Cover

Drei Top Western #1

Alfred Bekker, Frank Callahan & Leslie West

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 362 Taschenbuchseiten.

 

Diese Buch enthält folgende drei Romane:

Alfred Bekker: Die Todesreiter vom Rio Pecos

Frank Callahan: Bill Warbow, der Glücksritter

Leslie West: Schamane der Zeiten

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Die Todesreiter vom Rio Pecos

von Alfred Bekker

 

Als die Männer der O'Malley-Ranch ihre Tiere zum jährlichen Round up zusammengetrieben haben, fällt die Bande von Barry Walton über sie her. Waltons Männer reiten mit Uniformen, die sie von einem Army-Transport erbeutet haben und behaupten einfach, dass die O'Malley-Herde beschlagnahmt sei. Es kommt zum Kampf. Gordon O'Malley und zwei seiner drei Cowboys kommen ums Leben. Nur sein Sohn Jed O'Malley kommt davon - und schwört blutige Rache.

 

 

1

Der harte Schlag eines Gewehrkolbens ließ Gordon O'Malley zurücktaumeln und einen Augenblick später zu Boden gehen.

Der Schlag war völlig unvermutet gekommen und hatte den Rancher voll erwischt. Jetzt drehte sich alles vor seinen Augen.

Er lag im Staub und versuchte, sich aufzurichten, während das arrogante, hässlich grinsende Gesicht eines Blaurocks auf ihn herabblickte. Gordon drehte ein wenig den Kopf und sah dann aus den Augenwinkeln heraus, wie eine Hand zum Revolver griff.

Es war sein Sohn Jed.

"Nein, Jed! Lass das Eisen stecken!", beschwor der Rancher ihn. Und dann wandte Gordon sich an seine drei Cowboys, die etwas abseits standen und deren Hände ebenfalls an den Revolvergriffen waren. "Für euch gilt das auch!", stellte Gordon klar.

Der Rancher war kein Mann, der sich gerne etwas gefallen ließ, aber gegen diese Kolonne von Army-Kavalleristen die Revolver zu ziehen, war Selbstmord.

Gordons Blick hing an seinem Sohn.

Jed O'Malley schluckte. Er war fünfundzwanzig, hochgewachsen und hellhaarig. In seinem Gesicht zuckte es kurz. Die Wut stand ihm im Gesicht geschrieben, aber er behielt kühlen Kopf. Die Muskeln und Sehnen seines Körpers entspannten sich dann. Der 45er Revolver, den er tiefgeschnallt an der Seite trug, blieb an seinem Ort.

Indessen war Gordon wieder auf den Beinen.

Der Blaurock sah den Rancher mit einem gemeinen Grinsen um die Lippen an.

"Na, vernünftig geworden, Kuhtreiber?", versetzte er schneidend. "Besser du machst hier keine Schwierigkeiten, sonst müssen wir andere Saiten aufziehen..."

Aber der Uniformierte kam nicht mehr dazu fortzufahren.

Gordon O'Malley hatte blitzartig seine Faust vorschnellen lassen und sie mitten in das Gesicht des Soldaten sausen lassen. Es gab einen dumpfen Laut.

Für den Bruchteil einer Sekunde stand der Blaurock mit seinem Repetiergewehr in der Hand da, dann schwankte er und krachte zu Boden.

"Das war sehr unklug!", schnitt eine andere Stimme wie ein Messer durch die Stille, die darauf folgte.

Sie gehörte einem Mann, der seiner Uniform nach ein Major war und diese Schwadron von Blauröcken befehligte.

Gordon zuckte die Schultern.

"Das war ich diesem Hund schuldig!", erklärte er grimmig.

Der Major lachte hässlich.

Er war ein Mann mit grauen Haaren, dessen dunkle Augen böse funkelten. Seine Wangen waren von einem unregelmäßigen Stoppelbart bedeckt und seine Uniform hatte einen schlechten Sitz. Der Major schob sich den Hut nach hinten und sagte: "Es ändert nichts an den Tatsachen, Mister! Ihre Rinderherde ist hiermit beschlagnahmt und Eigentum der Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika!"

"Dazu haben Sie kein Recht!", rief Jed dazwischen.

Der Major spuckte aus.

"Junger Mann, dazu haben wir jedes Recht! Denn wir handeln im Auftrag der Regierung. Also machen Sie keine Schwierigkeiten, sonst wird es Ihnen schlecht bekommen. Wir sind mehr als zwanzig - da haben Sie mit ihren drei Cowboys keine Chance, wenn es hart auf hart geht!"

Die Chancen standen wirklich schlecht. Und die Blauröcke schienen zu allem entschlossen.

"Verdammte Yankees!", schimpfte Gordon. Er hasste die blaue Uniform. Im Bürgerkrieg hatte er gegen die Blauröcke gekämpft. Für ihn war es die Uniform der Sieger, die sich nun hier im Süden auch dementsprechend aufführten.

"Verfluchte Bastarde!", schimpfte Gordon. "Wenn wir mal Hilfe gegen die Comanchen brauchen oder wir es mit Banditen zu tun haben, denkt kein Mensch daran, Soldaten zu schicken!"

Der Major verzog das Gesicht.

"So ist das nun mal, Hombre. Besser Sie machen uns keine Schwierigkeiten mehr!" Der Major lächelte dünn und ließ dann den Blick schweifen. "Dankenswerter Weise haben Sie und Ihre Leute uns ja bereits einen Großteil der Arbeit abgenommen und die Tiere hier zusammengetrieben!"

Gordon O'Malley Gesicht war eine grimmige Maske. Die Tiere waren zum Round up zusammengetrieben worden, wo die Herde gezählt den Jungtieren die Brandzeichen gesetzt wurden.

Und diese Hunde wollten sie jetzt einfach mitnehmen...

"Haben Sie irgendetwas Schriftliches?", forderte Gordon, obwohl er ahnte, das das nicht viel Zweck hatte. Diese Blauröcke machten den Eindruck, als würden sie sich ohnehin alles nehmen, wonach sie verlangte.

"Etwas Schriftliches?", zischte der Major. "Du kannst etwas aus Blei bekommen, wenn du willst! Direkt zwischen die Augen!"

Jed wurde schon wieder unruhig. Und auch Palmer, Stuart und Ross, die drei Cowboys der O'Malley-Ranch, fragten sich, was jetzt geschehen würde. Aber der Boss blieb ruhig. Er stand einfach da. Seine Augen waren schmale Schlitze geworden.

Der Major wandte sich indessen an seine Leute. "Los, holt euch die Tiere!"

Die Männer gehorchten. Ein halbes Dutzend von ihnen blieb jedoch in der Nähe des Majors. Ihre Gewehre hielten sie auf die Leute von der O'Malley-Ranch gerichtet.

"Sie sind ein Major?", fragte Gordon O'Malley, der völlig ruhig blieb.

"Sieht man doch, oder?"

"Kommen Sie von Fort Hobbs?"

"Ja."

"Dann müssen Sie Collins sein, der Kommandant!"

"Bin ich."

"Ungewöhnlich, dass ein Major ein ganzes Fort kommandiert. Meistens ist man dann schon Colonel."

Der Major zeigte die Zähne. "Man muss mich wohl vergessen haben, als es um die Beförderungen ging..."

"Wissen Sie, was ich glaube?"

Der Major zog seinen Revolver aus dem Army-Holster, richtete die Waffe in Gordons Richtung und brannte dem Rancher dann eine Kugel kurz vor die Stiefelspitze.

"Ihre Fragerei geht mir auf die Nerven, Mister!"

"Kommt vielleicht daher, dass Sie nicht der Kommandant von Fort Hobbs sind!", versetzte Gordon. "Ich habe keine Ahnung, wie er heißt, aber Collins wohl kaum. Den Namen habe ich mir gerade ausgedacht!"

