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OP-Schwester Marga

Dr. Florian Winter Band 3

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 155 Taschenbuchseiten.

 

Als OP-Schwester ist Marga Urban überaus kompetent und wird von ihren Vorgesetzten und Kollegen gleichermaßen geschätzt. Sie hat sich jedoch in den falschen Mann verliebt, dem sie blind vertraut: Dr. Wilhelm Hussing – Egomane, ehrgeizig und außerdem noch spielsüchtig - hat es nur auf ihre Erbschaft abgesehen. Um seine Spielschulden zu bezahlen und mit Margas Geld eine eigene Praxis zu eröffnen, ist ihm jede Lüge recht. Als die hübsche Schwester ihm eröffnet, dass sie von ihm schwanger ist, zeigt der Doktor jedoch sein wahres Gesicht ...

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author / Cover by Hugo Felix/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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1

Es schellte aufdringlich an der Tür.

Unwillig blickte Wilhelm Hussing zur Uhr. Um diese Zeit noch Besuch? Er erwartete keinen. Außerdem war sein Sechsunddreißig-Stunden-Dienst in der Klinik gerade vor einer Stunde zu Ende gegangen. Dennoch ging er öffnen.

Draußen stand ein untersetzter Mann mit nassem Haar und tropfendem Mantel, die Hände in die Taschen gerammt.

„Was wollen Sie?“

Der Mann nahm die Hände aus den Taschen. „Sind Sie Doktor Hussing?“ „Steht doch an der Tür! Ja, bitte?“ Der Mann grinste. „Schöne Grüße von Hüttner, Herr Doktor!“, sagte er und schlug zu.

Wilhelm sah die Faust nur noch blitzschnell und riesengroß vor dem Gesicht auftauchen. Der Treffer warf ihn rückwärts in die Wohnung.

Reichlich benommen fand er sich auf dem Boden wieder.

Der rabiate Besucher war in den Türrahmen getreten und hatte die Hände schon wieder in den Taschen.

„In drei Tagen kommen Sie mit Geld rüber, Herr Doktor, ist das klar? Mein nächster Besuch wäre nicht so freundlich.“

„Verschwinden Sie!“ Wilhelm Hussing betastete die irrsinnig schmerzende Stelle unter dem linken Auge. Eine Schwellung entwickelte sich bereits.

„Nicht pampig werden, Doktor!“, warnte der Mann. „Gerade Sie sollten ganz kleine Brötchen backen. Ist ja wohl nicht die ganz feine Art, erst querzuschreiben und dann den Wechsel platzen zu lassen.“

Sein Blick glitt über die Wohnungseinrichtung. Unheimlich protzig kam sie ihm vor.

Wilhelm Hussing stand, mühsam auf. „Ich zeige Sie an! Und Hüttner auch, damit wir uns verstehen!“

„Nur zu!“, ermunterte der Mann. „Hüttner legt dann den Wechsel in der Klinik vor. Wir wissen nämlich, wo Sie arbeiten. Ich denke, das wird nicht sehr lustig für Sie.“ Er reckte das Kinn vor. „Sie hätten halt weniger in Ihre vier Wände reinbuttern sollen.“

„Hinaus mit Ihnen!“ Wilhelm Hussing war wütend, aber es steckte kein großer Nachdruck hinter den Worten.

Vom Mantel des Mannes tropfte Wasser. Dunkle Flecken bildeten sich auf dem hellen Teppichboden.

„Wir sehen uns also in drei Tagen“, sagte der Mann unbeeindruckt. „Hübschen alten Kram haben Sie hier. Verkaufen Sie etwas davon, die Leute zahlen gute Preise.“ Er wandte sich um.

Auf dem Flur fiel ihm etwas ein, er kam zurück. „Ein ganz persönlicher Rat, wenn Sie ihn hören wollen: Überlassen Sie das Spielen Leuten, die etwas davon verstehen.“ Er blickte auf die Schwellung unter dem linken Auge des Doktors. „Glauben Sie, mir macht das Spaß?“

„Warum tun Sie’s dann?“

Der Mann schien diese Frage für äußerst dumm zu halten. „Ich werde dafür bezahlt. Sie schnippeln an den Leuten herum, und ich verteile Mahnungen an allzu vergessliche Leute.“

Damit ging er endgültig.

