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Zwei Krimis: Das graue Loch / Am Grab meiner Liebe

von Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 650 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende zwei Romane:

Horst Bieber: Das graue Loch

Horst Bieber: Am Grab meiner Liebe

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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DAS GRAUE LOCH

von Horst Bieber


Wer ist Inge Weber? – Die Frage beschäftigt nicht nur die Polizei, sondern auch ›Inge Weber‹ selbst. Vor knapp einem Jahr wurde die Frau, nur mit Slip und BH bekleidet, auf einer Bank an einem Autobahnparkplatz sitzend gefunden. Sie kann sich an nichts erinnern, weiß nicht ihren Namen, nicht, woher sie kommt, nicht, wie sie zu dem Parkplatz gekommen ist und warum sie fast unbekleidet war. Hauptkommissar Grembowski, der in den vergangenen Monaten alles Erdenkliche getan hat – er hat sich sogar an ›Aktenzeichen XY… ungelöst‹ gewandt -, um die wahre Identität von Inge Weber herauszufinden, glaubt bis heute nicht, dass die Frau tatsächlich an einer Amnesie leidet. Nun wird ihm der Fall entzogen und sein Kollege Jens Rogge darf sich daran versuchen. Rogge ist misstrauisch, was kann er anderes tun, als Kollege Grem getan hat? Warum wartet man nicht einfach, bis Inge Weber irgendwann ihr Gedächtnis wiederfindet? Immerhin scheint sie sich mit ihrem Schicksal ganz gut abgefunden zu haben, sie hat einen Job in einer Bäckerei und sogar einen Freund. Irgendetwas verschweigt Kriminalrat Simon, von dem die Anweisung kommt, seinen Mitarbeitern. Trotzdem beginnt Rogge zu ermitteln, auf die ihm eigene Art: Er mietet sich in dem Ort nahe des Autobahnparkplatzes ein und hört und sieht sich um. Dadurch setzt er Dinge in Bewegung....und er bringt auch einiges in Erfahrung, schließlich sogar einen Namen. Allerdings ist es da für Inge Weber schon fast zu spät, längst ist sie in das Visier mehrerer Interessengruppen gerückt … Und die meinen es nicht gut mit ihr!


I.

Schloss Rilsbruch war zu einem richtigen Schmuckstück renoviert worden. Die Mauerflächen erstrahlten in einem samtenen Ocker, sämtliche Fenster waren erneuert worden. Wie beim Bau Mitte des 18. Jahrhunderts hatte man das Dach wieder mit Schiefer gedeckt. Auf den Wegen lag neuer, noch fast weißer Kies und der frisch angesäte Rasen schimmerte hellgrün.

Harald Lanckenbroick schnaufte beeindruckt. »Du meine Güte, wie viele Millionen hast du denn da reingesteckt?«

Klaus Ochtenhoff winkte lässig ab. »Nicht so viel, Harald. Gar nicht so viel. Das Land hat mir kräftig unter die Arme gegriffen. Denkmalschutz hat seine schlechten, aber auch seine guten Seiten.«

»Idioten«, brummte Lanckenbroick.

»Aber nützliche Idioten.«

»Was machen die anderen?«

»Die warten schon auf uns.«

Fünf Männer saßen um den ovalen Tisch in der Bibliothek und pochten zur Begrüßung mit den Fingerknöcheln auf das kirschrote Holz.

»Bitte um Entschuldigung«, sagte Lanckenbroick statt einer Begrüßung. »Aber meine Maschine hatte fast eine Stunde Verspätung.«

»Macht gar nichts«, erwiderte Bernhard Litten gemütlich. »So haben wir wenigstens in Ruhe einen Schluck trinken können.«

»Gut, dann wollen wir mal.« Ochtenhoff fungierte wegen seiner Rolle als Gastgeber auch als eine Art Versammlungspräsident.

»Um wie viel hat uns unser neuer Freund - wenn man ihn überhaupt so nennen soll - denn betrogen?«

Helmut Vossler, der Kassenverwalter, zog ein mehrfach zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Innentasche seiner Jacke und faltete es fast zeremoniell auf. Aus Vorsicht verzichteten die Mitglieder der Runde darauf, wichtige Dinge schriftlich festzuhalten, und wenn es sich nicht vermeiden ließ, etwas aufzuschreiben, wurde das Papier so rasch wie möglich verbrannt. Von ihren Sitzungen fertigten sie weder Protokolle an noch ließen sie ein Tonband mitlaufen. Bloß keine Spuren hinterlassen war das Motto ihrer Treffen. Deswegen ließ sich auch niemand bis zum Parkeingang von Schloss Rilsbruch fahren, sondern stieg vorher aus, schickte den Chauffeur weg und lief ein großes Stück zu Fuß. Sie hatten Angst vor Verrat, Spitzeln und dummen Zufällen und mussten sich jetzt doch mit einem Fall von Verrat und Untreue in ihren Reihen beschäftigen.

»Sieben Millionen«, sagte Vossler endlich knapp und begann, das Blatt in kleine Fetzen zu zerreißen.

»Mehr nicht?«, schnarrte Thomas Schallbeck.

»Das Geld können wir verschmerzen. Aber vergiss nicht, der Kerl weiß jetzt zu viel.«

»Was soll er schon wissen?«, widersprach Schallbeck.

»Er kennt unsere Namen und Absichten und er weiß, dass wir uns aus bestimmten Gründen treffen und - kooperieren.«

Bei dem letzten Wort lachten alle leise. Kooperieren war hübsch und verniedlichte ihre Ziele und Absichten.

»Womit sich die Frage erhebt, was wir mit dem Kerl anstellen.«

»Eine Bemerkung noch, bevor wir abstimmen.« Ochtenhoff war ernst geworden. »So wie ich ihn einschätze, hat er irgendwo einen ausführlichen Bericht über uns deponiert. Den Mann zu beseitigen nutzt uns nicht viel. Wir brauchen den Bericht.«

Lanckenbroick stimmte rasch zu. »Erst diesen Bericht, dann alle weiteren - Maßnahmen.«

»Okay, in dieser Reihenfolge«, pflichtete Ochtenhoff bei. »Dann stimmen wir ab. Wer ist für eine notfalls drastische, aber auf jeden Fall finale Lösung?«

Nach kurzer Bedenkzeit hoben alle sieben Männer eine Hand.

»Alles klar«, sagte Ochtenhoff. »Der Rest ist eine Aufgabe für unsern Freund Litten.«

»Ohne finanzielle Limits?«, erkundigte sich Litten.

»Ohne«, sagte Ochtenoff rasch.

Alle zuckten zusammen, als Vossler sein Feuerzeug klicken ließ und die Fetzen, die er in einen großen Glasaschenbecher gelegt hatte, sorgfältig anzündete.

Ochtenhoff schaute Lanckenbroick an. »Also, wie war’s, Harald?«

»Gemischt. Die Anlage funktioniert, aber die Ausbeute ist kleiner, als wir zugesagt hatten, nur zweihundertfünfzig Liter täglich statt vierhundert. Was da technisch nicht funktioniert, kann ich nicht beurteilen.« Lanckenbroick hatte den großen Vorteil, dass er fließend Arabisch las, sprach und schrieb, aber von Technik und Chemie verstand er nichts; er war Kaufmann und auf diesem Gebiet im Nahen und Mittleren Osten unentbehrlich, da er alle Eigentümlichkeiten und Tricks dieses Marktes kannte. »Ich denke, darum muss sich Freund Peter kümmern.«

Peter Hülsken verzog das Gesicht. Er verreiste nicht gerne, vor allem besaß er eine tiefe Abneigung gegen Dolmetscher, die bei komplizierten technischen Problemen zu schnell abschalteten.

Lanckenbroick zwinkerte ihm zu. »Keine Sorge, Peter, der Obermotz dort ist Chemieingenieur und hat in den Vereinigten Staaten studiert. Ihr könnt direkt miteinander verhandeln.«

»Wenigstens etwas«, brummte Hülsken. »Das Alkoholverbot besteht immer noch?«

»Immer noch. Sogar Rotwein ist verboten.«

»Das war ein guter Übergang. Wie viele Flaschen muss ich noch aus dem Keller holen?«, fragte Ochtenhoff in die Runde. Wenn sie tagten, hatte das gesamte Personal Ausgang. Die sieben Männer einigten sich auf vier weitere Flaschen.

Von den sieben Männern konnte sich nur Siegfried Drostenmayer nicht der bald heiter werdenden Stimmung anschließen. Er wusste, dass sie auf eine finale Lösung nicht verzichten durften, aber sie gefiel ihm trotzdem nicht. Obwohl er zugeben musste, dass sie selten so dreist übers Ohr gehauen worden waren. Der Einzige, der seine Skrupel teilte, war Hülsken, sie blinzelten sich gelegentlich zu, sagten aber nichts.

Solche Krisen gab es immer wieder einmal, die mussten für die große, gemeinsame Sache ausgestanden und bereinigt werden. Cannes war kein gutes Pflaster für sie, erst Höhner, dann dieser Tepper.

Nach zwei Stunden beendeten sie ihre Sitzung. Ochtenhoff brachte die leeren Flaschen in einen Glascontainer an der Straße, nachdem er seine Gäste verabschiedet hatte.

Hülsken und Drostenmayer gingen ein längeres Stück zusammen, sie mussten sich erst vor Kelsterbrück trennen.

»Was geschieht jetzt mit seiner Frau?«, fragte Hülsken beiläufig, aber Drostenmayer ließ sich nicht täuschen. »Du hast dich in sie verguckt.«

»Nein, nicht verguckt, aber sie hat mir gut gefallen, das stimmt, viel besser als er.«

»Hoffentlich hat er ihr nichts erzählt, sonst ist sie auch dran. Du kennst die Spielregeln - aussteigen gibt es nicht.«

»Was passiert jetzt eigentlich?«

»Litten hat mehrere skrupellose Trupps für schmutzige Arbeiten an der Hand. Die wird er wohl losschicken.«

»Ich halte der Frau die Daumen.«

Vor ihnen tauchten die ersten Häuser von Kelsterbrück auf. Hülsken bog ab. Er würde eine andere Autobuslinie benutzen als Drostenmayer. So wenig wie möglich zusammen gesehen zu werden zählte zu den einfacheren Vorsichtsmaßnahmen.



II.

Karin Tepper stieg als Letzte aus der S-Bahn und wartete, bis der Zug abgefahren war und die anderen Fahrgäste den Bahnsteig verlassen hatten. In den vergangenen Jahren hatte sich einiges verändert, neue Bänke, andere Kübel mit Blumen, ein Wartehäuschen aus Glas anstelle des hässlichen Betonkastens. Doch der Lautsprecher schepperte und klirrte noch wie früher und die Pflastersteine bildeten Buckel und Senken. Neugierig schaute sie sich um. Heimweh hatte sie nie verspürt, aber jetzt freute es sie doch, dass sie alles sofort wieder erkannte. Im Zug hatten einige Fahrgäste sie neugierig wie eine alte Bekannte angeschaut, doch niemand hatte gegrüßt oder sie angesprochen. Vor dem Ausgang wandte sie sich nach rechts, lief ein Stück am Bahndamm entlang und bog in die Unterführung ein. Hier war es angenehm kühl. Draußen brannte die Sonne aus einem dunkelblauen Himmel, für Anfang September war es zu warm. Ihre Schritte hallten laut wider. Jetzt waren die Taunus-Höhen schon deutlich zu sehen, unwillkürlich ging sie langsamer. Früher hatte sie die Stille des Ortes oft bedrückt, manchmal gereizt, weil sie meinte, in der Einsamkeit zu viel von ihrem Leben zu verlieren.

Keine Sentimentalität!, ermahnte sie sich spöttisch.

An die meisten Häuser erinnerte sie sich, als sei sie erst gestern fortgegangen, und an der Einmündung des Melissenwegs schluckte sie, schwankte einen Moment, ob sie umkehren sollte, und gab sich einen Ruck. Kneifen war nicht länger erlaubt. Vor dem Haus Nummer 14 holte sie tief Luft und stieß das Gartentörchen auf.

Eine junge Frau in Jeans und dünnem Hemdchen öffnete. Links klammerte sich ein strohblonder Junge an ihr Bein, rechts ein Mädchen. Die Ähnlichkeit der Gesichter war so verblüffend, dass Karin leise lachte, es mussten Zwillinge sein, auch wenn das Mädchen jetzt schüchtern den Kopf verbarg, während der Junge sie trotzig musterte.

»Guten Morgen, Frau Alberts, mein Name ist Tepper, Karin Tepper.«

»Guten Morgen«, erwiderte die junge Frau zurückhaltend.

»Hätten Sie vielleicht fünf Minuten Zeit für mich?«

»Um was geht es denn?« Jetzt war ihr Ton so abweisend, dass Karin Tepper begriff: »Keine Sorge, ich will Ihnen nichts verkaufen, keine Versicherung andrehen und Sie auch nicht überreden, einer Sekte beizutreten.«

»Ja?«

»Frau Alberts, vor sieben Jahren habe ich in diesem Haus gewohnt, zusammen mit meinem Mann. Ich bin damals weggelaufen, mit einem Freund nach Amerika gezogen und jetzt suche ich meinen Ehemann.«

Damit hatte sie die junge Mutter verwirrt, sie zwinkerte ungläubig, runzelte die Stirn und kicherte plötzlich; »Das ist ja - Bitte, kommen Sie doch herein.«

Das Mädchen schielte neugierig auf die Besucherin, der Junge blies die Backen auf, als wolle er etwas Unfreundliches loswerden, aber die Mutter wusste mit ihnen umzugehen: »Los, ihr Racker, eine Viertelstunde lasst ihr mich in Frieden, sonst gibt’s heute Mittag keinen Nachtisch, verstanden?«

Vor dieser Drohung kapitulierten sie, in höchster Eile wuselten sie nach hinten ins Haus, eine Tür knallte wie ein Kanonenschuss und die Mutter seufzte: »Ein Kind war geplant, zwei sind’s geworden und Arbeit machen sie für drei.«

»Meine Mutter pflegte immer zu behaupten, lieber einmal Zwillinge als zweimal den ganzen Ärger.«

»Das sage ich vielleicht auch einmal, wenn ich’s hinter mir habe.«

Das Haus hatte sich zu Karin Teppers Erleichterung sehr verändert, nicht der Schnitt der Zimmer, aber die Einrichtung. Wolfgang hatte viel Wert auf Stilmöbel gelegt, auf echte Teppiche und die passende Dekoration, ihr war es manchmal wie ein halbes Museum vorgekommen, in dem man sich nur vorsichtig bewegen durfte, doch in diesem Punkt hatte er überhaupt nicht mit sich reden lassen. Jetzt war der große Wohnraum praktisch eingerichtet und überall verriet Kinderspielzeug, wer hier lebte und zurzeit den Ton angab.

»Gehen wir auf die Veranda? Ich kann Ihnen einen Eistee anbieten.«

»Das wäre wundervoll.«

Auch der Garten hatte viel von seiner früheren, steifen Eleganz eingebüßt. Eine große Sandkiste, ein Schaukelgestell, ein aufblasbares Planschbecken, seltsam, jetzt wirkte er einladender, obwohl der Rasen schwer gelitten hatte.