Der Major schluckte. Sein Brustkorb hob und senkte sich.

"Halt's Maul, Kuhtreiber!", zischte er.

"Ich schätze, Sie sind überhaupt kein Soldat. Weder Major, noch irgendetwas sonst - obwohl ich den Yankees ansonsten alles zu traue. Aber Sie wirken auf mich eher wie ein gewöhnlicher Bandit! Mag der Teufel wissen, wie Sie dazu kommen, diese Uniform zu tragen!"

Einen kurzen Augenblick lang geschah gar nichts.

Eine gespannte Stille hing über allem. Im Hintergrund waren die Rufe der Blauröcke zu hören, die die störrischen Longhorns anzutreiben versuchten.

Dann hob der Major blitzartig den Revolver und feuerte zweimal kurz hintereinander.

Es ging blitzschnell und keiner von Gordons Leuten war schnell genug, um etwas unternehmen zu können.

Der erste Schuss traf Gordon O'Malley im Oberkörper und ließ ihn zurücktaumeln. Die Hand des Ranchers zog den eigenen Colt noch zur Hälfte aus dem Holster heraus, aber er kam nicht mehr dazu, einen Schuss abzugeben.

Eine zweite Kugel traf Gorden mitten zischen den Augen.

Sein Körper zuckte, wurde nach hinten gerissen und schlug dann schwer auf dem Boden auf.

Gordon O'Malley war tot.

Und einen Sekundenbruchteil später brach die Hölle los!



2

Jed riss den Revolver heraus und feuerte in Richtung der Blauen. Einer der angeblichen Soldaten hatte gerade seine Winchester auf Jed angelegt.

Aber der Rancherssohn konnte den Kerl mit einem schnellen, sicheren Schuss aus dem Sattel holen. Mit einem Schrei sackte der Kerl in sich zusammen und rutschte aus dem Sattel, während sein Gaul davonstob.

Ein wahres Bleigewitter prasselte auf Jed O'Malley nieder.

Er warf sich zur Seite, spürte wie die Kugeln haarscharf an ihm vorbeizischten. Noch im Fallen schoss er einmal, kam dann hart auf dem Boden auf, rollte sich herum und sah wie rechts und links von ihm der Staub zu kleinen Fontänen hochgeschossen wurde.

Jed ließ seinen 45er loskrachen. Er suchte den Major - jenen Mann, der seinen Vater niedergeschossen hatte. Aber der Major hatte sein Pferd längst herumgerissen und es davonpreschen lassen. Er feuerte ein paar Schüsse in Jeds Richtung, die allerdings allesamt daneben gingen. Jed rollte sich erneut herum, kam wieder auf die Beine und hechtete dann hinter einen Busch, während die Schüsse über ihn hinwegpeitschten.

Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie die Cowboys der O'Malley-Ranch beschossen wurden.

Palmer sank schreiend zu Boden und Stuart hatte sich hinter den Pferdewagen gerettet, auf dem die O'Malley-Mannschaft Verpflegung, Brandeisen und andere Utensilien zum Round up mitgeführt hatten.

Stuarts Revolver war leergeschossen. Er griff sich eines der Winchester-Gewehre, die im Wagen lagen und holte einem der Blauröcke damit den Gaul unter dem Hintern weg.

Von Ross, dem dritten Cowboy der O'Malley-Ranch, konnte Jed im Augenblick nichts sehen.

Mit fieberhafter Eile lud er seinen Revolver nach, während Stuart vom Wagen aus Schuss um Schuss in Richtung der Blauröcke abgab.

Dann tauchte Jed aus seiner Deckung hervor und schoss ebenfalls zweimal kurz hintereinander. Einen der Kerle erwischte er, dann musste er sich wieder platt an den Boden pressen, denn mit unglaublicher Wut hagelte eine Salve aus einem Dutzend Winchester-Gewehren in seine Richtung. Die Äste des Strauch, hinter dem er sich befand, splitterten auseinander. Die Geschosse pfiffen dicht über ihn hinweg oder schlugen rechts und links von ihm in den Boden ein.

Es war die Hölle.

Ein Schrei gellte dann durch die Luft.

Jed rollte sich am Boden herum und drehte sich zur Seite, so dass er sehen konnte, was geschehen war.

"Ross!", kam es über Jeds Lippen, aber der Lärm der Schießerei verschluckte seinen Ruf.

Es hatte Ross erwischt.

Er hatte offenbar versucht, sich hinter einem kleinen Erdhügel in Sicherheit zu bringen, aber bevor er Deckung gefunden hatte, war er getroffen worden.

Sein Bein war rot von Blut.

Einer der Blauröcke legte auf ihn an und jagte ihm auch noch eine Kugel in die Schulter. Verzweifelt versuchte Ross, sich zu wehren, aber sein Revolver war leergeschossen. Bevor der Blaurock jedoch ein weiteres Mal feuern konnte, war Jed aufgesprungen, hatte blitzschnell gezielt und seinen Colt loskrachen lassen.

Er traf den Blaurock am Waffenarm.

Mit einem Fluch auf den Lippen ließ dieser sein Eisen sinken und preschte davon.

"Ziehen wir ab, Männer, wir haben was wir wollen!", hörte Jed die heisere Stimme des Majors rufen.

Ein Donnern ließ jetzt die Erde erzittern.

Die Rinder hatten sich in Bewegung gesetzt. Die Schießerei hatte sie halb wahnsinnig gemacht und die Blauröcke waren nicht unbedingt erfahrene Treiber. Und so lief die Herde auch nicht in die Richtung, in die die Blauen es gerne gehabt hätten.

Wie bei einer Stampede trampelte die Herde los und die blau Uniformierten jagten hinter und zwischen ihnen her.

Jed blickte zu Ross hinüber, der noch immer verletzt am Boden lag. Ross kroch ein paar Schritte vorwärts und Jed zögerte nicht eine Sekunde. Er rannte ein Stück in Richtung des Cowboy, um ihn zu retten, denn die Rinder würden ihn buchstäblich in den Boden stampfen. Aber die ersten Longhorns stürmten schon dicht an Jed vorbei und man musste höllisch aufpassen, nicht von einem der Tiere auf die langen Hörner genommen und herumgeschleudert zu werden.

Dann war es aus.

Geschossen wurde jetzt nicht mehr.

Auch die Blauröcke hatten alle Hände voll zu tun, den Rindern nicht in die Quere zu kommen. Die Herde war wie ein reißender, unaufhaltsamer Strom. Sich ihm entgegenzustellen bedeutete einen grausamen Tod.

Staub wurde aufgewirbelt und hüllte alles wie ein Nebel ein. Jed hustete und zog sich das Halstuch vor den Mund.

Eines der gesattelten Pferde, die herrenlos in diesem Chaos herumirrten preschte in Jeds Richtung und er wusste, dass dies seine Chance war.

Er stellte sich dem Gaul in den Weg.

Als das Tier heran war, klammerte er sich an dessen Hals, schwang sich halb hinauf auf den Rücken und packte es bei den Nüstern. Es beruhigte sich immerhin so weit, dass es sich wieder reiten ließ. Jed riss die Zügel herum und lenkte den Gaul dorthin, wo Ross lag.

Ein Pulk von gut einem Dutzend Longhorns donnerte direkt auf den am Boden liegenden zu. Jed wusste, dass es lebensgefährlich war, was er tat. Aber wenn er nichts unternahm, dann war Ross dem Tod geweiht.

Auch wenn die Chance nur minimal war - Jed versuchte es. Er trieb das Pferd mit den Sporen brutal voran. Das Tier scheute. Es spürte die Gefahr. Aber Jed konnte ihm dennoch seinen Willen aufzwingen.

In vollem Galopp kam er auf Ross zugeritten, der bleich vor Schmerz und Schrecken im Staub lag.

