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Kommissar Benedict ermittelt: Zwei Krimis

von Peter Schrenk

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 493 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende zwei Krimis:

Sangers Fluch

Der fremde Tod

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

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© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

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SANGERS FLUCH

von Peter Schrenk

 

Als eine Wasserleiche gefunden wird, muss Kommissar Benedict nach Ost-Berlin, um zu ermitteln. Dort herrschen teilweise noch die alten Stasi-Strukturen und Benedict, der die Kontakte des Toten zu diesen Strukturen aufdeckt, wird nicht nur mit dem Misstrauen der Ostberliner Kollegen, sondern auch mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert.

Prolog

Der Knüppel sauste im Halbdunkel auf ihn herunter.

Instinktiv duckte er sich und knallte die Hoteltür von innen wieder zu. Den Angreifer hatte er im matten Licht der Nachtbeleuchtung nur schemenhaft wahrgenommen, aber die antrainierten Reflexe funktionierten. Trotz des langen Urlaubs. Jetzt erwartete er leise keuchend den nächsten Versuch.

„Mr. Benedict? Mr. Benedict!!! Ich will doch nur mit Ihnen reden!“

Die Stimme, die zu ihm ins Zimmer drang, war erschrocken und weiblich und klang nicht unbedingt nach Mord und Totschlag. Dennoch öffnete er die Tür nur einen Spalt breit, um vorsichtig nach draußen zu blinzeln. Auf dem schwach erleuchteten Gang des Downtown Holiday Inn nahm er nun deutlich die Gestalt einer Frau wahr, deren linke Hand mit einem länglichen Gegenstand in der Luft herumwedelte. Mühsam versuchte er die nachtverklebten Augen noch weiter auseinanderzubringen. Was er im diffusen Licht des Hotelflurs eben noch für ein Schlaginstrument gehalten hatte, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als zusammengerollte Zeitung, mit der die weibliche Schattengestalt aufgeregt durch die Luft fuchtelte. Erleichterung oder sogar Heiterkeit wollten sich bei ihm trotzdem nicht einstellen. Dafür war es einfach zu lausig früh am Morgen. Dem immer noch bedrohlich vor seinem Kopf herum wirbelnden Presseorgan ausweichend, quetschte er schließlich einen unwirschen Laut durch die spröden Lippen.

„Yeah?“

„You must help me, Mr. Benedict, please!“

Während er sich noch im Halbschlaf in der Situation zurechtzufinden versuchte, wurde hinten auf dem Gang eine Tür aufgerissen. Ein Schwall amerikanischer Flüche dröhnte über den endlos langen Hotelflur. Da fühlte sich offensichtlich noch jemand gestört. Bevor es richtig peinlich werden konnte, zog Benedict die ungebetene Dame hastig zu sich ins Hotelzimmer hinein. Nicht, dass er prinzipiell etwas gegen den Besuch von Damen einzuwenden hätte, aber nach dieser Nacht...

„Sorry!“, krächzte er rau und verabschiedete sich fluchtartig Richtung Bad, die Frauengestalt mit ihrer Zeitungswurst im halbdunklen Zimmer zurücklassend.

Eilig setzte er die Zahnbürste an, um die Reste einer überlangen TV- und Minibar-Nacht weg zu schrubben. Vergebliches Bemühen. Auch nach fünf Minuten war dieser faulpelzige Geschmack an seinem Gaumen immer noch da. Amerikanisches Mundwasser taugt eben nicht für guten deutschen Zahnbelag. Ein kleiner, aber gewichtiger Grund zur Vorfreude auf die gewohnten Verhältnisse. Zum Abschluss seiner wenig erfrischenden Morgenhygiene versuchte er dann noch mit einer kombinierten Alka-Seltzer/Aspirin-Therapie, den Kampf gegen die sonstigen Nachwirkungen der vergangenen Nacht aufzunehmen.

Zwei, allerhöchstem drei Stunden hatte er sich wohl anschließend noch unruhig in den verschwitzten Laken herumgewälzt. Auf den zuckenden Augäpfeln die eingebrannten Fernsehbilder trunkener Mauertänzer. Süchtig war er bis zum frühen Morgen zwischen den großen Networks hin und her geirrt, um ja keinen der Berichte aus diesem fernen Land zu verpassen.

Als das englische Rasierwasser scharf auf seiner Haut Wirkung zeigte, war Benedict dann doch wieder halbwegs auf dem Weg in diese Welt. Es war Mitte November und der letzte Tag seines langen USA-Urlaubs, der hier in Los Angeles sein Ende gefunden hatte. Gestern noch der abschließende Besuch im FBI-Büro am Wilshire Boulevard. Ein halb freudiges, halb bedrückendes Wiedersehen mit Linda Washoe, deren indianischer Bruder in England so bestialisch ermordet worden war. Wenn die FBI-Agentin ihm damals nicht geholfen hätte, säße er wahrscheinlich heute noch in einem Knast Ihrer Britischen Majestät.

Bei einem der unzähligen Mexikaner hatten sie abends ein scharfes Chili gegessen, aber das Thema Sakamoto tunlichst vermieden, und als er ins Hotel zurückkam, waren dann auf einmal die Glückwünsche über den Deutschen hereingebrochen.

„The wall in Berlin is open! Congratulations!“

Ungläubig zuerst, denn man weiß ja, was heutzutage alles im Fernsehen gemacht werden kann, hatte er diese verrückten Bilder in sich hinein gesogen, und wahrscheinlich verhinderte nur die große räumliche Distanz zum wirklichen Ereignis eine allzu tränende Sentimentalität.

Als er nach zehn Minuten leidlich frisch wieder aus dem Bad zurückkam, hatte seine Besucherin die Vorhänge geöffnet.

Sie war irgend was zwischen zwanzig und dreißig. Nein, nicht sein Typ. Gemischt blond und kleenex-frisch sauber.

„Ihr Foto ist hier in der Los Angeles Times!“

Damit war zumindest geklärt, woher sie seinen Namen wusste. Als der Pressesprecher des FBI-Büros ihn durch die Arbeitsräume geführt hatte, war ein Fotograf aufgetaucht, der ihn und Linda dann dekorativ vor dem Eingang aufgenommen hatte. Jetzt prangte das Ergebnis seiner Bemühungen mit der Bildunterschrift German Police Officer visits L.A. Field Office im Lokalteil der Zeitung.

„Und wer sind Sie?“, fragte er mehr höflich als interessiert.

„Ich heiße Sanger. Ramona Sanger. Mein Vater war Dean Sanger ...“

Der Name stand im Raum. Von ihrem erwartungsvollen Blick eskortiert.

„Sanger?“ Nein. Er konnte nicht dienen. Der Name sagte ihm nichts.

„Dean Sanger war ein bekannter Sänger und Filmschauspieler ... im Ostblock! Mein Vater lebte in der DDR!“ Hilflos schien sie sich an ihrer Zeitungsrolle festzuklammern. „Er hat auch schon mit Yul Brunner in einem Western gespielt ...“, schob sie enttäuscht noch einen Satz nach.

Aber Benedict fuhr die sture Masche.

Er wollte nicht. Sie hatte ihn gestört. Wahrscheinlich hätte er nicht mal gewollt, wenn ihm der Name etwas gesagt hätte. Und sie war ihm zu frisch gewaschen und amerikanisch. Dieser angebliche Sänger-Star, von dem er noch nie gehört hatte, und dieses Mädchen, in engen Jeans und blanken Cowboystiefeln, sie interessierten ihn einfach nicht.

Auf den Wangen der brünetten Amerikanerin begannen sich rote Flecken auszubreiten.

„Mein Vater wurde ermordet“, stieß sie hastig heraus, „von der Stasi. In einem See bei Ost-Berlin!“

„Ach“, meinte er mit zunehmendem Unbehagen. Ging ihn das irgend was an? Ihn, den Leiter des Düsseldorfer K1, einen westdeutschen Kriminalpolizisten? An seinem letzten Urlaubstag. Hier in Los Angeles, Kalifornien, USA?

„Jetzt, wo die Mauer doch offen ist!“

Verdutzt blickte er sie an. Sollte das was ändern?



1

Kapitän Mosiek steuert das Boot am Düsseldorfer Messegelände vorbei und drosselt die 800 PS starke Dieselmaschine herunter.

Wieder mal Überstunden. Und dann auch noch die Schreibarbeit im Stützpunkt der Wasserschutzpolizei. Kurz vor Schichtende, um 17 Uhr 30, hatte es am Stromkilometer 752, oben am Leuchtenburger Ort, geknallt. Die elektrische Ruderhilfe eines holländischen Binnentankers hatte ihren Geist aufgegeben. Am rechtsrheinischen Ufer auf Grund gelaufen, strömten aus einem schmalen Riss im Mittschiff des Havaristen kurzzeitig mehrere hundert Liter schweres Heizöl in den Strom. Sie hatten alle Hände voll zu tun gehabt, aber mit Hilfe der Feuerwehr war es der Besatzung von WSP 2 gelungen, eine größere Umweltkatastrophe zu verhindern.

Noch mal gutgegangen. Diesmal. Mit müden Augen starrt Mosiek auf den im Schein der Stadtlichter schimmernden Strom. Er kennt das hier alles auswendig. So ein schöner Apriltag. Warm war es bis in den Abend gewesen. Über zwanzig Grad. Sie hätten mit dem Motorrad raus fahren können. Irgendein Biergarten wäre vielleicht auf gewesen und ...

„Soll ich da drüben noch mal drauf halten? Vorsichtshalber?“ Die Stimme von Ute Wolff reißt ihn aus seinen Gedanken.

Der Bootskapitän weiß, was mit „da drüben“ gemeint ist. Da liegen seit einigen Monaten die vier sogenannten Übersiedlerschiffe. Nach Öffnung der innerdeutschen Grenzen waren die Leute in einem gewaltigen Strom aus der DDR ins gelobte Land gekommen. Die Ostler aus Magdeburg, Glauchau und Stralsund. Anfangs ging das ja noch an, aber später war viel Pack dabei gewesen. Amnestierte Kriminelle, Profis, Alimentenflüchtlinge und sonstiges Gelichter. Und das alles in engen Schiffskabinen zusammengepfercht, ergab natürlich ein explosives Gemisch. So war denn auch kaum ein Tag vergangen, an dem es nicht zu irgendwelcher Randale auf den Dampfern gekommen war. Meistens im Suff. Was sollten die Leutchen auch sonst machen.

„Mm. Schmeiß mal ’ne Ladung Leuchtstoff rüber, Wölfchen!“, gibt Mosiek die Anweisung zum Einsatz des starken Scheinwerfers an die Polizeiobermeisterin.

Der grelle Lichtkegel fingert über das Wasser und streicht langsam an den Aufbauten der Passagierschiffe entlang. Zum Glück ist alles ruhig. English Lady leuchtet der Name am Bug des letzten Schiffes im Schein des Werferstrahls auf.

„Das war’s. Ab nach ... Halt!“

Gerade als Mosiek das Signal zum Abbruch der Aktion geben will, erfasst das Licht einen aus dem dunklen Wasser herausragenden Gegenstand.

„Festhalten!“, befiehlt er rau die Einstellung des Scheinwerfers und steuert WSP 2 längsseits des am Ufer vertäuten Dampfers.

„Mist, verdammter!“, knurrt Hauptmeister Werhahn, der gerade seine Sachen in der Kajüte zusammenpackt. „So ein beschissener Tag aber auch!“

Mit Hakenstangen hieven sie den Gegenstand an Bord.

Kurz nach neun Uhr abends unterrichtet Kommissar Mosiek auf dem 2-Meterband die Düsseldorfer Station vom Auffinden einer männlichen Wasserleiche längsseits der English Lady.