»Wir haben das Haus erst vor vier Jahren gekauft«, sagte die junge Mutter entschuldigend. »Über einen Notar, den Namen und die Anschrift kann ich Ihnen heraussuchen.«

»Vielen Dank.«

»Den Namen Tepper habe ich nie vorher gehört.«

»Ich weiß nicht, was Wolfgang - mein Mann - nach meinem Weggang gemacht hat.« Während der Bahnfahrt hatte sie eingesehen, dass sie ihre Geschichte oft erzählen musste, und auch mit jenen Einzelheiten, die sie lieber verschwiegen hätte. Die junge Frau sah sie erwartungsvoll an. Sie hatte ein offenes Gesicht und verheimlichte nicht, dass sie auf Karins Geständnis gespannt war.

»Wir hatten damals Krach, großen Krach. Eine Ehekrise, ich dachte an Scheidung und Wolfgang interessierte sich nur für sein Geschäft. Bis mir ein Mann über den Weg lief, ein Schwede, der in Frankfurt arbeitete. Frisch geschieden und auf dem Sprung, für seine Firma in die Vereinigten Staaten zu ziehen.« Gedankenverloren trank Karin einen Schluck, der Tee war angenehm kalt und säuerlich. »Er hat mich überredet und ich hab mich überreden lassen.«

Die junge Frau gluckste mitfühlend.

»Eines Morgens hab ich einen Koffer gepackt und in der Küche einen Brief zurückgelassen. Ich gehe weg.«

»Ohne Nachsendeadresse?«

»Ohne alles. Am Nachmittag saßen wir in einem Flugzeug nach Stockholm und von dort sind wir drei Wochen später nach Los Angeles geflogen.«

»Haben Sie Ihrem Mann nie geschrieben? Oder ihn mal angerufen?« Eine Spur von Missbilligung schwang in ihrer Stimme mit und Karin schüttelte energisch den Kopf: »Nie. Es sollte ein Schnitt werden und es wurde ein Schnitt.« Alles wollte sie nicht beichten, bestimmt nicht einer Fremden, und außerdem wusste sie selbst ja noch nicht, was aus Wolfgangs Schwierigkeiten geworden war, ob er sie gemeistert hatte.

»Und Ihr - Freund? Der Schwede?«

»Oh, Martin - er hieß Martin Carlsson - wusste, dass ich verheiratet war. Er hat mir mehr als einmal die Heirat angeboten, aber ich wollte nicht. Keine Scheidung, keine neue Ehe, so ganz hat’s ihm nicht gefallen, aber er hat sich damit abgefunden.«

»Und was macht er jetzt?«

»Er ist tot. Vor vier Monaten mit seinem Sportflugzeug abgestürzt.«

»Das tut mir Leid«, stotterte die junge Frau bestürzt und Karin glaubte ihr das Mitgefühl.

»Jetzt will ich also reinen Tisch machen. Aber dazu muss ich erst einmal meinen Ehemann finden.«

»Ja, das verstehe ich - aber viel helfen kann ich Ihnen nicht. Vielleicht kennt der Notar seine Anschrift.«

»Ja, das ist gut möglich«, stimmte Karin zu und stand auf. »Grüßen Sie Ihre beiden Kinder von mir und richten Sie ihnen doch aus, sie hätten sich den Nachtisch redlich verdient.«

»Das warten wir erst mal ab«, erwiderte die Mutter düster. »In dem Alter ist so viel Ruhe eher verdächtig. Aber ich weiß mittlerweile, wo die Haupthähne für die Wasserleitungen sind.«

Es war ihr leichter gefallen, als sie es sich noch in der S-Bahn ausgemalt hatte. Und ein Notar konnte sehr gut eine Anschrift haben, Karin Tepper atmete tief durch und beschloss, an ihrem Plan festzuhalten.

Das Haus Oleanderweg 9 hatte sie immer bewundert, oft auch mit Neid betrachtet, weil es groß und doch gemütlich war. Oder nicht groß, sondern großzügig, innen wie außen. Gut, Richard verdiente sich dumm und dämlich, trotzdem bedeutete Geld ihm nicht viel, was Wolfgang immer bissig kommentiert hatte: »Der hat auch gut reden.«

Zu der Zeit hatte sie es schon vermieden, ihm zu widersprechen, ein Wort genügte bereits, einen fürchterlichen Zank auszulösen, aber sie hatte oft gedacht, das Geld komme zu Richard, weil er ihm nicht hinterherlief, während Wolfgang sich für jede Mark zu zerreißen schien. Seine unverhüllte Geldgier hatte sie oft geängstigt, fast noch mehr als seine Wut, wenn eines seiner Geschäfte geplatzt war oder ein anderer mehr herausgeholt hatte als er. Darunter hatte auch ihre Freundschaft mit Richard und Vera gelitten, Wolfgang fühlte sich immer als der Unterlegene. Zum Schluss lehnte er jede Begegnung mit dem befreundeten Paar ab und Karin war allein hingegangen, entspannte sich und vergaß gleichwohl nicht einen Moment, dass ihr Mann ihr Vorwürfe machen würde, weil sie Richard und Vera nicht aufgeben wollte.

Nach dem zweiten Klingeln wurde geöffnet, die große, schlanke Frau mit den langen dunkelgrauen Haaren musterte sie aufmerksam.

»Guten Tag«, sagte Karin leise.

»Guten ... nein, das ist ... Karin!«

Ihre Stimme zitterte: »Ja, ich bin’s, Vera.«

»Karin Tepper. Ein Wunder ist geschehen. Du hast dich sehr verändert, aber nein, ich habe dich sofort wieder erkannt.« Vera trat einen Schritt vor und umarmte sie, beide hatten Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

»Kind, Karin, dass ich dich noch einmal wieder sehe!«

»Das Kind ist schon einundvierzig Jahre alt.«

»Und ich bin fünfundsechzig und könnte immer noch deine Mutter sein. Herein mit dir! Mein Gott, so eine Überraschung. Wenn ich das Richard erzähle ...«

Die Tränen flossen schließlich doch, als in der Diele ein alter Boxer mit eisengrauem Maul schwerfällig aufstand und auf sie zuwankte.

»Emmo!«, stammelte Karin und der Hund legte den Kopf schief, als müsse er dem Tonfall nachlauschen, bevor er ihre Hand beschnupperte und wie ein Blasebalg schnaufte. Dann jaulte er auf und leckte ihre Hand.

»Er ist blind geworden«, erklärte Vera. »Aber er hat dich wieder erkannt.«

Karin kniete nieder, um den alten Kämpen zu umarmen, der sich an sie presste und nicht verstand, warum die Freundin weinte. Was hatten sie früher miteinander gerauft oder um Stöcke gekämpft, lieber ließ der Hund sich in die Höhe heben und herumschwenken als den Biss zu lockern. Nachdem sie ihn in den Swimmingpool geworfen hatte, sann der Boxer auf Rache; mehr als einmal hatte sie nicht an ihn gedacht und vor dem Pool gestanden, den Rücken der Veranda zugekehrt, bis ein lebendiges Geschoss gegen ihre Schulterblätter prallte und sie ins Wasser schleuderte. Danach verzog er sich blitzschnell, mit seinem Schwanzstummel wedelnd und über das ganze Gesicht lachend. Selbst Richard schaffte es nicht mehr, ihm diese Attacken abzugewöhnen, aber Emmo war ein kluger Hund und achtete darauf, dass auch Wasser im Becken war, wenn er zum großen Sprung ansetzte.

»Emmo! Wenn du wüsstest, wie sehr ich dich vermisst habe!«

»Er dich auch. Komm, so viel Überraschung ist einen Sherry wert.«

»Ist Richard da?«

»Nein, er treibt sich auf dem Golfplatz herum, und weil er ein altmodischer Mensch ist, weigert er sich, ein Handy mitzunehmen. Immer noch Sherry muy seco?«

»Immer noch, Vera.«

Der alten Freundin musste Karin ihre Geschichte ausführlich erzählen und Vera nickte zustimmend. Von Wolfgang Tepper hatte sie nie viel gehalten, das aber erst ausgesprochen, als die Ehe bereits in die Brüche gegangen war. Ob sie Karins Entscheidung, Hals über Kopf mit einem anderen Mann auszureißen, wirklich billigte, ließ sie sich nicht anmerken, sie war eine so kluge wie taktvolle Frau, die weder predigte noch tadelte, erst recht nicht vorschnell verurteilte.

»Nein, wo Wolfgang heute steckt, wissen wir auch nicht«, bedauerte sie. »Es gab noch einen unschönen Auftritt, drei oder vier Tage, nachdem er deinen Brief gefunden hatte. Da erschien er hier, ziemlich betrunken, und warf uns vor, wir hätten dich auf gehetzt, wir seien schuld an dem Bruch, wir hätten jede Versöhnung hintertrieben, nun ja, du kennst ihn ja. Seine Fähigkeit, anderen die Verantwortung für sein Scheitern zuzuschieben, hatte unter seinem Alkoholpegel nicht gelitten.«

»Und danach?«

»Von ihm direkt haben wir nichts mehr gehört. Aber Richard traf dann zwei oder drei Monate später einen Nachbarn und der erzählte ihm, dass Wolfgang das Haus verkauft habe und weggezogen sei. Ohne sich von seinen Nachbarn zu verabschieden.«

»Das sieht ihm ähnlich.«

»Ja, es hat uns nicht - verwundert.« Vera konnte unnachahmlich sticheln und Karin lachte leise. Emmo lag zu ihren Füßen und knurrte milde, wenn sie mit dem Streicheln aufhörte.

»Du weißt, dass Wolfgang damals in geschäftlichen Schwierigkeiten steckte?«

»Das ist die Untertreibung des Tages, liebe Karin.«

Es hätte sie nicht überraschen dürfen, Vera erfuhr immer alles, was sich in der Nachbarschaft und in ihrem Bekanntenkreis abspielte. Das Angenehme - oder auch Irreführende - war, dass sie nicht immer zu erkennen gab, was sie wusste.

»Ja, entschuldige. Wolfgang war pleite, nachdem er sich verspekuliert hatte, und der Staatsanwalt interessierte sich für ihn.«

»Das war schon damals kein Geheimnis.«

»Von seinen Geschäften habe ich nie etwas verstanden. Oder begriffen.«

»Das glaube ich dir sofort. Bei seiner Art von Geschäften empfahl es sich, die Zahl der Mitwisser klein zu halten.« Das kam sehr trocken heraus und Karin musterte ihre alte Freundin unschlüssig. Bei aller Freundlichkeit verfocht Vera sehr feste Grundsätze von Anstand und Moral, und wer die verletzte, verspielte ihre Freundschaft. Wie Wolfgang, den sogar der Staatsanwalt verdächtigt hatte, einen gigantischen Betrug inszeniert zu haben.

»Warst du schon auf dem Einwohnermeldeamt?« Vera wollte das Thema wechseln und Karin ging erleichtert darauf ein.

»Nein, ich bin erst gestern gelandet und heute gleich zu unserem alten Haus gelaufen.«

»Die Nachbarn haben also auch keine Ahnung, wo Wolfgang abgeblieben ist«, sagte Vera lebhaft. »So, und nun will ich mehr über Martin Carlsson hören.«

Zwei Stunden später brach Karin auf, Emmo fiepte jämmerlich. Richard war noch nicht zurückgekommen, deshalb musste sie ihre Hoteladresse hinterlassen und zahlreiche Eide schwören, dass sie nicht wieder spurlos untertauchen würde.

In der S-Bahn starrte sie aus dem Fenster, ohne etwas zu sehen. Vera und Richard hatten ihr damals angeboten, zu ihnen zu ziehen, bis die Scheidung ausgesprochen war. Das Angebot hatte Karin geholfen, sich zu entschließen, weil sie sich darauf verlassen durfte, im schlimmsten Fall ein Dach über dem Kopf zu haben und nicht allein zu bleiben. Doch Martin hatte nicht viele Worte aufwenden müssen, um sie zur Flucht zu überreden. Ein Schnitt sollte es werden und dazu gehörte ein anderer Platz als dieser saubere, ruhige Taunus-Ort, in dem sie alles an Wolfgang und ihre eigenen Fehler erinnerte.

Abends rief Richard im Hotel an: »Wie Vera schon sagte, ein Wunder, und zwar eines der netteren Art. Du hockst doch nicht etwa den ganzen Abend auf deinem Zimmer?«

»Nein, du Unverbesserlicher«, log sie. »Noch zwei Minuten, um das Gesicht anzustreichen, dann wartet eine alte Freundin zum Essen auf mich.«

»Wehe, du kommst nicht bald noch mal vorbei. Der arme Emmo schnüffelt im ganzen Haus nach dir.«

»Bald, Richard, ich hab’s Vera doch versprochen.« Das Wochenende brauchte sie noch für sich, doch das wollte sie den alten Freunden nicht erklären.

Eine Stunde musste sie warten, bis das schüchterne Mädchen hereinkam: »Frau Tepper? Herr Dr. Schütz lässt bitten.«

Alle Notare, mit denen sie bis jetzt zu tun gehabt hatte, waren würdevolle ältere Herren gewesen, um deren ergraute Häupter die Aura des Gesetzes glänzte. Schütz war entweder viel zu jung für ein Notariat oder hatte sich unverschämt gut gehalten, tief gebräunt, mit rabenschwarzen Haaren und dunklen, lebhaften Augen. Er erhob sich nicht, sondern schnellte hoch, als hasste er seinen würdevollen Ledersessel, auf dem er nicht herumzappeln durfte.

»Schütz. Guten Tag, Frau Tepper, was kann ich für Sie tun?«

»Mir fünf Minuten Zeit geben, um eine verrückte Geschichte anzuhören.«

»Verrückte Geschichten sind gut, davon lebe ich«, erwiderte er fröhlich.

»Ich heiße Karin Tepper und war verheiratet mit einem Wolfgang Tepper, bin es vielleicht noch, ich weiß es nicht.«

»Das ist in der Tat ungewöhnlich«, gab der Notar zu und zwinkerte.

»Ich habe nämlich vor sieben Jahren meinen Mann verlassen, nein, ich bin ausgerissen, um es deutlich zu sagen, und mit einem anderen Mann in die Vereinigten Staaten gezogen. Seit diesem Tag habe ich von meinem gesetzlichen Ehemann nie wieder etwas gehört.«

Schütz rieb sich die Hände, er schien ein seltsam unernster Mensch zu sein.