"Nein! Tu es nicht!", krächzte dieser.

Aber Jed ließ sich nicht beirren. Es gab kein Zurück.

"Den Arm!", schrie er.

Und Ross begriff.

Um Haaresbreite jagte Jed O'Malley neben dem am Boden liegenden her.

Die scharfen Hufe des Pferdes schlugen nur wenige Zentimeter an Ross vorbei.

Ross hielt seine Hand in die Höhe und richtete sich auf, soweit er konnte.

Und Jed packte ihn.

Er hing seitwärts am Sattel und hielt Ross am Handgelenk. Ihn in dieser Lage in den Sattel hinaufzuziehen war unmöglich. Jed schleifte ihn einfach einige Dutzend Yards hinter sich her, während dort, wo Ross gerade noch im Staub gelegen hatte, das dünne Gras bereits von den donnernden Hufen der Longhorns untergepflügt wurde.

Jed zügelte sein Pferd.

Der Hauptstrom der Herde stampfte an ihnen vorbei.

Ungefährlich war es trotzdem nicht, denn immer wieder kamen Ausreißer vorbei.

Aber Jed glaubte, sich jetzt um den Verletzten kümmern zu können. Er sprang aus dem Sattel, hielt den Gaul aber nach wie vor am Zügel. Das Tier sollte ihm nicht in heller Panik davonpreschen.

Bevor Jed sich um Ross kümmern konnte, hörte er ein furchtbares Geräusch...

Es war das Brechen und Splittern von Holz. Die Rinder hatten den Wagen einfach überrannt. Ein Schrei war zu hören.

Ein gellender, verzweifelter Todesschrei und wenn nicht alles täuschte, dann musste das Stuart sein, der dort die Stellung gehalten hatte.

Jed schluckte.

Viel zu sehen war nicht und das war gut so. Der aufgewirbelte Staub hüllte alles ein und verhinderte einen Blick auf Stuarts grausamen Tod.

Einen Augenaufschlag lang stand Jed wie gelähmt da, dann besann er sich und beugte sich zu Ross hinab.

"Es hat mich übel erwischt, Jed! Verdammt übel!" Die Stimme des Cowboys war nicht viel mehr als ein heiseres Krächzen.

Und nach kurzer Pause fuhr er fort: "Bring du dich in Sicherheit, Jed!"

"Ich werde dich nicht zurücklassen!", sagte Jed entschlossen und packte Ross unter den Achseln.

Ross stöhnte auf.

Das ganze Bein war rot. Und die Wunde an der Schulter war auch nicht ohne.

"Ich kann nicht...", rief Ross. "Mein Bein..."

Jed packte ihn und versuchte, Ross in den Sattel zu hieven. Beim zweiten Versuch klappte es. Dann schwang Jed sich dahinter.

Er drückte dem Pferd in die Weichen, so dass es sofort lospreschte. Aus dem Staub heraus tauchten einige wütende Bullen auf, vor deren Mäulern Schaum stand. Jed riss das Pferd herum und wich den stur ihre Richtung behaltenden Tieren aus.

Es ging um kaum mehr als eine Handbreit, die zwischen den Hörnern und dem Bauch des Pferdes lag...

Ross stöhnte und sackte nach vorne. Jed musste ihn mit dem linken Arm festhalten, so dass er nicht vorwärts aus dem Sattel rutschte.

Jed ließ den Gaul etwas langsamer laufen. Der Staubnebel wurde weniger dicht und dann tauchte wie aus dem Nichts plötzlich einer der Blauröcke auf.

Der Uniformierte zögerte nicht eine Sekunde.

Die Winchester hielt er bereits in den Händen. Blitzschnell hatte er die Waffe durchgeladen und legte sie an und Jed wusste, dass er nicht schnell genug sein konnte, wenn er jetzt den Colt aus dem Holster riss.

Er griff dennoch zur Hüfte, ließ die Waffe aber stecken und bog sie samt Lederholster in die Richtung seines Gegners. Nur den Bruchteil einer Sekunde später krachte bereits sein Schuss los und erwischte den Uniformierten Army-Reiter am Bein.

Auch der Blaurock schoss. Seine Winchester bellte fast im selben Moment auf und Jed konnte das Mündungsfeuer blitzen sehen.

Aber der Schuss ging dicht vor Jeds Gaul in den Boden, denn ein Ruck hatte den Blaurock erfasst. Die Kugel, die ihn am Bein erwischt hatte, war bis in den Pferdeleib durchgegangen und ließ das Tier zusammenbrechen Während der Uniformierte alle Mühe hatte, bei dem Sturz nicht von seinem Pferd begraben zu werden, riss Jed die Zügel herum und preschte davon.

Einigen wilden Rindern musste er noch ausweichen, dann erreichte er schließlich eine Anhöhe, auf der er und Ross wohl verhältnismäßig sicher waren.

Jed atmete tief durch.

"Ross?", fragte er, denn der Cowboy rührte sich nicht mehr und hing schlaff in den den Armen des jungen O'Malley-Sohns.

Jed fasste Ross an den Hals und suchte den Puls. Das Herz schlug noch, aber viel Leben war nicht mehr in dem Verletzten.

Wenn er noch eine Chance haben sollte, dann musste so schnell wie möglich ein Arzt nach ihm sehen. Ross hatte viel Blut verloren und auch Jeds Sachen waren schon ganz davon besudelt.

Jed wandte sich im Sattel herum und blickte grimmig auf die davonpreschende Herde.

Die Herde donnerte gen Westen in Richtung des Rio Pecos.

Westlich des Pecos gab es kein Gesetz mehr und vielleicht war dort sogar das Ziel dieser merkwürdigen Bande von Uniformierten. Fort Hobbs lag jedenfalls genau in entgegengesetzter Richtung...

Nie und nimmer waren das Soldaten der US-Kavallerie - so schlecht die Meinung seines Vaters über die auch gewesen sein mochte!

Es waren Viehdiebe und Mörder - mochten sie eine Uniform tragen oder nicht.

"Verfluchte Hunde!", knirschte Jed O'Malley zwischen den Zähnen hindurch, als er die Blauröcke mitsamt der Herde davonziehen sah.

Jeds Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten.

Im Moment konnte er nichts tun, aber das letzte Wort in dieser Sache war noch nicht gesprochen...



3

Als Jed die O'Malley-Ranch erreichte, kamen ihm zwei Frauen entgegen. Die ältere war Laura O'Malley, seine Mutter, die jüngere hieß Beth, trug eine praktische Drillich-Hose und ein Männerhemd und war Jeds jüngere Schwester.

Gerade achtzehn war sie und selbst die unförmige Kleidung konnte ihre Schönheit nicht verbergen.

"Jed!", rief Laura O'Malley bestürzt, als ihr Blick auf den blutenden Ross fiel. "Mein Gott, was ist passiert?"

"Ich werde es dir gleich erzählen", sagte er düster.

"Wo sind dein Vater und die anderen?"

Jed sprang aus dem Sattel und packte sogleich wieder zu, damit Ross nicht herunterrutschte.

Er nahm den Verletzten auf den Rücken und schleppte ihn in Richtung des Ranchhauses.

Und dabei wandte er sich an Beth. "Setz dich auf den Gaul hier und reite zu Doc McCooney!"

"Aber..."

"Schnell! Es geht um Ross' Leben!"

Beth nickte. Sie nahm die Zügel des Pferdes, schwang sich hinauf und ließ das Tier lospreschen. Beth war eine hervorragende Reiterin. Sie würde genauso schnell beim Doc sein, wie einer der Cowboys.

Die nächste Stadt war Brownwell, aber der Doc brauchte für seine Praxis ein großes Haus und so hatte er sich nicht in der Stadt, sondern in einer nahegelegenen Ranch eingerichtet, die vor Jahren aufgegeben worden war.