 

*

 

Zigarren haben einen großen Nachteil.

Am Morgen danach hängt der kalte Nachhall abendlichen Vergnügens immer ekelhaft in sämtlichen Wohnungswinkeln. Leider machen auch kubanische Importe da keine Ausnahme. Und um dem unausweichlichen Geschimpfe seiner Haushälterin zu entgehen, hat Benedict die großen Schiebefenster zur Rheinseite hin geöffnet und sich zum Schutz gegen die herein dringende Abendkühle in eine Decke gewickelt. Leicht fröstelnd nach dem fast sommerlich warmen Tag, versucht er die Buchseite um zu blättem.

Aus dem Radio klingt leiser Gesang herüber. Johnny Cash mit einer seiner Balladen. Sein USA-Urlaub existiert nur noch in verklärten Erinnerungs-Clips und ein paar hundert Fotos, die er dringend irgendwo einordnen müsste. Wahrscheinlich wird es niemals geschehen. Wie mit allen bisherigen Fotos. Manchmal sind unter diesen Memory-Clips auch ein letzter Tag in Los Angeles und ein ertrunkener US-Cowboy namens Dean Sanger. Aber beim Aufwachen hat Benedict das meistens wieder vergessen.

Ärgerlich zieht er die herabgerutschte Decke über die Schultern, um sich dann wieder auf den Lesestoff zu konzentrieren. Aber irgendwie dringt doch immer etwas feuchte Zugluft vom Rhein durch den nicht ganz abschließenden Wollstoff, und beim Versuch, sich richtig einzumummeln, fällt das schwere Buch auf den Boden. Da liegt er also zu seinen Füßen, der „Adler von Lübeck“, das gewaltigste Kriegsschiff der Deutschen Hanse. In einem letzten Anfall von Großmannssucht hin geklotzter 3000 Tonnen Segler mit 1500 Mann Besatzung und über 100 Geschützen. Ein Dinosaurier mit Segeln. Und wie diese nicht überlebensfähig.

Seufzend beschließt Vitus H. Benedict Verzicht und lässt die „Schicksale berühmter Segelschiffe“ auf dem Boden liegen. Von draußen dringen die üblichen Nachtgeräusche herein. Eine Straßenbahn rumpelt über die Rheinbrücke, auf dem Fluss blubbert ein Frachtkahn vorbei, und irgendwo fällt ein Wagenschlag zu. Die Normalität schließt ihm die Augen. Dösend fällt er in leichten Halbschlaf, aus dem ihn das Geräusch des Telefons hochschreckt.

„... Ja, hallo!“, murmelt Benedict zerknittert in den Hörer. Nach einem kurzen Räuspern dann aber doch mit festerer Stimme: „Ja, Benedict!“

„Hier ist die Leitstelle. Die Wasserschutzkripo hat einen Toten aus dem Rhein gefischt. Sache fürs K1 und für Sie!“

Fröstelnd wurstelt sich Benedict aus seiner Vermummung und fährt mit dem Aufzug runter in die Tiefgarage, wo sein Jaguar steht. Wie oft hatte er in den letzten Jahren daran gedacht, das unzeitgemäße Fahrzeug gegen etwas Kleines, Unauffälliges umzutauschen. Es war nicht nur sein wohl angeborener Hang zum Luxus, der ihn immer wieder daran gehindert hatte. Dieses für einen Polizisten viel zu teure Gefährt war das Hochzeitsgeschenk seiner Frau Kitty gewesen. Der elegante Jaguar bedeutete ihm zu viel, als das er ihn so einfach weggeben konnte.

Eine Art rollende Erinnerung, die ihn immer noch mit der bei einem Bergunfall ums Leben gekommenen Gefährtin verbindet. Er hatte die abweisenden Berge nie gemocht. Außer manch schiefem Kollegenblick hatte ihm das Fahrzeug aber auch noch eine gewisse Bekanntheit gesichert, die sich bei mancherlei Anlässen als hilfreich erwies.

Drüben auf der anderen Rheinseite weisen ihm kreisende Blaulichter den Weg zum Hafen. Der Liegeplatz der Übersiedlerschiffe ist weiträumig abgesperrt, aber Benedict kommt mit seinem Wagen fast bis an die Hafenmauer heran.

In der Helle des Notarztwagens kann er noch einen Blick auf den Toten werfen. Natürlich. Turnschuhe und stonewashed Jeans. Outfit der Zukurzgekommenen.

„Ertrunken?“

„Ja, schon“, antwortet der Mediziner zögernd.

„Aber?“

„Könnte auch schon vorher tot gewesen sein. Bei den Verletzungen.“ Der Mann im weißen Anzug schiebt das Plastiktuch zur Seite, und jetzt sieht auch Benedict, was der Arzt damit meint. Kopf und Oberkörper des Toten sind mit dunklen Flecken und offenen Wunden übersät.

Als Benedict dem in die Nacht davonfahrenden Notarztwagen nachsieht, werden seine Erinnerungen derart provoziert, so dass er die Stimme dieser Amerikanerin im Downtown Holiday Inn ganz deutlich sagen hört: „Dean Sanger wurde ermordet von der Stasi. In einem See bei Ost-Berlin!“

Es ist kurz nach Mitternacht, als er schließlich das Deck der English Lady betritt.

„Na, auch schon auf?“, versucht er sich an einem Scherz, aber der frischgebackene Kommissar Ganser kann darüber nicht lachen.

„Bereitschaftsdienst!“, bellt er rau, und das kalte Licht der Deckenleuchten hebt die dunklen Arbeitsringe unter den Augen hervor.

„Ich hab’s doch gesagt“, murmelt der Dreißigjährige in der Lederjacke, als sie zusammen die Stufen zum Unterdeck heruntersteigen, „mit denen wird’s noch Ärger geben! “

Benedict reagiert mit einem abweisenden Knurrlaut.

„Und sonst?“, fährt er seinen langjährigen Mitarbeiter in ungewöhnlich scharfem Tonfall an.

„Wir haben eine komplette Liste der Leute hier vom Boot. Sind fast alle da und werden jetzt nach und nach im Restaurant einvernommen.“

„Wir sind hier auf'm Schiff. Da heißt das Messe, du Landratte!“

„Wenn schon“, muffelt Ganser mürrisch. Unten angekommen, ärgert Benedict sich über sein rüffeliges Verhalten. Es sieht wirklich nicht wie auf einem Schiff aus. Eher wie in einem überfüllten Ausflugslokal. Die Leute vom K I haben sich über den Raum verteilt. Sitzen an den nackten Kunststofftischen, wo sie gerade die Erstbefragungen des Schiffspersonals durchführen. Die Luft ist schon jetzt stickig. Zigarettenqualm mischt sich mit öligem Dieselgeruch, dem Mief nasser Wäsche und abgestandenem Bierdunst. Den K1-Leiter würgt es in der Magengegend. Wenigstens hat die Leitstelle seine wichtigsten Leute aufgetrieben, registriert Benedict befriedigt. Ganser, der ja sowieso Bereitschaft hatte, Doemges, Läppert und die Leiden-Oster. Alte Hasen, die garantieren, dass hier nichts schiefläuft.

Als ein Aggregat mit lautem Dröhnen anspringt, vermutlich die Klimaanlage, fangen ihm die Augen an zu tränen. Das würde wieder eine dieser üblen Nächte werden.

Er nickt seinen Leuten kurz zu und setzt sich ebenfalls an einen der freien Vernehmungstische. „Hat mal jemand einen Block für mich?“

Der junge Beamte bringt mit dem Schreibblock auch gleich eine strohblonde Frau zur Befragung an seinen Tisch.

„Na, wo sind Sie denn her?“, versucht er die Atmosphäre zu lockern.

Irgendwann hatte ja so was mal kommen müssen, aber als es jetzt wirklich passiert und der ihm immer noch vertraute, breite pommersche Dialekt an sein Ohr dringt, bleibt ihm doch fast die Luft weg.

„Aus Greifswald.“ Wohl aus Gewohnheit schiebt sie noch rasch hinterher: „Das liegt an der Ostsee, im Norden der DDR, Bezirk Rostock.“

„Das brauchen Sie mir nicht zu erklären!“, reagiert er heute schon zum zweiten Mal unangebracht heftig.

 

*

 

Der Mai versucht den April wieder einzuholen.

Kleine, scharfe Regenschauer prasseln vom Rhein her gegen die Fenster. Kühle Zuglüfte zerren an den verzogenen Holztüren des Polizeipräsidiums und lassen den aschblonden Endvierziger am Schreibtisch leicht schaudern. Der alte Bau ist zwar erst kürzlich renoviert worden, bot aber auch danach nicht den Komfort eines Neubaus.

Benedict rührt gedankenverloren in seiner Tasse kalten Lapsong Souchong Tee herum und blättert dabei reichlich lustlos in den Befragungsprotokollen der vergangenen Wochen. Wenigstens die K 1-Crew scheint sich wie Bolle zu amüsieren. Durch die angelehnte Tür schallt wieherndes Gelächter in das Dienstzimmer des K 1-Leiters. Verursacher dieser Heiterkeit ist, wie häufig im vergangenen Monat, Kommissar Gernot Ganser, der aus seinem schier unerschöpflichen Fundus sogenannter Ossi-Witze wieder mal ein paar Geschmacklosigkeiten zum Besten gibt.

„Also noch einer ... passt auf...“

Benedict erhebt sich von seinem langweiligen Schreibtischplatz und geht ins Nebenzimmer, wo er sich neben der Verbindungstür mit dem Rücken an die Wand lehnt.

Ganser stockt etwas irritiert in seinem Vortrag, fährt aber nach einem vergewissernden Blick auf das Gesicht des Vorgesetzten fort. „Also, wie nennt man es, wenn zehn Mercedese zusammenstoßen? ... Krieg der Sterne! ... Und wenn zehn Trabis Zusammenstoßen? ... Eine Tupper-Party!“

Auch der Mann an der Wand kann sich ein amüsiertes Schmunzeln nicht verkneifen. Er, der mit seinem Eintritt Schlimmeres verhüten wollte, muss zugeben, dass das keiner von der üblen Sorte war. Manche der zur Zeit auch unter den Kollegen belachten Ossi-Witze sind von einer Qualität, die ihn an die rohen und brutalen sogenannten Türkenwitze der Vorwendezeit erinnerten. Zu deren Hochzeit hatte der K 1-Leiter sogar zu einem schriftlichen Umlauf greifen müssen, in dem er für das Erzählen dieser nicht selten menschenverachtenden Witze innerhalb der Diensträume disziplinarische Maßnahmen androhte. Der Erfolg dieser Anweisung war allerdings nie zu kontrollieren gewesen, aber wenigstens in seinem näheren Dienstbereich kehrten danach halbwegs zumutbare Zustände ein. Freunde, nein, Freunde hatte er sich damit nicht gemacht

„Noch einer“, sagt Ganser, vom Gelächter der Kollegen angespomt, „zwei, drei Tage nach Maueröffnung kommen die ersten Wessis mit dem Auto nach drüben. Fragt der Vopo an der Grenze einen Audi-Fahrer: ,Nu, was’n das für’n Audi?' Sagt der Fahrer: ,Ein Quattro!' Kratzt sich der Vopo am Kopf. ,Quattro? Das hääßt doch viere, ne war?' Der Wessi nickt. ,Und wieso sitzen da fümfe drinnen?““

Als die kollektive Lachsalve erschallt, sitzt der Hauptkommissar schon wieder an seinem Schreibtisch über den Vemehmungsprotokollen.