»Nun will ich ihn finden und bin deshalb zu unserem alten Haus gefahren. In dem er nicht mehr wohnt, das Haus ist verkauft worden, vor vier Jahren an ein Ehepaar Alberts und Sie haben den Verkauf beurkundet oder wie man das nennt.« Sie brach ab, weil Schütz eine unbeschreibliche Grimasse schnitt, bevor er mit beiden Händen in seinen Haaren wühlte, als habe er zu viel davon und wolle ihr eine Strähne schenken. »Ist etwas?«

»Mich laust der Affe!«

In letzter Sekunde schluckte sie den Einwand herunter, das tue er schon selbst. »Das darf doch nicht ...« Er drückte auf eine Taste der Sprechanlage: »Eva? Bitte sofort die Akte Tepper, Wolfgang ... Nein, in der Treuhänderabteilung ... Danke.«

Als er sich Karin wieder zuwandte, sah er eine Spur ernsthafter aus: »Gedulden Sie sich bitte eine Minute? Ich glaube, ich warte bereits seit sieben Jahren auf Sie.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte sie verwirrt.

»Gleich, Eva ist sehr - da ist sie ja schon.« Das junge Mädchen lächelte und reichte ihm hastig eine Akte, die er sofort aufschlug, ein kaum hörbares »Danke« murmelnd. Wer für ihn arbeitete, musste sich seinem Tempo anpassen.

»Tatsächlich - Sie heißen Karin Tepper, nicht wahr?«

»Ja, ja.«

»Können Sie sich irgendwie ausweisen - Pass, Personalausweis, Geburts- oder Heiratsurkunde?«

»Ich habe alles dabei«, stotterte Karin betäubt.

»Umso besser. Dann werden Sie diesen Raum sehr viel reicher verlassen, als Sie ihn betreten haben.«

»Ich verstehe nicht ...«

»Entschuldigung, der Reihe nach - und setzen Sie sich besser fest hin!«

Vor sieben Jahren war Wolfgang Tepper hier erschienen, um eine Vermögensfrage mit dem Notar zu bereden. Seine Ehefrau Karin hatte ihn Knall auf Fall verlassen und war seitdem nicht mehr erreichbar. Ihren Entschluss, ihn nie wieder zu sehen, hatte sie in einem handschriftlichen Brief niedergelegt, den er eines Abends in der leeren Küche gefunden hatte. An die leere Kaffeekanne gelehnt, wie sich das so gehörte.

Sie nickte atemlos.

In diesem Schreiben hieß es wörtlich: »Mach mit dem Haus und den Möbeln, was du willst.«

»Das stimmt«, warf sie eilig ein und Schütz lachte: »Kennen Sie diese Handschrift?«

Dabei hielt er ihr die Akte hin und sie schnappte nach Luft: »Das ist doch mein Brief ...«

»Genau. Ihr Mann wollte das Haus verkaufen - er brauchte Geld, nicht wahr?«

»Ja, er war mit seiner Firma in Schwierigkeiten geraten ...«

»Es bestand der Verdacht eines betrügerischen Konkurses«, berichtigte Schütz, und obwohl er dabei schmunzelte, erreichte die Heiterkeit seine Augen nicht.

Sie seufzte: »Ja. Für einige Zeit hatte der Staatsanwalt sogar mich in Verdacht, da mitgemacht zu haben, aber ich wusste wirklich nichts von den Geschäften meines Mannes.«

»So hat Ihr Mann es auch dargestellt. Jedenfalls eilte es ihm mit dem Verkauf und von mir wollte er wissen, ob diese Passage in dem Brief eine Blanko-Einverständniserklärung sei und wie er es mit Ihrem Anteil halten müsse. Sie waren nämlich im Grundbuch als hälftige Eigentümerin eingetragen.«

»Und?«

»Er hat verkauft und ich habe für Ihren Anteil ein Treuhandkonto eingerichtet.«

»Wie bitte?«

»Für Ihren Anteil, Frau Tepper. Er wollte alles Geld einstreichen, aber da haben ich und das Gericht nicht mitgespielt. So, und wenn Sie mir nun beweisen, dass Sie wirklich Karin Tepper, die Ehefrau des Wolfgang Tepper sind, können Sie bald über eine gute halbe Million Mark verfügen.«

Abends saß sie an der Hotelbar und kniff sich ab und zu in den Arm, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumte. Nicht einmal in ihren größten Fantasien hatte sie sich ausgemalt, sie werde noch Geld für das Haus bekommen, sie hatte es in dem Moment abgeschrieben, vergessen, als sie mit Martin in das Flugzeug gestiegen war. Sie brauchte kein Geld, Martin hatte ihr alles vererbt, was er besaß, und das war nicht wenig. Außerdem hatte die Lebensversicherung nach seinem Absturz gezahlt und sie hatte nicht geahnt, dass die Police auf eine halbe Million Dollar lautete. Dazu jetzt mehr als 500.000 Mark, es war nicht zu glauben. Sie kicherte albern und nippte an ihrem Drink. Unvorstellbar. Ein Märchen. Hinter ihr schmalzte der junge Pianist, sie drehte sich um und warf ihm eine Kusshand zu.

Doch in einem Punkt hatte der Besuch bei diesem Unernsten mit einer Enttäuschung geendet. Schütz hatte keine Ahnung, wo sich Wolfgang zurzeit aufhielt. Während des Verkaufs hatte Wolfgang in Frankfurt gewohnt, in der Odenwaldstraße. Dorthin schickte ihm Schütz auch die Benachrichtigung des Grundbuchamtes, doch dieser Umschlag kam mit dem Vermerk Adressat unbekannt verzogen zurück. Zwei Wochen lang hatte Schütz alles versucht, Einwohnermeldeamt, Post, Bank, Vermieter, aber ohne Erfolg; niemand konnte ihm mitteilen, wohin Wolfgang gezogen war. Zum Schluss hatte es den Notar so geärgert, dass er sogar eine Privatdetektei beauftragte, aber auch die konnte den Aufenthaltsort nicht ausfindig machen. Wolfgang Tepper hatte sich in Luft aufgelöst, nachdem die Überweisung des alten Herrn, der das Haus erworben hatte, auf dem Konto eingegangen war und er über seine Hälfte verfügte. Schon dreißig Monate später gab der neue Eigentümer das Haus auf, weil der alte Herr nach einem schweren Sturz ein Pflegefall geworden war. Über Schütz verkaufte er das Haus an das junge Ehepaar Alberts.

Musste sie Wolfgang eigentlich aufstöbern? Gab es nicht auch eine Möglichkeit, sich ohne ihn scheiden zu lassen?

»Ich nehme noch einen«, sagte sie zu dem Barkeeper, der schon eine ganze Weile überlegte, warum eine so attraktive Frau allein in einer wenig belebten Hotelbar saß.

»Gerne.«

Was wollte sie denn von ihrem Mann hören? Dass er ihr verziehen hatte? Als ob sie darauf überhaupt Wert legte! Wie es ihm ergangen war? Wenn er nun vor der Justiz abgetaucht war, die sich damals so intensiv für seine Geschäfte interessiert hatte? War das überhaupt schon verjährt?

»Ihr Drink.«

»Vielen Dank. Fragen Sie doch bitte den Klavierspieler, ob er auch etwas trinken möchte.«

»Selbstverständlich, gnädige Frau.« Sein geschultes Gesicht verriet kein Erstaunen; sie hatte doch nicht etwa Gefallen an diesem Tasten-Schlaffi gefunden?

Gut, also ohne Wolfgang. Und nun? Diese Drinks schmeckten nach Obst, aber enthielten wohl mehr Alkohol, als man ihnen ansah. Was fing sie jetzt mit ihrem Leben an?

»Hei, Karin, tut mir Leid, dass ich mich verspätet habe, aber die City war wieder einmal dicht.«

Gerd hatte sie fast schon vergessen, sie zuckte schuldbewusst zusammen und hielt still, als er sie umarmte und küsste.

»Du bist es tatsächlich. Und schöner denn je!«

»Du siehst auch nicht schlecht aus«, antwortete sie hastig. Daran hätte sie denken sollen, Gerd Arkenthin war schon immer ein berüchtigter Schürzenjäger gewesen und hatte auch vor der Frau seines angeblich besten Freundes Wolfgang nicht Halt gemacht. Ihn abzuweisen hatte sie viel Mühe gekostet, doch jedes Nein schien ihn nur noch mehr anzufeuern.

»Danke für das Kompliment«, erwiderte er eitel und schnipste nach der Bedienung. »Wo hast du dich bloß all die Jahre über versteckt?«

Es half nichts, sie musste ihre Geschichte wiederholen, aber irgendetwas warnte sie, ihre finanziellen Verhältnisse ehrlich zu schildern oder das Geld aus dem Hausverkauf zu erwähnen. Der Pianist wünschte einen Gin Tonic, was Gerd erbost zur Kenntnis nahm, sie genehmigte sich noch einen dieser wundervollen fruchtigen Drinks und hätte fast gelacht, als sie zum ersten Mal seine Hand von ihren Beinen entfernen musste. Sehr gekränkt gehorchte er und sie erkannte in seiner Schmollmiene plötzlich Wolfgang wieder, der es auch nicht vertragen hatte, zurückgewiesen zu werden, und ein Nein nicht hinnehmen konnte. Es ernüchterte sie wie eine kalte Dusche und deshalb rückte sie mit ihrem Hocker ein Stück zur Seite.

»Gerd, ich muss Wolfgang finden«, erklärte sie so ernsthaft, dass selbst er begriff - an ihm hatte sie kein Interesse.

»Da bist du bei mir an der falschen Adresse«, knurrte er.

»Wieso denn das? Ich denke - ich habe immer gedacht, du bist sein bester Freund?«

»Das war ich vielleicht einmal.«

»Was heißt das im Klartext?«

»Wir haben uns - Moment mal — vor sieben Jahren das letzte Mal getroffen. Richtig, du warst schon abgehauen und er hatte sich eine kleine Wohnung in Frankfurt gemietet.«

»In der Odenwaldstraße.«

»Stimmt! Woher weißt du das?«

»Ich sagte doch, ich suche ihn.« Den Teufel würde sie tun, den Notar Dr. Schütz ins Gespräch zu bringen.

»Ah, richtig, ja, so.« Machte der Alkohol hellsichtig oder bildete sie sich nur ein, dass Gerd jetzt scharf überlegte, wie weit sie sich mit Lügen und Erfindungen abspeisen ließ? »Damals stand Wolfgang ziemlich unter Druck, finanziell, meine ich.«

»Ich weiß, ich bin damals auch vom Staatsanwalt vorgeladen worden.«

»Wirklich? - Also, von seinen Geschäften hat er mir nie viel erzählt.« Woher nahm sie nur die Gewissheit, dass dieser Satz schamlos gelogen war? »Wolfgang brauchte Geld, ganz dringend, und hat Gott und die Welt angebettelt. Ich konnte ihm nur eine Kleinigkeit leihen, so flüssig war ich zu der Zeit auch nicht.«

Das warst du nie, berichtigte Karin bei sich. Wieso war ihr früher nie aufgefallen, dass der schöne Gerd Arkenthin nur ein Blender und Schnorrer war? »Na ja, und eines Tages brauchte ich meine Mäuse zurück, ziemlich dringend sogar, aber da war er aus der Wohnung verschwunden. Ohne Nachsendeadresse«, setzte er giftig hinzu und musterte sie von der Seite,

»Wie hoch waren eigentlich seine Schulden?«, nuschelte sie harmlos und drehte sich nach dem Pianisten um, der gerade den Flügel zuklappte und ihr fröhlich zuwinkte. Was sie genauso freudig zurückgab.

»Was hast du bloß mit dem blöden Kerl?«

»Nichts, er hat nur so schön gespielt. Also: Wie viel?«

»Ich schätze, um die vier Millionen.«

»Donnerwetter!«, sagte sie ehrlich beeindruckt.

»Das waren seine privaten Schulden. Ich möchte nicht wissen, wie viel seine Anlegerkunden verloren haben.«

»Um die zwanzig«, versetzte sie heiter. »Das weiß ich vom Staatsanwalt, der Wolfgang anklagen wollte. Wegen betrügerischen Konkurses, Betrug, Unterschlagung und noch so einer Sache, Verstoß gegen das Kreditgesetz oder so ähnlich.«

»Bist du deswegen abgehauen?«

»Nicht nur, lieber Gerd.« Sein Gesicht hellte sich auf, seine Hand bewegte sich schon wieder und sie drohte ihm mit dem Zeigefinger: »Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten. Nein, nicht nur deswegen. Ich hatte ihn satt, bis oben hin, und dann bin ich einem richtigen Mann begegnet.«

»Diesem Carlsson.«

»Ja, Martin. Du darfst mir glauben, wenn ich eine Anschrift von Wolfgang hätte, würde ich alles schriftlich erledigen.«

Daran hatte Arkenthin zu kauen, geistesabwesend bestellte er noch einen Whisky und spielte mit seinem Feuerzeug, während er sichtlich grübelte. Endlich murmelte er: »Der teure Wolfgang hatte eine Menge Leute angepumpt, bevor er das Weite suchte.«

»Das kann ich mir gut vorstellen.«

»Und einige sind immer noch nicht bereit, ihr Geld abzuschreiben.«

»Auch das verstehe ich.«

»Deswegen glaube ich nicht, dass man ihn so leicht aufstöbern kann.«

»Denkbar«, stimmte sie so aufgekratzt zu, dass er sie misstrauisch von der Seite anschielte. »Aber versuchen möchte ich es, das verstehst du doch?«

»Vielleicht«, brummte er vor sich hin. Ach nein, das lief alles nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte, und am meisten amüsierte sie, dass man in seinem Gesicht lesen konnte wie in einem aufgeschlagenen Buch. Der gute Gerd hatte geglaubt, sie entweder ins Bett zerren zu können oder sein Geld zurückzubekommen, und wahrscheinlich hatte er auf beides spekuliert. Diesen Zahn würde sie ihm ziehen, und zwar ohne Betäubung, deshalb rutschte sie von ihrem Hocker: »Es war nett, dich einmal wieder zu sehen, aber jetzt muss ich gehen. Gute Nacht, Gerd, und danke für die Einladung.«

Bevor er protestieren konnte, hatte sie schon den Ausgang erreicht.



III.

Das Zimmer war klein und nüchtern möbliert, ein Schreibtisch, zwei Stühle für Besucher, die Wände mit Aktenschränken zugestellt. Auf dem Fensterbrett kümmerten mehrere Kakteen und ihr schoss der Gedanke durch den Kopf, dass andere Pflanzen wahrscheinlich längst verdurstet wären. Denn der große Mann mit dem schmalen, scharfen Gesicht und der Adlernase sah nicht so aus, als verschwendete er einen Gedanken an so etwas Überflüssiges wie Blumen.

»Sie erinnern sich nicht mehr an mich?«

»Nein. Müsste ich denn, Frau -« er schaute auf ihre Visitenkarte, die er säuberlich genau auf die Mitte der grünen Schreibunterlage platziert hatte - »Frau Tepper?«

»Es ist lange her, jetzt sieben Jahre, da habe ich auch vor Ihnen gesessen, allerdings in einem anderen Gebäude und in einem anderen Zimmer.«

Oberstaatsanwalt Dr. Driesch lächelte höflich und wünschte sich, sie möge endlich zur Sache kommen. Hübsch war sie ja, sogar attraktiv, aber schöne Frauen beeindruckten ihn schon lange nicht mehr, zumindest nicht, wenn er ihnen im Gebäude der Staatsanwaltschaft begegnete und noch nicht wusste, wen er vor sich hatte, eine Zeugin, eine Geschädigte oder eine Beschuldigte.