Es dauerte nicht lange und Beth war hinter der nächsten Hügelkette verschwunden. Jed ging indessen ins Haus. Seine Mutter hatte die Tür vor ihm geöffnet.

"Wo willst du ihn hinlegen, Jed?"

"In mein Zimmer!"

Einen Augenblick später legte Jed den Verletzten vorsichtig auf sein Bett.

Ross' Atem war flach.

"Ich werde heißes Wasser machen", sagte Laura O'Malley und wandte sich zum Gehen.

Jed hielt sie am Arm.

"Warte, Ma."

"Was ist noch?"

"Sie sind alle tot, Ma. Dad, Stuart, Palmer..."

Laura stand wie zur Salzsäule erstarrt da und biss sich auf die Unterlippe. Ihre Augen wurden rot. "Nein...", flüsterte sie und schüttelte dann stumm den Kopf.

Sie sah Jed einen Moment lang fassungslos an und fragte dann: "Was ist passiert, Jed?"

Jed stockte.

Als er schließlich soweit war, darüber sprechen zu können, berichtete er in knappen Worten, was sich beim Round up zugetragen hatte.

"Kaltblütige Killer waren das!", knurrte Jed grimmig. "Ein Menschenleben war ihnen völlig gleichgültig!"

"Glaubst du, dass es wirklich Soldaten waren?"

"Sie trugen die blaue Uniform, das ist alles was ich weiß. Und dass sie mit der Herde in Richtung Westen gezogen sind. Aber sie werden für das bezahlen, was sie getan haben, Ma! So wahr ich hier stehe!"

Laura nahm die Hände vor das Gesicht und schwieg einen Moment.Dann ging sie wortlos hinaus in die Küche, um heißes Wasser zu machen.

Sie war eine Frau, die soeben alles verloren hatte. Den Mann, die Herde... Sie stand buchstäblich vor dem Nichts.

Aber sie behielt die Fassung. Das Leben an der Seite eines Ranchers hatte sie äußerlich hart werden lassen. Aber in ihrem Inneren brach eine Welt zusammen.



4

Beth kam mit Doc McCooney zurück.

Sie hatte Glück gehabt, ihn in seiner Praxis anzutreffen.

Wenig später hätte er sich auf den Weg gemacht, um Krankenbesuche zu erledigen.

"Ich hoffe, ich komme noch rechtzeitig", meinte der Doc, als er ins Haus trat.

Laura führte ihn wortlos zu dem Verletzten und berichtete in knappen Worten, was draußen beim Round up geschehen war.

Für Beth war das ein harter Schlag.

Aber sie nahm sich zusammen, wie ihre Mutter.

Ein Menschenleben konnte schließlich noch gerettet werden, auch wenn das natürlich kein Trost sein konnte.

Es wurde kaum etwas gesagt, der Doc und Laura wussten auch ohne Worte, was zu tun war. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass auf dieser Ranch eine Kugel herausoperiert werden musste.

Der Doc holte die Kugeln aus Bein und Schulter. Den Rest musste Ross selbst schaffen.

"Wird er durchkommen?", fragte Laura.

Der Doc wollte sich nicht festlegen. Er stand vor einer Schüssel und wusch sich die Hände. Als er sich abtrocknete, sagte er: "Was jetzt geschieht, habe ich nicht mehr in der Hand, Mrs. O'Malley... Aber ich habe getan, was ich konnte. Das können Sie mir glauben."

"Daran habe ich nie gezweifelt, Doc!"

Jed hatte sich inzwischen frische Kleidung angezogen. Dann war er hinausgegangen, um sich ein Pferd zu satteln und jetzt legte er seine Winchester und ein Paar Satteltaschen auf den hölzernen Küchentisch.

Er steckte sich gerade etwas Munition in die Westentasche, als die anderen aus dem Krankenzimmer heraustraten.

"Jedediah!", rief Laura O'Malley und Jed drehte sich daraufhin sofort um. Jedediah - die vollständige Form seines Namens benutzte sie immer nur, wenn es ihr sehr ernst war.

Und das war nicht oft der Fall.

Jed packte die letzten Sachen zusammen, steckte ein paar Lebensmittel in die Satteltaschen und hängte sie sich dann über die Schultern. Dann packte er die Winchester.

"Was hast du vor, Junge?"

"Ich werde die Bande verfolgen - ob diese Kerle nun Uniformen tragen oder nicht!"

"Jed!"

"Versuch nicht, mich davon abzuhalten, Ma! Es ist zwecklos!"

"Du kannst doch unmöglich versuchen, es mit einer solchen Meute aufzunehmen..."

"Ich kann schon, Ma. Und wenn ich es nicht mache - wer wird es dann tun?"

"Jed..."

"Oder findest du es richtig, wenn diese Hunde davonkommen? Es sind Mörder, Ma! Feige Mörder!"

Jetzt mischte sich der Doc ein.

"Ich verstehe dich, Jed!", sagte er. "Aber du solltest zum Sheriff gehen! Tom Kane wird dir helfen und ein Aufgebot zusammenstellen!"

"Wenn es gegen Uniformierte geht? Wohl kaum!"

"Auch die Blauröcke müssen sich an die Gesetze halten!"

Jed machte eine wegwerfende Geste.

"Bis Tom etwas unternehmen kann sind dieser dubiose Major und seine Leute doch über alle Berge! Ist doch klar, was sie wollen! Richtung Mexiko und dort die Herde verkaufen. Dort fragt kein Mensch danach, was für ein Brandzeichen ein Longhorn-Rind trägt!" Jed atmete tief durch. Dann sagte er noch.

"Ihr solltet mir Glück wünschen..."

Damit wandte er sich zum Gehen.

"Jed! Es ist Wahnsinn!"

Jed wandte sich an den Doc und bedachte ihn mit einem nachdenklichen Blick.

"Wenn Sie Slater sehen..."

"Den Totengräber? Ich fahre heute noch zu ihm 'raus. Wegen seiner Frau."

"Sagen Sie ihm, dass er sich um die Toten draußen auf der Weide kümmern soll..."

Der Doc nickte und erwiderte: "Das werde ich tun. Aber Sie sollten sich nochmal überlegen, was Sie tun..."

"Das weiß ich sehr genau, Doc!", erwiderte Jed mit einem Tonfall der Entschlossenheit ausdrückte.

"Jed!" Das war Laura O'Malley, die einen letzten Versuch unternahm, ihren Sohn umzustimmen. Aber sie schien zu ahnen, dass sie keinen Erfolg haben würde. "Jed, ich will nicht auch noch dich verlieren!"

Jed lächelte matt. "Das wirst du auch nicht, Ma!"

Er ging hinaus und die anderen folgten ihm. Mit schnellen, sicheren Bewegungen befestigte er die Satteltaschen, schob die Winchester ins Futteral und schwang sich dann in den Sattel. Einen kurzen Blick sandte Jed O'Malley noch zurück, dann riss er das Pferd herum und ließ es über das ebene Grasland preschen. Laura O'Malley atmete tief durch.

"Viel Glück, Jedediah", murmelte sie vor sich hin.



5

Jed ritt auf direktem Weg zurück an den Ort jenes furchtbaren Geschehens, das seinen Vater und zwei seiner Cowboys das Leben gekostet hatte. Aber auch einige der Blauröcke lagen im Staub. Ihre Kameraden hatten sich nicht die Mühe gemacht, die Toten mitzunehmen. Nur an die Pferde, da hatten sie offenbar gedacht, denn von denen war weit und breit nichts zu sehen.

Als Jed seinen toten Vater im Gras liegen sah, stieg er vom Pferd und beugte sich nieder. Er schloss ihm die Augen.

Ein kurzer Fluch ging über seine Lippen, dann erhob er sich wieder und setzte seinen Fuß in den Steigbügel.

