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Drei Top Krimis #3

A. F. Morland & Alfred Bekker

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 362 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

A. F. Morland: Die Menschenhändler

A. F. Morland: Crack-Connection

Alfred Bekker: Mord am East River

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Authors

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Die Menschenhändler

von A. F. Morland


Beim Verlassen einer Bar torkelt den drei Freunden, Privatdetektiv Bount Reiniger und den beiden Cops Captain Toby Rogers und dessen Stellvertreter Lieutenant Ron Myers, ein schwer verletzter Mexikaner entgegen und stirbt kurz darauf. Bei dem Toten handelt es sich um einen illegalen Einwanderer, wie es sie zuhauf in New York gibt. Menschenhandel in ganz großem Stil ist äußerst lukrativ und floriert derzeit. Die Polizei ist machtlos, weil sie den Hintermännern nicht auf die Spur kommt, da die Illegalen aus Angst schweigen.

Reiniger nimmt den Vorfall persönlich und macht sich auf die Suche nach dem Kopf des Menschenhändlerrings.


1

Er war sein Leben lang ein Gejagter. Er sah aus, als befände er sich ständig auf der Flucht. Und er hatte immer Angst. Doch in der Nacht vom 12. zum 13. September sollte es damit für immer zu Ende sein.

Der Sommer schickte sich an, sich allmählich zu verabschieden. Die Natur gefiel sich in stiller, verträumter Melancholie. Welkes Laub fiel auf die Straßen. Die Meteorologen prophezeiten nach einem miesen, zu kühlen Sommer einen angenehm milden Herbst.

Doch in New York würde man davon nicht allzu viel mitbekommen. Im größten Müllhaufen der Welt, wie die Stadt von denen, die sie liebten, genannt wurde, ging die Hetzjagd nach dem Dollar weiter. Dieses mörderische Karussell würde sich ewig weiterdrehen.

Dennoch war New York für viele Menschen ein Magnet, von dem sie sich unwiderstehlich angezogen fühlten. Auch der junge schwarzhaarige Mexikaner mit den dunklen Glutaugen war von dieser Weltstadt fasziniert.

Deshalb war er hierhergekommen. Illegal. Auf verborgenen Wegen, die gerissene Geschäftemacher heimlich erschlossen hatten, um sich an armen, unglücklichen Menschen zu bereichern.

Der hübsche schlanke Junge trug alte Hosen, schief gelaufene Schuhe und ein Hemd, an dem die Knöpfe fehlten. An einem schwarzen Lederriemen hing ein großes, vergoldetes Kreuz um seinen Hals.

Er blickte sich unsicher um. Vor wenigen Augenblicken hatte er das Gefühl gehabt, als wäre jemand hinter ihm her.

Wie ein Hase, den man im Kornfeld aufstöbert, so hatte er Reißaus genommen. Nun wollte er in die Freemont Street in Morrisiana einbiegen.

Doch plötzlich waren sie da!

Ihr Erscheinen war ein Schock für den Jungen. Entsetzt riss er die Augen auf. Die beiden vierschrötigen Männer schienen aus dem Boden gewachsen zu sein. Der Junge wich zitternd vor ihnen zurück.

„Hallo, Mex!“, sagte einer der beiden Gangster.

Der Junge starrte sie voller Furcht an. „Was wollen Sie?“, fragte er in schlechtem Englisch.

„Es gibt ein Problem, das wir regeln müssen“, antwortete der zweite Verbrecher. Er hatte Blumenkohlohren und eine eingeschlagene Nase.

Panik stieg in dem jungen Mexikaner hoch. Er begann zu schwitzen. Sein Atem ging schneller. Bestürzt beobachtete er, wie einer der Männer seine Hand in die Außentasche des Jacketts gleiten ließ.

Der Junge schüttelte verzweifelt den Kopf. Er wusste, dass er es mit Menschenjägern zu tun hatte. Er gab sich keiner Illusion hin. Sie würden es immer wieder schaffen, ihn zu stellen, wenn es ihm jetzt gelingen sollte, davonzurennen.

„Ich habe nichts getan!“, beteuerte der Junge.

„Da ist jemand aber ganz anderer Meinung“, widersprach der Kerl. „Du hast gegen gewisse Gesetze verstoßen. So dämlich kannst du doch nicht sein, dass du das nicht gemerkt hast!“

„Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“

„Das sagt ihr alle. Wenn man euch im Griff behalten möchte, muss man ab und zu ein abschreckendes Exempel statuieren. Hinterher sind die andern für eine Weile wieder so klein mit Hut.“ Der Gangster zeigte mit Daumen und Zeigefinger etwa zwei Zoll.

Dem Jungen stockte der Atem. „Ihr wollt mich ...“ „Von wollen kann keine Rede sein. Wir müssen. Es ist unser Job, verstehst du? Persönlich haben wir nichts gegen dich. Wenn es nach uns ginge, könntest du hundert Jahre alt werden, aber ... Man kann nicht immer nur das tun, was einem Spaß macht.“

Der Killer zog die Hand aus der Jacketttasche.

Der Junge vernahm ein metallisches Klicken. Er sah die lange Stahlklinge aufschnappen und zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Verstört rang er die Hände.

„Ich flehe euch an, habt Mitleid!“

„Sorry, Mex“, sagte der Gangster und hob die Schultern. „Aber Mitleid ist etwas, das wir beide uns nicht leisten können!“

Er machte zwei schnelle Schritte auf den Jungen zu. Der Mexikaner wollte herumwirbeln, aber die Klinge war schneller. Wie ein Blitzstrahl flog sie auf ihn zu. Mit vernichtender Genauigkeit traf sie ihr Ziel.

Ein Leben, das aus Not, Flucht und Angst bestanden hatte, erlosch ...



2

Es kam nicht oft vor, dass der Privatdetektiv Bount Reiniger, Captain Toby Rogers und dessen Stellvertreter Lieutenant Ron Myers einen Abend gemeinsam verbrachten. Zumeist war einer von ihnen verhindert.

Doch diesmal hatte es ausnahmsweise geklappt. Bount hatte die Freunde in eine nette Bar eingeladen, und sie hatten über alles geredet, nur nicht über ihren Job. Dieses Thema war tabu.

Gegen 23 Uhr brachen sie auf. Toby wäre noch gern eine Weile sitzen geblieben, aber der sommersprossige, schlaksige Myers musste am nächsten Morgen früh aus den Federn, und da man von ihm erwartete, dass er geistig fit zum Dienst erschien, brauchte er wenigstens sechs Stunden Schlaf.

Bount beglich die Rechnung. Toby Rogers legte ihm seine Pranke auf die Schulter und meinte auf dem Weg zur Tür: „Hör mal, wenn sich unser Baby schon in die Falle schmeißt, müssen wir zwei Hübschen deswegen doch nicht dasselbe tun, Bount.“

„Der Schlaf vor Mitternacht ist der gesündeste“, bemerkte Bount Reiniger lächelnd.

„Wenn wir tot sind, können wir schlafen, so viel wir wollen.“

„Was hast du noch vor?“

„Wir könnten zu ,Lizzys‘ gehen und ein bisschen die Puppen tanzen lassen.“

„Kannst du dir das mit deinem kärglichen Gehalt leisten?“

Toby grinste. „Ich hab’ ja einen Freund, der gut verdient und den ich anpumpen kann, wenn ich pleite bin.“

„Würde der mir auch etwas pumpen?“

„Spiel bloß nicht den Doofen. Du weißt, wen ich meine.“

„Auch ich bin hin und wieder abgebrannt“, sagte Bount.

Der Captain wiegte den Kopf und sagte zu Ron Myers: „Es ist was Wahres dran an dem Sprichwort, dass man erst in der Not seine Freunde kennenlernt. Wir können uns nur wünschen, niemals in eine finanzielle Sackgasse zu geraten, denn unser lieber Bount würde uns da nicht herausholen. Bount, du bist ein verdammter Egoist. Aber ich geh’ mit dir trotzdem zu ,Lizzys‘. Noch kann ich es mir leisten.“

Sie traten aus der Bar.

„Macht es gut, ihr beiden“, sagte Ron Myers. „Und versackt nicht total, sonst kann ich euch morgen früh von der Sitte loseisen.“ Ron lachte. „Mann, wäre das ein Spaß ...“

Der Lieutenant unterbrach sich. Er hatte ein kurzes Röcheln vernommen. Auch Bount und Toby hatten das Geräusch gehört.