»Sie hatten damals ein Ermittlungsverfahren gegen meinen

Ehemann, Wolfgang Tepper, eingeleitet. Verdacht auf Konkursbetrug und noch ein paar andere Delikte.«

»Tepper, Wolfgang«, wiederholte er nachdenklich. In seinem Hinterkopf bimmelte ein winziges Glöckchen.

»Und eine Zeit lang hatten Sie mich verdächtigt, ich sei an den Geschäften meines Mannes beteiligt gewesen.«

»Es dämmert, aber im Moment noch zu schwach.«

»Eines Tages haben Sie mir dann erklärt, es bestünde kein Verdacht mehr gegen mich. Am nächsten Tag habe ich meinen Mann verlassen, übrigens ohne Aussprache, für ihn kam es wie der Blitz aus heiterem Himmel, und bin mit einem anderen Mann nach Amerika gezogen.«

»Ist Ihr Mann denn angeklagt und verurteilt worden?« Verflixt, woran erinnerte ihn dieser Name Tepper bloß?

»Das weiß ich eben nicht. Ich bin aus dem Haus gegangen und habe seitdem mit meinem Mann nie wieder gesprochen oder etwas von ihm gehört.« Sie verzog den Mund, »Ich weiß nicht einmal, ob ich noch mit ihm verheiratet bin.«

»Das kann unter Umständen fatal werden«, stimmte er zu und sie schmunzelte über seinen trockenen Humor.

»So, und nun habe ich alles versucht, Wolfgang - meinen Mann - aufzustöbern. Bank, Einwohnermeldeamt, Rechtsanwalt, Nachbarn, seine Freunde, seine frühere Mitarbeiterin, Nichts, nichts und nochmals nichts.«

»Deshalb sind Sie zu mir gekommen?«

»Ja, Sie sind sozusagen meine letzte Hoffnung.«

Allmählich fand er Gefallen an der verrückten Geschichte. »So weit sollte man es nicht kommen lassen, dass ein Staatsanwalt die letzte Hoffnung darstellt.«

»Ach, enttäuschen Sie mich nicht. Ist mein Mann denn nun angeklagt und verurteilt worden? - Halt, halt, schauen Sie mich nicht so grimmig an. Denn dann muss er doch in einem Gefängnis gewesen sein und bei der Entlassung eine Anschrift angegeben haben.«

»Theoretisch korrekt, Frau Tepper. Aber praktisch kann ich Ihnen keine Auskunft geben.«

»Können Sie nicht oder dürfen Sie nicht?«

»Über das Zweite denke ich nach, wenn das Erste nicht mehr zutrifft.« Er griente und legte den Kopf schräg, weil sie die komplizierte Antwort erst einmal auseinander sortieren musste, und als sie dann entrüstet schnaufte, lachte er unterdrückt: »Frau Tepper, ich muss einfach in die Akten steigen. Tut mir Leid, aber auch Staatsanwälte vergessen.«

»Und sieben Jahre sind eine lange Zeit«, ärgerte sie ihn fröhlich. »Darf ich morgen wiederkommen?«

»Rufen Sie besser vorher an, morgen ist eine lange Verhandlung terminiert.« Aus einer Schublade holte er eine Karte und reichte sie ihr über den Tisch. »Ich will sehen, was ich für Sie tun kann.«

»Vielen Dank, Herr Dr. Driesch. Bis morgen dann.«

Der Duft ihres Parfüms hing noch eine Weile in der Luft. Er schnupperte, mit den Gedanken weit weg. Der Name Tepper hatte etwas wachgerufen, und wenn er sich auf sein Gefühl verließ, war das nicht angenehm gewesen. Eher ärgerlich ... Ach was, es würde ihm ja doch keine Ruhe lassen.

Er steckte den Kopf in das Sekretariatszimmer: »Frau Schilde, tut mir Leid, Sie müssen sofort ins Archiv. Tepper, Wolfgang, ein Ermittlungsverfahren vor etwa sieben Jahren wegen betrügerischen Konkurses oder Betruges. Ach so, und auch seine Frau, Tepper, Karin.«

»Mach ich, aber zuerst müssen diese Briefe raus.«

»Natürlich«, willigte er rasch ein. Mit einer gereizten Hildegard Schilde legte er sich nicht gerne an und objektiv betrachtet wurde sie von ihm und seinem Kollegen überlastet. Es kniff an allen Ecken und Kanten, die Arbeit nahm zu, das Personal wurde abgebaut.

Kurz vor Dienstschluss knallte ihm die Sekretärin zwei Hängemappen auf den Schreibtisch: »Ich gehe jetzt.«

»Danke, und einen schönen Abend noch.«

Tepper, Wolfgang, tatsächlich betrügerischer Konkurs, Betrug, Unterschlagung und Urkundenfälschung in wenigstens zehn Fällen. Eine Investment- und Anlage-Beratungsfirma - verflucht, er hatte doch Recht gehabt. Eine Buchführung nach Art der sumerischen Keilschrifttäfelchen, Ganze Bestände der Korrespondenz vernichtet, als die Staatsanwaltschaft die Geschäftsräume durchsuchte, na klar, der Kerl hatte einen Tipp bekommen oder geahnt, dass mehrere enttäuschte Kunden ihn angezeigt hatten. Gesamtschaden um die 18,6 Millionen, der Betrug sprang einem förmlich entgegen, aber es fehlten die Beweise, die schriftlichen Unterlagen. Und Tepper hatte gestrampelt wie der Frosch, der in den Milchkrug gefallen war. Einer der leider nicht seltenen Fälle, in denen man alles wusste und kaum etwas beweisen konnte. Darüber hatte Driesch sich aufgeregt, das tat er auch heute noch, sieben Jahre klüger und zynischer, aber dass ihm dieser Fall im Gedächtnis ... Da steckte das Blatt. Die Anweisung des leitenden Oberstaatsanwaltes, das Ermittlungsverfahren einzustellen. Er hatte remonstriert, Donnerwetter, damals pflegte er noch einen saugroben Ton, der aber auch nichts genutzt hatte, zweite Anweisung und der beiläufige Hinweis auf eine mögliche Änderung der Geschäftsverteilung. Driesch grunzte. Der Leitende gehörte zur Gattung der arroganten Besserwisser und hatte von oben herab genäselt: »Den kriegen Sie ja doch nicht, verschwenden Sie nicht wertvolle Zeit an eine aussichtslose Sache.« Was sachlich vielleicht nicht einmal falsch war, aber der Ton bestimmte nun mal die Musik und der hässliche Gedanke, dieser Tepper habe irgendwo einen Gönner, der eine schützende Hand über ihn hielt, hatte ihn noch viele Wochen gequält, nachdem er der Anweisung gefolgt war. Tepper, Karin - nein, von ihrer Unschuld hatte er sich selbst überzeugt.

Am nächsten Tag nieselte es, das Zimmerchen war kühl und Karin hauchte auf ihre kalten Finger.

»Das Ermittlungsverfahren gegen Ihren Mann ist eingestellt worden«, erklärte Driesch nüchtern und beobachtete die Frau scharf. Die Auskunft schien sie zu erstaunen, aber vielleicht schauspielerte sie auch nur überzeugend.

»Das ist ja - dann wissen Sie also nicht, wo Wolfgang - mein Mann - jetzt steckt?«

»Nein, Frau Tepper, die Justiz hat kein Interesse mehr an Ihrem Mann.«

»Was soll ich denn jetzt tun?«, fragte sie hilflos und Driesch zuckte die Achseln: »Haben Sie einmal an einen Privatdetektiv gedacht?«

»Da war ich schon, bei Altmann & Müller, aber die haben abgewinkt. Keine Chance, meinen sie.«

»Das spricht für ihre Seriosität«, versetzte er burschikos. »Tja, das wär's dann wohl, Frau Tepper.«

Für Feiern hatte Norbert Driesch nicht viel übrig, erst recht nicht, wenn sie in der deprimierend hässlichen Kantine der Staatsanwaltschaft stattfanden. Aber vor der Verabschiedung seines Kollegen Samtleben konnte er sich nicht drücken und deshalb handelte er mit sich selbst einen Kompromiss aus: Er würde sich erst nach den feierlichen Reden dort blicken lassen; dann war zwar das kalte Buffet bis auf klägliche Reste geplündert, aber darauf verzichtete er ohnehin gern. Vielleicht ergab sich die Gelegenheit, ein paar private Sätze mit Samtleben zu wechseln, den er wegen seiner ruhigen, bedächtigen Art mehr als die meisten anderen Kollegen schätzte. Bei ganz viel Glück traf er auch die Neue ... Er klemmte die Mundwinkel ein.

Die Reihen hatten sich tatsächlich schon gelichtet, aus Erfahrung erkannte Driesch, dass sich bereits die harten Kerne bildeten, die bis kurz vor Mitternacht durchhalten würden, entweder hier oder in einer Kneipe neben dem Landgericht. Es roch durchdringend nach Wein und Bier, unter der Decke schwebte der blaue Baldachin aus Zigaretten- und Pfeifenrauch und aus einer Gruppe erscholl ein Lachen, wie es nur deftige Männerwitze auslösten. In der entferntesten Ecke hielt der leitende Oberstaatsanwalt Hof und Driesch schnitt eine Grimasse. Der Leitende hieß Hommel, der Spitzname Hammel ergab sich also unvermeidlich und wie ein Leithammel benahm er sich gelegentlich auch. Zu Beginn seiner Laufbahn war Hommel schnell befördert worden, alle prophezeiten ihm eine blendende Karriere, aber aus unerfindlichen oder gut geheim gehaltenen Gründen erlitt sie einen Knick. Seitdem kompensierte Hommel seine Frustrationen durch peinliche Anbiederung oder ebenso unverständliche Feindseligkeit. Driesch ging ihm aus dem Weg, zwischen ihnen herrschte eine Art brüchiger Waffenstillstand, den keiner von ihnen testen oder durch mehr als unvermeidliche Kontakte belasten wollte.

»Ich habe Sie schon vermisst«, tadelte Samtleben neben ihm vergnügt und Driesch lachte ihm zu: »Sie kennen doch meine klaustrophobischen Anwandlungen.«

»Es war wirklich unerträglich eng.«

»Wie alles in diesem Hause.«

Den Doppelsinn hatte Samtleben natürlich verstanden und deshalb gestand er verschwörerisch: »Ich bin eine gespaltene Persönlichkeit ...«

»Ah ja?«

»Doch, doch. Einerseits leugne ich nicht, dass ich den Betrieb vermissen werde, aber auf der anderen Seite übt der Gedanke, mit all dem nichts mehr zu tun zu haben, einen gewaltigen Reiz aus.«

»Sie waren klug genug, sich rechtzeitig ein Hobby zuzulegen.«

Vor drei Jahren hatte Samtleben seinen ersten Aufsatz über die Entwicklung der niederen Gerichtsbarkeit im Erzbistum Trier veröffentlicht, der von der historischen wie der juristischen Zunft sehr wohlwollend aufgenommen worden war, und Driesch wusste, dass der Kollege jetzt jede freie Stunde in Archiven und Bibliotheken verbrachte.

»Ach, Hobby, Herr Driesch. Das alte Geschäft auf der Basis der Freiwilligkeit.«

»Aber immerhin ohne einen Leithammel im Nacken.«

»Dafür allerdings danke ich aus ganzem Herzen.«

»Ich wünsche Ihnen viel Glück, viel Zeit und viel Gesundheit. Dass ich Sie nicht gern davonziehen sehe, wissen Sie ja.«

Samtleben kniff ihm ein Auge zu; sie gaben sich nicht die Hand, dazu verstanden sie sich zu gut. Außerdem war beiden klar, dass Samtleben noch mehr als einmal hier zu Besuch erscheinen würde, er zählte zu den glücklichen Menschen, die ohne Groll und Kränkung aus ihrem Beruf schieden.

Eine Viertelstunde schlich Driesch durch den Saal, redete ein paar Sätze mit einigen Kolleginnen und Kollegen, hielt sich aber bei keiner Gruppe länger auf, weil er in einer Ecke die neue Kollegin Brigitte Damerow entdeckt hatte. In großen Kurven pirschte er sich an sie heran und zweimal begegneten sich zufällig, aber viel versprechend ihre Blicke.

»Sieh da, Herr Kollege Driesch.«

Als die joviale Stimme hinter ihm ertönte, verfluchte Driesch seine Unaufmerksamkeit. Auch der Leithammel hatte sich in Bewegung gesetzt und kreuzte nun seinen Weg. Nach einem Blick in das leicht gerötete Gesicht stand fest, dass Hommel die Phase der Leutseligkeit erreicht hatte.

»Wir haben Sie schon vermisst.«

Du verdammter Lügner, dachte Driesch erbost. Laut erklärte er möglichst ausdruckslos: »Ich wurde von einer Frau aufgehalten.«

»Das ist doch eine angenehme Belästigung.«

»Nicht unbedingt, Herr Hommel. Eine Frau Tepper, Karin Tepper.«

»Sagt mir nichts, der Name.«

»Vor sieben Jahren habe ich gegen ihren Ehemann Wolfgang ermittelt. Betrügerischer Konkurs, Betrug, Urkundenfälschung.«

Hommel runzelte die Stirn, auch bei ihm schien ein Glöckchen anzuschlagen.

»Der Kerl, der rechtzeitig alle Unterlagen beseitigt hatte.«

Jetzt zog Hommel die Augenbrauen zusammen, aber Driesch strahlte in schönster Harmlosigkeit: »Sie haben mich damals angewiesen, die Ermittlungen einzustellen.«

»Hab ich das?«

Darauf nickte Driesch nur, gespannt, wie sich Hommel aus der Affäre ziehen würde, doch der Leitende verschwendete keinen Gedanken daran, dass ein Untergebener ihm wegen einer Entscheidung grollen könnte, sondern erkundigte sich neugierig: »Und was wollte seine Frau - wie hieß sie noch?«

»Tepper, Karin Tepper.«

»Ah ja! Und was wollte sie von Ihnen?«

»Sie war nach Amerika entschwunden, noch bevor das Verfahren eingestellt wurde. Nun hat sie’s wieder in die Heimat verschlagen und ich soll ihr helfen, den Ehemann zu finden.«

»Nach sieben Jahren?«, meckerte Hommel.

»Die Liebe geht seltsame Wege«, erwiderte Driesch spöttisch und der Leitende klatschte in die Hände: »Sie sagen es, Kollege Driesch, so ist es.«

Damit entfernte er sich, um eine andere Gruppe mit seiner Gegenwart zu belästigen, und Driesch blies viel Luft ab. Je länger er mit Hommel zu tun hatte, desto unsympathischer wurde ihm der Mann, was, so stand zu befürchten, auf Gegenseitigkeit beruhte. Nun ja, alles zu seiner Zeit, er zuckte die Schultern, als müsse er den Leitenden abschütteln, und steuerte energisch die Gruppe um die neue Kollegin an.