Zwei oder drei Pointen später befreit ihn das Telefon von seinen lustlosen Bemühungen. „Können Sie mal ’s Oberdeck entern, Benedict?“ Die Stimme des Leitenden Kriminaldirektors ist ziemlich barsch unterlegt.

„Was nich’ in Ordnung, Leitender?“

„Brauchen Sie eine Fax-Einladung, Herr Hauptkommissar?“, kommt es jetzt noch steifer aus dem Hörer.

Das hört sich gar nicht gut an. Benedict hat zu seinem nächsten Vorgesetzten sonst ein sehr gutes Verhältnis, und manches Wochenende hat er schon gemeinsam mit dem „Leitenden“ auf dessen Schiff im Ijsselmeer verbracht. Fachsimpelnd über Tampen und Knoten und „Seefahrt tut Not“ und den von Benedict angeschleppten Burgunder flaschenweise leerend. Aber das jetzt klingt nach ziemlich rauer See.

„Habt ihr noch was gefunden?“, versucht er sich bei seinen Leuten für eventuelle unangenehme Fragen zu wappnen. Das traurige Kopfschütteln der eben noch so laut lustigen Kollegen Ganser, Leiden-Oster & Co. veranlasst Benedict die Barschheit des „Leitenden“ ungefiltert weiterzugeben: „Wenn Ihr meint, Ihr könnt hier ,Lach- und Schießgesellschaft' spielen, dann müsst Ihr euch irgendwo mehr zahlendes Publikum besorgen! Solange der Staat euch bezahlt, macht, verdammt noch mal, eure Arbeit vernünftig!“

Als er wütend die Tür hinter sich zuknallt, glaubt er zu wissen, dass Ganser ihm jetzt da drinnen den Vogel zeigen wird. „Der Alte spinnt in letzter Zeit, findet ihr nicht?“

 

*

 

Es ist einer der dicken Neumann-Zwillinge, der kopfschüttelnd auf die im Rahmen vibrierende Tür starrt, während sein Bruder dem Satz durch eine entsprechende Handbewegung an die Stirn zusätzlich Ausdruck verleiht.

Es ist Gernot Ganser, dessen dunkle Augen sich zu engen Sehschlitzen verdichten, zischt scharf heraus: „Moment mal! Wir machen hier seit Wochen an dieser idiotischen Ossi-Leiche rum, kommen keinen Schritt weiter, und er muss sich außer meinen blöden Witzen auch noch die Anmache von ganz oben gefallen lassen ... und das, wo diese Sache für ihn ganz besonders wichtig ist!“

Während die Neumänner mit rötlichen Gesichtern auf ihren Schreibtisch starren, Doemges und Läppert sich angelegentlich dem Verkehrsgeschehen auf der Lorettostraße widmen, liegt der Blick aus Maria Leiden-Osters weit aufgerissenen Augen mit unverhohlener Bewunderung auf Ganser. Nicht, dass sie ein besonderes Herz für Benedict hätte, ihre Gemeinsamkeiten lagen eher auf dem Felde kühl sachlicher Zusammenarbeit, aber die flammende Parteinahme des von ihr nicht nur kollegial geschätzten Jung-Kommissars erstaunte sie gerade zum jetzigen Zeitpunkt. Immerhin hatte sich, für alle Alten klar erkennbar, das bis dahin fast innig zu nennende Arbeitsverhältnis zwischen Benedict und Ganser, in den vergangenen Monaten merklich abgekühlt. Anfänglich und zu vorschnell hatte die Kommissarin vermutet, dass es mit der Beförderung Gansers zum Kommissar zu tun hätte, aber während der Ermittlungen zum Tod des Mannes von der

English Lady wurden ihr die Hintergründe des Konflikts offenkundig, und sie musste ihre Meinung korrigieren.

Unter Zuhilfenahme der jetzt schon besser zugänglichen Informationsquellen im Osten hatten sie zwar die Identität des Rheintoten aufgrund einer Fingerabdruck-Abgleichung binnen einer Woche feststellen können, aber viel weiter hatte sie dieses Wissen bei den Todesermittlungen nicht gebracht. Sicher, sie wussten danach, dass der Tote Joachim Fuchs hieß und 43 Jahre alt war, und sie kannten auch seinen letzten Wohnsitz in Ost-Berlin, aber Hinweise auf Tatmotiv und Täter, in Form verwertbarer Fakten für den Staatsanwalt, enthielten auch die Informationen der Ost-Dienststelle nicht.

Ja, der Bericht der Rechtsmedizin hatte nach der Obduktion der Leiche keinerlei Zweifel mehr daran gelassen: der Tod des Mannes war gewaltsam herbeigeführt worden, und er war schon tot, bevor sein Körper an diesem lauen Aprilabend auf dem Wasser des trägen Stromes auf geklatscht war. Und wie gewaltsam! Maria Leiden-Oster hatte den mit Schlag-, Tritt- und Würgemalen gezeichneten Körper in der kalten Grelle der Pathologie in Augenschein nehmen müssen. Die Spurenfahndung hatte sogar in mühevoller Kleinarbeit die Stelle ermitteln können, an welcher der Leichnam über die Reeling geworfen worden war. Soweit waren die Ermittlungen ja auch erfolgreich gewesen, aber dann …

 

*

 

„Woran hängt’s?“

Die Stimme des Polizeipräsidenten ist zwar drängend, aber der Grundton der durch einen Vorhang blauen Zigarillorauches an Benedicts Ohren gelangenden Frage scheint dennoch wohlwollend.

Wie so oft schon verfolgt der Gefragte die Bewegung des Zeigers der elektrischen Wanduhr, um sich die nötige Konzentration für die Beantwortung der Frage zu verschaffen. Ja, woran hängt es, dass sie in dieser Sache nicht weiterkommen? Sollte er vielleicht zugeben, dass es der erfolgsgewohnten Kl-Truppe nicht gelungen ist, aus der Vielzahl der Vernehmungsprotokolle etwaige Unschlüssigkeiten herauszufiltern, offensichtliche Absprachen nachzuweisen und mittels erstellter Bewegungsbilder den Täter einzukreisen, um ihn dann durch gezielte Befragungen in eine Situation zu führen, in der er die Aussichtslosigkeit weiteren Leugnens einsah? Oder zumindest eine lückenlose Indizienkette für den Staatsanwalt aufzubauen?

„Brauchen Sie mehr Leute? Sind Sie doch zu knapp?“

Dem Leitenden scheint Benedicts Schweigen als Antwort auf die Frage des Polizeipräsidenten denn doch nicht ausreichend.

„Nein, nein. Daran liegt’s wohl nicht!“

Es war doch eine ganz normale Situation gewesen. Der Fall. Das Rauschen im Blätterwald der veröffentlichten Meinung. Die große Ermittlungskommission mit Tschingdarassabumm und Trommelwirbel. Pressekonferenz von Ermittlungsführern und Staatsanwälten. Dann ein neuer Fall. Die große Ermittlungskommission zieht weiter, Medien und Staatsanwälte in ihrem Schlepptau... und K1 nahm routiniert die Sachbearbeitung auf. Nichts, womit man sich großartig in der Öffentlichkeit profilieren konnte, wirklich nicht. Aber die intern geführte Statistik des Düsseldorfer Präsidiums zeigte ansteigende Aufklärungsquoten im Bereich Todes- und Brandermittlungen. Und das ganz gegen den sonstigen bundesweiten Trend. Aber bei dieser Sache, bei dem Mann aus Ost-Berlin, da war der Wurm drin ... Gegen Benedicts Willen gestaltet sich dieser letzte Gedanke zu einem entsprechenden Bild in seinem Inneren. Ganz unvermittelt stülpt sich ihm fast der Magen um. Fast rutscht ihm das Glas mit Mineralwasser aus den schweißnassen Händen, als er es zitternd an die Lippen führt. Mit nervösen, hastigen Schlucken bekämpft er das Würgen in entgegengesetzter Richtung.

„Wir haben ja noch ein weiteres Problem, Herr Benedict, auf das ich an dieser Stelle kurz aufmerksam machen möchte...“

Wie immer sind die Worte von Staatsanwalt Sprotte ,kanzelreif‘, aber sie entbehren heute der gewohnten Schärfe. Benedict, nicht ahnend, dass sein eigenes, kalkweißes Gesicht Ursache der ungewohnten Milde des Anklagevertreters ist, wappnet sich daher misstrauisch für eine erwartete Hinterlist. „... In etwa einem Monat werden die Leutchen fast alle das Aufnahmeverfahren abgeschlossen haben! Dann kann jeder gehen, wohin er will, und wir haben keinerlei Handhabe, sie daran zu hindern ... wenn wir nicht dringenden Tatverdacht in Einheit mit Fluchtgefahr nachweisen können!“

Sprotte, der sich mittlerweile wohl damit abgefunden hatte, dass die Robe in Karlsruhe eine Nummer zu rot für ihn war, bringt die Sache auf den Punkt. Die Zeit. Sie sitzt ihnen im Nacken. Und es ist anzunehmen, dass auch die Leute auf den vier Übersiedlerschiffen, insbesondere die auf der English Lady, um den Zeitfaktor wissen und ihn für ihre Zwecke nutzen. Mit einer äußerlich an den Tag gelegten kooperativen Haltung - der K1-Leiter empfand sie im Verlauf der Ermittlungen immer mehr als aufgesetzt und liebdienerisch - hatten sie Ganser & Co. und auch ihn selbst mehrere Wochen an der Nase herumgeführt. Benedict hatte in den Augen seiner eigenen Mannschaft ungewöhnlich viel Nachsicht und Zurückhaltung gegenüber den Leuten aus Anklam und Apolda gezeigt. Immer wieder ermahnte er seine Crew zu tolerantem, ja verständnisvollem Umgang mit den Ostlern. Ganser, der als einziger den Hintergrund von Benedicts milder Befangenheit kannte, versuchte sich bislang mehr oder weniger erfolglos als unglücklicher Vermittler zwischen den Fronten. Vor einer Woche schließlich hatte der Hauptkommissar das Ruder herumgeworfen. Wahrscheinlich war es zu spät gewesen, denn seither machten die Befragten den Vernehmern gegenüber deutlich, dass sie diese für die „Büttel des Klassenfeinds und Imperialismus“ schlechthin hielten.

Jedenfalls taten sie so ... oder sie meinten es wirklich ... oder?

„Wir möchten Ihnen einen Vorschlag machen, Benedict ...“, räuspert schließlich der Buddha in der karierten Jacke aus dichten Qualmwolken heraus.

 

 

2

Als er mit dem Jaguar in die breite Hans-Beimler-Straße einbiegt, ist es fast halb elf. Sicher, die zeitraubenden Kontrollen auf der Transitstrecke waren Vergangenheit, aber dafür hat die Verkehrsdichte in Richtung Osten zugenommen.

Er hat Glück und kann den Wagen auf der anderen Straßenseite, vor einem ,Natascha‘-Laden mit sowjetischer Volkskunst bequem parken. Langsam überquert er die Straße. Während er sich seinem neuen Arbeitsplatz nähert, pfeift er unbewusst eine Melodie vor sich hin. Das wird nicht einfach werden. So blauäugig ist er wirklich nicht. Ist schließlich kein Freundschaftsbesuch bei dänischen Polizeikollegen. Und seine eigenen Erfahrungen mit den „Organen“ einer vergangenen Zeit kann er auch nicht einfach so beiseite schieben. Dann, er nähert sich unaufhaltsam dem Eingang des klotzigen Polizeipräsidiums, strengt er sich an, seine aufkommenden Unlustgefühle zu verdrängen.

Irgendwie hatten irgendwelche Tagesschau-Filmberichte das Bild eines modernen, alles überragenden Hochhauses in seinem Kopf geformt. Mit Antennen, bis ins Schlafzimmer lauschend, und Video-Kameras, Straßenschluchten ausforschend. 1984.