Schlurfende Schritte näherten sich.

Die drei Freunde blickten alle in dieselbe Richtung. Im nächsten Moment torkelte ein junger Mexikaner um die Ecke. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. Er ging wie ein Betrunkener. Mit der Schulter stieß er immer wieder gegen die Hausmauer.

Seine beiden Hände presste er fest gegen die Brust. Blut quoll zwischen seinen Fingern hervor. Der Griff eines Springmessers ragte den Männern entgegen.

„Verdammt!“, stieß Captain Toby Rogers hervor.

Der Mexikaner starrte sie verzweifelt an. Seine dunklen Augen bettelten um Hilfe, doch Bount Reiniger und seine Freunde hatten längst erkannt, dass diesem Jungen nicht mehr zu helfen war.

Als der Mexikaner nach vorn kippte, sprang Ron Myers hinzu, um ihn aufzufangen. Auch Toby eilte dem Sterbenden zu Hilfe.

Ein dritter Mann war da nicht mehr erforderlich, deshalb wollte sich Bount Reiniger um den Mistkerl kümmern, der für dieses Verbrechen verantwortlich war.

Bounts Hand zuckte zur Schulterhalfter. Er riss die 38er Automatic heraus und stürmte los. Die Tat war eben erst begangen worden. Folglich konnte sich der Killer noch nicht weit abgesetzt haben.

Bount Reiniger wollte ihn sich kaufen. Es war das Einzige, was er für den Mexikaner noch tun konnte.

Bount erreichte die Ecke. Er entsicherte seine Pistole und spähte in die schmale Straße. Er vernahm hastige Schritte und sah zwei Gestalten durch die Dunkelheit wischen.

Bount spurtete hinter den Killern her. Sie bemerkten ihn und griffen sofort zu ihren Kanonen. Mündungsfeuer blitzten auf. Schüsse krachten. Mehrere Kugeln pfiffen knapp an Bount vorbei.

Er suchte hinter einem Mauervorsprung Deckung und erwiderte das Feuer. Die Gangster setzten sich schießend ab. Ein Projektil fetzte vor Bount in Augenhöhe den Verputz von den Ziegeln.

Bount Reiniger stieß sich von der Wand ab. Er sprang in Combat-Stellung und versuchte einen der beiden vierschrötigen Kerle kampfunfähig zu schießen. Sein Geschoss verfehlte den Mann nur um wenige Millimeter.

Der Verbrecher verschwand sofort aus Bounts Schussfeld. Reiniger pirschte sich weiter vorwärts. Seine Nerven waren angespannt. Mit schmalen Augen versuchte er, die Dunkelheit zu durchdringen.

Vorsichtig näherte er sich der Gebäudeecke, hinter der sich die Gangster zurückgezogen hatten. Er lauschte. Kein verräterisches Geräusch drang an sein Ohr. Mit schussbereiter Waffe erreichte er die Ecke.

Als er in die Querstraße blickte, sah er die Killer für einen Augenblick wieder. Dann verschwanden sie in der Ausfahrt eines vierstöckigen Parkhauses. Bount schlich hinterher.

Er erreichte die breite Ausfahrt, huschte um den Schlagbalken herum und betrat das Gebäude. Es stank intensiv nach Benzin, Öl und Abgasen. Irgendwo summte eine Entlüftungsanlage. Hunderte von Möglichkeiten gab es hier, sich zu verstecken.

Die Gangster waren Bount Reiniger gegenüber im Vorteil. Sie brauchten sich nur still zu verhalten, konnten ihn kommen lassen, während er sie suchen musste. Bount hörte das Brummen eines Automotors und quietschenden Pneus. Augenblicke später war es still. Ein Fahrzeug musste das Parkhaus durch eine der Ausfahrten verlassen haben.

Bount lief durch das um diese Zeit nur noch spärlich beleuchtete Erdgeschoss. Er gelangte zur engen Auffahrtsrampe. Einen Stock höher fiel etwas um. Eine Eisenstange vielleicht.

Bount Reiniger war schon dorthin unterwegs. Sein Gesicht sah in diesem Moment aus, als wäre es aus Stein gehauen. Für ihn war ein Menschenleben etwas Einmaliges. Kein Mensch hatte das Recht, es einem andern zu nehmen.

Bount erreichte die erste Etage. In düsteren Parktaschen standen matt schimmernde Automobile. Und in allen Boxen konnte der Tod auf Bount Reiniger lauern.

Bount ließ seine Zungenspitze über die Lippen gleiten. Behutsam schlich er durch die Etage. Als er die Stange eines eisernen Wagenhebers auf dem Betonboden liegen sah, wusste er, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hatte.

Aber wo waren die Killer?

Wohin hatten sie sich zurückgezogen? Stand hier irgendwo ihr Wagen, mit dem sie abhauen wollten?

Bount ging weiter. Plötzlich passierte es ...

Ein Anlasser mahlte. Fast gleichzeitig brüllte ein Motor los. Ein grelles Scheinwerferpaar flammte auf und stach Bount brutal in die Augen. Im selben Moment machte das Fahrzeug einen kraftvollen Sprung vorwärts.

Wie ein schwarzes Raubtier raste der Wagen heran. Genau auf Bount Reiniger zu.

Bounts Kopfhaut zog sich zusammen. Er spannte die Muskeln und hechtete zur Seite. Seine Reaktionsschnelligkeit rettete ihm das Leben. Er hätte keinen Sekundenbruchteil langsamer sein dürfen.

Bount rollte über die Schulter ab. Er spürte den kalten Luftpolster, den der schwarze Wagen vor sich herschob, kam mit Schwung auf die Beine und drehte sich in Gedankenschnelle um.

Die Automatic schwang mit.

Das Killerfahrzeug war bereits an Bount Reiniger vorbei und hielt auf die Abfahrt zu. Bount zog den Stecher durch. Mehrmals. Die Schüsse peitschten kurz hintereinander.

Reiniger versuchte, den Wagen zu stoppen. Seine Kugeln bohrten sich ins Blech und zertrümmerten die Heckscheibe. Aber das Fahrzeug blieb nicht stehen. Es raste mit unverminderter Geschwindigkeit die Abfahrt hinunter, krachte links und rechts gegen die Leitplanken und zertrümmerte unten die Ausfahrtschranke.

Augenblicke später war der Spuk vorbei.

Den Killern war es gelungen zu entkommen.

„Shit!“, knirschte Bount Reiniger. Er fand, dass dieser Kraftausdruck in diesem verfluchten Moment seine volle Berechtigung hatte.

Als Bount zu Ron Myers und Toby Rogers zurückkehrte, lebte der Mexikaner nicht mehr. „Der arme Teufel hatte es verdammt schwer mit dem Sterben“, sagte Captain Rogers grimmig.

„Hat er noch irgendetwas gesagt, bevor er starb?“, erkundigte sich Bount.

Toby schüttelte den Kopf. „Kein Wort. Die Klinge saß zu genau. Das war die Arbeit eines Profis.“

„Es waren zwei“, sagte Bount und berichtete dem Captain, was sich zugetragen hatte.

„Würdest du die beiden wiedererkennen?“, wollte Toby wissen.

„Dazu ließen sie mich nicht nahe genug an sich herankommen“, antwortete Bount. Er blickte sich um. Die Fenster der umliegenden Häuser waren erhellt. Männer und Frauen in Schlafanzügen und Nachthemden schauten auf die Straße herunter.

Ron Myers eilte in die Bar, in der die Freunde den netten Abend verbracht hatten, der nun mit so einem unangenehmen Paukenschlag geendet hatte. Während der Lieutenant alles Nötige veranlasste, fingerte Bount Reiniger seine zerknautschte Pall-Mall-Packung heraus und hielt sie Toby hin.

Der Captain bediente sich. Bount nahm sich gleichfalls ein Stäbchen. Er gab zuerst dem Captain Feuer und brannte dann seine Zigarette an.

„Hatte er Papiere bei sich?“, fragte Bount.