Brigitte Damerow betrachtete Driesch offen und ein wenig herausfordernd, wie er fand. Ihre Mundwinkel zuckten.

»Der letzte Mohikaner«, moserte sie ihn an.

»Vorsicht, keine vorwitzigen Urteile. Der Hammel hat mich eben mit Herr Kollege angeredet.«

Die beiden jüngeren Staatsanwälte staunten und vergaßen einen Moment, was sie zusammengeführt hatte; Brigitte Damerow riss dagegen die dunkelbraunen Augen weit auf: »Und was hat das zu bedeuten? Lob, Tadel, Strafversetzung oder vorzeitige Beförderung?«

»Das kommt ganz darauf an. Wenn er schlechte Laune hat, heißt es, er beginnt einen Rückzug. Wenn er gute Laune hat, will er damit ausdrücken: Vergessen Sie nicht, ich bin Ihr Vorgesetzter.«

»Das verstehe ich nicht!«, räumte sie ein und die beiden Kollegen amüsierten sich. »Hier geht’s ja - merkwürdig zu.«

»Streng dienstlich, Frau Kollegin.«

»Frau - das ist ja ätzend - Sagen Sie mal, haben Sie jetzt gute oder schlechte Laune?«

»Tja, eigentlich schlechte, aber bei Ihrem Anblick wird sie von Sekunde zu Sekunde besser.« Driesch wusste, dass er alberte, was so gar nicht zu ihm passte, die beiden anderen Männer warfen sich bereits Blicke zu und zerkauten ein wissendes Lächeln, aber er schaffte es einfach nicht, sich in Brigitte Damerows Gegenwart normal zu geben. Zumal sie gern zu lachen schien und mit ihren feuerroten Löckchen und unzähligen Sommersprossen ganz bestimmt kein Kind von Traurigkeit war. Er hatte sich in ihre dunklen Kulleraugen verguckt, die sie prachtvoll rollen konnte. Was sie jetzt wieder tat, ein schneller Blick streifte seinen Ehering, bevor sie ihm ihr leeres Glas hinstreckte: »Mit trockenem Hals höre ich ausgesprochen schlecht.«



IV.

In der Nacht war es abgekühlt, die Sonne kämpfte sich durch einen dichten Wolkenschleier und wärmte noch nicht. Zu dieser frühen Morgenstunde hatten Hommel und Reineke den Golfplatz praktisch für sich allein, zweihundert Meter vor ihnen marschierte ein Unentwegter, der alle fünfzig Schritt gymnastische Übungen einlegte, Kniebeugen und Armkreisen oder Luftsprünge wie ein Hampelmann.

»Was ist los mit dir? Seit wann kriegt man dich an einem normalen Arbeitstag so früh aus den Federn?«

Hommel drehte ärgerlich den Kopf, aber Reineke ordnete ungerührt die Schläger in seinem Wägelchen, wobei er leise vor sich hin pfiff.

»Mit mir ist gar nichts los«, sagte der leitende Staatsanwalt endlich verkniffen. Ihm war kalt, er hasste das Frühaufstehen und Lust zu einer Runde verspürte er überhaupt nicht. »Ich wollte dir einen Gefallen tun.«

»Dann im Voraus besten Dank.«

»Kannst du dich noch an diesen Tepper erinnern?«

»Tepper?«, wiederholte Reineke ausdruckslos und richtete sich auf.

»Wolfgang Tepper. Vor sieben Jahren.«

»Doch, ja, schwach.« Er runzelte die Stirn.

»Du wolltest ihn unbedingt haben.«

Reineke nickte zögernd: »Das war der Mann mit der französischen Mutter und dem deutsch-englischen Vater?«

»Genau der.«

»Was ist mit ihm?« Reineke schien mehr aus Höflichkeit denn Interesse zu fragen.

Hommel verschluckte eine böse Bemerkung. Zwanzig Schritte schwieg er beleidigt, passte sich aber unwillkürlich dem Tempo an, das Reineke vorlegte.

»Teppers Frau ist abgehauen, noch bevor ich die Einstellung - angeordnet hatte. Auf deinen Wunsch hin, Fuchs«, setzte er aufgebracht hinzu.

»Ja, ich erinnere mich, er war verheiratet«, sagte Reineke ungerührt. »Mit einer sehr Hübschen.«

»Nach sieben Jahren ist sie jetzt aus Amerika zurückgekommen und sucht nun ihren Mann.«

»Wirklich? Woher weißt du das?«

»Sie hat den Kollegen aufgesucht, der damals die Ermittlungen eingeleitet hatte, und wollte von ihm eine Adresse ihres Mannes haben.«

»Weiß sie denn nicht, wo ihr Mann steckt?«

»Offenbar nicht. Angeblich hatten sie seit ihrer - Flucht nach Amerika überhaupt keinen Kontakt mehr.«

»Ungewöhnlich«, murmelte Reineke nach einer Pause und stellte sein Wägelchen ab. »Wer schlägt zuerst?«

»Was ist eigentlich aus diesem Tepper geworden?«

»Woher soll ich das wissen? Ich habe ihn weitervermittelt und aus den Augen verloren.«

Hommel betrachtete seinen Kollegen scharf, aber Reineke erwiderte seinen Blick offen.

»Ich muss mir also keine Sorgen machen?«

»Aber nein! Warum denn?«

Nach neun Löchern kehrten sie in stillschweigendem Übereinkommen um, Hommel fror immer noch, die Bewegung half einfach nicht, ihn aufzuwärmen, und Reineke musste sich zusammenreißen, um keine Ungeduld zu zeigen. Während des Studiums hatten sie sich kennen gelernt und angefreundet, zusammen in der Uni-Mannschaft Degen gefochten, in Klausuren vereint gemogelt und zwei Semester lang auch eine Bude geteilt. Der bessere Jurist war ohne Zweifel Eckehard Hommel, aber Peter Reineke besaß mehr Fantasie und Unternehmungsgeist. Für Hommel stand das Berufsziel immer fest, Staatsanwalt oder Richter; der Gedanke, als Anwalt ohne festes Einkommen zu praktizieren, hatte ihn regelrecht gelähmt. Ohne große Lust hatte Reineke noch das zweite Staatsexamen absolviert und vorübergehend mit dem Gedanken geliebäugelt, zur Polizei zu gehen, doch zu dieser Zeit las er eine Anzeige: Das Landeskriminalamt stellte Volljuristeri ein. Mehr aus Jux bewarb er sich und wurde angenommen, die Tätigkeit gefiel ihm sogar, wenigstens zu Beginn, bis seine alte Unruhe, verbunden mit seiner Unfähigkeit, irgendetwas so tierisch ernst zu nehmen, wie man das von ihm erwartete, wieder durchbrach. Zugleich stellte er fest, dass er tatsächlich in einer Behörde arbeitete, es gab Vorschriften, Dienstwege, Vorgesetzte, und das alles ertrug er immer schwerer. Seine Beliebtheit sank dramatisch, schließlich fasste er sich ein Herz und marschierte zu seinem Chef: »Ich möchte raus aus dem Amt, praktisch arbeiten, am Schreibtisch ersticke ich.«

Nach einer langen Bedenkpause nölte sein Chef: »Die Todesstrafe ist abgeschafft.«

»Wie bitte?«

»Die Verbrecher, die Sie jagen möchten, lachen sich bei Ihrem Anblick tot.«

»Heißen Dank!«

»Nicht so hitzig. Können Sie sich ernsthaft vorstellen, dass Sie acht Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, sechs Monate lang eine Hütte im Wald beobachten, in der sich möglicherweise ein Gesuchter mit einem anderen trifft?«

»Nein«, fauchte Reineke, »aber so blöd wäre ich auch nicht, für so was gibt’s technische Geräte. Und Kollegen von der Schutzpolizei.«

»Die erste Idee ist gut, die zweite schlecht.« Wenn sein Chef still in sich hineinlachte, wackelte sein beachtlicher Bauch. »Aber es gibt eine Koordinierungsstelle im Haus, die solche Kooperationen mit den anderen Ämtern, mit den Brüdern aus Wiesbaden und mit der örtlichen Polizei regelt. Regeln sollte, denn daran hapert's bis jetzt. Ich gebe Ihnen eine Chance, warum, weiß ich selbst nicht, und versetze Sie probeweise in die Abteilung XIII.«

»Dreizehn ist eine richtige Glückszahl!«

»Ach, da sind nur Verrückte beschäftigt, Herr Reineke, bei denen kann eine Dreizehn auch nicht mehr schaden.«

»Ihr Wohlwollen beschämt mich!«

»Empfinden Sie das so? - Dann hab ich was falsch gemacht. Also, wie ist’s?«

Reineke überlegte gründlich, aus seinem Chef wurde er noch nicht schlau. Der Alte soff, dass man ihn gelegentlich in seinen Dienstwagen tragen musste, und tätschelte bei jeder Gelegenheit liebevoll seinen Bauch: »Essen und trinken hält die Seele zusammen und treibt den Leib auseinander.« Sein Repertoire an ordinären Sprüchen genoss legendären Ruhm, er kümmerte sich scheinbar um nichts und erfuhr doch immer alles, was im Amt ablief. Streit schlichtete er nicht gerne, sondern ging mit einer so jähzornigen Wut gegen beide Kontrahenten vor, dass die meisten ihre Differenzen lieber gütlich beilegten. Für Politiker und Juristen hatte er nichts übrig, fleißige Mitarbeiter waren ihm unheimlich, dafür verstand er sich prächtig mit den faulen Genies.

»Ich kann’s ja mal versuchen.«

Nach zwanzig Dienstjahren arbeitete Reineke immer noch in der Abteilung XIII, mittlerweile als Abteilungsleiter. Eine Beförderung zum Vizepräsidenten hatte er ausgeschlagen, zwei Versetzungen abgewehrt. Vom ersten Tag an hatte er den Euphemismus Koordinierungsstelle durchschaut und eisern über seine neue Tätigkeit geschwiegen. Sie stimmten tatsächlich ab, mit den anderen Landeskriminalämtern, dem Bundeskriminalamt, mit Verfassungsschutz, Staatsschutz, Zoll, Militärischem Abschirmdienst und Bundesnachrichtendienst, das auch, aber die meisten Aktionen gingen über Abstimmung weit hinaus, darüber führten sie keine Akten. Sie betrachteten es jedes Mal als Niederlage, wenn die Abteilung XIII in der Öffentlichkeit genannt oder in den Zeitungen erwähnt wurde. Noch heute wunderte sich Reineke darüber, dass der dicke Alte ihn trotz seiner Jugend und offenkundigen Unzufriedenheit in diese Abteilung vermittelt hatte, und mehr noch, dass er genau die Aufgabe gefunden hatte, die ihm gefiel.

Tepper, Wolfgang. Was war aus dem Kerl eigentlich geworden?

Roland Pertz blieb am Telefon sehr kühl: »Tut mir Leid, keine Ahnung, wo sich der Mann aufhält.«

»Du hast ihn damals - erbeten.«

»Richtig. Auf Wunsch des Verfassungsschutzes. Was die mit Tepper angestellt haben ... Du kennst doch die Regel, je weniger man weiß, desto mehr kann man abstreiten.«

Mit einem äußerst unguten Gefühl beendete Reineke das Gespräch. Pertz verschwieg alles, manchmal sogar, dass der BND, dem er als Abteilungsleiter diente, gezielte Aktionen durchführte. Natürlich mauerte Pertz und das hieß höchstwahrscheinlich, dass etwas schief gelaufen war, Pertz aber Einzelheiten entweder nicht kannte oder nicht preisgeben wollte. Nein, entschied Reineke, gegen Überraschungen sicherte sich der vorsichtige Mensch ab. Diese Karin Tepper konnte Lärm schlagen und deshalb galt es, sie aufzustöbern und dann im Auge zu behalten.

Er drückte auf eine Taste des Telefons: »Heinrich und Opitz sollen sich so schnell wie möglich bei mir melden.«

»Geht in Ordnung.«


Montag, 11. September

Kriminalrat Karl Simon schüttelte energisch den Kopf: »Nix! Ich will den Fall endlich vom Tisch haben.«

Seine beiden Besucher schwiegen. Wenn Simon einen bestimmten Ton anschlug und die Augenbrauen zusammenzog, war mit ihm nicht mehr zu diskutieren.

Kriminalhauptkommissar Ulf Grembowski schmollte und schaute gekränkt an seinem Vorgesetzten vorbei. Ziemlich genau zwölf Monate hatte er sich die Zähne an diesem Fall ausgebissen und war, wie er eingestehen musste, nicht einen Schritt weitergekommen. An seinem Fleiß und seiner Tüchtigkeit hatte es nicht gelegen. Zwar sah Grem, wie er im Präsidium allgemein genannt wurde, eher nach einem Preisringer aus, der lieber seine Muskeln als seinen Grips einsetzte, aber selbst Simon, der ihn nicht sonderlich schätzte, musste nach der Lektüre der umfangreichen Akte einräumen, dass Grems Mannschaft alles Menschenmögliche unternommen hatte. Nur eben ohne jeden Erfolg und der hämische Kommentar in der Samstagsausgabe des Tageblatts hatte dann wohl das Fass überlaufen lassen.

»Was meinen Sie, Herr Rogge?«

Jens Rogge seufzte. Grems Verbitterung begriff er sehr gut und der Gedanke, Simons Entscheidung werde sein ohnehin gespanntes Verhältnis zum Leiter der Abteilung Vermisste noch weiter verschlechtern, behagte ihm überhaupt nicht. Wenn es nach ihm ginge, würde die Akte Inge Weber geschlossen. Einmal musste sie ja ihr Gedächtnis wiederfinden und bis dahin sollten sich alle gedulden.

»Große Hoffnungen mache ich mir nicht«, erwiderte er endlich und Simon lächelte schmal.

Wort für Wort hätte er die Überlegungen des hageren, grauhaarigen Mannes niederschreiben können, aber gerade deswegen schlug er nicht vor, sondern drohte mit einem dienstlichen Befehl. Sollte Grem sich quer legen oder Rogge Knüppel zwischen die Beine werfen, würde er mit dem Riesen Schlitten fahren. Erstens beabsichtigte er das schon lange und zweitens schadete es diesem ganzen Sauhaufen nicht, wenn wieder einmal verdeutlicht wurde, wer hier im Präsidium das Sagen hatte.

»Große Hoffnungen müssen nicht sein«, versetzte er deshalb ungerührt, »eine kleine reicht mir vorerst.«

Nach einer Weile zuckte Rogge die Achseln. Mit Simon kam er gut aus, aber deswegen kannte er den Rat auch besser als Grem, der vor unterdrückter Wut schwitzte und die Fäuste ballte, statt angestrengt zu überlegen, was sein Abteilungsleiter im Schilde führte.

»Okay, ich sehe, wir haben uns verstanden. Kollege Grem gibt also den Fall offiziell an den Kollegen Rogge ab. Ich informiere die Staatsanwaltschaft und die Pressestelle.«

»Muss das sein?«, knurrte Grem.

