfell an, zog es hoch, schuf einen kegeligen Zipfel und schnitt ihn behutsam mit einer Schere ein.

Durch die Öffnung schob er die rechte Hand und tastete. Dr. Mittler dirigierte mit den Augen Schwester Manka herbei, als er sah, wie sich der Schweiß wieder auf der Stirn des Kollegen zu sammeln begann.

Dann erweiterte Dr. Winter die Öffnung und spreizte sie.

Vor den Augen des Teams lag der gestielte Tumor.

Vorsichtig, um keine Risse zu verursachen, zog Dr. Winter daran.

Die Verklebung mit dem Darm war außerordentlich dauerhaft. Genau das, was er insgeheim befürchtet hatte.

Mit unendlicher Sorgfalt löste er die Stieldrehung und mobilisierte den dem Darm anhaftenden Teil der Geschwulst.

Dann begann die schwierigste Aufgabe, die Entfernung des linken Eierstockes.

Er arbeitete konzentriert und steigerte sich in eine Verbissenheit hinein, die die Verwunderung seines Teams hervorrief.

Endlich schnitt er die Geschwulst heraus und warf sie in einen hingehaltenen Glasbehälter.

„Sofort ab zur Pathologie der Uniklinik! In dreißig Minuten muss ich den Befund haben!“, sagte er zwischen zusammengebissenen Zähnen unter dem grünen Atemschutz. „Und das Abstrichergebnis hätte ich auch gerne.“

Die Laufschwester eilte mit dem Behälter hinaus.

Schwester Manka deckte ein bereitgehaltenes feuchtes Tuch über das Operationsgebiet. Dr. Winter und Dr. Mittler traten von der Tabula zurück, ohne jedoch den Sterilitätsbereich zu verlassen.

„Zustand normal“, erklärte Dr. Schimanski und tauchte hinter der Abdeckung hoch. „Eine kleine Verschnaufpause tut uns allen gut.“

Dr. Winter wandte sich um und starrte aus fünf Metern Distanz auf die Röntgenbilder.

Die lebensbedrohende Geschwulst war draußen. Jetzt kam es auf den Befund der Pathologie an.

War die Geschwulst gutartig oder bösartig?

Am Eierstock und am Darm hatte er keine Metastasenbildung beobachtet. Das besagte allerdings noch lange nichts.

Die Metastasen konnten in entfernten Körpergebieten gesetzt sein.

Manka wischte ihm wieder die Stirn ab.

Dr. Mittlers Gedanken begleiteten den Weg des Präparates. Wie immer in solchen Fällen wurde das Gewebe mit Blaulicht hinauf zur Uniklinik gefahren und sofort histologisch untersucht. Fünfzehn Minuten waren das Minimum für einen fundierten Befund.

Zur Sicherheit wurden auch noch Tests angesetzt, die zwei bis drei Tage währten, in aller Regel aber das Ergebnis der Erstuntersuchung bestätigten.

Lediglich aus der Literatur waren ihm zwei anders gelagerte Fälle bekannt.

Lieber Himmel, lass es nicht bösartig sein!, dachte er. Sie ist so ein lieber Kerl!

Zäh tropfte die Zeit dahin.

Als das Telefon schrillte, zuckten sie alle zusammen.

Die Laufschwester hob ab. „OP Dr. Winter. Ja – er operiert!“ Sie wandte den Kopf. „Der Kreißsaal. Die dritte Geburt, Herr Doktor!“

„Sagen Sie ihnen, sie müssen ohne mich fertig werden. Sobald ich hier weg kann, komme ich rüber! – Halt, fragen Sie, ob Komplikationen zu erwarten sind?“

Die Schwester sprach.

Dann sagte sie zu Dr. Winter: „Bis jetzt verläuft alles wie vorgesehen. Doktor Simon-Stoll nimmt die Absaugung vor.“

Dr. Winter nickte. Es war gut zu wissen, dass nebenan alles seinen geordneten Weg ging. Es gab Situationen, da hätte man sich glatt vierteilen müssen, um überall gleichzeitig zu sein.

Der große Zeiger der Uhr wanderte unaufhaltsam weiter. Die dreißig Minuten waren um.

„Wir machen weiter!“, entschied Dr. Winter. „Die Hysterektomie.“

Manka entfernte das Tuch.

Dr. Mittler überlegte, ob der Wagen trotz Blaulicht vielleicht nicht durchgekommen war. Oder dass das Histolabor der Pathologie überlastet war. Aber Notfälle hatten absoluten Vorrang.

Hatten Sie am Ende doch etwas gefunden, was die Bösartigkeit der Geschwulst manifestierte?

Er griff mit der Klemme daneben. Zwar korrigierte er sofort seinen Fehler, aber er handelte sich ein Knurren seines Oberarztes ein.

Dr. Winter übte Nachsicht nur, solange nicht operative Vorgänge gefährdet waren.

Vorsichtig legte der Gynäkologe die Gebärmutter frei. Die Hauptmasse bestand aus glatter Muskulatur, dem Myometrium.

Millimeterweise löste er den Bauchfellüberzug der Gebärmutter, das Perimetrium, und schob es in den Bauchraum.

Das Mobilisieren der Gebärmutter und des linken Eileiters war ein zeitraubender Eingriff.

„Diathermie!“

Er trennte den rechten Eileiter ab, der ohne Befund war. Es war immer gut, wenn wenigstens ein Eileiter und ein Eierstock an Ort und Stelle belassen werden konnten.