Dies war ein Ort des Grauens - besonders jene Stelle, an der Stuart von den Longhorns samt des Pferdewagens überrannt und in den Prärieboden gestampft worden war.

Aber es war notwendig, hierher zurückzukehren. Es gab keinen Weg daran vorbei, denn von hier aus musste Jed O'Malley die Spur der Blauröcke aufnehmen.

Jed ließ seinen Braunen in gemäßigtem Tempo über das sich endlos vor ihm ausbreitende Brassada Land galoppieren. Es war nicht schwer, der Spur der Herde zu folgen. Sie war einfach nicht zu übersehen.

Ich werde sie kriegen!, ging es Jed durch den Kopf. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher. Wenn die Blauröcke wirklich in Richtung Rio Pecos weiterzogen, wie es jetzt den Anschein hatte, dann würde Jed sie spätestens einholen, sobald sie mit der Herde den Fluss erreicht hatten. Es gab nur ganz bestimmte Stellen, an denen man mit einer Rinderherde den Pecos überschreiten konnte. Und Jed kannte sie alle.

Und dann, wenn er sie aufgespürt hatte?

Jed hatte sich noch keine Gedanken darüber gemacht. Aber er würde den Mann, der sich mit der Uniform eines Majors schmückte, nicht einfach so nach Mexiko entkommen lassen, das hatte er sich geschworen.

Der Major war ein Mörder - und dafür hatte er zu bezahlen!

Jed blinzelte zum Horizont. Die Sonne stand schon recht tief und war milchig geworden.

Es war später Nachmittag.

Ein paar Stunden noch, dann würde die Dunkelheit über die Brassada hereinbrechen.



6

Tom Kane, der Sheriff von Brownwell, Texas, war ein grauer, hagerer Wolf mit wettergegerbtem Gesicht und breiten Schultern. Seine himmelblauen Augen wirkten wach und machten den Eindruck, als könnte ihnen nichts entgehen.

Er verließ gerade sein Office, um die wenigen Meter zum Dead Comanche-Saloon zurückzulegen, wo er sein Abendessen einnehmen wollte. Da sah er eine wilde Reiterin die Main Street entlangpreschen.

Kane kannte sie.

Es war Beth O'Malley und sie kam daher, als ob ihr buchstäblich der Teufel auf den Fersen war. Als sie Tom Kane erreicht hatte, zügelte sie das Pferd und ließ sich aus dem Sattel gleiten.

"Sheriff!"

Kane runzelte die Stirn und blieb stehen.

"Was ist denn los, Beth?"

Er kannte die junge Frau schon seit ihrer Geburt. Aber so wie jetzt hatte er sie in all den Jahren noch nie erlebt.

Beth rang nach Luft und dann berichtete sie in knappen Worten, was geschehen war.

"Eine Kolonne von US-Kavalleristen?", fragte Tom Kane zurück.

Beth nickte.

"Das hat Jed gesagt. Und jetzt ist er auf eigene Faust hinter ihnen her! Aber das ist doch Selbstmord!"

Über Kanes Gesicht fiel ein Schatten. Er nickte leicht und sagte dann: "Vor einiger Zeit ist ein Transport nach Fort Hobbs überfallen worden. Die Banditen vermuteten wohl die Regimentskasse, waren aber falsch informiert. Stattdessen ist ihnen eine Ladung Uniformen in die Hände gefallen..."

"Und Sie meinen, dass diese Bande hinter dem Überfall steckt?", fragte Beth zurück.

Kane zuckte die Achseln.

"Wenn es so ist, dann haben wir es mit Leuten zu tun, die kein Pardon kennen..."

Beth fasste den Sheriff bei den Armen und beschwor ihn: "Sie müssen etwas tun, Sheriff!"

"Soll ich Jed zurückholen?"

"Vielleicht hört er auf Sie! Er rennt doch in den Tod!"

"Ich werde einen Suchtrupp zusammenstellen!", versprach Kane. "Hat Jed gesagt, wohin die Bande geritten ist?"

"Richtung Rio Pecos!"

Kane verzog grimmig das Gesicht.

"Auf geradem Weg nach El Paso, nicht wahr?", knurrte er.

"Aber sie werden Probleme bekommen, die Rinder über den Fluss zu bringen..."

"Wenn Sie einen Trupp zusammenstellen, werde ich auch dabei sein!", erklärte Beth.

"Was?"

Kane schien der Gedanke nicht zu gefallen.

"Ich kann mit einer Winchester umgehen, wenn es hart auf hart geht. Das wissen Sie so gut wie ich, Sheriff! Außerdem ist Jed mein Bruder..."

"Ich will mit dir nicht streiten, Beth", brummte Kane.

Nicht mehr lange und es würde dunkel werden. Jetzt musste es schnell gehen.



7

Der Schrei eines Geiers durchschnitt die Stille. Jed O'Malley schob sich den Hut in den Nacken und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Ein paar einsame Felsmassive ragten schroff aus der Ebene heraus. Davor befand sich eine Gruppe knorriger und halb verdorrter Bäume und eine fast ausgetrocknete Wasserstelle.

Und dann sah Jed, worauf es die Geier abgesehen hatten.

Da lagen ein paar Rinder auf dem Boden verstreut. Kälber zumeist, aber auch ausgewachsene Tiere. Sie waren von der Herde niedergetrampelt worden.

Als Jed die Tiere erreichte, sah er, dass eines der Longhorns sich noch rührte.

Jed ließ sich aus dem Sattel gleiten, griff zum Holster und jagte dem Tier mit dem 45er eine Kugel ins Genick.

Dann führte er sein Pferd zur Wasserstelle und ließ es trinken. Er selbst beugte sich nieder und füllte seine Feldflasche auf.

Ein Geräusch ließ Jed erstarren.

Es war das Geräusch eines Winchester-Gewehrs, das durchgeladen wird...

Der Instinkt sagte Jed, dass der Kerl, der da auf ihn angelegt hatte, nicht lange fackeln und sofort abdrücken würde.

Und er hatte recht damit.

Jed warf sich zur Seite, während der Schuss dicht an ihm vorbeistrich und das Wasser zu einer kleinen Fontäne aufsteigen ließ. Er rollte sich auf dem Boden herum und riss den Colt heraus. Auf gut Glück feuerte er einen Schuss in die Richtung, aus der man ihn angegriffen hatte, aber er konnte niemanden sehen.

Von irgendwo zwischen den Felsen war der Schuss gekommen, aber der Schütze dachte gar nicht daran, sich zu zeigen.

Ein zweiter Schuss krachte und sirrte dicht über den am Boden liegenden Jed hinweg.

Jed sprang auf, kam auf die Beine und hechtete sich hinter eine der dicken, knorrigen Baumwurzeln.

Dort hatte er immerhin etwas Deckung.

Aber von seinem Gegner war nach wie vor nichts zu sehen.

Jed lag mit dem Revolver in der Hand da und rührte sich nicht. Er wartete. Irgendjemand lauerte da zwischen den Felsen auf ihn und wollte unbedingt seinen Tod. Warum auch immer.

Jed setzte seinen Hut ab und riskierte einen Blick.

Er sah eine Bewegung, irgendwo auf der anderen Seite. Und kaum war Jed wieder hinuntergetaucht, peitschte auch schon ein Schuss über ihn hinweg.

Die Kugel kratzte an dem trockenen Holz des knorrigen Baumes entlang und ließ es splittern.

Es ist nur einer!, ging es Jed durch den Kopf.

Er wartete einen Moment und tauchte dann noch einmal kurz hinter seiner Deckung hervor. Zwei Schüsse kurz hintereinander schickte er in jene Richtung, wo er den Angreifer zuletzt gesehen hatte.

Hinter einem der Felsen krachte dann ein Schuss hervor.

Insgesamt dreimal schoss der Angreifer.