Vom Flur waren Stimmen zu hören, ein Schlüsselbund klirrte, eine Tür wurde aufgeschlossen.

Wilhelm Hussing starrte auf die Wasserflecken und gab der Tür einen Stoß. Mit einem leisen Knall fiel sie zu.

Es ging die Mitbewohner des Hauses einen Dreck an, was bei ihm los war. Fehlte noch, dass die Emmeling, diese zudringliche Person, hereinschneite und wieder etwas gegen ihren hohen Blutdruck haben wollte.

Wenn die ihn so sah, dann blühte der Klatsch im Haus.

Er ging in die Küche an den Kühlschrank, füllte Eiswürfel in eine Plastiktüte und kühlte die brennende Stelle.

Das gab vielleicht ein Veilchen!

Ein Hämatom allererster Güte.

Wenn er in sechzehn Stunden wieder zum Dienst antrat, hatte es sich voll entwickelt. Die blödsinnigen Bemerkungen der Kollegen und vom Personal hörte er jetzt schon!

Seine Wut auf diesen Hüttner wuchs. Ein übler Patron, dieser Mensch.

Aber zu spaßen war nicht mit ihm, das hatte er eben erfahren.

Lieber Himmel, wo sollte er jetzt um die Monatsmitte zweitausend Mark hernehmen? Das Konto hatte er bereits überzogen.

Eine Schnapsidee, dem Menschen einen Wechsel über die Spielschulden zu unterschreiben.

Vor einer Woche hatte er wieder einmal mit dem obskuren Kreis von Leuten um Hüttner gespielt, zunächst gewonnen und dann hoch verloren. Er hatte versprochen, das Geld vorbeizubringen, sobald er dazu in der Lage sei.

Hüttner hatte gefeixt und sinngemäß gesagt, es sei ja eine Ehre, wenn der Herr Doktor mitspielte, und selbstverständlich wisse er, dass in den noblen akademischen Kreisen Spielschulden Ehrenschulden seien, aber was Schriftliches sei ihm halt lieber.

Dann hatte Hüttner einen Wechsel hingelegt.

Und er hatte unterschrieben und erst danach gesehen, dass die Fälligkeit auf drei Tage später datiert war.

Er seufzte tief. Er hatte gedacht. Hüttner hinhalten zu können. Der Mann zeigte jedoch wenig Geduld.

Er kehrte ins Wohnzimmer zurück und betrachtete einäugig die antiken Möbel.

Es handelte sich um ausgesucht schöne Stücke. Der Haken war nur, dass sie Marga gehörten. Und die gab nie ihre Einwilligung, dass er auch nur ein Stück verkaufte.

Überhaupt, wie hätte er es ihr erklären sollen?

Spielschulden waren für sie bestimmt etwas Unanständiges, da kam sie ganz auf ihre altmodische Familie.

Er versuchte, es ihr besser gar nicht erst zu erklären.

Aber wie sie ihn manchmal anschaute, wenn sie ausgingen und er sie immer häufiger die Rechnung bezahlen ließ!

Es gab Augenblicke, da glaubte er, sie wisse um seine heimliche Leidenschaft und würde ihm seine Spielwut auf den Kopf zusagen.

Vielleicht vermutete sie auch nur etwas in dieser Richtung.

Bisher hatte sie ihn aber nicht gefragt.

Schon möglich, dass sie darin Hemmungen hatte. Dass sie fürchtete, sie könnte ihr Verhältnis belasten, das als feurige Romanze begonnen hatte.

Oder sie schwieg, weil sie den Standesunterschied zwischen einer OP-Schwester und einem Assistenzarzt kannte.

Die meisten dieser Mädchen waren ja darauf aus, sich einen Arzt zu angeln.

Um das zu erreichen, waren einige sehr bereitwillig.

Marga nicht. Im Gegenteil, sie hatte ihn immer wieder abblitzen lassen, als er ein Techtelmechtel hatte anfangen wollen.

Gerade ihre spröde Zurückhaltung hatte ihn gereizt.

Es hatte ihn immer stärker interessiert, was für ein Mensch hinter der ausgezeichneten OP-Schwester steckte, die wie eine Maschine ihren Dienst tat, sicher, umsichtig und routiniert.