»Keine Nachricht an die Presse, aber die nächsten Anfragen laufen über das Erste. Alles klar?«

Wie von der Feder geschnellt sprang Grem hoch und stürzte zur Tür. Rogge wollte noch etwas sagen, aber Simon winkte ärgerlich ab. Mit einem gemurmelten »Wiedersehen« verließ Grem das Zimmer.

Auf der Treppe gingen sie nebeneinander, Grem atmete schwer.

»Ich hab mich nicht danach gedrängt, Grem«, sagte Rogge ruhig.

»Dieser Scheißkerl hat was gegen mich, das ist alles, und du machst sein Spiel mit.«

»Er kann mich anweisen, das weißt du genau.«

»Was erwartet der Blödian eigentlich?«

»Woher soll ich das wissen? Ich kenn den Fall nicht.«

»Vom Tisch haben! Wenn ich so was schon höre! Der große Herr Rat schnippt mit den Fingern, prompt schlägt sie die Augen auf und flüstert: Ich bin die gute Lotto-Fee

»Wenn sie die nächsten sechs Richtigen ausplaudert ...«

Grems Zimmer war ein hoher, tiefer und entsetzlich schmaler Schlauch, so, als habe der Architekt sich verrechnet und während des Baus mit einem Mal festgestellt, dass zwischen zwei Zimmerwänden noch eine Lücke geblieben war. Aus purer Not hatte er ein Fenster in die Außenwand gebrochen, das die gesamte Breite des Zimmerchens einnahm. Hinter Grems Rücken munkelten die Kollegen, die ihm nicht wohl wollten, er habe sich den Raum bewusst ausgewählt, weil er jeden Morgen beide Arme gegen die Zimmerwände stemme und versuche, sie auseinander zu schieben. Erst wenn ihm das gelungen sei, würde er umziehen, aber vorher noch mit seinem Dick- und Quadratschädel die Mauern einrennen.

»Setz dich!«, brummte Grem und warf sich in seinen Rollensessel, den er sofort nach hinten kippte.

Abgerissene Tapete und bröckelnder Putz zeugten von seiner

Lieblingsposition. Rogge musste sich regelrecht auf den Besucherstuhl schlängeln, weil der mit der Lehne ebenfalls an die Wand stieß. Trotz des geklappten Oberlichts stank es bestialisch nach dem Knaster, den Grem in einer uralten Pfeife rauchte.

»Hier sind die Akten.«

»Danke, ja.« Ein beachtlicher Stoß, Rogge schob ihn zur Seite und erkundigte sich sachlich: »Diese XY ... ungelöst-Sendung hat nichts gebracht?«

»Überhaupt nichts!«, grollte Grem, dem noch heute der Kamm schwoll, wenn ihn die Kollegen als »unseren Fernsehstar« hänselten.

»Eigentlich merkwürdig.«

»Das darfst du singen, flöten und deklamieren. Ein Juwelier hat sich gemeldet und behauptet, die Schließe der Halskette scheine ihm ein französisches Fabrikat zu sein, aber damit sind wir auch nicht weitergekommen.«

»Die Unterwäsche könnte auch aus Frankreich stammen.«

»Richtig, aber Frankreich ist groß und Simon hat nicht erlaubt, dass einer von uns eine Dienstreise nach Frankreich macht.«

»Und wie steht’s mit ihrer Amnesie?«

»Unverändert. Aber du musst dich mal mit diesen Idiotenärzten unterhalten. Die überschütten dich mit einem Schwall komplizierter Fremdwörter, eiern herum, sondern ellenlange Sermone ab, und wenn du sie zwingst, sich verständlich auszudrücken, kriechen sie ganz kleinlaut unter den Teppich: Nischt, nischt, nischt. Keine Ahnung, wann die Dame geruhen könnte, ihre Erinnerung wiederzufinden. Keine Ahnung, warum und wie sie ihr Gedächtnis verloren hat.«

Nicht ganz so grob, aber in der Sache unverändert hatte es Grem in den Montagskonferenzen vorgetragen, zu denen sich die Leiter aller Abteilungen und Dezernate am Wochenanfang zwischen acht und neun Uhr trafen. Als Simon heute Morgen zum Schluss die Kollegen Grembowski und Rogge zu sich bat, war ein Raunen durch den Versammlungssaal gegangen. Alle Anwesenden hatten am Wochenende das Tageblatt gelesen.

»Was macht sie jetzt eigentlich?«

»Steht alles in den Akten«, sagte Grem, aber weil Rogge nur den Kopf schräg legte, räusperte Grem sich ausgiebig. »Sie arbeitet in einer Bäckerei, als Aushilfsverkäuferin. Seit sechs Monaten hat sie einen Freund und der heißt - halt dich fest! - Achim Schönborn.«

»Ach nee!«, kommentierte Rogge gedehnt, was Grem zu beruhigen schien: »Ja, genau der.«

»Lebt sie bei ihm da draußen in seiner Villa?«

»Nein, sie hat immer noch ihre eigene Wohnung. Aber sie verbringt manche Nacht und fast jedes Wochenende in Steinfurth.«

»Was Ernstes zwischen den beiden, Grem?«

»Ich hab schon den Eindruck.« Plötzlich hatte er wieder zu seinem normalen Ton gefunden. »Sie machen übrigens kein Geheimnis daraus. Mit Schönborn hab ich ein paar Mal gesprochen. Er möchte natürlich auch gern erfahren, wen er sich da ins Bett geholt hat. Dafür wäre er auch bereit zu löhnen, Sachverständige und Gutachten und Psychiater und Privatdetektive und Belohnungen. Er hat’s ja!«, fügte er bitter hinzu.

»Und sie? Wie benimmt sie sich?«

Bevor Grem antwortete, griff er in eine Schublade und holte den gefürchteten Stinkkocher hervor; Rogge hielt sich die Nase zu, was Grem aber nicht beeindruckte.

»Wahrscheinlich ganz normal, Jens. Das Schwierige ist - ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie es ist, wenn man nicht mal mehr weiß, wie man heißt, wann und wo man geboren wurde.«

Jetzt gestattete sich Rogge ein Schmunzeln, das Grem mit einem finsteren Blick quittierte. Eine Simulantin - als solche hatte er sie anfangs behandelt, grob, unhöflich, an der Grenze zur unerlaubten Einschüchterung, bis die Ärzte dazwischenfunkten und die Presse informierten. Daraufhin hatte Grem einen offiziellen Verweis bekommen, der jetzt seine Personalakte verunzierte, den Fall aber noch behalten, weil Simon vor den Angriffen in den Zeitungen nicht kuschen wollte. Was Grem wahrscheinlich schon vergessen hatte. Oder verdrängt, sein Sündenregister hatte eine beachtliche Länge und Dankbarkeit gehörte ohnehin nicht zu seinen Stärken.

»Was ist denn dein Eindruck? Will sie ihr Gedächtnis wiederfinden?«

»Ach, ich denk schon!« Dies einzugestehen fiel Grem schwer, Rogge nickte nachdenklich. Viele Menschen verschwanden, wurden eines Tages auf gestöbert und behaupteten, sie hätten vorübergehend ihr Gedächtnis verloren. In neun von zehn Fällen logen sie, wollten etwas vertuschen, vor der Polizei, den Eltern, dem Ehepartner. Natürlich gab es Fälle, in denen wirklich eine Amnesie zutraf, nach Schädelverletzungen etwa bei einem Verkehrs- oder Arbeitsunfall oder bei Schlägereien. Aber dann konnten die Knochenklempner Beweise vorlegen, Röntgenbilder, Computertomographien oder auch EEGs, die der misstrauische Grem mittlerweile akzeptierte. In anderen Fällen ließ er sich von Blutanalysen überzeugen; Junkies dröhnten sich mit allen möglichen Drogen zu, bis der Film riss, für einige Zeit oder - seltener - auch für immer. Aber eine Frau, die nicht die geringste Verletzung oder hirnorganische Veränderung aufwies? - Nein, nicht mit ihm, nicht mit Grem dem Groben.

»Na dann, vielen Dank, ich halte dich auf dem Laufenden.«

In seinem Zimmer lehnte Rogge lange am Fenster und schaute träumend in den Innenhof hinunter, den eine riesige Kastanie fast vollständig beschirmte. Jedes Jahr begann im Herbst ein Krieg zwischen den Kollegen, die das Privileg genossen, im Innenhof parken zu dürfen, und der obersten Etage des Präsidiums, weil einige fallende Kastanien winzige Dellen in die bunten Bleche schlugen. Bis jetzt hatten sich die Baumfreunde durchgesetzt, aber immer nur mit knapper Mehrheit.

Rogge schätzte das altmodische Präsidium, das in den zwanziger Jahren erbaut worden war, ein vierstöckiger Bau rund um einen großen, fast quadratischen Innenhof, aus dunkelbraunen Klinkern, mit doppelten Holzfenstern und einem ordentlichen Ziegeldach mit zahlreichen Gauben. Vor einem Jahrzehnt war das Dachgeschoss ausgebaut worden, was vorübergehend Platz geschaffen hatte, aber bestimmte Abteilungen, vor allem die Kriminaltechnik, hatten in einen Neubau umziehen müssen. In den Räumen über den beiden Durchfahrten in den Längsseiten beschwerten sich die Kollegen im Winter, sie bekämen kalte Füße; das war bewusst doppeldeutig gemeint, aber die Klagen hatten nachgelassen, weil an einen weiteren Neubau wegen der allgemeinen Finanznot nicht zu denken war und selbst die größten Meckerer langsam einsahen, dass sie solch breite Flure, bequeme Treppen und zahlreiche Nebenräume in einem funktionalen Hochhaus nicht erwarten durften.

Leise seufzend drehte Rogge sich um. Das schöne Wetter verlockte zum Träumen. Im Mai war er wieder zum Dienst angetreten, nach acht Wochen Krankenhaus und sechs Wochen Rehaklinik, die Schusswunde war verheilt, er spürte sie nur noch, wenn er den linken Arm überanstrengt hatte. Doch die Müdigkeit überwältigte ihn immer wieder, sie steckte nicht in Knochen und Muskeln, sondern in seinem Kopf. Immer häufiger ertappte er sich dabei, dass er neben sich trat und ratlosneugierig den großen, hageren Mann mit dem faltigen Gesicht und eisengrauen Haaren betrachtete, der manchmal nur wie ein Automat funktionierte, präzise zwar und zuverlässig, aber ohne Anteilnahme, als sei ihm der Beruf so fremd geworden wie die Umgebung. Rogge hatte zu viel gesehen und erlebt, um noch tolerant zu sein, und sein Mitleid sparte er sich für die wenigen Fälle auf, in denen es angebracht war. Als Erster hatte Simon Rogges Probleme bemerkt. Dem stets auf Distanz bedachten und schweigsamen Rat entging wenig, doch weil er sich nichts anmerken ließ, unterschätzten viele seine Scharfsichtigkeit.

»Noch nicht wieder da, Herr Rogge?«

»Nein. Es gibt Tage, da laufe ich wie ein Fremder durchs Haus und begleite mich.«

In den sechs Wochen Rehakur hatte Rogge viel gegrübelt. Dass ihn die meisten Kollegen nicht leiden mochten, dass er als schwieriger Einzelgänger galt, um den man besser einen Bogen schlug, wusste er schon lange. Dass er seinen Beruf trotz aller Schattenseiten liebte, würden ihm die meisten Kollegen nicht glauben. Während er mechanisch den Anweisungen der Krankengymnasten folgte, überlegte er, ob er wirklich noch an seinem Posten hing oder nur die Langeweile der vorzeitigen Pensionierung fürchtete. Seine drei Kinder hatten das Haus verlassen und standen auf eigenen Füßen, führten ihr eigenes Leben in anderen Städten und nahmen sich selten die Zeit, den Vater zu besuchen. Rogges Frau war vor fünf Jahren gestorben; und als ihm das Haus zu groß geworden war, hatte er es zu einem sehr guten Preis verkauft und das Geld gut angelegt. Er hatte in einem anonymen Hochhaus eine kleine Wohnung gemietet, in der er sich gelegentlich wie eingesperrt fühlte. Seitdem gab Rogge sein Gehalt nicht mehr aus und rührte die Zinsen nicht an. Redselig war er nie gewesen, nun wurde er wortkarg. Klar, Simon wollte diesen unangenehmen Fall endlich abschließen, aber wahrscheinlich rieb sich der Rat gleichzeitig die Hände, weil er gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe erschlagen hatte: Grem einen Dämpfer verpasst und für Rogge etwas gefunden, das der allein recherchieren, bei dem er sich seine Zeit selbst einteilen konnte.

Nun denn! Rogge schlug die Akte auf.

Die unbekannte Frau, die jetzt unter dem Namen Inge Weber geführt wurde, war am 15. September des vorigen Jahres auf dem Autobahnparkplatz Feltenwiese gefunden worden, knapp 25 Kilometer östlich der Stadt. Grem hatte eine Kopie aus dem Straßenatlas beigefügt: Der Parkplatz lag südlich der Autobahn, an der von Ost nach West führenden Seite. Gegen 23.55 Uhr hatte der in Frankfurt lebende Vertreter Arno Jödel auf dem Platz angehalten, weil er unbedingt pinkeln musste.

Rogge blätterte, bis er das Protokoll fand: Jödel erinnerte sich, dass zu dieser Zeit ungewöhnlich wenig Verkehr herrschte. Drei, wenn nicht vier Minuten hatte er weder Rücklichter vor sich noch Scheinwerfer im Innenspiegel gesehen, bevor er auf den Parkplatz einbog. Allerdings glaubte er auch wahrgenommen zu haben, dass gut zweihundert Meter vor ihm ein wahrscheinlich großer, dunkler Wagen auf der Einfädelspur beschleunigte, während er auf der Abbiegespur bremste. Zum Autotyp konnte er keine Angaben machen, natürlich auch nicht über das Kennzeichen.

Jödel hatte sich auf die erste Parkfläche gestellt und war dann in den Wald gestürmt, der bis an den Platz reichte. Nach seiner Aussage war der dunkle Rastplatz zu diesem Zeitpunkt völlig verlassen gewesen. Nachdem er sein Geschäft erledigt hatte, ging er langsam zu seinem Auto zurück. Erst als er auf die Ausfahrt zurollte, bemerkte er die Frau. Sie saß regungslos auf einer Bank und im Scheinwerferlicht erkannte er, dass sie nur einen BH und ein Höschen trug; später fiel ihm auch auf, dass sie barfuß war. Die fehlende Kleidung und ihre Regungslosigkeit alarmierten ihn; er war schon an ihr vorbei, als er bremste und nach kurzem Zögern zurücksetzte.

»Warum, Herr Jodel?«

»Ich weiß nicht. Sie sah so hilflos aus. Ich dachte, es wäre ihr etwas passiert. Oder jemand hätte sie belästigt.«

Das Wort belästigt korrigierte er später freiwillig in vergewaltigt. Und danach habe der Täter sie hier ausgesetzt oder aus dem Auto geworfen. Vorsichtshalber rangierte er so weit zurück, dass er sie im Scheinwerferlicht wieder deutlich sehen konnte. Als er ausstieg und sich ihr näherte, rührte sie sich nicht, sagte auch kein Wort, so als habe sie ihn gar nicht wahrgenommen. Auch als er sie ansprach, reagierte sie nicht, sondern starrte weiter geradeaus vor sich hin.