Ein dumpfer, unterdrückter Schrei ging über Jeds Lippen.

Er sank zurück in seine Deckung, blieb dort auf dem Bauch liegen und rührte sich nicht mehr.



8

Eine ganze Weile lang geschah gar nichts. Der Mann, der sich bei den Felsen verschanzt hatte, wartete ab. Er trug die blaue Uniform der US-Kavallerie, aber er war kein Soldat.

Und an der rechten Seite hatte seine Uniformjacke einen langsam immer größer werdenden dunkelroten Fleck.

Blut!

Eine Schussverletzung.

Innerlich verfluchte er die Longhorn-Treiber, die ihnen soviel Schwierigkeiten gemacht hatten. Jetzt waren fast alle von ihnen tot, aber auch die Angreifer waren nicht ungeschoren davongekommen.

Aber noch mehr als die Ranch-Mannschaft, die sich gegen die blauuniformierten Viehdiebe gewehrt hatte, verfluchte er seine eigenen Leute.

"Er schafft es nicht!", hatten sie gesagt und ihn zurückgelassen. Noch nicht einmal ein Pferd hatten sie ihm dagelassen. "Das lohnt sich nicht!", hatte der Boss gesagt, der sich immer mehr benahm, als wäre er ein wirklicher Major.

Der Uniformierte fluchte leise vor sich hin.

Er konnte von Glück sagen, dass man ihm wenigstens seine Waffen gelassen hatte, so dass er sich zumindest gegen die Geier wehren konnte, wenn sie zu aufdringlich wurden und seinen Tod nicht abwarten konnten.

Und jetzt war dieser Reiter gekommen! Der Himmel musste ihn geschickt haben! Er brachte ein Pferd mit, dass einen hervorragenden Eindruck machte und zudem glaubte der Uniformierte ihn wiedererkannt zu haben.

Der Kerl gehörte zu der Ranch-Mannschaft, die dafür verantwortlich war, dass er eine Kugel im Körper stecken hatte...

Der Uniformierte atmete tief durch.

Die Wunde tat höllisch weh.

Ich habe ihn erwischt!, dachte er. Warum noch länger warten? Am Ende ging ihm noch der Gaul durch die Lappen. Und in seiner gegenwärtigen Verfassung war der Mann nicht in der Lage, zu einem Spurt anzusetzen, um das Tier bei den Zügeln zu fassen.

Der Mann kam aus seiner Deckung heraus. Er ging langsam und fühlte sich scheußlich. Viel Kraft war nicht mehr in ihm und er hatte schon geglaubt, dass es mit ihm zu Ende ging.

Aber jetzt schöpfte er neue Hoffnung.

Er wankte zu der Baumgruppe hin, wo er seinen Gegner zuletzt gesehen hatte.

Und dann erblickte er ihn, bäuchlings auf dem Boden liegend.

Er rührte sich nicht.

Gute Arbeit!, dachte der Uniformierte und trat neben den am Boden liegenden. Er stieß ihn mit dem Stiefel in die Seite.

Nichts.

Um den Kerl herumzudrehen, hatte der Uniformierte nicht genug Kraft. Aber er wollte dennoch auf Nummer sicher gehen und so lud er seine Winchester durch und zielte auf das Genick des am Boden Liegenden.

"Danke für den Gaul, Bastard!"

Damit drückte er ab.



9

Blitzartig wirbelte Jed herum. Seine Linke fasste den Winchester-Lauf seines Gegenübers, der bereits abgedrückt hatte und bog ihn seitwärts.

Der Schuss ging in den Boden.

Mit der Rechten hielt Jed seinen 45er Colt auf den Uniformierten gerichtet.

Er verzog das Gesicht.

"Toter Mann gespielt, was?"

Jed nickte.

Es war seine einzige Chance gewesen, aus dieser Mausefalle herauszukommen, in die er hineingeraten war. Jed rappelte sich hoch und schleuderte die Winchester des Blaurocks einige Meter weiter.

Dann trat er zu dem Mann hin und zog ihm den Revolver aus dem Army-Holster an seiner Seite.

Der Uniformierte lehnte sich an einen der knorrigen Bäume und rutschte an diesem zu Boden.

Jed sah ihn an.

"Hat dich böse erwischt, was?"

"Ja."

"Du gehörst zu den Leuten, die meinen Vater erschossen haben!", stellte Jed kalt fest.

In dem Gesicht des Blaurocks zuckte es.

"Was hast du vor?", fragte er dann.

Aber Jed dachte gar nicht daran, darauf zu antworten.

"Feine Freunde hast du", stellte er fest. "Die haben dich einfach hier zurückgelassen und dir sogar dein Pferd weggenommen! Ihr seid keine Soldaten, nicht wahr?"

"Nein."

"Wer ist euer Boss - der Major?"

Der Mann schwieg.

Seine dunklen Augen hatten jeden Glanz verloren. Es war nicht mehr viel Leben in ihm.

Jed O'Malley sah sich die Wunde des Blaurocks an.

"Hör zu", sagte Jed dann nach einer kurzen Pause. "Du wirst es nicht mehr schaffen. Und wenn der nächste Doc nur eine Meile entfernt wäre. Es ist zu spät. Aber du könntest mir helfen und dich damit an den Männern rächen, die dich hier zurückgelassen haben!"

Er überlegte einen Augenblick. Dann nickte er. Er schien tatsächlich zu begreifen.

"Der Major... Er heißt eigentlich Barry Walton..."

"Wo wolltet ihr hin?"

"Nach El Paso."

"Über den Rio Pecos!"

"Ja!"

"An welcher Stelle wollen deine Freunde mit den Longhorns über den Fluss gehen?"

"Keine Ahnung! Ich kenne mich nicht aus mit Rindern!"

"Denk nach!"

"Es ist die Wahrheit! Walton entscheidet immer alles alleine! Er ist der Boss und weiß als einziger über alle Einzelheiten Bescheid!" Er rang nach Luft und presste die Hände an die Wunde.

Indessen kreischte einer der Geier.

"Okay", murmelte Jed.

"Hast du... Whisky?", krächzte der Uniformierte.

Jed überlegte kurz, dann nickte er. Er hatte eine kleine Flasche in den Satteltaschen - weniger zum Trinken als dazu, eine Wunde zu versorgen.

"Ich hol dir was!", sagte er.

Jed wandte sich zum Gehen, aber hatte sich noch nicht halb herum gedreht, da nahm er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung war.

Der Blaurock hatte blitzschnell einen Derringer aus seiner Uniformjacke herausgefingert und auf Jed gerichtet.

Der Kerl ließ Jed O'Malley keine andere Wahl, als zum Colt zu greifen.

Die beiden Männer schossen fast gleichzeitig, aber Jed war um den Bruchteil einer Sekunde schneller. Sein Schuss traf den Blaurock mitten in der Stirn und riss ihn zurück, so dass dessen Schuss ins Nichts ging.

Mit starren Augen und völlig reglos saß der Uniformierte gegen den knorrigen Baum gelehnt da.

Jed steckte den Revolver ein und ging zu seinem Pferd. Mit einer schwungvollen Bewegung zog er sich hinauf in den Sattel. Einen kurzen Blick noch wandte er zurück zu dem Toten, dann drückte er dem Tier seine Hacken in die Weichen, so dass es voranpreschte.

Ein Name ging ihm dabei im Kopf herum.

Walton!

Er würde diesen Walton finden, und wenn er dafür bis ans Ende der Welt reiten musste!



10

Die Dämmerung legte sich grau über das Land und als Jed O'Malley endlich den Rio Pecos erreichte, war es schon ziemlich dunkel.

Der Vollmond stand fahl am Himmel.

Jed hatte keine Schwierigkeiten, der Spur der Walton-Bande weiter zu folgen.