Nach fast einem Jahr war es ihm gelungen, er hatte das Mädchen Marga entdeckt, ein unkompliziertes Wesen, das mit offenen Augen durchs Leben ging und feste Vorstellungen hatte.

Und Geld!

Eine Erbschaft von einem Onkel, den sie lange gepflegt hatte. Dazu seine antike Möbelsammlung. Und gespart hatte sie auch einen ansehnlichen Betrag.

Genug, um ihm eines Tages die Einrichtung einer Praxis zu ermöglichen. Darüber hatten sie schon gesprochen.

Er hatte nicht die Absicht, Kliniker zu bleiben.

Natürlich, den niedergelassenen Kollegen wehte ein scharfer Wind ins Gesicht, die Konkurrenz war groß, und an den Universitäten drängte der Nachwuchs nach.

Es gab Praxen, die die Unkosten nicht deckten.

Aber ein guter Frauenarzt fand immer sein Auskommen.

Und Margas Geld würde es ihm ermöglichen, im Gegensatz zu manchem Kollegen keine Hungerjahre nach Eröffnung der Praxis durchmachen zu müssen.

Marga! Er musste sie um Geld bitten, musste ihr eine einleuchtende Erklärung geben.

Dieser verflixte Hüttner war sonst tatsächlich fähig, ihm die Laufbahn zu ruinieren. Mit dem Wechsel konnte er das.

Sein Chef, Professor Florian Winter, trennte zwar Dienstliches von Privatem streng, aber er hatte ein Auge auf seine Assistenzärzte und huldigte der Ansicht, dass private Eskapaden nur zu häufig in den Beruf hineinspielten und darum besser unterblieben. Sie würden sich ungünstig auswirken.

Die Klinik hatte sich von Kollege Merten getrennt - einvernehmlich, um ihm nicht den Beruf zu verbauen. Merten hatte noch immer keine Anstellung. Man wusste an den Krankenhäusern, was sich hinter dem Wort „einvernehmlich“ alles verbergen konnte. Merten schlug sich mit Urlaubsvertretungen durch.

Und nur, weil er privat an alkoholischen Ausschweifungen teilgenommen und in der Klinik zwei- oder dreimal mit zitternder Hand Notoperationen durchgeführt hatte.

Professor Winter würde die Wechselreiterei ebenso streng beurteilen.

Es half alles nichts, er musste bei Marga die zweitausend Mark lockermachen und Hüttner in den Rachen werfen, bevor sich weitere Konsequenzen einstellten.

Für das blaue Auge musste eben eine Ausrede herhalten.



2

Um 23 Uhr bekamen sie einen Notfall herein.

Eine achtundzwanzig Jahre alte Frau, robust, etwas ungepflegt und in einem blauen Arbeitsanzug steckend.

Der Anzug war schon etwas ungewöhnlich.

Doktor Richard Ansorge hatte Nachtbereitschaft und fand sich in der Notaufnahme ein. Mit mildem Erstaunen betrachtete er die Frau, die sich auf der Liege zusammengerollt hatte.

Der Fahrer des Rettungswagens händigte ihm die Begleitpapiere aus.

Richard Ansorge überflog den Einweisungsschein. Ein Betriebsarzt hatte ihn vor einer halben Stunde in einer benachbarten Stadt ausgestellt.

Die Frau hieß Berta Ruckes, war verheiratet, hatte zwei Kinder und war unmittelbar nach Beginn ihrer Nachtschicht zusammengebrochen. Die Verdachtsdiagnose des Betriebsarztes lautete auf akute Appendicitis.

Wird der sich gefreut haben, als sie ihn aus dem Bett in die Firma holten, dachte Ansorge.

Die typische Schonhaltung der Frau war ziemlich eindeutig.

Sie vermied jede Bewegung.

„Ist Nachtarbeit für Frauen überhaupt zulässig?“, wandte sich Ansorge an den Fahrer.

Der hob in komischer Verzweiflung die Achseln. Was ging das ihn an? Ebenso hätte der Doktor fragen können, warum der Mond rund und nicht eckig war.

„Es ist ein akuter Wurm diagnostiziert", wandte sich Ansorge an das Personal. „Das werden wir jetzt prüfen.“

Zwei Pfleger klappten die Rolleinrichtung der Liege herunter. Ganz erschütterungsfrei ging das nicht.