Ein falsches Bild.

Der Bau ähnelt fast „seinem“ Präsidium am Düsseldorfer Jürgensplatz. Als er endlich die Vorhalle betritt, hat er fast das Gefühl „zu Hause“ zu sein.

„Guten Tag! Ich möchte zu Hauptkommissar Meißner!“

Die zivil gekleidete Frau hinter dem Pförtnertresen sieht mit Gleichmut - was sonst hatte er erwartet? - auf seinen Dienstausweis und greift zum Telefon.

„Der ... äh ... der Kollege aus Düsseldorf ist jetzt da! Ja, ist in Ordnung.“

Sie schiebt ihm einen Passierschein über den Thesen. Etwas beunruhigt sieht Benedict seine Dienstlegitimation in einer Art Postfach verschwinden, aber die Wachfrau begegnet seinem Blick mit dem Hinweis, dass er den Düsseldorfer Polizeiausweis beim Verlassen des Gebäudes zurückerhalten würde.

„Der Leiter MUK holt Sie dann gleich ab!“

Sein Kollege Ganser hatte zuerst sogar an einen Witz geglaubt, als Benedict nach der Sitzung beim Polizeipräsidenten mit der Neuigkeit raus gerückt war. „Wie, du gehst nach Ost-Berlin?!“ hatte er so laut raus geblökt, dass natürlich auch der Rest der Bullenmeute aufmerksam wurde. Aber Benedict wollte dazu sowieso nicht viel sagen, und der Rest des Tages war mit der Klärung organisatorischer Einzelheiten vergangen.

Gerade fragt Benedict sich noch spaßhaft, ob MUK vielleicht die Abkürzung für „Mörder und Killer“ sein könnte, als ein Mann direkt auf ihn zukommt.

„Sie sind Herr Benedict? Aus Düsseldorf? Mein Name ist Meißner, Leiter der MUK, guten Tag!“

„Ja ...“, räuspert sich der Angesprochene trocken.

Und als wäre nicht schon alles schwierig genug, ist da auch noch ein Paternoster, in dem sie die Fahrt nach oben antreten müssen. Ein Paternoster! Benedict vermied es im Düsseldorfer Präsidium stets, diese ächzenden, ihm zutiefst unheimlichen vorsintflutlichen Kästen zu benutzen. Er schluckt nur feige, während es rumpelnd und quietschend nach oben geht. Sein Blick saugt sich Halt suchend an Meißners glatten Gesichtszügen fest. Sicher versucht auch dieser, ein erstes Bild von Benedict zu gewinnen. Welchem Umstand wird er es wohl zuschreiben, dass dem West-Kollegen das Wasser in Strömen über das Gesicht fließt? Dann überbrückt Meißner leichtfüßig die Lücke zwischen Paternoster und glatt gebohnertem Flurboden, während Benedict den Absprung verpasst und in Meißners schon abgewandten Rücken hineintaumelt. Mürrisch beißt er zwischen verkrampften Lippen ein „Tschuldigung“ heraus und folgt dem Ostler auf unsicheren Füßen über den langen, spiegelglatten Flur.

Den Geruch kennt er noch von früher. Bohnerwachs, Braunkohle und übler Tabak. Und er ist ihm noch genauso unangenehm wie damals.

„Nu, wieder auf Pirsch?“, begrüßt Meißner die Person, die ihnen bei ihrem Eintritt in das Dienstzimmer den Rücken zukehrt. Als der Mann sich umdreht, blickt Benedict durch wolkigen Tabakqualm hindurch in spiegelnde Gläser eines Doppel-Fernglases.

„Sie sind das also. Einwandfrei, wie im Ferrnsehn!“, verlautet es anerkennend im breiten Ostseeschnack aus dem Mund unter dem Fernglas. „Was verbraucht die Nobelschleuder denn so?“

Mit einem Blick aus dem Fenster erkennt Benedict jetzt auch den Gegenstand der Observierung. Ein Jaguar auf der anderen Seite der breiten Straße. „Benzin!“, entfährt es ihm da ärgerlich.

Der Adressat seiner unwirschen Antwort nimmt nun langsam das Glas herunter. Ein fast unschuldig anzusehendes Rundgesicht kommt zum Vorschein. Darin schimmern ihn babyblaue Augen fröhlich an. Ohne Bosheit. Und so geht dem Polizisten aus Düsseldorf die Entschuldigung denn auch ziemlich leicht über die Lippen.

„Tut mir leid, Kollege, aber ich reagier da eben etwas allergisch!“

„Allergisch? So was konnten wir uns hier nie leisten. Nu, is’ ja kein Ding ... übrigens, Engel... das ist mein Name!“

Verwirrt dreht Benedict sich um. Versucht, aus der Miene des MUK-Leiters herauszulesen, ob er hier astrein verkohlt werden soll.

„Ist Fakt!“, murmelt der aber mit abwesendem Gesichtsausdruck und verschwindet durch eine Verbindungstür ins Nebenzimmer. Der Düsseldorfer hat keine Chance, sich dazu zu äußern, denn der Mann mit dem zum Gesicht passenden Namen kräht dem Entschwundenen lauthals hinterher: „Übrigens, Kollege Bindestrich Genosse Bindestrich Major Bindestrich Herbert! Du sollst dich mit dem Fahrer der Millionärsschleuder da unten sofort beim K-Leiter und ... Seiner Grauen Eminenz melden! Zack, zack!“

Sollte der MUK-Leiter Herbert Meißner sich über die Art seines Kollegen ärgern, ist ihm dieses kaum anzumerken, als sein Kopf blitzartig wieder im Türrahmen erscheint. „Hättste ooch gleich sagen können, Rainer! Noch bist du schließlich im Dienst, Engel! Und außerdem heißt das jetzt nicht mehr Major, weißt du doch ganz genau!“

„Gut, dass du mich dran erinnerst. Die Altlast Oberleutnant Engel bleibt euch genau noch 27 Tage und 13 Stunden erhalten, dann ist der reine Engel von VP-Mitte Richtung freie Wirtschaft abgeflogen und du, Verdienter Kriminalist des Volkes, Genosse und Major a. D., wirst wahrscheinlich dann unten den Türsteher für die grünen Lakaien der neuen Ordnung machen!“

„Aber sonst ist noch alles charascho bei dir? Wir sprechen uns gleich, wenn ich mit unserem ... Besuch zurück bin!“

Als Benedict hinter Meißner das Dienstzimmer der MUK verlässt, stößt der Mann mit dem lächelnden Babygesicht die rechte Faust in die Luft und ruft ihnen fröhlich hinterher: „Druschba, Towaritsch! Auf fröhliche Selbstkritik im Kollektiv!“

 

*

 

Draußen dann murmelt Meißner ein tonloses: „Kann von Glück sagen, dass das für die Kaderakte keine Rolle mehr spielt“, um dann zielsicher wieder dem Paternoster zuzustreben.

„Wo müssen wir denn hin?“, versucht Benedict irgendwie in eine Unterhaltung mit dem farblosen MUK-Leiter zu kommen.

„Einen Stock höher, zum Leiter der K!“

„Und da gibt’s keine Treppen? Ich meine, ist doch nur ein Stockwerk.

Der Blick aus den rauchgrauen Augen des jetzigen Hauptkommissars richtet sich mit plötzlich erwachtem Interesse auf den Mann aus Westdeutschland, aber genauso überraschend erscheint dann doch wieder dieser Ausdruck gleichgültiger Müdigkeit, und mit einem „wird umgebaut“ beantwortet er steiflippig Benedicts Frage.

Da ihm das Ziel bekannt ist, gelingt ihm diesmal ein relativ elegant aussehender Absprung, der allerdings so schwungvoll ausfällt, dass er mit der Stirn fast gegen die Tür eines gegenüberliegenden Dienstraumes prallt. Leiter K steht da an der Tür vor seinen erschrockenen Augen. Meißners Blick hat jetzt einen mitleidvollen Ausdruck.

„Genau da wollen wir hin. Zimmer 6029 ... damit Sie sich nicht doch noch verlaufen!“

Sollte dieser Ost-Vopo etwa die Gabe der Ironie besitzen, oder meint der das wirklich ernst?

„Überraschung!!!“

Na, das is’n Ding! Den Mann, der bei ihrem Eintritt so geschmeidig von seinem mit Unterlagen überhäuften Arbeitstisch aufspringt, hat er hier am allerwenigsten erwartet. Auf eine Vorzimmerdame war er eingerichtet. Aber nicht auf Beyer. Ja, der Beyer. Vom LKA Berlin. Mit dem er kurz vorm Mauerfall bei dieser IRA-Geschichte zusammen arbeiten musste. Ein echter Großkotz. Mit dicker Berliner Spucke dran.

„Sie können schon mal reingehen, zu Ihrem Chef!“, sagt er kühl zu Meißner hin.

O ja. Den Ton kennt Benedict. Hatte er bei ihm auch versucht, damals. Und das auch noch vor dem englischen SIB-Captain und den Kollegen aus Belfast und Dublin. Würde der Beyer sicher nie wieder machen... bei ihm.

Jetzt, da Meißner gehorsam abgetreten ist, scheint der LKA-Mann Tacheles mit ihm reden zu wollen.

„Bevor du da reingehst, kleines Briefing, Kollege: also, halt dich mit den Ossis zurück. Ihr sollt zwar zusammen arbeiten, aber bitte ... wir wissen noch nicht so richtig, was wir von den Kollegen mit der anderen Dienstmarke halten sollen ... bleib also auf Distanz. Zweites Prinzip: wunder dich über nichts, was du hier siehst oder wer dir hier begegnet, klaro?“

„Und was machst du hier?“

„Sekretärin, Personalreferent, Verbindungs- und Beratungskommando West ... was immer wem am liebsten ist, klaro! Also, nicht wundem und immer schön raus halten! Und jetzt kannst du dich bei dem da anmelden, aber...“, er senkt seine Stimme zu einem Vertraulichkeit suggerierenden Ton herab, „das ist sowieso nur eine Formsache, der hat vielleicht morgen schon nichts mehr zu sagen. Du verstehst!“ Dieses widerliche Augenzwinkern hatte Benedict schon damals nicht gemocht, aber er ist hier auf unvertrautem Terrain und muss sich den Mann warmhalten. Also keinen harschen Kommentar diesmal, sondern ein unverbindlich höfliches „ist in Ordnung!“, bevor er an die Tür des Nebenraums klopft.

Die Tür öffnet sich so abrupt, dass Hauptkommissar Meißner wohl mit der Hand auf der Klinke drinnen gewartet haben muss.

„Der Kollege Benedict von der Kripo Düsseldorf!“ In dem großen Eckraum, drei zusammengelegte Normalbüros, vermutet der Düsseldorfer, sitzen zwei Männer, beide um die Sechzig. Der Vierschrötige mit dem kantig geformten Faltengesicht erhebt sich schwerfällig hinter einem großen Schreibtisch und streckt ihm die Hand zum Willkommen entgegen. „Hennicks. Leiter der K im Präsidium. Bitte setzen Sie sich doch... Du auch, Herbert!“, nickt er dem MUK-Leiter förmlich zu.

Nachdem sie nebeneinander an dem Besprechungstisch vor dem großen Schreibmöbel des K-Leiters Platz genommen haben, richtet Benedict seinen Blick forschend auf den vierten Mann im Zimmer, der ihnen gegenüber am langen Konferenztisch sitzt und ihm irgendwie bekannt vorkommt. Bevor die Angelegenheit aber unhöflich wird, verzieht der spärlich Behaarte das sonnengebräunte Gesicht zu einem gewinnenden Lächeln.