„Nein. Es wird nicht leicht sein, ihn zu identifizieren. Wahrscheinlich ist er illegal eingewandert. Ich werde in diesem Fall mit Lieutenant Kelly McLean von der Einwanderungsbehörde zusammenarbeiten. Vielleicht kriegt er heraus, wer dieser Bursche ist und woher er kommt. In letzter Zeit erlebt New York einen Mexikaner-Boom, wie es ihn nie zuvor gegeben hat. Diese Burschen tauchen aus irgendeiner Versenkung auf, die die Behörden nicht kennen. Kelly McLean hat mit diesen Leuten aus Mexiko alle Hände voll zu tun. Er wird dieser Flut kaum noch Herr.“

Ron Myers kehrte aus der Bar zurück. „Unsere Kollegen werden in wenigen Augenblicken hier eintreffen.“

„Lass das Messer auf Fingerabdrücke untersuchen“, sagte Toby. „Und sieh zu, dass die Neugierigen nicht über den Toten stolpern.“

„Das hört sich so an, als wolltest du nicht hierbleiben“, sagte Ron.

„Ich weiß, warum ich dich zu meinem Stellvertreter gemacht habe: Weil du ungemein clever bist.“

„Wohin gehst du?“

„Ins Police Headquarters. Ich muss mich mit Kelly McLean unterhalten“, sagte Toby Rogers. Und zu Bount: „Tut mir leid, Alter, aber aus unserem Besuch bei ,Lizzys‘ wird nun nichts. Das hier hat Vorrang.“ Bount Reiniger hob die Schultern und erwiderte gleichmütig: „Die Sache bei ,Lizzys‘ wäre für dich ohnedies zu einem Reinfall geworden.“

Der Captain wollte etwas entgegnen, doch er kam nicht dazu. Polizeisirenen schnitten ihm das Wort ab.

Kurz darauf wimmelte es am Tatort vor Polizisten. Bount Reiniger war ihnen im Wege, deshalb fuhr er nach Hause.



3

Wilkie Lenning war zweiundzwanzig, und er verstand es, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Er spielte gern und gut Gitarre, und es bereitete ihm zumeist auch Vergnügen, von Bount Reiniger zur Mitarbeit herangezogen zu werden.

Der schlanke, beinahe hagere Bursche hatte viel Erfolg bei Mädchen. Er lief am liebsten in verwaschenen Jeans herum, verabscheute Krawatten und trug das dunkelblonde Haar modisch lang, ohne deswegen ungepflegt zu wirken.

Er stand mit Bount-Ann vor dem Haustor. Sie war Anfang zwanzig und kleidete sich im Greenwich-Village-Schick: Disco-Jeans und eine Bluse aus bunter Seide, eng, mit tiefem Ausschnitt. Unzählige Halskettchen rasselten, wenn sie sich bewegte.

Sie hatte etwas Katzenhaftes an sich, und sie konnte schnurren, dass es Wilkie wohlige Schauer durch die Glieder jagte.

Sie schüttelte ihre rabenschwarze Mähne, legte die Arme um Wilkies Nacken und flötete: „Vielen Dank, dass du mich nach Hause gefahren hast, Wilkie.“

„War doch selbstverständlich, Bount-Ann.“

„Sehen wir uns morgen wieder?“

„Selbe Zeit. Selbes Lokal.“

„Okay“, sagte Bount-Ann. Sie küsste Wilkie und er glaubte, den Geschmack von Erdbeeren zu spüren. „Vergiss mich nicht“, flüsterte Bount-Ann, als sie sich von ihm löste.

Er grinste. „Wie könnte ich das?“

Wilkie wünschte ihr eine gute Nacht, machte auf den Hacken kehrt und schlenderte zu seinem Wagen zurück. Er kannte Bount-Ann schon seit geraumer Zeit. Aber es hatte mit ihnen niemals klappen wollen. Mal war er vergeben gewesen. Mal hatte sie einen Freund gehabt. Doch nun schien alles bestens zu laufen, und das freute Wilkie Lenning ganz besonders.

Er setzte sich in seinen Wagen und fuhr zur „Blauen Eule“, seinem Stammlokal in Greenwich Village.

Er fand gleich um die Ecke einen Parkplatz. Eine Seltenheit. Rasch faltete sich der Junge aus dem Fahrzeug. Er versetzte der Tür einen leichten Stoß. Sie fiel ins Schloss.

Und im selben Augenblick erlebte Wilkie Lenning eine unliebsame Überraschung!

Sie waren zu dritt und schienen eine Lederfabrik ausgeraubt zu haben. Alles, was sie trugen, war aus schwarzem Nappaleder. Nieten und Gürtelschnallen blitzten.

Sie kamen von drei Seiten auf Wilkie zu, und sie hatten nicht im Sinn, ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen. Ihre Blicke verrieten, was sie vorhatten.

Sie mochten den blonden Jungen nicht leiden, deshalb würde es ihnen ganz besonders gefallen, ihm „die Fresse zu polieren“ - wie das in ihrem Fachjargon genannt wurde.

Ihr Anführer war Gabbo Borgese. Seine Großeltern hatten noch in Neapel gewohnt. Borgese war für einen Jungen italienischer Abstammung verhältnismäßig groß. Sein lackschwarzes Haar war kunstvoll gekämmt und glänzte ölig. Er hatte breite Schultern und bildete sich eine Menge darauf ein, dass es noch kein Mädchen gewagt hatte, ihm den Laufpass zu geben.

„Ich habe gewusst, dass du hier früher oder später aufkreuzen würdest, Lenning“, knurrte Borgese.

Wilkie versuchte, seinen Rücken freizubekommen. Er drehte die Schulterblätter zur Wand. „Was willst du von mir?“ fragte er kalt.

„Du spielst mit meinem Spielzeug“, sagte Gabbo Borgese.

„Ich weiß nicht, wovon du redest.“

„Ich rede von Bount-Ann!“, klärte ihn Borgese auf.

„Sie hat mir gesagt, dass es zwischen dir und ihr aus ist. Schon seit zwei Monaten.“

„Das denkt sie. Es stimmt aber nicht.“

„Sie hat dir den Laufpass gegeben.“

Gabbo Borgese packte Wilkie vorn beim Hemd. Er starrte ihm wütend in die Augen. „Idiot. So etwas hat es noch nie gegeben und wird es auch nie geben. Wir hatten vor zwei Monaten einen Streit. Einen Tag danach musste ich dringend geschäftlich für ein paar Wochen nach Boston ... Aber jetzt bin ich wieder da.“

„Bount-Ann hat damals gesagt, du sollst dich zum Teufel scheren.“

„Das hat sie nicht so gemeint. Sie ist immer noch meine Freundin.“

„Ich wäre dir dankbar, wenn du mein Hemd endlich wieder loslassen würdest. Ich besitze nur dieses eine.“ „Bist ein armer Schlucker. Wie kann sich ein Mädchen wie Bount-Ann nur an so etwas wie dich verschwenden?“

„Nun, vielleicht ist sie drauf gekommen, dass sie mit mir immer noch wesentlich besser dran ist als mit dir.“ Gabbo Borgese kniff die Augen zusammen. „He, Amico, du hast doch nicht etwa die Absicht, mich zu beleidigen, oder?“

„Warum bist du nicht in Boston geblieben? Du hast hier niemandem gefehlt.“

Gabbo Borgese wandte sich an seine Freunde. „Der Knilch riskiert eine verdammt große Lippe, was? Wer sitzt schon bis zum Hals in der Scheiße und schlägt auch noch Wellen?“

Wilkie Lenning beobachtete aus den Augenwinkeln, wie einer von Gabbo Borgeses Freunden einen Schlagring aus Messing über seine Finger streifte. Der andere holte eine Stahlrute aus der Gesäßtasche und ließ sie aufschnappen.

Borgese ließ Wilkies Hemd los. Höhnisch fragte er: „Hast du den Eindruck, dass du Bount-Ann gefällst?“

„Ich bin ihr Typ, zweifellos.“

„Glaubst du, dass du immer noch Chancen bei ihr haben wirst, wenn wir dich durch die Mangel gedreht haben?“

„Das würde ich mir an eurer Stelle noch mal gründlich überlegen. Der Schuss kann nämlich auch nach hinten losgehen!“

„Mal sehen!“, knurrte Gabbo Borgese.

Dann schlug er ansatzlos zu. Doch Wilkie Lenning hatte mit diesem Angriff gerechnet. Als er es in Borgeses Augen blitzen sah, wusste er, dass es so weit war.

Er stellte sich darauf ein, fing die Faust des Gegners geschickt ab und konterte. Gabbo Borgese stieß einen wütenden Fluch aus. Seine Freunde schalteten sich ein. Die Stahlrute pfiff durch die Luft. Wilkie Lenning sah sie kommen. Er neigte sich nach vorn. Die Rute traf seinen Rücken. Er schlug mit der Handkante zurück und versetzte dem Burschen mit dem Schlagring einen unerwarteten Tritt.