Sie waren entlang des Flusses nach Süden unterwegs. Jed brauchte also nur dem Rio Pecos zu folgen. Die nächste Stelle, an der man eine Rinderherde durch den Fluss treiben konnte, lag einige Meilen südlich.

Zumindest bis dahin mussten der falsche Major und seine Leute auf dieser Seite des Flusses bleiben. Vorausgesetzt natürlich, die Blauröcke kannten diese Stelle überhaupt.

Vorher die Rinder auf die andere Seite zu bringen, würde ihnen ein Großteil der Herde von der starken Strömung davonreißen.

Jed gönnte sich und seinem Gaul keine Pause. Da er von Anfang an kein übermäßig großes Tempo vorgelegt hatte, war das Tier kräftemäßig noch einigermaßen beieinander.

Und der Hass, den Jed auf Walton verspürte hätte vermutlich ohnehin verhindert, dass er hätte Schlaf finden können.

Es war schon weit nach Mitternacht, als Jed sein Pferd zügelte, weil er ein Geräusch gehört hatte.

Jed lauschte einige Augenblicke lang aufmerksam auf das, was der Wind zu ihm herübertrug.

Und das kannte er nur zu gut.

Rinder!

Jed ritt noch ein Stück weiter, dann ließ er sich aus dem Sattel gleiten, holte die Winchester aus dem Futteral und machte das Pferd an einem Strauch fest.

In geduckter Haltung und so gut wie lautlos schlich er über den grasbewachsenen Boden.

Und dann sah er schließlich die Herde.

Sie war ruhig. Sie hatten es also geschafft, die Longhorns wieder unter Kontrolle zu bringen, was gar nicht so einfach gewesen sein konnte.

Aber vielleicht waren diese falschen Kavalleristen ja auch gar nicht solche blutigen Anfänger, was Rinder anging.

Vielleicht hatten sie diese Masche ja schön öfter versucht.

Etwas abseits in Flussnähe befand sich das Lager.

Das Feuer war schon ziemlich heruntergeprasselt. Der Großteil der Männer schien zu schlafen und hatte sich in Decken gehüllt.

Nur einige Wachposten patrouillierten herum. Jed sah sie sich als dunkle Schattenrisse gegen das Licht des Lagerfeuers abheben.

Bei der Herde war auch jemand.

Jed überlegte, was er jetzt tun konnte.

Es war unmöglich, sich mit der ganzen Bande auf einmal anzulegen und dabei auch noch als Sieger aus dem Kampf hervorzugehen.

Nein, da hatte er keine Chance. Und ein Selbstmörder war Jed O'Malley nicht.

Er konnte versuchen, sich Barry Walton zu schnappen, aber solange er von einer Horde von Bewaffneten umgeben war, konnte er nicht hoffen, den Boss der Bande in die Gewalt zu bekommen, um ihn nach Brownwell zu bringen, wo er in einer Zelle auf seinen Prozess warten konnte.

Die Rinderherde - das war der wunde Punkt dieser Banditen.

Wenn die Herde wieder in Panik geriet, dann würde es ein großes Chaos geben. Und das konnte Jeds Chance sein...

Jed arbeitete sich immer weiter vor. Von einem Strauch zum anderen.

Er konnte inzwischen ganz gut beobachten, was im Lager vor sich ging. Stück um Stück arbeitete er sich in Richtung der Herde vor, die er Walton und seinen Banditen wieder abjagen wollte.

Die Tiere nachher in der Umgegend wieder einzufangen, war nicht allzu schwer, sofern man ein paar erfahrene Cowboys einstellte.

Jed tauchte gerade aus seiner Deckung hervor, da ließ ihn das Geräusch eines zurückgezogenen Revolverhahns aufhorchen.

"Nicht umdrehen!", sagte eine dunkle Stimme. "Sonst bist du ein toter Mann!"

Jed hörte Schritte.

Im nächsten Moment spürte er einen Revolverlauf in seinem Rücken.

"Was suchst du hier, bei unserer Herde?", fragte die Stimme.

Der Kerl hatte Jed offenbar noch nicht wiedererkannt.

"Ich bin auf der Durchreise", knurrte Jed.

Eine Hand griff ihm ins Revolverholster und zog ihm den 45er Colt heraus.

"Lass die Winchester fallen!"

Jed gehorchte. Es war besser so. Gegen den Lauf eines Revolvers im Rücken gab es kein Argument.

"Und was jetzt?", erkundigte sich Jed.

Sein Plan war gründlich daneben gegangen. Aber jetzt hieß es, trotz allem kühlen Kopf zu bewahren. Und wenn er großes Glück hatte, dann konnte er vielleicht sogar noch sein Leben retten...

"Wir mögen keine Herumtreiber, die bei unserer Herde umherschleichen!", zischte die Stimme. "Los, vorwärts! Und keine Tricks, sonst bist du ein toter Mann!"



11

Jed wurde mit vorgehaltenem Revolver ins Lager geführt. Von dem Mann hinter ihm hatte Jed nur aus den Augenwinkeln heraus sehen können, dass er eine blaue Uniform trug, so wie alle anderen auch, die für Walton ritten.

"Heh, Leute! Aufwachen! Seht mal, wen ich hier aufgegriffen habe!", rief der Mann, der hinter Jed stand.

Die anderen Wachposten waren indessen auch herbeigekommen und unter den Schlafenden begann sich etwas zu rühren.

Einer nach dem anderen wurde wach.

Und dann blickte Jed in das Gesicht des Mannes mit der Major-Uniform.

Walton!

Er erkannte Jed sofort und sein stoppelbärtiges Gesicht verzog sich zu einem zynischen Grinsen.

"Sie an", sagte er. "Dein Gesicht kenne ich doch! Du bist einer von diesen Ranch-Leuten, nicht wahr?"

Jed schwieg.

Einer der Männer ließ den Kolben seines Winchester-Gewehrs in Jeds Magengrube sausen. Er bekam noch einen Hieb in die Seite und fand sich einen Augenaufschlag später am Boden wieder.

Für einen kurzen Moment blieb Jed von den furchtbaren Schlägen schier die Luft weg.

Er sah ein Stiefelpaar auf sich zukommen und als er dann hochblickte waren es Waltons kalte Augen, die auf ihn herabsahen.

"Es hat keinen Sinn, uns irgendwelche Schwierigkeiten machen zu wollen", sagte er leise, aber mit einen Unterton, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte.

Walton verzog das Gesicht und setzte dann nach kurzer Pause hinzu: "Er ist es, ich erkenne ihn wieder!"

"Machen wir kurzen Prozess!", rief einer der Männer, dessen hervorstechendstes Merkmal ein buschiger, dunkler Schnauzbart war. "Knallen wir ihn ab und werfen ihn in den Pecos!"

Unter den anderen Männern entstand zustimmendes Gemurmel.

"Brodie hat recht, Boss!", meldete sich jemand anderes zu Wort.

"Ja, legen wir ihn um!"

Walton nickte und drehte sich um.

"Gut, Brodie, dann erschieß ihn!"

Der Mann, der sich Brodie nannte, kam ein paar Schritte näher, lud mit einer energischen Handbewegung das Winchester-Gewehr durch, das er in den Händen hielt und legte an.

Der am Boden liegende Jed drehte sich herum.

Er schluckte und sah in die blanke Gewehrmündung.

Das war es also!, dachte er. Er wusste, dass er nichts mehr tun konnte...

Brodies Finger am Abzug spannte sich, da durchschnitt eine energische Stimme die unheilvolle Stille.

"Halt, Brodie!"

Einer der Blauröcke trat an Brodie heran und griff ihm ins Gewehr. Er bog die Winchester nach oben, während der Schuss in den Sternenhimmel ging.

"Hutch! Was soll das?"