Sofort begann die Patientin zu wimmern und die Arme schützend vor den Leib zu legen.

„Schwester!“ Doktor Ansorge dirigierte die Ambulanzschwester mit Blicken hinterher.

Aus dem Nebenraum drang das Wimmern der Patientin, die entkleidet wurde.

Nach kurzer Zeit erschien die Ambulanzschwester in der Tür: „Wir sind soweit, Herr Doktor.“ Ihr Kopf zuckte zurück. Würgende Geräusche kamen aus dem Untersuchungsraum, die beiden Pfleger redeten hastig, Schritte tappten eilig, ein Gefäß wurde untergehalten, in das sich etwas ergoss.

Der Kopf der Schwester tauchte wieder auf. „Sie erbricht auch noch.“

Doktor Ansorge seufzte und ging hinein.

Ein Pfleger stellte gerade eine Schale in den Ausguss, der andere säuberte die Patientin.

Bei akuter Wurmfortsatzentzündung war das Erbrechen eine typische Begleiterscheinung.

Die Patientin lag wieder ängstlich zusammengerollt auf der rechten Seite.

„Na, Frau Ruckes, Sie sind bei uns in besten Händen. Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Mein Name ist Ansorge. Bitte, versuchen Sie jetzt einmal auf dem Rücken zu liegen. Eine kleine Untersuchung, es geht ganz schnell.“

„Aber es tut doch so weh.“ Die Frau bewegte kaum den Kopf. Aus ihren geweiteten Augen rollten die Tränen.

„Wir helfen Ihnen“, versicherte Ansorge.

Er gab den Pflegern und der Schwester einen Wink.

Frau Ruckes stieß einen Schrei aus, als sie von sechs Händen in die Rückenlage gebracht wurde. Sie winkelte die Beine hoch und legte wieder die Arme auf den Leib.

Doktor Ansorge trat näher.

„Sie müssen schon loslassen, Frau Ruckes. Was machen Sie da eigentlich für eine Arbeit?" Er war bemüht, sie abzulenken.

Es gelang nicht völlig.

In ängstlicher Erwartungshaltung beobachtete sie seine Hände, die sich ihrem Leib näherten.

..Reden Sie nur, ich höre zu!“, ermunterte er sie.

„Ich führe eine Kaltwalzmaschine für ... aua! ... für Feinblech", sagte sie gepresst.

Ansorge machte die Druckprobe auf dem Mac-Burney-Punkt. Er brummte etwas, wechselte zur linken Bauchdeckenseite und machte die Blumberg-Probe.

Als er losließ und der Erschütterungsschmerz die Appendix-Gegend erreichte, ging die Patientin fast unter die Decke.

Ansorge wiederholte die Probe.

Die Bauchdecke war bretthart verspannt, und das war nicht typisch.

Die Erschütterungswellen breiteten sich auch nicht zufriedenstellend aus.

Bei einem akuten Wurm war die Bauchmuskelspannung auf den rechten Unterbauch lokalisiert.

Aber jedes Krankheitsbild zeigte Varianten in den Symptomen.

„Strecken Sie beide Beine aus, Frau Ruckes!“, verlangte er freundlich.

Es dauerte, und er wurde etwas ungeduldig. Die Patientin streckte nur langsam die angezogenen Beine hinunter und stellte sie angewinkelt auf.

„Ausstrecken!"

Ächzend kam die Frau der Aufforderung nach. Schweiß trat ihr aus der Haut.

Ansorge legte eine Hand auf den rechten Spann und übte einen leichten Gegendruck aus.

„Heben Sie jetzt das rechte Bein.“

Frau Ruckes schrie auf, als sie das Bein gegen den Widerstand heben sollte.

Instinktiv winkelte sie das Bein wieder an und zog es hoch. So ging es, dabei empfand sie also wesentlich weniger Schmerzen.

..Bitte noch den Sitkowski“, sagte Doktor Ansorge zu den Pflegern und der Schwester.

Sie mussten zu viert anfassen, um Frau Ruckes in die linke Seitenlage zu bringen.

Sie schrie und wimmerte.