Der Knabe heulte auf. Sein Gesicht verzerrte sich. Wut und Hass spiegelten in seinen Augen. Wilkie wollte nachsetzen, doch dabei verlor er Gabbo Borgese aus dem Blickfeld.

Er musste einen Faustschlag einstecken, und in der nächsten Sekunde traf ihn auch die Stahlrute.

Er wehrte sich verbissen und hatte in diesem Kampf gute Momente, aber viele Hunde sind nun mal des Hasen Tod. Seine Linke stieß Borgese zurück.

Seine Rechte traf den Jungen mit der Stahlrute voll. Aber dann musste er einen Schwinger einstecken, den ihm der dritte Kerl verpasste und der ihn auf die Knie warf.

Gabbo Borgese bewies, dass er über einen gefährlichen Killerinstinkt verfügte. Zum Glück rechnete Wilkie Lenning auch mit dieser Gemeinheit. Deshalb gelang es Borgese nicht, seinen Schuh mitten in Wilkies Gesicht zu platzieren.

Der blonde Junge schnappte sich mit beiden Händen das vorschnellende Bein des Gegners. Er nützte Borgeses Schwung gekonnt aus, riss das Bein nach oben, und der Bursche fiel mit voller Wucht aufs Kreuz.

Das verschlug ihm die Sprache.

Wilkie federte hoch und widmete sich sofort wieder Borgeses Freunden. Aber als wenig später Gabbo Borgese wieder mitmischte, sah es sehr bald schon ziemlich bedenklich für Wilkie Lenning aus.

Doch plötzlich erhielt Wilkie unerwartete Hilfe.

Gabbo Borgese landete nach einem kassierten Schwinger an der Wand. Der Bursche mit der Stahlrute wandte sich irritiert um und drehte sich mitten in die Flugbahn eines Aufwärtshakens hinein.

Den Kerl mit dem Schlagring lehrte nun Wilkie Lenning das Fürchten. Mit mehreren Karateattacken setzte er diesem Gegner so zu, dass der Bursche sich hastig umdrehte und mit langen Sätzen das Weite suchte.

Auch Gabbo Borgese und sein zweiter Freund erkannten, dass es für sie hier keinen Blumentopf mehr zu gewinnen gab und nahmen gleichfalls Reißaus.

Wilkie war ziemlich außer Atem. Mit einem Papiertaschentuch wischte er sich das Blut aus seinem Mundwinkel. Dann grinste er den Jungen, der ihm zu Hilfe geeilt war, schief an.

„Ich habe mich noch nie so sehr darüber gefreut, dich zu sehen, wie heute, Juan“, sagte Wilkie Lenning.

„Bist du okay?“

„In fünfzehn Minuten bin ich wieder voll da.“

„Du siehst aus, als hättest du versucht, eine Bärin umzubringen.“

„Du hast mir einiges erspart. Ich möchte dich dafür auf einen Drink einladen. Aber gib mir keinen Korb, sonst sorge ich dafür, dass du so aussiehst wie ich.“

Sie begaben sich in die „Blaue Eule“. Als der Wirt Wilkie sah, fragte er: „Sag mal, bist du frontal mit der U-Bahn zusammengestoßen?“

„Frag Juan, was er trinken möchte und bring mir dasselbe“, erwiderte Wilkie. Dann begab er sich in den Waschraum. Als er von dort zurückkam, sah er etwas besser aus, und die Schwellungen würden auch bald vergehen.

Auf dem Tisch, an dem Juan Cortez saß, standen zwei Tequillas. Der Mexikaner hatte seinen Schnaps noch nicht angerührt.

Juan war dreiundzwanzig. Er hatte pechschwarzes Haar und eine olivfarbene Haut. Sein Blick war offen und ehrlich. Wilkie war davon überzeugt, dass dieser Mann keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Außerdem verfügte Juan Cortez über ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Er konnte es nicht ausstehen, wenn jemandem Unrecht geschah.

Wilkie setzte sich zu ihm. Er griff nach seinem Schnapsglas, hob es hoch, sagte „Cheerio“ und trank es aus.

„Auf dein Wohl“, sagte der Mexikaner.

„Der Himmel hat dich geschickt“, behauptete Wilkie.

Juan Cortez schüttelte den Kopf. „Ich wollte dich sehen, deshalb war ich auf dem Weg zur ,Blauen Eule“. Als mir dann auffiel, was gleich um die Ecke lief, griff ich ein.“

„Dafür kriegst du von mir bei Gelegenheit einen Orden.“

„Darauf kann ich verzichten. Du weißt, was ich dringender brauche, Wilkie. Darüber wollte ich mit dir reden. Hast du mit diesem Sägewerksbesitzer gesprochen?“

„Gleich nachdem ich’s dir zugesagt hatte.“

„Und?“ Juans Blick war gespannt auf Wilkies Lippen gerichtet.

Wilkie Lenning nickte langsam. „Du hast den Job.“

Juan Cortez ergriff blitzschnell Wilkies Hand. Er schüttelte sie begeistert. „Danke, Wilkie. Danke. Das werde ich dir nie vergessen!“

Wilkie grinste. „Nun hör’ schon auf, meine Hand zu schütteln. Wie soll ich denn da einen zweiten Tequilla trinken?“



4

Toby Rogers warf die Münzen in den Kaffeeautomaten und begab sich anschließend mit zwei heißen Papierbechern in Lieutenant McLeans Office.

Kelly McLean, ein bulliger Mann mit Bürstenhaarschnitt und dem Gesicht einer zornigen Dogge, hob den Kopf, als der Captain eintrat.

„Na, Kelly. Immer noch fleißig?“ sagte Toby und stellte einen Becher vor den Lieutenant auf den Schreibtisch. „Ich habe unsere Portokasse geplündert. Es reichte gerade für zwei Kaffee.“

McLean lehnte sich seufzend zurück. „Für mich müsste der Tag achtundvierzig Stunden haben.“

„Das ist unser Los“, sagte Toby. „Vielleicht hätten wir besser daran getan, rechtzeitig auf Privatdetektiv umzusatteln.“

„Wie es Ihr Freund Bount Reiniger getan hat.“

„Genau“, sagte Toby und nickte. Er zog den Besucherstuhl heran und ließ sich nieder. Kelly McLean nahm den Papierbecher in beide Hände und trank mit kleinen Schlucken.

„Was führt Sie zu mir, Captain?“ fragte er schließlich. „Unweit von hier wurde ein Mexikaner ermordet. Erstochen. Ich war dabei, als er starb.“ Toby erzählte genau, was vorgefallen war.

Als er geendet hatte, sagte Kelly McLean: „Arme Teufel sind das. Sie tun mir leid. Mexiko ist ihre Heimat, aber das Land kann ihnen ihre Träume nicht erfüllen, deshalb wandern sie aus. Sie hoffen, bei uns wenigstens einen Zipfel vom Glück zu erwischen, geraten aber nun vom Regen in die Traufe. Da wir sie nicht alle aufnehmen können, kommen sie illegal in unser Land. Viele von ihnen sparen jahrelang auf diese Reise, und dann fallen sie gewissenlosen Schurken in die Hände, die ihnen ihre gesamten Ersparnisse abnehmen. Leute, die wir nicht kennen, machen mit diesen armen Schweinen das große Geschäft. Wenn sie in der freien Wirtschaft einen Job haben möchten, müssen sie sich verpflichten, die Hälfte ihres Lohnes abzuliefern. Wer sich an diese Vereinbarungen nicht hält, endet so wie dieser junge Mexikaner, den Sie heute sterben gesehen haben. Stinkt es nicht zum Himmel, Toby? Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert, im Zeitalter der Menschenrechtskommission - und immer noch wird mit Menschen gehandelt, als wären sie nichts weiter als billiges Arbeitsvieh. Vielen von diesen Mexikanern ging es zu Hause besser als in den Staaten. Aber sie können nicht mehr zurück. Erst wenn bei ihnen nichts mehr zu holen ist, lassen sie sie achtlos fallen und suchen sich neue, kräftige Opfer.“

„Kann man diesen Menschenhändlern denn nicht das Handwerk legen?“, fragte Captain Rogers. Was Kelly McLean ihm erzählt hatte, ging ihm unter die Haut.