„Kriminalrat Strötker“, kollert es raumfüllend aus dem mächtigen Brustkasten heraus, „ich habe hier nur beratende Funktion, also nehmen Sie offiziell keine Notiz von meiner Anwesenheit!“

Der abwartend auf Strötker gerichtete Blick des K-Leiters scheint ihn aber Lügen zu strafen. Sicher, der Leiter der Ost-Kripo sitzt hinter dem imposantesten Arbeitsmöbel, dem oberflächlichen Beobachter den Eindruck des Hausherren vermittelnd, aber das Machtzentrum im Raum verkörpert doch wohl dieser Braungebrannte aus ... Bonn ... fällt es Benedict jetzt endlich wieder ein. Bei einer Besprechung im Innenministerium hatte er ihn als Referenten erlebt.

Also, daher weht der Wind. Und jetzt wird ihm auch klar, warum der „Leitende“ in der letzten Zeit so oft bei den Kollegen der Düsseldorfer Partnerstadt im Wieder-Chemnitz ist.

Während der Hauptkommissar aus Düsseldorf noch versucht, seiner Verwirrung Herr zu werden, immerhin ist ja noch nicht mal die Währungsunion vollzogen, löst ein aufmunternder Blick des Bonner Beraters in Richtung des Leiters der Ost-Kripo die beklemmende Starre auf.

„Ja ... mmh ... Herbert, also der Kollege Benedict wird also unten in der MUK mit dir zusammen arbeiten. Soweit das die Ermittlungen in der Todessache Fuchs betrifft, ist also ... und das ist Anweisung aus der Mauerstraße ... dem Düsseldorfer Kollegen jegliche Unterstützung zu gewähren ..."

Der Mann hinter dem Riesenmöbel fährt sich mit den knorrigen Fingern unter den engen Hemdkragen. Das aschfahle Gesicht ist von scharfen Kerben durchzogen. Seine Hand greift mit einer fahrigen Bewegung nach der schwarzweißen Packung auf dem Schreibtisch. Er inhaliert so gierig, dass Benedict schon beim Zusehen einen Hustenanfall bekommen könnte. Irgendwie tut ihm der Mann mit der Karo zwischen den blauen Lippen leid. Wenn das nämlich einer von der Sorte war, dann mussten in ihm ja Welten zusammengebrochen sein. Und jetzt auch noch so was.

„Wissen Sie denn schon, wo Sie Unterkommen werden, Herr Benedict?“

„Nein, bis jetzt noch nicht.“

Der Dicke aus Bonn hat beschlossen, den hilfesuchenden Blick des Ost-Leiters nicht zu beachten. Er konzentriert sich angelegentlich auf die polierten Nägel seiner gepflegten Hände.

„Also, das wird ja wohl hier etwas länger dauern. Dann bringen wir Sie am besten im Gästehaus der VP, draußen in Marzahn, unter. Es sei denn, Sie möchten lieber in Berlin-West... ist ja jetzt kein Problem ...?“

Nein. Benedict wollte nicht in West-Berlin wohnen. Wenn er schon hier arbeitet, dann auch richtig.

„Das geht in Ordnung... mit dem Gästehaus, meine ich, gerne!“

„Wie Sie meinen! Herbert, du klärst das dann mit dem Objektleiter ... äh ..., mit den Leuten in Marzahn. Und organisiert bitte auch den Transport! Alles weitere klärt ihr dann am besten unter euch … Fachleuten ... seid ja Kriminalisten. Dann wünsche ich erfolgreiche Zusammenarbeit und ... vielleicht hätten die Herren ja jetzt Lust auf einen kleinen Begrüßungsschluck ...?“

„Etwas noch“, löst Strötker plötzlich den Blick von seinen Fingernägeln, „der Hauptkommissar braucht einen Hausausweis. Schließlich muss er unseren Dienstausweis ja bei sich haben. Aus Gründen der Legitimation, oder?“

„Ja, sicher, selbstverständlich!“, beeilt sich der Leiter der Ost-Kripo, dem Wunsch des Beraters zu entsprechen.

 

*

 

„Mensch Herbert, Jugendfreund, Du kannst den doch nicht mit diesem Wagen an den Murtzaner Ring schicken. Du weißt doch, was da los ist. Heute gestohlen, morgen in Polen!“

„Ja ...“, sagt Meißner und kratzt sich leicht verlegen das Kinn.

Dem „immer noch“-Oberleutnant Engel scheinen derartige Anwandlungen fremd zu sein, und er grinst pausbäckig. „Stellen Sie die Schleuder solange auf den Innenhof im Präsidium. Haben unsere Leute doch auch mal was Schönes zu sehen. Nich’ bloß immer Barkas und Wartburgs!“

„Geht das denn?“, vergewissert sich Benedict mit einem Blick zum MUK-Leiter.

„Für Ihresgleichen geht hier doch jetzt alles!“, ist Engel auch diesmal wieder schneller, und der Polizist vom Rhein hört nun auch bei ihm erstmals diesen Unterton verdrossenen Missmuts heraus.

„Wird schon in Ordnung gehn“, bestätigt auch Meißner kurz und sachlich. „Ich bring Sie dann raus nach Marzahn und setz Sie da ab.“

Genau wie Engel gesagt hatte. Das Auto mit dem Düsseldorfer Kennzeichen ist nicht einmal der einzige Westwagen im Hof des VP-Präsidiums, aber es ist zweifelsohne das feinste Gefährt. Und die Herstellung seines Hausausweises in der Abteilung Kriminaltechnik hatte nur ganze drei Minuten gedauert. Mit seinem eigenen Dienstausweis in der Tasche fühlt sich Benedict schon viel wohler, als er, neben Meißner auf dem Beifahrersitz des Wartburg sitzend, den Hof des Präsidiums der VP verläßt.

„TONI 170, kommen!“, spricht der MUK-Leiter über Funk.

„TONI 170, kommen!“, knattert es rauschend aus dem Lautsprecher.

„TONI 170, gehe auf Empfang!“

„TONI 170, Ende!“

Wahnsinn, denkt Benedict.

Langsam tuckert der Kripo-Wartburg durch den starken Nachmittagsverkehr Richtung Marzahn. Wahnsinn. Hier sitze ich und höre den Funkverkehr der VP mit. Ganz offiziell. Und vor einem Jahr habe ich noch auf der anderen Seite gestanden. Wütend und verbittert.

„Wahnsinn!“

„Mm. Die Probleme hatten wir vor der Wende nicht. Jetzt fahren sie alle wie die Henker. Und dann die Rostlauben von drüben, die sie den Leuten hier andrehen...“

Es war ihm einfach laut raus gerutscht, und Meißner hatte es offensichtlich anders interpretiert, als er es gemeint hatte. Er wird mit seinen Äußerungen etwas bedachter umgehen müssen. Auch weiß er ja inzwischen schon mehr. MUK heißt also „Morduntersuchungskommission“, und es gibt da auch noch eine BUK, eine „Branduntersuchungskommission“. In Düsseldorf lief das alles in einer Hand. Die militärischen Ränge sind ja zum Glück als Erstes abgeschafft worden, aber wenn er daran denkt, was er vorhin mit Engel im Präsidium erlebt hat... da scheinen sich einige an die zivileren Dienstränge schlecht gewöhnen zu können. Die vom kantigen Leiter der K - PdVP Berlin, Hauptstadt der DDR - vorhin erwähnte Mauerstraße ist der Sitz des Leiters der Haupt-Abteilung Kripo der VP der DDR. Und von da, hatte ihm Engel erklärt, geht der direkte Draht zum „inneren Diestel“, wie er das Ministerium des Inneren der DDR etwas abschätzig tituliert hatte. Und das morgen frühes Aufstehen angesagt ist, weiß Benedict jetzt auch. Um 7 Uhr 30 ist Dienstbesprechung beim Leiter der K. Na, wenigstens kennt er den schon.

„Also, den Engel find’ ich nett“, versucht Benedict die schweigsame Fahrt auf zu lockern.

„So?“

Himmel noch mal, ist das ein Stockfisch!

„Warum geht der eigentlich? Scheint doch ganz in Ordnung zu sein!?“

„Ach ... das fragen Sie ihn doch besser selbst. Scheinen ja ganz gut mit ihm zu können!“

Was die zukünftige Zusammenarbeit mit Meißner betrifft, schwant Hauptkommissar Benedict Fürchterliches. Wenn der das unter „kooperativer Zusammenarbeit“ versteht - na, Prost Mahlzeit!

Benedict hatte schon von Marzahn gehört, aber die Wirklichkeit übertrifft alles Hörensagen. Dagegen ist Düsseldorf Garath geradezu ein Sinnbild fröhlich-gemütlicher Urbanität. Und das nannten die hier bevorzugte Wohnlage? Mein Gott, hätte er vielleicht doch lieber in West-Berlin ...

„Da sind wir!“

Das Dienstvehikel kommt hinter einem auf seinen Felgen aufgebockten und ausgeschlachteten PKW, Marke Trabant, zum Stehen.

Das Gästehaus der VP ist ein flacher Bau und duckt sich im Schatten der umstehenden Wohnblöcke. Benedict windet sich ächzend aus dem Beifahrersitz heraus. Plötzlich hält er in der Bewegung inne. Lauscht. Wendet den Kopf hinüber zur anderen Straßenseite, horcht. Ein lang anschwellendes, helles Stöhnen geht in einen gleichmäßig sonoren Brummton über. Metallisch quietschende Schleifgeräusche eiserner Radfelgen. Mit verklärtem Gesichtsausdruck nimmt der Mann aus Düsseldorf diese lange vermissten Töne in sich auf.

„Die richtige S-Bahn!“, entfährt es ihm verzückt.

Meißner, der ihn bis jetzt nur verblüfft angestarrt hatte, lässt den dünnen Anflug eines amüsierten Lächelns zu.

„Nu, klar doch. Da drüben is ja ooch der S-Bahnhof Karl-Maron-Straße. Die wer’n Se jetze öfters hören!“

 

*

 

Drinnen, im Gästehaus der VP, riecht es nach alten Leuten und Bohnerwachs. Benedict muss sich eben daran gewöhnen. An manches andere wohl auch. Telefon ist nämlich nicht. Zumindest nicht in dem spartanisch eingerichteten Zimmer. Aber es gibt eine kleine Küche, und so beschließt er, nachdem Meißner sich verabschiedet hat, ein paar Einkäufe zu tätigen.

Dann ist aber die Verlockung doch zu groß. Magisch zieht sie ihn an, die ocker-rotbraune Wagenschlange. Er steigt an der Karl-Maron-Straße für ein ungewöhnlich geringes Entgelt in einen der eckig altertümlichen Waggons. Und fährt. Und fährt. Marzahn, Bruno-Leuschner-Straße, Otto-Winzer-Straße, Ahrensfelde und zurück und weiter. Springpfuhl, Friedrichsfelde-Ost, Bahnhof Lichtenberg und Ostkreuz und nochmal und nochmal. Wie ein Süchtiger gibt er sich seiner Begierde hin. Wie hat er sie vermisst. Da, wo er herkam, gaben sie den von E-oder Diesel-Loks gezogenen Transportkapazitäten den Namen S-Bahn. Benedict hatte das immer schon als Hochstapelei empfunden. Jetzt endlich sitzt er wieder im Original.