»Als ob sie stumm und blind und gelähmt wäre.«

Er versuchte es noch einmal, wieder keine Reaktion.

»Wie im - Schock.« Medizinisch war dieses Wort unkorrekt, aber der verdutzte Jödel konnte ihr Verhalten nicht anders beschreiben. »Starr und völlig weggetreten.«

Ihm war klar gewesen, dass er jetzt nicht einfach wegfahren und die Frau ihrem Schicksal überlassen konnte. Aber seine Aufforderung, in sein Auto zu steigen, schien sie gar nicht zu erreichen, also hatte er es endlich riskiert und sie am Oberarm angefasst, um sie von der Bank hochzuziehen. Zu seiner großen Verblüffung folgte sie sofort, ohne Widerstand, immer noch wortlos, mit der unverändert maskenhaften Miene. Jetzt war ihm aufgefallen, dass sie keine Schuhe trug.

»Sie gehorchte wie eine - eine - Marionette. Ohne eigenen Willen.«

Jödel räumte ein, dass er ins Schwitzen geriet. Helfen wollte er, aber so etwas hatte er noch nie erlebt und die Furcht, in eine Falle gelockt zu werden, wuchs von Sekunde zu Sekunde. Außerdem hatte er, wie er offen zugab, auch Angst vor der Reaktion der Frau: halbnackt, um Mitternacht auf einem einsamen Parkplatz - wenn sie nun später behauptete, er hätte sie belästigt - von solchen Fällen hatte er schon gelesen, und gerade weil er als Vertreter viel unterwegs war, nahm er grundsätzlich keine Anhalterinnen mit. Das hatte er erstens seiner Frau versprochen und zweitens kannte er einen Kollegen, der bei strömendem Regen eine junge Frau aufgelesen hatte, die am Ziel seelenruhig ausstieg und sofort zum nächsten Revier marschierte, wo sie ihn wegen sexueller Belästigung anzeigte. Mit perfekter Personenbeschreibung und vollständigem Kennzeichen. Das alles war ihm durch den Kopf geschossen, während er sie zu seinem Wagen führte.

»Ich musste sie regelrecht auf den Beifahrersitz drücken.«

Was sie ohne Widerstand mit sich geschehen ließ; als er einstieg, saß sie kerzengerade, die Hände flach auf den Oberschenkeln, den Kopf nach vorn gerichtet.

»Ich hab ihr gesagt, sie müsse sich anschnallen, aber das hat sie nicht gehört. Oder nicht verstanden.«

Was sollte er tun? Schließlich hatte Jodel an ihr vorbei nach dem Gurt gegriffen, selbst dabei bewegte sie sich keinen Millimeter, auch nicht, als er sie aus Versehen streifte. »Mir ist richtig unwohl geworden«, gestand er und seine Zähne klapperten noch in der Erinnerung. »Das war doch nicht normal.«

Rogge legte einen Merkstreifen auf die Protokollseite und blätterte schnell weiter: keine Einvernahme durch einen Sachverständigen. Wahrscheinlich hatte Jödel mehr als einmal bedauert, sich um die Frau gekümmert zu haben, die Protokolle mussten ihn mindestens zwei Tage gekostet haben. Von den sonstigen Scherereien ganz zu schweigen.

Bei der zweiten Einvernahme hatte schon Grem die Fragen gestellt und Jödel gelöchert: Wie viel Zeit war zwischen seinem Einbiegen auf den Parkplatz und der Abfahrt verstrichen? Hatten in dieser Frist andere Autos auf dem Platz angehalten? Hatte er einen Menschen bemerkt? Ein Auto, dessen Fahrer sich merkwürdig verhielt?

Rogge schmunzelte mitfühlend; den armen Jödel konnte er sich gut vorstellen, vor ihm ein drohend-unfreundlicher Grem, daneben neugierige Beamte. Doch Jödel war fest geblieben: ziemlich genau um 23.55 Uhr angehalten. Fünf, höchstens sechs Minuten später wieder abgefahren. Während dieser Zeit hatte kein anderer Wagen den Parkplatz angesteuert; er hatte niemanden bemerkt, ihm war nichts aufgefallen. Ja, in der Zeit waren einige Wagen auf der Autobahn vorbeigefahren. Nein, auf der Fahrt bis in die Stadt war ihm niemand gefolgt, er glaubte sich daran zu erinnern, dass er mehrfach überholt worden war, aber konnte sich nicht daran erinnern, dass ein bestimmtes Auto ihm über eine längere Strecke gefolgt sei.

Acht oder neun Minuten nach der Abfahrt hatte sie plötzlich zu sprechen begonnen: »Wer sind Sie?«

Vor Schreck hätte er beinahe das Lenkrad verrissen. Sie hatte den Kopf zu ihm gedreht und betrachtete ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal, nicht ängstlich oder entsetzt, sondern völlig verwirrt, erstaunt, als sei sie aus einem tiefen Schlaf aufgewacht und wisse nun überhaupt nicht, wo sie sich befinde.

»Ich heiße Arno Jödel«, antwortete er hastig.

Darauf blinzelte sie; seine Worte hatte sie gehört, auch verstanden, dessen war sich Jödel sicher, aber damit war für sie die Situation nicht erklärt.

»Und wer sind Sie?«, hatte er gefragt.

»Wer ich ...« Danach war sie verstummt und hatte wieder unbeweglich nach vorn geschaut. Die maskenhafte Starre war gewichen, jetzt sah sie völlig hilflos aus. Nach dreißig Sekunden sagte sie mit dünner Stimme: »Das weiß ich nicht.«

Jödel zweifelte, wie er zu Protokoll gab, keinen Moment daran, dass sie die Wahrheit sagte. Sie wusste nicht, wer sie war, er verstand zwar nicht, wie einem Menschen das passieren konnte, aber er war überzeugt, dass sie nicht log. Damit stand für ihn fest, was er tun musste.

»Ich bringe Sie zur Polizei«, erklärte er fest und nach einer Weile echote sie unsicher: »Zur Polizei, ja.«

Auch bei mehrmaligem Nachfassen beharrte Jödel darauf, dass sie danach keine Fragen mehr gestellt habe. Zwar sei sie jetzt voll bei Bewusstsein gewesen - oder aufgewacht, wie er es umschrieb —, aber sie wollte weder wissen, wo er sie aufgelesen hatte, noch, was mit ihrer Kleidung geschehen war.

Um 0.16 Uhr am 16. September erschien Jödel mit ihr im Autobahnpolizeiposten Terborn Nord.

Rogge lehnte sich zurück und gähnte. Ob Simon wirklich hoffte, mit diesen kümmerlichen Anhaltspunkten ließe sich der Fall jetzt noch, ziemlich genau zwölf Monate später, aufklären? Oder hatte Simon ihm nur eine Möglichkeit bieten wollen, sich für einige Zeit aus dem Routinebetrieb des Ersten Kommissariats zurückzuziehen, allein und unbeobachtet zu recherchieren, ohne ständig die heimlichen Blicke der Kollegen zu spüren, die sich besorgt oder auch hämisch fragten, ob Rogge es schaffte, sich wieder in die Mannschaft einzugliedern, ob er noch einmal über den Berg käme.

Mit der Schusswunde hatte er im Grunde sogar Glück gehabt. »Neun Millimeter Stahlmantel, mein Bester, die reinste Zimmerartillerie. Glatt rein, glatt durch, glatt raus.« Leinbusch verfügte über jenen speziellen Humor, den nur Arzte im langjährigen Dienst bei der Polizei erwarben, und auch Rogge hatte sich ein Grienen abgezwungen. »Gute Handwerker hier, Jens, die Schulter wird nicht steif bleiben, aber deine Karriere als Gewichtheber ist hiermit beendet.«

»Ich hatte schon auf Marathonlauf umgestellt. Was ist mit dem Jungen?«

»Vor zwei Tagen Exitus.« Sein Mitleid sparte sich Leinbusch für die unschuldigen Opfer auf. Eine Rumänenbande, fünf Männer, wenn man Jugendliche zwischen sechzehn und zweiundzwanzig überhaupt schon so bezeichnen durfte. Der Bruch in das Warenlager war hervorragend ausbaldowert, aber der Zufall machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der Nachtwächter hatte einen Freund mit gebracht und deswegen missglückte der Überfall. Wächter und Freund konnten noch schießen, ein Einbrecher wurde tödlich getroffen, einer schwer verletzt, die drei anderen Täter verschanzten sich in den Büros. Rogge wollte weiteres Blutvergießen vermeiden. Der MEK-Einsatzleiter hatte ihn gewarnt: »Die sind schon tot, entweder legen wir sie hier um oder die Auftraggeber zu Hause, weil sie den Bruch verpatzt haben. In diesem Geschäft duldet man keine Zeugen.«

»Ich versuche trotzdem.«

»Mensch, Herr Rogge, die haben nichts mehr zu verlieren, die haben mit dem Leben abgeschlossen, was immer Sie denen versprechen.«

»Sorgen Sie bitte dafür, dass endlich der Dolmetscher kommt.«

Der Bullige hatte Recht behalten. Nach sechs Stunden waren zwei endlich mit erhobenen Händen herausgekommen, als plötzlich der dritte, jüngste an ihnen vorbeistürmte, direkt auf Rogge zu, die Pistole im Anschlag, das Gesicht zu einer Fratze aus Hass, Wut und Todesangst verzerrt, den Mund zu einem lautlosen Schrei aufgerissen. Zweimal konnte er noch schießen, bevor er unter dem Feuer der MEK-Leute zusammenbrach, und seine zweite Kugel durchschlug Rogges linke Schulter.

Verheilt war die Wunde wohl, aber manchmal zuckte ein stechender Schmerz durch seinen Arm und die linke Seite, der ihm die Tränen in die Augen trieb, und dahinter tauchte das Gesicht des Schützen auf, verzweifelt, hilflos, hoffnungslos, wie eine überscharfe Momentaufnahme. Auf Killen dressiert, hatten die Zeitungen geschrieben, vielleicht stimmte es sogar, aber den Dresseur hatten sie nicht ermittelt. Die beiden Überlebenden schwiegen immer noch eisern; sie hatten nicht einmal ihre Namen preisgegeben. Sickert, der im Landeskriminalamt die Einsätze gegen die Balkanbanden organisierte, hatte Rogge im Krankenhaus besucht: »Die werden auch keinen Ton sagen, Herr Rogge, Lieber lebenslänglich in einem deutschen Knast als nach Rumänien abgeschoben zu werden,«

»Womit müssten sie dort rechnen?«

»Wenn sie bis dahin keine Silbe aus geplaudert haben — eine schnelle Kugel. Wenn sie auch nur einen Namen genannt haben - tja ...« Er hob beide Hände. »Es gibt sehr unangenehme Methoden, diese Erde zu verlassen. Und an die Familienmitglieder möchte ich gar nicht denken.«

»Vermuten Sie das oder wissen Sie das?«

Sickert hatte unbehaglich gelächelt: »Ich weiß es, Herr Rogge. Aber ich werde Ihnen nicht verraten, woher.« Nach einer Pause hatte er widerwillig hinzugefügt: »Um Ihr Wohlwollen restlos zu verscherzen, will ich Ihnen gestehen, dass ich über Ihre Verletzung nicht unglücklich bin. Die MEK-Kollegen haben in Nothilfe geballert, das akzeptiert die Öffentlichkeit. Andernfalls würde es heißen, wir duldeten schießwütige Killer in unseren Reihen und so gefährlich und so brutal seien diese Banden doch gar nicht, das sei nur die Propaganda rechter Hardliner in der Polizei.«

»Und in der Politik«, hatte Rogge spöttisch ergänzt. »Ihre Fähigkeit, Trost zu spenden, überwältigt mich.«

»Dann hat sich mein Besuch ja gelohnt«, gab Sickert gemütlich zurück. »Übrigens schöne Grüße und gute Besserung auch von Peter Reineke.«

Nachdem Jödel geschildert hatte, wo und wie er die Frau aufgelesen hatte, informierte die Autobahnpolizei sofort die Kollegen in der Stadt. So heiße Kartoffeln schob man am besten gleich einen Teller weiter, zollte Rogge in Gedanken Beifall. Immerhin war die Routine angelaufen und - was immer man Grem vorwerfen konnte - er hatte nichts übersehen und nichts versäumt. Beim ersten Tageslicht hatten zwei Züge Bereitschaftspolizei das Gelände rings um den Parkplatz Feltenwiese abgesucht. Ohne Ergebnis, keine Spur von der fehlenden Oberbekleidung und den Schuhen der Frau. Und leider auch keine Spur von einer Handtasche mit Ausweispapieren.

Auch die ärztliche Untersuchung hatte ihnen nicht weitergeholfen. Die Frau war nicht vergewaltigt worden, es gab keine Anzeichen eines Notzucht-Versuchs, überhaupt keine Wunde oder Verletzung, die ihre Amnesie erklären konnte, nicht einmal Hämatome, die auf eine körperliche Auseinandersetzung hindeuten würden. Unter ihren Fingernägeln keine Hautpartikel, wie sie bei Abwehrreaktionen typisch waren. Eine Blutuntersuchung ergab eine Alkoholkonzentration von 0,6 Promille für den Zeitpunkt 1.00 Uhr am 16. September, aber sie konnte nicht sagen, wann und wo sie zuletzt etwas getrunken hatte. Auch nicht, ob und wann sie die Beruhigungspillen geschluckt hatte; die ermittelte Diazepam-Konzentration legte die Vermutung nahe, dass sie etwa 0,75 Milligramm sechs Stunden vor der Blutprobe eingenommen hatte. Ob und wie weit die Kombination von Alkohol und Valium die Amnesie ausgelöst haben konnte, blieb reine Spekulation, solange nichts über die Mengen und Umstände zu erfahren war. Ansonsten war die Frau organisch völlig gesund, Seh- und Hörstärke normal, ihre Zähne in einem beneidenswert guten Zustand.

Fingerabdrücke - nirgendwo registriert.

Der Abgleich der Vermisstenanzeigen mit den Merkmalen der Unbekannten füllte eine eigene Nebenakte. In zwei Fällen hatte Grem eine Gegenüberstellung arrangiert, beide Male negativ. Niemand schien die Frau zu vermissen.