„Wir schaffen es nicht“, gestand Lieutenant McLean. „Wir tun, was wir können. Wir veranstalten fast täglich Razzien, nehmen laufend illegale Einwanderer fest und schicken sie nach Hause, aber die Flut der neu Einwandernden reißt nicht ab. Weil es ein einträgliches Geschäft ist, mit diesen Menschen zu schachern.“

„Was sagen die Mexikaner, die Sie erwischen?“ „Nichts. Die haben nicht den Mut, den Mund aufzutun. Man hat sie wirksam eingeschüchtert. Aus denen ist oft nicht einmal ihr Name herauszukriegen, solche Angst haben sie.“

„Ich lasse Ihnen morgen einige Fotos von dem Toten schicken. Vielleicht können Sie herausfinden, wer er ist“, sagte Toby.

„Meinetwegen. Schicken Sie die Bilder getrost, aber erwarten Sie von mir nicht, dass ich Wunder wirke.“ „Bestimmt nicht“, sagte der Captain und erhob sich. „Wir bleiben in Verbindung, okay?“

„Okay, Toby.“

Am nächsten Morgen war trübes Wetter. Der Hochnebel hing über den Straßenschluchten der Stadt und ließ keinen freundlichen Sonnenstrahl durch. Bount Reiniger wurde jedoch durch das strahlende Lächeln seiner Mitarbeiterin June March reichlich entschädigt.

Das quirlige blonde Mädchen betrat das Büro mit der Morgenpost. Es blitzte vital in ihren veilchenblauen Augen, als stünde ihr zum Wochenende eine Traumreise nach Hawaii bevor. Dabei hatte sie den Urlaub längst hinter sich.

„Na, Chef, wie war der Abend mit Ron Myers und Toby Rogers?“, erkundigte sich June, während sie die Umschläge sichtete und die Spreu vom Weizen trennte. Reklame wanderte automatisch sofort in den Papierkorb.

„Der Abend war nicht schlecht“, sagte Bount. „Nur die Nacht war nicht nach unserem Geschmack.“

„Hat es Ärger gegeben?“

„Schlimmer. Es hat einen Toten gegeben“, erwiderte Bount Reiniger.

Bount berichtete seiner Mitarbeiterin, was er mit Ron und Toby erlebt hatte.

„Das ist ja schrecklich“, sagte June March, als Bount geendet hatte. „Wirst du dich dieses Falles annehmen? Du müsstest es nicht. Du könntest die Polizei die Arbeit tun lassen, schließlich bezahlt dich keiner dafür, wenn du möglicherweise Kopf und Kragen riskierst.“

„Ich werde mich darum kümmern, auch wenn ich dafür niemandem meine Honorarrechnung präsentieren kann“, sagte Bount ernst.

„Noch ein paar solche Fälle und wir müssen ans Eingemachte gehen.“

„Vergiss nicht, diese beiden Killer haben versucht, mir das Lebenslicht auszublasen.“

„Damit machst du die Sache zu deinem persönlichen Fall.“

„So könnte man es sehen. Ich gehöre nicht zu jenen, die auch die linke Backe hinhalten, wenn man sie auf die rechte geschlagen hat. Ich schlage zurück.“

„Das ist dein gutes Recht.“

„Wovon ich auch Gebrauch machen werde!“, sagte Bount Reiniger bestimmt.

Die Tür ging auf, und Wilkie Lenning trat ein. Deutlich stand ihm noch ins Gesicht geschrieben, was er in der vergangenen Nacht erlebt hatte. Er grinste schief und fragte: „Warum seht ihr mich so an?“

„Hattest du Streit mit Muhammad Ali?“, erkundigte sich Bount grinsend.

„Hatte ich schon jemals mit irgendjemandem Streit? Ich bin eine friedliebende Natur ...“

„Jedoch der Friedliebendste kann nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, fiel June March Wilkie ins Wort.

„Wer hat dich vermöbelt?“, wollte Bount Reiniger wissen.

Wilkie erzählte es und nannte auch den Grund für Gabbo Borgeses Attacke.

Bount schüttelte den Kopf. „Deine Weibergeschichten werden dich noch mal um Kopf und Kragen bringen.“

Wilkie hob die Schultern. „Jeder hat eben ein anderes Hobby.“

„Der Mexikaner, der dir zu Hilfe kam - wie hieß der doch gleich?“, fragte Bount.

„Juan Cortez.“

„Wo hast du ihn kennengelernt?“

„In der ,Blauen Eule‘. Warum fragst du?“

„Ist er schon lange in New York?“

„Ich glaube nicht. Er war auf der Suche nach Arbeit. Ich habe ihm versprochen, mich für ihn umzuhören und konnte ihm einen Job in einem Sägewerk verschaffen.“

„Sind seine Papiere in Ordnung, oder kam er illegal in die Staaten?“

„Keine Ahnung, Bount. Warum fragst du das alles?“

„Gestern Nacht wurde ein Mexikaner gekillt. Er hatte keine Papiere bei sich. Toby Rogers vermutet, dass der Mann auf Schleichwegen in die USA gekommen ist. Ich würde gern die beiden Killer ausfindig machen, die den Jungen umgelegt haben. Toby sagt, dass seit einiger Zeit diese Art von Menschenhandel sprunghaft angestiegen ist. Man sollte dem einen Riegel vorschieben.“

„Wer hat dich darum gebeten?“, fragte Wilkie. „Niemand“, antwortete Bount. „Die Killer haben auf mich geschossen. Das ist eine Herausforderung, die ich annehme.“

„Ich möchte festhalten, dass diesmal nicht ich schuld daran bin, wenn kein Geld in die Kasse kommt!“, betonte Wilkie Lenning. Es war ein unmissverständlicher Seitenhieb, den Bount Reiniger und June March sehr gut verstanden. In letzter Zeit hatten sich nämlich mal wieder Wilkies sogenannte „Caritas“-Fälle gehäuft. Er hatte sie an Bount herangetragen, und Reiniger hatte sie erledigt, ohne bei den finanzschwachen Klienten auch nur einen müden Dollar zu kassieren.

„Angenommen, Juan Cortez wüsste etwas über diese illegalen Einreisen“, sagte Bount, „glaubst du, er würde es uns sagen?“

„Davon bin ich überzeugt“, erwiderte Wilkie Lenning. „Er ist mir wegen des Jobs, den ich ihm verschafft habe, äußerst dankbar.“

„Okay“, sagte Reiniger. „Dann lass uns gleich mal zu ihm fahren. Das Eisen gehört geschmiedet, solange es noch warm ist.“ Bount wandte sich an June. „Telefoniere inzwischen ein bisschen in der Gegend herum. Lass ein paar von unseren V-Männern wissen, was uns im Augenblick am brennendsten interessiert. Vielleicht hast du damit Glück.“

„Und wenn die Information Geld kosten sollte“, warf Wilkie Lenning feixend ein, „kannst du getrost anschreiben lassen. Reiniger ist noch eine ganze Weile kreditwürdig.“



5

Das Sägewerk befand sich in der Nähe des Inwood Hill Parks, nahe dem Hudson River. Der Holzlagerplatz erstreckte sich fast bis ans Wasser.

Juan Cortez war in seinem Leben noch nie so glücklich gewesen wie an diesem Vormittag. Endlich hatte er - durch Wilkie Lennings Vermittlung - Arbeit gefunden.

Endlich würde es mit ihm aufwärts gehen. Die Tage des Kummers und der Not würden bald schon der Vergangenheit angehören. Juan verdiente im Sägewerk zwar kein Vermögen, aber er war ein sparsamer Junge, der sich von dem wenigen Geld bestimmt noch etwas weglegen konnte.

Der Sägewerksbesitzer war so freundlich gewesen, ihm einen geringen Vorschuss zu geben. Der Mann hätte das bestimmt nicht getan, wenn Wilkie Lenning das Ganze nicht eingefädelt gehabt hätte.

Zum ersten Mal in seinem Leben hatte Juan Cortez das Gefühl, reichlich Geld in der Tasche zu haben. Er zeigte sich des Vertrauens, das ihm von allen Seiten entgegengebracht wurde, würdig.

Er schuftete doppelt so viel wie die anderen Arbeiter, packte überall mit Eifer an und war gelehrig und wissbegierig, denn es lag ihm sehr viel daran, diesen Job zu behalten.