Spät abends dann, in dem ungewohnten Bett, rattert er noch immer über Weichen, schrillt das Abfahrtklingeln in seinen Ohren, hallt es hohl in seinem Kopf: „Zuurück bleiben!“. Kurz bevor endlich der Schlaf kommt, besteigt ein Fahrkartenkontrolleur den fast leeren, dahin rüttelnden Wagen. Als Benedict ihm seinen in Ost-Berlin gelösten Fahrschein vorzeigt, schüttelt er den Kopf. So als wollte er sagen: „Aber Sie sind doch aus dem Westen, wie können Sie denn da mit einem Fahrschein aus dem Osten fahren!“ Dabei richtet sich der Blick des Kontrolleurs mit bohrendem Misstrauen auf Benedict. Diese Augen gehören zu keinem Reichsbahner. Sie gehören zu einem Gesicht, dem er heute so unverhofft im Präsidium begegnet war. Im Vorzimmer des Leiters der K. Diese misstrauischen Augen gehören zum Gesicht des LKA-Mannes Beyer aus Berlin, in Klammern West.

Warum der mich bloß so misstrauisch anglotzt? Kann dem doch wirklich egal sein, wo ich schlafe. Ob in West-Berlin oder in der Hauptstadt der ...

 

 

3

„Na, du alter Kriegsgewinnler!“

Wie gerädert fühlt sich Benedict heute, an seinem ersten Arbeitstag im Präsidium der Volkspolizei. Auch in Düsseldorf ist frühes Aufstehen nicht seine Sache. Außerdem interessieren ihn diese Toten in der DDR nicht besonders. Ein kubanischer Gastarbeiter - Vertragsarbeiter werden sie hier genannt - ist in einem Arbeiterwohnheim in Lichtenberg mit einer Machete erstochen worden. Vernehmung des Täters in der U-Haft und so weiter. Warum wohl hat der Engel vorhin den Meißner als „Kriegsgewinnler“ angeredet? Wie hat er das gemeint? Jedenfalls hat der stockfischige MUK-Leiter innerlich ganz schön geschäumt. Sollte er den Engel nachher mal anzapfen? Scheint sowieso der einzig Lockere in diesem Laden zu sein.

„Herr Benedict?“

Da muss irgend etwas an ihm vorbeigegangen sein.

„Noch nicht so ganz frisch, was?“ Der K-Leiter macht trotz der frühen Stunde einen gesünderen Eindruck als gestern bei der Begrüßung. Vielleicht liegt das aber einfach daran, dass der Kriminalrat Strötker aus Bonn auch nicht zu den Frühaufstehern zu zählen scheint.

„Also, der Hauptkommissar Meißner hat für Sie unten einen Schreibtisch bereitgestellt, an dem Sie arbeiten können. Wenn Sie telefonieren müssen, innerhalb Berlins, also ... hm ..., unseres Berlins, ist das problemlos. Für Gespräche in die Republik müssen Sie über die Vermittlung gehen, das ist die Neun. Und, ja, wenn Sie mit anderen VP-Dienststellen sprechen müssen, können Sie über das Polizeisondernetz gehen. Zeig dem Kollegen das, Herbert. Und jetzt noch was ... also, da muss jetzt wirklich nicht die ganze MUK dabei sein ...“

Hauptkommissar Meißner scheucht seine Leute mit einem kurzen Blick aus dem Zimmer des K-Leiters, und erst nachdem die Tür hinter ihnen zu ist, fährt Hennicks fort.

„Wir haben Ihnen hier alles uns zur Verfügung stehende Material über den Fuchs zusammengestellt. Sie lesen sich das wohl besser durch, bevor Sie Genosse ... äh, der Hauptkommissar Meißner rüber in die Normannenstraße bringt.“

„Zur Normannenstraße? Das ist doch ...“

„Genau das. Aber darüber wird Ihnen Meißner gleich noch mehr sagen.“

Unten in der MUK sieht Benedict, dass er es ganz gut getroffen hat. Er befindet sich mit seinem Schreibtisch in der Gesellschaft des Oberleutnants Engel, und das verbessert seine Stimmung doch erheblich. Während Meißner mit einem mürrischen. „kommen Sie dann gleich mal zu mir rein“; in seinem Dienstzimmer verschwindet, feixt Engel über das ganze Gesicht.

„Na, vergattert worden? Habe Ihnen ’n paar Sachen hingelegt. Was man so als DDR-Gastkrimi-naler braucht.“

Auch Benedict muss grinsen. Neben einem Notizblock mit der Aufschrift VEB VERPACKUNGSMITTELWERKE BERLIN liegt die Dienstagsausgabe des NEUEN DEUTSCHLAND. Kopfschüttelnd nimmt er eines der zwei bereitliegenden Bücher in die Hand. Es ist rot und trägt den Titel HANDBUCH DES KRIMINALISTEN. Als er den zweiten Titel liest, weiß er nicht, was er davon halten soll. WÖRTERBUCH SOZIALISTISCHER KRIMINALISTIK.

„Schenke ich Ihnen aus meinen Beständen. Da, wo ich hingehe, brauche ich das nicht mehr!“ Bevor Vitus H. Benedict aber weiter fragen kann, erscheint Meißners Kopf in der Tür. Seinem drängenden „Bitte, Herr Benedict!“, kann er sich nicht verweigern.

„Haben Sie schon mal rein gesehen?“

„Oh, nein.“ Er hält den dünnen Hefter noch immer in der Hand.

„Na ja, vielleicht lesen Sie das dann auch gleich im Archiv. Müssen sowieso los. Sage Ihnen auf dem Weg nach Lichtenberg, was Fakt ist!“


*


Die breite Karl-Marx-Allee mit ihrer exotisch anmutenden Zuckerbäckerarchitektur geht irgendwann in die Frankfurter Allee über. Für Benedict immer noch die Stalinallee, auch wenn sie im Gefolge des soundsovielten Parteitages der KPdSU plötzlich zur Karl-Marx- und Frankfurter Allee geworden war. Wolfgang Neuss, der mittlerweile wohl im Hasch-Himmel gelandete Pauken-Kabarettist, hatte in seiner kodderig-hinterfotzigen Art mal gefragt, wer denn nun wieder dieser Herr Frankfurter sei - man wird ja janz meschugge, janz nervös! Wieder einmal muss Benedict in Anwesenheit des MUK-Leiters unbewusst laut lachen. Und wieder einmal kann sein stieseliger Begleiter damit nichts anfangen.

„Der Fuchs war kein Fuchs, der hieß nur so.“ Damit wiederum kann Benedict nichts anfangen. „Bitte?“

„Wenn Sie vorhin da mal rein geguckt hätten, wüssten Sie’s!“, kartet der Ost-Kriminale nach. „Ihre Düsseldorfer Wasserleiche, der sogenannte Herr Joachim Fuchs aus der Bergstraße 19, war,Schild und Schwert der Partei der Arbeiterklasse1.“

„Hmm?“

„Nu, er gehörte zur Firma ..."

Das muss Benedict erst mal verdauen.

„Sie meinen ... er war ein IM oder so was?“

„Nee. Kein Informeller, ein Richtiger. Und zwar einer von der ganz besonderen Sorte. Jedenfalls so besonders, dass wir bei uns keine Informationen darüber haben. Die gibt’s nur da!“

Meißners Kopf deutet in Richtung des gewaltigen Gebäudekomplexes, der zu ihrer Linken auftaucht. Sie parken den Dienstwagen gegenüber einem

Friedhof in der Ruschestraße, und als sie hinüber zur Anmeldung gehen, macht der Leiter der MUK keinen sehr glücklichen Eindruck. Die Wachposten der VP lassen sie beide anstandslos passieren, nachdem Meißner ein paar Worte mit ihnen gewechselt hat. Dann aber wird es schwierig. In der Anmeldung übergibt der Mann aus dem Präsidium ein Schreiben, das der Wachhabende mustert und misstrauisch auf seine Echtheit hin überprüft. Einer der Männer verschwindet schließlich mit dem Schreiben in einem rückwärtigen Raum, und Schweigen hängt über den Wartenden. Meißner versucht zwar, möglichst gleichgültig drein zu blicken, aber es ist ihm anzumerken, dass das hier nicht seine Welt ist. Auch Benedict fühlt sich ungemütlich an alte Zeiten erinnert. Als der Mann mit dem Schreiben in der Hand endlich zurückkommt, verkündet sein Gesichtsausdruck nichts Gutes.

„Von uns aus ist das ja ausreichend, aber wir haben das nicht alleine zu bestimmen. Es kommt gleich jemand..."

Der junge Bärtige, der sie wenig später misstrauisch mustert, scheint überhaupt nicht hierher zu passen. Das kränklich weiße Gesicht über dem angeschmudelten T-Shirt zeugt von wenig Schlaf und ungesunder Ernährung. Meißner reagiert auf den Burschen mit versteifter Körperhaltung.

„Nu, was ist los?“, fragt er. „Wir haben eine ordentliche Zutrittsberechtigung des Ministeriums des Inneren der DDR, das langt doch wohl, oder?!“

Der harsche Ton des Kriminalisten macht keinen Eindruck auf den jungen Mann. Mit einem schiefen Blick auf das offizielle Schreiben zuckt er die Achseln.

„Und wer sind denn Sie?“

Meißner zeigt ihm wortlos einen Dienstausweis.

„Die Genehmigung gilt sowieso nur für einen Vitus H. Benedict. Aus ... Düsseldorf?“ Mit gerunzelter Stirn betrachtet er den Mann aus dem Westen. „Sind Sie das?“

„Ja. Hauptkommissar Benedict von der Kripo Düsseldorf. Ich ermittle hier in einer Mordsache.“

„Kommen Sie doch beide mal mit in die Gotlindestraße!“

Als sie wieder auf der Ruschestraße den schnellen Schritten des Bärtigen folgen, fragt Benedict den MUK-Leiter: „Wo gehn wir hin, wer ist das?“

„Bürgerkomitee“, nuschelt Meißner leise und, wie es scheint, missmutig.

Die jungen Leute in der Gotlindestraße trauen dem offiziellen Schreiben aus dem Hause Diestel offenbar wenig, und während die beiden Polizisten in einem Vorraum warten, dringen Bruchstücke einer heftigen Diskussion, ab und zu unterbrochen von Telefonaten, an ihre Ohren. Nach fast einer Stunde nervenden Wartens wird Benedict endlich rein gerufen.

„Wir haben so was nicht gerne!“

Er hat die junge Frau mit den skeptischen Augen bestimmt schon mal gesehen. In einem der unzähligen Femsehberichte über die Verhandlungen des Runden Tisches. Jetzt sitzt sie ihm gegenüber, das bekritzelte Schreiben des MdI vor sich, und schüttelt den Kopf.

„Bitte, das geht nicht gegen Sie. Aber es kommen so viele Leute mit offiziellen Schreiben von allen möglichen Stellen ... da ist schon so viel beiseite geschafft worden ... warum müssen Sie denn in die Zentral-Kartei?“

Na, die sind ja gut. Er wusste bis heute morgen ja selbst nicht, dass er in die Normannenstraße musste. Was soll er da erklären?

„Ich bin auf der Suche nach den Hintergründen eines Mordes an einem DDR-Bürger in Düsseldorf. Man hat mir von der Ost-Kripo gerade erst heute morgen mitgeteilt, dass der Tote vermutlich ein Mitarbeiter, ein hoher Mitarbeiter des MfS gewesen ist. Und dieses ist wohl der einzige Ort, an dem ich mehr über ihn erfahren kann ... und über mögliche Motive für den Mord an ihm.“

Unschlüssig schiebt sie das Schreiben auf dem Schreibtisch hin und her. „Ich habe das nicht so gerne, wenn jetzt auch schon BRD-Polizei hier mitmischt. Also, ich muss das erst noch woanders abklären. Wo kann ich Sie telefonisch erreichen?“

„Im Präsidium der VP an der Beimlerstraße. Die Telefonnummer lassen Sie sich am besten vom Kollegen Meißner geben!“

„Ach ja ... Sie nennen sich jetzt Kollegen.“


*


Als sie am Fuße der Sicherheits-Monolithen in der Ruschestraße wieder in den Wartburg steigen, bricht Meißner bissig sein mürrisches Schweigen. „Ein Affenzirkus ist das hier mittlerweile! Kein Mensch weiß, wer was zu sagen hat! MdI, Regierungskommission, AfNS, Staatsarchiv und die Bürgerkomitees, jeder misstraut jedem. Das ist doch kein ordentliches Arbeiten!“

Der misshandelte Wartburg verweigert störrisch den nächsthöheren Gang und bleibt ruckelnd auf der Straße stehen. Ein Hupkonzert setzt ein.