„Akuter Wurm“, bestätigte der Arzt die Diagnose des Betriebsarztes. „Bereiten Sie alles für den Eingriff vor, Schwester. Trommeln Sie mir ein Team zusammen. Labor, Schnelltest und so weiter.“

Er wusch sich die Hände.

Die Schwester überlegte bereits, wie sie alles reibungslos organisierte. Der Doktor war als etwas unduldsam bekannt. Bei Nacht arbeitete der Hausdienst allerdings auf Sparflamme, das schien er zu vergessen.

Sie griff zum Thermometer und maß die Temperatur.

Die war nicht erhöht.

Beim akuten Wurm hatte sie das zu sein. Zumindest leicht erhöht. Ab siebenunddreißigfünf. Höchstens neununddreißig.

Sie hatte Zweifel. „Herr Doktor, sollten Sie nicht vielleicht die Zunge ansehen?“, wagte sie einen Vorstoß.

Doktor Ansorge schaute sie grimmig an und ließ sich einen Mundspatel reichen.

Die Patientin lag schon wieder auf der rechten Seite. Nach einigem Zureden streckte sie die Zunge heraus.

Sie war belegt. Weißlich belegt.

„Sind Sie jetzt zufrieden. Schwester?“ Der Blick und der Ton hätten auch einen festgeschraubten Medikamentenschrank zum Wanken gebracht.

„Ja“, hauchte sie und merkte, wie sie rot wurde.

„Ich bitte um Beeilung!“, sagte Doktor Ansorge und ging mit wehendem Kittel hinaus. Sein letzter Blick drückte aus, wofür er sie hielt.

Sie trug ein paar Daten ein, deckte die Patientin ab, gab den Pflegern die Papiere mit und griff zum Telefon, um ein Operationsteam zusammenzutrommeln.

In der OP-Bereitschaft meldete sich Schwester Marga.

„Ein akuter Wurm ist auf dem Weg, Doktor Ansorge wird operieren und braucht ein Team ...“

„Ja, und was ist noch?“ fragte Schwester Marga, der das bedeutsame Schweigen nicht gefiel.

„Hoffentlich ist jemand da, der auch an etwas anderes denkt als an einen akuten Wurm“, rutschte es der Ambulanzschwester heraus. „Die Temperatur ist sechsunddreißigfünf, und die Zunge ist völlig trocken."

Ein langer Atemzug drang durch das Telefon. Schwester Marga hatte verstanden.

„Ich werde mich darum kümmern“, versprach sie.

Die Ambulanzschwester legte auf. Ansorge und seine Diagnosen! Es war im ganzen Haus bekannt, dass er sie oft übereilig stellte und manchmal ganz gehörig danebengriff.

Sie wählte das Labor an.

Jemand hob ab, im Hintergrund dudelte leise Musik.

„Eine Patientin mit Verdacht auf Wurm, aber achtet auf Leukozytose und Stärke der Linksverschiebung“, sagte sie.

„Aha“, brummte eine Männerstimme. „Der Ansorge, was?“



3

Mit vollem bürgerlichem Namen hieß sie Margarete Urban.

In der Klinik war sie als Schwester Marga bekannt. Sie war eine der unauffälligen, aber verlässlichen Stützen, ohne die eine Mannschaft im OP nun einmal nicht funktioniert.

Unauffällig deshalb, weil im OP nur die Operateure glänzen. Die anderen sind wichtige Mitarbeiter.

In diesem Punkt teilte Schwester Marga das Schicksal ihrer Kolleginnen. Man erwartete von ihnen, dass sie funktionierten.

Ansonsten war Marga eine propere Erscheinung, was vom männlichen Teil der Kollegen und Ärzteschaft wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde.

Etwas zurückhaltend, eine herbschöne Frau von einunddreißig Jahren. Vor allem nicht geschwätzig. Sie hatte als Lernschwester im Paul-Ehrlich-Krankenhaus angefangen, später den OP-Schwestern-Kursus gemacht und zwei Jahre außerhalb gearbeitet.

Dann hatte sie noch ein Jahr lang eine Pflegestelle bei einem nahen Verwandten versehen. Genaueres wusste man nicht.

Seit zwei Jahren war sie wieder da, und nach anfänglichen Einarbeitungsschwierigkeiten füllte sie ihren Platz zu jedermanns Zufriedenheit aus.