Dann war die Hormonversorgung der Patientin gesichert. Depressionen blieben in aller Regel aus.

Wurde alles entfernt, dann kam es oft auch zu dem Effekt, der etwas vulgär als Spinnen bezeichnet wurde.

Dr. Winter hob endlich die Gebärmutter heraus.

Verzweifelt blickte Dr. Mittler zur Uhr.

Eine Stunde war seit der Entfernung der Geschwulst vergangen.

Was ging in der Pathologie vor? Was hatten sie gefunden?



23

Walter Becker war drauf und dran, die Tür einzutreten und Scherben zu machen.

Die Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten, und eine Ewigkeit reihte sich an die andere.

Was machten sie mit Eva-Maria so lange dort hinten im OP?

Er sah niemand mehr hineingehen. Schon eine Weile nicht mehr.

Stampfend, mit nassen Händen und Angst im Herzen und mit einem würgenden Kloß im Hals ging er wieder auf und ab.

Eine Zigarette folgte der anderen.

Jetzt kam eine Schwester heraus. Im Laufschritt. Sie hielt einen silberglänzenden Behälter in der Hand und spurtete durch den Flur auf ihn zu.

Ein rätselhafter, unergründlicher Blick traf ihn. Dann war sie vorbei und bog um den Gangknick.

Er sehnte sich nach seiner Frau. Und auch nach menschlicher Gesellschaft. Sogar dieser robuste Besen, diese Schwester, deren Kaffee er getrunken hatte, wäre ihm angenehm gewesen.

Aber sie ließen ihn allein mit seinen Nöten und seiner Verzweiflung.

Er bewunderte Leute, die in einer solchen Lage einen kühlen Kopf und klare Sinne bewahrten.

Aber das waren möglicherweise gemütsarme Menschen. Oder abgebrühte Zeitgenossen.

Ein Pfleger tauchte endlich auf, schnupperte und blickte zurechtweisend.

„Meine Frau!“, murmelte Walter dumpf. „Sie haben sie schon so lange da drin.“

Den Pfleger kümmerte es nicht.

„Rauchen bei den Aufzügen“, erwiderte er lakonisch und verschwand hinter einer Tür.

Die Schwester kam wieder zurück, diesmal gemessen. Und ohne den silberglänzenden Behälter. Nur erkannte Walter sie zu spät.

Zwar rannte er ihr nach, versuchte sie vor den gläsernen Türen einzuholen, die den Bereich des OP markierten, aber da schwangen schon die Flügel vor ihm zu. Und drinnen baute sich ein anderer Pfleger auf, der mindestens doppelt so breit in den Schultern war wie er.

Er hatte Aufsehen erregt, und jetzt behielten sie ihn im Auge, damit er nicht plötzlich in die geheiligten Räume vordrang – verständlich.

Er rieb sich die schweißnassen Hände an der Hose ab, zog die Krawatte noch weiter auf, die schon auf Langstreckhang zwischen Hals und Bauch baumelte, und verspürte das dringende Bedürfnis, einen Schrei auszustoßen. Weil er hoffte, dass ihm danach besser war.

Die fernen Geräusche der Klinik drangen wie Signale einer anderen Welt an seine Ohren.

Türen klappten, Schritte hallten, ganz vorne gingen zwei Schwestern den Quergang entlang und verschwanden wieder.

Raus hier! Oder er wurde verrückt!

Er lief los. Die Aufzüge waren unterwegs.

Frische Luft!

Die Fenster ließen sich nicht öffnen.

Wie von Sinnen stürzte er zum Treppenhaus und lief die Stufen hinunter.

Erstaunt blickten ihm Leute nach.

Endlich war er unten und atmete tief die Luft ein. Langsam wurde er ruhiger, gewann die Kontrolle über sich zurück und schämte sich fast, dass er sich wie ein Verrückter aufgeführt hatte.

Mit einem Mal verstand er solche Leute viel besser, die plötzlich durchdrehten. Scheinbar durchdrehten. Man sah ja keinem an, was in seinem Inneren vorging.

Er kaufte sich eine Schachtel Zigaretten und steckte sich ein Stäbchen an. Das dreißigste, das vierzigste? Er hatte nicht gezählt.

Nur einen schalen Geschmack spürte er im Mund.

Sein Blick fiel auf die Telefonautomaten. Die Gönneweins! Tina! Er musste anrufen, musste eine plausible Erklärung geben und darum bitten, dass sie die Kleine noch bei sich behielten, bis er wusste, wie es weiterging.

Mit zitternden Fingern wählte er. Die Nachbarin hob ab. Und sie platzte fast vor Neugierde.

„Ein Notfall“, erklärte Walter heiser. „Wir sind hier in Bonn.“

„Ist etwas passiert?“ Im Hintergrund kläffte der Hund der Gönneweins, und Tinas Stimme klang lustig und lebendig dazwischen.

„Das möchte ich am Telefon nicht erörtern, Frau Gönnewein. Bitte, können Sie Tina noch bis zum Abend bei sich behalten? Ich hole sie dann ab.“

„Was ist mit Ihrer Frau?“

„Das erzähle ich Ihnen.“

„Möchten Sie Tina haben?“, fragte sie eingeschnappt.

„Bitte!“

„Hallo, Papi. Wo bleibt ihr denn so lange? Bringt ihr mir auch was

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: 123rf(dot)com
Tag der Veröffentlichung: 17.03.2016
ISBN: 978-3-7396-4380-9

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