In der Kantine des Präsidiums bekommt Benedict dann Gesellschaft von Oberleutnant Engel, der ihm bei Hackbraten mit Sättigungsbeilage an einem der Vierertische Gesellschaft leistet.

„Nich’ so gut gelaufen, was?“

Muss ihn der Meißner wohl auf seinem Weg nach oben getroffen haben. Jedenfalls scheint der Engel schon informiert zu sein.

„Machen Sie sich eben einen freien Nachmittag“, meint er kauend, „im Centrum-Warenhaus am Alex werden die restlichen Warenbestände der DDR-Produktion unters Volk gebracht, oder ... fahren Sie doch mal wieder S-Bahn!“

Fast hätte sich Benedict die gehäufte Alu-Gabel ins Kinn gestochen. Wie kommt der Engel denn darauf?

Nachdenklich kaut er auf dem Fleischgemisch herum, bevor er mit seiner Frage kontert: „Was haben Sie denn mit dem Meißner heute früh gehabt? .Kriegsgewinnler1?'. Hat ihm gar nicht gefallen!“

Über Engels freundliches Gesicht zieht ein kleiner Schatten. Fein säuberlich kratzt er die letzten Soßenkartoffelreste von seinem Teller. Nach einer langen Weile, der Teller ist jetzt spiegelblank, murmelt er dann reichlich undeutlich: „Ach... das... fragen Sie ihn doch am besten selbst!“


*


Während Benedict sich an Geld umtauschen und Hütchenspielern vorbei drückt, die runde Weltzeituhr passiert und sich kaum der angebotenen Reklame-Zigarettenpackungen erwehren kann, ist er in Gedanken bei dem Fuchs-Dossier, das er an seinem Schreibtisch in der MUK doch noch überflogen hat. Viel war es nicht, und das Wenige auch noch voller Rätsel. Also, Fuchs war nicht der richtige Name des Toten, aber wie er wirklich heißt, geht aus den drei Seiten auch nicht hervor. Auch nicht, woher diese Information stammte. Von „Quellen“ war da die Rede gewesen. Was für „Quellen“? Und der abschließende Hinweis auf Dienststellen mit den Kürzeln HVA und HA II? Schon eine merkwürdige Angelegenheit. Nichts ist so, wie er es erwartet hatte. Und dann diese gleichlautenden Antworten der beiden so unterschiedlichen VP-Kriminalisten. „Das fragen Sie ihn doch besser selbst!“

Im Kaufhaus Centrum sieht das Warenangebot dünn aus. Die Leute schieben sich an den fast leeren Regalen und Theken vorbei und sind aggressiv. „Ham wa jerne“, murmelt eine Ost-Berlinerin im Vorbeigehen „aus’m Westen und uns noch die Sachen wegkoofen!“ Benedict fühlt sich angegriffen und verzichtet darauf, den vorletzten Becher Joghurt aus der Kühltruhe zu nehmen.

Wieder im Freien kauft er gegen DM eine Dose löslichen Kaffees von einem der fliegenden Händler. Als er dann an der Ecke Karl-Liebknecht-Straße auf einen Schallplattenladen stößt, kommt ihm spontan eine Idee, und er betritt das ziemlich leer aussehende Geschäft.

„Ich hätte da mal eine Frage“, wendet er sich unschlüssig an eine gelangweilte Verkäuferin, „haben Sie zufälligerweise eine Platte von Dean Sanger?“

„Dean Sanger?“, sieht ihn die Blonde an, als käme er von einem anderen Stern. „Der ist doch schon lange ... na, ich seh doch mal nach!“

Während sie hinten mit einer anderen Verkäuferin rum tuschelt, kommt sich Benedict schon ein bisschen komisch vor. Blöde Idee von ihm. Was will er bloß damit?

„Nein. Ham wa nich’ im Laden. Aba wenn Se woll’n, vielleicht auf Lager?“

„Nein, nein. Machen Sie keine Umstände. Danke sehr!“

Als er glücklich wieder draußen ist, mischt er sich unter die dem Bahnhof Alexanderplatz zustrebende Menge. Vorsichtig wendet er den Kopf in alle Richtungen, stellt aber nichts Besonderes fest.

Das Gefühl ist ihm nicht unbekannt. Bei seinen früheren „Grenzübertritten“ hatte er es immer gehabt. Sicher nicht unbegründet, damals. Aber dass es seit gestern Abend wieder da ist, macht ihn doch unsicher. Es konnte doch gar nichts sein. Aber sein Instinkt hatte ihn nie im Stich gelassen.


*


Es scheint, als zöge das gewaltige Sicherheitskarree zwischen Normannenstraße und Frankfurter Allee die schwülen Gewitterwolken magisch an. Obwohl Benedict vorsorglich auf das Jackett verzichtet hat, gerät er auf dem Weg zur Zentral-Kartei ins Schwitzen. Hoffentlich gibt es da drinnen wenigstens so was wie ’ne Klimaanlage.

„Sie müssen versuchen, uns zu verstehen. Da ist schon soviel falsch gelaufen!“ bedrängt ihn die Kurzhaarige, die ihn bei der Anmeldung in Empfang genommen hatte.

Benedict wischt sich den Schweiß aus seinem übermüdeten Gesicht. Schürzt mürrisch die Lippen. Erst hatten sie ihn bis heute Vormittag warten lassen und dann noch den Meißner mit der kurzen Bemerkung: „die Genehmigung gilt nur für den Herrn Benedict“, ganz einfach nach Hause geschickt. Ohne seinen unwirschen Kompagnon kommt er sich ganz schön auf verlorenem Posten vor.

„Fotokopien dürfen Sie keine machen! Sie können sich natürlich alles raus schreiben, was Sie für Ihre Ermittlungen brauchen. Verstehen Sie uns nicht falsch, aber Ihre Aufzeichnungen müssen wir uns natürlich durchsehen, wenn Sie das Gebäude wieder verlassen.“

„Natürlich!“, antwortet der Mann aus Düsseldorf ironisch, aber darauf geht sie nicht ein.

„Ach ja“, die Frau vom Bürgerkomitee zeigt auf ein Gebäude zur Linken. „Da, im Haus 22, können Sie in der Mittagspause was essen. War früher die Stabskantine. Ich werde Bescheid geben.“

Als sie dann vor dem fensterlosen Flachbau stehen, nimmt sie ihn nochmal kurz zur Seite. „Sie werden da nicht alleine vor sich hin arbeiten können, das ist Ihnen ja wohl klar. Ein Beauftragter des Bürgerkomitees wird Sie... unterstützen und... wir sind eben bei der Arbeit in der Kartei noch auf die Hilfe von ehemaligen Mitgliedern des MfS angewiesen, und auch die Leute vom Staatsarchiv sind alles ... ehemalige Genossen. Die kennen sich damit eben aus. Also nehmen Sie das nicht als besonderes Misstrauen Ihnen gegenüber!“

Als Hauptkommissar Vitus H. Benedict das von außen so profan wirkende Allerheiligste des MfS am späten Nachmittag verlässt, haben sich die meisten seiner ahnungsvollen Befürchtungen nicht bestätigt.


*


Es muss in der Zwischenzeit geregnet haben. Der große Innenhof ist von spiegelnden Pfützen übersät. Die wirkungsvolle Klimaanlage im Inneren des Informationsdepots hat ihn die draußen herrschende Schwüle fast völlig vergessen lassen. Jetzt musste er nur noch eine Telefonverbindung nach Düsseldorf auftreiben.

„Wenn du ganz sichergehen willst, dass niemand mithört, musst du zu uns nach drüben fahren. Sonst kannst du über unser mobiles Funknetz im Auto gehen“, steht ihm LKA-Beyer im VP-Präsidium dann hilfreich zur Seite. „Also, hier im Präsidium müsstest du über die Vermittlung gehen, und das würde ich dir nicht raten!“

Ganser ist natürlich nicht mehr im Dienst, aber er hat ja dessen Privatnummer in Mettmann, und da erreicht er ihn dann auch.

„Na, wie is es?“, fragt der neugierig zurück. „Kommst du mit den roten Socken da klar?“

„Wie man’s nimmt. Mit denen habe ich die geringsten Probleme. Da gibt’s andere Sachen, die mir mehr Kopfschmerzen machen. Ganz andere!“

Ganser ist heute offensichtlich an Deutungsversuchen von Chef-Rätseln nicht besonders interessiert. „Was tut sich in Sachen Fuchs?“

„Es gibt gar keinen Fuchs.“

„Häää?“

„Es gibt keinen Fuchs!!!“

„Versteh, ich nicht..."

„Kannst du auch nicht. Bin hier in so ’ne Art Spionagefilm rein geraten. À la John le Carré! Joachim Fuchs aus der Bergstraße 19 in Ost-Berlin ist eine Legende...“

„Eine was?“

„Eine Legende, Fiktion, Tarnname! In Wirklichkeit heißt der Mann Günther Raschke, geboren am 10.8.1948 in Pasewalk, hauptamtlicher Mitarbeiter des MfS, letzter Dienstgrad Hauptmann in der HA XX, der Hauptverwaltung zur Bekämpfung politischer Untergrund-Tätigkeiten!“....Stille.

„Bist du noch da?“

„Jaaa...“

„Und außerdem war der Herr Hauptmann auch noch ein OibE!“

„Ach ja?“, klingt es ziemlich verständnislos aus dem Hörer.

„Ein Offizier im besonderen Einsatz! Ist schon mit der ersten Ungarn-Welle als Flüchtling Joachim Fuchs zu uns eingeschleust worden. Ich kann dir sogar seine Versicherungsnummer und das Datum seines Eintritts in die Partei sagen!“

„Und das ist sicher?“

„Tss, Gernot, was ist hier schon sicher! Ihr habt einen toten MfS-Mann in Düsseldorf liegen, soviel ist mal Fakt!“

Die frühmorgendliche Dienstbesprechung beim K-Leiter erspart er sich am darauffolgenden Donnerstag, spricht aber anschließend in der MUK mit Meißner über das weitere Vorgehen.

„Nachdem wir jetzt die wahre Identität des Toten kennen, kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Motive für dessen Ermordung möglicherweise mit seiner Tätigkeit beim MfS in Verbindung stehen?“

„Sind Sie da so sicher?“ Meißners Gesicht steckt voller Zweifel.

„Es ist eine Hypothese. Aber sie klingt plausibel.“

„Nein. Das meine ich nicht ... Kollege. Können Sie so sicher sein, dass es sich bei dem Namen Günther Raschke um die wirkliche Identität handelt? Die Firma hatte da so einige Möglichkeiten...“ Verunsichert runzelt Benedict die Stirn.