Um zehn holte ihn der Vorarbeiter aus dem Sägewerk auf den Lagerplatz. Der Mann war groß und kräftig. Seine Augen hatten einen gutmütigen Schimmer. Ihm war es egal, welche Rasse oder Nationalität ein Mann hatte.

Für ihn zählte nur, dass erstklassige Arbeit verrichtet wurde. „Du scheinst einer von denen zu sein, denen die Arbeit Spaß macht“, sagte der Vorarbeiter.

„Wer arbeitet, hat Geld. Wer Geld hat, kann sich etwas kaufen. Und wer sich etwas kauft, hat Freude am Leben“, gab Juan zurück.

„Eine vernünftige Einstellung“, lobte der Vorarbeiter. „Bist du schon mal mit einem Gabelstapler gefahren?“

„Nein, Sir.“

„Macht nichts, das kann jeder Trottel.“

„Ich werde mir Mühe geben ...“

„Das weiß ich. Komm mit. Ich zeige dir, was du zu tun hast.“

Die Männer überquerten den Lagerplatz. Der Vorarbeiter führte Juan zu einem verwaist zwischen Bretterbergen stehenden Gabelstapler. Er erklärte dem Mexikaner, wie man das Gerät bediente und ließ ihn dann einen Versuch machen. Juan stellte sich sehr geschickt an.

Er hatte im Nu heraus, wie man den Gabelstapler am besten in den Griff bekam. Der Vormann bescheinigte ihm ein gutes technisches Einfühlungsvermögen und erklärte ihm anschließend, was er zu tun hatte.

Cortez werkte mit Feuereifer. Es war für ihn eine Auszeichnung, mit diesem Gabelstapler arbeiten zu dürfen. Stolz saß er im Sattel. Ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.

Er war zuversichtlich, dass er es hier in diesem Betrieb noch zu etwas bringen würde. Vielleicht brachte er es einmal sogar bis zum Vorarbeiter.

Juan dachte an zu Hause. So hätten sie ihn sehen sollen. Auf einem Gabelstapler. Selbständig arbeitend. Mit echten Aufstiegschancen. Er hatte erreicht, wovon viele seiner Landsleute nur träumten.

Kein Wunder, dass er glücklich war und die ganze Welt am liebsten umarmt hätte. Er war voll guter Vorsätze. Wenn man ihn brauchte, würde er zwölf oder sechzehn Stunden am Tag arbeiten.

Er würde niemals jammern und alles für den Betrieb tun, um den Job behalten zu können, denn nichts machte ihn glücklicher, als arbeiten zu dürfen.

Mitten in seinen seligen Taumel hinein kam plötzlich die eiskalte Dusche.

Polizei!

Streifenwagen!

Juan Cortez zuckte heftig zusammen. Er stoppte den Gabelstapler. Seine Gesichtshaut färbte sich aschgrau. War der schöne Traum schon wieder zu Ende? Eine unsichtbare Hand schnürte seine Kehle zu.

Verzweiflung schimmerte in seinen Augen. Er zählte drei Patrolcars. Uniformierte Polizisten sprangen aus den Fahrzeugen und schwärmten sogleich auf dem Gelände des Sägewerks aus.

Juan vernahm das Wort „Razzia“.

Es versetzte ihn in Panik. Er fühlte sich so verletzbar wie eine Seifenblase. Man brauchte ihn nur mit dem Finger anzutupfen und schon war alles kaputt. Die Papiere, die er im Personalbüro abgegeben hatte, waren nicht echt.

Er hatte keine Berechtigung, hier zu arbeiten. Es war ihm nicht erlaubt, sich in den Vereinigten Staaten von Amerika aufzuhalten. Er hatte sich die Papiere für sehr viel Geld gekauft.

Gangster hatten ihn erpresst. Sie hatten ihn zwingen wollen, für sie zu arbeiten, aber es war ihm gelungen, ihnen zu entwischen. Bei einem mexikanischen Freund hatte er Unterschlupf gefunden.

Er hatte gehofft, dass niemand seine Spur finden würde, und nun passierte das hier. Razzia! Wenn die Papiere nicht gut genug gefälscht waren, würde man ihn festnehmen und in die Heimat abschieben.

Juan konnte nicht beurteilen, wie gut die Dokumente waren. Würden sie die Beamten der Einwanderungsbehörde täuschen können? War das überhaupt möglich? Juan Cortez kamen plötzlich Zweifel. Schweißperlen traten ihm auf die Stirn.

Die Worte eines mexikanischen Freundes fielen ihm ein. Er hatte den Mann aus den Augen verloren, aber er konnte sich noch gut an dessen Rat erinnern: „Wenn du in den USA bist, muss dein oberstes Gebot stets lauten: Lass dich nicht erwischen. Selbst wenn du so unschuldig wie ein neugeborenes Kind bist, du darfst dich niemals fassen lassen, sonst ist es für dich vorbei mit der schönen Zeit in Amerika.“

Juan sprang vom Gabelstapler.

Flucht war für ihn die einzig mögliche Lösung seines Problems. Im Augenblick schien keiner auf ihn zu achten. Das war seine Chance. Vielleicht die letzte, die sich ihm bot. Wenn er sie nicht nützte, geriet er mit Sicherheit in einen gefährlichen Strudel, aus dem es kein Entrinnen mehr gab.

Juan rannte zwischen den hohen Holzstapeln hindurch - in Richtung Hudson River. Ihm war so heiß, dass er sich den Arbeitshelm vom Kopf riss und ihn fortwarf.

Weg! Weg! Nur weg!, hämmerte es in seinem Kopf. Er lief so schnell, als ginge es um sein Leben.



6

Lieutenant Kelly McLean leitete die Razzia. Bei diesen Fischzügen blieben immer wieder ein paar Männer hängen, die entweder keine Aufenthaltsbewilligung und somit auch keine Arbeitsgenehmigung hatten oder sich ihren Job mit gefälschten Papieren ergaunerten.

Obwohl auch diese Arbeit getan werden musste, weil es in den Staaten eben Gesetze gab, an die man sich halten musste, fühlte sich Kelly McLean nicht wohl dabei, denn damit war nicht die wahre Wurzel des Übels zu fassen.

Als McLean aus dem Dienst-Chevrolet stieg, ließ er seinen Blick über das Gelände des Sägewerks schweifen. Er sah Juan Cortez. Der Mexikaner starrte entsetzt zu ihnen herüber.

„Ich fresse einen Besen, wenn der nicht Dreck am Stecken hat“, sagte McLean zu dem Sergeant, der neben ihm stand.

Juan federte in diesem Augenblick vom Gabelstapler und suchte das Weite.

„Moment, Freundchen“, brummte Kelly McLean. „So leicht werden wir es dir nicht machen! Sergeant, Sie kümmern sich inzwischen hier um alles.“

„Okay, Lieutenant.“

„Bin gleich wieder zurück. Mit dem Mexikaner.“

„Bin gespannt, was der uns vorjammern wird, Sir.“ Kelly McLean legte einen Blitzstart hin. Er war vor Jahren einer der besten Sprinter in der Polizeistaffel gewesen. Und er hatte in Punkto Laufen immer noch eine ganze Menge zu bieten.

Während des Rennens zog er seinen Dienstrevolver aus dem Gürtelholster. Er erreichte innerhalb weniger Augenblicke den Gabelstapler, hetzte an diesem vorbei und in die schmale, schattige Gasse hinein, die von den hohen Bretterstapeln gebildet wurde.

Stimmen, Schritte, Rufe, Befehle. Die ausschwärmenden Cops holten sich die Arbeiter von den entlegensten Winkeln des Areals. Kelly McLean erreichte eine „Querstraße“.

Dort rannte Juan Cortez. Der Lieutenant hob die Waffe. „Halt! Polizei!“, schrie er.

Doch der Mexikaner dachte nicht daran stehenzubleiben. Er schlug blitzschnell einen Haken. Kelly McLean gab einen Warnschuss ab. Aber auch damit konnte er den Fliehenden nicht beeindrucken.

Atemlos jagte Juan Cortez um die Ecke eines Lattenblocks. Der Lieutenant versuchte, ihn mit einem Schuss neben den rechten Fuß einzuschüchtern. Krachend entlud sich die Dienstwaffe.

Die Kugel bohrte sich neben Cortez’ Absatz in den Boden und riss die Erde auf. Der Mexikaner schnellte sich entsetzt nach vorn und war im nächsten Moment nicht mehr zu sehen.