"Vielleicht kann er uns noch nützen!", sagte der Mann namens Hutch. Er war sehr großgewachsen und überragte Brodie um mindestens einen Fuß.

Walton hatte sich indessen wieder herumgewandt. Er lachte rau. "Nützen? Was meinst du damit, Hutch? Dieser Kerl wird die erste beste Gelegenheit nutzen, um uns an den Kragen zu gehen. Schließlich haben wir seine Leute erschossen..."

"Aber vielleicht kennt er eine Stelle, die besser geeignet ist, den Pecos zu überqueren, als die, die Sie sich ausgesucht haben, Mister Walton!"

Walton atmete tief durch.

Da war etwas dran.

Der Wasserstand des Pecos war höher als in anderen Jahren.

Da war nicht jede Furt noch verwendbar. Und wenn man es vermeiden konnte, dass bei der Flussüberquerung ein größerer Verlust entstand, lohnte es sich, darüber nachzudenken.

Waltons Augen wurden schmal. Dann nickte er.

"An welcher Stelle habt ihr eure Rinder sonst über den Pecos getrieben?"

Jed sah auf.

Und als er nicht sofort antwortete, packte einer der Kerle ihn brutal von hinten.

"Lasst ihn!", sagte Walton.

Jed atmete tief durch, dann stand er auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung.

"Kein vernünftiger Mensch würde eine Longhorn-Herde durch das Land zwischen Pecos und Rio Grande treiben!", versetzte Jed spöttisch. "Es wimmelt da nur so von Banditen. Und die Comanchen sollte man auch nicht vergessen..."

"Die lass mal unsere Sorge sein!", erwiderte Walton. "Was ist? Gibt es eine Stelle, die geeignet wäre?"

Jed nickte.

"Ja."

"Wo?"

"Südlich von hier gibt es eine Stelle, an der man es schaffen kann!"

"Du wirst uns die Stelle zeigen."

Jed lächelte dünn.

"Mir bleibt wohl kaum eine andere Wahl."

"Nein."



12

Die ersten Sonnenstrahlen krochen über den Horizont und Walton befahl den Aufbruch. Die Bande zog mit den Longhorns nach Süden, flussabwärts.

Jed O'Malley wurde mit auf dem Rücken gefesselten Händen in den Sattel gesetzt.

Einer der Kerle führte sein Pferd, ein anderer ritt mit durchgeladenem Gewehr neben ihm.

Außerdem befand sich auch Brodie in seiner Nähe. Und der machte keinen Hehl daraus, dass er den Gefangenen lieber früher als später tot sah.

"Wenn du versuchst, mit uns zu spielen, wird dir das übel bekommen!", sagte er drohend.

Aber er konnte Jed damit kaum Angst machen.

Schließlich wusste Jed nur zu gut, dass die Sache nach einer Möglichkeit, mit den Rindern über den Rio Pecos zu kommen, für ihn nur eine Art Aufschub bedeutete.

Sobald sie die Furt erreicht hatten, hatte Jed O'Malley für die Bande keinen Wert mehr.

Dann war er fällig.

Sie ritten schweigend. Die Sonne ging auf und es wurde rasch wärmer.

Die Männer waren zwar keine Cowboys, aber sie hatten die Herde dennoch einigermaßen unter Kontrolle. Pausen wurden nicht gemacht. Männern und Pferden wurde das äußerste abverlangt - und Jed konnte gut verstehen, weshalb sie es so eilig hatten.

Die Bande musste sehen, dass sie auf dem schnellsten Weg aus der Gegend kam. Dann konnten Waltons Leute in irgendeinem einsamen Canyon die Tiere zusammentreiben und die Brandzeichen so verändern, dass niemand Verdacht schöpfte. In El Paso würde sich schon ein Käufer dafür finden.

Es wurde Mittag.

Die Sonne stand im Zenit und brannte gnadenlos auf das karge Land hernieder. Die Luft war so heiß, dass sie zu flimmern begann und die Männer fluchten leise vor sich hin.

Walton wurde langsam ungeduldig.

Er lenkte seinen Gaul neben Jed und meinte: "Ist es noch weit,Hombre?"

"Ein paar Meilen noch."

"Sobald wir da sind, lassen wir dich laufen", versprach Walton.

Aber Jed wusste, dass das eine Lüge war, um ihm Mut zu machen. Allzu lange kann ich sie nicht mehr hinhalten!, ging es ihm durch den Kopf. Dann war seine Galgenfrist abgelaufen.

"An der Stelle macht der Fluss eine Biegung", berichtete Jed an Walton gewandt, der ihn mit Misstrauen zuhörte.

"Der Rio Pecos ist dort nicht sehr breit - und wenn wir Glück haben, auch nicht besonders tief."

"Okay..."

"Haben Sie schon mal eine Herde durch einen Fluss getrieben?"

Walton lachte.

"Glaubst du, das schaffen wir nicht?"

"Was ich glaube, spielt doch keine Rolle. Es ist nicht ganz einfach, das ist alles. Und wenn man keine Erfahrung hat, kann einem die halbe Herde verloren gehen!"

Walton lachte und klopfte sich dabei auf den rechten Schenkel. Dann sah er Jed mit blitzenden Augen an und meinte: "Du willst dich unentbehrlich machen, was?"

"Denk, was du willst, Walton!"

"Ich kann dir versichern, dass wir so etwas nicht zum ersten Mal machen. Nur in der Gegend hier, da kennen wir uns nicht so gut aus..."

"Und darum bin ich noch am Leben", stellte Jed fest.

Walton nickte.

Seine Stimme hatte einen eisigen Klang.

"Das kann sich jeden Augenblick ändern, Hombre! Vergiss das nicht! Und wenn deine Furt nicht bald auftaucht, dann werfen wir dich den Fischen im Rio Pecos zum Fraß vor!"

Jed O'Malley hielt dem Blick des falschen Majors stand und sagte dann düster: "Und du wirst eines Tages an den Galgen kommen für das, was du auf dem Kerbholz hast!"

Brodie und der andere Bewacher lachten dröhnend über diese Bemerkung.

"Hört euch den an!", meinte Brodie kopfschüttelnd. "Der hat wohl noch nicht genug Prügel bekommen, sonst würde er hier nicht so große Töne spucken!"

Nur Walton lachte nicht.

Sein eisgrauer Blick hatte sich in Jeds Augen gebohrt. Im Gesicht des Bandenchefs zuckte kurz ein Muskel. Es war ein Gesicht wie aus Stein gemeißelt.

"Wir werden sehen, Hombre!", zischte er dann, gab seinem Pferd die Sporen und ließ es voranpreschen.



13

Es dauerte noch fast zwei Stunden, ehe sie die Flussbiegung erreichten.

Walton ließ den Blick über die umliegenden Anhöhen und das ziemlich dicht bewachsene Land schweifen. Der Wind bog die Büsche nach Südwesten.

Auf dem Gesicht des Bandenführers erschien ein zufriedener Gesichtsausdruck, als er die Sandbank sah, die sich in der Flussmitte abzeichnete und an manchen Stellen sogar aus dem Wasser ragte.

"Hier werden wir sicher gut hinüberkommen!", war er überzeugt.

Die Männer lenkten die Herde zum Fluss und sammelten sie dort.

"Wir sollten eine Pause machen, Boss!", meinte Hutch, der zu Walton hingeritten kam. "Sowohl die Männer als auch die Tiere haben sie nötig!"

Walton überlegte einen Moment, dann nickte er.

"Wenn uns jemand auf den Fersen wäre, hätte man uns längst eingeholt!", war er überzeugt und stimmte daher zu.

Jed wusste,

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: (C) ALFRED BEKKER CASSIOPEIAPRESS
Bildmaterialien: Firuz Askin
Tag der Veröffentlichung: 01.11.2015
ISBN: 978-3-7396-2126-5

Alle Rechte vorbehalten

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