„Na ja. Also an irgend was muss ich mich ja erst mal halten. Und im Moment habe ich da nur diese Akten ...“

„.....bei denen es sich auch um gefälschte Spuren handeln könnte. Sie müssen nicht alles glauben, nur weil es darüber Akten gibt!“

„Sie meinen...?“

„Ich meine gar nichts, gebe nur zu bedenken!“

„Damit komme ich aber nicht weiter. Mein Vorstellungsvermögen geht nicht soweit, und deshalb muss ich mich an die aktenmäßigen Darstellungen halten. Also werde ich ab heute versuchen, aus den Vorgängen, mit denen der Raschke zu tun hatte, Personenhinweise zu filtern. Es ist doch möglich, dass der Mann von irgend jemandem, dem er im Verlauf seiner MfS-Tätigkeit geschadet hat, auf dem Schiff in Düsseldorf erkannt und dann von dem Opfer aus Rache getötet wurde, oder?“

„Na, viel Spaß. Werden Sie wahrscheinlich einiges zu tun bekommen. Sind die Leute da drinnen denn wenigstens... kooperativ?“

„Doch, doch ... geht jetzt alles seinen Gang!“

Meißner zeigt, für Benedict völlig überraschend, ein freundliches Lächeln. „Haben Sie da nicht ein kleines Wort vergessen?“

Und da muss auch der Hauptkommissar aus dem Rheinland grinsen.

Engel, der auf den alten Rang Oberleutnant so unangemessenen Wert legt, scheint ihm diese Fröhlichkeit zu missgönnen, denn die Informationen, die er anschließend für Benedict hat, findet der gar nicht mehr lustig. Eine als RAF-Terroristin weltweit gesuchte Frau hatte jahrelang mit einer MfS-Legende versehen, völlig unbehelligt in Ost-Berlin gelebt und war gestern hier von der Ost-Kripo verhaftet worden.

„Tscha, wenn wir können, wie wir wollen!“ Der Oberleutnant scheint das für einen Erfolg zu halten.

„Ihr wollt aber ziemlich spät!“, gibt ihm Benedict bissig zur Antwort.

Die nachfolgende Schweigsamkeit durchbricht Engel dann doch wieder gewohnt freundlich: „Haben Sie Lust, heute Abend mit ins Kino zu kommen? ’ne echte DDR-Premiere. ,Karla‘ von Ulrich Plenzdorf. Ist bei uns nie in die Kinos gekommen, na wie wär’s?“

„Nein. Nein, wirklich nicht.“

Benedict steht heute wirklich nicht der Sinn nach DEFA-Filmen. Er hat abends schon etwas vor.



4

„Ach ..., du ...“

In ihrer Stimme liegt die Enttäuschung verpasster Gelegenheiten. Verbitterung hat sich in senkrechten Falten an den Mundwinkeln eingegraben. Keine verschmitzten Sprenkel mehr in den grauen Augen über der schabernackigen Stupsnase, die er mal so geliebt hatte.

„Komm ruhig rein“, weht ihm ihre Stimme nach einer Weile kühl entgegen, „du müsstest dich ja an sich noch auskennen.“

Es hat sich fast nichts geändert. Alles ist noch beinahe wie damals. Sogar seine Geschenke, die Uhr, der japanische Fernseher und all der westliche Schnickschnack, den sie so liebte, alles noch am selben Platz.

Sie brüht den Kaffee, und er sitzt im gleichen Sessel, von dem aus man auf den Hinterhof sehen kann, auf dem die blechernen Deckel der Aschentonnen klappern. Von der Veteranenstraße tönt das Quietschen der Straßenbahn herüber.

Verlegen pustet er den Kaffeegrund auf die andere Seite der Tasse. Noch immer kocht sie ohne Filter. Und natürlich darf die Cabinet nicht fehlen. Was hatte ihn ihre Zigarettenqualmerei zuletzt genervt.

„Wir haben uns schon gefragt, wann du mal hier auftauchst.“

”Ja“

„Anette geht es gut. Ich meine, falls dich das interessiert.“

Nein, ihr Ton ist nicht eigentlich bösartig. Eher von einer tiefen Gleichgültigkeit. Einer Leere, die von verletzten Empfindungen kommt. Aber Benedict, der ungemütlich auf der Sesselkante umher rutscht, weigert sich innerlich, dafür die alleinige Verantwortung zu akzeptieren.

„Was macht sie?“

„Sie arbeitet bei der Zeitung. Hat sich gerade in einen verheirateten Mann verliebt... du hast sie damals sehr enttäuscht.“

Das sitzt. Anette hatte in ihm, sie war so um die sieben rum, eine Art Vaterersatz gesehen. Und er

hatte leichtfertiger Weise diese Rolle angenommen. Der Onkel Strahlemann mit den Glitzerpaketen aus dem Westen. Ihm wird heiß vor Scham. Aber hatte sie ihre Tochter jetzt nicht nur vorgeschoben? Es steht doch in Wirklichkeit an jeder Wand dieses Zimmers geschrieben: Du, Vitus H. Benedict, hast mich enttäuscht, unsere Liebe! Ja, wie angenehm war ihm damals diese Grenze doch gewesen, hatte sie doch als willfährige Entschuldigung für den plötzlichen Abbruch der Kontakte herhalten können. Der einfache Ausstieg aus einer Emotion, die er selber provoziert hatte. Und heute... was hatte er eigentlich von Annkatrin hören wollen? Was wollte er in dieser Wohnung am heruntergekommenen Prenzlauer Berg, wo der bröckelnde Putz zu viele unbequeme Erinnerungen freilegte?

„Warum bist du also gekommen?“


*


„Ne, Molle und ’n Klaren!“

Der ersten Lage lässt er sofort eine weitere folgen, als er eine Stunde später das unangenehme Zusammentreffen in der Eckkneipe hinunterspült. Er schüttelt sich. Und das liegt nicht an der Qualität der Getränke.

„Nochmal dasselbe!“

Während der Wirt gleichmütig ein neues Bier zapft, sieht er sich in dem fast leeren Schankraum um. Hinten am Ecktisch mit dem Union-Wimpel sitzen fünf junge Leute und diskutieren heftig über irgendwelche Fußballspieler. Dann ist da nur noch dieser Mann mit dem strähnigen Blondhaar, der den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt hat und wirres Zeug in sich hinein brabbelt. Wahrscheinlich haben die Leute hier zur Zeit auch anderes im Sinn als Kneipenbesuche. Die meisten suchen nach möglichst günstigen Wegen, um ihr erspartes Ost-Geld zu retten. Die Stadt schüttelt sich ja geradezu im Fieber einander widersprechender Gerüchte über Umtauschquoten und Geldmengen.

„Mit mir nich’ mehr! Ich weiß Bescheid, war lange genug in Bautzen!“, brüllt der Mann mit dem dunkelblonden Haargewirr plötzlich laut heraus. Die Fußballjungs kichern und tippen sich an die Stirn.

„Müssen Se nüscht druff jeben“, sagt der Wirt und stellt Benedict sein frisches Bier hin. „Dem ham ’se die Birne weich jekloppt, aba sonst is’ er nich’ jefährlich.“

Nein. Natürlich hätte er nicht zu ihr gehen müssen. Die Chance, dass sie sich zufälligerweise in dieser Stadt begegnet wären, ist eins zu mehreren Millionen. Was hatte er also von Annkatrin gewollt? Absolution? Für einen kleinen Verrat? Sie war seine erste Liebe gewesen. Als sie dem damals Dreizehnjährigen auf dem abendlichen Nachhauseweg halb scherzhaft angeboten hatte, von nun an seine Freundin zu sein, da hatte er die Worte der jungen Frau anscheinend etwas zu ernst genommen. dass die über Zwanzigjährige sich dann noch bei ihm unter hakte, machte ihn einerseits verlegen, löste aber andererseits ein bis dahin unbekanntes Gefühl sinnlicher Lust aus.

In ihm mochte auch das Bild aufgetaucht sein, wie sie im vergangenen Sommer nackt mit seiner Mutter zusammen auf einer Decke im Garten gelegen hatte. Weiße Brüste und blondes Kraushaar. Ziel aller Sehnsucht. Er war auf den Dachboden geflüchtet. Erst zum Abendessen war er wieder zum Vorschein gekommen, aber mit seiner naiven Unbefangenheit ihr gegenüber war es von diesem Moment an für immer vorbei.

„Diese Verbrecherbande, rote! Aba nich’ mit mir! Alle nach Bautzen, aufhängen an den nächsten Mast!“

Auch nachdem er im Westen gelandet war, hatte sie weiter seine Sinne gefangengehalten. Jahre später besuchte er sie an der Ostsee, kurz bevor er zum Bund musste. Leichte, schwärmerische Sommertage waren das gewesen. Sie hatten am Bodden gelegen, da, wo der Meerwind leicht durchs Schilf strich und den Geruch von Tang mit sich brachte. Sie hatte geschlafen oder wenigstens so getan, und er konnte sich nicht sattsehen an diesem Gesicht mit den kleinen Sommersprossen. Und sie hatte sich plötzlich an ihn geschmiegt und seine unbeholfenen Liebkosungen kundig gelenkt. Dann war es nicht der Geruch von Tang gewesen.

Zurück im Westen schrieb er ihr - da war er schon bei der Bundeswehr - lange Liebesbriefe. Unter Deckadresse, denn Kontakte in den Osten waren Militärangehörigen nicht gestattet. Es war für ihn unfassbar, dass diese Frau sich in ihn verliebt haben sollte, aber ihre innigen Antworten sagten nichts Anderes. Kurz bevor er zum Offizierslehrgang sollte, hielt er es nicht mehr aus, und er flog zu ihr nach Berlin. PanAm-Clipper. Hannover-Tempelhof. Dann Bahnhof Friedrichstraße. Er wurde festgenommen und in den labyrinthischen Katakomben darunter von einem MfS-Offizier immer wieder befragt. Was genau, da ist Benedicts Erinnerung eigenartig verschwommen. Nur, dass er pinkeln musste, das weiß er noch. Dieser wahnsinnige Druck. Als käme es ihm gleich aus den Ohren raus. Und dann dieser Vopo mit der Kalaschnikow. Oder war es ein Grenzer? Benedict stand am Becken, und sein Bauch schien fast zu platzen. In seinem Rücken der dumpfe Druck einer Gewehrmündung. Kalter Schweiß auf der Stirn. „Naaa?“, hatte der Uniformierte mit gespielter

Teilnahme gefragt und den Druck der stählernen Mündung verstärkt, „geht’s nicht?“ Dem ach so verständnisvollen MfS-Major hatte er dann schließlich sowohl seine Zugehörigkeit zur Bundeswehr als auch seine Liebe zu Annkatrin verraten. Wegen einer überfüllten „Sextaner-Blase“.

„Alle aufhängen, jawoll. Nich’ mit mir!“

Sie hatten ihn gehenlassen. Sogar die Geschenke und die versteckte Konterbande, Spiegel und Stern durfte er mitnehmen. „Wenn Sie mal länger zu Besuch bleiben wollen, brauchen Sie sich nur an mich zu wenden“, hatte der MfS-Mann am Ende noch gesagt. Sie gaben ihm sogar eine Übernacht-Genehmigung. Als er am nächsten Tag zu seiner Bundeswehr-Einheit zurückkam, wurde er gleich vom Militärischen Abwehrdienst in Empfang genommen. Aus dem Offizierslehrgang wurde natürlich nichts mehr. Hatte von Glück sagen können, dass sie ihm in den monatelangen Vernehmungen nichts nachweisen konnten.

„Schweine. Alles Schweine! Aber mit mir nicht, ich bin in Bautzen gewesen!“


*


Der HiWi vom Bürgerkomitee mustert ihn am Freitagmorgen mitleidsvoll. „Au, au, au! War wohl ’ne längere Sitzung gestern?“

Benedict hat sich eingerichtet. Spart sich die Teilnahme an der morgendlichen Dienstbesprechung beim K-Leiter

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Tag der Veröffentlichung: 23.02.2016
ISBN: 978-3-7396-3899-7

Alle Rechte vorbehalten

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