„Verdammt!“, knurrte Lieutenant McLean. Normalerweise genügte schon der Warnschuss, um einen Mexikaner auf der Stelle festzunageln, doch dieser Bursche schien über bessere Nerven zu verfügen als viele seiner Landsleute.

Kelly McLean nahm die Verfolgung wieder auf.

Er war bestrebt, seinen Dienst so gewissenhaft wie möglich zu versehen. Deshalb kam es für ihn nicht in Frage, ein Auge zuzudrücken und den Mann laufenzulassen.

Ein Beamter hat seine Vorschriften, und an die muss er sich halten, ob sie ihm passen oder nicht.

Juan Cortez überkletterte meterlanges Rundholz. McLean blieb ihm auf den Fersen. Er holte sogar auf. Der Lieutenant turnte über eine Vielzahl von Stämmen, sprang herunter, federte den Sprung ab, blickte sich hastig um, konnte den Mexikaner nicht sehen, entschied sich für eine Richtung und lief weiter.

Sekunden später sah der Lieutenant den Mexikaner wieder.

Der Junge stand verstört vor ihm. Juan Cortez hielt eine Eisenstange in der Hand. Blut klebte an ihr. Und neben ihm lag ein uniformierter Polizist.

Der Mann war offensichtlich tot, war erschlagen worden!

Kelly McLean hatte Mühe, sich zu beherrschen. Eine unbändige Wut wallte in ihm auf. Er presste die Kiefer fest zusammen und richtete seine Dienstwaffe zornig auf Juan.

„Du verdammter Idiot!“, stieß der Lieutenant heiser hervor. „Warum hast du das getan? Warum hast du diesen Cop erschlagen?“

Der Mexikaner sagte kein Wort. Verstört blickte er auf die Eisenstange, und er schüttelte immerzu den Kopf.



7

Bount Reiniger ließ seinen silbergrauen Mercedes 450 SEL auf dem Areal des Sägewerks ausrollen.

„Was ist denn hier los?“, fragte Wilkie Lenning erstaunt.

„Eine Razzia“, sagte Bount und stieg aus. „Jetzt kannst du deinem Freund Juan Cortez die Daumen drücken, dass er sauber ist. Sonst gibt es nicht nur für ihn Schwulitäten, sondern auch für dich, weil du ihm diesen Job nicht hättest verschaffen dürfen.“

Wilkie eilte auf die Patrolcars zu. Ein Cop hielt ihn auf. Wilkie wies sich aus und durfte passieren. Von überallher kamen Arbeiter. Wilkie Lenning fischte sich den Vorarbeiter aus dem Tumult.

„Wissen Sie, wo Juan steckt?“

„Der Junge ist vom Gabelstapler gesprungen, als wäre der Teufel auf seine Seele scharf“, sagte der Mann. „Hat er etwas auf dem Kerbholz, Mister Lenning?“

„Das kann ich mir nicht vorstellen.“

„Warum haut er dann ab? Wer sauber ist, hat die Polizei doch nicht zu fürchten.“

„Wohin ist Juan gelaufen?“, wollte Wilkie wissen.

Der Vorarbeiter sagte es ihm. Wilkie wollte losstürmen. Da sagte der Vorarbeiter: „Die Mühe können Sie sich sparen, Mister Lenning. Lieutenant McLean ist ihm bereits auf den Fersen.“

Plötzlich peitschte ein Schuss. Wilkie Lenning gab es einen Riss. Noch ein Schuss fiel. Wilkie sah die Szene vor seinem geistigen Auge: Juan auf der Flucht. Kelly McLean hinter ihm her. Der Mexikaner blieb nicht stehen. Da zog McLean den Stecher durch. Wilkie sah den Mexikaner fallen ...

„O mein Gott!“, stieß er aufgewühlt hervor. Er, der normalerweise so aussah, als ob ihn nichts auf der Welt in Panik versetzen konnte, verlor nun doch seine Ruhe.

Er rannte los. Bount war an seiner Seite. Gemeinsam hetzten sie die Wege zwischen den Holzstapeln hindurch.

Kurz darauf sahen sie Kelly McLean, Juan Cortez und den toten Cop.

Die Situation war mehr als eindeutig. Wilkie rieselte es eiskalt über den Rücken. Hatte sich der Mexikaner zu einer Kurzschlusshandlung hinreißen lassen? Lieutenant McLean wirkte gespannt wie eine zusammengedrückte Sprungfeder.

Juan hielt immer noch die blutverschmierte Eisenstange in seiner Rechten. Ratlosigkeit drückte seine Miene aus. Er schien verzweifelt zu sein. Kelly McLean hielt ihn mit seiner Dienstwaffe in Schach.

„Keine Bewegung, Junge“, sagte er eiskalt.

Bount und Wilkie kamen näher. McLean warf ihnen einen raschen Blick zu und verlangte von ihnen, zurückzubleiben.

Juans Blick heftete sich flehend auf Wilkie. Hilf mir, bettelten seine Augen.

„Lass die Eisenstange fallen!“, verlangte Kelly McLean.

„Juan, was hast du getan?“, fragte Wilkie Lenning erschüttert.

„Das ... das war ich nicht, Wilkie!“, beteuerte der Mexikaner.

„Ist doch klar, dass er erst mal leugnet“, sagte Lieutenant McLean.

„Ich glaube ihm!“, erwiderte Wilkie.

„Ob Sie ihm glauben oder nicht ist uninteressant, Lenning. Dort liegt ein toter Polizist. Ich habe den Mexikaner vor meiner Kanone. Er hatte nicht einmal die Zeit, die Tatwaffe wegzuwerfen. Eindeutiger kann eine Situation wohl kaum mehr sein.“

„Ich habe den Mann nicht erschlagen!“, schrie Juan Cortez. „Ich bin kein Mörder.“

„Hast du gesehen, wer es getan hat?“, fragte Wilkie.

„Ja. Ein Mann, der sich heute morgen schon auf dem Gelände herumtrieb. Ich glaube, er hatte gefälschte Papiere zu verkaufen.“

Kelly McLean nickte wütend. „Natürlich. Du häkelst eine verdammt alte Masche, Junge, aber die verfängt sich bei mir nicht. Du möchtest die Tat gern dem großen Unbekannten in die Schuhe schieben, wie?“

„Er sagt bestimmt die Wahrheit, Lieutenant“, behauptete Wilkie.

„Kennen Sie ihn denn so gut?“

„Ich glaube, ich kenne ihn gut genug.“

„Reiniger, würden Sie Ihrem Mitarbeiter nahelegen, sich aus dieser Sache rauszuhalten?“, rief Kelly McLean ärgerlich. „Er mischt sich in eine Amtshandlung. Sagen Sie ihm, dass ihm das eine Menge Ärger einbringen kann.“

Juan Cortez schluckte schwer. Er steckte tief in der Klemme. Wilkie konnte ihn da nicht herausholen. Er musste sich selbst helfen. Aber wie?

Wenn er auch nur eine falsche Bewegung machte, würde ihn der Lieutenant erschießen. Schließlich war der Beamte davon überzeugt, einen Polizistenmörder vor sich zu haben.

„Lass endlich diese verdammte Eisenstange fallen!“, schrie Kelly McLean den Mexikaner an.

Die Stange!

Juan begriff, dass er sie nicht hätte anfassen dürfen. Nun waren seine Fingerabdrücke darauf. Ein weiteres Indiz für den Richter. Er hätte nicht stehen bleiben dürfen, als er den toten Cop entdeckte. Er hätte über die Leiche springen müssen.

Aber das hatte er nicht fertiggebracht. Er hatte in diesem Moment nicht mehr an sich gedacht, sondern nur an den Mann, für den er möglicherweise noch etwas tun konnte. Ihm war nicht sofort klar gewesen, dass der Cop nicht mehr lebte. Und als er es dann sah, war an eine Fortsetzung der Flucht nicht mehr zu denken gewesen.

„Die Eisenstange!“, schnarrte Kelly McLean ungeduldig.

„Lassen Sie mich mit ihm reden“, verlangte Wilkie Lenning. „Auf mich wird er hören.“

Wilkie machte einen Schritt vorwärts.