Die zweite Nebenakte überflog Rogge nur. Wenn man alle gelehrten Spekulationen und unverständlichen Fachausdrücke wegließ, musste auch die Weißkittelriege bestätigen, was die Unbekannte plastisch so formuliert hatte: »Ich bin aufgewacht und saß neben einem netten Mann im Auto. Was früher war, ist ein graues Loch voller Nebel.« Grems Vermutung, sie sei eine hervorragende Simulantin, wollte kein Psychiater unterstützen, im Gegenteil, alle unterstrichen, dass sie ernsthaft mitarbeitete, um ihre wahre Identität herauszufinden. Doch selbst Hypnose führte keinen Schritt weiter und irgendwann im März musste Inge Weber, wie sie in den amtlichen Unterlagen jetzt genannt wurde - jeder Mensch brauchte einen Namen -, eine Krise durchlebt haben. An der Fixierung auf die vergeblichen Bemühungen, ihre Vergangenheit zu rekonstruieren, drohte sie zu verzweifeln. Scheinbar aus heiterem Himmel erklärte sie dem Psychologen, der Mensch sei nicht dazu geschaffen, immer den Kopf nach hinten zu drehen, sie wolle jetzt nach vorne schauen, irgendwas unternehmen, tun, arbeiten.

Als Grem davon erfuhr, blühte er auf: Das war’s, sie hatte Angst, man werde ihr auf die Schliche kommen; jetzt noch einmal kräftig durch den Fleischwolf gedreht und er konnte diesen verdammten Fall abschließen. Die Sachverständigen waren anderer Meinung oder, wie Rogge stirnrunzelnd las, verschiedener Meinungen mit annähernd demselben Ergebnis.

Ihren Versuch, die Identitätskrise aus eigener Kraft zu meistern, konnten sie nicht missbilligen, allerdings auch nicht uneingeschränkt gutheißen. Wie auch immer, seit April ging sie nur noch unregelmäßig zu einem Psychologen, der sich Grems pausenlose Anrufe zum Schluss verbeten hatte: Nein, sie simuliere nicht, das graue Loch existiere immer noch und der Herr Kriminalhauptkommissar möge sich gefälligst gedulden und sich in Zukunft aller beleidigenden Äußerungen enthalten.

Diese Abfuhr - Durchschlag: an den Polizeipräsidenten - hatte Grem keine Ruhe gelassen und deswegen enthielt die dünne Beiakte Sprengstoff: Grem hatte Inge Weber überwachen lassen. Ohne den Betreuer zu informieren, den das Vormundschaftsgericht bestellt hatte, und gegen die Anweisung Simons. Doch die Mühe hatte nicht gelohnt. Inge Weber war in eine kleine Wohnung in einem scheußlichen Hochhaus eingezogen, in der Wilhelmstraße, und arbeitete als Halbtagsverkäuferin in der Bäckerei und Konditorei Krone, Semperstraße 144. Diesen Job hatte ihr der Betreuer besorgt. Inge Weber lief sehr viel zu Fuß, schien sich ausgesprochen gern zu bewegen, besuchte Symphoniekonzerte und Museen. Die Nachbarn und Kolleginnen schilderten sie als offen, energisch, humorvoll und zuverlässig; aus ihrer ungewöhnlichen Lage machte sie kein Geheimnis: »Guten Tag, ich werde Inge Weber genannt, meinen wahren Namen weiß ich nicht, weil ich mein Gedächtnis verloren habe, aber Sie müssen sich nicht fürchten, ich bin nicht verrückt.«

Selbst Grem hatte zähneknirschend einsehen müssen, dass sie nichts verheimlichte. Nicht einmal die Tatsache, dass sie in der Bäckerei einen Mann kennen gelernt hatte, Achim Schönborn, mit dem sie seit Mai ein Verhältnis hatte.

Rogge trommelte einen Marsch auf den Schreibtisch. Der liebe Grem forderte mit seiner Art viele Menschen zu unerwarteten Reaktionen heraus!

In der letzten Nebenakte war der Papierkrieg um die Sendung XY ... ungelöst vom März abgeheftet. In seiner Begründung hatte Grem offen zugegeben, dass er eine positive Personenidentifizierung nicht mehr erhoffe; sie war jetzt sechs Monate verschwunden, hätte also längst vermisst werden müssen, wo immer und mit wem immer sie früher gelebt hatte. Aber da war die Unterwäsche, ein sehr teures, nicht weit verbreitetes Produkt, und da gab es die drei Schmuckstücke, die sie getragen hatte, als sie mit Arno Jödel bei der Polizei erschien: eine flache goldene Armbanduhr, eine doppelreihige Kette echter Perlen und einer Schließe mit zwei Diamanten und ein goldenes Armband, besetzt mit Smaragden. Zumindest die Schließe der Perlenkette und das Armband waren Einzelanfertigungen. Wenn sie die rechtmäßige Eigentümerin dieser Stücke war, konnte sie vor dem grauen Loch keine arme Frau gewesen sein.

Das Ergebnis schenkte Rogge sich: nichts. Abgesehen davon, dass Grem seitdem in der Kantine häufiger angemosert wurde, wann er denn regelmäßig als Moderator im Fernsehen zu bewundern sei.

Und nun wollte Simon den Fall vom Tisch haben! Mit diesen Anhaltspunkten, Nachdem Rogge beträchtliche Löcher in die Luft gestarrt hatte, raffte er sich auf und rief ihren Polizeipsychiater an, im Hausjargon Bullentröster genannt.

Das Glück lächelte ihm, Sedelmann hob sofort ab: »Herr Rogge! Was kann ich für Sie tun?«

»Sie kennen den Fall Inge Weber?«

»Grems Waterloo? Ja, aus den Akten.«

»Dann müssten Sie mir eine Frage beantworten können. Die Frau saß in BH und Slip auf einer Bank. Ohne Schuhe. Es hatte zwar noch etwa zwanzig Grad Celsius, aber nach einiger Zeit muss sie doch zu frieren begonnen haben.«

»Richtig.«

»Hätte sie dann nicht aufwachen müssen?«

»Vorsicht, Herr Rogge. Ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Es spricht viel dafür, dass die Kälte das Aufwachen ausgelöst hat, also die Reaktion, die sie in dem Auto dann erlebte. Aber an dem grauen Loch hätte das nichts geändert - aller Wahrscheinlichkeit nach nicht.«

Bloß nicht festlegen, dachte Rogge resigniert, »Gut, Nach der Aussage dieses Jödels, die wir alle für korrekt halten, ist sie aber erst in seinem Auto aufgewacht. Kann ich daraus den Schluss ziehen, dass sie noch nicht sehr lange auf dieser Parkplatzbank gesessen hatte, als Jödel sie auflas?«

»Ich weiß, dass meine Vorbehalte Sie ärgern, aber trotzdem: möglich, ja.«

»Wie lange hat sie da gehockt? Fünf Minuten? Zehn Minuten? Eine Stunde?«

»Tut mir Leid, auf das Eis lasse ich mich nicht locken.«

»Und warum nicht?«

»Herr Rogge, Sie gehen doch auch davon aus, dass sie irgendetwas erlebt hat, etwas Schreckliches, Ungewöhnliches, Fürchterliches, jedenfalls so schlimm für sie, dass ihr Verstand darauf mit Verweigerung reagiert hat. Mal laienhaft: Im Unterbewusstsein kann sie die Kälte gespürt haben, aber dieser Reiz muss nicht so groß gewesen sein, dass er die Blockade, die Hürde vor dem Bewusstsein, überwunden hat.«

»Schade.«

»Ja, tut mir Leid. Die Neuigkeit ist natürlich im Haus längst rum. Viel Glück, Herr Rogge.«

»Danke, das kann ich gebrauchen.«

Nach der Fernsehsendung hatte sich tatsächlich ein Autofahrer gemeldet, der am 15. September auf dem Parkplatz Feltenwiese gehalten hatte. Auf die Minute konnte oder wollte er sich nicht festlegen, gegen 23.20 Uhr war er eingebogen und ausgestiegen: Kniebeugen, Arme schwingen, etwas Hüpfen, ein paar Schritte hin- und herlaufen, eine Zigarette rauchen - Abfahrt gegen 23.35 Uhr. Auch zu der Zeit hatte kein Auto auf dem Parkplatz gestanden, dessen war er sich »ziemlich sicher«, also leider nicht hundertprozentig. Nein, er hatte keinen Menschen gesehen und eine Frau in Unterwäsche - nein, die wäre ihm doch bestimmt aufgefallen. Na schön. Laut Auskunft der Autobahnpolizei wurde die Feltenwiese selten angesteuert. Es gab keine Toiletten dort, kein Telefon, übrigens auch keine Beleuchtung, nur drei roh gezimmerte Holztische mit Bänken aus halben Baumstämmen; ein Fahrer würde sich gerade nachts überlegen, ob er nicht noch die vierzehn Kilometer bis zur Autobahnraststätte dranhängen sollte. Auch Jödel war nur abgebogen, weil er unbedingt musste.

Also mal angenommen: Der Zeuge hatte sich nicht geirrt, war um 23.35 Uhr wieder abgefahren. Zweite Annahme: In dem großen, dunklen Wagen, den Jödel um 23.55 Uhr beobachtet hatte, als der auf die rechte Spur zog, hatte vorher Inge Weber gesessen. Also konnte, was immer sich am 15. September abgespielt hatte, höchstens zwanzig Minuten gedauert haben.

Bevor er sich erneut über Simon aufregte, klingelte das Telefon: »Rogge, weißt du, wie spät es ist?«

»Sei gegrüßt, schöne Dörte«, sagte er ergeben.

»Von wegen gegrüßt! Wir waren zum Essen verabredet, vor einer Viertelstunde wolltest du mich abholen und jetzt nimmst du die Beine in die Hand, ich warte bei Renzler auf dich.«

Sie hatte bei Renzler einen der seltenen Zweiertische belegt und blitzte ihn finster an. Dörte von Sandau, ein Jahrzehnt jünger als Rogge, von Beruf Staatsanwältin, geschieden, seit einiger Zeit Rogges Nachbarin eine Etage tiefer, wartete nicht gerne, wie sie ihm mehr als einmal erklärt hatte. Obwohl er sonst nicht gerade begriffsstutzig war, hatte er lange gebraucht, bis er diese Sätze auf sich bezog.

»Lass dir was Überzeugendes einfallen!«, drohte sie und er schmunzelte.

Von dem Fall Inge Weber hatte sie gehört. »Und was will Simon von dir?«

»Dass ich herausfinde, wer sie ist.«

»Wieso du? Was hat die Mörderei mit Gedächtnisverlust zu tun?«

»Das musst du Simon fragen.« Rogge seufzte, weil sie die Stirn runzelte. »Ich glaube, er will mir einen Gefallen tun und mich aus dem Routinebetrieb rausziehen.«

»Verheizen.«

»Nein, das denke ich nicht, er weiß zu genau, wie verfahren die ganze Kiste ist.«

Dörtes skeptischem Blick hielt er stand. Sein Vertrauen in Simons Anständigkeit teilte sie nicht uneingeschränkt, sie war mit dem alten Fuchs mehr als einmal dienstlich zusammengerasselt, aber wenn Jens meinte, Karl Simon sei ein echter Freund, so wollte sie nicht widersprechen. Im vergangenen Dezember war sie seine Nachbarin geworden, ganz und gar nicht freiwillig, wie sie immer wieder betonte. Kurz zuvor hatten die Banken und die Gläubiger sich auf die Summe geeinigt, die sie zurückzahlen musste, nachdem der Ehemann haarscharf an einem Verfahren wegen Konkursbetrugs vorbeigeschlittert war. Da sie in Zuverlustgemeinschaft gelebt hatten, wie sie wütete, blieb ihr nichts anderes übrig, als die große Wohnung in einer alten Villa am Stadtpark aufzugeben und sich etwas Billigeres zu suchen. Rogge hatte von ihren Nöten gehört, und als er erfuhr, dass eine der Zweizimmerwohnungen in seinem Hochhaus frei werden sollte, informierte er sie. Notgedrungen griff sie zu, der Göttergatte Felix hatte sich seinen finanziellen Verpflichtungen durch Abtauchen entzogen, was die Gläubiger empörte, sie hingegen erleichterte, weil es kein Konto mehr gab, auf das sie den gerichtlich verfügten Unterhaltsausgleich überweisen musste. »Für den Scheißkerl auch noch löhnen? - Mit unserer Gesetzgebung stimmt was nicht.« Für einen lockeren Spruch war Dörte jederzeit gut, was den Umgang mit ihr angenehm erfreulich machte, ihre Karriere aber gewaltig hemmte. Und dann war sie die einzige Frau gewesen, die regelmäßig zu ihm ins Krankenhaus kam, meist in Eile, mit einer Unsentimentalität, die sogar die Schwestern erschreckte, immer voller Neuigkeiten und vor Optimismus platzend. »Ich mag Männer, die schwächer sind als ich«, erklärte sie fröhlich, aber als Rogge seinen linken Arm wieder gebrauchen konnte, das Argument also nicht mehr zutraf, meinte sie spöttisch, nun habe sie sich an ihn gewöhnt und er als Kriminalbeamter wisse ja, über welche Macht eine zornige Staatsanwältin verfüge.

»So, die Akten rufen nach mir.«

»Und ich werde eine schöne Bäckerin besuchen.«

»Pass auf, dass sie dich nicht mit Mehl einstäubt, und bring mir eine frische Baguette mit.«

»Zu Befehl!«

Die Semperstraße lag in einem Viertel, das vor der Erfindung der Betonplatten entstanden war, und die Bäckerei Krone befand sich in einem kleinen Einkaufszentrum. Es roch nach frischem Brot und warmem Gebäck, die drei Frauen hinter der Theke hatten gut zu tun, Rogge musste sich in eine kleine Schlange einreihen.

Inge Weber erkannte er nach den Bildern aus der Akte sofort. Zweite Hälfte dreißig, hundertfünfundsiebzig Zentimeter groß, knapp über sechzig Kilo, bestimmte Dinge registrierte er automatisch. Dunkelblonde lockige Haare, kurz geschnitten. Grüne Augen, hohe Wangenknochen, Stupsnase, breiter, voller Mund; ein schmales, ungewöhnliches Gesicht, das auffiel, das man nicht so leicht vergaß. Sie bewegte sich schnell und zielstrebig, Energie schien sie im Übermaß zu besitzen, aber sie lachte auch gerne und für jede Kundin hatte sie einen freundlichen Satz parat.

Langsam rückte er vor. Jetzt konnte er auch die Worte verstehen, die sie mit den Kundinnen wechselte. Sie biederte sich nicht an, dazu schien sie zu intelligent, und sie achtete bei aller verbindlichen Freundlichkeit doch auf Distanz. Das graue Loch hatte ihr Selbstbewusstsein erstaunlicherweise nicht beschädigt, dachte Rogge flüchtig, und nach der kurzen Zeit, die er sie beobachten konnte, war er sicher, dass sie früher privat und auch beruflich, was immer sie getan hatte, beliebt und erfolgreich gewesen war.

»Ja, bitte?«

»Ich hätte gerne eine frische Baguette und ein Pfund geschnittenes Graubrot.«

»Ja.« Als die Sachen auf der Glasplatte lagen, zückte er seinen Ausweis. »Außerdem möchte ich Sie gern sprechen, Frau Weber.«

Sie hob die Augenbrauen, las seinen Ausweis und stöhnte leise: »In einer Stunde habe ich frei. Können Sie so lange warten?«

»Kein Problem. Ich

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 12.12.2015
ISBN: 978-3-7396-2757-1

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