Kurzum, sie stand ihre Frau.

Deshalb geriet sie auch keinen Augenblick lang ins Schwimmen, als der Alarmruf von der Notaufnahme heraufkam.

Sie ging die Bereitschaftsliste durch.

Oberarzt Mittler war in dringenden Fällen zu Hause zu erreichen.

Auch der Chef, Professor Winter.

Doktor Renner war im Haus, Assistenzarzt wie Ansorge.

Sie rief ihn im Bereitschaftsraum an.

Seine Stimme klang, als hätte er sich eben hingelegt.

„Herr Doktor, eine Appendektomie, aber ...“, sagte sie und bediente sich desselben Kniffs wie die Ambulanzschwester.

Doktor Markus Renner kannte die Nöte des Personals. Er lachte ermunternd. „Nur heraus damit! Was ist noch?“

„Es wäre nützlich, wenn Sie sich noch die Zunge der Patientin ansehen, Herr Doktor. Außerdem gibt es keinen Fieberbefund.“

„So?“, machte er kurz angebunden. „Bereiten Sie alles vor, ich bin in drei Minuten da.“

Erleichtert legte sie auf. Das war schon mal geschafft.

Auf der Intensivstation erreichte sie Doktor Simon, einen der Anästhesisten.

Danach trieb sie das weitere Personal auf.

Gerade als Doktor Renner eintrat, hatte sie die Mannschaft komplett.

„Brav gemacht“, lobte Doktor Renner, nachdem er einen Blick auf ihre Besetzungskarte geworfen hatte. „Mit Ihnen zur Seite ist mir nicht bang, Schwester.“

Das hörte sie gern. Etwas verlegen senkte sie den Kopf.

Mit dem Arzt und zwei OP-Pflegern, die sich gerade vor der offenen Tür einfanden, ging sie zum Umkleideraum.

Fünf Minuten später betraten sie die sterile Sphäre des Operationssaales.

Die Patientin war noch nicht im Vorbereitungsraum eingetroffen.

Das Labor gab ein paar Werte durch. Eine Leukozytose war nicht feststellbar, dafür eine starke Linksverschiebung.

Doktor Renner machte ein Gesicht, als wollte er etwas sagen. Er schwieg jedoch.

Aus dem Waschraum eilte Kollege Ansorge und versuchte, die Bänder des Mundschutzes hinter der grünen Kopfhaube zu knoten.

„Hilft mir denn niemand?“, dröhnte seine gereizte Stimme durch den Raum.

Die Laufschwester, ein schmächtiges Ding mit scheuen braunen Augen, huschte hinter ihn und verknotete die Bänder.

In diesem Augenblick entstand eine Bewegung an der Tür zum Vorbereitungsraum. Ein Pfleger steckte den Kopf herein. Die Patientin war eingetroffen.

„Herr Kollege, sehen wir uns den Fall doch noch gemeinsam an“, schlug Doktor Renner vor.

„Vertrauen Sie meiner Diagnose nicht?“, brauste Ansorge auf. Misstrauisch blickte er in die Augen des Kollegen.

Aber Doktor Renner schaute so sanftmütig, dass Ansorges Argwohn verflog.

Frau Ruckes hatte inzwischen eine Beruhigungsspritze bekommen. Sie blickte aber nicht weniger ängstlich als unten in der Notaufnahme.

Doktor Renner stellte sich vor. Dabei griff er die Begleitpapiere auf und verschaffte sich genauere Kenntnis des Falles.

„Und Sie sind einfach zusammengebrochen? Nicken Sie, wenn das Sprechen Sie zu sehr anstrengt oder schmerzhaft ist.“

Frau Ruckes machte die Augen zu. „Gut, verständigen wir uns auf diese Weise.“ Doktor Renner ging auf die Patientin ein.

„Hatten Sie die Tage davor schon Beschwerden?“

Die Augen klappten zu.

„Mit anfallartigen Schmerzen?“ Wieder das Klappen.

„An einer bestimmten Stelle?“

Jetzt blieben die Augen offen.

„Hm!“, machte Doktor Renner. „Fragen wir mal so: Waren die Schmerzen anfangs mehr allgemein, also überall im Bauch?“

Die Augen gingen zu.

„Aber später haben sie sich dann auf einen Punkt konzentriert?“

Die Augen blickten ratlos.