„Zum Teufel, Reiniger, haben Sie nicht gehört, was ich gesagt habe?“, brüllte McLean. „Legen Sie Ihren Mitarbeiter an die Leine!“

Der Lieutenant wandte nur einen kurzen Moment den Kopf. Juan Cortez wusste, dass seine Flucht einem Geständnis gleichkam. Aber er wollte nicht als Mörder verhaftet werden. Er wollte sich nicht einsperren lassen. Kein Cortez war jemals im Gefängnis gewesen. Es waren alles arbeitsame, ehrliche Leute gewesen.

Juan nützte die winzige Chance.

Er schleuderte die Eisenstange nach Lieutenant McLean. Kelly McLean sah die rasche Bewegung aus den Augenwinkeln. Er drückte ab. Gleichzeitig traf die Stange seinen Revolverarm.

Sein Gesicht verzerrte sich.

Die Kugel traf nicht so, wie der Lieutenant es wollte, aber sie traf. Der Mexikaner stieß einen heiseren Schrei aus. Er bückte sich, riss dem toten Cop die Waffe aus der Hand, wirbelte herum und hetzte davon.

Kelly McLean richtete die Kanone auf den Rücken des Mexikaners. „Stopp!“, brüllte er.

Als er abdrücken wollte, fiel ihm Wilkie Lenning in den Arm. „Nicht!“, schrie er. „Der Mann ist unschuldig!“

Der Dienstrevolver des Lieutenant krachte. Aber die Kugel stanzte nur ein Loch in die Luft. Kelly McLean riss sich fluchend los.

Juan Cortez erreichte das Ende des Sägewerkareals. Er rannte kopflos über die Straße und stürzte sich Augenblicke später in die Fluten des Hudson River.

Zorn funkelte in Kelly McLeans Augen. Er erdolchte Wilkie fast mit seinen Blicken. „Verdammt, Lenning, das wird Sie teuer zu stehen kommen! Sie haben einem Mörder zur Flucht verholfen!“



8

Es hatte sich schnell herausgestellt, dass die Papiere des Mexikaners keine besonders gelungenen Fälschungen waren. Da ein Mord verübt worden war, rückte die Mordkommission an.

Bount und Wilkie hielten sich im Büro des Sägewerksbesitzers auf. Bount rauchte eine Pall Mall. Er schüttelte ärgerlich den Kopf. „Sag mal, welcher Teufel hat dich geritten, sich in McLeans Job einzumischen?“

„Der Junge ist unschuldig, sage ich dir. Der hat den Cop nicht erschlagen.“

„Es hätte sich herausgestellt.“

„Du tust so, als wäre noch niemals ein Unschuldiger verurteilt worden, Bount.“

„Privatdetektive sind der Polizei ohnedies in den meisten Fällen ein Dorn im Auge. Was du getan hast, ist Wasser auf die Mühlen unserer Gegner. Ich weiß nicht, ob du dir darüber im Klaren bist, wie viel Schwierigkeiten man uns wegen deines Übereifers machen kann. Wenn es ganz schlimm kommt, verliere ich meine Lizenz.“

„Das wird nicht geschehen.“

„Woher weißt du das?“

„Es gibt noch eine Gerechtigkeit auf der Welt“, behauptete Wilkie Lenning. „Wir werden beweisen, dass Juan Cortez unschuldig ist. Wenn die Cops einsehen, dass sie sich geirrt haben, wird man von Repressalien absehen.“

Schwere Schritte näherten sich der Tür. Captain Rogers trat ein. Er seufzte schwer und schob seinen Hut aus der Stirn.

Die Sache war ihm unangenehm. Er war Bounts Freund, und er konnte auch Wilkie Lenning gut leiden. Es war ihm zuwider, die beiden hart anfassen zu müssen.

„Meine Güte, was habt ihr euch denn da geleistet?“, brummte der Leiter der Mordkommission Manhattan C/II.

„Kelly McLean war drauf und dran, Juan Cortez abzuknallen!“, sagte Wilkie Lenning. „Frag Bount. Er wird es dir bestätigen. Ich konnte das nicht zulassen.“

„Kelly hat mir die Geschichte völlig anders erzählt“, sagte Toby. Er verlangte von Bount eine Pall Mall. Reiniger zündete sie ihm schweigend an. Toby Rogers wandte sich wieder an Wilkie. „Lieutenant McLean ist kein Killer. Er hat völlig korrekt gehandelt.“

„Er hätte Cortez niedergeschossen!“

„Wenn ein mutmaßlicher Mörder die Flucht ergreift, darf der Polizeibeamte von seiner Waffe Gebrauch machen!“, sagte Toby hart. „Das ist verbrieft und besiegelt.“

„Darf ein Polizist auch auf einen Mann schießen, der lediglich in Panik geraten ist?“, gab Wilkie aufgeregt zurück.

„Jetzt hör mir mal zu, Junge“, sagte Toby Rogers ärgerlich. „Ich versuche Rücksicht zu nehmen, so gut ich kann, aber dreh bloß nicht den Spieß um. Dein Freund Juan Cortez ist illegal in die Staaten gekommen. Du hast ihm einen Job verschafft und hast dich damit strafbar gemacht ...“

„Ich hatte keine Ahnung ...“

„Unwissenheit schützt nicht vor Strafe!“, sagte Toby energisch. „Aber lassen wir dieses erste Delikt mal außer acht. Bleibt immer noch der Tatbestand der Fluchthilfe übrig. Wenn du also nicht mehr Ärger kriegen willst, als du verkraften kannst, dann riskiere nicht auch noch die große Lippe. Wir werden nach Juan Cortez fahnden, weil er einen Polizeibeamten erschlagen hat, ob dir das nun passt oder nicht.“

„Ich bleibe dabei: Juan hat diesen Mord nicht begangen. Ein Kerl, der mit gefälschten Ausweisen handelt, war es.“

„Das ist deine persönliche Meinung. Du behältst sie besser für dich“, sagte Toby und drückte die Pall Mall im Aschenbecher aus.




9

Juan Cortez blieb so lange unter Wasser, wie er Luft hatte. Ein heftiger Schmerz pochte in seiner Schulter. Er tauchte prustend auf und schwamm in Richtung George Washington Bridge.

Über ihm flogen Möwen. Ihr Gekreische hörte sich an, als würden sie sich über ihn lustig machen. Kann ein Mann denn immer nur Pech haben?, fragte sich Juan verzweifelt. Kann es so etwas denn geben?

In Mexiko war es ihm dreckig gegangen, aber er hatte den Mund gehalten und niemals geklagt. Er hatte für einen lächerlichen Lohn jede Arbeit verrichtet, um das Geld zusammenzubekommen, das er haben musste, wenn er illegal in die USA gelangen wollte.

Oft hatte er tagelang gehungert, um Geld zu sparen. Ein Freund hatte ihm schließlich eine Adresse verkauft, und er hatte gehofft, dass die Not nun bald ein Ende haben würde.

Man hatte ihn und einige andere Mexikaner in einem umgebauten Tankwagen über die Grenze geschmuggelt. Er hatte geglaubt, dass sein Leidensweg nun zu Ende war, aber das Martyrium war weitergegangen.

Und dann ...

Endlich New York. Ein Lichtblick. Neue Hoffnung. Die Bekanntschaft mit Wilkie Lenning. Der erste Job.

Doch dann das Fiasko.

Und nun schwamm er hier in dieser öligen Brühe, war des Mordes an einem Polizisten dringend verdächtig und wusste nicht, wo er sich verstecken sollte. Der Schmerz in seiner Schulter ließ ihn ächzen.

Er blickte zurück. Verfolgten sie ihn noch? Die Schmerzen wurden heftiger. Er versuchte, die Schwimmbewegungen nur mit einem Arm auszuführen, aber das wollte nicht so recht klappen.

Er war an und für sich kein besonders guter Schwimmer. Hustend und spuckend kämpfte er sich mit beiden Armen wieder hoch.

Auf der Höhe der 187.Straße wandte er sich dem Ufer zu. Erschöpft erreichte er die Grünanlagen. Triefnass kroch er aus dem Wasser.

Wie ein Tier auf der Flucht blickte er sich um. Er fühlte sich nirgendwo sicher. Was würden sich die Leute denken, wenn sie seine nassen Kleider sahen? Er sank vor einem wild wuchernden Busch auf die Knie.

Mit verzerrtem Gesicht besah er sich die Verletzung, die ihm der Lieutenant zugefügt hatte. Es handelte sich zum Glück nur

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 21.01.2016
ISBN: 978-3-7396-3319-0

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