„Wenn Sie mir etwas helfen, Frau Ruckes, kämen wir schneller voran“, sagte Markus Renner freundlich drängend.

„Es ... es tut doch so weh.“ Die Stimme war ganz flach und kläglich.

Doktor Renner griff nach dem Arm der Frau und fühlte den Puls. Er war weich und klein.

„Mit dem Punkt meine ich natürlich nicht eine winzige Stelle. Sie kann auch handgroß sein. Haben Sie so etwas beobachtet, Frau Ruckes?“

Doktor Ansorge stand dabei und blickte entrüstet und bitterbös. Wie kam Kollege Renner dazu, noch einmal eine Erhebung zu machen?

Ein Affront sondergleichen war das! Eine ... eine Unverfrorenheit!

An Renner prallten die Blicke ab wie an der Haut eines Elefanten.

Frau Ruckes nickte zögernd.

„Und wann sind die Beschwerden jeweils aufgetreten?“, forschte Renner weiter. „Vor dem Essen, nach dem Essen, morgens oder abends?“

„Ein, zwei Stunden ... aah! ... nach dem Essen, Herr Doktor.“

„Schön, das hilft uns weiter. Ich darf Sie gerade noch mal ansehen, Frau Ruckes.“ Er hob das Laken ab. Die Frau lag in einer ängstlichen Erwartungshaltung.

Er legte behutsam die Hand auf den Leib.

Die Patientin war hoch berührungsempfindlich und schrie auf.

Doktor Renner wusste genug. Die Bauchdecke war bretthart und verspannt.

Er deckte das Laken zurück. „Das war es schon, Frau Ruckes. Eine Schwester kommt gleich zu Ihnen. Ein operativer Eingriff ist dringend geboten. Das hat man Ihnen aber sicher schon gesagt. Sie brauchen keinerlei Angst zu haben. Solche Sachen sind sozusagen unsere Spezialität.“

Er lächelte ihr aufmunternd zu und verließ das Vorbereitungszimmer.

Doktor Ansorge schoss ihm ergrimmt nach.

„Was hat das zu bedeuten, Herr Kollege?“, hauchte er den gleichgestellten Renner an.

„Dass der akute Wurm eine Peritonitis ist“, sagte Renner mit einem Höchstmaß von kühler Zurückhaltung. „Die Zunge der Patientin ist belegt, aber völlig trocken ...“

„Das haben Sie auf Anhieb erkannt?“, klang es höhnisch aus Ansorges Mund.

„Während die Patientin gesprochen hat“, bestätigte Renner unbekümmert. „Dann der bretthart verspannte Bauch. Dazu kein Fieber.“

„Wissen Sie, von solchen Prima-vista-Diagnosen halte ich rein gar nichts.“

Renner wollte dazu etwas erwidern. Er verkniff sich die spitze Bemerkung und sagte mit Engelsgeduld: „Vom Labor liegt der Schnelltest vor. Keine Leukozytenzahlveränderung, die ins Auge fallen würde, aber eine starke Linksverschiebung.“

Doktor Ansorge schaute etwas verwundert. „So?“

Er trauerte sichtlich seiner Appendicitis nach, die keine war.

„Machen wir auch noch die Differentialdiagnose“, fuhr Renner fort. „Die Frau hat ein Ulcusgesicht. Auffallend die scharfgeschnittenen Nasolabialfalten. Bekanntlich liegt der Magen vor den Duodenum. Beim Magenulcus hätte die Frau den Nüchternschmerz. Nach eigenem Bekunden ist es aber ein Spätschmerz - ein bis zwei Stunden nach dem Essen. Ergo haben wir es mit einem Ulcus duodeni zu tun. Nicht sehr erfreulich, denn das Zwölffingerdarmgeschwür ist perforiert, Bakterien sind in den freien Bauchraum entwischt und haben uns diese Bauchfellentzündung beschert.“

„Ja ja“, machte Doktor Ansorge mokiert wegen der dozierenden Belehrung. „Und ich hätte schwören mögen, dass es sich um eine destruktive Appendicitis handelt.“

Markus Renner lachte. „Machen Sie sich nichts daraus. Ich habe auch

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 08.03.2016
ISBN: 978-3-7396-4208-6

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